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Ricarda Stöckel
NEUSEENSTADT 2040
Geschichte einer Unternehmerin
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015

Ricarda Stöckel wurde 1950 in Zwenkau bei Leipzig geboren und erlebte in ihrer Jugend die Landschaftszerstörung durch den Braunkohleabbau hautnah mit. Nach einer Ausbildung als Schriftsetzer und dem Studium polygrafischer Maschinen arbeitete sie in Leipzig in einem Maschinenbaubetrieb, in einem Forschungsinstitut, in einer Druckerei und ab 1990 bei der ersten deutschdeutschen Zeitung »Wir in Leipzig«.
Ab 1993 war sie zehn Jahre als Redakteurin in einem Energieversorgungsunternehmen tätig.
Ricarda Stöckel ist seit 1971 verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und ein Enkelkind. Sie lebt mit ihrem Mann in Leipzig und betätigt sich als Journalistin und Autorin.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelfoto © Ricarda Stöckel
Skulptur (Eichenholz) von Linda Blüml
Cospudener See 2004 (www.lindablueml.de)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
Erfolg hat drei Buchstaben:
TUN
(J. W. v. Goethe)
Eine Vision für Menschen, die die Zukunft für sich und andere aktiv gestalten, die das Glück haben, nicht jung sterben zu müssen, die das Alter mit seinen Beeinträchtigungen ertragen und die die Chance ergreifen, jede Lebensphase sinnvoll zu nutzen.
INHALT
Cover
Titel
Über die Autorin
Impressum
Zitat
Prolog
01. Kapitel – Dienstag, 26. Juni 2040
02. Kapitel – Mittwoch, 27. Juni 2040
03. Kapitel – Donnerstag, 28. Juni 2040
04. Kapitel – Freitag, 29. Juni 2040
05. Kapitel – Samstag, 30. Juni 2040
06. Kapitel – Sonntag, 1. Juli 2040
07. Kapitel – Montag, 2. Juli 2040
08. Kapitel – Dienstag, 3. Juli 2040
09. Kapitel – Mittwoch, 4. Juli 2040
10. Kapitel – Donnerstag, 5. Juli 2040
11. Kapitel – Freitag, 6. Juli 2040
12. Kapitel – Sonnabend, 7. Juli 2040
13. Kapitel – Sonntag, 8. Juli 2040
14. Kapitel – Montag, 9. Juli 2040
15. Kapitel – Dienstag, 10. Juli 2040
16. Kapitel – Mittwoch, 11. Juli 2040
17. Kapitel – Donnerstag, 12. Juli 2040
18. Kapitel – Freitag, 13. Juli 2040
19. Kapitel – Sonnabend, 14. Juli 2040
20. Kapitel – Sonntag, 15. Juli 2040
Epilog –15. Juli 2045
PROLOG
Die Frage des Mannes haute mich um. Ich fühlte mich am Ende. Nutzlos, arbeitslos, krank. Zwar hatte ich im Frühjahr 2005 meine Krankheit größtenteils überwunden und der Arzt versprach mir bessere Zukunftsaussichten. Was für eine Zukunft?
Seit dem bösen Spiel meiner besten Freundin hatte ich alles verloren.
Dann war die Krankheit ausgebrochen, von der ich mich wie durch ein Wunder langsam erholte. Doch wohin sollte mich mein Weg führen, wenn ich als Ziel nur ein großes schwarzes Loch sah? Was hatte das alles für einen Sinn, wenn mein ständiger Begleiter Einsamkeit hieß?
Mit diesen Gedanken starrte ich auf die glitzernden Wellen des Sees, einer der Bergbaufolgeseen, die dem Leipziger Südraum den Namen »Neuseenland« gegeben hatten. Viele Jahre hatte ich verfolgt, wie sich aus dem ehemaligen grauen Tagebaugelände diese Erholungslandschaft entwickelte. Plötzlich spürte ich, wie sich ein klein wenig Freude durch den Gedankenmorast kämpfte. Ich bemerkte den Mann, der mich von der Nachbarbank aus fixierte. Die kleine Freude kam an der Oberfläche an und entwickelte sich zu der erstaunlichen Vorstellung: Ich bin ja doch noch attraktiv, wenn mich ein Mann so beobachtet!?
Mein Herz machte einen Sprung, als er sich erhob, zu meiner Bank schlenderte und fragte: »Darf ich mich zu Ihnen setzen und Sie etwas fragen?« Eine angenehme tiefe Stimme, deren Klang mich an meinen Frankfurter Schwiegersohn erinnerte. »Ja, bitte«, sagte ich und schaute ihn voller Erwartung an, während ein Duft nach Aftershave meiner Nase schmeichelte. Und dann kam die Frage. Alles hatte ich erwartet, doch nicht: »Würden Sie in ein Altersheim ziehen?«
Die Wellen auf dem See kräuselten sich stärker. Der Wind blies auf meine nackten Arme, die sich mit Gänsehaut überzogen. Mein Gesicht glühte und ich drehte mich von dem Blonden weg, um meine schwarze Strickjacke aus der Tasche zu holen.
Von wegen jung und attraktiv! Wie hatte ich mir bloß einbilden können, der Fremde würde mit mir flirten wollen? Eine Unverschämtheit, diese Frage: Ich war fünfundfünfzig Jahre alt. Natürlich zu alt, das hatten sie mir schon vor einem Jahr beim Rauswurf aus der Firma zu verstehen gegeben. Unnütz, alt, ungeliebt – der Sumpf in meinem Kopf hatte den kecken freudigen Gedanken bereits wieder verschlungen. Was bildete der Kerl sich ein? Wollte er provozieren?
»Finden Sie mich so alt und hinfällig?« Ich legte eine Portion Wut in meine Antwort. Doch der Mann, der bestimmt auch schon länger den vierzigsten Geburtstag hinter sich hatte, ließ sich nicht beirren. »Ich sollte mich wohl erst einmal vorstellen: Enrico Sommer ist mein Name. Ich finde nicht, dass Sie alt aussehen, im Gegenteil. Ich frage aus einem beruflichen Grund. Warum möchten Sie auf keinen Fall in ein Heim ziehen?«
Die Mischung aus Freundlichkeit und Sachlichkeit in seiner Stimme besänftigte mich. Eine einfache Frage, die Antwort verlangte: »Um Himmels Willen, so ein Altenghetto ist doch furchtbar. Nur mit Siechtum und Tod konfrontiert zu werden, das ist kein Leben, da geht man ein wie eine Primel, selbst wenn man noch nicht krank ist!«
»Ich habe andere Erfahrungen gesammelt«, sagte der Fremde immer noch mit ruhiger Stimme. »Aber sagen Sie mir doch, wie Sie sich wünschen, im Alter zu wohnen, wenn Sie ohne Hilfe nicht mehr auskommen?«
Jetzt wurde es schwieriger. Etwas abzulehnen ist einfach. Aber um eine vernünftige Alternative zu finden, müsste ich gründlicher nachdenken. Ich hatte genug Sorgen. Sollte ich mir jetzt auch noch ein Leben ausmalen, in dem ich alt, krank und pflegebedürftig sein würde? Welche Zumutung!
Wieder erreichte mich die tiefe Stimme: »Schön ist es hier am See, lieben Sie ihn auch so wie ich? Hier müsste man wohnen«.
Das war der entscheidende Satz. Er gab mir plötzlich das Gefühl, mit dem offensichtlich aus Hessen stammenden Menschen auf einer Wellenlänge zu sein. Meine Fantasie diktierte mir einen Wunschzettel für mein Alter. Es wurde eine Spinnstunde daraus. So angeregt hatte ich mich lange mit niemandem unterhalten. Ich fühlte mich richtig gut, als ich auf mein Fahrrad stieg und nach Hause radelte. Das Lachen von Enrico Sommer behielt ich noch lange im Ohr. Zum Abschied hatte ich ihm meinen Namen genannt: Jutta Herbst.
1. KAPITEL – DIENSTAG, 26. JUNI 2040
»Dienstag, 26. Juni 2040, 7.00 Uhr« leuchtet die Schrift in deutlich lesbaren orangefarbenen Zeichen auf dem hellgrauen großen Wandbildschirm, als Jutta Herbst aufwacht. Nach den letzten Tönen ihrer gewählten Musik von Peter Tschaikowski erscheint eine junge Sprecherin mit blonden, wirren Locken auf dem Monitor.
»Guten Morgen, liebe Hörer der Welle Frohe Leipziger. Wir erwarten einen heißen, sonnigen Tag. In diesem Programm informieren wir Sie über Aktuelles aus Leipzig, Sachsen und Deutschland. Für Meldungen und Informationen aus Neuseenstadt und dem Wohngebiet Sommerlust drücken Sie die Zwei Ihrer Fernbedienung oder sagen Sie Zwei. Wenn Sie einfach nur Musik hören möchten, sagen oder drücken Sie Drei. Wenn Sie Musik oder einen Film auswählen möchten, drücken Sie Vier. Die Fünf verbindet Sie mit einem Mitarbeiter von ServiceAktiv und mit der Sechs können Sie sich ins allgemeine Telefonnetz einwählen.«
Nichts davon, denkt Jutta, heute muss ich mich auf den Tag konzentrieren. Sie schaltet die Spracherkennung und den Monitor mit ihrer am Bett montierten Fernbedienung aus – eines von mehreren in der Wohnung verteilten einfachen Bedienelementen – und streckt sich. Wie jeden Morgen schmerzen die Rückenmuskeln. Aber sie weiß, dass das unangenehme Gefühl bald erträglich sein oder verschwinden wird, wenn sie in Bewegung gerät und ihren Medikamentencocktail getrunken hat.
Nach dem Toilettengang und dem kleinen Piks in den Finger schaltet sich der Bildschirm auf dem Badspiegel ein: »Ihre Vitalwerte sind in Ordnung, es ist keine Arztkonsultation notwendig«, erklärt eine Zeichentrickfigur mit dem Aussehen einer Krankenschwester. »Der Medikamentenmix für heute ist programmiert, nehmen Sie das erste Glas 7.30 Uhr zu sich. Sie haben noch fünfzehn Minuten Zeit für Ihre Übungen.« Eigentlich hat Jutta keine Lust, auch nur den kleinen Finger zu rühren. Vielleicht sollte sie sich lieber kurz in ihren Massagesessel setzen? Doch sie weiß, dass die auf ihren körperlichen Zustand zugeschnittenen Gymnastik- und Atemübungen wichtig für sie sind. Und so ahmt sie im Wohnzimmer mühsam die Bewegungen der Zeichentrickfigur nach, die jetzt auf dem Bildschirm an der Wand erscheint und wie eine Sporttrainerin aussieht. Folgsam kreist sie die Arme und das Becken, beugt und streckt den Rücken.
Sie erschrickt, als aus der Wohnung über ihr ein mächtiges Poltern davon kündet, dass sich die beiden kleinen Jungen wieder mal streiten und dabei mit einem Plastikfahrzeug an die Wohnzimmertür donnern. Erst vor einigen Tagen hat ihr die junge Mutter der im Frühjahr eingezogenen Familie Schulze erklärt, dass das Kinderfahrzeug mit »flüsterleisen« Rädern ausgestattet sei. Die temperamentvollen Sprösslinge würden Jutta hoffentlich nicht stören. Gleich darauf ertönt durchdringendes Kindergeheul, Geschrei der jungen Frau und des anderen Jungen. In Momenten wie diesem ist Jutta froh zu wissen, dass in der nächsten halben Stunde wieder Ruhe einzieht, wenn die kleinen Streithähne vom Kindergarten-Wegeservice abgeholt werden oder sich mit ihrer Mutter in den Kindergarten begeben. An welchen Tagen die Familie diesen von Juttas Firma ServiceAktiv vermittelten Transport nutzt, hängt von den wechselnden Dienstplänen der Eltern ab.
Trotz der gelegentlichen Lärmattacken ist sie glücklich, in dieser schönen Wohnung zu leben, die zu einem generationsübergreifenden Wohn- und Gewerbegebiet gehört, das in den letzten dreißig Jahren entstanden und gewachsen ist.
Während sie ihre Medikamentenmischung trinkt, denkt sie über den am Vormittag bevorstehenden Termin nach. Eine Reporterin möchte sie interviewen. Fünfundzwanzig Jahre ist sie jung, weiß sie von Enrico Sommer, der das Treffen arrangiert hat. Jutta steht nicht gern im Mittelpunkt und möchte nicht über sich und ihre Familie ausgefragt werden. Mit ihren Falten und dem alternden Körper von der Kamera eingefangen und auf zahlreiche Bildschirme projiziert zu werden, bedeutet Horror pur für sie. In drei Wochen wird sie den neunzigsten Geburtstag und ihr dreißigjähriges Geschäftsjubiläum feiern. Also hat sie zugestimmt. Es ist viel schief gelaufen in ihrem Leben, doch auf diese späte Leistung ist sie stolz. Je bekannter ihr Geschäftsmodell wird und je mehr Nachahmer es findet, desto größer ist der Erfolg. Also wird sie darüber erzählen, solange sie das noch kann.
An das Frühstücksbuffet im Gemeinschaftshaus mag Jutta nicht gehen, sie rührt am Küchentisch ihr Müsli zusammen und löffelt es noch im Nachthemd. Sie will sich nicht vor Aufregung ihre Kleidung bekleckern. Ihr Blick fällt auf die Plastikseiten der gestrigen Tageszeitung. Doch sie wird sich die aktuelle Ausgabe erst am Mittag herunterladen, wenn sie dieses Gespräch hinter sich hat, jetzt kann sie sich ohnehin nicht konzentrieren. Oder doch wenigstens die Seiten, die ihre Firma betreffen? Denn die wird sie nachher der Journalistin – ach nein – Medialistin heißt das heute – auch zeigen. Vorerst muss sie sich der Kleiderfrage widmen. Ausgerechnet heute soll es so heiß werden, dass Jutta es im Freien nicht aushält, aber garantiert im klimatisierten Raum friert. Sie greift zu ihrer atmungsaktiven grünen Lieblingsbluse und der beigen Hose aus einer hauchdünnen und blickdichten Brennnesselfasermischung. Erst vor zwei Wochen hat sie diese sich auf der Haut so angenehm anfühlende Hose im neuen Geschäft der Bornaer Naturfaserfabrik in Neuseenstadt gekauft und seitdem fast täglich getragen. Noch die praktische Magnetverschlusskette umgelegt, mit der Bürste durch die spärlich werdenden grauen Haare gefahren und einen kurzen Gedanken Dankbarkeit zugelassen, dass sie das alles noch selbstständig verrichten kann. Ihre Mutter war mit siebenundsiebzig Jahren im Pflegeheim gestorben. Nach einem Schlaganfall hatte die ehemalige Krankenschwester drei Jahre in hilflosem Zustand verbracht, gelähmt und mit Komplettausfall des Sprachzentrums. Gerade in dieser Zeit hatte Jutta nach längerer Arbeitslosigkeit eine neue berufliche Chance ergriffen. Während sie versuchte, die täglichen Herausforderungen zu bewältigen, ging sie in emotionaler Hinsicht durch solche Höhen und Tiefen, dass kaum noch Raum blieb für Gedanken an andere. Sie hätte selbst den Rückhalt gebraucht, den sie der kranken Frau nicht geben konnte. Später bereute sie tief, die Mutter in ihrer letzten Lebensphase allein gelassen und kaum besucht zu haben. So hatte sie wenig von den Missständen in diesem Haus mitbekommen. Sie hatte gedacht, das sei nicht zu ändern, wenn das Geld wichtiger ist als der zu betreuende Mensch. Auch die Pflegekräfte waren Zwängen und chronischem Zeitmangel ausgesetzt.
Doch daran will sie jetzt nicht denken. Zum Glück schaltet sich Enrico Sommer auf den Bildschirm: »Hallo Jutta, hast du die Kamera deaktiviert? Ich kann dich nicht sehen. Deine Besucherin wartet schon bei mir.«
Wie immer genießt Jutta, die freundliche Stimme des Wohngebietsleiters zu hören, mit dem sie seit vielen Jahren zusammen arbeitet und befreundet ist. Mit ihm und seiner Frau Manuela hat sie eine Menge Lebensqualität für viele Menschen erzeugt, nicht zuletzt für sich selbst.
Jutta nimmt ein Ein-Personen-Elektrofahrzeug aus dem Fuhrparkraum im Erdgeschoss, nachdem sie es durch Anlegen ihres Fingerchips entsperrt hat. Sie findet es gut, dass im System der gemeinschaftlich genutzten Gegenstände Ordnung herrscht: Im Zentralcomputer der Wohnanlage wird gespeichert, wer wann was benutzt, wann etwas nicht in Ordnung ist und durch wen es kontrolliert und repariert wird.
Wenn die Journalistin nett ist, zeige ich ihr etwas mehr von unserer Siedlung, vielleicht setze ich mich mit ihr an den See, wo man es im Schatten gut aushalten kann, überlegt sie.
Den Grundstein für das Wohngebiet Sommerlust in Neuseenstadt am See in der Umgebung von Leipzig hatte der aus Hessen stammende Architekt Enrico Sommer im Jahr 2005 gelegt. Trotz anfänglicher Pannen und Fehlschläge hatte sich für ihn und seine Frau Manuela der Schritt in die Selbstständigkeit gelohnt. Enrico Sommer hatte kühne kreative Pläne verwirklichen können. Seit Jahren gilt diese Siedlung als beispielgebend für modernes, umweltschonendes, generationsübergreifendes, altersgerechtes und familienfreundliches Wohnen.
Zu dem Gebiet gehören heute Mehrfamilien- wie Einfamilienhäuser, ein Gesundheitszentrum, ein Krankenhaus und ein kleiner stationärer Pflegebereich, zwei Schulen, eine Kindertagesstätte, ein Sportzentrum, Restaurants, gemeinschaftliche und individuell genutzte Gärten, Parkanlagen, Gemeinschafts- und Freizeitanlagen, eine Bibliothek, ein kleineres Einkaufs- und Dienstleistungszentrum mit Parkhaus, ein Hotel und Gästehäuser, der Fuhrpark, verschiedene Werkstätten und kleine Firmen. Das Herzstück der Siedlung bildet Juttas Firma ServiceAktiv mit zwanzig Beschäftigten, die Dienstleistungen und Informationen koordinieren.
Alles ist auf ebenen Wegen gut zu erreichen. Es gibt mehr zu zeigen und zu erzählen als in ein Interview passt, zumal Journalisten unter notorischer Zeitknappheit leiden.
Als Jutta zum Bürohaus kommt, hört sie Orgelmusik durch das geöffnete Fenster. Eine Frau humpelt ihr entgegen. Manuela sollte doch etwas abnehmen, sie läuft immer schlechter, denkt Jutta. Sie überlegt, der Freundin den Gesundheitskurs zu empfehlen, von dem ihre Assistentin Beate Schultz seit Wochen begeistert erzählt. Besonders schwärmt ihre fünfzigjährige Mitarbeiterin von der lustigen Truppe, in der Frauen und Männer von zwanzig bis neunzig Jahren gemeinsam Sportübungen machen und über die neuesten Erkenntnisse gesunder Ernährung diskutieren. Ein Teil der Gruppe trifft sich regelmäßig zum gemeinsamen Kochen. Beate ist stolz darauf, dass sie bei so viel Spaß ganz nebenbei zehn Kilo Gewicht verloren hat. Gerade wir, die hier viele Angebote ins Leben gerufen haben, sollten die Vorteile selbst stärker nutzen.
Manuela unterbricht Juttas Gedanken: »Hallo Jutta, hörst du das? Ich kann es nicht fassen, der verrückte alte Kerl will die Kleine mit seinem Charme um den Finger wickeln! Mein Mann weiß genau, dass sie jetzt mit dir verabredet ist! Doch er setzt sich in aller Ruhe hin, um mit seinen Orgelkünsten zu glänzen!«
Jutta hasst Unpünktlichkeit und sie sieht die kostbare Zeit für das Interview verstreichen. Aber sie kennt ihren Freund Enrico, der oft spontanen Regungen folgt. Daran hat sich im Alter nichts geändert – so war auch die Feier zu seinem achtzigsten Geburtstag im März ein übermütig fröhliches Fest gewesen. Der Orgelnarr hatte die sonst in seinem Büro behütete digitale Konzertorgel in den Festsaal bringen lassen und unter der seit einigen Jahren installierten Leuchtdecke mit ziehenden Wolken eigene Stücke gespielt. Freunde seines langjährigen Orgelvereins in Leipzig, Orgelfreunde aus Lichtenstein, Chemnitz und Zwickau sowie befreundete Orgelliebhaber aus Enricos hessischer Heimatstadt Friedrichsdorf und aus Bad Homburg waren zu Gast gewesen und hatten dem Jubilar zu Ehren auf dessen Lieblingsinstrument gespielt.
Manuela, die im privaten wie im beruflichen Leben für geordnete Finanzen und Zeitplanung sorgt, wirkt aufgebracht. Man sieht ihr die siebenundsiebzig Jahre mehr an als Enrico die achtzig, denkt Jutta beim Blick auf das zerfurchte und gerötete Gesicht und die leicht gebückte Haltung der Freundin. »Manuela lass mal, ich gehe gleich hoch und nehme die junge Frau mit, reg dich nicht so auf. Ist etwas passiert?«
»Ja. Wir müssen dringend reden. Mein Pflegeheim, in dem ich früher gearbeitet habe, wird aufgelöst und das Gebäude abgerissen. Viele Bewohner haben sie nicht mehr, aber diejenigen sollen bei uns im Pflegebereich einen Platz bekommen. Wir müssen prüfen, ob wir einige Mitarbeiter hier mit einsetzen können. Die Leiterin würde gut zu uns passen. Vielleicht können wir sie als Nachfolgerin für Enrico einarbeiten – oder für mich. Die Jüngsten sind wir alle nicht mehr.«
Jutta steht langsam auf, nachdem sie unauffällig den Knopf für die elektronische Aufstehhilfe ihres Fahrzeugs genutzt hat.
Das alte Haus mit dem schönen Garten wird abgerissen. Dort hatte Enricos Mutter nach ihrem Schlaganfall bis zum Tod gelebt, nachdem er sie aus Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main nach Leipzig geholt hatte. In diesem Pflegeheim hatte er seine Frau kennengelernt, die dort viele Jahre als Verwaltungschefin gearbeitet hatte. Jutta hatte erst durch die Erfahrungen ihrer Freunde realisiert, dass Pflege viel menschlicher funktionieren kann als in dem privaten und besonders teuren Pflegeheim, in dem ihre eigene Mutter die letzte traurige Lebenszeit verbringen musste.
Viele Jahre lang hatten die Mitarbeiter durch eine besonders herzliche Art und kreative Ideen das Leben für die Pflegebedürftigen so angenehm gestaltet, dass das Haus immer ausgebucht war. Durch die steigende Lebenserwartung und die Zunahme der Altersdemenz um die Jahrtausendwende wurden stationäre Pflegeplätze in großer Zahl benötigt und neu geschaffen. Doch in den letzten fünfzehn Jahren ist der Bedarf an Vollzeitpflegeplätzen rapide zurückgegangen. Neue Erkenntnisse, Ernährungsumstellungen und Medikamente können die Demenz verhindern oder spürbar abschwächen. Dafür ist die Nachfrage nach selbstständigem, altersgerechtem Wohnen mit individuellen Serviceleistungen gewachsen.
»Wir besprechen morgen, wen wir aufnehmen können. Wegen der Serviceleistungen könnt ihr Johannes ansprechen. Er vertritt mich so zuverlässig, dass ich ihm meinen Job bald anvertrauen werde.«
Jutta hofft, dass Manuela die leichte Wehmut in ihrer Stimme nicht spürt, doch die Freundin ist im Moment viel zu aufgeregt, um auf Nuancen in der Stimmung anderer zu achten.
Jutta fährt mit dem Aufzug in die erste Etage. Beim Öffnen der Tür zu Enricos geräumigem Büro schlägt ihr unangenehme Kühle von der Klimaanlage entgegen. Dass Männer kalte Räume mögen im Unterschied zu uns wärmebedürftigen Frauen, wird sich wohl nie ändern, denkt sie. Enrico hat sich von der Orgel umgewandt und Jutta hört die Begeisterung in seiner Stimme, die sie von Anfang an fasziniert hat: »Das finde ich toll, wenn Sie auch noch über unseren Orgelverein berichten wollen. Die Firma Ihrer Eltern ist hochinteressant – vielleicht können wir einen Kontakt herstellen. Jetzt kommt Ihre Gesprächspartnerin. Darf ich vorstellen: Sandra Lenz, Medialistin aus Leipzig, Jutta Herbst, Gründerin und Chefin von Service-Aktiv.«
Was ist mit ihren Eltern und einer Firma? Die Frage vergisst Jutta sofort, als sie ihre Interviewerin sieht. Wie läuft die Frau herum – ist das schon wieder eine neue Mode? Und so dünn, ob sie Essprobleme hat? Eine kurze durchsichtige Pluderhose, geschnitten wie in einem türkischen Harem vor zweihundert Jahren, darunter knallrote Minishorts. Die dünnen langen Beine staksen in seltsam geformten Pantoffeln und sind von oben bis unten mit buntem Muster bemalt wie ein Osterei. Dazu ein Oberteil, knallgelb, aus hauchdünnem Kunststoff, wie ein Babytragetuch umgewickelt. Die schwarzglänzenden Haare sind zu einem Turm frisiert. Das war in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts angesagt. Und so etwas gefällt alten Herren wie Enrico! Bestimmt hat ihn ihr Duft betört, Jutta schnuppert den angenehm dezenten Parfümgeruch.
»Wo können wir uns unterhalten? Herr Sommer hat mir schon einiges über das Wohnen hier erzählt, ich bin gespannt!« Jutta fühlt sich bei Sandras Anblick an einen Papagei erinnert, doch ihr Gesicht und die Stimme wirken sympathisch. Eigentlich wollte Jutta das Gespräch so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie weiß selbst nicht, warum sie sich überrumpeln lässt von Sandras Vorschlag. »Herr Sommer hat mich überzeugt, dass ich Sie über einen längeren Zeitraum begleite, bei Ihrer Arbeit und in der Freizeit. Erst dann kann ich mir wirklich vorstellen, worin Ihr Erfolgsgeheimnis besteht.«
Auch das noch, das war nicht abgemacht, ich will mich nicht die ganze Zeit beobachten lassen, wehrt Jutta innerlich ab. Doch plötzlich lächelt sie in das offene Gesicht ihres bunten Gegenübers: »In Ordnung, aber bitte nicht die ganze Zeit mit der Kamera.« Sandra nickt und bietet der alten Dame beim Verlassen des Chefzimmers ihren Arm an.
»Haben Sie so viel Zeit für uns? Arbeiten Sie freiberuflich?«, fragt Jutta, bevor sie Sandra für ein erstes Gespräch zu ihrem Lieblingsplatz an den See bringt. Das kleine Restaurant mit dem schattigen Garten unter hohen Kastanien gefällt offensichtlich auch der Reporterin.
Gebannt schaut sie der alten Frau in die Augen. Doch bevor Sandra antworten kann, kommt eine Frau etwa in Juttas Alter mit einem Fahrzeug angerollt, eine Mischung aus motorisiertem Rollstuhl und Servierwagen. Sie reicht den Gästen die elektronische Plastik-Speisekarte und fragt: »Oh, Frau Herbst, Ihre Enkelin ist wohl doch einmal zu Ihnen gekommen?«
Nach einem Blick in das plötzlich traurige Gesicht ihrer Gesprächspartnerin antwortet Sandra: »Nein, ich bin Medialistin und ich berichte über Frau Herbst und ihre Firma.«
Jutta bemüht sich, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen, und wendet sich Sandra zu: »Ich lade Sie ein. Möchten Sie auch einen Eiskaffee? Der ist sehr zu empfehlen. Und guten Kuchen gibt es hier, falls Sie bei dieser Hitze darauf Appetit haben. Oder wollen Sie lieber ein Eis?«
»Nein danke, ich nehme einen Eiskräutertee mit Zitrone und ohne Zucker. Ich habe schon gut gefrühstückt.«
Ob das stimmt? Aber es geht mich nichts an, ob die junge Dame verhungert. Kommen wir endlich zum Thema.
Die Kellnerin ist fast geräuschlos zur Küche gerollt. »Hier arbeiten aber viele alte Leute«, stellt Sandra fest und klopft sich mit der Hand auf den Mund. »Verzeihung, war das jetzt taktlos von mir?« Jutta lächelt und sagt mit wieder fester Stimme: »Das gehört zu unserem Konzept, ich erkläre es später genauer. Ist es nicht wunderbar, bei dieser Hitze hier im Schatten unter den Bäumen zu sitzen, viel besser als in klimatisierten Räumen?«
Sandra nickt und fragt: »Ist es überall im Neuseenland so schön wie hier, dass man auf dem Promenadenweg um den See herum Fahrrad fahren und laufen kann? Ich habe noch nicht sämtliche Seen erkundet, seit ich von Dresden nach Leipzig gezogen bin. Aber ich war vor einigen Jahren mit meinen Eltern am Genfer See – da sind große Uferbereiche von Privatgrundstücken zugebaut.«
»Ich bin sehr froh, dass der Uferstreifens hier für alle Menschen frei geblieben ist. 2015 haben alle Akteure, die mit der Entwicklung der Region zu tun hatten, nach mehr als dreijährigen Entwürfen, Streitgesprächen, Bürgerveranstaltungen und Planungen städte- und länderübergreifend die »Charta Leipziger Neuseenland 2030« festgelegt. Hier wurde damals die Zukunftsstrategie des Leipziger Neuseenlandes formuliert, als Rahmen und Wertmaßstab der regionalen Entwicklung.«
»Ist das ein Gesetz?«
»Nein, es ist Selbstverpflichtung und Arbeitsgrundlage für alle, die konkrete Projekte in der Seenlandschaft realisieren. Wer versucht, diese Charta zu umgehen, erntet heftige Bürgerproteste. So wurden unsinnige Baumaßnahmen verhindert, die die einmalige Landschaft zerstört hätten. Für mich ist die Entwicklung dieses Gebietes ein gelungenes Beispiel von Demokratie, von privatem Unternehmertum und bürgerschaftlichem Engagement.«
»Das klingt alles viel zu schön, um wahr zu sein. Aber berichten Sie mir am besten von Anfang an, wie sich das Wohngebiet und Ihre Firma entwickelt haben. Ich bin gespannt!«
Jutta Herbst beginnt zu erzählen: »Die Kastanien wurden vor fünfunddreißig Jahren gepflanzt, damals standen hier zwei einsame Bänke am See. Weitere fünfzehn Jahre vorher hatten die Menschen der Region nach der friedlichen Revolution in der DDR an diesem Ort den Braunkohletagebau gestoppt. Erst danach entwickelte sich die schöne Seenlandschaft. Die Geschichte meiner Firma begann genau hier und bevor die Bäume in den Himmel wuchsen. Als ich Enrico Sommer 2005 auf der Bank am See kennenlernte, sprachen wir über seine Pläne, eine neue Siedlung aufzubauen. Hier sollte das Leben auch für ältere und hilfsbedürftige Menschen lebenswert und selbstbestimmt sein. Aber es sollte keinesfalls ein Wohngebiet nur für alte Leute entstehen, sondern für alle Altersgruppen. Schnell war klar, dass zum Wohnen der Zukunft für junge und alte Menschen mehr Service gehört als damals üblich war. Es zeichnete sich schon ab, dass durch den demografischen Wandel viel mehr Menschen Dienstleistungen benötigen als sie von den vorhandenen Arbeitskräften geleistet werden können. Auch jüngere Menschen brauchen zunehmend Serviceleistungen, um ihren anstrengenden Alltag zu bewältigen. Bei meiner Arbeit in der Freiwilligenagentur lernte ich zahlreiche Senioren kennen, die für eine sinnvolle Aufgabe gebraucht werden wollten. Dabei war fast allen wichtig, über die Art und den Umfang ihrer Tätigkeit selbst zu bestimmen. Sie wollten geistig fit bleiben, soziale Kontakte pflegen, anderen helfen, Wissen weitergeben. Für viele war das wichtiger als Bezahlung. Doch die meisten Senioren wünschten sich zusätzlich eine gerechte Entlohnung für ihre Leistung. Deshalb suchten viele Pensionäre bezahlte Jobs, um ihre Rente aufzubessern und sich etwas mehr Annehmlichkeiten leisten zu können.
Natürlich gab und gibt es auch Menschen, die nach einem langen und harten Berufsleben einfach nur noch ihre Freiheit genießen und sich zu keiner neuen Aufgabe zwingen lassen wollen. Auch das muss man akzeptieren. Schließlich gibt es unterschiedliche Lebensmodelle und Vorstellungen für das Alter. Auch wenn Roboter den Menschen viele körperlich schwere Tätigkeiten abnehmen, sind manche bereits mit sechzig Jahren erschöpft und ihr Job ist ihnen eine lästige Qual. Es hängt immer vom jeweiligen Umfeld und den Arbeitsbedingungen ab.
Irgendwann kam mir die Idee, all diese Wünsche zusammenzubringen und in einer Agentur zu koordinieren. Mit Enrico, den ich 2008 wieder traf, als er Praktikanten suchte, fand ich den passenden Partner, der mich bei der Realisierung unterstützte. Doch vom ersten Einzelkämpferdasein bis zur heutigen florierenden Firma war es ein harter Weg. Es strengt mich sehr an, Ihnen alles so genau zu erzählen. Ich denke, Sie gönnen mir die Ruhepause und wir setzen unser Gespräch morgen fort.«
Jutta sieht Sandra an, dass sie gern noch mehr hören würde. Sie freut sich, wie rücksichtsvoll sich die Medialistin zeigt: »Natürlich, Frau Herbst. Ich freue mich darauf, morgen mehr zu erfahren. Soll ich Sie bis zu Ihrer Wohnung begleiten oder möchten Sie jetzt Ihre Ruhe?«
»Wir können uns zum Abschluss mein Büro ansehen, damit Sie sich die Firma vorstellen können. Dafür reicht meine Kraft, schließlich bin ich erst knapp Neunzig und noch keine Hundert!«
2. KAPITEL – MITTWOCH, 27. JUNI 2040
Am nächsten Morgen freut sich Jutta auf ihre Gesprächspartnerin. Deren Aussehen hat sie gestern nicht mehr gestört. Dagegen tat ihr das spürbare Interesse von Sandra gut. Nach dem Gespräch auf der Seeterrasse hatte Jutta die Medialistin noch zu ServiceAktiv geführt. »Das finde ich toll!«, hatte Sandra mit Blick auf die Bürotür ausgerufen. Innen und außen an der pastellblauen Tür prangte in leuchtendorangenen Lettern ein Spruch des klassischen deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe: »Erfolg hat drei Buchstaben: TUN!.« »Dieser Spruch bringt unsere Firmenphilosophie auf den Punkt. Ich habe ihn vor vielen Jahren in einer Gaststätte am Zwenkauer See entdeckt und sofort zu meinem Slogan erkoren«, hatte Jutta erklärt. Gemeinsam mit ihrem Vertreter Johannes Müller erläuterte sie der Besucherin das Geschäftsmodell ihrer Firma. Er war der Einzige, der offensichtlich nicht merkte, wie die anderen Mitarbeiter hinter ihren Bildschirmen grinsten, als er die Besucherin anhimmelte.
Doch dann war Manuela Sommer gekommen und Johannes musste sich organisatorischen Fragen zur Unterbringung der neuen Bewohner widmen und recherchieren, wie viele Wohnungen mit welcher Ausstattung und wie viele Pflegeplätze in kurzer Zeit zur Verfügung gestellt werden können. Sandra beobachtete, wie dreidimensionale Bilder, Tabellen und Grafiken auf den Bildschirmen erschienen. Manuela beschrieb den Zustand einer künftigen Bewohnerin: »Sie ist nicht dement, aber die Ärzte bekommen ihre Depression nicht in den Griff. Seit Jahren hadert sie mit dem körperlichen Verfall, weil sie ihr ein Bein amputieren mussten. Alle Versuche, es durch eine Prothese zu ersetzen, mit der sie wieder laufen kann, schlugen fehl. Nun hat sie eine neue Operation abgelehnt, obwohl es jetzt viel bessere Materialien und Verfahren gibt, Gliedmaßen künstlich zu ersetzen. Sie will sich aber nicht helfen lassen, ist stur und aggressiv.«
»Müssen wir sie unbedingt hier haben? Hat sie keine Kinder, die sich um sie kümmern können?« hatte Johannes gefragt. »Nein, sie scheint ganz allein zu sein. Wir müssen eine Lösung finden. Wenn wir sie erst einmal emotional erreichen, lässt sich bestimmt noch viel für sie tun. Und bitte, Frau Lenz, veröffentlichen Sie diese Diskussion nicht. Wir unterliegen der Schweigepflicht bei persönlichen Details unserer Bewohner.«
Sandra hat ihr Minigerät sinken lassen, das Kamera, Computer und Telefon in einem ist, nicht mehr zu vergleichen mit den Smartphones, wie sie um 2010 aufgekommen waren. Das Gerät liegt bequem in der Hand wie eine Computermaus. Es ist stets aufnahme- und empfangsbereit. Das kleine Display vergrößert sich auf Knopfdruck, indem sich eine biegsame Folie entfaltet, auf der man Texte, Bilder oder auf Wunsch den jeweiligen Telefonpartner bequem erkennen und vergrößern kann. Seit sich diese Multimediageräte durch ihre hohe Qualität und die preisgünstige Anschaffung durchgesetzt haben, können freie Bildjournalisten kaum noch von ihrer Tätigkeit leben. Informationen, Berichte und Reportagen sind unverändert gefragt. Die Menschen benötigen Medien als Orientierungshilfe für die explosionsartig gewachsenen Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Doch diese multimedialen Leistungen erbringen immer weniger Personen, die Medialisten. Die meisten von ihnen arbeiten auf Honorarbasis, bis auf die Koordinatoren in den Zentralen. Diese stellen aus dem Material die bebilderten Artikel und Filme zusammen, die sie in die verschiedenen digitalen Kanäle leiten. Nach wie vor sind auch gedruckte Versionen der Informationen und Unterhaltungsbeiträge gefragt.
Sandra hatte noch einige Fragen gestellt und ihre Kamera über die Umgebung schwenken lassen. Doch Jutta war erschöpft gewesen und hatte sich nach ihrem Liegestuhl auf dem schattigen Balkon gesehnt. Außer Vogelgezwitscher wollte sie nichts mehr hören. Nicht einmal ihre nach dem organischen Lichtprinzip arbeitende Videobrille für einen Film reizte sie noch, sie wollte in die großen Baumwipfel schauen und ihre Gedanken ordnen. Sie war froh, dass die kleinen Jungs nicht auf dem Balkon über ihr zu hören waren, sondern sich offensichtlich noch auf dem Spielplatz austoben konnten. ServiceAktiv hatte der Familie neben dem Transportservice noch einen jungen Mann vermittelt, der verantwortungsbewusst solche Freiluftaktivitäten der temperamentvollen Jungen betreute und die Eltern stundenweise entlastete.
Doch dann hatte sich Enkelin Amelie aus Brea in Kalifornien am Telefon gemeldet. Lange hatte Jutta nichts von ihr gehört.
Jutta steht in der geöffneten Balkontür und atmet tief die kühlere, feuchte Luft ein. In der Nacht hat ein schweres Gewitter der Hitzeperiode ein vorläufiges Ende bereitet. Aber es wird schon wieder schwül.
Wie schön wäre es, wenn ihre Enkelin sie tatsächlich besuchen würde. Viele Gelegenheiten wird es nicht mehr geben. Als sie sich am Telefon meldete, hatte Jutta einen Augenblick gehofft, Amelie würde auf die Einladung reagieren und ihr Kommen ankündigen. Oder, noch eine geheime Hoffnung, sie würde Jutta zur Urgroßmutter machen. Doch die Neununddreißigjährige klagte über die mittleren und kleinen Katastrophen ihres Alltags, über ihren Mann Eduard und die extreme Trockenheit. Jutta hätte sie gern auf dem Bildschirm gesehen, aber die junge Frau hatte ihre Kamera ausgeschaltet mit dem Hinweis, sie hätte sich bei der Hitze nicht geschminkt und so wolle sie sich niemandem zeigen. Jutta weiß, dass die Enkelin unter Flugangst leidet, seit sie eine Beinah-Katastrophe bei der Landung eines Flugzeugs in Los Angeles erlebt hatte. Die Maschine war durch eine technische Panne über die Landebahn hinaus gerollt. Den Passagieren war nichts passiert. Dank des perfekt funktionierenden Notsicherungssystems konnten alle rechtzeitig evakuiert werden. Doch die Angst hatte sich in Amelie festgehakt.
Jutta hatte sehr darunter gelitten, dass sich das Mädchen schon mit zwanzig Jahren rigoros von seiner Mutter gelöst hatte und 2021 Hals über Kopf mit seinem zehn Jahre älteren amerikanischen Freund in dessen Heimat zog. Amelie hatte das Verhaltensmuster von Juttas Tochter Carola wiederholt, die mit achtzehn Jahren weg von Jutta mit ihrem Freund nach Frankfurt am Main gegangen war. Wie schon ihre Mutter hatte auch Amelie der Großmutter versichert, oft zu Besuch zu kommen, die Entfernungsei doch heutzutage kein Problem mehr. Die Praxis sah anders aus und seit der Flugpanne vor fünf Jahren hatten sich Großmutter und Enkelin nur am Bildschirm gesehen. Auch das wurde in letzter Zeit immer seltener. Jutta hatte der jungen Frau zu Weihnachten ein Seminar zur Überwindung der Flugangst geschenkt und sie zur Geburtstagsfeier am fünfzehnten Juli eingeladen. Amelie hat sich immer noch nicht geäußert, ob sie nach Leipzig fliegt. Ob es an Eduard liegt, den es kaum nach Deutschland zieht?
Die Stimme von ihrem Bildschirmwecker reißt Jutta aus den Grübeleien, die sie seit fünf Uhr am Morgen nicht mehr schlafen ließen. »Es ist 9.30 Uhr. In einer halben Stunde haben Sie einen Termin in Ihrer Firma ServiceAktiv.«
Im Büro sitzt Verwalterin Manuela Sommer mit Johannes Müller am Bildschirm, auf dem Grafiken und Zimmergrundrisse zu sehen sind. Johannes erklärt: »Wir haben jetzt alles geregelt. Die zwölf Pflegebedürftigen aus dem Park-Heim bekommen Unterkunft bei uns. Drei Umzüge beginnen heute, die anderen in den nächsten Tagen. Willst du sämtliche Neulinge selbst besuchen und die Reporterin mitnehmen? Das ist bestimmt interessant für sie.«
Jutta mustert ihren Vertreter und Nachfolger, mit dem sie seit zehn Jahren gut zusammen arbeitet. Wie immer stehen seine rötlichen Locken etwas wirr vom Kopf ab und er trägt eine zitronengelbe lange Hose zu einem grauen Baumwollshirt. Als »Mann mit der gelben Hose« ist er überall bekannt. Jutta kann sich nicht daran erinnern, ihn jemals in einer andersfarbigen Hose gesehen zu haben. Sie schmunzelt über die Marotte, doch die ist ihr gleichgültig. Was für sie zählt, ist die absolute Zuverlässigkeit und Kompetenz des jungen Informatikers. Selbst in den stressigsten Situationen hat er sich bisher nie aus der Ruhe bringen und zu Streitereien provozieren lassen. Sie wundert sich, dass der im Team beliebte Zweiunddreißigjährige bisher keine feste Partnerin hat. Dabei ist der vor zwanzig, dreißig Jahren normale Trend zum langen Singledasein bei vielen jungen Leuten heute größtenteils vorbei. Es gibt entgegen aller damaligen Prognosen wieder viel mehr frühzeitige Partnerschaften und Familien. Die sich ständig ändernden beruflichen Herausforderungen und oft damit verbundene Ortswechsel meistern sie durch Netzwerke und Hilfsangebote. Jutta ist stolz, dass ihre Firma Leistungen realisiert, die die Eltern entlasten und ihnen neben der Berufstätigkeit noch Freizeit ermöglichen.
Natürlich, Johannes hat recht, denkt Jutta: Wenn sie mit mir gemeinsam die Besuche erledigen würde, könnte Sandra am besten erleben, wie neue Bewohner mit dem Servicekonzept vertraut gemacht werden, wie wir sie in das Leben hier integrieren und aktivieren. Doch Juttas Bauchgefühl warnt sie. So sagt sie: »Nein, lass mich erst darüber nachdenken und in Ruhe die Namen und Biografien ansehen.«
Bevor sie einen Blick auf die Daten werfen kann, registriert sie, wie die blauen Augen von Johannes aufleuchten. Sandra Lenz steht in der Tür, ähnlich wie am Vortag gekleidet. Unter den durchsichtigen Pluderhosen trägt sie heute dunkelblaue Shorts und dazu passend eine blaue Kette aus dicken Holzperlen und blau-golden schimmernde riesige Ohrringe. Die Haare sind zu einem Pferdeschwanz mit einer großen blauen Schleife gebunden. Einen Schuhtick hat sie offensichtlich auch, denkt Jutta beim Blick auf die blauen, hochhackigen Schuhe aus einem glänzenden Material, das farblich perfekt zur Haarschleife passt.
Doch wie unwichtig sind Äußerlichkeiten. Jutta denkt daran, dass Sandra gestern viel länger als geplant mit ihr zusammen war und außer dem Eistee am Vormittag und einem großen stillen Wasser am Nachmittag nichts zu sich genommen hatte. Dass Juttas eigene Familie so viel Interesse an ihrem Leben und ihrem Engagement zeigen würde, erscheint ihr als unerfüllbarer Wunschtraum. Wie so oft taucht die Erinnerung an Carolas Worte auf: »Du hast mich weggetrieben, so wie du meinen Vater aus unserem Leben vergrault hast. Nun musst du damit leben, dass ich meinen eigenen Weg gehe, und nicht in Leipzig bei dir«!
Sie konnte nicht verstehen, dass die Tochter so rigoros urteilte. Jutta hatte sich all die Jahre bemüht, den Kontakt trotz vieler Missverständnisse niemals abreißen zu lassen. Wenigstens das ist ihr gelungen, nicht zuletzt durch ihre Besuche in Frankfurt und ihr Bemühen, der jungen Familie in dieser Zeit zu helfen. Während sich Jutta mit ihrem Schwiegersohn gut verstand, stritt sie sich mit ihrer Tochter immer wieder über Kleinigkeiten. Dadurch waren die Chancen zu guten Gesprächen vertan. Carola verstand die Mutter nicht, die mit sechzig Jahren ihre Firma aufzubauen begann. Mehrfach kritisierte die Tochter, dass Jutta ihre Kraft und Zeit für fremde Leute verschwende. Das Geschäft würde nicht genug abwerfen, sondern die Investitionen in die Firma das mühsam verdiente Geld gleich wieder verschlingen. In den ersten Jahren war das tatsächlich so und Jutta grübelte manche Nächte lang, ob ihre Tochter vielleicht doch recht hatte und sie selbst stur war und vergeblich einer Illusion nachjagte.
Jutta bedauert, dass Carola sie so selten besucht hat. So konnte sich die Tochter kaum vorstellen, wie sich das Leben in Sommerlust entwickelte und durch die Service-Firma immer attraktiver wurde. Carolas Besuche waren meist kurz und überwiegend von ihren Shoppingtouren bestimmt. Jutta verstand nicht, dass jegliches Interesse an Politik bei Carola erloschen war. Dabei war die Politik 1989 der zweite große Konfliktherd in der Mutter-Tochter-Beziehung gewesen.
Zu ihrem Kummer gelang es ihr auch nicht als Großmutter, eine gute Beziehung zu Enkelin Amelie aufzubauen, obwohl sie sich das sehr gewünscht hatte. Wie gern hätte sie die Kleine öfter zu Besuch gehabt, Zeit mit ihr verbracht und ihr die herrliche Wasserlandschaft gezeigt, die jedes Jahr mehr begeisterte Touristen anzog.
Jutta versucht, sich wieder auf Sandra zu konzentrieren, und schaut zu ihr auf: »Heute zeige ich Ihnen eins unserer Restaurants und dort lade ich Sie zum Essen ein, ohne Widerrede. So einen Hungertag wie gestern verkrafte ich nicht noch einmal. In meinem Alter muss man vernünftig essen, um einigermaßen fit zu bleiben. Und Ihnen kann das auch nichts schaden. Außerdem gibt’s dort einiges zu zeigen, das zu unserer Arbeit gehört.«
Jutta merkt, wie Sandra kurz zögert und zu Johannes schaut, bevor sie nickt. »Ja, natürlich. Sehen wir uns die Küche an. Und wenn ich etwas esse, erzählen Sie mir aus Ihrem Leben? Bitte. Ein paar Bilder von früher möchte ich auch gern sehen.«
Jutta lacht: »Sie sind ja eine Erpresserin. Normalerweise trenne ich mein Privatleben von meinem gesellschaftlichen und erzähle Reportern nur über letzteres. Bisher waren alle damit zufrieden.«
Sandra antwortet leise: »Viele Leute meiner Zunft sind oberflächlich. Aber ich möchte Sie gern richtig kennenlernen, bevor ich die Reportage schreibe. Für mich ist es sehr wichtig, dass mir dieser Beitrag gut gelingt. Es wird mein erster für ›Leben mit Ideen‹.«
Jutta hat das Gefühl, dass sie ihr vertrauen kann. Irgendetwas zieht sie zu dieser jungen Frau. Warum soll sie nicht doch einmal ihr Leben erzählen und den angesammelten Ballast loswerden?
»Gut, dafür brauchen wir aber viel Zeit. Und von Ihnen möchte ich auch mehr erfahren. Zum Beispiel bin ich neugierig, wieso Herr Sommer Sie gestern so mit seiner Orgel begeistern konnte. Dieses alte Instrument ist doch nichts für die meisten jungen Leute.«
Sandra zuckt zusammen.
Das Gewitter ist zurück gekommen und entlädt sich mit heftigem Krachen. Der Himmel hat sich verdunkelt. Automatisch schließen sich die Bürofenster und das Licht schaltet sich ein, eine angenehme blendfreie Beleuchtung von den Leuchtfolien an der Decke und an den Fenstern. »Oh, Sie sind hier mit organischen Leuchtdioden ausgestattet, dazu haben die Mittel für unser Redaktionsbüro bisher nicht gereicht«, stellt Sandra fest und setzt hinzu: »Was passiert, wenn der Strom ausfällt? Gibt es genug Reserven oder benötigen Sie das öffentliche Stromnetz?«
Manuela und Jutta lachen. »Schauen Sie«, erklärt Manuela Sommer, »dort steht unser Energieturm, das Herzstück unserer Anlage. Sommerlust hat sich vor zehn Jahren vom zentralen Stromnetz unabhängig gemacht, als das große Braunkohlekraftwerk im Süden von Leipzig geschlossen wurde. Damals wurden die großen und kleinen Energiekonzerne zu einem zentralen, staatlichen Stromversorger zusammengeschlossen. Bis dahin war es nicht selbstverständlich gewesen, dass sich Gebäude, Wohngebiete und ganze Städte weitgehend unabhängig aus erneuerbaren Energien versorgen konnten. Die Stromkonzerne, die Stadtwerke und die vielen weiteren Stromanbieter konkurrierten miteinander um die Netze und die Kunden. Der künstlich erzeugte Wettbewerb brachte den Menschen keine Vorteile, sondern Ineffizienz und ständig steigende Energiekosten. Mein Mann war zu dieser Zeit in seinem Architekturbüro am Bau spektakulärer Bauten mit ganz neuen Energiemodellen beteiligt. Diese Erfahrungen setzte er beim Bau unseres Wohngebietes ein.
Unser Energieturm entstand nach dem Vorbild des Pearl-River-Towers in China, der 2011 fertiggestellt worden war. Unserer hat keine neunundfünfzig Stockwerke, sondern nur zwanzig. Er enthält aber auch eine Fassade aus Fotovoltaikzellen, vertikale Windkraftanlagen und intelligente Stromspeichersysteme. Er ist ein Energie-Plus-Gebäude, das noch Strom für unsere Elektrotankstelle, für unsere Küchen und Wäschereien produziert. Dass wir in dem Turm auch Fische und Algen züchten, Pilze, Kräuter und Gemüse anbauen, ist nur ein Zusatznutzen. Aus den wuchernden Algen erzeugen wir Nahrungsmittel und Strom. Deshalb haben wir für dieses Hochhaus eine Ausnahme-Baugenehmigung erhalten. Ansonsten bauen wir hier Gebäude von höchstens fünf Stockwerken.
Unsere Wohn- und Bürohäuser, die Schulen und das Krankenhaus sind Nullenergie- oder Plusenergiehäuser. Die älteren Häuser, die vor 2020 hier entstanden waren, wurden in den letzten Jahren auf diesen technischen Standard nachgerüstet und mit neuen Fassaden versehen.«
Nach einem Blick zu Jutta unterbricht Manuela ihre Ausführungen: »Jetzt bin ich wieder ins Reden gekommen. Aber Sie wollen sich mit Frau Herbst über ServiveAktiv unterhalten, ich gehe schon.«
Die künstliche Beleuchtung verblasst in dem Maß, wie es draußen heller wird. Das Gewitter zieht ab und der Regen hört auf. »Fenster auf«, sagt Johannes und die Scheiben schieben sich seitlich in die Mauerrahmen. Frische, nach nasser Wiese duftende Luft erfüllt den Raum.
»Können wir das mit der Küche nicht morgen erledigen? Ich hab überhaupt keinen Hunger und mag jetzt auch nicht sehen, wie gekocht wird, vor allem kein Fleisch.« Jutta schaut erschrocken in das blasse Gesicht von Sandra. »Ist Ihnen nicht gut? Brauchen Sie einen Arzt?«
»Nein, nein. So ein Eistee wie gestern wäre perfekt. Können wir uns wieder dort unterhalten, wo wir gestern waren?«
Die Frauen fahren mit einem kleinen, automatisch gesteuerten Elektroauto zur Seeterrasse und lassen sich unter dem Dach nieder, während von den Kastanienblättern das Wasser tropft. Heute esse ich etwas, und wenn die junge Dame hundert Mal hungrig daneben sitzt, denkt Jutta und fragt: »Wollen sie zuerst von meinem ersten oder von meinem zweiten Leben hören?«
»Erzählen Sie mir bitte von Anfang an. Ich habe ausgerechnet, dass Sie schon fünfundsechzig Jahre alt waren, als ich geboren wurde. Wie soll ich verstehen, was Sie erlebt haben? Ich habe schon bei meinem Großvater Mühe zuzuhören, wenn er so durcheinander von seiner Jugend erzählt.«
»Lebt er noch, Ihr Großvater?«
»Oh ja, zum Glück ist er auch noch recht gesund. Er wohnt in Dresden und ich mag ihn sehr. Er versteht mich viel besser als meine Eltern. Nein, genug von meiner Familie, jetzt erzählen Sie!«
»Sie haben ausgerechnet, dass ich 1950 geboren wurde. Mit meinen Eltern habe ich in Leipzig-Stötteritz gewohnt. Mein Vater war Schriftsetzer. Manchmal hat er mich in seine kleine Setzerei mitgenommen und mir gezeigt, wie die Zeilen aus einzelnen Bleibuchstaben in einem Winkelhaken zusammengesetzt wurden. Die Buchstaben sah man nur in Spiegelschrift. Das hat mich so fasziniert, dass ich den alten Handwerksberuf selbst gelernt habe. Bei uns in der DDR gab es zu der Zeit das Konzept, neben der zum Abitur führenden Oberschule in vier Jahren zusätzlich einen Facharbeiterberuf zu lernen. Wenn es dann, etwa wegen damals häufiger früher Mutterschaft, nicht mit dem geplanten Studium klappte, hatte man immerhin einen abgeschlossenen Beruf.
Meine Mutter war Krankenschwester. Sie war sehr streng. Meine Tante Anita, ihre jüngere Schwester, fand ich als Kind viel lustiger. Eines Tages war sie in den Westen Deutschlands verschwunden, für mich auf Nimmerwiedersehen.«
Sandra kaut auf dem leeren Löffel und sagt: »Das klingt wie aus einer längst versunkenen Welt. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein Land durch eine Mauer geteilt sein kann. Wieso lassen sich Menschen in einem Teil des Landes einsperren? Auch mein Großvater hat mir davon erzählt. Wann war das mit der Mauer?«
»Die Tante hat uns vor dem Mauerbau 1961 verlassen, dann war es vorbei mit den gegenseitigen Besuchen. Die Familie war auseinander gerissen. Dass es damals sehr vielen Menschen so ging, war ein schwacher Trost. Für die Zurückgebliebenen war es besonders schlimm. Die Ausgewanderten hatten ihre Freiheit und konnten die Welt entdecken. Nur in die DDR durften sie erst sehr viel später und mit behördlicher Genehmigung als Besucher wieder einreisen.
Meine Mutter war sicher so ernst, weil sie sich um meinen fünf Jahre jüngeren behinderten Bruder sorgte. Damit er besser gepflegt werden konnte und mit dem Rollstuhl Platz hatte, musste ich mein größeres Zimmer gegen sein kleineres vertauschen. Das sah ich zwar ein, haderte aber mit dem Schicksal und meinen Eltern, weil sich zu Hause immer alles um Manfred drehte. Wir hatten eine große Altbauwohnung, in der auch meine Großeltern lebten. Sie kümmerten sich um uns Kinder, wenn die Eltern arbeiteten, und so besuchte ich auch erst mit sechs Jahren bis zum Schulanfang den Kindergarten. Damals wurden viele Kinder zu Hause betreut und wir spielten in den Höfen, auf der Straße und in den Parks. Ich war viel lieber draußen als in der Wohnung, denn es gab zwischen meiner Oma und meiner Mutter ständig Streit. In der Schule lernte ich meine Freundin Ina Maiwald kennen und ich war gern bei ihr zu Hause. Sie wohnte gleich um die Ecke. Als Einzelkind hatte sie alles für sich – und nette, verständnisvolle Eltern. Ich habe meine Freundin geliebt, aber auch beneidet.
1960 war für mich das erste schlimme Schicksalsjahr. Meine Eltern erfuhren kurz nach Manfreds fünftem Geburtstag im Mai, dass es für seine Krankheit keine Heilung geben und er jung sterben würde. Er hat noch fünfzehn Jahre gelebt, sein Tod mit zwanzig Jahren war ganz schrecklich für uns. Mein Opa starb im Juni 1960 und meiner trauernden Oma versuchte ich so oft wie möglich aus dem Weg zu gehen. Sie wollte mir immerzu von ihrer Jugend erzählen und es hat mich nicht interessiert. Heute wäre ich glücklich, wenn sie noch da wäre. Jetzt, wo ich selbst alt bin, kann ich mich in ihre Situation versetzen und möchte ihre Biografie begreifen. Leider habe ich zu spät erkannt, dass das Schicksal meiner Großeltern entscheidend das meiner Eltern geprägt hat und damit auch mein Leben. Es ist in der Familie wie in der gesamten Weltgeschichte: Die Handlungen der Vorfahren bestimmen in einem wesentlichen Maß unsere Gegenwart. Wir legen heute die Grundsteine für die Zukunft. Das Leben der Menschheit ist eine unendliche Kette, gefädelt aus den begangenen und unterlassenen Taten der Generationen.«
Sandra zupft an einer Haarsträhne, die sich aus ihrer kunstvollen Frisur gelöst hat: »Frau Herbst, das macht mich richtig nachdenklich. Ich sollte mir mehr aus dem Leben meines Opas erzählen lassen. Ich weiß nicht, wie lange ich ihn noch habe. Wenn nur nicht der ständige Alltagsstress wäre und ich mehr Zeit hätte!« Sie seufzt und sagt: »Es ist eben so. Jetzt bin ich bei Ihnen und freue mich, dass Sie mir so viel erzählen!«
Jutta spricht weiter: »Die meisten Nachmittage und Ferientage verbrachte ich bei Ina. Wir erledigten zusammen Hausaufgaben und spielten mit anderen Kindern, dachten uns manchen Unsinn aus. Es war trotz des Kummers in der Familie eine schöne Zeit für mich. Am Ende der Sommerferien kam der Schock. Ich klingelte an Maiwalds Wohnungstür, doch dahinter herrschte Totenstille. Ich klopfte und rief. Im Erdgeschoss öffnete sich die Tür und der Mann, der das Hausbuch führte, kam heraus. In jedem Mietshaus gab es einen Verantwortlichen für dieses Dokument, in das die Daten der Hausbewohner und ihrer Besucher eingetragen wurden. Diese Bücher waren ein Bestandteil des umfassenden Kontrollsystems durch die Staatssicherheit in der DDR und es war Pflicht, diese exakt zu führen.« Jutta bemerkt, dass Sandra ihr Aufnahmegerät nicht betätigt und nichts aufgeschrieben hat. Sie reißt den Blick erst von Juttas Lippen, als ein alter Mann mit einem Roboter auftaucht, der die Erde der Blumenrabatte neben der Terrasse lockert.
Jutta steht auf, streckt sich, streicht sich die Haare aus dem schon wieder feuchten Gesicht und trinkt einen Schluck Wasser.
Nach einem Blick in das gespannte Gesicht ihrer Zuhörerin unterdrückt sie den Impuls, per Knopfdruck das Speiseauswahldisplay zu bestellen. Sie setzt sich wieder und fährt fort: »Jedenfalls vergesse ich nie, wie sich dieser glatzköpfige dicke Mann vor mir aufbaute und mit wichtiger Stimme erklärte, dass die Maiwalds Republikflüchtlinge seien, denen man keine Träne nachzuweinen brauche. Ich stand wie erstarrt in dem Haus und flehte die geschlossene Wohnungstür an, sich entgegen des eben Gehörten zu öffnen, damit ich wie immer mit meiner Freundin zusammen sein konnte.«
Sandra schluckt und fragt leise: »Und haben Sie die Freundin jemals wieder gesehen?«
»Ja, viel später. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.« Jutta räuspert sich. »Zunächst hatte ich immer auf Post gewartet, jeden Tag rannte ich mit neuer Hoffnung zum Briefkasten, doch Ina meldete sich nicht. Ich wollte ihr so viel erzählen und wissen, wie sie jetzt lebte. Vielleicht würde sie zurückkommen, malte ich mir manchmal abends vor dem Schlafen aus. Ein Jahr später wurde am dreizehnten August 1961 die Berliner Mauer gebaut und die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik war dicht – für immer und ewig, wie wir alle dachten.
Ich fühlte mich wie im Gefängnis, zumal meine Eltern wegen Manfred auch nicht mehr innerhalb der DDR in den Urlaub fuhren. Ich beneidete meine Klassenkameraden, wenn sie nach den Ferien über ihre Reisen berichteten: An die Ostsee, ins Gebirge oder vielleicht sogar bis in die Tschechoslowakei oder nach Ungarn – oder irgendwohin zu den Großeltern. An meinem geheimen Kummer änderte auch der Kleingarten nichts, den meine Eltern nach jahrelanger Wartezeit bekamen und der zu Fuß und mit dem Rollstuhl zu erreichen war.
Mit zwölf Jahren durfte ich endlich ins Ferienlager fahren, zwei Wochen im Sommer. Dort hat es mir gefallen. Die meisten Betriebe finanzierten die Ferienlager für die Kinder ihrer Beschäftigten, die dafür nur einen geringen symbolischen Beitrag von zwölf Mark leisten mussten.
Später habe ich in Karl-Marx-Stadt, das heute wieder Chemnitz heißt, in einer Druckerei selbst die Ferienlager- und Urlaubsplätze vergeben.« Jutta lacht: »Ich weiß noch genau, dass ich mich wie der liebe Gott fühlte, denn ich habe der Ferienkommission die Vorschläge vorgelegt, wer welchen Urlaubsplatz bekommt – und wessen Antrag abgelehnt wird. Oft hat mir die Kommission zugestimmt, wenn ich die Hierarchiegrenzen und persönlichen Wünsche der Chefs berücksichtigt hatte.«
Juttas Telefon vibriert. Sie wirft einen Blick auf das Display und drückt den grünen Button. »Entschuldigung, es ist sicher wichtig.« Manuela ist zu sehen und ruft: »Jutta, wie lange redet ihr noch? Ich war bei dieser Frau und komme nicht mit ihr zurecht. Sie ist so schwierig, dass ich fast bereue, sie mit hierher geholt zu haben. Kannst du kommen? Schau dir meine Aufnahme an.« Angestrengt starrt Jutta auf das Display, wo eine wild um sich schlagende, etwas Unverständliches kreischende alte Frau zu sehen ist, die kurz danach reglos in sich zusammensinkt. Jutta wird blass und flüstert: »Das kann doch nicht sein, nein, ich bilde mir das nur ein. Manuela, wie heißt diese Frau?« Sie dreht sich zu Sandra um und bemerkt deren verwunderten Gesichtsausdruck.
»Ich muss für heute Schluss machen. Wir sehen uns morgen.«
Mühsam steht Jutta auf und verlässt mit dem Elektromobil die Terrasse. Als sie sich noch einmal umdreht, sieht sie, dass Sandra ihren Eistee und Juttas Wasser bezahlt. Jetzt habe ich doch nichts gegessen, denkt sie. Aber morgen lade ich sie zum Essen ein, unbedingt!
3. KAPITEL – DONNERSTAG, 28. JUNI 2040
Pünktlich zehn Uhr hört Jutta die Wohnungsklingel, ein angenehmes Brummen. Sie sieht auf ihrem Bildschirm, dass Sandra vor der Tür steht, die Haarschleife und Bluse in leuchtenden Orangetönen. Bei dem plötzlichen Abschied gestern hatte sie vergessen ihr mitzuteilen, dass der Donnerstagvormittag ihrer Yogagruppe gehört. Diesen Ausgleich hat sie bitter nötig nach der Aufregung gestern. Die Ärztin hat ihr vor einer halben Stunde bei der kurzen Bildschirmkonsultation geraten, die Gespräche mit der Reporterin abzubrechen oder nur auf das Dienstliche zu beschränken. Der Blutdruck ist beängstigend gestiegen und auch in der vergangenen Nacht hat Jutta schlecht geschlafen. Ihre Bachblütenmischung ist aufgebraucht. Weil ihr Leben seit längerer Zeit meistens im Gleichgewicht war, hatte sie sich keine neue Mixtur bestellt.
Soll sie der jungen Frau wirklich wie versprochen die ganze Geschichte über ihren Job und Ina erzählen? Wenn sie das tut, kann sie Roland nicht verschweigen. Bisher hat sie für sich behalten, wie sehr sie an diesen Mann denkt, den sie nach so vielen Jahren noch vermisst. Manchmal malt sie sich aus, wie sie ein gemeinsames harmonisches Alter erleben könnten, wenn damals nicht alles schief gelaufen wäre. Aber wäre sie dann überhaupt hier, hätte sie Enrico kennengelernt und die Idee für ihre Firma verwirklichen können? Was wäre, wenn damals die Weichen in eine andere Richtung gestellt worden wären? Sie weiß, dieses endlose Grübeln bekommt ihr nicht, aber manchmal kann sie sich nicht gegen die intensiven Erinnerungen wehren.
Sie möchte sich auf ihren Geburtstag freuen, über ihre Freunde und Kollegen, ihre erfreuliche Gegenwart, in ihrem Alter ein nicht selbstverständliches und täglich kostbarer werdendes Geschenk. Doch gestern wurde sie unerwartet von der Vergangenheit eingeholt. Das hat sie so heftig getroffen, dass sie sogar den wöchentlichen Spielabend mit ihren Rommé-Freundinnen abgesagt hat.
Sie betätigt am Display den Türöffner und Augenblicke später steht Sandra in der Tür. Neugierig lässt sie ihre Blicke schweifen, vom Massagesessel über die Couch mit dem schlichten, alten Couchtisch bis zu einem großen alten Schrank, in dem sich hinter einer Glasscheibe in vier Fächern Bücher drängen.
»Schön haben Sie sich hier eingerichtet. Auf mich wirkt alles ein wenig altmodisch, aber anheimelnd. So ein Schrank voller Bücher ist toll. Ich habe nur wenige, die ich mal geschenkt bekam. Ich lese nur noch elektronische Bücher, wenn ich überhaupt dazu komme.«
»Vergessen Sie nicht, ich bin alt und darf altmodisch sein«, entgegnet Jutta und erklärt, als sich Sandra schon ihrer Couch nähert: »Nein, wir bleiben bei dem schönen Wetter nicht hier im Zimmer. Ich zeige Ihnen die Fotos nicht am Bildschirm, sondern auf dem Balkon.« Jetzt wirkt die ganze dünne Frau wie ein einziges gekrümmtes Fragezeichen, denkt Jutta und amüsiert sich über Sandras Verwunderung. »Waaas, Sie haben noch echte Fotoalben und Papierbilder? Dokumente auf richtigem Papier! Das sind ja unschätzbar wertvolle Antiquitäten, die kaum noch jemand besitzt. Mein Opa hatte alles weggeworfen, bevor er umzog. Wochenlang hatte er seine Fotos eingescannt, und dann war seine Festplatte kaputt, als er mir Bilder von früher zeigen wollte.« Unbekümmert plaudert Sandra weiter: »Stur, wie alte Leute so sind, hat er keine Sicherheitskopien auf einer Cloud angelegt. Nein, das Internet war ihm zu unsicher für seine privaten Dokumente. Da konnte ich reden wie ein Buch, er hat mir nicht geglaubt, dass wir das alle so machen und die Daten auf diesen Wolken sicher sind. Das hoffe ich wenigstens. Durch die Datenskandale der letzten Jahre bin ich auch manchmal ins Zweifeln gekommen, aber eine andere Lösung kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.«
Jutta muss lachen und fühlt, wie sie sich entspannt. Das Zusammensein mit der Jüngeren tut ihr gut. Sie wird nicht auf die Ärztin hören, sondern weiter aus ihrem Leben erzählen. Vielleicht ist das die beste Therapie für mich und hilft, die vergangenen Schatten noch vor meinem Jubiläum zu begraben, fährt ihr durch den Kopf.
»Ich sehe das genauso wie Ihr Großvater. Auch ich speichere so wenig persönliche Daten wie möglich im Netz, aber ich vertraue auch nicht auf die ewige Haltbarkeit von elektronischen Datenträgern. Deshalb habe ich immer meine Papierfotos aufgehoben und gehütet wie einen Schatz. Auch Briefe auf altem Briefpapier und meine guten alten gedruckten Bücher habe ich bewahrt, jedenfalls die für mich wichtigen. Jahrhunderte alte Bücher blieben in den Bibliotheken der Welt erhalten und wurden in den letzten Jahrzehnten durch moderne Verfahren für die Zukunft konserviert. Kein Mensch kontrolliert, welches Buch ich wann lese, wenn ich es nicht auf elektronischem Weg kaufe. Bei den E-Books hatte das schon vor zwanzig Jahren erschreckende Ausmaße angenommen. Es reicht mir schon, in medizinischer Hinsicht und von meinen Einkaufs- und Essensgewohnheiten her inzwischen ein transparenter Mensch zu sein. Ich lebe damit, ohne ständig darüber nachzudenken, denn vieles nützt mir und meiner Gesundheit. Und natürlich, meine gesamte Service-Firma existiert nur dank solcher Computersysteme und Softwareentwicklungen auf der Grundlage einer Menge gespeicherter personenbezogener Daten. Also behalte ich wenigstens meine privaten Erinnerungen auf Papier.«
»Aber wenn es mal brennt, ist alles weg«, wirft Sandra ein. »Das stimmt. Aber erstens verlasse ich mich auf das moderne automatische Brandschutz- und Brandbekämpfungssystem, das wir in allen Wohnungen installiert haben. Und wer sagt denn, dass ich nicht zusätzlich die wichtigsten Dokumente digitalisiert habe? Ich habe eine Firma mit modernster Technik, da verlasse ich mich nicht allein auf die Nostalgie – aber auch nicht ausschließlich auf die Elektronik.
Wir sind in unserer Wohnanlage auf einem guten technischen Stand – auf dem neuesten kann man nie sagen bei der rasanten Entwicklung. In unserem Multimediasystem kann man selbstverständlich private Daten speichern. Hierher werden alle vom Nutzer ausgewählten Daten von sämtlichen mobilen Geräten gesendet.«
»Und was passiert, wenn jemand auszieht oder plötzlich krank wird und stirbt? Kommt noch jemand an die Daten heran?«
»Datenschutz ist ein Problem, seit es Computer und Internet gibt. Mit dem elektronischen Fingerabdruck und der Gesichtserkennung kann normalerweise nur der Besitzer seine Daten nutzen, während die öffentlichen und Netzwerkfunktionen für jeden zugänglich sind. Zusätzlich gibt es bei uns den im Finger implantierten Chip, auf dem alle in unserem System laufenden Arbeitsstunden- und Kontenbewegungen sowie die Gesundheitsdaten gespeichert sind. Dieser Chip wird nach der gesetzlichen Erbfolge vererbt, wenn jemand stirbt. Beim Auszug werden die Informationen auf dem Chip bereinigt, je nachdem, ob es eine andere Wohnung innerhalb unseres Systems ist oder ob sie woanders liegt. Die privaten Ordner werden bei der Wohnungsübergabe auf einem Speicherchip mitgegeben und dann im System gelöscht.«
»Das ist ja interessant. Doch meistens gibt es für Fachleute Möglichkeiten, an gelöschte Daten heran zu kommen.«
»Liebe Sandra, hundertprozentige Sicherheit hat es nie gegeben und gibt es nicht, so modern unsere Systeme sein mögen. Um auf die Fotos zurückzukommen: Nachdem in unserer Nachbarschaft vor vielen Jahren ein Laptop gestohlen wurde, auf dem sämtliche Geschäftsdaten und Privatfotos einer jungen Frau enthalten waren und sie keine Sicherheitskopie davon hatte, bin ich doppelt vorsichtig geworden.
Ein guter Freund bewahrt für mich einen Datenträger auf, für den Fall der Fälle und vielleicht auch für meine Erben. Der wird aller paar Jahre erneuert, damit alles mit der jeweils aktuellen Technik les- und sichtbar ist. Aber noch besitze ich die einfachen Fotoalben. Die können wir uns jetzt ansehen ohne auf ein elektronisches Medium zu starren.«
Mit einem »Pling« schaltet sich das Display von Juttas Telefon ein und schiebt eine Digitalfolie im A4-Format aus dem Gerät. Es erscheint eine Anzeige des Musikvereins der Wohnanlage: »Erinnerung. Heute Abend 19 Uhr im Festsaal des Restaurants »Notenschlüssel«: Nostalgie-Konzert mit echten Instrumenten und alter klassischer Musik. Orgel, Violine, Saxofon, Trompete, Flöte und Cello. Plätze für die Tische mit Abendessen und Getränken bitte bis 16 Uhr bestellen, ebenso für die Relax-Sessel ohne Abendessen, aber mit Getränk. Eintritt 30 Euro oder Service-Moneys. Wie immer steht die Videoübertragung in der Mediathek ab 22 Uhr kostenlos zur Verfügung.«
»Super, das gibt’s doch gar nicht. Konzerte mit richtigen Instrumenten, live. Und sogar Orgel dabei«, ruft Sandra aus. »Darf ich mitkommen?«
Irgendwie ist sie doch wie eine Klette, denkt Jutta, wenigstens abends möchte ich eigentlich abschalten. »Wieso interessiert Sie eigentlich die Orgel so?«, fragt sie.
»Ich habe angefangen, Orgelbauerin als Beruf zu lernen. So wie Sie damals Schriftsetzer als alten Handwerksberuf. Aber bei mir ist alles schief gegangen. Meine Eltern besitzen heute noch eine der wenigen traditionellen Orgelwerkstätten, meistens reparieren und reinigen sie alte Instrumente, denn eine richtig neue Orgel leistet sich heute kaum noch jemand. Es gibt ganz wenig Vereine, die solche Traditionen noch pflegen. Auch in den meisten Kirchen stehen heute digitale Orgeln, die alten Orgelpfeifen dienen manchmal noch als Attrappe, doch meistens sind sie herausgerissen und eingeschmolzen worden, wenn sich dahinter Schmutz und Schimmel breit gemacht hatten. Es wurde immer schwieriger, das Geld für die Sanierung der Instrumente aufzutreiben. Oft wurde die Kirche als Institution mit ihren zahlreichen geldfressenden Kirchenbauten totgesagt, aber sie existiert immer noch, und die Orgelmusik auch.«
Nun staunt Jutta über das Wissen der jungen Frau. »Es ist kein Wunder, dass Sie sich zu unserem Chef hingezogen fühlen, er hat sich sein Leben lang in Orgelvereinen betätigt. Sich um die Erhaltung der Orgelmusik und dieses besonderen Instruments zu kümmern, ist neben der Architektur sein zweites großes Hobby. Aber warum haben Sie den Beruf nicht zu Ende gelernt?«
»Das ist eine komplizierte Geschichte. Zeigen Sie mir doch erst einmal Fotos!«, wehrt Sandra ab.
Die Folie hat sich wieder zusammengerollt und ist im Telefon verschwunden.
Jutta schlägt ein Fotoalbum von 1971 auf. »Hier waren wir bei der Einweihung des »Nischls« am neunten Oktober 1971.«
»Waas?«
Jutta muss lachen: »Das sächsische Wort war unser Spitzname für den Bronze-Kopf von Karl-Marx. Er war ein Philosoph und Gesellschaftstheoretiker, der im neunzehnten Jahrhundert lebte. Die Theorien von ihm und seinem Weggefährten Friedrich Engels bildeten die Basis für den Aufbau des Sozialismus in der 1949 gegründeten DDR. 1953 waren die Stadt und der Bezirk Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt worden. Und dieser Karl-Marx-Kopf war noch viele Jahre das Wahrzeichen der Stadt und zog Touristen an. Vor einigen Jahren hat die Stadt ihren berühmten, aber wieder sanierungsbedürftigen Marx trotz Protest der Bürger an einen verrückten Kunstsammler verkauft – nun steht Marx in seiner Geburtsstadt Trier.
Doch ich wollte ja von mir erzählen. 1971 war ein besonderes Jahr. Hier, die junge Frau mit dem Kinderwagen, das bin ich. Daneben der Mann mit dem Vollbart ist mein Mann Olaf, drei Jahre älter als ich.«
Da signalisiert das Display die nächste Störung: Johannes Müller erscheint auf dem Bild und, da Juttas Telefonkamera nicht ausgeschaltet ist, entdeckt er die Besucherin. Sofort setzt er sein typisches Grinsen auf und streicht sich durch die verwuschelten Locken, als könnte er damit die Frisur bändigen. »Entschuldigung, ich wusste nicht, dass du heute auch Besuch hast. Kannst du die Reporterin in unser Büro mitbringen? Wir brauchen dich. Wir müssen die Reisen mit Betreuung an die Ostsee und in die Alpen für den September vorbereiten und wir haben Anfragen für unsere Ferienwohnungen mit Betreuung im System. Wir haben auf die Schnelle drei Ferienwohnungen für die neuen Bewohner genutzt, die fehlen jetzt. Unser Team Koordination hat schon die Vorarbeiten geleistet, die Entscheidungen möchte ich aber mit dir zusammen treffen.«
»Ach Johannes. Wenn ich ganz aufhöre, musst du alles ohne mich lösen. Es gibt noch mehr fähige Leute in unserem Büro.«
»Ja gut, aber noch bist du die Chefin, und da möchte ich so etwas nicht ohne dich entscheiden.«
Jutta möchte nicht zeigen, wie sehr sie sich freut, in ihrem Büro von den überwiegend jungen Leuten geachtet und angenommen zu werden. »Nun gut, dann opfere ich meine Mittagsruhe und komme gegen vierzehn Uhr für eine Stunde. Eigentlich habe ich heute keinen Bürotag, ich muss gleich zum Medizinzentrum.«
Sie seufzt und hält sich für ein paar Augenblicke die Hände vor die Augen. »Ich glaube, so richtig zum Erzählen kommen wir heute nicht mehr. Kommen Sie mit zu unserem Medizinzentrum, machen Sie die Yogastunde mit oder schauen Sie sich inzwischen um.«
Sandra blättert in einem Fotoalbum aus Juttas Kindheit und entdeckt zwei kleine Mädchen auf einer Teppichstange sitzend, neben mehreren verbeulten Blechaschenkübeln im gepflasterten Hof. »Das war wohl ihre beste Freundin, die in den Westen gegangen ist?«
Doch Jutta ist im Bad verschwunden, sucht auf dem Display, das gleichzeitig ein Spiegel ist, nach ihrer letzten Bachblütenrezeptur, gibt ihr momentanes Befinden und das gestrige Schockerlebnis mit der neuen Bewohnerin ein und Augenblicke später erscheint die Rezeptur. Jutta klickt auf »bestellen« und hofft, dass sie die Mischung nach ihrer Yogastunde gleich mitnehmen kann.
Sie bedauert, heute keine ideale Gesprächspartnerin zu sein. Durch die angelehnte Badtür hat sie Sandras Frage gut verstanden. Soll ich ihr wirklich von Ina erzählen? überlegt sie wieder. Es muss wohl sein, sonst kann kein Mensch verstehen, warum ich damals so am Boden zerstört war. »Ihr Telefon!“, ruft Sandra vom Balkon.
»Jutta, heute kommst du nach dem Konzert mit zu uns – ohne Widerrede. Ich glaube, wir müssen reden!« verkündet Enrico Sommer vom Display. Er ist wirklich ein Freund, er merkt, wie verstört ich bin, denkt Jutta.
Sandra begleitet Jutta zu Fuß zum wenige hundert Meter entfernten Gesundheitszentrum. Am Eingang betreten sie nacheinander den Virenscanner, der beiden Frauen Sekunden später freien Eintritt in das Gebäude signalisiert. »Das ist für mich eine Errungenschaft, die ich sehr schätze«, bemerkt die Ältere.
»Ich weiß nicht, ist das nicht übertrieben, solche Dinger in allen öffentlichen Gebäuden zu betreiben, wo wir kaum noch Infektionskrankheiten kennen?«
»Wir glaubten vor vielen Jahren schon einmal, dass die schlimmsten Krankheiten ausgerottet seien. Doch in den Jahren nach der Jahrtausendwende sind die Infektionen vor allem mit neuen und resistenten Erregern stark angestiegen. Besonders in Krankenhäusern gab es zahlreiche Komplikationen und Todesfälle. Das ging einher mit unverantwortlichem Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung, der Vernachlässigung von Hygienevorschriften durch Personaleinsparungen und Überforderung sowie mit der Mobilität der Menschen über den ganzen Globus.
Dieser Zustand besserte sich erst ab 2025 durch den Aufbau eines starken Gesundheitsministeriums mit weitreichenden Befugnissen und Kontrollfunktionen. Seitdem haben wir endlich die einheitliche Bürgerversicherung, die manche Politiker schon zur Wahl 2013 einführen wollten. Ich kenne niemanden, der sich ein unüberschaubares Netz von Kranken-, Unfall- und Lebensversicherungen und die teilweise eigene Finanzierung von Medikamenten und Gesundheitsleistungen zurückwünscht. Damals wurden die Pharmaprodukte gründlich auf den Prüfstand gestellt und neue Impf- und Hygienekonzepte entwickelt. Seit zehn Jahren werden die Virenscanner flächendeckend eingesetzt. Die Herstellerfirma in der Lausitz gehört zu den führenden Unternehmen und exportiert die Geräte weltweit. Neue Erkenntnisse über Krankheiten, ihre Erreger und Ausbreitung werden bei der jährlichen Aktualisierung der Software berücksichtigt. Nein, Sandra, es ist nicht übertrieben, diese Sicherheitsmaßnahmen weiterhin konsequent durchzusetzen.«
»Wenn Sie das so sagen, ist das sicherlich doch nicht unnütz. Wir Studenten haben darüber gespottet, dass unsere Gedanken gescannt und irgendwo gespeichert werden, wir haben Faxen gemacht und die Zunge raus gesteckt, wenn wir vor der Uni durch die Geräte gehen mussten.«
Jutta lacht. »Das ist das Vorrecht der Jugend, manchmal respektlos und albern zu sein. Das wird sich in jeder Generation wiederholen.«
Sie bittet die junge Frau an der Rezeption, dass ein Mitarbeiter Sandra das Gesundheitszentrum zeigen möge, und verschwindet im Turnraum, wo bereits zehn Frauen und zwei Männer auf den Matten sitzen. Sie absolviert ihre Yogastunde, redet mit der Ärztin, holt sich ihre Medikamente ab – und dann will sie etwas Richtiges essen. Verwundert bemerkt sie, dass ihr Appetit verschwunden ist. Doch ausgerechnet jetzt sagt Sandra: »Ich bin beeindruckt von dem Gesundheitszentrum. Hier möchte ich bei Gelegenheit die Salzgrotte ausprobieren. Nun müssen Sie mir erklären, wie das Leben in Ihrem Wohngebiet funktioniert und was Ihre Firma leistet. Heute gehe ich mit Ihnen essen, ich habe Hunger. Sie haben ja erzählt, dass in dem Restaurant frisch gekocht wird.«
»Nicht nur das, die meisten Lebensmittel, selbst die exotisch erscheinenden, werden in unserer Region erzeugt.«
Im nebenliegenden Restaurant erscheinen die Speisen als ansprechende Fotos auf dem Bildschirm, der sich auf Knopfdruck vor jedem Platz auf dem Tisch öffnet. Sandra wählt nach kurzem Überlegen Leipziger Algenbratlinge mit Pilzragout aus. Jutta entscheidet sich für das Filet aus schadstofffreiem Zuchtfisch mit Püree aus einer Hülsenfruchtmischung und freut sich, als sie nach einem Wermut-Aperitif wieder Appetit verspürt.
Nach dem Essen bestellen die Frauen ein Elektromobil, in dem sie sich entspannt gegenüber sitzen, und lassen sich zum Büro fahren. Jutta erlebt diesen Vorgang ganz bewusst und sagt nachdenklich: »Wie sehr haben wir uns daran gewöhnt, dass wir diese Autos nicht mehr steuern müssen und nur die Adresse auf dem Display eingeben. Wie viele Unfälle sind uns seit Jahren erspart geblieben, weil die Maschinen emotionslos und umsichtig den Weg ohne Kollisionen zurücklegen und nicht frustrierte Menschen ihre Aggressivität im Straßenverkehr austoben!«
»Ja, das ist vernünftig. Aber ich fahre auch gern selbst mit einem Auto, das ich noch richtig lenken kann«, erwidert Sandra.
Zehn Minuten später hält das Mobil vor dem dreistöckigen Bürogebäude mit der zur Hälfte begrünten Fassade, in dessen Erdgeschoss ServiceAktiv mehrere Arbeitsräume hat.
Wieder registriert Jutta das Strahlen auf dem Gesicht ihres Vertreters, als Sandra den Raum betritt. Johannes hat Grafiken, Tabellen und Fotos auf dem Bildschirm aufgerufen und präsentiert Jutta die Lösungen, die das Team vorbereitet hat. Johannes bietet Sandra eine Relaxpause auf dem Massagesessel und ein erfrischendes Wasser mit Salzen an. Pause für Jutta, sie muss nichts erklären und erzählen.
Noch einmal fällt der Name Ina Maiwald – es gibt keinen Zweifel mehr. Jutta fällt der alte Spruch ein, der bei Abschieden dahingesagt wurde: »Man trifft sich immer zweimal im Leben.« Doch jetzt würde sie der dritten Begegnung mit ihrer früheren Freundin nicht mehr ausweichen können. In ihrem Magen rumort der Fisch, als würde er wieder hinausschwimmen wollen. Dann wird ihr schwarz vor den Augen.
Johannes springt hoch, stützt seine Chefin und führt sie hinaus. Leise sagt Jutta zu Sandra: »Wir sehen uns morgen. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie sich in unserem Büro umsehen. Ich kann nicht mehr. Verzeihen Sie einer alten Frau.« Johannes ruft Felix, den derzeitigen Praktikanten: »Bitte bringen sie Frau Herbst bis in ihre Wohnung, ich bestelle ihre Ärztin dorthin.« Jutta setzt sich in den Vorraum und versucht tief zu atmen, während Felix einen Rollstuhl holt. Sandra hat das Büro betreten und Jutta hört mit ihrem guten Gehör die leise Stimme ihres Vertreters: »Wir machen uns Sorgen. Sie regt sich im Moment sehr auf. Dabei bereiten wir doch ihr Jubiläum vor. Wir haben uns eine tolle Überraschung ausgedacht. Sie war bis jetzt fit, sie soll nicht schlapp machen!«
»Wer ist eigentlich Ina Maiwald?« hört sie Sandra fragen. »Die Frau ist aus einem Pflegeheim hierhergekommen, krank und vor allem stur, abweisend, psychisch gestört. Unsere Chefin scheint sie von früher zu kennen. Keine Ahnung, woher.«
»Eigentlich wollte ich mit ihr heute zu dem Konzert gehen. Doch jetzt ist sie so durch den Wind, dass ich sie nicht noch einmal fragen möchte.«
»Kein Problem – gehen Sie einfach mit mir. Ich melde schnell die Plätze an.«
Jutta muss lächeln und merkt, wie sich Atmung und Puls wieder normalisieren. Was soll sie mit der Ärztin anfangen? Sie weiß selbst am besten, worüber sie sich aufregt. Ins Bett lässt sie sich nicht stecken, sie möchte zu dem Konzert gehen. Ein Konzert mit echten Musikern und Instrumenten ist eine besondere Rarität geworden. Sparmaßnahmen einerseits und technische Möglichkeiten andererseits hatten in den vergangenen zehn Jahren zu einem kulturellen Massensterben geführt. Gute Schauspiele, Opern und Orchesterkonzerte werden in wenigen Konzertsälen und Opernhäusern der Welt aufgezeichnet und dann mit riesigen Gewinnen einem zahlungskräftigen Publikum zugänglich gemacht. Um das Jahr 2010 begannen digitale Live-Übertragungen der Metropolitan-Oper aus New York in die großen und gut ausgestatteten Kinos vieler Länder. Die Entwicklung setzte sich fort mit immer raffinierterer Drei- und Vier-D-Technik. Kleinere Theater und Konzerthäuser wurden geschlossen, dafür kamen die digitalen Konzerte zunehmend in Mode, so dass die Preise dafür gewaltig anstiegen. Inzwischen gehört es zu ausgesprochenen Luxuserlebnissen, eine Oper oder ein Konzert direkt zu besuchen. Eines der wenigen in Deutschland erhaltenen Konzerthäuser ist das Leipziger Gewandhaus. Zur DDR-Zeit hatte Jutta dort ein preisgünstiges Anrecht, später noch einmal 2016, als ihre Firma recht gut zu laufen begann. Doch als sie 2017 als Ersatzoma für den zweijährigen Detlef einsprang und häufig auch kurzfristig abends gebraucht wurde, kündigte sie. Es war damals schon so teuer, dass der Verlust eines bereits bezahlten Konzertes Jutta weh tat.
Heute kostet ein Ticket für das Gewandhausorchester so viel, wie ein Arzt durchschnittlich in zwei Monaten verdient. Doch die Plätze sind weltweit gefragt und für lange Zeit im Voraus ausgebucht. Vor allem Chinesen und Amerikaner der begüterten Oberschicht leisten sich Reisen nach Europa und nutzen die attraktiven kulturellen Angebote. Jutta liebt und genießt die digitalen Klang- und Seh-Erlebnisse, doch sie wünscht sich noch einmal in ihrem Leben ein richtiges klassisches Konzert mit voller Orchesterbesetzung in der besonderen Atmosphäre des Gewandhauses erleben zu dürfen. Am liebsten von der Orchesterempore aus, von der die Zuschauer dem Dirigenten ins Gesicht und die Musiker ganz nah sehen. Sie lächelt in sich hinein über ihre hochfliegenden Fantasien und freut sich auf das kleine Konzert im Festsaal ihrer Wohnanlage.
4. KAPITEL – FREITAG, 29. JUNI 2040
Pünktlich um zehn steht Sandra vor Juttas Wohnungstür. Jutta war ungewöhnlich spät nach Mitternacht ins Bett gegangen, aber nach der bejubelten Veranstaltung und dem angenehmen Gespräch mit Enrico und Manuela, bei dem die drei alten Leute zwei Flaschen Rotwein genossen hatten, konnte sie tief und ungestört schlafen. Der Blutdruck ist fast ideal und sie fühlt sich ausgeruht. Sie begrüßt die Reporterin: »Haben Sie Lust, einen Einkaufsbummel mit mir zu machen? Sie kaufen bestimmt auch fast nur online ein? Heute fährt unser Einkaufsbus zu einem Supermarkt.« Sandra staunt: »Was denn, ein richtiger großer Lebensmittelmarkt, wie es sie früher an jeder Ecke gab? Wo man durch die Regale laufen, sich inspirieren lassen und die Waren selbst in den Einkaufswagen legen kann?«
»Ja, zumindest einer ist hier noch in der Nähe geblieben. Für die großen Shopping-Erlebniscenter fehlt mir die Geduld, das zu finden, was ich wirklich haben möchte. Das kostet zu viel Zeit und Energie. Ich kaufe alles Lebensnotwendige digital ein und lasse es mir liefern. Manches besorge ich auch hier in unserem kleinen Einkaufs- und Dienstleistungszentrum, aber da bekommt man nur das Nötigste. Eigentlich ist es überwiegend ein Bestell-Service für Leute, die das an ihrem eigenen Computersystem nicht können. Aber so ein richtiges Markterlebnis, bei dem ich die Sachen anfassen und auch wieder zurücklegen kann, gönne ich mir gern ab und zu – auch viele andere Leute schätzen das.«
»O ja, ich bin dabei!« Jutta freut sich über die Begeisterung in Sandras Stimme, deren wieder anders buntes Outfit sie nicht stört. Dieses Aussehen gehört zu Sandra und sie mag die junge Frau jeden Tag mehr.
Mit dem kleinen Elektroauto rollen die beiden Frauen zur Busabfahrtsstelle, während Jutta erzählt, wie noch vor dreißig Jahren das Einkaufen ablief: »Fast jeder hatte ein eigenes Auto, viele Familien sogar zwei und mehr. Außerdem fuhren öffentliche Busse zu den Einkaufszentren. Man schnappte sich gegen einen Pfand von einem Euro einen Einkaufswagen und lief an den Regalen entlang, suchte und wählte aus einem riesigen Überangebot Waren aus und packte sie in den Wagen. Dann stand man an der Kasse und legte jedes Stück auf ein Band. Dort saß eine Kassiererin, die die durch Strichcode gezeichneten Waren einscannte. Das waren rückenunfreundliche Arbeitsplätze, dazu meist schlecht bezahlt und mit ungünstigen Arbeitszeiten. Danach packte der Käufer alle Einzelteile wieder in den Wagen und bezahlte an der Kasse die Rechnung mit Bargeld oder durch eine Scheck-Karte. Schließlich hieß es alles im Auto zu verstauen, zu Hause wieder auszupacken und Treppen hochzutragen – nur die wenigsten hatten schon einen Aufzug im Haus.«
»Meine Güte, war früher Einkaufen umständlich!“, ruft Sandra aus.
»Ja, schon, aber das nahmen wir jahrelang gern hin, um endlich alles und in großer Auswahl kaufen zu können. Ich erinnere mich an die siebziger Jahre in der DDR. Da waren so viele Dinge Mangelware, dass sie mehr unter als über dem Ladentisch vergeben wurden. Man kaufte auf Vorrat, was es gerade gab. Mancher hatte in Form von Ersatzteilen fast schon einen zweiten »Trabant« im Keller! Sogar Wurst und Fleisch waren eine Zeitlang rar, weil sie als Exportgüter für erforderliche Zahlungen an den Westen und nach Russland notwendig waren. So hielten manche die Fleischerläden für Fliesenläden. Der Witz der Sache: Fliesen waren auch Mangelware und wurden gegen Westgeld gehandelt! Oft wurde von blauen Fliesen gesprochen, wenn man einen Hundert-DM-Schein meinte. Manche Handwerkerleistung kostete dann beispielsweise fünf blaue Fliesen!«
Sandra lacht und schüttelt den Kopf: »Sie haben wirklich in einer anderen Welt gelebt, wer soll sich das noch vorstellen können!«
Am Bus drängen sich mehr als zwanzig Frauen und vier Männer, die die Einkaufsfahrt als willkommene Abwechslung nutzen. Zwei Frauen kommen auf Jutta zu und mustern Sandra: »Na Jutta, jetzt hast du jüngere Gesellschaft und willst nicht mehr mit uns Rommé spielen?« sagt die kleinere von beiden.
»Quatsch«, entgegnet Jutta, »lasst erst meinen Geburtstag vorbei sein, mir ist alles ein bissel viel im Moment.«
»Man muss Prioritäten setzen«, fällt die große Dünne mit rosagefärbten Haaren ein: »Dass du für uns keine Zeit hast, werden wir verschmerzen. Aber dass hier eine alte Freundin von dir eingezogen ist, die du noch nicht einmal begrüßt hast, obwohl du dir das sonst nie nehmen lässt, ist schon seltsam. Wir haben ja Verständnis für dich, aber die Leute von Sommerlust fangen an darüber zu tuscheln.«
Jutta spürt ihr Herz mit mindestens doppelter Frequenz schlagen. Obwohl es heute kühler ist als an den vergangenen Tagen, fühlt sie Hitze durch ihren Körper bis in den Kopf steigen und ihre Achseln feucht werden. Die Freude, Sandra einen zünftigen Einkaufsbummel vorzuführen, ist verflogen. Warum gibt es nur überall, sogar in jeder scheinbar gut funktionierenden Gemeinschaft, Neider und böse Zungen? Was geht die beiden das an? Ihre Spielabende waren meistens recht lustig, aber das Lästern über andere hat Jutta oft gestört. Dass sie selbst so unverhohlen Zielscheibe der Gehässigkeit wird, hat sie nicht erwartet. Sie spürt Sandras besorgten Blick und versucht sich zusammenzureißen. Das schlechte Gewissen bohrt sich in ihre Seele. Sie hat noch nicht den Mut gefunden, Ina zu besuchen. Deshalb fühlt sie sich von dieser Bemerkung tief getroffen. Aber muss das gleich an die Öffentlichkeit gelangen? Was soll sie tun? Sie sollte sich endlich zu dem Besuch durchringen. Wovor fürchtet sie sich? Sie ist leidlich gesund, erfolgreich und jetzt im Alter auf der Sonnenseite des Lebens, während es der einstigen Freundin schlecht geht. Warum führt das Schicksal sie noch einmal zusammen? Welchen Sinn hat das, außer beiden Frauen Schmerz zuzufügen?
Fast lautlos rollt der Bus heran, so dass Jutta die Antwort erspart bleibt. Der Virenscanner in der Tür verwehrt einem älteren Mann das Einsteigen. Eine Leuchtschrift erscheint im Bus: »Achtung. Ein Fall von Noroviren ist aufgetreten. Bitte waschen Sie sofort Ihre Hände mit dem Desinfektionsmittel.« Drei Behälter sind im Bus verteilt und die Abfahrt verzögert sich um einige Minuten, bis alle Fahrgäste auf ihrem Platz sitzen. Sandra schaut mitleidig zu dem Mann, der verpflichtet ist, sich sofort bei der Infektionsstation zu melden. Der Befund des Scans ist auf seinem Fingerchip gespeichert.
Der Bus hält am Supermarkt und der Fahrer gibt eine Endzeit für das Shoppingvergnügen an, bevor die Fahrgäste den Einkaufswagenfuhrpark stürmen. Hier hat der Virenscanner nichts zu beanstanden. Die Wagen bestehen aus einem bequemen Sitz, neben dem man auch herlaufen kann, und davor einem geräumigen Korb. Mit einem Display können sich die Kunden die anvisierten Waren durch kleine Roboter zum Ansehen in die Hand und danach in den Wagen oder zurück ins Regal legen lassen. Eine Suchfunktion ermöglicht, Produkte zielgerichtet zu finden. Sandra packt sich den Wagen voll Lebensmittel und Kleinkram. Vor der Kasse halten beide Frauen mit ihren Wagen an großen Bildschirmen, die die gekauften Waren abbilden und die Kosten einzeln und in Summe anzeigen. Jutta hält ihren Fingerchip an das Gerät, das daraufhin ihr Guthaben vor und nach diesem Einkauf anzeigt und mit einer angenehm melodischen Computerstimme fragt: »Möchten Sie alles kaufen oder einzelne Waren zurückgeben beziehungsweise austauschen?«
Das funktioniert genauso mit Sandras Universalscheckkarte. »Oh Mist, ich habe mein letztes Honorar noch nicht, mit dem Einkauf komme ich ins Minus!“, ruft Sandra erschrocken aus.
Jutta ist schon durch den Kassenbereich gerollt und schaut zu, wie ein Roboter ihre Einkäufe in ein maßgerechtes Paket packt und mit ihrer Anschrift versieht. Pünktlich zu ihrer Heimkehr wird das Paket vor der Wohnungstür stehen und sich nach Kontakt mit ihrem Fingerchip öffnen lassen. Jutta bemerkt, dass der Inhalt von Sandras Einkaufswagen auf ein Minimum geschrumpft ist und ihr Gesicht deprimiert wirkt. Vielleicht sollte die junge Frau nicht so viel in Modeschnickschnack investieren und vernünftiger essen. Gleichzeitig empfindet sie Mitleid mit der Medialistin, die offensichtlich Probleme hinter der schreienden Fassade zu verbergen versucht. Ob sie einen Freund hat?
»Ich lade Sie zum Essen ein, vielleicht haben Sie Lust, mir beim Kochen zu helfen? Ich habe frisches Gemüse und Kartoffeln gekauft. Muss es Fleisch dazu sein?« Sie sieht ein Strahlen in Sandras Augen. »Oh stark, richtig kochen! Nein, Fleisch will ich nicht haben. Ich bin dabei, klasse!«
Es ist später Mittag, als die beiden Frauen Juttas Einkaufspaket in die Wohnung rollen. »Die Bohnen müssen gewaschen, geschnitten und zehn Minuten gekocht werden. Die Zwiebeln, Karotten, Pilze, Paprika, und den Lauch schneiden wir nach dem Waschen direkt in die Pfanne zum Braten. Die Kartoffeln braten wir in einer zweiten Pfanne allein, damit sie richtig knusprig werden.« Mit Freude verfolgt Jutta, wie eifrig Sandra ihren Anweisungen folgt. Die Arbeitsplatte, auf der sie alles schnippeln, enthält die integrierten Kochfelder, die sich dem Standort und der Größe von Töpfen und Pfannen anpassen. Der Kochvorgang beginnt nach einem elektronisches Signal der Kochgeräte. Die Felder erhitzen nur die zu garenden Lebensmittel, während die restliche Fläche kalt bleibt. Nach dem Kochen und anschließendem Warmhalten der Speisen schalten sich die Kochfelder automatisch ab. Die zusätzliche Kindersicherung hat Jutta deaktiviert.
Eine halbe Stunde später sitzen sie mit beladenen Tellern vor dem duftenden Gericht und essen voller Genuss, ohne etwas übrig zu lassen.
»Das war toll, so gut hat es mir ewig nicht geschmeckt«, verkündet Sandra strahlend. Sie scheint sich wohl zu fühlen, denkt Jutta, als Sandra anbietet, mit der Universalkaffeemaschine einen Espresso zuzubereiten.
»Für mich einen Milchkaffee«, sagt Jutta und lässt sich in ihrem Liegestuhl auf dem Balkon nieder. Sandra setzt sich an den kleinen Tisch. Der Duft der bunten Sommerblumen in den Balkonkästen schmeichelt den Nasen und lockt Bienen an, deren Summen die Stille erfüllt. Es ist angenehm warm, die Hitze und Schwüle sind vorerst gebannt.
»Herrlich ruhig haben Sie es hier.«
»Ja, um diese Zeit genieße ich das sehr. Aber nachmittags und abends, wenn die Kinder aus Kindergarten und Schule da sind und viele Eltern nach der Arbeit in Gruppen draußen sitzen, ist es oft ziemlich laut. Ich hätte mir früher nicht vorstellen können, wie ruhe- und harmoniebedürftig ich jetzt bin.«
»Stört Sie das sehr? Ist es vielleicht doch besser, wenn die Generationen nicht so aufeinanderprallen?«
»Ja und nein. Ich war viele Jahre sehr allein. Ich habe alle Menschen um Trubel, Familie, Freunde, Kinder, Enkelkinder, Verwandte und große Familienfeiern beneidet. Am meisten verhasst war mir meine Ruhe, von der ich mehr als genug hatte. Bekannte mit Familie wollten manchmal dem Lärm, dem Stress und auch Streitigkeiten in ihrer Gemeinschaft entgehen und haben mich um meine Ruhe und mein selbstbestimmtes Leben beneidet. Mir scheint, es liegt einfach in der Natur des Menschen, das haben zu wollen, was man gerade nicht hat. Was wir besitzen, schätzten wir häufig erst, wenn wir es verlieren.
Generationen haben über Jahrhunderte ganz selbstverständlich zusammengelebt, die Vorteile genutzt, aber auch unter zu viel Nähe und Konflikten gelitten. Mit der Globalisierung sind seit den neunziger Jahren zahlreiche Familien auseinander gebrochen. Die jungen Leute gehen dorthin, wo sie Arbeit bekommen und sich verwirklichen können, und gründen über Ländergrenzen hinweg neue Familien. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, sind echte und virtuelle Netzwerke wichtig geworden. Es entstehen überall neue Gemeinschaften. Eine davon ist die in unserer Siedlung Sommerlust, in der ich mich zu Hause fühle.«
Sandra hat die leere Espressotasse abgestellt und knetet ihre Finger. Ihre Augen schweifen über die Blumenkästen mit den üppigen rot, rosa, lila und weiß blühenden Geranien und Petunien und zu den im leichten Wind schwankenden Ahornzweigen vor dem Balkon.
»Darüber habe ich so noch gar nicht nachgedacht. Ich muss meinem Großvater von diesem Wohngebiet erzählen. Er ist gesellig, war früher richtig lustig, und jetzt vereinsamt er allein in seiner Wohnung. Dort wohnen auch junge Leute, aber sie haben mit sich zu tun und um Opa kümmert sich niemand. Zum Glück ist er noch rüstig und kann sich selbst versorgen. Er ist geistig fit, ach, ich müsste ihn öfter besuchen.«
Nach einem stillen Moment richtet sich Sandra auf und lenkt das Gespräch in eine andere Richtung. »Und was ist mit Ihrer Freundin?«
Jutta seufzt und erzählt: »Das Treffen unserer Grundschulklasse fand am vierten September 1999 im Handwerkerkeller in Leipzig statt – fünfunddreißig Jahre nach dem Abschluss der achten Klasse und meinem Wechsel zur Erweiterten Oberschule. Das Datum hat sich mir eingeprägt. Es war nicht das erste Klassentreffen und ich hatte mit mir gekämpft, ob ich mich sehen lasse, denn ich war seit mehr als einem Jahr arbeitslos. Ich fühlte mich als Versagerin.«
»Das verstehe ich nicht. Ich denke, damals gab es die hohe Arbeitslosigkeit, weil viele Firmen Personal abbauten oder pleite gingen – da konnten Sie doch nichts dafür.«
»Das stimmt Sandra, aber das einzelne und vor allem das eigene Schicksal berührt den Menschen immer am meisten. Wenn anderen Unglücke geschehen, reagiert man mitleidig und freut sich insgeheim, dass einem das nicht selbst passiert ist. Aber wenn dich etwas persönlich trifft, was du bei anderen vielleicht nicht so dramatisch empfindest, dann kann dich das heftig schmerzen.«
»Sie haben sicher recht. Wenn ich daran denke, wie ich nach dem Streit wegen der dauernden Bevormundung die Brücken zu meinen Eltern abgebrochen hatte, dann war das auch ein ganz harter Brocken. Aber jetzt habe ich Sie unterbrochen, erzählen Sie von dem Klassentreffen.«
Jutta steht auf, streckt sich und füllt zwei Gläser mit Wasser aus der Leitung. Sie möchte Sandra nach dem Problem mit ihren Eltern fragen, doch vorerst muss sie sich auf ihren eigenen Erzählfaden konzentrieren. Sie schneidet eine frische Zitrone in Scheiben und fährt alles mit einem kleinen Servierwagen bis zum Balkontisch. Sie hat mit diesen kleinen Tätigkeiten ihre Aufregung ein wenig niedergekämpft. Vorsichtig lässt sie sich auf ihrem Stuhl mit dem dicken Kissen nieder und quetscht etwas Zitronensaft in ihr Wasserglas. Sie genießt die kühle, säuerliche Flüssigkeit in ihrem Mund, lehnt sich an und spricht weiter. Sandra beugt sich vor, um die leise Stimme zu verstehen.
»Das habe ich mir selbst gesagt, dass die kleine Sanitärfirma, in der ich gearbeitet habe, nicht durch meine Schuld Konkurs anmelden musste, sondern weil ihre Kunden die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten und massenhaft Aufträge stornierten. In Leipzig hatte sich die Pleite eines bekannten Immobilienmanagers auf viele Bau- und Handwerksfirmen katastrophal ausgewirkt, wenn auch zum Teil mit Verzögerung. Er hat von den Banken riesige Kredite erhalten, mit denen er wichtige historische Gebäudekomplexe aufwändig saniert und etliche Wohnhäuser neu gebaut hat. Viele Leipziger waren ihm dafür dankbar, denn es ging sichtbar aufwärts mit der Rettung der verfallenen Stadt. Die Krux dabei war, dass sich alles als riesiges Lügengebäude entpuppte.
Ich hatte ab 1996 als Sekretärin, Buchhalterin und Mädchen für alles in der Sanitärfirma gearbeitet. 1995 hatte ich meine Marketing-Umschulung abgeschlossen und keine Stelle gefunden. Als ein Bekannter mir diesen Job anbot, griff ich zu, obwohl er unter meiner Qualifikation war und Schwierigkeiten programmiert waren, danach eine bessere Stelle zu bekommen.
Privat war alles schief gegangen, ich war ganz allein. Ich war geschieden und meine Tochter lebte bei ihrem Freund in Frankfurt am Main. Das Bild mit dem Kinderwagen in Karl-Marx-Stadt erzählt etwas anderes, das lag aber zu diesem Zeitpunkt weit zurück. Doch dazu später.«
Sandra seufzt und trinkt ihr Wasser aus. Gleich guckt sie auf die Uhr, ich sollte mich disziplinieren und zur Sache kommen, denkt Jutta.
»Ich will Sie nicht auf die Folter spannen. Zu diesem Klassentreffen sah ich meine frühere Freundin Ina wieder, das erste Mal seit der Flucht ihrer Familie in den Westen. Sie kam als Letzte, als wir alle in Gespräche vertieft waren. Ich unterhielt mich mit Klassenkameraden, denen es zum Teil nicht besser ging als mir, und fühlte mich wohl in der Runde. Dann trat Ina auf. Ihr Erscheinen verwandelte den Raum zur Showbühne und alle starrten hingerissen zu ihr: Eine elegante Frau mit fast Fünfzig, die sofort die Gespräche an sich riss. Ihre durchdringende Stimme ließ alle anderen verstummen. Hätte ich mich nicht gerade so gut mit meinem Klassenkameraden Bernd unterhalten und gehofft, das Gespräch bald fortsetzen zu können, wäre ich sicher schnell verschwunden. Doch um ehrlich zu sein, ich war auch fasziniert. Meine alte Freundin, wie hatte sie sich verändert, wie erfolgreich war sie geworden! Was hatte sie, was ich nicht einmal ansatzweise erreichen konnte? Obwohl sie fülliger war als ich, wirkte sie elegant in ihrem maßgeschneiderten dunkelblauen Kostüm. Ich brannte darauf, mehr aus ihrem Leben zu hören, doch sie präsentierte sich geschickt und mit vielen unterhaltsamen Details als erfolgreiche Marketingfrau. Von ihrem Privatleben erfuhren wir nichts. Plötzlich kam für mich die Überraschung: Sie sprach keineswegs von einer Firma in Stuttgart oder Hamburg, sondern sie lebte und arbeitete seit zwei Jahren in Leipzig. In einer mir unbekannten Firma GENIL hatte sie eine neue Marketingabteilung aufgebaut.«
»Wow, das ist ja super«, entfährt es Sandra und sie schlägt sich die Hand auf den Mund.
»Sandra, ich bin alt und inzwischen selbst erfolgreich. So fällt es mir nicht schwer zuzugeben, dass ich Ina an diesem Abend glühend beneidete. Obwohl ich beizeiten gehen wollte, saß ich am Ende noch mit dem harten Kern der Klasse dort und lauschte ihren Ausführungen. Bernd, mit dem ich mich eigentlich austauschen wollte, war längst nach Hause gegangen, als ich mir den Ruck zum Aufstehen gab. Ich hatte das Gefühl, als Einzige nüchtern zu sein, weil ich mir kein Getränk mehr leisten konnte. Ich dachte darüber nach, warum sich meine Freundin nie bei mir oder bei meiner Mutter, die noch im alten Haus wohnte, gemeldet hatte. Da sprach Ina die Sätze aus, die mein Schicksal veränderten: »Jutta, meine beste Freundin. Eine Ewigkeit haben wir uns nicht gesehen wegen dieser blöden Mauer. Erzähl doch mal von dir, ich lad dich zu einem Sekt ein. Nach so langer Zeit müssen wir unser Wiedersehen begießen.«
Sie bestellte eine ganze Flasche nur für uns beide, denn nun verschwanden die anderen auch. Offensichtlich war meine Freundin in der Klasse gar nicht so beliebt gewesen oder nach der Ausreise bei den meisten aus dem Gedächtnis verschwunden. Die Kellnerin zog ein griesgrämiges Gesicht, sie wollte Schluss machen, doch davon ließ sich Ina nicht beeindrucken. Und ich nach dem zweiten Glas auch nicht mehr. Plötzlich gab es wieder einen Gesprächsfaden, wir erinnerten uns an die Kindheit, lachten und mochten uns. Und dann bot sie mir in ihrer Marketingabteilung eine Stelle an. Ich zweifelte nicht an ihrer Redlichkeit. Sie war wieder meine Freundin, die mir half und der ich vertraute. Sie bestellte und bezahlte dann noch ein Taxi, das erst mich und dann sie nach Hause brachte.«
»Doch wo war der Haken? Das kann ja nicht ehrlich gewesen sein!“, ruft Sandra aus.
Jutta würde jetzt am liebsten Sandra einen Sekt spendieren. Aber nein, die junge Frau ist im Dienst, und der Alkohol mit Enrico und Manuela gestern war für Jutta und ihren hohen Blutdruck erst einmal genug.
»Es war ehrlich gemeint, das hat mich im nüchternen Zustand am nächsten Tag auch gewundert. Mit dem neuen Jahrtausend startete ich am ersten Januar 2000 in der Marketingabteilung der Firma GENIL im Zentrum von Leipzig. Mein Dienst fing in der Silvesternacht zur Schwelle des neuen Jahrtausends an, denn es waren wegen des Wechsels von 1999 zu 2000 Computerpannen, Stromausfälle und unerwartete Ereignisse befürchtet worden. Doch nichts Schlimmes passierte, alles funktionierte und in den Redaktionen langweilten sich die Journalisten, weil es keine Sensationen gab. Sie riefen ständig an und fragten nach, wobei sie nur beim Fernsehen störten.«
Sandra muss lachen und erzählt: »Ja von dieser verrückten Jahrtausendwende hat mein Opa auch berichtet. Er war Lehrer gewesen, fühlte sich zu Höherem berufen und schulte zum Betriebswirtschaftler um. In Frankfurt am Main machte er ein Praktikum und erlebte dort die Aufregung um die Jahrtausendwende so ähnlich. Er wollte noch einmal durchstarten und sich ablenken, denn er erlebte eine schlimme Zeit, wie ich es aus den Familienerzählungen weiß.«
»Sie erzählen mehr von Ihrem Großvater als von Ihren Eltern. Haben Sie eigentlich auch Geschwister?«
»Nein, ich bin ein verwöhntes Einzelkind«, Jutta vermisst die Fröhlichkeit in Sandras Lachen. »Ich hatte es sehr gut in meiner Kindheit. Aber am Ende war es auch das Problem, dass ich immerzu den Erwartungen meiner Eltern entsprechen sollte. Sie sind mit dieser Orgelbauwerkstatt verheiratet. Dass ich Orgelbauerin lernen und die Firma übernehmen sollte, stand von Anfang an fest, auch für mich. Ich stellte das nie in Frage und begann die Ausbildung. Aber bitte, fragen Sie jetzt nicht, warum ich sie abgebrochen habe und nur noch weg wollte. Ich erzähle es Ihnen ein anderes Mal. Bitte sprechen Sie von sich, das ist jetzt viel wichtiger.«
Jutta denkt über das eben Gehörte nach. Enrico möchte eine öffentliche Exkursion zur Besichtigung der Werkstatt von Sandras Eltern anbieten und zur Vorbereitung mit Jutta, Johannes und der Reporterin dorthin fahren. Ob das eine gute Idee ist? Sie möchte Klarheit schaffen, doch die junge Frau hat gerade ihr Telefon auf »Aufnahme« gestellt und schaut Jutta erwartungsvoll an.
»Ich bin jetzt ganz aus dem Konzept gekommen. Was machen Sie am Wochenende, wenn wir uns nicht sehen?«
»Keine Ahnung, am liebsten würde ich herkommen und mich weiter mit Ihnen unterhalten.«
»Gönnen Sie uns beiden eine Pause. Wartet kein junger Mann auf Sie?«
»Im Moment nicht. Aber ich kann mit der Reportage anfangen. Zu Ihrer Pressekonferenz möchte ich sie vorbereitet haben, damit ich einen Tempovorteil genieße.« Fast flehend setzt sie hinzu: »Schnelligkeit ist heute die einzige Waffe gegen Konkurrenten!«
»Ich verstehe dich – Sandra, von mir kannst du mich auch duzen. Jetzt kennen wir uns schon ein paar Tage. Ich heiße Jutta!«
»Danke, Frau Herbst – ach nein Jutta. Ich finde es toll, Ihr Angebot, nein dein Angebot, es ehrt mich. Aber ich muss mich erst daran gewöhnen.«
»Am Wochenende besuche ich Ina Maiwald, das habe ich mir fest vorgenommen. Es ist dir sicher nicht entgangen, dass sie aus dem Pflegeheim hierher gekommen ist und ich das anfangs am liebsten nicht wahrhaben wollte!«
»Jutta, wenn du das schaffst, bekommst du eine Tapferkeitsmedaille. Auch wenn ich eure ganze Geschichte noch nicht kenne, so weiß ich nun von deiner Freundin Ina und freue mich, dass du sie besuchen wirst! So ein Zufall, du erzählst mir von ihr, und sie lebt und kreuzt hier auf!«
»Hmm«, brummelt Jutta und denkt: Hätte ich doch bloß nicht so viel gesagt und versprochen. Eigentlich will ich sie nie mehr sehen, und in diesem Zustand schon gar nicht. Das wird mich nur weiter runter ziehen.
»Frau Herbst, ach nein, Jutta, ich habe das moderne Büro von ServiceAktiv gesehen. Doch ich kann mir nicht vorstellen, wie es mit deiner Firma begonnen hat. Erzählst du mir etwas aus der Anfangszeit?«
Jutta gibt sich einen Ruck und trinkt ihr Wasserglas leer.
»Das ist alles so lange her. Und trotzdem sehe ich mich noch in dem kleinen Büro sitzen, als sei es gestern gewesen. Zuerst enthusiastisch, weil ich nun endlich meine Ideen verwirklichen wollte, kurz darauf aber tief verzweifelt.
Ich habe bescheiden angefangen. Ich bekam ein kleines Büro in Enricos Verwaltungsgebäude, wo auch die Wohnungsverwaltung saß. Ich besaß Enricos abgelegten Computer und meinen fünf Jahre alten Laptop. Dazu einen Aktenschrank mit Ordnern. Darin hatte ich seit Beginn meiner Vorbereitungsarbeiten für die Gewerbeanmeldung Anzeigen für Dienstleistungen aus Zeitungen und dem Internet gesammelt. Zuerst musste ich unter den Anbietern Partner gewinnen, die bereit waren, an mich eine Provision zu zahlen und im Gegenzug Kunden zu bekommen. Dann begann ich, eine Datenbank der Dienstleister anzulegen. Es war eine Fleißarbeit, die ich vorher enorm unterschätzt hatte.
Wie gern hätte ich meinen damaligen Partner an meiner Seite gehabt, nicht nur seinen fachlichen Rat als Unternehmensberater. Manchmal saß ich vor dem Computer und träumte, wir beide würden zusammen die Firma aufbauen. Er würde scherzen und mit mir lachen, wir würden Ideen realisieren, gemeinsam arbeiten und abends jeden neuen Erfolg feiern. Manchmal überlegte ich, was er mir bei einzelnen Problemen raten würde. Ich hatte sechs Jahre lang versucht, diesen Mann zu vergessen. Doch plötzlich saß er in meinen Gedanken mit im Büro und ich konnte ihn nicht vertreiben. Ich hatte kein Glück mit ihm gehabt, ebenso wenig wie mit meinem Ehemann. Männer und ich – das passte in meinem Leben einfach nicht zusammen!
Und noch jemand drängte sich auf die gleiche Weise wieder in meinen Alltag: Ina Maiwald. Auch sie wollte ich vergessen, doch mit der Firmengründung richtete sie sich in meinen Gedanken häuslich ein. Ich hatte bei GENIL vor allem von ihr das Marketing-Einmaleins gelernt. Mit Service-Aktiv wollte ich mir selbst beweisen, dass ich dieses Fach genauso gut beherrschte. Doch bei jeder Aktion, die ich plante, um mein Konzept bekannt zu machen und Kunden zu gewinnen, fielen mir Sätze, Argumente, Vorbehalte ein, die ich von meiner damaligen Chefin gehört hatte. Selbst die Erinnerung an den derben Klang ihrer Stimme beleidigte mein Ohr.
Ich wollte selbstständig im wahrsten Sinne des Wortes sein und mich von Ina und von Roland lösen. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass die beiden so präsent sein würden. Ich fühlte mich mit meinem neuen, selbstgewählten Job einsamer als je zuvor. Manchmal liefen mir die Tränen übers Gesicht, wenn ich abends allein im Büro saß und Infos in meine Datenbank tippte. Dann glaubte ich, die Einsamkeit nicht mehr ertragen zu können. Ich war nah dran, alles wieder hinzuwerfen. Unseren heutigen Leitspruch »Tun« hatte ich damals noch nicht entdeckt, sondern versuchte mich mit einem Zitat des Schriftstellers Erwin Strittmatter zu motivieren: »Verfolge dein Ziel, Tag für Tag, beharrlich! Mögen die Worte, mit denen das gesagt wird, konventionell wirken, es gibt nur diesen Weg, zu dir selbst zu kommen!«
Wenn am nächsten Morgen Enrico und Manuela in mein Büro kamen und sich nach meinen Fortschritten erkundigten, sah ich alles wieder in rosigerem Licht und ich beschloss, nicht aufzugeben, meine Freunde nicht zu enttäuschen und die Firma zum Leben zu erwecken. Außerdem war mir klar, in welche Depression mich ein Misserfolg stürzen würde.«
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