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Ričardas Gavelis

Friedenstaube

Sieben Vilniusser Geschichten

Aus dem Litauischen

von Klaus Berthel

ATHENA

Literatur aus Litauen

Band 1

Umschlagabbildung: »Taikos Balandis« von Marius Liugaila

Die litauische Originalausgabe erschien 1995 bei Alma Littera, Vilnius unter dem Titel »Taikos Balandis. Septyni Vilniaus Apsakymai«

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

1. Auflage 2012

Copyright © 1995 by Ričardas Gavelis,

Copyright © 2012 by ATHENA-Verlag,

Mellinghofer Straße 126, 46047 Oberhausen

www.athena-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Niehörster

Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (Print) 978-3-89896-211-7

ISBN (ePUB) 978-3-89896-826-3

Nachdem ich ein Jahr lang keine Kurzprosa mehr geschrieben hatte, spürte ich das magische Bedürfnis, mich erneut diesem Genre zu widmen. Der Titel des Bandes ist einer älteren Erzählung entnommen, traurig-sarkastisch »Friedenstaube« genannt. Damals brachte eine Vilniusser Taube dem Helden Hass und Vernichtungswut entgegen. Leider ist dieses verhängnisvolle Geschöpf hinübergeflattert in unsere Tage. Es gibt keine Eintracht unter den Fliederbäumen von Vilnius. Da verwandelt sich eine metaphysische Liebe in ein fiktives Verbrechen. Da schreiben Hunde blutige Tagebücher. Da gelingt es einem allwissenden Arhat, sich nahe der Karoliniškės in Luft aufzulösen. Und all das unter den gespenstischen Blicken von siechen, hinkenden Stadttauben, Sendboten eines Friedens, der keiner ist.

Ričardas Gavelis

Friedenstaube

Als ich ihn zum ersten Mal sah, diesen gefiederten Satan, war mein Verstand wahrscheinlich vernebelt gewesen. Ich hätte doch gleich kapieren müssen, und wie. Freilich war es entsetzlich heiß, bunte Ringe tanzten einem vor den Augen, der Kopf schien gleichsam mit trockenem Gras ausgestopft. Diese Hitze hat etwas Ungutes, dachte ich sogleich. Staub hatte sich über die Stadt gelegt, alle möglichen Gerüche waberten, ihnen allein schienen diese Temperaturen von Nutzen. Schweißgebadet kehrte ich heim, da wartete vor der Haustür bereits dieses Gestalt gewordene Verhängnis auf mich. Eine Taube, aber was für eine! Nicht mal richtig stehen konnte die, ständig kippte sie zur rechten Seite weg und musste sich mit dem Flügel abstützen. Eine rechte Missgeburt, die auch gar nicht daran dachte, wegzulaufen oder gar davonzufliegen. Die mich nur anstarrte. Weder Bösartigkeit noch Furcht waren in diesen gelben Knopfaugen zu lesen, eigentlich gar keine Emotionen. Und doch lief mir ein Schauder den Rücken hinunter. Mir schien, als blicke ein anderer da hindurch. Und dass man wahnsinnig würde, wenn man diesem Blick länger standzuhalten versuchte. Ich dreh’ ihr den Hals um, dachte ich unwillkürlich, aber die Beine gehorchten mir nicht. Ich konnte nur einen großen Bogen um die Erscheinung machen, mich zu nähern, fehlte mir der Mut. Widerlich war sie obendrein, dreckig, es konnte einem übel werden. Dass die Taube das rechte Bein nachzog, bemerkte ich zu dieser Zeit noch nicht.

Später bemerkte ich nicht nur das. Auch jetzt noch habe ich dieses Geschöpf vor Augen, dessen Vogelkrallen direkt auf das Herz zielen. Ein Wunder, dass ich überhaupt noch eins habe. Man hat sich alle Mühe gegeben, es mit scharfen und spitzen Gegenständen zu bearbeiten. Inzwischen ist es mit so vielen Narben übersät, dass ich gar nichts mehr spüre. So sieht es aus, ein rechtes Litauerherz. Schmerzresistent.

Ich schleppte mich also in mein Zimmer, noch immer verwirrt und erschrocken, die ganze Hitze von draußen nahm ich mit rein. Alle in der Umgebung hatten die Fenster sperrangelweit offen, saßen mit freiem Oberkörper, dösten vor sich hin. Auch ich machte mich gerade am Fenster zu schaffen, da erstarrte ich. Man wartet ja mitunter geradezu darauf, dass sich dunkle Prophezeiungen erfüllen, und hofft dennoch, ihnen irgendwie zu entgehen. Und da – ein Blitz aus heiterem Himmel.

Die Taube hockte bereits in meinem Zimmer.

Wie hatte sie das geschafft, lahmend, ohne zu fliegen? Aber den eigenen Augen durfte man trauen. Jetzt konnte ich sie genauer betrachten. Und wieder ein Schock. Die Federn waren zerzaust und mit Kot beschmiert, der Hals fast kahl und mit grindigem Schorf bedeckt, wo sich obendrein, was besonders ekelhaft war, winzige weiße Maden tummelten. Ich stürzte los, sie zu verjagen, aber die flog natürlich nicht, obwohl sämtliche Fenster geöffnet waren. Sie flüchtete unter einen Stuhl, dann unters Bett. Ich werde sie totschlagen, entschied ich abermals, dann den Kadaver in eine Zeitung wickeln und hinausbefördern. Sie nur nicht anfassen! Schon hatte ich ein schweres Buch aus dem Regal gezerrt, ich beugte mich hinunter, der Atem stockte, die Hände zitterten.

Und da flatterte mir dieses Scheusal direkt ins Gesicht.

Auf dieser Welt habe ich schon Dinge erfahren müssen, die ich wirklich niemandem wünsche. Aber so etwas noch nicht. Das schlug mir seine Stummelflügel mitsamt dem Gewürm darin um die Ohren, Aasgeruch nahm mir die Luft. Und dazu diese Augen, die erbarmungslos waren. Und kalt wie der Tod. Ich stand da, gelähmt vor Ekel und Entsetzen. Selbst die Zeit schien stehen geblieben.

Und mir war, als hätte mir jemand ins Ohr geflüstert, dass es von nun an jeden Tag so sein würde. Unwillkürlich bekreuzigte ich mich, wie man sich vor bösen Geistern bekreuzigt, obwohl ich wusste, wie naiv das war. Nur alte Betschwestern glauben an den lieben Gott. Alles, aber auch alles, was uns widerfährt, ist Menschenwerk, allein der Mensch ist zum Fürchten. Er stellt die Dämonen und bösen Geister, er allein erdreistet sich, Gott zu spielen. Jedes Tier bin ich zu lieben fähig, jedes. Mit den Tigern im Dschungel würde ich mich anfreunden, in einer Schlangengrube mich einrichten. Auch der Wolf ist gut, auch der Esel klug, auch die Schlange schön. Aber sollte es mich mit unsereinem auf eine unbekannte Insel verschlagen, es wäre nicht zum Aushalten. Lieber gleich einen Strick nehmen. Die wildesten Köter balgen sich, bis der eine obenauf ist, der andere ihm den ungeschützten Unterbauch zudreht. Im Vertrauen, dass der ihm nicht das Gedärm aus dem Leib dreht, ihm nicht die Kehle durchbeißt. Aber der Mensch – unbedingt. Er ist das fürchterlichste Wesen, und zwar deshalb, weil er Verstand hat. Die bösen Geister hat er erfunden, um ihnen die eigenen Schandtaten aufzubürden.

Längst hatte ich begriffen, dass diese Taube keine Taube war. Das roch nach Mensch, nach Menschengeist. Und es gab nur einen, der einen solchen Pesthauch verbreiten konnte – Kazimieras Rugaitis. Darauf bin ich nicht sofort gekommen, natürlich nicht. Erst nach und nach fügte sich alles zusammen.

Rugaitis hatte zuletzt ganz in meiner Nähe seinen Wohnsitz. Absichtlich, ich weiß es. So ein Herrenmensch hätte sich doch irgendwo in Antakalnis niederlassen können, standesgemäß, in der Nähe eines Kiefernwaldes. Die Gegend hier war ziemlich trostlos. Es heißt, die Wohnung dort habe er seinen Kindern vermacht, aber ich kenne den wahren Grund. Ich sollte ihn alle Tage zu sehen bekommen. Ein Leben lang hat er mich belauert, hat Vergnügen daran gefunden, mich zu quälen und zu demütigen. Ständig spazierte er hier vorbei, eine gnomenhafte Gestalt, den Bauch herausgestreckt, das kleine Gesicht rot und rund. Mit den Nachbarn pflegte er zu schwatzen, den Mädchen stieg er nach. Man muss sich das vorstellen, dieser alte Knacker und junge Mädchen. Mich beachtete er nicht, tat so, als sei ich Luft für ihn. Es gibt solche Leute: Hassen sie dich, dann blicken sie jedes Mal zur Seite, wenn du dich näherst. Nie können sie sich deinen Namen merken, verdrehen nur die Augen – na, der, wie heißt der gleich, dieser Dingsda. Und du weißt doch, dass dein Name und Vorname ihnen die Galle ins Blut treibt, ihnen schlaflose Nächte beschert. Schauspieler sind sie alle, aber Rugaitis war der größte. Der wechselte nicht nur die Hautfarbe wie ein Chamäleon, sondern auch noch die Augenfarbe und die Stimme dazu. Sogar seine schwarze Seele hat er drei Mal am Tag gewechselt.

Während dieser Hitzetage war er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Ich meinte schon, ein paar Wochen Ruhe zu haben, aber von wegen. An seiner Stelle hat er mir diese Horrortaube beschert. Nie hätte ich gedacht, dass ein solches Geschöpf einen so hartnäckig verfolgen könnte. Keinen Schritt konnte ich allein tun, immer zuckelte das Mistvieh hinter mir her. Zuweilen startete es unbeholfene Flugversuche, um dann zu Boden zu stürzen, das war grotesk, aber komisch war es nicht. Hatte ich im Hof zu tun, schien es zunächst verschwunden, aber dann spürte ich, wie es mich aus irgendeinem Versteck heraus beobachtete. Das war entsetzlich, das raubte einem sämtliche Kraft. Meine Hände fühlten sich taub an, im Hirn schien ein Eisklumpen zu schmelzen. Bis in die Nacht hinein hielt mich die Bestie in Atem. Dann lag ich wach, wusste, sie hockt draußen auf dem Fensterbrett. Und wird mir im Schlaf den Garaus machen.

Längst war ich es, der sich versteckte. Auf leisen Sohlen schlich ich herum, nervös und gehetzt, in meinen eigenen vier Wänden. Ich sah in den Spiegel: Das Gesicht war bleich, die Wangen eingefallen, die Augen glänzten fiebrig. Man musste sich wehren, es gab sonst keine Rettung. Andere um Hilfe zu bitten, war sinnlos. In Vilnius kennt keiner seinen Nachbarn, weiß nicht mal seinen Namen. Mit wem sich auch anfreunden, wenn in der ganzen Gegend nur noch dreieinhalb Litauer übrig geblieben sind? Alles musste man allein tun, sich selbst Mut machen, sich selbst trösten. Und da fiel mir ein grünliches Pulver ein.

Ein sehr nützliches Pulver: Es tötete alles, was man wollte. Einen Wurm, eine Ratte oder einen Hund. Zwei Mal hab ich davon geträumt, Rugaitis eine Torte zu überreichen, die über und über mit diesem grünen Pulver bestreut war. Sogleich bereitete ich der Taube eine leckere Mahlzeit und gab so viel von dem Zeug dazu, dass es für ein Pferd hätte reichen müssen. Obwohl ich, nach allen Erfahrungen, partout nicht glauben wollte, dass es klappen könnte. Doch gierig machte sie sich darüber her. Mich überkam eine große Ruhe. Ich goss mir selbst einen ein und wartete darauf, dass sie krepierte. Oho, schon kippte sie etwas zur Seite, ich griff bereits nach einem Eimer. Doch als ich mich bückte, hätte sie mich beinahe wieder angefallen. Noch heftiger als zuvor. Sie schien regelrecht aufgedunsen und zischte wie eine Natter. Dachte gar nicht daran, zu krepieren. Nur das rechte Bein zog sie noch mehr nach. Es war alles umsonst. Es gab kein Entrinnen.

Wäre nicht dieser hinkende und schlurfende Gang gewesen, mir wäre vielleicht nie etwas aufgefallen. Erst allmählich begriff ich, dass ich Rugaitis lange nicht mehr gesehen hatte.

Er hatte sich mir in den Weg gestellt damals, an jenem Sommertag, und ist seitdem nicht mehr von meiner Seite gewichen. Es war ebenso teuflisch heiß gewesen, deshalb auch geriet ich in einen Hinterhalt. Fünf Jahre lang war es ihnen nicht gelungen, mich zu erwischen, bis dieser Gnom auftauchte. Hündisch hatte er auf der Lauer gelegen. Ich hatte mich eben mal seitwärts in die Büsche geschlagen, um zu pissen, da stand er plötzlich vor mir. »Ergib dich, du hirnloser Bandit!«, das waren seine Worte. Und dabei glotzte er mir auch noch zwischen die Beine. Jahrelang hab ich im Bunker gehockt, ihnen immer wieder ein Schnippchen geschlagen, nur um mich am Ende diesem Zwergpinscher ergeben zu müssen. Ich stand noch immer, die Hände erhoben, und der starrte immer an die gleiche Stelle, mir wurde schon kalt untenherum. Das war’s, Povilas, sagte ich mir. Sag deinem Ding da unten auf Wiedersehen, denn alle deine Kinderlein werden gleich in den Himmel fahren, bevor sie auch nur angefangen wurden. Es ist alles aus.

An diese fatale Szene erinnerte ich mich später immer wieder, im Lager und danach. Das war mein Grunderlebnis: Vor mir dieser mickrige Kerl, den man mit links hätte erledigen können. Und du stehst da, beim Pissen festgenommen, und kannst nichts tun.

Dieses Gefühl des Unvermögens, des Nichtstunkönnens zog sich fortan durch mein Leben. Damit stand ich auf, damit ging ich zu Bett. Zuerst einmal hatte ich keine Freiheit, überhaupt keine, nicht die geringste. Gras durfte ich fressen, halb verfaulte Beeren von den Sträuchern klauben. Und jeden Tag Rugaitis. Später konnte ich nicht arbeiten, wo ich wollte. Anfangs dachte ich, dass er sich nur in meiner Einbildung mit mir befasse. Doch es zeigte sich, dass er tatsächlich jeden meiner Schritte verfolgte, dieser verfluchte Stribas[1]. Selbst von denen ist keiner mehr geblieben, er ist der einzige in ganz Litauen. Mich auf der Stelle kaltzumachen, hat er damals nicht gewagt. So hat er wohl beschlossen, mir ganz allmählich die Luft abzudrehen. Wohin es mich seither auch verschlug, überall spürte ich seine Hand. Dazu ein lautlos geflüstertes »hirnloser Bandit«. Es gab Zeiten, in denen ich mich wieder unter Menschen wagte, zu vergessen suchte, dieses und jenes zustande brachte. Und dann tauchte er auf jeden Fall auf.

Es gibt da so eine Meinung, stammelte einer, dass diese Tätigkeit für Sie ungeeignet ist. Was für eine Meinung, fragte ich, welchen Namen hat diese Meinung? Aber man hätte gar nicht zu fragen brauchen, alles war klar. Von einem Rayon zog ich in den nächsten und er hinter mir her. Und je höher er kletterte auf der Karriereleiter, desto mehr suchte er mich nach unten zu drücken. Hatte ich erfahren, dass man ihm einen noch einflussreicheren Posten anvertraute, wusste ich: Er wird mich noch tiefer in den Dreck stoßen. Rugaitis hat meine Existenz ruiniert. Meine Frau ist früh gestorben, er ist schuld. Der Sohn kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben, ohne Rugaitis wäre das nicht passiert. Ich weiß nicht, wie er es schaffte, die Straße zu präparieren oder die Bremsen zu lockern, aber das ist seine Handschrift. Tropfen um Tropfen wollte er mich wie einen Stein aushöhlen. Bis ich ihm vor die Füße stürze und um Gnade winsele.

Mindestens tausend Mal hab ich ihn getötet. Beinahe jede Nacht. Tagsüber tat er das Seine, nachts zahlte ich es ihm heim. Oft war es schwer, den Abend abzuwarten, so viele Schuftigkeiten hatte ich wieder ertragen müssen. Dabei war es mein größter Wunsch, mal etwas Schönes zu träumen, eine blühende Wiese oder die Küste eines Meeres. Aber kaum war ich eingeschlafen, ging es schon wieder los. Und zuweilen erschien das seltsam lebensecht. War ich erwacht, blieb unklar, ob ich mich an einen Traum erinnerte oder an eine tatsächliche Begebenheit. Dabei wollte ich diesen Horror gar nicht träumen, wirklich nicht. Aber am Morgen danach fühlte ich mich besser. Ich wusste, ich würde den Kerl auch weiter auf dem Hals haben, aber die größte Wut war verflogen. Man hatte mir noch nicht alles genommen, wenigstens Träume waren mir geblieben. Am besten fühlte ich mich, wenn nicht ich persönlich ihm den Garaus machte, sondern das Schicksal selbst oder die Natur. Einmal war ich eine Biene, die wusste, dass ihr Stachel nur für einen tödlich sein konnte, andere würden den Stich gar nicht spüren. Ich musste mich vorsehen, nicht den Falschen zu erwischen und mein Gift zu vergeuden. Ich summte und brummte die ganze Nacht, dann hatte ich Rugaitis ausgemacht und ihn gestochen – er trank gerade in seiner Villa tschechisches Bier. Ein anderes Mal verkörperte ich ein von Perkunas[2] geweihtes Schwert, mit dem ein litauischer Recke Rugaitis die Brust durchbohrte. Er hatte unsere Burg an die Kreuzritter verraten. Selbst ein Stein bin ich gewesen, der ihm zentimetergenau auf den Kopf fiel. Ich stürzte aus großer Höhe und freute mich, wie sein Schädel immer näher kam. Solche Träume waren das. Ich war wirklich ein Stein, aber ich sah alles und konnte selbst mein Ziel bestimmen.

So kam es, dass Rugaitis und ich ewig miteinander im Clinch lagen. Er quälte mich tagsüber, ich rächte mich in den darauf folgenden Nächten.

Ein Tag verging wie der andere, die Hitze hatte sich gelegt, die Menschen atmeten leichter. Und ich verstand plötzlich das Geheimnis der hinkenden Taube. Es gab nur eine Erklärung: Rugaitis war gestorben, war endlich in die Grube gefahren. Aber mich gedachte er noch lange nicht freizugeben. Nicht umsonst heißt es, Tauben seien die Sendboten der Toten. Nun begriff ich, welchen Namen die hier hatte. Und Rugaitis’ Gang erkannte ich, der zog ebenfalls das rechte Bein nach. Er hatte damit gerechnet, mich zu seinen Lebzeiten kleinzukriegen. An die neuen Verhältnisse hatte er sich angepasst, ein Herrchen war er geworden, mit immer mehr Macht und immer größeren Befugnissen. Aber er vergaß eine einfache Tatsache: dass nämlich erst der Tod die endgültige Rechnung aufmacht. Der große Stribas war hinüber und ich als Sieger auf dem Kampfplatz geblieben, sogar noch recht gut bei Kräften. O, wie musste ihn das wurmen! Dass er es nicht geschafft hatte, was für ein Abteilungsleiter oder gar Halbminister er auch gewesen war. Daher fasste er den Entschluss, mich auch noch aus dem Grab heraus zu verfolgen. So etwas kann nur Kazimieras Rugaitis einfallen, ich kenne ihn wie keinen anderen. Aber er hat sich abermals verrechnet. Mich überkam beinahe so etwas wie ein Glücksgefühl. Jetzt war die Gelegenheit, ihn für immer loszuwerden. Man musste nur noch diesen gefiederten Satan vernichten. Ein Leben lang, so schien mir jetzt, hatte ich insgeheim auf diesen Augenblick gewartet, ohne es selbst recht zu wissen. Jetzt war die große Stunde gekommen. Man musste entschlossen und ohne zu zittern die Hand ausstrecken.

Und dann war es passiert. Man sagt, Katzen hätten sieben Leben, das hier hatte wohl zweihundert gehabt. Ich fetzte es so lange in Stücke, bis nichts mehr übrig blieb. Danach wusch ich mir eine Stunde lang die Hände mit der besten Seife, nicht mal das half. Erschöpft legte ich mich schlafen, von Freude oder Erleichterung keine Spur. Konnte der sich denn wirklich so leicht geschlagen geben? Was für eine Hundsgemeinheit würde er noch für mich in petto haben?

Als ich endlich eingeschlafen war, lief sogleich ein altbekanntes Szenario ab. Wieder zog ich aus, um mit Rugaitis abzurechnen. Aber selbst im Traum überkam mich diesmal ein mulmiges Gefühl. Schon deswegen, weil der immer noch da war. Diesmal war es ganz wie im Leben, selbst meine Stube erkannte ich. Ich bereitete mich vor, ihn in seiner Wohnung zu stellen. Nur in einem Punkt unterschied sich dieser Traum von der Realität. In Wirklichkeit wusste ich nie genau, wo er wohnte. Ich stand vor dem Spiegel, holte tief Luft, sah mir in die Augen. Erst dachte ich an eine Axt oder ein Messer, dann begriff ich, dass ich ihn mit bloßen Händen erwürgen musste. Seine letzten Zuckungen wollte ich zwischen den Fingern spüren. Ich stürzte in sein Zimmer wie der Racheengel persönlich, er brachte nicht mal ein Wort hervor. Sofort verstand er, was ihn erwartete. Früher habe ich ihn eher unwillig gekillt, zwanghaft gleichsam, aber diesmal fühlte ich eine seltsame Befriedigung. Er versuchte sich zu verstecken, schlüpfte in sämtliche Ecken, aber ich konnte mir Zeit lassen. Wusste ich doch, der war wieder mal dran, wie so oft. Wieder stürzte er davon, stieß einen Tisch um, Bücher aus seinem Regal polterten zu Boden. Ein paar Minuten spielte ich Katz und Maus mit ihm, dann griff ich ihn mir. Ich brauchte kaum stärker zuzudrücken – ein Halswirbel knackte und aus war’s. Ich setzte mich, um mir eine Zigarette anzuzünden, diese amerikanischen waren über den ganzen Tisch verstreut. Wenig Rauch, eine Schachtel »Prima« wäre mir lieber gewesen. Hier war nur die Verpackung schön.

Es dauerte nicht lange, da hämmerte es gegen die Tür. Das Schloss wurde aufgebrochen. Fünf Männer traten ins Zimmer, drehten mir die Arme auf den Rücken. Dann brachten sie mich irgendwohin, schlossen mich in eine ungeheizte Zelle ein. Ich saß auf dem Boden, rauchte weiter amerikanische Zigaretten und wartete auf das Ende des Traums. So einen Irrsinn hatte es noch nicht gegeben. Es wurde Nacht, dann wieder Morgen. Ein schnauzbärtiger Typ besuchte mich, betrachtete mich sehr lange.

»Wussten Sie eigentlich«, begann er, »dass Rugaitis schon den zweiten Monat nicht mehr aus dem Haus gekommen ist, dass er Krebs hatte, im letzten Stadium? Wussten Sie das? Verhören werden wir Sie später. Jetzt bewegen mich als Mensch solche Fragen. Warum haben Sie das getan? Wer hat Ihnen die Hand geführt?«

Ich antwortete nicht. Eine Weile saßen wir uns schweigend gegenüber, dann ging er. Nur einen Gedanken hatte ich: Warum ist dieser Traum immer noch nicht zu Ende? Dutzende Male hatte ich versucht aufzuwachen, es klappte nicht. Ich saß in einer kalten Zelle auf dem Boden, der Vorrat an Zigaretten ging langsam zu Ende, und verstand überhaupt nichts mehr. Auch früher dachte ich zuweilen: Was, wenn das alles wirklich passiert ist? Aber das kann doch nicht sein. Stirbt so ein hohes Tier allein in seinem Haus? Dem hätten sie ein Zimmer im besten Krankenhaus reserviert, ihn mit Blumen und Genesungswünschen überhäuft.

Ein Leben lang hab ich unter Kazimieras Rugaitis zu leiden gehabt, sogar seine widerliche Vėle[3] hat er mir nachgeschickt, mich in dieses Loch hier gesteckt. Nie hat er mich in Ruhe gelassen, er wird mich auch in Zukunft nicht in Ruhe lassen. Zurzeit weiß ich selber nicht, ob er noch lebt. Was, wenn der Schnauzbärtige die Wahrheit gesagt hat? Die Zigaretten waren zu Ende, so entschloss ich mich zu einem Selbstversuch: Wenn jetzt von irgendwoher eine neue Schachtel kommt, werde ich wissen, dass es ein Traum ist. Und wenn keine mehr kommt?

[1] Stribas: Angehöriger von Sondereinheiten des KGB, in der Nachkriegszeit bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt.

[2] Perkunas: Donnergott, Hauptgott der heidnischen Litauer.

[3] Seele eines Verstorbenen (lit.).

Silberauge

Er tauchte auf in Linas Welt gleichsam aus dem Nirgendwo, gänzlich unerwartet und auf durchaus magische Weise. Als wäre er geradewegs vom Himmel gefallen oder irgendwelchen unsichtbaren Wassern entstiegen. Jener lang aufgeschossene Sonderling konnte doch nicht auf natürlichen, irdischen Wegen in diese Modenschau gelangt sein. Lina war er sofort aufgefallen. Wie stets bei solchen Veranstaltungen fühlte sie sich als Puppe, die sich, ohne ihren Körper zu spüren, in abgezirkelten, vollendeten Bewegungen zu präsentieren hatte. Im Saal, der gedrängt voll war, roch es nach großem Geld und krummen Touren. Man zeigte, was man hatte. Wirklich und lebendig erschien allein der auffallend unpassend gekleidete Lange. Mit dem Heißhunger eines jungen Raubtieres machte er sich über das kalte Buffet her, hin und wieder fischte er sich ein Glas vom Tablett des vorbeieilenden Kellners. Ihm selbst schien es gleichgültig zu sein, wie er nach außen wirkte. Offenbar freute er sich einfach des Lebens. Fast gleichzeitig näherten sich ihm zwei Sicherheitsleute, die ihn vermutlich auf die Straße befördert hätten, als Lina einzugreifen beschloss. Sie gab sich recht forsch, obwohl sie wusste, dass dies unbedacht war.

»Das ist mein Freund«, erklärte sie mit dem einnehmenden Lächeln, das ihr zur Verfügung stand. »Wir haben beide eine Einladung. Er wird nichts anstellen. Und auch nicht mehr als die Hälfte aller Speisen vertilgen.«

Der Sicherheitsmann verzog keine Miene, sein versteinert wirkendes Gesicht blieb ohne jeden Ausdruck, doch man ließ den Langen in Ruhe. Natürlich hatte Lina keine Einladung und konnte keine haben. Ihr Job bestand darin, sich als Puppe zu bewegen. Offenbar war es ihr Auftreten, der entschiedene Ton ihrer Stimme, was die Männer beeindruckte. Lina konnte sich, wenn sie wollte, wie eine Prinzessin geben oder eine launische Millionärsgattin spielen. Sie besaß nicht die Spur jener Vulgarität, die gemieteten Schönheiten häufig eigen ist. Ihre gesamte Erscheinung war es, welche durchaus nicht dem Mannequin-Standard entsprach. Das Gesicht schien eine Spur zu ernst, und die ausladenden Hüften erinnerten eher an irgendeine Sportlerin. Lina wusste das. Manchmal fand sie Gefallen an diesem Anderssein, dann wieder hasste sie ihren Körper, der einem unvollendeten Kunstwerk glich. Weit entfernt von Miss World, gewiss, aber auch von denen, die nichts als schön waren. Ihre Ausstrahlung war allzu augenfällig, daher auch besonders schwer zu verkaufen.

»Kleiner«, sagte sie zu dem Langen, »ich konnte dich nur für einen Augenblick beschützen. Sie werden dich trotzdem hinauswerfen.« In diesem Moment begegnete sie zum ersten Mal seinen Augen und mit dem ruhigen Leben war es zu Ende. Es waren Augen von einem sehr hellen Grau, die silbrig glänzten. Silberaugen. Leuchtende Augen eines Wesens aus dem Jenseits. Zwei silberne Seen des Wahnsinns. Augen aus einem Traum. Reale Menschen hatten nicht solche Augen.

»Mir ist schon so manches widerfahren«, erklärte der Lange ungerührt, »so dass diese Menagerie hier mir nun wirklich keine Angst einjagt.«

»Und wer bist du?«

»Ein Engel aus himmlischen Gefilden. Danke für die Hilfe. Weiter komme ich schon selbst zurecht.«

Da war kein Versuch, ihr den Hof zu machen oder ihr sonst wie Gesellschaft zu leisten. Auch sprach er nicht weiter mit ihr. Er trat einfach einen Schritt zur Seite, und schon hatte er sich unter die gesichtslose Masse in ihren Carden- und Armani-Anzügen gemischt.

Als hätte er sich dort verstecken können. Er ragte aus dieser Gesellschaft heraus wie ein Stachel aus einem faulen Apfel. Es dauerte auch nicht lange, da feuerten sie ihn wirklich, und offenbar zu seiner größten Zufriedenheit. Lina war beinahe beleidigt, doch der Lange hatte sie keineswegs vergessen. Noch während sie ihn in Richtung Tür drängten, winkte er ihr zu und deutete einen Kuss an.

»Wenn du meinst, ich hätte riskieren können, länger mit dir zu sprechen, dann kennst du die Welt nicht«, erklärte er später. »Ich hatte nämlich Angst vor dir.«

»Und was war an mir so erschreckend?«, pflegte Lina zu parieren.

»Noch nie hab ich ein so hoch gewachsenes Mädchen aus der Nähe gesehen«, erklärte der Silberäugige mit ernster Miene. »Ich war in Panik, du könntest mich in eine Ecke drängen und einfach verschlingen.«

Lina war es gewohnt, dass man, einige Anstrengung vorausgesetzt, alles im Leben vergessen konnte. Sie hatte in der Tat einiges zu vergessen und so pflegte sie Dinge, die ihr unangenehm waren, aus ihrer Erinnerung zu streichen. Was passiert war, hatte es einfach nicht gegeben, konnte daher keinerlei Einfluss auf ihr Leben mehr haben. Sie wurde nicht mehr von Alpträumen geplagt, heulte nicht, wenn sie sich wieder einmal mutterseelenallein vorkam. All die schlimmen Dinge hatte es nicht gegeben, basta. Lina besaß die Macht, sie vollkommen zu verdrängen. Sie hätte sonst nicht die Kraft gehabt durchzuhalten. Zumindest wäre sie nicht die, die zu werden sie sich bemühte.

Doch auf einmal war es mit dem ruhigen Leben vorbei. Denn den Silberäugigen zu vergessen, gelang ihr einfach nicht. Drei Mal hintereinander träumte sie von ihm und sie entschied, dass er wohl tatsächlich ein Engel war. Einer, der ausgesandt wurde, um sie zu bestrafen oder zu liebkosen. Sie träumte von seinen Silberaugen und seinem sehr schlanken nackten Körper, den sie noch gar nicht gesehen hatte. Sie träumte von sich in seinen Armen, aber das war keine Umarmung, die etwas mit Liebe zu tun hatte, eher ein sonderbarer Tanz oder irgendein Ritual. Eine Umarmung war das, die weniger körperliche Nähe bedeutete als eine Art mystischer Geistesverwandtschaft. Statuen waren sie beide in diesem Traum, wirkliche Schöpfungen, Kunstwerke.

Sich in ein Kunstwerk zu verwandeln, wenn man sie fotografierte, wenigstens für einen Augenblick, das war Linas stetes Bemühen. Es kam ihr nicht darauf an, schön zu sein. Sie vermied es regelrecht, erotisch aussehen zu wollen, obwohl das besonders schwer war. Zumindest als Fotomodell trachtete sie danach, ein Kunstwerk zu sein. Schön, das wohl, aber nur ästhetisch schön. Und vor allem geheimnisvoll, nicht zu erraten. Es gab Fotografen, die sie mochten und ihr entgegenkamen, andere brachten ihre Ambitionen in Rage. Es gelang ihr, letztere zu vertreiben. Sie spürte, dass sie einige Macht hatte. Diese Fotoapparateschinder mochten hin und wieder murren und aufbegehren, sie taten dennoch ihren mühsamen Job, der noch anstrengender schien als das, was ihr Teil war. Und wenn dann noch Romanas persönlich vorbeischaute, verstummten solche Nörgeleien augenblicklich. Offenbar war keinem sonderlich daran gelegen, zum Schweigen gebracht zu werden, und das zuweilen für immer.

Auf einer Modenschau Kunstwerk zu sein, war leichter. Besonders dann, wenn die Garderobe wirklich interessant war. Am schlimmsten waren hingegen irgendwelche Ausstellungen oder Messeeröffnungen, wo man Puppe war und alle Künste zu vergessen hatte. Eine Puppe ist eine Puppe. Aber alles im Leben konnte man ertragen und dann abhaken.

Alles, nur nicht den Silberäugigen. Lina verspürte den Wunsch, sich mit diesem tolpatschigen Langen fotografieren zu lassen. Nicht unbedingt künstlerisch, irgendwie und irgendwo, und sei es in einem Polaroid-Studio. Aber dazu musste man ihn erst einmal finden. In welchen Sphären er sich bewegte, das überstieg ihre Vorstellungskraft. Zuweilen schien es ihr, dass er überhaupt nicht existierte.

Und da tauchte er auf, wieder unerwartet, wieder auf magische Weise. Lina hatte es sich gerade auf dem Rücksitz von Stasys’ BMW bequem gemacht, sie rauchte und wartete, bis die Ampel auf Grün sprang. Den Silberäugigen hatte sie gerade noch aus den Augenwinkeln wahrgenommen, als sie auch schon, wie von einer Tarantel gestochen, aus dem Wagen stürzte. Dem Fahrer gab sie ein Zeichen, ohne sie weiterzufahren.

Der Silberäugige hatte abermals von seinem Talent Gebrauch gemacht, unangenehm aufzufallen. Diesmal waren es zwei Polizisten, denen er missfiel. Offenbar rief allein seine Erscheinung Ordnungshüter jeder Art auf den Plan. Er selbst war die inkarnierte Unordnung. Diesmal trug er schief geschnittene, ausgefranste Shorts, dazu ein graues T-Shirt, auf dem die Aufschrift »This is a very lousy shirt« prangte. Der auf diese Weise auffällig Gewordene hielt den Polizisten gerade einen Vortrag über höfliches Benehmen. Die hatten bereits ihr Sprechfunkgerät eingeschaltet, offenbar entschlossen, einen Streifenwagen anzufordern.

Lina verstand selbst nicht, was sie nun wieder tat. Das war sinnlos. Das war unverständlich und unglaubwürdig.

»Wie viel hast du ihnen zugesteckt?«, fragte der Lange mit Engelsstimme, nachdem er sich plötzlich beruhigt hatte. »Was gibt man in diesen Zeiten?«

»Fünfzig«, murmelte Lina gereizt und zündete sich eine Zigarette an.

»So ein sagenhaftes Mädchen wie du hat kein Recht zu rauchen«, bemerkte der Silberäugige ernst.

Später fragte sich Lina immer wieder, wie das hatte passieren können. Sie erforschte ihre Gefühle und Gedanken bis zurück in ihre Teenagerjahre. Stets war eine Zigarette ihr mehr gewesen als eine Angewohnheit oder eben ein leichtes Narkotikum. Rauchen war ein geheimes Ritual, es erleichterte das Vergessen und hielt das Leben im Gleichgewicht. Alle hatten es ihr verboten, besonders ihre Kosmetikerin. Sie rauchte trotzdem. War sie doch selbst so etwas wie eine allmählich herunterbrennende Zigarette. Ohne Zigaretten gab es ihn nicht, den wundersamen Kontinent des Vergessens. Zudem riskierte sie, die Hälfte ihrer Macht zu verlieren.

Immer wieder fragte sie sich später, wie das hatte passieren können, ohne eine Antwort zu finden. Sie warf einfach die noch halbvolle Schachtel weg und rauchte nie mehr. Mehr noch: Sie konnte keine Zigaretten mehr sehen und von jeder Art Tabaksqualm wurde ihr übel.

Diesmal sprach der Silberäugige länger mit ihr. An seine Worte erinnerte sich Lina kaum noch, die waren unwichtig. Sie sah ihm nur in die Augen und trank deren Silber. Auch kam es ihr vor, als ginge ein besonderer Duft von ihm aus, etwas Undefinierbares, das keinesfalls körperlich war. Alles an ihm schien zu leuchten und sie badete in diesem Fluidum. Das ruhige Leben war vergessen, sie war in einen Ozean eingetaucht, in ein wogendes, unbekanntes Meer. Oder war es eher ein Schweben im luftleeren kosmischen Raum?

Und wieder stahl sich der Silberäugige davon. Er entwandt sich ihr wie eine Natter, nicht ohne zuvor einen Kuss auf ihrer Wange zurückgelassen zu haben: ein Natternzeichen. Lina schaffte es gerade noch, ihm ihre Telefonnummer hinzukritzeln. Immerhin war sie jetzt überzeugt, dass es ihn wirklich gab.

Die folgenden zwei Wochen verbrachte Lina vor allem damit, sich zu verfluchen. Selbstmitleid verabscheute sie, sich zu verfluchen aber hatte sie gelernt. Nun war sie dabei, ihr ganzes Leben zum Teufel zu wünschen, von den Kindheitstagen angefangen bis zu dieser Stunde. Aber sie gab nicht anderen die Schuld, auch nicht den so genannten Lebensumständen, sondern allein sich selbst. Sie verfluchte die Parkbank in Palanga, auf der sie ihre Unschuld verloren hatte, aber nicht die Bank war es, die Verachtung verdiente, sondern sie und ihr albernes Benehmen damals auf dem rutschigen Holz. Sie verwünschte ihre zu schmale Nase, derentwegen sie einem hysterischen Typ Frau glich. Ihre ausladenden Hüften, welche die Männer verrückt machten, aber schuld waren, dass man sie nicht zu den klassischen Schönheiten zählen konnte. Und da war auch noch ihre gottverdammte Trägheit, die, kaum hatte sie eine ernstere Aufgabe zu bewältigen, alle frommen Wünsche zunichte machte.

Lina verfluchte sich systematisch und der Reihe nach wegen all dieser Dinge, aber sie wusste allzu gut, dass sie einzig wegen des Silberäugigen mit sich ins Gericht ging. Sie hätte ihm nicht begegnen dürfen. Und wenn, dann hatte sie kein Recht, sich gehen zu lassen, sich unverstandenen Gefühlen hinzugeben. Man mochte sich im Leben wie auch immer einrichten, nur dumm verhalten sollte man sich nicht. So verfluchte sie zuerst die eigene Dummheit, den Verlust von Sicherheit und innerer Ruhe, den törichten Versuch, die Grenzen der Welt, in der sie sich bewegte, auszuweiten. Diese Welt war keineswegs großartig, aber auch nicht tragisch oder hoffnungslos. Gefährlich wurde es nur dann, wenn man in mehreren Welten zugleich leben wollte. Das konnte böse ausgehen. Ein häufiger Strategiewechsel sei schlechter als die miserabelste Strategie, an der man festhalte, diese Formel der Lebensweisheit hatte ihr ein Mathematiker beigebracht, der nach der Arbeit Blumen zog und sie häufig mit einem frischen Strauß überraschte. Daher verfluchte Lina auch noch die Mathematik. Ohne die wüsste sie von keinen Gesetzen und brauchte sich nicht den Kopf zu zerbrechen.

Man hatte ihr vorgeschlagen, eine Woche in Amsterdam zu arbeiten, mit einer Jugendmodekollektion. Zwei junge Holländerinnen, die eine Modelagentur betrieben, winkten mit Geld und Preisen, waren daher besonders zielbewusst und entsprechend nörgelig. In der Regel war Lina eine geduldige Arbeiterin, aber diesmal fühlte sie sich von den beiden beleidigt. Sie wurde angewiesen, ihre Frisur von Grund auf zu ändern. Lina war stolz auf ihr üppiges blondes Haar, in das sie winzige Locken einzudrehen liebte, was auch modern war. Nun sollte sie das Haar glätten, nach hinten kämmen und offen über die Schultern fallen lassen. Dann sollten irgendwelche Bänder, Schnüre und Lederstücke eingearbeitet werden. Das war normal, die beiden wollten zeigen, was sie konnten. Doch Lina war tief gekränkt und verfluchte sich auch noch dafür, dass sie nichts als eine bescheuerte Puppe war, die jedes Kind kämmen durfte, wie es ihm einfiel. Auch das war dumm. Man musste unverzüglich die Haare glätten und nach Amsterdam fahren. Aber so war die Welt beschaffen: Hatte man erst eine Dummheit gemacht, gegen die man ankämpfte, schon war man dabei, eine noch größere zu begehen.

Trotz der sengenden Hitze schlenderte Lina durch die Stadt und provozierte die Männer. Nicht absichtlich, es war nun einmal ihr Los. Mit grellfarbenen Shorts, hauchdünner Bluse und ohne Büstenhalter war sie zur wandelnden Herausforderung geworden. Aber sie beachtete die Männer nicht, selbst diejenigen, die sie kannte. Nicht mal dann, wenn man nach ihr rief, reagierte sie. Und wagte einer, sie am Ärmel zu zupfen, verfluchte sie den ebenfalls. Aber nicht in Gedanken, sondern lauthals, mitten auf der Straße. Lina konnte, wenn es sein musste, fluchen wie ein Kutscher. Sie wusste, dass das einen abstoßenden Eindruck machte. Eine exotische Schönheit, die plötzlich mit Schimpfwörtern um sich warf wie ein besoffener Matrose. Nach einem solchen Schock verblasste gewöhnlich jeder Sex-Appeal. Und genau darauf hatte sie es abgesehen. Sie wollte, dass man sie in Ruhe ließ. So bewegte sich Lina durch das hitzeflimmernde Vilnius, hasste sich wieder einmal und bedauerte ihre Haare. Aber sie begriff sehr gut, dass sie nur auf einen Anruf des Silberäugigen wartete.

Das war das Seltsamste von allem: Sie hätte wütend auf ihn sein, alle möglichen Strafen für ihn ausdenken sollen. Ihn quälen und erniedrigen, wenigstens in Gedanken. Oder sich erst mit ihm treffen, ihn gehörig anmachen und ihn dann kalt abblitzen lassen. Mehr noch: ihn grausam verhöhnen. Nur so! In dieser Rolle hatte sie sich früher zuweilen gesehen, wenn sie wieder einmal Kolleginnen von ihren traurigen Männergeschichten reden hörte. Doch so oder so, die Ruhe war dahin. Lina fühlte sich wie eine zum ersten Mal verliebte Achtklässlerin.

»Was am meisten erstaunt, sind natürlich die Haare«, flüsterte eine Engelsstimme und ihr beinahe ins Ohr. »Wären nicht diese Haare, es wäre vielleicht noch möglich gewesen vorbeizugehen.«

Lina stockte das Herz. Sie vergaß sich zu beschweren, warum er nicht angerufen hatte, versuchte überhaupt nicht, ihm etwas vorzuwerfen. Fragte ihn nichts, denn er redete ausreichend selbst. Sie konnte ihm zuhören, wie man Musik hört, ohne auf Worte zu achten. Und dann konnte sie selbst diese geheimnisvolle Musik außer Acht lassen, ihm nur in die Augen schauen und deren Silber trinken. Wie von selbst gelangten sie in ihre Wohnung, umarmten sich, halfen einander beim Ausziehen. Er war nicht besonders kräftig, aber wirklich magisch. In der Duschkabine küssten sie sich, dann schliefen sie miteinander, aber Lina erinnerte sich später kaum an Einzelheiten. Wichtiger war der heimliche Rausch, der die Welt um sie herum verblassen ließ. Das war ein alles umfassendes Gefühl, nicht in Worte zu kleiden und fast noch wichtiger als alles Körperliche.

Diesmal fand Lina Zeit, seinen Körper zu betrachten, sein Engelsgesicht mit den ein wenig hervorstehenden Wangenknochen. Sein bestes Stück, das groß und ziemlich schief war. Romas hieß er und war Journalist. Wer wollte, konnte seine Artikel lesen oder ihn im Fernsehen bewundern. Doch Lina las keine Zeitungen und sah kein LTV. Sie dankte den Göttern, dass sie ihn nicht zuvor schon zu Gesicht bekommen hatte. Auf dem Bildschirm wären diese magischen Silberstrahlen nicht zur Wirkung gekommen; sie hätte einen Blick auf ihn geworfen und ihn gleich wieder vergessen. Aber jetzt gehörte er ihr, bis in alle Ewigkeit. Dieser Zauber konnte und durfte nicht enden. Lina wollte nichts ändern, nichts verbessern oder gar analysieren, Alles war, wie es sein musste.

Die Reise nach Amsterdam entfiel von selbst. Sie dachte gar nicht daran, ihr goldblondes, in winzige Locken gedrehtes Haar anzurühren. Auf einmal kam ihr die Idee, mit dem Silberäugigen die Tulpenstadt zu besuchen. Sie schlug vor, sich um Visa zu kümmern – und war zum ersten Mal mit seiner Manie konfrontiert.

»Ich hab’ kein Geld und von anderen nehm’ ich keins«, ließ er sie wissen.

»Außerdem ist dein Geld bestimmt von der Mafia.«

»Vielleicht auch ich selbst?«, spottete Lina.

»Das wohl nicht. Schon deshalb, weil du Geschmack hast. Du bist zwar eine wahre Höllenbraut, aber das bist du von dir aus.«

»Macht dir das, Engelchen, nicht ein wenig Angst?«

»Ein Geschenk ist das.« Romas lächelte. »Wen kann denn ein Engel lieben? Nur eine Höllenbraut. Natürlich, wenn es ihm gelingt. Selten gelingt das einem Engel.«

Amsterdam fiel nun endgültig ins Wasser. Was blieb war, sich mit Romas fotografieren zu lassen. Um keine Zeit zu verlieren, zwängten sie sich zusammen in die Kabine eines Polaroid-Automaten. Auf den Fotos sahen sie aus wie die letzten Debilen, Lina bemühte sich, sie niemandem zu zeigen, dennoch trug sie sie in ihrer Handtasche herum. Und da, an einem drückend heißen Tag, traf sie vor der geöffneten Handtasche Romanas, der ruhig eines der Bilder in seiner Hand hin und her drehte. Nur allzu gut wusste sie, es war nicht erlaubt, sich aufzuregen, nicht mal die Stirn in Falten zu ziehen. Dennoch hatte sie Mühe sich zu beherrschen.

»Die Agenturen haben mich angewiesen«, so Romanas kalt, »dass sie bei ihren Modellen keine dunklen Ringe unter den Augen sehen wollen. Solche von durchgefickten Nächten etwa. Alles andere ist deine Sache. Aber vergiss nicht, ich habe in dich investiert. In ein paar Jahren hast du mir Dividende zu bringen. Und unterbezahlt bist du auch nicht, richtig? Und an den Arsch geht dir auch niemand. Richtig?«

Lina spürte die Gefahr nicht. Romanas war ein Verrückter, aber sein Wahnsinn war berechenbar. Was er wollte, erreichte er, notfalls mit allen Mitteln, aber er kam ihr nicht mit perversen Wünschen und Zumutungen. Man durfte ihm nur nicht in die Quere kommen. Das hatte sie auch nicht vor. Sie war dabei, hartnäckig zu arbeiten und einiges Geld auf die Seite zu bringen. Dachte daran, noch mal ein Managementstudium zu beginnen und so ihre verdammte Trägheit zu überwinden. Sie war umsichtiger geworden. Aber noch spürte sie keine Gefahr.

Lina wusste nicht recht, wozu Zeitungen überhaupt gut waren. Sie befassten sich kaum mit der Welt, in der sie lebte, und das, worüber sie berichteten, interessierte sie wenig. Doch das Blatt, für das Romas schrieb, kaufte sie täglich. Sie blätterte es durch, suchte die Artikel des Silberäugigen und las nur sie. Mit einiger Verwunderung entdeckte sie ein seltsames, oft mühseliges und ärmliches Alltagsleben, das Romas detailliert beschrieb. Offenbar fesselten ihn Menschen mit den geringsten und lächerlichsten Sorgen und Nöten. Und wirklich hatte er seine Manie: Wo er auch hinblickte, überall sah er die Mafia am Werk. In seinem Kopf und in seinen Artikeln war sie einflussreicher als selbst der Staat. Sie regelte beinahe alles auf der Welt, war geradezu überirdisch, daher um so erschreckender und hassenswerter. Diese fixe Idee des Silberäugigen amüsierte Lina. Sie kannte ein wenig die Szene, über die Romas nur fantasierte. In ihr agierten weder Titanen noch waren da Anzeichen von Allmacht. Nur blutige Gesetze gab es und einen leisen Anflug von Wahnsinn. Der Silberäugige – Romantiker, der er war – verwandelte unversehens zynisch trainierte Muskelprotze in allgewaltige Dämonen. Vielleicht musste man sich so verhalten in seiner seltsamen Zeitungswelt.

Begegnete sie Romas im Fernsehen, sah sie sich nicht nur die Sendung an, sondern zeichnete sie auch auf Video auf. Sie war nicht darauf aus, die ganze Zeit mit ihm zusammen zu sein, sah ihn nicht jeden Tag. Doch Lina spürte die Notwendigkeit, den Silberäugigen zu sich zu rufen, wann immer ihr danach war. Und sei es nur auf dem Fernsehschirm. Hatte sie das Band gestoppt, redete sie zuweilen eifrig auf ihn ein. Sie glaubte nicht, dass so etwas verrückt sei, allenfalls ein Anzeichen heilloser Verliebtheit. Das war natürlich, ein Leben lang hatten ihr Gesprächspartner gefehlt. Und Gedanken, die man immer nur im eigenen Kopf hin und her bewegte, konnten einen allmählich um den Verstand bringen. Gespräche mit einem Fernsehbild hatten zudem eine seltsam beruhigende, geradezu heilende Wirkung. Sie fragte etwa, nachdem sie das Band angehalten hatte, ob sie sich einen Joghurt mit Erdbeeren kaufen sollte oder lieber einen mit Kirschen. Es war wahnsinnig wichtig, dazu die Meinung des Silberäugigen einzuholen. Shorts tragen? Oder doch lieber ein Kleid? Aber sie befragte ihn auch über den Sinn des Schmerzes, die Ungerechtigkeit des Himmels und das Los der Frauen.

Solche Dinge wären ihr nicht über die Lippen gekommen zu Zeiten, wo er leibhaftig vor ihr stand. Wenn sie in einem kühlen Zimmer miteinander schliefen oder Hand in Hand durch die noch immer hitzeflimmernde Stadt schlenderten, bedurfte es keiner Worte. Alles, was sie wissen wollte, verrieten seine Aura, seine silberstrahlenden Augen. Hunderttausend Informationen, hunderttausend Antworten konnten in einer einzigen Berührung seiner Hand enthalten sein.

Es ängstigte sie nur, dass Romas mitunter Mühe hatte, sich in ihrer Welt zu halten. Zuweilen verschwand er einfach, obwohl er noch immer neben ihr lag. War sie schon ganz und gar bereit, sich mit ihm zu lieben, konnte es vorkommen, dass er plötzlich kraftlos und hilflos schien wie ein Kleinkind. Lina war keineswegs erbost über diese blamablen Schwächeanfälle, eher besorgt. Mit aller Kraft klammerte sie sich dann an den Engelskörper, der nicht lieben wollte, in Panik, er könne sich ganz und gar in Luft auflösen. Lina liebte auch seine Schwächen und Unbeholfenheiten. Liebte sogar die kleinen Pickel, die manchmal auf seinem Kinn sprossen. Seine endlosen Erörterungen, die Zukunft des Landes betreffend. Seine Hymnen auf den Elan der Jugend, den, so meinte er, noch niemand wirklich wahrgenommen und gewürdigt habe.

Lina hatte begonnen, Gedichte zu schreiben, aber nur für sich selbst. Über seine geheime Schwäche und ihre eigene seltsame Leidenschaft. In diesen Versen verwandelten sich alle Mängel des Silberäugigen unversehens in himmlische Engelsmacht, imstande und fähig, die Welt zu erobern. Zumindest Linas Welt.

Als sie ihn zum ersten Mal zu einer Party mit den Modeleuten mitnehmen wollte, grinste er.

»Kaufst du mir einen Smoking? Oder wenigstens einen Frack mit Ärmelaufschlag, so einen für dreihundert Dollar?«

»Du hast doch kein Geld«, entgegnete Lina gelassen, denn darauf war sie vorbereitet. »Und für fremdes, ich weiß, lässt du dich nicht einkleiden. Vergiss es. Ich will auch nicht, dass jemand denkt, ich würde dich aushalten.«

Während der Party zeigte sich Lina zufrieden, denn Romas sah sich kaum nach anderen Frauen um. Doch verspürte sie auch Unruhe. Denn am meisten interessierte er sich für Romanas, der die Truppe mit einer kurzen Visite beehrte. Romas’ Silberaugen leuchteten plötzlich wie zwei weißglühende Taler. Man musste ihn am Ärmel festhalten, damit er nicht zu Romanas hinstürzte, wer weiß wozu, vielleicht um ihn zu beschnuppern. Das hätte man denken können, wenn man seine bebenden Nasenflügel sah.

»Na, welche hat dir gefallen?«, erkundigte sich Lina, als sie auf dem Heimweg waren. »Mit welcher würdest du ins Bett gehen? Vielleicht mit allen zusammen?« Die Beunruhigung hatte sie schnell vergessen.

»Diese Svetlana ist nicht übel, die mit den superblonden Haaren und dem breiten Mund«, entgegnete Romas. »Sie ist natürlich keine Höllenbraut wie du, aber eine richtige kleine Hexe. Und irgendwie clever.«

Letzteres hätte Lina nicht einmal unter Folter zugegeben. Erst unlängst war Svetlana direkt auf dem Laufsteg ein Kleid gerissen. Die Naht platzte ihr direkt über dem Hintern, gerade in dem Augenblick, als sie in eleganter Drehung dem Publikum den Rücken zugekehrt hatte. Lina bedauerte sie herzlich, aber als sie allein war, lachte sie schallend und weinte und lachte.

Hatte sie wieder einmal auf diese Weise ihren Gefühlen freien Lauf gelassen – war so etwas noch normal? –, dann rief sie Romas auf ihr Videogerät und erzählte ihm alles. Sie wusste, er würde helfen. Würde sie beruhigen oder, wenn nötig, ihr eine Standpauke halten. Aber am wichtigsten war, dass er seine Zauberkraft zur Anwendung brachte. Dass sie auf keine dummen Ideen mehr kommen konnte, nur Gutes tat und ihre Mitmenschen liebte. Dass es keine Lüge gab zwischen ihnen. Außerdem wünschte sie, dass er sich für Management interessierte und ihr während des Seminars Lösungen ins Ohr flüsterte, die alle Dozenten begeisterten.

Lina hatte wirklich ihre ganze Lebensruhe verloren. Aber manchmal dachte sie, dass sie dafür vielleicht das Leben selbst entdeckt hatte. Und es war wirklich ihr, einzig ihr Leben. Sie nahm Romas überall mit hin, wo sie konnte. Die Kolleginnen waren keine Giftschlangen, sagten einem nicht ins Gesicht, was sie dachten. Aber sie bekam einiges mit, hörte halblaute Gespräche. Da war keine Verachtung für einen, der nicht dazugehörte, eher schon Verwunderung. Die Hexe Svetlana, die die hinter ihrem Rücken befindliche Lina nicht bemerkt hatte, gab wohl die Meinung der Mehrheit zum Besten. Er hätte, so meinte sie, ja irgendwas Besonderes haben können, wenigstens in der äußeren Erscheinung oder der Sprache, der Bildung. Doch nichts! Absoluter Durchschnitt.

Lina hatte immer schon vermutet, die Mädchen aus ihrem Umkreis seien oberflächlich und nicht gerade mit Geist gesegnet. Jetzt war sie endgültig davon überzeugt. War doch der Silberäugige etwas Besonderes, und zwar in allem! Nur ein dreifach Blinder konnte seine wundervollen Augen übersehen. Nur ein dreifach mit Taubheit Geschlagener nicht die Musik seiner Stimme vernehmen. Nur jemand, der nie an einer Blume gerochen hatte, nicht von seinem himmlischen Duft bezaubert sein. Zugegeben, er war etwas mager und unproportioniert, aber eben das war es, was sein himmlisches Wesen ausmachte. Nicht selten wirkte er müde und kraftlos, das konnte als ein Zeichen der Menschlichkeit gelten. Aber dann gab es auch wieder diese Kraft in der Kraftlosigkeit, geheime Energien, die der Silberäugige unbemerkt und allmählich in sich aufnahm. Romas war kein besonders guter Journalist, wohl deshalb, weil er nicht für den Tag schrieb. Er bewegte sich ohne Eile, doch mit festem und klarem Schritt. Er wusste stets, was er wollte. Und jeder seiner Gedanken, jede seiner Bewegungen, jede Stunde mit ihm verlangte nach einem Gedicht. Lina war keine richtige Dichterin, doch jede ihrer poetischen Hervorbringungen war eine flüchtige Kostbarkeit. Was machte es, wenn sie die am nächsten Tag verbrannte, nachdem sie den Text noch einmal laut gelesen hatte. Schmetterlinge für einen Tag waren das, aber sie bedeuteten viel. In ihnen konnte sie über den Sinn des Schmerzes meditieren, über die Ungerechtigkeit des Himmels. Und darüber, was es bedeutete, eine Frau zu sein. Die tiefsten Wahrheiten fanden Platz darin. Deshalb auch lebten sie nur einen einzigen Tag, um dann der Vergessenheit anheim gegeben zu werden, zusammen mit allen bösen Erinnerungen.

Diese Mädchen, die nur dem Geld nachjagten, verstanden nichts und konnten nichts verstehen. Sie fühlten nichts und konnten nichts fühlen. Nicht lange schien es her, da war sie beinahe auch so eine gewesen. Gott sei Dank nur beinahe. In dem Block aus Eisenbeton, der sie bis gestern noch umgab, fanden sich genügend Spalten und Risse, durch die ein wundersamer, lebendiger Geist eindringen konnte. Ein leibhaftiger Silberengel, der seine Höllenbraut mit sich zu nehmen versprach. Lina war stolz, dass Romas gerade sie gewählt hatte. Das bedeutete, sie war es wert, hatte sich noch nicht in eine Puppe, in ein lebloses und teures Luxusgeschöpf verwandelt. Sie konnte ihre Kunst zur Geltung bringen oder wenigstens einen Abglanz davon. Und nicht nur auf den Titelseiten von Modejournalen, auch in ihrem neuen, so aufregenden Leben.

Sie war glücklich, irgendwie mühsam und seltsam glücklich, war gleichsam Aschenputtel aus dem Märchen, welches immer noch Linsen sortiert, aber spürt, ja überzeugt ist, zur Prinzessin auserkoren zu sein. Nur musste man noch ein wenig warten. Ein klein wenig geduldig warten.

Lina wusste, dass im Leben ein Blitz stets aus heiterem Himmel kam. Hatten sich zuvor schwarze Wolken geballt, hatte es bereits geblitzt und gedonnert, dann war kein Gewitter wirklich drohend. Unheil, das man im Voraus spürte, war kein wirkliches Unheil, allenfalls ein zu erwartendes Ereignis, das zum natürlichen Auf und Ab des Lebens gehörte. Ein wirkliches Gewitter, eingeleitet von einem grellen Blitz, konnte nur aus absolut heiterem Himmel kommen.

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