Читать книгу: «Das Ende des Wachstums»
Für P. J., dessen Großzügigkeit meine Arbeit ermöglicht – und der weitermacht, auch wenn er weiß, daß Zeit und Geld gegen uns arbeiten.

Das Ende des Wachstums ist ein »lebendiges Buch«. Zusätzliches Material wird regelmäßig ins Netz gestellt und aktualisiert und ist zu finden unter endofgrowth.com.
Außerdem können die Leser sich zum Thema
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Richard Heinberg
DAS ENDE
DES WACHSTUMS
Alte Konzepte – neue Realitäten
Aus dem Englischen von
Ursel Schäfer

Titel der Originalausgabe:
The End of Growth
Adapting to Our New Economic Reality
First published in 2011 by New Society Publishers Ltd.,
Gabriola Island, British Columbia, Canada
Copyright © 2011 by Richard Heinberg
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;
detaillierte bibliographische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in
und Verarbeitung durch elektronische Systeme.
ISBN 978-3-937801-76-6
eISBN 978-3-948075-73-6
© der deutschen Ausgabe:
Manuscriptum Verlagsbuchhandlung
Thomas Hoof KG · Waltrop und Leipzig 2013
Einbandgestaltung: www.graphische-konzepte.de
INHALT
Dank
Einführung: Die neue Normalität
Warum endet das Wachstum?
Das Ende des Wachstums kommt eigentlich nicht überraschend
Warum ist Wachstum so wichtig?
Aber ist Wachstum nicht normal?
Die einfache Berechnung von exponentiellem Wachstum
Das Peak-Oil-Szenario
Von der erschreckenden Theorie zur noch erschreckenderen Realität
Platzende Blasen
Was kommt nach dem Wachstum?
Eine Anleitung für dieses Buch
1.Das große Ballonrennen
Wirtschaftsgeschichte in zehn Minuten
Wirtschaftslehre für Eilige
Wirtschaftswissenschaft im 20. Jahrhundert
Konjunkturzyklen, Zinssätze und Zentralbanken
Verrücktes Geld
Ich schulde dir
2.Das Geräusch entweichender Luft
Kartenhäuser
Die Bühne wird bereitet: 1970 bis 2001
Schattenbanken und Immobilienblase
Was aufsteigt …
Die Mutter aller Hysterien
Grenzen der Verschuldung
Alle verschuldet und kein Ausweg in Sicht
Verpuffte Anreize, nutzlose Rettungen
Maßnahmen anderer Länder und ihrer Zentralbanken
Wenn alle Pfeile verschossen sind
Deflation oder Inflation?
Die Brücke ins Nirgendwo
3.Die Grenzen der Erde: Warum es keine Rückkehr zum Wachstum geben wird
Öl
Andere Energiequellen
Wie Märkte auf Knappheit reagieren könnten: Das Goldilocks-Syndrom
Wasser
Nahrungsmittel
Metalle und andere Minerale
Klimawandel, Umweltverschmutzung, Unfälle, Umweltzerstörung und Naturkatastrophen
4.Werden uns Innovation, Substitution und Effizienz nicht weiterhin Wachstum ermöglichen?
Ersatz immer und überall
Energieeffizienz als Rettung
Geschäftsfeldentwicklung: Die Kavallerie ist unterwegs
Moores Gesetz oder Murphys Gesetz?
Spezialisierung und Globalisierung: Dienstbare Geister zu unserer Verfügung
5.Der Kuchen wird kleiner: Konkurrenz und relatives Wachstum in einer endlichen Welt
Die chinesische Blase
Währungskriege
Geopolitik in der Post-Wachstums-Ära
Bevölkerungsstreß: Alt gegen Jung auf einem vollen Planeten
Das Ende der »Entwicklung«?
Reich gegen Arm in einer Welt ohne Wachstum
6.Den Schrumpfungsprozeß meistern, Fortschritt neu definieren
Das Szenario des Scheiterns
Schuldenschnitt für alle … oder Freigeld?
Geld nach dem Ende des Wachstums
Wirtschaftswissenschaft nach dem Ende des Wachstums
Bruttonationalglück
Unsere Probleme sind im Prinzip lösbar
7.Das Leben nach dem Wachstum
Prioritäten setzen
Transition Towns
Common Security Clubs
Die neue Wirtschaft bekannt machen
Wie könnte eine nachhaltige Gesellschaft aussehen?
Ausblick
Update Nr. 1 (Juni 2012)
Weder Schuldner noch Gläubiger…
… aber vor allem nicht Schuldner!
Was heißt hier »wir«?
Trübsal in den USA
Die Sonne geht auch unter
Unsere Lösung ist unser Problem
Schrumpfende Wirtschaft und soziale Klaustrophobie
Die Wirtschaft braucht Treibstoff … und immer mehr davon
Vom Winde verweht
Und jetzt die guten Nachrichten
Anmerkungen
Verzeichnis der Grafiken
Personenregister
DANK
Dieses Buch hat von den Beiträgen vieler Menschen profitiert, deren Hilfe Anerkennung verdient.
Ich beginne mit den Mitarbeitern des Post Carbon Institute, der Organisation, für die ich mit Freude und Stolz arbeite. Asher Miller, Daniel Lerch, Ken White und Tod Brilliant haben das Manuskript in unterschiedlichen Stadien gelesen und wichtige Vorschläge für die Bearbeitung gemacht. Dieses Team hat schon bei verwandten Projekten mit mir zusammengearbeitet, darunter kurzen Videos für YouTube wie dem preisgekrönten »300 Years of Fossil Fuels in 300 Seconds« und »Who Killed Growth?« Crystal Santorineos hat Interviews transkribiert, und Simone Osborne hat Auszüge aus dem Buch auf den Websites PostCarbon.org und EnergyBulletin.net veröffentlicht (und die Leser der Auszüge haben wiederum wertvolle Anregungen für das Buch vermittelt).
Mein Dank geht auch an New Society Publishers, ganz besonders an Ingrid Witvoet, die das Manuskript lektoriert hat; außerdem an Chris und Judith Plant, die das Buch enthusiastisch begrüßt haben, als es noch nicht mehr als eine Idee war; an Sue Custance, die das Projekt begleitet hat; und an E. J. Hurst, die sich um die Werbung gekümmert hat.
Jared Finnegan hat mit dem Wissen aus seinen jüngsten Forschungen an der London School of Economics kluge Vorschläge für die Gestaltung des Manuskripts sowie für die Aufbereitung der Grafiken und ihre Beschriftung unterbreitet – dazu gehörte auch, daß er Dutzende von Datensätzen aus einer Vielzahl von Quellen zusammentrug. Jareds redaktioneller Beitrag war besonders wichtig für den Abschnitt »Das Ende der ›Entwicklung‹?« in Kapitel 5.
Suzanne Doyle hat viele Stunden damit verbracht, die Anmerkungen zu erarbeiten, Quellen ausfindig zu machen und die Übersicht über Hunderte von Quellenangaben zu behalten.
Im Rahmen meiner Recherchen zu Das Ende des Wachstums habe ich Interviews und Gespräche mit vielen großartigen Denkern geführt. Jeder verdient eine kurze Vorstellung und meinen tiefen Dank.
Ein Gespräch mit Gus Speth – einem der bedeutendsten Vertreter der Umweltschutzbewegung, der viele Jahre in Yale gelehrt hat (und jetzt an der Vermont Law School lehrt), Verfasser von A Bridge at the Edge of the World: Capitalism, the Environment, and Crossing from Crisis to Sustainability – brachte mich auf den neuesten Stand der aktuellen Entwicklungen in der alternativen Ökonomie.
Ein weiteres Gespräch, diesmal mit John Fullerton, einem ehemaligen Geschäftsführer von JPMorgan und in jüngerer Zeit Gründer des Capital Institute, half mir, die Gepflogenheiten der Wall Street und deren Veränderungen in den letzten 25 Jahren zu verstehen. Heute arbeitet John daran, die Investmentwelt in eine faire, nachhaltige und resiliente Richtung zu steuern und geht dabei mit vielversprechenden Ansätzen voran.
Herman Daly, ökologischer Ökonom der ersten Stunde, ehemals Volkswirt bei der Weltbank und Verfasser von The Growth Illusion, war freundlicherweise bereit, Kapitel 6 zu lesen und zu kommentieren.
Nate Hagens, der vom Hedgefonds-Manager zum ökologischen Ökonomen wurde, hat den größten Teil des Manuskripts gelesen und viele wichtige Anregungen gegeben. Sein Expertenwissen über das Funktionieren der Finanzmärkte ist in Kapitel 2 eingeflossen.
Josh Farley, Fellow am Gund-Institut für ökologische Ökonomie und Professor an der Fakultät für Gemeinschaftsentwicklung und angewandte Ökonomie der Universität Vermont (und zusammen mit Herman Daly Verfasser des Handbuchs Ecological Economics) hat den Großteil des Manuskripts gelesen und auf vielen Gebieten sehr wichtige Ratschläge erteilt. Einige erläuternde Anmerkungen geben wörtlich seine Randbemerkungen auf dem Manuskript wieder.
Hazel Henderson, Zukunftsforscherin und Verfasserin von Ethical Markets: Growing the Green Economy, kritisiert seit Jahrzehnten die konventionelle ökonomische Theorie und beschreibt Wege, wie Geld für die Menschen arbeiten kann (und nicht umgekehrt). Das Interview mit ihr hat mein Denken für Möglichkeiten geöffnet, die ich noch nicht in Betracht gezogen hatte. Das versuchte ich in den Kapiteln 6 und 7 festzuhalten.
Chris Martenson, Erfinder von »The Crash Course« mit zehnjähriger Erfahrung in Finanzfragen von Unternehmen und strategischer Beratung, schreibt regelmäßig Kommentare über die weltweite Finanzsituation. Weil Chris die Endlichkeit der Ressourcen bewußt und das Denken in Systemen vertraut ist, finde ich seine Analyse besonders glaubwürdig und hilfreich. Seine Erkenntnisse haben in die Kapitel 2 und 3 Eingang gefunden.
Nicole Foss ist Mitherausgeberin von TheAutomaticEarth.com, sie schreibt dort unter dem Namen Stoneleigh. Außerdem leitet sie die Agri-Energy Producers’ Association im kanadischen Ontario, dabei konzentriert sie sich auf bäuerliche Biogas-Projekte und den Aufbau von Stromnetzen für erneuerbare Energie. Als Nicole noch im Vereinigten Königreich lebte, war sie Research Fellow am Oxford Institute for Energy Studies mit dem Spezialgebiet Reaktorsicherheit in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion. Ich habe von ihr viele Kommentare zur weltweiten Finanzszene gelesen und von der Lektüre viel profitiert. In Kapitel 2 sind zahlreiche wichtige Erkenntnisse eingeflossen, die sie mir in einem langen Gespräch im Dezember 2010 vermittelt hat.
Charles Hall, Professor für Systemökologie am College für Umweltwissenschaft und Forstwesen der State University of New York in Syracuse, ist der weltweit führende Experte für Energiebilanzen, wie sie in Kapitel 4 vorgestellt werden. Ich stehe seit langem tief in Charlies Schuld wegen seiner Forschungen (deren Bedeutung viele Energieanalysten immer noch nicht erkannt haben). Seine jüngsten unabhängig begutachteten Veröffentlichungen zu dem Thema bestätigen einige Kernaussagen in diesem Buch.
David Murphy, ein früherer Student von Charlie Hall und heute selbst ein bedeutender Forscher, ist Autor und Koautor wichtiger Veröffentlichungen zur Energiebilanz, die in Kapitel 4 zitiert werden. David hat das Kapitel gelesen und wichtige Anregungen unterbreitet.
Michael Klare, Professor für Friedensforschung am Hampshire College und Autor von Rising Powers, Shrinking Planet, ist der weltweit führende Experte für Zusammenhänge zwischen Ressourcenerschöpfung und Geopolitik. Ein Gespräch mit ihm Ende 2010 war die Grundlage für den Abschnitt »Geopolitik in der Nach-Wachstums-Ära« in Kapitel 5.
Bill Ryerson, Gründer und Präsident des Population Media Center und Präsident des Population Institute, ist der klügste, bestinformierte und überzeugendste Experte für Bevölkerungsfragen, den ich kenne. Aus unserem Gespräch ist der Abschnitt »Bevölkerungsstreß: Alt gegen Jung auf einem vollen Planeten« in Kapitel 5 entstanden.
Mats Larsson, Unternehmensberater und Verfasser mehrerer Bücher, unter anderem The Limits of Business Development and Economic Growth, war eine wichtige Quelle für Kapitel 4, das er außerdem gelesen und kommentiert hat.
Jason Bradford, Biologe und ehemaliger Forscher an der Washington University und am Botanischen Garten von Missouri, der gegenwärtig für Farmland LP das Programm Verwaltung von Ackerflächen betreut, hat große Teile des Manuskripts gelesen und mit Anmerkungen versehen sowie den Text des Kastens für Kapitel 7 formuliert.
Warren Karlenzig, der zu den weltweit führenden Experten für urbane Nachhaltigkeitsstrategien und ihre Messung gehört, Verfasser von How Green is Your City? The SustainLane U.S. City Rankings, reist häufig nach China und berät dort lokale Verantwortliche in Planungsfragen. Seine Erkenntnisse zu den Problemen und Perspektiven dieser Nation greife ich im Abschnitt »Die chinesische Blase« in Kapitel 5 auf.
David Fridley, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Energy Analysis Program des Lawrence Berkeley National Laboratory und Experte für die chinesische Energiepolitik, hat ebenfalls Wichtiges zu diesem Abschnitt beigetragen.
Doug Tompkins, der in der Wirtschaft erfolgreich war und dann zu einem der wichtigsten Naturschützer weltweit wurde, hat das Manuskript gelesen und hilfreiche Vorschläge gemacht. Die Foundation for Deep Ecology hat materielle Hilfe zur Werbung für dieses Buch geleistet.
Helena Norberg-Hodge, Gründerin der Internationalen Gesellschaft für Ökologie und Kultur (ISEC), ist seit vielen Jahren ein Freundin und Inspiratorin. Ihre Sicht hat in den Abschnitt »Das Ende der ›Entwicklung‹?« in Kapitel 5 Eingang gefunden, schwingt aber auch in den Kapiteln 1 und 6 mit.
Diese Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet haben mich durch die Lektüre des Manuskripts und ihre Auskünfte vor vielen Fehlern bewahrt, die sonst womöglich der Botschaft von Das Ende des Wachstums geschadet hätten. Sollten noch Fehler verblieben sein, fallen sie allein in meine Verantwortung.
Ich stehe auch tief in der Schuld der Arbeiten von Dennis Meadows und Jørgen Randers – den beiden letzten noch lebenden Mitgliedern der Forschergruppe, die Die Grenzen des Wachstums verfaßt hat. Hätte die Welt damals auf sie gehört, hätten wir alle heute viel weniger Grund zur Sorge.
Schließlich möchte ich wieder einmal meiner Frau Janet Barocco für ihre unermüdliche Unterstützung und Ermutigung danken und dafür, daß dank ihr unser Heim ein Ort ist, an dem Kunst, Fröhlichkeit und natürliche Schönheit ihren Platz haben.
EINFÜHRUNG DIE NEUE NORMALITÄT
»Führende zeitgenössische Vertreter der wirtschaftswissenschaftlichen Profession … haben sich in eine Art Politbüro für korrektes ökonomische Denken verwandelt. Generell hat sie das – wie von einem Club ehrwürdiger Herrn im allgemeinen zu erwarten – bei so ziemlich jedem wichtigen politischen Thema auf die falsche Seite gebracht, und das nicht erst in letzter Zeit, sondern seit Jahrzehnten. Sie prophezeien die Katastrophe, die nicht kommt. Sie bestreiten, daß Ereignisse eintreten werden, die dann doch eintreten … Sie lehnen ganz einfache, adäquate und vernünftige Reformen ab und verabreichen stattdessen Placebos. Sie sind immer überrascht, wenn ein widriges Ereignis (wie eine Rezession) tatsächlich eintritt. Und wenn sie schließlich merken, daß eine Position nicht zu halten ist, überprüfen sie ihre Ideen nicht. Sie ziehen die Möglichkeit nicht in Erwägung, daß ihre Logik oder Theorie einen Fehler haben könnte. Stattdessen wechseln sie einfach das Thema. In diesem Club verliert niemand das Gesicht, weil er unrecht hatte. Niemand wird von Konferenzen ausgeladen und darf seine Papiere nicht präsentieren. Und schon gar nicht wird jemand von außen dazugebeten.«
James K. Galbraith (Wirtschaftswissenschaftler)
Die zentrale Aussage dieses Buches ist ebenso einfach wie bestürzend: Mit dem Wirtschaftswachstum, wie wir es kennen, ist es aus und vorbei.
Das »Wachstum«, von dem wir sprechen, besteht in der Expansion der Volkswirtschaft insgesamt (mehr Menschen bekommen, was sie wollen, und mehr Geld wechselt die Hände) und in der mengenmäßigen Zunahme von Energie und Gütern, die in der Volkswirtschaft zirkulieren.
Die Wirtschaftskrise, die in den Jahren 2007/2008 begann, war ebenso vorhersehbar wie unvermeidlich, und sie bedeutet einen permanenten, fundamentalen Bruch mit den vergangenen Jahrzehnten – einer Zeit, in der die meisten Ökonomen die unrealistische Position vertreten haben, beständiges Wirtschaftswachstum sei notwendig und erreichbar. Es gibt prinzipielle Barrieren für eine anhaltende wirtschaftliche Expansion, und das erfährt die Welt gerade.
Das soll nicht heißen, daß die Vereinigten Staaten oder die Welt insgesamt nie wieder ein Quartal oder ein Jahr erleben werden, in dem die Wirtschaft im Verhältnis zum vorherigen Quartal oder Jahr wächst. Doch wenn man die Ausschläge abzieht, verläuft die allgemeine Trendlinie der Wirtschaft (gemessen in den Zahlen für Produktion und Konsum realer Güter) fortan waagrecht oder nach unten und sicher nicht nach oben.
Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß eine Region, ein Land oder eine Branche noch eine Weile weiter wächst. Es wird einige solche Beispiele geben. Letztendlich jedoch wird dieses Wachstum auf Kosten anderer Regionen, Länder oder Branchen gehen. Von nun an ist nur noch relatives Wachstum möglich: Die Weltwirtschaft spielt ein Nullsummenspiel, und der Topf, der an die Gewinner verteilt werden kann, wird immer kleiner.
Warum endet das Wachstum?
Viele Finanzexperten führen schwerwiegende Probleme der US-Wirtschaft – einschließlich der erdrückenden, nicht zu tilgenden Schuldenlast der öffentlichen und privaten Haushalte und der geplatzten Immobilienblase – als unmittelbare Bedrohungen des Wirtschaftswachstums an. Allgemein heißt es, wenn diese Probleme gelöst seien, könne und werde das Wachstum mit »normalen« Raten weitergehen. Aber diese Experten übersehen die externen Faktoren, die auf das Finanzsystem einwirken und Wirtschaftswachstum, wie wir es kennen, nahezu unmöglich machen. Dies ist kein vorübergehender, sondern ein dauerhafter Zustand.
Alles in allem gibt es, wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden, drei Hauptfaktoren, die weiterem Wirtschaftswachstum grundsätzlich im Wege stehen:
•Die Erschöpfung wichtiger Ressourcen, darunter fossile Brennstoffe und Minerale.
•Die Zunahme negativer ökologischer Auswirkungen der Ausbeutung und Nutzung von Ressourcen (darunter die Verbrennung fossiler Brennstoffe) – mit der Folge, daß die Kosten sowohl der Auswirkungen wie der Bemühungen, sie abzuwenden, lawinenartig steigen.
•Finanzielle Verwerfungen, die damit zusammenhängen, daß unser bestehendes Währungssystem, unser Bank- und Investitionswesen nicht in der Lage sind, auf Ressourcenknappheit und steigende Umweltkosten zu reagieren – und daß sie nicht in der Lage sind (vor dem Hintergrund einer schrumpfenden Volkswirtschaft), die gewaltigen Schuldenberge zu bedienen, die private und öffentliche Haushalte in den letzten beiden Jahrzehnten angehäuft haben.
Obwohl Finanzkommentatoren gewöhnlich die ökologischen Grenzen des Wachstums ausblenden, können wir buchstäblich Tausende von Vorfällen aus den letzten Jahren anführen, die zeigen, wie alle drei genannten Faktoren zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken.
Nehmen wir nur ein Beispiel: die Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko im Jahr 2010.
Die Tatsache, daß BP in tiefen Gewässern im Golf von Mexiko nach Öl bohrte, illustriert einen weltweiten Trend: Auf der einen Seite besteht die Gefahr, daß der Welt demnächst das Öl ausgeht, auf der anderen Seite werden an Land, wo das Bohren billig ist, kaum noch neue Ölvorkommen entdeckt. Solche Vorkommen hat man bereits gefunden und ausgebeutet. Der Internationalen Energieagentur zufolge werden im Jahr 2020 fast 40 Prozent der Weltölproduktion aus Offshore-Förderung stammen. Zwar ist es hart, gefährlich und teuer, in 1200 bis 1500 Metern Wassertiefe nach Öl zu bohren, aber der Ölindustrie bleibt nichts anderes übrig, wenn sie weiter den Rohstoff liefern will. Das bedeutet auch, daß das Öl teurer wird.
Natürlich waren die ökologischen Kosten, die die Explosion der Deepwater Horizon und das Leck verursachten, verheerend. Weder die Vereinigten Staaten noch die Ölindustrie können sich einen weiteren Unfall dieser Größenordnung leisten. Deshalb verhängte die Regierung Obama 2010 ein Moratorium für Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko (das allerdings nur 6 Monate galt; Anm. d. Übers.) und arbeitete gleichzeitig neue Regeln für Bohrungen aus. Andere Staaten begannen, ihre eigenen Richtlinien für Tiefseebohrungen zu überprüfen. Die Wiederholung einer derartigen Katastrophe wird dadurch weniger wahrscheinlich, aber die Kosten für Ölbohrungen und damit die schon heute hohen Ölpreise werden noch weiter steigen.
Die Katastrophe auf der Deepwater Horizon illustriert bis zu einem gewissen Grad auch den Dominoeffekt von Ressourcenerschöpfung und Umweltschäden auf die Finanzinstitutionen. Die Versicherungsgesellschaften mußten die Prämien bei Tiefseebohrungen erhöhen, und die Auswirkungen auf die regionale Fischereiindustrie haben die Wirtschaft am Golf hart getroffen. Ein Teil der Kosten für die Golfregion wurde durch Zahlungen von BP ausgeglichen, aber BP mußte infolge der Aufwendungen umstrukturieren, der Aktienkurs und die Renditen der Investoren sanken. Die Finanznöte von BP hatten wiederum Folgen für die britischen Pensionsfonds, die Geld in das Unternehmen investiert hatten.
Dies ist nur ein Beispiel – zugegeben ein besonders spektakuläres. Wäre es ein Einzelfall, könnte sich die Wirtschaft erholen und weitermachen. Aber wir erleben heute und in Zukunft eine Abfolge ökologischer und ökonomischer Katastrophen, die nicht unbedingt zusammenhängen, aber das Wirtschaftswachstum immer stärker behindern werden. Dazu zählen unter anderem:
•Klimaveränderungen, die zu regionalen Dürren, Überflutungen und sogar Hungersnöten führen;
•Knappheit von Energie, Wasser und Rohstoffen;
•Wellen von Banken- und Firmenzusammenbrüchen sowie Zwangsversteigerungen von Immobilien.
Jede dieser Erscheinungen wird üblicherweise als ein Fall für sich behandelt, als ein Problem, das gelöst werden muß, damit wir wieder »zurück zur Normalität« gelangen können. Aber letztendlich hängen sie insofern zusammen, als sie Folgen des Bevölkerungswachstums sind. Immer mehr Menschen wollen pro Kopf immer mehr der begrenzten Ressourcen (darunter nichterneuerbare, das Klima verändernde fossile Brennstoffe) konsumieren, und das auf einem endlichen und zerbrechlichen Planeten.
Unterdessen sind mit den seit Jahrzehnten aufgehäuften Schulden alle Voraussetzungen für einen Jahrhundertcrash geschaffen – wir sehen es um uns herum; der Crash hat das Potential, erhebliche politische Unruhe und viel Leid für die Menschen zu bringen.
Das Ergebnis: Wir erleben einen perfekten Sturm aus gleichzeitigen Krisen, die zusammen einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit markieren. Wir sind Zeugen und Beteiligte bei der Wende von Jahrzehnten des wirtschaftlichen Wachstums zu Jahrzehnten einer schrumpfenden Wirtschaft.
Das Ende des Wachstums kommt eigentlich nicht überraschend
Der Gedanke, daß das Wachstum irgendwann in diesem Jahrhundert enden wird, ist nicht neu. Bereits 1972 erschien ein Buch mit dem Titel Die Grenzen des Wachstums, es wurde zu dem ökologischen Bestseller schlechthin.1
Das Buch basierte auf den ersten Versuchen, in Computermodellen das wahrscheinliche Zusammenspiel der Veränderungen bei Ressourcen, Konsum und Bevölkerungsentwicklung abzubilden. Außerdem war es die erste große wissenschaftliche Untersuchung, die die Annahme infrage stellte, das Wirtschaftswachstum könne und werde in der absehbaren Zukunft mehr oder weniger ungebrochen weitergehen.
Damals klang das ketzerisch – und heute immer noch. Die Vorstellung, daß das Wachstum über einen bestimmten Punkt hinaus nicht weitergehen kann und nicht weitergehen wird, war für manche Kreise höchst ärgerlich, und bald schon wurde Die Grenzen des Wachstums durch Wirtschaftsinteressen, die auf Wachstum setzen, »entlarvt«. Tatsächlich beschränkte sich die »Entlarvung« darauf, ein paar Zahlen in dem Buch vollständig aus dem Zusammenhang zu reißen, sie als »Vorhersagen« (was sie ausdrücklich nicht waren) zu deklarieren und dann zu erklären, die Vorhersagen seien nicht eingetroffen.2 Der Trick wurde rasch aufgedeckt, aber Widerlegungen bekommen oft nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie Anklagen, und bis heute glauben Millionen Menschen, es sei seit langem klar, daß das Buch nicht glaubwürdig sei. In Wahrheit haben sich die Szenarien aus dem Buch ganz gut behauptet. (Kürzlich kam eine Untersuchung der Australian Commonwealth Scientific and Industrial Research Organization, CSIRO, zu dem Schluß: »[Unsere] Analysen zeigen, daß die Daten aus 30 Jahren ziemlich gut dazu passen, wie [in Die Grenzen des Wachstums] die Weiter-So-Szenarien beschrieben werden …«)3
Grafik 1. Das Szenario »Grenzen des Wachstums«.
Quelle: Grenzen des Wachstums – Das 30-Jahre-Update (2006), S. 260.
Die Autoren fütterten ihre Computer mit Daten zum Bevölkerungswachstum, zu Konsumtrends und den Vorräten an wichtigen Ressourcen, ließen dann die Modellrechnungen laufen und folgerten am Schluß, das Ende des Wachstums werde irgendwann zwischen 2010 und 2050 erreicht sein. Von da an werde die Industrie- und Nahrungsmittelproduktion sinken und die Bevölkerungszahl zurückgehen.
Das Szenario aus Die Grenzen des Wachstums wurde in den Jahren nach der Veröffentlichung des Buchs wiederholt durchgespielt, mit immer raffinierterer Software und aktualisierten Daten. Die Ergebnisse waren jedesmal ähnlich.4
Warum ist Wachstum so wichtig?
In den letzten beiden Jahrhunderten entwickelte sich das Wirtschaftswachstum zum praktisch einzigen Index für das Wohlergehen eines Landes. Wenn die Wirtschaft wuchs, entstanden neue Jobs, und Investitionen brachten hohe Renditen. Wenn die Wirtschaft vorübergehend nicht wuchs, wie während der Weltwirtschaftskrise, führte das zu einem finanziellen Aderlaß.
In diesem Zeitraum nahm die Weltbevölkerung zu – von unter zwei Milliarden Menschen im Jahr 1900 auf über sieben Milliarden heute, jedes Jahr kommen rund 70 Millionen neue »Konsumenten« hinzu. Deshalb ist künftiges Wirtschaftswachstum noch wichtiger: Wenn die Wirtschaft stagniert, können pro Kopf weniger Güter und Dienstleistungen zirkulieren.
Wir bauen auf Wirtschaftswachstum, wenn es um die »Entwicklung« der ärmsten Volkswirtschaften geht. Ohne Wachstum müssen wir ernsthaft die Möglichkeit in Erwägung ziehen, daß Hunderte Millionen – vielleicht Milliarden – Menschen niemals beim Konsum den Lebensstandard der Menschen in den Industrieländern erreichen werden. Künftig werden sich die Bemühungen, die Lebensqualität in den armen Ländern zu verbessern, viel mehr auf Faktoren wie kulturelle Möglichkeiten, politische Freiheiten und staatsbürgerliche Rechte konzentrieren müssen und weniger auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Überdies haben wir Währungs- und Finanzsysteme geschaffen, die Wachstum erfordern. Solange die Wirtschaft wächst, sind Geld und Kredit verfügbar, die Erwartungen sind hoch, die Menschen kaufen mehr Waren, die Unternehmen leihen sich mehr Geld, und vorhandene Kredite können bedient werden.5 Aber wenn die Wirtschaft nicht wächst, fließt kein neues Geld in das System, und die Zinsen können nicht bezahlt werden. In der Folge gehen Unternehmen reihenweise bankrott, Arbeitsplätze verschwinden, die Einkommen sinken, und die Konsumenten geben weniger Geld aus – was die Unternehmen veranlaßt, weniger Kredite aufzunehmen, wodurch noch weniger Geld in den Wirtschaftskreislauf gelangt. Diese sich selbst verstärkende negative Feedbackschleife ist schwer zu durchbrechen.
Mit anderen Worten: Unsere Marktwirtschaft kennt keinen »stabilen« oder »neutralen« Zustand, es gibt nur Wachstum oder Schrumpfen. Und »Schrumpfen« ist manchmal nur ein harmloserer Name für Rezession oder Krise – eine lange Phase von Arbeitsplatzverlusten, Zwangsvollstreckungen, Insolvenzen und Bankrotten.
Weil wir mittlerweile so an Wachstum gewöhnt sind, wissen wir kaum noch, daß es sich dabei um ein ziemlich neues Phänomen handelt.
In den letzten Jahrtausenden sind Imperien aufgestiegen und zusammengebrochen, lokal hat die Wirtschaft Fortschritte gemacht oder Rückschritte – während die Weltwirtschaft insgesamt nur langsam expandierte und immer wieder Rückschläge erlitt. Doch dank der durch die fossilen Brennstoffe ausgelösten Revolution in den letzten eineinhalb Jahrhunderten erlebten wir Wirtschaftswachstum in einem Tempo und einer Größenordnung, wie es das in der Geschichte der Menschheit bisher noch nicht gegeben hat.6 Wir nutzten die Energie aus Kohle, Öl und Gas, um Autos, Lastwagen, Autobahnen, Flughäfen, Flugzeuge und Stromnetze zu bauen und zu betreiben – all die Dinge, ohne die eine moderne Industriegesellschaft nicht funktionieren kann. Durch den nicht wiederholbaren Vorgang, die Kraft von Jahrmillionen chemisch gespeichertem Sonnenlicht zu extrahieren und zu verbrennen, errichteten wir eine Maschinerie, die (einen kurzen, strahlenden Augenblick lang) immerwährendes Wachstum zu verheißen schien. Nach und nach hielten wir eine außerordentliche Situation für selbstverständlich. Sie wurde normal für uns.
Doch nun, da die Ära der billigen, reichlich vorhandenen fossilen Brennstoffe zu Ende geht, werden unsere Vorstellungen von permanenter Expansion bis in den Kern erschüttert. Das Ende des Wachstums ist in der Tat ein kritisches Ereignis. Es bedeutet das Ende einer Ära und das Ende der Art und Weise, wie wir bisher unsere Wirtschaft, unsere Politik und unseren Alltag organisiert haben.
Es ist lebenswichtig, daß wir die Bedeutung dieses historischen Augenblicks erkennen und begreifen: Wenn wir wirklich das Ende des Zeitalters der von fossilen Brennstoffen getriebenen Expansion erreicht haben, dann sind alle Bestrebungen der politisch Verantwortlichen, weiter trügerischem Wachstum nachzujagen, nichts anderes als eine Flucht vor der Realität. Wenn die politisch Verantwortlichen weltweit Illusionen über unsere Situation hegen, werden sie den Aufbau der Unterstützungssysteme hinauszögern, die das Leben in einer Wirtschaft ohne Wachstum erträglich machen können, und sie werden ziemlich sicher die erforderlichen grundlegenden Veränderungen in den Bereichen Währung, Finanzen, Nahrungsmittel und im Transportwesen versäumen.
In der Folge könnte aus einem möglicherweise schmerzhaften, aber erträglichen Anpassungsprozeß die größte Tragödie der Menschheitsgeschichte werden. Wir können das Ende des Wachstums überleben und vielleicht auch danach noch prosperieren, aber nur, wenn wir die Realität erkennen und entsprechend handeln.
E.1ABER ERHOLT SICH DIE US-WIRTSCHAFT DENN NICHT?
Von Juli 2009 bis Ende 2010 vermeldete die US-Wirtschaft Zuwächse beim BIP – das heißt Anzeichen von Wachstum. Mitte 2010 lag das nominale BIP wieder über den Werten vor der Rezession und das inflationsbereinigte BIP ziemlich genau auf dem Wert vor der Rezession.7 Dieser Anstieg folgte auf einen Rückgang des BIP von Dezember 2007 bis Juni 2009.8
Doch wie wir in Kapitel 6 sehen werden, ist das BIP ein schlechter Maßstab für die generelle Gesundheit einer Volkswirtschaft. Zwar hat das BIP seine früheren Werte wieder erreicht, doch die US-amerikanische Wirtschaft hat sich fundamental verändert: Die Arbeitslosigkeit ist viel höher, und die Steuereinnahmen der Bundes und der Einzelstaaten sind eingebrochen. Einige Ökonomen definieren diesen Zustand vielleicht technisch als eine in Erholung und Wachstum begriffene Volkswirtschaft, aber eine gesunde Volkswirtschaft ist es gewiß nicht.
Überdies verdankt sich ein Großteil dieses scheinbaren Wachstums den enormen Geldspritzen und Rettungspaketen der Regierung in Washington. Wenn man diese Summen abzieht, bleibt vom Wirtschaftswachstum etwa der letzten zwei Jahre praktisch nichts übrig.
Ausgehend von der historischen Analyse früherer Finanzkrisen kommen die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff zu dem Schluß, die Wirtschaftskrise des Jahres 2008 werde
»… tiefe und bleibende Auswirkungen auf Vermögenspreise, Produktion und Beschäftigung haben. Die Arbeitslosenzahlen werden über fünf Jahre weiter steigen und die Immobilienpreise über sechs Jahre weiter fallen. Positiv ist zu vermerken, daß Produktionsrückgänge im Durchschnitt nur zwei Jahre anhalten. Selbst Rezessionen, die durch Finanzkrisen verursacht wurden, enden schließlich, allerdings fast immer unweigerlich begleitet von einer massiven Erhöhung der Staatsverschuldung … Die globale Natur der [gegenwärtigen] Krise wird es für viele Länder sehr viel schwieriger machen, sich durch höhere Exporte daraus zu befreien oder die Auswirkungen auf den Konsum durch Kreditaufnahme im Ausland zu mildern. Unter solchen Umständen ist damit zu rechnen, daß es mit der gegenwärtigen Ruhe bei Staatsbankrotten bald vorbei sein wird.«9
Diese Analyse betrachtet jedoch nur die finanziellen Aspekte der Krise und geht nicht auf die grundsätzlicheren Probleme bei Energie, Ressourcen und Umwelt ein. Die 2009 begonnene »Erholung« fand vor dem Hintergrund gesunkener Energiepreise statt, die gegenüber ihrem Höhepunkt Mitte 2008 deutlich zurückgegangen waren. Doch als die Konsumentennachfrage Ende 2010 zaghafte Ansätze einer Wiederbelebung zeigte, kletterten die Ölpreise sofort wieder. Wenn diese »Erholung« weitergeht, werden die Energiepreise noch höher steigen, und die Wirtschaft wird wieder schrumpfen.
Kurz gesagt: Es mag sein, daß die US-Wirtschaft für die Jahre 2009 bis 2010 Wachstum (im technischen Sinn) vermeldet hat, aber sie läuft in einem grundsätzlich anderen Modus als zuvor: Sie ist sehr viel mehr von Ausgaben der Regierung (im Gegensatz zu Ausgaben der Konsumenten) abhängig, und sie ist eine Geisel der Energiepreise.
Grafik 2. Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit, 2006–2010. Als die US-Wirtschaft infolge der Finanzkrise 2008 schrumpfte, fiel das Wachstum in den negativen Bereich, und die Arbeitslosenquote stieg steil an.
Quelle: US Bureau of Labor Statistics, US Bureau of Economic Analysis.
Grafik 3. Wirtschaftswachstum, Stimulus- und Rettungspakete. »Rettung und Stimulus« bezieht sich auf das amerikanische TARP-Programm (Troubled Asset Relief Program, Programm zur Stabilisierung des Finanzsektors) und auf den American Recovery and Reinvestment Act (Konjunkturprogramm der Regierung Obama; Anm. d. Übers.) von 2009. Wie die Kurve zeigt, waren diese staatlichen Ausgaben die Hauptquelle für Wirtschaftswachstum seit der Finanzkrise 2008. Was passiert, wenn die Regierung die Banken nicht mehr retten und die Wirtschaft nicht mehr stimulieren kann?
Quelle: US Bureau of Economic Analysis, The Committee for a Responsible Federal Budget.
Aber ist Wachstum nicht normal?
Volkswirtschaften sind Systeme, und als solche gehorchen sie (bis zu einem gewissen Grad) ähnlichen Regeln wie biologische Systeme. Pflanzen und Tiere wachsen schnell, wenn sie jung sind, aber ausgewachsen haben sie eine mehr oder weniger stabile Größe. Bei Organismen wird das Wachstum größtenteils von den Genen kontrolliert, allerdings spielt auch die Verfügbarkeit von Nahrung eine Rolle.
Bei Volkswirtschaften scheint das Wachstum von der Verfügbarkeit von Ressourcen abzuhängen, hauptsächlich Energie (»Nahrung« für die Industrie) und Kredit (»Sauerstoff« für die Wirtschaft) – und darüber hinaus von wirtschaftlicher Planung.
In den letzten 150 Jahren ermöglichten billige und reichlich vorhandene fossile Brennstoffe eine rasche wirtschaftliche Expansion mit einer jährlichen Rate von durchschnittlich 3 Prozent. Die Wirtschaftsplaner nahmen dies bald als selbstverständlich hin. Die Finanzsysteme verinnerlichten die Wachstumserwartung als Versprechen künftiger Renditen aus Investitionen.
Die meisten Organismen hören auf zu wachsen, wenn sie ausgereift sind. Wären Grenzen des Wachstums nicht genetisch programmiert, würden Pflanzen und Tiere an eine Reihe praktischer Hindernisse stoßen: Stellen wir uns zum Beispiel nur vor, welche Probleme ein zwei Pfund schwerer Kolibri hätte. Wenn die Analogie trägt, müssen auch Volkswirtschaften irgendwann zu wachsen aufhören. Da können die Wirtschaftsplaner (das gesellschaftliche Äquivalent zur regulierenden DNA) noch soviel Wachstum verlangen, an einem bestimmten Punkt werden immer mehr »Nahrung« und »Sauerstoff« einfach nicht mehr verfügbar sein. Oder die Abfälle sammeln sich so stark an, daß die biologischen Systeme, die der Wirtschaftstätigkeit zugrunde liegen (wie Wälder, Anbauflächen und die Menschen), erstickt und vergiftet werden.
Doch viele Ökonomen sehen das nicht so, wahrscheinlich deshalb, weil die heute gültigen ökonomischen Theorien in der historischen Ausnahmephase anhaltenden Wachstums formuliert wurden, die nun zu Ende geht. Die Ökonomen verallgemeinern nur ihre Erfahrung: Sie können auf Jahrzehnte stetigen Wachstums in der jüngsten Vergangenheit verweisen und projizieren das in die Zukunft.10 Außerdem haben sie Theorien, die erklären, warum moderne Marktwirtschaften gegen Grenzen, wie sie natürliche Systeme kennen, immun sind: Die beiden wichtigsten Theorien drehen sich um Substitution und Effizienz.
Wenn eine nützliche Ressource knapp wird, steigt ihr Preis, und das schafft einen Anreiz für die Nutzer der Ressource, Ersatz zu suchen. Wenn zum Beispiel der Ölpreis ein bestimmtes Niveau erreicht, kommen die Energieunternehmen vielleicht auf die Idee, flüssige Brennstoffe aus Kohle zu erzeugen. Oder sie werden andere Energiequellen erschließen, von denen wir heute noch nicht einmal träumen. Viele Ökonomen vertreten die Auffassung, daß dieser Substitutionsprozeß immer so weitergehen könne. Er ist Teil der Magie des freien Marktes.
Die Effizienz zu steigern bedeutet, mehr mit weniger Aufwand zu erreichen. In den Vereinigten Staaten ist der Dollarerlös pro verbrauchter Energieeinheit in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen.11 Zum Teil ist die Effizienzsteigerung auf Produktionsverlagerungen in andere Länder zurückzuführen – diese Länder verbrennen dann Kohle, Öl und Gas bei der Herstellung unserer Produkte. (Würden wir unsere Laufschuhe und LCD-Fernseher selbst produzieren, würden wir die Brennstoffe im eigenen Land verbrauchen.)12 Die Ökonomen verweisen noch auf eine andere, verwandte Form der Effizienz, die weniger mit Energie zu tun hat (zumindest im direkten Sinn): die Suche nach den billigsten Quellen für Rohstoffe und den Orten, wo die Arbeitskräfte entweder besonders produktiv sind oder für besonders niedrige Löhne arbeiten. Wenn wir die Effizienz steigern, verbrauchen wir weniger – Energie, Ressourcen, Arbeitskraft oder Geld –, um mehr herzustellen. Und das ermöglicht mehr Wirtschaftswachstum.
Neue Energiequellen zu finden und die Effizienz zu steigern sind unbestritten wirksame Strategien in einer Marktwirtschaft. Trotzdem bleibt die Frage, wie lange diese Strategien in der realen Welt funktionieren können – denn dort herrschen nicht ökonomische Theorien, sondern die Gesetze der Physik. In der realen Welt gibt es für manche Dinge einfach keinen Ersatz, oder der Ersatz ist zu teuer oder nicht so gut oder nicht schnell genug verfügbar. Und für die Effizienz gilt das Gesetz abnehmender Renditen: Die ersten Effizienzgewinne sind in der Regel billig, aber jedes weitere Stück Gewinn kostet mehr, bis irgendwann die Gewinne so teuer werden, daß es sich nicht mehr lohnt.
Letztendlich können wir nicht mehr als 100 Prozent der Produktion auslagern, können wir Waren nicht ohne Energieeinsatz transportieren, und wir können nicht die Arbeitskraft von Menschen in Anspruch nehmen und auf ihre Kaufkraft zählen und ihnen gleichzeitig nichts bezahlen. Anders als den meisten Ökonomen ist den meisten Physikern bewußt, daß Wachstum in einem funktionierenden begrenzten System eines Tages enden muß.
E.2DIE WACHSTUMSZAHLEN FRISIEREN
Sind regierungsamtliche Zahlen genau und verläßlich? Nicht, wenn man dem Betreiber von shadowstats.com, dem Ökonomen John Williams, glaubt. Nach der »ausführlichen Erforschung von Geschichte und Wesen der Erhebung wirtschaftlicher Kennzahlen und vielen Interviews mit maßgeblichen Personen, die von Anfang an bis heute mit amtlichen Statistiken zu tun hatten«, begann Williams seine eigenen Daten zu sammeln und auf seiner Website zu veröffentlichen. In manchen Fällen, so etwa bei der Arbeitslosenstatistik, betont er einfach die Diskrepanz zwischen aktuellen Definitionen und Erhebungsweisen und früheren: Würden die Arbeitslosenzahlen heute genauso erhoben wie in den 1970er Jahren, lägen die aktuellen Zahlen in der Größenordnung von 16 bis 18 Prozent statt bei den offiziell genannten 9 bis 10 Prozent (zum Beispiel werden heute Menschen, die die Suche nach einem Arbeitsplatz aufgegeben haben, nicht mehr als »arbeitslos« geführt).
Die Alternativzahlen von Shadowstats bei der Inflation sind immer höher als die von der Regierung genannten Zahlen, während die Wachstumsraten des BIP regelmäßig niedriger sind.
Zu den Zahlen in Grafik 4 schreibt Williams: »Die SGS-Zahlen (SGS – Shadow Government Statistics, auf shadowstats.com; Anm. d.Übers.) beim BIP zeigen die inflationsbereinigte oder reale Veränderung des BIP von Jahr zu Jahr, bereinigt um Verzerrungen der regierungsoffiziellen Inflationsrate und methodische Änderungen, die dazu geführt haben, daß die offiziellen Zahlen zu niedrig sind.«
All das wirft die Frage auf: Wie viel von der wirtschaftlichen Erholung ist in Wahrheit »Schall und Rauch«?
Die einfache Berechnung von exponentiellem Wachstum
Im Grunde ist die Aussage, daß das Wachstum irgendwann enden wird, todsicher richtig: Wenn etwas kontinuierlich um einen bestimmten Prozentsatz pro Jahr wächst, bedeutet dies, daß es alle soundsoviel Jahre seine Größe verdoppeln wird; je höher der Prozentsatz, desto schneller die Verdoppelung. Eine grobe Methode, die Zeit bis zur Verdoppelung abzuschätzen, ist die 70er Regel: Wenn man 70 durch den Prozentsatz des Wachstums teilt, gibt das Ergebnis annähernd an, wie lange es dauert, bis sich die ursprüngliche Menge verdoppelt hat. Wächst eine Menge um 1 Prozent jährlich, verdoppelt sie sich in 70 Jahren, bei 2 Prozent in 35 Jahren, bei 5 Prozent dauert es nur 14 Jahre und so weiter. Genauere Ergebnisse können Sie mit der Potenztaste Ihres Taschenrechners errechnen, aber für die meisten Zwecke genügt die 70er-Regel.
Hier ein Beispiel aus der realen Welt: In den letzten 200 Jahren ist die Erdbevölkerung mit Raten von unter 1 Prozent bis über 2 Prozent jährlich gewachsen. Im Jahr 1800 lebten rund eine Milliarde Menschen auf der Erde, 1930 waren es bereits doppelt so viele. Innerhalb von nur 30 Jahren (bis 1960) verdoppelte sich die Weltbevölkerung erneut auf 4 Milliarden, gegenwärtig sind wir auf dem Weg zur dritten Verdoppelung auf 8 Milliarden, die um das Jahr 2025 erreicht sein dürften. Niemand erwartet ernsthaft, daß die Menschheit über Jahrhunderte so weiterwächst. Aber stellen wir uns einmal vor, es wäre so, und nehmen wir eine Wachstumsrate von 1,3 Prozent jährlich an (das ist die Rate des Jahres 2000). Im Jahr 2780 gäbe es dann 148 Billionen Menschen auf der Erde – ein Mensch pro Quadratmeter Land auf der Oberfläche unseres Planeten.
Grafik 4. Wachstum des US-BIP, offiziell vs. Angaben von Shadowstats, 2000–2010. Die offiziellen Zahlen stammen vom Bureau of Economic Analysis, die alternativen Zahlen von Shadow Government Statistics. Beide Datensätze sind inflationsbereinigt.
Quelle: Shadow Government Statistics, American Business Analytics & Research LLC, shadowstats.com.
Grafik 5. Arbeitslosenquote, offiziell vs. Angaben von Shadowstats, 2000–2010 (saisonbereinigt). Die SGS-Angabe spiegelt die aktuelle Methode der Erhebung der Arbeitslosenzahlen wider, bereinigt um den erheblichen Anteil der »Entmutigten«, die seit 1994 nicht mehr berücksichtigt werden. Die Quote U-6 des Bureau of Labor Statistics schließt sowohl kurzfristig als auch langfristig Entmutigte (weniger bzw. mehr als ein Jahr) ein sowie instabil Beschäftigte. (U-3 ist die offizielle Arbeitslosenquote; Anm. d. Übers.).
Quelle: Shadow Government Statistics, American Business Analytics & Research LLC, shadowstats.com.
Grafik 6. Wachstum der Weltbevölkerung, 1000–2010.
Quelle: Abteilung Bevölkerungsfragen der Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten des UN-Sekretariats, »World Population Prospects: The 2008 Revision« (Bevölkerungszahlen für 2009–2010 als Prognose auf der Grundlage der Zahlen von 2008).
Natürlich wird es nicht so kommen.
In der Natur trifft das Wachstum früher oder später immer auf unüberwindliche Hindernisse. Wenn die Nahrungsquellen einer biologischen Art zunehmen, wird die Zahl ihrer Individuen dank der zusätzlichen Kalorien wachsen – aber mehr Mäuler werden die Nahrungsquellen erschöpfen, und auch ihre Feinde werden zahlreicher (weil es mehr leckere Mahlzeiten für sie gibt!). Auf »Blütezeiten« von Populationen (oder Phasen mit raschem Wachstum) folgen fast immer Einbrüche mit hoher Sterblichkeit.13
Und noch ein weiteres Beispiel aus der realen Welt. In den letzten Jahren ist die chinesische Wirtschaft um 8 Prozent jährlich und mehr gewachsen, was bedeutet, daß sie sich ungefähr alle zehn Jahre verdoppelt. China verbraucht heute mehr als doppelt soviel Kohle wie vor zehn Jahren – bei Eisenerz und Erdöl ist es genauso. In China gibt es heute viermal so viele Autobahnen und fast fünfmal so viele Autos. Wie viele Verdoppelungen sind noch möglich, bis China seine Schlüsselressourcen erschöpft hat – oder beschließt, daß es genug ist, und nicht mehr wächst? Man kann die Frage schlecht mit einer bestimmten Zahl beantworten, aber wahrscheinlich wird es keine sehr große Zahl sein.
Diese Diskussion hat sehr reale Implikationen, weil Wirtschaft nicht nur ein abstraktes Konzept ist. Sie bestimmt darüber, ob wir in Luxus oder Armut leben, ob wir zu essen haben oder hungern. Wenn das Wirtschaftswachstum endet, werden alle betroffen sein, und die Gesellschaften werden Jahre brauchen, um sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Deshalb ist es wichtig zu wissen, ob dieser Augenblick kurz bevorsteht oder noch weit in der Ferne liegt.
Das Peak-Oil-Szenario
Wie bereits erwähnt, lautet die zentrale Aussage dieses Buchs, daß das weltweite Wirtschaftswachstum zu Ende ist, weil drei Faktoren zusammentreffen: die Erschöpfung der Ressourcen, die Belastung der Umwelt und Fehlfunktionen im Finanzwesen und Währungssystem. Doch ein einzelner Faktor könnte eine Schlüsselrolle dabei spielen, das Zeitalter des Wachstums zu beenden. Und dieser Faktor ist das Öl.
Erdöl hat zentrale Bedeutung in der modernen Welt – im Verkehrsund Transportwesen, in der Landwirtschaft, der Chemie und der Materialentwicklung. Die Industrielle Revolution war tatsächlich die Revolution der fossilen Brennstoffe, und das anhaltende Wirtschaftswachstum – einschließlich der Entwicklung der Finanzinstitutionen, die Wachstum fördern, wie etwa das Mindestreservesystem – basiert letztlich auf der immer weiter wachsenden Zufuhr von billiger Energie. Wachstum erfordert mehr Produktion, mehr Handel und mehr Transport, und all das verlangt wiederum mehr Energie. Wenn die Energieversorgung nicht mehr ausgeweitet werden kann und die Energie darum deutlich teurer wird, wird das Wirtschaftswachstum stocken, und die auf die Erwartung ewigen Wachstums gegründeten Finanzstrukturen werden zusammenbrechen.
Bereits im Jahr 2000 diskutierte der Geologe und Erdölexperte Colin Campbell folgendes Peak-Oil-Szenario:14 Um das Jahr 2010 herum wird das Angebot an Öl stagnieren oder sinken, dadurch werden die Preise stark steigen und schwanken, und das wiederum wird einen weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruch herbeiführen. Die wirtschaftliche Krise wird einen scharfen Rückgang der Nachfrage nach Energie bewirken, und die Ölpreise werden fallen. Aber sobald sich die Wirtschaft wieder erholt hat, wird auch die Nachfrage nach Öl wieder wachsen, die Preise werden wieder steigen, und in der Folge wird die Wirtschaft erneut kollabieren. Dieser Kreislauf wird so weitergehen, und dabei wird jede Erholungsphase kürzer und schwächer ausfallen als die letzte und jeder Einbruch tiefer und härter, bis die Wirtschaft in Trümmern liegt. Finanzsysteme, die auf der Annahme von anhaltendem Wachstum gründen, werden kollabieren, und das wird größere soziale Verheerungen anrichten als die Ölpreisspitzen.
Grafik 7. Ölproduktion weltweit.
Quelle: Colin Campbell, persönliche Mitteilung.
Bis es soweit ist, werden nach diesem Szenario die stark schwankenden Ölpreise Investitionen in alternative Energiequellen hemmen: In einem Jahr ist Öl so teuer, daß nahezu jede andere Energiequelle im Vergleich dazu sich billig ausnimmt. Im nächsten Jahr ist der Ölpreis wieder so weit gefallen, daß die Verbraucher zum Öl zurückkehren und Investitionen in andere Energiequellen unsinnig erscheinen. Aber niedrige Ölpreise werden die Suche nach neuen Ölvorkommen bremsen, was zu noch schlimmeren Engpässen führt. Auf jeden Fall werden die Mittel für Investitionen knapp sein, weil die Banken nach dem Zusammenbruch insolvent sind und die Regierungen wegen rückläufiger Steuereinnahmen kein Geld haben. Unterdessen könnte die internationale Konkurrenz um die schwindenden Ölreserven bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Ölimportländern, zwischen Importeuren und Exporteuren und zwischen rivalisierenden Fraktionen innerhalb von Exportländern verursachen.
Unmittelbar nach der Jahrtausendwende verkündeten viele Experten, neue Technologien zur Rohölgewinnung würden es möglich machen, aus jeder Quelle mehr Öl zu fördern, und enorme Vorkommen alternativer Kohlenwasserstoffressourcen (hauptsächlich Teersande und Ölschiefer) könnten erschlossen werden und nahtlos das konventionelle Öl ersetzen, was den unvermeidlichen Peak um Jahrzehnte hinausschieben werde. Außerdem gab es die Stimmen derjenigen, die sagten, der Peak Oil werde kein größeres Problem darstellen, selbst wenn er in absehbarer Zeit kommen sollte, weil der Markt schnell genug andere Energiequellen und Transportmittel finden würde – etwa Flüssigtreibstoffe aus Kohle oder Elektro- und Wasserstoffautos.
Der Gang der Ereignisse seither scheint das Peak-Oil-Szenario zu bestätigen und die Auffassung der Öloptimisten zu widerlegen. Der Ölpreis kletterte stetig weiter – und aus vollkommen nachvollziehbaren Gründen: Immer weniger neue Ölfelder wurden entdeckt, und die Erschließung der meisten neuen Felder war viel schwieriger und teurer als die der früher entdeckten. Mehr und mehr ölproduzierende Länder erlebten, daß ihre Förderquoten einen Höhepunkt überschritten und dann zurückgingen, trotz aller Bemühungen, das Produktionswachstum durch den Einsatz neuer, kostspieliger Fördermethoden wie Einpressen von Wasser, Stickstoff oder Kohlendioxid zu erhalten. Auf den alten, gigantischen Ölfeldern der Erde, die den Löwenanteil der weltweiten Ölfördermenge liefern, beschleunigte sich der Rückgang der Produktion. Gleichzeitig wuchs die Produktion von Flüssigbrennstoffen aus Teersanden nur langsam, und die Ausbeutung von Ölschiefer ist immer noch ein leeres Versprechen für die ferne Zukunft.15
Von der erschreckenden Theorie zur noch erschreckenderen Realität
Im Jahr 2008 wurde das Peak-Oil-Szenario auf einmal sehr real. Die weltweite Ölproduktion stagnierte seit 2005, die Preise waren in die Höhe geschnellt. Im Juli kostete ein Barrel Öl fast 150 Dollar – um die Hälfte mehr (inflationsbereinigt) als beim »Ölpreisschock« in den 1970er Jahren, der die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte. Im Sommer 2008 wankten die PKW- und LKW-Industrie, das internationale Transportwesen, die Landwirtschaft und die Fluggesellschaften.
Aber was dann passierte, fesselte die weltweite Aufmerksamkeit derart, daß die Ölpreise bald vergessen waren: Im September 2008 stand das Weltfinanzsystem vor dem Zusammenbruch. Am meisten diskutiert als Gründe für die plötzliche, massive Krise wurden Immobilienblasen, fehlende Regulierung der Banken und die Schwemme seltsamer Finanzprodukte, die fast niemand mehr richtig verstand. Tatsächlich spielte aber auch der Ölpreis eine wichtige (wenngleich häufig übersehene) Rolle als Auslöser des ökonomischen Kollapses.16
Nach dieser Nahtoderfahrung des globalen Finanzsystems sah es so aus, als würden das ein Jahrzehnt zuvor beschriebene Peak-Oil-Szenario und das Standard-Szenario aus Die Grenzen des Wachstums von 1972 mit geradezu unheimlicher und erschreckender Präzision eintreffen. Der weltweite Handel brach ein. Die größten Automobilproduzenten der Welt rangen ums Überleben. Die US-Flugzeugindustrie war um fast ein Viertel geschrumpft. In armen Ländern überall auf dem Globus brachen Hungerrevolten aus. Kriege im Irak (dem Land mit den zweitgrößten Rohölvorkommen weltweit) und in Afghanistan (dem Standort umstrittener Öl- und Gaspipeline-Projekte) leerten die Kassen der wichtigsten erdölimportierenden Länder der Welt immer weiter.17
Unterdessen bot die anhaltende Debatte, was getan werden könnte, um den weltweiten Klimawandel aufzuhalten, ein Beispiel der politischen Untätigkeit, die die Welt seit den frühen 1970er Jahren auf den Weg ins Verderben gebracht hatte. Inzwischen lag es für die große Mehrheit der Menschen, die mit den wissenschaftlichen Daten vertraut waren, auf der Hand, daß die Welt zwei dringende, unabweisbare Gründe hat, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu beenden: einerseits die drohende Klimakatastrophe, andererseits die schrumpfenden Brennstoffvorräte. Doch bei der großen internationalen Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 traten die Prioritäten der meisten vom Erdöl abhängigen Länder klar zutage: Begrenzung von Kohlenstoffemissionen und weniger Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, aber nur, wenn dadurch das Wirtschaftswachstum nicht in Gefahr gerät.
Grafik 8. Weltmarktpreise für Rohöl, 2000–2011.
Quelle: US Energy Information Administration.
Platzende Blasen
Wie wir in den Kapiteln 1 und 2 sehen werden, hatten die Erwartungen, daß das Wachstum anhalten werde, in früheren Jahrzehnten zu einer gewaltigen Verschuldung von Konsumenten und Staaten geführt. Ein immer geringerer Teil von Amerikas Wohlstand kam durch die Erfindung neuer Technologien und die Herstellung von Konsumgütern zustande, ein immer größerer Teil durch den Kauf und Verkauf von Häusern oder durch das Verschieben von Geld von einer Anlage zur nächsten.
Während das neue Jahrhundert heraufdämmerte, taumelte die Weltwirtschaft von Blase zu Blase: von der Blase der asiatischen Volkswirtschaften über die Dotcom-Blase zur Immobilienblase. Kluge Investoren wußten, daß diese Blasen schließlich platzen würden, weil Blasen immer platzen, und die allerklügsten lauerten darauf, früh einzusteigen und schnell genug auszusteigen, um große Gewinne mitzunehmen und dem anschließenden Chaos zu entgehen.
Um 2007/2008 schlossen der Peak Oil und andere Ressourcengrenzen die Zapfhähne des Wachstums, aber die Nöte der Durchschnittsbürger schienen ganz andere Ursachen zu haben: Arbeitsplatzverluste und kollabierende Immobilienpreise.
In den fieberhaften Jahren zwischen 2002 und 2006 verließen sich Millionen Amerikaner auf steigende Immobilienpreise als Einkommensquelle, sie nutzten ihre Häuser gewissermaßen als Geldautomaten (um die damals so oft gebrauchte Formulierung noch einmal zu strapazieren). Solange die Preise weiter kletterten, fühlten Hausbesitzer sich berechtigt, mit geliehenem Geld Küche und Bad zu modernisieren, und die Banken gaben gerne Kredit. Unterdessen fanden die Zauberer an der Wall Street Mittel und Wege, ausfallgefährdete Hypotheken in Scheiben zu schneiden und neu zu verlockenden CDOs (besicherten Schuldverschreibungen) zusammenzusetzen, die sie mit Gewinn an Investoren verkaufen konnten – mit wenig oder ganz ohne Risiko! Schließlich galt als ausgemacht, daß die Immobilienpreise immer weiter steigen würden. Gott schafft nicht mehr Land, lautete die Binsenweisheit.
Kredite und Schulden expandierten in der Euphorie des leichten Geldes. Der sprühende Optimismus brachte mehr Arbeitsplätze in der Bau- und Immobilienbranche und verschleierte, daß in der Produktion kontinuierlich Arbeitsplätze verlorengingen.
Ein paar starrköpfige Finanzexperten beschrieben die Situation mit Begriffen wie »Kartenhaus«, »Pulverfaß« und »Dynamit«. Es fehlte nur der sprichwörtliche Windstoß oder Funke, der die Katastrophe auslösen würde. Der extreme Ölpreisanstieg Mitte 2008 führte dazu.
Tatsächlich wirkte die Immobilienblase selbst nur wie eine lange Zündschnur: Das gesamte Wirtschaftssystem war mittlerweile abhängig von nichteinlösbaren Erwartungen an anhaltendes Wachstum und mußte unweigerlich explodieren. Das Geld war an Kredite geknüpft, und die Kredite waren an Wachstumserwartungen geknüpft. Als das Wachstum 2008 einbrach, setzte eine Kettenreaktion von Insolvenzen und Bankrotten ein: Wir erlebten eine Explosion in Zeitlupe.
Inzwischen haben die Regierungen hart dafür gearbeitet, daß das Wachstum wieder anspringt. In sehr bescheidenem Maße und nur vorübergehend waren die Bemühungen Ende 2009 und 2010 erfolgreich, aber man übersah dabei geflissentlich den grundlegenden Widerspruch im Zentrum unseres gesamten ökonomischen Systems: die Annahme, wir könnten in einer endlichen Welt unendliches Wachstum haben.
Was kommt nach dem Wachstum?
Die Erkenntnis, daß wir den Punkt erreicht haben, an dem das Wachstum nicht weitergehen kann, ist unbestreitbar deprimierend. Aber haben wir diese psychische Hürde erst einmal überwunden, erwarten uns halbwegs gute Nachrichten. Das Ende des Wirtschaftswachstums bedeutet nicht automatisch, daß es keine qualitativen Verbesserungen unseres Lebens mehr geben wird.
Nicht alle Ökonomen sind dem Glauben verfallen, daß das Wachstum für alle Zeit so weitergehen wird. Es gibt ökonomische Denkschulen, die die Grenzen der Natur anerkennen. In politischen Kreisen ignoriert man diese Denkschulen weithin, doch sie haben inzwischen Pläne entwickelt, die sich als hilfreich bei der Anpassung der Gesellschaft erweisen könnten.
Wir können die grundlegenden Faktoren, die bestimmen werden, was nach der Wachstumswirtschaft kommt, identifizieren. Damit Gesellschaften überleben und über lange Zeit gedeihen können, müssen sie mit dem vorhandenen Angebot des Planeten an nachhaltig nutzbaren Ressourcen auskommen. Das bedeutet, selbst wenn wir nicht im Detail wissen, wie eine wünschenswerte Wirtschaft und Lebensweise in der Nach-Wachstums-Ära aussehen werden, wissen wir genug, um ohne Verzug darauf hinarbeiten zu können.
Wir müssen herausfinden, wie das Leben in einer nichtwachsenden Wirtschaft erfüllend, interessant und sicher sein kann. Das Fehlen von Wachstum bedeutet nicht automatisch, daß sich nichts mehr ändern oder verbessern läßt. In einer nichtwachsenden oder im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft kann es immer noch eine kontinuierliche Weiterentwicklung praktischer Fertigkeiten, des künstlerischen Ausdrucks und bestimmter Arten von Technologien geben. Tatsächlich sagen manche Historiker und Sozialwissenschaftler, das Leben in einer Gleichgewichtsökonomie könne besser sein als das Leben in einer rasch wachsenden Wirtschaft: Zwar schafft das Wachstum Chancen für einige Menschen, aber es verstärkt auch die Konkurrenz – es gibt große Gewinner und große Verlierer, und die Qualität der Beziehungen innerhalb einer Gemeinschaft kann dadurch leiden (wie in den meisten boomenden Städten). In einer nichtwachsenden Volkswirtschaft ist es möglich, die positiven Wirkungen zu maximieren und die negativen zu reduzieren, aber das verlangt, daß die richtigen Ziele verfolgt werden: Statt mehr zu wollen, müssen wir Besseres wollen; statt wirtschaftliche Betätigung um ihrer selbst willen zu propagieren, müssen wir die wirtschaftliche Betätigung fördern, die die Lebensqualität erhöht, ohne den Konsum anzuheizen. Ein Weg dahin ist, das Wachstum an sich neu zu erfinden und neu zu definieren.
Der Übergang zu einer Wirtschaft ohne Wachstum (oder einer, in der Wachstum grundsätzlich anders definiert wird) ist unvermeidlich, aber er wird viel besser verlaufen, wenn wir ihn planen, statt daß wir nur mutlos zusehen, wie Institutionen versagen, auf die wir uns seit langem verlassen, und dann versuchen, ohne diese Institutionen eine Überlebensstrategie zu improvisieren.
Wir müssen eine wünschenswerte »neue Normalität« schaffen, die den Einschränkungen Rechnung trägt, die uns die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen auferlegt. An der »alten Normalität« festzuhalten ist keine Alternative; wenn wir nicht neue Ziele finden und unseren Übergang von einer wachstumsbasierten Wirtschaft zu einer gesunden Gleichgewichtsökonomie planen, werden wir mit einer sehr viel weniger wünschenswerten »neuen Normalität« dastehen. Tatsächlich erkennen wir ihre Umrisse bereits in Form anhaltend hoher Arbeitslosigkeit, einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich und immer häufigeren und schlimmeren Umweltkrisen – all das bringt viele Belastungen quer durch die Gesellschaft.
Eine Anleitung für dieses Buch
Am Anfang dieses Buches stand eine plötzliche Erkenntnis am Morgen des 16. September 2008 (dem Tag nach der Pleite von Lehman Brothers). Ich saß in einer Konferenz von rund 40 Leitern und Geldgebern von Nonprofit-Organisationen und hörte zu, wie ein ehemaliger Geschäftsführer von JP Morgan erklärte, was Derivate sind und warum die Finanzwelt sich gerade in diesem Augenblick aufzulösen schien. Einer der Geldgeber nahm einen Anruf auf seinem Handy entgegen, und danach flüsterte er: »Ich habe gerade 40 Millionen Dollar verloren.« Mir ging durch den Kopf: Wir erleben den Anfang vom Ende des Wirtschaftswachstums. Ich wußte, daß das Ende unvermeidlich war, aber nun wirkten Ereignisse in der Finanzwelt mit ökologischen Grenzen zusammen, und das beschleunigte und verstärkte die Entwicklung sehr viel mehr, als irgend jemand vorausgeahnt hätte.
Dieser Gedanke wäre mir nicht gekommen, wenn ich nicht darauf vorbereitet gewesen wäre – weil ich vor Jahrzehnten Die Grenzen des Wachstums gelesen hatte, aber vorbereitet auch durch die allmähliche Erschöpfung der Ressourcen in den Jahren danach. Der Gedanke setzte sich fest, und in den folgenden Monaten drehte und wendete ich ihn und prüfte, ob er vernünftig, verfrüht oder schlichtweg falsch war.
Ich diskutierte darüber mit Ökonomen, Unternehmensberatern, Energieexperten und auf Ressourcen spezialisierten Analysten. Ich las viele Stunden über Wirtschaftsgeschichte und die Ursachen der sich entfaltenden Finanzkatastrophe. Ich sprach mit meinen Kollegen beim Post Carbon Institute und fragte sie: Selbst wenn es stimmt – daß die Welt aus der Möglichkeit weiteren Wachstums »herausgewachsen« ist –, sollte man diese Botschaft dann der Welt verkünden, oder sollte ich lieber weiter über Energie- und Ressourcenthemen schreiben? Mitte 2010 wurde schließlich klar (aus Gründen, auf die ich in Kapitel 7 näher eingehen werde), daß die Geschichte vom Ende des Wachstums erzählt werden mußte.
Die Erkenntnis, daß das Wachstum sein Ende erreicht haben dürfte, wirft viele Fragen auf. Werden die finanziellen Auswirkungen inflationär oder deflationär sein? Werden manche Länder besser damit zurechtkommen als andere, was zu protektionistischen Handelskriegen führen könnte? Wird die »Verschlankung« der Wirtschaft auch zu einer »Verschlankung« der menschlichen Spezies führen? Wie schnell wird das gehen? Wie können wir uns schützen und anpassen?
Das sind nur einige der Themen, die in den folgenden Kapiteln behandelt werden.
Kapitel 1 ist eine kurze Geschichte der Volkswirtschaften und der Wirtschaftswissenschaften. Lesern, die sich in diesen Themen auskennen, mag das sehr verkürzend erscheinen. Das liegt nicht daran, daß mir die Ausbildung als Wirtschaftswissenschaftler oder Historiker fehlt (obwohl das tatsächlich der Fall ist), sondern daß ich hier nur den Kontext skizzieren will. Die weiteren Kapitel setzen ein Grundverständnis voraus, wie und warum Volkswirtschaften auf Wachstum bauen und warum die meisten Theorien des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams ökologische Grenzen ausblenden.
In Kapitel 2 sehen wir, warum Wirtschaftswachstum aus Gründen, die in den Währungs- und Finanzsystemen der Welt verankert sind, ins Straucheln geraten ist. Vor allem werden wir untersuchen, ob es praktische Grenzen der Verschuldung gibt und ob wir sie womöglich erreicht haben. Dieses Kapitel enthält auch eine kurze Geschichte der gegenwärtigen weltweiten Wirtschaftskrise und der Bemühungen von Regierungen und Zentralbanken, das Chaos in den Griff zu bekommen.
In Kapitel 3 untersuchen wir, welche externen Faktoren verhindern, daß die Wirtschaft sich erholen und wieder wachsen kann – dazu zählen unter anderem die Erschöpfung der fossilen Brennstoffe, der Minerale und anderer natürlicher Ressourcen sowie immer schlimmere Naturkatastrophen und industrielle Zusammenbrüche.
Viele Leser werden einwenden, Grenzen bei Energieressourcen und Mineralen könnten durch Effizienz und Substitution überwunden werden, so daß künftiges Wirtschaftswachstum möglich sei. In Kapitel 4 gehen wir auf diese Argumente ein und zeigen, warum die wirtschaftlichen Strategien, mit denen wir im 20. Jahrhundert auf Expansionskurs bleiben konnten, ihre Wirksamkeit verlieren.
Kapitel 5 erforscht, wie sich der Rückgang des weltweiten Wirtschaftswachstums mutmaßlich in der Demographie, bei der internationalen Entwicklung, in Währungskriegen und geopolitischen Rivalitäten manifestieren wird. In diesem Kapitel behandeln wir auch Chinas anhaltend hohe Wachstumsraten und untersuchen ausführlich die Frage: Kann das langfristig so bleiben?
In Kapitel 6 betrachten wir Wege, wie Regierungen und Zentralbanken den unvermeidlichen Übergang von einer wachstumsabhängigen zu einer schrumpfenden oder statischen Wirtschaft erfolgreich bewältigen könnten. Wir beginnen das Kapitel mit der eher krassen Beschreibung eines »Szenarios des Scheiterns«, das wahrscheinlich eintreten wird, wenn die für das globale Währungssystem Verantwortlichen ihren bisherigen Kurs fortsetzen. Nebenbei hören wir von alternativen Währungen, ökologischer Ökonomie und Glücksökonomie.
Schließlich erörtern wir in Kapitel 7, was Einzelne und Gruppen heute tun können, um sich auf die veränderten Bedingungen in der Zukunft vorzubereiten, wie sie die Grundlagen für eine Wirtschaft und Lebensweise ohne Wachstum und ohne Kohlenstoff legen können. Als hoffnungsvolle Zeichen und Ansätze stellen wir Übergangsinitiativen und Common Security Clubs vor.
Ich empfehle, die Kapitel der Reihe nach zu lesen, weil die Argumente in diesem Buch aufeinander aufbauend entwickelt werden.
Die Arbeit an Das Ende des Wachstums hat mich verändert. Obwohl ich gut darauf vorbereitet war, das Projekt in Angriff zu nehmen, nachdem ich die letzten vier Jahrzehnte beobachtet hatte, wie und warum unsere bestehende wachstumsbasierte Wirtschaft nicht nachhaltig ist, fand ich es mehr als ernüchternd, zu Ende zu denken, welche Auswirkungen es hat, wenn weltweit die ökonomische Expansion aufhört. Auch Leser, die sich mit den relevanten Themen wie ökologische Ökonomie gut auskennen, werden wahrscheinlich feststellen, daß dieses Buch ihr seelisches Gleichgewicht in einer Weise erschüttert, die zugleich zutiefst verstörend und erhebend ist – weil es eine ganze Menge Ängste und Zweifel an der Wirtschaft explizit macht, die, wie ich denke, die meisten von uns unbewußt mit sich herumtragen.
E.3DIE GEFAHREN DER VORAUSSAGE
Dieses Buch trifft faktisch eine Voraussage: daß es kein weltweites Wirtschaftswachstum mehr geben wird. Es ist eine vorsichtige Voraussage, weil die Wahrscheinlichkeit einbezogen wird, daß relatives Wachstum weiter möglich ist, das heißt eine temporäre Expansion in einigen Volkswirtschaften und gelegentliche partielle Aufschwünge in anderen. Doch vorsichtig oder nicht, Voraussagen sind immer gefährlich, beim Wetter ebenso wie beim Pferderennen und ganz gewiß in der Wirtschaft.18
Manche werden sagen, entscheidend für eine Voraussage sei das Timing.19 Wenn eine Voraussage ein paar Jahre (oder bei manchen wissenschaftlichen Experimenten nur ein paar Millisekunden) zu spät kommt, geht sie daneben. Paul Ehrlich scheiterte spektakulär, als er 1980 mit Julian Simon wettete, die Preise von fünf Metallen würden in den nächsten zehn Jahren ansteigen. Eigentlich lag Ehrlich nur mit seinem Timing falsch: Wie wir gesehen haben, klettern seit 2000 die meisten Rohstoffpreise. Aber weil er den Anstieg der Rohstoffpreise zu früh verkündete, verlor er 10 000 Dollar und lieferte all jenen, die optimistisch sind, was die Rohstoffversorgung betrifft, eine endlos wiederholbare Anekdote.
Andere werden vielleicht sagen, in Situationen, bei denen die Vorhersage eine ernste Warnung beinhaltet, sei es oftmals wichtiger, daß die Warnung richtig ist, als daß sie zur richtigen Zeit kommt. Nehmen wir an, das Nationale Hurrikan-Vorhersagezentrum kündigt an, gegen 17 Uhr werde Miami von einem Hurrikan getroffen. Doch über dem Wasser verliert der Hurrikan an Geschwindigkeit, er trifft Miami erst um 23 Uhr und richtet dennoch erhebliche Zerstörungen an. Wichtig ist, daß die Menschen gewarnt waren und sich in Sicherheit bringen konnten. Daß nicht der genaue Zeitpunkt vorausgesagt wurde, ist demgegenüber nicht so wichtig – der Hurrikan ist deshalb nicht verschwunden.
Das Ende des Wachstums ist ein Prozeß, und zwar, wie ich hoffentlich deutlich machen konnte, ein unausweichlicher. Der Crash des Jahres 2008 war zweifellos ein Schlüsselmoment in diesem Prozeß, aber der Übergang von Wirtschaftswachstum zu wirtschaftlicher Schrumpfung wird sich noch über Jahre hinziehen. Phasen von relativem Wachstum werden es schwierig erscheinen lassen, unterdessen die in dem Titel dieses Buchs enthaltene Voraussage zu bestätigen oder zu widerlegen. Doch das wahre Anliegen dieses Buchs ist nicht, Punkte für die korrekte Vorhersage eines Ereignisses zu sammeln, das auf jeden Fall eintreten wird (ob in diesem Jahr oder erst in zehn Jahren), sondern die Leser und die Gesellschaft insgesamt zu warnen, damit wir uns erfolgreich anpassen und die Schäden möglichst gering halten können.
KAPITEL 1 DAS GROSSE BALLONRENNEN
»Wenige Ökonomen sahen unsere gegenwärtige Krise kommen, aber das Versagen bei der Vorhersage war das geringste Problem der Zunft. Viel schwerer wog ihre Blindheit für die Möglichkeit, daß es katastrophales Versagen in einer Marktwirtschaft geben kann.«
Paul Krugman (Wirtschaftswissenschaftler)
Die verbreitete Auffassung vom Zustand der Wirtschaft – daß die im Jahr 2008 ausgebrochene Finanzkrise durch faule Hypotheken verursacht wurde und daß letzten Endes, wenn die Scharten ausgewetzt sein werden, das Land wieder weitermachen kann wie vorher – ist auf tragische Weise falsch. In Wirklichkeit ist unsere Lage sehr viel beunruhigender, liegen die Wurzeln unserer Probleme sehr viel tiefer, und eine adäquate Reaktion wird uns viel mehr abverlangen, als nur abzuwarten, bis der Konjunkturzyklus wieder bei »Wachstum« ankommt. Tatsächlich steht unser Wirtschaftssystem vor einer dramatischen und faktisch auf Dauer angelegten Rückführung auf ein viel niedrigeres Funktionsniveau. Unsere gesamte Zivilisation wird »heruntergefahren«.
Warum haben die meisten klugen Köpfe diese Entwicklung verschlafen? Teils weil sie sich auf Wirtschaftsexperten mit Tunnelblick verlassen, der ihnen die Sicht auf die physischen Grenzen des Planeten Erde versperrt – den Kontext, in dem die Volkswirtschaften funktionieren.
In diesem Kapitel werden wir zum einen skizzieren, wie Volkswirtschaften und wirtschaftswissenschaftliche Theorien sich von der Antike bis heute entwickelt haben, zum anderen, wie und warum einige moderne Industriestaaten – allen voran die USA – heute Kasinos ähneln und ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Aktivität die Form spekulativer Wetten auf Anstieg und Fall der Preise einer ganzen Reihe realer oder virtueller Vermögenswerte annimmt. Und wir werden sehen, warum all diese Entwicklungen uns in die Sackgasse geführt haben, in der wir heute stecken.
Um eine möglichst breite Perspektive zu eröffnen, beginnen wir unsere Geschichte ganz am Anfang.
Wirtschaftsgeschichte in zehn Minuten
Mehr als 95 Prozent unserer Geschichte lebten wir Menschen als Jäger und Sammler in Schenkökonomien, wie die Anthropologen sie nennen.1 Die Menschen hatten kein Geld, und zwischen den Angehörigen einer Gruppe gab es weder Tausch noch Handel. Handel fand statt, aber nur zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen.
Es ist nicht schwer zu erkennen, warum Teilen in jeder Gruppe von Jägern und Sammlern die Regel war und Handel auf die Kontakte zu Fremden beschränkt blieb. Die Gruppen waren klein, üblicherweise zwischen 15 und 50 Personen, jeder kannte alle anderen und war von ihnen abhängig. Vertrauen spielte die entscheidende Rolle für das Überleben des Einzelnen, und Konkurrenz hätte das Vertrauen untergraben. Handel ist seinem Wesen nach eine Betätigung, bei der es um Konkurrenz geht: Jeder Händler möchte das beste Geschäft machen, auch auf Kosten der anderen Händler. Für Jäger und Sammler war Kooperation – nicht Konkurrenz – der Weg zum Erfolg, und so wurde angeborenes Konkurrenzstreben (besonders unter den männlichen Gruppenmitgliedern) durch Rituale und Sitten gebremst, während eine ausgeklügelte Struktur, in der jeder Verpflichtungen gegenüber jedem anderen hatte, dazu beitrug, eine generell kooperative Einstellung zu erhalten.
Heute kennen wir noch Überreste von Schenkökonomien, vor allem in der Familie. Wir führen nicht genau Buch, wieviel wir für unser dreijähriges Kind ausgeben, damit irgendwann später die Rechnung beglichen werden kann; vielmehr stellen wir Essen, ein Zuhause, Bildung und anderes mehr als Geschenke zur Verfügung – aus Liebe. Natürlich bekommen Eltern eine seelische Entschädigung, aber (zumindest gilt das für psychisch gesunde Eltern) es ist kein bewußter Handel, bei dem wir dem Kind sagen »Ich gebe dir zu essen und ein Dach über dem Kopf, wenn du es mir mit Gütern und Dienstleistungen von gleichem oder höherem Wert zurückzahlst«.
Für Menschen in einfachen Gesellschaften war die Gemeinschaft so wichtig wie eine Familie. Schmarotzertum konnte hin und wieder zum Problem werden, und wenn es den Rest der Gruppe belastete, wurde es durch subtile oder auch nicht so subtile soziale Signale bestraft – und letztlich durch Ausgrenzung. Aber abgesehen davon registrierte niemand, wer wem was schuldete; das hätte als sehr schlechtes Benehmen gegolten.
Wir wissen das aus Berichten von Anthropologen aus dem 20. Jahrhundert, die überlebende Gesellschaften von Jägern und Sammlern besucht haben. Oft schilderten sie die erstaunliche Großzügigkeit von Menschen, die begierig schienen, alles zu teilen, was sie hatten, obwohl sie praktisch kaum materielle Dinge besaßen und Hilfsorganisationen sie zu den Ärmsten auf dem Planeten rechneten.2 Manchmal war den Anthropologen diese Großzügigkeit unangenehm, und wenn sie ein besonders gutes Stück Fleisch oder einen sorgfältig handgearbeiteten Korb erhalten hatten, überreichten sie umgehend ein Messer aus industrieller Produktion oder ein Schmuckstück als Gegengeschenk. Sie erwarteten, die Eingeborenen würden sich über solchen Plunder freuen, doch die Beschenkten wirkten eher beleidigt. Was war passiert? Mit ihren Geschenken hatten die Eingeborenen ausgedrückt: »Du bist Teil der Familie, willkommen!« Die umgehende Reaktion mit einem Gegengeschenk erinnerte sehr an Handel – und Handel trieb man nur mit Fremden. Die Reaktion des Anthropologen wurde so verstanden, als hätte er gesagt: »Nein, danke. Ich möchte nicht als Familienangehöriger betrachtet werden, ich will ein Fremder für euch bleiben.«
Nebenbei bemerkt: Dieser kurze Ausflug in die Kulturanthropologie sollte nicht so interpretiert werden, daß das Leben der Jäger und Sammler als Ideal hingestellt wird. Einfachere Gesellschaften wiesen oft ein sehr hohes Maß an zwischenmenschlicher Gewalt auf, was teilweise damit zusammenhing, daß sie weder Polizei noch Gefängnisse kannten. Unfälle kamen häufig vor, und das Leben war kurz. Die Schenkökonomie war mit ihren Vorteilen und Nachteilen einfach eine Strategie, die in einem bestimmten Kontext funktionierte, über viele Jahrtausende hinweg verfeinert durch Versuch und Irrtum.
Und das ist die Wirtschaftsgeschichte komprimiert in einen Satz: In dem Maße, wie die Gesellschaften komplexer, größer, zerstreuter und vielfältiger wurden, verlor die stammesbasierte Schenkökonomie an Bedeutung, und zunehmend dominierte der Handel das Leben der Menschen; inzwischen hat er sich so ausgeweitet, daß er den gesamten Planeten umfaßt. Ist das ein Fortschritt, oder bedeutet es vielmehr moralischen Niedergang? Über diese Frage diskutieren Philosophen seit Jahrhunderten. Ob man es gut findet oder nicht, jedenfalls haben wir das getan.
Als unsere täglichen Interaktionen mit anderen Menschen immer mehr mit Handel zu tun hatten statt mit Schenken, entwickelten wir höfliche Umgangsformen im Alltag und erhielten zugleich eine durch den Austausch vermittelte soziale Distanz aufrecht. Das gilt besonders für große Städte, wo die Anonymität auch durch praktische Formalitäten und psychologische Einflüsse gefördert wird, die sich aus der Notwendigkeit ergeben, tagtäglich mit einer großen Zahl von fremden Menschen umgehen zu müssen. Im besten Fall kümmern wir uns immer noch umeinander – oft durch Programme der Regierung oder private Wohltätigkeit. In unseren Familien und den Kirchen genießen wir immer noch einige Vorzüge der alten Schenkökonomie, aber immer mehr beherrscht der Markt unser Leben. Unser Endpunkt bei dieser unermüdlichen Ausweitung des Handels ist offenbar eine Welt, in der alles zum Verkauf steht und alle menschlichen Betätigungen durch und durch an ihrem Geldwert gemessen werden.
Die Menschheit hat unübersehbar viel von dieser wirtschaftlichen Entwicklung profitiert: Die Schenkökonomie funktionierte nur richtig, solange wir in kleinen Gruppen lebten und praktisch keinen nennenswerten Besitz hatten. Für die Abkehr von der Schenkökonomie erhielten wir im Gegenzug Häuser, Städte, Autos, iPhones und all das andere. Trotzdem war der Abschied von der Gemeinschaft, die wie eine Familie war, schmerzlich, und im Laufe der Geschichte hat es unterschiedliche Versuche gegeben, wieder dorthin zurückzukehren. Der Kommunismus war ein solcher Versuch. Doch wenn man auf der Ebene des Nationalstaats eine Schenkökonomie etablieren möchte, bringt das alle möglichen Probleme mit sich, unter anderem das Problem, wie man Initiative belohnt und Faulheit bestraft nach Regeln, die alle akzeptabel finden, und wie man Korruption bei denjenigen verhindert, deren Aufgabe es ist, den Reichtum einzusammeln, zu zählen und neu zu verteilen.
Aber kehren wir zurück zu unserem Gang durch die Wirtschaftsgeschichte. Auf dem Weg von der Schenkökonomie zum Handel gab es mehrere wichtige Marksteine; der wichtigste war zweifellos die Erfindung des Geldes. Das Geld vereinfachte den Handel. Die Menschen erfanden es, weil sie ein Tauschmittel brauchten, mit dem der Handel einfacher, leichter und flexibler wurde. Sobald das Geld in Gebrauch war, konnten die Tauschvorgänge sich ausweiten und alle Aspekte des Lebens durchdringen, was bis dahin nicht möglich gewesen war. Gleichzeitig diente das Geld auch noch anderen Funktionen – vor allem wurde es Wertmaßstab und Wertaufbewahrungsmittel.
Heute ist Geld für uns selbstverständlich. Aber bis vor noch nicht langer Zeit war es eine Kuriosität, etwas, was nur Händler täglich benutzten. Einige komplexe Gesellschaften wie auch die Inka-Zivilisation kamen fast gänzlich ohne Geld aus. Selbst in den Vereinigten Staaten verwendeten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts manche bäuerliche Familien Geld nur bei ihren gelegentlichen Ausflügen in die Stadt, wenn sie Nägel, Stiefel, Glas oder andere Dinge kauften, die sie nicht daheim auf ihrer Farm anbauen oder herstellen konnten.
Der Historiker Fernand Braudel schildert in seinem wunderbaren Buch Die Geschichte der Zivilisation. 15. bis 18. Jahrhundert, wie die Geldwirtschaft langsam in das Leben der Bauern im Mittelalter vordrang. Und was brachte sie den Menschen Neues? »[D]ie plötzlichen Preisschwankungen bei den Grundnahrungsmitteln, die unverständlichen Beziehungen, die der Mensch nicht mehr durchschaut, in denen er sich, seine Gewohnheiten und seine alten Werte nicht mehr wiederfindet. Seine Arbeit wird eine Ware, der Mensch selbst eine ›Sache‹.«3
Frühes Geld bestand aus allem möglichen, von Muschelschalen bis Vieh. Allmählich bildeten sich Gold- und Silbermünzen als die praktischsten allgemein akzeptierten Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel und als Wertmaßstab heraus.
Weil dieses Geld leicht zu lagern war, konnten fleißige Menschen erheblichen Reichtum anhäufen. Aber der konzentrierte Reichtum lockte auch Diebe an. Für Händler war Diebstahl ein besonders großes Problem: Daß sie Geld mitnehmen konnten, ermöglichte ihnen, für den Einkauf seltener Gewürze oder Stoffe große Entfernungen zurückzulegen, aber unterwegs lauerten häufig Straßenräuber, bereit, mit vorgehaltenem Messer die Geldbörse zu fordern. Solche Probleme führten zur Erfindung des Bankwesens – Gold- und Silberschmiede, die regelmäßig mit großen Mengen Edelmetallen zu tun hatten (und gewohnt waren, die Edelmetalle in gesicherten, gut bewachten Schatzkammern aufzubewahren), erklärten sich bereit, auch die Münzen anderer Leute zu lagern, und gaben dafür Quittungen aus. Diese Quittungen konnten dann wie Geld behandelt werden, wodurch das Geschäftemachen leichter und sicherer wurde.4
Schließlich erkannten im Mittelalter die Goldschmiede-Bankiers, daß sie die handelbaren Quittungen für mehr Gold ausgeben konnten, als sie in ihren Schatzkammern hatten, ohne daß es jemand merkte. Sie liehen die Quittungen als Darlehen aus und erhoben dafür eine Gebühr in Höhe eines bestimmten Prozentsatzes des Kredits.
Zunächst betrachtete die Kirche es als Sünde, aus Krediten Profit zu schlagen – es war Wucher –, aber die Bankiers fanden ein Schlupfloch in der kirchlichen Lehre: Es war erlaubt, die Kosten in Rechnung zu stellen, die bei der Kreditvergabe anfielen. Sie nannte man Zinsen. Allmählich weiteten die Bankiers die Definition von »Zinsen« aus, bis das eingeschlossen war, was früher »Wucher« geheißen hatte.
Die Praxis, Quittungen für Gold auszuleihen, das nicht wirklich existierte, funktionierte gut, solange nicht viele Inhaber solcher Quittungen ihre Scheine auf einmal gegen Gold oder Silber eintauschen wollten. Zum Glück für die Bankiers kam das so selten vor, daß schließlich das Ausstellen von Quittungen über mehr Geld, als an Einlagen vorhanden war, gängige und akzeptierte Praxis wurde; das Verfahren hieß Mindestreserve-Bankwesen.
Die Tatsache, daß immer mehr Geld im Umlauf war, erwies sich in der historischen Phase, als all das passierte, als Vorteil für Händler und Fabrikanten – in einer Zeit, in der unerhörter neuer Reichtum geschaffen wurde, vor allem durch die Eroberung von Kolonien und durch Sklaverei, aber dann auch durch die Ausbeutung der enormen Kraft fossiler Brennstoffe.
Als letztes Hindernis, daß Geld als Schmiermittel für Geschäfte dienen konnte, blieb seine Bindung an Edelmetalle. Solange Scheine gegen Gold und Silber eingelöst werden konnten, stellten die in den Schatzkammern lagernden Mengen an Edelmetallen zumindest eine theoretische Begrenzung für den Prozeß der Geldschöpfung dar. Von Zeit zu Zeit tauchten Papierwährungen auf, die nicht durch Edelmetalle gedeckt waren, wie erstmals in China im 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung; Ende des 20. Jahrhunderts waren sie beinahe weltweit die Regel.
Neben mehr abstrakten Formen von Währungen erlebte das letzte Jahrhundert auch die Entstehung und Verbreitung von immer raffinierteren Anlageinstrumenten. Aktien, Anleihen, Optionen, Futures, Wetten auf steigende und fallende Kurse, Kreditausfallversicherungen und anderes ermöglichen es Investoren, mit der Bewegung von Preisen realer oder virtueller Anlagen und Waren Geld zu verdienen (oder zu verlieren) und ihre Wetten zu versichern – sogar ihre Wetten auf die Wetten anderer Investoren.
Das wahrscheinlich berüchtigtste Investitionsmodell wurde von Charles Ponzi ersonnen, einem italienischen Einwanderer in die Vereinigten Staaten, der 1919 damit begann, Anlegern zu versprechen, sie könnten ihr Geld innerhalb von 90 Tagen verdoppeln. Ponzi erzählte seinen Kunden, die Gewinne stammten aus dem billigen Einkauf von internationalen Antwortscheinen in verschiedenen Ländern und ihrem Wiederverkauf zum Nennwert in den Vereinigten Staaten – ein formell legales Verfahren, das infolge von Währungsdifferenzen Gewinne von bis zu 400 Prozent pro Antwortschein bringen könne. Allerdings sagte er seinen Kunden nicht, daß jeder Antwortschein einzeln eingelöst werden mußte, so daß der damit verbundene bürokratische Aufwand erhebliche Kosten verursachte, wenn größere Mengen von Antwortscheinen (die pro Stück nur ein paar Pennies wert waren) gekauft und eingelöst wurden. Tatsächlich bezahlte Ponzi nur seinen frühen Investoren Geld aus den Beträgen, die spätere Investoren einbrachten. Sein Verfahren war ein Weg, Reichtum von vielen zu wenigen umzuverteilen, und dabei schöpfte er für sich selbst großzügige Summen ab, wenn das Geld durch seine Hände ging. Auf dem Höhepunkt seiner Machenschaften strich Ponzi rund 250 000 Dollar pro Tag ein (Millionen in heutigem Geldwert). Tausende verloren ihre Ersparnisse, viele verkauften ihre Häuser oder belasteten sie mit Hypotheken, um investieren zu können.
Einige wenige Kritiker (vorwiegend Anhänger einer mit Gold gedeckten Währung) haben das Mindestreserve-Bankwesen als eine Art Ponzi-System bezeichnet, und es ist tatsächlich etwas daran.5 Solange in einem Land die Realwirtschaft mit Waren und Dienstleistungen wächst, erscheint eine Ausweitung der Geldversorgung gerechtfertigt, ja sogar nötig. Doch Währungseinheiten sind im Kern Ansprüche an Arbeit und natürliche Ressourcen – und wenn die Ansprüche zahlreicher werden (mit dem Wachstum der Geldmenge) und zugleich die Ressourcen abnehmen, werden die verbleibenden Ressourcen schließlich nicht ausreichen, um alle Forderungen aus der vorhandenen Geldmenge zu befriedigen. Die Forderungen werden an Wert verlieren, unter Umständen dramatisch und plötzlich. Wenn das geschieht, werden Papier- und elektronische Währungssysteme, die auf der Geldschöpfung durch das Mindestreserve-Bankwesen beruhen, ähnliche Folgen zeitigen wie ein kollabierendes Ponzi-System: Die große Mehrheit der Beteiligten wird viel oder alles von dem verlieren, was sie zu besitzen glaubte.
1.1WARUM WURDE WUCHER GEÄCHTET?
Tim Parks schreibt in seinem Buch Das Geld der Medici:
»Mit der Erhebung von Zinsen verändert sich das [Funktionieren der Wirtschaft]. Durch die Verzinsung ist Geld nicht einfach nur eine stabile Metallware, auf die man sich als Tauschmittel geeinigt hat. Auf lange Sicht vermehrt es sich, und zwar ohne jede Anstrengung seitens des Verleihers. Jetzt kommen die Dinge in Fluß. Ein Mann kann sich Geld leihen, einen Webstuhl kaufen, die Wolle zu einem hohen Peis verkaufen und seinen Status in der Welt verbessern. Ein anderer Mann kann sich Geld leihen, dem ersten Mann die Wolle abkaufen, sie ins Ausland verschiffen und dort zu einem noch höheren Preis verkaufen. Er steigt gesellschaftlich auf. Oder, wenn er Pech hat oder dumm ist, er ruiniert sich. Unterdessen wird der Bankier, der Geldverleiher, immer reicher. Wir erfahren nicht einmal, wie reich er ist, weil Geld weggesteckt und verborgen werden kann und Gewinne aus finanziellen Transaktionen schwer aufzuspüren sind. Es ist sinnlos, seine Schafe und Kühe zu zählen oder nachzumessen, wieviel Land er besitzt. Wer wird ihn dazu bringen, daß er seinen Zehnten abgibt? Daß er seine Steuern bezahlt? Wer wird ihn ermahnen, auf seine Seele zu achten, wo doch das Leben so gewinnbringend ist? Die Dinge geraten außer Kontrolle.«6
Wirtschaftslehre für Eilige
Wir haben soeben einen Überblick über die Geschichte der Wirtschaft gegeben – jener Systeme, durch die Menschen Reichtum schaffen und verteilen. Die Wirtschaftswissenschaft hingegen besteht aus Denkgebäuden, Ideen, Gleichungen und Annahmen, die beschreiben, wie diese Systeme funktionieren oder funktionieren sollten.7
Die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften beginnt viel später. Zwar können als erste Wirtschaftswissenschaftler antike griechische und indische Philosophen gelten, darunter Aristoteles (382–322 v. Chr.); sie schrieben über die »Kunst« des Erwerbs von Reichtum und fragten, ob Besitz am besten in den Händen von Privatleuten oder in den Händen einer Regierung liegen sollte, die im Namen des Volkes handelt. In den nächsten 2000 Jahren ist aber wenig wirklich Substantielles zu diesen Fragestellungen hinzugekommen.
Richtig in Gang kam das Nachdenken über Wirtschaft im 18. Jahrhundert: »Klassische« ökonomische Philosophen wie Adam Smith (1723–1790), Thomas Robert Malthus (1766–1834) und David Ricardo (1772–1823) führten grundlegende Konzepte ein wie Angebot und Nachfrage, Arbeitsteilung und das Gleichgewicht im internationalen Handel. Wie in so vielen Disziplinen standen die frühen Vertreter vor gänzlich unerforschtem Neuland und machten sich daran, ihren Forschungsgegenstand erst einmal zu kartieren. Spätere Forscher konnten die großen Linien dann in immer kleineren Schritten vervollkommnen.
Diese Pioniere begannen damit, die Naturgesetze aufzuklären, nach denen Volkswirtschaften tagtäglich funktionieren. Ihr Bestreben war es, aus der Wirtschaftslehre eine Wissenschaft zu machen, die sich gleichrangig neben den entstehenden Disziplinen Physik und Astronomie behaupten sollte.
Wie alle Denker müssen wir auch die klassischen Wirtschaftstheoretiker im Kontext ihrer Zeit betrachten, um sie richtig zu verstehen. Im 17. und 18. Jahrhundert geriet die europäische Machtstruktur unter Druck: Aus den Kolonien strömte Reichtum nach Europa, Kaufleute und Händler wurden reich, aber fühlten sich durch die überkommenen Privilegien des Adels und der Kirche zunehmend eingeengt. Die Wirtschaftsphilosophen hinterfragten die etablierten Privilegien des Adels, und sie bewunderten die Fähigkeit der Physiker, Biologen und Astronomen, die alten Lehren der Kirche zu widerlegen und durch Beobachtung und Experiment neue universelle »Gesetze« zu formulieren.
Die Physiker schoben biblische und aristotelische Lehrsätze, wie die Welt angeblich funktionierte, beiseite und untersuchten aktiv Naturphänomene wie die Gravitation und den Elektromagnetismus – Grundkräfte der Natur. Die Wirtschaftsphilosophen ihrerseits konnten auf den Preis als Schiedsrichter zwischen Angebot und Nachfrage verweisen, der überall eine viel wirkungsvollere Allokation von Ressourcen bewirkte, als menschliche Verwalter oder Bürokraten es je schafften. Das war doch wirklich ein ebenso universelles und unpersönliches Gesetz wie das der Gravitation! Isaac Newton hatte gezeigt, daß es mit den Bewegungen der Sterne und Planeten mehr auf sich hatte, als im Buch Genesis geschrieben stand; Adam Smith wies nach, daß Grundsätze und Praxis des Handels mehr Potential enthielten, als sich jemals durch die alten, förmlichen Beziehungen zwischen Fürsten und Bauern und zwischen den Angehörigen mittelalterlicher Zünfte hatte verwirklichen lassen.
Die klassischen Theoretiker wandten nach und nach mathematische Verfahren an und übernahmen teilweise naturwissenschaftliche Terminologie. Leider gelang es ihnen nicht, in die Wirtschaftswissenschaften auch solche Selbstkorrekturmechanismen zu integrieren, wie sie definitionsgemäß zu den Naturwissenschaften gehören. Die ökonomische Theorie erforderte keine falsifizierbaren Hypothesen und keine wiederholbaren, kontrollierten Experimente (die sich sowieso auf diesem Gebiet nur sehr schwer hätten organisieren lassen). Die Ökonomen fühlten sich zunehmend als Wissenschaftler, während ihre Disziplin ein Teil der Moralphilosophie blieb – und größtenteils bis heute geblieben ist.8
Die Vorstellungen der Wirtschaftsphilosophen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts bildeten den klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Liberalismus. Der Begriff liberal verweist in diesem Zusammenhang auf die Überzeugung, wirtschaftlich Verantwortliche sollten die Märkte frei und ungehindert wirken und die Preise festsetzen lassen, ohne Eingriffe von außen; auf diese Weise finde die Allokation von Gütern, Dienstleistungen und Reichtum statt. Daher stammt der Begriff laissez-faire (französisch für »geschehen lassen«, »tun lassen«).
In der Theorie war der Markt eine segensreiche Quasi-Gottheit, die unermüdlich für das Wohl jedes Einzelnen wirkte, indem sie die Gaben der Natur und die Erzeugnisse menschlicher Arbeitskraft so effizient und gerecht wie möglich verteilte. Aber faktisch profitierten nicht alle gleichmäßig oder (nach Ansicht vieler Menschen) gerecht von Kolonialherrschaft und Industrialisierung. Der Markt arbeitete vor allem zum Vorteil derjenigen, für die Geldverdienen das Wichtigste im Leben war (Bankiers, Händler, Industrielle und Investoren) und die zufällig auch noch klug waren und Glück hatten. Er funktionierte auch einigermaßen für alle, die reich geboren worden waren und es schafften, ihr Geburtsrecht nicht zu verspielen. Andere hingegen, denen mehr daran gelegen war, Feldfrüchte zu kultivieren, Kinder zu unterrichten, sich um alte Menschen zu kümmern, oder die durch die Umstände gezwungen waren, die eigene Landwirtschaft oder die Heimarbeit zugunsten von Fabrikarbeit aufzugeben, bekamen allem Anschein nach immer weniger – ganz sicher weniger von der gesamten Wirtschaftsleistung und oft auch weniger im absoluten Sinn. War das gerecht? Nun, das war eine moralische und philosophische Frage. Zur Verteidigung des Marktes sagten viele Ökonomen, es sei tatsächlich fair: Kaufleute und Fabrikbesitzer verdienten mehr Geld, weil sie allgemein die wirtschaftliche Tätigkeit steigerten, wovon auch alle anderen profitieren würden … irgendwann. Klar? Der Markt macht keine Fehler. Manchen klang das ein bißchen wie die Zirkelschlüsse mittelalterlicher Kleriker, wenn sie auf Zweifel an der Unfehlbarkeit der Schrift antworteten. Doch trotz ihrer blinden Flecken erwies sich die klassische Wirtschaftswissenschaft als nützlich, um einen Sinn in den unübersichtlichen Details von Geld und Märkten zu erkennen.
Vor allem hatten diese frühen Philosophen eine Ahnung von den natürlichen Grenzen und rechneten damit, daß das Wirtschaftswachstum irgendwann enden würde. Als die wesentlichen Bestandteile der Wirtschaft betrachteten sie Boden, Arbeitskraft und Kapital. Auf der Erde gab es nur eine bestimmte Menge Boden (mit dem Begriff meinten diese Theoretiker alle natürlichen Ressourcen), und ganz gewiß würde die Expansion der Wirtschaft an einem bestimmten Punkt enden. Malthus und Smith vertraten beide explizit diesen Standpunkt. Ein etwas späterer Wirtschaftsphilosoph, John Stuart Mill (1806–1873), formulierte es so: »Die Volkswirte müssen es stets mehr oder minder deutlich erkannt haben, daß die Zunahme des Nationalvermögens nicht unbegrenzt sei, daß am Ende des sogenannten progressiven Zustandes der stationäre Zustand liege …«9
Doch beginnend mit Adam Smith setzte sich der Gedanke durch, daß eine kontinuierliche »Verbesserung« der Lebenssituation der Menschen möglich sei. Zunächst blieb – vielleicht mit Absicht – vage, was »Verbesserung« (oder »Fortschritt«) bedeutete. Nach und nach wurden »Verbesserung« und »Fortschritt« gleichgesetzt mit »Wachstum« im heutigen ökonomischen Sinn des Wortes – abstrakt ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP), praktisch ein Anstieg des Konsums.
Ein Schlüssel zu dieser Veränderung war, daß die Ökonomen schrittweise den Boden als einen der theoretisch primären Bestandteile der Wirtschaft aufgaben (zunehmend waren nur Arbeit und Kapital wirklich wichtig, Boden wurde zu einer Unterkategorie von Kapital herabgestuft). Das war eine der Weiterentwicklungen, die aus der klassischen Ökonomie die neoklassische machten; außerdem gehören in diesen Zusammenhang die Theorie der Nutzenmaximierung und die Theorie der rationalen Entscheidungsfindung. Das Umdenken begann im 19. Jahrhundert und erreichte seinen Höhepunkt im 20. Jahrhundert mit der Arbeit von Ökonomen, die Modelle für unvollkommenen Wettbewerb und Theorien für Marktformen und industrielle Organisation erforschten und dabei Instrumente wie die Grenzertragskurve verwendeten. (In der Zeit galt die Ökonomie als die »trostlose Wissenschaft« – teils weil ihre Terminologie, vielleicht absichtlich, immer verwirrender wurde.)10
Unterdessen hatte jedoch der einflußreichste Ökonom des 19. Jahrhundert, ein Philosoph namens Karl Marx, eine metaphorische Bombe in das Fenster des von Adam Smith erbauten Hauses geworfen. In seinem einflußreichsten Buch, Das Kapital, schlug Marx einen Namen für das Wirtschaftssystem vor, das sich seit dem Mittelalter entwickelt hatte: Kapitalismus. Es war ein System, das auf Kapital gründete. Viele Menschen glauben, daß Kapital einfach ein anderes Wort für Geld sei, aber das verfehlt vollkommen den entscheidenden Punkt: Kapital ist Reichtum – Geld, Land, Gebäude, Maschinen –, der für die Produktion von noch mehr Reichtum eingesetzt wird. Wenn Sie Ihr Gehalt für die Miete, Lebensmittel und andere notwendige Dinge verwenden, haben Sie vielleicht gelegentlich Geld übrig, aber Sie haben kein Kapitel. Doch selbst wenn Sie tief in Schulden stecken, haben Sie Kapital, wenn Sie Aktien oder Anleihen besitzen oder einen Computer, mit dem Sie von zu Hause ein Gewerbe betreiben können.
Der Kapitalismus, wie Marx ihn definierte, ist ein System, bei dem sich produktiver Reichtum in privatem Besitz befindet. Im Kommunismus (den Marx als Alternative vorschlug) ist die Gemeinschaft oder der Staat im Namen des Volkes der Besitzer des produktiven Reichtums.
In jedem Fall, so Marx, tendiert das Kapital dazu, zu wachsen. Kapital in privatem Besitz muß wachsen: Weil die Kapitalisten untereinander im Wettbewerb stehen, tendieren diejenigen, die ihr Kapital schneller vermehren, dazu, das Kapital der anderen, die hinterherhinken, aufzusaugen. Insofern hat das System insgesamt einen eingebauten Expansionsdrang. Marx schrieb auch, der Kapitalismus sei seiner Natur nach nicht nachhaltig, denn wenn die Arbeiter durch die Kapitalisten weit genug in Armut getrieben sind, werden sie sich erheben, ihre Herren stürzen und einen kommunistischen Staat errichten (oder schließlich das Arbeiterparadies ohne Staat).
Der rücksichtslose Kapitalismus des 19. Jahrhunderts führte zu Phasen von Konjunktur und Krise und einem großen Ungleichgewicht bei der Verteilung des Reichtums – und deshalb zu viel gesellschaftlicher Unruhe. Mit Blick auf die Krise von 1873, den Crash von 1907 und schließlich die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre hatten viele zeitgenössische Gesellschaftskommentatoren den Eindruck, der Kapitalismus sei in der Tat im Scheitern begriffen und soziale Erhebungen, wie von Marx prophezeit, seien unvermeidlich. Die bolschewistische Revolution 1917 schien diese Hoffnungen oder Befürchtungen (je nach Standpunkt des Betrachters) zu bestätigen.
Wirtschaftswissenschaft im 20. Jahrhundert
Ende des 19. Jahrhunderts entstand der Sozialliberalismus als eine gemäßigte Antwort auf den reinen Kapitalismus wie auf den Marxismus. Die Pioniere des sozialliberalen Denkens, der Soziologe Lester F. Ward (1841–1913), der Psychologe William James (1842–1910), der Philosoph John Dewey (1859–1952) und der Arzt und Essayist Oliver Wendell Holmes (1809–1894), argumentierten, die Regierung habe die legitime wirtschaftliche Aufgabe, sich um soziale Belange wie Arbeitslosigkeit, Gesundheitswesen und Bildung zu kümmern. Die Sozialliberalen kritisierten die hemmungslose Konzentration von Reichtum in der Gesellschaft und die Lebensbedingungen von Fabrikarbeitern und bekundeten zugleich Sympathie für Gewerkschaften. Ihr übergeordnetes Ziel war es, die Dynamik des privaten Kapitals zu erhalten, aber seine Exzesse einzuschränken.
Nichtmarxistische Ökonomen kanalisierten die sozialliberalen Ideen in ökonomische Reformen wie die progressive Einkommensbesteuerung und das Kartellrecht. Der einflußreichste Vertreter dieser Schule im frühen 20. Jahrhundert war John Maynard Keynes (1883–1946). Er empfahl, wenn die Wirtschaft in eine Rezession gerät, solle die Regierung großzügig Geld ausgeben, um das Wachstum anzukurbeln. Franklin Roosevelts Programme im Rahmen des New Deal in den 1930er Jahren waren ein Labor für keynesianische Wirtschaftswissenschaft, und allgemein ist man der Meinung, daß die gewaltigen Kreditaufnahmen und Ausgaben der Regierung im Zweiten Weltkrieg die Weltwirtschaftskrise beendeten und die Vereinigten Staaten auf den Pfad des Wirtschaftswachstums zurückbrachten.
Die nächsten Jahrzehnte waren beherrscht vom Gegensatz zwischen keynesianischen Sozialliberalen, Anhängern von Marx und zeitweilig marginalisierten neoklassischen oder neoliberalen Ökonomen, die darauf beharrten, soziale Reformen, staatliche Kreditaufnahme und Manipulationen mit Zinssätzen würden nur die einzigartige Effizienz des freien Marktes behindern.
Mit dem Fall der Sowjetunion Ende der 1980er Jahre verstummte der Marxismus als überzeugende Stimme in der Wirtschaftswissenschaft. Er verschwand praktisch aus der Diskussion, und das schuf Raum für den raschen Aufstieg der Neoliberalen, die schon seit geraumer Zeit Auftrieb aus dem verbreiteten Unbehagen über den Zwangscharakter und die Ineffizienz staatlicher Planwirtschaften zogen. Margaret Thatcher und Ronald Reagan stützten sich beide stark auf Empfehlungen neoliberaler Denker wie des Monetaristen Milton Friedman (1912–2006) und der Vertreter der Österreichischen Schule von Friedrich von Hayek (1899–1992).
Heute gibt es in Rußland eine Redensart: Marx hatte unrecht mit allem, was er über den Kommunismus sagte, aber er hatte recht mit allem, was er über den Kapitalismus schrieb. Seit den 1980er Jahren hat die nahezu weltweit zu beobachtende Rückkehr zum klassischen ökonomischen Denken zu wachsender Ungleichheit bei der Verteilung des Reichtums geführt, in den Vereinigten Staaten wie anderswo, und zu häufigeren und schlimmeren ökonomischen Blasen und Einbrüchen.
Das bringt uns zu der weltweiten Krise, die 2007/2008 begann. Um diese Zeit waren die beiden verbliebenen großen Lager des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams – die Keynesianer und die Neoliberalen – überzeugt, anhaltendes Wachstum sei das rationale und erreichbare Ziel einer Volkswirtschaft. Die Diskussion drehte sich nur darum, wie sich das Wachstum erhalten ließ: durch Intervention der Regierung oder durch Laissez-faire in der Annahme, der Markt wisse es immer am besten.
Doch im Jahr 2008 endete in vielen Ländern das Wirtschaftswachstum, und Versuche, es wieder in Gang zu bringen, hatten bisher nur begrenzten Erfolg. Tatsächlich fällt bei einigen Kennzahlen die US-Wirtschaft weiter zurück oder tritt bestenfalls auf der Stelle. Diese düstere Realität bringt beide ökonomische Lager in Schwierigkeiten. Sie ist eindeutig eine Herausforderung für die Neoliberalen, die mit ihrer Deregulierungspolitik maßgeblich dafür Verantwortung tragen, daß das System der Schattenbanken entstand, dessen Implosion allgemein als Auslöser der gegenwärtigen Wirtschaftskrise gesehen wird. Aber sie ist auch ein Problem für die Keynesianer, deren Konjunkturprogramme dabei versagt haben, mehr Beschäftigung zu schaffen und allgemein die Wirtschaft zu beleben. Wir haben also eine Krise nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der ökonomischen Theorie und Philosophie.
Der ideologische Zusammenprall zwischen Keynesianern und Neoliberalen (der bis zu einem gewissen Grad in dem eskalierenden Krieg bis aufs Messer zwischen Demokraten und Republikanern in den Vereinigten Staaten zum Ausdruck kommt) wird sich ohne Zweifel fortsetzen und sogar noch an Schärfe gewinnen. Die Auseinandersetzung wird allerdings wenig Erhellendes bringen, wenn beide Denkrichtungen an denselben grundlegenden Irrtümern festhalten. Ein solcher Irrtum ist der Glaube, Volkswirtschaften könnten und sollten immer weiter wachsen.
Doch dieser Irrtum beruht auf einem anderen, der noch tiefer reicht und subtiler ist. Daß nahezu alle nachklassischen Ökonomen Boden unter die Kategorie Kapital subsumierten, lief darauf hinaus zu erklären, die Natur sei lediglich eine Teilmenge der menschlichen Wirtschaft – eine unendliche Anhäufung von Ressourcen, die sich in Reichtum verwandeln lassen. Es bedeutete weiter, daß natürliche Ressourcen immer durch eine andere Form von Kapital ersetzt werden konnten – durch Geld oder Technik.11 Tatsächlich existiert jedoch die menschliche Wirtschaft innerhalb der Natur und hängt vollkommen von der Natur ab, und für viele natürliche Ressourcen gibt es keinen realistischen Ersatz. Dieser fundamentale logische und philosophische Fehler im Zentrum der maßgeblichen modernen ökonomischen Denkschulen führte die Gesellschaft direkt dahin, wo sie heute steht: in die Ära von Klimawandel und Ressourcenerschöpfung. Das Festhalten an diesem Fehler hat zur Folge, daß die konventionellen ökonomischen Theorien – keynesianischer wie neoliberaler Spielart – vollkommen unfähig sind, auf die ökonomischen und ökologischen Bedrohungen zu reagieren, die im 21. Jahrhundert das Überleben der Zivilisation gefährden.
Bei der Suche nach Unterstützung können wir uns den Ökonomen zuwenden, die sich mit ökologischen und biophysikalischen Fragen befassen – ihre Ideen werden wir in Kapitel 6 erörtern, von den Hohepriestern und Torwächtern des ökonomischen Mainstreams wurden sie vollkommen an den Rand gedrängt –, und bis zu einem gewissen Grad zwei ebenfalls marginalisierten Denkrichtungen, der Österreichischen Schule und dem Postkeynesianismus, deren Vertreter besonders gut waren bei der Vorhersage und Diagnose der rein finanziellen Aspekte der gegenwärtigen weltweiten Krise. Aber ihre Hilfe wird nicht in der Form kommen, wie viele es sich wünschen: als Rat, wie wir unsere Wirtschaft wieder in den »normalen« Zustand »gesunden« Wachstums zurückversetzen können. Auf die eine oder andere Weise wird unsere Wirtschaft schrumpfen müssen statt wachsen, entweder durch Planung und systematische Reform oder durch Kollaps und Krise.
1.2ABSURDITÄTEN DER KONVENTIONELLEN ÖKONOMISCHEN THEORIE
•Mainstream-Ökonomen berücksichtigen bei der Berechnung des Maßstabs für die wirtschaftliche Gesundheit eines Landes – des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – nur Transaktionen in Geld. Wenn ein Land glückliche Familien hat, spiegelt sich das im BIP nicht wider, aber wenn dieses Land von einem Krieg oder einer Naturkatastrophe heimgesucht wird, werden die monetären Transaktionen steigen, und das BIP wird in die Höhe schießen. Das generelle Wohlergehen eines Landes anhand des BIP zu kalkulieren ist ungefähr so sinnvoll, als würde man die Qualität eines Musikstücks nur danach beurteilen, wie viele Noten es enthält.
•Damit zusammen hängt eine weitere Absurdität, die Ökonomen »externe Effekte« nennen. Ein externer Effekt tritt auf, wenn Produktion oder Konsum einer Partei direkt das Wohlergehen einer anderen Partei beeinflussen, wobei »direkt« meint, daß der Effekt keinen Preis hat (er ist extern vom Markt). Der Schaden, den Abholzung und Bergbau an Ökosystemen anrichten, ist ein externer Effekt, weil er nicht in den Preis für Nutzholz und Kohle einfließt. Es gibt auch positive externe Effekte (wenn manche Menschen organischen Landbau betreiben, werden auch andere, die organische Nahrungsmittel weder anbauen noch essen, vom generellen Rückgang der Pestizidbelastung der Umwelt profitieren). Leider sind negative externe Effekte sehr viel häufiger, weil Unternehmen sie als wirtschaftliche Schlupflöcher nutzen, durch die sie jede denkbare Art von Verschmutzung und mißbräuchlicher Nutzung loswerden können. Die Unternehmen behalten die Gewinne und überlassen es der Gesellschaft, den Dreck zusammenzukehren.
•Mainstream-Ökonomen behandeln das Aufbrauchen von Ressourcen als Einkommen und ignorieren den Eigenwert der Ressourcen. Wenn der Besitzer eines alten Waldbestandes die Bäume fällt und das Holz verkauft, registriert der Markt vielleicht, daß der Wert des betreffenden Stückes Land sinkt, aber der sonstige ökologische Schaden gilt als externer Effekt. In diesem Fall wurden unersetzliche biologische Vermögenswerte liquidiert, das heißt, daß diese Werte für künftige Generationen verloren sind. Aus der Perspektive des Ökosystems verhält sich eine Volkswirtschaft, die die Ausbeutung nichterneuerbarer Ressourcen nicht massiv besteuert, wie ein Arbeitsloser, der eine Erbschaft verpulvert.
•Mainstream-Ökonomen betrachten die Menschen als Produzenten und Konsumenten – und sonst nichts. Das theoretische Einheit Wesen Homo oeconomicus handelt rational, um soviel Reichtum wie möglich zu erwerben und so viele Dinge wie möglich zu konsumieren. Großzügigkeit und Selbstbeschränkung sind (nach dieser Theorie) irrational. Anthropologische Belege für nichtökonomische Motive bei Menschen werden einfach beiseite gewischt. Leider tendieren die Menschen dazu (mindestens bis zu einem gewissen Grad), so zu handeln, wie man es von ihnen erwartet und wie sie konditioniert sind, und so wird der Homo oeconomicus zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Konjunkturzyklen, Zinssätze und Zentralbanken
Wir haben sehr kurz eine Geschichte der Wirtschaftssysteme präsentiert und der ökonomischen Theorien, die erfunden wurden, um sie zu erklären und zu lenken. Aber nun fehlen noch viele Details, damit wir verstehen, was heute in der Weltwirtschaft passiert. Und von diesen Details haben viele mit dem dramatischen – offensichtlichen und weniger offensichtlichen – Anwachsen der Schulden in den letzten Jahrzehnten zu tun. Die moderne Verschuldung muß im Licht wiederkehrender Konjunkturzyklen gesehen werden, die die wirtschaftliche Tätigkeit in modernen Industriegesellschaften prägen, und im Zusammenhang mit den Zentralbanken, die errichtet wurden, um die Zyklen zu steuern.
Wir haben bereits gesagt, daß die Länder gelernt haben, das von fossilen Brennstoffen getriebene Wachstum ihrer Realwirtschaften zu unterstützen, indem sie durch das Mindestreserve-Bankwesen die Geldversorgung steigerten. Als das Geld zunehmend aus der Bindung an einen physischen Wert (zum Beispiel Edelmetalle) herausgelöst wurde, fand Geldschöpfung durch die Kreditvergabe von Geschäftsbanken statt. Damit war die Versorgung mit Geld vollkommen flexibel – es konnte so viel geschaffen werden, wie gebraucht wurde, und die in Umlauf befindliche Geldmenge konnte schrumpfen oder expandieren. Das Geldwachstum war an das Wachstum von Schulden geknüpft.
Dieses System ist dynamisch und instabil. Die Instabilität schlägt sich in Konjunkturzyklen nieder, die – etwas vereinfacht dargestellt – so aussehen:12 In der Expansionsphase erscheint die Zukunft den Unternehmen rosig, sie nehmen Kredite auf, um ihre Produktionskapazitäten zu erweitern und neue Arbeitskräfte einzustellen. Weil viele Unternehmen gleichzeitig so handeln, geht das Angebot an Arbeitskräften zurück; um die besten Arbeitskräfte zu bekommen und zu halten, müssen die Unternehmen deshalb die Löhne erhöhen. Dank steigender Löhne haben die Arbeitskräfte/Konsumenten mehr Geld in der Tasche, und das geben sie für die Produkte aus, die die Unternehmen herstellen. Das steigert die Nachfrage, die Unternehmen blicken noch optimistischer in die Zukunft, nehmen noch mehr Kredite auf, bauen ihre Produktionskapazitäten noch weiter aus und stellen noch mehr Arbeitskräfte ein … und so geht es weiter. In der allgemeinen Euphorie verschulden sich Arbeitnehmer in der Erwartung, daß ihre Löhne weiter steigen werden, so daß sie ohne weiteres ihre Kredite zurückzahlen können. Die Immobilienpreise klettern, weil die Nachfrage zunimmt (Mieter entscheiden für sich, daß sie nun eine Wohnung kaufen können), und das bedeutet, daß die Häuser als Sicherheit für die Kredite mehr wert sind. Das ganze Leihen und Ausgeben erhöht sowohl die Geldmenge wie die »Umschlagsgeschwindigkeit« des Geldes – das Tempo, in dem es immer wieder ausgegeben wird.
An einem bestimmten Punkt ändert sich jedoch die Stimmung im Land. Die Unternehmen haben so viel Produktionskapazität geschaffen, wie sie in absehbarer Zeit brauchen werden. Sie haben so viel Schulden, wie sie noch bewältigen zu können glauben, und neue Arbeitskräfte brauchen sie nicht mehr. Der Druck in Richtung Lohnerhöhungen hört auf, was dazu beiträgt, den allgemeinen Optimismus im Hinblick auf die Wirtschaft zu dämpfen. Die Arbeitnehmer zögern, sich noch mehr zu verschulden, und konzentrieren sich stattdessen darauf, vorhandene Schulden zurückzuzahlen. Oder sie können im schlimmsten Fall, wenn sie ihre Arbeitsplätze verloren haben, womöglich ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen oder erklären sich gar bankrott. Weil weniger Kredite vergeben werden, wird weniger Geld geschöpft; weil frühere Kredite entweder zurückgezahlt werden oder ausfallen, verschwindet Geld aus dem System. Die Geldmenge schrumpft in einer sich selbst verstärkenden Spirale.
Aber wenn die Menschen in der Abwärtsbewegung des Zyklus ihre Sparquote erhöhen, werden sie sich irgendwann sicherer fühlen und wieder bereit sein, Geld auszugeben. Außerdem haben die Unternehmen ihre überschüssigen Kapazitäten aufgelöst und ihre Schuldenlast abgebaut. Damit ist die Bühne für die nächste Expansionsphase bereitet.
Konjunkturzyklen können sanft verlaufen oder rauh, ihr Timing ist zufällig und weitgehend unvorhersehbar.13 Außerdem sind sie umstritten: Die Ökonomen der Österreichischen und der Chicagoer Schule glauben, daß Konjunkturzyklen sich selbst regulieren, wenn sich Regierung und Zentralbanken (über die wir weiter unten sprechen werden) nicht einmischen. Keynesianer glauben, daß sie sich nur teilweise selbst regulieren und gesteuert werden müssen.
Im schlimmsten Fall bildet sich auf dem Höhepunkt eines Konjunkturzyklus eine Blase, und der Abschwung endet in einer Rezession oder gar Wirtschaftskrise. Eine Rezession ist ein Rückgang auf breiter Front beim BIP, bei der Beschäftigung und beim Handel über einen Zeitraum von einem halben bis zu einem Jahr. Eine Wirtschaftskrise ist ein hartnäckiger Schrumpfungsprozeß der wirtschaftlichen Aktivität über Jahre hinweg. Eine Blase im engen Sinn besteht aus Handel mit hohen Volumina und hohen Preisen, die in einem erheblichen Mißverhältnis zum eigentlichen Wert der gehandelten Dinge stehen, aber der Begriff wird auch allgemeiner verwendet als Bezeichnung für jede rasche Ausweitung von Geld oder Kredit, die langfristig nicht nachhaltig ist. Blasen enden immer mit einem Crash: einem raschen, massiven Wertverlust der entsprechenden Anlagen.
Zinsen können eine wichtige Rolle bei Konjunkturzyklen spielen. Wenn die Zinssätze niedrig sind, werden sowohl Unternehmen wie Privatleute dazu neigen, mehr Kredite aufzunehmen; sind die Zinsen hoch, ist es teuer, neue Schulden zu bedienen. Wenn das System mit Geld geflutet wird, geht der Preis des Geldes (der Zinssatz) natürlich tendenziell zurück, und wenn Geld knapp ist, steigt sein Preis – beide Effekte verstärken den jeweiligen Trend noch.14
Im 19. Jahrhundert gab eine Reihe von Finanzkrisen, weil die Banken weitgehend unbehindert von Aufsicht Geld schöpfen konnten, das Konjunkturzyklen antrieb und Blasen entstehen ließ. Als Reaktion darauf schlossen sich die Banker in vielen Ländern zu Interessengruppen zusammen und übten Druck auf die Regierungen aus, damit Zentralbanken erlaubt werden sollte, die nationale Geldversorgung zu steuern. In den Vereinigten Staaten wurde die Federal Reserve (die »Fed«) 1913 vom Kongreß autorisiert, als Zentralbank des Landes zu agieren.
Die wesentliche Rolle von Zentralbanken wie der Fed ist es, die Geldpolitik eines Landes zu steuern, die Stabilität des Finanzsystems zu erhalten und finanzielle Dienstleistungen für die Banken und die Regierung zur Verfügung zu stellen. Dabei verfolgen die Zentralbanken oft auch das Ziel, durch die Festsetzung der Zinssätze die Konjunkturzyklen zu glätten. Die Idee dahinter ist einfach: Niedrigere Zinsen verbilligen die Kreditaufnahme, das vergrößert die Geldmenge und dämpft Tendenzen in Richtung einer Rezession. Höhere Zinsen schrecken von Kreditaufnahme ab und verhindern die Bildung gefährlicher Blasen.
In Amerika sind die Banken ab einer bestimmten Größe verpflichtet, Mitglieder des Fed-Systems zu sein; sie müssen bestimmten Regeln folgen, wenn sie das Privileg behalten wollen, durch Kreditvergabe Geld zu schöpfen. Die Fed legt de facto die Zinsen für das gesamte Bankensystem fest, indem sie den Zinssatz steuert, zu dem die Banken sich gegenseitig Übernachtkredite aus Bundesmitteln geben können, und den Zinssatz für Übernachtkredite, die Banken direkt bei der Fed aufnehmen. Außerdem kann die Fed Schuldverschreibungen der Regierung ankaufen und damit Geld aus dem Nichts (sogenanntes Fiat-Geld) zur freien Verfügung schaffen. Auf diese Weise vergrößert sie direkt die Geldmenge des Landes und beeinflußt damit die Zinsen für Anleihen.
Um die Fed gab es häufig Kontroversen. Sie handelt ohne große Ankündigungen, und ihre Statements sind so formuliert, daß sie selbst für ausgebildete Ökonomen nebulös bleiben; viele Kritiker haben mit Blick auf ihre Geheimniskrämerei und ihre Macht Reformen gefordert oder ihre Ablösung durch andere Institutionen zur Bankenregulierung. Die Kritiker betonen, daß die Fed nicht wirklich demokratisch ist (der Vorsitzende wird vom amerikanischen Präsidenten ernannt, die anderen Mitglieder des Boards werden durch private Banken ausgewählt, die Anteile an der Fed besitzen; damit ist sie eine merkwürdige halb staatliche, halb private Mischinstitution).
Andere Zentralbanken erfüllen in ihren heimischen Volkswirtschaften ähnliche Aufgaben, aber mit einigen Unterschieden: Die Bank of England beispielsweise wurde 1946 verstaatlicht und befindet sich heute ganz im Besitz des Staates, die Zentralbank von Rußland wurde 1990 gegründet und ist per Gesetz verpflichtet, die Hälfte ihrer Gewinne in den Staatshaushalt zu leiten (die Fed führt ihren gesamten Gewinn abzüglich ihrer Unkosten ab). Trotzdem sehen viele die Fed und andere Zentralbanken (die Europäische Zentralbank, die Bank of Canada, die Chinesische Volksbank, die Reserve Bank of India) als Clubs von Bankern, die nationale Volkswirtschaften hauptsächlich zu ihrem eigenen Vorteil lenken. Besonders oft wird Mißtrauen der Fed gegenüber geäußert, weil sie unter den Zentralbanken die wohl am meisten geheimniskrämerische und mächtigste ist. Man denke nur daran, daß die Fed theoretisch in der Lage ist, vor einer Wahl eine euphorische Finanzblase entstehen zu lassen oder einen Crash an der Wall Street, was natürlich erhebliche Auswirkungen auf den Wahlausgang hat. Es ist nachvollziehbar, warum Präsident James Garfield schrieb: »Wer immer die Geldmenge in einem Land kontrolliert, ist absoluter Herrscher über Produktion und Handel«, oder Thomas Jefferson sagen konnte: »Bankhäuser sind gefährlicher als stehende Heere«.
Neben der Fed spielt auch die US-Regierung selbst eine große Rolle bei der Lenkung der Wirtschaft. Die Bundesregierung erhebt Steuern, die unterschiedliche wirtschaftliche Tätigkeiten fördern oder bremsen (Steuern auf Zigaretten motivieren Raucher, mit dem Rauchen aufzuhören; Steuererleichterungen für Ölfirmen schrecken Produzenten alternativer Energien ab). Steuersenkungen für alle können die gesamte Wirtschaft ankurbeln, höhere Steuersätze hingegen werden die Kreditaufnahme und den Konsum bremsen. Außerdem regulieren die Regierungen das Finanzsystem, indem sie eigene Regeln für Banken, Versicherungen und Investmentfirmen aufstellen.
Unterdessen leihen auch die Regierungen Geld, wie Keynes empfahl, und geben es für Infrastrukturprojekte und die Schaffung von Arbeitsplätzen aus; in Abschwungphasen werden sie damit zu Kreditnehmern und Geldgebern der letzten Instanz. Ein gewichtiges Beispiel: Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Militärausgaben in den Vereinigten Staaten einen erheblichen Teil der Volkswirtschaft getragen – die Waffenindustrie und verschiedene private Militärfirmen – und damit Hunderttausende von Arbeitsplätzen von Soldaten und zivilen Beschäftigten finanziert. Kritiker bezeichnen dieses System als militärisch-industriellen »Wohlfahrtsstaat für Unternehmen«.15
Das Auf und Ab eines Konjunkturzyklus spiegelt sich in höheren oder niedrigeren Inflationsraten. Inflation wird oft definiert als höhere Löhne und Preise, aber (wie die Ökonomen der Österreichischen Schule überzeugend dargelegt haben) Lohn- und Preisinflation ist nur das Symptom eines im Verhältnis zum Angebot an Gütern und Dienstleistungen übermäßigen Wachstums der Geldmenge, und dies wiederum ist üblicherweise das Ergebnis von zu viel Kreditaufnahme und zu hohen Ausgaben. Inflation bewirkt, daß jede Währungseinheit an Wert verliert. Ein Abschwung im Konjunkturzyklus kann schlimmstenfalls das Gegenteil von Inflation bewirken: Deflation. Deflation kommt in sinkenden Löhnen und Preisen zum Ausdruck, weil die Geldmenge im Verhältnis zu den gehandelten Waren und Dienstleistungen abnimmt (was bewirkt, daß jede Währungseinheit an Kaufkraft gewinnt), und das hat wiederum damit zu tun, daß weniger Kredit aufgenommen und weniger Geld ausgegeben wird und verbreitet Insolvenzen vorkommen.
Konjunkturzyklen und regulierte Geld- und Bankensysteme bilden den Rahmen, in dem Unternehmen, Investoren, Arbeitnehmer und Konsumenten agieren. Aber in den letzten Jahrzehnten ist innerhalb dieses Rahmens etwas Bemerkenswertes passiert. In den Vereinigten Staaten hat die Finanzindustrie bislang ungekannte Dimensionen angenommen und die gesamte Gesellschaft in eine Krise von ebenfalls ungekannten Dimensionen gestürzt. Wie und warum konnte das geschehen? Wie wir sehen werden, haben diese aktuellen Entwicklungen tiefreichende Wurzeln.
Verrücktes Geld
Investieren ist fast so alt wie das Geld selbst, und von den frühesten Zeiten an gab es immer zwei Motive für Investitionen: teilzuhaben an den Gewinnen eines produktiven Unternehmens und vom erwarteten Wertzuwachs von Anlagen zu profitieren. Die erste Art von Investitionen gilt allgemein als nützlich für die Gesellschaft, die zweite Art wird zumindest von manchen als eine Form von Glücksspiel gesehen, das letztlich zur sinnlosen Vernichtung von Reichtum führt. Es ist wichtig, daran zu denken, daß der Unterschied zwischen den beiden Arten nicht immer ganz eindeutig ist, weil zu Investitionen neben Gewinnerwartungen auch Risiken gehören.16
Hier einige Beispiele für die beiden Arten von Motiven. Wenn Sie Aktien von General Motors kaufen, erwerben Sie einen Anteil an der Firma; wenn die Firma gut wirtschaftet, bekommen Sie eine Dividende – in »normalen« Zeiten eine bescheidene, aber zuverlässige Verzinsung Ihrer Investition. Wenn Ihnen vor allem an Dividenden gelegen ist, werden Sie Ihre GM-Aktien wahrscheinlich über eine lange Zeit halten, und wenn die meisten anderen Besitzer von GM-Aktien die gleichen Motive haben, wird der Wert der Aktie ziemlich stabil bleiben – sofern keine groben Managementfehler passieren und kein allgemeiner Abschwung eintritt. Aber nehmen wir stattdessen einmal an, Sie hätten Aktien eines kleinen Startup-Unternehmens gekauft, das an einer neuen Technik zur Ölförderung arbeitet. Wenn die Technik funktioniert, könnte der Wert der Aktien in die Höhe schießen, lange bevor das Unternehmen Gewinne schreibt. Dann können Sie Ihre Aktien verscherbeln und einen dicken Reibach machen. Wenn Sie so eine Art Investor sind, werden Sie Ihre Aktien wahrscheinlich nur relativ kurz halten, und Sie werden sich solche Aktien aussuchen, die stark im Wert schwanken. Außerdem werden Sie dauernd auf der Suche nach Informationen sein – auch Gerüchten –, die bevorstehende Kursveränderungen bei bestimmten Aktien signalisieren.
Wenn sich viele Menschen auf spekulative Investitionen verlegen, wird das wahrscheinlich zu einer Abfolge von Hysterieanfällen oder von Blasen führen. Ein klassisches Beispiel ist der »Tulpenwahn« in Holland im 17. Jahrhundert, als sich aus dem Handel mit Tulpenzwiebeln eine Spekulationsblase entwickelte. Auf dem Höhepunkt der Hysterie Anfang Februar 1637 kosteten einzelne Tulpenzwiebeln mehr als das Zehnfache des Jahreseinkommens eines qualifizierten Handwerkers.17 Nur Tage später brachen die Preise für Tulpenzwiebeln ein, und die Spekulation damit endete praktisch. Näher an unserer Gegenwart, in den 1920er Jahren, wurde die Spekulation mit Aktien von Radiofirmen zur Blase du jour, und die Hysterie rund um Dotcom- und Internetfirmen liegt gerade erst gut ein Jahrzehnt zurück (1995–2000).
In Anbetracht der offensichtlichen Tatsache, daß Blasen meistens platzen, was zur Vernichtung von Reichtum in manchmal gewaltigem, katastrophalem Umfang führt, könnte man erwarten, daß Regierungen versuchen, die riskanteren Formen von Spekulation durch Regulierung zu beschränken. Bisher war das in Zeiten, die unmittelbar auf spektakuläre Crashs folgten, auch tatsächlich der Fall. Nach dem Börsenkrach 1929 wurde beispielsweise normalen Geschäftsbanken (die Einlagekonten führen und Kredite vergeben) verboten, als Investmentbanken (die mit Aktien, Anleihen und anderen Finanzprodukten handeln) zu agieren. Aber wenn die Erinnerung an den letzten Crash verblaßt, lösen sich solche Vorschriften in der Regel auf.
Außerdem halten Investoren immer Ausschau nach kreativen Wegen, Gewinne zu machen – manchmal, indem sie neue Methoden ersinnen, für die es noch keine Regulierung gibt. Einige solche Methoden hatten Anteil an der Entstehung der Krise 2007/2008. Bei der Erläuterung dieser Methoden werden wir auch einige Schlüsselbegriffe erklären.
Fangen wir mit Hebeln an – ein allgemeiner Begriff für jede Art, Gewinne oder Verluste aus einer Investition zu vervielfachen. Ein Blick in die Geschichte hilft, das Konzept zu verstehen. In den 1920er Jahren stellten Investoren fest, daß sie sich dank der niedrigen Zinsen der Fed Geld für Aktienkäufe leihen und dann auf dem boomenden Aktienmarkt genug verdienen konnten, um ihre Schulden (mit Zinsen) zurückzuzahlen, und am Schluß hatten sie immer noch Geld übrig. Der Aktienkauf auf Kredit oder auf Einschuß ist eine klassische Form des Hebelns. Leider trugen Sorgen über steigende Zinsen und fallende Immobilienpreise mit zu dem Börsenkrach vom Oktober 1929 bei, und die Investoren, die auf Kredit gekauft hatten, standen auf einmal mit gewaltigen Schulden da, die sie nicht zurückzahlen konnten. Die Lehre daraus: Hebeln kann den Gewinn vervielfachen, aber genauso vervielfacht es Verluste.18
Eine Hebelwirkung wird auf zweierlei Weise erreicht: durch Kreditaufnahme und durch den Handel mit Wertpapieren. Ein Beispiel für die erste Möglichkeit: Ein börsennotiertes Unternehmen (das heißt ein Unternehmen, das Aktien ausgibt) kann sein Firmenkapital hebeln, indem es sich Geld leiht. Je mehr es sich leiht, desto weniger Dividendenpapiere muß es verkaufen, um an Kapital zu kommen. Alle Gewinne oder Verluste werden dann durch weniger Einheiten geteilt und sind infolgedessen größer. Die Aktien des Unternehmens wirken optisch besser, und womöglich steigen sie im Kurs. Aber wenn sich ein Unternehmen zu viel Geld leiht, kann ein Wirtschaftsabschwung es in den Bankrott treiben, während ein anderes Unternehmen mit weniger geliehenem Geld womöglich besser dasteht.
In der Finanzwelt erzielt man eine Hebelwirkung überwiegend mit Wertpapieren. Ein Wertpapier ist ursprünglich eine Urkunde, die ein Recht verbrieft, das einem Schuldner gegenüber geltend gemacht werden kann, im weiteren Sinn ein handelbares Finanzinstrument, das einen Wert darstellt. Bei Wertpapieren unterscheidet man Schuldverschreibungen (wie Anleihen und Obligationen), Dividendenpapiere (wie Aktien) und Derivate.
Schuldverschreibungen und Dividendenpapiere sind relativ leicht zu erklären und zu verstehen; Derivate sind eine andere Geschichte. Ein Derivat ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien, dessen Wert von der Preisbewegung bei etwas Bestimmtem abhängt (dem sogenannten Basiswert). Der Basiswert kann eine Aktie sein, eine Währung oder ein Zinssatz, um drei häufige Beispiele anzuführen. Weil Derivate an praktisch jede Art von Vermögensgegenstand geknüpft werden können, ist die Auswahl nahezu unbegrenzt. Derivate können dazu verwendet werden, bewußt Risiken einzugehen (und die potentiellen Gewinne entsprechend zu steigern) oder sich gegen Risiken abzusichern (und die potentiellen Verluste zu begrenzen). Die am meisten verbreitete Form von Derivaten sind Optionen (Finanzinstrumente, die den Besitzern das Recht geben, aber sie nicht verpflichten, ein Geschäft mit einem bestimmten Vermögensgegenstand abzuschließen), Futures oder Terminkontrakte (ein Vertrag, einen bestimmten Vermögenswert an einem bestimmten Datum in der Zukunft zu kaufen oder zu verkaufen zu einem heute vereinbarten Preis) und Swaps (dabei verpflichten sich Gegenparteien, bestimmte Gewinne der Finanzinstrumente der einen Partei gegen die Gewinne der Finanzinstrumente der anderen Partei zu tauschen).
Grafik 9. Volumen der ausstehenden OTC-Derivate (außerbörsliche Transaktionen) seit 1998 in den G10-Staaten und der Schweiz. Der »rechnerische Wert« bezieht sich auf den Gesamtwert der gehebelten Positionen. Der Begriff wird üblicherweise bei Geschäften mit Optionen, Futures und Währungen verwendet, wenn für eine große Position (mit entsprechend großen Folgen für den Händler) nur ein kleiner Betrag eingesetzt wird. Der Begriff »Marktwert« bezeichnet, wieviel die Derivate wert wären, wenn der Vertrag zu einem bestimmten Zeitpunkt erfüllt werden müßte.
Quelle: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.
Derivate haben eine ziemlich lange Geschichte: Terminkontrakte auf Reis wurden an der Dojima-Reisbörse im japanischen Osaka seit 1710 gehandelt. Doch in jüngerer Zeit gab es eine ziemliche Kontroverse darum, weil der nominelle Wert aller ausstehenden Derivatekontrakte eine ungeheure Dimension erreicht hat – manchen Schätzungen zufolge geht es um Hunderte von Billionen Dollar weltweit. Vor dem Crash von 2008 bezeichnete der Investor Warren Buffett Derivate in einem berühmten Bonmot als »finanzielle Massenvernichtungswaffen« und sagte, sie stellten eine enorme Spekulationsblase dar. Tatsächlich verlor bei dem Crash von 2008 eine Filiale des Versicherungsgiganten AIG über 18 Milliarden Dollar mit einer bestimmten Form von Swaps, den Kreditausfall-Swaps (credit default swaps oder CDS, im Kern eine Versicherungsvereinbarung, bei der der Käufer in regelmäßigen Abständen eine Prämie zahlt und im Gegenzug eine davon abhängige Summe erhält, wenn eine dritte Partei zahlungsunfähig wird). Die französische Bank Société Générale verlor im Januar desselben Jahres 2008 7,2 Milliarden Dollar mit Terminkontrakten.
Der alltägliche Finanzjargon verhüllt oft die wirklich bemerkenswerten Vorgänge. Nehmen wir nur die gebräuchlichen Begriffe long und short. Wenn ein Händler »long« ist bei Öl-Terminkontrakten, bedeutet das, daß er Verträge hat, an einem bestimmten Tag in der Zukunft eine bestimmte Menge Öl zu kaufen oder zu verkaufen zu einem Preis, der heute vereinbart wurde in der Erwartung, daß der Preis in Zukunft steigen wird. Man könnte deshalb mutmaßen, daß bei einer »Short«-Position bei Öl oder Kontrakten auf etwas anderes fallende Preise erwartet werden. Und so ist es auch. Doch wie investiert man gewinnbringend bei Vermögensgegenständen, wenn man erwartet, daß deren Wert sinken wird? Die Antwort ist short selling, Leerverkauf. Dabei leiht sich der Händler den Vermögensgegenstand (in der Regel Wertpapiere, die gegen Gebühr bei einem Broker ausgeliehen werden) und verkauft ihn sofort weiter, weil er annimmt, daß sein Preis fallen wird. Dann kauft er ihn zu dem niedrigeren Preis zurück, übergibt ihn dem Broker und steckt die Preisdifferenz in die eigene Tasche. Sollte der Preis in der Zwischenzeit gestiegen sein, verliert der Leerverkäufer natürlich Geld. Wenn Ihnen das schon merkwürdig vorkommt, dann hören Sie sich erst einmal an, was nackte Leerverkäufe sind. Dabei verkauft der Investor ein Finanzinstrument, ohne es vorher zu kaufen, zu leihen oder nur sicherzustellen, daß er es überhaupt leihen kann. Nackte Leerverkäufe sind in den Vereinigten Staaten verboten, aber viele kundige Kommentatoren beteuern, daß sie trotzdem häufig vorkommen.
In den Boom-Jahren vor dem Crash von 2007/2008 ließen sich oft die reichsten Leute auf die riskantesten Finanzgeschäfte ein. Und die Reichen sammelten sich offenbar wie die Finken am Futterhäuschen bei den Hedgefonds: Investmentfonds, die einer beschränkten Auswahl von Investoren offenstehen und bereit sind, auch andere Geschäfte zu machen als die traditionellen Fonds, die nur Long-Positionen bei Aktien und Anleihen eingehen. Hedgefonds operieren auch mit Leerverkäufen und investieren in Derivate. Um die Wirkung der allgemeinen Marktbewegung zu neutralisieren, balancieren die Hegdefonds-Manager ihre Portfolios aus, indem sie Anlagen kaufen, deren Preise vermutlich stärker steigen werden als der Markt insgesamt, und verkaufen Anlagen leer, bei denen sie erwarten, daß sie schlechter laufen werden als der Markt. Auf diese Weise werden theoretisch Preisbewegungen bestimmter Wertpapiere, die die allgemeine Aktivität auf dem Markt widerspiegeln, aufgehoben oder »abgesichert« (hedged). Hedgefonds versprechen (und liefern oft auch) hohe Renditen durch extreme Hebel. Aber weil so gewaltige Summen im Spiel sind, monieren Kritiker, daß sie ein systemisches Risiko für die gesamte Volkswirtschaft darstellen. Das hat der Beinahezusammenbruch von zwei Hedgefonds von Bear Stearns im Juni 2007 demonstriert, die massiv in hypothekenbesicherte Wertpapiere investiert hatten.19
Ich schulde dir
Wie wir gesehen haben, hängen Blasen in der Regel mit spekulativen Investitionen zusammen. Aber im weiteren Sinn hat unsere gesamte Volkswirtschaft inzwischen die Merkmale einer Spekulationsblase oder eines Ponzi-Systems angenommen, und zwar, weil sie auf schwindelerregenden und kontinuierlich wachsenden Schuldenbergen ruht: Schulden des Staates und der Privaten; Billionen, zig Billionen und Hunderte Billionen Dollar von Schulden; Schulden, die zusammengenommen seit 1980 um 500 Prozent gestiegen sind; Schulden, die – mit Ausnahme eines einzigen Jahres – in den letzten 50 Jahren stets schneller gewachsen sind als die Wirtschaftsleistung (gemessen am BIP); Schulden, die nie wieder zurückgezahlt werden können; Schulden, die für Forderungen an Arbeit und Ressourcen stehen, die einfach nicht existieren.
Wenn wir untersuchen, wie und warum das geschehen ist, stoßen wir auf ein Netz miteinander verwobener Trends.
Bei genauer Betrachtung tritt die Globalisierung der Wirtschaft als ein besonders wichtiger Faktor hervor. In den 1970er und 1980er Jahren, als zu Hause die Standards bei Umweltanforderungen und Arbeitsbedingungen erhöht wurden, begannen die Unternehmen, auf die weniger industrialisierten Länder zu schielen, wo es keine solchen Vorschriften, aber billige Arbeitskräfte und relativ unberührte natürliche Ressourcen gab; sie erschienen als potentielle Goldminen. Internationale Investmentbanken liehen armen Ländern enorme Summen für unvernünftige Infrastrukturprojekte (und nebenbei auch für Schmiergeldzahlungen an korrupte Politiker), die die Länder später zwangen, ihre natürlichen Ressourcen zu Spottpreisen zu verschleudern, weil sie anders ihre Kredite nicht bedienen konnten. Auf Druck der Unternehmen drängten die Industrieländer dann auf eine Liberalisierung des Handels durch die Welthandelsorganisation WTO (die neuen Regeln wurden fast immer raffiniert von den reicheren Handelspartnern angestoßen). All das führte vorhersehbar zu einer geringeren Produktion und Ressourcenausbeutung in großen Industrieländern, vor allem in den Vereinigten Staaten (viele wichtige Ressourcen waren in den reichen Industrieländern sowieso erschöpft) und einem steilen Anstieg der Ressourcenausbeutung und Produktion in mehreren »Entwicklungs«-Ländern, vor allem in China. Der Rückgang der heimischen Produktion und Ressourcenausbeutung veranlaßte wiederum Investoren aus Industrieländern, Gewinne durch reine Finanzgeschäfte zu suchen. Infolge dieser Trends sind heute genauso viele Amerikaner in der Produktion beschäftigt wie 1940, als die Bevölkerungszahl nur rund halb so groß war, hingegen hat sich der Anteil der Finanzdienstleistungen an der Wirtschaftsaktivität im selben Zeitraum verdreifacht. Spekulative Investitionen sind gängige Praxis geworden, werden an Spitzenuniversitäten gelehrt und haben ihren festen Platz in den größten Firmen der Welt.
Aber wenn wir zurücktreten und einen weiteren Blickwinkel einnehmen, erkennen wir größere und längerfristige Trends, die eine noch wichtigere Rolle spielen. Ein Schlüsselfaktor war die Ablösung des Geldes von seiner Bindung an Edelmetalle, ein Prozeß, der vor über einem Jahrhundert begonnen hat. Als Schulden die Grundlage des Geldes wurden (und Geld hauptsächlich durch die Kreditvergabe von Banken geschaffen wurde), wurde das Wachstum der Schulden zur Bedingung für das Wachstum der Geldmenge und damit der wirtschaftlichen Expansion. Weil praktisch alle – Arbeitnehmer, Investoren, Politiker – nach mehr Wachstum schrien, mußten zwangsläufig neue Wege gefunden werden, um die Generierung von Schulden zu stimulieren. Das erklärt, warum in den letzten Jahren so verwirrend viele Instrumente auftauchten, um zu leihen, zu wetten und zu versichern – von Kreditkarten bis zu Kreditausfall-Swaps –, allesamt im Kern Werkzeuge, um das Geld »flüchtiger« zu machen und mehr Schulden zu erzeugen.
Ein Marxist würde sagen, all dies ergebe sich zwingend aus dem Wesen des Kapitalismus. Ein Historiker könnte behaupten, es spiegele den unvermeidlichen Gang aller großen Reiche wider (obwohl vergangene Reiche keine fossilen Brennstoffe besaßen und ihnen damit die Mittel für eine globale Expansion fehlten). Und ein Kulturanthropologe könnte darauf verweisen, daß die Ursachen für unsere Schuldenspirale zur Zivilisation gehören: Als die Schenkökonomien an Bedeutung verloren und der Tauschhandel an Bedeutung gewann, wurden aus den unendlich vielen wechselseitigen Verpflichtungen, die die Angehörigen einer Gemeinschaft verbanden, finanzielle Schulden (und, wie die Jäger und Sammler intuitiv begriffen, Schulden innerhalb einer Gemeinschaft können nie ganz zurückgezahlt werden – das sollen sie auch gar nicht und ganz sicher nicht mit Zinsen).
Letzten Endes läßt sich das Dilemma der modernen Welt vielleicht in der einfachen Formel fassen »Was aufsteigt, kommt auch wieder herunter«. Aber weil wir die Ereignisse im Zusammenhang mit Aufstieg und Fall direkt und aus erster Hand erleben, erscheint uns das alles gar nicht einfach. Die Medien bombardieren uns; täglich werden wir mit ungefilterten und ungeordneten Daten überschüttet; das Tempo des Wandels überwältigt und verwirrt uns. Aber wenn wir auf den Wandel reagieren und uns erfolgreich anpassen sollen, müssen wir verstehen, was passiert, wohin es gehen könnte und was wir tun können, um unter den gegebenen Umständen ein optimales Ergebnis zu erreichen. Damit wir den Durchblick bekommen, müssen wir den Wald sehen (die großen, langfristigen Trends) und die Bäume (die unmittelbar bevorstehenden Veränderungen).
Und das bringt uns zu der Schlüsselfrage: Wenn die Finanzwirtschaft nicht immer weiter Schulden aufhäufen kann, was wird dann als nächstes geschehen?
1.3DIE MAGIE DES ZINSESZINSES
Nehmen wir einmal an, Sie haben 100 Dollar. Die legen Sie zu 5 Prozent Zinsen auf ein Sparkonto. Nach einem Jahr haben Sie 105 Dollar. Sie lassen die ganze Summe auf dem Konto, so daß Sie am Ende des zweiten Jahres 5 Prozent nicht auf 100 Dollar bekommen, sondern auf 105 Dollar – das sind dann 5,25 Dollar. Nun haben Sie 110,25 Dollar auf Ihrem Konto. Auf den ersten Blick mag das nicht sehr bemerkenswert erscheinen. Aber warten Sie einfach ab. Nach drei Jahren haben Sie 115,76 Dollar, danach 121,55 Dollar, 127,63 Dollar, 134,01 Dollar. Nach zehn Jahren haben Sie 162,88 Dollar, und nach 14 Jahren hat sich Ihre ursprüngliche Investition fast verdoppelt. Nach 29 Jahren besitzen Sie 400 Dollar, und wenn es Ihnen gelingt, Ihr Guthaben die nächsten 43 Jahre nicht anzurühren, haben Sie am Ende fast 800 Dollar. Nach 86 Jahren kassieren Ihre Erben 3200 Dollar, und nach einem Jahrhundert sind aus der ursprünglichen Einlage von 100 Dollar fast 6200 Dollar geworden. Würde es sich statt um ein Guthaben um Schulden handeln, würde sich der Zinseszinseffekt natürlich genauso auswirken.
Irgendwie haben sich die Ansprüche auf echten Reichtum (Güter und Dienstleistungen) vervielfacht, während die Weltvorräte an natürlichen Ressourcen in vielen Fällen durch die Ausbeutung fossiler Brennstoffe und Minerale, durch Überfischung und übermäßigen Holzeinschlag abgenommen haben. Geld, ob investiertes oder geliehenes, hat das »Recht« zu wachsen, für die Natur gilt das nicht.
Grafik 10. Lineares Wachstum. Hier sehen wir lineares Wachstum mit einer Wachstumsrate von 5. Beginnend bei 100 werden 5 addiert, dann 5 zu dieser Summe und so weiter. Nach 50 Wiederholungen dieser Operation sind wir bei 350.
Grafik 11. Exponentielles Wachstum (Zinseszinseffekt). Die Kurve zeigt exponentielles Wachstum um 5 Prozent, das heißt, wir beginnen damit, daß wir 100 mit 5 Prozent multiplizieren und das Ergebnis zu den ursprünglichen 100 addieren. Dann multiplizieren wir diese Summe wieder mit 5 Prozent und addieren das Ergebnis zur vorherigen Summe und so weiter. Nach 50 Wiederholungen der Operation sind wir bei 1147.
KAPITEL 2 DAS GERÄUSCH ENTWEICHENDER LUFT
»Wir erleben momentan wirtschaftliche Bedingungen, wie sie nur einmal im Leben vorkommen. Ich sehe das aber nicht als Rezession. Vielmehr reguliert sich die Wirtschaft auf ein niedrigeres Ausgabenniveau von Unternehmen und Privaten ein, was hauptsächlich damit zusammenhängt, daß weniger geliehenes Geld zirkuliert.«
Steven Ballmer (Chef von Microsoft)
Wäre das vorangehende Kapitel Teil eines Romans, wäre ein Leser ziemlich bald zu dem Schluß gelangt, daß die Geschichte wahrscheinlich nicht gut ausgeht. Aber es ist keine Geschichte, sondern die Beschreibung des Systems, in das unser Leben und das Leben all der Menschen, die uns wichtig sind, eingebettet ist. Deshalb fragen wir nicht nur aus schierer Neugier oder akademischem Interesse, welchen Verlauf wirtschaftliche Ereignisse in der Zukunft nehmen werden.
Es ist nicht schwer, viele Meinungsäußerungen zur Frage zu sammeln, wohin die Wirtschaft steuert oder steuern sollte. Einmal gibt es die Ökonomen der Chicagoer Schule, die Schulden und die Einmischung von Regierungen und Zentralbanken für das Problem halten und Sparen für die Lösung. Dann sind da die Keynesianer, für die das Problem darin besteht, daß die Regierung zuwenig gegen die deflationären Tendenzen in der Wirtschaft unternimmt. Außerdem hören wir, die aufgeblähte Kreditaufnahme und die übermäßigen Staatsausgaben bedeuteten, daß wir auf eine Hyperinflation zusteuerten, die den Geldwert vernichten werde, oder wir hören das Gegenteil: Der Staat könne gar nicht genug neues Geld in die Wirtschaft pumpen, um die Zurückhaltung der Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe auszugleichen, weshalb eine jahrelange deflationäre Krise unvermeidlich sei. Wie wir sehen werden, ist wahrscheinlich jeder Standpunkt in gewissem Grad richtig. Unser Anliegen in diesem Kapitel ist es nicht, genau vorherzusagen, wie sich die Weltwirtschaft in der nächsten Zukunft verhalten wird – das ist sowieso unmöglich, weil zu viele Variablen mitspielen –, sondern wir wollen einen knappen, trotzdem ziemlich umfassenden, unparteiischen Überblick über die Faktoren und Kräfte geben, die in der globalen Finanzwirtschaft nach 2008 am Werk sind, und dabei wollen wir so viele Standpunkte wie möglich einbeziehen.
Dafür beginnen wir mit einem kurzen Rückblick auf die Krise, die 2007 begonnen hat, und wenden uns dann den theoretischen und praktischen Grenzen der Verschuldung zu. Danach prüfen wir die Rettungs- und Anreizpakete, die die Auswirkungen der Krise lindern sollten. Und schließlich erkunden wir ein paar Szenarien für die kurz- und mittelfristige Zukunft.
Es wird nicht sehr weh tun. Versprochen.
Kartenhäuser
Ganze Seen von Druckertinte wurden vergossen, um die Ereignisse zu schildern, die zu der 2007/2008 ausgebrochenen Finanzkrise führten. Wir werden an dieser Stelle nur noch eine kleine Pfütze hinzufügen. Es herrscht nahezu Einigkeit, daß die Krise sich ungefähr so abspielte:
•Beim Versuch, die Folgen des »Dotcom«-Zusammenbruchs im Jahr 2000 abzumildern, senkte die Federal Reserve drastisch die Zinsen. Auf diese Weise konnten Kreditinstitute im ganzen Land Privatleute und Unternehmen unkompliziert mit Krediten versorgen, die sonst keine Kredite bekommen hätten.
•Das führte zur Immobilienblase, die durch Vergabe an Schuldner mit mangelhafter Kreditwürdigkeit noch verschlimmert wurde.
•Teils infolge der früheren Deregulierung der Finanzbranche vergrößerte sich die Immobilienblase noch weiter durch übermäßige Fremdfinanzierung auf Seiten der Finanzdienstleister. Dies wurde wiederum verschärft durch komplexe Finanzinnovationen (Derivate, forderungsbesicherte Wertpapiere und eine verwirrende Fülle verwandter Finanzinstrumente) – all dies nährte ein System der Schattenbanken, deren latente Probleme dadurch verschleiert wurden, daß die Ratingagenturen Risiken falsch bewerteten.
•Ein Nachfrageboom bei Rohstoffen (der die Benzin- und Nahrungsmittelpreise in die Höhe trieb) und vorübergehend steigende Zinsen (vor allem bei Hypotheken mit variablem Zinssatz) untergruben das Vertrauen und die Ausgabenbereitschaft der Konsumenten und beförderten das Platzen der Immobilienblase – und als die Luft erst zu entweichen begann, nahm eine Kettenreaktion von Kreditausfällen und Insolvenzen ihren Lauf.
Jeder einzelne Punkt dieser kurzen Darstellung wird ausführlich erörtert in Büchern wie Die Unfehlbaren von Andrew Ross Sorkin und All the Devils Are Here von Bethany McLean und Joe Nocera oder in dem Dokumentarfilm »Inside Job«.1 Heute ist das eine alte, traurige Geschichte, obwohl vieles davon immer noch umstritten ist (zum Beispiel, ob es an der Deregulierung oder an schlechter Regulierung lag). Und trotzdem wird in vielen Analysen übersehen, daß diese Ereignisse Ausdruck eines tieferen Trends zu einem dramatischen, untragbar hohen Anstieg bei Schulden, Kreditvergabe und Fremdfinanzierung waren. Deshalb ist es wichtig, daß wir die jüngere Vergangenheit etwas detaillierter betrachten, denn nur so erkennen wir, warum aus rein finanzieller Perspektive das Wachstum derzeit stagniert und in absehbarer Zeit nicht wiederaufleben wird.
Die Bühne wird bereitet: 1970 bis 2001
Seit den 1970er Jahren verlangsamte sich das BIP-Wachstum in den westlichen Ländern. Die Vereinigten Staaten waren einmal der größte Ölproduzent der Welt; 1971 erreichte ihre Produktion den Höhepunkt und sank danach allmählich. Sie mußten daraufhin mehr Öl importieren, um den Rückgang auszugleichen, und das riß ein Loch in die Handelsbilanz. Außerdem waren die heimischen Märkte für wichtige Konsumgüter allmählich gesättigt.
Nach 15 Jahrzehnten stetiger Lohnzuwächse stagnierten die Löhne in den Vereinigten Staaten inflationsbereinigt, insbesondere bei den gewerblichen Arbeitnehmern, die 80 Prozent der Erwerbsbevölkerung ausmachen. Ein relativ konstantes Lohnniveau bedeutete, daß die meisten Haushalte es sich nicht leisten konnten, ihre Ausgaben zu steigern (man erinnere sich: eine gesunde Wirtschaft braucht Wachstum), es sei denn, sie sparten weniger und liehen sich mehr. Und genau das taten sie.
Weil auch das Wachstum der Realwirtschaft zum Stillstand gekommen war, schrumpften die Gelegenheiten für profitable Investitionen im gewerblichen Bereich, und so sammelte sich immer mehr Investitionskapital, das nach hohen Renditen verlangte. Reiche Investoren verfielen auf die Lösung, dieses Kapital direkt auf die Finanzmärkte zu leiten.
Die wichtigste Entwicklung im Finanzsektor in den 1970er Jahren war die Zunahme der Verbriefungen: Dabei werden verschiedene Arten von Schuldvereinbarungen (etwa Hypotheken, Autokredite oder Kreditkartenschulden) zusammengefaßt und in Form von Anleihen oder hypothekenbesicherten Wertpapieren (etwa durch Hypothekenanleihen, CMOs) an Investoren verkauft. Das Kapital und die Zinsen auf die dem Wertpapier zugrunde liegenden Schulden wurden regelmäßig an die Investoren ausgezahlt, das Wertpapier selbst konnte weiterverkauft werden. Die Verbriefungen eröffneten einen Weg, wie mehr Investoren mehr Schulden finanzieren konnten. Tatsächlich erlaubten sie, daß die Vermögensansprüche weit über bisher bekannte Niveaus anstiegen. In den Vereinigten Staaten wuchs die Verschuldung schneller als das BIP; das Verhältnis von Verschuldung zu BIP kletterte von 150 Prozent (wo es über viele Jahre bis 1980 gelegen hatte) bis auf seinen gegenwärtigen Stand von 300 Prozent. Die Gesamtverschuldung der Vereinigten Staaten ist seit 1965 in jedem Jahr stärker gestiegen als das BIP.
Ebenfalls seit den 1970er Jahren argumentierten Ökonomen und politisch Verantwortliche, um die hauptsächlich durch hohe Ölpreise verursachte hartnäckige »Stagflation« zu beenden, seien Steuererleichterungen für Reiche nötig: Wenn sie mehr Geld auf ihren Bankkonten hätten, würden sie das Kapital so investieren, daß letztlich alle davon profitieren könnten.2 Zugleich beschlossen die Politiker, daß es an der Zeit war, den Finanzsektor von verschiedenen Beschränkungen der New-Deal-Ära zu befreien und ihm zu ermöglichen, noch mehr innovative Investitionsgelegenheiten zu schaffen.
Einige Kommentatoren behaupten, der Community Reinvestment Act von 1977 (seither neunmal aktualisiert) – damit sollten Geschäftsbanken und Sparkassen ermutigt werden, die Kreditvergabe nicht auf wohlhabende Viertel zu beschränken, sondern auch Menschen in einfachen und mittleren Wohngegenden Kredite zu gewähren – habe zur Entstehung der Immobilienblase von 2000 bis 2006 beigetragen. Das wurde vehement bestritten. Doch die Privatisierung des Hypothekenfinanzierers Fannie Mae 1970 und die gleichzeitige Gründung des Pendants Freddie Mac auf Veranlassung des Kongresses hatten natürlich viel später Auswirkungen, als 2007 der Immobilienmarkt zusammenbrach.3 Aber wir wollen nicht vorgreifen.
Der Prozeß der Deregulierung und der Veränderungen bei den Regulierungen ging das nächste Vierteljahrhundert weiter. Dazu gehörte auch der Commodity Futures Modernization Act, formuliert vom republikanischen Senator Phil Gramm, unterzeichnet vom demokratischen Präsidenten Bill Clinton im Jahr 2000, der den Handel mit Paketen aus zweifelhaften Hypothekendarlehen legalisierte.
Parallel zu den regulatorischen Vorgaben veränderte sich die Unternehmenskultur: Die Führungskräfte achteten mehr auf Vorteile für das Management als auf Vorteile für die Anteilseigner, genehmigten sich spektakuläre Bonuszahlungen und legten deutlich mehr Wert auf steigende Aktienkurse als auf Dividenden. Wirtschaftsprüfer, Aufsichtsräte und Analysten von der Wall Street unterstützten diese Tendenzen in der festen Überzeugung, Kurssteigerungen und sonstige Renditen würden sie rechtfertigen.4
Waren in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die Einkommen in Amerika einigermaßen gleichmäßig verteilt gewesen, stellte sich nun die Ungleichverteilung der 1920er Jahre, am Vorabend der Weltwirtschaftskrise, wieder her. Das hing teilweise mit Veränderungen bei der Steuergesetzgebung unter der Regierung Reagan zusammen, die die Steuern für die reichsten Amerikaner senkte. 1970 verdienten die Chefs der 100 größten Unternehmen 45mal soviel wie der durchschnittliche Arbeitnehmer, 2008 war es mehr als 1000mal soviel.
Grafik 12. US-BIP, 1900–2010. Die Grafik zeigt die Entwicklung des nominalen Bruttoinlandsprodukts. 1929 stürzte es als Folge des Börsenkrachs ab, die Erholung dauerte fast 40 Jahre. Ab 1975 sehen wir einen steilen Anstieg des US-BIP bis zur ersten Finanzkrise 2008, wo die Kurve eine Delle zeigt.
Quelle: Für 1900–1928 Louis Johnston und Samuel H. Williamson, »What Was the US GDP Then?« MeasuringWorth, 2010. Für 1929–2010 US Bureau of Economic Analysis.
Grafik 13. Gesamtverschuldung der USA als Prozentsatz des BIP, 1945–2010. Die Prozentsätze beruhen auf den nominalen Werten von Schulden und BIP in jedem Jahr. Die öffentlichen Schulden (Kommunen, Bundesstaaten und Bund) bleiben als Prozentsatz des BIP ziemlich konstant. Die größten Zuwächse seit 1945 gibt es bei den Privathaushalten und im Finanzsektor. Seit Ende der 1980er Jahre häufen die Finanzinstitute immer höhere Schulden auf, ihren Peak erreichen sie unmittelbar vor dem Crash von 2008.
Quelle: The Federal Reserve, US Bureau of Economic Analysis.
Während der Überschuß an Finanzkapital immer weiter wuchs, erfanden die Investmentbanken in den 1990er Jahren eine ganze Reihe neuer Wertpapiere mit hohen Renditen (und hohen Risiken). Bei der Bewertung dieser Produkte verwendeten die Ratingagenturen mathematische Modelle, die, wie wir rückblickend sagen können, deren Risiken massiv unterschätzten. Jahrzehnte zuvor wurden Agenturen, die Anleihen bewerteten, von den Anlegern bezahlt, die unparteiische Informationen über die Kreditwürdigkeit von Wertpapieremittenten und deren Produkten haben wollten. Ab den frühen 1970er Jahren bekamen die »großen drei« Ratingagenturen (Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch) ihr Geld stattdessen von den Wertpapieremittenten. Das veranlaßte sie schließlich, aktiv die Emission von hochriskanten forderungsbesicherten Schuldverschreibungen (CDOs) zu fördern.
Ebenfalls in den 1990er Jahren formulierte die Regierung Clinton »bezahlbares Wohnen« als ein ausdrückliches Ziel ihrer Politik (das bedeutete nicht, daß die Hauspreise sinken sollten; es bedeutete vielmehr, daß es den Amerikanern erleichtert werden sollte, sich zu verschulden), und in den folgenden zehn Jahren stieg der Prozentsatz der Haus- und Wohnungsbesitzer in Amerika um 7,8 Prozent. Damit begann ein anhaltender Aufwärtstrend bei den Immobilienpreisen.
Das Internet, wie wir es heute kennen, stand seit Mitte der 1990er Jahre für Geschäfte zur Verfügung. Innerhalb weniger Jahre trieben Investoren die Preise für Internet-Aktien in die Höhe und erzeugten eine Spekulationsblase. Die Dotcom-Blase platzte im Jahr 2000 (wie bei allen Blasen war es nur eine Frage des »Wann« und nicht des »Ob«), ein Jahr später führten die furchtbaren Anschläge vom 11. September 2001 zu einer viertägigen Schließung der New Yorker Börse und zum größten Tagesverlust in der Geschichte des Dow Jones Industrial Average. Diese Ereignisse zusammen lösten eine massive Rezession aus. In dem Bemühen, deflationäre Tendenzen abzuwehren, senkte die Federal Reserve die Zinsen möglichst tief, um die Kreditaufnahme zu verbilligen.
Druck auf die Zinsen kam auch von dem hohen und wachsenden Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten. Bei der Zahlungsbilanz eines Landes muß unter dem Strich immer eine Null stehen; wenn ein Land ein Leistungsbilanzdefizit ausweist, muß das mit Geld aus Auslandsinvestitionen oder durch das Abschmelzen von Reserven oder durch Kreditaufnahme bei anderen Ländern ausgeglichen werden. Mit anderen Worten: Ein Land, das mehr importiert, als es exportiert, muß sich Geld leihen, um die Importe zu bezahlen. Folglich mußten die amerikanischen Importe durch große und wachsende Mengen von ausländischem Investitionskapitel finanziert werden, das nach Amerika floß. Höhere Anleiherenditen ziehen mehr Investitionskapital an, aber zwischen Anleihekursen und Zinsen besteht eine unauflösliche inverse Beziehung, so daß Handelsbilanzdefizite die Zinsen nach unten treiben.
Ausländische Investoren hatten reichlich Kapital zu verleihen, teils wegen hoher Sparquoten (in China werden bis zu 40 Prozent des Einkommens gespart), teils wegen hoher Ölpreise (»Windfall Profits« für die erdölproduzierenden Länder). Ein riesiger »Geldsee«, der sich zwischen 2000 und 2007 verdoppelt hatte, schwappte über die amerikanischen Finanzmärkte.5 Während ausländische Regierungen risikolose kurzfristige amerikanische Staatsanleihen (Treasury Bonds) kauften und so einigermaßen vor einem Crash geschützt waren, stopften sich andere ausländische Investoren, darunter auch Pensionsfonds, die Taschen mit höherverzinsten hypothekenbesicherten Wertpapieren (mortgagebacked securities, MBS) und CDOs voll. Indirekt hatte das zur Folge, daß die amerikanischen Haushalte bei Ausländern geliehenes Geld dazu verwendeten, ihren Konsum zu finanzieren und die Immobilienpreise in die Höhe zu treiben; gleichzeitig war der Verkauf von hypothekenbesicherten Papieren an Ausländer ein Ausverkauf von heimischen Vermögenswerten.
Schattenbanken und Immobilienblase
Um diese Zeit hatte ein weitgehend unreguliertes System von »Schattenbanken«, bestehend aus Hedgefonds, Geldmarktfonds, Investmentbanken, Pensionsfonds und anderen kaum regulierten Instituten eine kritische Größe auf den Kreditmärkten erreicht und stützte das Finanzsystem insgesamt. Aber die Schatten»banken« liehen sich kurzfristig Geld auf liquiden Märkten und kauften damit langfristige, illiquide, riskante Anlagen; dabei profitierten sie von der Differenz zwischen den niedrigeren kurzfristigen Zinssätzen und den höheren langfristigen Zinssätzen. Das bedeutete, daß jede Störung auf den Kreditmärkten zu einem raschen Abbau von Fremdkapital führte, weil sie diese Institute zwang, langfristige Anlagen (wie hypothekenbesicherte Papiere) zu Schleuderpreisen zu verkaufen.
Zwischen 1997 und 2006 erhöhte sich der Preis für ein typisches amerikanisches Wohnhaus um 124 Prozent. Die Hauspreise stiegen sehr viel schneller als die Einkommen. In den 20 Jahren vor 2001 hatte der mittlere Hauspreis das 2,9fache bis 3,1fache des mittleren Haushaltsjahreseinkommens betragen. Dieses Verhältnis kletterte 2004 auf das 4fache und 2006 auf das 4,6fache mit der Folge, daß immer mehr Menschen sich die Häuser nicht mehr leisten konnten, die sie kauften. Weil die Zinsen niedrig waren, schuldeten viele Hausbesitzer ihre Immobilien um oder nahmen eine zweite, durch den Wertzuwachs abgesicherte Hypothek auf und verwendeten das Geld dann für die Anschaffung eines neues Autos oder einen Wohnungsumbau. Viele solche Hypotheken hatten zu Anfang sehr geringe – aber variable – Zinsen, und bald erlebten die Kreditnehmer eine böse Überraschung.
Die Wall Street hatte den »Geldsee« zum amerikanischen Hypothekenmarkt geleitet, dabei fielen entlang der gesamten finanziellen Lieferkette enorme Provisionen an: von den Hypothekenvermittlern, die die Kredite verkauften, über die kleinen Banken, die die Vermittler finanzierten, bis zu den riesigen Investmentbanken, die die Kredite verbrieften, bündelten und an Investoren weltweit verkauften. Dieser Kapitalfluß bescherte auch Millionen Menschen Jobs in der Bau- und Immobilienbranche.
Die Börsenhändler an der Wall Street glaubten bald, sie würden viele Millionen Dollar jährlich als Vergütung verdienen, einfach weil sie auf einen so cleveren Weg verfallen waren, den Umschlag von Schulden in den Schnellgang zu schalten und dabei einen ordentlichen Prozentsatz für sich abzuschöpfen. Schlechtes Verhalten wurde angenehm entlohnt, und so beschlossen beinahe alle an der Wall Street, sich schlecht zu verhalten.
Um das Jahr 2003 war das Angebot von Hypotheken, die nach herkömmlichen Kreditbedingungen vergeben wurden, weitgehend erschöpft. Aber die Nachfrage nach hypothekenbesicherten Schuldverschreibungen hielt an, und so wurden die Standards bei der Hypothekenvergabe gesenkt. So wurden manche Hypotheken mit variablem Zinssatz mit einem Anfangszins von null Prozent oder ohne Anzahlung angeboten oder Schuldnern offeriert, die nicht in der Lage sein würden, sie zurückzuzahlen – oder alles zusammen.
Gebündelt zu Wertpapieren, verkauft an Pensionsfonds und Investmentbanken, abgesichert mit Derivaten, wurden Hypothekenschulden zu dem Stoff, aus dem das amerikanische Finanzsystems bestand und zunehmend auch die Volkswirtschaften vieler anderer Länder. 2005 entfielen 62 Prozent der Erlöse von Geschäftsbanken auf Transaktionen im Zusammenhang mit Hypotheken, 1987 waren es erst 33 Prozent gewesen.
Als dann die Blase unvermeidlich platzte, wurde aus einer 300-Milliarden-Dollar-Krise infolge fauler Hypothekendarlehen eine Viele-Billionen-Dollar-Katastrophe, die die Finanzsysteme der Vereinigten Staaten und vieler anderer Länder erschütterte.
Zwischen Juli 2004 und Juli 2006 verfolgte die Fed einen Kurs, der die Zinsen für Bankkredite steigen ließ. Infolgedessen erhöhten sich die Zinsen für Hypotheken mit variablen Zinssätzen und Laufzeiten von einem und fünf Jahren, und das trieb die Zahlungsverpflichtungen vieler Schuldner in die Höhe. Weil die Preise von Vermögensanlagen sich generell gegenläufig zu den Zinsen bewegen, wurde es auf einmal riskant, mit Immobilien zu spekulieren. Aus der Blase begann die Luft zu entweichen.
Was aufsteigt …
Anfang 2007 schoß die Zahl der Zwangsversteigerungen von Häusern nach oben, und das Geschäft mit faulen Hypothekenkrediten in den Vereinigten Staaten kollabierte. Mehr als 25 Hypothekenfinanzierer meldeten Konkurs an, gaben hohe Verluste bekannt oder suchten Käufer.
Das Spiel war so lange gutgegangen, wie die zugrunde liegenden Sicherheiten (Häuser) Jahr für Jahr im Wert stiegen. Doch als die Hauspreise ihren Höhepunkt erreicht hatten, kam die umgedrehte Pyramide aus Immobilien, Schulden, CDOs und Derivaten ins Wanken und stürzte schließlich ein.
Eine kurze Zeitspanne zwischen 2006 und Mitte 2008 flohen Investoren weltweit in Future-Kontrakte auf Öl, Metalle und Nahrungsmittel und trieben damit die Rohstoffpreise nach oben. In vielen armen Ländern brachen Hungerrevolten aus, weil sich der Preis für Weizen und Reis verdoppelte oder verdreifachte. Zum Teil beruhte der Boom auf einem fundamentalen wirtschaftlichen Trend: Die Nachfrage nach Rohstoffen stieg – was auch mit dem wirtschaftlichen Wachstum in China, Indien und Brasilien zusammenhing –, und das Angebot konnte nicht mithalten. Doch die Spekulation trieb die Preise schneller in die Höhe, als allein die Knappheit des Angebots es gekonnt hätte. Die steigenden Ölpreise verursachten eine scharfe Rezession in den westlichen Volkswirtschaften, und die sowieso klammen Hausbesitzer mußten nun für jede Tankfüllung ihrer Geländewagen 80 bis 100 Dollar hinblättern. Automobilindustrie, Luftverkehr, Schiffahrt und Speditionen hatten zu kämpfen.
Grafik 14. US-Immobilienpreise. Hauspreis-Index bei konventionellen Hypotheken seit 1970. Die Immobilienpreise stiegen kontinuierlich von 1970 bis zu ihrem Höhepunkt 2007, besonders steil war der Anstieg ab 2000.
Quelle: Freddie Mac.
Von Mitte 2006 bis September 2008 fielen die Hauspreise in Amerika um über 20 Prozent. Vielen, die sich kurz zuvor Geld geliehen hatten, stand das Wasser nun bis zum Hals: Die Häuser waren auf einmal weniger wert, als die Kredite ausmachten. Wer eine Hypothek mit variablem Zinssatz hatte, scheiterte bei dem Versuch, den Kredit umzuschulden, um steigenden Zinsen zu entgehen, weil die Immobilien als Sicherheit nicht mehr ausreichten. Die Zahl der geplatzten Immobilienfinanzierungen schoß in die Höhe. Von 2006 bis 2007 erhöhte sich die Zahl der Zwangsversteigerungen um 79 Prozent (und betraf fast 1,3 Millionen Häuser und Wohnungen). 2008 verschärfte sich die Lage noch mit einem Anstieg um 81 Prozent gegenüber dem Vorjahr und 2,3 Millionen Zwangsversteigerungen. Im August 2008 wurden 9,2 Prozent aller Hypothekendarlehen in den USA entweder nicht mehr bedient oder befanden sich in der Zwangsvollstreckung; im September des Folgejahres war diese Zahl auf sage und schreibe 14,4 Prozent gesprungen.
Als die Immobilienpreise abstürzten und die Geschäfte mit den faulen Hypotheken platzten, geriet die gesamte Finanzwelt ins Wanken.
Grafik 15. Schulden der US-Privathaushalte. Quote der Zahlungsverpflichtungen und gesamte nominelle Schulden der US-Privathaushalte. Die Quote der Zahlungsverpflichtungen eines Haushalts ist das Verhältnis seiner Zahlungsverpflichtungen (Hypotheken, Konsumentenschulden, Fahrzeugleasingraten, Mietzahlungen für die Wohnung, Wohngebäudeversicherung und Grundsteuer) zum verfügbaren Einkommen. Kurz vor der Finanzkrise gaben die Haushalte fast 19 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Bedienung ihrer Schulden aus. Das Gesamtvolumen der ausstehenden Schulden von Privathaushalten erreichte ebenfalls 2008 kurz vor der Finanzkrise mit 14 Billionen Dollar seinen Höhepunkt. Um einen Eindruck von der Größenordnung zu bekommen: Der Wert der gesamten US-Wirtschaft betrug in dem Jahr 14,3 Billionen Dollar.
Quelle: The Federal Reserve.
Grafik 16. Zwangsversteigerungen in den USA, 1970–2010. Zahl der Zwangsversteigerungen am Ende jedes Quartals. Für 1970–2001 jährliche Durchschnitte, für 2002–2010 vierteljährliche Daten. Die Zahl der Zwangsversteigerungen schoß während der Finanzkrise in die Höhe, von 1,28 Prozent Anfang 2007 auf 4,63 Prozent Anfang 2010, den höchsten Stand in den letzten 40 Jahren.
Quelle: Mortgage Bankers Association, National Delinquency Survey, Foreclosure Inventory at End of Quarter.
Am 15. September 2008 drohte das gesamte Finanzsystem innerhalb der nächsten 48 Stunden zu kollabieren. Die gigantische Investmentbank Lehman Brothers ging bankrott, was eine Schockwelle über die weltweiten Finanzmärkte jagte.6 Rund um den Globus kam die Kreditvergabe zum Erliegen, die US-Regierung verabschiedete ein außerordentliches Bündel von Rettungspaketen für Wall-Street-Banken und Versicherungsunternehmen. Zusammengenommen summierten sich Kredite und Garantien auf atemberaubende 12 Billionen Dollar. Das BIP schrumpfte, und innerhalb weniger Monate gingen 8 Millionen Arbeitsplätze verloren.7
Ein Großteil der übrigen Welt war durch verschachtelte Investitionen, die auf Hypotheken basierten, ebenfalls betroffen. Die Länder der Eurozone und Großbritannien erlebten wirtschaftliche Einbrüche oder eine dramatische Verlangsamung des Wachstums, in einigen Entwicklungsländern gingen die bisher hohen Wachstumsraten signifikant zurück (zum Beispiel fiel das Wirtschaftswachstum in Kambodscha von 10 Prozent im Jahr 2007 auf fast null 2009). Bis März 2009 hatte die arabische Welt infolge der Krise geschätzte 3 Billionen Dollar verloren – teilweise durch den Absturz der Ölpreise.
Und dann stand 2010 Griechenland vor einer Staatsschuldenkrise, die den wirtschaftlichen Zusammenhalt der Europäischen Union bedrohte. Aufeinanderfolgende griechische Regierungen hatten durch die Finanzierung von Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst, für Rentenzahlungen und andere Sozialleistungen hohe Defizite aufgehäuft. Anfang 2010 kam heraus, daß die griechische Regierung Goldman Sachs und anderen Banken seit 2001 Millionen Dollar an Provisionen bezahlt hatte, damit sie Transaktionen durchführten, die die tatsächliche Höhe der Kreditaufnahme verschleierten. Zwischen Januar 2009 und Mai 2010 erhöhte der Staat seine offiziellen Defizitschätzungen auf mehr als das Doppelte, von 6 Prozent auf 13,6 Prozent des BIP – eine der höchsten Defizitquoten weltweit. Die direkten Auswirkungen eines griechischen Staatsbankrotts für die anderen europäischen Volkswirtschaften wären gering gewesen, weil auf Griechenland nur 2,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Europas entfallen. Aber womöglich hätten die Investoren das Vertrauen in andere europäische Länder mit hohen Schulden und Haushaltsdefiziten verloren: Irland mit einem Staatsdefizit von 14,3 Prozent des BIP, Großbritannien mit 12,6 Prozent, Spanien mit 11,2 Prozent und Portugal mit 9,4 Prozent waren besonders gefährdet. Und so wurde Griechenland mit Krediten der EU und des IWF gerettet, verbunden mit Auflagen, die Kürzungen bei Sozialleistungen verlangten.
Grafik 17a. Staatsverschuldung in Prozent des BIP in verschiedenen Ländern. Hohe öffentliche Schulden belasten viele Länder weltweit, nicht nur die Vereinigten Staaten. Zum Beispiel belaufen sich die japanischen Staatsschulden auf fast 200 Prozent des BIP.
Quellen: McKinsey Globale Institute, »Debt and Deleveraging: The Global Credit Bubble and its Economic Consequences«, Januar 2010; The Federal Reserve.
Grafik 17b. Gesamtverschuldung nach Sektoren in Prozent des BIP in verschiedenen Ländern. Auch hier stehen die Vereinigten Staaten mit ihren hohen Schulden nicht allein da. Die Gesamtverschuldung von Japan und Großbritannien liegt jeweils bei rund 450 Prozent ihres BIP.
Quellen: McKinsey Globale Institute, »Debt and Deleveraging: The Global Credit Bubble and its Economic Consequences«, Januar 2010; The Federal Reserve.
Ende November 2010 war klar, daß auch Irland Hilfe brauchte – und es bekam Hilfe, dazu sein eigenes schmerzhaftes Sparpaket und eine Menge politische Unruhe. Aber das warf die unvermeidliche Frage auf: Wer würde der nächste sein? Konnten IWF und EU es sich leisten, notfalls auch Spanien zu retten? Was würde passieren, wenn eine große Volkswirtschaft wie Großbritannien gerettet werden müßte?
Unterdessen hatte sich in China – dessen Wirtschaft weiterhin rasant um 10 Prozent jährlich wuchs und das in den letzten 30 Jahren hohe Außenhandelsüberschüsse verzeichnet hatte – ebenfalls eine enorme Immobilienblase gebildet. Von 2005 bis 2009 verdreifachten sich die durchschnittlichen Immobilienpreise im Land; das Verhältnis von Preisen zu Einkommen und das Verhältnis von Kaufpreisen zu Mieten, aber auch die Zahl leerstehender Wohn- und Geschäftsimmobilien erreichten schwindelnde Höhen.
2.1FEHLER UND VERSÄUMNISSE ALLENTHALBEN
Die von beiden Parteien besetzte Financial Crisis Inquiry Commission (vom Kongreß eingesetzt im Rahmen des Fraud Enforcement and Recovery Act von 2009) legte im Januar 2011 ihren Bericht vor. Zu den vielen Faktoren, die für die Krise verantwortlich waren, zählt sie:
•Die Weigerung des Fed-Vorsitzenden (1987–2006) Alan Greenspan, seine Aufsichtspflichten wahrzunehmen, weil er nicht an sie glaubte. Greenspan ließ die Entstehung der Kreditblase zu, was die Immobilienpreise in gefährliche Höhen trieb, und befürwortete die Deregulierung der Finanzinstitute. Die Kommission bezeichnete dies als »entscheidendes Versagen beim Erfordernis, die Flut der toxischen Hypotheken aufzuhalten«, und »bestes Beispiel« für Versäumnisse der Regierung.
•Greenspans Nachfolger an der Spitze der Fed (2006–heute), Ben Bernanke, sah die Krise nicht voraus.
•Die »inkonsequente Reaktion« der Regierung Bush, die eine Großbank rettete – Bear Stearns –, aber zuließ, daß eine andere – Lehman Brothers – zusammenbrach; dies »vergrößerte die Unsicherheit und Panik an den Finanzmärkten«.
•Das Versagen von Präsident Bushs Finanzminister Henry Paulson jr., der die volle Tragweite des Problems der ausfallgefährdeten Hypotheken nicht erkannte.
•Den entscheidenden Fehler der Regierung Clinton (und ihres Finanzministers Larry Summers), die im Commodity Futures Modernization Act nichtbörsengehandelte Derivate von der Regulierung ausnahm; dies sei »ein wichtiger Wendepunkt auf dem Weg in die Finanzkrise« gewesen.
•Das Versagen des Fed-Chefs von New York, Timothy F. Geithner, inzwischen Finanzminister, »im Vorfeld der Krise gegen Auswüchse bei der Citigroup vorzugehen«.
•Das Festhalten der Fed an niedrigen Zinsen noch lange nach der Rezession von 2001, was »erhöhte Risiken erzeugte«.
•Ausgaben des Finanzsektors in Höhe von 2,7 Milliarden Dollar für Lobbyarbeit von 1999 bis 2008, wobei der Branche nahestehende Kongreßmitglieder über 1 Milliarde an Wahlkampfgeldern bekamen.
•Die »Gütesiegel« der Ratingagenturen für Wertpapiere, die sich als sehr viel riskanter erwiesen, als in den Werbeprospekten behauptet wurde (weil sie durch Hypotheken an Schuldner besichert waren, die ihre Kredite nicht bedienen konnten).
•Daß die Börsenaufsicht den fünf größten Banken erlaubte, ihre Fremdfinanzierungsquote zu erhöhen, eine unzureichende Eigenkapitalquote vorzuhalten und sich auf riskante Geschäfte einzulassen.
•Daß die fünf größten Banken des Landes exzessiv mit Fremdkapital spekulierten: Für Verluste bei Anlagen im Wert von 40 Dollar hatten sie nur 1 Dollar Eigenkapital zur Deckung.
•Daß die Bankenaufsicht (zusammen mit der Sparkassenaufsicht) die staatlichen Regulierer daran hinderte, bei Verfehlungen in der Kreditvergabe einzugreifen.
•»Fragwürdige Praktiken von Hypothekenfinanzierern und leichtsinnige Wetten von Banken.«
•Die »stümperhafte Inkompetenz mancher Unternehmensführer« hinsichtlich Risiken und Geschäftsgebaren ihrer eigenen Firmen. Mit Blick auf die Chefs der großen Finanzinstitute (darunter Citigroup, AIG und Merrill Lynch) schrieb die Kommission, ihre Untersuchung habe »verblüffende Beispiele von Leitungsversagen und unverantwortlichem Handeln« zutage gefördert.
Nicht einigen konnten sich die Kommissionsmitglieder bei der Einschätzung, welche Rolle Freddie Mac und Fannie Mae in der Krise gespielt hatte.
Die Kommission kündigte die Einleitung strafrechtlicher Schritte an.8
Kurzum, die Weltwirtschaft, die 2007 noch robust und stabil gewirkt hatte, erwies sich auf einmal als sehr fragil und von mehreren hartnäckigen Krankheiten befallen – jede konnte von einem Tag auf den anderen virulent werden, sich rasch ausbreiten und die Welt mitten in eine Krise zurückwerfen.
Die Mutter aller Hysterien
Die US-Immobilienblase zu Beginn des neuen Jahrtausends war (nach dem involvierten Kapital) die größte Spekulationsblase in der Geschichte.9 Und ihr Platzen erinnerte unheimlich an die 1930er Jahre: Einige Ökonomen sagten, nicht allein der Börsenkrach habe die Weltwirtschaftskrise verursacht, sondern auch zahlreiche Insolvenzen von Farmen, weil die Farmer ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten – hinzu kamen Immobilienblasen in Florida, New York und Chicago.10
Immobilienblasen sind eigentlich Kreditblasen, weil die Wohneigentümer ihre Immobilien in der Regel mit geliehenem Geld kaufen. (Das unterscheidet Immobilienblasen von Währungsblasen; dabei blähen Länder ihre Währung auf, um Staatsschulden loszuwerden.) Die Summe der ausstehenden Schulden schießt in die Höhe, weil Käufer auf den Markt strömen, die Immobilienpreise in unrealistische Höhen treiben und Kredite aufnehmen, die sie nicht zurückzahlen können. Zu viele Wohnungen und Büroräume werden gebaut, und durch den Bau werden Material und Arbeitskraft vergeudet. Immobilienblasen bewirken auch, daß sich zu viele Bauunternehmen tummeln, die nach dem Platzen der Blase auf andere Betätigungsfelder umsteigen müssen. Solche Blasen führen zu systemischen Krisen, die die wirtschaftliche Gesundheit eines ganzen Landes beeinträchtigen.11
Tatsächlich wurde die Immobilienblase zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum Treibstoff der US-Wirtschaft – Quelle für neue Arbeitsplätze, Grundlage für die Erholung der Wall Street von der Dotcom-Pleite, Köder für ausländisches Kapital und Basis für Wohlstand und Konsumbereitschaft der privaten Haushalte. Als sie platzte, änderte sich alles.
Und es gibt Grund zu der Annahme, daß immer noch nicht alle Luft aus der Blase entwichen ist: Möglicherweise steht das Platzen der Blase bei Gewerbeimmobilien erst noch bevor. In den nächsten fünf Jahren werden in diesem Bereich Kredite im Wert von rund 1,4 Billionen Dollar fällig und müssen refinanziert werden. Die Preise für Gewerbeimmobilien sind seit ihrem Höchststand 2007 landesweit um 40 Prozent gefallen, damit ist fast die Hälfte der Kredite nicht mehr abgesichert. Die Leerstandsquoten sind hoch, die Mieten niedrig.
Die Krise bei den Gewerbeimmobilien hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Banken weit über den Ausfall von Hypothekendarlehen hinaus: Die systemische Abhängigkeit vieler Banken von hypothekenbesicherten Papieren, Schuldverschreibungen und Derivaten bedeutet, daß viele Banken, auch einige der größten, praktisch insolvent sind und keine weiteren Risiken eingehen können (warum das so ist, werden wir im nächsten Abschnitt detaillierter erörtern).
Die demographische Entwicklung spricht nicht für eine Erholung auf dem Immobilienmarkt in absehbarer Zeit. Die ältesten Angehörigen der Generation der Babyboomer sind Mitte sechzig und scheiden aus dem Berufsleben aus. Wenige haben nennenswerte Ersparnisse, viele hatten darauf gesetzt, ihren Ruhestand aus dem Wertzuwachs ihrer Immobilien zu finanzieren – und nun erkennen sie, daß sie diese verkaufen müssen. Damit werden noch mehr Häuser auf einen bereits übersättigten Markt kommen, und das wird die Preise noch weiter nach unten drücken.
Kurz gesagt: Immobilienbesitz war die wichtigste Wachstumsquelle in den Vereinigten Staaten im letzten Jahrzehnt. Nun, da die Blase geplatzt ist und ein gähnendes Loch in der Wirtschaft hinterlassen hat, stellt sich die Frage, wo neue Jobs und Wachstum in Zukunft herkommen sollen. Läßt sich das Problem mit einer weiteren Blase lösen?
2.2WIE MAN EINE FINANZKRISE AUSLÖST
Michael Kumhof und Romain Rancière entwerfen in ihrem Arbeitspapier für den IWF mit dem Titel »Ungleichheit, Fremdfinanzierung und Krisen« ein einfaches Modell, wie Finanzkrisen entstehen, mit folgendem Ablauf: a) Wachsende Ungleichheit bewirkt, daß die Mittelschicht weniger Geld hat und die Reichen mehr Geld haben; b) die Reichen verleihen einen großen Teil ihres Geldes an die Mittelschicht, so daß die Mittelschicht trotz stagnierender Einkommen ihren Lebensstandard weiter erhöhen kann; c) der Finanzsektor expandiert, um all dies abzuwickeln; und d) letztlich mündet alles in eine Kreditkrise. In ihrer Zusammenfassung schreiben Kumhof und Rancière:
»Dieses Papier hat stilisierte Fakten und einen theoretischen Rahmen präsentiert, die den Zusammenhang zwischen Steigerungen des Einkommensvorteils von Haushalten mit hohem Einkommen, höherer Fremdkapitalaufnahme und Verschuldung bei armen und Mittelschichthaushalten und der Anfälligkeit für Finanzkrisen untersuchen. Dieser Zusammenhang war sowohl vor der Weltwirtschaftskrise wie vor der gegenwärtigen Krise augenfällig. In unserem Modell ist er eine Folge des gestiegenen Verhandlungsgewichts der Haushalte mit hohen Einkommen. Der Schlüsselmechanismus, der sich im raschen Wachstum des Finanzsektors widerspiegelt, ist die Rückführung eines Teils des zusätzlichen Einkommens der Haushalte mit hohem Einkommen an die übrige Bevölkerung in Form von Krediten, was letzteren erlaubt, ihr Konsumniveau zu halten, zumindest vorübergehend. Aber ohne die Aussicht auf eine Erholung der Einkommen von Haushalten mit geringen und mittleren Einkommen in einem vernünftigen Zeithorizont ist das unvermeidliche Ergebnis, daß die Kreditvergabe weiter wächst, damit die Hebelwirkung zunimmt und ebenso die Wahrscheinlichkeit einer größeren Krise, die in der realen Welt üblicherweise auch schwere Folgen für die Realwirtschaft hat.«12
Die gleiche Dynamik ist auch zwischen reichen und armen Ländern am Werk.
Grenzen der Verschuldung
Treten wir einen Augenblick zurück und betrachten unsere Situation aus einem etwas anderen Blickwinkel. Schauen Sie sich Grafik 18 genau an, das die Gesamtverschuldung der USA für jedes Jahr seit 1979 zeigt. Die Schulden sind in vier Kategorien unterteilt – Privathaushalte, Unternehmen, Finanzsektor, Staat. In allen vier Kategorien sind sie in den letzten gut 30 Jahren erheblich gewachsen, wobei es den stärksten Zuwachs im Finanzsektor gab. Achten Sie auf die Form der Kurve: Es ist keine Gerade (die lineares Wachstum anzeigen würde), sondern erinnert bis 2008 mehr an die J-förmige Kurve des exponentiellen Wachstums oder Wachstums mit Zinseszinseffekt (wie wir es am Ende des 1. Kapitels erläutert haben).
Ein solches Wachstum, gleich ob es sich um die amerikanische Ölproduktion von 1900 bis 1970 handelt oder um die Population von Entamoeba histolytica im Blut eines Patienten mit Amöbenruhr, stößt irgendwann immer an Grenzen.
Wo werden die Grenzen bei den Schulden liegen, und wie hart wird der Aufprall für uns sein?
Grafik 18. Gesamtverschuldung der USA, 1945–2010. US-Schulden nach Sektoren in Nominalwerten (nicht inflationsbereinigt). Wir sehen einen starken Anstieg bei den Schulden der Privathaushalte und des Finanzsektors ab 2000, befeuert durch niedrige Zinsen und steigende Hauspreise. Ab 2008 geht die Verschuldung der Privathaushalte und des Finanzsektors zurück, während die Staatsverschuldung wächst.
Quelle: The Federal Reserve, Z.1 Flow of Funds Accounts of the United States.
Ein guter Ausgangspunkt für die Suche nach einer Antwort wäre die Frage, wie wir es bisher geschafft haben, unsere Verschuldung immer weiter zu steigern. Es zeigt sich, daß es in einer Wirtschaft, die auf Geldschöpfung durch Mindestreserve-Bankwesen beruht, in der immer mehr Kredite ausgereicht werden, um immer mehr privaten Konsum und Kapitalinvestitionen zu finanzieren, in der Regel möglich ist, frühere Schulden zusammen mit den Zinsen auf diese Schulden zu bezahlen. Es ist nie genug Geld im System, um zu einem bestimmten Zeitpunkt alle ausstehenden Schulden mit Zinsen zurückzuzahlen; aber solange die Gesamtverschuldung (und damit die Geldmenge) kontinuierlich wächst, ist das kein Problem. Das System als Ganzes hat zwar einige Merkmale einer Blase oder eines Ponzi-Systems, aber es hat auch eine gewisse innere Logik und sogar das Potential für (vorübergehende) dynamische Stabilität.
Doch es gibt praktische Grenzen für die Verschuldung in einem solchen System. Diese Grenzen stellen sich für jede der vier Kategorien in der Grafik etwas anders dar.
Staatsschulden
Bei Staatsschulden tauchen Probleme auf, wenn die erforderlichen Zinszahlungen einen substantiellen Teil der Steuereinnahmen verschlingen. Beginnen wir mit einigen grundlegenden Fakten:
•Staatsschulden sind die Gesamtsumme, mit der die öffentlichen Haushalte verschuldet sind.
•Die Rückzahlung der Staatsschulden kann aufgeschoben werden, aber umstritten ist, wie lange sie vernünftigerweise hinausgezögert werden kann.
•Auf Staatsschulden fallen natürlich Zinsen an. Jedes Jahr müssen Einnahmen des Staates dafür verwendet werden, Zinsen auf die Schulden (die in der Vergangenheit aufgenommen wurden) zu zahlen. In der Regel gibt es Unstimmigkeiten, ob die Schulden mit gutem Grund aufgenommen wurden, aber alle sind sich einig, daß es im Hinblick auf die Zukunftsplanung wichtig ist, genau zu wissen, wie hoch die Zinszahlungen sind.
•Sowohl die Staatsschulden wie die Zinszahlungen können wachsen. Wenn die Regierung mehr ausgibt, als sie in einem bestimmten Jahr einnimmt, entsteht ein Fehlbetrag. Dieser Fehlbetrag heißt Defizit. Der Staat reagiert, indem er sich mehr Geld leiht (gegen Zinszahlung). Das Defizit ist also der Fehlbetrag in einem bestimmten Jahr, und die Staatsschulden sind die Gesamtsumme dieser Fehlbeträge.
•Ein Defizit vergrößert nicht nur die Staatsschulden (die Zahlungsverpflichtungen irgendwo in der Ferne), sondern auch die Zinszahlungen (hier und heute, nicht irgendwo), die jedes Jahr geleistet werden müssen. Die Zinsen werden aus den jährlichen Steuereinnahmen des Staates bezahlt oder mit neuen Krediten.
Gegenwärtig hat der Staatshaushalt der Vereinigten Staaten ein Volumen von rund 3,5 Billionen Dollar, davon entfallen 12 Prozent (oder 414 Milliarden Dollar) auf Zinszahlungen. Aber das Steueraufkommen betrug 2009 nur 2,1 Billionen Dollar: Die Zinszahlungen verschlingen somit fast 20 Prozent oder ein Fünftel der Steuereinnahmen. Aus verschiedenen Gründen (darunter der Wirtschaftsabschwung, die Kriege im Irak und in Afghanistan, die Steuersenkungen der Regierung Bush und verschiedene Konjunkturprogramme) beträgt das staatliche Defizit aktuell über eine Billion Dollar pro Jahr. Das kommt zu der Verschuldung hinzu und erhöht natürlich auch die künftigen Zinszahlungen. Aktuell beläuft sich die Verschuldung der Vereinigten Staaten auf über 14 Billionen Dollar (seit 2006 ist sie um mehr als 50 Prozent gestiegen).13 Wenn sie die 20-Billionen-Marke erreicht hat, was voraussichtlich in wenigen Jahren der Fall ist, werden die Zinszahlungen der größte Ausgabeposten im Bundeshaushalt sein und sogar die Militärausgaben in den Schatten stellen.14 Wenn die Staatseinnahmen dann nicht höher liegen, werden 20 Prozent davon für Zinszahlungen verbraucht. Bereits heute verschlingen die Zinszahlungen fast die Hälfte der Einnahmen aus der Einkommenssteuer, die im Fiskaljahr 2010 vermutlich 901 Milliarden Dollar betragen werden.15
Spätestens wenn 100 Prozent der Staatseinnahmen in Zinszahlungen fließen und das staatliche Handeln komplett mit neuen Krediten finanziert werden muß – auf die natürlich auch wieder Zinsen zu bezahlen sind –, wird das System so etwas wie eine finanzielle Singularität erreicht haben: ein schwarzes Schuldenloch, wenn man so will. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach müssen wir gar nicht so lange warten, bis ernsthafte Probleme auftauchen. Viele Wirtschaftskommentatoren meinen, wenn der Staat 30 Prozent der Steuereinnahmen für Zinsen aufwenden muß, befinde sich das Land in einer Schuldenfalle, aus der es kein leichtes Entkommen mehr geben werde. So wie sich die staatliche Kreditaufnahme und die Zinszahlungen entwickeln, dürfte die Marke von 30 Prozent in wenigen Jahren erreicht sein. Aber schon vorher wird die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten schwer beeinträchtigt sein.
Dennoch werden manche sagen, Grenzen der Staatsverschuldung (infolge des Schneeballeffekts bei den Zinszahlungen) müßten keine harten Zwänge sein – vor allem nicht für ein großes Land wie die Vereinigten Staaten, das die Kontrolle über seine eigene Währung hat.16 Die US-Regierung darf nach der Verfassung Geld schöpfen, auch Geld, um die Zinsen für ihre Schulden zu bezahlen. Deshalb könnte sich die Regierung faktisch auf dem Umweg über die Zentralbank selbst Geld leihen, und die Zentralbank würde die Zinszahlungen dann an das Finanzministerium zurückleiten (genau dies tun Finanzministerium und Fed mit dem unten diskutierten zweiten Programm zur quantitativen Lockerung).17
Dabei kann vor allem eine Komplikation auftreten: Wenn irgendwann das Vertrauen tief und auf breiter Front erschüttert wird, daß die externen Schulden der USA (das heißt das Geld, das sie privaten Gläubigern oder anderen Ländern schulden) mit Schulden von gleichem »Wert« zurückgezahlt werden, werden potentielle Käufer solcher Schuldtitel vielleicht entscheiden, daß sie ihr Geld lieber unter die sprichwörtliche Matratze legen (daß sie lieber Fabriken oder Ölfelder dafür kaufen), auch wenn das wieder eigene Probleme schafft. Dann bleibt die Fed praktisch als einziger Käufer für Staatsschulden übrig; das könnte das Vertrauen in den US-Dollar untergraben und eine sich rasch drehende Ablehnungsspirale in Gang setzen, die erst mit einem Zusammenbruch der Währung enden würde. In der Geschichte gibt es viele Beispiele für Währungszusammenbrüche, insofern wäre das nichts Besonderes.18
Wenn manche Menschen begreifen, daß staatliche Defizitfinanzierung nicht nachhaltig ist, meinen sie gleich, der Himmel stürze ein und die Katastrophe stehe bevor. Es ist auch wirklich beunruhigend, erstmalig zu erkennen, daß die Weltwirtschaft eine Art Schneeballsystem ist, das nur durch das Vertrauen der Beteiligten funktioniert. Aber solange die Defizitfinanzierung bestimmte Grenzen nicht übersteigt und sofern die Wirtschaft in nicht allzu ferner Zukunft zu Wachstum zurückkehrt, kann das System eine ganze Weile weiterlaufen. Theoretisch können Schneeballsysteme unendlich weitergehen – wenn die Zahl der potentiellen Teilnehmer unbegrenzt ist. Die absolute Höhe der Staatsschulden ist nicht notwendigerweise ein kritischer Faktor, sofern das künftige Wachstum ausreichend hoch ist, daß das Verhältnis von Schulden zu Einnahmen unverändert bleibt. Und selbst wenn dieses Verhältnis sich vergrößert, muß das noch nicht alarmierend sein, sofern es vorübergehend bleibt. So argumentieren zumindest die Keynesianer. Sie betonen auch, daß Staatsschulden nur ein Teil der Gesamtverschuldung sind und daß die amerikanische Staatsverschuldung im Verhältnis zu anderen Schuldenarten noch nicht alarmierend angestiegen ist (bis zur gegenwärtigen Rezession). Wieder gilt: Wenn das Wachstum zurückkehrt, kann künftige Kreditaufnahme gerechtfertigt werden (bis zu einem gewissen Punkt) – insbesondere wenn das Ziel lautet, das Wachstum dadurch wieder in Gang zu bringen.19
Die Risiken einer wachsenden Staatsverschuldung sind folgende: a) steigende Zinslasten, b) Verlust der Kreditwürdigkeit und c) der mögliche Zusammenbruch der Währung.
Schulden der Privathaushalte
Die Grenzen für Schulden der Privathaushalte sind anders, aber ähnlich: Konsumenten können nicht auf dieselbe Weise Geld schöpfen wie Banken (und manche Regierungen) und können nicht beliebig Schulden machen, weil ihnen irgendwann niemand mehr Geld leihen wird. Kreditgeber fordern üblicherweise Sicherheiten, deshalb gibt ein höheres Nettovermögen (oft in Form von Immobilienbesitz) die Möglichkeit, mehr Schulden aufzunehmen. Kreditgeber wollen auch sehen, daß der Kreditnehmer laufende Zahlungen leisten kann, deshalb hilft ein höheres Gehalt, wenn man sich stärker verschulden will.
Wie bereits dargelegt, sind die Einkommen der Amerikaner inflationsbereinigt seit den 1970er Jahren bis heute nicht substantiell gestiegen, sehr wohl aber die Hauspreise in der Zeit von 2000 bis 2006, und damit hatten viele Haushalte auf dem Papier ein höheres Nettovermögen. Viele Hausbesitzer setzten den Wertzuwachs ihrer Häuser als Sicherheit für neue Schulden ein – in vielen Fällen erheblich mehr neue Schulden. Gleichzeitig fanden die Kreditgeber Wege, die Anforderungen für Konsumentenkredite zu senken und allgemein den Zugang zu Krediten zu erleichtern – etwa durch »No-doc«-Hypotheken (»no documentation«, Hypotheken, bei denen weniger oder gar keine Unterlagen zu Einkommens- und Vermögensverhältnissen beigebracht werden müssen; Anm. d. Übers.) oder Massen von Kreditkartenangeboten. Die Folge: Die Verschuldung der Privathaushalte stieg von weniger als 2 Billionen Dollar im Jahr 1980 auf 13,5 Billionen Dollar 2008. Das Kreditaufnahme- und Ausgabenverhalten der Haushalte war nicht nur der Hauptmotor der wirtschaftlichen Expansion im größten Teil des letzten Jahrzehnts, sondern trug auch wesentlich zum weltweiten Wirtschaftswachstum bei.
Aber mit dem Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarkts, der 2007 begann, sind auch die Nettovermögen der privaten Haushalte eingebrochen (von 2007 bis 2009 sanken sie um 17,5 Billionen oder 25,5 Prozent – das entspricht dem Wert des BIP in einem Jahr). Weil außerdem die Arbeitslosenquote von 4,6 Prozent 2007 auf fast 10 Prozent (nach der offiziellen Statistik) im Jahr 2010 kletterte, ging das durchschnittliche Haushaltseinkommen zurück. Gleichzeitig verschärften die Banken ihre Regeln bei der Kreditvergabe, die Kreditkartenunternehmen strichen ihre Angebote zusammen, und die Hypothekenfinanzierer stellten viel höhere Anforderungen an die Bonität potentieller Kunden. Durch all dies schrumpften die Möglichkeiten der Privathaushalte, mehr Schulden zu machen. Weniger Schulden bedeuten weniger Ausgaben (Privathaushalte leihen sich üblicherweise Geld zum Ausgeben – für ein neues Auto oder für die Renovierung der Küche). Das ist möglicherweise ein kurzfristiges Problem; doch die Situation wird sich nur ändern, wenn die Wirtschaft insgesamt wieder zu wachsen beginnt (was höhere Hauspreise bedeutet, weniger Arbeitslosigkeit und leichteren Zugang zu Krediten). Das ist der Haken dabei: Eine höhere Nachfrage der Konsumenten ist ganz wichtig, damit die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs kommt.
Wir müssen also die Privathaushalte dazu bewegen, daß sie sich wieder Geld leihen und es ausgeben. Vielleicht kann die Regierung jedem Staatsbürger ein bißchen Startkapital zustecken (will noch jemand eine Abwrackprämie?), um die Entwicklung in Gang zu bringen. Selbst wenn das nicht funktioniert, werden die Konsumenten irgendwann ihre Schulden so weit zurückgezahlt haben (oder zahlungsunfähig sein), daß sie weitere Kredite aufnehmen wollen. Aber wieder spricht die Demographie dafür, daß das noch eine Weile dauern wird: Wie bereits erwähnt, kommen die Babyboomer (mit 70 Millionen Menschen die größte demographische Kohorte in der Geschichte des Landes) ins Rentenalter, und das heißt, daß ihr lebenslanger Ausgabenzyklus seinen Höhepunkt überschritten hat. Zwar werden sie weiter Dinge kaufen (schließlich muß jeder essen), aber ihre Gesamtausgaben werden sehr wahrscheinlich nicht steigen, zumal die Ersparnisse in dieser Kohorte im Durchschnitt für den Ruhestand nicht ausreichen (ein Drittel von ihnen hat überhaupt keine Ersparnisse). Aus schierer Notwendigkeit werden sie von jetzt an mehr sparen und weniger ausgeben. Und davon wird die Wirtschaft nicht wachsen. Wir sind vielleicht nicht an eine harte, endgültige, unumstößliche Grenze für die Verschuldung der Privathaushalte gestoßen, aber es gibt (zumindest in den Vereinigten Staaten) keine realistische Grundlage für die Erwartung, daß die Zuwachsraten bei Schulden und Konsum wiederkehren, die wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben.
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