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Richard Rost
Das Ketzerdorf – Der Aufstieg des Inquisitors
Historischer Roman aus der Zeit der Reformation

Impressum
S. 19: Text »Freut euch des Herrn …« und S. 24: © EVERS, UTE: Das geistliche Lied der Schwenckfelder. (Tutzing, Schneider-Verlag 2007)
S. 83: Text und Übersetzung des »Sub tuum praesidium« stammen aus dem Osservatore Romano (Oktober 2018). Mit freundlicher Genehmigung des Schwabenverlags.
S. 96-97: Briefauszug und Gebet Caspar Schwenckfelds zitiert nach: Eberlein, Paul Gerhard »Caspar von Schwenckfeld, der schlesische Reformator und seine Botschaft«
(Metzingen, Ernst Franz Verlag, 1998)
Alle Angaben beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Daniel Abt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rafael_-_Retrato_de_um_Cardeal.jpg
und © Nielen de Klerk / shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-6708-0
Zitat
Piae gratias
Vorrede
Die Charaktere und Ereignisse dieses Romans sind fiktiv; Inquisition und »Hexen«-Verfolgung verbreiteten jedoch tatsächlich Schrecken und Leiden über Jahrhunderte, Kontinente und Weltanschauungen hinweg. Die historische Forschung zeigt, dass bislang wenige selbstkritische Stimmen bekannt sind. Bei den Dominikanern haben die Klostergemeinschaften Norddeutschlands im Jahr 2000 innerhalb ihrer Ordensprovinz klar Stellung bezogen für ihre Gegenwart und Zukunft:
»Deutsche Dominikaner waren nicht nur in die Inquisition verstrickt, sondern haben sich aktiv und umfangreich an ihr beteiligt. Historisch gesichert ist die Mitwirkung an bischöflichen Inquisitionen und an der römischen Inquisition. Unabhängig von den vielleicht manchmal nachvollziehbaren historischen Gründen für die Mitwirkung erkennen wir heute die verheerenden Folgen dieses Tuns unserer Brüder. Wir empfinden dies als ein dunkles und bedrückendes Kapitel unserer Geschichte. Dies gilt in gleicher Weise für die nachgewiesene Beteiligung des deutschen Dominikaners Heinrich Institoris an der Hexenverfolgung. Durch das Verfassen des ›Hexenhammers‹ unterstützte und förderte er die menschenverachtende Praxis der Hexenverfolgung. Folter, Verstümmelung und Tötung haben unendliches Leid über zahllose Menschen gebracht; deutsche Dominikaner haben dazu, neben anderen, die Voraussetzung geschaffen. Die Geschichte dieser Opfer – namenlos und vergessen – können wir nicht ungeschehen machen. Wiedergutmachung ist unmöglich. Uns bleibt die Verpflichtung zur Erinnerung.
Wir wissen, dass der Geist von Inquisition und Hexenverfolgung – Diskriminierung, Ausgrenzung und Vernichtung Andersdenkender – auch heute latent oder offen in Kirche und Gesellschaft, unter Christen und Nicht-Christen lebendig ist. Dem entgegenzutreten und sich für eine umfassende Respektierung der Rechte aller Menschen einzusetzen, ist unsere Verpflichtung, die wir Dominikaner den Opfern von Inquisition und Hexenverfolgung schulden. Das Provinzkapitel fordert alle Brüder unserer Provinz auf, unsere dominikanische Beteiligung an Inquisition und Hexenverfolgung zum Thema in Predigt und Verkündigung zu machen.«
*
Widmung
Für alle, die trotzdem glauben
Dramatis Personae
Caspar Schwenckfeld von Ossig*: Prediger, Reformator, Verfolgter
Johann Otto von Gemmingen*: Student, Kanoniker in Augsburg, Vikar
Erminio vom Berg : Dominikaner, Kardinalpriester, Inquisitor
Georg Mayer alias Agricola*: Prädikant, Streiter für Schwenckfeld
Anna Dorn*: Vollwaise, später in Leeder verheiratet
Agatha Streicher*: berühmte Ärztin in Ulm, Schwenckfelderin
Jacobus Rehlinger*: Augsburger Patrizier und Herr über Leeder
Emanuel Rehlinger*: sein Sohn, erbt das Gut
Raymund Rehlinger*: Pfaffenkind mit roten Haaren
Helena Rehlinger*: seine »Zwillingsschwester«
Karl: Kutscher der Rehlinger, weiß viel
Hieronymus Rehlinger*: Emanuels Onkel, Tuchhändler
Jakob III. Fugger, genannt Giacomo*: Student, Sohn Anton Fuggers
Oktavian Honold von Emmenhausen: Student, späterer Medicus, nie um eine Idee verlegen
Heinrich Lauber, genannt Rico: Student, Hitzkopf, Söldner mit Rachegelüsten
Ambrogio und sein Weib und Moglie : italienischer Bauer
Mona, Giovanna, Bella, Paola: Bademägde in katholischen Diensten
Francesco: Kastrat, dem das Singen vergangen ist
Don Alfonso: Oberhaupt einer fahrenden Gauklerfamilie
Ugo Boncompagni*: Professor, später Papst Gregor XIII.
Michele Ghislieri* : Dominikaner, Großinquisitor, Papst Pius V., Heiliger
Tiziana di Santa Fiora, auch Santafiora: Kurtisane, bei Geistlichen sehr beliebt
Paschalis: Kind der Kirche, hört alles und sagt nichts
Luigi Cornaro*: Kardinal, Camerlengo des Papstes, lüstern
Alessandro, genannt Ultimo: Zuhälter und Kardinalsanwärter
Dominikus Engelschalk*: Pfarrer, lebt zölibatär
Keggelbauer und sein Weib*
Huetter, Theo, Linder, Mesnerin, Hefflerin, Schmelzerin, Halblützerin: Marianische, beten viel und denken schlecht
Totengräber der Rehlinger: verkannter Philosoph, konfessionslos
Els von Ettringen*: angesehene Wahrsagerin und Kräuterkundige, keine Hexe
Gerhild Maierin: reiche Witwe, Opfer einer Intrige, hat das zweite Gesicht
Balthasar von Hornstein*: Hofrat, Hofmarschall
Christoph von Biberach*: Nachrichter, Henker, selbstkritisch
Gottl Blärsch: Wirt im »Raben« zu Kempten, skrupellos
Mit einem * gekennzeichnet sind historische Personen, deren Lebensläufe teilweise verwendet wurden. Alle anderen Personen sind frei erfunden und wurden nach bestem Wissen in den historischen Kontext eingearbeitet.
Prolog
Ulm, Unterstadt, am Vorabend zu Maria Magdalena1 1534
Tok … totok … totok, da war es wieder: das Klopfzeichen. Nino zuckte zusammen, obwohl es heute schon zum dritten Mal an die Tür pochte – er musste sich schnell in der Holztruhe verstecken, die dem Bett gegenüberstand. Als er nach dem Deckel griff, merkte er, dass er das Wichtigste für die nächste halbe Stunde vergessen hatte. Er rannte zum Bett zurück, langte unter das Kopfkissen und holte ein rotes Tuch hervor. Sofort war er wieder an der Truhe, hob den Deckel, sprang hinein und ließ ihn zufallen.
»Wenn du da drin nicht mucksmäuschenstill bist, setzt es Schläge«, hatte Mama gedroht. Nino presste sich das rote Tuch vor den Mund, um ja keinen Laut von sich zu geben. Die Truhe war gerade so lang, dass er sich hinlegen konnte.
Irgendwann hatte er aufgehört, durch die Luftlöcher das immer gleiche Schauspiel zu beobachten: Mama kam mit einem fremden Mann herein. Der Mann legte ein Geldstück auf den Tisch. Mama hob ihre Röcke und ließ sich darunter anfassen. Es machte ihr Spaß, denn sie lachte. Auch der Mann lachte und stöhnte. Dann ließ er die Hosen herunter und sie legten sich auf das Bett. Was dort passierte, konnte er durch die Luftlöcher nicht sehen. Er hörte jedoch ihre Laute. Die Schreie von Mama fand er jedes Mal widerwärtig.
Vater hätte das sicher nicht erlaubt. Der war Richter und kämpfte gegen das Böse und Schlechte. Aber Vater war seit seinem fünften Geburtstag verschwunden und hatte ihn und Mama zurückgelassen. Zuerst hatte seine Mutter geglaubt, dass er nur auf Reisen sei, doch er war bis heute nicht zurückgekommen. Seine Mutter erzählte überall, dass er ermordet worden sei, vielleicht von einem der üblen Burschen, die er in den Kerker gebracht hatte. Sie hatten jedenfalls die schöne große Wohnung am Münsterplatz verlassen müssen und lebten nun in diesem kleinen Dachzimmer im Gerberviertel, wo es im Winter bitterkalt war. Jetzt, im Sommer, war es unausstehlich heiß. Die toten Tierhäute an der Blau mussten trocknen, sie stanken so übel, dass man kaum atmen konnte. An so schwülen Tagen wie heute dachte Nino nur daran, schnell wieder aus der Kiste zu kommen.
»Oh, Wiga!« Der Ausruf holte ihn abrupt aus seinen Gedanken. Nie zuvor hatte er von irgendeinem der Männer den Namen seiner Mutter gehört. Das war kein Fremder. Diese Stimme kannte er. Schnell lugte er durch die Luftlöcher.
Das war der Pfarrer, der immer so lange von der Kanzel sprach und bei dem Mama jede Woche in dem großen Wandschrank kniete, um ihm ihre Sünden zu beichten. Nun stand dieser Mann nackt hier im Zimmer, war freundlich und zärtlich zu ihr – und sie zu ihm. Seine Mutter zog sich langsam aus und fiel diesem Mann um den Hals. Das hatte sie früher nur bei Vater gemacht. Der Mann legte auch kein Geldstück auf den Tisch, sondern schenkte ihr ein kleines Kästchen, über das sie sich offenbar sehr freute. Was anschließend im Bett passierte, das Nino normalerweise mit seiner Mutter teilte, konnte er wieder nicht sehen. Zuerst hörte er Stöhnen, dann lange Zeit Stille und schließlich die Stimme, die er von der Kanzel kannte: »Martinus, ich danke dir!«
»Wen meinst du?«
»Meinen werten Herrn Collega aus Wittenberg.«
»Erklär dich deutlicher.«
»Dem Luther hab ich recht eigentlich die Freuden mit dir zu verdanken. Denk nach, Wiga. Ohne den großen Reformator wäre dein Mann nie Protestant geworden, dich hätte dein unkeuscher Broterwerb nie in meinen Beichtstuhl getrieben, und ich wäre nie in deinem Bett zu solchen Freuden gekommen.«
»Aber dass jetzt die heilige Messe in Ulm verboten ist, kümmert dich wohl überhaupt nicht, Mann Gottes?«, fragte seine Mutter und lachte.
»Dein warmer Leib ist mir lieber.«
»Sacrilegium!«
»Nicht unter diesen gottlosen Umständen! Lass uns diesen ruchlosen Ort verlassen, wo Calvinisten, Lutheraner und Schwenckfelder die Luft verpesten. Komm mit mir dahin, wo uns niemand kennt und die Leute noch den wahren Glauben leben. Keine Einwände! Ich richte dir in der Nähe meiner neuen Gemeinde eine Unterkunft ein. Du wirst dieses Loch schnell vergessen.«
»Aber ich bin eine verheiratete Frau, Herr Pfarrer!«
»Erstens ist dein Mann Protestant geworden, eine solche Ehe kann man gar nicht brechen, weil dieses Sakrament nicht mehr gültig ist. Und zweitens ist der schöne Herr Richter mit einer Lutherischen gesehen worden. Von dem hast du nichts zu erwarten.«
Nach einer Pause flüsterte er: »Und was ist mit …?« Seine Stimme war kaum hörbar.
Nino wusste sofort, dass es um ihn ging.
»Er ist bei einer Nachbarin«, log seine Mutter.
Am liebsten hätte er gegen die Truhe geschlagen. Wenn er log, setzte es Hiebe.
»Für die Frucht deines Leibes wird die Mutter Kirche sorgen. Wenn du ihn wirklich loswerden willst, dann steht ihm eine glänzende Zukunft bevor.«
»Ich verstehe nicht.«
»Wenn du dich mir ganz und gar anvertraust, sorge ich dafür, dass er in strenger Zucht zu einem keuschen Mitglied der katholischen Kirche erzogen wird. Du kannst Gott kein größeres Geschenk machen als deinen Sohn. Das wäre der Ablass für all deine Sünden, meine Schöne! Die du bereits begangen hast und die da hoffentlich noch kommen werden!« Er lachte und erhob sich.
»Aber er ist doch noch so klein!«
»Er muss weg, je schneller, desto besser!«
Stämmige Beine näherten sich der Truhe. Nino presste sich ängstlich auf den Boden. Der Deckel ächzte unter dem Gewicht des Pfarrers und in Ninos Ohren dröhnte es, als der Mann mit der Faust auf die Truhe schlug und ein weiteres Lachen ausstieß.
»Ein Kind zu Gottes Ehren und unserer Lust! Am Ende bringt dein Balg es vielleicht sogar noch zum Bischof oder Kardinal und ich beichte ihm mein eigenes unkeusches Leben. Ist das nicht eine herrliche, eine geradezu göttliche Schnurrpfeiferei?«
Im nächsten Moment war der Pfarrer zurück im Bett. Das Stöhnen drang nicht durch Ninos Gedanken, die immer quälender wurden:
Warum? Warum, Mutter? Er war doch ganz still geblieben, hatte sich nicht gerührt. Sie wollte ihn nicht mehr bei sich haben. Er war doch immer lieb zu ihr gewesen, hatte sich ganz klein gemacht. Er hatte nichts falsch gemacht und sie trotzdem verloren. Es hatte keinen Sinn, lieb zu sein. Mama würde mit dem Mann von der Kanzel gehen und ihn alleinlassen – so wie sein Vater. Er nahm das rote Tuch, vergrub sein Gesicht darin; alles in ihm und um ihn wurde finster.
*
Ulm, Oberstadt, 21. Juli 1534
Tok … totok … totok, der schwere Eisenring mit der Schlange des Asklepios schlug auf die Metallplatte. Georg stand vor Taddäus Streichers Haus und wartete. Klopfzeichen und Losungswort hatte ihm ein Kommilitone anvertraut. Die Sonne war bereits hinter dem Münster verschwunden und die Straßen Ulms leerten sich allmählich.
Was für ein kluges Versteck sich diese Schwenckfelder gewählt haben, dachte er und lächelte. Das Haus eines Arztes können einzelne, ja sogar kleine Gruppen von Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit unauffällig aufsuchen.
Ganz wohl war ihm nicht beim Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft, schließlich gehörte er nicht zu den Anhängern dieser Gemeinschaft. Vielleicht würden sie ihn als Katholiken gar nicht einlassen? Andererseits würde er nur dann Antworten auf das erhalten, was ihn innerlich seit Langem umtrieb, wenn er neue Wege ging.
Solange er denken konnte, hatte er einen Riss gefühlt. Erst in der eigenen Familie, später in seiner Gemeinde, und je mehr er seinen Horizont erweiterte, desto tiefer und schmerzlicher empfand er ihn. Er konnte und wollte sich nicht damit abfinden, dass Menschen, die sich auf Christus beriefen, sich um Gottes willen bekriegten. Der absurde Wahnsinn darin hatte ihn schwindlig gemacht, als sein damals kindlicher Geist sich um diesen Punkt gedreht hatte. Die eigentliche Botschaft der Bibel war zur Nebensächlichkeit geraten. Georg kannte die Worte Jesu und die Forderung, ein Friedensreich zu bauen: Und dieses Friedensreich muss zuerst im Inneren der Menschen Gestalt annehmen, bevor es auch im Äußeren wächst. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
Das, was Georg von den Kanzeln entgegengeschleudert wurde, waren nicht die Worte Jesu, sondern Angriffe und gegenseitige Schuldzuweisungen der Vertreter beider Kirchen. Wenn er für sich die Worte Jesu las, fühlte er sich Gott nahe, doch andere wollten sich als Vermittler zwischen ihn und den Herrn schieben. Warum sollte ein Mensch nicht selbst mit seinem Schöpfer in Kontakt treten können? Protestanten kämen ohne diese Vermittler aus, jedenfalls hatte man ihm das erzählt. Aber er wollte sich selbst ein Bild machen.
Was hatte er nicht alles auf sich genommen, um die berühmtesten Prediger des Landes zu hören, in Augsburg Michael Cellarius und in Mainz den Domprediger Johann Wild. Beide hatten ihn enttäuscht, denn eines war ihnen gemeinsam: Sie waren Eiferer, die neben sich nichts gelten ließen. Der Katholik verdammte jede Meinung, die nur um Haaresbreite von den Dogmen abwich, gab Juden, Türken und Hexen die Schuld am Zerfall der Kirche, und der Protestant rief dazu auf, Bauern abzuschlachten, die sich mit Bezug auf das Evangelium aus der Leibeigenschaft befreien wollten. Wo wurde denn Jesu Wort tagtäglich gelebt? In den Klöstern? Im Vatikan? Um Gottes willen! Fast hätte er laut gelacht, dass er sich über die Eiferer ereiferte.
Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen! Ja, der Glaube, es ging nicht mehr um den Glauben, sondern um die Macht und den Anspruch, den einzig wahren Glauben zu besitzen.
Irgendwann hatte er von ihm gehört, diesem Schwenckfelder. Man sagte ihm nach, er ziehe wie Jesus ohne Besitz durch die Lande, wohne bei Freunden und berufe sich ausschließlich auf das Evangelium. Als Georg ihm nachforschen wollte, hatte er wenig über den schlesischen Prediger erfahren können, schon gar nichts Geschriebenes, obwohl ihm mit seinen fünfzehn Jahren endlich der Weg zu einem Studium offenstand und er Zugang zu Bibliotheken hatte. Erst in einem vertraulichen Gespräch hatte ihm ein Kommilitone den Weg zu dieser Tür gewiesen. Hinter der regte sich aber nichts. Vielleicht hatte man sein Klopfen nicht gehört. Er nahm den Eisenring und schlug ihn noch einmal auf das Metall.
Die Tür wurde diesmal einen Spaltbreit geöffnet. »Wach auf, mein Seel!«, meldete sich eine freundliche Stimme.
Nach einigen Augenblicken begriff er, dass seine Antwort erwartet wurde. »Lobpreise – nein – lobsinge seinen Namen! Ich bin Georg Mayer und möchte zum Meister vorgelassen werden.«
»Na, dann kommt herein, aber seid leise. Der Meister spricht bereits.« Eine junge Bedienstete öffnete ihm die Tür.
Ehrfürchtig betrat Georg das Haus des berühmten Arztes. Das Mädchen führte ihn durch etliche Gänge und über mehrere Treppen hinunter ins Kellergeschoss. Modriger Geruch zog ihm in die Nase, und er verdrängte das aufkommende Gefühl, etwas Unerlaubtes zu tun.
Kurz darauf blieben sie vor einem schweren Vorhang stehen und er hörte zum ersten Mal die Stimme: durchdringend und gleichzeitig sanftmütig. Wie in einen unsichtbaren Sog geraten, wollte er nur noch den Menschen sehen, der so viel Wohlklang verbreitete.
Die Bedienstete legte den Zeigefinger auf ihren Mund und schob den Vorhang zurück. Alles, was Georg sah, war eine dichte Menschentraube, die den Prediger umgab wie ein Bienenvolk seine Königin.
»… Brüder und Schwestern im Herrn! Tragt das Reich Gottes in eurem Herzen und nicht vor euch her. Liturgie, Feierlichkeit, Messgewänder und Posaunenblasen von den Türmen mögen eure Liebe zu Gott zum Ausdruck bringen, aber auch die Liebe zu eurem Nächsten? Gottesliebe ist Nächstenliebe. Jesus spricht die Menschen an, wie sie sind: in ihrer Armut, ihrem Hunger, ihrer Trauer, ihrer Verfolgung. Und in Matthäus fünfundzwanzig hat er uns erklärt, was das heißt: Wer zu mir gehören will, der muss den Hunger bekämpfen, den Menschen zu trinken geben, den Obdachlosen eine Wohnung, Flüchtende aufnehmen, den Frierenden Kleider geben, Kranke pflegen und Gefangene besuchen. Vier Kirchen: Die päpstische, die lutherische, die zwinglische und die täuferische verfluchen sich untereinander, im Streit, welche nun die wahre Kirche Christi sei. Wir aber wollen niemanden verdammen und mit Petrus antworten, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern wer ihn fürchtet und ihm gehorcht, der ist ihm angenehm. Vor Gott werden diejenigen nicht ausgeschlossen und nicht verdammt sein, die im Gehorsam mit Christus leben und ihm nachfolgen. Wir haben hier keine bleibende Statt, darum lasst uns die zukünftige suchen. Jesus hat auf Plätzen, im Kreise seiner Freunde und auf dem Berg gepredigt: Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen.«
Georg hörte gebannt die Worte und es schien ihm, dass die Anwesenheit dieses Mannes den Saal in einen Ort der Erleuchtung, des Friedens und der Zuversicht verwandelte. Endlich ging es nicht um das Verdammen Andersdenkender. Ein Mensch, der wie Jesus die Liebe und den Frieden predigt und deshalb von der Amtskirche als gefährlich erachtet und verfolgt wird. Georg war so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht bemerkte, wie jemand ein Lied anstimmte.
»Freut euch des Herrn, ihr Christen all!
Ihr Frommen sollt Gott preisen
Ein neues Lied lasset erschall’n,
dankt ihm alle Weisen.
Von ganzem Herzen, ganzer Seel;
Preist ihn und macht der Freuden viel,
zu Lob und Ruhm dem Herrn.«
Die Schwenckfelder sangen voller Inbrunst.
Dass die Gemeinde sang, dazu noch auf Deutsch, war Georg völlig fremd. In seiner katholischen Kirche war die Gemeinde nur Zuschauer, Priester und Mönche sangen und zelebrierten. Aber wie doch ein gemeinsam gesungenes Lied in der Lage war, eine Gemeinschaft entstehen zu lassen, ergriff Georg in seinem Innersten.
Aufgeregte Stimmen vor einer Tür, die anscheinend einen weiteren Zugang zu dem Haus gewährte, holten ihn aus seiner Einkehr.
»Sie haben unseren Freund Melchior ins Gefängnis geworfen, sie machen Ernst, bald sind wir alle an der Reihe!«, rief ein völlig aufgelöster junger Mann und drängte sich an Georg vorbei durch die verstörte Menge.
»Lasst ihn durch!«
»Es ist einer von uns.«
»Der Himmel steh uns bei!«
Die Unruhe unter den Schwenckfeldern wurde größer und die Leute riefen wild durcheinander. Durch die Gasse, die sich um den Jungen gebildet hatte, sah Georg den Prediger zum ersten Mal. Er saß vollkommen ruhig da, in ein einfaches Gewand gekleidet, eher klein von Gestalt, mit einem Bart, der ihm bis an die Brust reichte. Caspar Schwenckfeld erhob sich, winkte den Jungen zu sich und streckte ihm die Arme entgegen. Als dieser die dargereichte Hand Caspars nahm, ging ein Aufschrei durch die Menge: Man hatte seine Finger zerquetscht, blutige Fetzen hingen herunter.
»Sie haben Melchior und mich gefoltert, seht meine Hände an! Meister, verzeiht mir, ich bin schwach geworden! Ich habe alles gestanden und Euch verraten. Es kann nicht lange dauern und sie stehen auch vor dieser Tür. Ihr müsst fliehen«, schluchzte der Junge.
Ein Tuscheln ging durch den Raum, aber scheinbar breitete sich keine Angst unter den Leuten aus. Georg bewunderte die Gelassenheit der Schwenckfelder.
»Bringt heißes Wasser, Wundsalbe und Binden!«, rief jemand, anscheinend war es der Hausherr.
Georg beobachtete, wie sich der Junge vor Caspar kniete und dieser ihm über das Haupt strich.
»Simon Petrus hat unseren Herrn dreimal verleugnet«, verkündete er unbeirrt. »Und trotzdem hat Jesus ihm den Auftrag erteilt: Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam!2 Petrus bleibt auch als Sünder der Fels der Kirche. Gott richtet nicht über ihn, obwohl er ihm das Bekenntnis verweigert hat. Simul iustus et peccator!3 Du hast keine Schuld auf dich geladen. Geh hin in Frieden und verkünde in Zukunft deinen Glauben. Mein Freund Taddäus wird deine Wunden behandeln!« Caspar Schwenckfeld segnete den Jungen, streifte sich das schlichte Holzkreuz über den Kopf und hängte es ihm um. Dann führte eine Bedienstete des Arztes den Jungen hinaus. »Möge Melchior standhaft bleiben im Glauben und Zeugnis ablegen, der Herr wird es ihm lohnen.«
»Gott stehe ihm bei!«
»Der Herr möge ihn befreien!«
»Gott segne ihn«, murmelte die Gemeinde durcheinander.
»Habt keine Angst vor den Menschen, die euch nach dem irdischen Leben trachten«, nahm Caspar erneut das Wort, als gäbe es keine Gefahr. »Bereitet euch auf das himmlische Leben vor, das in Ewigkeit währt. Wehret hingegen dem Bösen, das euer Seelenheil gefährdet. Geht in eure Häuser und lebt den Geist Gottes in eurem Inneren. Legt Zeugnis ab und verbreitet euren Glauben weiter an eure Kinder und Kindeskinder. Gehet, ihr seid entlassen. Amen.«
Georg war sich sicher, dass nur ein heiliger Mann so über den irdischen Dingen stehen konnte, wie Caspar Schwenckfeld es vermochte.
Schnell war der Prediger wieder von seinen Anhängern umringt und schüttelte die vielen Hände.
»Ich möchte auch den Propheten anschauen«, flüsterte ein kleines Mädchen mit langen blonden Zöpfen, zerrte an Georgs Wams und sah ihn flehend mit großen Kinderaugen an. »Kannst du mich nicht ein wenig hochheben, damit ich auch etwas sehe?«
»Na, dann komm!« Georg nahm die Kleine auf seine Schultern.
»Bist du ganz allein hier? Wie heißt du denn?«, fragte er, während sie sich an seinem Kopf festhielt.
»Ich bin Agatha, mein Vater ist ein Medicus und das ist unser Haus.«
»Dann bist du eine Streicherin und dein Vater Taddäus Streicher?«
»So ist es. Und wer bist du?«
»Ich bin Georg Mayer, Student und …« Weiter kam Georg nicht, denn die Kleine strampelte aufgeregt mit den Beinen gegen seine Brust.
»Lass mich schnell runter, der Prophet kommt und ich muss ihm die Hand geben, hat meine Mutter gesagt!« Die Kleine lief davon und er verlor sie aus den Augen. Georg wusste nicht, wie ihm geschah, plötzlich kam Caspar Schwenckfeld auf ihn zu, blieb direkt vor ihm stehen und sah ihn an. Er hatte nur zuhören wollen, jetzt fühlte er sich wie ein ertappter Eindringling. Doch in dem Moment, in dem ihn der Blick dieser gütigen und sanften Augen traf, wich das Gefühl von ihm und Georg war überwältigt. Die Zeit schien stillzustehen. Der Meister legte ihm seinen Arm auf die Schulter.
»Du bist auf der Suche«, sprach er, als könne er in Georgs Innerstes blicken. »Nur wer zweifelt, kann Gott wirklich nahekommen, denn der Weg zu ihm ist steinig und unwegsam.« Nun sah er Georg direkt in die Augen. »So sehr liebst du Gott? Du bist ohne Furcht und reinen Herzens, also hilf mir, mein Feld zu bestellen. Tu es Theophilus et Agricola.4« Ein Lächeln glitt über die Wangen Caspar Schwenckfelds.
Georg stand wie angewurzelt da, konnte nichts antworten. Eine Erleuchtung war über ihn gekommen. Er nahm gar nicht mehr wahr, wie er mit den anderen die steile Treppe hinaufging. Erst als er wieder hinaus in die abendliche Kühle trat, entglitt ihm ein tiefer Seufzer und er flüsterte: »Aber sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund!« Gott meint es ernst mit mir. Er hat mich zu diesem Prediger geführt. Jetzt gehöre ich innerlich zu ihm, wie all die anderen Zweifler, die vom Wittenberger Enttäuschten, die der Päpstlichen und deren Gefolgschaft Überdrüssigen sowie die Unschlüssigen und die religiös Heimatlosen. Aber wo wird meine Heimat sein?
Wache auff/ Meine
Seele/ klinge vnd ſchal-
le Muſica vnd Seiten Spiel/
Frühe wil ich auffwachen/ Deß
Herren Namen rühmen/ Vnd
des Abends wil ich frölich ſein.
Gott/ ich wil dir dancken vnter
den Völckern/ Jch wil dir Lob-
ſingen vnter den Leuten. Denn
deine Gütte erſtrecket ſich/ ſo
weit der Himmel iſt/ vnd deine
Warheit/ ſo weit die Wolcken
gehen. Der Herr hat groſſe
Ding an mir gethan/ der da
mächtig iſt/ vnd deß Nahme heylig iſt.
Aus »Gebete Caspar Schwenckfelds«
1 22. Juli
2 Du bist Petrus (der Fels), und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen!
3 Zugleich gerecht und Sünder!
4 Du bist Theophilus (ein Gottliebender) und Agricola (der Feldbesteller).
1
Kempten, drei Tage vor Sankt Josef5 1557
»Schaut, dass ihr heimkommt, versoffenes Pack!«
Anna Dorn schlug energisch die Tür zu und strich sich die schweißverklebten Strähnen aus dem Gesicht. Nachdem sie die letzten betrunkenen Gäste aus der Wirtsstube des »Raben« ins Freie verfrachtet hatte, kehrte sie in den Schankraum zurück, wo der alte Blärsch am Stammtisch schnarchte. Unter ihm hatte sich auf dem Boden, wie so oft, eine übel riechende Lache gebildet.
Anna versuchte, den Wirt noch immer mit Wohlwollen und Demut zu betrachten. Sie konnte sich gut daran erinnern, wie sie dem Alten vor Dankbarkeit um den Hals gefallen war, als er sie vor vier Jahren aus dem Waisenhaus geholt hatte. Damals hatte sie geglaubt, dass sie einen neuen Vater bekommen würde. Alle Kinder im Heim wünschten sich sehnlichst eine neue Familie. Aber dem Blärsch stand der Sinn nach etwas anderem. Freie Kost und Logis bei Mithilfe in der Wirtschaft hatte er der Schwester Oberin versprechen müssen und ihr einen schönen Batzen zugesteckt.
Kurze Zeit später war klar geworden, was er im Schilde führte. Manches Mal hatte er versucht, sich an ihr zu vergreifen, und nur weil die Blärschin Anna wegen ihrer Schreie zu Hilfe gekommen war, hatte er von ihr abgelassen. Wenn er am Abend betrunken war und sie lüstern anstarrte, versuchte sie, ihn möglichst auf Abstand zu halten. Sie hatte nur noch Abscheu für ihren vermeintlichen Retter übrig.
Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. Anna stand einige Augenblicke da und kämpfte mit sich und dem gestrigen Bibelwort. War dies eine von den zahlreichen Erniedrigungen, die ihr im Himmelreich vergolten würden? Unter dem alten Blärsch aufwischen und gleichzeitig an die himmlischen Freuden denken?
»Ach, Georg, du hast gut reden! Ich wüsste mir schon Freuden, aber halt irdische«, seufzte sie leise.
Georg, der Prediger der Sankt-Mang-Kirche, war ihr einziger Lichtblick und Rückhalt. Sie kannte ihn bereits aus dem Waisenhaus, wo er Lesen und Schreiben unterrichtete. Schließlich hatte er sie eingeladen, seine Bibelstunden zu besuchen. Er war eben ganz anders als die ungebildeten Wirtshausbrüder. Seine große, noble Erscheinung, die gütigen Augen und sein gepflegtes schulterlanges Haar hatten sie seit jeher beeindruckt.
Sie war neugierig und löcherte ihn mit Fragen, und er allein war es, der ihren Wissensdurst stillen konnte. Oft hatte er ihr von Caspar erzählt, seinem Meister, den er pries und verehrte. Er hatte sich in das katholische Kempten begeben, um dort die Menschen zurück zu den Ursprüngen des Christentums zu führen. Das Wort Gottes in seiner reinsten Form, ohne Beiwerk. Sie konnte es kaum erwarten, ihn sonntags nach dem Gottesdienst zu hören – und zu sehen. Es gab keine andere Gelegenheit, aus der Wirtschaft zu entkommen. Der alte Blärsch wachte eifersüchtig über jeden ihrer Schritte.
Als sie den Wirt jetzt hilflos in seinem Erbrochenen sitzen sah, konnte Anna nicht anders. Sie holte Kübel und Putzlappen und begann, auf allen vieren die Holzdielen zu wischen. Während sie ihm so nahe kam, dass sie seinen fauligen Atem riechen konnte, stieg der vertraute Ekel in ihr auf und die ganze Demut war beim Teufel. »Stinkender Widerling!«
Am liebsten hätte sie ihm die Brühe über den Kopf geschüttet, doch sie beherrschte sich, brachte den Kübel nach draußen, löschte alle Kerzen in der Stube und ließ den Alten weiterschnarchen. Dann hangelte sie sich erschöpft und müde die Treppen hoch in ihre Kammer. Sie wusch sich die Hände, öffnete ihre blonden Haare und setzte sich an das Tischchen. Liebevoll streichelte sie das Buch, das Georg ihr überlassen hatte: die »Confessio von der Erklärung und der Erkenntnis Christi«. Es war zu dunkel, um zu lesen, aber Anna freute sich allein daran, es zu fühlen. Das Buch war für sie ein Teil von Georg, es zeigte seine Zuneigung, vielleicht sogar seine Liebe. Sie faltete ihre Hände zum Gebet.
Das irdische Leiden öffnet euch die Tür zum ewigen Leben. Seid demütig und duldsam, das ist der Schlüssel für das Himmelreich. Immer wenn es unten in der Stube besonders schlimm war, kamen ihr die Worte Caspars in den Sinn, mit denen Georg versucht hatte, sie zu trösten.
»Lieber Gott, sei nachsichtig mit deiner Dienerin.« Aber muss denn mein Leiden so lang und so ekelerregend sein? »Erlöse mich von dem Übel, aber nicht mein Wille geschehe, sondern …« Anna schreckte auf. Es hörte sich an, als hätte jemand ein Steinchen an die Scheibe geworfen. Sie öffnete das Fenster.
»Wach auf, mein Seel!«, kam es geflüstert von unten.
»Lobsinge seinen Namen!«, antwortete sie freudig und augenblicklich war jede Müdigkeit von ihr gewichen. Sie lehnte sich aus dem Fenster. »Georg? Ist etwas passiert?«
»Anna, hör zu, ich muss fliehen.«
Sie wollte den Gedanken, dass Georg weggehen würde und sie hier in diesem elenden Loch veröden müsste, gar nicht zu Ende denken. Sie gehörte nun einmal dem Blärsch, und es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis er sie mit einem seiner versoffenen Stammtischbrüder verkuppelte. Ihr Entschluss fiel in Sekundenschnelle. Sie wandte sich dem schlichten Holzkreuz in ihrer Kammer zu. »Es ist göttlicher Wille! Du willst also, dass ich dieses Haus verlasse und mit deinem Prediger gehe!« Sie überlegte nicht mehr. »Georg«, rief sie in die Dunkelheit, »in Gottes Namen! Warte auf mich, bitte!« Anna zog ihren Kapuzenumhang über, nahm das Kreuz von der Wand, schnürte die wenige Wäsche, die sie besaß, zu einem Bündel und … Fast hätte sie das Wichtigste vergessen: das Buch. Sie nahm es, küsste es, schob es zwischen die Wäsche und stürmte aufgelöst die zwei Stockwerke hinunter, am Schankraum vorbei.
»Du wirst mich nie wieder anfassen, du mieses, ekelhaftes Dreckstück!«, zischte sie dem schnarchenden Blärsch als Abschiedsgruß in die Stube. Es tat ihr gut, diese Worte wenigstens einmal auszusprechen. Vorsichtig schob sie den Riegel zurück, was nicht ohne Geräusch vonstattenging, und lief in die Nacht hinaus.
»Georg«, flehte sie schon von Weitem und fiel ihm um den Hals, »bitte nimm mich mit, wohin du auch gehst. Ohne dich halt ich es hier nicht aus!«
»Anna, es ist nicht so einfach!«
Sie spürte, wie er sich aus ihrer Umarmung löste und sich seinem Pferd zuwandte. »Ganz ruhig, mein Brauner.« Der wiehernde Gaul, den es zu beruhigen galt, kam ihm anscheinend gerade recht. »Der neue Abt, Herr von Gravenegg-Burchberg, hat mich des Amtes enthoben, nachdem ich den ganzen Abend mit ihm gestritten hatte.« Seine Stimme klang besorgt. »Ich muss die Stadt noch vor dem Morgengrauen verlassen.«
Endlich erwiderte er ihre Umarmung und Anna genoss es.
»Ich habe es mir nach deiner Predigt am letzten Sonntag fast gedacht, als du die Gegenwart Gottes während der Wandlung infrage gestellt hast und daraufhin mehrere Ratsmitglieder unter Protest aus der Kirche gelaufen sind.«
»Sie verstehen uns hier nicht. Darum ist die Entscheidung des Pfaffen nur konsequent. Ich bin ab sofort ein Flüchtling, Anna. Du hast wenigstens ein Dach über dem Kopf.«
Anna wusste, dass er sie mit all ihren Habseligkeiten nicht stehen lassen würde und alles Gerede nur eine Ausflucht war.
»Die tägliche Unsicherheit, die Angst vor Verfolgung, Anna. Überlege es dir gut, ob du deine Heimat gegen das unstete Leben eines Prädikanten tauschen willst.«
»Da gibt es nichts zu überlegen, Georg. Ich gehe mit dir. Alles, was bisher mein Leben hier erträglich gemacht hat, würde ohne dich absterben. Du hast mich auf den richtigen Weg geführt. Frag dich doch, wie Caspar an deiner statt handeln würde? Ich kann nicht mehr zurück zu den Pfaffen mit ihrem Hokuspokus. Gott hat mir durch dich die Augen geöffnet. Lass uns da hingehen, wo wir unter Gleichgesinnten miteinander leben können.«
Während sie notdürftig ihre Haare zusammenband und ihr Bündel an einer der Satteltaschen befestigte, sah sie aus den Augenwinkeln Georg Mayer – den Prediger und Kämpfer vor dem Herrn, stattlich und eindrucksvoll, sonst nie um eine Antwort verlegen – wie zur Salzsäule erstarrt dastehen.
»Was ist mit dir, Georg? Hat es dir die Sprache verschlagen?«
»Ich weiß nicht, Anna …«
»Annaaaaaaa!«, klang es gellend aus der Gastwirtschaft und Anna zuckte zusammen. »Mach, dass d’reikommscht, aber weidle6!« Im nächsten Moment stand der alte Blärsch schwankend auf der Straße.
»Der Alte kommt, jetzt mach schnell!«, rief sie Georg zu.
Geistesgegenwärtig erkannte dieser die Situation, saß auf und zog Anna mit einem Ruck hinter sich auf das Pferd.
»Büttel, kruzitürkn, komm raus und hol mir dia Feel z’ruck, dia g’heart mir! Mein Lade kann i zuamacha, wenn des Luader die geile Böck nimma bediena duad«, lallte der Wirt, während Georg das Pferd antrieb.
»Lass se gau, Gottl!«, schrie die Blärschin aus dem geöffneten Schlafzimmerfenster. »Dia blond Hex hätt no viela Mannsbilder de Kopf verdräht!«
»Jetzt ist auch noch die Alte wach geworden«, rief Anna Georg ins Ohr.
Das Pferd trabte an und verlangsamte den Schritt erst kurz vor dem Illertor. Der Torwärter kam müde aus seinem Häuschen und ließ die beiden ungefragt passieren, zumal es ihm peinlich schien, im Schlaf erwischt worden zu sein.
»Halt dich gut an mir fest!«, mahnte Georg. Genau das wollte Anna hören. »Wir wollen die Stadt schnell hinter uns bringen, und wer weiß, ob die Stammtischbrüder vom alten Blärsch nicht versuchen, dich zurückzuholen.«
Anna legte vertrauensvoll ihren Kopf an seine Schulter und klammerte sich mit beiden Händen fest an ihn. Georg trieb das Pferd im Galopp in Richtung Norden.
»Machen wir uns jetzt auf die Suche nach Caspar?«, fragte sie.
»Ich brauche irgendwo eine Anstellung, nur mit dem Verfassen von disputationes kann ich nicht überleben. Aber vielleicht können wir das eine mit dem anderen in Verbindung bringen. Bei den Katholischen werde ich keinen Fuß mehr in die Tür setzen, das ist vorbei! Ich wollte eigentlich in die Reichsstadt Isny, wo Caspar eine treue Gemeinde hat, aber lass uns lieber gleich nach Ulm reiten, dort ist alles protestantisch. Da weiß man am besten, wo ich als Prediger oder Lehrer gebraucht werde.«
»Egal, wohin du mich bringst, Georg, bei dir fühle ich mich geborgen.«
»Also dann auf nach Ulm. Vielleicht bekommen wir dort Hinweise, wo sich der Meister aufhält.«
Mit ihrem Retter hinaus in die Freiheit, weg vom Mief und Dreck und der drohenden Verkuppelung! Anna hätte die ganze Welt umarmen können, und das zeigte sie Georg. Sie genoss es, eng an ihn geschmiegt hinter ihm zu sitzen und seinen Herzschlag zu fühlen. Sie war glücklich. Das fahle Mondlicht beleuchtete die Straßen. Als sie fast eine Stunde durch die kalte Nacht geritten waren, verlangsamte Georg die Geschwindigkeit und hielt an einem Heuschober an.
»Lass uns hier ein paar Stunden ausruhen«, schlug er vor. Im nächsten Moment war er abgestiegen und half Anna vom Pferd. Frierend folgte sie ihm zum Stadel. Im Inneren war es stockdunkel. Dennoch bemerkte sie, dass Georg zwei getrennte Lager aus Stroh vorbereitete.
»Kann ich heute Nacht nicht neben dir liegen, Georg? Mir ist so kalt. Wir gehören doch jetzt zusammen, werden beide verfolgt.« Anna versuchte, im Dunkeln Georgs Hände zu greifen.
Ohne auf ihr Anliegen einzugehen, legte sich Georg in sein Stroh.
»Wer der Kirche Christi angehören will, muss mit Verfolgung rechnen; dies ist ein konstituierender Faktor des Christenlebens. Je mehr einer Christus in sich aufnimmt, umso mehr wird er verfolgt.«
Anna war enttäuscht. »Ich weiß, Georg, aber du brauchst heute nicht mehr zu predigen! Mach etwas für mich, denn mich friert.«
Als wieder keine Antwort kam, stand sie auf, streifte trotz der Kälte ihre Kleider ab, nahm energisch ihre Decke und legte sich an seine Seite.
Georg machte weder Platz, noch wehrte er sich, er flüchtete sich in das, was er am besten beherrschte: in seine Sprache.
»Die katholische Kirche hat sich weit von der Urkirche entfernt, sie baut auf Macht und auf das alte Fleisch und nicht auf den Geist und das Gewissen. Die äußerlichen Zeichen unserer Kirche sind nicht großartige Gebäude, sondern Geduld, Liebe, Frieden, Gottesfurcht, Erkenntnis Christi und gottseliger Wandel. Das Haus Gottes, in dem ich gepredigt habe, ist nur ein Versammlungsraum und nicht meine Heimat. Jeder wahre Christ muss seinen Körper und seine Seele so bereiten, dass Gott darin ein Zuhause …«
»Ach, Georg, wenn du nur ein wenig mehr an das irdische Zuhause denken könntest«, nörgelte Anna, drehte sich einmal um die eigene Achse und lag nun direkt neben ihm. Sie schmiegte sich an ihn, nahm seine Hand, zog sie unter die Decke auf ihre nackte Haut und führte sie von ihren weichen Brüsten bis hinunter zwischen ihre Beine. Georg versuchte verzweifelt, mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten abzulenken und sich so ihrem Begehren zu widersetzen.
»In Ulm gibt es ein Haus unserer Gemeinde, von wo die Ärztin Agatha Streicher Nachrichten und Botschaften verteilt. Sie steht in regem Briefkontakt mit Caspar, wenn du möchtest, gehen wir …«
Weiter kam er nicht; Anna hatte von seinem Mund Besitz ergriffen und ihn mit einem alles vergessen machenden Kuss zum Schweigen gebracht. Sie ließ ihm keine Möglichkeit, sich zu wehren. Anna öffnete ihm mit flinker Hand die Hose und ergriff den Teil seines Körpers, für den sie noch keinen Namen hatte. Sie kannte nur das, was sie an schamlosen Übertreibungen in der Wirtsstube des alten Blärsch aufgeschnappt hatte.
Es bedurfte keines Namens und Georg ließ es geschehen. Ihre Körper fanden so zueinander, wie sie es sich in ihren Träumen immer vorgestellt hatte. Sie war es, die ihn dahin führte, wohin ihre unbändige Lust es gebot und wo er sehnlichst erwartet wurde. Sie wiegten sich in einen Rausch des Gebens und Nehmens, der sich stetig steigerte. Immer kürzer wurde ihr Atem, immer lauter ihr Stöhnen, bis Georg mit einem unterdrückten Aufschrei an ihre Seite glitt. Erschöpft und glücklich sanken sie fest umschlungen in einen gemeinsamen tiefen Schlaf.
Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen in den Heuschober, und das Pferd, das in der Ecke angebunden war, scharrte ungeduldig mit den Hufen. Anna beobachtete, wie Georg aufstand, sich anzog, das Pferd sattelte und hinausführte. Sie fühlte sich trotz der Kälte wie neugeboren.
Als Georg sah, dass sie sich streckte und rekelte, kam er auf sie zu. »Ich hätte es nicht tun dürfen. Wir sind nicht verheiratet. Du warst noch Jungfrau. Ich habe mich an dir versündigt und deine Zukunft zerstört. Ich habe einen großen Fehler gemacht, Anna, es tut mir unendlich leid.« Georg ging vor ihr auf die Knie.
»Guten Morgen, Liebster«, flüsterte Anna mit einem breiten Lächeln, als hätte sie seine Worte nicht gehört.
»Ich weiß, dass du niemals heiraten wirst und dein Leben ganz und gar Gott geweiht hast, aber heute Nacht hast du mir etwas gegeben, das ich von keinem Mann hätte lieber empfangen mögen als von dir, nämlich eine richtige Frau zu werden.« Sie sprang hoch und umarmte ihn so wild, dass er ihr nicht ausweichen konnte.
»Anna, ich habe mich heute Nacht gehen lassen, die Wollust hat sich meiner bemächtigt, und ich schäme mich für meine Unbeherrschtheit. Verzeih mir, bitte!« Georg flüsterte diese Worte in ihr Ohr und drückte ihren Kopf fest an seinen Mund.
»Wie kannst du nur eine Sekunde von dem bereuen, was wir beide heute Nacht gemeinsam erleben durften, Georg? Hast du mir nicht ständig gepredigt, dass nichts Schlechtes sei an der Verbindung zwischen Mann und Frau, dass das Wesen der göttlichen Liebe auch die körperliche mit einschließe?«, erwiderte Anna und biss ihm ins Ohrläppchen.
»Wenn ich Caspar irgendwann mal treffe, werde ich ihn fragen, ob du unrecht getan hast, indem du mir eine himmlische Nacht bereitet hast. Quält es dich denn so, dass du nicht mehr zur Beichte gehen kannst wie deine katholischen Mitgeistlichen, die nach einer solchen Untat, oder wie du es nennen magst, sich bei ihrem Beichtvater das ego te absolvo7 abholen? Ist es das, was du vermisst? Willst du dir von einem Pfaffen die Absolution erteilen lassen?« Georg war ins Stroh gesunken und saß da wie ein Häufchen Elend. Es fiel ihm sichtlich schwer zu antworten.
»Ich liebe dich, Anna, das ist es! Aber ich kann dir keine Zukunft geben, ich bin Prediger. Ich weiß, wie sehr du dich nach einem festen Dach über dem Kopf sehnst, nach einer Familie, nach Kindern.«
»Lass das meine Sorge sein, Georg, du hast mir keine Gewalt angetan, bring das endlich aus deinen Gedanken. Ich werde dich nicht der Vergewaltigung anklagen. Es soll dir erspart bleiben, drei Sonntage lang im Büßergewand mit einer Kerze während des Gottesdienstes draußen vor der Kirche stehen zu müssen.« Anna lachte, denn diese Szene hatte sie oft genug in Kempten miterlebt.
Georg sah darüber wenig erheitert aus. »Sollte ich einen Mann finden, der mit mir ein gemeinsames Leben führen möchte, werde ich ihm von unserer Nacht erzählen, und wenn das für ihn ein Grund wäre, mich zu verstoßen, wäre er eben nicht der richtige«, stellte Anna abschließend fest.
Sie suchte ihre Kleider zusammen, zog sich an, warf den Mantel über, marschierte hinaus und setzte sich mit verschränkten Armen auf das Pferd. Georg sagte nichts mehr; es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich selbst zu ihr auf den Pferderücken zu schwingen und sich dem Herrn zu empfehlen. Anna lehnte ihren Kopf an seine Schulter, und während Georg halblaut im Rhythmus der Hufe um Vergebung seiner Sünde betete, genoss Anna den Morgen; sie fühlte sich gut, freute sich über die neue Freiheit und hatte keinerlei Mitleid mit ihrem Georg.
5 19. März
6 Allgäuerisch: schnell.
7 Ich spreche dich frei.
2
Ulm, 20. März 1557
Vier Tage waren sie unterwegs gewesen. In Memmingen und Dettingen hatten sie züchtig in Herbergen übernachtet. Anna spürte, dass Georg sich immer noch schwere Vorwürfe machte. Sie zeigte ihm ihre Nähe, indem sie ihn stets fest umarmte, wenn sie wieder hinter ihm auf dem Pferderücken saß. Seine Gedanken wollte sie jedoch nicht stören. An diesem Tag hatten sie so gut wie nichts miteinander gesprochen. Sie waren die Letzten, denen am Memminger Tor noch Einlass nach Ulm gewährt wurde. Kaum eine Menschenseele war zu sehen, als sie den braven Gaul über die Donaubrücke in die Stadt führten.
»Glaubst du denn, dass wir Caspar treffen werden?« Anna war müde und erschöpft, alle Knochen taten ihr weh. Nie zuvor in ihrem Leben war sie auf einem Pferd gesessen und jetzt ritt sie schon tagelang.
»Agatha Streicher weiß eigentlich immer, wo er sich aufhält. Ihr Haus befindet sich in der Langen Gasse, ganz nah am Münsterplatz. Ich war fünfzehn, als ich bei ihrem Vater zum ersten Mal Caspar gehört habe. Er hat mir den Weg gewiesen, dem ich heute noch folge.«
»Ich kann kaum laufen, Georg«, seufzte Anna. »Ich sehne mich nach einem Bett, aber die Nacht mit dir im Heustadel werde ich nie vergessen.«
Georg tat so, als hätte er es nicht gehört. »Agatha wird uns sicher Quartier gewähren.«
»Was macht denn diese Agatha so besonders?«
»Sie hat sich von ihrem Vater ein ungeheures Wissen erworben, obwohl sie nie an einer Universität war, und sie ist ein Engel. Sie hilft den Leuten, die von weit her zu ihr kommen«, er senkte die Stimme zu einem Flüstern, »und lebt das Schwenckfeldertum. Bei ihr ist das Zentrum der Gemeinde. Agatha steht seit vielen Jahren mit Caspar in Verbindung, der selbst immer wieder in ihrem Haus Gast ist.« Inzwischen waren sie vor dem Haus in der Langen Gasse angekommen.
»Ich hoffe«, sagte Anna, »dass sie uns weiterhelfen kann.«
»In Gottes Namen, so lass es uns versuchen.« Georg klopfte mit dem schweren Eisenring an die Tür. Gleich darauf öffnete sich ein Fenster.
»Wach auf, mein Seel!«, rief er hinauf.
»Lobsinge seinen Namen«, klang es verschlafen von oben. »Wer klopft denn um diese Zeit noch an?«
»Gnade und Friede im Herrn, Schwester. Ich bin Georg Mayer, Agathen bin ich sehr wohl bekannt. Das ist Jungfer Anna Dorn aus Kempten, wir sind seit vier Tagen auf der Flucht und bitten für eine Nacht um Quartier.«
Anna konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
»Stellt das Pferd hinten in den Stall, der Knecht wird es versorgen. Wartet dort, ich komme hinunter!«
Georg bedankte sich und führte das Pferd in den hinteren Teil des herrschaftlichen Hauses, wo durch einen Bretterverschlag Licht schimmerte.
»Ich bin dir so dankbar, Georg, dass du mich mitgenommen hast.« Anna band ihr Bündel von den Satteltaschen los, während Georg das Pferd dem Knecht übergab, der mit qualmender Pfeife aus seinem Verschlag getreten war. Die Frau, die sie an den Stallknecht verwiesen hatte, kam auf sie zu und bat sie ins Haus. Sie trug einfache Kleidung und war vermutlich die Magd.
»Die Herrschaft will am Abend nicht gestört werden und wird euch morgen früh empfangen. Ich habe euch etwas zu essen hergerichtet.«
Mit einer Laterne und zwei Holztellern voller Speck, Wurst und Brot begleitete die Magd sie in das oberste Stockwerk des Hauses, wo in zwei nebeneinanderliegenden Zimmern Betten bereitstanden.
Georg verabschiedete sich mit einer heftigen, aber betont kurzen Umarmung von Anna. Für sie fühlte es sich an, als wolle er sie sich vom Hals halten, sie war allerdings zu erschöpft, um länger darüber zu grübeln. Ihr ganzer Körper schmerzte, mehr aber tat es ihr in der Seele weh. Sie hatte sich das Ende des heutigen Tages etwas anders vorgestellt. Sie hatte wenigstens einmal noch eine Nacht mit ihm verbringen wollen, dieses Gefühl des Verschmelzens ein zweites Mal erleben oder zumindest neben ihm einschlafen, dem Mann, den sie bewunderte und verehrte, der sie aus den Zwängen des Sklavendaseins befreit hatte und ihr eine neue Perspektive geben würde. Sie seufzte und wandte sich schließlich ihrem Essen zu. Kurz darauf fiel sie gesättigt ins Bett, dachte sehnsüchtig an Georg und inmitten dieser Gedanken fielen ihr die Augen zu.
»Der Friede sei mit euch, seid willkommen in meinem Haus, das allen unseren Brüdern und Schwestern, die guten Willens sind, offen steht. Georg, wie schön, dich wiederzusehen.« Agatha Streicher umarmte Georg und begrüßte Anna ebenso herzlich.
»Lasst uns in die gute Stube gehen. Susanna, ihr habt sie gestern bereits kennengelernt, hat euch die Milchsuppe hergerichtet.« Sie betraten das Kaminzimmer und setzten sich an den riesigen Eichentisch, der vielen Gästen Platz bot.
»Erzähl, wie geht es dir, und was verschafft mir die Ehre eures Besuchs?«, wandte die Hausherrin sich an Georg, nachdem Susanna heißen Tee eingeschenkt hatte.
»Du weißt, Agatha, dass ich vieles unter meinem Pseudonym für Caspar verfasst habe. Seit vier Tagen bin ich ohne Anstellung, weil mich der neue Abt in Kempten nicht mehr ertragen konnte. Jungfer Anna Dorn hat sich mir angeschlossen. Sie denkt und lebt in unserem Geiste und ist auf der Flucht vor einem skrupellosen Wirt, von dem sie ausgebeutet wurde. Wir hoffen, dass du uns Caspars Aufenthaltsort nennen kannst. Es ist unser gemeinsames Ziel, dem Meister nah zu sein.«
Anna lächelte Georg zu, hoffte aber vergebens auf einen Blick der Zuneigung.
»Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, war, dass der Meister sich bei den Augsburger Rehlingern in Pilgerhausen8 auf einem der Einödhöfe versteckt hält. Ich werde einen Brief an Jacobus verfassen und euren Besuch anmelden.« Anna dachte an ihre nach wie vor schmerzenden Knochen und sah Georg auffordernd an. Er hatte ihren Blick offenbar verstanden.
»Wir sind dir zu großem Dank verpflichtet, Agatha. Wenn du erlaubst, würden wir uns gerne einen weiteren Tag erholen, bevor wir die lange Reise antreten.«
Agatha Streicher lachte. »Bleibt, so lange es euch gefällt, und seht euch in Ulm ein wenig um, bevor ihr dort oben in den Wäldern mit Füchsen und Bären hausen werdet. Unsere Stadt hat einiges zu bieten.«
8 Von Schwenckfeldern verwendetes Synonym für Leeder.
3
Leeder, 24. März 1557
Sie waren noch mehr als eine Wegstunde von Pilgerhausen entfernt, als ihnen bereits der rote Backsteinturm am Horizont die Richtung wies. Sie konnten den Ort nicht verfehlen.
»Unauffälliger hätte sich Caspar gar nicht verstecken können. In einem Ort mit so einem riesigen Kirchturm vermutet niemand Protestanten, und erst recht keine Schwenckfelder.« Seit sie am Spöttinger Ballenhaus vorbeigekommen waren, ging Georg zu Fuß neben dem Pferd her, während Anna im Sattel saß.
»Ich kann mich ja um deinen Haushalt kümmern. Wenn du dort eine Stelle als Prediger und Schulmeister bekommst, wird dir bestimmt auch eine Wohnung zugestanden.« Anna hatte sich bisher nicht mit Georgs Zurückweisung abgefunden.
»Das schlag dir aus dem Kopf, Anna! Das Konkubinat ist kein Weg für uns beide. Nur der gemeinsame Glaube wird uns für immer verbinden. Auf so einem Gut gibt es zahllose Möglichkeiten, sich nützlich zu machen, und jemand, der wie du keine Arbeit scheut, findet sicherlich etwas. Jacobus Rehlinger ist ein reicher Kaufmann, der in Augsburg sein Bürgerrecht aufgegeben hat, um sich dort oben in Leeder unbehelligt den Schriften Caspars widmen zu können. Er leistet sich wahrscheinlich ein großzügiges Gesindehaus.«
Anna verbarg ihre Enttäuschung und schwieg. Am späten Nachmittag trafen sie endlich ein. Sie hatte ein ungutes Gefühl, als das mächtige Schloss unterhalb der Kirche auftauchte.
Anscheinend wurden sie erwartet.
»Wach auf, mein Seel!«, rief ihnen ein Mann in schwarzem Talar freudig entgegen.
»Lobsinge seinen Namen«, antworteten Georg und Anna gleichzeitig, bevor sie das Tor erreichten.
»Das muss Jacobus sein«, erklärte Georg.
»Der Friede des Herrn sei mit euch beiden und geleite euch auf allen Wegen. Seid herzlich willkommen in Leeder. Deine Schriften sind meine tägliche Lektüre, Agricola. Ich freue mich wie ein Kind, dich leibhaftig vor mir zu haben! Das ist mein Sohn Emanuel«, stellte er einen jungen Mann vor, der zu ihnen getreten war. »Wir wollten es uns nicht nehmen lassen, dich und deine Begleiterin persönlich hier zu begrüßen.«
»Agricola?« Anna sah Georg verwundert an.
»Ich werde dir alles erklären«, versuchte er, sie zu beschwichtigen, und mit einem Schlag wurde ihr deutlich, wie bekannt Georg bereits durch seine Verteidigungsschriften für Caspar geworden war, wenn auch unter falschem Namen. Georg war berühmt. Und in seinem Leben war kein Platz für sie.
»Das ist Anna Dorn, ebenfalls aus Kempten«, stellte Georg sie vor. »Sie hat sehr früh ihre Eltern verloren und ist meine gelehrigste Schülerin. Sie hat mich gebeten, sie mitzunehmen. Wir ersuchen untertänigst und um der Barmherzigkeit des Herrn willen, bei euch aufgenommen zu werden.«
»Die Streicherin hat mich bereits benachrichtigt und es ist mir eine große Ehre, euch in meinen Besitztümern beherbergen zu dürfen.«
»Ich danke Euch von ganzem Herzen für Eure Gastfreundschaft. Gott vergelte es Euch tausendfach.« Anna ergriff Jacobus Rehlingers Hände und verneigte sich tief vor ihm.
»Wir haben zwei Zimmer hergerichtet. Mein Sohn Emanuel wird euch hinaufgeleiten. Es wird uns eine Freude sein, heute Abend gemeinsam mit euch zu speisen.«
Anna empfand es als wohltuend, in welch ruhigem Ton in diesem Haus miteinander gesprochen wurde, selbst den Bediensteten begegnete man respektvoll. Es ermutigte sie, eine Frage zu stellen: »Ist denn der Meister auch im Haus?«
»Caspar ist vor einigen Tagen unerwartet abgereist«, antwortete Emanuel. »Er wohnt meist nur ein paar Tage im Schloss und flüchtet sich anschließend auf einen der Höfe, wo er in Ruhe und Frieden seinen Studien nachgehen kann.«
Anna bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verbergen.
In ein Gespräch mit Jacobus versunken, war Georg unten zurückgeblieben, während Emanuel sie in ihr Zimmer brachte. Sie hatte Georg verloren, war ihm unwichtig geworden, das spürte sie nur zu deutlich. Sie versuchte, auf andere Gedanken zu kommen, doch selbst die Teppiche, Bilder und bemalten Teller, die überall an den Wänden hingen, konnten ihre Stimmung nicht verbessern. Schließlich fasste sie sich ein Herz. »Hast du den Meister schon oft gesehen?«, fragte sie Emanuel, als er vor einer Tür stehen blieb, die mit prächtigen Schnitzereien verziert war.
»Er war wie ein Familienmitglied. Seine Besuche wurden in letzter Zeit zwar seltener, aber als Kind habe ich oft auf seinem Schoß gesessen.«
»Darum beneide ich dich, Emanuel.«
Er öffnete die Tür, um ihr das Zimmer zu zeigen. Dabei sah sie ihm aus nächster Nähe in seine warmen hellbraunen Augen. Emanuel drehte sich rasch um und verabschiedete sich.
Anna warf ihre Sachen auf das Bett, zog die Vorhänge zurück, öffnete das Fenster und blickte auf die schneebedeckten Berge in der Ferne. Auch wenn es ihr noch nicht vergönnt war, den Meister zu treffen, spürte sie in diesem Haus seinen Geist, eine tiefgründige Menschlichkeit und den Respekt untereinander. Auf dem Gut der Rehlinger herrschten kein Misstrauen, kein Hass und kein Befehlston, wie sie es jahrelang beim alten Blärsch erfahren hatte. Sie atmete tief durch. Diese Menschen waren Freunde. Sie wollte alles dafür tun, um hier ein Zuhause zu finden.
4
Eichstätt, Maria Immaculata9 1557
Kerzenschein flackerte über ihr weißes Gesicht und es schien ihm, als habe sich ihr roter Mund bewegt.
»Dein mildes Lächeln wird mir sehr fehlen.« Ungewollt war ihm ein tiefer Seufzer entglitten und sein warmer Atem vernebelte für einen Augenblick die Sicht in der eiskalten Kirche. Er konnte sicher sein, dass es keinen Mithörer gab, weil nach der Matutin alle wieder in ihren Zellen waren, um die wenigen Stunden Schlaf bis zur Morgenhore zu nutzen. Eigentlich hatte er gelernt, seine Gefühle zu unterdrücken. »Nur der Schwächling zeigt Gefühle«, waren die mahnenden Worte seines Novizenmeisters. Dennoch fiel ihm der Abschied schwerer, als er es sich vorgestellt hatte. Er würde dieses Bild der Madonna mit dem Kind vermissen. Fast vierundzwanzig Jahre hatte er beinahe täglich davor gekniet und gebetet. Sie war jederzeit für ihn da, wandte ihren Blick niemals von ihm ab, hatte ihn getröstet und ihm Kraft gespendet, diese Hure, seine treulose Mutter, zu vergessen. Die Madonna beschützte liebevoll ihren Sohn, der sein Köpfchen eng an ihre Wange schmiegte, das erhabene Rot ihres Kleides, die sie umgebenden Strahlen und die in allen Farben glitzernde Krone zeigten ihre Macht. Unter ihrem Schutz fühlte er sich geborgen, sie war die Himmelskönigin, der er sein Leben anvertrauen wollte; sie würde ihn nicht enttäuschen.
Auch die Klostermauern würden ihm fehlen, hatten sie ihm doch von klein auf Geborgenheit und Schutz bedeutet. Hier war er zu Hause, das Kloster war ihm Familie, Quell des Wissens, Ort der Kontemplation und Zuflucht vor weltlichen Begierden. Alles hatte er überstanden. Selbst das unkeusche Drängen im Dormitorium. Jahrelang musste er mit ansehen, wie dort mit Mund und Hand Unzucht getrieben wurde. Er hatte die Versuchungen an sich abprallen lassen.
»Nur eiserne Härte gegen dich selbst lässt dich stark gegen andere werden«, war ein weiterer Leitspruch des Novizenmeisters. Diesen Kampf hatte er gewonnen durch Fasten, Disziplin und den Nagelgürtel.
Draußen hatte die Welt sich verändert. Die Protestanten ließen nicht nach, sich mit Verleumdung und Hetze gegen seine Kirche und den Papst hervorzutun. Die Nachrichten, die das Kloster erreichten, waren beunruhigend, es verging kein Tag, an dem sie sich nicht mit Häresie und Ketzerei hatten auseinandersetzen müssen. Die Mutter Kirche war in großer Bedrängnis. In dieser schwierigen Zeit erging an den Orden der Ruf aus Rom. Der Papst rief nach ihnen, den Fähigsten und Besten, um seine Herde zu schützen.
»Deine Zeit ist gekommen. Strenge im Glauben, striktes rationales Denken, verbunden mit Gehorsam gegenüber der katholischen Kirche und den dominikanischen Prinzipien, zeichnen dich aus, mein Sohn.« So hatte sein Abt ihn gepriesen.
Er war bereit, sich in Italien zu einem derer machen zu lassen, die man ehrfürchtig Domini canes nannte, zu einem der »Hunde des Herrn«. Es machte ihn stolz und erhaben. Mit Freude und Dankbarkeit würde er dem Ruf folgen, aber da war das Unbekannte, das Neue, das Unberechenbare, das ihn unruhig machte. Nein, Angst war es nicht, vielmehr fühlte er eine Art Fieber in sich aufsteigen. Es war die fiebrige Erwartung, Witterung aufzunehmen und sich dem Bösen an die Fersen zu heften. Wie von selbst wischte das rote Taschentuch über seine feuchte Stirn.
»Fiat voluntas tua10, du wirst mich beschützen«, flüsterte er, berührte die Lippen der Gottesmutter mit seinen Fingern und verließ zum letzten Mal die Kapelle der Madonna.
9 8. Dezember
10 Dein Wille geschehe.
5
Leeder, Januar 1558
Fast ein Jahr war vergangen seit ihrer Ankunft in Pilgerhausen. Anna war richtiggehend aufgeblüht. Fast jeden Abend saß sie im Kreis der Leederer Schwenckfelder. Sie sangen und beteten, und Anna durfte die zahlreichen Bücher benutzen, die Jacobus während vieler Jahre zusammengetragen hatte. Emanuel war immer in ihrer Nähe. Sie redeten und diskutierten oft bis spät in die Nacht hinein und Anna hatte den Eindruck, dass er sie verehrte und bewunderte. Es entwickelte sich eine gegenseitige tiefe Zuneigung, von der Anna überzeugt war, dass daraus Liebe werden würde. Emanuels Blicke zeigten ihr mehr, als er mit Worten auszudrücken in der Lage schien.
Georg hingegen war allein in ein Haus unten im Dorf gezogen, um sich seinen Verteidigungsschriften zu widmen. Trotzdem war Anna glücklich. Georg blieb ihr ein guter Freund. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie hier sein durfte, weg von den lüsternen Laffen und den besoffenen Säcken im »Raben«. Sie hätte sich auch als Bedienstete im Schloss verdingt, aber Jacobus Rehlinger hatte sie schon nach wenigen Tagen zur Seite genommen und ihr versichert: »Du bist eine von uns, Anna!«
Und als sie ihm eines Tages erklären wollte, dass sie ja keine Eltern hätte und deswegen ehr- und rechtlos sei, entgegnete Jacobus: »Hör auf, dir über Stand und Herkunft Gedanken zu machen! Wir Schwenckfelder machen keine Standesunterschiede, jeder Mensch ist ein Geschöpf des Allmächtigen und steht mit seinem Leben und Tun in eigener Verantwortung.«
»Wenn nur alle Menschen so denken würden wie du, Jacobus, dann gäbe es keinen Zwist und Streit untereinander«, hatte Anna erwidert.
An diesem kalten Winterabend saß Jacobus in seinem Sessel vor dem offenen Kamin und ließ sich von Anna vorlesen. Sie hatte ihm das vor einiger Zeit angeboten, als sie bemerkt hatte, dass seine Sehkraft langsam schlechter wurde. Nach einer Weile nahm er ihr das offene Buch weg, legte es zur Seite, ergriff ihre Hand und schaute ihr tief in die Augen.
»Lass mich dich unterbrechen, Anna. Emanuel hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass er dich heiratet. Er braucht eine zupackende und rechtschaffene Frau, wie du es bist, und ich könnte mir keine bessere Schwiegertochter wünschen. Also sei darauf gefasst, dass er dich bald danach fragen wird.«
Anna war gerührt. Nichts wollte sie lieber, als in diesem Haus der Toleranz und Nächstenliebe Oberste unter Gleichen zu werden und vielleicht sogar irgendwann Gastgeberin zu sein für den Meister selbst.
»Sollte er mich danach fragen, wird es für mich nur eine Antwort geben: Ja, ich will es, aus ganzem Herzen!«
Jacobus stand auf, streichelte Anna über die blonden Haare und küsste sie väterlich auf die Stirn.
6
Bologna, Osterfest 155811
Es war sein erstes Osterfest in der Fremde. Er wusste, dass es die richtige Straße war, die er eingeschlagen hatte. Noch war er einer unter Hunderten. Doch der heutige Tag würde vieles verändern. Die Welle der Begeisterung, die die Dominikanische Mönchsgemeinschaft erfasst hatte, würde auch ihn nach oben tragen. Sein Freund und Vorbild Michele Ghislieri war zum neuen Großinquisitor ernannt worden.
Nach dem feierlichen Gottesdienst wurde die Urkunde Papst Pauls IV. vorgelesen. Barfuß und mit dem einfachen Mönchsgewand bekleidet stieg Michele die Stufen in den Altarraum hinauf, um die Schrift demütig aus der Hand des päpstlichen Nuntius zu erhalten. Er, der Kardinal, dem es gestattet gewesen wäre, zu diesem feierlichen Anlass in prunkvollem Rot mit Stab, Mitra und Cappa magna zu erscheinen, empfing die Macht über das Heilige Offizium als einfacher Diener; fast wie ein Büßer stand er da und verbeugte sich. Aber schon bei seiner Ansprache ließ er die versammelte Gemeinschaft nicht im Zweifel, nach welchen Kriterien er sein Amt führen wollte. »Nichts ist grausamer als Mitleid mit den Gottlosen!«, rief er in die Menge. »Wir werden mit unbeugsamer Härte Gotteslästerung, Ehebruch und Ketzerei bekämpfen. Unzucht, Okkultismus und Zauberei sind Kapitalverbrechen, die mit dem Beil oder dem Scheiterhaufen zu sühnen sind. Die unheilvolle Reformation des Wittenberger Ketzers werden wir mit eiserner Faust bekämpfen.«
Er wusste, wovon sein Freund Michele sprach, war er doch einer der wenigen, der in den deutschen Landen das Beben am eigenen Leib gespürt hatte, das die lutherischen Horden ausgelöst hatten.
Nichts ist grausamer als Mitleid mit den Gottlosen. Dieser Satz hatte sich ihm eingeprägt und er wiederholte ihn immer und immer wieder.
1110. April
7
Leeder, Juni 1558
Anna strahlte, und mit ihr die Junisonne, als sie und Emanuel das Schloss verließen, in dem sie kurz zuvor der Amtsschreiber zu Mann und Frau erklärt hatte. Emanuel war der Richtige für sie, davon war sie überzeugt. Er stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden, leitete umsichtig das Gut und würde sicher ein herzensguter Vater werden. Wie schnell hatte doch das Schicksal, über alle Standesdünkel hinweg, ihr trauriges Dasein beim alten Blärsch beendet und sie zur Frau eines wohlhabenden Gutsbesitzers gemacht.
Eine dicke Menschentraube wartete auf die beiden frisch Vermählten, war es doch Brauch, dass bei einer Hochzeit im Schloss für alle Dorfbewohner süßes Gebäck verteilt wurde. Anna dachte nur daran, hinaus nach Schäfmoos zu kommen, um ihren Bund vom Meister segnen zu lassen. Der festlich geschmückte Wagen wartete bereits auf sie und unter begeisterten Vivat-Rufen fuhren sie in Richtung Aschthal.
Das junge Paar hatte den Ort längst verlassen, als der Kutscher Karl plötzlich die Pferde mit einem lauten »Hooo, Buaba« anhielt und die beiden unfreiwillig gegeneinanderprallten.
»Ist etwas passiert, Karl?«, fragte Emanuel.
Anna sah ein kleines, dunkel gekleidetes Wesen mitten auf dem Weg stehen. Sie schob Emanuel zur Tür der Kutsche. »Ich glaube, du solltest nach dem Rechten schauen.«
Er folgte ihrer Aufforderung und stieg ins Freie. Anna kannte die Frau nicht, aber das verrunzelte Gesicht mit den stechend und unerschrocken blickenden schwarzen Knopfaugen prägte sich ihr ein.
»I hao miassa bremsa, sonscht wär se mir unter d’Räder komma«, stammelte der Kutscher Karl entschuldigend.
Anna hörte, wie Emanuel mit der Alten redete: »Was ist dein Begehr?«, fragte er die Frau höflich.
»I hao an Briaf für de Hoachzeitar«, antwortete sie mit krächzender Stimme und reichte ihm ein Stück Papier. »Es standet it so scheane Sacha dinna«, schob sie mit einem bösartigen Lächeln hinterher. »Mei, es gibt halt Leit, wo uib Rehlinger am liabschta zum Deifl schicka däded.«
Anna überlegte, wer ihnen wohl diese Nachricht zukommen lassen wollte und was die Alte damit meinte, dass es Leute gab, die die Rehlinger zum Teufel schicken wollten. Emanuel nahm das Papier, griff in die Tasche und gab ihr ein Geldstück.
»Du hast sicher nur deine Pflicht getan, vergelt’s Gott«, entgegnete er der verdutzten Alten, die sich artig bedankte und das Weite suchte.
»Du hast ihr Geld gegeben? Jetzt komm, mach es schon auf«, rief Anna ihrem Mann von der Kutsche aus zu.
Emanuel setzte sich wieder zu ihr und gab Karl das Zeichen zum Weiterfahren. »Lass uns doch warten, bis wir wieder zu Hause sind; der Brief deutet auf nichts Gutes, und Caspar soll uns in fröhlicher Stimmung wiedersehen!«
Widerwillig gab Anna nach und konnte nicht verhindern, dass ihr Mann den Brief ungelesen in die Tasche steckte.
Als sie Aschthal verlassen hatten und bergauf in den Wald einbogen, hielt der Kutscher abermals mit einem »Brrrrr« das Gespann an. Ein dicker Baumstamm lag quer über dem Weg.
»Dean hot ebbar umg’säged. Mir könnt grad meah umdrehe!«, vermeldete Karl aufgeregt.
»Müssen wir wirklich umdrehen? Kennst du keinen anderen Weg nach Schäfmoos?«, fragte Emanuel, und Anna spürte, wie sie mit einem Mal traurig wurde.
»Es gibt bloßig den oine.« Karl ließ die Pferde rückwärtsgehen und bemühte sich, das Gespann zu wenden.
»Ich kann mir vorstellen, wer dahintersteckt! Wir lassen uns nicht von diesen Leuten den Tag verderben, Anna. Ich werde einen Holzmacher heraufschicken und morgen ist der Weg wieder frei. Caspar wird wohl noch ein paar Tage hier bleiben.«
Anna nickte nur und versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen; niemand konnte ermessen, was ihr dieser Besuch beim Meister bedeutet hätte.
8
Bologna, fünf Tage nach Maria nascita12 1560
Die Beine ausstrecken und ohne einen Präfekten im Nacken träge in der Sonne liegen, was gab es Schöneres. Auch wenn das Geratter auf den holprigen Wegen ihn kräftig durchrüttelte, hatte Otto die letzte Stunde zwischen Kisten und Säcken friedlich geruht. Der Duft von Kräutern und Früchten und das noch berauschendere Gefühl der Freiheit hatten ihm einen wohligen Halbschlaf beschert. Alles Mögliche war ihm durch den Kopf gegangen: sein Vater in Gestalt des mahnenden Onkels, Dompropst zu Speyer, der ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit als leuchtendes Vorbild vorgehalten wurde, der Stolz, mit schmerzenden Beinen auf der Passhöhe des heiligen Bernhard angekommen zu sein, die staubigen Straßen und freundliche Menschen. Die gefürchtete Glocke, die ihn im Domkonvikt zu Augsburg als einen der Ersten ins Chorgestühl gerufen hatte, hörte er ganz schwach im Hintergrund. Er drehte sich noch einmal um. Während er weiterdöste, vermischten sich in seinen Gedanken die Abschiedsrufe seiner acht Geschwister mit Späßen der Schweizergardisten, denen er sich angeschlossen hatte und die er bereits in Rom wähnte.
»Stronzo, sei in ritardo!13«, dröhnte es an seinem Ohr und Otto schreckte augenblicklich auf. »…ardo, ardo, ardo.« Ein Wald von roten Säulen tanzte um ihn. Otto war klar, dass das kein Kosewort gewesen war, als sich langsam Arkadengänge um eine wunderschöne Piazza ordneten und ein Marktweib, die Arme in die breiten Hüften gestemmt, am Wagen stand. Sie waren also angekommen. Otto musste lachen, als er den gutmütigen Ambrogio so kleinlaut sah, den Bauern mit der großen Knollennase, der ihn seit Persiceto hatte mitfahren lassen. Ottos wunde Füße hatten sein Mitleid geweckt.
»Studente teutonico, moglie, stai zitto!14« Otto sah einen schmutzigen Finger in seine Richtung deuten.
»Mea culpa, mea culpa«, haspelte Otto entschuldigend und kletterte vom Wagen. Ihm war klar, dass er der Grund des Streits sein musste.
»Ma scusa, sei benvenuto! Come ti chiami? Come sei magro!15«, rief Moglie und stand schon mit einem bissbereiten Apfel vor ihm. Fast hätte er den Mund geöffnet, nahm die Frucht aber nur und sagte: »Otto, per piacere.«
»Ma che bello ragazzino! Guardi gli occhi azzurri! Poverino, come sei sporco!16« Während Otto noch versuchte, vom lateinischen porcus abzuleiten, wischte bereits ihr nasser Schürzenzipfel durch sein Gesicht.
»Grazie, grazie, signora Moglie«, stammelte er verlegen, worauf die Bauersleute schallend lachten. Otto wunderte sich, denn er war sicher, den Namen richtig verstanden zu haben. Ohne lang zu zögern, half er, die Gemüsereste in die Kisten zu packen, und ließ sich auch von Ambrogio nicht davon abbringen. Beim Stapeln der Kohlköpfe konnte Otto den Vater mahnen hören, ein von Gemmingen habe sich nicht mit niederem Volk einzulassen. Und Otto hätte ihm mit Matthäus Kapitel fünfundzwanzig, Vers vierzig, widersprochen: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt … Otto wusste, dass der neuerliche Standesdünkel in seinem Vater erst seit dem Notverkauf des Stammhauses in Mühlhausen gewachsen war.
»Mille grazie per … per guidarmi!« Otto bedankte sich artig, verabschiedete sich, und Moglie steckte ihm noch einige Pflaumen zu. Er ließ es geschehen, dass sie ihn zum Abschied an ihren üppigen Busen drückte, und winkte den beiden hinterher, bis das Fuhrwerk die Piazza verlassen hatte.
Einfache und liebe Menschen, dachte er und ließ den Blick über den Platz schweifen. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber nun so mutterseelenallein zu stehen, machte ihn ein wenig mutlos. Er lehnte sich an einen der Arkadenbögen und beobachtete das Treiben auf der Piazza. Die Schönheit des Platzes schien sich in den Menschen widerzuspiegeln. Damen in prächtigen Gewändern, Reiter in blinkenden Uniformen und sogar die herumtollenden Kinder verbreiteten Fröhlichkeit und Anmut. Nur die Unzahl riesiger Türme, majestätischer als jeder Kirchturm daheim, erschienen ihm wie bedrohlich in den Himmel gereckte Zeigefinger. In Augsburg hätte niemand gewagt, einen Glockenturm an Höhe zu übertreffen, hier schienen sich die Gotteshäuser zu verstecken. Hatte die Kirche ihre Vormachtstellung an die Weltlichkeit abgegeben?
Otto schwankte zwischen Faszination und Beklommenheit. Er hatte sich so sehr gewünscht, in Bologna zu studieren, seinen Wissensdurst zu stillen, und jetzt kam er sich verloren vor. Aber mit Gottes Hilfe würde er auch das schaffen. Er wischte seine aufkommende Verzagtheit mit dem Argument hinweg, dass der Herr ihn bislang stets geleitet und beschützt hatte. Auf dem Weg über die Alpen, sechsundzwanzig Tage zu Fuß. Er hätte ein Pferd aus dem Stall des Vaters bekommen. Doch obwohl er gut reiten konnte und Pferde über alles liebte, hatte er verzichtet, weil er sehr wohl wusste, dass sein Vater sparsam sein musste. Die Zeiten, da man in adligen Kreisen den Namen von Gemmingen mit Ehrfurcht aussprach, waren längst vorbei.
Die Sonne hatte bereits den Wald der Türme erreicht. Im Schatten der Marmorfassade einer mächtigen Kirche, etwa hundert Fuß entfernt, beobachtete Otto einen Dominikaner, der Tauben fütterte. Wer die Tiere so liebt, dass sie ihm auf den Armen sitzen und ihm aus der Hand picken, muss ein vertrauenswürdiger Mensch sein. Otto beschloss, den Pater nach dem Weg zu fragen.
»Scusate, il convento di San Domenico?«, sprach er ihn an und zuckte kurz zusammen, als sich der Pater ruckartig umdrehte und Otto mit seinem Blick traf. Die Tauben flatterten ängstlich auf.
»Che fastidio! Avete perturbati le colombine!17«
»Verzeihung, ich wollte nur … Es tut mir leid«, fiel Otto in die deutsche Sprache zurück.
»Oh, Ihr kommt aus den deutschen Landen, Herr Studiosus«, sagte der Kirchenmann zu seiner Verwunderung auf Deutsch. »Willkommen in Bologna, der Stadt der Laster. Wegen der Tauben macht Euch keine Gedanken, sie kennen mich und kommen immer zurück, weil sie mir vertrauen.« Der Pater schenkte ihm ein mildes Lächeln und Otto war froh, nach langer Zeit wieder seine Sprache zu hören.
»Ihr habt Glück, ich lebe in San Domenico. Ihr könnt mir folgen. Ich bin Erminio vom Berg«, stellte der Geistliche sich vor.
»Johann Otto von Gemmingen.« Otto streckte ihm die Hand entgegen.
»Sieh an, ein von Gemmingen! Mitglied der deutschen Reichsritterschaft. Ihr gehört ja dann bestimmt nicht zu diesem verarmten Zweig, oder?«
Otto wusste, dass sein Vater ihm nur unter größten Anstrengungen das Kanonikat ermöglicht hatte. Er schluckte. Der Pater schien sich gut auszukennen.
»Und was werdet Ihr nach dem Trivium18 anstreben?«, bohrte der Geistliche weiter.
Endlich konnte Otto Kontra geben. »Ich bin seit zwei Jahren Kanoniker am Dom in Augsburg, soli Deo gloria.« Otto gestattete sich ein Lächeln.
»Oh, Herr Kanonikus! Da habe ich Euch ja ganz falsch eingeschätzt; da werdet Ihr ja eine geistliche Laufbahn einschlagen.«
Was so ein Titelchen doch ausmacht, dachte sich Otto.
»Ich habe Recht studiert und lebe seit einigen Jahren in Bologna«, fuhr der Pater fort. »Ich weiß sehr gut um die Schönheiten dieser Stadt, aber auch um deren Gefahren; der Teufel und seine Komplizen fühlen sich hier besonders wohl. Nehmt Euch in Acht vor den Versuchungen, die überall lauern!« Der Dominikaner hatte bedrohlich seine Stimme gesenkt.
»Was wollt Ihr damit sagen?«, fragte Otto und war sich sicher, dass der Pater es nur gut mit ihm meinte.
»Hütet Euch vor den Verführungskünsten der Töchter Evas, die schon manchen gutgläubigen Mann das Paradies gekostet haben.« Die Züge des Paters verzerrten sich. »Satan weiß, wie seine Werkzeuge einzusetzen sind, Herr Kanonikus!«
Otto musste etwas erwidern, er wollte sich sein Studium nicht madig machen lassen. »Wenn Ihr die Stricke des Teufels so gut kennt, dann wird er ja wohl nicht in Euren eigenen Mauern sein Unwesen treiben. Und mich aus der Bibliothek von Professore Boncompagni zu locken, wird sehr schwer werden.«
»Ah, Boncompagni! Ein Mann Gottes, der ungeniert mit Weibern verkehrt. Nicht gerade das beste Vorbild, das Ihr Euch da ausgewählt habt!« Der Padre rümpfte verächtlich die Nase.
Wie kann dieser Mensch so abfällig über Boncompagni sprechen, dessen guter Ruf bis über die Alpen ausstrahlt! Einen Moment lang wurde Otto unsicher. Sollte er in Augsburg falsch beraten worden sein? Er sagte weiter nichts und schämte sich zu sehr, um den Padre zu bitten, langsamer zu gehen, weil ihn seine Füße schmerzten. Also biss er die Zähne zusammen.
»Ich möchte, dass es Euch gut geht und Ihr erfolgreich Eure Studien betreiben könnt. Kommt zu mir, wenn Ihr nicht weiterwisst!«
»Ich danke Euch sehr für Eure Hilfe und werde gerne auf Euer Angebot zurückkommen«, antwortete Otto, als sie das Konventgebäude mit der Klosterkirche erreicht hatten.
»Ancora uno di ultramontani!19«, rief freudig ein weiterer in Weiß gekleideter Dominikaner schon von Weitem. Schwungvoll kam er Otto mit wehender Soutane entgegen. »Padre Ferrara«, stellte sich der junge Pater vor, »salve! Dominus tecum!«
»Das ist Euer Vorgesetzter, Herr von Gemmingen«, ging Erminio sogleich dazwischen. »Padre Ferrara, in dessen Obhut ich Euch übergebe, ist der Regens des Internats.« Erminio und Ferrara grüßten sich verhalten.
»Nehmt Euch in Acht vor den Fallstricken des Bösen, das die Schönheit magisch anzieht und versucht, sie in seinen Besitz zu nehmen«, rief Erminio warnend, hob bedeutungsvoll den Zeigefinger, zog mit einem Lächeln die Augenbrauen hoch und verschwand mit langen Schritten durch die Klosterpforte.
Otto atmete tief durch. Padre Ferrara führte ihn in den hinteren Bereich des Collegios, der von einem großen Garten umgeben war. Otto überkam ein mulmiges Gefühl, denn der Padre sprach nicht lateinisch, wie er es erwartet hatte, sondern toskanisch. Erst als sie im Speisesaal haltmachten und er sofort von einigen Mitstudenten auf Deutsch begrüßt wurde, legte sich seine Unruhe.
Ein freundlicher, etwas älterer Student kam auf ihn zu und schüttelte ihm kräftig die Hand. »Ich bin Giacomo, eigentlich Jakob Fugger, aber die Italiener können mich nicht aussprechen. Sei herzlich willkommen in Bologna.«
»Otto von Gemmingen; jetzt bin ich aber froh, dass ich mich noch auf Deutsch unterhalten kann«, entfuhr es Otto freudestrahlend. »Ein Augsburger Fugger?«, wollte er wissen.
»Ich bin in Babenhausen geboren. Mein Vater ist Anton Fugger, meine Mutter eine geborene Rehlingerin, wie du sicher weißt, sind wir neun Geschwister und die Familie überallhin verzweigt; da bleibt für den letzten männlichen Spross nicht mehr viel übrig.« Giacomo grinste und Otto erstarrte in Ehrfurcht. Er wusste nur zu gut, wie vermögend und einflussreich Anton Fugger im ganzen Reich und darüber hinaus war.
»Dann sind wir gar nicht so weit entfernt. Ich bin Kanoniker am Dom in Augsburg, meine Familie wohnt in Weinfelden am Bodensee. Es würde mir sehr helfen, wenn ich dich in der einen oder anderen Sache um Rat fragen dürfte. Bist du denn schon länger am Collegio?« Etwas verlegen richtete er den Blick auf den Steinboden.
»Es ist selbstverständlich, dass wir uns gegenseitig helfen. Als ich hier vor zwei Jahren begonnen habe, hat sich auch ein älterer Mitschüler meiner angenommen. Ich bin jetzt im letzten Jahr, vorausgesetzt, dass ich meiner Faulheit Herr werde.« Giacomo lachte und drehte sich zum Padre, der nichts verstanden hatte.
»Se voi permettete, Padre, gli mostrero la casa20«, versuchte Giacomo dem wartenden Padre Ferrara die unangenehme Aufgabe abzunehmen, den Neuankömmling durch das Haus zu führen, was dieser dankend annahm. Otto war erleichtert und fand Giacomo sofort sympathisch und vertrauenswürdig. Giacomo nahm Ottos Gepäck und lief, immer zwei Stufen nehmend, durch das Treppenhaus in das oberste Stockwerk, wo sich das Dormitorium befand. Otto hastete hinterher.
»Von den Betten, die nicht bezogen sind, kannst du dir eins aussuchen. Ich empfehle dir dringend, eins am Fenster zu nehmen, denn Erstinken ist schlimmer als Erfrieren. Mein Bett steht dort hinten an der Wand.«
In dem Saal standen mehrere Dutzend Betten, jeweils durch ungefähr brusthohe Wände in Vierergruppen abgeteilt. Neben jedem Bett befand sich eine abschließbare Holzkiste für persönliche Dinge. Otto warf seine Sachen auf ein freies Lager in der Nähe eines Fensters, wie ihm Giacomo empfohlen hatte, und setzte sich, um die Unterlage zu testen.
»Nicht gerade komfortabel, aber es scheint wenigstens kein Strohsack zu sein«, bemerkte Otto.
»Die Klosterbrüder haben vor ein paar Jahren alle Strohsäcke durch neue Rosshaarunterlagen ersetzt. Das hat zwar den großen Vorteil, dass man viel bequemer liegen kann, aber die Wanzen, Flöhe und Läuse fühlen sich im Rosshaar weitaus wohler als im Stroh. Du wirst dich daran gewöhnen. Wenigstens haben wir eine schöne Aussicht auf die Stadt und die Berge. Wenn du so weit bist, gehen wir nach unten«, drängelte Giacomo, »du willst doch nicht das Abendessen verpassen?«
Sie gingen ein Stockwerk tiefer, wo das Studierzimmer war, an dessen Eingangstür ein großes Schild mit dem Hinweis »Silentium« prangte.
»Such dir ein Pult aus, auf dem noch kein Buch liegt, und leg eines von deinen mit deinem Namen drauf.«
An den Wänden reihten sich hohe Regale mit Hunderten von Büchern, Folianten und Schriftrollen. Im Saal standen in fünf Reihen jeweils zehn Pulte, fast alle waren besetzt, sodass die Auswahl nicht sehr groß war.
»Wie war denn deine Reise? Warum bist du nicht mit den anderen Augsburger Scholaren gereist?«, fragte ihn Giacomo.
»Von Weinfelden aus ist es kürzer über den Septimer und über Mailand. Ich habe mich einer Gruppe aus Scholaren und Schweizergardisten angeschlossen. Sie haben dort die Tradition des Bettelsingens, was uns zwar immer ein Nachtlager und eine warme Mahlzeit eingebracht hat, aber nur selten konnten wir auf einem Wagen mitfahren.«
»Wir reisen, wenn es passt, mit einem Fugger’schen Handelstross, das ist wesentlich entspannter, weil wir nicht zu Fuß laufen müssen und in eigenen Fuggerhospizen übernachten können. In diesem Sommer war ich nicht zu Hause, sondern bei den Honolds in Venedig. Oktavian wirst du gleich kennenlernen; sein Vater ist ein einflussreicher Geschäftsmann; er hat dort eine wunderschöne Faktorei.« Giacomo schien sich gut auszukennen.
»Ich hätte ein Pferd bekommen können, aber ich wollte zu Fuß gehen. Mir wäre vieles entgangen, besonders die Quälerei mit den Schuhen. Schau dir meine Füße an!« Otto zeigte ihm seine geschundenen Fersen und Zehen.
»Deinem Schuhmacher solltest du die Leviten lesen! Ich bringe dich nach dem Abendessen in die Krankenstation; dort werden sie deine Blessuren versorgen.« Giacomo sah Otto etwas mitleidig an. Von irgendwoher erklang das Läuten einer Glocke.
»Das Klingeln bedeutet Abendbrot; du wirst richtig Hunger haben nach der langen Reise! Aber mach dir keine allzu großen Hoffnungen. Die Küche ist ein disastro, wie die Italiener sagen.« Giacomo griff sich mit der Hand an den Hals und tat so, als müsste er etwas herauswürgen, um dann in schallendes Gelächter auszubrechen. »Gottlob gibt es in der Stadt wunderbare Tavernen.«
Ottos Miene hatte sich nur kurz aufgehellt. »Du kannst einem ja schon vor dem Essen den Appetit verderben«, gab er zurück.
Kurz darauf betraten sie im Erdgeschoss mit den anderen Studenten, die aus allen Richtungen zusammenströmten, den Speisesaal.
»Hier ist zwar freie Platzwahl, wir von der Natio Germanica sitzen meist zusammen. Die Natio, musst du wissen, das sind alle deutsch sprechenden Studenten. Außerdem wird noch unterschieden zwischen Ultras und Citras, das heißt diesseits und jenseits der Alpen, also Italiener gegen den Rest der Welt.« Giacomo platzierte Otto an einem Sechsertisch.
Padre Ferrara stand vor einem mächtigen Kreuz an der Wand und faltete mit großer Geste seine Hände, sodass augenblicklich Stille eintrat. »Oremus: Benedic, Domine, nos et haec tua dona, quae de tua largitate sumus sumpturi. Per Christum Dominum nostrum. Amen«, sprach er das Tischgebet.
Nach dem ersten Wort des Padre hatten alle Anwesenden in einen eigenartigen Singsang eingestimmt. Nun setzten sie sich, und während im ganzen Saal ein geschäftiges Gemurmel anhob, stellte Giacomo ihm die Tischgenossen vor. »Das ist Heinrich Lauber aus Hildesheim, genannt Rico, Johannes Langer, alias Longus, unser Spaßvogel, und Oktavian Honold, ein Lechrainer und zukünftiger Medicus.«
»Die Sodomisti werden an dir sicherlich ihre Freude haben.« Rico, sommersprossig, ein Bär von einem Kerl mit riesigen Pranken, war der Erste, der Otto mit einem betont laschen Händedruck begrüßte und dabei die Augen verdrehte. »Schwarze Wuschelhaare und blaue Augen, dazu noch einen Körper wie Adonis, da wird sich bei den warmen Brüdern die Kutte wölben«, fügte er breit grinsend hinzu.
»Die erste Warnung vor den Verführungen des Teufels, allerdings in Form schöner Frauen, habe ich bereits erhalten, ihr werdet es nicht glauben«, erzählte Otto freimütig von seiner Begegnung mit dem Padre. »Fra Erminio hat mir bereits eine Lektion darin erteilt.«
»Er nennt sich vom Berg, stammt aber aus ganz einfachen Verhältnissen. Es wird erzählt, dass ihn seine Mutter an die Kirche verkauft hat. Vor dem musst du dich in Acht nehmen. Wir nennen ihn nur Sterminio. Er füttert zwar Tauben, im Glauben, dass man ihn mit dem Heiligen Geist in Verbindung bringt – aber das sind die Schlimmsten, die selber den Nagelgürtel tragen«, schaltete sich Giacomo in das Gespräch ein.
»Schnall deine Schamkapsel fest, kneif die Arschbacken zusammen und erwarte die Verführungskünste des Teufels mit Gelassenheit«, polterte Rico. »Die warmen Brüder, die auf Frischfleisch aus dem Norden warten, werden dir hin und wieder nachstellen, aber so wie ich dich einschätze, bist du für diese Art von Perversion eher unempfänglich, geh ihnen am besten aus dem Weg!«
»Da kannst du dir sicher sein«, erwiderte Otto mit Nachdruck.
»Rico hat da bereits seine eigenen schlechten Erfahrungen gemacht«, ergänzte Oktavian, und Longus legte los:
»Conschtitutio Criminalisch Carolina Paragraph einhundertschechzschehn, Schodomie: Schtrafe für Unzschucht, scho schie wider die Natur geschieht«, rezitierte Longus offenbar einen zahnlosen Professor, indem er die Lippen zwischen die Zähne presste. »Ferner, wenn ein Mensch mit einem Vieh, Mann mit Mann, Weib mit Weib Unzschucht treiben, haben schie dasch Leben verwirkt, und man scholl schie nach allgemeiner Gewohnheit mit dem Feuer vom Leben zschum Tode richten. Merkt eusch dasch, meine Herren, wenn ihr von eurer Libido übermannt werdet.«
Alle sechs brachen in schallendes Gelächter aus, sodass der Regens Padre Ferrara, der am Magistertisch zu speisen pflegte, einen bösen Blick in ihre Richtung schickte.
»Bei uns in der Natio wird halt viel gelacht«, sagte Giacomo schulterzuckend.
»Was sich hinter den Klostermauern abspielt, bleibt der Justiz ohnehin verborgen, und zudem hat der Papst für die Seinen wohl gesorgt«, ergänzte Oktavian, ein schlaksiger, braun gebrannter Kerl, mit hochgezogenen Augenbrauen in unverkennbarem Lechrainer Dialekt halblaut.
»… nicht alles am ersten Tag, schließlich will er dereinst das Priesteramt bekleiden«, fügte Giacomo mit gespielter Sorge hinzu.
»Ad maiora mala vitanda«, entgegnete Oktavian geheimnisvoll.
Um größeres Übel zu vermeiden? Was meint er damit?, überlegte Otto.
»Na, dann wird es dich als zukünftigen geistlichen Würdenträger ganz besonders interessieren, was hier im Hintergrund gespielt wird«, wurde Oktavian immer mysteriöser.
Was hat denn der Papst damit zu tun?, ging ihm durch den Kopf.
»Ihr seid doch alle hoffentlich gut katholisch?«, fragte Otto und hoffte inständig, dass keiner der neuen Freunde seine Ahnungslosigkeit als Dummheit auslegen würde.
»Alle katholisch, natürlich! Unser Medicus nur zur Hälfte«, antwortete Giacomo, der sich wichtigtuerisch zu Otto über den Tisch beugte. »Du musst wissen, Otto, dass Oktavians Vater, der Protestant Hans III. Honold von Emmenhausen, Lengenfeld und Bronnen, noch mit Martin Luther persönlich an einem Tisch gesessen hat und immerhin Ohrenzeuge eines wahrhaftigen Furzes des Wittenbergers wurde. Des ach so großen Reformators heißer Darmwind hat seine eigene Einstellung zur katholischen Kirche in einigen wichtigen Belangen maßgeblich verändert. Und so ist er dem Drängen seiner päpstischen Frau erlegen, den Sohn abseits der sich gefährlich verbreitenden protestantischen Düfte zum Studium ins entfernte Italien zu schicken.«
Der ganze Tisch lachte herzlich über diese Geschichte, die Giacomo offensichtlich nicht das erste Mal zum Besten gab; Oktavian schien eher gelangweilt und gähnte Otto ostentativ an.
»Am Collegio herrscht allgemein die Ansicht, dass, bevor man sich ganz in den Schoß der Mutter Kirche begibt, das Leben in vollen Zügen und mit all seinen Annehmlichkeiten genossen werden müsste«, meldete sich unversehens Longus zu Wort.
In diesem Moment kam einer der citramontani mit einer großen Schüssel und klatschte jedem der sechs Tischgenossen einen Schöpflöffel von einer undefinierbaren Masse auf den Teller.
»In… In… Ingozzate, teutones!21«, stotterte er und schon hatte Rico einen Batzen Suppe auf seiner Hose. Das ließ der sich nicht gefallen. Er stand unverzüglich auf und seine Nasenflügel fingen an zu beben. »He, Balbetta, cazzo, fa piano!22«, schnauzte er. Der Italiener konnte gerade noch seine Schüssel auf den Tisch stellen. »Fi… Fi… Figurati, teu… teu…« Weiter kam der Italiener nicht, denn Rico versetzte ihm mit seiner Pranke einen Schlag, der ihn rücklings auf den Boden warf. In Windeseile wurden die beiden von den jeweiligen Natio-Mitgliedern getrennt.
Es geht wohl nicht ganz spannungslos zu zwischen Ultras und Citras, beobachtete Otto. Dann schritt Padre Ferrara ein.
»Heinricus Lauber e Antonio Balbetta siete suspensate dal pranzo oggi, andate alla chiesa e pregate per due ore!23«, verhängte er die Strafe mit lauter Stimme. Mit hängenden Köpfen trotteten die beiden Hitzköpfe nach draußen.
»Zwei Stunden beten und nichts zu essen ist ungerecht. Balbetta hat doch angefangen, Rico zu provozieren, das hat jeder gesehen«, protestierte Otto.
»Mit Rico musst du kein Mitleid haben. Er lässt sich halt nichts gefallen und auf die Suppe kann er heute getrost verzichten.« Oktavian zog die Mundwinkel nach unten und spielte gelangweilt mit seinem Löffel.
»Im Laufe der Woche wird die Suppe beständig dicker«, konstatierte Longus und stocherte in seinem Teller herum.
»Alles, was heute übrig bleibt, kommt morgen in leicht veränderter Form wieder auf den Tisch. Am Freitag kann es sein, dass der Löffel stecken bleibt, und am Samstagabend profitieren dann die Schweine von den letzten Resten; Saufraß, du verstehst, Otto!« Longus grunzte und die anderen lachten.
»Genießbar ist das Essen eigentlich nur sonntags und feiertags, wo auch einmal Pasta, Fleisch oder Knödel auf den Tisch kommen, bevor am Montag ein neuer circulus beginnt«, brachte Giacomo die Sache auf den Punkt.
Otto ließ sich nicht beeindrucken und löffelte weiter. »Ich weiß nicht, was ihr habt, die Suppe ist gar nicht so schlecht!« Er war so hungrig, dass er an diesem Abend fast alles gegessen hätte.
Nach dem Abendessen und einem kurzen Besuch in der Krankenstation erklärte Giacomo Otto den weiteren Ablauf des Abends, während sie sich mit den anderen Scholaren in der Klosterkirche zur gemeinsamen Komplet versammelten.
»Mit den Kuttenbrüdern sind wir, Gott sei Dank, nur zum Teil in den klösterlichen Alltag eingebunden. Da tagsüber Vorlesungen und Verpflichtungen an verschiedenen Orten der Universität anstehen, werden lediglich Laudes und Komplet zusammen mit den Mönchen in der Klosterkirche gebetet.«
»Ah ja«, gähnte Otto. Er war so müde, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte.
»Jetzt schlaf dich erst mal aus und gönn deinen geschundenen Füßen ein wenig Ruhe«, riet ihm Giacomo auf dem Weg ins Dormitorium. »Morgen werde ich dir alle anderen Dinge erklären.«
Otto warf seine Kleider über einen Stuhl, legte sich auf seine Rosshaarmatratze und deckte sich mit dem prall gefüllten Federbett zu. Endlich war er angekommen in der Welt, von der er sich so viel versprochen hatte. Gute Freunde zu finden, würde sehr wichtig sein. Das hatte er schon heute, an seinem ersten Tag, gespürt.
Sie haben hier irgendein Geheimnis. Der Papst hat für die Seinen wohl gesorgt. Was hat Oktavian damit gemeint? Das Böse würde in Gestalt von nichtsnutzigen Weibern lauern? Seltsam, dieser hilfsbereite Dominikaner, der Tauben füttert und vor dem Teufel warnt. Sterminio heißt doch das Verderben. Otto sinnierte über die Vorkommnisse des Tages und die Begegnung mit dem eigenartigen Pater auf der Piazza, aber noch bevor er sein Abendgebet beginnen konnte, hatte ihn der Schlaf eingeholt.
12 8. September
13 Idiot, du bist zu spät!
14 Deutscher Student, Frau, sei ruhig!
15 Entschuldige, sei willkommen! Wie heißt du? Was bist du mager.
16 Was für ein hübscher Junge, schau, die blauen Augen! Du Armer, was bist du schmutzig!
17 Wie ärgerlich, Ihr habt meine Tauben verscheucht!
18 Grammatik, Rhetorik, Dialektik.
19 Noch einer von jenseits der Berge!
20 Wenn Ihr erlaubt, Padre, zeige ich ihm das Haus.
21 Fresst, ihr Deutschen!
22 Du Schwanz, bleib ruhig!
23 Verlasst das Abendessen, geht in die Kirche und betet zwei Stunden.
9
Leeder, 15. September 1560
»Da können wir uns drehen und wenden, wie wir wollen, der sonntägliche Kirchgang muss als lutherischer Predigtgottesdienst durchgeführt werden.« Jacobus Rehlinger war etwas ungehalten.
Anna hatte an diesem Abend die Frage in die versammelte Runde geworfen, ob man sich nicht den teuren Unterhalt der Kirche sparen könnte. »Es tut mir leid, wenn ich dich mit meinem Vorschlag erzürnt habe, Jacobus, aber die meisten von uns leben nach dem Vorbild Caspars und besuchen die Kirche nur als Vorwand«, versuchte sie, die Wogen zu glätten, und Georg nickte ihr bestätigend zu.
»Um uns nicht auf dem eigenen Territorium angreifbar zu machen, ist es geradezu überlebenswichtig, den Augsburger Religionsfrieden umzusetzen. Nicht wenige der Altgläubigen laufen hinauf nach Denklingen, um ihre Sakramente zu empfangen. Wir stehen dadurch ständig unter Beobachtung.«
Anna wurde durch ein Geräusch vor der Tür abgelenkt. Als sie nachschaute, stand Hieronymus vor ihr und umarmte sie innig.
»Wach auf, mein Seel«, rief er in den Raum. »Ich wollte euch nicht stören.«
Das »Lobsinge seinen Namen« schallte ihm vielfach zurück. Anna bat ihn herein und spürte sofort, dass ihn irgendetwas bedrückte. Jacobus, Georg und Emanuel begrüßten ihn.
»Was führt dich zu uns, Oheim? Wir waren gerade dabei, über unsere protestantische Gottesdienstordnung zu beratschlagen, setz dich!«, lud Anna ihn ein.
Hieronymus Rehlinger zögerte nicht lange und verkündete die Neuigkeit: »Anton Fugger ist gestern überraschend gestorben.«
»Der Herr sei ihm gnädig. Ein großer Verlust für die Katholischen«, bemerkte Jacobus.
»Ich würde sagen, für die ganze Stadt und weit darüber hinaus. Denn schließlich war er es, der nach dem Augsburger Religionsfrieden mit beiden Konfessionen im Dialog geblieben ist und bemüht war, bei seinen Einladungen vor allem die protestantische Seite zu berücksichtigen. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie er katholischen Würdenträgern das cuius regio, eius religio24 erklärt hat: Es muss ein friedliches Nebeneinander geben, liebe Freunde, selbst wenn die politischen Konsequenzen für die katholische Kirche bitter und einschneidend sein werden. Es war ihm damals als kaiser- und papsttreuem Katholiken vollkommen bewusst, dass die Reformation nicht rückgängig zu machen war und sich die Äbte und Bischöfe mit dem Verlust von Zehnt und Steuereinnahmen wohl abfinden mussten«, berichtete Hieronymus.
»Ist es nicht so, dass sich die Katholiken mit ihrem Ablasshandel, der Unterdrückung der Bauern und der Förderung von Leibeigenschaft den Zorn Luthers und damit auf lange Sicht auch die Reformation selbst zuzuschreiben haben?«, mischte sich Anna in die Diskussion ein.
»Dass sich Martin Luther auf dem falschen Weg befunden hat, beweist die Tatsache, dass er dazu aufgerufen hat, die Bauernaufstände niederzuschlagen, und seine Leute Kirchen geplündert, angezündet und geschändet haben«, fügte Emanuel hinzu.
»Du darfst nicht vergessen, mein lieber Bruder, dass mit dem Beschluss des Reichstags, nur zwei Konfessionen zuzulassen, auch wir, zusammen mit Calvinisten, Täufern, Zwinglianern und Utraquisten, der Verfolgung ausgesetzt wurden«, ereiferte sich Jacobus.
»Alle großen Städte des Reiches werden sich zumindest auf eine Parallelität der Konfessionen einstellen müssen. In den meisten wird dies bereits seit Jahren gelebt, nur in Augsburg tut man sich schwer mit dieser unausweichlichen Tatsache. In der Unfähigkeit, diesen Dualismus anzuerkennen, verfolgen sie alle anderen und stürzen sich auf uns, um von der eigenen Engstirnigkeit und Verblendung abzulenken. Die öffentliche Verbrennung unserer Bücher vor zwei Jahren war der sichtbare Beweis, dass es in Augsburg bis in die höchsten Kreise hinauf an der notwendigen religiösen Toleranz mangelt.« Hieronymus’ Miene hatte sich während seiner Erzählung verdüstert. Anna vernahm mit Betroffenheit die Schilderung des Onkels.
»Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen, und damit seid ihr, die junge Generation, gemeint, dass wir eigenständig bleiben müssen und wirtschaftlich gesund, um uns die katholischen Usurpatoren vom Leib zu halten. Auch der Herzog in München unternimmt alles, um uns das Leben schwer zu machen. Es kümmert ihn wenig, dass wir absolut konform mit den Augsburger Reichstagsbeschlüssen leben und handeln«, sagte Jacobus.
»Was haltet ihr davon, wenn wir hinuntergehen und ich das Abendessen auftischen lasse? Hieronymus hat eine weite Reise hinter sich und bestimmt einen mächtigen Appetit mitgebracht.«
»Dann tun wir der Schlossherrin den Gefallen und lassen uns nicht lange bitten.« Georg stand als Erster auf und Anna ertappte sich dabei, dass sie ihn – wie bei jeder sich bietenden Gelegenheit – beobachtete.
24 Wessen Herrschaft, dessen Religion.
10
Bologna, San Michele25 1560
»Was meinte Oktavian eigentlich mit der Bemerkung Ad maiora mala vitanda?«, fragte Otto seinen neuen Freund Giacomo, als sie an diesem Feiertag zum Festgottesdienst in die Klosterkirche gingen. Es war ihm einfach nicht aus dem Kopf gegangen.
»Ich weiß ja nicht, wie der Klerus bei euch darüber denkt. Im Kirchenstaat, zu dem Bologna gehört, nimmt man es mit dem Zölibat nicht ganz so streng. Die meisten Geistlichen leben mit Konkubinen oder leisten sich Kurtisanen. Die Kinder, die dadurch entstehen, fallen ihnen bald zur Last. Die Päpste selbst gehen ja mit leuchtendem Beispiel voran: Papst Julius II. hatte deren drei, Paul III. sogar vier, und der jetzige Papst Pius IV. soll mehrere Geliebte haben, die ihm jederzeit zur Verfügung stehen.«
»Davon wird im Domkonvikt allenfalls gemunkelt. Dass sogar die Päpste eigene Kinder haben, wusste ich nicht«, bemerkte Otto und überspielte seine Überraschung.
»Vor einigen Jahren, unter Julius III., ist man dazu übergegangen, quasi als Vorsorgemaßnahme, Häuser einzurichten, in denen die geistlichen Herren, die es sich nicht leisten können, eine eigene Bettgefährtin oder Haushälterin auszuhalten, unter kirchlicher Kontrolle ihrer Libido frönen können. Julius’ Nachfolger wollte, dass alle Bordelle, auch die katholischen im Kirchenstaat, geschlossen werden. Bisher hat sich aber niemand daran gehalten, denn inzwischen haben wir ja Pius IV. Hier in Bologna gibt es so ein Haus, genannt casa di tolleranza, wir nennen es ›Castello‹. Ein Badehaus ausschließlich für Kleriker mit einem angeschlossenen Bordell.«
Otto kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. »Das sind ja aufregende Neuigkeiten«, entfuhr es ihm, nachdem er seine Sprache wiedergefunden hatte.
»Eisernes Stillschweigen darüber, Otto! Es gibt in der Stadt sehr aufmerksame Ohren, die begierig sind, alles, was jenseits der Legalität getrieben wird, bei den richtigen Stellen zu deponieren!«
»Ad maiora mala vitanda bedeutet also, dass es der Kirche lieber ist, dass ihre Geistlichen in geordneten Verhältnissen Unzucht treiben, als dass unzählige Pfaffenkinder von der doppelten Moral ihrer geistlichen Väter zeugen«, fasste Otto zusammen.
»Das hast du messerscharf erkannt, mein Lieber! Schelbscht Thomasch von Aquin verglich die Funktion der Proschtitution für die Geschellschaft mit einer Kloake, die im Palascht für Schauberkeit schorgt«, ergänzte Giacomo lachend und fuchtelte mit dem rechten Zeigefinger, den schon bekannten Professor nachahmend.
Otto stellte sich vor, wie es wohl sein würde, den Professor zum ersten Mal selbst zu hören. Inzwischen waren sie vor dem Portal der Kirche angekommen. Dort hatte sich eine Menschentraube gebildet.
»Ich lasse mir nicht den Tisch des Herrn verwehren!«, schrie eine Frau aufgeregt und die Umstehenden pflichteten ihr lautstark bei.
»Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifriger Gott!« Erminio vom Berg hatte sich vor ihr auf der obersten Stufe platziert und hielt ihr die ausgestreckte flache Hand abwehrend entgegen.
Otto war schnell klar, dass dieser Frau Unrecht widerfahren würde.
»Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie! Was habt Ihr denn dieser Frau vorzuwerfen?«, mischte er sich auf Deutsch in die Auseinandersetzung ein. Giacomos Versuch, ihn davon abzuhalten, kam zu spät.
»Mutig, mutig! Ich bewundere Euch, von Gemmingen, kaum zwei Wochen in der Stadt und schon das Maul aufreißen! Ich will es Euch sagen: Diese Frau hat einen Priester verführt und lebt mit diesem in Sünde, darum soll sie im Staub liegen und Buße tun, anstatt die Wohnung des Herrn mit ihrer Anwesenheit zu besudeln. Und Euch empfehle ich mehr Respekt angesichts der geistlichen Autorität.« Erminio warf einen zornigen Blick auf Otto und Giacomo.
»Leg dich lieber nicht mit ihm an«, flüsterte sein Freund Otto zu.
Otto aber ließ sich nicht beirren. »So ihr den Menschen ihre Sünden vergebt, so wird der himmlische Vater sie auch euch vergeben. Matthäus, Kapitel sechzehn, Vers vier«, rief er dem Dominikaner über die Schaulustigen hinweg zu und erntete dessen höhnisches Lachen. Nachdem es verklungen war, war es auf dem Platz so still, dass man nur noch das Gurren der Tauben vom Kirchturm hörte.
Otto spürte Giacomos Hand an seinem Arm, der ihn durch die Menge zurück an den Seiteneingang zog. Otto ließ sich nur widerwillig wegzerren.
»Wie kommt dieser Mensch dazu, sich über die Worte des Herrn zu erheben, frage ich dich.«
»Da hast du dir den falschen Gegner ausgesucht, Otto! Erminio ist mächtig und durchaus in der Lage, dir das Leben zur Hölle zu machen. Ich verstehe dich ja, dass du Ungerechtigkeit, noch dazu gegen Schwächere, nicht ertragen kannst. Es gibt aber andere Möglichkeiten, ihn zu ärgern, wart es ab.«
Während des Gottesdienstes gingen Otto alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Ein Geistlicher darf sich in einem Bordell den körperlichen Freuden hingeben und steht anschließend wieder am Altar des Herrn. Einem Weib, das mit einem Priester verkehrt, wird dagegen der Zugang zu den Sakramenten verwehrt.
Sein Glaubensgefüge hatte einen Riss bekommen.
Am Abend saßen die Ultras in ihrer Lieblingstaverne und erzählten sich von ihren Erlebnissen aus den Ferien.
»Da haben wir einen guten Fang gemacht!« Giacomo stieß Otto wie einem alten Freund mit seinem Ellenbogen in die Seite.
»Das hättet ihr heute hören sollen, wie Otto vor allen Leuten die Konkubine eines Pfaffen verteidigt hat. Das hatte Sterminio nicht erwartet, dass er vor der Kirche auf Widerstand stoßen würde.«
Otto überhörte das Kompliment. »Ihr erzählt mir, dass sich Geistliche im Bordell vergnügen dürfen. Hingegen verlieren Sünderinnen mit demselben Vergehen den Zugang zu den Sakramenten. Liegt denn darin nicht ein grober Widerspruch?«
»Sicherlich wird hier mit zwei verschiedenen Maßstäben gemessen. Das ist, wie so oft, eine Sache der Auslegung, Otto. Selbst der oft zitierte Aquinate ist der Meinung, dass Blicke, Berührungen und Küsse nur in Verbindung mit Wollust den Akt der Sünde darstellen, und Weiber sind ja bei den Katholiken von jeher sündhaft«, konterte Oktavian.
»Ach ja, du hast ja einen protestantischen Vater. Ist Sünde nicht immer Sünde, egal, ob Mann oder Weib, katholisch oder protestantisch?«, entgegnete Otto etwas verwirrt.
»Dann soll mir jemand Wollust nachweisen! Und außerdem wird dir doch in der Beichte Unschamhaftigkeit in Reden und Handeln mit ein paar Vaterunsern verziehen«, mischte sich Rico ein.
»Wenn ich das meinem Vater erzähle, konvertiert der zu den Lutherischen«, reagierte Otto entsetzt. »Woher wisst ihr eigentlich von diesem Bordell? Oder habt ihr euch das alles nur ausgedacht?«
»Wenn dir mal danach ist, nehmen wir dich gerne mit, dann kannst du dir für ein paar Tage die Handarbeit sparen«, bot ihm Rico an und klopfte Otto lachend auf die Schulter.
»He, Rico, langsam, langsam, und vor allem nicht so laut! Natürlich ist das alles geheim und geschieht absolut im Verborgenen«, mahnte Giacomo und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen.
»Rico ist vor zwei Jahren mit einem älteren Kommilitonen aus der Natio der Sache auf die Spur gekommen, als sie einen Bruder erwischt haben, wie er es hinten im Ökonomiegebäude mit einem Schaf getrieben hat. Wenn sie ihn verpfiffen hätten, hätte er wohl mit dem Schlimmsten rechnen müssen.« Giacomo zog mit der Handkante den Hals entlang. »Entgangen ist er seiner Strafe nur, weil alle die Geschichte für sich behalten haben. Der Bruder hat zum Dank den beiden den Zugang zum Castello verschafft und versorgt sie bis heute mit der jeweils gültigen Losung, die dort die Türen öffnet.«
»Ihr habt ihn erpresst?«, staunte Otto.
»Wenn du so willst, profitieren beide davon. Dem Bruder rettete es das Leben und ersparte ihm den vorzeitigen Abgang ohne Sakramente in die Hölle, uns hingegen öffnet es die Pforten ins irdische Paradies«, legte Giacomo schwärmerisch dar.
»Warst du denn bereits in diesem Castello?«, wollte Otto wissen, nun doch neugierig geworden.
»Einige von uns sind dort regelmäßig, ich nur gelegentlich.« Giacomo grinste in sich hinein.
»Um dort nicht irgendwelchen bekannten Gesichtern zu begegnen, kannst du eigentlich nur während der Gebetszeiten oder an Tagen, an denen die Herren ihren seelsorgerischen Pflichten nachgehen, dort aufkreuzen, was wiederum den Nachteil hat, dass du Schwierigkeiten bekommst, wenn sie dich nicht in der Kirche antreffen.«
»Wollt ihr unseren neuen Freund wirklich schon in die Geheimnisse einweihen? Du musst verstehen, Otto, wir kennen dich kaum, und die Sache darf niemals herauskommen«, meinte Oktavian.
»Sein Auftritt heute Morgen war Beweis genug, dass man sich auf ihn verlassen kann«, wandte Giacomo ein.
»Es weiß nur ein halbes Dutzend verschworener Leute von der Natio darüber Bescheid, und das muss so bleiben, sonst kriegst du es mit mir zu tun«, flüsterte Rico ihm bedrohlich ins Ohr.
»Ihr könnt euch auf mich verlassen«, versicherte Otto etwas verdattert.
»Jetzt ist genug geredet«, beendete Giacomo das Gespräch abrupt, als sich immer mehr Bekannte von der facultas an den Tisch setzten.
»Inter pedes virginum gaudium est juvenum26«, sangen sie mit vereinten Kräften und Otto kam nicht umhin, ebenfalls mit einzustimmen. Während der Trebbiano das Übrige tat, um die Zungen zu lockern, beschloss Otto nach dem dritten Becher im Stillen, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und für alles offen zu sein, was da auf ihn zukommen mochte.
»Giacomo, du sollst sofort zu Ferrara kommen, es ist etwas mit deinem Vater!«, schrie auf einmal Longus in die Runde. Er musste gerannt sein, so schwer, wie er atmete.
Giacomo stand mit versteinerter Miene auf und die Gesänge am Tisch verstummten augenblicklich. Für Otto war klar, dass der Himmel ein Zeichen zur Warnung geschickt hatte.
Sicher ist es nicht gottgefällig, was hier geschieht. Der arme Giacomo!
25 29. September
26 Das Vergnügen der jungen Burschen liegt zwischen den Beinen der Jungfrauen.
11
Leeder, November 1560
»Wo der Meister sich wohl jetzt befinden mag?« Jacobus Rehlinger sprach Anna aus der Seele. Es war der Gedanke, der alle im Schloss versammelten Anhänger und Freunde Schwenckfelds seit Langem beschäftigte. Anna hatte sich viel Mühe gegeben, um das Konventikel in der Form abzuhalten, wie Jacobus es ihr aus der eigenen Erfahrung mit Caspar weitergegeben hatte, und doch hätte sie es wenigstens einmal mit ihm selbst erleben wollen.
»Ich vermute, dass er sich in Öpfingen oder in Memmingen aufhält. Er folgt einer göttlichen Eingebung, die ihn behütet und vor Verfolgung bewahrt«, wandte Georg Mayer ein.
»Und ich habe ihm immer noch nicht begegnen dürfen. Was wohl seine überstürzte Abreise am Tag vor unserer Hochzeit ausgelöst hat? Ob er vor den Schergen des bayerischen Herzogs fliehen musste?«, sagte Anna und seufzte vernehmlich.
»Du trägst ihn in deinem Herzen, und nur das zählt. Agnes Martt wird jeden Tag aus Augsburg erwartet. Bestimmt wird sie Neuigkeiten mitbringen. Dort weiß man immer, wie es um ihn steht.« Emanuel nahm Anna in den Arm. »Darf ich dich um die Bibellesung bitten, Georg? Jacobus wird heute die Predigt übernehmen.«
Anna genoss es, Gastgeberin zu sein. Sie war es, die die Lieder aussuchte und nach dem Konventikel aus der Küche auftischen ließ. Auch wenn sie an diesem Sonntagabend erkennen musste, dass die Gespräche sich weniger um das seelische oder leibliche Wohl drehten, sondern erfüllt waren von der Sorge um Caspar.
»Wir hätten ihn nicht ziehen lassen dürfen; in den Monaten, die er hier verbracht hat, sind wir zu einem wichtigen Zentrum seiner Lehre geworden. In Schäfmoos war er jedenfalls sicher und behütet. Die Sorge um sein Wohlergehen und sein Leben teilen wir alle. Lasst uns miteinander für ihn beten, dass der Herr, unser Gott, ihm das Geleit gebe und ihn auf sicheren Pfaden führe.«
Anna stellte bewundernd fest, dass Jacobus Rehlinger wie immer die richtigen Worte gefunden hatte, und sie beneidete alle im Raum, die die unerklärliche und glückselig machende Ausstrahlung Caspars am eigenen Leib hatten erfahren dürfen.
12
Bologna, Weihnachten 1560
Am Vorabend des Weihnachtsfestes lagen die Freunde in ihren Betten und Otto sinnierte. »Denkt ihr nicht manchmal an eure Eltern?« Er ertappte sich dabei, wie wenig seine Gedanken in letzter Zeit bei seiner Familie waren. Das Studium forderte ihn so sehr, dass er kaum an irgendetwas anderes denken konnte. Bis jetzt hatte er nie den Heiligen Abend ohne sie verbracht.
»Ich denke oft an meinen Vater«, antwortete Giacomo. »Ihr müsst wissen, dass er den jähen Tod gestorben ist, ohne Sakramente und Letzte Ölung, nun müssen wir alles daransetzen, um ihn aus dem Fegefeuer zu befreien.«
»Ich werde ihn in meine Gebete einschließen«, versuchte Otto, seinen Freund zu beruhigen.
»Wisst ihr, warum Oktavian nicht im Collegio ist?«, wollte Otto wissen.
»Ich glaube, er macht einen Besuch bei seinem älteren Bruder in Venedig. Die Honolds machen dort gute Geschäfte, und ehrlich gesagt würde ich ebenfalls lieber in einem Palazzo am Canale Grande das Fest verbringen als in unserem muffigen Kloster«, erklärte Giacomo. »Vor allem ist es wichtig für mich, auf andere Gedanken zu kommen.«
»Du brauchst ein wenig Abwechslung, Giacomo. Die Citras sind fast alle zu ihren Familien nach Hause gereist, der Regens ist in Rom und das bedeutet für uns, dass die Katze aus dem Haus ist, ihr Ratten! Lasst uns am Heiligen Abend das Fest der Nächstenliebe feiern, wie Luther es so schön genannt hat. Während die Brüder ihre Christmette zelebrieren, statten wir den Mädchen im Castello einen Besuch ab, sozusagen eine delectatio carnalis27. Francescos Vögelchen werden deinen Alten schnell vergessen machen.« Rico pfiff durch die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen. »Was meinst du, Giacomo, wollen wir den Kanonikus mitnehmen?« Dabei wandte er sich Otto zu. »Hast du denn überhaupt Lust mitzukommen?«
Otto hatte all die Wochen nicht mehr an die casa di tolleranza gedacht, zu sehr war er mit den Vorlesungen, den Büchern und den Aufgaben beschäftigt, die sich auf seinem Schreibpult stapelten. »Was glaubt ihr denn? Natürlich komme ich mit.« Er klang überzeugter, als er war, aber er wollte auf keinen Fall ein Spielverderber sein, schließlich war er doch in Italien, um das Leben und alles, was es zu bieten hat, richtig kennenzulernen.
»Holst du morgen das Losungswort ab?«, fragte Giacomo Rico.
»Nicht nötig, ich denke, es gibt erst im neuen Jahr einen Wechsel der Losung, so lange ist die alte gültig«, flüsterte Rico und Otto spitzte die Ohren.
»Also sub tuum praesidium«, wiederholte Giacomo.
»Schrei noch lauter!«, zischte Rico. »Sub tuum praesidium! Otto, hast du gehört?«
Otto konnte mit der Übersetzung »unter deinen Schutz« keinen Zusammenhang zu einem Bordell herstellen. »Ich bin ja nicht taub! Ich versuche nur, mir den morgigen Abend bildhaft vorzustellen, und stolpere über die Tatsache, dass es eigentlich eine schwere Sünde ist, was wir da vorhaben.«
»Jetzt hör auf mit deinen Moralvorstellungen, Otto. Alle machen es, vom Papst über die Rotkappen und Bischöfe, bis hinunter zu den Pfaffen und Kuttenbrunzern.« Otto kannte bereits die markigen Sprüche Ricos. Sie rangen ihm nur ein müdes Lächeln ab.
»Danke für euer Vertrauen, ich werde mir ja wohl Gedanken machen dürfen. Wie hältst du es eigentlich mit der Tugend, Giacomo? Bist du nicht so erzogen worden, die Zehn Gebote einzuhalten und in Rechtschaffenheit und Gottesfurcht durch das Leben zu gehen?«
»In unserer Familie hat man es mit der Hilfe Gottes zu großer Macht und Einfluss gebracht. Ibi fas ubi proxima merces28. Niemand aus unserer Familie würde all die skrupellosen Geschäfte, die mein Großvater und mein Vater mit Königen, Kaisern und sogar dem Papst gemacht haben, als verwerflich und unmoralisch bezeichnen. Bei uns lebt man nach der Devise: Gut ist, was uns nützt. Mein Großonkel Jakob war sein Leben lang ganz eng mit der Kirche verbunden. Hinter all seinem Tun standen sein guter Wille und der Wille des Allmächtigen. Auch wenn in den Kriegen, die er dem Kaiser finanziert hat, Tausende von unschuldigen Menschen ihr Leben verloren haben, war es für ihn und sein Gewissen ausreichend, für diese armen Seelen in Augsburg eine eigene Kapelle zu bauen und ausstatten zu lassen. Mit seinen Zinsen, die er für das Verleihgeschäft verlangt hat, hat er sich nicht nur zum reichsten Mann der Welt gemacht, sondern gleichzeitig Tausende in die Armut und in den Tod getrieben. Weil er aber ein rechter Fugger ist, hatte er selbst dafür mit dem lieben Gott eine Vereinbarung getroffen: Er stiftete eine Siedlung für Arme und Bedürftige. Die Leute wohnen dort umsonst und sprechen dafür täglich einmal ein Vaterunser, ein Credo und ein Ave-Maria für den Stifter und meine Familie. Aber wem erzähle ich das alles, man kennt ja die Geschichten über unsere Familie. Du hast nur ein Leben, das du nach deinem Gutdünken gestalten kannst. Wenn du deinem Gott am Altar dienen und auf das fleischliche Glück verzichten willst, dann tu es! Wenn du dein Leben in einem Kloster verbringen willst, wer hindert dich? Aber jetzt lerne die Welt kennen, die die katholische Kirche als schlecht und verdorben darstellt. Mach dir dein eigenes Bild von dem, was in der katholischen Badestube vor sich geht, hinterher kannst du immer noch zum Pfaffen gehen und deine Sünden beichten.«
Selbst wenn Giacomo nicht so brillant argumentiert hätte, Otto war inzwischen gerne bereit, sich überzeugen zu lassen. Er sehnte sich nach der Wärme und Geborgenheit eines anderen Körpers. Die Nächte waren frostig und im großen Dormitorium stand nur ein kleiner Ofen, der kaum verhindern konnte, dass sich an den Fenstern Eisblumen bildeten. Wer wollte, konnte sich für das Bett einen heißen Stein aus der Küche nehmen, der für ein paar Stunden Wärme verbreitete. Er beschloss, einen solchen zu holen.
»Sub tuum praesidium confugimus, Sancta Dei Genetrix. Nostras deprecationes ne despicias in necessitatibus, sed a periculis cunctis libera nos semper, Virgo gloriosa et benedicta.29« Otto repetierte leise und gebetsmühlenartig die Marienantiphon, während er mit einer Kerze in der Hand die drei Stockwerke zur Küche hinunterstieg.
Als Otto mit dem Stein in der Hand und dem Psalm auf den Lippen zurückkehrte, lästerte Giacomo: »Im Castello wissen sie mit deinen Nöten umzugehen, Herr Kanoniker.«
»Silentium finalmente, teutones!«, beschwerte sich lautstark der Citra, der als Einziger die Feiertage nicht zu Hause verbrachte; streng genommen war nach dem Löschen der Kerzen jegliche Unterhaltung untersagt.
»Habt ihr nicht Sorge, dass der Citra etwas gehört haben könnte?«, fragte Otto besorgt.
»Ach, der versteht kein einziges deutsches Wort, darauf verwette ich meinen Teutonenarsch«, antwortete Rico lachend.
Otto lag noch lange wach, er war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite das Kanonikat, die Erwartungen seines Vaters, seine Heimat, die Kirche, auf der anderen Seite das Leben, das Verbotene, die Lust und das Verlangen des eigenen Körpers. Erst als der heiße Stein längst seine ganze Wärme abgegeben hatte und von den anderen Betten lautes Schnarchen zu vernehmen war, schlief er endlich ein.
Sie hatten gewartet, bis die Glocken verstummt waren, die die Christmette einläuteten, dann zog Otto mit Giacomo und Rico los. Die Nacht war kalt und neblig.
»Und was, wenn wir erwischt werden?«
»Scheiß dir nicht ins Hemd, Otto«, entgegnete Rico.
»Da in der Christnacht die Vigil in der Regel als Nachtwache abgehalten wird, ist die Wahrscheinlichkeit, im Castello ein bekanntes Gesicht zu treffen, sehr gering«, versuchte Giacomo, Ottos Bedenken zu zerstreuen.
»Die meisten Leute sitzen in einer der Kirchen; die Geistlichkeit sowieso.«
Sie hatten ihre schwarzen Umhänge angelegt. Giacomo trug die Öllampe und leuchtete.
»Ich komme mir vor wie eine der lichtscheuen Gestalten, die ihre Arbeit im Dunkeln verrichten: Abdecker, Henker und Verdingmörder«, murmelte Otto.
»Da vorne in die Via Marsili, links in die Via Urbana und schon sind wir in der Via Senzanome, dort liegt die casa di tolleranza«, flüsterte Giacomo geheimnisvoll.
Er spielt nur zu gern den Fremdenführer, dachte Otto und fragte: »Warum ist Longus nicht mitgekommen?«
»Er macht sich nichts aus Weibern«, antwortete Rico »dafür kann er wie kein anderer Leute nachahmen und Witze erzählen.«
»Nach dem Studium will er eine geistliche Karriere einschlagen, am liebsten in einem Kloster. Na, die werden viel Spaß mit ihm haben! Er ist ein guter Kerl. Da das Collegio nach der Komplet abgesperrt wird und es keine Möglichkeit gibt, ins Gebäude zu kommen, wartet er im Studierzimmer auf uns, um uns nach unserer Rückkehr durch ein Fenster neben der Küche hineinzulassen«, erklärte Giacomo.
»Was erwartet uns in dieser casa di tolleranza?«, fragte Otto.
»Ein Kastrat und ein Haufen junger Weiber, die ihre feuch…«
»Rico, bleib gelassen!«, unterbrach ihn Giacomo. »Viele von den Mädchen dort haben ein schweres Schicksal zu ertragen. Die meisten von ihnen stammen aus katholischen Waisenhäusern. Sie sind uneheliche Kinder von Geistlichen, die von Nonnen erzogen wurden, oder ihre Eltern sind tot. Der Lebensweg von Waisen endet gewöhnlich im Frondienst eines Klosters oder eines Spitals, nur die hübschen und kräftigen Mädchen werden für spezielle Aufgaben ausgewählt; immerhin haben sie einen besonderen Status.«
»Offiziell gelten sie als Bademägde, deren Aufgabe es ist, jede Woche den geistlichen Kunden die Schwarten zu säubern«, merkte Rico an und lachte.
»Es ist ihnen daher erlaubt, sich ohne besondere Kennzeichnung frei in der Stadt zu bewegen«, ergänzte Giacomo. »Für normale Huren sind ein gelbes Gewand oder zumindest gelbe Schleifen vorgeschrieben. Unsere Bademägde dürfen die Sakramente empfangen und stehen, wie alle in Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeeinrichtungen Beschäftigten, unter dem besonderen Schutz der katholischen Kirche, die sie darob als ihr Eigentum betrachtet. Wobei es nicht wenige in der Kirche gibt, die sie am liebsten zum Teufel jagen würden.«
Otto klopfte das Herz bis zum Hals, als sie vor der unscheinbaren Stadtvilla ankamen.
»Ach ja, bevor ich es vergesse, Otto: Es gibt ein paar Spielregeln zu beachten. Zum einen, verrate niemals deinen Namen und deine Herkunft, und das Wort ›Collegio‹ darf nie fallen. Wir sind alle drei Novizen eines Klosters, verstanden! Die Mädchen sind ebenfalls angehalten, nicht über sich zu sprechen oder ihren wahren Namen zu nennen; also nicht nachfragen und keine Küsse auf den Mund, hörst du! Zum anderen mögen sie es, wenn du dich vorher gebadet hast; außerdem gibt man am Ende für die geleisteten Dienste mindestens zwei Bolognini.«
Otto nickte und Giacomo zog an einem Seil, an dem im Inneren ein Glöckchen bimmelte. Otto spürte Ricos mächtige Hand auf seiner Schulter.
»Nicht lachen, Otto, wenn gleich der alte Francesco an der Tür erscheint. Die Stimme passt überhaupt nicht zu seinem Äußeren. Er war früher einer der berühmtesten Sänger am duomo. Der damalige Domkapellmeister hat ihn als Kind den Eltern abgekauft und kastrieren lassen, um seine engelsgleiche Stimme der cantoria des Doms zu erhalten. Nun, da ihm das Singen vergangen ist, kümmert er sich hier um die Vögelchen und verrichtet die schweren Arbeiten im Badehaus.«
Otto schluckte angewidert. Er hatte von dieser Praktik in Italien bereits gehört. »Was für ein grausamer Preis«, entfuhr es ihm und er griff sich reflexartig zwischen die Beine.
In der Tür öffnete sich eine kleine Luke und ein rundes, aufgeschwemmtes Gesicht erschien. Zwei Knopfaugen sahen ihnen entgegen.
»Accesso parola?30«, plärrte der Mann im Sopran.
Giacomo sah sich kurz um, wohl aus Sorge, dass irgendjemand ihnen gefolgt sein könnte. Dann wandte er sich wieder dem Kastraten zu. »Sub tuum praesidium«, flüsterte er und steckte ihm einen Bolognino zu.
»Entrate«, fiepte Francesco. Er schien schlecht gelaunt, da er wohl an diesem Abend nicht mit Kundschaft gerechnet hatte. Den Obolus nahm er dennoch dankend an und alsbald öffnete sich die große Tür.
»Komm, Otto, es wird Zeit, dass du erwachsen wirst«, feixte Giacomo und zog ihn über die Schwelle.
Der Kastrat trottete vor ihnen her. Otto sog die warme, feucht dampfende Luft ein.
»Sein massiger Körper steht auf viel zu langen Beinen, dafür sind seine Arme viel zu kurz geraten; diese Missbildung hat wohl etwas mit dem Eingriff zu tun. Es ist ja nicht normal, wenn sie dir mit neun Jahren die Eier abschneiden. So hat es mir Oktavian erzählt«, erklärte Rico leise, während sie das von den warmen Steinplatten beheizte Erdgeschoss durchquerten, in dem die Badestube mit mehreren Holzzubern eingerichtet war.
»Die Badestube ist eigentlich für die Stadtkleriker gedacht, von denen es in Bologna mehrere Hundert gibt«, ergänzte Giacomo die Führung durch das Badehaus. »Die meisten Klöster indes haben ihre eigene Badeabteilung, das hindert aber die Mönche nicht, diesen außergewöhnlichen Ort mit der Option auf eine Sonderbehandlung aufzusuchen. Hier lassen sich die geistlichen Herren den Rücken abschrubben, die Warzen und Schwielen behandeln, die Zehennägel schneiden und für eventuelle weitere Genüsse in Stimmung bringen.«
»Giacomo meint, dass sich die Kuttenbrüder ficken lassen«, erklärte Rico und Otto errötete. Er hatte dieses Wort noch nie benutzt.
»Jetzt benimm dich, Rico«, ermahnte ihn Giacomo.
Langsam stapfte Otto den beiden Freunden hinterher die breite Steintreppe hinauf in die obere Etage des Hauses. Hier gingen von einer umlaufenden Galerie die einzelnen Zimmer ab. Von dort oben konnte man das Badevergnügen im Erdgeschoss beobachten. Otto staunte über den Prunk und die verschwenderische Ausstattung des Hauses, sog den wunderbaren Duft ein und genoss jeden Atemzug.
So riecht also die Sünde.
In dem geräumigen Kaminzimmer, das einen großen Teil des Stockwerks einnahm, saßen im Halbdunkel ein gutes Dutzend Mädchen lachend und scherzend um das offene Feuer auf Fellen, Polstern und Kissen, die überall ausgebreitet waren. Der Raum war durch die züngelnden Flammen des Kamins und der Kerzenhalter, die an den Wänden angebracht waren, nur spärlich beleuchtet. Otto versuchte, sich im Hintergrund zu halten, konnte jedoch kaum seinen Blick von den leicht bekleideten Mädchen abwenden. Oft hatte er sich in seiner Fantasie vorgestellt, wie es wäre, bei einer Frau zu liegen, heute war er diesem Gedanken so nah wie nie.
Rico wandte sich ihm zu. »Los, Krummbuckel, nicht so schüchtern, alles gut katholisch hier.«
Die Mädchen mussten Rico und Giacomo gut kennen, das war Otto sofort klar, als er sah, wie stürmisch die beiden begrüßt wurden. Giacomo öffnete den Beutel, den er unter dem Umhang versteckt hatte, prall gefüllt mit allerlei süßem Gebäck. Er hatte die Köstlichkeiten in den letzten Tagen von den im Speisesaal ausliegenden Tellern abgezweigt und kippte sie auf einen Tisch. Otto saß im Nu inmitten der schnatternden Mädchen, bekam heißen Kräuterwein angeboten und mit einem fröhlich tönenden »Buon natale31« kamen sie sich rasch näher.
»Die Mädchen freuen sich, wenn wir kommen. Kein Wunder, mit uns haben sie weitaus mehr Vergnügen als mit den alten, unappetitlichen Fettsäcken, denen sie sonst zu Diensten sein müssen. Komm, Otto, lass es dir gut gehen.« Rico lachte und trank Otto aufmunternd zu.
Otto beobachtete, wie Giacomo sich klammheimlich von einer drallen Dunkelhaarigen in die Badestube führen ließ.
Rico hatte sich neben einer schwarzhaarigen Schönheit niedergelassen.
»Darf ich dir Mona vorstellen?« Stolz präsentierte er ihm seine Freundin. »Sie ist das wundervollste Mädchen in ganz Italien und wir lieben uns auf immer und ewig.«
Die schöne Mona nickte. Sie hatte bezaubernde Augen, verführerische Lippen und einen makellosen Körper.
»Eins sag ich dir: Fass sie nicht an, Otto, sonst geh ich dir an die Gurgel. Komm, zeig ihm deine Rose, Mona!«
Sie schob aufreizend ihr Kleid über die Schulter, zeigte eine filigrane Rosentätowierung und lächelte Otto an, der nicht recht wusste, was er dazu sagen sollte.
»Ein Kunstwerk!«, stammelte er und trank von dem mit Salbei und Minze versetzten Wein.
»Ich habe sie zu ihrem Geburtstag stechen lassen. Ist sie nicht wunderschön?« Rico stand auf, zog Mona zu sich, küsste sie und verschwand mit ihr eng umschlungen. Allein zurückgelassen, war Otto so mulmig zumute, dass er verlegen Schluck für Schluck von dem Wein trank.
»Che bel ragazzino!32« Jemand fuhr ihm von hinten durch die Haare. Eine rothaarige, groß gewachsene Schönheit setzte sich neben ihn. Sie nahm seinen Kopf und drückte ihn an ihr halb geöffnetes Mieder. Otto ließ es geschehen und sog den warmen und anregenden Körperduft dieser Verführerin in seine Nase, bis er keine Luft mehr bekam.
»Ich heiße Giovanna«, säuselte sie ihm ins Ohr. Ihre schwarzen Pupillen wanderten hin und her, sodass das Weiße ihrer Augen auffallend funkelte, ihre Lippen formten sich zu einem einladenden Kuss.
»O…« Ihm kam gerade noch in den Sinn, dass er seinen Namen tunlichst vermeiden sollte. Mit einem »Oh, Giovanna, was für ein schöner Name. Ich bin sechzehn und komme aus Germania«, gelang es ihm, eine elegante Wende zu nehmen. Sein Italienisch war inzwischen so gut, dass sie sich ohne Probleme unterhalten konnten.
»Du warst noch nie bei uns, stimmt’s?«
»Ja, und ich habe noch nie einem Weib beigewohnt; ich bin erst vor Kurzem in ein Kloster eingetreten.«
Otto fand, dass das gar nicht gelogen war.
»Wir sind ein ganz und gar katholisches Haus. Alles, was Gott dir geschenkt hat, sollst du zum vorgesehenen Zwecke nutzen und anwenden, wie damals König David, der mehrere Frauen besaß und sich jede genommen hat, die er begehrte. Jedenfalls steht das so im Alten Testament«, erklärte ihm Giovanna selbstbewusst und rückte näher an ihn heran.
»Du meinst das zweite Buch Samuel, Kapitel elf, wenn du …«
»Ich habe gedacht, dass es nördlich der Alpen nur blonde Menschen gibt, du aber bist schwarzhaarig«, unterbrach ihn Giovanna und fuhr ihm ein weiteres Mal durch seinen Wuschelkopf.
»Bei uns gibt es alle möglichen Haarfarben, mein Vater ist schwarz, meine Mutter blond; ich habe die Haare von meinem Vater und die blauen Augen von meiner Mutter geerbt. Ich habe noch nie ein Mädchen mit so schönen roten Haaren gesehen.«
Giovanna schien wenig beeindruckt und Otto fühlte, wie sich sein schlechtes Gewissen, das ihn beim Betreten des Hauses fest im Griff gehabt hatte, langsam, aber sicher von ihm verabschiedete. Außerdem wollte er vor den Freunden nicht als Versager dastehen, also trank er einen weiteren kräftigen Schluck von dem inzwischen lauwarmen Wein und hoffte inständig, sein Begehren nach diesem Weib würde möglichst schnell über die Moral und seine katholische Erziehung die Oberhand gewinnen.
»Komm mit, ich werde dir alles zeigen, was Mann und Frau zusammen machen«, forderte Giovanna ihn auf, nahm eine brennende Kerze und zog ihn hinter sich her auf die andere Seite der Galerie, die den Blicken der Besucher des Badehauses entzogen war. Eine Tür reihte sich an die andere, dazwischen jeweils eine schwach scheinende Öllampe. Über jedem Türstock war ein in Stein gemeißelter Spruch wie »Qui sine peccato primam lapidem mittat33« oder »Gaudium donum dei34«. Sie öffnete die Tür zu einem der Zimmer, darüber stand »Debita nostra dimitte nobis35«, und schubste Otto hinein. Es war ein großes Zimmer, das neben einer Truhe als einziges Möbelstück ein Bett enthielt; den Boden bedeckte ein weicher Teppich, die Wände waren mit wertvollen Stoffen bezogen. Giovanna zündete mehrere Kerzen an der Wand an und streifte sich die Röcke vom Leib.
Otto stand wie gebannt vor ihr und bewunderte im diffusen Flackerlicht den nur mit einem Hemdchen bekleideten Körper, den sie verführerisch zu bewegen verstand. Giovanna tänzelte, strich sich aufreizend über die Hüften, zog ihn zu sich und griff ihm zwischen die Beine, wo seine Libido hinter der Schamkapsel nicht mehr zu verbergen war. Innerhalb weniger Sekunden hatte sie ihm Wams, Hemd und Hose heruntergerissen, was seine ungestüme Rute ins Freie drängen ließ. Als Giovanna vor ihm auf die Knie ging und mit einem geübten Handgriff aus einem Topf mit Rindertalg seine Männlichkeit einrieb, schoss es bereits aus ihm heraus und ein wohliges Zucken durchschüttelte ihn. Giovanna wischte sich laut lachend mit einem Tuch das Gesicht ab, als wenn dieses Missgeschick nicht zum ersten Mal passiert wäre.
»Es tut mir leid, ich wollte nicht … Warum lachst du?«, fragte Otto verwirrt.
»Ich lache nicht über dich und das ist auch nicht schlimm«, beruhigte ihn Giovanna und zog ihn zum Bett unter die Decke, wo sie eng aneinandergeschmiegt im gleichen Rhythmus ein- und ausatmeten.
»Wenn du nie bei einem Mädchen gelegen hast, ist das ganz normal.«
»Du erzählst hoffentlich meinen Freunden … äh … Mitbrüdern nichts davon?«
Giovanna schüttelte den Kopf. »Alles will gelernt und geübt sein, Carino.«
So nennt sie vermutlich alle ihre Kunden, ging Otto durch den Kopf.
»Sicherlich geht es beim nächsten Versuch besser, dann nehme ich dich auf in mein Reich. Über deine Mitbrüder mach dir keine Sorgen, die beiden kennen wir seit Längerem. Wir sind zu absolutem Stillschweigen verpflichtet; was hier passiert, bleibt hier, nichts dringt nach draußen.« Giovanna hatte sich eine eigenartige Ausdrucksweise angewöhnt, die voll war mit klerikalen Anspielungen. Während sie sprach, erkundete er mit seinen Händen ihren glatten, makellosen Körper vom Hals über ihre kleinen, zierlichen Brüste bis hinunter zu ihren Beinen; dabei ertastete er zum ersten Mal in seinem Leben die weiche, feuchte und geheimste Stelle einer Frau. Der bloße Gedanke galt als schweres Vergehen, nun hatte er sogar seine Finger daran gelegt.
Sünde, Sünde, Sünde!, hämmerte es in seinem Kopf.
Von dir lass ich mir nichts mehr sagen!, hielt er dagegen. Geh mir aus dem Sinn. Als Mann und Weib erschuf er sie. Sie ist ein Geschöpf des Vaters.
»Mach es so, Carino!«, unterbrach Giovanna seine Gedanken, nahm seine Hand und führte sie an die Stelle ihres Körpers, die ihr anscheinend am meisten Lust bereitete. Mit seinen Fingerkuppen steuerte er ihre Verzückung.
»Oh, Giovanna«, seufzte er begehrlich, als sie ihre Lust laut hinausschrie.
»Na, wie war die Rothaarige?«, versuchte Giacomo auf dem Heimweg etwas spöttisch, Otto aus der Reserve zu locken.
Otto wollte nichts dazu sagen, um sich nicht in Verlegenheit zu bringen.
»Ich hoffe, dass das alles unter uns bleibt und nicht in Augsburg die Runde macht, sonst wird mein Stipendium ganz schnell auslaufen. Mein Kanonikat mitsamt meinen Pfründen kann ich dann vergessen«, lenkte er vom Thema ab.
»Mach dir nicht ins Hemd, bis heute haben alle aus der Natio dichtgehalten«, beruhigte ihn Rico und trällerte sein Lieblingsliedchen. Inter pedes virginum gaudium est juvenum.
Um die zweite Stunde nach Mitternacht waren sie zurück.
»Alle bis auf Longus waren dort und werden den Teufel tun, irgendjemandem etwas davon zu erzählen«, versicherte Giacomo.
»Auf Longus kann man sich verlassen, oder?«, fragte Otto.
»Sei unbesorgt. Wie ich ihn kenne, liest er stundenlang in seiner Exegese.36« Giacomo warf ein Steinchen ans Fenster. Longus schaute kurz heraus und bald darauf öffnete sich in einem Nebenraum der Küche ein Fenster, durch das sich Otto und seine Freunde hintereinander hineinzwängten.
»Na, habt ihr schön gefeiert und von den verbotenen Früchten genascht?«, fragte Longus gespielt tadelnd.
»Jedenfalls waren die klösterlichen biscotti ein voller Erfolg, wenn du das meinst«, schwärmte Rico.
»Ihr könnt nach oben gehen, die Luft ist rein. Der Kustos schläft vermutlich bereits weinselig und Padre Ferrara ist außer Haus. Deo gratias!«
»Wenn es solche guten Freunde wie dich nicht gäbe, Longus, wäre das Leben nur halb so schön!«, flötete Rico und wischte sich den Schmutz von seinem Wams.
Gleich den Helden einer siegreichen Schlacht schritten Otto, Giacomo und Rico, die Arme um die Schultern des Nächsten gelegt, hinauf in das Dormitorium.
Otto war in Gedanken an Giovanna eingeschlafen und aufgewacht. »Giovanna«, seufzte er. Auch während des langen Festgottesdienstes war er alles andere als bei der Sache gewesen.
»Von mir aus könnte jeden Tag Weihnachten sein, endlich wieder Fleisch und nicht diese langweilige Pasta«, stellte Giacomo beim Essen zufrieden fest.
»Mir wachsen die Spaghetti bald zur Nase heraus«, bemerkte Longus und Otto nickte gedankenschwer.
»Je weniger Studenten im Collegio sind, desto besser schmeckt das Essen, und man kann sich endlich einmal satt essen«, sagte Rico, wobei er genüsslich ein Hühnerbein abnagte.
»Meinst du, wir könnten in den nächsten Tagen vielleicht dem Castello einen weiteren Besuch abstatten?«, fragte Otto Giacomo etwas verlegen.
»Das Funkeln deiner Augen ist ja vielsagend. Du bist wohl auf den Geschmack gekommen? Die nächste Gelegenheit wird wohl erst an Silvester sein«, antwortete Giacomo und grinste ihn süffisant an.
»Geh erst einmal zur Beichte, natürlich nicht bei den Dominikanern, sondern irgendwo, wo man dich nicht kennt. Und ein guter Rat: Lass dich auf keinen Fall ausfragen, hörst du!«
Otto nickte und atmete tief durch. Die Möglichkeit, es beichten zu können, hatte ihn zwar mit ins Castello gehen lassen. Jetzt stellte sich ihm die Frage, ob man das überhaupt beichten konnte.
27 Fleischliches Vergnügen.
28 Wo der Gewinn am höchsten ist, da ist das Recht.
29 Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin. Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren, oh glorreiche und gebenedeite Jungfrau.
30 Passwort?
31 Frohe Weihnachten.
32 Was für ein schönes Jüngelchen!
33 Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.
34 Das Vergnügen ist ein Geschenk des Herrn.
35 Vergib uns unsere Sünden.
36 Bibelbetrachtung
13
Leeder, Sommer 1561
Anna Rehlinger küsste das Buch. Der Bote aus Mindelheim hatte ihr soeben eine große Freude bereitet. Sie hielt die langersehnte, druckfrische Ausgabe von Caspars »Was die christliche Kirche sei und woran sie erkannt werden soll« in den Händen. Der Begleitbrief von Adam Reißner, der in gewohnter Art für die Drucklegung gesorgt hatte, klang jedoch sehr besorgt:
… ich ihro Liebden anmerken muss, so aus glücklich Zufriedenheyt er sein newes Werk hat erleben derfen, unseres Meisters Gesundheyt sich in diesen Tagen in groben Maßen habe verschlechtert.
Sie versuchte vergeblich, sich in das neue Werk zu vertiefen, zu sehr war sie in Gedanken mit Caspars Gesundheitszustand beschäftigt. War Krankheit der Grund seiner überstürzten Abreise gewesen? Alle Versuche, den Flüchtigen irgendwo zu treffen, waren gescheitert. Selbst Georg war nicht in der Lage, seinen Aufenthaltsort herauszufinden. Sosehr sie hin und her überlegte, sie fand keine andere Antwort, als im Gebet den Meister in die Obhut Gottes zu empfehlen. Anna kniete sich auf ihren Betschemel, faltete die Hände und versank in eine tiefe und lange Meditation:
Oh Herr, gütiger Vater, ich begehre nicht das Deinige, sondern Dich;
Dich selbst will und suche ich,
darum will ich unablässig an Dich denken
und mein Herz mit Deiner Güte stillen;
ich will weder sein noch nicht sein,
weder wissen noch nicht wissen,
weder haben noch entbehren.
Allein, was Du willst, wie viel Du mir geben willst,
darauf will ich täglich warten, Amen.37
37 Gebet Caspar Schwenckfelds.
14
Bologna, San Matteo38 1561
Otto kam tief erschüttert von seinem Professor Boncompagni zurück ins Collegio und traf die Freunde auf dem Weg ins Refektorium. »Habt ihr von dem Massaker an den Waldensern gehört?«
Er erntete nur fragende Blicke.
»In der ganzen Stadt gibt es kein anderes Thema«, fügte er an und war entsetzt, dass seine besten Freunde nichts davon wussten.
»Ich dachte, dass sich diese Leute zum protestantischen Glauben bekannt haben und somit nach den Reichstagsbeschlüssen von Augsburg geschützt wären«, erwiderte Giacomo. Er hatte Otto wiederholt erzählt, dass er damals selbst von seinem Vater zu einigen öffentlichen Sitzungen mitgenommen worden war.
»Die canes Domini und ihr Ziegenhirt Ghislieri schlürfen anscheinend an ihrem eigenen Süppchen«, fügte Rico an, und Otto hatte den Eindruck, als würde er diese Geschichte ins Lächerliche ziehen. Er konnte diese Reaktion nicht verstehen.
»Rührt euch denn nicht das grausame Schicksal Tausender unschuldiger Menschen, Frauen und Kinder? Geht es euch nur um überschrittene Kompetenzen?«, polterte er los. »Was seid ihr denn für Christen!«
Rico und Giacomo blieben sichtlich verdutzt stehen und schauten Otto fragend an.
»Beruhig dich erst mal und erzähl uns diese Geschichte.« Giacomo legte ihm eine Hand auf die Schulter, die Otto barsch zurückwies.
Er war außer sich. »Die Waldenser haben sich zur protestantischen Reform bekannt und wurden dennoch in ihrer Heimat verfolgt. Sie siedelten sich in dem kalabrischen Ort Guardia Piemontese an. Kardinal Michele Ghislieri, Bischof der piemontesischen Stadt Mondovì, befahl, alle Waldenser, sowohl im Piemont als auch in Kalabrien, auszurotten. Am fünften Juni wurden in dem kleinen Ort an die zweitausend Menschen abgeschlachtet. Die wenigen Waldenser, die überlebt haben, wurden gezwungen, zum Katholizismus zu konvertieren. Ein Mord an unschuldigen Menschen! Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.«
»Ich habe dich niemals so wütend gesehen, Otto. Was schmerzt dich denn an dieser Sache: dass das Blut von Unschuldigen vergossen wurde oder dass es unsere eigene katholische Kirche ist, die das zu verantworten hat?«
Otto packte Giacomos Schulter und schüttelte ihn. »Ich sage es dir, was mich schmerzt, Herr Fugger: Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit.«
38 21. September
15
Leeder, Ende November 1561
Anna stand am geöffneten Fenster und blickte hinunter in den Hofgarten. Die Bäume hatten ihr buntes Kleid bereits abgeworfen und erwarteten in stoischer Gleichgültigkeit den Winter. Die Berge am Horizont waren schneebedeckt und die Sonne tauchte sie in ein rotes Licht. Anna konnte sich nicht daran erfreuen. Sie verspürte eine Unruhe, die sich in ihr über Monate hinweg ausgebreitet hatte, und je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass es sich entweder um eine Strafe Gottes oder um den Fluch der Marianischen handeln musste. Die Nacht mit Georg im Heuschober vor vier Jahren. War es das, wofür sie büßen musste? Gerade jetzt, wo die Natur alles absterben ließ, fragte sie sich, warum sie nicht in der Lage war, neues Leben zu schenken. Sie fühlte sich stark und gesund und es vergingen keine zwei Tage, in denen Emanuel ihr nicht beiwohnte.
Es klopfte an der Tür. Anna wusste, dass es nur ihr Mann sein konnte, und antwortete nicht.
Sie hörte, wie Emanuel hereinkam und sich ihr näherte.
»Du bist traurig?« Zärtlich legte er seine Hände um ihren Hals.
Anna blickte weiterhin aus dem Fenster.
»Ich weiß, dass es dein größter Wunsch ist, Kinder zu haben, und es an mir liegt, dass dir dieser Wunsch nicht erfüllt wird.« Sie drehte sich um und schaute ihn mit feuchten Augen an.
»Sprich nicht von Schuld, Anna! Vertraue auf Gott und seine unendliche Vorsehung; wenn es ihm gefällt, wird er uns Kinder schenken.«
»Deine lieben Worte mögen tröstlich sein, Emanuel, lösen aber unser Problem nicht. Kannst du dich an unseren Hochzeitstag erinnern? Als wir zu Caspar nach Schäfmoos fahren wollten, hat uns ein altes Weib aufgehalten, ganz in Schwarz gekleidet. Sie hat dir ein Schriftstück überreicht. Du hast mir nie gesagt, was sein Inhalt war. Schließlich mussten wir umdrehen, weil ein Baum den Weg versperrt hatte. Ich glaube, dass diese Frau etwas mit unserem Unglück zu tun hat. Es liegt ein böser Zauber auf unserer Verbindung, der nicht mit schönen Worten gebannt werden kann. Ich beschwöre dich, Emanuel, lass uns etwas dagegen tun!«
»Ich habe dir diese Zeilen verheimlicht, weil sie von bösen Menschen unten aus dem Ort verfasst wurden, die uns, unserem Glauben und unserer Liebe Schaden zufügen wollen. Kein Wort davon ist es wert, gelesen oder gar geglaubt zu werden.«
»Ich kann keine Kinder bekommen, weil ich verflucht wurde! Ist es nicht so?« Anna sah ihrem Mann kurz in die Augen, setzte sich auf einen Stuhl und verbarg ihr Gesicht mit den Händen.
»Lass dich nicht auf den Irrglauben vom Verfluchen und Verfluchtwerden ein, Anna. Wir führen ein gottgefälliges Leben und kein menschliches Wesen ist in der Lage, sich einzumischen.«
»Vielleicht ist es die Strafe Gottes, dass ich kinderlos bleiben muss, weil ich nicht als Jungfrau in die Ehe gekommen bin.«
Emanuel strich ihr beruhigend übers Haar. »Wie kannst du so etwas sagen, Anna? Du lebst in den traditionellen Vorstellungen eines Rachegottes. Gott ist gütig und verzeiht, er hält seine Hand über uns und beschützt uns, glaub mir.«
Sie konnte diesen salbungsvollen Ton ihres Mannes nicht mehr hören. Es musste etwas geschehen und sie wusste, was es war. Anna lief zwei Schritte zur Seite, wischte sich hastig die Tränen von den Wangen und drehte sich ihrem Mann zu. »Ich muss herausbekommen, was es ist, das mich unglücklich macht. Ich bitte dich darum, Emanuel, für ein paar Tage nach Ulm gehen zu dürfen. Caspar ist dort im Haus von Agatha Streicher, anscheinend geht es ihm nicht gut. Ich muss ihn sehen.«
»Woher hast du die Informationen über Caspar?«
»Georg kam gestern aus Memmingen zurück, wo er bei den Moretzgis erfahren hat, dass sie Caspar nach Ulm gebracht haben. Sie alle machen sich Sorgen um seine Gesundheit. Lass mich bitte, bitte fahren, Emanuel! Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit für mich, ihn einmal zu sprechen.« Sie wusste, dass Emanuel ihrem Ansinnen nicht im Weg stehen würde.
»In Gottes Namen, du sollst deinen Willen bekommen, Anna! Ich würde am liebsten mit dir kommen.«
Sie zuckte innerlich zusammen. Genau das würde ihren Plan gefährden.
»Das brauchst du nicht, Emanuel. Karl wird auf mich aufpassen. Sorge dich um Jacobus und das Schloss.«
»Du hast recht. Hm, die Tage sind schon sehr kurz und es ist für Reisen fast zu kalt.« Er runzelte die Stirn. »Ich gebe dir einen Zweispänner mit, das verkürzt die Reisezeit. Ein paar Tage werden für diese Fahrt wohl nicht ausreichend sein. In Ulm quartierst du dich im ›Goldenen Hirschen‹ ein, das ist das erste Haus am Platz. Aber vorher steigt ihr in Memmingen bei den Moretzgis ab. Du kannst ihnen einige Bücher geben, auf die sie bereits lange warten.«
Anna fiel ihm um den Hals. Sie war zufrieden.
Am nächsten Morgen stand der Kutscher Karl abfahrbereit vor dem Tor.
»Ich habe ein wenig Geld, das Vater dir für Caspar mitgibt, falls er Medikamente oder sonstige Hilfe braucht.«
Anna nahm den kleinen Beutel, den ihr Mann ihr in die Hand drückte, umarmte Emanuel und küsste ihn lange.
»Pass gut auf Anna auf, Karl! Der Herr möge dich beschützen und dich mir erhalten, Anna. Entbiete Caspar, Agathen und allen Brüdern und Schwestern die herzlichsten Grüße.«
»Mach dir keine Sorgen, Emanuel, auch wenn die Reise etwas länger dauern sollte, Gott wird bei mir sein.« Sie schlug ihren Mantel über die Schulter und setzte sich zum Kutscher auf den Wagen. Die beiden Rappen trabten los, und als sie sich nach kurzer Zeit umsah, war das Dorf bereits im herbstlichen Dunst verschwunden.
»Ihr g’sehnd us, Herrin, als wöded Ihr bis ans Ende vo dera Welt reisa.« Karl lachte verschmitzt.
»Nicht ganz so weit, Karl, aber wir werden einen kleinen Umweg machen. Halt an, damit ich es dir erklären kann.«
»Brrrrrrr … Buaba, es gibt ebbas nuis!« Der Kutscher zog die Zügel straff und die Pferde blieben schnaubend stehen.
»Hör gut zu! Wir fahren über Ettringen nach Memmingen und nicht über Buchloe.«
»Ettringe? Aber d’Herrschaft hot g’seed aufm schnellschta Wäg …«
»Jetzt bin ich die Herrschaft, mein Lieber, also keine Widerrede. Und merk dir das: Der Umweg bleibt unter uns; ich möchte, dass du mit niemandem darüber sprichst.« Anna öffnete das Säckchen, überlegte kurz und verschloss es. Als sie in ihre eigene Tasche griff, zwinkerte sie mit einem Auge und drückte Karl eine Münze in die Hand.
»Ha, wenn des so isch, nochad weil o it glei!« Karl schnalzte mit der Zunge und die Rappen trabten an. Nach drei Stunden fuhren sie in Ettringen ein.
»Ma fährt uf Ettringa bloßig, wemma zur Els will«, kombinierte Karl nach längerem Überlegen und sah Anna fragend an.
»Genau das ist der Grund. Geh jetzt und frag nach dem Haus.«
»Kenscht du d’ Els und woisch, wo se wohnt?«, fragte Karl einen Jungen, der eine Kuh vor sich hertrieb.
»Wer kennt se idda? Es kommed viel Leit zur Els. Franzosa, Fürscht und Grafa. ’s Geld verschenkt se. Dohinda bei dr Kiacha wohnt se.«
Kurz darauf hielt Karl hinter dem Friedhof an einem kleinen, unscheinbaren Häuschen, das von einem riesigen Garten umgeben war, die Rappen an.
»Geh rüber ins Wirtshaus, Karl, und versorg die Pferde, es wird nicht lange dauern«, rief Anna und stieg vom Wagen. Ihr Herz klopfte, dass sie es bis zum Hals spürte, als sie das Gartentor öffnete und sich dem Häuschen näherte. Bevor sie es erreicht hatte, kam ihr die Els entgegen. »Willkommen, schöne Frau, der Friede sei mit dir.«
Anna hatte sich eine Wahrsagerin und Kräuterkundige ganz anders vorgestellt. Die Els war eine groß gewachsene Frau mittleren Alters. Ihr Haar hatte sie kunstvoll geflochten zusammengesteckt. Unter einem weiten Mantel trug sie ein bodenlanges rotes Kleid.
»Ich bin Anna, das Weib von Emanuel Rehlinger«, stellte Anna sich vor.
»Komm herein, hier sind wir ungestört. Seit wie vielen Jahren bist du schon kinderlos verheiratet?«
Anna staunte nicht schlecht. »Seit drei Jahren«, flüsterte sie, »woher weißt du das?«
»Wenn mich so junge Weiber besuchen, geht es meist darum. Ich sehe es einer Frau außerdem an, ob sie Kinder geboren hat. Setz dich.«
Anna tat wie geheißen und sah sich in dem Häuschen um. Überall standen Töpfe, Krüge und Kübel; getrocknete Kräuter, Leinensäckchen und allerlei Äste und Zweige hingen von den Wänden. Der Duft nach Minze und frischem Heu stieg ihr in die Nase. Die Wärme, die die Feuerstelle verströmte, tat ihr gut, und zufrieden wollte sie sich die Hände reiben, doch bevor sie dazu kam, hatte die Els ihre Rechte genommen und strich wiederholt mit ihrem Daumen über die Handfläche.
»Die schlimmste Zeit deines Lebens liegt bereits hinter dir, Anna Rehlinger. Deine Eltern haben dich früh verlassen und böse Hände hatten sich nach dir ausgestreckt.«
Anna erinnerte sich sofort an den alten Blärsch.
»Aber es gab und gibt auch gute Männer in deinem Leben. Du wirst vier gesunde Kinder haben.« Die Els stutzte, schaute sie mit gütigen Augen an und lächelte. »Eines davon wird ein Pfaffenkind sein.«
»Ein Pfaffenkind?« Anna schüttelte den Kopf und sah die Frau fragend an. Dann überkam sie ein erlösender Schwall von Glück, und Tränen rannen ihr über die Wangen.
»Sie werden alle in eine unruhige Zeit der Krankheit und Verfolgung hineingeboren, aber keinem deiner Kinder wirst du ins Grab schauen müssen. Das ist alles, was ich dir sagen kann.«
Anna hätte vor Erleichterung am liebsten getanzt und gejubelt.
»Ich gebe dir ein Pulver mit, das du deinem Mann an den ersten drei Tagen des zunehmenden Mondes ins Essen mischen sollst. Es ist eine Mischung aus getrockneter Alraune, Löffelkraut und Kerbel. Es wird seine Wirkung nicht verfehlen.«
Anna sprang auf. »Ich danke dir von ganzem Herzen. Nimm dies als kleines Zeichen der Wertschätzung für deine Hilfe!«
Anna zog eine Münze aus dem Beutel, den ihr Mann ihr mitgegeben hatte, und drückte sie der Els in die Hand.
»Gott vergelt’s! Ich helfe nur Menschen, die gut sind; du bist rein in der Seele und edlen Gemüts.« Sie schaute ihr mit einem wissenden Lächeln tief in die Augen und begleitete Anna bis zum Gartentor.
»Nimm dich in Acht vor den Pfaffen, Rehlingerin, wenn du einmal in ihren Bann geraten bist, wird es schwer, sie wieder loszuwerden.« Sie lachte laut, als wenn sie ihre eigenen Erfahrungen mit der Geistlichkeit gemacht hätte, und deutete hinüber zur Kirche.
Karl stand bereits neben der Kutsche. Anna setzte sich froh gelaunt und dennoch gedankenschwer auf den Wagen.
Ein Pfaffenkind? Wie kann es sein, dass ich von einem Pfaffen ein Kind bekommen soll?, grübelte sie. Mit Georg verbindet mich ein Freundschaftsband, das durch den gemeinsamen Glauben geknüpft ist. Und außerdem liebe ich Emanuel und käme niemals auf den Gedanken, ihm untreu zu werden.
Sie schob die Worte der Els beiseite. Es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als die Geschehnisse auf mich zukommen zu lassen.
»Fahr mer jetzt weiter uf Memminga, bevor’s Nacht wead, Herrin?«
Anna nickte dem Kutscher zu und mit einem aufmunternden »Hüa, Buaba!« holperte der Wagen aus dem Ort.
16
Memmingen, 1. Dezember 1561
Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie ohne dieses verkrampfte Gefühl im Bauch aufgewacht war. Sie hatte sich am Abend lange Gedanken gemacht über die Worte der Els. Sie musste die Schuldgefühle überwinden, die sie jahrelang geplagt hatten, und die Zuversicht, die sie bei der Els gewonnen hatte, würde ihr dabei helfen.
Wie viel Freude sie mit Caspars Schriften in dieses Haus hatte bringen können. Anna freute sich darüber, als sie sich am nächsten Morgen von den Moretzgis verabschiedete.
»Du hast unser Leben bereichert, Anna, vergelt’s Gott!«, bedankte sich Thomas Moretzgi. Sie wusste nicht, ob sie selbst damit gemeint war oder die Bücher.
»Wer isch öbba dia Frau, wo mir nafahred?«, fing Karl ein Gespräch an.
»Sie ist eine von uns und die einzige niedergelassene Ärztin im reichsstädtischen Ulm. Obwohl sie keine Universität besuchen durfte, was nur Männern vorbehalten ist, besitzt sie ein profundes medizinisches Wissen, das sie sich als Assistentin ihres Bruders angeeignet hat. Caspar ist dort sicher in allerbesten Händen«, antwortete Anna. »Wann glaubst du, dass wir dort eintreffen werden?«
»Wenn mir des Ulmer Münschter zum erschte Mol erkennet, isch es no a Stund.«
Es war so, wie Karl es vorhergesehen hatte. Am späten Nachmittag fuhren sie über die Donaubrücke und bogen gleich darauf auf den Münsterplatz ein.
»Wir logieren im ›Goldenen Hirschen‹, Karl. Versorg die Pferde und lass es dir gut gehen. Über zwei Nächte werden wir sicherlich bleiben.«
Die Gastwirtschaft lag nur eine kurze Strecke vom Münsterplatz entfernt.
»Habt Ihr eine Vorladung bekommen bei der Ärztin?«, fragte der Wirt am nächsten Morgen, als Anna ihm den Grund ihres Aufenthalts in Ulm nannte.
»Es geht nicht um eine Behandlung, eher um einen Besuch, angemeldet bin ich allerdings nicht.«
»Es kommen Leute aus dem ganzen Reich zu ihr und vielen hat sie geholfen. Die Streicherin mag äußerlich grob und unnahbar sein, aber glaubt mir: Sie hat ein großes Herz, es versteckt sich hinter einer rauen Schale. Ihr könnt ihr Haus nicht verfehlen. Es ist das große an der Ecke, oben an der Langen Gasse, die südlich des Münsterplatzes verläuft. Geht möglichst bald, dann seid Ihr bei den Ersten.«
Anna bedankte sich bei dem Wirt. Sie konnte sich gut an das Haus erinnern. Vor Jahren hatte sie mit Georg nach der Flucht aus Kempten vor dieser Tür gestanden. Mit klopfendem Herzen schlug sie den Ring mit der Asklepiosschlange auf das Eisen.
»Wach auf, mein Seel! Ich bin Anna Rehlinger aus Pilgerhausen und möchte Caspar besuchen«, rief sie der Frau zu, die ihr öffnete. Sie glaubte, es wäre eine Bedienstete.
»Lobsinge seinen Namen! Sei herzlich willkommen, Schwester.«
»Oh, verzeih mir, ich dachte, dass mir eine Magd öffnen würde. Es tut mir leid, dass ich dich nicht gleich erkannt habe. Ich war mit Georg vor einigen Jahren schon einmal in eurem Haus.«
»Freilich, Anna Rehlinger, ich sehe euch vor mir, wie ihr völlig ausgehungert und müde in Ulm angekommen seid. Was verschafft mir denn die Ehre deines Besuchs?«
»Ich habe gehört, dass Caspar von dir gepflegt wird und es ihm nicht gut geht. Ich möchte wenigstens einmal in meinem Leben mit ihm sprechen. Würdest du mir das ermöglichen, Agatha?«
»Natürlich kannst du zu ihm. Caspar hat oft von seinen Freunden in Pilgerhausen gesprochen; dabei hat er geschwärmt, wie wohl er sich dort gefühlt hat und eure Familie ihm hilfreich in allen möglichen Situationen zur Seite stand. Georgs Schriften sind ständig Thema bei Caspar, auch wenn seine Kraft nachgelassen hat.«
Als sie Georgs Namen vernahm, spürte Anna, dass sich bei ihr eine Gleichgültigkeit ihm gegenüber eingestellt hatte.
»Caspar geht es nicht gut, er betet täglich darum, in die himmlische Heimat aufgenommen zu werden«, sagte Agatha, während sie die breite Treppe in das obere Stockwerk gingen.
»Welcher Art ist denn Caspars Leiden?«, fragte Anna besorgt.
»Schwindsucht! Wir haben die Besuchszeiten auf zwei Stunden täglich beschränken müssen, da ihn ständiges Sprechen zusätzlich schwächen würde. Er wird im Augenblick versorgt, und in ungefähr einer Stunde kommen seine Freunde zum täglichen Konventikel, erst danach kannst du ihn sprechen. Du wirst es verstehen, Anna, wenn ich dich allein lasse. Meine Helferinnen werden dich hinaufführen.« Die Ärztin verschwand und Anna setzte sich auf einen der Stühle in dem geräumigen Vorraum.
Nun habe ich den Meister endlich gefunden und muss an sein Krankenbett treten.
»Schwindsucht«, flüsterte sie und ermahnte sich, dass der Tod der neue Beginn war, nicht das Ende.
Wie undurchsichtig Gottes Pläne sind. Mir, der einfachen Magd des Herrn, neues Leben zu verwehren und den Meister zu sich zu holen.
Weitere Menschen kamen in das Vorzimmer und warteten. Nach einer Stunde drängten sich wohl zwei Dutzend zusammen. Es glich einer katholischen Heiligenwallfahrt, kam es Anna in den Sinn.
»Anna Rehlinger«, hörte sie plötzlich ihren Namen. Eine der Schwestern winkte sie zu sich. »Ihr dürft auf Anordnung Agathas mit Caspar eine kurze Weile allein sprechen. Folgt mir!«
Sie gingen ein Stockwerk höher und Anna spürte ihren Puls so stark am Hals, dass sie glaubte, die Adern müssten platzen. Die Schwester legte ihr Ohr an die Tür und öffnete sie. »Wir haben heute Besuch aus Leeder, Caspar.«
Anna trat über die Schwelle und fiel vor dem Bett auf die Knie.
»Ich bin Anna Rehlinger.« Als sie den Kopf hob, erschrak sie zutiefst. Ein Greis lag vor ihr: eingefallen, blass und abgemagert. Nur seine Augen ließen etwas von seiner Güte erahnen. Den würdevollen und stattlichen Mann, den sie in ihrer Vorstellung hatte, gab es nicht oder es war nicht viel von ihm übrig geblieben. Die Krankheit hatte ihn schwer gezeichnet. Dennoch gingen eine Kraft und Ausstrahlung von ihm aus, die Anna in Demut versinken ließen.
»Anna, welche Freude! Der Herr sei mit dir! Du kannst dich glücklich schätzen, im Haus von Jacobus, einem meiner vortrefflichsten Mitstreiter, zu leben. Erzähl mir, wie es euch dort oben in den Wäldern geht!« Caspar atmete schwer und musste jeden Satz mehrmals unterbrechen.
Anna zögerte, sie spürte, dass dieser Mann näher an Gott war als alle Menschen, die ihr bisher begegnet waren.
»Ich bin mit Emanuel verheiratet. Er ist ein guter Mann und wäre bestimmt auch ein guter Vater. An unserem Hochzeitstag wollten wir nach Schäfmoos, um uns von Euch segnen zu lassen, aber widrige Umstände zwangen uns umzukehren. Ein altes Weib hat sich uns in den Weg gestellt. Ich befürchte, dass sie uns verflucht hat, denn unsere Ehe ist bisher kinderlos geblieben.« Anna atmete tief ein und senkte den Kopf.
Caspar strich über ihr Haar. Er setzte sich etwas auf. »Erinnere dich an das Evangelium, Anna, wo der Engel Gabriel Maria die frohe Botschaft ihrer anstehenden Geburt verkündete: Und siehe, Elisabeth, deine Gefreunde, ist schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und geht im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Mache dich innerlich bereit, nimm den Geist Gottes in dich auf und vertraue auf die Vorsehung und die Gnade des Herrn.« Caspar hatte mehrmals unterbrechen müssen und hustete in sein Taschentuch.
Anna hob den Blick und nahm seine Hand. »Meister, darf ich Euch etwas fragen, was mich seit Jahren beschäftigt und mir keine Ruhe lässt?« Ihre Stimme fing an zu zittern. »Bestraft der Herr meine Sünde mit Georg Mayer, dem ich in der Nacht unserer gemeinsamen Flucht aus Kempten beigewohnt habe, indem er meine Ehe mit Emanuel kinderlos lässt?«
Caspar lächelte mild. »Georg, mein treuester Freund und Helfer. Hab keine Bedenken, Anna! Unser Gott ist ein verzeihender und freundlicher Gott. Er hat dich auf den Pfad der Wahrheit und des Verstehens geführt. Sein Wille ist unser Denken, sein Vorbild ist unser Leben; er gibt und nimmt nach seiner Zeit und nicht nach der unseren.«
Anna durchzog ein Gefühl der Geborgenheit und Wärme.
Caspar hustete mehrmals, bevor er weitersprechen konnte. »Wir Menschen versuchen, nach Geboten und Verboten zu leben, die vor Gott keinen Bestand haben. Das Höchste vor Gott ist die Liebe; du hast einen Menschen geliebt, warum sollte er dich dafür bestrafen. Löse dich von dem Gefühl der Schuld, die durch eine Beichte getilgt werden kann. Jesus hat niemals davon gesprochen, einen Sünder zu bestrafen, sondern er hat allen vergeben. Frage dein Herz nach dem rechten Weg und nimm Gott in dich auf, damit erwirbst du dir das ewige Leben. Mein irdischer Pfad geht bald zu Ende.« Abermals wurde er von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt. »Ich bete zu Gott, dass er mich in seine himmlische Wohnung aufnimmt. Sei ohne Sorge, Rehlingerin. Lebe mit deinem Mann das Wort Gottes und vertraue auf den Herrn.«
Anna drückte dankbar seine Hand an ihre Wange und begegnete seinem gütigen Blick. Sie spürte, dass dies ihre erste und gleichzeitig letzte Begegnung mit ihm sein würde. Die Schwester klopfte an die Tür, Anna stand auf und ging ein Stück beiseite.
Nach und nach kamen die Besucher herein und drängten sich um das Bett des Meisters. Sie begrüßten ihn und drückten ihm die Hände.
»Liebe Brüder und Schwestern in Christo«, begann er schließlich zu sprechen, »meine Kraft hat nachgelassen, meine Hände sind schwach und mein Geist ist müde. Herr, ich lobe und ehre dich, dass du mich so lange Zeit zu deinem Werkzeug gemacht hast. Nun weiß ich, dass alles, was ich gelehrt habe, das Deinige ist, und nichts davon widerrufen wird. Ihr werdet es in meinen Büchern finden. Meine Seele ruhe in Gott, dem Herrn. Ich empfehle euch alle dem Willen Gottes. Herr Jesus, ich empfehle mich deiner Gnade und Barmherzigkeit, Amen. Ihr Freunde, singt mit mir das Lied …«
Ein Hustenanfall erschütterte seinen geschwächten Körper, jedes Wort fiel ihm sichtlich schwer.
Die Schwester bat die Besucher, den Raum zu verlassen. Anna drängte sich durch die Menschen hindurch, die sich alle von Caspar verabschieden wollten, und ging nach unten in den Empfangsraum, wo sie auf die Medizinerin traf.
»Caspar geht es wohl sehr schlecht?«, fragte Anna vorsichtig.
»Er wird diese Woche nicht überleben, so schwer und bitter es sein mag, dies zu sagen. Keine ärztliche Kunst vermag ihn zu retten.«
»Gibt es denn gar keine Hoffnung?«
»Krankheit und Tod sind meine täglichen Begleiter. Die Kunst, das Leben zu verlängern, stößt irgendwann an eine Grenze.«
Anna seufzte tief und Agatha nahm sie in den Arm.
»Sei jetzt stark, Schwester. Trage die Gedanken und die Botschaft dieses Mannes hinaus in die Welt und schätze dich glücklich, diesen wunderbaren Menschen gekannt zu haben. Behüte dich Gott der Allmächtige!«
Anna verließ das Haus der Streicherin und begab sich in den »Goldenen Hirschen«. Löse dich vom Gefühl der Schuld, ging ihr immer wieder durch den Kopf. Caspar hatte ihr die Last genommen, sie fühlte sich frei und unbeschwert. Warum habe ich ihn nicht schon früher getroffen? Sie warf sich auf das Bett und weinte hemmungslos.
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