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Richard Hell
Blank Generation
Autobiographie
Aus dem Englischen von
Norbert Hofmann
FUEGO
- Über dieses Buch -
Von frühester Jugend an träumte Richard Hell davon abzuhauen, was er dann auch mit siebzehn tat. Er landete im New Yorker East Village, in den sechziger und siebziger Jahren ein Ort mit billigen Mieten und tausend Möglichkeiten. Er arbeitete als Buchhändler und wurde Dichter, der sich in der Künstlerszene herumtrieb, in der Feminismus, Androgynie und Transvestismus in der Luft lag, bevor er einer der wichtigsten Figuren in der neuen Musikszene wurde. Für Malcolm McLaren war er die Inspiration für das, was er mit den Sex Pistols dann verwirklichte. Richard Hell erinnert sich schonungslos an seine Drogenabhängigkeit und wie er sich daraus befreite, und es gelingen ihm großartige Porträts der damaligen Kunst- und Musikszene.
- Pressestimmen -
»Blank Generation rief in mir ein Gefühl hervor, das ich als Kind hatte ... Ich wuchs auf und verliebte mich in eine Welt, die nicht meine war. Es gibt wenige Bücher, die mich dazu verleiten, selbst zu schreiben; dies ist eines von ihnen.« (Kathleen Hanna, Bikini Kill/Le Tigre/Julie Ruin«)
»Richard Hell erfand fast im Alleingang Punk, wie wir ihn kennen, gründete zwei der einflussreichsten Bands in der Geschichte der modernen Musik, und definierte neu, was Rock‘n‘Roll-Texte sein können. Wenige Leute waren so bedeutend – und doch so unterschätzt – wie der Dichter, Musiker und die Mode-Ikone Richard Hell.« (Anthony Bourdain, Autor von »Geständnisse eines Küchenchefs«)
»Eine Musikerbiografie mit tollen Einblicken in die Anfänge von Punkrock/CBGB. Alles in einem sehr offenen, zynischen Tonfall, durchaus auch literarisch. Für mich eins der besten Musikbücher.« (Markus Nägele, Lektor bei Heyne Hardcore)
»Ein reuevoller, von Kämpfen gezeichneter, traurig-witziger Beobachter seines Lebens und unserer Zeit.« (New York Times)
»Richard Hell konzipierte und realisierte eine nachhaltige Vorstellung von Rockstarruhm, als hätte er den Begriff selbst erfunden. Radikal selbstkritisch, schreibt er eine Prosa, die so schneidend scharf ist wie ein vom Mondlicht geschärftes Diamantmesser.« (Luc Sante, Autor von Low Life)
Für Sheelagh und Ruby

© Richard Meyers
Kapitel Eins
Wie viele zu meiner Zeit war ich, als ich klein war, ein Cowboy. Ich hatte Chaps und einen weißen Cowboystrohhut und band meinen Halfter aus Leder an die Oberschenkel. So trat ich hinaus auf die Veranda und alle konnten sehen, wie ein Cowboy seinen Auftritt hatte.
Dies war in Lexington (Kentucky), als jeder ein Kind war. Ich hielt Ausschau nach Höhlen und Vögeln und lief oft von zu Hause weg. Weglaufen war meine Lieblingsbeschäftigung. Die Worte – »Komm, lass uns abhauen« – haben für mich immer noch einen magischen Klang.
Meine Eltern kamen 1948 nach Lexington. Sie hatten sich zwei Jahre zuvor an der Columbia University in New York kennengelernt, wo sie Doktoranden der Psychologie waren, und ein Jahr danach geheiratet. Nachdem mein Vater Ernest Meyers, der in Pittsburgh (Pennsylvania) aufgewachsen war, in der Columbia seinen Doktortitel gemacht hatte, bekam er eine Stelle an der University of Kentucky. Ich wurde Ende 1949 geboren. Meine Mutter verzichtete erst einmal auf eine Karriere, um sich um den Haushalt zu kümmern.
Wir waren zu viert, mit meiner Schwester Babette, die anderthalb Jahre nach mir geboren wurde. Wir fühlten uns der Mutter meines Vaters, Grandma Linda, nahe, die in New York lebte, und wir besuchten gelegentlich einen seiner Brüder, Richard, der als Chemiker für Texaco arbeitete, und seine Frau und Kinder in ihrem Haus nahe Poughkeepsie, aber darüber hinaus war der Sinn für Familie oder Familienstammbaum nicht sehr ausgeprägt. Ich verstand zum Beispiel nicht wirklich, was ein Jude ist, auch wenn ich wusste, dass die Familie meines Vaters irgendwie dieser Spezies angehörte. Ich dachte, Judaismus ist eine Religion, aber wir waren nicht religiös.
Meine Mutter, geborene Carolyn Hodgson, war ein Einzelkind. Ihre Mutter, Dolly Carroll (geborene Dolly Griffin), die wir nur Mama Doll nannten, war ein Arbeitermädchen aus Alabama und Methodistin. Sie spielte Bridge und mochte Cocktails. Sie war viermal verheiratet. Wir sahen sie alle drei oder vier Jahre für ein paar Tage. Sie und der Vater meiner Mutter, Lester Hodgson, dem eine Tankstelle in Birmingham gehörte, bis er in der Großen Depression pleite ging, hatten sich scheiden lassen, als meine Mutter noch klein war, und ich erinnere mich nur noch, dass ich zwei- oder dreimal mit ihm in demselben Zimmer war.

Ich kam von Hopalong Cassidy.
© by Richard Meyers
In den fünfziger Jahren lebten wir in den neuen Vororten Amerikas. Meine Wurzeln reichen nicht tief. Ich bin ein wenig neidisch auf Menschen mit starken ethnischen und kulturellen Wurzeln. Glücklicher Martin Scorsese oder Art Spiegelman oder Dave Chappelle. Ich kam von Hopalong Cassidy und Bugs Bunny und der Grundschule Maxwell Elementary.
1956, als ich sechs Jahre alt war und wir in der Rose Street nahe der Universität wohnten, kaufte mein Vater einen cremefarbenen, grünen Manhattan (Baujahr 1953), in dem er jeden Morgen die eine Meile auf der Straße zwischen der großen Basketballarena der University of Kentucky und ihrem Footballstadion zur Arbeit fuhr. Seine Arbeitsräume befanden sich auf dem Campus in einem von Bäumen beschatteten, alten Backsteingebäude am Abhang eines Hügels. Die Unterrichtsräume, Labore und Büros dort rochen nach Holz, Kreide, Wachs, Graphit, Staub, frischer Luft und Achselschweiß. Äste wiegten sich draußen vor den Fenstern. Mein Vater war ein Experimentalpsychologe; er behandelte keine Patienten, sondern beobachtete das Verhalten von Tieren im Labor. Auf den Tischplatten standen zwischen großen mechanischen Schreibmaschinen kleine Rattenlabyrinthe aus Hartgummi. Da waren Glasvitrinen an den Wänden und vor den Kreidetafeln Stühle mit Schreibplatten. Diese schlichten, alten Universitätsgebäude oder auch das Haus, in dem die örtliche Blindenschule untergebracht war, wo mein Vater über die Brailleschrift forschte, haben für mich immer noch etwas Heimisches wie ein bescheidenes Paradies, so wenig ich auch je Schulunterricht ausstehen konnte.
Im Stadtzentrum stand ein Gerichtsgebäude im klassischen romanischen Stil, davor eine Reiterstatue des Konföderiertengenerals John Hunt Morgan. Einige Blocks weiter an der Main Street war die Bahnhofshaltestelle, und auf demselben Abschnitt gab es zwei gemütliche Kinos mit Plüschstühlen und pickligen Platzanweisern, das »Kentucky« und das »Strand«, die immer zwei neue Spiel- oder Zeichentrickfilme zeigten, Samstag vormittags sogar nur ein reines Zeichentrickfilmprogramm. Nahe der Bushaltestelle gab es einen Woolworth-Laden und eine Bäckerei, die glasierte Doughnuts verkaufte, warm aus dem Ofen.
Die mit Kalksteinsäulen verzierte Öffentliche Bibliothek befand sich mitten in einem dicht bewaldeten Park, einige Straßenblocks hinter dem Gerichtsgebäude, gegenüber dem Transylvania College (»das erste College westlich der Allegheny Mountains«). Im Inneren der Bibliothek war alles aus Marmor, und das Sonnenlicht von den Fenstern im zweiten Stock erhellte den zentralen Informationsschalter im Erdgeschoss; Geflüster, schlurfende Schritte und Regalreihen mit muffig riechenden, grün oder orange gebundenen Büchern zum kostenlosen Mitnehmen.
Am Stadtrand gab es Autokinos und einen Vergnügungspark. Unsere Familie nahm zu den Kinofahrten Einkaufstüten voll mit selbstgemachtem Popcorn mit, und auf dem Nachhauseweg lagen meine Schwester und ich, Kopf an Fuß, schlafend auf dem Rücksitz. Dann und wann besuchten wir Joyland, wo es eine Holzachterbahn, ein Karussell, eine Geisterbahn und eine Schiffsschaukel gab, außerdem Spielstände und Zuckerwatte und Hotdog-Buden zwischen riesigen Bäumen mit Picknicktischen, die von Staren belagert wurden.
In den Vororten waren die Häuser unverschlossen. Es gab kein »Airconditioning«, aber Ventilatoren. Ein großes Lagerhaus in einer heruntergekommenen Industriegegend lieferte gerade geschnittene Eisblöcke, die an einer Laderampe von riesigen Greifzangen in mit Zeitungspapier ausgeschlagene Kofferräume gehievt wurden. Damit wurden Eisfächer versorgt – obwohl die meisten Leute inzwischen einen elektrischen Kühlschrank besaßen – oder Kühlboxen für Picknicks. Man bearbeitete das gefrorene Eis mit Pickeln, bis es auseinanderbrach.
Als Teenager in Lexington hing ich einmal an einem heißen, klaren Sommertag mit einigen Freunden in einer Steinhütte auf einem offenen Feld ab. Mehr Freunde versammelten sich in der Landschaft draußen wie auf einem Gemälde von Watteau oder Fragonard – Fragonard gekreuzt mit Larry Clark –, spielten und redeten. Plötzlich erregte etwas am Himmel die Aufmerksamkeit eines Jungen. Er stand in dem hohen Gras, starrte nach oben, zeigte und rief. Wir reckten unsere Hälse. Teilchen schwebten aus dem Himmel herunter; Stühle und Couches aus Schnee landeten um uns herum. Wir lachten und schrien.
Das geschah in einem Traum, den ich einige Jahre nach meiner Ankunft im immer noch einsamen New York hatte. Ich erwachte verzückt und dankbar, mit zusammengeschnürter Kehle und überfließenden Augen.
Im Winter 1956, als ich in die erste Klasse ging, zog die Familie von dem Häuschen in der Rose Street nach Gardenside, einem neuen Vorort am Rande der Stadt.
Fast jedes Grundstück in der Gegend hatte die gleiche bescheidene Größe, und die Häuser unterschieden sich nur wenig, meist drei Zimmer, Küche und Bad. Jedes Haus hatte junge Bäume an der gleichen Stelle an beiden Seiten des Wegs, der zur Haustür führte, und die gleiche Art von immergrünem Gesträuch unter dem Panoramafenster des Wohnzimmers, das zur Straße lag. Unser Haus ähnelte der typischen Zeichnung eines Kindes von einem Haus, eine Ziegelsteinbox unter einem steilen Schindeldach, das an einem Ende einen Kamin hatte.
Unten an der Straße verlief ein Bach. Gras wuchs an beiden Uferseiten, und es gab hohe Bäume mit dichtem Laubwerk. Das Interessanteste daran war für mich, dass dies nicht von Menschen gemacht war. Die Vorstellung, dass man dem wilden Pfad statt den überall vorgegebenen Mustern folgen konnte, war aufregend. Ich erinnere mich, wie mir plötzlich bewusst wurde, dass der Bach irgendwo begann und weit entfernt enden mochte, dass er nicht nur durch die Gegend floss, die ich kannte. Dieser Gedanke war ein leuchtendes kleines Diorama, das in meinem Hirn versteckt war, etwa so wie Marcel Duchamps Gegeben sei: 1. Der Wasserfall, 2. Das Leuchtgas.
Gardenside wurde begrenzt von Landwirtschaftsflächen – Tabak, Mais und Vieh – und Wäldern. Unser Haus war eines der ersten in dem Vorort, das fertiggestellt wurde, und die Baustellen um uns herum waren unser Spielplatz.

Gardenside, an einer Ecke der Stadt.
© by Richard Meyers
Eines späten Nachmittags in jenem ersten Jahr trieben sich nur noch zwei von uns draußen herum. Wir versuchten, ein großes Eisenfass, das bis zum Rand mit Wasser gefüllt war, auf das Fundament eines neuen Hauses zu kippen. Wir kamen auf die Idee, Abfallhölzer als Hebel zu benutzen, und es gelang. Die Straße war leer. Roy Baker und ich liefen davon und setzten uns auf die Steine neben einem teilweise fertigen Haus, um unsere »Heldentat« zu besprechen. Um uns herum roch es nach frisch gesägtem Holz, feuchtem Beton, Erde und verbrannter Teerpappe.
Die Männer, die dort arbeiteten, hatten uns herumalbern sehen, bevor sie Feierabend machten. Als sie gingen, waren wir beide die einzigen Kinder in der Nähe. Am nächsten Morgen würden sie wissen, dass wir es gewesen waren, die das Fass umgeworfen hatten. Kinder in unserem Alter sind doch gar nicht so stark, um etwas so Schweres umzustoßen, erklärte ich Roy Baker, der ein paar Monate jünger war als ich. »Sie werden denken, wir haben übermenschliche Kräfte. Sie werden uns zu einem Zirkus bringen. Stell dir vor, wie das sein wird, wenn wir hinaus in die Manege müssen, die Menge wartet schon, und dann müssen wir Hanteln stemmen! Es bleibt uns nur eins. Wir müssen abhauen.«
Wir liefen und liefen, weiter weg als jemals zuvor, stahlen einige Pennys vom Armaturenbrett eines geparkten Autos und kauften davon Bonbons. Als es begann, dunkel zu werden, und wir uns verliefen und müde wurden, klopften wir an eine Haustür und die Leute brachten uns nach Hause.
Wir spielten Krieg auf den Erdhaufen der Baustellen. Das Ausspähen von Feinden hinter einem Hügel brachte mir die erste wissenschaftliche Erkenntnis, an die ich mich erinnern kann. Ich begriff, dass ich, um irgendjemand zu sehen, meinen Kopf soweit heben musste, dass auch ich gesehen werden konnte. Man muss aus seinem Versteck herauskommen, um überhaupt etwas zu sehen.
Cowboy und Indianer spielte ich am häufigsten. Ich liebte meine Spielzeugpistole und das Halfter und das Halstuch und den Cowboyhut. Die Zündplättchen gab es in mattroten Rollen mit kleinen Punkten aus Kaliumchlorat und Phosphor in der Mitte. Man fädelte die Rolle in die Metallpistole ein. Wenn man den Abzug betätigte, schob sich der Streifen nach vorn, der Hahn traf mit einem Knall das nächste Plättchen, und es qualmte ein wenig. Gerne würde ich noch einmal den Geruch eines explodierten Zündplättchens wahrnehmen.
Es gab die Fanclubs und Bruderschaften der Helden der samstäglichen TV-Shows. Flash Gordon, der in der Zukunft lebte und durch das Weltall raste. Seinem Club trat ich bei. Wie man Mitglied wurde, stand auf den Rückseiten der Cornflakesschachteln. Ich beantragte eine Mitgliedschaftskarte und einen ID-Ring. Sky King, der ein moderner Farmer war und ein kleines Privatflugzeug flog. Spin und Marty, Kids von heute in einem Feriencamp, präsentiert von The Mickey Mouse Club. Zorro und das Cisco Kid und der Lone Ranger. Oft waren es ein umherstreifender Held und sein ergebener Begleiter, der für komische Auflockerung sorgte, besonders in den Western von Howard Hawks und John Ford. (Wann immer es möglich war, nahm ich samstags den Bus in die Stadt, um eine Vorstellung mit zwei Spielfilmen zu sehen. Vor allem durch die Filme von Hawks und Ford wurde ich mit den »Codes des Westens« kontaminiert.) Es gab auch Teams, in denen die Mitglieder gleich waren und sich auf andere Art und Weise ergänzten als der Held und sein treuer Clown. Tonto war an der Seite von Lone Ranger keine Witzfigur, genauso wenig wie Dean Martin neben John Wayne in Rio Bravo. (Die komische Rolle spielte Walter Brennan.) Die drei Musketiere.
Ich wuchs mit der Vorstellung auf, dass Männer am besten in umherziehenden kleinen Teams arbeiten, gewöhnlich zu zweit. Du brauchtest jemanden, mit dem du dich verschwören konntest, jemand, der half, dass du die Nerven behieltest, wenn du daran gingst, deine Ideen zu verwirklichen. Jemand, der wusste, was du dachtest (ansonsten existierten deine Gedanken nicht wirklich). Jemand, der die Qualitäten hatte, die du dir vielleicht auch wünschtest und die du bis zu einem gewissen Grad durch das Zusammensein erwerben konntest.
Pat Thompson war mein erster und mein bester Freund. Zusammen mit einem anderen Kumpel wollten wir ausreißen. Auf dem Schulhof während der Pause legte Pat seine Arme um unsere Schulter, um etwas zu beratschlagen und dann schlug er unsere Köpfe zusammen und lachte. Ich war schockiert. Als Pat im nächsten Jahr wegzog, tauschten wir Erinnerungsstücke aus. Ich nahm einen Absatz von seinem Schuh. Ich sehe ihn noch immer vor mir. Er ist trocken und konkav mit gebogenen dünnen kleinen Nägeln, die herausragten, und auf der Oberseite seine mit Filzstift geschriebene Unterschrift.
Im Frühjahr 1957 musste Gardenside für die kleinen Kinder immer noch mit einem Schulhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert auskommen. Es stand oben auf einem verwilderten Hügel und war in drei Räume unterteilt worden, je einer für die ersten drei Klassen. Unten am Hügelabhang klaffte die Öffnung einer flachen Höhle, wo wir uns um Mitternacht treffen wollten.
An jenem Tag sammelte ich heimlich im Haus Vorräte – Kekse, Erdnussbutter und Äpfel –, schmuggelte sie in das Schlafzimmer, das ich mit meiner Schwester teilte, und versteckte sie unter meinem Kopfkissen. In der Nacht wollte ich alles in ein Tuch wickeln und am Ende eines Stocks festbinden und ihn dann auf der Schulter tragen.
Als die Zeit kam, ins Bett zu gehen, und meine Schwester und ich die Zähne geputzt hatten, konnte ich meinen verdammten Schlafanzug nicht finden. Er hätte in der Kommode sein sollen. Die ganze Familie half mir bei der Suche, und gerade als mir klar wurde, was ich angerichtet hatte, rief mein Vater, er habe den Pyjama gefunden, zusammen mit einigen anderen Sachen unter meinem Kopfkissen.
Es war spät, aber alle Lichter im Haus blieben an. Meine hübsche kleine Schwester war beeindruckt, die Reaktion meines Vaters seltsam. Er sagte zu mir, er werde mich um Mitternacht zu der Höhle fahren, und sollten meine Freunde dort sein, könne ich mit ihnen gehen. Ich war erstaunt und bin es noch heute.
Kurz vor Mitternacht stiegen wir in den alten großen Manhattan und fuhren die fünf Minuten zu dem Treffpunkt. Mein Vater zeigte sich freundlich und besorgt. Mein Selbstvertrauen war durch seine behutsame Freundlichkeit ein wenig geschrumpft, aber ich stellte mir den Triumph vor, wenn ich mit meinen Freunden zurückbliebe und wir unseren nächsten Schritt planten. Sie würden denken, was für einen großartigen Vater ich hätte. Er und ich warteten im Wagen mit ausgeschaltetem Licht, und nichts geschah. Niemand kam. Wir warteten, bis ich mich nicht beschweren konnte, wir seien zu früh weggefahren, und dann kehrten wir nach Hause zurück.
Ich weiß nicht mehr, was danach passierte, und der einzige, der sich überhaupt an die Geschichte erinnert, bin ich. Weder meine Mutter noch meine Schwester haben eine Erinnerung daran. Mein Vater starb plötzlich an einem Herzinfarkt wenige Wochen nach dem Ausreißversuch. Die Tatsache, dass ich die einzige Person bin, die sich an jenen Abend erinnert, bewegt, ja verstört mich, wenn ich seine Bedeutung für mich bedenke. Meine Frau zog mich später gerne deswegen auf.
Vor einiger Zeit fand ich eine alte Schachtel mit Papieren, darunter ein Heft mit der Geschichte »Runaway Boy«, die ich in jenem Jahr für die Schule geschrieben hatte. Das Datum lautete November 1957, also wenige Monate nach dem »Fluchtversuch«. Die zwei kurzen Kapitel waren voller Schreibfehler, aber mit einem gewissen Stolz sah ich, dass ich die Namen der Beteiligten geändert und miteinander kombiniert hatte. Dies war wohl mein erster literarischer Versuch.
Kentucky ist übersät mit Höhlen, und meine Freunde und ich zogen immer wieder los, um welche zu entdecken. Wir fanden ein paar kleine Tunnel, die in dem umliegenden Farmland versteckt waren – Öffnungen, die feucht und dunkel und glitschig waren und wo Salamander lebten. Wir zwängten uns hinein, setzten uns und krochen dann weiter. Die Eingänge waren oft bei Bäumen zu finden, die in Senken wuchsen, wo nicht gepflügt werden konnte. Wir stöberten in solchen Kratern herum, und manchmal gab es zwischen dem Schutt und Gestrüpp einen Eingang. Im Innern stellte sich wieder das gute Gefühl ein – das so selten ist im Erwachsenenalter außer vielleicht bei Drogen und Sex –, zu träumen und in einem Versteck etwas auszuhecken, was als völlig inakzeptabel galt.
In Erinnerungen wie in Träumen sieht man sich selbst oft von außen, als wäre es ein Film. So erinnere ich mich an den Morgen nach dem Tod meines Vaters im Sommer 1957.
Die Betten, in denen meine Schwester Babette und ich schliefen, standen an den gegenüberliegenden Wänden unseres Zimmers, das neben dem Schlafzimmer unserer Eltern im hinteren Teil des Hauses lag. Ich sehe die Szene aus einem Blickwinkel nahe und über dem Kopf meiner Mutter hinweg, alles ist dämmrig und unscharf. Sie sitzt auf dem schmalen Bett meiner Schwester, das neben der Tür steht, und schaut auf mich herab. Die sechsjährige Babette sitzt auch am Bettrand, auf der anderen Seite, und hört zu, wie Mutter erklärt, dass unser Vater in der Nacht gestorben ist. Wir verstehen die Situation nicht besonders gut, auch wenn wir begreifen, dass Totsein bedeutet, er existiert nicht mehr, er ist für immer verschwunden.
Später schämte ich mich, dass die Kinder in der Schule wussten, dass mein Vater gestorben war. Ich musste mir eingestehen, dass ich darüber aufgebrachter war als über seinen tatsächlichen Tod, der nur eine Abwesenheit war (es gab nicht einmal eine Beerdigung).
Als ich acht oder neun war, war eine Zeitlang mein bester Freund ein Junge namens Rusty Roe, der wenige Häuser von uns entfernt wohnte. Er war etwa ein Jahr jünger als ich. Ich fühlte mich immer noch unsicher nach dem Tod meines Vaters. Chet, Rustys netter Vater, der Ende zwanzig gewesen sein muss, war ein Naturbursche, ein Jäger und Angler, der Waffen- und Anglermagazine abonnierte und als Hobby Tiere ausstopfte. Manchmal nahm er Rusty und mich in einem Ruderboot auf einem See mit, um Barsche zu fischen.
Ein paar Jahre lang begeisterte ich mich für Vögel. (Meiner Mutter zufolge war »bird« das erste Wort überhaupt, das ich sagte.) Ich liebte es, durch die Landschaft zu laufen und nach Vögeln Ausschau zu halten, und ich konnte sie nach ihrem Gesang und Flugmustern als auch nach ihren Nestern und Umrissen identifizieren. Rusty kam meistens mit. Auch er wusste eine Menge über Vögel. Wir hatten Petersons Bestimmungsbücher dabei. Ich sammelte verlassene Nester. Aus Balsaholz schnitzte ich Vögel und bemalte sie oder kaufte mir Bastelsätze für Vogelmodelle, um sie zusammenzukleben und anzumalen.
Eines späten Nachmittags spielten Rusty und ich in seinem Garten, als es Zeit für mich wurde, nach Hause zu gehen. Er aber meinte, ich ginge weg, weil ich ihn nicht mehr mochte. Er flehte mich an zu bleiben, begann zu weinen, sich zu entschuldigen und zu betteln, und ich merkte, einem Teil von mir gefiel es. Etwas in mir empfand Freude darüber, meinen Freund zum Weinen zu bringen. Ich hatte ihn nicht verletzen wollen, aber seine Tränen zeigten, wie sehr er mich schätzte und dass nicht ich der Verwundbare war. Es gab mir auch eine gewisse Befriedigung, auf seine Unterwürfigkeit immer unnachgiebiger zu reagieren. Durch die plötzliche Kluft zwischen uns spürte ich den Wunsch, allein zu sein. Es war schon dunkel, als ich meinen Freund verließ. Verloren stand er auf dem hochumzäunten Rasen mit dem kleinen Goldfischteich, den sein Vater ausgehoben hatte.
Vielleicht sehne ich mich ein wenig nach der Unschuld, bevor mein Verhalten berechnend wurde, doch mein Leben damals war voller Schmerz und Angst, und es war nicht einmal wirklich unschuldig. Meine nette Lehrerin in der dritten Klasse, Mrs. Monk, korrigierte mich einmal, weil ich ihrer Ansicht nach eine falsche Bescheidenheit zeigte. Sie riet mir, »nicht nach Komplimenten zu fischen«. Zuerst verstand ich nicht, was sie meinte, aber dann begriff ich mit Erstaunen, dass es möglich war, mein Verhalten misszuverstehen, zu glauben, ich tue etwas aus genau dem entgegengesetzten Grund, aus dem ich es tatsächlich tat.
Fotos von mir als Zehn- oder Elfjährigem: ein flaches, ausdrucksloses, verschmiertes Gesicht. Es gibt ein Panorama oder eine Montage von Aussichten auf die Umgebung, die leeren Hügel der Vorstadt, alles still und weich und kalt, mit grober Körnigkeit. Ich fahre auf meinem Rad durch die neu gebauten Straßen, allein, niemand sonst in Sicht. Oder ich sitze im Garten hinterm Haus, werde plötzlich meiner selbst bewusst oder gewahr, dass dieser Augenblick sich irgendwann wiederholen und meinen Zustand und die Umgebung abbilden wird.
Es war vermutlich in der sechsten Klasse, als ich zur Hochform auflief. Ich war ein Goldjunge ohne Arroganz. Meine Lehrerin in jenem Jahr, Mrs. Vicars, traf eine Vereinbarung mit mir, die es mir erlaubte, anstatt der üblichen Hausaufgaben Geschichten zu schreiben.
In der siebten Klasse jedoch stürzte ich ab, und es dauerte Jahre, bis ich es wieder nach oben schaffte. Die Babyboomer der Nachkriegszeit hatten das Schulsystem von Lexington eingeholt. Die Schulen waren so überfüllt, dass eine alte große Bruchbude im Stadtzentrum für die Nutzung von Hunderten und Aberhunderten Siebtklässlern aus der ganzen Stadt in Beschlag genommen wurde. In dieser großen Schule mit unbekannten Kindern meines Alters verlor ich jede Vorgeschichte und jedes Ansehen, das ich vorher hatte. Ich war ein Nobody, und bei meinem mangelnden Selbstbewusstsein war es unmöglich, aufzuholen. Alles, woran ich mich aus jenem Schuljahr erinnere, ist Angst und Traurigkeit, verbunden mit qualvollem Neid auf die erfolgreichen Rednecks: der dominierende, reife Gary Leach mit den bis zum Bizeps aufgerollten Ärmeln, eng anliegenden Jeans, kurzem, in präzisen Strähnen gelegtem Haar, der im Schulbus hinter mir der lieblich schluchzenden Susan Atkinson zuflüsterte: »Bei mir kannst du dich ausweinen«; der toughe, schneidige Jimmy Gill, der mit seinen abgebrochen Vorderzähnen Jerry Lee Lewis ähnelte; oder der muskulöse, selbstsichere Farmersohn Hargus Montgomery.
Es gab im letzten Moment eine aussöhnende Erfahrung. Da ich traumatisiert war und mich nichts dazu bringen konnte, irgendwelche Hausaufgaben zu machen, waren meine Noten, die ich mühelos mit Auszeichnung erworben hatte, auf befriedigend, ausreichend und schließlich ungenügend abgerutscht. Noten maß ich keine große Bedeutung bei, aber auf einmal empfand ich es als kränkend, so zu versagen. Doch als uns Ende des Jahres standardisierte »Leistungstests« gegeben wurden, erzielte ich die höchste Punktezahl in der ganzen Schule. Man hätte mir das normalerweise nicht mitgeteilt, aber die Leitung glaubte, mit mir darüber reden zu müssen. Danach bemerkte ich, dass sich die Lehrer mir gegenüber anders verhielten. Ich bekam so etwas wie Glamour. Sie blieben stehen und schauten mich an, wenn ich vorbeiging.
Die Jahre auf der Junior High School – von der siebten bis zur neunten Klasse – waren furchtbar. Wegen der Überbelegung besuchte ich jedes Jahr eine andere Schule mit immer wechselnden, unbekannten Klassenkameraden. Ich hasste Hausaufgaben. Ich litt auch unter Schlaflosigkeit, weil ich immer daran denken musste, nicht vorbereitet und ein Versager zu sein. Alles in der Schule missfiel mir. Selbst wichtige Schularbeiten schob ich bis zum Vorabend der Abgabe hinaus, und dann saß ich schwitzend in meinem Zimmer unterm Dach vor irgendwelchen Texten, die ich paraphrasierte, um einen Aufsatz zusammenzuschustern und aufzupeppen. Ich litt an Schlaflosigkeit, als wäre ich in eine Falle geraten, gelähmt vom Scheinwerferlicht. Ich wusste, es war meine Angst vor dem schlechten Abschneiden und dem Ansehensverlust, die mich wachhielt. Und doch konnte ich mich nicht dazu zwingen, die blöden Hausaufgaben zu machen, und ich fand auch nicht wirklich heraus, was eigentlich los war. Und all das verstärkte sich gegenseitig in meinem Kopf. Es war wie ein ständiges Kribbeln auf der Haut. Als gäbe es eine Droge, die ich dringend brauchte, aber nicht hatte.
Sobald ich meiner selbst bewusst wurde, begann ich die rohe Unterdrückung zu hassen, der man als Kind ausgesetzt war. Ich mag normalerweise keine »Alpha«-Leute, und in den willkürlichen geschlossenen Gemeinschaften von Schulen hat man es ständig mit ihnen zu tun. Ich konnte es einfach nicht ausstehen, mit Fremden zusammengepfercht zu sein. Basta. Auch missfiel mir, gesagt zu bekommen, was ich tun sollte, und natürlich geht es in der Schule und in der Kindheit um die Autorität der Erwachsenen. Ich wusste so gut wie jeder von ihnen, was lohnenswert war, aber weil ich ein Kind war und sie größer waren und mehr Macht hatten als ich, wurde ich betrogen.
Ich erinnere mich, dass ich noch als Kind meinem erwachsenen Selbst ein Versprechen abverlangte. Ich gelobte, nicht zu vergessen, wie willkürlich und unfair die Regeln der Erwachsenen sind. Ich gelobte, den Prinzipien treu zu bleiben, die, wie ich bald begriff, die Erwachsenen manchmal vorgaben zu kennen, aber an die sie sich kaum hielten.
Ich wollte ein Leben voller Abenteuer haben. Ich wollte nicht, dass mir irgendjemand sagte, was ich zu tun hatte. Ich wusste, dass dies das Wichtigste war und dass alles verloren wäre, wenn ich mich verlogen verhielte, so wie es die Erwachsenen taten.
Die monströsen, kastenförmigen, breitschnäuzigen, eigelbfarbenen Schulbusse mit ihrer schwarzen Beschriftung waren für mich Symbole der Einsamkeit und Demütigung. Sie rollten durch graues und regnerisches Wetter, und ich starrte aus dem Fenster in der Hoffnung, nicht gesehen zu werden außer von einem ganz besonderen Mädchen.
Kapitel Zwei
Vor einiger Zeit saß im Kino ein hübsches Mädchen vor meiner Frau und mir, und alles, was ich von ihr sehen konnte, war ihr Haar. Als ich in der Grundschule im Klassenzimmer hinter Mädchen saß, konnte ihr Haar mich zum Wahnsinn treiben. Es war nicht einmal wirklich lebendig, aber ergreifender als die Gesichter der meisten Menschen wegen der Intimität, mit der es mit seiner Trägerin in Verbindung stand. Es war unerreichbar, während es direkt vor mir war, völlig entblößt, mit all seinen unkontrollierten, wilden Implikationen und Botschaften seiner Pflege, und ich empfand es als herzzerreißend, dass seine Besitzerin nichts von seiner Wirkung ahnte. Es war, als beobachtete man heimlich einen schlafenden Menschen.
In der dritten Klasse war ich verrückt nach Mimi McClellan. Wenn ich versuche, mir ein Bild von ihr zu machen, so ist da kein Gesicht. Nur ihr hoch toupiertes dunkelblondes Haar. Aber wenn ich es mir überlege, dann gab es damals niemanden, der in dem Alter die Haare toupierte. Es war das Jahr 1958, auch die Frauen trugen noch nicht eine solche Frisur, bis zwei oder drei Jahre später Jackie Kennedy ihren Auftritt hatte. Nachts lag ich in meinem Bett, dachte an Mimi McClellan und phantasierte, ich würde von einem Auto angefahren, so dass sie meine Hand nehmen würde und ich ihr sagen könnte, dass ich sie liebe.
In der sechsten Klasse war es Janet Adelstein. Es ist wahrscheinlich Janets Haar, das ich Mimi zuschrieb. Denn Janet hatte eine von Haarspray konservierte, dunkelblonde Hochfrisur, von der ein seidiger, wohlduftender Hauch ausging.
Die jungen Mädchen trugen weiße Baumwollblusen mit Ringelkragen, Strickjacken und Hosenröcke. Vielleicht noch eine zierliche Halskette aus Gold, Tennisschuhe oder Bass Slipper und Söckchen. Viele der Mädchen in der Klasse hatten schon Brüste. Janets Brüste waren größer als die der meisten anderen.

Verrückt nach Mimi McClellan.
© by Richard Meyers, mit freundlicher Genehmigung der Fales Library and Special Collections, New York University Libraries
Ich offenbarte ihr nie meine Gefühle für sie. Jahre später trafen wir uns irgendwo zufällig, unterhielten uns, und es stellte sich heraus, dass auch sie damals in mich verknallt war. Irgendwie tragisch, geradezu Shakespearhaft.
Ich weiß nicht mehr, wann ich zu onanieren anfing, aber es war lange, bevor ich ejakulieren konnte. Wir Jungen glaubten, Wichsen oder Sex zu haben sei etwas Perverses und Schlechtes. Ich hatte die Taktik, mich damit zu entschuldigen, dass ich einen Ständer nicht durch tatsächliches Berühren des Penis kriegte, sondern durch die bloße Vorstellungskraft. Denke ich heute an diese Phantasien, dann würde ich sie gerne sehen können, als ob sie Filme wären – ich hatte so wenig Ahnung von Sex, da wäre es cool zu sehen, was mir durch den Kopf ging (ich weiß noch, dass Roy Bakers Mutter manchmal dabei eine Rolle spielte).
Zu der Zeit, da ich dreizehn war, war das Wenige, was ich über die sexuelle Mechanik wusste, eine Menge. Schon ein Bild malen mit wenigen Details wie ein Unendlichkeitszeichen mit einem Punkt in der Mitte beider Schleifen und darunter die Umrisse eines Stundenglases, das in der unteren Hälfte ein gekritzeltes, abwärts zeigendes Dreieck hatte, reichte schon, um bei einem Jungen eine gewaltige Erektion hervorzurufen. Am Anfang der achten Klasse achtete ich beim Laufen monatelang darauf, meine Schulbücher vor meine Jeans zu halten, um die Beule zu verbergen. Manchmal entkamen nur durch die Reibung am Stoff ein paar Tropfen Flüssigkeit, und einmal stand ich auf dem vollen Schulkorridor und hatte eine Ejakulation.
Als es mir mit dreizehn oder vierzehn endlich gelang, einen Finger in eine Vagina zu stecken, hatte ich das Gefühl, in eine neue, fast übernatürliche Dimension eingeweiht zu werden, als hätte ich das Schwert aus dem Stein gezogen. Danach machte ich einen langen Spaziergang und hielt alle paar hundert Meter meine Finger unter die Nase – das Duftabzeichen meines neuen Königreichs.
Ich hatte keinen richtigen Sex, bis ich fünfzehn war. Ich war an ihr nur interessiert, weil ich glaubte, sie werde mich vielleicht ranlassen. Der Sexualtrieb überwältigt fast alles. Viele sind beim Ficken gestorben. Woher kommt denn schließlich rücksichtslose Aggression, wenn nicht vom Testosteron? Und woher kommt dieses Testosteron? Dieses unglückliche Mädchen jedoch mochte Sex ganz und gar nicht, und auch sonst kaum etwas, soweit ich das feststellen konnte. Sie arbeitete als Bedienung in einem Autokino in der Nähe der Universität. Sie war neunzehn und ein Landei aus den Appalachen; sie war nicht nur engstirnig und ungebildet, sondern auch dumm wie Stroh und fast genauso lebhaft. Jedes Mal, wenn ich mir dort einen Hamburger kaufte, flirtete ich mit ihr. Ich erzählte ihr, ich sei Medizinstudent im ersten Semester. Ich begleitete sie von der Arbeit nach Hause. Bald gab sie mir den Schlüssel zu ihrem Apartment.
Der Sex mit ihr war nicht entspannt. Es war, als müsste ich mich durch wildes Gebüsch hacken, das sich an meine Fußknöchel klammerte und das Gesicht zerkratzte, während ich mich vorwärtskämpfte, mit rasendem Herzen, weil der Antrieb so mächtig war, auf weibliche Genitalien, auf eine triefend nasse Muschi. Am Ende war ihre Muschi nicht besonders feucht, denn sie war nervös und gehemmt. Es war schrecklich, sie zu ficken, auch wenn ich nicht genug davon bekommen konnte. Selbst als endlich ihre Klamotten weg waren und sie unter mir auf dem Bett lag, machte sie nicht mit, sondern widersetzte sich, um den Schein zu wahren, und während der Penetration gab sie sich völlig unbeteiligt, lag stoisch da und vollführte ein oder zwei ablehnende Hüftstöße. Damit wollte sie kundtun, dass sie keine verruchte Person war, sondern diesen peinlichen, scheußlichen Akt nur mir zu liebe als einen widerwillig gewährten Gefallen zuließ.
Es soll immer noch Gesellschaftsschichten geben, wo ein solches Verhalten selbst zwischen verheirateten Paaren üblich ist. Was großartig für die Pornographie ist. Und für die sexuelle Revolution und die Pille und für rebellische, lebenslustige Frauen. Allerdings kann ich es nicht leugnen, dass ich immer noch verklemmt und Amerikanisch genug bin, um schmutzigen Sex zu mögen. Und ich liebe Haare. Weil sie tot und doch etwas Persönliches sind und weil ich gerührt bin von ihrem vergeblichen Bemühen, die Stellen, wo sie wachsen, zu wärmen und zu schützen.
Kapitel Drei
So linkisch und seltsam ich auch seit dem zwölften Lebensjahr war, immer noch fühlte ich mich als romantischer Held und wollte unbedingt eine Versöhnung zwischen meinem Inneren und Äußeren, selbst wenn das Ergebnis grotesk war. Als Kind phantasierte ich manchmal ein Leben als bettlägeriger fettleibiger Einsiedler, der wie eine Spinne in ihrem Netz mit der ganzen Welt fertig wird, empfindlich für jedes Zittern und sofort darauf reagierend. So jemand wie ein verschwenderischer Orson Welles oder verrückter Howard Hughes, ein ruheloser Superman. Ich hielt mich für faszinierend und charmant, wagte aber klugerweise nicht, es in Gesellschaft zu testen.
In der neunten Klasse geriet ich häufiger in kleine Konflikte mit den Autoritäten. Einmal benutzte ich Substanzen aus einem alten Chemie-Baukasten, um in meinem Schulbus eine Explosion herbeizuführen. Es war nur Lärm und Rauch, aber ich hatte meinen Spaß. Dafür erhielt ich drei Tage Schulverbot.
Einige Zeit später legte ich eine Packung Feuerwerkskörper in ein Schließfach auf dem Schulkorridor und brachte sie mit einer brennenden Zigarette zur Explosion. Im Metallschrank gab es ein lautes Krachen. Meine Klassenlehrerin stürzte nach draußen und kam keuchend zurück: »Die Uhr ist explodiert!« Ich konnte nicht aufhören zu lachen, was mich wohl verriet. Diesmal wurde ich für drei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen.
Dann bekam ich völlig überraschend ein Stipendium für Sayre, die einzige Privatschule in der Stadt. Mein Biologielehrer aus der siebten Klasse war dorthin gewechselt, und die Schule hatte mit einem Stipendienprogramm für zwei Schüler begonnen. Meine Mutter erhielt einen Telefonanruf mit dem Angebot, für mich das volle Schulgeld zu bezahlen.
Larry Flynn, der andere Stipendiat, wurde mein bester Freund. Er hatte Leichtathletik als Schwerpunkt, ich sollte mich auf wissenschaftliche Fächer konzentrieren. Er wurde der Quarterback des bunt zusammengewürfelten Footballteams und der Star im Basketball, während meine Noten schlecht blieben, aber uns beiden gefiel die neue Situation. Die reichen Mädchen waren inspirierend. Diese schlanken süß riechenden blassen sommersprossigen Körper, eingewickelt in Kaschmir und in ägyptischer Baumwolle. Die Girls auf der Privatschule waren rauer und in mancher Hinsicht sexier, aber für jemanden wie mich war es schwer, aus ihnen schlau zu werden. (In der achten Klasse, als sich die erste Chance ergab, Sex mit einem Mädchen zu haben – ein armes Arbeiterkind aus der Schule und eine Jungfrau wie ich –, hörte ich irgendwann auf, weil es sie zu schmerzen schien. Schnell fand sie einen weniger rücksichtsvollen Typ.) Ich war glücklich an einer so kleinen Schule wie Sayre, wo jeder jeden kannte. Allerdings bekam ich auch dort Ärger.
In meinem Viertel konnte man damals innerhalb kurzer Zeit ein Auto mit dem Schlüssel im Zündschloss finden. Ich borgte sie mir für Spritztouren mit Freunden und versuchte dabei, das Fahren zu lernen, wobei ich nicht vergaß, den Wagen zurückzubringen, bevor er vermisst wurde. Spät abends schlich ich aus dem Haus, und manchmal nahm ich auch den Wagen meiner Mutter oder der Eltern meiner Freunde. Ich glaube, mit denen ging ich rücksichtsloser um. Zweimal wurde ich dabei erwischt. Das erste Mal, als ich die Wagenschlüssel meiner Mutter klaute.

Im Sayre Basketball-Team, 1965 - neben mir: Larry Flynn.
© mit freundlicher Genehmigung von Richard Meyers
Nachdem es endlos lange gedauert hatte, von meinem Zimmer auf Zehenspitzen die knarrende Treppe runterzuschleichen, ging es durch die Haustür hinaus in die großartige Nacht. Draußen war es wegen des Vollmondes und der Sterne heller als im Haus, es war kühl, das funkelnde graue Gras und das Auto feucht vom Abendtau. Freunde warteten bereits auf mich. Wir schalteten in den Leerlauf, schoben das Auto aus der Auffahrt und rollten es den Hügel hinunter, bevor wir den Motor kommen ließen und losfuhren.
Wir beschlossen, uns nach Cincinnati aufzumachen, etwa 150 Kilometer Richtung Norden. Auf der vierspurigen Autobahn zu fahren, war wie ein Rennen durch den Gang eines leeren riesigen Supermarkts. Große Schilder, die alle möglichen Optionen ankündigten, flitzten an der Windschutzscheibe vorbei. Wir lachten und tranken und rauchten. Das unausgesprochene Risiko, einen Unfall zu bauen, erhöhte noch den Nervenkitzel. Ich hatte ganz sicher nicht alles im Griff. Als wir endlich Cincinnati erreichten, wusste keiner von uns, was wir dort machen sollten, also kehrten wir um.
Wieder in Lexington, beschlossen wir, das Viertel der Schwarzen unter dem Viadukt zu erkunden. Ich verfuhr mich in den schlecht beleuchteten, halbgepflasterten Straßen und bei dem Versuch, aus einer Sackgasse herauszukommen, rammte ich einen Mast und würgte den Motor ab. Als ich ihn wieder anließ, hatte das Auto eine Fehlzündung und beschleunigte unkontrollierbar. Schon eine Minute später rasten wir durch die Stadtmitte. Ich hatte Angst, die Bremsen zu benutzen, weil ich glaubte, das könnte das Auto völlig ruinieren. Also schaltete ich die Zündung aus. Als das Auto im Leerlauf ein vernünftiges Tempo erreichte, startete ich den Motor erneut, wieder gab es eine Fehlzündung, und mit Vollgas ging es weiter. Ziemlich schnell erregte dieses Stop-and-Start Dragsterrennen die Aufmerksamkeit der Polizei, und zwei oder drei Streifenwagen tauchten hinter uns auf. Nach einer kurzen Verfolgungsfahrt von vielleicht einem Kilometer trat ich auf die Bremse, wir sprangen aus dem Wagen und rannten weg. Sie jagten uns mit Hunden und schnappten uns.
Bei dem zweiten Vorfall war Leslie Woolfolk beteiligt. Sie war ein blasses, spindeldürres Mädchen, das sich mit einer Gruppe freiwilliger Außenseiterinnen von Sayre herumtrieb. Sie verhöhnten alles und waren wie eine wilde Herde kleinwüchsiger Giraffen mit hübschen, flachen Kätzchengesichtern. Ich mochte sie alle.
Sie war einverstanden, sich mit mir um Mitternacht mit den Autoschlüsseln ihrer Eltern zu treffen. Wir wollten aufs Land nahe der Stadt Versailles fahren, wo ein weiteres Giraffenmädchen auf einer Pferdefarm lebte. Das Auto ihrer Eltern hatte allerdings eine Handschaltung, und das war neu für mich. Wir schafften es bis zur Farm, aber als ich in der Dunkelheit rückwärts aus einer falschen Einfahrt fuhr, vergaloppierte ich mich und blieb hoffnungslos in einem Graben stecken.
Wir verbrachten die kalte Nacht in einer Heuhütte und wärmten uns gegenseitig; leider zog sie die Grenze für Berührungen frustrierend eng. Wir malten uns aus, dass wir den Wagen am nächsten Morgen von einem Traktor herausziehen lassen und dann nach Florida flüchten würden. Im Morgengrauen, als wir wieder im Wagen saßen, klopfte ein Polizist an die Scheibe.
Die Schule drohte mit Ausschluss. Das verstand ich nicht, denn die Sache hatte ja nichts mit der Schule zu tun. Unsere freundlichen Mitschüler jedenfalls protestierten mit einer Petition und der Direktor lenkte ein. Wir wurden beide für zwei Wochen suspendiert.
Als Strafe für das erneute Schulverbot befahl mir meine Mutter, die Holzfassade unseres Hauses zu streichen – die Fenster- und Türrahmen und die Paneelen unter den Dachrinnen. Immerhin erlaubte sie mir, Musik zu hören. Ich hatte einen kleinen tragbaren Plattenspieler mit einem Verlängerungskabel. Ich besaß nur drei LPs: The Rolling Stones, Now!; Bringing It All Back Home von Bob Dylan und Kinks-Size (mit »All Day and All of the Night« und »Tired of Waiting for You«) von den Kinks. Ich spielte sie wieder und wieder, während ich in der Sonne auf der Leiter stand und das Holz anstrich. Die Stones-Platte begann, sich zu wellen. Ich legte sie zwischen zwei Bratpfannen in den heißen Ofen, und am nächsten Tag klang sie sogar noch besser.
Man mag es kaum glauben, doch sieben oder acht Jahre später, als ich selbst eine Band gründete, traf auf diese drei Platten, die ersten, die mir gehörten und die eine Zeitlang meine einzigen waren, immer noch zu, was mich an Musik begeisterte – die Stücke waren schnell, aggressiv und höhnisch, aber komplex und voller Gefühle. Im Jahr 1965 waren sie nur der beiläufige Soundtrack zum Zeit totschlagen; sie bedeuteten mir nicht viel mehr als die Frage, was für ein Hemd jemand trug oder was für ein Fremder neben mir im Bus saß. Klar, wenn ich damals darüber nachgedacht hätte, was ich da hörte, hätte ich gesagt, ich wollte das Leben dieser Jungs haben, die solche Platten machten, bzw. das Leben, das diese Jungs meiner Vorstellung nach hatten, aber ich hielt die Musik einfach für selbstverständlich. Die Musik war alles, was ich wollte – sie erfüllte mich mit Selbstvertrauen und Unruhe und dem Gefühl, ein besonderes Wissen und einen besonderen Sexappeal zu haben, aber ich nahm sie als gegeben hin. Und ich glaubte, ich könnte sie unter den richtigen Umständen selbst machen. Allerdings glaubte ich nicht, dass ich es je versuchen würde. Ich wusste aus Erfahrung, dass das Üben auf einem Instrument langweilig war (ich hatte etwa ein Jahr lang Klarinettenunterricht), und es schien sehr unwahrscheinlich zu sein, ja sogar unvorstellbar, dass jemand, den ich kannte, (nämlich ich) je Platten machen würde.
Kapitel Vier
Eines Tages, auf mir lag der Schatten meiner Teenager-Vergehen, fuhr mich meine Mutter schweigend durch den Verkehr zu einem Einkaufszentrum. Ich saß auf dem großen Vordersitz des ‘55 Buick, der den Kaiser ersetzt hatte. Wortlos hielt sie plötzlich am Straßenrand an und schlug immer wieder heftig ihren Kopf gegen das Lenkrad. Von ihrer Stirn rann Blut. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Es war wahrscheinlich mein letztes Missgeschick in Lexington, das zu der verzweifelten Reaktion meiner Mutter führte. Rebecca, die Kellnerin bei Big Boy, mit der ich als Fünfzehnjähriger den ganzen Sommer verbrachte, war eines Abends früher von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte mich trinkend mit ein paar Mädchen in ihrem Apartment erwischt. Aus Rache rief sie meine Mutter an und behauptete, von mir schwanger zu sein. Sie rief auch den Leiter der Englischabteilung an der Universität an, wo meine Mutter studierte.
Zu dieser Zeit schloss meine Mutter ihre Doktorarbeit ab und bekam eine Stelle als Dozentin für Amerikanische Literatur am Old Dominion, einer staatlichen Universität in Norfolk (Virginia). Dorthin fuhren wir im Sommer 1965 in unserem ersten nagelneuen Wagen, einen roten kleinen Chevy Corvair, den Onkel Dick und Tante Phyllis ihr zur Promotion geschenkt hatten. Wir zogen in ein Apartment im zweiten Stock eines alten zweistöckigen Hauses an der Jamestown Crescent, der Hauptavenue von Larchmont, einem ruhigen, baumbeschatteten Wohnviertel aus den zwanziger Jahren. Das College lag ganz in der Nähe.
Norfolk war ein Nicht-Ort. Dagegen sah selbst Lexington elegant aus. Sein Herz war eine riesige Marinebasis, die größte der Welt, und der Rest der Stadt war eine genaue Entsprechung dieser Trostlosigkeit in Stahl und Beton. Alle Standorte waren durch kleine Tunnel und Brücken über einem Netzwerk verschmutzter Buchten und Wasserstraßen miteinander verbunden. Es gab nur noch wenige Backsteinzeugnisse eines alten Virginia, das mindestens so konservativ war wie das anonyme Militär. Selbst Virginia Beach, die zwanzig Meilen entfernte Atlantikküste, derentwegen meine Mutter den Job überhaupt attraktiv fand, war hässlich: eine schäbige Ansammlung protziger Mittelklassehotels oder schmuddeliger Billigpensionen, umgeben von Reklameschildern, T-Shirt- und Souvenirläden, Fast-Food-Ketten und aneinandergereihter öder Strandhäuser.
Ich wurde für die elfte Klasse in einer riesigen öffentlichen High School angemeldet. Ich war nie fähig gewesen zu lernen, und ich wusste, ich würde wieder sozial nicht dazugehören. Ich hätte lieber ein Zimmer allein in einer billigen Pension irgendwo in den USA gehabt als Schulbücher durch diese scheußlichen Korridore zu tragen.
Nach einigen Wochen der Drohungen und Versprechungen erklärte sich Mutter schließlich bereit, für mich eine Schule wie Sayre zu suchen. Meine Vorgeschichte war ein Problem – nicht nur die Ausschlüsse, auch meine Noten, die gerade mal befriedigend und ausreichend waren, obwohl ich ein Stipendium für Sayre bekommen hatte. Und wir hatten kein Geld. Meine Mutter besprach die Lage mit Grandma Linda. Sie suchten ein wenig und fanden schließlich ein gemischtes Internat in Delaware, das mich akzeptierte. Großmutter gab meiner Mutter einen Großteil des Schulgelds.
Sanford Preparatory School lag etwa achtzig Meilen nordwestlich von Wilmington inmitten von 50 Hektar Feldern und bewaldeten Hügeln. Die meisten der auf sechs Klassen verteilten 165 Schüler wohnten dort. Es gab sechs kleine, nach Geschlechtern getrennte Wohnheime. Einige davon waren umgebaute Farmgebäude, die anderen eine neu errichtete Art von Barracken. Die Klassenzimmer befanden sich in früheren Farmhäusern, und es gab eine moderne Bücherei mit großen Fensterscheiben, die das Innere besonders an Schneetagen behaglich machten. Die Schule hatte ein nagelneues »Fieldhouse« (Sporthalle) sowie Tennisplätze und Felder für Hockey, Baseball, Football und Lacrosse und sogar einen kleinen Stall. Die Jungen trugen Sportsakkos – wahlweise Schulblazer – und Krawatten, und die Mädchen Kniestrümpfe und Schottenröcke und über ihre weißen Baumwollblusen Blazer oder Strickjacken.
Die Umgebung ähnelte der in Sayre. Meine Arbeitseinstellung änderte sich nicht. Schon im Februar bekam ich mit einer Fünf in Mathematik, einer Vier in Spanisch und einer Drei in Englisch eine Bewährungsfrist. Ich hielt die schlechten Noten für ein Problem, aber nicht für ein großes – so war es bereits seit der siebten Klasse. Allerdings ging die Leichtigkeit des Lebens ein wenig verloren. Meine Rolle an der Schule war die des Skeptikers, Unruhestifters und Spaßvogels, der Typ, der nichts ernst nahm und verbotene Abenteuer suchte. Das kam dem ziemlich nahe, wie ich mich sah, aber ich wollte aus dem Rahmen ausbrechen, was das Ausbrechen aus dem Rahmen des Rahmens einschloss.
Eines Nachts im Frühling schlichen ein Freund und ich aus dem Wohnheim, brachen in die Schulklinik ein und stahlen aus einem großen Gefäß etwa zwei Liter kodeinhaltigen Hustensaft mit Kirschgeschmack. Davon trank ich am folgenden Morgen einen Plastikbecher, blödelte in der Klasse herum und nickte irgendwann, den Kopf auf den Armen, ein.

Wir stahlen aus einem großen Gefäß etwa zwei Liter kodeinhaltigen Hustensaft mit Kirschgeschmack.
© mit freundlicher Genehmigung von Richard Meyers
Aftermath von den Rolling Stones, die wir im Zimmer eines Mitschülers hörten, verbinde ich mit Regenwetter. »Stupid Girl«, »Under My Thumb«, »I Am Waiting«. Die Platte war so wild und grell und voller Persönlichkeit. Die Rolling Stones ließen sich auch gute Titel einfallen. Aftermath. Wer hätte gedacht, dass dieses Wort an eine Bluttat erinnert und das Gefühl einer Lawine auslöst? Es scheint ein unschuldiges Wort zu sein, aber nein – isoliert ist es unheilvoll, und es geht nicht um Erwartung, sondern um die Vollendung von etwas Schrecklichem wie einem schweren Verbrechen oder einem anderen Desaster. Es geht um Massentötungen und furchtbare Täuschungen, die Folgen haben.
An die Mythologie von Rock’n’Roll-Bands glaubte ich jedoch nicht. Die Musik war nur ein ganz gewöhnlicher Bestandteil meiner Umgebung. Ich war kein »Fan«. Der Stil einiger Gruppen war aufregend, aber die Musiker waren Leute, die es nur zufällig in die Musik verschlagen hatte. (Ich sehe es noch immer so, wenn eine Band am Anfang steht.) Die halbe Schönheit von Rock’n’Roll besteht darin, dass »jeder es tun kann«, das heißt, man muss kein Virtuose, sondern einfach angesteckt sein und einen unschuldigen Instinkt und viel Glück haben. Deshalb ist es die Kunst von Teenagern. Für mich hatten Bands nichts Ehrfurcht Einflößendes oder auch nur besonders Interessantes. (Erst seitdem ich eine Menge direkter Kontakte mit Popmusikern hatte, kam ich zu der Ansicht, dass sie tatsächlich ein bestimmter Menschenschlag sind, oder genauer gesagt, geworden sind. Ich bin noch heute nicht empfänglich für ihre Anziehungskraft. »Heiliges Monster« ist genau die richtige Beschreibung, zumindest für den Frontmann, den Sänger in einer Band. Um ein Popstar, ein Leadsänger zu sein, braucht man die unzerstörbare Gewissheit seiner eigenen Unwiderstehlichkeit. Das ist der Monsterpart. Wenn dieses Ichvertrauen nicht natürlich rüberkommt, wenn sich deine Existenz nicht ausschließlich darum dreht, dieses Ego in Szene zu setzen, hast du nicht das, was nötig ist, um deinem Publikum die Show, die Erregung zu geben, die es braucht. Das verlangt das Publikum von dem Performer, um sich mit ihm zu identifizieren, um sich selbst das Gefühl für seine eigene Macht zu geben, um die volle Wirkung und den Zweck von Rock’n’Roll zu spüren. Die Neulinge beginnen naiv und geradezu süß, werden aber auf dem Weg zum Ruhm gemästet und getestet, bis es in jeder Dimension grotesk wird außer der der Performance, die mitreißend und erhebend ist. Und das ist der heilige Part. Meistens ist es auch ein monströser Stress für die Adepten. Das ist nicht wirklich ein wünschenswertes Schicksal. Und ein weiterer Grund dafür, dass die Stars so launenhaft sind. Sie hassen alle dafür, sie zu dem gemacht zu haben, was sie sind, und reiben es jedem unter die Nase.)
Im Sommer 1966, nach meinem ersten Jahr in Sanford, wurde ich für meine schlechten Leistungen damit bestraft, dass ich zu Mama Doll, der Mutter meiner Mutter, nach Sherman (Texas) geschickt wurde, wo sie als Angestellte auf einer Luftwaffenbasis arbeitete. Ich musste die Wüstentage vor einer Tankstelle auf einem Ölkanister sitzend verbringen und auf Kunden warten. Mehrmals in der Woche hatte ich Nachhilfestunden in Spanisch. Ich war so verknallt in meine junge Spanischlehrerin, dass es schmerzte. Darüber hinaus litt ich an Hämorrhoiden; allerdings wusste ich nicht, was es war. Schon der Klang des Wortes deutete darauf hin, dass es etwas Hässliches sein musste, aber da es mir zu peinlich war, jemanden zu fragen, versuchte ich schließlich, das Ding in dem schmutzigen Badezimmer des vollgemüllten, dunklen, alten Hauses, wo Mama Doll mit ihrem geliebten Sittich lebte, mit einer Rasierklinge wegzuschneiden.
Als ich im Herbst nach Sanford zurückkehrte, hatte das Magazin Life auch ins Hinterland Geschichten über langhaarige Kids mit ihren Blumen, Perlenketten und psychedelischen Drogen gebracht. Eine einfache Beatles-Frisur war im ländlichen Delaware noch etwas Extremistisches. Ein- oder zweimal wurde gemunkelt, Studenten hätten auf dem Campus einen Joint geraucht, aber das waren dubiose Gerüchte. Das meiste, was wir über Drogen wussten, kam immer noch von den Beatschriftstellern. Ihr Drogenkonsum erschien uns exotisch und sexy, und doch war ihre Jazz, Lyrik und Zen liebende Partywelt schon so weit vorgedrungen, dass eine ganze Klasse von Leuten, die ich kannte, mehr oder weniger in ihr lebte. Diese Verwässerung unterminierte die Ernsthaftigkeit des Ganzen. Ich konnte mich nicht rückhaltlos für die Beatschriftsteller begeistern, weil es an der Schule diese allgegenwärtige Jugendgruppe gab, die Kopien von Alan Ginsbergs Langgedicht Howl schon für ein geheimes Zeichen hielt, und damit wollte ich nichts zu tun haben. Ich misstraute auch dem dogmatischen Beharren auf Spontaneität. Ich werde spontan sein, wenn mir danach ist.
Drogen allerdings gefielen mir. Sie boten einen sofortigen Fluchtweg, und ich mochte die physischen Freuden, die die Rauschgifte, dann die psychedelischen Drogen und später die Stimulantien bereiteten. Ich konsumierte nie große Mengen, begann aber relativ früh. Ich war der erste, der das überhaupt tat. Viele Drogen nahm ich in Sanford im ersten Monat der zwölften Klasse.
In einem Magazin hatte ich gelesen, dass Samen der Trichterwinde Halluzinationen auslösten. Man musste sie nur waschen und dann zermahlen. Man brauchte nur ein paar Päckchen, und da sie nicht gut schmeckten, musste man das Pulver mit Erdnussbutter anreichern. Aber das war schon alles. So bearbeitete ich eines Nachmittags einige Päckchen Heavenly Blues (Himmelblaue Prunkwinde). Das war bis dahin der glücklichste Tag meiner Teenagerjahre.
Ich befand mich auf dem Weg zu meinem Wohnheim, als die Droge anfing zu wirken – Wellen sexueller Lust und erhöhter Wahrnehmung überschwemmten mich. Es war, als ob die Droge alle Filter auflöste, so dass alles wahrnehmbar und alles Wahrgenommene bedeutsam wurde. Das Klischee von einer Person unter dem Einfluss psychedelischer Drogen ist der Junkie, der auf seine Hand starrt, mit der er sich vor seinem Gesicht herumfuchtelt. Dabei sieht er Kometenschweife in fließendem Zeitraffer, die seine Finger in der Luft gezeichnet haben. Nicht die Droge haben sie hervorgebracht. Wenn man die Hände vor dem Gesicht schnell hin und her bewegt, dann stellt sich der gleiche Effekt ein. Man bemerkt das normalerweise nicht. Unter psychedelischen Drogen fällt es einem auf. Für mich war es, als wechselte ich von einer anspruchsvolleren Dimension, für die ich so wie Superman auf dem Planeten Krypton durch entsprechende Fähigkeiten geeignet war, in das irdische Leben, wo ich Superkräfte entwickelte.
Ein paar Jungs wussten, was ich getan hatte, und die Nachricht verbreitete sich im Wohnheim. Es fiel mir schwer zu sprechen, weil alle Worte falsch und allzu endgültig klangen. Und dann war da noch das trunkene Gefühl, frei zu sein, nicht nur weil ich tun musste, was ich tat, sondern weil mir bewusst war, dass ich in dieser Verfassung nicht verantwortlich sein konnte, was auch immer ich anstellte.
Mitbewohner umringten mich in meinem Zimmer und versuchten, mich vor Problemen zu bewahren. Ich saß am Rand des unteren Betts, stand wieder auf und ging Richtung Tür. Sie hielten mich fest. Ich versuchte, mich durchzudrängen. Sie stießen mich zurück. Ich setzte mich ruhig in eine Ecke und wartete, während sie sich unterhielten. Irgendwann wurden sie unachtsam, und ich stürzte wieder zur Tür. Es war komisch, wie eine Szene in einem Cartoon. Mit der Zeit machten wir zu viel Lärm, und sie ließen mich raus.
In einem großen Raum im zweiten Stock eines der älteren Gebäude veranstalteten Schüler und ein paar Betreuer einen Tanzabend. Das Licht war gedämpft, Luftschlangen aus Krepppapier hingen von der Decke, eine Schallplatte lief.
Die Oberstufe hatten einen Deppen als Maskottchen, ein Zehntklässler, den die Aufmerksamkeit schmeichelte, die er von den größeren Schülern bekam. Er ließ sich von ihnen demütigen, indem er an sich rumfummelte, während sie zuschauten. Ich stand abseits an einer Seite des Raums und sah ihn auf der Tanzfläche in der Menge. Er war in die Cheerleaderin Marilyn Talbert verliebt, eine dunkelhaarige, dünne, prüde Fünfzehnjährige mit traurigen, glänzenden Augen und geschwungenen Lippen, die schief lächelten. Ich sah den Jungen über das Parkett schlurfen. Marilyn Talbert und ich waren wahrscheinlich die einzigen im Raum, die ihn wahrnahmen. Er näherte sich ihr und bat sie, mit ihm zu tanzen. Sie sagte nein. Ich fing an zu weinen.
Beim Frühstück in der Kantine am nächsten Morgen war ich müde und desorientiert, hatte aber keine Halluzinationen mehr. Als ich an der Schlange vor der Essensausgabe vorbeiging, spürte ich alle Augen auf mich gerichtet. Aber trotz meiner trancehaften Müdigkeit und Selbstbewusstheit fühlte ich mich frei, losgelöst. Etwas war noch nicht zu Ende, und es würde weitergehende Konsequenzen haben, aber darüber machte ich mir keine Sorgen; ich war einfach neugierig, sogar erwartungsvoll auf eine distanzierte Art. Ich fühlte mich gut.
Später am Tag wurde ich in das Büro des Schulleiters bestellt, und er drohte mit der Verweisung von der Schule. Ich versuchte, den Drogenkonsum als eine wissenschaftliche Untersuchung darzustellen. Ich bin mir nicht sicher, wie überzeugend das war, jedenfalls warfen sie mich nicht raus, sondern suspendierten mich für eine Woche.
Als ich zurückkehrte, wurde ich siebzehn. Die Schule blieb enttäuschend. Ich war kribbelig und ließ den Unterricht an mir vorüberziehen.
In jenem Herbst befreundete ich mich mit einem Typ, den ich bis dahin kaum wahrgenommen hatte: Tom Miller. Das, was uns in der Schule zusammenbrachte und für die nächsten sieben oder acht Jahre zusammenhielt, war sowohl etwas Negatives als auch etwas Positives. Wir waren beide nach innen gekehrte Menschen, die Konventionen kaum respektierten und die sich als Außenseiter fühlten. Wir teilten auch den Geschmack für eine bestimmte Literatur und eine bestimmte Musik und hatten beide einen antirealen Humor.
Tom war eine Ausnahme in Sanford. Zum einen war er ein Tagesschüler, wohnte also nicht in der Schule, so dass er weniger bekannt war. Er war ruhig und immer angespannt, und er machte gerne gespenstische Witze. Das meiste auf der Welt erschien ihm unverständlich seltsam, und er war deshalb empfänglich für alle möglichen irrationalen Erklärungen – von Dingen wie fliegenden Untertassen über extreme Verschwörungstheorien bis zu obskurem religiösem Mystizismus. Er wusste, dass diese Vorstellungen und Verdächtigungen vielen Leute verrückt vorkamen, und das war ein Grund dafür, dass er so verschlossen war.
Er war ein Neurotiker, der mit anderen nur in den beschränkten Begriffen seiner Privatsprache kommunizieren konnte. Damals war er allerdings noch lockerer und geselliger und weniger launenhaft, als er es schließlich wurde.
Er hatte eine große Sensibilität. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie weit sie sich in der zwölften Klasse entwickelt hatte, aber als wir zwei Jahre später in New York wieder zusammenkamen, mochte er Free Jazzer wie Albert Ayler und Eric Dolphy und Dichtung, die der Musik ähnelte, wie Kerouacs Gedichtband Mexico City Blues mit seiner Missachtung der Grenzen und mit seiner Spontaneität und Verzweiflung und spirituellen Sehnsucht und seinem Humor. Tom gefielen obsessive Außenseiter – Künstler, deren Werke Mustern folgten, die intuitiv und materiell mit der wahren verrückten oder verborgenen Realität verbunden waren, denn diese Werke waren aus der Gehirn von Leuten hervorgegangen, die zwanghaft kreativ waren, selbst wenn man sie nach orthodoxen Standards für ungeschult halten konnte. Und er mochte die Kehrseite der Medaille, nämlich die hochbegabten, hart arbeitenden, selbstbewussten und gebildeten, weltgewandten Künstler, die sich nicht darum scherten, irgendjemandem zu gefallen oder irgendetwas allzu ernst zu nehmen, und sie waren natürlich subversiv und in der ihnen eigenen Reinheit unfähig, schlechte Kunst zu machen. So bewunderte er die ursprünglichen Sun Records Musiker oder den Gitarristen Link Wray oder wilde Popkünstler wie die Rolling Stones mit einigen ihrer frühen selbstgeschriebenen Singles oder Bob Dylan. Und immer ging es ihm um den Spaß in allem oder von allem, was interessant war.
Als ich an die Schule zurückkehrte, kam mir dort alles falsch vor. Das war der Moment, da die Wahl, eine bestimmte Richtung einzuschlagen, fast zu einer ästhetischen Entscheidung wurde. Weiter in die Schule gehen? Es würde die zukünftige Erinnerung ruinieren. Ich verstand das allerdings erst nach ein paar Tagen. Es kam wie eine Inspiration, die sich langsam unter der Oberfläche gebildet hatte, so wie es einem abgerichteten Tier dämmern mag, dass es den Hof einfach verlassen konnte.
»Lass uns abhauen«, sagte ich. Tom war einverstanden.
Wir planten, Richtung Süden zu fahren. Wir hatten genug Taschengeld für eine Fahrkarte nach Washington, und dann fingen wir an zu trampen.
Kapitel Fünf
Wir machten uns auf nach Florida. Wir kannten dort niemanden und wussten nichts über die Gegend außer, dass sie warm und luftig war, und es jede Menge Zitrus- und Meeresfrüchte gab und Mädchen, die nach Sonnenmilch dufteten und Sandkörnchen da und dort hatten, auch unter dem Bund ihrer Höschen. Wir würden Dichter auf der Flucht sein, um die sie sich kümmerten.
Diese Tage auf der Straße, mit Tom der Schule entflohen, gaben mir die bis dahin stärkste Dosis meines Lieblingsgefühls: mein Ich für eine andere Welt zurückzulassen. Es gibt viele Wege, um dieses Gefühl zu bekommen. Eine Droge kann das tun oder eine neue Tätigkeit; man verliebt sich oder verändert einfach sein Aussehen; aber tatsächlich abzuhauen und sich all den Verantwortlichkeiten und Beziehungen der früheren Identität zu entziehen, ist wahrscheinlich der reinste und berauschendste Weg.
Da ist eine schlichte, scheinbar unschuldige Erfahrung, die für mich jene Flucht aus der Schule von 1966 symbolisiert, eine Erfahrung, die neu war und durch unser Weglaufen ermöglicht wurde: spät in der Nacht in einem Restaurant sitzen und mit einem Freund Kaffee trinken. Für viele Jahre behielt sie ihre Wirkmächtigkeit, und für die meiste Zeit war Tom dieser Freund. Es ist ein immerwährendes, ja göttliches Gefühl, mitten in der Nacht mit einem guten Freund zusammenzusitzen, leise miteinander zu sprechen und zu lachen, gemächlich Gedanken auszutauschen, vielleicht brennen die Augen, alles ist ein wenig verschwommen, wir schlürfen aromatischen stimulierenden süßen heißen Milchkaffee, unsere Stimmen sind heiser, das grelle Licht im Restaurant isoliert uns von der um sich greifenden Dunkelheit draußen vor den Fenstern.
Ich weiß nicht, ob ich ganz zu unserem Bewusstseinszustand zurückkehren kann, um die Freude jener Tage beschreiben zu können, nachdem wir von der Schule abgehauen waren. Einerseits lieferten sie eine Blaupause für die Zukunft, andererseits sind sie unwiederbringlich. Wir waren sechzehn und siebzehn (Tom wurde erst im Dezember siebzehn – ich war fast drei Monate älter), und wir waren groß, dünn und linkisch; unsere Handgelenke stachen aus den Ärmeln hervor. Alles war Spaß und ein zaghaftes Erkunden, da wir so vieles, was wir taten, zum ersten Mal taten. Wir suchten immer etwas zum Lachen, und da unsere Egos noch nicht ausgereift waren, konnten wir fast unbegrenzt über uns selbst und übereinander lachen, und kaum ein Verhalten war unerlaubt. Wir liebten es, wie Idioten zu agieren, identifizierten uns aufrichtig mit Pennern auf der Straße und waren trunken von unserer neuen Freiheit.
Jeder brachte in dem anderen einen Sinn für das Lächerliche hervor, und gleichzeitig fühlten wir uns wie Künstler, wie Menschen, die lebten, um das Leben zu ergründen und es nach den eigenen Vorstellungen zu bewältigen. Aber es galt als ein Verbrechen, irgendetwas allzu ernst zu nehmen, so unterdrückt wir uns auch von der konventionellen Welt der Erwachsenen fühlten. Jede wirklich ernsthafte Kunst ist nicht nur traurig, sondern auch urkomisch. Welche andere intelligente Art und Weise zu leben gibt es, als über das Leben zu lachen? Eine achtbare Alternative ist der Selbstmord. Aber wie konnte man das nur tun? Nicht nur würde das einen beklagenswerten Mangel an Humor verraten, sondern es hinderte einen daran, herauszufinden, was als nächstes passiert.
Wir hielten uns nur kurz in Washington auf. Ich kontaktierte einige Freunde von Sayre und teilte ihnen mit, dass wir heimlich durch Lexington kommen würden. Einer von ihnen kannte ein leeres kleines Farmhaus auf einem Gemüsefeld in der Nähe der Stadt, wo Tom und ich einige Tage bleiben konnten. Es war möbliert, aber es gab kein Telefon oder Strom, auch keine Lebensmittel, und natürlich hatten wir keinen Wagen. Sehr bald hatten wir auch nichts mehr zu essen außer rohem Mais und Bohnen, die wir auf dem Feld zusammenklaubten. Aber als meine Freunde vorbeikamen, waren wir die Helden.
Kurz bevor wir wieder aufbrachen, schmissen sie für uns eine Party, und auf dieser Party kam es endlich dazu, dass ich wieder Sex mit einem Mädchen hatte. Ich kannte es kaum, aber es war hübsch. Wir betranken uns beide, und ich fühlte, was es für einen Soldaten bedeuten muss, in den Krieg zu ziehen, oder für einen Rockstar, der für seine noble Aufopferung Liebe verdient. Wir gingen ins Schlafzimmer, während die anderen im Haus tranken und schrien. Es war dunkel in dem Zimmer, aber ich war so gierig, dass ich sie bat, mich mit einer Taschenlampe zwischen ihre nackten Beine schauen zu lassen, und sie, die Göttliche, war einverstanden.
Tom und ich trampten weiter Richtung Süden. Wir kamen ziemlich weit, bis in das südöstliche Alabama, nicht mehr weit von Florida entfernt. Es war mitten in einer Oktobernacht und kalt. Wir standen an einer zweispurigen Straße, die sich durch Felder und Kiefernwälder wand. Es gab kaum Verkehr; zweimal fuhren Autos an die Seite, um dann wieder davonzurasen, als wir auf sie zuliefen. Die Insassen, junge Rednecks, hupten und johlten. Wir entschieden, jenseits der Straße auf einem Stoppelfeld zu warten, bis es hell wurde. Wir sammelten Gestrüpp, Äste und Zweige und machten ein kleines Lagerfeuer.
Wir wurden ausgelassen, verfluchten die Einheimischen und provozierten uns gegenseitig, und dann fingen wir an, brennende Stöckchen auf dem Feld herumzuwerfen. Wir hatten nichts beabsichtigt, aber ziemlich bald fingen ein paar Stellen da und dort Feuer. Wir schwelgten in unserem Machtgefühl. Ich weiß nicht, was wir als nächstes getan hätten, aber plötzlich waren wir von Polizei umringt. Auch ein Löschfahrzeug tauchte auf, und die Bullen hatten Hunde. Wir behaupteten, Collegekids aus Florida zu sein, aber es gab bereits eine Suchmeldung für zwei verschwundene Schüler. Sie nahmen uns fest, steckten uns in eine Zelle und riefen unsere Eltern an.
Wir waren etwa zwei Wochen weg. Diesmal behielt mich die Schule nicht; wir wurden beide rausgeschmissen.
Tom entschied sich, an der staatlichen Schule in Wilmington weiterzumachen, ich aber konnte nicht wieder zurückkehren. Ich musste etwas aus meinem Leben machen. Der fruchtbarste Boden dafür war New York City, aber ich war noch minderjährig, und meine Mutter erinnerte mich daran, dass sie die Polizei alarmieren würde, falls ich abhaute. Ich glaubte nicht, dass sie das tun würde, schlug ihr aber einen Deal vor – ich erklärte mich einverstanden, so lange in die schreckliche High School von Norfolk zu gehen, bis ich 100 Dollar als Startgeld verdient hatte. Wenn ich dann die Stadt verließ, durfte sie mich nicht mehr anzeigen. (1966 waren 100 Dollar etwa so viel wert wie 700 Dollar im Jahr 2012.) Der staatliche Mindestlohn betrug damals 1 Dollar 25 Cent pro Stunde – es würde also Wochen dauern, bis ich das Geld stundenweise nach dem Unterricht verdienen konnte. Ich wusste, dass meine Mutter glaubte, ich, verantwortungslos und faul, wäre nicht fähig, irgendeinen Job so lange zu behalten, ja ich hätte nicht einmal die Ausdauer, überhaupt etwas zu suchen. So stimmte sie schließlich der Abmachung zu, und ich fand sofort einen Job. Ich arbeitete nach der Schule in einem Zeitschriftenladen im Stadtzentrum, der vor allem Pornos verkaufte.
Die Schule war ein Witz. In der Englischklasse wurden uns die Formen der Korrespondenz beigebracht, um unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Als wir einen Dankesbrief für ein Geburtstagsgeschenk schreiben sollten, lautete meiner so:
18. November 1966
Liebe Betty,
vielen Dank für dein aufmerksames Geschenk, Der Esprit de Sades. Unsere ganze Familie lachte lauthals über den ausgelassenen Humor des »heiteren Marquis«.
Niemand kam zu meiner Geburtstagsparty, aber ich hatte viel Spaß mit dem Ausblasen der Kerzen, nachdem ich sie angezündet hatte.
Nochmals Dank für das entzückende Buch.
Dankbar der Deine
Richard
In dem Musterbrief für eine Stellenbewerbung suchte ich eine Arbeit als »Defäkant« in einer Düngemittelfabrik.
Nach der Schule las ich Dylan Thomas. Jahre später fand ich es peinlich, zuzugeben, dass er mich inspiriert hatte. Er war überreizt und »poetisch«, seine Sprache biblisch und astronomisch und anatomisch (Erlöser, Radium, Sonne, Zungen, Brunnen, Nerven, Knochen) und mit großen dramatischen Themen befasst, auch wenn die Gedichte nicht wirklich einen Sinn ergaben, sondern mehr wie Musik klangen. Die New Yorker Dichter, die ich dann später lieben lernte, waren dagegen nette Klugschwätzer und collagierende Phrasensammler, Liebhaber von Alltagsdetails, und sie nahmen sich nie allzu ernst.
Ich habe Thomas kaum mehr gelesen, seit ich achtzehn war. Aber nun, wenn ich wahllos seine Collected Poems aufschlage und finde
To-day, this insect, and the world I breathe,
Now that my symbols have outelbowed space,
Time at the city spectacles, and half
The dear, daft time I take to nudge the sentence,
In trust and tale I have divided sense,
Slapped down the guillotine, the blood-red double
Of head and tail made witnesses to this
Murder of Eden and green genesis._1
… muss ich sagen, es gibt mir einen Kick, und ich kann in mir die Reaktion des Siebzehnjährigen entdecken, der sehen wollte, was er auf dem Blatt in kleinen Wortabteilungen tun konnte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was mich zu Thomas führte, aber ich las ständig und zog immer viel Nutzen aus Worten, fremde und eigene, und Dylan Thomas war eine berüchtigte Ikone eines Lebens, wie ich es mir für mich selbst vorstellte: ein Typ, der sich mit Hirngespinsten in die Betten der Frauen und in die Schlagzeilen brachte und eine orgiastische Existenz führte, der sich irgendwie durchschlug, ohne zur Schule zu gehen oder einen Job zu haben, eine Spur von Songs darüber hinterließ, schöne Songs der Dankbarkeit und des Lobs und der Tränen und des Unsinns, Erinnerungen an seine Entdeckungen und Verluste, für alle zum Genießen und Nachdenken. Ich wurde dieser Lyrik bald überdrüssig, weil sie mir wie übertriebene Mystifikation und allzu theatralisch vorkam, so wie Nebelmaschinen bei einem Rockkonzert. Der Dichter nahm, was wahrscheinlich nur eine vage kleine Idee oder Quasi-Erkenntnis pro Gedicht war, schmückte es aus und deklamierte es. Was er sagen wollte, war nicht etwa zu tief für klare Worte, sondern vielmehr mussten das Vage und die Dürftigkeit der ursprünglichen Idee durch predigerhaftes Heulen und Brummen weiter verschleiert werden.
Aber wenn ich jetzt auf das Gedicht schaue, gibt es mir einen Kick, und ich kann es ohne Zwang, eine Bedeutung darin zu entdecken, lesen und verstehen, dass gerade das einen Großteil des Vergnügens ausmacht. Wenn man jene Strophe liest, als wäre es Alltagsrede, ähnelt sie einem Spiegelkabinett, das einen mit seinen jähen Wendungen, den vorbeiziehenden Szenen und den Sprüngen zwischen den Ebenen überrascht. Der Text ist krude, zwingt nicht passende Sätze zusammen, und in dieser Hinsicht ist er liebenswert unprätentiös. Er kam der Methode der Zufallsmontage schon ziemlich nahe. Und immerhin verwendete selbst Ted Berrigan, mein liebster New Yorker Dichter, in The Sonnets wiederholt Anspielungen auf Dylan Thomas.
Ich war als Siebzehnjähriger der Lyrik von Thomas verfallen, und ich besorgte mir auch einen Band mit seinen Briefen und eine Biographie. Dylan Thomas sah aus wie ein würdevolles Schweinchen mit einer Kippe zwischen den Lippen, wirren Locken und einer nachlässig gebundenen Fliege. Man konnte sehen, dass eine starke innere Haltung nötig war, um sein knolliges Gesicht so sexy zu machen, wie es ihm gelang, und außer seiner eigenwilligen Art, mit der Sprache umzugehen, bedurfte es einer Menge Alkohol und eines guten Sinns für Humor.
Ich ging damals in die Bibliothek, um zu sehen, wer die anderen modernen Dichter waren. Mir missfielen die gebildeten, pingeligen, grimmigen Lyrikproduzenten wie etwa Robert Lowell. Ich entdeckte William Carlos Williams, und mir wurde klar, dass Lyrik für mich genau das Richtige war. Williams hatte ein schönes Buch nach dem anderen im Verlag New Directions veröffentlicht und wurde wie ein VIP behandelt. Ich wusste, dass ich besser schreiben konnte als er. Ich dachte, wenn er es mit ein paar weißen Hühnern, einer regennassen roten Schubkarre und kalten Pflaumen im Eisschrank zu Ruhm bringen konnte, dann könnte ich es auch schaffen. Dylan Thomas war mein Vorbild, aber es war Williams, der mich meine Berufung erkennen ließ. Komisch, auch wenn ich nie viel Interesse an Williams entwickelte, sind seine Objekte fraglos die Highlights dieses Abschnitts. Objektivismus nannte man damals.
Kapitel Sechs
Einen Tag nach Weihnachten 1966 bestieg ich den Bus nach New York. Vier oder fünf Jungs von Sanford machten Ferien in der Stadt. Ich teilte mir mit zwei von ihnen ein Hotelzimmer in der Nähe des Washington Square Park. Wir kauften auf der Straße schlechtes Gras und tranken, und dann, als sie zur Schule zurückkehrten, war ich allein und fast pleite. Ich suchte in den Kleinanzeigen nach einem Job, und schon am nächsten Tag arbeitete ich als Regalauffüller im Kaufhaus Macy’s. Ein junger puertorikanischer Kollege mit großer Afrofrisur war bereit, mich als Mitbewohner aufzunehmen. Ich zog aus meinem Billighotel aus und in sein winziges möbliertes Zimmer am Irving Place 1, Ecke Fourteenth Street ein. Dort gab es ein Bett und einen Schrank, einen kleinen Tisch und eine Spüle. Das Klo war auf dem Flur. Die Miete betrug 20 Dollar die Woche, was wir uns teilten.
Wir wohnten über einer Horn and Hardart-Filiale – ein Automatenrestaurant, wo man auch Pastetenstücke, Makkaroni und frittierte Fischfilets kaufen konnte, die aus kleinen Fenstern gereicht wurden. Einen Abräumservice gab es nur sporadisch, also konnten wir uns vollschlagen, indem wir uns an einen Tisch setzten, der gerade freigeworden war, und das essen, was übrig geblieben war. Mein Zimmergenosse nannte sich einen klassischen Komponisten. Er hatte einige zerknitterte leere Notenblätter, vor denen er manchmal saß und die er anstarrte, während er hin und wieder einige Noten auf die Linien schrieb. Er trank viel. Wir mussten das Bett teilen, und oft kam er mitten in der Nacht betrunken zurück, ließ sich aufs Bett fallen und übergab sich. Es war eine kleine Operette für sich.
Nach ein paar Monaten hatte ich genug gespart, um mir ein Apartment zu besorgen. Von da an hatte ich immer neue Jobs und wechselte ständig die Wohnung. Beides war so reichlich vorhanden, dass es für mich keinen Grund gab, einen Job zu behalten, wenn ich genug verdient hatte, um zwei Wochen ohne Arbeit zu verbringen, und es gab keinen Grund, die Miete zu bezahlen, wenn mein Einkommen zu niedrig war, da erst einige Monate vergehen mussten, in denen man keine Miete gezahlt hatte, bevor der Vermieter einen rechtmäßig rauswerfen konnte. Alle meine Apartments waren klein, die meisten waren dunkel, und einige ein wenig gefährlich. An sieben Behausungen zwischen 1967 und 1975 kann ich mich noch erinnern, und ich weiß noch, als was ich in jenem ersten Jahr arbeitete: Regalauffüller bei Macy’s, Haustürverkäufer für Zeitschriftenabonnements, Regalauffüller in einer Buchhandlung und Hilfsbibliothekar in der Hauptstelle der New York Public Library in der Fifth Avenue, und ich bin sicher, es waren noch mehr Jobs. Später fuhr ich Taxi, machte eine Menge ungelernter Bürotätigkeiten im Auftrag einer Zeitarbeitsfirma, sortierte Briefe in einem Postamt, lud nachts am Hafen in Crews Obst- und Gemüsekisten ab und schleppte als Bauarbeiter fünfzig Pfund schwere Zementsäcke auf Mietshausdächer.
Bei einem dieser Bauarbeiterjobs sah mich Allen Ginsberg. Ihm gefiel mein Aussehen, und er lud mich zu sich ein. Das erinnerte mich an Walt Whitman, der die schweißglänzenden Oberkörper von Arbeitern bewunderte. Ich lehnte seine Einladung ohne zu zögern ab, da mich seine Arbeiten nicht interessierten und ich keine engere Beziehung zu Ginsberg fühlte, und außerdem wollte ich keinen schwulen Typen zu ermutigen, mich anzumachen, auch wenn es mich nicht störte.
Kellnern war ein Job, der für mich nie in Frage kam. Ich hätte es nicht gekonnt, Gäste anzulächeln und wegen Trinkgelder höflich zu sein.
Wenn man es ertragen konnte, irgendwo für das gesetzlich vorgeschriebene Minimum von fünf Monaten zu arbeiten, dann versuchte man, es so hinzukriegen, dass die Entlassung als unverschuldet und unvermeidlich erschien, denn dann bekam man Arbeitslosigkeitsschecks.
Es gab Wege, sich für öde Jobs zu entschädigen: kleine Diebstähle vor allem, aber meine große Erleuchtung war die Strategie, die ersten drei Wochen so brauchbar und fleißig zu sein, dass ich unverzichtbar erschien, und dann konnte ich monatelang faulenzen, bevor der erste Eindruck nachließ. Wenn ich Glück hatte, dann wurde mir so viel Respekt entgegengebracht, dass ich glaubhaft versichern konnte, persönliche Probleme würden meine Leistung untergraben, bevor der Boss mich entließ. So konnte ich wieder das Arbeitslosengeld einstreichen.
Ich hatte als ignoranter Teenager einige Schreibversuche unternommen, aber ohne irgendein reales Fundament von Werten außer dem niedrigsten, nämlich mein armes, einsames, sentimentales, grandioses, poetisches Selbst ausdrücken zu wollen. Ich vertraute auf meine Einsichten in Situationen und Menschen und auch auf mein elementares ästhetisches Urteilsvermögen. Aber für eine ganze Weile (was in diesem Alter drei oder vier Jahre waren) war ich nur ein Schriftsteller, weil ich mich selbst für einen solchen hielt. Ich schrieb nicht sehr viel, und was ich schrieb, war nicht gut. Das meiste ahmte Dylan Thomas nach (eines meiner frühesten New Yorker Gedichte begann »Rain me green on stones unseething«). Viele Gedichte handelten von dem Verlangen, sich aufzulösen, und von Sex (artifiziell oder unter der Tarnung von Symbolen und Gleichnissen) und von einer Angst vor irgendeiner grässlichen Schwäche in mir selbst. Als Dichter oder Schriftsteller konnte ich als Beispiel dafür dienen, wie eine Maske, die du lange genug trägst, zu deinem Gesicht wird, oder, um es freundlicher zu sagen, wie eine Berufung als Pose beginnt.
Ich schrieb mich für einen Lyrik-Workshop an der New School ein in der Hoffnung, vielleicht Leute zu treffen, die an einigen der gleichen Themen interessiert waren wie ich. Ich hatte Pech mit der Klasse, traf aber ein trauriges, hysterisches Mädchen mit roten Kapillaren in der Nase und Wangenknochen und großen Brüsten, die aussahen wie Eeyore (der Esel aus Winnie the Pooh). Sie ließ mich Sex mit ihr haben.
Der Typ, der die Klasse unterrichtete, war ein ehemaliger Dichter namens José Garcia Villa. »Ehemalig«, weil es zu seiner Selbstdramatisierung gehörte, Ende der fünfziger Jahre mit dem Schreiben aufgehört zu haben, um sich »nicht zu wiederholen«. Er war ein Filipino, geboren 1908 in Manila, lebte aber, seit er einundzwanzig war, meistens in New York. Er erregte ein wenig literarisches Aufsehen in den vierziger und frühen fünfziger Jahren.
Sein poetisches Vokabular war nicht weit entfernt von Dylan Thomas’, enthielt vielleicht auch ein wenig von Blake und Rilke und favorisierte Worte wie »naked« und »bright« und »rose« und »lion« – aber besonders und höchst verräterisch »I« und »God« (über deren beider Wege er seine Leser gerne instruierte) – in sauberen aphoristischen Zeilen.
Jedenfalls veranstaltete er die Workshops nicht zuletzt deswegen, um über einen Zirkel zu präsidieren. Neben dem wöchentlichen Unterricht an der Schule in der West Twelfth Street gab es samstags ein geselliges Treffen in seinem Apartment und ein weiteres jeden Dienstag in einer Smith’s Bar in der Sixth Avenue, Ecke Fourteenth Street. Jeder der Teilnehmer bemühte sich, so lässig arrogant und sexuell provozierend zu sein und so sarkastisch über Dichter geringerer Sensibilität zu urteilen wie er. Ich war der jüngste Student. Villa verkündete allen, ich sei »der am poetischsten Aussehende« und einer der »Kränksten, was eine Voraussetzung für das Verfassen anständiger Gedichte ist«.
Welche Richtung auch immer ich nehmen würde, ich wollte in Bewegung bleiben, und so begann ich, noch bevor 1967 vorbei war, ein Lyrikmagazin zusammen mit einem anderen Studenten aus der Gruppe namens David Giannini herauszugeben. Giannini war etwa so alt wie ich, war vor kurzem aus New Jersey in die Stadt gekommen und war lyrikbesessen. Er sah mehr skandinavisch als italienisch aus – groß und muskulös, dünnes blondes Haar. Er trug eine Brille mit Drahtgestell, ein Arbeitshemd, Cordjeans und Hush Puppies. Er trieb Sport, um in Form zu bleiben, und hatte einige pummelige, aber durchaus sexy Langzeitfreundinnen, die wir oft sahen und die seit der High School in seine poetische Begabung und seine Sexspäße vernarrt waren. Wie Villa liebte er es auch, aphoristisch zu reden, und glänzte mit fragwürdigen Bemerkungen wie »Picassos Nackte habe ihre blaue Periode«.
Getreu unserer lyrischen Neigung nannten wir das Magazin Genesis : Grasp. Die sechs Ausgaben, die wir über vier Jahre (1968-71) veröffentlichten, präsentierten einen Anfang, der eher einer Totgeburt glich. Die ersten drei Nummern waren selbstgefällig, unkoordiniert und amateurhaft wie das Literaturblatt einer High School. Um dem Magazin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, es hatte sich bis zur letzten Nummer, einer Doppelausgabe (#5/6), sehr verbessert. Aber inzwischen hatte ich mich schon in Anspruch und Einstellung weit von meinem Mitherausgeber entfernt, und ich gab die letzten drei Nummern größtenteils allein heraus. Ich druckte sie auf einer gebrauchten, kleinen Wachsmatritzendruckmaschine in meinem Apartment und machte den Schriftsatz auf einer gemieteten IBM VariTyper.
Ich hatte in jenen Jahren eine weitere bescheidene öffentliche Existenz als Dichter. Als wir mit dem Magazin begannen und ich eine Reihe von Gedichten geschrieben hatte, schickte ich einige an James Laughlin, Verleger von New Directions Books, und fragte, ob sie für das nächste Annual des Verlags in Frage kämen. Meiner Meinung nach war Laughlins Verlag damals der angesehenste in Amerika. Nicht nur war er Dylan Thomas’ amerikanischer Verleger, sondern er veröffentlichte auch Céline, Nabokov, Wilfried Owen und Rimbaud (ganz zu schweigen von Henry Miller, William Carlos Williams und Ezra Pound) und viele andere der literarisch ehrgeizigsten und kühnsten internationalen Schriftsteller. Das Annual war eine Hardcover-Anthologie neuer Arbeiten, die seit Mitte der dreißiger Jahre erschien. In der Ausgabe von 1970 veröffentlichte Laughlin acht meiner Gedichte, die ich in den Vorjahren geschrieben hatte, als ich achtzehn und neunzehn war. Sie waren schrecklich – gestelzt, bombastisch und sentimental. Vier weitere Gedichte erschienen in dem folgenden Jahrbuch, einige waren geringfügig besser. Aber je besser ich wurde, desto weniger schien ihm zu gefallen, was ich tat. Doch noch hielt ich New Directions für meinen Verlag. Laughlin bestärkte mich in dem Glauben, dass er eines Tages ein Buch von mir herausbringen würde, aber zu dem Zeitpunkt, da ich mit einundzwanzig eins fertiggestellt hatte, das mir gefiel, betitelt Baby Hermaphrodite Rabbits, meinte er, es sei nicht gut genug. Einige Jahre später, als ich bereits eine Weile Rock’n’Roll gespielt hatte, kontaktierte ich ihn wieder in der Hoffnung, dass er an der kommerziellen Publikation eines Buches interessiert sein mochte, für das ich zusammen mit Tom verantwortlich war und in das ich vollstes Vertrauen hatte – Wanna Go Out! von Theresa Stern (mehr darüber später) –, aber er äußerte sich nur verächtlich darüber, und das war das Ende unserer Beziehung.
Kapitel Sieben
Es war ein sonniger, warmer Spätnachmittag im April 2013. Ich unternahm einen Spaziergang. Zwei Blocks von meinem Apartment, an der Eleventh Street zwischen First und Second Avenue, sah ich ein Paar Sportsschuhe im Schaufenster von Tokyo Joe, ein kleines, von Japanern geführtes Unternehmen für gebrauchte Kleidung, das sich auf Haute Couture spezialisiert hat. Ich brauchte neue Schuhe, und diese sahen toll und ungetragen aus. Sie waren knöchelfrei und fußbetont, auf das cremefarbene Wildleder war ein komplexes Netzmuster aus schwarzem und tomatenrotem Leder aufgenäht, und sie kamen aus Italien. Sie passten mir perfekt und kosteten nur achtundfünfzig Dollar, während man sonst das Fünffache dafür blechen muss. Ich bezahlte und sagte, ich würde sie in ein bis zwei Stunden auf dem Nachhauseweg abholen.
Ich hatte vor, Richtung West Village zu schlendern. Viele Leute waren draußen und genossen das Wetter. Im Washington Square Park waren die hohen, rauen, aber behutsam knospenden Bäume auf eine transvestitenhafte Weise schön, ansonsten war der Park vor allem Beton und festgetretener Dreck. Der große Brunnen auf dem Hauptplatz war ohne Wasser. Wie so oft in den letzten Jahren, hatten ihn langweilige, angestrengt lustige Straßenmusikanten in Beschlag genommen, die von vielen Touristen mit selbstgefälligem Gelächter und Applaus angespornt wurden.
Als ich mit siebzehn nach New York kam, war der Park bekannt als Ort, wo Drogen zu bekommen waren. Vagabundierende Jugendliche mit Akustikgitarren hingen herum und hofften, dass etwas passiert. Es ist immer noch so, nur sind es heute Skateboardkids oder Gagtänzer statt Folksänger. Filmregisseur Harmony Korine und seine Skatepunks aus Privatschulen, einschließlich Chloë Sevigny, begannen ihre Filmkarriere, nachdem sie in den neunziger Jahren dort entdeckt worden waren.
Ich zog weiter zu der Straße, wo meine Großmutter gewohnt hatte. Sie starb vor ein paar Jahrzehnten, aber als ich ein Kind war und während meiner ersten Jahre in New York, wohnte sie in der Barrow Street 72. Für mich wird das West Village – früher hieß es Greenwich Village – vor allem der Ort ihres Apartments sein, und es ist immer noch mein Lieblingsviertel in Manhattan. Es gibt dort inzwischen manche Touristenfalle, aber selbst die Massenattraktionen sind relativ harmlos – eher »Künstler«-Cafés, Schachclubs, Musik- und Gitarrenläden, Sexshops und Leder- und Denim-Boutiquen als etwa der kitschige Disney-Store, Fastfood-Ketten und die Wucherläden für elektronische Geräte mit der Touristen anlockenden Aufschrift »Totalausverkauf wegen Umzug!« im Norden von Manhattan.
Das Herzstück von West Village ist immer noch ein ruhiges Gewirr baumgesäumter, enger, alter Straßen, einige noch mit Kopfsteinpflaster. Die Mietshäuser, Apartmentgebäude aus Sandstein mit ihren gusseisernen Treppengeländern und die kleinen Stadthäuser, einige sogar aus Holz, gehören zu den ältesten in der Stadt, und die meisten sind nur drei oder vier Stockwerke hoch, was den Himmel groß erscheinen lässt. Von der Straße aus kann man durch die schweren Schiebefenster dieser Häuser sehen, dass die Zimmer hohe Decken, hölzerne Wanddekorationen und viele Bücherregale haben. In jedem Block gibt es einige verblichene Ladenfronten, dahinter eine kleine Fleischerei oder einen Waschsalon oder Buchladen, eine Konditorei oder ein kleines Theater, ein Cabaret oder ein außergewöhnliches Restaurant. Man kennt die Geschichten von Fremden, die sich in diesen Waschsalons ineinander verliebt haben, besonders wenn es regnet.
Meine Großmutter wohnte an der nordöstlichen Ecke von Barrow und Hudson in einem von vier sechsstöckigen Gebäuden, die einen Hof mit Garten umschließen. Der raue Sandstein dieser Häuser ist rotbraun, durchädert mit rußigem Schwarz, was eher an triste Reihenhäuser im industriellen England als an den typischen amerikanischen Sandstein erinnert, aber für mich bedeutete dieser Ort Geborgenheit.
Ihr Apartment war winzig, kleiner als das, in dem ich seit 1975 wohne. Da war sie schon einige Jahre tot. Es hatte eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Bad und ein Schlafzimmer. Die Zimmer bekamen durch die alten Flügelfenster viel Licht, hatten alle Holzparkett, an den Wänden waren Drucke und in den Regalen einige Bücher, und im Schwarzweißfernseher lief die Serie Million Dollar Movie. Ein Speiseaufzug in der Küche wurde dazu benutzt, nach einem festgelegten Terminplan Müll in den Keller zu befördern.
Die wenigen Male, da wir sie in meiner Kindheit besuchten, konnte ich nicht schlafen, weil ich nicht an den Verkehrslärm gewöhnt war, der selbst noch im fünften Stock zu hören war. Ich lag im Bett übermüdet, aber auch glücklich, Teil der gewaltigen Aktivität der Stadt, der Maschinerie der Nacht zu sein, einer Nacht, die ganz anders als in Kentucky war.
Als ich ein junger Teenager war, hatten die Klamotten in den Läden an der West Fourth Street alle die Farben Aubergine, Creme und Hellbraun – waagerecht gestreifte T-Shirts, dicke Ledergürtel mit großen Messingschnallen, Cordjeans, Stiefel, Arbeitshemden, Sakkos aus Leder und Wildleder oder Arbeitsjacken. Es war das, was die Beatniks und Folkies trugen. Bei einem Besuch kaufte ich mir eine Levis Wildledercowboyjacke. Selbst als Teenager trachtete ich immer noch ein wenig danach, Cowboy zu sein.
Großmutters Apartment war für mich wie Supermans Telefonzelle. Wenn ich es betrat, wurde ich ein anderer Mensch oder vielmehr der Mensch, der ich zu sein glaubte, nicht derjenige, der ich in alltäglicher Gesellschaft war. Ich wurde nicht nur ein Bürger von Gotham City, sondern auch mächtig und interessant, weil Großmutter mich so behandelte.
Während der ersten Monate, da ich in New York lebte, ging ich alle ein bis zwei Wochen zum Abendessen zu ihr. Danach sah ich sie seltener, und die letzte Male, da ich sie besuchte, einige Jahre nach meiner Ankunft in der Stadt, war sie kaum noch fähig, sich um sich selbst zu kümmern. Ich hatte nicht die Reife, um zu wissen, wie ich damit umgehen sollte. Ich war ängstlich und verwirrt. Ihr Gedächtnis ließ nach, das Apartment wimmelte von Kakerlaken, und sie furzte dauernd, während sie herumlief. Sie war konfus, aber schalt sich selbst. Irgendwann nahmen Tante Phyllis und Onkel Dick sie bei sich auf, und ein oder zwei Jahre später, als sie ständige Betreuung benötigte, brachten sie sie in ein Pflegeheim.
Vierzig Jahre später, als ich vom Washington Square einige Blocks weiter westlich Richtung Village spazierte, fühlte ich mich von Großmutters Haus angezogen. Ihre Straße hatte sich kaum geändert. Sie war so ruhig wie früher. Den Eingang zu dem Komplex bildete nun ein hoher gusseiserner Torbogen, unter dem ein schmaler Schieferweg zwischen zwei der Gebäude in den Innenhof führte. Der Hof war klein und geradezu intim – vielleicht fünfzig Schritt breit und etwa fünfzehn Schritt quer. Er war symmetrisch aufgeteilt in sieben Blumenbeete, ihre Formen wurden durch die sich kreuzenden Wege gebildet, die die vier Eingänge der Gebäude in den Ecken des rechteckigen Hofs miteinander verbanden. In dem runden Beet in der Mitte thronte auf einem Sockel eine leere, große Steinurne. Jenseits davon, am hinteren Ende der Anlage, direkt gegenüber dem Weg zur Straße standen zwei niedrige Kirschbäume. Der Erdefeu in jedem Blumenbeet umringte eine Ansammlung von Tulpen, die in Tuschkastenfarben blühten. Sie waren überall, wohin ich auch schaute. Die Blumen hatten die unbewusste Freigebigkeit, die einen verstehen lässt, warum Frauen mit Blumen verglichen werden. Dankbarkeit überkam mich für die pure Großzügigkeit der Blumen, nicht unähnlich dem Gefühl, das die Brüste im Pullover einer vorbeigehenden, unbekannten Frau in mir hervorriefen. Ich schaute auf die Kirschbäume; auch sie blühten. Ihre verdrehten dunklen Zweige waren kaum unter dem überschäumenden Rosa zu sehen, das mich auch dazu brachte, jemandem danken zu wollen. Ich neigte meinen Kopf nach hinten. Ganz weit oben schwebte ein Ballon am Himmel. Und dann tauchte ein weiterer auf und dann noch einer, sechs oder sieben tauchten in leuchtenden Farben auf, die sich mit den Tulpen reimten. Ich dachte an meine Großmutter und ihre selbstlose Liebe. So etwas Ungewöhnliches gab es also, und wieder fühlte ich dankbar, nicht nur das Objekt dieser Liebe gewesen zu sein, sondern auch, dass Menschen so rein sein können. Für einen Moment verschwand meine eigene Unbedeutendheit.
Kapitel Acht
Das erste Human Be-In im Central Park fand Ende März 1967 statt. »Be-In« lässt mich an »donut« denken. Die DNS der Menschheit als alte Krapfen. Ich ging zur Sheep Meadow, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Leute standen herum und beäugten sich. Manche trugen kleine Glocken an ihren Kleidern. Ich sah bemalte Gesichter, Blumen überall, Pot wurde geraucht. Jugendliche winkten mit den Armen und sangen. Die Sheep Meadow ist eine große Wiese, und Tausende hielten sich dort auf. Drogen waren ein Thema, und man hörte Gesänge über Liebe. Die meisten dort waren merkwürdig angezogen – eine lockere Perlenkette hier, ein Gänseblümchen im Haar dort –, aber das traf ja gewöhnlich auch auf die Band Velvet Underground zu.
Wie das Flaggenschwenken von George Bush nach den Angriffen auf das World Trade Center war das Be-In abstoßender wegen seiner dogmatischen Unterstellung einer Einheit aller Beteiligten als wegen seiner dubiosen Grundidee. Für Bushs Amerika war die Tugend des selbstgerechten Patriotismus diese fragwürdige Idee, und die Hippies glaubten an die Praktikabilität universeller Freundlichkeit und Großzügigkeit. Die Menschen, die sich durch diese ungeprüften Annahmen miteinander verbanden, kamen mir idiotisch vor. Allerdings konnte ich auch nichts tun gegen meine Unfähigkeit, mich anzupassen.
Ich war verwirrt und irritiert. Menschenmassen nervten mich, und ich wusste, dass ich große Schwächen hatte, sah aber keine Möglichkeit, sie zu überwinden. Immerhin war ein Hochgefühl spürbar durch die große Anzahl von Leuten. Dieses Gefühl versprach ernsthafte Konsequenzen, bevor diese Generation alt wurde. Frühling lag in der Luft.
Ich erinnere mich, damals einen jungen Typen gesehen zu haben, der lange blonde Haare, einen Schnurrbart und ein kantiges Kinn hatte. Er war gutaussehend und scheinbar reich und selbstbewusst. Zusammen mit einem Freund hielt er sich in der Galerie des Gotham Book Mart auf. Vielleicht war es Dennis Hopper. Zumindest ähnelte er ihm. Vielleicht half er dabei, das Woodstock Festival zu organisieren. Er trug eine Westernjacke aus Wildleder mit sehr langen Fransen, auch auf der Rückseite beider Ärmel, und wenn er gestikulierte, machte das Leder diese psychedelischen Spuren in der Luft. Ich beneidete ihn um diese Jacke, die ihm die lässige Würde eines Cowboys verlieh. Ich wünschte, es gäbe eine Welt, in der ich sie tragen könnte. Lieber noch würde mich im elisabethanischen Stil kleiden, wenn man mich ließe.
Anfang Juni 1967, zwei Monate nach dem Be-In, kam Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band raus. Ich musste so tun, als ob ich das Album mochte, weil es mir von diesem Mädchen vorgespielt wurde, das ich in dem Büro kennenlernte, wohin mich eine Zeitarbeitsfirma geschickt hatte. Sie hatte auch Marihuana und ich wollte sie gerne ficken. Meine Mimik, Redeweise und Gesten waren die unscheinbare Fassade an einem riesigen Warenhaus der Hoffnung auf einen Fick. Sie war klein und kess, hatte eine süße Nasenspitze und unverhältnismäßig große Nasenlöcher, die eine »Nasenkorrektur« verrieten. Sie hatte eine schöne Haut – porenlos, weiß und glatt. Ich war ein bartloses siebzehnjähriges Strichmännchen, alles nur Haut und Knochen, mit zerzaustem Haar, das langsam über die Ohren wuchs, und einer altmodischen runden T. S. Eliot Schildpattbrille, Arbeitshemd, Jeans und hatte wenig Ansehen außer dem der verlorenen Jugend. Ich sah aus wie ein Dichter, hatte tiefliegende Augen und dicke Lippen, und ich rauchte Lucky Strike. Nan war etwa fünf Jahre älter als ich.
Sie wohnte in einem renovierten Apartment in der Second Avenue nahe Fifth Street, ein einziges Zimmer mit Kerzen und Batikkissen. Ich hing ganz von ihrer angedeuteten Bereitschaft ab, mit mir Gras zu rauchen. Die Beatles-Platte war am Tag zuvor herausgekommen. Sie spielte sie auf einer tragbaren Stereoanlage. Ich wuchs mit den Beatles auf. Sie waren aufregend, als ich in die achte Klasse ging. Damals war es taufrischer, sehr begrenzter, netter Rock’n’Roll. Die neue Scheibe war peinlich. Die Band präsentierte sich augenzwinkernd in einer Music Hall-Aufmachung mit viel dramatischer Orchestrierung, um uns die sozialen Probleme zu erklären. Die als Event inszenierte Veröffentlichung des Albums war als Folge der unglaublichen Popularität der Beatles wie die Verleihung der Academy Awards im Fernsehen, glamourös, aber langweilig. Ich fühlte mich weniger davon enttäuscht als ausgeschlossen.
Ich zeigte mich Nan zuliebe beeindruckt, wie man es bei einer Fremden tun würde, die einem eine persönliche Anekdote erzählt, besonders wenn sie einen sehr kurzen Rock trägt. Ich sage nicht, dass nicht auch ich langweilig war. Ich war’s. Bedeutete das aber, ich müsste auf Geschlechtsverkehr verzichten? Nein!
Wir rollten einen Joint, zündeten ein paar Kerzen an und machten das Licht aus. Ich kriegte Nan rum, aber es war harte Arbeit bis ich endlich meinen Schwanz in ihr hatte. Während des Geschlechtsakts verhielt sie sich, als würde sie sich ihm widersetzen. Sie kämpfte nicht, weigerte sich nur mitzumachen. Aber ich war auch nicht gerade ein wilder Lüstling. Ich wagte es immer noch nicht, meine Zunge zwischen die Beine eines Mädchens zu bringen, zumindest nicht mit Geschick (wahr ist allerdings, dass eine junge Frau wie Nan damals wahrscheinlich davon so peinlich berührt gewesen wäre, dass es sie abgetörnt und sie mich weggestoßen hätte).
In jener Zeit pflegten Mädchen ihre Schamhaare nicht. Das galt als sexy – ein animalisches Zeichen der Individualität in Kontrast zu dem ansonsten sorgfältig gepflegten Aussehen eines Mädchens. Nans Muschi wurde feucht, aber nicht triefend nass. Sie war glitschig wie eine quietschende Gummiente. Natürlich ejakulierte ich innerhalb von Sekunden, nachdem ich meinen Ständer in sie hineingezwängt hatte. Danach hieß es, sich mühsam irgendetwas auszudenken, worüber wir reden konnten, und zu versuchen, entspannt zu erscheinen, während mein Hirn rotierte wie die Räder eines Autos im Schlamm.
Gegen Ende 1967 hatte ich ein Apartment in der Sixth Street, östlich der Second Avenue. Es war ein dunkles Zimmer, und ich war dort häufig allein. Die Einsamkeit war unangenehm, aber ich kam zu der Überzeugung, sie sei unvermeidlich, nicht nur weil sie nie wegging, sondern weil es eine Unmenge Literatur darüber und über die Entfremdung gab, die damit einherging.
Zu dieser Zeit arbeitete ich im Stadtzentrum bei Gotham Book Mart. Das war die berühmteste und, was ihren Lagerbestand anging, beste literarische Buchhandlung in New York, wahrscheinlich auf der ganzen Welt, und als Literaturort wohl nur mit Shakespeare & Company in Paris zu vergleichen. Sie hatte ein riesiges Sortiment an vergriffenen Büchern. Seit Jahrzehnten hatte die Geschäftsführung dafür gesorgt, dass unverkaufte obskure und anspruchsvolle Lyrik und Prosawerke aus jedem Jahr aufgehoben und gelagert wurden, ebenso Filmliteratur und alle anderen Druckerzeugnisse der Hochkultur; vieles davon kam aus esoterischen kleinen Verlagen. Das ganze dreistöckige Gebäude in der Forty-Seventh Street war ein Lagerraum. Zwischen den Schildern der Diamantenhändler des Viertels fiel das kleine bemalte gusseiserene Schild der Buchhandlung mit den drei Fischern in einem Ruderboot auf, die Leinen im Wasser, ein Fang bog jede der drei Ruten, darüber die Zeile »Wise men fish here« (»Kluge Menschen fischen hier«). Miss Frances Steloff, die Besitzerin, die den Laden 1920 eröffnet hatte, war fast noch jeden Tag dort.
Der Laden war chaotisch. Die bis zur Decke reichenden Regale, die an allen Wänden standen, die hüfthohen Regalreihen und Ausstellungstische in den Räumen waren alle selbstgezimmert aus gebrauchtem Holz, das tiefblau gestrichen war. Bücher, Papiere und Broschüren lagen in Stapeln auf jeder verfügbaren Oberfläche. Die Wandregale waren »doppelbepackt« – was bedeutete, dass es noch eine Reihe von Büchern hinter der sichtbaren gab. Mr. Lyman, der gestresste Geschäftsführer, der stets ein weißes Hemd, Krawatte und gebügelte Hosen trug, war ein aufrechter, dünner Mann mit einer schwarzgeränderten Brille auf dem angespannten Gesicht, das sich unter dem ständigen Druck leicht rötete. Er war wie eine Figur aus einem viktorianischen Roman – es schien, als wäre der Laden seine ganze Welt. Oder als wäre er ein Berufssoldat, der seinen ganzen Stolz und seine Würde von seiner Hingabe an den Dienst erhielt wie ein leicht weiblicher und nervöser James Stewart in einem Kavalleriefilm von John Ford. Es war ein ernstes Unternehmen, und alle, die dort arbeiteten, verstanden sich als ergebene Diener der Schriftsteller und der literarischen Öffentlichkeit.
Ich kam dort zu derselben Zeit hin wie Andy Brown, der von der alten Miss Steloff unter den Bewerbern ausgewählt worden war, die den Laden von ihr kaufen wollten. Eines seiner ersten Vorhaben war ein Bestandsverzeichnis, und ich sollte dabei helfen, Aberhunderte von alten literarischen Zeitschriften zu katalogisieren, viele in kompletten Jahrgängen, die einen großen Raum im zweiten Stock füllten. Ich verbrachte Tag für Tag dort oben allein, hockte vor den Regalen und hielt in meinen Händen so bedeutende Artefakte wie T.S. Eliots illustres Criterion (»es muss gesagt werden«), Harriet Monroes Poetry aus den zehner und zwanziger Jahren, da sie Gedichte aus dem Kreis um Ezra Pound veröffentlichte (Pegasus Chicago), Eugene und Maria Jolas’ Pariser Journal Transition, wo viele frühe Modernisten und Surrealisten erschienen, Prinzessin Caetanis Botteghe Oscure (Druckerei Renaissance), eine hinreißende, elegante Zeitschrift aus Rom, Wyndham Lewis’ britisches Magazin Blast (Lewis mit seinem Haar in Flammen), Margaret Andersons The Little Review, Charles Henry Fords View, wo alle um 1940 in New York lebenden europäischen Dadaisten/Surrealisten wie Breton, Man Ray und Max Ernst veröffentlichten (leidenschaftlicher Narzissmus im bohemienhaften Stil), Ashberys, Kochs, Schuylers und Mathews Locus Solus (Schwärmerei für geistreiches Wortschach), Diane DiPrimas und LeRoi Jones’ The Floating Bear (ein Bär, der nicht ertrinken kann, weil er eine Kritzelei ist) … Die lange Reihe der Pappbehälter schien die verschiedenen Lager all der bejahenden Gefühle des Jahrhunderts zu enthalten. (Mein absolut liebstes Literaturmagazin, auch wenn ich es erst einige Jahre später entdeckte – das großartigste Literaturmagazin des zwanzigsten Jahrhunderts – war ein billiger, schlecht gemachter DIN A4-Matrizenabzug, der zwischen 1963 bis 1966 in der Lower East Side erschien mit dem schlichten Titel C, herausgegeben von Ted Berrigan. Man konnte aus seinen dreizehn Ausgaben alles im Universum Lohnenswerte extrapolieren und sich dabei prima amüsieren.)
Bei Gotham traf ich einen Typen, der meinem Genesis: Grasp-Mitherausgeber und mir riet, nach Santa Fe in New Mexico zu ziehen, wo das Leben und auch die Druckkosten billiger waren, außerdem sei es dort schön und ruhig. Wir waren neugierig auf die Wüste, und uns beunruhigte auch die Frage, wie wir uns die Druckkosten des Magazins in New York leisten sollten. Also entschieden wir, es zu versuchen. Um Geld zu sparen, überführten wir einen Wagen, den ich betrunken in Illinois zu Schrott fuhr. (Ich rief seinen Besitzer in Texas an, um ihn zu informieren. Er schrie mich nicht an, sondern flüsterte nur mit eisiger Stimme: »Oh no«.) Für die restliche Strecke nahmen wir einen Bus.
Das Leben in Santa Fe war ein anhaltendes Gefühl, das sich einstellt, wenn du morgens aufwachst und noch nicht wirklich aus dem Bett und den Tag angehen willst, aber nur noch ein wenig dösen kannst – was tatsächlich anstrengender ist als das Wachsein. Du bist nicht mehr in der Lage, wieder ganz in den Schlaf zu fallen, und schiebst den Moment, aus dem Bett zu steigen, allzu lange auf bis zur völligen Dumpfheit, als hätte sich dein Hirn in Kalk verwandelt.
Die Stadt war ein Provinznest. Schlimmer noch war der Haufen mittelmäßiger Künstler und ihre Heuchelei, das korrupte weltliche Streben zugunsten des unverdorbenen Santa Fe aufgegeben zu haben. Es gab dort niemanden, mit dem man sprechen konnte. Wir bekamen für 50 Dollar im Monat ein geräumiges, aber ungeheiztes Lehmhaus mit Flachdach, das sich an einem Abhang am Stadtrand befand. Ein gewalttätiger Chicano, ein Alkoholiker und Vietnam-Veteran, wohnte in einem Haus unten am Hügel, und er kam fast jeden Tag zu uns, um zu trinken und wirres Zeug zu reden. Ich mochte ihn, aber er war nur in kleinen Dosen zu genießen. Der Weg zum Stadtzentrum für den Lebensmitteleinkauf war lang und öde.
Der beste Moment war die Ablehnung eines Gedichts von Allen Ginsberg für das Magazin, das er uns auf unsere mitleiderregende Bitte um Texte hin geschickt hatte. Es erfüllte nicht unsere Standards handwerklicher Kunstfertigkeit. Er schrieb ein paar kalte wütende Sätze zurück. Wir wussten wirklich nicht, was wir taten.
Ich fand eine hübsche Freundin, ein antriebsloses Teenage-Marlon-Brando-Girl aus Santa Fe. Sie redete wenig, war mürrisch und rebellisch und trug einen schwarzen Rollkragenpulli und Jeans. Ihre Eltern arbeiteten an dem kleinen örtlichen College, St. John’s. Wie gewöhnlich war der Sex angespannt und klaustrophobisch, als wäre er ein Raum, der wie in einem Juwelenraubfilm nachts von infraroten Alarmstrahlen durchkreuzt wird. Alles schien Unsicherheit und Reue auszulösen. Und der gesellige Teil davor und danach war auch nicht entspannter. (Dies ist alles im Nachhinein gesagt. Wie die Einsamkeit schien der schwierige Sex damals ganz normal zu sein. Weiß Gott! Ich gierte danach.)
Wir waren etwa zwei Monate in Santa Fe, als Gianninis Einberufungsbehörde ihn kontaktierte und er nach New Jersey zurückkehren musste. Das reichte, um festzustellen, dass das Experiment zu Ende war. Er flog nach Hause, und ich fuhr kurz danach per Anhalter zurück nach New York. Zu jener Zeit war das Trampen noch üblich. Auf den großen Highways war es verboten, aber es gab genug andere vielbefahrene Straßen, wo man den Daumen rausstrecken konnte, und auch an den Highwayauffahrten war es leicht. Irgendwo im Mittleren Westen nahm mich ein Farmer mit zu sich nach Hause an den lärmigen großen Esstisch seiner Familie, der wie in einem Cowboyfilm mit dampfendem, frischem Gemüse, Butter, Brot, Eistee und Brathähnchen beladen war. Ich blieb eine Nacht dort und schlief auf einer Couch im Wohnzimmer.
Zwei Tage später wurde ich abends an einer Landstraße, wo kein Auto hielt, in einem heftigen Unwetter klitschnass. Ich kam dennoch wohlbehalten nach New York zurück, und das war das einzige Mal, dass ich je versuchte, irgendwo anders zu leben.
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