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Ricarda Huch

Gesammelte Werke von Ricarda Huch

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2021 OK Publishing

EAN 4066338117496

Inhaltsverzeichnis

Historische Werke

Deutsche Geschichte

Der Dreißigjährige Krieg

Wallenstein

Im Alten Reich - Lebensbilder Deutscher Städte

Michael Bakunin und die Anarchie

Philosophische Schriften

Natur und Geist als die Wurzeln des Lebens und der Kunst

Die Romantik

Luthers Glaube

Gottfried Keller

Romane

Der Fall Deruga

Die Geschichte von Garibaldi

Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren

Michael Unger (Vita Somnium Breve)

Aus der Triumphgasse. Lebensskizzen

Novellen

Teufeleien

Weiße Nächte

Der Hahn von Quakenbrück

Der Sänger

Der neue Heilige

Erzählungen

Das Leben des Grafen Federigo Confalonieri

Der letzte Sommer. Eine Erzählung in Briefen

Der Mondreigen von Schlaraffis.

Das Judengrab

Aus Bimbos Seelenwanderungen

Fra Celeste

Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Lügenmärchen

Weltuntergang

Gedichte

Historische Werke

Inhaltsverzeichnis

Deutsche Geschichte

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Erster Band Römisches Reich Deutscher Nation

Zweiter Band: Das Zeitalter der Glaubensspaltung

Dritter Band: Untergang des Römischen Reiches Deutscher Nation

Erster Band:
Römisches Reich Deutscher Nation

Inhaltsverzeichnis

Römisches Reich Deutscher Nation

Bonifatius

Die ersten Karolinger und die Päpste

Karl der Große

Die Deutschen und das Christentum

Das Kloster

Der Adel

Die Ottonen

Bischöfe

Frauen

Der Norden

Imperatoren

Heinrich IV. und Gregor VII.

Heinrich IV. und die Städte

Welfen und Staufer

Kaiser und Papst

Ausgang

Die Kreuzzüge

Die Kolonisation

Die letzten Hohenstaufer

Kaufleute

Städte

Die Juden

Die Juden und der Wucher

Ketzer

Die heilige Elisabeth und der Deutsche Orden

Geistiges Leben

Albert Magnus

Der Rheinische Bund

Stedinger, Friesen, Dithmarschen

Schlachten

Die Eidgenossenschaft

Der falsche Friedrich

Ludwig der Bayer

Sprache und Nationalität

Die Mystiker

Karl IV.

Territorialfürsten

Österreich

Zunftkämpfe

Städtebünde

Das Konzil zu Konstanz

Die Hanse

Siegmund im Reich und im Osten

Die Reformation des Kaisers Siegmund

Gutenberg

Untergang des Deutschen Ordens

Die Auflösung

Römisches Reich Deutscher Nation

Inhaltsverzeichnis

Das Römische Weltreich liegt in Trümmern, aber es ist nicht tot. Es lebt ein gesteigertes Leben, seit es nicht mehr Wirklichkeit ist; denn es ist Idee geworden. Einem Liede gleicht es, das in das Ohr eines Schlafenden dringt und ihm wunderbare Träume erzeugt. Nichts, das man am Tage hört, tönt so laut, so hinreißend; erinnert man sich wachend seiner auch nicht deutlich, so bleibt man doch seiner unvergleichlichen Schönheit bewußt, die ewige Sehnsucht erregt. Es hob das Herz wie ein Schlachtgesang, strahlend von Majestät und Triumph, es durchbohrte das Herz mit feierlicher Trauer wie ein Choral. Weltherrschaft und Christentum waren darin verschmolzen, Imperium sine fine dedi – Endlos daure das Reich, das ich gab. Die Verkündigung Jupiters, des Vaters der Götter und Menschen, durch die Virgil dem Römerreich unendliche Dauer verheißt, schlug in einen gewaltigen Akkord zusammen mit den Worten des Herrn, auf welche die Kirche ihren Anspruch auf Unvergänglichkeit gründet: Tu es Petrus – Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Götterworte übten bindenden Zauber, beugten die siegreichen Söhne Germaniens unter Rom in Trümmern.

Manche von den Germanen hatten Rom gedient, manche hatten sich ihm unterworfen, andere es bekämpft, es besiegt, alle glaubten an das Römische Reich. Es war eine von Gott errichtete Ordnung, von Gott dadurch beglaubigt, daß er innerhalb dieses Reiches Fleisch geworden war, außerhalb dessen das Chaos der Heidenwelt brandete, und Rom war sein Haupt. Roma sancta, Roma aeterna. Es war der Sitz der Cäsaren gewesen, es war jetzt der Sitz der Päpste, es konnte verfallen und veröden, es blieb der magische Punkt, durch den die Erde mit den Göttern verbunden war. Die Germanen waren reich an Gegenwart und Zukunft, aber Rom, wenn es auch darniederlag, besaß einen Schatz über alle Schätze, es besaß geformte Vergangenheit. Alte Kultur ist Schwerkraft, die den Menschen unwiderstehlich anzieht; je näher er der Natur steht, desto williger beugt er sich ihrem vergilbten Glanze. Verschiedene germanische Völker gründeten Reiche, die überraschend aufblühten, einige vergingen so rasch, wie sie entstanden waren, alle glaubten ohne Wurzel im Zufälligen der eigenen Kraft zu schweben, bis sie unvergänglich göttlichen Rechtsgrund im Römischen Weltreich fanden.

Bonifatius

Inhaltsverzeichnis

Selten ist es den Menschen vergönnt, aus eigenem Geiste eine Tat von dauernder Bedeutung zu tun; ein dazu Auserwählter war Winfried Bonifatius, der die Kirche des Frankenreiches dem Papst unterwarf. Wieviel Umwälzendes die Jahrhunderte den britischen Inseln gebracht haben, der Angelsachse des 8.Jahrhunderts war dem Engländer der neuen Zeit ähnlich: tatkräftig, sachlich, streng kirchlich, ohne fromm zu sein, großartig in seinen Entwürfen, im Organisieren, so daß man den jungen Mönch des Klosters Nutscelle gern zu diplomatischen Geschäften verwendete. Es würde ihm an Ehren und Einfluß in der Heimat nicht gefehlt haben; aber ihn bewegten größere Gedanken. Er ging aus von dem Wunsche, die Friesen zu bekehren, nichts Fernliegendes für ihn, denn von den Iren und Angelsachsen war größtenteils die Mission unter den germanischen Stämmen des Festlandes ausgeführt worden. Die keltischen Iroschotten, die Ureinwohner der Inseln, gehörten der alten britischen Mönchskirche an, die den Verfall des Römischen Reiches überdauert hatte, die Angelsachsen der von Papst Gregor I. gepflanzten bischöflichen Kirche. In der britischen Mönchskirche bestanden allerlei von der Papstkirche abweichende Gebräuche, wie daß die Ehelosigkeit der Geistlichen bei ihnen kein Gebot war, hauptsächlich aber waren sie, wenn sie auch mit dem römischen Papst in Beziehung standen, doch unabhängig von ihm, indem der Begriff der Fortpflanzung der göttlichen Priesterweihe durch den römischen Bischof bei ihnen nicht galt. Die Geringschätzung, mit welcher die Angelsachsen auf die Mönchskirche herabsahen, hatte vermutlich ihren Grund mehr darin, daß sie überhaupt die unterworfene Rasse verachteten, als in den Eigenheiten ihrer Verfassung. Mangel an Bildung konnte man den Iroschotten kaum vorwerfen, die sogar Griechisch verstanden und lehrten; es war wohl mehr etwas Regelloses, Schweifendes, Phantastisches in ihrem Wesen, was die Angelsachsen abstieß. Der sächsische Stolz war bei den Angelsachsen noch gesteigert; Winfried war von vornehmer Abkunft, dazu persönlich durch das Machtgefühl eines überragenden Geistes und unbeugsamen Charakters gehoben. Die Bekehrung der Friesen war eine Aufgabe der Zeit, zuerst vom Erzbischof von York versucht, der bei einer Romreise an die friesische Küste verschlagen war, während der Frankenherrscher Pipin von Heristall und dessen Sohn Karl sie mit dem Schwert zu unterwerfen trachteten. Der kriegerische Angriff verdoppelte die Widerspenstigkeit der Friesen gegen die Glaubensboten; denn der neue Gott stellte sich offensichtlich dar als der Gott von Feinden, die ihrer Freiheit nachstellten. Ein Sieg Pipins hatte zunächst Erfolg: der Friesenhäuptling mußte einen Teil seines Landes abtreten und eine Tochter einem Sohne Pipins, Grimsald, zur Frau geben. Der angelsächsische Missionar Willibrord war Pipin als Gehilfe willkommen, er gründete das Kloster Echternach, stellte sich dem römischen Papst vor und wurde von diesem zum Erzbischof von Utrecht geweiht, demselben Ort, wo Radbod, der Friesenhäuptling, seinen Sitz hatte. Dieser rasche Erfolg war nicht von Dauer: Grimsald wurde auf der Reise zu seinem erkrankten Vater in der Kirche von Lüttich von einem Friesen ermordet, der, wie man glaubte, ein Beauftragter Radbods war. Als bald darauf Pipin starb, fiel das eroberte Gebiet ab. So war die Lage, als Winfried, etwa fünfunddreißig Jahre alt, sich dem verschütteten Werk zu weihen beschloß. Er fuhr nach Friesland hinüber und hatte eine Unterredung mit Radbod; dabei muß er den Eindruck unüberwindlichen Widerstandes empfangen haben, denn er kehrte bald in sein Kloster zurück, nicht um seinen Plan aufzugeben, sondern um ihn anders anzupacken. Winfried war nicht ein Glaubensbote, wie Columban, Gallus, Pirmin gewesen waren, die das Feuer ihres Glaubens auf die Heiden zu übertragen wußten, die Mensch und Tier durch die fremde Rede bezauberten, auch mit der Faust dreinschlugen, wenn das Wort nicht verfing; Winfried war ein Aristokrat, dem es mehr auf Kultur als Religion ankam, den das Ungeordnete mehr beleidigte als das Unchristliche. Als ein rechter Engländer sah er die Religion als Teil der staatlichen Ordnung an und beschloß, sein Bekehrungswerk nicht als ein Abenteurer gleichsam von unten aus im Herzen des Volkes, sondern von oben und außen her, als Organisation an die Hand zu nehmen, ausgehend von der Spitze der Kirche, dem römischen Papst. Nachdem er die eben erhaltene Abtswürde niedergelegt hatte, ging er nach Rom, um sich vom Papst die Vollmacht zur Missionspredigt zu holen. Auch die Romreise war etwas Zeitgemäßes, sie wurde von den britischen Inseln aus mit Vorliebe unternommen. Geistliche und weltliche Personen, männliche und weibliche folgten dem Zuge nach der Hauptstadt der Welt, nach dem heiligen Sonnenlande. Dort war, wie in unseren Tagen, eine Kolonie von Fremden, dort machte man interessante Bekanntschaften, dort trank man, gelöst vom Alltag, aus einem Lebensstrome, der über fabelhaften Ruinen voller als anderswo rauschte. Die vier Päpste, die Bonifatius erlebte, Gregor II., Gregor III., Zacharias und Stephan III., waren ihm gegenüber die Lässigeren, wenn sie auch auf seinen Plan, die fränkische Kirchenhierarchie aufzubauen, willig eingingen. Als Haupt der Christenheit sich fühlend, mochten sie denken, die Barbarenreiche würden ihnen ohnehin einmal als zeitige Frucht in den Schoß fallen, zum Teil waren sie mittelmäßige Leute, die nicht den immertätigen Geist des großen Angelsachsen hatten. Die Eigenschaften und Zustände des Nordens waren ihnen wenig bekannt, die Schärfe der Abneigung Winfrieds gegen die irischen Mönche und ihre Mission, gegen die verweltlichten fränkischen Bischöfe fühlten sie nicht mit. Andererseits waren sie gewöhnt, von den germanischen Christen als Schiedsrichter und Wissende in unzähligen Fragen des Staates, der Kirche, der Sitte angerufen zu werden. Sie waren die Inhaber der Tradition, von ihnen glaubte man erfahren zu können, was gültig war. Nachdem Winfried dem Papst Gregor II. förmlich gehuldigt und von ihm einen Kodex des kanonischen Rechtes empfangen hatte, unterwarf sich der stolze Sachse dem Urteil des römischen Bischofs mit erstaunlicher Selbstüberwindung. In den meisten Fällen waren die Entscheidungen der Päpste so verständig, daß sie ohne weiteres einleuchteten; aber in dem kanonischen Gesetz zum Beispiel, wonach geistliche Verwandtschaft, nämlich die Patenschaft bei demselben Kinde, ein Ehehindernis bildet, konnte er, obwohl er sich Mühe gab, begreiflicherweise keinen Sinn finden. Wie sollte er denen, die unter dieser Bestimmung zu leiden hatten, den Grund ihres Leidens begreiflich machen? Da der Papst darauf bestand, schluckte er den Bissen ohne Sinn hinunter. Wenn es seinen Begriff von Religion anging, wenn er sah, wie in Rom heidnischer Aberglaube ungerügt sein Wesen trieb, konnte er aber auch die Unterwürfigkeit abwerfen und den Papst wegen seiner unzeitigen Duldsamkeit abkanzeln, wie wenn er der Herr wäre. Ausgestattet mit der Vollmacht des Papstes hat der Apostel in Thüringen und Hessen das heidnische Volk bekehrt, Klöster gegründet und mächtig die heiligen Eichen vor den entsetzten Augen ihrer Verehrer gefällt; aber die Organisation und die Belehrung der Gebildeten lagen ihm mehr. Für diese hatte seine Erscheinung etwas Blendendes, namentlich für die gebildete oder nach Bildung strebende Jugend. Als er auf seinen Reisen im Nonnenkloster Pfalzel bei Trier einkehrte, dessen Äbtissin eine Enkelin des Merowingerkönigs Dagobert II. war, bestand ihr fünfzehnjähriger Enkel Gregor darauf, dem Fremden zu folgen; ebenso schloß sich ihm der junge Bayer Sturm an. Die Jugend wußte sich nichts Schöneres, als diesem Manne, der unentwegt ein hohes Ziel verfolgte, der alles Niedrige verabscheute, und der durch Niedriges unberührbar zu sein schien, zu dienen. Am liebsten waren ihm als Mitarbeiter seine Landsleute, die auf seinen Wink begeistert aus den angelsächsischen Klöstern herbeiströmten. Unter ihnen war eine Verwandte, Lioba, deren Mutter, während sie schwanger war, geträumt hatte, sie trage eine Glocke unter dem Herzen, die zu läuten beginne. Da sie klug und begabt war, sich lieber mit Lesen, Schreiben und Dichten als mit Handarbeit beschäftigte, übergab man sie einem Kloster; Bonifatius machte sie zur Äbtissin des Klosters Tauberbischofsheim. Man liebte sie wegen ihrer zarten Lieblichkeit; doch ging sie festen Schrittes ihren einsamen Weg. Seinen Jüngern gegenüber war Winfried ein gütiger, wenn auch viel fordernder Herr, gegen die, welche sich ihm nicht unterwarfen oder die er als schädlich ansah, war er ein unnachgiebiger Verfolger. Er haßte die hohen Geistlichen, die, wie das bei den Franken nicht selten war, ein weltliches Leben führten, und diejenigen, die den römischen Kanon verwarfen oder irgendwie von ihm abwichen. Was für Kämpfe und Ränke stattfanden, ist uns nicht im einzelnen überliefert; aber gewiß ist, daß seine Bestrebungen auf mancherlei Widerstand stießen. Es war leichter, in den noch heidnischen Gegenden Klöster zu gründen, dort geeignete Vorsteher einzusetzen, Kirchen zu bauen, als da, wo sich schon eigenartiges Leben in Kirchen und Klöstern entfaltet hatte, dies in eine einheitliche Ordnung einzubinden. Gewald, Erzbischof von Mainz, hatte Karlmann, den Bruder Pipins, der mit diesem gemeinschaftlich regierte, in den Sachsenkrieg begleitet und war gefallen. Dessen Sohn Gewilieb, beim Tode des Vaters Laie, empfing rasch die Weihen, um sein Nachfolger werden zu können; sein Leben änderte er deswegen nicht. Der neu ausbrechende Krieg gab ihm Gelegenheit, seinen Vater zu rächen: er forderte den Sachsen, der Gewald getötet hatte, zu einer Unterredung auf, und als der Gerufene erschien, brachte er ihn um. Winfried fand, daß Krieg und Mord kein Geschäft für christliche Bischöfe sei; aber die fränkischen Bischöfe waren gewohnt, ihre Würde als ein königliches Amt zu betrachten, dessen kirchliche Seite nur die zufällig Frommen pflegten. Schließlich setzte Winfrieds Eifer durch, daß Gewilieb auf einer Synode abgesetzt wurde; bestraft wurde er nicht, sondern setzte sein weltlich prächtiges Leben auf seinen Gütern fort. Auch die Gegner der Lehre und der Organisation warf Bonifatius nach langen Kämpfen mit Härte nieder, nur mäßig unterstützt vom Papst und von den fränkischen Herrschern.

Karl Martells Großtat, die Zurückwerfung der Sarazenen nach Spanien, machte ihn zum Helden des germanisch-romanischen Abendlandes, die Kirche betrachtete ihn, der gewalttätig mit dem Kirchengut geschaltet hatte, um seine Gefolgsleute belohnen zu können, mit scheuer Abneigung. Winfried ließ sich einen Schutzbrief von ihm ausstellen, da er einsah, daß sich ein solcher in strahlenden Taten ausgeprägter Ruhm nicht übersehen ließ und daß es klüger sei, ihn zur Befestigung der eigenen Stellung zu benützen; aber die beiden Großen waren zu anders geartet und hatten zu verschiedene Wege vorgeschaut, als daß sie sich freundschaftlich hätten berühren können. Wenn Winfried den Hof mied, tat er es sicher nicht, um den Verführungen auszuweichen, die für ihn keine waren, sondern um als ein Herr nicht dem Herrscher begegnen zu müssen, der sich als den Höheren betrachtet hätte, und der sicher der Mächtigere war. Als lange nach Winfrieds Tode seine Freundin Lioba einer dringenden Einladung der Kaiserin Hildegard folgte, bat die Äbtissin ihre freundliche Gastgeberin, indem sie sie unter Tränen umarmte, sie sofort wieder zu entlassen; so sehr wirkte Winfrieds Verhältnis zu den fränkischen Herrschern im Herzen der ihm Ergebenen nach. Ausschalten ließ sich die Mitwirkung der Herrscher bei den kirchlichen Dingen nicht, sie beriefen die ersten großen Synoden, die auf Anregung des Bonifatius stattfanden. Als auf einer Synode des Jahres 747 die anwesenden Bischöfe und Geistlichen die Metropolitanverfassung annahmen, eine Urkunde über den orthodoxen Glauben ausstellten und sie dem Papst übersandten, konnte er sein Ziel als erreicht betrachten. Die Einheit der Kirche im Aufbau und im Glauben unter dem Papst war hergestellt.

Trotzdem war der stolze Mann nicht befriedigt. Tiefe Traurigkeit lastete oft auf ihm wie ein körperlicher Schatten. Er fühlte sich im Bezirk seiner Wirksamkeit in der Fremde, angefeindet, nicht richtig gewertet. Sein Wunsch, das Erzbistum Köln zu erlangen, wo er den Friesen nahe gewesen wäre, wurde ihm nicht erfüllt, weil die dortige hohe Geistlichkeit ihn ablehnte, anstatt dessen bekam er Mainz, das er nicht gewollt hatte. Mehr hing sein Herz an dem Kloster Fulda, das er selbst gegründet und dem Papst unmittelbar unterstellt hatte, womit jede Möglichkeit königlicher Eingriffe ausgeschaltet war. In dieser Anstalt sollte die strenge Regel des heiligen Benedikt herrschen, nach welcher das Kloster einen selbständigen Wirtschaftsbezirk zu bilden hatte, wo alle erforderliche Arbeit von den Klosterbrüdern selbst, ohne Hilfe dienender Laien geleistet würde. Der Ort, wo später das Kloster Hersfeld entstand, den Winfrieds Schüler Sturm zuerst ausgewählt hatte, erschien ungeeignet, weil zu nah am heidnischen Gebiet gelegen; so wanderte der Abgesandte weiter durch sommerliche Buchenwälder, bis ihn eines Tages ein Tal von besonderer Lieblichkeit fesselte. Da war der Boden wie eine Wiege gestaltet, die den Menschen hegend umfassen will, und Hügel und sanfte Bergkuppen zogen einen schützenden Ring darum; da führte ein geselliger Fluß das klare Wasser herbei, das fast wie die Luft zur Erhaltung des Lebens notwendig ist, da gab es außer dem Holz der Wälder Basalt und Sandstein als Material zum Bau des Gotteshauses. Nachdem Karlmann, damals noch Regent in Oberhessen, das gewünschte Gebiet geschenkt hatte, wurde die Errichtung des Klosters in Angriff genommen. Von einem Hügel herab sah Winfried, alternd und zuweilen der unbequemen Reisen, der bitteren Kämpfe und der eigenen Leidenschaften müde geworden, den emsigen Männern zu und dem Erwachsen des kleinen Reiches, wo er für eine Zeitlang wenigstens Zuflucht und Heimat und bald vielleicht die ewige Ruhe finden würde. Von der alten Kirche und dem alten Kloster, die seine Augen sahen, ist nichts übriggeblieben, das festliche Barock des heutigen Doms ist unendlich fern von dem ernsten, glühenden, weltüberwindenden Geist der Stifter des ersten. Einzig die karolingische Rotunde der Michaeliskirche, einsamer Fremdling, der in unverständlicher Zunge redet, hat eine Spur davon erhalten.

Als Winfried etwa siebzig Jahre alt war, körperlich sehr hinfällig, mit schneeweißem Haare, so schildert ihn einer, der ihn damals sah, ergriff ihn wieder der Wunsch seiner Jugend, den Friesen das Wort Gottes zu predigen. Er hatte damals den Plan zugunsten eines anderen aufgegeben, aber es scheint, daß er ihn nie aus den Augen verloren hatte. Vielleicht betrachtete er die Friesen als einen besonders nahverwandten Stamm und ihr Land als seinem Volke besonders zugehörig; denn von dort sollen die Angelsachsen ausgezogen sein, um Britannien zu erobern, worauf die Friesen in das verlassene Gebiet eindrangen. Damals hatte er eben das Mannesalter erreicht, und sein Werk lag vor ihm, er wollte das Leben erhalten, das seinem Werke geweiht war; jetzt war es anders. Sein Werk war getan und sollte gekrönt werden durch den Märtyrertod. Die, welche die Nachfolge des Herrn gelobt hatten, sehnten sich danach, zu sterben wie er, gleichsam mit ihm, wie Gefolgsleute mit ihrem Herzog. Trotzdem zog er nicht aus wie ein einfacher Glaubensbote, der mit keinem anderen Schild als seinem Glauben sich in den Rachen der Hölle wagt; sondern er reiste als der Kirchenfürst, der Legat des Papstes, umgeben von einem zahlreichen bewaffneten Gefolge, mit allerlei Reisegepäck, auch Büchern, als der höchste Geistliche Germaniens, der sich einer entfernten, noch unsicheren Gemeinde zeigen will. Zugleich aber, entsprechend der zwiefachen Richtung seines Geistes, schickte er sich an wie zum gewissen Tode, als wisse er, daß der Tod seit dem Anfang seines Lebens dort an der friesischen Küste stände und ihn erwartete. Bevor er abreiste, nahm er in Mainz Abschied von seinen Getreuen und ließ auch Lioba kommen, um sie noch einmal zu sehen und seinen Freunden zu empfehlen. Er traf die Bestimmung, daß er in Fulda bestattet sein wolle, und daß, wenn Lioba einst gestorben sein würde, ihr Leichnam zu dem seinigen in seinen Sarg gelegt werde. Die er im Leben sich ferngehalten hatte, getreu dem strengen Gebot, dem er sich unterstellt hatte, riß er im Tode an sich, in seinem herrischen Sinn sicher, daß sie so oder so die Seine war, ihm folgend in der Entsagung, ihm folgend im besten Eins werden der Liebe. Dies Hervorflammen einer ein Leben lang zurückgehaltenen Leidenschaft mochte für die Jünger des alten Mannes etwas Erschreckendes haben; sie schwiegen, aber sie getrauten sich nicht, als Lioba gestorben war, seinen Befehl auszuführen. Jedoch hielten sie die zarte Freundin des Heiligen so hoch, daß ihr als der einzigen Frau gestattet wurde, im Kloster Fulda als Gast empfangen zu werden. Sie wurde auf dem Petersberge beigesetzt; während Winfrieds Leiche, wie ungern auch Mainz auf die Überreste seines großen Erzbischofs verzichtete, seinem Willen entsprechend nach Fulda überführt und in der Kirche des Klosters bestattet wurde. Die Bibliothek bewahrt das aus dem Domschatz übernommene Buch auf, mit dem Bonifatius in unwillkürlicher Bewegung wie mit einem Schild den Streich des Mörders abzuwehren suchte, und das die Spuren des ihm geltenden Schwerthiebes trägt.

Denn der Erzbischof fand mit 52 Begleitern den ersehnten Tod; es war, als wenn der Himmel, der dem ordnenden Herrscher beigestanden hatte, auch seinen Opfermut bestätigen wollte. Die Sonne eines heiteren Sommermorgens war eben aufgegangen, und Bonifatius erwartete bei seinen Zelten friesische Christen zur Firmung, als eine Schar friesischer Männer die Fremden überfiel, wahrscheinlich mehr von Raublust als von Glaubenshaß angetrieben. Eine Frau berichtete später, daß sie gesehen habe, wie der Erzbischof, den Arm mit dem Buch erhoben, den Todesstreich empfing.

Die ersten Karolinger und die Päpste

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Bei der Bekämpfung der Araber hatte Karl Martell die Langobarden zu Bundesgenossen. Die guten Beziehungen zu diesem germanischen Volke zu pflegen war natürlich, und Karl hielt an der langobardenfreundlichen Politik auch dann fest, als sich ihm Gelegenheit bot, eine entgegengesetzte zu verfolgen. Es geschah nämlich, daß der Langobardenkönig Aistulf den großen Gedanken faßte, seine Herrschaft über ganz Italien auszubreiten, von dem außer Rom nur ein Zipfel im Süden und Venedig im Nordosten mehr dem Namen nach als tatsächlich noch zum Oströmischen Reich gehörten. Er eroberte Ravenna und machte sich dadurch den römischen Papst zum Feinde, der sich als Herr Roms und als solcher, wenn er es auch nicht aussprach, als Herr Italiens fühlte. Nachdem die letzten Kaiser Rom aufgegeben hatten, übernahmen die Bischöfe von Rom den Schutz der Ewigen Stadt, und ihre kirchliche Stellung, ihr sittliches Übergewicht wuchsen unmerklich mit der Seele der Weltherrscherin zusammen. Nicht alle Päpste waren sich dessen bewußt, und nicht alle konnten den Anspruch, den das Bewußtsein verlieh, vertreten; aber es war eine Tatsache, die sich immer geltend machte: weil sie Rom innehatten, mußten sie Nachfolger der römischen Cäsaren sein, weil sie das Haupt der Kirche waren, die die Welt umfassen sollte, mußten sie das Reich bis zu den Grenzen der bewohnten Erde auszudehnen suchen; aus einem zwiefachen Grunde mußten sie sich zu Herren der Welt bestimmt glauben. Ein ungeheures Herrscherbewußtsein war die Schicksalsgabe von Männern, die als Kirchenhäupter nicht nur keine weltliche Macht besaßen, sondern weltliche Macht geringschätzten, mit dem Wort allein Führer der Seelen sein sollten. Wenn der König der Langobarden König von Italien wurde, mußte er Rom zu seiner Hauptstadt machen; mußte das Haupt der Welt zum Haupt Italiens, der Papst in die Stellung eines dem König untergeordneten Bischofs herabgedrückt werden. Wie sollte er sich der herandrängenden Gefahr erwehren? Zwei christliche Mächte kamen in Betracht: der Kaiser in Byzanz, der als Nachfolger der römischen Kaiser Ansprüche auf Italien hatte, und der König des fränkischen Reiches. Zu der Zeit, als Gregor der Große zwischen den Schwertern der Langobarden lebte, wie er selbst sagte, wurde die Oberherrschaft des Kaisers von Byzanz noch anerkannt, eine Lockerung trat durch einen Zwiespalt in der Lehre ein, indem in Byzanz der Bilderdienst verboten wurde, während zwar Gregor die Anbetung der Bilder verwarf, sie aber zur Belehrung des Volkes behalten wollte. Nicht nur dieser Gegensatz jedoch, sondern gerade der zu Recht bestehende Herrschaftsanspruch der oströmischen Kaiser bewog die Päpste, den Schutz der Franken vorzuziehen: sie schienen eher in der Lage, Rom zu helfen, aber weniger in der Lage, Rom zu beherrschen. Nicht zwar an die ohnmächtigen Merowinger, die die Königskrone trugen, wandte sich Gregor III., sondern an den mächtigen Hausmeier Karl Martell mit der Bitte, ihm Schutz gegen die Langobarden zu gewähren, wogegen er ihm versprach, ihn zum römischen Konsul zu machen, eine Würde, mit der die Schutzherrschaft über Rom verbunden war. Trotz der wiederholten inständigen Bitten Gregors zog Karl, wie es scheint ohne Besinnen, das Bündnis mit den Langobarden der Freundschaft mit dem Papst vor, durchaus ein Mann der Tat, der die naheliegenden Aufgaben kühn und großartig vollbrachte, den keine innere Beziehung mit der Kirche verband. Anders waren seine Söhne Pipin und Karlmann; sie waren von Kirchenmännern erzogen, und ihr Interesse umspannte weitere Gebiete. Beide waren liebenswürdige und hervorragende Persönlichkeiten, Karlmann leichter vom Gefühl hingerissen, Pipin besonnener, tatkräftig, großmütig, ein sympathischer Mensch und schöpferischer Staatsmann. Vor dieselbe Frage gestellt wie sein Vater, entschied er im entgegengesetzten Sinn. Der erste Schritt zu einer engeren Beziehung zum Papst ging von ihm aus, indem er zwei Gesandte, den Bischof Bernhard von Würzburg und den Abt Fulrad von St. Denys, nach Rom schickte, damit ihn Papst Zacharias, ein kluger Grieche, zur Führung des Königstitels berechtigt erkläre. Man könnte meinen, die förmliche Richtigstellung eines Verhältnisses, das große Taten begründet hatten, hätte keines päpstlichen Gutachtens bedurft; allein abgesehen davon, daß Pipin die Eifersucht, den Neid und die Treulosigkeit seiner Großen kannte, liegt es im Menschen, daß er das Bedürfnis hat, sich und sein Dasein nicht nur auf die eigene Kraft und Gewalt, sondern auf einen Rechtsgrund zu stützen und mit der Vergangenheit zu verbinden. Der Gläubige wie der Ungläubige, sie wollen nicht nur besitzen, sondern mit Recht besitzen, der Unterliegende fühlt sich noch als Sieger, wenn er sich als Vertreter des Rechtes, einer höheren Entscheidung in einer anderen Region betrachten kann. Einen weltlichen Herrn konnte Pipin als Schiedsrichter nicht gelten lassen; aber das Urteil des römischen Bischofs, des Hauptes der christlichen Kirche würde allgemein als Gottesurteil aufgefaßt werden. Doch wurde die Antwort des Zacharias, es sei billig, daß derjenige, der die Macht habe, auch den Königstitel führe, und Pipin sei deshalb als König zu krönen, nur als ein für Pipins Gewissen wichtiges Gutachten angesehen und als eine Weisung an die fränkische Geistlichkeit, die als Großgrundbesitzer von ausschlaggebender Bedeutung war; die Königswahl fand nach alter germanischer Sitte durch das Heer statt. Danach wurde Pipin in Soissons von den Bischöfen gesalbt; man nimmt an, daß Bonifatius dabei tätig war.

Papst Zacharias stand in guten Beziehungen zu den Langobarden; nach seinem Tode griff Aistulf den Plan der Eroberung Italiens wieder auf und nahm Ravenna ein. Papst Stephan II. wandte sich zuerst brieflich an Pipin und trat dann die Reise über die Alpen an, um als Schutzflehender vor dem König zu erscheinen, eine Reise, die doppelt schwierig war, weil sie durch das feindliche langobardische Gebiet ging. Pipin war entschlossen, den ihm vom Papst gewiesenen Weg einzuschlagen; aber er stand damit ziemlich allein. Unvergessen war seines Vaters langobardenfreundliche Politik, daran wollten nicht nur viele fränkische Große, sondern auch Pipins Frau, die Königin Bertrada, und sein Bruder Karlmann festhalten. Karlmann hatte die Regierung schon seit mehreren Jahren niedergelegt, war nach Rom gegangen und Mönch geworden; man nimmt an, daß er im Kloster durch ein Mitglied der königlichen Familie für die Langobarden gewonnen war. Die Sache war ihm so wichtig, daß er über die Alpen ging, um Pipin persönlich zu beeinflussen. Trotz so vieler und gewichtiger Gegenwirkungen beharrte Pipin auf seinem Willen: er empfing Stephan ehrenvoll, ließ sich, seine Frau und seine Söhne von ihm salben und versprach ihm Schutz nicht nur in seiner augenblicklichen Notlage, sondern auch für künftige Zeiten. Stephan verlieh ihm den Titel eines Patricius Romanorum, den der König seitdem führte. Auf seinem Wege nach Italien nahm Pipin seine Frau und seinen Bruder mit sich bis Vienne, wo er sie zurückließ, und wo Karlmann im folgenden Jahre starb. Pipin belagerte Aistulf in seiner Hauptstadt Pavia und zwang ihn, auf Ravenna und die sogenannte Pentapolis, fünf Städte von Rimini bis Ancona, zu verzichten; als Aistulf bald darauf seinen Angriff auf das päpstliche Gebiet erneuerte, wiederholte er seinen Kriegszug mit Erfolg. Die Schlüssel der zurückeroberten Städte, die den päpstlichen Dukat ausmachten, ließ Pipin am Grabe des heiligen Petrus niederlegen zugleich mit einer Urkunde, in welcher er seinem Versprechen gemäß die Schenkung dieses Gebietes an den Heiligen Stuhl aussprach.

Dies bedeutungsvolle Ereignis fand zu der Zeit statt, als Bonifatius starb. Pipin nahm den Faden auf, den der Angelsachse angesponnen hatte, so daß nun staatlich und kirchlich das fränkische Reich in eine enge Verbindung mit Rom eingetreten war. Man kann nicht umhin, sich vorzustellen, daß es auch anders hätte kommen können, da ja die Entwicklung, die tatsächlich sich vollzog, durchaus nicht allgemein gefordert wurde, sondern, soweit sie persönlich bedingt war, hauptsächlich nur von zwei hervorragenden Männern getragen wurde. Wenn die Langobarden Italien zu einem Reich zusammengefaßt hätten, wie anders wäre das Schicksal Deutschlands, das Schicksal Italiens, das Schicksal Europas geworden. Man könnte sich denken, daß schon damals ein Gleichgewicht nationaler Staaten sich hätte herausbilden können; man könnte geneigt sein, die Niederlage der Langobarden, eines so reichbegabten edlen germanischen Stammes zu beklagen. Das Lied vom Römischen Weltreich ertönte lauter als die Stimmen der einzelnen Völker, es erfüllte das Abendland. Und läßt man die Ereignisse und Gestalten des Mittelalters an sich vorüberziehen, so zweifelt man nicht, daß die tatsächliche Entwicklung diejenige war, die der Menschheit gerade durch das tragische Verhältnis zwischen Papst und Kaiser, durch den übermenschlichen Umriß ihrer Ziele den reichsten Gehalt an großen Ideen und vorbildlichen Gestalten geben konnte.

Karl der Große

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Nach Pipins Tode, der wie sein Vater jung starb, siegte noch einmal der politische Gedanke des Karl Martell, nämlich der Anschluß an die Langobarden. Bertrada reiste selbst nach Italien; und wenn sie auch Rom nicht mied, wo sie an den heiligen Stätten betete, so war doch ihr hauptsächlicher Zweck, die Vermählung ihres ältesten Sohnes mit einer Tochter des Langobardenkönigs Desiderius zu betreiben, die auch wirklich vollzogen wurde. Das festigte zugleich die Verbindung mit Bayern, da Thassilo, der Herzog von Bayern, mit einer Schwester der jungen Frau verheiratet war. Papst Stephan äußerte seinen Zorn über diese Wendung in einem Schreiben, das bald zähnefletschend grimmig, bald ölig milde den bombastischen Stil trägt, der in der Kanzlei der Kurie üblich wurde. Er bezeichnete die Verbindung Karls mit einer Langobardin als aus einer Einflüsterung des Teufels entstanden, von der Niedertracht selbst ausgeheckt, die Langobarden als ein stinkendes, aussätziges, treuloses Volk, ja überhaupt nicht einmal Volk. Wahnsinn sei es, wenn der edle König des ruhmvollen Frankenlandes sich durch eine solche Verbindung beflecke. Zum Schluß drohte er, wenn die Heirat trotz seiner Abmahnung zustande käme, dem Schuldigen mit dem Bannfluch, durch den er mitsamt den übrigen Gottlosen dem Teufel und dem ewigen Feuer zum Verbrennen überantwortet werden würde. Vielleicht war Karl von Anfang an gegen die eigene Überzeugung dem Willen der Mutter gefolgt, vielleicht besorgte er, was auch wirklich geschah, daß sich Papst und Langobarden nunmehr zu seinem Schaden miteinander verständigen würden: nach einjähriger Ehe schickte er dem Desiderius seine Tochter zurück, die vermutlich keine wärmere Neigung in ihm erweckt hatte. Aus dieser schroffen Tat hätten bedenkliche Verwicklungen innerhalb der Familie entstehen können, wenn nicht Karlmann, der wie einst sein gleichnamiger Oheim zu Bertrada hielt, plötzlich gestorben wäre, etwa zu gleicher Zeit auch Stephan. Seinem Nachfolger Hadrian I. wurde das widernatürliche Bündnis mit den Langobarden, das Stephan aus Not und Trotz eingegangen war, sehr bald drückend, und er wandte sich hilfesuchend an Karl. Nun war der Augenblick gekommen, wo Karl das Problem mit dem Schwerte lösen konnte; er führte ein Heer über die Alpen, besiegte und entthronte Desiderius und zwang ihn, in ein Kloster zu gehen. Karl trat als König in die durch die Absetzung des Desiderius frei gewordene Stelle ein, ohne übrigens in der Lage des Langobardenvolkes etwas Nennenswertes zu verändern, außer daß er allmählich die Langobarden, die ihm unzuverlässig erschienen, auf verantwortungsvollen Posten durch fränkische Grafen oder Herzoge ersetzte. Er war Nachbar des Papstes in Italien geworden, nicht mehr nur der entfernte Schutzherr, der zu Hilfe kam, wenn er gerufen wurde, und nach getaner Arbeit sich wieder zurückzog.

Zunächst erwuchsen daraus keine Schwierigkeiten. Der römische Stadtadel war eine Gegnerschaft des Papstes, die ihn immer noch des fränkischen Schutzes bedürftig machte. Leo III., Hadrians Nachfolger, wurde von seinen römischen Feinden so verfolgt, daß er sich und sein Schicksal Karl völlig überantwortete. Er suchte ihn in Paderborn auf, wo der König Hof hielt. Karl liebte diesen Ort am Fuße des Teutoburger Waldes, der ihm zu einer Stätte des Ruhms wie kaum ein anderer werden sollte; denn hier empfing nach dreißigjährigen erbitterten Kämpfen sein gefährlichster, sein größter Gegner, der Sachse Widukind, die Taufe. Er mochte Augenblicke haben, wo das Rauschen des Eichwaldes ihm wie ein Gotteswort des Friedens klang, das das vergossene Blut sühnte. An Stelle der Salvatorkirche, die im Sachsenkriege zerstört war, hatte er nahe dem Quell der Pader einen Dom aus Stein errichtet, der den Zeitgenossen prächtig erschien; er wurde 200 Jahre später durch eine Feuersbrunst vernichtet. Er war noch nicht vollendet, als Papst Leo zum Gedächtnis seiner Anwesenheit einen Altar darin weihte. Was sich sonst an Häusern in Paderborn vorfand, war vermutlich aus Holz und ziemlich dürftig; wenn aber der Ort dem Italiener nicht sonderlich imponierte, so tat es doch die Menge gerüsteter Krieger, die ihn empfing, und vor allem der König selbst im meergrünen Mantel mit dem edelsteingeschmückten Schwert und dem Diadem, wie er sich an Festtagen trug. Trotz der Anklage, die auf dem Papst lastete, wobei es sich hauptsächlich um Meineid und Ehebruch handelte, empfing ihn Karl mit allen Ehren, umarmte und küßte ihn, von vornherein entschlossen, ihn für unschuldig zu halten. Man nimmt an, daß bei dieser Begegnung die Krönung des Königs zum römischen Kaiser beredet wurde; sie war die Gegengabe des Papstes für den Schutz, den Karl ihm gewährte. Dennoch scheint es, daß der König, als ihm Leo am Weihnachtstage des Jahres 800 in der Basilika des heiligen Petrus die Krone aufsetzte, überrascht war; er hat später gesagt, daß er nicht in die Kirche gegangen sein würde, wenn ihm das Vorhaben des Heiligen Vaters bekannt gewesen wäre. Die Gründe dafür kennen wir nicht; es ist möglich, daß er fürchtete, sich durch diesen Akt die Feindschaft des oströmischen Kaisers zuzuziehen, möglich auch, daß er vorgezogen hätte, sich selbst zu krönen, wie er denn vor seinem Tode seinem Sohn Ludwig befahl, sich die Krone aufs Haupt zu setzen und sich Kaiser und Augustus nennen zu lassen. Diesen Titel führte er selbst seit der Krönung in Rom.

Die Übertragung der Cäsarenwürde auf den Frankenkönig war ein Ereignis von ungeheurer, einschneidender Bedeutung; aber da sie nicht ein neues Verhältnis schuf, sondern einer allmählich vollendeten Entwicklung Ausdruck gab, empfand sie Karl wohl als etwas Selbstverständliches. Das Weltreich bestand, es war die Form, in der seit Jahrhunderten die Menschen lebten. Durch die Entstehung des großen fränkischen Reiches war Byzanz an den Rand gedrängt, der mächtige Germanenfürst als tragende Säule in die Mitte des Weltreiches gerückt. Von ihm strahlte schaffende Kraft nach allen Seiten aus; der Titel verlieh ihm nichts, besiegelte nur das, was war. Die Möglichkeit künftiger Verwicklungen und Gefahren, die aus der Beziehung zum römischen Papst entstehen konnten, wird ihn nicht ernstlich beunruhigt haben; dazu lebte er zu sehr in der Fülle der Zeit.

Karl der Große war einer der Berufenen, die das Zusammengehörige, aber Vereinzelte zu einem lebendigen Ganzen ordnen, und die von den dankbaren Völkern, deren Geschichte sie begründet haben, wie Halbgötter verehrt wurden. Seine Vorfahren hatten das große Werk vorbereitet, Thüringen, Schwaben, Bayern fand er bereits mit den Franken vereinigt, auch die Sachsen und Friesen hatte Pipin schon zu unterwerfen versucht. Was ihn vor jenen auszeichnete, war, daß er dem neugeschaffenen Körper eine gemeinsame Ordnung, einen gemeinsamen Sinn und Geist gab.

Zu den Büchern, die Karl mit Vorliebe las, gehörte der Gottesstaat des heiligen Augustinus. Der edle Schwung, der es erfüllt, die unerschütterliche Überzeugung eines durch Anlage und Bildung überlegenen Geistes machen die Wirkung, die es jahrhundertelang ausgeübt hat, verständlich, mehr noch vielleicht die Einfachheit und doch auch Vieldeutigkeit der Gedankengänge. Schon in dem ersten Brüderpaare der Menschheit, in Kain und Abel, so sieht Augustinus den Sinn der Geschichte, spaltete sie sich in zwei Reiche, in ein solches, das Gott angehört, und in ein solches, das den Menschen folgt, menschlichen Begierden, menschlicher Einsicht, menschlichen Zwecken. Das Reich Gottes steht innerhalb der Menschheit gegenüber der Welt oder dem Reiche der Menschen, das durchaus nicht etwa des Verstandes, der Bildung, der Tugend ermangelt, aber auf menschliche und irdische Zwecke beschränkt ist und zweifelhafte irdische Genüsse durch ewiges Verderben erkauft. Das Reich Gottes ruht auf dem Glauben und gewinnt das ewige Leben, es beginnt hienieden in Hoffnung und entfaltet sich drüben im Schauen.

Augustinus wußte, daß nicht alle, die sich Christen nannten, Christen waren, aber die Kirche, die das Wissen von Gott und den göttlichen Dingen lehrte, der zu seiner Zeit alle Christen angehörten, ohne die die Nachfolge Christi als nur von einzelnen verwirklicht ohne Halt und ohne Dauer gewesen wäre, fiel ihm zusammen mit dem Gottesstaate, während der heidnische Staat diejenigen umfaßte, die sich der Gnade Gottes entzogen. Der Gedanke lag nahe, Kirche und Staat überhaupt als Gottesstaat und Menschenstaat oder Welt einander entgegenzusetzen; man konnte aber auch den Schluß ziehen, daß zwischen Kirche und dem inzwischen christlich gewordenen Staat kein Unterschied mehr bestehe und nur die gesamte Heidenschaft als gnadenloses, der Verdammnis geweihtes Reich aufzufassen sei. So sah es Karl der Große an; sein Reich sollte ein Gottesreich sein, das als solches die Kirche ehrte und schützte und ihre Lehre verbreitete. Vergleicht man ihn mit Bonifatius, so tritt die Freiheit und das Schöpferische seines Geistes bewunderungswürdig hervor. Er ließ sich gern belehren, verzichtete aber nie auf eigenes Urteil. In bezug auf manche kirchlichen Fragen, zum Beispiel auf den Bilderdienst, hatte er andere Ansichten als der Papst. Zuweilen war er derjenige, der die Richtung gab. Er hatte eine durch Erleben und Nachdenken gewonnene Überzeugung. Wenn er sich auch als Schirmherr der Kirche und des christlichen Glaubens fühlte, so verfolgte er doch Andersdenkende nicht. Allerdings zwang er mit Härte den Sachsen das Christentum auf; das war ein Mittel zur Einigung der Stämme, und die strengsten Strafen konnten sofort gemildert werden, wenn der Schuldige seine Zuflucht zur christlichen Kirche oder zu einem christlichen Priester nahm. Während Bonifatius Bedenken trug, mit einem Christen, den er nicht für ganz rechtgläubig hielt, der im geringsten vom römischen Kanon abwich, zu sprechen und zu essen, trat Karl der Große in freundschaftliche Beziehung zu Harun al Raschid, sammelte er die alten Volkslieder, in denen die Germanen die Taten ihrer Helden verherrlicht hatten.

Der Charakter des Gottesreiches sollte sich nicht nur durch den Schutz der Kirche, sondern durch die vom König ausfließende Gerechtigkeit erweisen. Die Sage erzählt, daß in Zürich, in einem dem Münster gegenüberliegenden Hause, wo der Kaiser zu wohnen pflegte, eine Glocke angebracht war, damit jeder Rechtsuchende sich bei Karl melden könne. Eines Tages läutete dort eine Schlange, um gegen eine Kröte zu klagen, die sich auf ihre Eier gesetzt habe. Sie beschenkte den Kaiser, der ihr zu ihrem Rechte verhalf, aus Dankbarkeit mit einem wunderkräftigen Stein, dessen er sich oft bediente. So verdeutlichte sich das Volk die Gerechtigkeitsliebe seines großen Königs, der auch den Geringsten in seinem Recht schützte. Im Umfassenden seines Geistes zeigte sich sein Genie. Kein Gebiet war ihm fremd, keins vernachlässigte er; er förderte die Baukunst, die Dichtkunst, die Musik, die Schule, die Landwirtschaft, er war groß als Gesetzgeber, als Verwalter, als Richter, als Gutsherr, im Kriege. Nichts war ihm zu klein, nichts zu fernab. Als die nie fehlende Unterlage großer Genialität besaß er eine unerschöpfliche Tätigkeit. Er war immer erfüllt von großen Gedanken, immer mit ihrer Ausführung beschäftigt, immer voll Teilnahme an nahen und fernen, großen und kleinen Ereignissen. »Laßt uns heute etwas Denkwürdiges unternehmen«, so läßt ihn die Überlieferung täglich sprechen, »damit man uns nicht tadele, weil wir den Tag müßig verbracht haben.«

Seine zeitgenössischen Verehrer haben uns Karls Äußeres geschildert: die kräftige, hochgewachsene Gestalt, den festen Gang, die männliche Haltung, die großen, leuchtenden Augen. Seine Stimme war hell und nicht stark, er sprach gern und viel und war immer fröhlich, wie er denn auch Frohsinn um sich her liebte. Immer durch die Interessen seines riesigen Reiches bewegt, lebte er doch voll ungeteilter Hingabe mit seiner Familie und seinen Freunden. Jeder Frau, die er liebte, jedem seiner Kinder, jedem seiner Freunde gehörte sein Herz ganz. Jahrelang lebte er in glücklicher Ehe mit der Schwäbin Hildegard, die allgemein verehrt wurde, und die ihm drei Söhne und drei Töchter gebar. Seine Kinder liebte er so sehr, daß er sie immer, selbst auf Reisen, um sich haben wollte, und wie der maßlose König des deutschen Märchens ließ er seine Töchter nicht heiraten. Doch gönnte er den schönen und leidenschaftlichen Mädchen ein beglückendes Liebesleben und hielt ihre Kinder wie rechtmäßige Enkel. Nach dem Tode der Hildegard heiratete er Fastrada aus ostfränkischem Stamme, deren ungünstigem Einfluß es zugeschrieben wurde, daß er ein einziges Mal bei Gelegenheit einer Verschwörung zu übertriebener Härte sich hinreißen ließ. Für seinen übermäßigen, für die Regierung verhängnisvollen Schmerz bei ihrem Tode entdeckte man, so erzählt die Sage, eine magische Ursache in einem Ring, den sie am Finger trug. Der Erzbischof Turpin zog ihn der Toten ab, und die Neigung des Königs ging auf ihn über, bis der geistliche Herr den Talisman in einen Teich bei Aachen versenkte. Seitdem pflegte der Kaiser, in Trauer und Traum versunken, stundenlang an diesem Teich zu sitzen; das bezauberte Gewässer, zum Teil verschüttet, befindet sich am Rande der Stadt in der Nähe der Frankenburg, einem düsteren, efeuumrankten Gebäude, das die Stelle der alten Königsburg bezeichnen soll.

Keines anderen germanischen Helden Bild ist so farbenbunt, so vielseitig prächtig von der Sage aufgefangen. Immer erscheint er in ihr von Freunden und Gefährten umgeben, immer freundlich, furchtlos, überlegen, großmütig, aber auch zuweilen streng und vernichtend. Notker der Stammler, der nach Karls Tode aus mündlicher Überlieferung von ihm erzählt, nennt ihn nicht nur den weisen, den milden, den siegreichen, sondern auch den schrecklichen, den furchtbaren Karl, aber das eine ebenso bewundernd wie das andere. Nicht ohne Ströme von Blut zu vergießen hat er sein Reich gegründet. Die Sachsen aber, die am meisten durch ihn gelitten hatten, trugen es ihm nicht nach; auch für sie war er der Urquell alles Guten und Großen im Reich, das Urbild eines germanischen Heldenkaisers.

Die Deutschen und das Christentum

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Man möchte gern wissen, was von Staat und Kirche geschah, um die Sachsen zu bekehren, wie die Bekehrung wirkte, was für ein Christentum es war, das gelehrt und das aufgenommen wurde. Ein schöner Brief des Angelsachsen Alkuin an Kaiser Karl gibt zu verstehen, daß die Bekehrer hauptsächlich fordernd auftraten, indem sie den Zehnten zur Erhaltung der Kirche auferlegten, der, wie es scheint, mit Härte eingetrieben wurde. Es sei besser, meinte Alkuin, den Zehnten als den Glauben zu verlieren, es sei auch nicht erwiesen, ob die Apostel gewollt hätten, daß der Zehnte gegeben werde. Wären die Neugetauften später reif im Glauben geworden, möge man ihnen ein so schweres Gebot zumuten, zunächst solle man sie die Heilswahrheiten lehren und ihnen mit Werken der Barmherzigkeit näherzukommen suchen. Ohne Zweifel hatte Alkuin gehört, wie die Sachsen sich beklagten, daß die Religion des Gottes der Liebe für sie nur Bedrückung bedeute; wußte er, daß für die Predigt nicht genügend gesorgt war. An den Erzbischof Arn von Salzburg schrieb er, der Kaiser habe den besten Willen, aber er habe nicht genug Leute, die von der Liebe zur Gerechtigkeit beseelt wären, es gäbe eben mehr Diebe als Prediger, und mehr Menschen suchten das Ihre als das Göttliche.

Überall und zu allen Zeiten sind von den Menschen, die ein Gesetz ausführen sollen, viele, ja die meisten voller Mängel und Schwächen, so daß der Wille des Gesetzgebers selten rein zur Geltung kommt. Dasselbe ungünstige Verhältnis von Guten, Minderguten und Schlechten besteht natürlich in allen Schichten des Volkes und bestand bei den zu Bekehrenden wie bei den Siegern. Der Art der Bekehrung entsprach die Gesinnung, mit welcher die Taufe empfangen wurde, wie die folgende Anekdote erzählt. Als einmal um Ostern fünfzig Heiden zugleich sich zur Taufe meldeten, waren am Hofe des Kaisers nicht so viele leinene Gewänder vorrätig, mit denen man die Täuflinge zu beschenken pflegte, und die fehlenden wurden schnell aus grobem Stoff zusammengenäht. Entrüstet sagte der eine der Heiden, als man ihm einen solchen Kittel reichte: »Zwanzigmal schon habe ich mich hier gebadet und immer habe ich gutes neues Gewand bekommen; dieser Sack paßt höchstens für einen Sauhirten, nicht für einen Krieger. Wenn ich mich nicht meiner Nacktheit schämte, könntet ihr das Kleid mitsamt dem Chrisam behalten.«

Seit ihren Anfängen hatte die Kirche eine wesentliche Veränderung erfahren: als der Glaube des herrschenden Volkes gehörte sie nicht mehr in erster Linie den Armen und Sklaven, sondern den Großen. Bei allen germanischen Stämmen wurden die Könige und Herzöge zuerst Christen, und ihnen schloß sich der Adel an; was sie zum Übertritt bewog, war die Hoffnung, daß der Christengott ihnen Sieg verleihen werde. In den ersten Jahrhunderten hatte man die Armen beschenkt, wenn man die Kirche beschenkte; was der Kirche gehörte, gehörte den Armen, die Tätigkeit der christlichen Kirchenvorsteher bestand hauptsächlich in der Armenpflege. Allmählich, wie der Aufgabenkreis der Kirche sich erweiterte, wurde es üblich, daß die Bischöfe ihr Vermögen in vier Teile teilten und davon einen Teil für sich, einen für die Kanoniker, einen für die Instandhaltung und Verschönerung ihrer Kirche und einen für die Armen verwendeten. Almosen wurden noch immer reichlich verteilt, und Almosengeben von der Kirche dringend empfohlen; aber die Armen wurden doch als untergeordnete Leute und gewiß oft mit Geringschätzung behandelt. Es wurde erzählt, Widukind habe als Gefangener Karls, während sie, ein jeder an einem besonderen Tisch, speisten, gegen Karl bemerkt: »Euer Christus sagt, in den Armen werde er selbst aufgenommen. Mit welcher Stirn redet denn ihr uns zu, daß wir unsere Nacken beugen sollen vor dem, welchen ihr so verächtlich behandelt und dem ihr nicht die geringste Ehrerbietung beweist?« Der Kaiser, so heißt es weiter, erschrak und errötete; denn die Armen saßen demütig am Boden.

Das Mißverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit, das immer besteht, drängte sich sicher gerade den Heiden auf, die der neuen Lehre zweifelnd gegenüberstanden. Indessen die Armen und Sklaven waren nur ein Teil des Volkes, und die Beziehung zur Armut ist nur ein Teil des Christentums. Erschüttert durch das ungeheure Erlebnis des mehr als dreißigjährigen Kampfes beugten sich die Besiegten, wie Widukind getan hatte, dem fremden Gott, der seine Übermacht an ihnen bewiesen hatte. Von ihm erwarteten sie nun Sieg im Kampfe, Gedeihen der Äcker, Glück und Gelingen in allen Angelegenheiten, bereit, ihm dafür mit grenzenloser Ergebenheit zu dienen. Der alte Götterglaube, ob er nun dem nordischen ähnlich war, wie er sich in der Edda darstellt, oder ob er bei den deutschen Stämmen sich anders entwickelt hatte, sicherlich hatte er nicht mehr die quellende Frische eines neuen oder erneuerten Glaubens. Man weiß aus den Klagen des Bonifatius, daß sich die Religiosität der heidnischen Deutschen hauptsächlich in abergläubischen Bräuchen und Beschwörungen äußerte, im Wählen glückbringender Tage, im Los werfen, im Zwingen des Wetters oder menschlichen Willens; in solchen Formeln war der einst sinnvolle, lebendige Glaube erstarrt. An dem christlich abgewandelten Aberglauben festzuhalten, genügte dem religiösen Bedürfnis vieler. Weise Päpste ordneten an, daß soviel wie möglich der christliche Kult an heidnische Feste, Gebräuche, Gewohnheiten angeknüpft werde; so traten denn Heilige an die Stelle der Götter, und die das Leben Christi und der Heiligen bezeichnenden Feste an die Stelle der heidnischen, die den Sonnenlauf, das Erwachen und Hinsterben der Natur begleiten. Unter den Sachsen und Friesen, den zuletzt bekehrten Stämmen, waren wohl viele Bauern, die, wenn sie sich auch an die neuen Namen gewöhnten, doch der Kirche und den Priestern im Herzen feindlich blieben auf eine verbissene, schweigsame, gefährliche Art. Aber auch bei diesen schwand die Erinnerung an den alten Glauben, selbst wenn sich die alten Zaubersprüche im Gedächtnis erhielten. Die, welche die Pfaffen haßten, fühlten sich trotzdem als gute Christen.

Ein ganzes Volk kann sich nicht plötzlich wesentlich verändern. Für die große Menge änderten sich zunächst nur die Namen und die Formeln. Einzelne religiös Begabte erfuhren durch die Berührung mit dem Christentum ein erschütterndes Erlebnis und eine Wandlung, und von solchen ging allmählich umbildender Einfluß auf das Volk aus. Es war nicht so, daß das Christentum seine Bekenner sofort auf eine hohe moralische Stufe gehoben hätte; aber das unergründliche Bibelwort riß Schluchten in ihrer Seele auf, aus denen heraus sie glühender lebten. Altheilige Vorstellungen verschmolzen mit dem neuen Gottesbilde. Jehova war dem alten nordischen Himmelsgott verwandt; wie dieser durchstürmte er die Nacht auf weißem Blitz, Dichterworte, Zauberworte auf den überschwenglichen Lippen. Sie begriffen ihn als den Herrn, die furchtbare Majestät, unnahbar in ewige Glut gehüllt, als den Urton, der die Welt durchsummt. Sein Weg war unerreichbar hoch, sein Wille unerforschlich, unwiderstehlich. Und dieser Allmächtige wurde des Menschen Freund, schloß einen Bund mit ihm, und aus eines menschlichen Mädchens Schoß zeugte er wunderbar sein Ebenbild, den Frühlings- und Liebesgott, dessen Tod Dunkel und unendliche Trauer über die Erde ausbreitet. Den Mittelpunkt des Kultes und des Glaubens bildete das Sakrament des Abendmahls. Man feierte darin ein heiliges Geheimnis, die Vermählung von Gott und Natur, die Entzündung des elementaren Stoffes durch die Flamme Gott. Das Zauberwort des Magiers am Altare preßte die durch das Weltall ergossene in einen elektrischen Punkt zusammen und leitete sie zu Segen oder Fluch auf die Lippe des sterblichen Menschen. Die wenigsten hatten das Bedürfnis, das Wunder zu verstehen, da sie es erlebten. Die Hostie war neben den Reliquien der Mittelpunkt der Wundersucht, das schauerlichste Mittel der Zauberei. Die Verehrung der irdischen Überreste von Heiligen, ein edler Brauch, vermischte sich bald mit teils heidnischen, teils weltlichen Vorstellungen, die von wenigen Hochstehenden benutzt, von den meisten geteilt wurden. Jahrhunderte hindurch waren Reliquien ein Zaubermittel, das von den Besitzenden gesammelt, erjagt, wenn es nicht anders ging, gestohlen wurde. Als im 14. Jahrhundert Bischof Gerhard von Hildesheim gegen mehrere mächtige Fürsten in die Schlacht ging, versprach er erst der Mutter Gottes ein goldenes Dach auf ihre Kirche für den Fall seines Sieges, während sie sonst mit einem Strohdach sich begnügen müsse, außerdem steckte er Reliquien in seinen Ärmel. »Leve Kerel, truret nich, hie hebbe ek dusend Mann in miner Mauen«, rief er seinen Leuten zu, um sie gegen die Überzahl beherzt zu machen, und errang einen gewaltigen Sieg. Wenn sich viel Abgeschmacktes und Roheit in die Auffassung des Göttlichen mischte: was wäre eine Religion, die nicht auch Magie wäre? Teilhaben an der Gotteskraft, das ist es doch, was alle Gläubigen wollen, die einen um der rohesten, andere um der sublimsten Zwecke willen. Bei aller derben Sinnlichkeit versenkten sich die Deutschen mit Leidenschaft in das Übersinnliche. Die erhabene Gewaltsamkeit, mit der das Christentum den eigentlichen Schauplatz der Menschengeschichte von der Erde hinweg in ein jenseitiges Geisterreich verlegt, gerade diese Umwälzung, die der Epoche, die man Mittelalter nennt, die grandiose Spannung, die geheimnisvolle Tiefe verlieh, das Leben in ein Himmel und Erde überbrückendes Drama verwandelt, entsprach einer Geisteskraft, die dem Deutschen besonders eigen ist, der Phantasie. Der Sinn für das Unsichtbare, der vielleicht mit der Begabung des deutschen Menschen für Musik zusammenhängt, öffnet sein Ohr den Stimmen von drüben. Liudger, der erste Bischof von Münster, der, weil er selbst Friese war, leichter Zugang zu seinem Volke fand als die früheren Missionare, bekam einen wertvollen Gehilfen in dem sangeskundigen Bernlaf. Ihn hatte die Schönheit der Psalmen für das Christentum gewonnen, und da er überall beliebt war, weil er von den Taten der Vorfahren singen und sagen konnte, wehrte man ihm auch nicht, als er für seinen Glauben warb. Diese Gesänge überzeugten unmittelbar, auf Zauberart. Nicht nur der friesische Sänger, nicht nur Mönche, sondern auch Könige wußten viele Psalmen auswendig und führten eine Psalmensammlung auf Reisen mit sich. Karl der Große liebte die Musik und pflegte in der Kirche mit gedämpfter Stimme die Psalmen mitzusingen. Keine Kunst ist so wie die Musik Verkünderin des Übersinnlichen, doppelt so, wenn sie sich mit der Wirkung der Architektur verbindet. Die Feierlichkeit des Gottesdienstes in den Chören der karolingischen und ottonischen Kirchen mögen mehr als die Predigt die Herzen dem dreieinigen Gotte zugeführt haben.

Indessen, wenn auch die neue Religion hauptsächlich als Himmelszauber auf die Seele wirkte, so herrschte sie doch auch als sittliche Macht. »Du sollst heilig sein, denn ich bin heilig.« Von allen Göttern, zu denen die Völker beten, hatte noch nie einer so zu seinem Volke gesprochen. Der Sinn des deutschen Menschen für Gerechtigkeit verband ihn mit dem Gott, der der Gerechte hieß, das Kämpferische seiner Gesinnung machte, daß er sich willig in die Geisterschlacht zwischen Gut und Böse hineinreißen ließ. Die Weltüberwindung durch Askese, die der Mönch im Kloster führte, war zugleich ein ritterlicher Gedanke und den Germanen nicht durchaus fremd. Allerdings waren sie im allgemeinen zügellos im Trinken und in der Frauenliebe; sie bedurften des Rausches. Den erwählten Frauen gaben sie sich mit einer fast kindlichen Gewaltsamkeit hin, und es kam zu erbitterten Kämpfen mit der Kirche, wenn sie ein Liebesverhältnis wegen zu naher Verwandtschaft zu lösen unternahm. Andererseits wurde in der germanischen Mythologie Jungfräulichkeit als Quell übermenschlicher Kraft begriffen, und im Verhalten zum Tode, den zu fürchten für den Freigeborenen als Schande galt, lag Selbstüberwindung. Karl der Große verabscheute Trunkenheit. Daß bloßes Sichgehenlassen nichts Großes erzeugt, wußte auch der heidnische Deutsche, und gerade weil der Freie keinen Zwang duldet, mußte er sich selbst zwingen. Ohne diesen Selbstzwang gibt es keine Ehre. Um an dem Kampfe des schaffenden Gottes gegen den zerstörenden Teufel teilzunehmen, strömten Männer und Frauen den Klöstern zu.

Im Süden Deutschlands hatten schon vor Bonifatius Klostergründungen stattgefunden, sowohl in Franken wie in Schwaben und Bayern. In Schwaben gründeten iroschottische Mönche Reichenau und Sankt Gallen, im frommen Bayern beteiligten sich die Bischöfe, die einheimischen Herzöge und adligen Privatpersonen. So etwa wie die ersten europäischen Ansiedler in den wilden Westen Amerikas eindrangen, so zogen glaubensstarke, abenteuerlustige Leute in kleineren und größeren Gruppen dem Süden und Osten zu, drangen in die alten römischen Provinzen ein, wo längs der großen Straßen noch Romanen, abseits in den Flußtälern Slawen wohnten. Auch einzelne freie Bauern siedelten und rodeten, der Name manches kühnen Mannes ist in den Namen alter Ortschaften erhalten; aber die Klöster hatten größere Mittel zur Verfügung und erzielten dementsprechend größere Ergebnisse. Gewöhnlich wurde den Mönchen ein Stück Kulturland und ein Stück Ödland verliehen, damit sie von den Erträgnissen des einen lebten, während sie das andere urbar machten. Verlassene Ruinen aus der Römerzeit lieferten oft das Material für die klösterlichen Bauten; die Trümmer des alten Iuvavum ermöglichten, daß gleich das erste Salzburger Kloster aus Stein hergestellt werden konnte. Kam eine auswandernde Gesellschaft an der Stätte an, die zur Errichtung eines Klosters oder der Filiale eines Klosters geeignet schien, so wurde zum Zeichen der Besitznahme ein Kreuz aufgestellt und dann eine Zelle gebaut, wovon das häufige Vorkommen des Wortes Zell im Ortsnamen Kunde gibt. Sie wurde unter den Schutz der heiligen Margarete oder des heiligen Georg, des Drachenüberwinders, gestellt, wenn man in benachbarten Wäldern die wilden Tiere fürchtete; freundliche Auen weihte man der Jungfrau Maria. Die strenge Regel des Bonifatius, wonach die Mönche alle Arbeit selbst tun sollten, wurde in Bayern nie durchgeführt; die schwere Arbeit der Kolonisation wurde von hörigen Knechten geleistet.

Passau, St. Florian, Kremsmünster, Chiemsee, Staffelsee, Wessobrunn, Tegernsee, Benediktbeuren, die beiden letzteren von zwei adligen Brüderpaaren gestiftet, wurden in Bayern zu bedeutenden Kulturmittelpunkten, in Franken Lorsch und Prüm, im Elsaß Weißenburg, in Sachsen Korvey und die berühmten Nonnenklöster Gandersheim, Quedlinburg und Nordhausen. Die Schenkungen, mit denen die Klöster überhäuft wurden, machten sie schnell außerordentlich reich.

In den Vorratshäusern und Ställen des Klosters Staffelsee befanden sich im Jahre 812: 1 Pferd, 26 Ochsen, 20 Kühe, 1 Stier, 51 Stück Kleinvieh, 5 Kälber, 87 Hammel, 14 Lämmer, 17 Böcke, 58 Ziegen, 12 Böckchen, 40 Schweine, 50 Frischlinge, 63 Gänse, 50 junge Hühner, 17 Bienenstöcke, 20 Speckschwarten, 40 Käse, 127 Fett- und Schmalztöpfe. Dazu kamen noch Honig, Butter, Salz und Malz. In den Mägdekammern spannen und webten 24 Mägde und verfertigten aus Wolle und Leinen Wäsche und Kleidungsstücke. Das Land wurde teils verpachtet, teils vom Kloster selbst durch Hörige bewirtschaftet, die teils mit dem Land zusammen geschenkt waren, teils sich mit oder ohne Land dem Kloster freiwillig ergaben. Trotz des damaligen Überflusses an Land und Leuten bedarf der Wetteifer des Schenkens, der im 9. und 10. Jahrhundert das deutsche Volk ergriff, der Erklärung, und er erklärt sich hauptsächlich durch die Gewalt des Glaubens. Mochte immerhin noch mancher sächsische Bauer in einsamen Höfen sich an seinen alten Runen und Sprüchen genügen lassen, der Adel und die begüterten Freien waren gläubige Christen, überzeugt, das Heil ihrer Seele nur durch die Vermittlung des Papstes in Rom empfangen zu können.

Das Kloster

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Waren auch viele Wälder gelichtet und viele Moore entwässert, noch immer gab es tagereisenweit Wildnis in deutschen Landen. Tagelang ging der junge Bayer Sturm, als er einen Platz für das Kloster suchte, das Bonifatius gründen wollte, durch Wälder und flocht bei Nacht einen Zaun um seinen Esel, um ihn notdürftig vor wilden Tieren zu schützen, und wenn es in den Zweigen raschelte und knackte, horchte er gespannt, ob ein Mensch oder ein Wolf oder Luchs sich heranschliche. An den Mündungen des Rheins, der Weser und Elbe überschwemmte das Gewässer oft weithin das Land, Sturmfluten brandeten über die noch nicht eingedeichten Ansiedelungen und rissen sie in die Tiefe. Im Herbst, im Winter und im Frühling, wenn die Wolken tief herabhingen, der kalte Wind heulte und Schnee und Regen die Wege zu Morast aufweichten, mochte dem Wanderer, der zu Fuß oder zu Pferde ein entferntes Ziel zu erreichen suchte, oft die Hand erstarren und das Herz erbeben. Nicht nur wilde Tiere, auch die wilden Menschen mußte er fürchten, Wegelagerer, Krieger, die zum Kampfe auszogen oder vom Kampfe zurückkehrten und ihren Übermut an jedem Beliebigen austobten, Feinde vielleicht, die die Gelegenheit wahrnahmen, einen alten Span auszutragen. Weit und breit kein Haus; die Dörfer, durch die man etwa kam, bestanden aus dürftigen, strohgedeckten Hütten aus Lehm und Holz. Zuweilen kam man wohl an festen, breiten Häusern freier Bauern oder an Gutshöfen vorüber, die Eschen und Eichen beschirmten, an denen ein Quell vorüberrieselte, und die wohlbestellte Äcker umgaben. Städte gab es noch wenige außer den alten Römerstädten am Rhein, Straßburg, Basel, Mainz, Köln, außer Augsburg am Lech und Regensburg an der Donau, und auch dort öffneten sich dem Wanderer zu Schutz und Herberge nur die Klöster, die es dort etwa gab.

Inmitten des wolkenverhangenen, wälderrauschenden, waffenklirrenden Landes gab es Bezirke, die der Friede Gottes erfüllte. Mochte draußen Krieg rasen, unter der täglichen Fron der Landarbeiter seufzen, Gewalt und Unrecht triumphieren, im Kloster glühte die Flamme ewiger Anbetung, beugten sich immer Knie vor dem Herrn, riefen immer inbrünstige Lippen den höchsten Namen an, legten Gottgeweihte das Geschick ihrer weltlichen Brüder an das Vaterherz im Gebet. Nach siebenstündigem Schlaf, eh noch der Tag zu dämmern begann, erhoben sich die Mönche vom Lager und betraten die Kirche, um das Lob des Allmächtigen zu beginnen. In festen Rhythmen begleitete die Musik den Psalm der Stunde des Tages, alle Gefühle des Herzens ergießend: die Klage über das Vergebliche der Lust der Welt, den düsteren Schmerz der Unzulänglichkeit und Schuld, das Rühmen und Danken, den Jubel des Glaubens, die Angst des Zweifels, das unstillbare Heimweh. Über die Wände der Kirche breitete sich in feierlichen Bildern die Geschichte vom Bunde Gottes mit der Menschheit aus. Man sah lieblich und herrlich zugleich die jungfräuliche Mutter mit dem Kinde, das, so klein es war, doch das Göttliche in sich faßte, man sah den Herrn am Kreuze und sah ihn in seiner Majestät unerbittlich am Jüngsten Tage die Bösen von den Guten sondern. Wer den geweihten Raum betrat, spürte die Gegenwart überirdischer Mächte. Die Knaben vornehmer Abkunft, die hier von den Eltern Gott dargebracht wurden, wußten, daß sie bestimmt waren, Krieger des höchsten Kriegsherrn zu werden, wenn sie auch keine Rüstung trugen. Stolz, spröde, keck beugten sie sich doch der Zucht ihrer Lehrer und des Abtes, die nach der Regel streng und milde, brüderlich und königlich sie regierten. Der Sehnsucht des germanischen Jünglings, einem Führer Gefolgschaft zu leisten, der im Kampfe voranging, konnten sie auch im Kloster Genüge tun. Je nach ihrer Begabung war ihnen das Kloster Universität, Kunstschule, Handwerkerschule, landwirtschaftliche Schule. Denn es war eine Welt im kleinen, alles, was gebraucht wurde, wurde im Kloster angefertigt, das über den Gebrauch hinaus Erzeugte ging zum Verkauf hinaus.

Im Klostergarten wurden Rosen, Verbenen, Nelken und andere Blumen des schönen Anblicks und des Duftes wegen gezogen, daneben Gemüse, Küchenkräuter und Pflanzen, denen Heilkraft zugeschrieben wurde: Lattich, Lauch, Erbsen, Petersilie, Minze, Lavendel und Thymian. Die reichen Klöster hatten auswärtige Besitzungen, oft von weither wurden dem Mutterkloster Erträge zugeführt. Das Kloster Reichenau bezog aus eigenen Gütern in Italien Wein und Öl. Hohe Gäste pflegten Schenkungen an Wild oder Fisch oder Wein zu machen, und der für die Gabe festgesetzte Tag wurde zum Festtag. Ekkehard IV. hat den Besuch geschildert, den der liebenswürdige König Konrad I. im Jahre 911 in Sankt Gallen machte. Während er in Konstanz die Weihnacht feierte, erzählte ihm der Bischof Salomon, der in Sankt Gallen erzogen war, von der Prozession, die an einem der folgenden Tage dort stattfinde, worauf der König ausrief: »Wären wir dort! Und warum, mein Herz, gehen wir nicht morgen früh hin?« Fröhlich fuhren sie zu Schiff den Rhein hinauf und wurden in Sankt Gallen mit Hymnen empfangen. Von den drei Freudentagen, die der König dort zubrachte, blieb der Tag der Unschuldigen Kindlein, der ein Tag besonderer Freiheit für die Klosterschüler war, allen die liebste Erinnerung. Der König, offenbar ein Kinderfreund, ließ den kleinen Burschen Obst hinschütten und staunte, als nicht einer sich rührte, um danach zu greifen, dann wieder nahm er sie auf den Schoß und legte ihnen Goldmünzen in den Mund und lobte lachend den einen, der das Gold voll Abscheu ausspie. Er speiste mit den Mönchen, bereicherte das bescheidene Mahl durch außergewöhnliche Zutaten, verbreitete fröhlich plaudernd gemütliche Stimmung und sagte später zum Bischof von Konstanz, das wenigstens war die Überlieferung des Klosters, er sei noch nie bei einem Gastmahl so heiter gewesen. Auch in die Gebetsverbrüderung ließ er sich aufnehmen, eine Einrichtung, zufolge welcher Laien nach erfolgter Zustimmung der Mönche eine gewisse Zugehörigkeit zum Kloster sich erwerben konnten, so daß die Mönche sie in ihr Gebet einschlossen, und sie das Recht hatten, vorübergehend im Kloster zu verweilen, wovon Fürsten und Adlige wohl am Ende ihres Lebens Gebrauch machten, um in geheiligten Räumen zu sterben.

Indessen, nicht dadurch allein sollte das Kloster einen Gegensatz zur Welt bilden, daß es eine Stätte des Friedens sei, während draußen Blut und Tränen vergossen wurden: Leiden und Entbehrung sollte der Grundton des mönchischen Lebens sein. Es sollte ein freiwillig übernommenes Leiden sein zum Zeichen der Nachfolge Christi; mit dem dreifachen Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams verzichtete deshalb der Mönch auf alles, woraus der Mensch die Genüsse zu schöpfen pflegt, auf Besitz, auf Liebe und Familie, auf den eigenen Willen. Im Kloster sollte ein Grundgedanke des Christentums verwirklicht werden: die Ausschaltung des Privateigentums. Auch nicht ein Buch, nicht einen Griffel sollte der Mönch zu eigen besitzen, allen sollte alles gemeinsam sein. Die meisten Kirchenväter stimmten darin überein, daß der Gemeinbesitz gut, von der Natur und von Gott gewollt sei, daß die Habsucht der Menschen das Sondereigentum eingeführt habe. Damit hing das Gebot der Ehelosigkeit zusammen, denn in der Familie bildet sich die Neigung aus, Vermögen zu erwerben und den Kindern zu vererben, wodurch es der Gemeinde entzogen wird. Dem germanischen Bauer, besonders dem sächsischen, der gern allein auf seinem Hof saß, war die kirchliche Lehre von der Gütergemeinschaft durchaus entgegengesetzt. Auch wurde das strenge Gebot im Kloster oft durchbrochen, da es immer solche gab, die etwas Eigenes zu verheimlichen wußten, worüber es dann zu häßlichen Zankereien kam. Allein wenn auch Heuchelei und Schwäche das Vorleben des christlichen Gedankens trüben und die Unmöglichkeit, ihn rein zu verwirklichen, beweisen mochten, er leuchtete doch von dieser Stätte in die von Habgier zerrissene Welt, einen Hafen allen denen öffnend, die ihm dienen wollten. Hier in diesem geheiligten Bezirk sollte das Gold nur dem Schmuck des Altars dienen, die weißen Hände des Mönchs sollten sich nie um eine erraffte Münze schließen, nur sich öffnen, um sie dem Bedürftigen auszuteilen. Das zur Erhaltung des Lebens Notwendige war da, gab es etwas darüber hinaus, wurde es mit Dank genossen, aber im allgemeinen sollte die Lehre der Kirchenväter gelten: wer etwas Überflüssiges hat, entzieht es dem Armen. Die Begabung sollte innerhalb der Gemeinschaft zwar anerkannt und gepflegt werden und sich entfalten, aber keinen Vorzug der Ehre oder der Einkünfte zur Folge haben. Alle standen unter gleichem Gesetz, wohnten gleich, nährten und kleideten sich gleich, einzig die Persönlichkeit, deren Wurzel sich menschlichem Eingriff entzieht, göttliche Prägung, die kein irdischer Despot verwischen kann, machte sich durch größeres Lieben und Geliebtwerden geltend, trotz aller Bestimmungen, die auch die Freundesliebe gegenüber der Nächstenliebe beschränken sollten. Soweit es menschliche Leidenschaft und menschliche Schwäche zulassen, wurde hier christliche Brüderlichkeit verwirklicht.

Nicht immer ertrugen die jungen Männer die Vergewaltigung, die ihrer Natur durch das Mönchtum angetan wurde, gutwillig. Oft waren es solche, die schon als Kinder durch Kränklichkeit, Zartheit, Neigung zum beschaulichen Leben, geistige Begabung für die klösterliche Laufbahn vorbestimmt schienen; war das nicht der Fall, so mußten die adligen Knaben, deren Väter und Brüder das Schwert führten, sich im Kriege auszeichneten, Abenteuer erlebten, hart mit sich ringen, bis sie inneren Frieden fanden oder wenigstens sich zu fügen lernten. Zwischen den Klostermauern versiegte manche Träne des Zorns, verhallte mancher Fluch der Verzweiflung. Nur zufällig ist uns das Schicksal des jungen Grafensohnes Wolo überliefert, der, um von ferne die blauen Berge zu sehen, dem Verbote trotzend einen Turm bestieg, stürzte und das Genick brach, im Sterben wohl das Geschick segnend, das ihn befreite. Unseliger endete der sächsische Grafensohn Gottschalk, der auf einem Konzil in Mainz Entlassung aus dem Kloster verlangte, weil er des mönchischen Lebens überdrüssig geworden war. Das Konzil, dem er selbst seine Sache vortrug, war weitherzig genug, seinem Gesuch entsprechen zu wollen, nicht so der Abt des Klosters Fulda, dem er angehörte, Hrabanus Maurus. Der Mann, den die Mit- und Nachwelt wegen seiner Kenntnisse und seiner Frömmigkeit bewunderte, zeigte sich Gottschalk gegenüber bis zur Grausamkeit starr. Er focht das Urteil des Konzils an, indem er sich darauf berief, daß die Gelübde der Eltern, die Kinder dem Kloster darbrächten, nicht gelöst werden könnten. Um Gottschalks Klage über Freiheitsberaubung zurückzuweisen, sagte er, man verliere seine Freiheit nicht, wenn man sich dem Dienste Christi weihe, was Gottschalk doch gar nicht getan hatte. Ludwig der Fromme gab, wie zu erwarten war, dem Abte nach, doch wurde Gottschalk gestattet, in ein anderes Kloster zu gehen, und er wählte Orbais in der Diözese Soissons. Mit der Heftigkeit eines aufgestauten Tatendranges vertiefte er sich in die Schriften des heiligen Augustinus und entdeckte die Lehre von der Gnadenwahl, die er kampflustig und trotzig zu verbreiten suchte als eine Wahrheit, die die Kirche der Christenheit vorenthalten habe. Er überzeugte manche, gewann namhafte Anhänger; aber da sich zwei mächtige Feinde gegen ihn verbündeten, sein alter Gegner, Hrabanus Maurus, der inzwischen Erzbischof von Mainz geworden war, und der gewalttätige Hinkmar, Erzbischof von Reims, beide starke Persönlichkeiten, gelehrt und herrschsüchtig, unterlag er. Durch Geißelhiebe zum Schweigen gebracht, verfiel er schließlich in Wahnsinn. Daß die Lehre von der Gnadenwahl als ketzerisch verurteilt wurde, entsprach dem klugen und milden Geist der katholischen Dogmatik, die den Laien vor dem Gift allzu tief bohrender Gedanken bewahren wollte; den persönlichen Haß, der sich in der Art, wie man ihn behandelte, erweist, mag zu einem Teil das stolze und rechthaberische Wesen des Unglücklichen, der um seine Lehre als um seine Rache kämpfte, verschuldet haben.

Anderen wurde der Zwang zur Läuterung, wie dem jungen Rhätier Viktor in Sankt Gallen, der sehr gelehrt, aber auch anmaßend und widerspenstig war, von seinen Feinden geblendet wurde, dann als Lehrer an die Schule des Bischofs von Straßburg kam und im Rufe der Heiligkeit starb. Für diejenigen, die angeborene starke Kräfte des Geistes und Gemütes nicht vom Irdischen auf das Himmlische übertragen konnten, wurde das Kloster zum Gefängnis; und als Gefängnis diente es auch absichtlich. Das war seine düstere, seine unheimliche Seite. Die Könige benutzten die Klöster, um gefährliche Gegner, etwa Anführer überwundener Völker oder Stämme oder Prätendenten aus der eigenen Familie, Brüder, natürliche Söhne, Neffen, verschwinden zulassen. So endeten Thassilo, der letzte bayrische Herzog aus der Dynastie der Agilolfinger, im Kloster Lorsch, König Lothar, der Sohn Ludwigs des Frommen, im Kloster Prüm in der Eifel.

Übte das Kloster auf die Widerstrebenden Kerkerdruck aus, so konnte es denen, die sich einordneten, zum Paradiese werden. Die regelmäßige Einteilung des Tages und der Nacht, der Wechsel zwischen Tätigkeit, beschaulicher Betrachtung und Gespräch wirkten beruhigend. Vor allen Dingen milderte das tröstende Wort des Freundes auch herbstes Leiden. Gab es neidische, gehässige, bösartige Mönche, so waren doch auch solche da, die durch Güte Frieden und durch Begabung Glanz über ihre Umgebung ausgossen. Dem Umstände, daß Schwaben von jeher Dichter erzeugte, ist es zu verdanken, daß uns Kunde denkwürdiger Persönlichkeiten überliefert ist, die die Zierde schwäbischer Klöster waren. In Sankt Gallen lebte Notker, der trotz seines Zungenfehlers ein verehrter Lehrer war, der strenge Zucht mit zärtlicher Fürsorge und Verständnis für jeden einzelnen zu vereinen wußte. Der zarte, magere Mann, dem doch die Kraft nicht fehlte, den Teufel zu überwinden, der ihm zuweilen nachstellte, liebte die jungen Wilden und hatte Nachsicht für die Überschäumenden; in seinen Armen, unter seinen gütigen Worten starb der trotzige Wolo, der ihn eben noch beleidigt hatte, und sein Liebling war der mutwillige Salomon, der später als Bischof von Konstanz der Prächtige und Glückliche genannt wurde. An künstlerischer Begabung war allen Tutilo überlegen. Er dichtete, malte, modellierte und komponierte, besonders bewunderte man sein Saitenspiel. Eine Elfenbeinschnitzerei von seiner Hand, die noch vorhanden ist, stellt den heiligen Gallus dar, wie er den Bären belohnt, der ihm Holz zuträgt. Er liebte die Natur und das Wandern, und seiner Künstlerschaft verdankte er, daß er oft an auswärtige Klöster berufen wurde, um Aufträge auszuführen. Von den schwäbischen Ekkeharden waren mehrere dichterisch begabt. Ekkehard I. war der Dichter des Walthariliedes, dem die lateinische Sprache leider den Stempel des Akademischen aufgedrückt hat, dessen Sequenzen und Hymnen den Gottesdienst zu verschönen bestimmt waren. Die überlieferten Anfangsworte: O martyr aeterni patris und Adoremus gloriosissimum lassen uns die feierliche Pracht dieser Gesänge ahnen. Ekkehard IV., der die Geschichte seines Klosters wie einen buntbebilderten Teppich vor uns ausgebreitet hat, dürfen wir als den ersten Novellendichter unserer Literatur betrachten, einen kundigen Menschendarsteller, einen nachdenklichen, liebreichen und humorvollen Zuschauer des Lebens. Ekkehard II. unterschied der Beiname Palatinus, der Höfische; er war ausgezeichnet durch Schönheit, vornehme Haltung und die Überlegenheit, die das Bewußtsein gefälliger Erscheinung, Klugheit und kühle Gemütsart verleihen. Er mußte der Herzogin Hadwig von Schwaben den Virgil erklären und es scheint, daß sie mehr Zuneigung für ihn hatte, als er erwiderte. Er besaß eine besondere Kunstfertigkeit im Ausmalen von Handschriften.

Leuchten des Klosters Reichenau und der damaligen Welt waren Walafried Strabo, von dem liebliche lyrische Gedichte erhalten sind, und Hermannus Contractus, der von Kindheit an gelähmte Sohn eines Grafen von Veringen. Obwohl er nicht gehen, nur mühsam sprechen und kaum die Hand zum Schreiben bewegen konnte, sein Leben gekrümmt im Stuhle sitzend zubrachte, wurde er Abt des Klosters, war er berühmt als Musiker, Theologe, Historiker.

Als Entgelt dafür, daß im Kloster eine Gruppe von Menschen den ewigen Opferrauch des Gebetes zum Himmel aufsteigen ließ und die Gebote des Herrn der Liebe stellvertretend für das ganze Volk auf sich nahm, widmete man den Mönchen außerordentliche Verehrung. Als einmal Kaiser Konrad II. zu Ingelheim Ostern feierte, leitete Ekkehard IV., damals Vorsteher der Schule zu Mainz, den Gottesdienst und hatte schon die Hand zur Vorführung der Sequenz erhoben, als die Bischöfe, die neben dem Kaiser saßen, diesen um Erlaubnis baten, ihren ehemaligen Lehrer bei dem, worin er selbst sie unterwiesen habe, zu unterstützen. Da der Kaiser Gewährung nickte, vollführten sie mit Ekkehard, der Tränen der Freude weinte, die heilige Handlung. Indessen nicht nur daß die Ehrfurcht vor dem Lehrer die Schüler bis in die höchsten Würden begleitete, das ganze Volk brachte den Mönchen Verehrung entgegen, und die Verehrung äußerte sich in Schenkungen, die die Klöster reich machten. Sie wurden dadurch instand gesetzt, Geldgeschäfte zu treiben, und wenn das auch schädliche Folgen hatte, indem es diejenigen, welche der Welt abgesagt hatten, in sehr weltliche Interessen verstrickte, so vollzog doch das Kloster als eine Art Bank eine Funktion, die in dem reger sich entfaltenden kulturellen Leben nicht fehlen durfte.

Nie wieder hat es eine Einrichtung gegeben, die wie das Kloster der karolingischen und ottonischen Zeit so vielen nützlichen Zwecken und großen Ideen diente. Von ihnen, wenn auch nicht nur von ihnen, ging die Kultivierung des Bodens aus, sie lichteten Wälder, bestellten Äcker, bauten Reben, gaben ein Vorbild umsichtiger Wirtschaft; sie beschäftigten Handwerker und Künstler, pflegten die Musik, förderten die Wissenschaft, unterrichteten die Kinder, waren Schule, Akademie, Universität. Nachdem die staatliche Armenpflege, die Karl der Große organisiert hatte, in den Stürmen der Zeit untergegangen war, übernahmen sie die Klöster. Täglich empfingen dort die Armen der Umgegend Unterstützung an Nahrung und Geld, Pilger wurden aufgenommen und Kranke verpflegt, so waren sie zugleich Hospize und Hospitäler. Als Versorgungsanstalten nahmen sie die vielen auf, die für den Kampf des Lebens zu schwach waren, die infolge gestörten Gleichgewichts der Kräfte, infolge irgendwelcher körperlicher oder geistiger Gebrechen draußen im rücksichtslosen Wettkampf der Arbeit und des Ehrgeizes scheitern mußten, alle die unscheinbaren, allzu zarten Pflanzen, die von achtlosen Füßen zertreten werden, aber unter verständnisvoller Pflege erblühen und Früchte tragen können. Sie waren Gefängnisse, wo der Schuldbeladene verhindert wurde zu schaden, wo er aber nicht aus der Gesellschaft der Guten und Gesunden ausgestoßen war, wo er Strafe erlitt, aber auch Zuspruch, Läuterung und Erhebung finden konnte. Der edle Bischof Otto von Bamberg sagte einmal, als jemand meinte, es gebe schon zuviel Klöster, er solle nicht neue gründen: die Welt sei für den Menschen die Fremde, darum müsse es Herbergen geben, und solche Herbergen seien die Klöster. Sie seien nicht für diejenigen da, die sich auf Erden heimisch fühlten, sondern für die Fremden. Den Fremdlingen auf Erden öffnete sich die gastliche Pforte als ein Vorhof der ewigen Ruhe.

Die alten Klöster mit ihren Kirchen und Kreuzgängen sind im Lauf der Jahrhunderte entweder ganz zerstört oder umgebaut worden. Die Abtei Prüm in der Eifel, die Karl Martells Schwester Bertrada zu Anfang des 8. Jahrhunderts stiftete, stammt in ihrer jetzigen Gestalt aus dem 18. Jahrhundert, Fulda ist vom Barock beherrscht, Sankt Gallen vom Rokoko, ebenso fast alle bayrischen und österreichischen Klöster, im sächsischen Korvey, wo der Mönch Widukind die Geschichten seines Volkes schrieb, muß man die romanischen Überbleibsel des alten Baus aufsuchen. Aber wenn man die Insel Reichenau betritt, dann wird man in die Zeit der Erstlinge des Glaubens entrückt. Hier ist alles fest umgrenzt, alles schlicht geformt, alles Symbol und Geheimnis. Die Häuser sind klein, selbst die Kirchen niedrig, und dennoch, mit ihren dicken Mauern, ihren flachen Decken und kurzen Säulen erscheinen sie gewaltig und hauchen überirdische Schauer aus. Die Göttergestalt Christi, die wir von den halbzerstörten Wandgemälden ablesen, wie sie Kranke heilt und Tote erweckt, steigt aus bodenlosen Abgründen hervor, Führer durch Blut und Tränen in ein Reich jenseits der Sterne. Erdrückend wäre die Heiligkeit dieser Räume, wenn sie nicht Natur hold umgäbe: um die Gemäuer singt die Welle, flüstert das Schilf, blüht und rauscht die Linde. Der Gott, der hier angebetet wird, liebt die Natur, sie ist seine Tochter und atmet dicht an seinem Herzen. An den Spalieren reifen Äpfel und Birnen, Pfirsiche und Trauben, nicht nur durch die Güter, die Schiffe ihr von weither zuführen, ist diese Aue reich, sondern durch das, was sie selbst hervorbringt. Hier sind alle Menschen, die hohen und die niederen, die Herren und die Bettler, Kinder der Erde, ein Volk von Bauern, genügsam in seinen Anforderungen an das Irdische, maßlos in seinen Ahnungen des Ewigen. Ihre Heimat ist eine Insel, umsaust von Stürmen, umbrandet von Wellen, aber hoch oben rollen die Sterne aus der Hand des Herrn als ein Band, das die Erde und ihre kleine Heimat mit dem Himmel verbindet – Adoremus Gloriosissimum.

Der Adel

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Die Edda erzählt, daß Heimdall, einer der Asen, als er einst am Strande des Meeres sich erging, auf menschliche Wohnungen stieß, dort einkehrte und in drei Nächten mit drei verschiedenen Frauen Kinder zeugte. Der Sohn der geringsten wurde ein Sklave, der Sohn der mittelmäßig Begüterten wurde ein Bauer, der Sohn der vornehmen Frau ein Jarl oder Adaling. Der Sklave oder Thräl hatte schwarze Haare, krummen Rücken, gelbliche Haut, der Jarl, dessen Mutter weißer als reiner Schnee glänzte, war blondhaarig, hatte schöne Wangen und blitzende Augen. Wenn auch langdauernde schwere Arbeit und grobe Ernährung den Rücken beugen und die Haut härten kann, so möchte man doch aus dieser Sage schließen, daß die Sklaven der Germanen Angehörige unterworfener Völker waren, als Fremde niederer Art geringgeschätzt. Alle germanischen Stämme außer den Friesen unterschieden einen Adel, Freie von verschiedener Abstufung und Hörige, die gleichfalls in verschiedener Beziehung zu ihren Herren standen. Der Adel war durch das doppelte Wergeld der Freien ausgezeichnet, übrigens standen die Rechte der Freizügigkeit, Schildbürtigkeit, das Fehderecht, das Recht echtes Eigentum zu besitzen, das Recht nur von seinesgleichen gerichtet zu werden, dem freien Manne ebenso wie dem Adligen zu. Der Ursprung des Adels verliert sich im Dunkel der Anfänge; vielleicht entstand er dadurch, daß gewisse Familien, die sich im Kriege, im öffentlichen Leben und etwa auch durch Schönheit auszeichneten, mit den Göttern verknüpft gedacht wurden. Es ist auffallend, wie die Geschichtsschreiber die Schönheit der Personen, von denen sie erzählen, ausführlich beschreiben; besonders von den Kaisern wird der hohe Wuchs, die edle Haltung, das blonde Gelock, der feurige Blick gerühmt, augenscheinlich nicht nur als etwas dem Auge Wohlgefälliges, sondern auch als Wahrzeichen edler Geburt. Von Otto IV., der sich durch geistige Gaben nicht hervortat, wurde angenommen, daß er die fürstlichen Wähler durch seine schöne große Gestalt bestochen habe. Auch an den Mönchen wurde Schönheit als etwas Preiswürdiges hervorgehoben, und mit Staunen wurde vermerkt, wenn gerade im unansehnlichen oder entstellten Körper ein hoher Geist wohnte, wie das bei Hermannus Contractus, bei Walafried Strabo in so hohem Maße der Fall war. Noch jetzt finden sich in Niedersachsen hochgewachsene Menschen mit lichtem blondem Haar und eigentümlichem, Raum und Körper durchbohrendem Seemannsblick der blauen Augen; vielleicht sah so der sächsische Adel in wohlgelungenen Exemplaren aus. Von Adalhard, einem Vetter Karls des Großen, der eine sächsische Mutter hatte, sagten seine Schüler, daß sie vor dem furchtbaren Flammenblick seiner Augen gezittert hätten. Unter den Franken fiel die Eigenart des Mannes auf, der schweigsam und gern allein, unbeugsam fest in seinen Überzeugungen war und Zuverlässigkeit als höchste Tugend schätzte. Der Stolz war bei den Sachsen noch mehr ausgeprägt als bei den anderen deutschen Stämmen: sie waren stolz auf ihre Heimat, stolz auf ihre Geschichte, stolz auf ihre Abkunft. Das Christentum hat diesen Stolz nicht ausgetrieben. Die wegen ihrer Frömmigkeit einer Heiligen gleich geachtete Königin Mathilde berief in das Stift zu Quedlinburg, das sie gründete, nur Personen aus dem höchsten freien Stande, weil sie, wie die Annalen berichten, daran festhielt, daß eine Wohlgeborene selten und nur aus schweren Gründen entarte. Alle älteren Klöster wurden nur mit Adligen besetzt, die Äbte und Äbtissinnen gehörten oft dem Reichsfürstenstande an. Man wußte wohl, daß Petrus, ein Fischer, gesagt hatte: Bei Gott gilt kein Ansehen der Person, und bekannt waren die Worte, die Paulus an die Galater richtete: »Denn diejenigen, die in Christus getauft sind, haben Christus angezogen. Da ist nicht Jude oder Grieche, da ist nicht Sklave oder Freier, nicht Mann oder Frau, ihr seid alle eines in Jesus Christus«, aber man dachte nicht daran, diese Gesinnung zu verwirklichen. Selbst Bischof Udalrich von Augsburg, der heiliggesprochen wurde, ein schwäbischer Graf von Dillingen, ließ sich auf Reisen, anstatt zu reiten, in einer Sänfte tragen, um nicht mit Leuten aus dem Volke in Berührung zu kommen und durch ihr Geschwätz im Psalmensingen gestört zu werden. Bevor er selbst Bischof wurde, verschmähte er es, in den Dienst seines Vorgängers zu treten, weil derselbe nicht vornehm genug war. Vom Erzbischof Tegino von Magdeburg, der als ein Muster aller Tugenden, als gottesfürchtig, liebevoll, wohltätig, milde, keusch geschildert wird, heißt es gleichzeitig, daß er gern solche um sich hatte, die durch Adel der Geburt und Sitte sich auszeichneten, während er Niedere zwar nicht verachtete, aber sie doch von seinem Umgange fernhielt. Man sieht daraus, daß man Adel der Geburt und Adel der Sitten als selbstverständlich zusammenfallend betrachtete. Als jemand die heilige Hildegard von Bingen fragte, wie sich die Bevorzugung des Adels in den Klöstern mit den Forderungen des Christentums vertrage, sagte sie: »Wer würde sein Vieh zu einer Herde und in einem Stalle vereinigen? Ochsen, Esel und Schafe?« Die Vermischung führe zum Haß, wenn Hochgeborene den Niedriggeborenen weichen müßten. Gott unterscheide das Volk auf Erden, gleichwie er im Himmel Engel, Erzengel, Throne, Herrschaften, Cherubim und Seraphim unterscheide. In späterer Zeit sagte Erasmus von Rotterdam in bezug auf das Domkapitel von Straßburg: »In dies Kolleg hätte Christus ohne Dispens nicht aufgenommen werden können«, und ähnlich ein junger Kanoniker um 1500: »Wenn heute der Herr auf Erden wandelte, würde das Stift von St. Alban (in Mainz) ihn abweisen.« Es ist berechnet worden, daß von 900-1500 von 166 Erzbischöfen 134 edelfrei, 10 von Ministerialadel, 4 bürgerlich waren. Heinrich II. war nach Ludwig dem Frommen der erste Kaiser, der einige Unfreie wegen ihrer Tüchtigkeit zu Bischöfen machte. Man muß zugeben, daß der Adel im frühen Mittelalter die große Nachfrage nach tüchtigen Männern ausgiebig befriedigen konnte.

Es fiel den Zeitgenossen auf, daß unter den benachbarten Völkern eine so strenge Trennung unter den Ständen wie in Deutschland nicht beobachtet wurde. Der Oheim Friedrich Barbarossas, Bischof Otto von Freising, erzählt von den lombardischen Städten, ihrer Freiheitsliebe, ihren Konsuln, die »zur Unterdrückung des Hochmuts«, wie er sagt, aus jedem Stande gewählt wurden. Sie halten es nicht für unwürdig, sagt er, an Jünglinge niederen Standes und Arbeiter verächtlicher, auch mechanischer Gewerbe, welche andere Völker von den edleren und freieren Studien wie eine Pest fernhalten, den Gürtel der Ritterschaft oder den Grad der Würden zu verleihen. Nicht ohne Bewunderung fügt er hinzu, daß die lombardischen Städte an Reichtum und Macht über andere Städte des Erdkreises hervorragen. Die Klöster der kluniazensischen Richtung, die von Westen her eindrang, machten keinen Unterschied zwischen den Ständen.

Der Standeshochmut hat einen verständlichen Sinn, wenn die dienende Schicht sich aus Kriegsgefangenen zusammensetzt, aber schon mit dem 9. Jahrhundert fingen die ärmeren Freien an, in die Klasse von Hörigen herabzusinken, und dieser Vorgang nahm in den folgenden Jahrhunderten zu. Es war ein Unglück, für das anfangs kaum ein einzelner verantwortlich zu machen war. Die Ursache lag hauptsächlich darin, daß sich viele kleine Bauern dem Kriegsdienst, den die beständigen Überfälle durch feindliche Völker erforderten, dadurch entzogen, daß sie ihr Gut geistlichen oder weltlichen Großen zu Lehen auftrugen und von diesen abhängig wurden. Auch ist es so, daß in Zeiten der Naturalwirtschaft die Erde die Menschen entweder zu erblichen Eigentümern oder zu Hörigen macht; sie verwachsen so oder so mit dem Boden. Jeder große Grundbesitzer trachtete danach, möglichst viel hörige Leute zu bekommen, die den Boden bebauten, und wenn er Stücke seines Landes in Erbpacht an Freie austat, so erleichterte ihm die Verwaltung und das Gerichtswesen, sie in Abhängigkeit herabzudrücken. Nicht grundsätzlich, aber tatsächlich fielen Armut und Abhängigkeit meist zusammen. Im 11. Jahrhundert wurden die bedeutenderen Freien noch als zur Huldigung des neuerwählten Königs zugezogen erwähnt; der freie, aber arme Bauer nahm am Schicksal des armen Hörigen teil. Die schwäbischen Bauern, die zur Zeit Heinrichs IV. dem Gegenkönig Rudolf, ihrem Herzog, zuzogen, wurden von den sie besiegenden Rittern entmannt, weil sie, obwohl freie Leute, als unwürdige Gegner angesehen wurden, nicht Feinde, sondern Knechte, die gegen Herren die Waffen zu tragen wagten. Wieviel Großes auch der mittelalterliche Adel in Deutschland geschaffen hat, sein Standeshochmut, der zwischen Hochgeboren und Niedriggeboren eine unüberbrückbare Kluft schuf, wurde Deutschland verderblich; er war die Ursache, daß sich im selben Volke zwei Völker gegenüberstanden, die sich weniger verstanden und mehr haßten als fremde Völker.

Von den Tugenden, mit deren Besitz der Adel seinen Herrschaftsanspruch rechtfertigte, war Tapferkeit die vornehmste. Sie war die selbstverständliche Eigenschaft des Edlen. Rauflust war dabei; aber es gehörte dazu vor allen Dingen die Kraft, Gefahren nicht zu scheuen und dem Tode furchtlos zu begegnen. Ein überschäumendes Kraftgefühl erzeugte die Lust am zischenden Schwert, am sausenden Speer, Rausch des Blutvergießens, das Bewußtsein der Ehre, die stolze Haltung vor dem Feinde, in Todesqualen. Tapferkeit flößte so viel Achtung ein, daß sie auch den Feind, ja selbst den Verräter lieb machen konnte. Den slawischen Prinzen Gottschalk, der auf die Nachricht, daß sein Vater von einem Sachsen ermordet war, das Kloster verließ, in dem er erzogen war, und unter den Sachsen wütete, schonte Herzog Bernhard von Sachsen, in dessen Hände er schließlich fiel, weil er seine Tapferkeit bewunderte, und entließ ihn ungekränkt nach England. Nie vergaßen auch die Mönche, die Geschichte schrieben, Waffenkämpfe mit sichtlichem Anteil zu schildern. Tapfere Taten sicherten unvergängliches Erinnern; von dem Sachsen Heriger, der als Gefangener die Dänen in ein Moor führte, wo sie mit ihm untergingen, wurde lange gesungen und gesagt. Ein griechischer Schriftsteller erzählt uns die folgende Geschichte von einem Deutschen, der während des von Barbarossa unternommenen Kreuzzuges in der Nähe von Ikonium hinter seinen Landsleuten zurückgeblieben war. Er war von riesigem Wuchs und ungeheurer Kraft und zog sein erschöpftes Roß am Zaume hinter sich her. Auf einmal erschienen etwa fünfzig ismaelitische Reiter, bildeten einen Kreis um ihn und beschossen ihn von allen Seiten. Er deckte sich mit seinem Schild und ging vergnüglich weiter, unbekümmert um die feindlichen Geschosse, als wäre er ein Fels. Als aber einer der Reiter näher herankam und mit dem Säbel auf ihn einhaute, wurde er ungeduldig, nahm sein Schwert und schlug mit einem Hieb die Vorderfüße des feindlichen Pferdes ab, als wären es Grashalme, dann spaltete er mit einem zweiten nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Oberkörper des Gegners, so daß derselbe in zwei Hälften auseinanderfiel, und daß der Schnitt noch tief in den Rücken des Pferdes eindrang. »Wie ein Löwe, der sich auf seine Kraft verläßt, zog er gemächlich weiter, ohne seinen Schritt zu beschleunigen, und traf abends im Lager seiner Landsleute ein.« Offenbar entzückte den Griechen, wie hochmütig er sonst auf die Barbaren herabsah, die grandiose Naturerscheinung solcher Riesenleiber, in denen das Herz friedlich schlägt, während die Faust vernichtende Schläge austeilt. Das Bewußtsein überlegener Kraft ermöglichte dem Namenlosen, auf kahler Ebene mitten durch die Schlacht zu schlendern, als trabe er durch die Dämmerung seines rauschenden Eichenwaldes. Ähnlich war der Thurgauer, der die Wilzen und Avaren wie Gras auf der Wiese mähte und wie Vögelchen auf seine Lanze spießte. »Was soll ich mit diesen Kröten?« sagte er zu den Daheimgebliebenen, die ihn nach seinen Kriegserlebnissen ausfragten, »sieben oder acht oder auch neun spießte ich auf meine Lanze und trug sie hierhin und dorthin, weiß nicht, was sie dazu brummten. Unnützerweise haben der Heerkönig und wir uns gegen solche Würmer abgemüht.« Diese Männer erinnern an die Riesen der Sage, die in aller Gutmütigkeit mit zermalmenden Füßen über die schwächeren Geschöpfe wegschreiten.

Der Pflege ritterlicher Tugenden kam die Pflege des Geistes nicht gleich. Im allgemeinen lernte der Adlige nicht nur nichts, sondern tat sich etwas darauf zugute, nichts gelernt zu haben, um sich gründlich von den bücherlesenden Klerikern zu unterscheiden. Von Otto des Großen Schwiegersohn, Konrad dem Roten, erwähnt der Geschichtsschreiber rühmend, er sei nicht nur ein unwiderstehlicher Recke in der Schlacht, sondern auch klug im Rat gewesen, was bei tapferen Männern selten sei. Schon Karl der Große tadelte die Geringschätzung des Wissens und der geistigen Ausbildung am Adel auf das ernstlichste, und ähnliche Klagen wiederholten sich häufig. Wenn der Adel Interessen hatte, die über Pferde, Waffen und Kampf hinausgingen, so betrafen sie die Landwirtschaft; denn Bauern waren sie ja alle, ob sie nun Großgrundbesitzer oder Pächter oder Kleinbauern waren. Von einem lothringischen Grafen Immo wird erzählt, wie er den Herzog Giselbert von Lothringen dadurch ärgerte, daß er ihm eine Schweineherde entwendete, indem er durch ein Ferkel, das er vor seiner Burg herumführen ließ, das herzogliche Vieh von seinem Wege ab und in die Burg hineinlockte. Aus einem Fenster seiner Burg beobachtete er schadenfroh die Ankunft des feindlichen Schweinehirten und das Gelingen seines Planes. Doch würde es einen falschen Begriff von dem Worte Geist geben, wenn man diese Bauern ungeistig nennen wollte, weil sie nicht lesen konnten und von Grammatik und Theologie nichts wissen wollten. Ihr Kopf brauchte deshalb nicht leer zu sein: sie hatten Erfahrung in allen Verwickelungen des Lebens, konnten sich Menschenkenntnis erwerben, mußten in Rechtsfällen urteilen können, waren in Feld und Wald und Wiese zwischen den Tieren ihres Hofes und den Tieren des Waldes zu Hause; sie hörten die Predigt von den göttlichen Dingen, von Gut und Böse, hörten die Lieder von den Taten der Vorfahren, Himmel und Erde gaben denen Stoff genug zum Nachdenken, die nachdenken wollten. Otto I. lernte in höherem Alter Latein, und sprechen konnte er es nie; dennoch, wieviel größer war er als sein gelehrter Enkel, den man das Wunder der Welt nannte. Die Großen und Begabten bedürfen der Wissenschaft nicht, vielmehr, sie eignen sich davon an, was sie brauchen; aber für die Mittelmäßigen, Unbegabten, Stumpfsinnigen ist Erweiterung des Gesichtskreises durch Lernen notwendig, und diese, nicht die Begabten sind überall in der Mehrzahl. Die Roheit und Unwissenheit des Adels, die ihn nachteilig unterschieden von Italienern, Franzosen und Engländern, wirkten mit dazu, daß die Kaiser sich ihre Mitarbeiter und Ratgeber hauptsächlich im Klerus suchen mußten. Allerdings, auch der Klerus war Adel; man kann ihn im frühen Mittelalter als eine Auslese der Begabten des Adels betrachten.

Wenn der Abfall der großen Vasallen auch so häufige Erscheinung war, daß man sagen kann, die Geschichte der meisten Könige spielte sich am Rande eines Abgrundes ab, so wäre es doch gewagt, daraus zu folgern, die Treue sei bei den Deutschen wegen ihrer Seltenheit so hoch geschätzt worden. Bei den Reichen und Mächtigen wird man im allgemeinen diejenigen Eigenschaften suchen müssen, die im Kampf ums Dasein Vorteil schaffen, vorwärtsbringen, nicht die edleren, die den Nutzen der Ehre nachstellen. Nicht auf den Höhen, sondern in den unteren und mittleren Schichten sind diejenigen Tugenden heimisch, die den Bau der Gesellschaft zusammenhalten. Die Treue und das Pflichtgefühl unzähliger, deren Namen niemand überliefert, erhält die Ordnung, die auf der Geltung des Rechtes und der Heiligkeit des gegebenen Wortes beruht, wenn Machtgier und Habgier einiger Großer die Welt in ein Chaos zu stürzen drohen. Da, wo sich eine Macht gebildet hat, die die Grenze privater Sphären überschreitet, verlieren die privaten Tugenden ihre Geltung; in der Politik setzt sich auch der redliche Mensch über die Gebote der Redlichkeit hinweg, und es müßte ein solches Sichhinwegsetzen über das Recht zu gänzlicher Auflösung führen, wenn nicht Gegenwirkungen vorhanden wären oder sich bildeten. So braucht man denn aus dem Verhalten des hohen Adels gegen die Könige nicht auf Treulosigkeit des deutschen Adels überhaupt zu schließen. Wohl waren aus den Gefolgsleuten des Königs durch die Landverleihung Fürsten und Nebenbuhler des Königs geworden; aber es fehlte doch nie an einem echten Gefolge, das sich für seinen Herren in Stücke hauen ließ. Bedenkt man, wie wenig Mittel vorhanden waren, um das Recht zu stützen, muß man es erstaunlich finden, wie das Recht geachtet wurde. Ein Volk, das fast durchweg bewaffnet und in den Waffen geübt war, in dem jeder Freie dem anderen Fehde ansagen konnte, beugte sich freiwillig vor alten Pergamenten, auf denen alte Privilegien verzeichnet waren, wagte selbst abhängigen Bauern die Abgaben nicht über das Herkömmliche zu steigern, wenn auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen andere geworden waren. Das Heilighalten des Rechtes hängt zusammen mit der Ehrfurcht vor den Göttern; diese beseelte den Deutschen, wenn er auch die christlichen Gebote häufig verletzte. Nicht nur, daß er die äußerlichen Formen des religiösen Lebens mitmachte, die Kirche besuchte, die Messe hörte, die Knie vor dem Allerheiligsten beugte; Weltliche wie Geistliche fühlten sich eingebürgert in dem wunderbaren Reich, das die Erde, den Stern der Mitte, umrundete, in dem das Sichtbare und das Unsichtbare eingegossen war. Das Drüben, wo alle Tränen versiegten, war nichts Fernes, nicht ein entlegener Ort, sondern es war da, wo man stand, ein Meer des Glanzes, das aufblinken konnte, wo immer ein Gläubiger den trügenden Schein der Welt überwand. Kam die Stunde des Todes, so löschte die sterbende Hand das letzte Fünkchen Welt aus, und der Tote tauchte in den Goldgrund der Dinge. Die Verbundenheit mit dem Jenseits bewog so viele Adlige, die diesseitige Welt, nachdem sie ihre Freuden erprobt hatten, plötzlich mit einer heroischen Gebärde von sich zu stoßen, zuweilen jung, vor der Hochzeit, trotz des Flehens der Eltern, zuweilen auf der Höhe des Ansehens und der Erfolge. Gero, der berühmte Markgraf Ottos des Großen, der einen Teil des slawischen Landes zwischen Elbe und Oder eroberte, von dem das Volkslied sang, daß er dreißig slawische Große ermordet habe, endete sein Leben im Kloster. Der Tod seines letzten Sohnes, in dem er auf Erden weiterzuleben gehofft hatte, erschütterte das Herz, das in zahllosen Schlachten nie unruhiger geschlagen hatte. Schon sein Vater hatte geplant, ein Nonnenkloster in der Nähe einer seiner Burgen zu stiften; das führte er nun aus, um die Zukunft der jungen Witwe seines Sohnes zu sichern, die er, wie es scheint, zärtlich liebte. Sie hat 55 Jahre lang der Abtei Gernrode als Äbtissin vorgestanden. Dann ging er, nicht zum ersten Male, nach Rom und legte das zur Bekehrung der Heiden geführte Schwert zu Füßen des Papstes nieder; schon nach anderthalb Jahren starb er. Für den Kriegsmann wie für den Geistlichen war der Übergang von der Erde zum Himmel weniger als ein Schritt, nur ein Schließen der Augen: die irdischen Lichter erlöschen, über der Seele gehen die göttlichen Geheimnisse auf.

Herzog Bernhard zur Lippe, ein treuer Anhänger Heinrichs des Löwen, wurde aus einem gefürchteten Kriegsmann, der vor Beraubung von Klöstern nicht zurückgeschreckt war, ein Kreuzzugsprediger und schließlich ein Bischof. Als Vater von fünf Söhnen und sechs Töchtern trat er in ein Kloster ein nach Überwindung des Widerstandes seiner Frau, die vermutlich weniger gesündigt und mehr gelitten hatte als er. Der religiöse Schwung war so stark, daß, wenn die Klöster entarteten, was immer geschah, sich neue Orden bildeten, die sie reformierten und mit religiösem Leben erfüllten. Im zwölften Jahrhundert gründeten Adlige die vielen Zisterzienserklöster, die so Großes zur Kultivierung des Nordens und Ostens geleistet haben. Graf Brüning von Gleichen trat in das Kloster Volkerode ein, das seine Mutter nördlich von Mühlhausen in Thüringen gegründet hatte, Graf Siegfried von Bomeneburg gründete Kloster Amelungsborn, ein Edler von Wolmundstein, der einen Freund im Turnier verwundet hatte, Kloster Waldsassen, Ritter Ludolf von Wenden das Kloster Riddagshausen bei Braunschweig, Graf Wilbrand von Hallermund in einer Einöde zwischen dem Steinhuder Meer und der Weser Kloster Loccum. Erklärt auch der wirtschaftliche Nutzen, den die Zisterzienserklöster brachten, ihre rasche Aufnahme, so war doch fast in jedem einzelnen Fall ein religiöses Gefühl der Antrieb der Stiftung, Reue über vergossenes Blut, Einsicht in die Flüchtigkeit irdischer Güter oder auch nur die Meinung, daß ein wirkungsvoller Akt der Frömmigkeit zur Vollendung eines christlichen Edlen gehöre.

Die enge Verbindung des kriegerischen Adels mit der Kirche wird erst recht verständlich, wenn man bedenkt, daß die frühmittelalterliche Kirche einen heidnischen Charakter hatte. Sie hatte ihn nicht nur, weil ihre Glieder zum großen Teil erst kürzlich bekehrte Heiden waren, nicht nur, weil zahlreiche Elemente des Heidenglaubens in die Kirche aufgenommen und übergegangen waren. Christus kam in eine erstarrte Welt, die er das Sterben lehrte. Er ist der Gott des Todes, darum waren seinem Antlitz von Anfang an Züge tiefster Trauer eingegraben. Vielleicht erlebte in ihm die Menschheit zum ersten Male bewußt den Tod. Das junge Germanenvolk war noch nicht erstarrt, sein Dasein vollzog sich jenseits von Gut und Böse, zwischen seinen strömenden Kräften des Hasses und der Liebe, des Frevels und der Reue konnte die Selbstsucht nicht zu hemmender Schranke gerinnen. Der spätere Mensch sieht mit Staunen, wie in der mittelalterlichen Welt entsetzlicher Blutdurst und zarte Himmelssehnsucht, Hochmut und Demut sich kreuzen, wie schwerste Verbrechen durch ein gelindes Priesterwort gesühnt werden, wie hohe Kirchenfürsten ihre irdischen Leidenschaften austoben, ohne sich dadurch beschwert zu fühlen. Blutrote Sünde wusch eine Träne ab. Diese junge Welt, in der der Tod nicht schmerzte, weil sie so voll Leben war, daß der Tod nur ein Überströmen in neues Leben bedeutete, erlebte das Christentum anders als die antike Welt, die vergessen hatte, daß nichts auferstehen kann, was nicht zuvor gestorben ist. Dementsprechend mußte die Kirche sich wandeln.

Das Gudrunlied erzählt, wie nach der blutigen Schlacht auf dem Wülpensande die überlebenden Helden die Toten zu bestatten beschließen, nicht nur die Freunde, sondern auch die Feinde, damit sie nicht den Raben und Wölfen zur Speise werden. Damit ihres tapferen Endes ewig gedacht werde, stiften sie ein Kloster mit einem Hospital, zu dessen Gunsten die Verwandten der Gefallenen Gaben beisteuern. Auch der Armen wird gedacht: ihnen soll der Erlös aus den Pferden, Rüstungen und Gewändern der Gefallenen zugute kommen. Eine Anzahl von Pfaffen, die dem Kloster zugewiesen wurde, soll betend und singend die Seelen der Erschlagenen Gott empfehlen. Vor der Schlacht hatten sie, weil es ihnen an Schiffen fehlte, einer Pilgerschar, die auf der Insel gelandet war, ihre Schiffe weggenommen; diesem Frevel schrieben sie den unglücklichen Ausgang des Treffens zu, und damit sie beim nächsten Gefecht besseres Glück hätten, beeilten sie sich nun, den Schaden zu ersetzen. Dann segelten sie heim, das Herz erfüllt von Rachegedanken, ungeduldig gespannt auf neues Blutvergießen. So war das Christentum der Edlen: zuweilen wurde ein härenes Gewand über den strahlenden Harnisch gezogen, dann, nachdem es wieder im Gepäck versorgt war, schlug das wilde heidnische Herz, ganz eins mit sich, dem nächsten Turnier, der nächsten Fehde, neuen Taten und Untaten entgegen. Die Kirche war mit diesen Söhnen zufrieden, und es ist anzunehmen, daß Gott es auch war.

Die Ottonen

Inhaltsverzeichnis

Die Familie der Arnulfinger, die rasch in leuchtenden Stufen zu ihrem Gipfel aufgestiegen war, verfiel sofort nach dem Tode des größten, wenn sie auch noch lange nicht erlosch, als hätte das weithin weckende Licht, das von ihm ausging, vom Horizonte sich nicht lösen mögen und in einem langen Abendrote dem Untergange nachgeglüht. Trotz der Teilung unter die Söhne Ludwigs des Frommen erhielt sich noch das Bewußtsein des Zusammenhanges der west- und ostfränkischen Reichshälften durch die Dynastie, wie sie denn auch unter Karl dem Dicken noch einmal vereinigt wurden. Immerhin, obwohl das häufige Vorkommen germanischer Namen im 9. Jahrhundert der westfränkischen Hälfte noch ein germanisches Gepräge gab, beweisen die Eide, die bei Gelegenheit der Verträge von Verdun und Mersen über die Trennung geleistet wurden, daß im westfränkischen Reiche Französisch, im ostfränkischen Deutsch gesprochen wurde.

Die endgültige Trennung der deutschredenden Stämme vom Westfrankenreich wurde offenbar, als im Jahre 911 der letzte ostfränkische König, Ludwig das Kind, starb. Die Deutschen dachten nicht daran, sich nun wieder dem westfränkischen Karolinger anzuschließen, sondern ein Teil wählte Konrad zum König, der als Herzog von Franken und Anverwandter der karolingischen Familie der geeignete Nachfolger zu sein schien. Während seiner kurzen Regierung bemühte sich Konrad vergeblich um den Anschluß aller Stämme; außer in Franken und Schwaben wurde er nirgends anerkannt. Seine edle Gesinnung bewies er dadurch, daß er sterbend seinem Bruder Eberhard empfahl, auf die Nachfolge zu verzichten und die Krone seinem bisherigen Gegner, dem Sachsenherzog Heinrich, anzubieten.

Als mit dem Tode Karls des Großen der Mittelpunkt erschlaffte, in dem die Reichsglieder zusammengefaßt waren, wurde das Grundwesen der Germanen wieder wirksam, denen weniger der Trieb nach Einheit im Blute liegt als der Drang des einzelnen oder der Gruppe nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Der romanische Staat betont die Vertretung des Ganzen, schafft einen Beamtenapparat, der vom Mittelpunkt ausgehend die Glieder von oben nach unten erfaßt und bewegt, wodurch für diesen die Möglichkeit entsteht, sich der beherrschten Teile zu bedienen, sie mit großer Kraft nach außen zu verwenden, sie auszubeuten. Der germanische Staat geht von den einfachen unteren Gliedern, der Familie, der Sippe, der Gemeinde aus und begegnet allmählich der von obenher beherrschenden Vertretung des Ganzen. Die Entfaltungsmöglichkeit und Freiheit des Individuums ist dem Germanen unendlich wichtig, und er opfert davon nur soviel wie nötig ist, damit ein Ganzes überhaupt sich bilden kann, während nach romanischer Auffassung der Staat im Besitz der Allgewalt ist und dem einzelnen an Befugnissen möglichst wenig überläßt. Die Vorteile des zentralisierten Staates sind Straffheit, Ordnung, Möglichkeit der Machtentfaltung nach außen, die des gegliederten Staates Mannigfaltigkeit, Reichtum an eigenartigen Individualitäten, Fülle der Natur, des schöpferischen Lebens. Im Hinblick auf den Beamtenapparat kann man den zentralisierten Staat auch den mechanischen nennen, worauf der häufig gebrauchte Ausdruck Staatsmaschinerie oder Staatsmaschine hinweist, während der organische von innen heraus wächst und sich verzweigt. Zu Karls des Großen Zeit konnte allerdings von einer Staatsmaschine im modernen Sinne nicht die Rede sein, sowohl aus technischen wie aus Gründen der Auffassung: er ließ den unterworfenen Stämmen ihr eigenes Recht, das er nur stellenweise ausbildete, und vermied Eingriffe in ihr kulturelles Leben. Der auf die Sachsen ausgeübte Zwang sollte nur dauern, bis die Christianisierung einigermaßen gesichert war. Immerhin zentralisierte er bis zu einem ziemlich hohen Grade, indem er das ganze Reich in Gaue einteilte, Grafen als Vorsteher derselben einsetzte und diese durch Königsboten beaufsichtigen ließ. Als Gegenwirkung gegen diese dem germanischen Geist widerstrebende Bindung an das Ganze bildete sich nach Karls Tode in den einzelnen Teilen des ostfränkischen Reiches das Stammesherzogtum wieder aus, und zwar mit besonderer Kraft in den beiden Ländern, die auch in anderer Hinsicht einander ähnlich waren, in Sachsen und Bayern. Beide Länder bedurften nach dem Verfall der Karolinger vorzugsweise einheimischer Führer, weil sie mehr als die anderen den Einfällen feindlicher Völker ausgesetzt waren, Sachsen der Normannen und Slawen, Bayern der Avaren und Magyaren. Der Herzog von Sachsen, Brun, fiel im Jahre 880 in der Nordsee gegen die Normannen, Luitpold, Graf in Bayern, im Jahre 907 gegen die Ungarn. Das große gemeinsame Erlebnis von Gefahr, Opfer und Sieg knüpfte das Volk fest an diese Familien. Wie nun die Germanen dazu neigen, nirgends ein absolutes Recht aufkommen zu lassen und andererseits nicht absolute Rechtlosigkeit zu dulden, so bestanden die Freien und Edlen auf dem Recht, den König oder Herzog zu wählen, ließen aber insofern den Grundsatz der Erblichkeit gelten, als sie die Verwandten der herrschenden Dynastie berücksichtigten, solange solche vorhanden waren. So gab in Sachsen Verwandtschaft mit dem unvergessenen Widukind ein Recht auf die Führerschaft, und es ist anzunehmen, daß die Familie der Brunonen oder Ludolfinger in verwandtschaftlichem Zusammenhang mit dem alten Helden gestanden hat. Ludolf, von Ludwig dem Deutschen zum Grafen erhoben, in Korvey, Quedlinburg, an den Quellen der Lippe begütert, vermählte seine Tochter Liutgard mit einem Sohne Ludwigs und stellte dadurch auch eine Verwandtschaft mit den Karolingern her. Nachdem Ludolfs Sohn Brun im Kampfe gegen die Normannen gefallen war, folgte ihm sein Bruder Otto, von dem die Überlieferung berichtet, daß ihm die Königskrone angeboten sei, daß er aber als zu alt darauf verzichtet und seine Wähler bewogen habe, sie dem Herzog der Franken zu übertragen. Sein Sohn Heinrich machte seinen Namen berühmt durch glückliche Bekämpfung der Slawen, konnte aber der Ungarn, die sie herbeiriefen, nicht sofort Herr werden.

Schöne Gestalt, schönes Antlitz, königliche Haltung, Festigkeit, Gelassenheit und vermutlich die kühle Kindlichkeit, der gutmütige Humor und die Spielfreude, die dem niedersächsischen Menschen eigen sind, machten Heinrich zum Liebling des Volkes und der Sage. Man verübelte es ihm nicht, daß er Hatheburg, die der erste Gegenstand seiner Liebe war, als sie ihm gleichgültig geworden war, in das Kloster zurückschickte, aus dem er sie geholt hatte, die Güter aber, die sie ihm zugebracht hatte, behielt. Seine Ehe mit der jungen Mathilde, die durch ihren Vater von Widukind abstammte, befriedigte die Anhänglichkeit der Sachsen und machte ihn zum Vater ausgezeichneter Söhne und Töchter. Die Frage der Reichseinheit löste er dadurch, daß er die einzelnen Stämme in Güte zu gewinnen wußte; Herzog Arnulf von Bayern verband er sich in persönlicher Unterredung und indem er ihm allerlei Sonderrechte, hauptsächlich auf kirchlichem Gebiete, zugestand. Es kam Heinrich allerdings zugute, daß er von vornherein im Bunde mit den Franken war. Auf eine eigentliche Unterordnung der Herzogtümer unter die Königsgewalt verzichtete er, die weitere Ausbildung der Verfassung seinem Nachfolger überlassend. Es gehört zu dem Anziehenden seines Wesens, daß er sich im Augenblick bescheiden konnte, um für die Zukunft das Unmögliche möglich zu machen. So hielt er es mit den Ungarn, denen er jahrelang Tribut zahlte, um inzwischen ein Heer und passende Verteidigungsanstalten auszubilden und den Feind mit Sicherheit besiegen zu können. So begnügte er sich damit, einen losen Staatenbund zu schaffen und wenigstens das Auseinanderfallen des Reiches zu verhindern, so verfuhr er in bezug auf Rom und das Imperium. Als er in Fritzlar zum König der Sachsen und Franken gekrönt wurde, und der Erzbischof von Mainz ihn salben und krönen wollte, lehnte er das ab als solcher Ehre nicht würdig. Ob er am Ende des Lebens daran dachte, sich die Kaiserkrone in Rom zu holen, ist ungewiß. Stetig, schlicht, frei von Prahlerei und Eitelkeit, sicher in der eigenen Kraft ruhend, ging er in das liebevolle Gedächtnis nicht nur der Sachsen, sondern des ganzen deutschen Volkes ein.

Dem vorbereitenden, grundlegenden Fürsten folgte sein großer Sohn Otto, der von Anfang an mehr Königsbewußtsein und höhere Ziele hatte. Heinrich blieb immer in erster Linie Herzog der Sachsen, wenn er auch als ein pflichttreuer Mann die Aufgaben, die das Schicksal ihm zuwies, erfüllte; Otto fühlte sich als Nachfolger Karls des Großen. Wo sein Vater als Erster unter Gleichen auftrat, war er Herrscher, ohne daß ihm doch das schöne Gleichgewicht der Seele, das jenen auszeichnete, gefehlt hätte. Von allen Seiten befehdet, von Verrat umgeben, konnte er wohl heftig zürnen und strafen; aber er blieb im Herzen gelassen und frei. Wenn er auf einsamen Wegen unter den Eichen seiner Wälder sich mit der Vogeljagd belustigte, sang er selbstvergessen liebliche Lieder vor sich hin. Großmütig, gar nicht mißtrauisch konnte er denselben Feinden, die ihn immer wieder verrieten, immer wieder verzeihen.

Obgleich zur Zeit Ottos die Zahl der freien Leute noch beträchtlich war, so hatten sich infolge der Lehensverfassung doch die Vasallen schon zu sehr zwischen König und Volk geschoben, als daß er sich darauf hätte stützen können. Um ein Gegengewicht gegen das Unabhängigkeitsstreben der Stämme zu schaffen, bediente er sich seiner Verwandten und der Bischöfe. Da er in der Verwandtschaft seine ärgsten Feinde hatte, erwies sich die erstgenannte Waffe als zweischneidig. Sehr wertvoll war ihm sein jüngster Bruder Brun, ein ausgezeichneter Charakter, sich selbst streng beherrschend und gerecht gegen andere, den er zum Erzbischof von Köln und Herzog von Lothringen machte. Bruns zugleich wissenschaftliche und staatsmännische Begabung machten ihn für diese Doppelstellung geeignet. Heinrich dagegen wollte selbst König werden und machte sich zum Mittelpunkt aller Feindseligkeiten gegen seinen Bruder. Schweigsam, verschlossen, ränkesüchtig, dabei maßlos heftig und rachsüchtig erscheint sein Charakter durchaus nicht anziehend, aber eine Persönlichkeit muß er doch gewesen sein; weil er seinem blonden Vater glich, bevorzugte ihn die Mutter, überhaupt machte ihn seine Schönheit bei den Frauen beliebt. Nachdem er sich endgültig unterworfen hatte, erhielt er das Herzogtum Bayern und erwies sich seitdem als zuverlässige Stütze des Königs. Durch seine Heirat mit Judith, der Tochter des verstorbenen Herzogs Arnulf, nahm er an dem Ansehen der einheimischen Dynastie teil. Seinen Schwiegersohn Konrad machte Otto zum Herzog von Lothringen, seinen Sohn Ludolf zum Herzog von Schwaben, nachdem er ihn mit der Tochter des letzten Schwabenherzogs Hermann verheiratet hatte; beide fielen von ihm ab. In den Stämmen war ein so starker Widerstand gegen die königliche Oberherrschaft, daß die Stammeshäupter wie durch eine Naturkraft davon ergriffen wurden; die Zeitgenossen wenigstens haben den unglücklichen Ludolf, bevor er Herzog wurde, der Untreue und Widersetzlichkeit nicht fähig gehalten, und Konrad hat durch den Eifer, mit dem er, um sein Vergehen gutzumachen, sich am Kampfe gegen die Ungarn beteiligte, bewiesen, daß er nicht unedel dachte.

Eine ganz andere Grundlage bestimmte die Stellung der Bischöfe. Als Glieder der Kirche vertraten sie von vornherein die Idee der Reichseinheit, die in Rom ihren Mittelpunkt hatte. Sie waren bereit, sich der Hoheit des Königs, nicht aber den Herzögen unterzuordnen. Der Erzbischof von Mainz besonders, dessen Diözese sich durch das ganze Reich erstreckte, fühlte sich dem Reiche verbunden. Alle Erzbischöfe erhielten die Erinnerung an das Karolingerreich, wo Papst und Kaiser gemeinsam, Karl der Große fast allein, Kirche und Reich regiert hatten, und Otto pflegte diese Überlieferung. Während Heinrich, sein Vater, die Kaiserkrönung abgelehnt hatte, ließ er sich in Aachen, nachdem er von den Herzogen und Großen in einem mit dem Münster verbundenen Säulengange auf den Thron gehoben worden war, im Inneren der Kirche von den Erzbischöfen von Mainz und Köln nach der alten Ordnung mit dem Schwert umgürten und dem Mantel bekleiden, salben und krönen. Von den Herzogen, die bei der nachher stattfindenden Tafel die herkömmlichen Ämter als Mundschenk, Truchseß, Marschall und Kämmerer ausübten, fielen drei bald nachher von ihm ab. Von den Bischöfen wurde nur einer später sein Gegner, der Erzbischof Friedrich von Mainz, der die von Otto angebahnte Verbindung des geistlichen Amts mit weltlichen Geschäften mißbilligte.

Die Heranziehung der Bischöfe zu den Reichsgeschäften bewirkte Otto dadurch, daß er ihnen Grafschaftsrechte verlieh und durch Erteilung von Immunitäten Bischöfe und Äbte von den königlichen Gerichten unabhängig machte. Er leitete diese folgenreiche Umwandlung der Verfassung behutsam ein, seine Söhne setzten sie unbedenklicher fort. Bald kamen ganze Grafschaften an die Bischöfe, die dadurch zu weltlichen Fürsten wurden. Der Gewinn für den König war unübersehbar: er konnte nun auf die Anhänglichkeit einer Anzahl großer Herren rechnen, die ihn nicht nur durch ihren Rat und Einfluß, sondern auch durch das Aufgebot ihrer Mannschaft unterstützten. Allerdings wurde die kirchliche Tätigkeit der Bischöfe durch den neuen Aufgabenkreis, der ihnen erwuchs, wesentlich eingeschränkt. Predigt und Armenpflege, ursprünglich eine heilige Pflicht ihres Amtes, mußten den Pfarrern überlassen werden, die Bischöfe, die die Könige auf ihren Reisen und Heerzügen begleiteten, waren nicht selten jahrelang von ihren Diözesen abwesend. Indessen diese dem hohen Adel entstammenden Männer waren mit der Verweltlichung mehr als einverstanden. Nur ausnahmsweise war einer von der Wichtigkeit der geistlichen Seite seines Amtes so durchdrungen, daß er die Verflechtung in weltliche Geschäfte als ungehörig und belästigend empfand.

Otto I. hatte wie Karl der Große die Gabe nie ermüdender Tätigkeit. Er bedurfte nicht viel Schlafs, und da er im Schlafe sprach, meinte man, daß er selbst schlafend wache. Die Niederwerfung der Aufstände in den Herzogtümern, die Bekämpfung der Slawen und Ungarn nahmen die ersten Jahrzehnte seiner Regierung in Anspruch, dann konnte er endlich den Blick auf Italien richten. Gegen den Papst, der den Karolinger Arnulf krönte, hatte sich der römische Stadtadel erhoben; jetzt traten Umstände ein, die an diejenigen erinnern, welche einst Pipin und Karl mit Rom verknüpften.

Von zwei Seiten wurde die Gründung eines italienischen Königreiches erstrebt: von den langobardischen Teilfürsten, die sich unter den letzten Karolingern unabhängig gemacht hatten, und von dem römischen Stadtadel, den Orsini, Frangipani, den Crescentiern. Stolz auf ihre Abkunft, stolz auf ihre schicksalsvolle Stadt, erhoben sie den Anspruch auf Herrschaft, und das Mittel, durch das sie ihn zu verwirklichen hofften, war das Papsttum. Da sie es nicht vernichten konnten, dachten sie es zu benützen und setzten Päpste ein, die Werkzeuge ihres Willens waren. Damals war es Oktavian, der noch jugendliche Sohn des berühmten Alberich, der großartige römisch-nationale Pläne kühn vertreten hatte. Für diese Römer war der Papst nicht der Nachfolger und Stellvertreter Christi, sondern der Herr Roms und damit der Herr Italiens. Man möchte sich ausmalen, welche Folgen es gehabt hätte, wenn sie die römische Kirche säkularisiert und von dem weltlich gewordenen Kirchenstaat aus Italien erobert und geeinigt hätten. Allein die Wirklichkeit widersprach diesem Plan durchaus, machte ihn zu einem Abenteuer. Der Papstgedanke als Gedanke des christlichen Weltreiches war viel zu mächtig, als daß irgendein anderer ihn hätte überwinden können, geschweige denn der Gedanke Italiens als eines selbständigen, nationalen Landes. Mehr tatsächliche Macht und Einfluß als die römischen Adelsfamilien hatte König Berengar; um sich gegen ihn halten zu können, mußte Johann XII., so nannte sich Oktavian, eine kriegsgewaltige Hilfe suchen und wählte dazu den König des ostfränkischen Reiches. Für Otto war dieser Ruf des Papstes der Wink seines Gottes, der ihm die rechte Stunde anzeigte. Er konnte eingreifen, er konnte, indem er die von Berengar verfolgte Burgunderin Adelheid, die Witwe eines Prätendenten auf die italienische Königskrone, heiratete, seinen Ansprüchen auf Italien einen neuen hinzufügen. Den wesentlichen Anspruch gab ihm, daß er sich als Nachfolger Karls des Großen betrachtete. Weit entfernt, daß die Sachsen ihren ehemaligen Feind und Besieger gehaßt hätten, er war ihr Vorbild geworden, der Quell ihrer Macht und ihrer Rechte, und nicht nur den Sachsen, sondern ebenso den Friesen, den Lothringern, den Bayern. Alle wollten von Karl abstammen, ihre Rechte, ihr Dasein von ihm ableiten.

Im Jahre 962 empfing Otto in Rom die Kaiserkrone. Es ist Überlieferung, daß ein junger Gefolgsmann Ottos, Graf Arnfried von Löwen, während er in St. Peter betete, das Schwert über seinem Haupte gehalten habe, um ihn vor Überfällen zu schützen. So war er von Haß und Feindschaft umgeben. Der römische Papst, der ihn gerufen hatte, bereute es bald, als er begriff, daß der sächsische Beschützer sein Herr werde. Nur mit Gewalt konnte der König seine Anerkennung durchsetzen. Es war nicht so, daß in Italien eine grundsätzliche Abneigung gegen die Deutschen bestanden hätte, denn ein Nationalbewußtsein hatte sich noch nicht bilden können, vielmehr begegneten sie zuweilen freudiger Erwartung, weil immer irgendein Übel gegenwärtig war, das man bei der Veränderung loszuwerden hoffte; aber bei längerer Anwesenheit der überwiegend rohen Krieger, bei der Schwierigkeit, sich zu verständigen, kam es leicht zu Streit und Handgreiflichkeiten und erwachte in den gebildeteren, aber kriegsmäßig schwächeren Italienern ein empfindliches Überlegenheitsgefühl.

Mit welchen Gefühlen der König in Rom weilte, davon ist uns nichts berichtet. Bewunderte er die reichgeschmückten Basiliken von St. Peter und St. Paul, stand er staunend vor den ungeheuren Ruinen des Altertums, in denen und über die sich die Adelsburgen mit ihren Türmen und Zinnen erhoben? Das Gleichgewicht seiner Seele wurde nicht dadurch erschüttert, er wird gedacht haben, wie später Bischof Thietmar von Merseburg, daß sein Sachsen ein blumenreicher Paradiesgarten und daß der Reichtum an Männern und Waffen mehr wert sei als Roms Marmorbilder, daß er stark und glücklich nur daheim sein könne, wo die Eichen seiner Wälder ihn umrauschten und wo die Gräber seiner hohen Ahnen ihn mit einer gesegneten Vergangenheit verbanden. Obwohl er die gelehrten Männer, denen er in Italien begegnete, zu schätzen wußte und an sich zu fesseln suchte, so flößten ihm doch die allgemeinen Verhältnisse keine Achtung ein: sowohl die Bevölkerung von Rom wie die Langobarden, der Papst, die Sarazenen und Griechen, alle unterwarfen sich ihm, sowie er mit Heeresmacht erschien, um von ihm abzufallen, sowie er den Rücken wandte. Alles erlebte er, was sich Jahrhunderte hindurch wiederholen sollte, jubelnden Empfang, verräterischen Überfall, beleidigenden Hohn, Kampf und Sieg und wieder Abfall, und schließlich die Seuche, die die Zucht im Heere auflöste.

Die Päpste, die vom römischen Adel abhingen und zum römischen Adel gehörten, waren keine zu fürchtenden Gegner, denn sie entschlugen sich der einzigen Macht, die sie dem König hätte ebenbürtig machen können, der sie hauptsächlich ihre einzigartige Stellung verdankten, nämlich die christlich-sittliche Idee, deren Vertreter sie gewesen waren und sein sollten. Johann XII. gab keinen von den Genüssen auf, mit denen die jungen Adligen sich zu unterhalten pflegten, er würfelte, jagte, liebte und handhabte nicht einmal die üblichen christlichen Frömmigkeitsformeln, sondern schwur bei den alten Göttern. Wenn er sich dabei wohl so wenig dachte wie ein Mensch von heute, der »lieber Gott« sagt, so war ihm doch sicherlich der Name des Christengottes ein ebenso leeres Wort. Inmitten dieses zerrissenen Landes, dieser sich kreuzenden Leidenschaften und Ränke, begriff Otto als die Aufgabe des Herrschers, Ordnung zu schaffen. Er brachte den langobardischen König und seine Frau als Gefangene nach Deutschland, ebenso Papst Benedikt V., den sich die Römer eigenmächtig gesetzt hatten. Denn er bestätigte zwar den Päpsten die Schenkungen Pipins und Karls des Großen, bedang sich aber aus, daß keine Papstwahl ohne seine Zustimmung Gültigkeit haben sollte.

Otto I. hatte das Schicksal genialer Herrscher, daß er sein Reich unzulänglichen Nachfolgern überlassen mußte. Sein Sohn und sein Enkel waren Blüten am väterlichen Baume, nicht Stämme, die mit eigener Wurzel aus der Erde wuchsen. Otto II. war sympathisch durch sein feuriges Temperament und die Geistesgegenwart und Verwegenheit, mit der er nach der furchtbaren Niederlage, die die Sarazenen ihm zugefügt hatten, entfloh und sich rettete. Unter Italien verstand man damals die Halbinsel ohne Venedig, das tatsächlich unabhängig war, aber dem Namen nach zum byzantinischen Reich gehörte; und ohne den Süden, Apulien, Kalabrien und Sizilien, der teils griechisch war, teils von den Sarazenen erobert. Es konnte nicht anders sein, als daß die Kaiser auch das südliche Gebiet an sich zu bringen suchten, wodurch die Beziehungen zu Byzanz noch peinlicher wurden als sie ohnehin waren. Wie die Römer betrachteten auch die Griechen die Germanen als Barbaren und wiegten sich im Vorzug der älteren Kultur um so lieber, als sie die militärische Übermacht des ostfränkischen Reiches anerkennen mußten. Nur nach langen schwierigen Verhandlungen und infolge besonderer Umstände erlangte Otto I. für seinen Sohn die Hand einer griechischen Prinzessin. Theophano scheint dem Ruf feinerer Bildung der Griechen entsprochen zu haben; das machte sich auch durch den Einfluß geltend, den sie auf ihren Sohn ausübte, der schon von Natur mehr ein Sohn der Mutter als Erbe der Väter war. Karl der Große und Otto der Große vergaßen nie, daß ihre germanischen Völker ihnen die Mittel gaben, Italien zu beherrschen, der eine war Franke, der andere Sachse, und das wollten sie sein. Otto III. wollte den Schwerpunkt des Reiches nach Rom verlegen. Es schien ein richtiger, ein großer Gedanke zu sein: wenn Rom das Haupt der Welt ist, wenn Rom die Cäsarenkrone vergibt, muß der Kaiser in Rom residieren, müssen in Rom die Zügel gehalten werden, die die Welt lenken, darf das deutsche Reich nur eins neben den anderen Reichen sein, deren Haupt Rom ist. Tatsächlich war das neue Römische Weltreich kein Kreis, sondern eine Ellipse mit den zwei Brennpunkten Rom und Aachen; der universale Gedanke mußte scheitern, wenn man ihn durch eine Universalmonarchie mit einem einzigen Mittelpunkte verwirklichen wollte. Zum Zeichen seines cäsaropapistischen Gedankens setzte Otto III. Verwandte und Freunde auf den päpstlichen Stuhl, seinen Vetter Brun, den ersten deutschen Papst, und seinen bewunderten Lehrer, Gerbert von Aurillac.

Die Deutschen empfanden den Wechsel in der Politik ihres Königs bitter. Der Urenkel des Sachsenherzogs Heinrich, der Enkel des großen Otto, die nicht einmal Latein verstanden, die sich mit Vorliebe in Quedlinburg aufhielten und in den Wäldern des Harzes jagten, war ein Fremder im Norden; den Römern aber blieb er fast noch fremder als sein Großvater. Der war tatkräftig, folgerichtig, ein Herrscher, der zu rechter Zeit zu gebieten, zu strafen, zu verzeihen wußte; Otto III. wollte zugleich die Welt beherrschen und ein Heiliger sein. Otto I. wurde geliebt und verehrt, aber zugleich gefürchtet. Einmal begaben sich die Mönche von Sankt Gallen mit ihrem neuerwählten Abt an den Hof nach Speyer, um sich vom König die Wahl bestätigen zu lassen. Obwohl sie das Recht der freien Abtswahl besaßen, kamen sie als Bittende und nicht ohne Sorge, denn sie wußten, daß ihr Erwählter dem Herrn nicht sonderlich genehm war. Sie ersuchten den jungen Otto um Fürsprache, der auch als liebenswürdiger Kronprinz sich für ihr Anliegen einzusetzen versprach, hinzufügend: »Gott, in dessen Hand die Herzen der Könige sind, möge für euch meinen Löwen mild und versöhnlich machen.« Der Bischof von Speyer sagte gelegentlich zum Kaiser: »Niemals waren Augen schärfer als die deinigen, mein Löwe.« Wie einen Löwen liebten die Deutschen sich ihre Herrscher vorzustellen: furchtbar, gefährlich, großmütig. Gegen das Ende seines Lebens besuchte Otto zusammen mit seinem Sohne das Kloster Sankt Gallen. Die auf beiden Seiten aufgereihten lobsingenden Mönche betrachteten scheu den alten König, wie er mächtig in ihrer Mitte stand und die großen Augen mit Herrscherblick langsam über sie hingleiten ließ. Otto III. ließ sich vom Bischof Adalbert von Prag, der seine Diözese verlassen hatte, weil er unter der Roheit und Widersetzlichkeit der Böhmen litt, ermahnen, sich des Kaisertums nicht zu überheben, sondern eingedenk zu sein, daß er Staub sei, und kniete weinend vor den Eremiten, die damals in Italien den Ruf der Heiligkeit genossen. Er gab sich abwechselnd schrankenlosen Herrschaftsansprüchen und haltloser Zerknirschung hin. »Euretwegen«, rief er den aufständischen Römern zu, »habe ich mein Vaterland und meine Angehörigen verlassen. Die Liebe zu euch ließ mich meine Sachsen und alle Deutschen, mein eigen Blut verschmähen. Euretwegen habe ich die Mißgunst und den Haß aller auf mich geladen, da ich euch über alle stellte. Und für all das habt ihr euren Vater verworfen, meine Diener grausam ermordet und mich, den ihr doch nicht ausschließen könnt, ausgeschlossen!« Aber die Römer unterwarfen sich wohl einem Herrscher, der ihnen seine Kraft bewies, einen frommen Schwärmer und Barbaren, der sie mit weinerlichen Worten an sich fesseln wollte, verachteten sie.

Als Otto III. im Jahre 1000 in Aachen war, ließ er sich die Gruft Karls des Großen öffnen. Mit drei Begleitern drang er in das vom Geruch der Verwesung erfüllte Gewölbe ein und sah den toten Kaiser, so erzählt die Überlieferung, aufrecht, als lebe er, auf seinem Stuhle sitzen. Er hatte eine Krone auf dem Haupte, und die Nägel waren durch die Handschuhe, die er trug, hindurchgewachsen, ein grauenvolles Zeichen posthumer Lebendigkeit. Der Toten Grabesruhe zu stören war von der Kirche verboten und widerstrebte dem Gefühl des Volkes. Man glaubte, der edle Geist sei dem Königs Jüngling zürnend erschienen und habe ihm ein ruhmloses Ende geweissagt. Er starb zwei Jahre später zu seinem und des Reiches Glücke: denn die Unzufriedenheit der Deutschen wäre vermutlich bald zum Ausbruch gekommen und hätte ihn jeder Grundlage beraubt.

Von den deutschen Königen im engeren Sinne ist Otto I. der einzige, dem der Beiname der Große gegeben wurde, obwohl unter seinen Nachfolgern mancher ebenso geistvoll und tatkräftig war wie er. Es erklärt sich daraus, daß er in mancher Hinsicht wie Karl der Große ein Begründender war, daß er, indem er das Kaisertum an die Deutschen brachte, eine neue Epoche einleitete. Was für zerreißende Schicksale die Verbindung mit Italien und dem Papst auch über Deutschland brachte, sie gab ihm eine Weltstellung, sie gab ihm das Glück großer Gedanken, großer Kämpfe, einer großen Aufgabe. Nicht das ist ja das Höchste, daß eine dauernde Ordnung entsteht, die dem Volke Wohlstand und ruhiges Gedeihen gewährt, obwohl ein guter Herrscher auch das anstreben wird, sondern daß große Gedanken das Gemüt des Volkes bewegen, an denen es wachsen, für die es sich einsetzen kann. Und die Aufgabe, die Otto der Große seinem Volke bestimmte, war nichts Ausgeklügeltes, sie war in der Geschichte, in der geographischen Lage, in der Anlage und den Neigungen der deutschen Stämme vorgebildet. Es wäre nicht möglich gewesen, das deutsche Volk zum Träger des universalen Gedankens zu machen, wenn nicht viele Tatsachen ihn bestätigt hätten.

Dennoch war es nicht die Begründung des Kaisertums allein, die Otto vor so vielen Großen groß erscheinen ließ, sondern auch das Umfassende seiner Bestrebungen und seine Persönlichkeit. Nicht nur besiegte er endgültig die Ungarn, sondern er bekämpfte auch mit Glück die Slawen und gründete, allen Widerstand überwindend, das Erzbistum Magdeburg als Ausgangspunkt der Christianisierung der Länder jenseits der Elbe. Gesandtschaften von nah und fern bewiesen, daß ihm die christlichen und die heidnischen Völker einen Ehrenplatz in der abendländischen Welt einräumten. Hat er auch auf die Kirche, die Wissenschaften und Künste nicht so entscheidend und richtunggebend gewirkt wie Karl der Große, so hat er doch die Bedeutung dieser Seite des geistigen Lebens nicht verkannt. Seine menschliche Größe geht wohl am meisten daraus hervor, daß mehrmals aus seinen Feinden Freunde wurden. Die eigene Mutter hatte ihm verschiedentlich entgegengearbeitet, teils durch Begünstigung ihres Lieblingssohnes Heinrich, teils durch allzu verschwenderische Schenkungen an die Geistlichkeit und die Armen; aber auch sie wendete schließlich ihr ganzes Herz ihm zu. Es wird erzählt, daß eines Tages in Nordhausen, Mathildens Witwensitz, nachdem Mutter und Sohn sich unter Tränen umarmt und getrennt hatten, die alte Königin niederkniete und den Boden küßte, wo Ottos Füße gestanden hatten; durch diese rührende Gebärde mochte sie, des Sohnes Größe endlich ganz begreifend, ihr früheres Verkennen abbitten wollen. Als die, die das mit angesehen hatten, dem Könige nachfolgten und es ihm erzählten, sprang er sofort vom Pferde, kehrte um und umarmte seine Mutter, indem er sagte: »Durch welchen Dienst kann ich diese Tränen vergelten?« Wie sein Vater, starb Otto I. in Memleben, wo noch ein paar Säulengänge an die Zuneigung der Sachsenkönige zu dieser Pfalz erinnern. Nachdem er wie immer bei Morgengrauen aufgestanden war, den Armen Almosen gespendet, fröhlich, wie es seine Art war, zu Mittag gespeist und am Schluß des Tages den Abendgottesdienst besucht hatte, wurde er von einem plötzlichen Übelbefinden ergriffen. Mitten aus erfülltem Leben schied der tätige Geist königlich gefaßt. Begraben wurde er, wie er gewünscht hatte, neben seiner ersten Frau, Edith, im Dome zu Magdeburg, der im Jahre 1207 abbrannte.

Bischöfe

Inhaltsverzeichnis

Während der Kriege Karls des Großen mit den Sachsen schickte die altbritische Kirche Missionare an die deutsche Küste; einer von ihnen war Willehad, den Karl der Große im Jahre 787 in Worms zum Bischof machte. Zu seinem Wohnsitz wählte er ein Dorf, das Bremen hieß, wo er auch, als er zwei Jahre später starb, bestattet wurde. Erst sein Nachfolger Willerich erhielt zum Bischofstitel ein Bistum, das dem Erzbischof von Köln unterstellt wurde. In Nordalbingien, dem Niederelbeland, gab es damals zwei Kirchen, die eine war in Hamburg und gehörte zu Bremen, die andere war in Meldorf im Dithmarschen und gehörte zu Verden. Sehr, sehr langsam befestigte sich bei den Sachsen und Friesen, die die Gegend der unteren Weser und Elbe bewohnten, das Christentum; an eine weitere Ausbreitung desselben nach dem skandinavischen Norden konnte erst nach dem Tode Karls des Großen gedacht werden. Der Anlaß dazu ging von Dänemark aus, da König Harald sich mit seinem Gefolge in Mainz taufen ließ; Kaiser Ludwig selbst war sein Taufpate. Als er den Wunsch äußerte, einen Geistlichen mitzunehmen, der den Gottesdienst ausübe und das Volk bekehre, und nach einem Manne gesucht wurde, der sich dazu eignete und bereit erklärte, meldete sich der, den man an erster Stelle nennen muß, wenn man von großen Bischöfen erzählen will, Ansgar, damals Mönch im Kloster Korvey. Schon in dem Kinde, das der Vater dem Kloster Corbie dargebracht hatte, wirkte das Feuer genialer Begabung. Jungenhafte Ausgelassenheit wechselte ab mit schmerzlicher Sehnsucht nach der früh verlorenen Mutter. Einmal erschien ihm die Heilige Jungfrau und zeigte ihm die Geliebte im Chor der Seligen wandelnd; wenn er nicht fleißig und fromm werde wie sie, sagte sie, werde er nicht zu ihr kommen. In seinem 13. Jahre erfuhr er eine starke Erschütterung durch den Tod Karls des Großen. So mächtig war die Zauberkraft, die der große Kaiser ausstrahlte, daß für den im Kloster aufgewachsenen Knaben die Erde zu beben schien, die der Heros verlassen hatte. Aus der schwankenden Seele des Knaben stiegen wieder Visionen auf: Petrus und Johannes traten zu ihm und führten ihn in das himmlische Licht und dann in die undurchdringliche Finsternis des Fegefeuers, wo er drei Tage blieb, die wie drei Jahrtausende waren. Dann wieder in ein Meer unendlichen Glanzes, das die Chöre der Seligen erfüllten. »Ihn aber sah ich nicht. Und doch war Er in allen und alle in Ihm. Er umgab alle äußerlich. Er lenkte alle innerlich. Er stützte alle von oben her und stützte sie von unten. Da erging zu mir eine süße Stimme, süßer denn irgendein denkbarer Klang, die schien das All der Welt zu erfüllen, und sprach zu mir: Gehe hin, und mit der Märtyrkrone wirst du wiederkehren.« Aus diesem inneren Aufruhr ging Ansgar reif, mit dem Bewußtsein eines hohen Zieles hervor. Bald darauf wurde durch Adalhard, den Abt von Corbie, der als Sohn einer sächsischen Mutter das Christentum in Sachsen zu verbreiten suchte, das Kloster Korvey in der Wesergegend gegründet. Adalhard selbst begab sich im Jahre 823 mit einigen Mönchen, unter denen Ansgar war, in die entlegene Waldwildnis. Trotz seiner Jugend wurde Ansgar bald Vorsteher der Schule und Prediger der Gemeinde, das heißt, daß er in der Landessprache predigte.

Als die Frage der Mission in Dänemark sich erhob, führte man Ansgar nach Ingelheim, wo der Kaiser sich aufhielt, und gab ihm zu bedenken, mit welchen Gefahren die Bekehrung des heidnischen, barbarischen Volkes verbunden sei. Während er allein in sich versunken sein Schicksal bedachte, mögen ihn abwechselnd Bilder des liebgewonnenen Lebens im Kloster und erhabene Gesichte bedrängt haben, die ihm jenseits der Wolken die Märtyrkrone zeigten. Nun sie sich auf ihn herabsenkte, sah er die blutigen Dornen, und es graute ihn. Er hatte sich eben entschlossen, als Antbert, ein Freund aus dem Kloster Corbie, zu ihm trat, ein vornehmer junger Mann, der zum Nachfolger des Abtes ausersehen war, und sagte: Wenn du gehst, gehe ich mit dir. Antbert ertrug die Strapazen der Reise nicht, erkrankte, wurde nach Korvey gebracht und starb dort. Nachdem Ansgar in Schleswig eine Schule errichtet hatte, wurde ihm die Mission in Schweden aufgetragen, wo er das altberühmte Sigtuna am Mälarsee, den von Odin begründeten Ursitz der schwedischen Könige, und den heiligen Hain und goldenen Tempel von Uppsala mit den Bildern der Götter Odin, Thor und Freyr kennenlernte. Er hatte das Glück, daß der Ortsvorsteher der eine Tagereise von Uppsala entfernten großen Handelsstadt Birka sich zum Christentum bekehren ließ und auf seinem Gut eine Kirche baute und daß dieser Mann, der wirklich im Herzen für die neue Lehre gewonnen war, auch nach Ansgars Abreise an ihr festhielt.

Zum Zwecke der Bekehrung der nordischen Länder wurde nunmehr, im Jahre 831, ein Erzbistum gegründet und Ansgar übertragen, dessen Sitz Hamburg sein sollte, und dessen Ausstattung dadurch zustande kam, daß die Erzbischöfe von Bremen und Verden auf einen Teil ihrer nordalbingischen Diözese verzichteten. Erzbischof Drago von Reims, ein natürlicher Sohn Karls des Großen, weihte Ansgar zum ersten Erzbischof von Hamburg. Die Verbindung Hamburgs mit Bremen veranlaßte 14 Jahre später ein Überfall der Wikinger, der Hamburg gänzlich zerstörte. Es war zur Stunde der Abenddämmerung, als 600 Schiffe bei der wehrlosen Stadt landeten; denn der Graf des Gaus, zu dem Hamburg gehörte, war abwesend. Ansgar rief wohl zusammen, was an waffenfähigen Männern da war; aber es war zu spät, um mehr als das Leben und einige Reliquien zu retten. Die wohl ganz aus Holz gebaute Stadt lag in Asche, als der Sturm vorübergebraust war.

Es war nicht so, daß die Dänen und Schweden durch Ansgars Predigt Christen geworden wären; aber alle, die mit ihm in Berührung kamen, gewannen den Eindruck eines großen und guten Menschen. Man glaubte leichter an den allmächtigen Vater im Himmel, wenn ein Mann ihn verkündete, auf dessen Antlitz, wie es von Ansgar heißt, Adel und Hoheit leuchteten, der den Großen Ehrfurcht, den Niedrigen Vertrauen, den Bösen Scheu einflößte. Besonders bemerkenswert war seine Tätigkeit unter Armen und Kranken; es wird hervorgehoben, daß er, wo er Notleidende traf, nicht nur half, sondern sofort half. Dem Fehler des Hochmuts, in den er zuweilen zu verfallen fürchtete, wirkte er durch Handarbeit entgegen, namentlich beschäftigte er sich mit dem Stricken von Netzen. Überhaupt verlangte er von den missionierenden Priestern, daß sie sich Kleidung und Nahrung durch Handarbeit selbst verdienten. Wenn er gelegentlich einer Krankenheilung, da das Volk ihn als Wundertäter verehrte, sagte, Gott möge ihn des einen Wunders würdigen, einen guten Menschen aus ihm zu machen, bekannte er sich zu der Auffassung, daß erst die Güte des großen Mannes Vollendung ausmache. Ansgar starb im Jahre 865.

Den heiligen Ulrich von Augsburg hat hauptsächlich sein heldenhaftes Verhalten beim Einfall der Ungarn berühmt gemacht. Als die gefürchteten Wilden in großen Massen heranzogen und Augsburg belagerten, das damals ganz ungenügend durch niedrige Mauern befestigt war, wollten die Ritter, seine Vasallen, die er in der Stadt versammelt hatte, dem Feinde entgegengehn; Ulrich verbot das und ließ die Tore gut verrammeln. Das Glück der Belagerten wollte, daß ein Führer der Ungarn fiel, worauf sie sich klagend ins Lager zurückzogen. Die dadurch gewonnene Zeit benutzte der Bischof, während der Nacht die Mauer verstärken zu lassen und Gebete anzuordnen. Nach kurzem Schlaf erhob er sich bei Tagesgrauen, feierte die Messe und reichte allen das Abendmahl. Noch hatte der Sturm nicht begonnen, als der herannahende Entsatz durch den König gemeldet wurde. Während des Kampfes war Ulrich mitten im Getümmel, hoch zu Roß, ungerüstet, mit der Stola bekleidet.

Bischof Benno von Osnabrück, ein Schwabe, stammte, eine bemerkenswerte Ausnahme, von nichtadligen Eltern ab; begütert aber waren sie, denn sie pilgerten, um ihrer Kinderlosigkeit abzuhelfen, nach Rom und opferten am Grabe des Apostels ein silbernes Kind, worauf ihnen ein Knabe geschenkt wurde. Er wurde in Straßburg und in der Reichenau erzogen und lernte auf seinen Wanderungen viele Teile Deutschlands und viele Menschen kennen; seine mannigfache Begabung und ungewöhnliche Persönlichkeit machten auf ihn aufmerksam. Beim Bau des Domes von Speyer tat er sich durch seine Kenntnisse hervor: er ließ den Dom, der zu nah am Rheine gebaut war, auf eine neue und schwierige Art durch Mauern gegen Unterspülung sichern. Ebenso war er Leiter beim Bau der Burgen, durch welche die salischen Könige das Sachsenland unterwerfen wollten. Als Lehrer an der Domschule von Hildesheim glänzte er in der Wissenschaft, auf einem Kriegszuge gegen die Ungarn sorgte er erfinderisch für die Verpflegung des Heeres, in der Landwirtschaft und Viehzucht besaß er ungewöhnliche Kenntnisse, als Bischof von Osnabrück stellte er durch Entsumpfung brauchbare Wege her. In der aufgewühlten Zeit Heinrichs IV. war er unentwegt dem Kaiser treu, ohne sich deswegen gegen den Papst zu erklären. Es wird erzählt, daß er auf der Synode von Brixen, wo die königlichen Bischöfe den Papst absetzten, sich unter dem königstreuen Altar versteckte, um sich nicht gegen einen Akt auszusprechen, an dem er sich nicht beteiligen wollte. Daß weder Kaiser noch Papst ihm seine Haltung übelnahmen, beweist, wie hoch sie ihn schätzten, und daß sie ihn für ehrlich hielten. Lange Zeit war er von den Sachsen aus seinem Bistum vertrieben und mußte sich oft durch Verkleidung vor Nachstellungen schützen. Benno selbst hatte zuweilen das Gefühl, zu weltlich zu sein, um einen rechten Bischof abzugeben; jedenfalls hinderte ihn seine geistige Überlegenheit, das kirchliche Zeremoniell allzu ernst zu nehmen. Nicht selten befreite er Laien gegen Geld vom Fastengebot; er gab das Geld den Armen und sagte, es sei Gott lieber, als wenn einer den ganzen Tag einen leeren Bauch spazierentrage, um so mehr, als der Frömmigkeit dadurch kein Abbruch geschehe. Als er auf dem Sterbebett lag, bat eine vornehme Witwe, namens Azela, ihn besuchen zu dürfen. Er lehnte ab mit der Begründung, er wolle sie lieber im anderen Leben wiedersehen, wo sie sich gegenseitig ihres Anblicks erfreuen könnten, nachdem sie sich auf Erden rein und keusch geliebt hätten. Dort werde keine Todesangst ihre Liebe trüben.

Weniger durch Begabung als durch Charakter zeichnete sich Bischof Meinwerk von Paderborn aus. Ihm lag das Los der Armen besonders am Herzen; es genügte ihm nicht, in der üblichen Art Almosen zu spenden, er überwachte die Meier und Vögte, von denen die Hörigen abhingen, untersuchte die Verhältnisse selbst, und damit er nicht betrogen würde, zog er als Kaufmann verkleidet im Sprengel herum. Er gebot den Meiern, die Hörigen zur Erntezeit mit Speise und Trank zu versorgen, was vorher augenscheinlich nicht üblich war, und als er einmal zufällig eine Wirtschafterin schimpfen hörte, daß man die Arbeiter mit Mehlsuppe abspeise, verordnete er, sie sollten noch einige Schinken außer denen erhalten, die die Meier ohnehin ihnen zu stellen verpflichtet waren. Wenn er auf Unregelmäßigkeiten stieß, wurde er leicht zornig, machte aber die Schläge, die er dann etwa austeilte, hernach in großmütiger Weise gut. Zur Zeit einer Hungersnot kaufte er in Köln Getreide auf und ließ es durch seine Meier so verteilen, daß ein Teil dem eigenen Bedarf, ein Teil den Leuten, ein Teil als Samengetreide und ein Teil den Bettlern diente. Wo die Bevölkerung einer Pfarrei sehr weite Wege zur Kirche hatte, teilte er sie entweder oder baute eine neue Kapelle innerhalb der Pfarrei.

Er war ein naher Verwandter Heinrichs II. und stand mit ihm auf dem Fuße humoristischer Neckerei. Als der Kaiser beschlossen hatte, ihn zum Bischof zu machen, ließ er ihn kommen und überreichte ihm lächelnd einen Handschuh. Was das zu bedeuten habe? fragte Meinwerk. »Das Bistum Paderborn«, antwortete der Kaiser. Mit Bezug darauf, daß dies Bistum als sehr arm bekannt war, entgegnete Meinwerk: »Was soll mir dies Bistum, da ich mit meinen eigenen Gütern ein viel stattlicheres zu gründen vermöchte.« Eben darum, sagte der Kaiser, weil Meinwerk reich sei, solle er sich der Armut des Paderborner Sprengels erbarmen. Es scheint, daß diese Worte die tatkräftige Menschlichkeit Meinwerks entzündeten oder doch sie in beglückender Weise auf eine große Aufgabe lenkten. Er warf sich so stürmisch darauf, daß er drei Tage nach seiner Ankunft in Paderborn die bescheidene und ungenügende Hauptkirche niederreißen ließ und mit großem Aufwand einen neuen Dom zu errichten begann. Nicht genug, daß er unaufhörlich aus seinem eigenen Besitz spendete, er veranlaßte auch den Kaiser zu Schenkungen, wobei es den Spaß vermehrte, daß dieser sich seine Gaben ablisten oder abtrotzen ließ. Einmal schickte er dem Bischof einen Trunk edlen Weins in einem goldnen Becher. Unter einem Vorwand behielt Meinwerk den Becher über Nacht, ließ ihn durch einen Goldschmied in einen Kelch verwandeln und am anderen Tage während der Weihnachtsmesse in Gegenwart des Kaisers gebrauchen. Der Kaiser schalt ihn zwar einen Dieb, fügte sich aber. Da es bekannt war, daß Meinwerk kein Gelehrter und nicht sicher im Lateinischen war, ließ Heinrich einmal in Meinwerks Meßbuch bei der Gebetsformel für die Verstorbenen in den Worten famulis et famulabus die Silbe fa ausradieren, so daß der Bischof, als der Kaiser ihn bat, die Seelenmesse für seine Eltern zu lesen, für Maulesel und Mauleselinnen betete. Der Berichterstatter fügt hinzu, daß der Bischof zwar zu lesen angefangen, dann aber doch den Ulk bemerkt habe. Einmal trieb der Kaiser das Hänseln so weit, daß er auf Pergamentstreifen die Worte schreiben ließ: »Bischof Meinwerk, bestelle dein Haus, in fünf Tagen mußt du sterben«, und sie in der Umgebung des Bischofs verstreuen ließ. Für das Verhältnis der Menschen jener Zeit zum Tode ist es bezeichnend, mit welcher Ruhe und Umständlichkeit der Bischof sich auf seine Abberufung vorbereitete, über sein Hab und Gut verfügte, betete, fastete und schließlich der Vorschrift gemäß auf dem Boden der Krypta ausgestreckt das Ende erwartete. Da der Tod ausblieb, erriet er den Veranstalter des brutalen Scherzes oder sollte er absichtlich auf ihn eingegangen sein? – und belegte den Schuldigen und seine Gehilfen mit dem Bann, aus dem sie erst gelöst wurden, als der Kaiser öffentlich Buße getan und zu Füßen des Bischofs Verzeihung erfleht hatte.

Ein anderer Verwandter Kaiser Heinrichs II., mit dem er gleichfalls gern Neckereien trieb, und der noch mehr Anlaß dazu bot als Meinwerk, war Bischof Megingaud von Eichstätt. Er war ein fröhlicher Zecher und liebte es nicht, sich die Essenszeit durch das vorgeschriebene Psalmensingen und Beten verkürzen zu lassen. Wenn er ein Kloster besuchte und man ihn, wie üblich, mit Gesängen begrüßen wollte, stellte er sie durch einen Wink ab, um desto eher zu Tisch gehen zu können. Wenn er das Hochamt hielt, kam es vor, daß er sich ärgerlich die Sequenz verbat und gleich zum Evangelium überging: »Die Narren lassen mich mit ihrem Gesang vor Hunger und Durst sterben«, sagte er. Er wurde leicht heftig und fluchte gern; mit den hundert Flüchen, für die er einmal die Erlaubnis erhielt, war er im Umsehen fertig. Wenn die übrigen Bischöfe sich vor dem Kaiser erhoben, blieb er sitzen, weil er der ältere sei, und die Bibel gebiete, den Älteren zu ehren. Trotz seiner Heftigkeit und Formlosigkeit wurde er geliebt. Sein Biograph fügte dem Bericht, daß Megingaud die Priester zuweilen, um schnell damit fertig zu werden, im Walde geweiht habe, die Bemerkung hinzu, daß Gott diese formlose Priesterweihe im Walde vielleicht lieber gewesen sei als die von manchem Bischof in der Kirche vollzogene; denn Megingaud sei ohne Falsch gewesen.

Eine große politische Rolle spielte Willegis, wozu ihn schon seine Stellung zuerst als Kanzler Ottos I., dann als Erzbischof von Mainz und Erzkanzler berief. Er hat zur Zeit der beiden letzten Ottonen die Einheit des Reiches gewahrt und dem tüchtigen Herzog von Bayern, Heinrich II., die Krone zugewendet. Willegis war ein Sachse, wie man annimmt in Schöningen geboren; daß er niederen Herkommens, etwa gar ein Höriger gewesen sei, wird neuerdings bezweifelt, aber gewiß ist, daß er in den Kreisen des hohen Adels nicht beliebt war. Für die Armen sorgte er durch Almosenspenden und Speisungen, wobei er sich persönlich beteiligte; er selbst aß erst, nachdem er die Armen bedient hatte. Ebenso war er streng in der Beobachtung der Gebetsstunden, aber auf grundsätzliche mönchische Askese legte er keinen Wert; auf Gottesfurcht komme es an, pflegte er zu sagen, ein Kanoniker, ja ein Laie könne Gott ebenso angenehm sein wie ein Mönch. Von der kluniazensischen Reform wollte er nichts wissen. Mit viel Verständnis ordnete er das Schulwesen und sorgte dafür, daß die armen Schüler nicht zurückgesetzt wurden. Seine Bautätigkeit war außerordentlich. Ein seltsames Geschick wollte, daß sein Dom am selben Tage, wo er ihn geweiht hatte, durch Feuer zerstört wurde; nur ein Teil der Fundamente ist in der Prachtgestalt des heutigen Domes erhalten. Am Marktportal desselben befinden sich die Erztüren mit den Löwenköpfen, die Willegis in Nachahmung der Türen des Aachener Doms für die während der Französischen Revolution zerstörte Liebfrauenkirche gießen ließ.

Willegis dankte seinen Aufstieg einem Geistlichen namens Volkold, der ihn unterrichtete, erzog und dem Könige empfahl. Die Vertreibung Volkolds, der später Bischof von Meißen wurde, durch die aufrührerischen Tschechen gab Willegis Gelegenheit, seine Dankbarkeit zu erweisen: er nahm den Pflegevater herzlich auf und bereitete ihm in Erfurt eine Heimat. Seinerseits brachte Willegis durch seine Empfehlung einen tüchtigen Mann auf den Bischofsstuhl zu Worms, Burchard, der als erster ein geschriebenes Recht für seine Familie, nämlich die auf dem Stiftsgebiet ansässigen, der Kirche und ihrer Gerichtsbarkeit untergebenen Leute, verfaßte. »Wegen der unablässigen Klagen der Armen«, so beginnt das berühmte Hofrecht, »und der zahlreichen Gewalttaten vieler Personen, die wie Hunde die Familie des heiligen Petrus zerfleischten, indem sie den dieser Familie Zugehörigen alle möglichen Gesetze aufbürdeten und die Schwachen durch ihre Urteile unterdrückten, habe ich, Bischof Burchard, unter dem Beirat meines Klerus, meiner Vasallen und der ganzen Familie diese Gesetze aufzeichnen lassen, damit kein Stiftsvogt, Viztum, Ministerial oder sonst eine rechtweisende Person der genannten Familie etwas Neues auferlegen könne, sondern daß reich wie arm ein und dasselbe Gesetz vor Augen gestellt werde und allen gemeinsam sei.« Der mächtige Bischof erließ kein Gesetz ohne die Mitwirkung und Zustimmung nicht nur des Klerus und seiner Vasallen, sondern auch seiner Untergebenen.

Burchard zeigte sich als geschickter Politiker, indem er die salischen Herzöge zum Verlassen der Stadt Worms zu bewegen wußte und dadurch ihr alleiniger Herr wurde. Als solcher hat er sie in fünfundzwanzigjähriger Regierung innerlich und äußerlich gepflegt und gehoben. Willegis nacheifernd baute er den Dom auf einer alten Kultstätte, wo eine frühchristliche Basilika gestanden hatte, die vom Blitz vernichtet und noch nicht wieder aufgebaut war. Das herrliche Gebäude ist wohl mehrfach verändert, aber in der Grundanlage erhalten geblieben; die Festigkeit seiner Mauern hat im Jahre 1689 der systematischen Zerstörungswut der Franzosen getrotzt. Bis zur Vollendung des Doms von Speyer war der Dom von Worms die Begräbnisstätte der Salier; hier ruht Herzog Konrad der Rote, der Schwiegersohn Otto I., der in der großen Ungarschlacht fiel. Jetzt ist der Dom fast das einzige Denkmal aus Worms' großen Tagen.

Ein großer Bauherr war Burchards Zeitgenosse, Erzbischof Poppo von Trier. Von einer Reise nach Jerusalem brachte er den Einsiedler Simeon mit, der sich in der Porta Nigra einnistete und dort sein Eremitendasein weiterführte. Als er gestorben und heiliggesprochen war, wandelte Poppo das Heidentor in eine christliche Doppelkirche um, so daß das zweite Stockwerk desselben die untere, das dritte die Oberkirche wurde; die Wehrgänge des Tors bildeten die Seitenschiffe. Als ein Wahrzeichen des triumphierenden Christentums überwuchs Sankt Simeon phantastisch die Riesenspur der römischen Kaisermacht. Den Anlaß zu Poppos Pilgerfahrt nach Jerusalem soll gegeben haben, daß er das alte, in der Merowingerzeit gegründete Kloster Pfalzel aufgehoben hatte, dessen Insassen den Ansprüchen der Reformzeit nicht genügten; eine Nonne ging so weit, sich in den Erzbischof zu verlieben und ihm einen Liebeszauber in die Schuhe zu nähen. Den aus der letzten römischen Zeit stammenden Dom ließ Poppo zu einem dreischiffigen Hallenbau mit zwei Türmen umbauen. Als er im Jahre 1047 auf dem Bauplatz den Arbeitern zusah, ereilte den Mächtigen der Tod durch einen Sonnenstich. Er war ein Sohn des Markgrafen Leopold I. von Österreich.

Sein Namensvetter, Patriarch Poppo von Aquileja, der ungefähr gleichzeitig regierte, ist der Erbauer des Domes von Aquileja und des Palastes, von dem nichts mehr als zwei Säulen übriggeblieben sind. Von der Höhe des Campanile, den krächzende Dohlen umschwärmen, sieht man im Norden die Häupter der Alpen, Triglav und Krn und Monte Matajur, im Süden die Lagunen und das Meer, im Westen die grüne flimmernde Ebene des Friaul, damals ein dem Patriarchat unterworfenes Gebiet. Der Patriarch Poppo war ein Günstling der Kaiser Heinrich II. und Konrad II., deren Schenkungen ihn zu einem der reichsten Fürsten seiner Zeit machten. Wie alle damaligen Bischöfe, umgab er sich mit Ministerialen und Vasallen und richtete Hofämter nach dem Muster der Kaiserlichen ein. Ebenso bedeutend als Kriegsmann wie als Staatsmann besiegte er die Ungarn, die in Krain einfielen.

Bischof Pilgrim von Passau faßte den kühnen Plan, das benachbarte Ungarn in seine Diözese einzubeziehen, sein Bistum zum Mittelpunkt der ungarischen Kirche, sich selbst zum Erzbischof von Ungarn zu machen. Zu diesem Zweck wollte er durch gefälschte Urkunden glaubhaft machen, daß das alte Lauriakum an der Mündung der Enns in die Donau in früherer Zeit ein Erzbistum gewesen sei, mit dem Passau zusammengehangen habe, und ersuchte den Papst, das untergegangene wiederherzustellen. Dadurch wäre Passau von Salzburg unabhängig geworden, eine Veränderung, der der Erzbischof von Salzburg sich natürlich widersetzt hätte. Weder Papst noch Kaiser hatten für den großartigen, folgenreichen Plan Verständnis. Otto III. unterstützte vielmehr das Bestreben der Herzöge Geisa und Stephan von Ungarn, ihr Land zu einem selbständigen Staat zu machen, und stand ihnen bei, das Erzbistum Gnesen für Ungarn zu gründen, womit die Möglichkeit schwand, das Land, das bisher politisch und kulturell vom deutschen Reiche abhängig gewesen war, kirchlich an Deutschland zu binden. Das seltsame Auftauchen von Pilgrims Namen im Nibelungenliede hat zu der Annahme geführt, das größte Epos der Deutschen sei an seinem Hofe, vielleicht unter seinem Einfluß entstanden. Da wo die Donau sich der Ostmark zuwendet, mögen sich wohl die Lieder von der burgundischen Königstochter, die vom Rheine her, ungesättigte Rache im Herzen, den schilfumraschelten Strom hinunter zu tragischer Hochzeit fuhr, im Gedächtnis des Volkes erhalten haben.

Ein Freund der alten Volksgesänge war der schöne Bischof Günther von Bamberg, der auf einer Pilgerfahrt ins Heilige Land mehrmals für den König gehalten wurde, was wohl mit seiner Schönheit und stolzen Haltung zusammenhing. Bei den vielen Abenteuern, die die Pilger, unter denen noch andere Kirchenfürsten und mehrere Grafen und Herren waren, zu bestehen hatten, ging Günther allen an unerschütterlichem Mut voran. Kurz vor Jerusalem wurden sie von Arabern überfallen; ein Teil wurde ermordet, ein anderer warf sich unter Günthers Führung in einen festen Turm und verteidigte sich dort. Nachdem ein Waffenstillstand geschlossen war, wurden mehrere Araberfürsten eingelassen, um über den Preis der Befreiung zu verhandeln. Einer von diesen bedrohte Bischof Günther, den er für den höchsten von allen hielt, in rohen Worten mit dem Tode. Kaum hatte Günther durch den Dolmetscher erfahren, was der Mann gesagt hatte, als er, nicht im geringsten beunruhigt, den Feind mit einem Faustschlag zu Boden streckte und ihm mit dem Fuße die Kehle zudrückte. Einige Wochen später konnten die Andächtigen am Heiligen Grabe ihre Gebete verrichten. Als die Pilger auf der Rückreise die Donau erreicht hatten, kniete Günther nieder und küßte die Erde; gleich darauf erkrankte er und starb, noch jung, ohne sein geliebtes Bamberg wiedergesehen zu haben. Von ihm sagt der zeitgenössische Chronist, er habe sich nicht mit Augustin oder Gregor, sondern mit Etzel, Amalung und ähnlichen Ungeheuern beschäftigt, und habe die Schneidigkeit des Schwertes für ein besseres Beweismittel gehalten als die Spitzfindigkeit gelehrter Untersuchungen.

Im Wesen vieler dieser Kirchenmänner waren Hochmut mit Demut, Ausgelassenheit, Wildheit, Abenteuerlust und Prachtliebe mit Gottergebenheit und Askese wunderlich gemischt. Die eben noch mit Begeisterung Hiebe ausgeteilt oder an reichbesetzter Tafel geschwelgt hatten, überschwemmten bald darauf den Boden der Kirche mit Tränen.

Groß war aber auch die Zahl derer, die ihr Leben in staatsmännischer Arbeit verzehrten und daneben das Beispiel der Sittenreinheit und priesterlichen Frömmigkeit gaben.

Frauen

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Die Leiden und Entbehrungen, zu denen die Frau durch die Natur bestimmt ist, wird keine menschliche Einrichtung je ganz aufheben können; denn wer befreite sie von der Liebe zu den Kindern, die von diesen nie im selben Grade erwidert wird, von ihrer Anhänglichkeit an den Mann, der im Wechsel glücklich ist, von ihrem Schwelgen in Unterordnung, das ihre Beherrscher erst recht zu Tyrannen macht, von ihrem Pflichtgefühl, das sie an Haus und Familie bindet, von der Zartheit ihres Gewissens, das ihr manches verbietet, was der Mann sich erlaubt, und ihr manches auferlegt, was der Mann vernachlässigt. Sieht man ab von den Beschränkungen, mit denen die Natur die Frau eingeengt hat, so findet man, daß sowohl die germanische Auffassung wie die der Kirche der Frau günstig war. Das Wort Frau heißt Herrin, und Herrinnen waren die adligen und freien nordischen Frauen, von denen Geschichte und Sage melden. Durch das Gesetz allerdings war die Frau vom Manne abhängig und von der Betätigung im staatlichen Leben ganz ausgeschlossen, wenn sie auch im Volksrecht einiger Stämme doppeltes Wergeld genoß und auch sonst gewisse Züge auf eine zartfühlende Berücksichtigung der körperlich schwächeren und geistig so wirksamen, der opferbereiten, mit so schwerer Verantwortung beladenen Gefährtin deuten. Allein man kann auf die Geltung, die eine Klasse von Menschen hat, nicht nur aus dem Gesetz schließen. Die enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Mann und Frau schuf im täglichen Leben Gewohnheiten, die der Frau mehr zuwendeten, als das plumpe Gesetz ihr nahm. Soweit die Persönlichkeit wirken konnte, hatte die Frau viel Einfluß. Läßt er sich selten ausdrücklich berechnen, so spiegelt er sich darin, daß die Überlieferung oft, wenn ein Mann etwas im Guten oder Bösen Auffallendes, etwas Sieghaftes oder Unheilvolles tat, die Mutter oder Frau dafür verantwortlich machte.

Unbändiger Stolz beseelte die deutsche und namentlich die nordische Frau, ebenso wie die nordgermanischen Männer. Sie zürnen dem Vater, wenn er sie, ohne sie um ihre Einwilligung zu fragen, vermählt, zürnen ihm doppelt, wenn er sie einem Unebenbürtigen gibt. Es kommt vor, daß der Mann die Frau im Zorne schlägt, aber ebensooft, daß sie den Schlag mit seinem Tode rächt. Als der norwegische König Olaf Tryggvasohn um die schwedische Königin Sigrid warb und verlangte, daß sie Christin würde und sie das nicht wollte, schlug er ihr den Handschuh ins Gesicht. »Das soll dir noch einmal den Tod bringen«, sagte sie und hielt Wort. Sie heiratete den Dänenkönig Sven Gabelbart und bewog ihn, Olaf zu bekriegen, bis er als Unterliegender sich selbst den Tod gab. Es scheint, daß die Männer die Frauen um so mehr liebten, je stolzer, kühner und selbständiger sie waren. Sie bewunderten ihre Klugheit, hörten auf ihren Rat, ordneten sich ihnen unter, hatten besonders eine abergläubische Ehrfurcht vor ihnen, wenn sie ihre Sehergabe, Zauberkunst und Heilkunst ausübten. Zur Zeit, als die Sitten schon bedeutend gemildert waren, erscheinen in der Dichtung Kriemhild und Gudrun in einer Pracht der Persönlichkeit, wie sie nur bei ungekränktem Selbstgefühl sich entfalten kann. Gudruns entrüstete Ablehnung eines Gemahls, der Vasall ist, veranlaßt verheerenden Krieg, und wilden Stolz verleugnet das Königskind nie, nicht in Todesgefahr, nicht unter Qualen und Demütigungen, nicht gegenüber der Schmeichelei. Als Bräutigam und Bruder sie wiedergefunden haben und Befreiung in Aussicht steht, ist ihr erstes Tun, daß sie mit jubelndem Hohn die Wäsche, die sie waschen mußte, ins Meer wirft. In königlicher Großmut sucht sie die Feindin, als sich der Sieg den Ihren zugewendet hat, zu schützen, findet es aber doch richtig, daß die Frau, die sie, die Hochgeborene, gezwungen hat, Magddienste zu tun, mit dem Tode büßen muß. Nicht selten erscheint der Verschwendung, den hochmütigen Ansprüchen der Frau gegenüber der Mann als der Bescheidenere, Maßvollere.

Wieviel Anteil die Frauen an den Staatsgeschäften nahmen, zeigt die Geschichte. Bertrada, die Mutter Karls des Großen, veranlaßte seine Heirat mit einer langobardischen Prinzessin; obwohl andere Wege eingeschlagen wurden, blieb sie bis zu ihrem Tode hochgeehrt von ihrem Sohn und ihrer ganzen Familie. Eine ähnliche Stellung hatte in Sachsen die fränkische Oda, die Frau Ludolfs und Mutter der Herzöge Brun und Otto, und ganz besonders die Königin Mathilde. Sie wurde einer Heiligen gleich geachtet, ihr Name erbte sich in der Familie fort, solange sie bestand. Nicht nur ihre eigenen erwachsenen Söhne betrachteten sie als Oberhaupt, sondern auch Ottos natürlicher Sohn Wilhelm, der Erzbischof von Mainz. Nach dem Tode ihres Mannes beschäftigte sie sich mit der Sorge für Arme, Kranke und Pilger, was als vornehmste Aufgabe der Frau angesehen wurde, aber auch mit Handarbeit und Wissenschaft; ihr Biograph betont, daß sie bei aller Demut immer die königliche Würde behauptete. Seiner Schwester Mathilde, der Äbtissin von Quedlinburg, vertraute Otto der Große während seiner Abwesenheit das Reich an; seine Tochter Mathilde, ebenfalls Äbtissin von Quedlinburg, hatte großen Einfluß während der Kindheit Ottos III. Ottos Bruder Heinrich hatte zwei energische und kluge Töchter, Gerberga, die Äbtissin von Gandersheim wurde, und Judith, die Gattin des viel älteren Herzogs Burkhard von Schwaben, welche letztere ganz besonders sowohl des Vaters Schönheit sowie seine Herrschsucht und sein heftiges Temperament geerbt zu haben scheint. Ihr Freund Ekkehard II., den sie zu sich auf den Hohentwiel befahl, um mit ihr den Virgil zu lesen, und den sie mit Gnaden und Geschenken überhäufte, genoß die Gunst der herben Dame halb widerwillig; so wenigstens wird berichtet. Unter der Führung der Äbtissin Gerberga und der Lehrerin Richardis bildete sich im Kloster Gandersheim, am Rande des Harzes, die Dichterin Hroswitha, deren Werk, wenn es auch, wie der Körper von einer Kutte, durch die fremde Sprache vermummt ist, Verstand und Geschmack und eine feste Linienführung offenbart. Daß Nonnen Latein lernten, war nicht selten. Nicht nur die Mädchen, sondern auch die Knaben erhielten ihren ersten Unterricht in den Frauenklöstern. Unter den Frauen der Salier ragt Gisela, die Witwe des Herzogs von Schwaben und Mutter des unglücklichen Ernst, als bedeutende Persönlichkeit hervor. Sehr großen Einfluß scheint die Braunsenweigerin Richenza auf ihren Mann, den König Lothar, gehabt zu haben, so daß, wer etwas bei ihm erreichen wollte, zuerst sie zu gewinnen suchte. Als sie mit Lothar in Italien war, besuchte sie nicht nur die heiligen Stätten, um zu beten, wie das üblich war, sondern auch die durch Geschichte und Kunst denkwürdigen Orte. Nach dem Tode ihres Mannes war sie noch jahrelang die Führerin der Welfen im Kampfe gegen die Staufer; als sie starb, erlahmte die Bewegung. Auch die Frau Barbarossas, die Kaiserin Beatrix, begleitete ihren Mann auf allen seinen Feldzügen; sie galt als klug und gebildet, und man wußte, daß der Kaiser sehr abhängig von ihrem Urteil war. Mochten Geistliche gelegentlich die Schwachheit der Frau im Munde führen, so dachte man doch nicht daran, der Frau ihr Geschlecht als Minderwertigkeit anzurechnen oder sie auf ein enges Feld der Betätigung einzuschränken, wenn die kriegerische auch für sie natürlich nicht in Frage kam. Wir hören, daß im 9. Jahrhundert Bischof Ansgar zuweilen zu einer sächsischen Adligen namens Liutbirg pilgerte, die im Bodetal ein Eremitendasein führte; sie unterrichtete Mädchen im Beten, Singen und Handarbeiten. Dazu kam später wohl noch die Kenntnis von Sprachen und das Spielen verschiedener Musikinstrumente. Jedenfalls waren die Frauen eher gebildeter als die ritterlichen Männer; noch Ende des 15. Jahrhunderts konnten ein Burggraf von Nürnberg und ein Graf von Sayn nicht schreiben, vielleicht konnte es auch Rudolf von Habsburg nicht: es ist anzunehmen, daß die Frauen, die sich so warm für Dichter und Dichtkunst interessierten, das Lesen verstanden. Daß Nonnen oft schrift- und sprachenkundig waren, ist selbstverständlich. Den Bürgerfrauen stand in bezug auf Arbeitsbetätigung ihr Geschlecht nur insofern im Wege, als ihnen zu manchen Berufen die körperliche Kraft fehlte. Der Eintritt in eine Zunft war ihnen nicht verwehrt, abgesehen davon, daß oft Witwen das Geschäft des Mannes fortsetzten. Besonders gehörten ihnen gewisse Berufe, die eine zarte, biegsame Hand erforderten, wie der der Schleierwäscher oder Goldspinner oder Sticker, aber auch andere, in denen sie seit der Zeit geschickt sein mochten, als der häusliche Haushalt für die eigenen Bedürfnisse aufkam. Wie in der Frühzeit übten sie auch später die ärztliche Kunst aus; es gab hier und da Stadtärztinnen.

Dem Vater stand es zu, Söhne und Töchter ins Kloster zu schicken oder zu verheiraten; aus vielen Beispielen geht hervor, daß er dabei in der Regel die Wünsche der Mutter berücksichtigte. In vielen adligen Familien war es Sitte, nur je eines der Kinder zu verheiraten, die übrigen geistlich werden zu lassen. Bei der Heirat wurde hauptsächlich der Vorteil in Betracht gezogen; aber es wird liebevolle Eltern gegeben haben, die bestimmte Neigung oder Abneigung der Kinder nicht unbeachtet ließen. Von der eigenwilligen Judith erzählte man, sie habe, weil sie keine Lust hatte, den ihr bestimmten griechischen Prinzen zu heiraten, dem griechischen Maler gegenüber, der sie porträtieren sollte, ihr schönes Gesicht zur Grimasse verzogen, um den Freier abzuschrecken, was ihr auch gelungen sei. Den Aufenthalt im Kloster zogen gewiß viele Mädchen der Ehe vor; sie genossen dort Bequemlichkeit, Sicherheit und Ehre, und auch eine weitgehende Freiheit nahmen die adligen Frauen als selbstverständlich für sich in Anspruch. Fanden die Frauen kein Glück in der Ehe, so wußten sie sich zu entschädigen, wenigstens möchte man das aus den häufigen Verdächtigungen hochgestellter Frauen schließen, wenn sie auch nicht immer begründet waren. Ottos des Großen Tochter Liutgard wurde des Ehebruches beschuldigt, die später heiliggesprochene Kunigunde, die Frau Heinrichs II., soll sich durch das Gottesgericht von der Anklage gereinigt haben, indem sie mit bloßen Füßen über ein glühendes Eisen schritt. Man dachte im allgemeinen nicht streng über leidenschaftliche Beziehungen zwischen Mann und Frau. Bischof Salomon von Konstanz hatte ein Liebesverhältnis mit der Äbtissin des Klosters Fraumünster von Zürich; in die schöne Tochter, die der Verbindung entsprang, verliebte sich der Kaiser Arnulf. Es ist nicht zu verwundern, wenn Frauen oft beschuldigt wurden, mit Geistlichen zärtliche Verbindungen zu unterhalten, wenn sie gern mit Geistlichen verkehrten. Das Interesse für die gleichen Gegenstände, für Armen- und Krankenpflege, für Poesie und Kunst führte sie zusammen, Frauen und Geistliche waren gebildeter als die weltlichen Männer, sie betrachteten die Dinge in einem Lichte, das sie interessanter, bedeutender, vielgestaltiger erscheinen ließ. Begreiflich ist es auch, daß die Mütter wenigstens einige ihrer Söhne der Kirche zu übergeben liebten, wo sie einigermaßen vor dem Tod im Kriege gesichert waren, wo ihre Begabung gepflegt wurde und sich entfalten konnte. So dachte zum Beispiel die Gräfin von Goseck, eine geborene Gräfin von Weimar, von deren Söhnen einer, Adalbert, der berühmte Erzbischof von Bremen wurde. Die ritterliche Erziehung der Knaben war so hart, sie verlief zwischen Pferden und Waffen, im Stalle, im Sattel, unter Knüffen und Püffen, daß es dem Herzen mancher Mutter wehtun mochte, besonders wenn das Kind zart war und darunter litt.

Das Christentum hat mit seiner Anpreisung der Demut wohl nicht nur im guten, sondern auch im üblen Sinne zähmend gewirkt, indem es mit der Wildheit der heidnischen Frau ihre frische Kraft dämpfte; aber es setzte ihre weibliche Würde nicht herab, verklärte sie vielmehr in ihren wesentlichen Eigenschaften. Das überirdische Geheimnis der Empfängnis und Mutterschaft hatte sein Symbol in der jungfräulichen Mutter des Herrn, in der das Wort Gottes Fleisch wurde. In den kleinen dunklen Kirchen der ottonischen Zeit sah man sie unnahbar groß, den wunderbaren Sohn auf dem Arme, eine Göttin mit unergründlichem Leidensblick, man sah sie unschuldig ernst, halb abgewendet der Botschaft des Engels lauschen, der die Fülle himmlischer Herrlichkeit vor sie hinstürzt, man sah sie, das Herz von Schwertern durchbohrt, sah die Überwinderin aufwärts schweben, das verjüngte Haupt mit der Krone des Lebens gekrönt. Sie, die Gottesgebärerin, die Himmelskönigin, war in allen irdischen Leiden geprüft. Und erlebte nicht jede Frau das Wunder, daß ihrem Schoße ein Kind entsprang, dem Gott die Seele einhauchte? Das unlösbare Geheimnis der Geburt band die Frau an den Gott, dessen Atem dem Geschöpf die letzte Vollendung zur Menschenwürde gibt; ihm brachte man es dar nicht erst bei der Taufe; schon vorher, als es noch ungestaltet in ihrem Schoße lag, mußte es durch sie von seinem Wort beseelt werden. Im Märchen wird die Frau, die beschuldigt wurde, anstatt eines menschlichen Kindes einen Hund oder einen Wolf zur Welt gebracht zu haben, zum Feuertode verurteilt; wie eine Ketzerin oder Zauberin, eine Gottlose, erscheint die, deren Kind kein Menschenantlitz trägt, also kein Gotteskind ist.

Neben der Maria stehen viele große Heilige: Margarete, die Drachentöterin, Agnes, die im Hause der Unzucht ihre Reinheit bewahrt, Katharina, Dorothea und viele andere, die von dem todüberwindenden Heldenmut der Frau und ihrer Überzeugungstreue zeugen. In der Hochschätzung der Jungfräulichkeit traf die christliche Auffassung mit der germanischen zusammen. Die Walküren verloren ihre Kraft mit der Jungfräulichkeit, das Blut oder der Kuß einer reinen Jungfrau hat im Märchen erlösende Kraft. Darin wird nicht nur die Tatsache gewürdigt, daß die Frau durch die sinnliche Liebe oft bis zur Betäubung des Gewissens und zum Verlust der eigenen Persönlichkeit vom Manne abhängig wird, sondern wohl auch die andere, daß die zurückgedrängte Kraft geschlechtlicher Liebe sich in schöpferische Geisteskraft umsetzen kann. Die Heilige trat für den Germanen an die Stelle der wegen ihres prophetischen Geistes oder wegen ihrer Zauberkunst verehrten Frauen. Sieht man, mit was für geduldiger Aufmerksamkeit ein so imperatorischer König wie Friedrich I. Barbarossa die Strafpredigten der Hildegard von Bingen aufnahm, kommt es einem vor, als habe die Ehrfurcht in ihm nachgewirkt, die seinen heidnischen Vorfahren die Seherin als die von den Göttern Erwählte einflößte.

Daß die Frau die frohe Botschaft verständnisvoll aufnahm, hat die rasche Verbreitung des Christentums erleichtert, wenn nicht ermöglicht. In vielen Fällen wurden die Könige und Volkshäupter, die das Beispiel gaben, durch die Frau bekehrt. Es ist immer die Frau, die den Sinn für das Übersinnliche hat, und Frauen waren es, die das eigentliche Wesen des Christentums erkannten oder erfühlten. Ihnen empfahl sich der Christengott nicht, weil er der mächtigste, sondern weil er der liebende war, der gerechte und gnädige, der der Sünde wehrt und dem reuigen Sünder verzeiht. Die Frau als die körperlich Schwächere, als Mutter zu Schmerz und Opfer und zur Hüterin von Haus und Familie bestimmt, verstand die Religion, welche die Gewalt durch die Kraft des liebevollen Geistes und durch den Glauben an den Sieg des Guten überwindet. Die Heiligung der Ehe durch die Kirche entsprach dem Interesse der Frau, die den Kindern den Vater erhalten will, die aus Liebe zu den Kindern auf den Wechsel verzichtet, und der, da ihre zarte Körperlichkeit den Reiz früh einbüßt, der den Mann anzieht, die Verklärung des ehelichen Verhältnisses durch das Sakrament willkommen sein mußte. Von der ungeregelten Leidenschaft der nordischen Heiden hatten wohl Frauen Genuß und Vorteil; aber überwiegend litten doch Frauen darunter. Denn es ist unumgänglich, daß der natürliche Mann sich seiner überlegenen Kraft bedient, um die Frau zu beherrschen und um sich ihrer zu entledigen, wenn sie ihm im Wege ist, nicht selten mit derselben Leidenschaft, die er einsetzte, um sie zu gewinnen, solange er sie begehrte. Drückten nun auch Päpste und Bischöfe zuweilen ein Auge zu, wenn es sich um mächtige Herren handelte, so haben sie doch im allgemeinen auch solchen gegenüber die gekränkte Frau beschützt. Die Familie konnte zu einem befriedeten Bezirk werden, innerhalb dessen, wenn ringsum ungezähmte Leidenschaft, Habsucht und Machtgier der Großen sich austobten, vorzüglich unter der mütterlich regierenden Hand der Frau sich diejenigen Tugenden erhielten, die der Gesundheit und dem Glücke des Volkes zugrunde liegen.

Daß die Regelung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau durch die Kirche nichts mit Zimperlichkeit und Sinnenfeindlichkeit zu tun hatte, beweist die Unbefangenheit, mit der die Dirnen in den öffentlichen Frauenhäusern betrachtet und behandelt wurden. Sie erschienen bei festlichen Anlässen als eine ständische Gruppe neben anderen, oft mit Blumen geschmückt, und wenn an der Rücksicht, die man auf sie nahm, auch der finanzielle Gewinn einen Anteil hatte, den Stadträte oder Fürsten aus ihnen zogen, so zeigte sich doch auch die Neigung des ganzen Volkes darin, diese Mitbürgerinnen sich eher mit Wohlwollen einzugliedern, als sie zu verachten oder sich an ihnen zu ärgern. Auch in dieser Beziehung brachte das Christentum wohl Veredlung, aber nicht Vergewaltigung der Natur; die »Tochter Gottes« sollte nicht nur für ihre schönen Triebe, sondern auch für Ausgelassenheit und Unart Spielraum haben.

Der Norden

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Otto I. schickte den Bischof Liutprant von Cremona, einen begabten, temperamentvollen Langobarden, an den Hof von Byzanz, um für seinen Sohn um die Hand einer griechischen Prinzessin zu bitten. Als der Kaiser Nikephoros sich bei Tisch über die Völlerei der Burgunder lustig machte, sagte Liutprant, schon gereizt durch geringschätzige Behandlung: »Wir Langobarden, Sachsen, Franken, Lothringer, Bayern, Schwaben und Burgunder verachten die Römer so sehr, daß wir im Zorn für unsere Feinde kein anderes Schimpfwort haben als Römer.« Zweihundert Jahre später waren aus den Langobarden Lombarden geworden, und ihr germanischer Ursprung glich den Gegensatz zwischen Deutschen und Italienern nicht mehr aus. Wohl aber bestand im Norden noch lange ein germanisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn es auch englische und schwedische, dänische und norwegische Königreiche gab, die sich untereinander bekriegten, wenn auch die Sachsen und Friesen sich bewußt waren, zum Römischen Reiche Deutscher Nation zu gehören, wenn sie auch verschiedene Sprachen redeten und verschiedene Ziele verfolgten, so fühlten sie sich doch als Nordleute, verbunden durch das nordische Meer, das gegen ihre Küsten flutete, das ihre Schiffe befuhren, das ihr gemeinsames Schicksal war. Oft scheint es sogar, als fühlten die Sachsen mehr Verwandtschaft zu den Angelsachsen, Dänen und anderen Nordleuten als zu den Schwaben und Bayern; selbst das bedeutende Moment der Zusammengehörigkeit, das das Christentum bildet, kommt nicht immer gegen das germanische Verwandtschaftsgefühl auf.

Clarum inter Germanos Frisiorum nomen. Berühmt ist unter den Deutschen der Name der Friesen, sagte Tacitus. Kaum erscheint ihr Name in der Geschichte, hatten sie schon Taten getan, die sie als Rächer ihrer Freiheit zeigten. Weder Herren noch Knechte litten sie unter sich. Jahrhunderte hindurch war ihre Chronik Kampf und Sieg über alle, die sie unterwerfen wollten. Viele Grafen von Holland, die die Friesen als ihre Untertanen betrachteten, fanden in ihren Sümpfen ihr Grab. Wie die Möwen, die sich kreischend vor gieriger Lust in den Sturm werfen, wenn sie am Strande gehen, etwas von gemütlichen Enten haben, so sagt man von den Friesen, daß sie daheim stumpfsinniger Untätigkeit verfallen; aber wenn eine Sturmflut Deich oder Vieh bedroht, oder auf dem Meere, stürmen sie furchtlos in die Gefahr, ringen sie wie ein unbändiges Element mit den Elementen. Dieser Friesenstolz war allen Nordleuten bis zu hohem Grade eigen. Man hat bemerkt, daß die Sprache der Friesen der englischen näher als der deutschen verwandt ist, von der sie sich stärker als ein Dialekt unterscheidet, und daß sie auch im Charakter den Engländern gleichen; allein auch den Sachsen waren sie so ähnlich, daß es schwer ist, eine bestimmte Grenze zwischen Sachsen und Friesen zu ziehen. Waren doch auch die Engländer damals unvermischte Sachsen, vielleicht schon mit Friesen verschmolzene. Meeranwohner waren sie alle, als Kinder des Meeres einander verschwistert. Sachsen und Friesen waren viel eher Christen geworden als die Skandinavier; aber wie diese waren jene durch die wilde Taufe des Meeres gefeit, ein Geschlecht, das mitten im Untergang, wenn Erde und Sterne wanken, die Wonne seiner Kraft am sichersten fühlte. Auf den ewig von Stürmen umsausten Dünen wuchsen keine Bäume, gab es keine heiligen Haine; heilig war dort die Freiheit. Noch jahrhundertelang beteten auf den friesischen Inseln die Pfarrer selbst um gesegneten Strand, nämlich daß viele Schiffe scheiterten. Als die Blutrache längst nicht mehr im Schwange war, schlugen die Angehörigen eines Getöteten noch mit dem Schwert an die Kirchhofspforte und an die Tür des Mörders und murmelten: Rache! Rache! Die Weisen, die beim friesischen Festmahl zur Harfe gesungen wurden, waren bald stürmisch, bald unsäglich süß und zwangen alt und jung zu tanzen, tolle, heidnische Tänze, bis sie besinnungslos hinfielen. Die nordischen Glaubenshelden behielten als Christen ihre schwungvolle Faust. Bischof Evermod von Ratzeburg wollte einmal einen vornehmen Dithmarschen, dem ein Verwandter erschlagen worden war, bewegen, von der Rache abzustehen. Vergebens predigte er ihm die Grundsätze christlicher Nächstenliebe, vergebens drang er mit Bitten und Flehen auf den Unversöhnlichen ein, endlich fiel er ihm zu Füßen. Der Dithmarsche verschwur sich mit schrecklichen Eiden, sich niemals mit dem Beleidiger zu versöhnen. Da holte der Bischof aus und versetzte dem Manne einen gewaltigen Backenstreich, worauf der Dithmarsche nachgab und verzieh. Außerordentlich stark und verwegen war Dankbrand, der Sohn eines sächsischen Grafen. Nachdem er wegen eines schönen Mädchens mit einem dänischen Großen in Streit geraten war und ihn erschlagen hatte, floh er nach England und wurde dort Kaplan des berühmten norwegischen Königs Olaf Tryggvason, der soeben mit der ungestümen Leidenschaft, die ihm eigen war, das Christentum ergriffen hatte. Olaf Tryggvason war ein König nach dem Herzen der Nordleute: fröhlich, prächtig, glücklich und gütig, im Zorne unaufhaltsam zerstörend wie das Feuer. Er begann sofort die Heiden zu bekehren und schickte den kühnen Dankbrand zu diesem Zwecke nach Island. Einige Heiden, die sich der Taufe widersetzten, schlug Dankbrand sofort tot, einem besonders starken Helden erbot er sich, die Überlegenheit seines Gottes im Zweikampf zu beweisen. Trotz mancher auf diese Art errungenen Erfolge hielten es die erstaunten Isländer für ratsam, den gefährlichen Missionar aus ihrem Lande zu verbannen. So waren die nordischen Küstenbewohner: funkelnd vor Kraft und Übermut und Grausamkeit wie das Meer, halb Kinder, halb Riesen.

Meerkönig im Norden zu werden, die verschiedenen, das friesische Meer begrenzenden Länder zu einem Reich zusammenzufassen, war eine Lockung für Erobererherzen. Dänen und Deutsche kamen dabei hauptsächlich in Betracht, Dänemark und Deutschland haben jahrhundertelang um die Beherrschung der Nord- und Ostsee gerungen, bald kämpfend, bald sich vertragend. Der erste, der die Aufgabe mit großem Sinn erfaßte, war der König von Dänemark, Knut, der im Beginn des 11. Jahrhunderts England mit seinem Lande vereinigte und musterhaft regierte. Sein Ansehen war so überzeugend, daß Konrad II., der damalige Kaiser, es für das beste hielt, in Freundschaft mit ihm auszukommen, ihm das Land zwischen Eider und Schlei abtrat, seinen Sohn Heinrich mit Knuts Tochter verheiratete. Auch Erzbischof Unwan von Bremen, ein Nachkomme Widukinds und Vetter des Bischofs Meinwerk von Paderborn, dem er darin glich, daß er angestammten Reichtum seinem Bistum zugute kommen ließ, unterhielt mit Knut freundschaftliche Beziehungen. Er empfing ihn in Hamburg, wo er gern Hof hielt, um ihn zu ehren, zugleich aber auch, ihm einen Eindruck von seiner fürstlichen Macht zu geben. Die Erzbischöfe von Hamburg-Bremen waren die größten Herren im deutschen Norden, mächtiger als die Herzöge von Sachsen, die eifersüchtig sie zu schädigen trachteten. Es war deshalb natürlich, daß einem von ihnen die Vision des Nordischen Reiches aufging, wenn sie es auch nur in kirchliche Grenzen bannen konnten.

Nachdem Knut und Unwan gestorben waren, ernannte Heinrich III. Adalbert, einen Grafen von Goseck, zum Erzbischof von Bremen. Gegenüber von Naumburg sind noch Reste seiner Stammburg erhalten, die er und seine Brüder in ein Kloster verwandelten. Von allen Leidenschaften, die diesen ungewöhnlichen, hochbegabten Mann bewegten, war Ruhmbegierde die stärkste. Man hätte denken können, ihr wäre Genüge getan, als der Kaiser, der ihn hochschätzte, ihn zum Papst machen wollte; aber er lehnte es ab, um ein Patriarchat im Norden zu errichten. So sehr hatte der Norden seinen Sinn berückt. Allerdings konnte er im Norden unabhängiger sein als ein vom Kaiser ernannter Bischof von Rom. Um die nordischen Angelegenheiten bekümmerten sich die Kaiser wenig: es war keine Unterstützung, aber auch keine Einmischung von ihnen zu erwarten. Hier war alles neu und fremd, Abenteuer, unbegrenzte Möglichkeit. Der Blick des jungen Mannes, der in den thüringischen Wäldern gefangen gewesen war, schweifte entzückt über das britannische und das baltische Meer, über nie gesehene Inseln bis dahin, wo in Dunkel und Grauen die Erde endet. Diese Länder waren zum Teil noch heidnisch, zum Teil noch nicht im Christentum befestigt; durch lebhafte Missionstätigkeit konnte die Kirche von Bremen hoffen, sie sich kirchlich unterzuordnen, war sie doch mit Hinblick auf diese Aufgabe gegründet, die nur durch unglückliche Umstände und durch die Nachlässigkeit mancher Bischöfe nicht erfüllt war. Es war ein ähnlicher Gedanke, wie im Südosten des Reiches Bischof Pilgrim von Passau ihn gehegt hatte.

Aus eigener Anschauung hatte Adalbert keine Kenntnis der nordischen Länder; aber er sammelte so viel Nachrichten über sie wie möglich. Mit den Slawen, die Mecklenburg und Pommern bewohnten, gab es Beziehungen, denn an der Mündung der Oder lag Jumne, die reichste Handelsstadt der Welt, wo kostbare Erzeugnisse ferner Länder getauscht wurden. Es war bekannt, daß man von dort zu Lande nach Griechenland gelangen konnte, wenn auch dieser Weg wegen der unberechenbaren Sinnesart der anwohnenden Völker vermieden wurde. Weiterhin nach Osten warf das Meer den goldgelben Bernstein ans Ufer, mit dem die Frauen des Südens sich schmückten, und noch weiter oben lag das seltsame Land der Amazonen, von denen man sagte, daß sie durch ein Wasser, das dort fließe, schwanger würden, andere meinten durch vorüberreisende Kaufleute, die sie gefangennähmen und nach dem Gebrauch wieder verstießen. Sie erzeugten Mädchen von wunderbarer Schönheit und Söhne mit Hundeköpfen. Zur Zeit des Erzbischofs Alebrand, der vor Adalbert regierte, taten sich einige vornehme Friesen zusammen, um zu erkunden, ob es wahr sei, daß man von der Mündung der Weser aus immer nordwärts fahrend zum grenzenlosen Weltmeer komme. Nachdem sie sich eidlich miteinander verbunden hatten, fuhren sie ab, ruderten an Dänemark, Schottland und Island vorüber und gerieten plötzlich in den Nebel des weltendenden Meeres. Dort riß sie ein Strudel mit, der ihrer Meinung nach dadurch entstanden sei, daß dort alle Strömungen Ursprung und Ausmündung hätten, verschlang einige Schiffe und spie andere wieder aus. Sie kehrten nach Bremen zurück und erzählten dem Erzbischof ihre Erlebnisse. Bei Island, sagten sie, sei das Eis des Ozeans schwarz und so trocken vor Alter, daß es angezündet brenne. Sicherere Nachrichten gab es über die skandinavischen Länder. Nicht nur daß schon der heilige Ansgar am Mälarsee gewesen war, Adalbert stand in freundschaftlicher Beziehung zum schwedischen König Sven Esthritson, in dessen Gedächtnis die Geschichte der nordischen Völker wie in einem Buche geborgen war. Man kannte Fünen mit der großen Stadt Odense, Seeland mit Röskilde, dem dänischen Königssitz, Schonen mit Lund, die fruchtbarste dänische Landschaft, wo es schon 300 Kirchen gab. Schweden schilderte der König als ein ebenfalls an Vieh, Früchten und Honig reiches Land, dem auch viel Waren aus der Fremde zugeführt würden; herrlich sei der goldene Tempel von Uppsala, wo alle neun Jahre, zur Zeit der Frühlings-Tagundnachtgleiche alle schwedischen Völker zusammenkämen und ein Fest feierten. Norwegen dagegen sei rauh, ungeheuer kalt, unfruchtbar, arm. Das Volk lebe von Viehzucht, nur an Milch und Wolle sei es reich. Er erzählte von den schwarzen Füchsen und Hasen, weißen Mardern und Bären, die es oben im Norden gäbe, und von den Finnen, die auf Schneeschuhen die Ure, Büffel und Elche überflügelten, die sie jagten. Alle Nordleute, aber ganz besonders die Finnen, kannten noch die alten Zauber; so wußten sie durch gemurmelte Sprüche die Walfische in ihre Gewalt zu bringen. Je mehr man nach Norden kam, desto mehr war heidnische Zauberei im Schwange.

Den Charakter der Nordleute stellte man an Adalberts Hofe nach allem, was man davon sah und hörte, sehr hoch. Sie besaßen die von den Deutschen so geschätzten Eigenschaften der Tapferkeit und des Stolzes; sie ließen sich lieber töten als züchtigen; von einem zum Tode Verurteilten erforderte der Anstand, unbekümmert fröhlich zu erscheinen. Sie verachteten Gold und Silber, Pelzwerk und feine Stoffe, und ihre Gastfreiheit war unbegrenzt. Es machte tiefen Eindruck, daß in manchen Gegenden Schwedens und Norwegens die vornehmsten Männer Viehhirten waren wie die Erzväter der Bibel, daß die Schweden noch keine Städte hatten und ihr Leben in Armut und heiliger Einfalt zubrachten. Sie waren so liebevoller Gesinnung, daß sie alles gemeinsam besaßen, und zwar nicht nur die Einheimischen untereinander, sondern die Fremden inbegriffen. Dies, sagte man, sei nicht eine Folge des Christentums, sondern ihre Natur sei christlich, ohne daß sie von Christi Lehre etwas wüßten. Die gebildeten Deutschen betrachteten die Nordleute gerührt wie etwa Tacitus die Germanen.

Sowohl in Dänemark wie in Schweden gab es schon christliche Kirchen und Gläubige, überhaupt ließ sich das Volk dort oben gern von Christus und seinen Taten erzählen; aber die deutschen Christen waren es, so erfuhr man, die die Ausbreitung des Christentums erschwerten. Ihr Beispiel schreckte ab, da sie das, was sie lehrten, nicht durch ihr Leben verwirklichten. Besonders die Habgier, mit der sie Steuern auflegten, und die Härte der Einforderung derselben erregten Unwillen; beides wurde dem Herzog Bernhard von Sachsen vorgeworfen, der ohnehin Adalberts Feind war. Auch der Slawen Freigebigkeit und Gastfreiheit hob sich preiswürdig ab von der christlichen Habgier. Die Anerkennung schöner und edler Eigenschaften der Heiden führte nicht etwa zur Herabsetzung des Christentums, sondern zu dem verstärkten Wunsche, diese Heiden zu Christen zu machen, damit sie das einzige erwürben, was ihnen fehlte. Denn erst als Christen waren sie Glieder des Reiches, traten sie ein in den gotterfüllten Raum des Himmels und der Erde, des Lebens in der Ewigkeit. Es war ein Zauber, der die Menschen verklärte, auch wenn er ihr Inneres nicht verwandelte.

In einem Punkte nur fand man die Nordleute zu tadeln, in der Maßlosigkeit nämlich, mit der sie sich sinnlichen Genüssen hingaben. Sie berauschten sich im Trunk und in der Liebe, und weder das Trinken noch die Frauen wollten sie sich nehmen lassen. König Sven wurde vom Volke wegen der großen Zahl seiner natürlichen Kinder König Vater genannt. Die Menge der Beziehungen hinderte nicht, daß sie einer einzelnen Frau mit beharrlicher Leidenschaft anhingen. Sven hatte nach dem Tode seines Vorgängers auf dem schwedischen Throne dessen Witwe Gunhild geheiratet, die nach der Ansicht der Kirche in einem verbotenen Grade mit ihm verwandt war. Da die dänischen Bischöfe ihn bei Adalbert deswegen anklagten und Adalbert, in diesem Punkte unerbittlich, ihm riet, sich von seiner Frau zu scheiden, weigerte er sich, mußte schließlich aber doch nachgeben. Adalbert hatte Mühe, den Erbitterten zu versöhnen. Die Frau, die er dann heiratete, wurde von seiner Geliebten vergiftet. Adalbert, der selbst, augenscheinlich mehr infolge natürlicher Veranlagung als aus Askese, keusch war, verachtete die, welche ihre sinnlichen Gelüste nicht beherrschen konnten. Davon abgesehen mochte er sich dem Ausschweifenden und Phantastischen der nordischen Menschen verwandt fühlen. Mönchische Dürre war ihm fremd; es war, als breche die verhaltene Sinnlichkeit mit doppeltem Überschwang aus seinem Geiste hervor. Er war ein Verschwender, der nur in der Fülle atmen konnte. Nach einem großen Brande baute er den Dom von Bremen nach dem Muster des Doms von Benevent fremdartig und über alle Gewohnheit prächtig. Er liebte das Alte Testament, wo der Herr sich in seiner Majestät offenbart. Obwohl er an guten Tagen ohne Geselligkeit nicht leben konnte, empfand er leicht Verachtung für die Menschen. Freigebigkeit, sagte er, sei ein Merkmal des Adels; das Überwiegen von Kleinlichkeit, Dummheit und Habgier an den Menschen erregte seinen Hohn. Seine Pläne waren Visionen, die auf die Wirklichkeit wenig Rücksicht nahmen; das galt besonders von seinem größten, seinem eigentlichen Plan, den geheimnisvollen, urgewaltigen Norden zu seiner Diözese zu machen. Eine Zeitlang schien es, als sollte dieser mächtige Traum, der dem deutschen Einfluß ein neues, ausgedehntes Gebiet eröffnete, Gestalt gewinnen, als der deutsche Bruno von Toul den Heiligen Stuhl innehatte. Seine Regierung war zu kurz, als daß ein so wenig vorbereitetes Unternehmen vom Papst hätte an Hand genommen werden können. Das nordische Patriarchat sollte nach Adalberts Meinung zwölf Bistümer umfassen, von denen noch keines vorhanden war. Die Bekehrung machte keine nennenswerten Fortschritte. Es gehörte zu Adalberts Plänen, daß er selbst den Norden bereisen und den Heiden predigen würde; aber als König Sven ihm riet, die Aufgabe einem Einheimischen zu überlassen, der der Sprache mächtig sei, ließ er sich leicht überreden. Als ein großer Träumer badete er seine Stirn in Ruhm, ohne daran zu denken, daß der vorgefühlte Glanz durch Arbeit und mühselige Tage in die Wirklichkeit geleitet werden müsse. Allerdings nahm der Königsdienst seine Kraft und Zeit sehr in Anspruch: er begleitete Heinrich III. auf allen seinen Heerfahrten und stand in den Anfängen Heinrichs IV. eine Zeitlang an der Spitze der Reichsregierung. Wenn er den ungenügenden Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, schuld gab, daß er seine Gedanken nicht verwirklichen könne, hatte er nicht ganz unrecht; er sagte einmal, es fehlten ihm zum herrlichen Ausbau seiner Kirche nichts als Geistliche und Steine.

Einmal jedoch begegnete Adalbert einem Ebenbürtigen, wenn auch im Charakter ganz von ihm Verschiedenen, in dem Slawen Gottschalk. Ein Obotritenfürst war so weit für das Christentum gewonnen worden, daß er seinen Sohn dem Michaelskloster in Lüneburg zur Erziehung übergab, wo er den Namen Gottschalk annahm. Als dem Jüngling die Kunde zukam, daß sein Vater von den Sachsen ermordet worden sei, floh er aus dem Kloster, um Rache zu nehmen. Tausend Sachsen sollten fallen für einen Wenden. Nach mörderischem Wüten unter den Feinden wurde er von Herzog Bernhard von Sachsen gefangengenommen, der aus Achtung vor der Tapferkeit des Gegners ihm die Freiheit schenkte unter der Bedingung, daß er das Land verlasse. Gottschalk ging nach Dänemark, befreundete sich mit König Knut und begleitete ihn nach England. Dort wurde er vom Christentum, das er als Knabe wie andere Schulaufgaben gelernt hatte, im Innersten ergriffen und wünschte nun, seinem Volke diesen Glauben mitzuteilen. Er kehrte zurück, setzte sich mit Adalbert ins Einvernehmen und entwarf mit ihm den Plan eines Bekehrungsversuches unter den Wenden. Was Adalbert angriff, bekam einen großen, schwungvollen Umriß: ein christliches Wendenreich sollte gebildet werden, an dessen Spitze Gottschalk stehen sollte unter dem Schutze des Erzbischofs. Als eingeborener Fürst, der Sprache kundig und von der Kraft des aufrichtigen Glaubens durchdrungen, erzielte Gottschalk bedeutende Erfolge; es konnte ein Bistum Aldenburg den Bistümern Mecklenburg und Ratzeburg hinzugefügt werden. Adalberts Freund Sven Esthritson trat in die Verbindung ein, indem er Gottschalk seine Tochter Sigrid zur Frau gab. Bremens beherrschender Einfluß über das benachbarte Slawenland schien gesichert zu sein.

Da verriet ein furchtbarer Aufstand, zu dem der Sturz Adalberts im Jahre 1066 das Zeichen gab, daß der Haß der Wenden gegen die Christen und ihren Gott nicht erloschen sei: Gottschalk wurde erschlagen, ebenso die Bischöfe von Mecklenburg und Ratzeburg; wie Opfertiere wurden sie den heidnischen Göttern geschlachtet.

Adalbert sang wie das Standbild der Sage einen Hymnus des Lebens, wenn die Sonne des Glücks ihn berührte; dem Unglück gegenüber hatte er keine Widerstandskraft. Um dem Bischof von Würzburg gleichzukommen, der fast alle Grafschaften in seiner Diözese und zugleich die Herzogsgewalt besaß, hatte er möglichst viele Grafschaftsrechte aufgekauft und den umwohnenden Adel zu Vasallen gemacht und war dadurch in Schulden geraten. Seine königlichen Lebensgewohnheiten aufzugeben, war ihm unmöglich, lieber verkaufte er die Kirchenschätze und gab dadurch seinen zahlreichen Feinden Anlaß, ihn der Ketzerei und Zauberei zu beschuldigen. Als es ihnen gelungen war, ihn von Hofe zu verdrängen, und er schutzlos den Übergriffen der Herzöge von Sachsen preisgegeben war, flüchtete er aus der häßlichen Wirklichkeit tiefer in seinen Traum, der allmählich fast Wahn wurde. Um die Einzelheiten der Verwaltung hatte er sich nie kümmern mögen, die Folge war, daß er von allen Seiten betrogen wurde. Seine jähen Zornausbrüche, wenn er es erfuhr, wurden verlacht oder machten ihn verhaßt. Wenn er auch nach drei Jahren in seine Würde wieder eingesetzt wurde und Beweise königlicher Gunst in Fülle davontrug, so vermochte er doch weder sein Erzbistum noch seine verwilderte Seele neu zu ordnen. Um ihn herum bröckelte alles ab. Anstatt dem Verfall ernstlich zu wehren, raffte er gewaltsam zusammen, soviel er konnte, und wenn er von nutzlosem Auftrieb ermüdet war, wiegte er sich mit Musik und Märchen in Schlaf.

Adalberts großartige Gedanken in bezug auf ein nordisches Patriarchat fanden nach seinem Tode, als mit Gregor VII. eine dem deutschen Reiche feindliche Stimmung zur Herrschaft gekommen war, kein Verständnis mehr in Rom. Nun empfing König Sven schmeichlerische Briefe vom Papst mit Aufmunterungen, die nordischen Reiche durch Gründung eines eigenen Erzbistums von den Deutschen zu befreien. Sven jedoch, dem die Abhängigkeit von Rom nicht lockender erscheinen mochte als die vom Kaiser, antwortete nicht. Er starb fünf Jahre nach Adalbert. Sein Nachfolger verhielt sich gegenüber weiteren Bemühungen Gregors, eine schwedische Nationalkirche zu gründen, ebensowenig zugänglich, erst Paschalis II. erhob im Jahre 1104 das Bistum Lund zum Erzbistum und übertrug ihm die Leitung des ganzen skandinavischen Nordens. Einige Jahrzehnte später trat in Erzbischof Eskil ein Mann auf, der den neuen Anspruch energisch ins Werk setzte. So war denn im Norden ebenso wie im Südosten der deutschen Kirche der Einfluß abgeschnitten, den sie anfangs auf die heidnischen Völker ausgeübt hatte, und Skandinavien wie Ungarn und Polen unmittelbar dem Papst unterworfen. Tatsächliche Herrschaft über die umwohnenden Völker auszuüben, hatten die Deutschen nicht Kräfte und Mittel genug, und überall begegneten ihnen hervorragende Männer, die ihnen die Kraft des fremden Volkstums entgegensetzten. Innerhalb dieser Wechselwirkung aber hatte das deutsche Volk, das Träger des Weltreichsgedankens war, doch noch ein so großes Übergewicht, daß es Angriffe nicht zu fürchten brauchte und mit dem Glanz seines ruhmreichen Namens weithin wirken konnte. Den slawischen Nachbarn entriß es sogar in langen, schweren Kämpfen so große Gebiete, daß damit fast ein neues Reich dem alten hinzuwuchs.

Imperatoren

Inhaltsverzeichnis

Zur Zeit Rudolfs von Habsburg, also am Ende des 13. Jahrhunderts, schrieb Jordanus von Osnabrück ein Buch über das Römische Reich und seine Übertragung auf die Deutschen; als Verfasser wird jetzt ein anderer, aber auch ein Westfale angesehen. Er erzählt, wie Äneas und Priamus, des großen Priamus Sohn, von Afrika nach Italien zogen, wo Äneas blieb. Priamus sei nach Gallien gegangen, habe die Gallier nach Westen gedrängt, habe am Rhein Xanten und Bonn gegründet, und seine Begleiter hätten sich mit den Frauen der einheimischen Teutonen, Nachkommen eines Riesen, verbunden und ihre Sprache erlernt. Das aus dieser Verbindung entsprungene Volk der Germanen werde von den Römern, dem Volke des Äneas, als Zwillingsbruder angesehen. Später wurden die Germanen, so heißt es weiter, von Julius Cäsar unterworfen, da sie aber, nachdem die alte Brüderschaft erneuert war, für die Römer die Alanen besiegten, wurden sie von den Römern aus Dankbarkeit von der Tributzahlung befreit und deshalb Franken genannt. Auf die Ostfranken wird das römische Imperium übertragen, während die Römer als die älteren Brüder das Sacerdotium übernehmen; zur Entschädigung erhalten die Westfranken das Studium. Sacerdotium und Studium sind des Reiches Dach und Fundament; aber das Imperium, nämlich Aachen, Arelat, Mailand und Rom, sind seine Mauern. Die Schrift hatte den Zweck, die Feinde der Deutschen, namentlich die Kirche und Frankreich, zu warnen. Es ist göttliche Bestimmung, das ist ihr Grundgedanke, nicht menschliche Erfindung, daß das Kaisertum den Deutschen gegeben ist. Wie die Kirche die Kirche Gottes ist, so ist das Reich das Reich Gottes, Kirche und Reich sind nicht zu trennen. Stürzt das Imperium, so stürzt auch die Kirche, und der Weltuntergang ist da. Es war die allgemeine Annahme, daß dem Untergang des römischen Weltreiches die Herrschaft des Antichrist folgen werde.

Magnanimiter et imperialiter, mit großem Herrschersinn, sollten die Deutschen das Reich innehaben; dieser Aufgabe haben die deutschen Kaiser entsprochen. Sie erfaßten die Pflichten, die das Imperium, die Weltherrschaft ihnen auferlegte, als die größte und wichtigste. Nach ihrer Meinung und der ihres Volkes unterschieden sie sich durchaus von allen anderen Königen und Fürsten dadurch, daß sie nicht nur ihrem Volke, sondern daß sie der gesamten Welt, insbesondere der Christenheit vorstanden. Sie vollzogen zwar, nachdem sie zu Königen gekrönt waren, zuerst den Umritt durch Deutschland, um sich von allen Stämmen huldigen zu lassen; denn als den Königen der Deutschen stand ihnen das Imperium zu, und diese Grundlage mußte also zuerst gesichert werden; dann aber hatte der Zug nach Rom zu folgen, wo durch die Krönung des Papstes die Übernahme der höchsten irdischen Würde besiegelt wurde. Während andere Kriege und Feldzüge nur mit Zustimmung der Großen des Reiches unternommen werden konnten, waren alle Reichsglieder ohne weiteres verpflichtet, dem Könige zur Romfahrt Zuzug und Beiträge zu leisten. An eine Weltherrschaft im altrömischen Sinne dachten die deutschen Nachfolger der Cäsaren nicht, und es hätte das auch dem germanischen Staats- und Rechtsgefühl gar nicht entsprochen; nur auf eine persönliche Oberhoheit des Kaisers kam es an, die auch lange Zeit allgemein anerkannt wurde. Die Reiche des Nordens und Ostens, die zum Teil von Deutschland aus christianisiert und kolonisiert waren, unterwarfen sich, wenn auch nur nach immer wiederholten Auflehnungen, der Lehenshoheit des Kaisers, was sich darin ausdrückte, daß sie ihn nicht bekämpften, zuweilen sogar ihm Heeresfolge leisteten. Auch England und Frankreich anerkannten das Imperium, Frankreich allerdings mit dem (nur so lange es schwach war) zurückgehaltenen Gedanken, daß sie, die Westfranken, mehr Recht daran hätten, als die Ostfranken. Das Bewußtsein der Einheit, das in den Völkern des Abendlandes lebendig war, kam in der Anerkennung der miteinander verbundenen päpstlich-kaiserlichen Herrschaft zum Ausdruck. Man hätte sich aus der abendländischen Gemeinschaft ausgeschaltet, wenn man die Hoheit der beiden Häupter, die zusammen das Ewige Rom beherrschten, geleugnet hätte. Daran allerdings konnte man zweifeln, ob die Deutschen durchaus Träger des Imperiums sein müßten. Daß sie es waren, konnte man, wenn man Lust hatte, auf Priamus und Äneas zurückführen; tatsächlich waren sie es geworden durch ihre militärische Übermacht und ihre geographische Lage. Als das Reich der Mitte, als ein Land, reich an starken Männern und Waffen, als ein empfängliches Volk, das fremden Einflüssen zugänglich und zugleich fähig war, sie eigenartig zu verarbeiten, als ein phantasievolles Volk, das zwar kriegstüchtig, aber nicht eigentlich eroberungssüchtig war, besaßen die Deutschen viele Eigenschaften, die sie geeignet machten, Vermittler, Träger der Einheit zu sein.

Was den Kaisern oblag, dem Reich, dessen Grenzen der Idee nach mit den Grenzen der Welt zusammenfielen, Richtung, Recht und Frieden zu geben, überstieg Menschenkraft; deshalb hatten die Kaiser fast alle, mit Ausnahme Karls des Großen und Ottos des Großen, einen tieftragischen Zug. Aller Leben war ein fortwährender Kampf, ein fortwährendes vergebliches Bemühen, das Unmögliche zu verwirklichen, wobei sie sich aufrieben. Die meisten starben jung, Otto II. und Otto III. erreichten nicht einmal das Mannesalter, Konrad II. wurde 50, Heinrich III. nur 40 Jahre alt, Heinrich IV. starb mit 56 Jahren, Heinrich V. mit 44 Jahren. Vorteile gab es kaum zu erlangen außer größere Ehre und größere Verantwortung. Daß es trotzdem nie an Bewerbern um die Krone fehlte, erklärt sich daraus, daß es im Kreise derer, die sich berechtigt fühlen konnten, immer Hochherzige gab, die eben die Ehre und die Verantwortung lockte. Schon Deutschland zu einigen erforderte eine ungeheuere Anspannung der Kräfte, die geleistet werden mußte nicht mit Söldnern und einem Volksheer, sondern mit Hilfe von Vasallen, von denen die meisten nur dann gehorchten, wenn sie dabei zu gewinnen hofften. Es kam nie vor, daß alle Stämme, alle Reichsglieder sich freiwillig dem gewählten Kaiser unterwarfen; das Deutsche Reich war nichts fest Umgrenztes, es mußte fortwährend neu gebildet werden. Zu dieser Aufgabe, das Reich im Inneren zu einem Ganzen zusammenzufassen, kamen die Einfälle der fremden Völker im Norden, Osten und Süden, die stets wachsame Angriffslust Frankreichs und die Gegnerschaft des Papstes. War es das Gefahrvolle, so war es doch auch das Wundervolle in der Verfassung des Römischen Reiches Deutscher Nation, daß es darin keine Gewalt gab, die nicht einen Gegenspieler gehabt hätte, der es ihr unmöglich machte, unbeschränkt zu herrschen. Niemand konnte nur befehlen, niemand hatte nur zu gehorchen. Selbst die hörigen Bauern hatten wenigstens in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters ihren Grundherren gegenüber bestimmte Rechte, die es ihnen ermöglichten, übermäßigen Druck abzuwehren; erst in der Verfallzeit wurden sie ganz wehrlos. Jeder Stand mußte sich sein Bestehen und Gedeihen im täglichen Kampf erobern. Ein Spiel von leidenschaftlichen Gegensätzen, die nie aufhörten, sich auszuwirken, führte oft zu unheilvollen Erschütterungen, erzeugte aber doch Jahrhunderte hindurch großartige Schöpfungen auf allen Gebieten und gab Menschen und Ereignissen großen Umriß. Am Gegensatz entbrennt das Feuer der Geschichte. – Heinrich III, Herzog von Bayern, war nach dem Tode Ottos III. der Nächstberechtigte zur Königskrone als nächster Verwandter der Ludolfinger; er war der Enkel von Ottos des Großen Bruder Heinrich und ihm wenigstens im Herrscherbewußtsein ähnlich; aber er war klüger und bedächtiger, er verstand zu warten und versuchte es mit diplomatischen Künsten, bevor er Gewalt anwendete. Da zu seiner Zeit im Osten unter bedeutenden Herrschern, Stephan von Ungarn und Boleslaw von Polen, selbständige Staaten sich bildeten, mußte er sich anstrengen, um den Deutschen die bisherige Sphäre des Einflusses zu erhalten. Er brachte es dazu, daß Boleslaw, vielmals besiegt und immer wieder abfallend, die Oberhoheit des Reiches anerkannte. Der Kirche verstand er seinen Willen aufzuzwingen, ohne sie sich zum Feinde zu machen, ist er doch als einziger unter den deutschen Kaisern unter die Heiligen aufgenommen worden. Nicht einmal daß er vom slawischen Stamme der Liutigen Hilfe gegen Polen durch Freigebung ihres heidnischen Kultus erkaufte, machte die Geistlichkeit an ihm irre. Seine Vorliebe für Bamberg beruhte wohl zum Teil auf dem Verständnis für die freundliche Schönheit der fränkischen Landschaft. Wie ein Geschöpf der Natur in edler Anmut wächst sein Dom daraus hervor und bewahrt das Gedächtnis des letzten Kaisers aus der großen sächsischen Familie.

Die Mischung von Hoheit und Traulichkeit, den Humor, die herzliche Wärme, die den Ottonen eigen war, hatten die Salier nicht. Sie waren ein herrisches Geschlecht, unbeugsam, schroff und hätten Despoten werden können, wenn die vielfachen Widerstände im Reich sich hätten überwinden lassen. Als Konrad II. den Markgrafen Adalbero von Kärnten absetzen wollte und zu diesem Zweck die Großen des Reiches versammelt hatte, erhob sein Sohn Heinrich, damals schon König, Einsprache dagegen, weil er Adalbero gegenüber durch einen Eid gebunden sei. Konrad bat wieder und wieder, bestürmte immer eindringlicher, zuletzt bewirkte der Anprall seines heftigen Willens gegen einen ebenso stark widerstrebenden, daß er ohnmächtig zu Boden fiel. Als er die Besinnung wiedererlangt hatte, stürzte er sich sofort mit frischer Kraft wieder in den Kampf, fiel seinem Sohn zu Füßen und flehte ihn an, einzuwilligen. Da gab Heinrich nach.

Das Reich wurde immer noch als Gottesreich aufgefaßt, der Kaiser als Stellvertreter Christi, Gerechtigkeit zu üben als seine erste Pflicht. Als Konrad II. in Mainz die Weihe empfing, hielt der Erzbischof von Mainz eine Anrede, in der er von den Aufgaben sprach, die Gott den Königen zuerteilt habe, nämlich in seinem Reiche Recht, Gerechtigkeit und Frieden walten zu lassen, ein Verteidiger der Kirche, ein Schirmer der Witwen und Waisen zu sein. Daran schloß er die Bitte der Kirche um Gnade für alle, die sich gegen den König verfehlt hätten. Vor der Weihe erschienen mehrere Bittsteller vor dem Könige, ein Bauer der Mainzer Kirche, ein Waisenkind, eine Witwe, ein Verbannter. Als einige Fürsten den König zur Eile mahnten, damit der feierliche Akt nicht verzögert werde, antwortete Konrad, ihm scheine es wichtiger, seine Pflicht zu tun, als Reden darüber anzuhören. Es mag sein, daß die Bittsteller als herkömmliche Requisiten der Königskrönung anzutreten hatten; aber auch als Symbole zeigten sie doch an, was die allgemeine Meinung vom künftigen Kaiser verlangte.

Sowohl Konrad II. wie Heinrich III. gelang es im Reiche wenigstens überwiegend den Frieden zu erhalten. Konrad durfte sich Mehrer des Reiches nennen, da er Burgund, dessen letzter König im Jahre 1032 starb, dem Reich angliederte. Indessen trotz ihrer starken und strengen Führung, trotz ihrer glänzenden Erfolge wurde unter ihrer Regierung, teils von ihnen selbst, der Samen künftiger Gefahren gelegt; oft sind es ja die in der Gegenwart unscheinbaren Ereignisse, aus denen sich Großes, im Schlimmen und im Guten, entwickelt. Der Ansiedelung der Normannen in Unteritalien wirkte Konrad nicht entgegen, weil sie ihm weniger bedenklich erschienen als die Griechen, deren Kaiser sich immer noch als die echten Cäsaren betrachteten und wenn auch keine tatsächlich zu fürchtende Gegnerschaft, doch eine ärgerliche Legitimität bedeuteten. Daß Heinrich II. den großen königlichen Vasallen die Erblichkeit zugestanden hatte, suchte Konrad II. dadurch auszugleichen, daß er den niederen Lehnsleuten denselben Vorteil einräumte. Das Gesetz über die Erblichkeit aller Lehen im Mannesstamme besiegelte allerdings nur eine Entwicklung, die sich ohnehin eingebürgert hatte; durch die förmliche Anerkennung erkauften sich die Könige den guten Willen der Begünstigten und somit einen augenblicklichen Gewinn. Die Verstärkung der Macht der Vasallen war leidlich, solange die Könige selbst insofern erblich waren, als man von der herrschenden Familie nicht abzugehen pflegte. Sowie man die Gewohnheit aufgab, den Sohn, Neffen oder Enkel folgen zu lassen, vielmehr es zum Grundsatz machte, zu wechseln, mußte der König in die Abhängigkeit der wählenden Fürsten geraten.

Der Kirche gegenüber traten Heinrich II., Konrad II., Heinrich III. als Gebieter auf, sie setzten Bischöfe nach ihrem Gutdünken ein und ab und begegneten dabei im allgemeinen keinem Widerstand; aber gerade auf kirchlichem Gebiet beförderten sie das Wachstum einer verhängnisvollen Saat. Die Verwilderung der kirchlichen Einrichtungen in Frankreich rief eine reformatorische Gegenbewegung hervor, deren Mittelpunkte die Klöster Cluny in Burgund und Gorze in Lothringen waren. Diese strenge Richtung förderten die Kaiser, nicht so sehr aus Frömmigkeit, sondern weil die reformierten Klöster besser bewirtschaftet wurden und infolgedessen leistungsfähiger waren, wohl auch aus dem Instinkt des Herrschers für Ordnung. Sie stießen bei diesen Bemühungen auf einmütigen Widerstand der großen deutschen Reichsklöster. Einerseits hatte sich zwar die strenge Regel bedeutend gelockert, wie denn ein Hinausgehen über die Natur immer nur vorübergehend, dank einem besonderen Antrieb von innen oder außen, geleistet werden kann; aber so arg war die Verwilderung doch nicht, daß die Notwendigkeit des Einschreitens sich ohne weiteres aufgedrängt hätte. Der Deutsche hat, ohne gerade ausschweifend zu sein, viel Sinn für Gemütlichkeit und fröhliches Beieinandersein, die Askese im Sinne verdrossenen oder gar finsteren Triumphierens über einen geschurigelten Körper liegt immer nur sehr wenigen. Den kleinen Überschuß an Lebenswonne, den der Wein und die müßiggängerische Stunde im Freundeskreise erzeugten, ein gewisses Maß an Ungebundenheit und Raum für den Flügelschlag der Seele wollten auch die Mönche nicht missen. Waren sie doch adlige Herren; der Versuch, sie gewaltsam einem Sklavenjoch zu unterwerfen, mochte ihnen wie ein schnöder Eingriff in ihr angeborenes Recht erscheinen; viele verließen lieber das Kloster, als daß sie sich reformieren ließen. Der herrische Wille der Salier trug doch den Sieg davon. Besonders Heinrich III. hatte einen fanatischen Zug, der die unbändigen Deutschen fremdartig anmutete; daß er an seinem Hochzeitsfeste die Gaukler und Spaßmacher fortwies, die sich bei solchen Gelegenheiten anzusammeln pflegten, mißfiel allgemein, und man lobte den frommen Erzbischof Bardo von Mainz, der sich ihrer erbarmte. Es gehörte zu den Grundsätzen der strengen kluniazensischen Richtung, daß die Priesterehe und die Simonie, das Kaufen und Verkaufen geistlicher Stellen, als verdammenswerte Laster abzuschaffen seien. Die Ehelosigkeit war zwar bei der höheren Geistlichkeit längst eingeführt, nicht aber bei der niederen, den Pfarrern, deren Widerstand gegen den Zölibat den Bischöfen selbst unüberwindlich vorkam. Als Patrizius von Rom und Vogt der römischen Kirche hielt Heinrich III. sich für verpflichtet, sie von allen Flecken eingerissener Unordnung zu reinigen, und um sicher zu sein, daß die Spitzen, von denen aus Gesinnung sich verbreitet, in seinem Sinne regierten, brachte er nicht nur reformatorische Männer auf die Bischofssitze, sondern auch reformatorische Päpste auf den römischen Stuhl. Nachdem Bischof Suitger von Bamberg, als Papst Clemens II., innerhalb eines Jahres und Poppo von Brixen, als Papst Damasus II., nach drei Monaten gestorben waren, schien es, als seien die deutschen Päpste mit einem unentrinnbaren Fluche beladen. Schweren Herzens folgte Bischof Bruno von Toul dem Befehl des Kaisers. Dieser elsässische Graf, damals 46 Jahre alt, war schön und hochbegabt, sehr musikalisch, sittlich makellos, ohne pedantisch und kleinlich zu sein. In seinem Verhalten gegen die Sünder wählte er sich Christus zum Vorbild, der nicht gestraft, sondern gesagt habe: Gehe hin in Frieden und sündige hinfort nicht mehr. Man nannte ihn den guten Bruno. Um dem Tode zu entgehen, der, wie er glaubte, den deutschen Päpsten in Italien auflauere, reiste er so oft wie möglich nach Deutschland; aber er ereilte ihn doch nach sechsjähriger Regierung. In den Armen seines Nachfolgers und Gegners, des Bischofs Gebhard von Eichstätt, der sich als Papst Viktor II. nannte, starb der mächtige Kaiser, nachdem er seinen hohen Gast in Goslar empfangen hatte. Schon im nächsten Jahre folgte ihm der Papst. Obwohl diese deutschen Päpste ruhelos Italien möglichst mieden, um den Tod zu betrügen, haben sie doch in Rom einen Umschwung der Gesinnung vorbereitet, wie Heinrich III. gewünscht hatte. Die gereinigte, auf strengen Grundsätzen aufgebaute Kirche begann sich als eine selbständige Macht zu fühlen.

Die salischen Kaiser gaben ihrem imperialistischen Hochgefühl Ausdruck durch den Bau der Kirche von Speyer, die sie zu ihrer Grabstätte bestimmten. Mit bis dahin in Deutschland unerhörter Mächtigkeit erhob sich der vieltürmige Bau über den Särgen des stolzen Geschlechtes, weithin den Rhein beherrschend. Noch ergreifender versinnbildlichen die Ruinen der Abteikirche Limburg im Wasgau, zu der Konrad II. am selben Tage wie zum Dom von Speyer den Grundstein legte, eine triumphierende Macht und einen weltumfassenden Gedanken.

Heinrich IV. und Gregor VII.

Inhaltsverzeichnis

Eine neue Idee ergriff die Geister, ein neues Schlagwort erklang und wirkte: die Unabhängigkeit der Kirche von weltlicher Gewalt. Es war eine ganz und gar berechtigte, selbstverständliche Idee, die früher oder später zur Auflehnung gegen Eingriffe der Kaiser in das kirchliche Gebiet führen mußte. Nicht nur aber Bevormundung von Seiten des Staates mußte die Kirche ablehnen; es lag ihr nah, ihrerseits eine solche über den Staat ausüben zu wollen. Mit dem Sitz in Rom war der Anspruch auf Herrschaft so notwendig verbunden, daß, sowie ein hervorragender, zur Herrschsucht neigender Mann Papst wurde, das Gefühl, Nachfolger der Cäsaren zu sein, ihn ergriff. Dann verschmolz die Idee des römischen Weltreichs mit der Idee der christlichen Weltkirche zu einem Trachten nach Weltherrschaft von fürchterlicher Kraft. Der Papst war dann nicht nur das Oberhaupt der christlichen Kirche, der dem Kaiser das weltliche Schwert zu führen überließ, sondern er war der römische Kaiser römischer Nation, der in dem römischen Kaiser deutscher Nation einen barbarischen Usurpator sah. Das machte sich geltend, sowie schwache Kaiser die Regierung innehatten. Während das Reich unter den Söhnen und Enkeln Karls des Großen zerfiel, in der Mitte des 9. Jahrhunderts, als man glaubte, der Untergang der Welt stehe bevor, bestieg den päpstlichen Stuhl Nikolaus I., ein vornehmer und gebildeter Römer, und ergriff die Zügel, die den erschlafften Händen der Karolinger entfallen waren. Die ratlose, rings von Barbarenhorden überflutete Christenheit klammerte sich an den neuen Elias, der in einer zertrümmerten Welt die einzige, die ewige Macht darstellte. Die Gunst des Augenblicks erkennend, legte er mit sicherer Hand den Grund zur Herrschaft: zog möglichst viele Streitfälle vor ein schiedsrichterliches Urteil, erklärte jeden für den Bann verfallen, der die von den römischen Bischöfen erlassenen Dekrete und Entscheidungen nicht anerkenne, suchte die Bischöfe von sich abhängig zu machen. Diese widerstrebten: der Erzbischof Günther von Köln protestierte gegen die Absicht des Papstes, die Welt zu beherrschen, fuhr fort, die Exkommunikation verachtend, in der Kirche zu amtieren, aber schließlich mußte er sich doch unterwerfen. Die außerordentlichen Machtansprüche Nikolaus I. konnten allerdings von seinen Nachfolgern nicht durchgesetzt werden; vergessen und aufgegeben wurden sie nicht. Nur auf Augenblicke konnten die beiden Gewalten, die gemeinsam die Welt regieren sollten, im schwebenden Gleichgewicht erhalten werden; zu sehr waren die Interessen der beiden Völker, denen sie angehörten, verschieden, zu sehr die Kaiser zugleich Könige der Deutschen, zu sehr die Päpste zugleich Herren von Rom, Cäsaren, Weltherrscher. Hätte Heinrich III. länger gelebt, so wäre der Kampf zwischen Kaiser und Papst hinausgeschoben; er entbrannte, als sich nach seinem Tode ein übermütiger, zuchtloser junger Mann und ein Dämon der Herrschsucht gegenübertraten.

In den Chroniken wird erzählt, daß, während Heinrich III. sich in Rom aufhielt, dort eines Zimmermannes Söhnchen bei der Arbeitsstätte seines Vaters mit Spänen spielend sie in der Form von Buchstaben zusammenlegte. Zufällig kam ein Priester vorbei und las, daß die Buchstaben den Satz bildeten: Dominabor a mari usque ad mare – ich werde herrschen von Meer zu Meer. Er schloß daraus, daß das Kind einst Papst werden werde und machte den Zimmermann darauf aufmerksam, der es daraufhin zur Schule schickte. Es wurde gelehrt und kam in die kaiserliche Kanzlei, wo des Kaisers junger Sohn ihn kennenlernte und zu verspotten pflegte. Da träumte der Kaiser einmal, daß dem Zimmermannssohn, der Hildebrand hieß, zwei Hörner bis an den Himmel wuchsen, mit denen er seinen Sohn erfaßte und in den Dreck warf. Die Kaiserin legte den Traum so aus, daß Hildebrand Papst werden und ihren Sohn vom Throne stoßen werde. Auch erzählte man sich, dem guten Bruno von Toul, dem Papst Leo IX., sei Hildebrand im Traum in einem flammensprühenden Gewand erschienen, und indem er das Hildebrand erzählt habe, habe er hinzugefügt: »Wenn du je, was Gott verhüte, den Apostolischen Stuhl besteigst, wirst du die ganze Welt in Verwirrung bringen.« Sicherlich machte sich die bedeutende Persönlichkeit des Mönchs schon früh bemerkbar, sein Wille gebot in Rom, bevor er selbst Papst wurde. In seinem Sinne wurde auf der berühmten Synode des Jahres 1059 beschlossen, daß die Papstwahl künftig dem Kardinalskolleg, Klerus und Volk, den Wählern nach altem kanonischen Recht, nur die formelle Zustimmung zustehen solle. Dem Kaiser sollte das Recht bleiben, die Wahl zu bestätigen, was aber auch nicht eigentlich ein Recht, sondern ein persönliches Zugeständnis des Papstes sein sollte. Dadurch war der Einfluß des Kaisers auf die Besetzung des Päpstlichen Stuhles ausgeschaltet. Die Kirche zu befreien war ein großes und gutes Ziel; aber Hildebrand kam es nicht mehr nur auf Freiheit, sondern auf Herrschaft an. Es scheint in der menschlichen Natur begründet zu sein, daß Freiheit unter den Menschen sich selten verwirklichen läßt, was Goethe in den furchtbaren Worten ausgedrückt hat, man müsse Amboss oder Hammer sein. Die einen Druck abwerfen wollen, trachten gewöhnlich danach, ihn selbst auszuüben; wer die anderen nicht unterwirft, muß fürchten, unterworfen zu werden. Hildebrand, als Papst Gregor VII., erklärte förmlich den Anspruch der Kirche, den Staat zu beherrschen; er begründete das mit der Stellvertretung des allmächtigen Gottes durch den Papst. Es kam nun darauf an, den kaiserlichen Einfluß auch auf die Wahl der Bischöfe abzustellen; das wurde vorbereitet durch die Ausdehnung des Begriffes der Simonie auf jeden Eingriff von weltlicher Seite in die Besetzung kirchlicher Stellen. Wären die Bischöfe nichts als Priester gewesen, hätte man diese Auffassung billigen müssen; da sie weltliche Fürsten waren, konnte der König auf das Recht, sie zu ernennen oder bei ihrer Ernennung mitzuwirken, nicht verzichten. Die Bischöfe waren seit der Zeit Ottos des Großen die Stütze des Thrones gewesen; geschickter und gefährlicher konnte der Papst den Kaiser nicht angreifen, als indem er sie ihm entzog, sie ihm im Zweifelsfalle zu Gegnern machte.

In dem Kampfe, den Hildebrand entzündete, waren zunächst für den Kaiser die Aussichten nicht schlecht. Die Neuerungen, die der Papst einführen wollte, waren zu einschneidend, zu umwälzend, als daß sie nicht hätten erschrecken und verwirren sollen. Der römische Adel, der durch die neuen Bestimmungen von der Papstwahl ausgeschlossen war, der niedere Klerus, der sich der reformatorischen Strenge, besonders dem Zölibat widersetzte, vor allen Dingen die Bischöfe selbst, sowohl in Deutschland wie in der Lombardei, waren natürliche Gegner des Papstes. Denn seine Absicht war, in der Kirche, die bisher aristokratisch verfaßt war, ein monarchisches, wenn nicht despotisches Regiment einzuführen, wodurch die Bischöfe päpstliche Beamte würden. Von der Natur schien der häßliche kleine Mönch nicht ausgestattet, um anziehend zu wirken; seine fanatische Wut hatte etwas zugleich so Imponierendes und Abstoßendes, daß man ihn den heiligen Satan nannte. Von seinem Namen schließend, hat man ihm germanische Abkunft zugeschrieben, auch die Möglichkeit, daß er jüdisches Blut gehabt habe, ist erwogen worden.

Zwei Umstände aber gab es, die dem Papst zustatten kamen: der Aufstand der Sachsen gegen den Kaiser und des Kaisers Persönlichkeit. Zum ersten Male trat jetzt verhängnisvoll hervor, was so oft noch zu bitteren Kämpfen führen sollte, daß ein Riß durch das Reich ging, der den Norden vom Süden trennte. Es zeigte sich, daß die Sachsen nicht so mit den übrigen Stämmen verschmolzen waren, wie man besonders zu der Zeit hatte glauben können, als Sachsen unter den Ottonen als Stammland der herrschenden Dynastie bevorzugt war. Auch die Salier hielten sich mit Vorliebe in Sachsen auf; das wurde nicht als willkommene Gunst aufgefaßt, sondern als Bestreben, die sächsische Freiheit zu beschränken. Dem lag die Tatsache zugrunde, daß die Salier die Verminderung des Königsgutes durch Erwerbungen in Sachsen ausgleichen wollten, ein berechtigtes Bestreben, das aber die Sachsen zum Widerstand reizte. Zur Zeit Ottos des Großen waren die Erzgruben am Rabenberge bei Goslar entdeckt worden; da alles Bergwerk Regal war, den Königen zustand, bekam dieser Ort für sie eine besondere Wichtigkeit. Heinrich III. machte Goslar geradezu zum Mittelpunkte seines Reiches und gab ihm einen Teil des Reichtums, den er seinem Berge verdankte, in Bauten von unvergleichlicher Pracht wieder. Er errichtete am Fuße des Rabenberges einen Palast, der das Vorbild vieler königlicher und fürstlicher Pfalzen wurde, und nahe dabei den vielbewunderten Dom, von dem ein einziges Portal übriggeblieben ist. Hing Goslar den Königen treu an, so wurden im allgemeinen ihre häufigen Besuche ungern gesehen, die, da die Herrscher mitsamt ihrem Gefolge von der Bevölkerung erhalten werden mußten, teuer zu stehen kamen. Man empfand die Dynastie als Fremde, und vollends als Eindringlinge betrachtete man die Süddeutschen, die sie mitbrachten. Heinrich IV. wurde vorgeworfen, daß er die Leute von niedriger Geburt und daß er Schwaben bevorzuge; damals kam die Rede auf, daß ein Sachse sieben Schwaben wert sei. Das gebieterische Auftreten der Salier, namentlich das etwas hochtrabende feierliche Wesen Heinrichs III., sein kirchlicher Eifer stießen ab; immerhin wird von einem sehr stolzen und ungebärdigen Volke eher noch ein strenger Gebieter ertragen, der folgerichtig klare Ziele verfolgt, als ein Unberechenbarer, der bald despotischen Gelüsten, bald sinnlichen Antrieben oder bequemen Ratschlägen nachgibt.

Es war ein Unglück für Heinrich IV., daß er seinen Vater mit sechs Jahren verlor, daß seine Mutter ihn, wie es scheint, nicht liebte, daß man ihn mit einer ungeliebten Frau verheiratete und bei ihr auszuharren zwang; aber alles das, wie auch der wechselnde Einfluß des barschen Anno von Köln und des verwöhnenden Adalbert von Bremen auf den Knaben, hätte auf einen anderen ganz anders wirken können. Es war augenscheinlich etwas Zersetzendes in seine Seele eingeboren, was den Keim der Größe sich nicht rein entfalten ließ. Es gibt eine merkwürdige Sage vom Grafen Wiprecht von Groitzsch, einem Kriegshelden, der in Heinrichs Schlachten kämpfte und ihm namentlich zu seinem letzten Siege über Rom verhalf. Als einst in Verona Wiprecht der tapferste aller Recken genannt wurde, gebot der König ihn herbeizurufen, er wolle ihn auf die Probe stellen. Wiprecht kam und wurde in einen Hof geführt, wo den Ahnungslosen ein Löwe anfiel, den der König vorher dorthin hatte bringen lassen. Der Held erschrak nicht, sondern packte das Tier und zwang es, sich zu seinen Füßen niederzulegen; dann fragte er den König, warum er ihn gerufen und was das alles zu bedeuten habe. Da der König schließlich gestand, daß er seine Mannhaftigkeit habe prüfen wollen, wurde Wiprecht zornig und sagte: »Ich habe als erster die Alpen überschritten, ich habe die Ehren und Siege erstritten, konnte der Anblick meiner Taten dir nicht genügen? Du hast mich zu eitler Augenweide einem wilden Getier preisgegeben; nun will ich dir nicht länger dienen.« Da fing der König an, sich zu fürchten, bereute, was er getan hatte und ruhte nicht, bis der Graf wieder versöhnt war. Wie Heinrichs Charakter in dieser Sage sich darstellt, so war er vielleicht wirklich: Mangel an Respekt vor den Menschen, Schwanken zwischen Übermut und Furcht, Unfähigkeit, die Grenze zwischen Zurückhaltung und Vertraulichkeit zu beobachten, mögen ihm manchen Anhänger entfremdet haben. Eine edle Gabe jedoch wog viele Fehler auf, daß er im Leben lernte, daß er Schwächen überwand und seine Kraft an Widerständen stählte.

Als Gregor VII. im Jahre 1076 den jungen Kaiser mit dem Banne bedrohte, hatte dieser die aufständischen Sachsen unterworfen und befand sich in gehobener Siegerstimmung; auf einer Synode in Worms vereinigten sich die Bischöfe, mit Ausnahme der sächsischen, mit ihm, um den Papst abzusetzen. Sie warfen dem Papst ruchlose Neuerungen vor, durch die er Zwietracht in der Kirche gesät habe; er habe sich eine völlig neue und unrechtmäßige Gewalt angemaßt, indem er die Gerechtsame, die der gesamten Bruderschaft der Bischöfe zukämen, an sich gerissen habe. Durch eine unter Nikolaus II. gehaltene Synode sei, von ihm selbst veranlaßt, festgesetzt, daß nur der als Papst anzuerkennen sei, der von den Kardinälen mit Zustimmung des Volkes und Bestätigung des Königs gewählt sei. Es wurde unterstellt, daß er, da die letztere gar nicht nachgesucht sei, nicht Papst sein könne. In einem besonderen Briefe betonte der König zunächst die Anmaßungen des Papstes gegenüber den Bischöfen, dann erst, daß der Papst dem König gedroht habe, ihn der königlichen Gewalt zu berauben, »als ob die Königs- oder Kaiserkrone in deiner und nicht in Gottes Hand läge.« Er schloß den Brief mit dem pathetischen Zuruf: »Steige herab, steige herab und verlasse den angemaßten Stuhl des heiligen Petrus.« Gregors Antwort war der Bannstrahl und die Auflösung des Treueides, mit dem die Untertanen an den König gebunden waren. Heinrich lud nun die Bischöfe nochmals zu einer Synode durch ein Rundschreiben, in dem er sagte, Gregor habe sich das Königtum und Priestertum zugleich angemaßt und dadurch Gottes Ordnung verachtet, die nicht auf einem, sondern auf zwei Prinzipien, Königtum und Priestertum, beruhe.

Inzwischen hatten sich bereits die Verhältnisse gegen den König gewendet: nicht nur, daß die Sachsen sich von neuem empörten, die Schwaben schlossen sich ihnen an, ja Herzog Rudolf von Schwaben ließ sich von den Heinrich feindlichen Fürsten bewegen, als Gegenkönig aufzutreten. Unter diesen Umständen fielen auch die Bischöfe, die eben noch mit dem König zusammen den Papst abgesetzt hatten, vom König ab und erklärten dem Papst ihre Unterwerfung. Die abtrünnigen Fürsten forderten Gregor auf, als Schiedsrichter über die Alpen nach Augsburg zu kommen; den König erklärten sie für abgesetzt, wenn er nicht binnen Jahresfrist vom Banne befreit sei.

Von allen verlassen, außerstande, das Glück der Waffen zu versuchen, faßte Heinrich den kühnen Entschluß, über die Alpen zu gehen und den Papst zur Zurücknahme des Bannes zu bewegen, um dadurch zu verhindern, daß der Abfall der Fürsten durch den Papst bündig gemacht werde. Es war mitten im Winter und die Kälte so groß, daß der Rhein vom November bis zum April zugefroren war; der Übergang über den Jupiterberg, wie der Mont Cenis im Mittelalter genannt wurde, immer schwierig, war so ein Wagnis und ein Schrecken. Aber der König erreichte sein Ziel und überraschte den Papst, der, auf dem Wege nach Deutschland, als er die Nachricht von Heinrichs Ankunft vernahm, ungewiß, was sein Feind vorhabe, sich auf die feste Burg Canossa zurückgezogen hatte. Die zahlreichen Gegner Gregors in Italien hofften, der König komme, um den Papst abzusetzen; aber das glaubte er auf eine gelegenere Zeit verschieben zu müssen; im Augenblick konnte er seinem Feinde eine Niederlage nur beibringen, indem er sich ihm unterwarf. Die Voraussetzungen des Christentums waren so, daß der Papst einem reuigen Sünder die Lossprechung vom Banne nicht versagen konnte. Man sah ihm nicht ins Herz; es war die Kehrseite der kirchlichen Äußerlichkeit, daß die festgesetzten äußeren Zeichen der Reue als solche gelten gelassen werden mußten. Indem Heinrich als Büßer erschien, zwang er den Papst, ihn wieder in den Schoß der Kirche aufzunehmen. Den Papst tröstete über das ertrotzte Zugeständnis der innere Vorbehalt, daß der König zwar vom Banne befreit, aber nicht als König wieder eingesetzt sei, während der König zufrieden war, die augenblickliche Gefahr beseitigt zu haben. Nachdem Gregor die Lösung vom Banne ausgesprochen hatte, gaben sich Papst und König den Friedenskuß.

Eine furchtbare Pause starrte zwischen den Gewitterschlägen des Riesenkampfes. König und Papst, der germanische und der römische Weltherrscher, standen sich Auge in Auge gegenüber, die Brust voll Haß und Rache, aber gelähmt durch das Bewußtsein, untrennbar miteinander verbunden zu sein. Sie waren nicht zwei Herrscher, von denen jeder des anderen Reich besitzen, von denen jeder den anderen vernichten möchte, sie waren unlöslich miteinander verwachsen und ineinander verbissen, und immer wieder kamen Augenblicke, wo ihnen das klar wurde. Der Papst begründete seinen weltlichen Besitz auf Schenkungen der Kaiser, die Kaiser empfingen ihre Krone in Rom durch den Papst, die Völker sahen zu ihnen beiden als zur Spitze der Christenheit auf; sie waren aufeinander angewiesen und konnten höchstens durch einen Personenwechsel vorübergehend zu gewinnen hoffen. Beide waren mächtig, wenn auch auf verschiedene Weise: dem Papst gehörte nur eine kleine Provinz, aber er herrschte über die religiösen Gefühle und Gedanken aller Christen, und sein Thron stand auf den Trümmern der alten Weltstadt Rom; der König war der Anführer der deutschen Ritter, die an die Stelle römischer Legionen getreten waren, aber ihm gehörte nur, was er sich durch eigene Kraft unterwarf. Beide konnten sich gegeneinander ihrer Macht nur soweit bedienen, als sie nicht sich selbst dadurch verletzten.

Heinrich, der seine hohe Gestalt und sein blondes Haupt vor dem häßlichen kleinen Mönchspapst gebeugt hatte, blieb im Herzen unbeugsam. Während der Papst im geheimen die Krönung des Gegenkönigs betrieb, trat er als rechtmäßiger König auf und hoffte auf einen Waffensieg über die Gegner. Rudolf fiel in der Schlacht und wurde in Merseburg begraben; schon vorher hatte Heinrich einen treuen Anhänger, den Grafen Friedrich von Büren, zum Herzog von Schwaben erhoben und dem bis dahin in bescheidenen Verhältnissen lebenden jungen Mann seine Tochter Agnes zur Frau gegeben. Nachdem Gregor den König von neuem exkommuniziert hatte, erklärte Heinrich auf einer Synode in Brixen mit mehreren Bischöfen in maßloser Sprache und unter ungeheuren Beschuldigungen Gregor für abgesetzt und Bischof Wibert von Ravenna zum Papst. Dann zog er nach Italien, erkämpfte sich den Einzug in Rom, wo ein Teil der Bevölkerung ihm anhing, und ließ sich von Wibert zum Kaiser krönen. Gregor wäre verloren gewesen, hätte er sich nicht den Beistand der Normannen gesichert gehabt, die in Unteritalien nach Verdrängung der Griechen und Sarazenen ein Reich gebildet und vom Papst zu Lehen genommen hatten. Wie einst die Päpste bei den Franken Schutz gegen die Langobarden gesucht hatten, so suchten sie jetzt gegen die zu Nachbarn gewordenen Deutschen Schutz bei den neu eingedrungenen Barbaren, die ihre Eroberung gern durch die Anerkennung von seiten einer rechtmäßigen Macht stützten. Obwohl Heinrich bedeutende Erfolge errungen hatte, ging in Deutschland und in Italien der Kampf weiter. Die großen grundsätzlichen Gegensätze, die ausgesprochen waren, zogen wie weithin sichtbare Fahnen Anhänger an sich und zwangen jeden, Partei zu nehmen. Streitschriften wurden gewechselt, die zwar lateinisch verfaßt waren, deren Inhalt sich aber doch auch unter den Laien verbreitete.

Die italienischen Bischöfe waren dem Kaiser im allgemeinen anhänglicher als die deutschen. Viele von ihnen waren Deutsche, allein der scharfsinnigste und folgerichtigste unter ihnen, Benzo von Alba, scheint ein Süditaliener, vielleicht griechischer Abkunft gewesen zu sein. Er brachte die Ansichten der älteren Bischöfe, die nicht daran zweifelten, daß der König das Recht habe, die Bischöfe einzusetzen, in eine zusammenhängende Theorie. Da die Bischöfe vom Könige weltliche Lehen empfingen, schuldeten sie ihm Gehorsam, begleiteten sie ihn doch auch wie andere Vasallen auf seinen Feldzügen als Anführer der Kriegsleute, die sie ihm zu stellen hätten. Da nun alle Bischöfe einander gleich seien, sagte Benzo, stehe auch der Papst unter dem Kaiser, und wenn er den Papst nicht einsetze, so dürfe doch wenigstens ohne seine Zustimmung kein Papst konsekriert werden. Über dem Kaiser stehe nur Gott, verglichen mit dem Kaiser wären alle Könige der Erde nur kleine Provinzkönige. Damit diese mystische Königsmacht eine irdisch sichere Grundlage bekomme, machte Benzo den merkwürdigen Vorschlag, eine allgemeine Steuer zu erheben, die den Kaiser in den Stand setzen würde, Beamte anzustellen und Söldner zu unterhalten, so daß er von seinen Lehensleuten unabhängig würde. Das Beispiel für eine solche Einrichtung fand er in Unteritalien, wo ähnliche Einrichtungen aus der römischen Zeit sich erhalten hatten. Kaum hätte ein derartiger Vorschlag in Deutschland unter Deutschen gemacht werden können, die jede Auflage von Steuern als einen unerträglichen Angriff auf die Rechte des freien Mannes betrachteten. Vielleicht erklärt sich auch daraus, daß die Idee des zentralisierten Staates sich in Italien erhalten hatte, die Anhänglichkeit der italienischen Bischöfe an den Kaiser.

Einer der namhaftesten Verfechter des Kaiserrechtes in Deutschland, Walram von Naumburg, suchte auch dem Papst gerecht zu werden. Einigkeit zwischen Kaiser und Papst müsse herrschen, sagte er, da beide über das Reich gesetzt wären, in die weltliche Herrschaft aber habe der Papst sich nicht zu mischen. Der Kaiser sei unabsetzbar, dem Papst bestritt er das Recht, die Untertanen vom Treueid zu lösen und dadurch eine Spaltung herbeizuführen. Die Bestimmung des Papstes, der Nachfolger Christi zu sein, wurde herangezogen, um ihm das Entzünden von Kriegen zum Vorwurf zu machen.

Die Anhänger des Papstes beriefen sich auf das Recht des Volkes, den König zu wählen, was das Recht, ihn abzusetzen, in sich schließe. Der Chorherr Manegold von Lautenbach beleuchtete das Vernunftgemäße dieses Rechtes, indem er darauf hinwies, daß jeder Verständige einen Schweinehirten, der die Herde nicht hütete, sondern verkommen ließe, mit Schimpf und Schande davonjagen würde; wieviel mehr müsse man mit einem untauglichen König aufräumen. Gerade für das Königreich dürfe man nicht einen beliebigen Tyrannen oder Schuft bestellen, sondern einen, der durch Adel und inneren Wert hervorrage. Durch Tyrannei breche der König den Vertrag, der für seine Einsetzung maßgebend gewesen sei, das Volk sei ihm keine Treue mehr schuldig.

Tyrannei und Willkür warfen andere Bischöfe dem Papst vor, wenn auch die meisten nicht so weit gingen, den Primat des Papstes zu leugnen. Sie hielten es aber für eine unerhörte Neuerung, daß der Papst sich in die bischöflichen Diözesanrechte einmischen und sie wie Knechte ein- und absetzen wolle, wie sie überhaupt Gregors Theorie, daß der Papst durch sein Amt heilig und unfehlbar werde, ablehnten. In einer von Heinrichs Schlachten kämpften sechzehn Bischöfe auf seiner Seite.

Das Seltsame und Entscheidende ist nun aber, daß auch die treuen Anhänger des Kaisers vor ihrem Tode den Frieden mit der Kirche suchten, soweit sie sich nicht schon früher bekehrt hatten. Gerade über die Deutschen hatte die Kirche mehr Macht als der Staat. Wohl war auch die Person des Königs in mystische Vorstellungen eingetaucht und über die Ebene des Irdischen erhoben; aber sein Walten verknüpfte sich doch nicht so mit dem Seelenleben der Menschen wie das der Kirche, die das Kind taufte, dem Erwachsenen das Abendmahl, dem Sterbenden die letzte Wegzehrung reichte und mit ihm betete. Alle Gedanken und Gefühle, die über das Irdische und Alltägliche hinweg der ewigen Heimat zustrebten, waren mit der Kirche verbunden; die blieb unangetastet, was für Vorwürfe auch gegen die Pfaffen erhoben werden mochten. Dachte doch der Kaiser selbst niemals daran, das Papsttum als solches anzugreifen, war er doch vielmehr immer geneigt, wo sich die Möglichkeit der Versöhnung zeigte, die Hand dazu zu bieten, und nie war er zu stolz, um sich vor dem römischen Bischof wie vor Gott in den Staub zu werfen. Obwohl die Kaiser sich im einzelnen Falle das Recht nahmen, den Papst abzusetzen, stritten sie ihm grundsätzlich nie das Recht ab, von ihnen die Ehrfurcht zu verlangen, die der Sohn dem Vater schuldig ist.

Der Tod Gregors VII., der fern von Rom im Schutz der Normannen starb, bedeutete für Heinrich IV. keine Erleichterung; denn Gregors Nachfolger traten in seinen Ideenkreis ein, und die Bischofseinsetzung blieb eine unlösbare Streitfrage. Daß es der Kurie gelang, die beiden Söhne des Königs, Konrad und Heinrich, nacheinander gegen den alternden Vater aufzuhetzen, offenbart die Zerrüttung des salischen Hauses, das seinem Ende zuging. Von seinem Sohne bekämpft und entthront starb der erst 55jährige Kaiser in Lüttich, vom dortigen Bischof und dem Herzog von Lothringen mit Liebe aufgenommen.

Heinrich IV. und die Städte

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Als Heinrich IV. im Jahre 1073 vor den Sachsen fliehen mußte, als der Papst ihn gebannt, der Erzbischof von Mainz ihn abgesetzt hatte, als er krank und verlassen in Ladenburg sich aufhielt, kamen Bürger von Worms zu ihm, um ihn feierlich in ihre Stadt einzuholen. Sie kamen in Wehr und Waffen, um ihm zu zeigen, daß eine Mannschaft vorhanden sei, die es mit vielen Feinden aufnehmen könne. Hatten sie doch schon die bischöflichen Krieger aus der Stadt verjagt und hätten sie doch auch den Bischof selbst gefangengenommen, wenn er nicht entflohen wäre. Sie gelobten dem Kaiser Treue, sie besteuerten sich selbst, um die Kriegskosten zu decken; ohne sein Zutun gewann er eine ummauerte Stadt als Zufluchtsort, ein zuverlässiges Heer, das Gut und Blut für ihn zu opfern bereit war.

Dieselbe Stimmung wie in Worms herrschte in Köln, der Stadt des Erzbischofs Anno, der eine Zeitlang während der Minderjährigkeit Heinrichs das Reich regiert und den königlichen Knaben allzu rücksichtslos bevormundet hatte. Jenseits der alten Römermauer im Osten der Stadt, in der Richtung auf den Rhein, war in Köln der Markt entstanden; denn zur Beförderung der Güter benutzte man wo möglich die Wasserstraßen, und namentlich der Fernverkehr mußte sich in der Nähe des Stromes abspielen. Dort war seit alters die Judenstraße. Zwischen ihr und der Kirche und dem Kloster Groß-Sankt-Martin befand sich der Alte Markt, auf dem Lebensmittel und gewerbliche Erzeugnisse zum Verkauf ausgestellt waren, und wo die Handwerker wohnten; weiter südlich gegen Sankt Maria im Kapitol erstreckte sich die größere Hälfte des Marktes, den die stattlichen Häuser der reichen Kaufleute umgaben. Während der erste Dom bis ins neunte Jahrhundert im Westen der alten Römerstadt gestanden hatte, befand sich nun, im elften, ein neuer in ihrer nordöstlichen Ecke, nicht weit vom Markt, daneben eine königliche Pfalz und die erzbischöflichen Wohngebäude. Am Osterfeste des Jahres 1074 hatte der Erzbischof Besuch von seinem Freunde, dem Bischof von Münster. Als dieser heimzufahren wünschte, schickte Anno Diener in die Rheinvorstadt mit dem Auftrage, das Schiff eines Kaufmannes zu diesem Zwecke bereitzumachen. Das Recht, Schiffe der Kaufleute für ihre persönlichen Zwecke zu beschlagnahmen, stand den Stadtherren in der Regel zu, und es ist möglich, daß man einem beliebten Herrn, der in freundlicher Weise um ein Schiff gebeten hätte, willfährig entgegengekommen wäre; wahrscheinlich aber ist, daß das Recht zu den bestehenden Verhältnissen nicht mehr paßte, daß es lange nicht in Anspruch genommen war, daß Annos Betonung der Herrschaft überhaupt unwillig ertragen wurde und daß es viele gab, die gern einen Anlaß ergriffen, sich dem Erzbischof zu widersetzen. Der Sohn des Kaufmanns, dessen Schiff Anno benutzen wollte, weigerte sich, es den Dienern zu überlassen, heftige Worte wurden gewechselt, Streit entstand, und der entrüstete Erzbischof drohte mit strenger Strafe, wodurch er das Selbstbewußtsein der Kaufleute noch mehr reizte. Zweierlei zeigte sich: daß der Unwille gegen den Stadtherrn die ganze Bevölkerung beherrschte und daß die reichen Kaufleute einen bedeutenden Einfluß auf sie ausübten, denn es gelang dem Kaufmannssohn und seinen Gefährten rasch, einen Aufstand gegen den Erzbischof zu erregen. Eine wütende Masse stürmte gegen den erzbischöflichen Hof und in die Kirche, ein Mann, den man für den Erzbischof hielt, wurde erschlagen. Zufällig hatte dieser kürzlich einem Geistlichen, dessen Haus an die Stadtmauer stieß, erlaubt, eine Tür darin anzubringen; durch diese entkam er. Auf dem Lande hatte er Vasallen und Anhänger, die bereit waren, ihn zurückzuführen und die aufrührerische Stadt zu züchtigen. Wenn es den Kaufleuten leicht gewesen war, einen Aufstand herbeizuführen, so trauten sie sich doch nicht zu, dem heranrückenden Heer zu widerstehen; sie unterwarfen sich und baten um Gnade. Ein Geschichtsschreiber der Zeit berichtet, 600 Kaufleute hätten aus Furcht vor der Rache des Beleidigten die Stadt verlassen. Ist die Zahl auch zu hoch gegriffen, so waren es doch sicher viele, die flüchteten, und daß sie den Erzbischof richtig beurteilt hatten, zeigte die Folge. Anno strafte härter, als man es mit der christlichen Milde eines Bischofs verträglich hielt: der Sohn des Kaufmanns und andere Rädelsführer wurden geblendet, Geldstrafen wurden verhängt, die Güter der Entflohenen wurden eingezogen. Indessen bedeutete die Verödung der Stadt durch die Abwesenheit ihrer reichsten Bewohner, die Stockung von Handel und Verkehr, für den Stadtherrn einen so empfindlichen Verlust, daß er schon nach einem Jahre die Entflohenen zurückrief und ihnen ihre Güter wiedergab. Der Kaiser, den sie nach ihrer Flucht aufgefordert hatten, die Stadt zu besetzen, war nicht darauf eingegangen, so folgten sie dem Rufe des Erzbischofs.

So bedürftig der Kaiser auch der Hilfe war, dachte er doch kaum auch nur einen Augenblick ernstlich daran, die Partei der flüchtigen Bürger zu ergreifen. Die Bürger waren nicht eins mit der Stadt, eher war es der Bischof; es war nicht geraten, aufrührerische Untertanen gegen mächtige Kirchenfürsten zu unterstützen, auf denen seit hundert Jahren die Macht des Königs hauptsächlich beruht hatte. Im Laufe eines Menschenalters aber gewann die Stadt als Gesamtheit der Bürger mehr und mehr Gestalt. Die Richerzechheit, die vereinigten reichen Kaufleute, die Schöffen, die Urteilfinder des erzbischöflichen Hochgerichts und die hohen Beamten des Erzbischofs näherten sich einander, und die Handwerker, die Gewerbetreibenden und Ackerbürger, die in der westlichen Stadt saßen, fühlten sich zu ihnen gehörig. Mehr gemeinsame Interessen wirkten sich aus zwischen den Bewohnern derselben Stadt als zwischen ihnen und dem Erzbischof, der oft abwesend war, der Dienste verlangte, und der besonders dann als gegensätzliche Macht erschien, wenn er sich gegen den Kaiser, die höchste Macht, wendete. Zwischen der Gemeinde, nämlich den Handwerkern und den Ackerbürgern, und den Kaufleuten, den erzbischöflichen Beamten und dem erzbischöflichen Dienstadel bildete sich ein Vertrauensverhältnis, in der Art, daß die Großen, die Reichen und Angesehenen, die man zusammenfassend die Geschlechter nannte, als Vertreter der Gemeinde und Träger des allgemeinen Willens angesehen wurden, wobei Voraussetzung war, daß sie in wichtigen Fällen die Willensmeinung der Gemeinde einholten. Es gab eine Bürgerschaft, die sich als Stadt fühlte, die auch ohne den Erzbischof als Ganzes, als die Stadt handelte.

Als im Jahre 1104 der Sohn Heinrichs IV., Heinrich, gegen seinen Vater ausgespielt und von den Fürsten zum König gewählt wurde, begab sich Heinrich IV. an den Rhein, wo er Anhänger hatte. Unter anderen Vorwürfen wurde auch der gegen ihn erhoben, daß er den Adel zurückgesetzt und Leute von niedriger Lebensstellung zu höchsten Ehren erhoben habe. Eine grundsätzliche Bevorzugung der Städte oder abhängiger Schichten läßt sich kaum bei Heinrich IV. nachweisen; aber die Bestrebungen des Gottesfriedens, die er in seinen letzten Regierungsjahren förderte, kamen allerdings den Bürgern und Bauern zugute, während der Adel die Friedenserrichtung als einen Eingriff in sein Fehderecht ansah. In Mainz, dessen Bischof zum neuen König übergangen war, wurde der alte Kaiser mit Jubel empfangen, die Bürgerschaft erklärte sich bereit, für ihn zu kämpfen. Dem Kaiser jedoch, den der nochmalige Abfall eines Sohnes schwer verwundet hatte, gab die Unternehmungslust der Städte keinen Aufschwung. Mit gebrochenen Schwingen schleppte sich der alte Adler, der in unzähligen Kämpfen und Stürzen nie ermattet war, jammervoll am Boden hin. Der Tod sickerte durch seinen Körper, wenn es auch niemand sah und er selbst es nicht wußte. Die Hilfe, die der Herzog von Nieder-Lothringen, der Bischof von Lüttich und die Städte am Rhein ihm stürmisch anboten, wehrte er müde ab; er wollte auf die Krone verzichten, er wollte keine Schlacht mit seinem Sohne, er glaubte nicht mehr an die Möglichkeit des Sieges. Allzu vertrauend ließ er sich von seinem Sohn zu einer Zusammenkunft bereden und wurde gefangengenommen. Nachdem es ihm geglückt war, zu fliehen, ging er nach Köln, wo die Geschlechter voll Teilnahme ihn wieder vergeblich zur Aufnahme des Kampfes zu ermutigen suchten; anstatt dessen folgte er einer Einladung des Bischofs von Lüttich. Unwillig mußten die Kölner erleben, daß der Gegenkönig, vom Erzbischof gerufen, in die Stadt einzog. Da begab es sich, daß der Herzog von Nieder-Lothringen und der Bischof von Lüttich über das Heer des Gegenkönigs einen Sieg erfochten und daß der an Erfolge nicht gewöhnte Kaiser noch einmal Mut schöpfte. Als sich Heinrich V. von Aachen aus, wohin er sich begeben hatte, nach Köln wandte, um dort Ostern zu feiern, verschloß ihm die Stadt, nun die Stadt der Bürger, die selbständige, selbstherrliche, dem alten Kaiser treu, die Tore. Aber inmitten dieses herrlichen Aufschwungs den Rhein entlang blieb Heinrich IV. müde und hoffnungslos; er sah, daß das Glück sich ihm zuwendete, aber sein Herz blieb schwer. Soweit gab er seinen Freunden nach, daß er nach Köln ging, sich mit der Bürgerschaft verbündete, die Befestigung leitete. Dem Gegenkönig, der im Sommer mit einem Heere anrückte, gelang es weder in die Stadt einzudringen, noch ihr den Strom zu sperren, noch sie an Ausfällen zu hindern; er brach die Belagerung ab. Die Stadt der Bürger hatte sich erprobt, und als der unglückliche Kaiser starb, setzte sie, obwohl ganz ohne Haupt, ein stolzes Glied des Reiches, dem König, der nun als der rechtmäßige galt, immer noch Widerstand entgegen. Soviel Achtung flößten die Herren von Köln Heinrich V. ein, daß er, als die Stadt dem Falle nah war, sie nicht bestrafte, sondern sie mit einer Geldzahlung Frieden und Versöhnung erkaufen ließ.

Welfen und Staufer

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Mit Lothar von Süpplingenberg kam noch einmal ein Kaiser aus sächsischem Stamme auf den Cäsarenthron. Lothars Vater, Graf Gebhard, fiel 1075 in einer Schlacht gegen Heinrich IV., der Sohn übernahm sein Rebellentum. Durch seine Heirat mit Richenza, einer reichen Erbin, der Schwester Eckberts von Meißen, der einer der mächtigsten Gegner Heinrichs IV. und auf seine Veranlassung, wie man sagte, ermordet war, verstärkte sich ihm die kaiserfeindliche Tradition. Trotzdem erhob ihn Heinrich V., als im Jahre 1106 die Billunger ausstarben, zum Herzog von Sachsen, um den nicht verächtlichen Feind zu gewinnen. Aber der Ausspruch Herzog Bernhards, zwischen einem Erzbischof von Bremen und einem Herzog von Sachsen könne so wenig Freundschaft sein wie zwischen Feuer und Wasser, konnte man auch auf den Kaiser und Sachsen anwenden: es kam bald wieder zu Feindseligkeiten und im Jahre 1115 zu der furchtbaren Schlacht am Welfesholze, wo Graf Hoyer von Mansfeld, der Ungeborene, Niebesiegte, der auf kaiserlicher Seite focht, fiel, und durch welche Heinrich V. aus Sachsen verdrängt wurde. Sein Tod verhinderte ihn, das aufrührerische Land zu unterwerfen, das unter Lothar selbständiger als je war. Lothar verstärkte die herzogliche Gewalt über die Großen, wählte mit kundigem Blick geeignete Personen für die wichtigen Stellungen und betrieb erfolgreich was jetzt für Sachsen die Hauptaufgabe war, die Eroberung des slawischen Gebiets. Fast wie ein Kaiser des Nordens stand er dem salischen Kaiser gegenüber und war für dessen Gegner der gegebene Prätendent. Daß die Erzbischöfe von Köln und Mainz sich ihm verbanden, verschaffte ihm die Wahl im Gegensatz zum Herzog Friedrich von Schwaben, der als Neffe Heinrichs V. sich zur Nachfolge berechtigt fühlen durfte. Friedrich war der Sohn der Agnes, der einzigen Tochter Heinrichs IV., die er seinem Anhänger, dem Grafen Friedrich von Büren, zur Frau gegeben hatte. Indessen, während herkömmlicherweise das Wahlrecht der Fürsten durch Berücksichtigung der Verwandtschaft beschränkt wurde, betonten jetzt die Fürsten gern ihr Wahlrecht, indem sie die Verwandten übergingen. Denjenigen Fürsten, der als Schwiegervater Herzog Friedrichs von Schwaben naturgemäß auf staufischer Seite stand, der als mächtiger Herr ein gefährlicher Gegner war, Herzog Heinrich den Schwarzen von Bayern, gewann Lothar dadurch, daß er ihm die Hand seiner einzigen Tochter und Erbin, Gertrud, für seinen Sohn versprach. Durch diese Heirat verdichtete sich der Gegensatz zwischen dem Norden und Süden Deutschlands zum Gegensatz zwischen den Familien der Welfen und Staufer, der jahrhundertelang Deutschland und auch Italien zerrissen hat. Die Welfen, ursprünglich ein schwäbisches Geschlecht, führten ihren Ursprung tief in die Vergangenheit zurück: ihre Stammväter sollen unter Odoaker gegen den letzten römischen Kaiser gefochten haben. Zu Karls des Großen Zeit waren sie Grafen im südlichen Schwaben; die schöne Welfin Judith wurde die zweite Frau Ludwigs des Frommen. Ihr Bruder Eticho I. betrachtete es als Erniedrigung, daß sein Sohn Lehensmann des Kaisers wurde, zog sich in ein Kloster zurück und sah den Sohn, der seine Unabhängigkeit preisgegeben hatte, nie wieder. Welf III., der letzte des alten Stammes, begab sich auf den Ruf Heinrichs IV. nach den Ronkalischen Feldern südlich von Piacenza, wo nach altem Brauch die Reichsversammlungen in Italien abgehalten wurden; als er drei Tage lang vergeblich gewartet hatte, da der Kaiser am rechtzeitigen Erscheinen verhindert worden war, zog er mit seinem Gefolge ab und ließ sich vom Kaiser, den er unterwegs traf, weder durch Bitten und Versprechungen noch durch Drohungen zur Rückkehr bewegen. Durch die Heirat der Schwester dieses Welf, Kunizza, mit dem Markgrafen Azzo von Este, verband sich die aussterbende ältere mit einer jüngeren Linie, die nach Italien gewandert und dort begütert war. Der Sohn des Azzo und der Kunizza, Welf IV., wurde Herzog von Bayern und war der erste aus der Familie, der Güter von Bischöfen und Äbten zu Lehen nahm. Daß diese stolze und reiche Familie sich zur Kaiserwürde berufen fühlte, ist natürlich. Die Staufer hatten der rühmlichen Herkunft und dem Reichtum der Welfen ihre Verbindung mit den Saliern und später bedeutende Persönlichkeiten entgegenzusetzen.

Lothar war ein tüchtiger Herrscher. Er erreichte, daß sowohl Böhmen wie Dänemark in ein Vasallenverhältnis zu ihm traten; die Chroniken berichten mit Genugtuung, wie bei der Osterfeier in Halberstadt der dänische König dem mit dem Diadem geschmückten Lothar als Lehens- und Gefolgsmann das Schwert nachtrug. Auch in Italien vertrat er das Reich würdig. Während seiner Regierung kam das Zusammenwirken von Kaiser und Papst, das die Theorie verlangte, wie kaum jemals sonst zustande. Allerdings bestand er nicht auf der Rückgabe des Investiturrechtes, obwohl er einsah, daß ohne dies Recht eine kraftvolle Regierung nicht möglich war, und es deshalb auch forderte; allein er gab nach, um im einzelnen Falle doch selbstherrlich zu handeln. So hielt er das Reichskloster Monte Cassino fest, das der Papst an sich ziehen wollte, und setzte durch, daß der Normannenherzog in Süditalien nicht vom Papst allein, sondern vom Papst und ihm gemeinsam belehnt wurde. Vorwerfen konnte man ihm, daß er die sogenannten Mathildischen Güter, ein zerstreutes Gebiet, das sich teilweise mit dem heutigen Toskana deckt, vom Papst zu Lehen nahm, wodurch der Papst in die Lage kam, den Kaiser als seinen Lehensmann zu bezeichnen. Er unterließ nicht, sich in einer Inschrift im Lateranpalast, die er über dem Bilde Lothars anbringen ließ, damit zu brüsten. Lothar konnte zu seiner Entschuldigung sagen, daß es nur zweierlei gab, entweder Nachgiebigkeit des Kaisers in gewissen Punkten, um dadurch Nachgiebigkeit von seiten des Papstes zu erhandeln, oder dauernden Kampf. Persönlich war Lothar tapfer, meist glücklich im Kriege, Feinden und Besiegten gegenüber so grausam, so erschreckend roh, wie es im Charakter der Zeit lag, unermüdlich tätig, obwohl er, als er König wurde, sechzig Jahre alt war. Schon krank beschleunigte der Zweiundsiebzigjährige seine Rückkehr aus Italien, um in der Heimat zu sterben; aber nur der Tote erreichte sie und wurde in der von ihm gegründeten Stiftskirche zu Lutter, seitdem Königslutter, bestattet. Neben ihm ruhen seine geliebte Frau Richenza, die ihn immer begleitete, sein Schwiegersohn, Herzog Heinrich der Stolze von Bayern, der sein siegreicher Mitstreiter in Italien gewesen war, und seine Tochter Gertrud.

Große Macht empfahl damals nicht zur Kaiserwahl; die Fürsten sahen deshalb nach Lothars Tode von Heinrich dem Stolzen ab, der zugleich über Sachsen und Bayern gebot, und wählten Konrad von Staufen, den Bruder desselben Friedrich, der sich gegen Lothar nicht hatte durchsetzen können. Um seines Gegners Macht zu mindern, nahm ihm Konrad das Herzogtum Bayern und gab es seinem Halbbruder Leopold, dem Sohn des Markgrafen von Österreich, den seine Mutter Agnes, die Tochter Heinrichs IV., nach dem Tode ihres ersten Mannes geheiratet hatte. Nach dem frühen Tode Heinrichs des Stolzen erneuerte Konrad den Versuch, Welfen und Staufer durch eine Heirat zu versöhnen, indem er die Witwe Gertrud, die berühmte Sächsin, wie die Chroniken der Zeit sie nennen, mit seinem Halbbruder Heinrich verheiratete. Sie starb schon im folgenden Jahre an einer schweren Geburt und hinterließ ihr Erbe ihrem Sohn aus erster Ehe, der wie sein Vater Heinrich hieß und später der Löwe genannt wurde.

Konrad III. war sowohl an Liebenswürdigkeit wie an Erfolglosigkeit dem fränkischen König Konrad I. ähnlich, und auch darin, daß er hochherzig genug war, mit Übergehung seines eigenen, noch im kindlichen Alter stehenden Sohnes seinen bereits bewährten Neffen, Friedrich, Herzog von Schwaben, zur Nachfolge zu empfehlen. Friedrich I., der in Italien, wo seit der Zeit des Arminius das blonde Gelock der Germanen geliebt wurde, den Beinamen Barbarossa erhielt, ist ein Symbol der Kaiserzeit geworden, einer, dessen Name für alle steht, vielleicht deshalb, weil der Mittagshöhe seiner Regierung so bald der Absturz folgte. Wie die ersten Salier waren die Staufer ein herrisches Geschlecht, streng gegen andere und streng gegen sich im Erfassen ihrer kaiserlichen Pflicht. Die Möglichkeit, daß das Reich eine Erbmonarchie werde, in den Augen der Fürsten und des Papstes eine große Gefahr, brachten sie der Verwirklichung nah. Karl den Großen und Otto den Großen hatte Friedrich I. als Vorbilder stets vor Augen; was ihn persönlich von ihnen unterschied, war seine wachsame Selbstzucht an Stelle ihres breiteren, argloseren Sichgehenlassens. Friedrich hatte nicht den hohen Wuchs der Salier, er war nur mittelgroß, aber seine Haltung war so königlich, daß er trotzdem durch seine Erscheinung imponierte. Das Imperatorische seiner Gesinnung äußerte sich in seinen Mienen, die immer das Bewußtsein der Größe seiner Aufgabe widerspiegelten. Es machte großen Eindruck, daß er nach der Salbung und Krönung in Aachen, als einer seiner Dienstmannen, der wegen eines schweren Verbrechens in Ungnade gefallen war, sich ihm zu Füßen warf in der Meinung, in diesem Augenblick auf Verzeihung rechnen zu können, ihn abwies mit der Begründung, nicht aus persönlicher Abneigung, sondern um der Gerechtigkeit willen sei der Schuldige von seiner Gnade ausgeschlossen und müsse es bleiben; damit schien er anzudeuten, daß er sich mehr von der Gerechtigkeit als von der Gnade wolle leiten lassen. Strenge Beobachtung des Rechtes hat er sich während seiner ganzen Regierung angelegen sein lassen.

Seine erste Sorge ließ es Friedrich sein, die Spaltung im Reiche, die sich im Gegensatz der Staufer und Welfen ausdrückte, zu überwinden. War er doch im Hinblick darauf gewählt worden, daß er aus der Ehe eines Staufers mit einer Welfin stammte – seine Mutter war Judith, Tochter Herzog Heinrichs des Schwarzen von Bayern – so daß man sagte, er könne wie ein Eckstein die Kluft zwischen den zwei Häusern schließen. In großartiger Weise führte er die Versöhnung dadurch herbei, daß er seinem um sieben Jahre jüngeren Vetter Heinrich, dem Herzog von Sachsen, das Herzogtum Bayern wiedergab. Das war deshalb schwierig, weil Bayern zuvor dem Markgrafen Heinrich Jasomirgott von Österreich wieder abgenommen werden mußte, der Friedrichs Halbbruder war und keinen Anlaß zu irgendeiner Klage gegeben hatte. Nach umständlichen Verhandlungen glückte es dem König, den Besitzwechsel ohne Erregung von Feindseligkeiten zu vollziehen, indem er einen Teil von Bayern abtrennte und mit Österreich vereinigte und die bisherige Markgrafschaft zum Herzogtum Österreich erhob. Vor der Stadt Regensburg fand im September 1157 die in der Folge so bedeutungsvolle Handlung statt: Heinrich Jasomirgott verzichtete auf Bayern, indem er dem Kaiser sieben Fahnen übergab, die der Kaiser seinem Vetter Heinrich überreichte; von diesen gab Heinrich zwei, die die Ostmark bedeuteten, dem Kaiser zurück, der sie nunmehr seinem Halbbruder gab als Zeichen der Belehnung, nachdem er die Ostmark mit den übrigen österreichischen Grafschaften zu einem Herzogtum Österreich zusammengeschlossen hatte. Eine besondere Begünstigung war es, daß Heinrich Jasomirgotts Frau an der Belehnung teilnahm, damit die Erbfolge auch in weiblicher Linie Geltung habe. Friedrich hatte bewußt einen Feind, seinen Vetter Heinrich, zu einem sehr mächtigen Manne gemacht, indem er darauf rechnete, einen mächtigen und dankbaren Freund zu gewinnen. Der großmütige Gedanke war klug, wenn der Herzog von Bayern und Schwaben seine Macht für den Kaiser einsetzte. Dann stand die gesamte Macht des geeinigten Deutschland dem Kaiser zur Verfügung.

Die zweite schwere Aufgabe, die den jungen König erwartete, war das Verhältnis zum Papst und zu Italien zu ordnen. Wie er das Verhältnis zum Papst auffaßte, zeigte er dadurch, daß er gegen den Willen des Papstes auf der Einsetzung des Bischofs Wichmann von Zeitz zum Erzbischof von Magdeburg bestand und sie durchsetzte.

Kaiser und Papst

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Das Gefühl des deutschen Volkes war so beleidigt durch die Art und Weise, wie Heinrich V. seinen Vater überlistet und vergewaltigt hatte, daß es in ihm als dem einzigen in der Reihe seiner Kaiser nur den Bösen sehen konnte; aber wenn er auch ganz ohne die gemütlichen Züge war, die dem Deutschen das Bild seiner Großen liebenswert machen, hat er doch tatkräftig und folgerichtig regiert, und zwar gerade in bezug auf das Verhältnis des Reichs zur Kirche. Heinrich V. hatte sich mit päpstlicher Unterstützung gegen seinen Vater aufgelehnt, um das Reich an sich zu bringen, nicht um ein Werkzeug des Papstes zu werden. Da er als König fortfuhr, Bischöfe einzusetzen, als verstehe sich das von selbst, brach der Streit zwischen Kaiser und Papst sofort wieder aus. Paschalis II. liebte die Deutschen nicht, aber er war ein ehrlicher Gegner und rein in seiner kirchlichen Überzeugung, zu ehrlich, zu rein für einen Papst, der zugleich Beherrscher Italiens und der Welt sein wollte. Als der König den Papst fragen ließ, was denn aus ihm werden solle, und was denn die Grundlage des Reiches bilden solle, wenn ihm die Investitur der Bischöfe entrissen werde, da ja die früheren Könige fast alles der Kirche übergeben hätten, antwortete der Papst: die Kirche solle mit dem Zehnten und Opfer zufrieden sein, der König aber solle alle Güter und Regalien, die von Karl, Ludwig, Otto, Heinrich und seinen übrigen Vorgängern der Kirche übergeben worden wären, für sich und seine Nachfolger zurückerhalten. Er selbst wolle die Güter und Regalien auf rechtliche Weise der Kirche nehmen. Es war eine Antwort, wie ein Kind sie hätte geben können, die einzige Antwort, die dem Recht entsprach, verblüffend in der Einfachheit und Schärfe, mit der sie den unlösbaren Knoten des Konfliktes durchschnitt. Der Kaiser, ein besserer Menschenkenner als der Papst, glaubte nicht an die von jenem eröffnete Möglichkeit; aber er konnte dabei nur gewinnen und stimmte zu. Eine Bereicherung der Krone, wie kein König sie mehr zu denken wagte, wäre die Rückgabe des Kirchengutes gewesen, von unabsehbaren, vielleicht umwälzenden Folgen für das Reich. So wurde im Jahre 1111 die merkwürdige Vereinbarung abgeschlossen, bei welcher der König auf die Investitur verzichtete, und der Papst eine Urkunde aufsetzte, um im Namen der kirchlichen Würdenträger die Regalien, die sie seit Karl dem Großen erhalten hatten, zurückzugeben. Der entrüstete Widerspruch der italienischen wie der deutschen Bischöfe zwang Paschalis, sein gegebenes Wort zurückzunehmen, worauf der König um den Verrat zu rächen, mit einem Heer Rom überfiel und den Papst nebst einigen Bischöfen und Kardinälen gefangennahm. Allein er hatte zu viel Feinde, um in diesem Streite siegen zu können: ein Teil der Bischöfe, Burgund und Frankreich traten auf die Seite des Papstes, vor allen Dingen war es aber wieder der Abfall der Sachsen, der ihn nötigte, seine Macht gegen den Norden zu wenden. Beide Teile sahen endlich ein, daß sie vom Äußersten ihrer Ansprüche etwas aufgeben mußten, und so kam im Jahre 1122 auf einem Fürstentage zu Worms das Konkordat zustande; der unglückliche Paschalis war einige Jahre vorher gestorben. Der Kaiser gewährte allen Kirchen sowohl im Königreiche wie im Kaiserreiche die kanonische Wahl, nämlich die Wahl der Bischöfe durch das Kapitel, und überließ dem Papst und der Kirche die Investitur mit Stab und Ring; der Papst, es war Calixtus II., erteilte dem König das Privileg, daß die Wahl der Bischöfe und Äbte in seiner Gegenwart vollzogen werde, daß er bei strittiger Wahl das Recht des Schiedsspruchs habe und daß in Deutschland der Gewählte vor dem Empfang der kirchlichen Weihe mit den Regalien zu belehnen sei. Im Kaiserreich hingegen, das heißt in Burgund und Italien, solle die Weihe der Belehnung mit den Regalien vorangehen. Der Papst ließ den Text des Wormser Konkordates als Inschrift in einem Gemach des Laterans anbringen, obgleich er sich kaum einbilden konnte, er habe einen bedeutenden Erfolg errungen. Im Grunde war das, worauf der König verzichtete, geringer, als das, was er gewann. Daß einer bedeutenden Persönlichkeit die Möglichkeit blieb, einen beherrschenden Einfluß auf die Bischöfe auszuüben, zeigte sich während der ganzen Regierung Friedrichs I.

Von Friedrich Barbarossa könnte man vielleicht sagen, daß er die Genialität der Gesundheit besaß. Er war nicht hervorragend begabt, aber doch genug, um alle Verhältnisse gut beurteilen zu können, der gesunde Menschenverstand ersetzte, was ihm an Bildung fehlte. Er sprach gut und gern; als er die ersten Proben seiner Redekunst gab, herrschte allgemeines Erstaunen über dies Vermögen eines Ungelehrten. Man behauptete, wenn er nicht lateinisch spreche, unterlasse er es nur, um als Deutscher die deutsche Sprache zu ehren. Er konnte liebenswürdig und fröhlich sein, aber immer auf dem Grunde des gesammelten Ernstes, den sein hohes Amt forderte. Andererseits ließ er sich durch keinen Schicksalsschlag, deren ihn so manche trafen, entmutigen oder nur niederdrücken; niemand sah ihn je anders als aufrecht und zuversichtlich. Das wurde ihm durch seine kräftige Körperlichkeit erleichtert. Er war wie in Drachenblut gebadet, ohne daß eine verletzliche Stelle geblieben wäre; noch als älterer Mann war er im Turnier und in der Schlacht immer frisch, immer freudig bei der Sache, immer königlich sicher. In der Kraft seiner Persönlichkeit besaß er den Zauber, der das Glück und die Menschen fesselt.

Im Beginn seiner Regierung hatte der König Gelegenheit, einen Vorteil über den Papst davonzutragen. Schon zur Zeit seines Vorgängers machte die Stadt Rom den Versuch, sich vom Papst unabhängig und zu einer selbständigen Republik zu machen. In Erinnerung an ihre einstige Größe wurde ein Senat eingesetzt, der Konrad III. aufforderte, zu kommen und nach Beseitigung des klerikalen Widerstandes von ihm die Krone zu empfangen. Konrad antwortete nach längerem Zögern so, daß er für die Einladung dankte und sein Kommen in Aussicht stellte, die gemeldete Neuordnung aber unerwähnt ließ. So ging, ohne daß von kaiserlicher Seite davon Notiz genommen wurde, die römische Bewegung weiter und verband sich mit dem von religiösen Ideen ausgehenden Kampfe des Arnold von Brescia gegen die weltliche Macht der Kurie. Was dieser vom geistlichen Standpunkt aus verlangte, daß der Papst sich auf das Geistliche beschränke, wollten die Römer, um von der päpstlichen Herrschaft unbehindert ihre Stellung als herrschender Weltstaat wiedergewinnen zu können. Papst Eugen IV. wurde vertrieben, Arnold und die Stadt Rom forderten Friedrich auf, sich in Rom die Kaiserkrone zu holen. Vermutlich kam ihm so wenig wie Konrad auch nur auf einen Augenblick der Gedanke, sich auf diese Weise von seinem mächtigen Gegner zu befreien. Die Römische Republik hatte kein Gewicht im Gedächtnis der germanischen Könige gegenüber der Erinnerung an das Römische Kaiserreich. Gewiß war Rom für sich kein Machtbereich und mit seinem anspruchsvollen, unruhigen Adel und seiner beschäftigungslosen Bevölkerung uneinig und unzuverlässig; aber Arnold von Brescia hatte Anhänger, und es war denkbar, daß ein über ein starkes Heer gebietender König mit den Kräften, die sich ihm in Rom zur Verfügung stellten, etwas ausrichten könnte. Das alles aber, was die Römer vorbrachten, war für den König leerer Schall. Wirklichkeit hatte für ihn nur das Imperium, das von Gott den deutschen Königen vermittels des Papstes übertragen war, wovon die Krönung und Salbung durch den Papst in Rom die vollendenden Zeichen waren. Er zweifelte an der Kirche mit ihrem Oberhaupt, dem Papst, so wenig wie an Gott, so wenig wie am Imperium der deutschen Könige und seinem eigenen Recht.

Dem glücklichen politischen Gedanken Friedrichs, der Versöhnung mit den Welfen, dankte er es, daß er sich ungehemmt nach Italien wenden konnte; es zeigte sich, daß einem deutschen Könige, der über alle Mittel des Reiches verfügen konnte, noch eine große Machtfülle zu Gebote stand. Das einige Reich, einig durch das Zusammenwirken zweier Fürsten, erregte überall Bewunderung und Schrecken. Die Könige von Dänemark, Ungarn, Polen, durch dynastischen Zwist geschwächt, mußten sich abhängig bekennen. Nach Italien zog Friedrich mit dem Entschluß, dieselbe Stellung wiederzugewinnen, die Karl der Große und Otto der Große eingenommen hatten. Er fand Entgegenkommen beim Adel und Widerstand bei den Städten, namentlich bei Mailand, der größten und reichsten; aber gerade darauf legte er Wert, daß er die Mittel der reichen handeltreibenden Städte in die Hand bekäme. Nach altem Herkommen hielt er eine Tagung auf den Roncalischen Feldern, wo die Lehensträger zu erscheinen und ihre Lehen in Empfang zu nehmen hatten. Dort wurde mit Hilfe von juristisch gebildeten Personen untersucht, was dem Kaiser zustehe, was nicht; denn es war Friedrich ernst damit, sein Recht, aber nichts als das in Anspruch zu nehmen. Die Juristen der berühmten Schulen von Bologna und Padova unterstützten ihn über Erwarten; für ihre formalistische Denkart kam einem römischen König deutscher Nation als Nachfolger der römischen Cäsaren dieselbe unumschränkte Herrschaft zu wie den Kaisern des Altertums. Nach ihren Ansprüchen war ein römischer König nicht sehr verschieden von einem Despoten, der über Hab und Gut seiner Untertanen verfügen kann. Friedrich war sich bewußt, daß er in Rechtsfragen an die Zustimmung der Großen seines Reiches gebunden war; aber die aus dem römischen Recht geschöpften Sentenzen über die Göttlichkeit der Kaiserwürde hoben doch sein imperatorisches Selbstgefühl. Vor allen Dingen den Städten gegenüber glaubte er unbedingter Herr zu sein; er sah in ihnen nicht wie im hohen Adel Genossen, nicht wenigstens durch den kriegerischen Beruf ihm Angeglichene wie die Dienstleute, die Ministerialen, sondern dem Stande nach Tieferstehende, emporgekommene Untertanen, die schlechtweg zu gehorchen hatten. Allerdings achtete er die von seinen Vorgängern erteilten Privilegien, nicht aber, was durch Gewohnheit üblich geworden, von den Ausübenden als Recht betrachtet wurde. Friedrichs Auftreten war unwiderstehlich, der Anblick schon seiner kriegstüchtigen deutschen Ritter, ihrer gleichmäßig kraftvollen, elastischen, blitzenden Gestalten verbreitete Schrecken. Den befestigten Städten gegenüber mit ihren gewaltigen Türmen und Bastionen genügten allerdings die Katzen und Igel und Widder nicht, wie denn im ganzen Mittelalter sehr selten eine Belagerung den Zweck erreichte; aber in offener Schlacht blieben die Deutschen Sieger.

Obwohl Friedrich das aufrührerische Rom unterwarf, Arnold von Brescia auslieferte und dem Papst die Rückkehr in seine Stadt ermöglichte, blieb Hadrian I., der einzige Engländer auf dem römischen Stuhle, mißtrauisch ablehnend. Da bei der Begegnung Friedrich sich weigerte, dem Papst den Stallmeisterdienst zu leisten, nämlich ihm beim Besteigen des Pferdes den Steigbügel zu halten, weigerte sich der Papst, obwohl Friedrich ihm den Fuß küßte, ihm den Friedenskuß zu geben. Getreu seinem Gerechtigkeitssinn rief Friedrich die Fürsten, die ihn begleiteten, zusammen und überließ ihnen zu entscheiden, was Rechtens sei. Das Reich sollte darüber entscheiden, was sich mit kaiserlicher Ehre vereinen lasse. Das Urteil der Herren fiel zugunsten des Papstes aus: es war Überlieferung, daß Pipin der Kurze dem Papst, als er ins Frankenreich kam, den Marschallsdienst geleistet habe, und die älteren unter den Anwesenden erinnerten sich, von Lothar dasselbe gesehen zu haben. Friedrich fügte sich der Entscheidung und hielt im Angesicht des Heeres dem Papst die Steigbügel, worauf er den Friedenskuß empfing. Zwei in der Wurzel feindliche Gewalten wurden durch künstliche Veranstaltung auf der schmalen Schneide des Einverständnisses erhalten. Nun wurde Friedrich nach altem Ritual zum Kaiser geweiht. Vor der silbernen Pforte der Peterskirche hielt der Bischof von Albano das erste Gebet, mitten in der Kirche der Bischof von Porto das zweite: »Gott, du geheimnisvoller Schöpfer der Welt – schütte auf die Fürbitte aller Heiligen über diesen König das Füllhorn deines Segens aus und festige den Thron seines Reiches. Suche ihn heim wie den Moses im Dornbusch … und übergieße ihn mit deinem Sternensegen und dem Tau deiner Weisheit wie David und seinen Sohn Salomon.« Es folgte die Salbung durch den Erzbischof von Ostia und ein Gebet, daß durch das heilige Öl der Segen des Tröstergeistes in das Herz des Königs eindringen und ihm die Gabe verleihen möge, Unsichtbares zu empfangen, und, nachdem er in Gerechtigkeit und Erbarmung seines zeitlichen Reiches gewaltet, ewiglich mit Christus zu herrschen. Dann war der Augenblick gekommen, wo der Papst dem Knieenden das Diadem aufsetzte mit den Worten: »Empfange das Ruhmeszeichen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, damit du unter Verachtung des alten Feindes und aller Sündenberührung Recht und Gerechtigkeit liebest und dich in diesem Leben so erbarmungsvoll zeigest, daß dir unser Herr Jesus Christus in der Gemeinschaft der Heiligen die Krone des ewigen Reiches verleihe.« Als der erschöpfte Kaiser sich zurückziehen und speisen wollte, überfielen die Römer den Papst, und er mußte den ganzen Tag durch kämpfen. Am anderen Morgen verließ er, den Papst und die Kardinäle mit sich nehmend, Rom, und der Papst erteilte denen, die im Kampfe Blut vergossen hatten, Ablaß. Dabei berief er sich auf gewisse kirchliche Zeugnisse, wonach der Krieger, der, im Gehorsam gegen seinen Fürsten, kämpfend Blut vergießt, nach irdischem und himmlischem Gesetz kein Mörder, sondern ein Strafvollstrecker sei.

Eine merkwürdige Schickung wollte, daß dieser selbstbewußte und dennoch, obwohl zuweilen hart und zuweilen durch Zorn und das Gefühl gekränkter Majestät zu grausamen Handlungen bewogen, maßvolle König, sich dem Einfluß eines Mannes ergab, der ihn auf eine gefährliche Bahn und in dramatische Verwicklungen riß, wie sein eigener Charakter sie womöglich vermieden hätte. Dieser Mann war der Kanzler des Reichs, Rainald, aus dem Geschlecht der an der Weser begüterten Grafen von Dassel. Beherrschte er den Kaiser, weil er so sehr von ihm verschieden war? In ganz anderer Art wie Friedrich war auch er zum Herrscher geboren, so wie ein heidnischer Wikingerführer, dem die Welt gehört, soweit er sie erobern kann. Friedrich war ganz und gar Imperator, sich immer der furchtbaren Verantwortung bewußt, mit der die Krone des großen Karl ihn belastete, und die nur ein streng zusammengefaßter Geist ertragen konnte. Rainald von Dassel fühlte sich nur seinem Genie verantwortlich. Sein Genie schuf ihm ein Reich, in dem er auch das Abenteuerliche wagen konnte, wenn es heroisch war. Er erkannte die Mächte seiner Zeit wohl an, die Kirche, den Kaiser und seine Genossen, die Fürsten; aber sie banden seinen Geist nicht und kaum seine Hände. In seinem Gefolge befand sich häufig ein Dichter, der der Nachwelt unter dem Namen des Erzpoeten bekannt ist. Diesem Namenlosen, der nichts besaß als seine klangvollen Verse, mag der Kanzler sich mehr verwandt gefühlt haben als dem Kaiser oder irgendeinem anderen Menschen. Der Dichter spielte ihm eine Musik jenseits aller Dinge, jenseits auch alles dessen, was die Kirche lehrte. In seinem persönlichen Leben war Rainald tadellos, enthaltsam, unangreifbar; man weiß nichts von Frauenliebe in seinem Leben. Er war gebildet, las gern die alten Schriftsteller, aber sein Element war das tätige Leben als Staatsmann und Kriegsmann. Wie von den Königen haben die Zeitgenossen von ihm überliefert, daß weiches Blondhaar sein schönes gebräuntes Gesicht umgab; das Jahr seiner Geburt hingegen haben sie nicht aufgezeichnet. Man kann annehmen, daß er etwa 35 Jahre alt war, als er zum ersten Male maßgebend in der Öffentlichkeit hervortrat.

Das sieghafte Auftreten des Kaisers in Rom nahm den Papst mehr gegen als für ihn ein. Bald entstand gegenseitige Verstimmung: Friedrich war entrüstet, daß der Papst das Königreich Sizilien und das Herzogtum Apulien nebst Neapel, Amalfi und Salerno ohne ihn zu fragen dem Normannenherzog Roger zu Lehen gab; der Papst nahm es übel, daß Friedrich nichts zur Befreiung des dänischen Erzbischofs Eskil von Lund tat, der in Deutschland gefangengenommen war. Unversehens kam der von beiden Seiten noch zurückgehaltene Unwille zu erschreckendem Ausbruch. Der Kaiser hatte in zweiter Ehe Beatrix von Burgund geheiratet und dadurch, daß ihr Vater ohne Hinterlassung von Söhnen starb, Burgund und die Provence erworben, ein Gebiet, das zwar zum Reich gehörte, aber mit seiner überwiegend romanischen Bevölkerung sich mehr und mehr losgelöst hatte. Seine Absicht war, es dem Reiche wieder enger anzuschließen, und er hielt im Jahre 1157 in der alten Bischofsstadt Besançon einen Reichstag ab, um die dortigen Verhältnisse zu ordnen. Die angesehensten Herren von Burgund, der Erzbischof von Vienne, der zugleich Erzkanzler von Burgund war, der Primas von Lyon und andere leisteten bereitwillig die Huldigung, wie sich überhaupt zeigte, daß der junge König sich bereits im ganzen Abendlande Ansehen erworben hatte. Auf dieser Tagung erschienen zwei Abgeordnete des Papstes, Roland, Kardinalpriester von San Marco, und der Kardinalpriester von San Clemente, und überbrachten ein Schreiben des Papstes an den Kaiser mit Vorwürfen wegen der Gefangennahme des Erzbischofs von Lund, die als eine schändliche Untat von viehischer Wildheit bezeichnet wurde, an der der Kaiser dadurch, daß er sie nicht bestrafe, mitschuldig sei. Rainald las als Kanzler den Brief vor und verdeutschte ihn. Nachdem der Papst die Liebesbeweise aufgezählt hatte, durch die er den Kaiser seiner väterlichen Gesinnung versichert habe, kam die folgende Stelle: »Und es reut uns auch nicht im mindesten, in allem deinen Wunsch und Willen erfüllt zu haben, ja, bei dem Gedanken, was die Kirche Gottes und wir selbst durch dich an Vorteilen gewinnen könnten, würden wir uns mit Recht freuen, wenn es möglich gewesen wäre, daß deine Herrlichkeit aus unserer Hand noch größere Beneficia empfangen hätte.« Das Wort Beneficia hätte Rainald mit Wohltaten übersetzen können; aber er wählte das Wort Lehen. Als Friedrich das erstemal in Rom war, sah er im Lateran ein Bild des Kaisers Lothar, wie er dem Papst den Steigbügel hält, und darunter einen Vers, der besagte, daß der Kaiser Lehensmann des Papstes geworden sei und die Krone von ihm empfangen habe. Er hatte vom Papst die Zusage verlangt und erhalten, daß das Bild mit der Inschrift entfernt würde. Daß trotzdem in manchen Kreisen Roms, namentlich in der Umgebung des Papstes, die Auffassung bestand, der Kaiser empfange in Rom Kaisertum und Krone als ein päpstliches Geschenk, wußte der Kaiser. In diesem Sinne klang das Wort Beneficia oder Lehen wie eine Herausforderung, und in den Reihen der anwesenden Fürsten äußerte sich laut und heftig der Zorn. Anstatt den Text des Briefes geschickt auszulegen, rief einer der Legaten frech in den Lärm hinein: »Von wem hat denn der Kaiser sein Kaisertum, wenn nicht vom Herrn Papst!«, damit die Bedeutung, die Rainald von Dassel in das Wort gelegt hatte, als richtig zugestehend. Der Pfalzgraf von Bayern, Otto von Wittelsbach, ein besonders treuer und verdienter Anhänger des Kaisers, zog sein Schwert, um die Beschimpfung des Reiches zu rächen; der Kaiser trat sofort schützend vor die Bedrohten und sorgte dafür, daß sie unverletzt in ihre Herberge gebracht wurden, befahl ihnen aber, unverzüglich nach Rom zurückzureisen. Den ganzen Vorgang schilderte der König den Fürsten in einem Rundschreiben, das mit den Worten schloß, er hoffe, ihre Treue werde nicht zulassen, daß die Ehre des Reiches, das seit der Gründung Roms und Einführung des christlichen Glaubens bis auf die gegenwärtige Zeit ruhmvoll bestanden habe, durch eine so unerhörte Neuerung und anmaßende Überhebung gemindert werde. »Ich selbst werde ohne Wanken eher in den Tod gehen, als unter unserer Regierung solch einen schmachvollen Umsturz dulden.« Der Papst hoffte, wenigstens die geistlichen Reichsfürsten auf seine Seite ziehen zu können; aber er mußte erleben, daß sie einmütig zum Kaiser hielten. Sie teilten Hadrian in einem gemeinsamen Schreiben mit, der Kaiser habe ihnen auf ihr Ersuchen in geziemender Weise seinen Standpunkt erklärt. Zwei Rechtsquellen gebe es für die Reichsregierung, habe er ihnen geschrieben, die Gesetze des Kaisers und das Gewohnheitsrecht. Die Schranken der Kirche wolle er nicht überschreiten, dem Heiligen Vater wolle er gern die schuldige Ehrfurcht erweisen, aber die freie Krone seines Kaiserreiches halte er einzig für Gottes Beneficium. Bei der Wahl habe der Erzbischof von Mainz die erste Stimme, dann folgten die übrigen Fürsten, die Salbung zum Könige stehe dem Erzbischof von Köln zu, die höchste, die zum Kaiser, dem Papst, was darüber hinausgehe sei vom Übel. Er werde eher die Krone niederlegen, als zu einer Erniedrigung der Krone und zugleich seiner Person seine Zustimmung geben. Der Wiedergabe des kaiserlichen Schreibens fügten die Bischöfe die Bitte hinzu, der Papst möge ihre Schwäche schonen und den Kaiser besänftigen, damit die Kirche sich der Ruhe erfreue und das Reich seines Ruhmes genieße. Anders als vor hundert Jahren Heinrich IV. führte Friedrich I. das Zepter. Hadrian sah sich gezwungen nachzugeben, um so mehr, als er erfuhr, daß Rainald von Dassel und Otto von Wittelsbach, die feurigsten Ritter der kaiserlichen Ehre, bereits als kaiserliche Gesandte in Italien eingetroffen waren. Zwei Kardinäle mußten ein Schreiben nach Augsburg bringen, wo der Kaiser sich aufhielt, in dem er erklärte, daß er das Wort Beneficium nicht im Sinne von Lehen, sondern von Wohltat gebraucht habe.

Der Treue sämtlicher Fürsten sicher, führte Friedrich ein großes Heer nach Italien und erzwang die Unterwerfung Mailands. Seine Stellung verstärkte sich noch dadurch, daß der Tod zweier Kirchenfürsten ihm ermöglichte, die höchsten Reichswürden mit Männern von unerschütterlich reichstreuer Gesinnung zu besetzen: Rainald von Dassel wurde Erzbischof von Köln und einige Jahre später Christian, der nach Rainald Kanzler geworden war, Erzbischof von Mainz. Daß der mächtigste weltliche Fürst und die beiden höchsten geistlichen Fürsten, Heinrich der Löwe, Rainald von Dassel und Christian von Beichlingen, geniale Persönlichkeiten und kaiserlich gesinnt waren, das war ein Zusammenströmen von Kräften, wie es die Mittagszeiten der Völker zu bezeichnen pflegt. Sowohl Mailand wie der Papst mußten sich der Übermacht beugen; allerdings aber war es nur ein Zurückweichen vor der Gewalt, kein Aufgeben der Ansprüche. Unausgetragen blieb der Streit über die Mathildischen Güter, über Sizilien und Apulien, über die Investitur; der Kaiser beklagte sich, daß der Papst ohne ihn zu fragen, Gesandte nach Deutschland, der Papst, daß der Kaiser Gesandte nach Rom schickte, wo alles, Leute und Regalien, ihm gehöre. Da er nach Gottes Anordnung römischer Kaiser heiße, sagte Friedrich, so würde er nur ein Schattenkaiser mit leerem Namen ohne Bedeutung sein, wenn er die Gewalt über die Stadt Rom aus der Hand ließe. Als Hadrian im Jahre 1159 im Sterben lag, ließ er die Kardinäle schwören, nur einen solchen Papst zu wählen, der den Kampf gegen den Kaiser zu Ende führe; so wenigstens sagte und glaubte man. Die Kardinäle waren geteilter Meinung: diejenigen die den Frieden wollten, wählten Oktavian, der sich als Papst Viktor IV. nannte, die Gegner des Kaisers jenen Roland, der den verhängnisvollen Auftritt auf dem Reichstage zu Besançon herbeigeführt hatte; er hieß als Papst Alexander III. Friedrich hielt es für richtig, sich nicht selbst für einen Papst zu entscheiden, sondern ein Konzil zu berufen; in Dingen, die Gott beträfen, sagte er, stehe ihm kein Urteil zu, aber er habe das Recht, Konzilien zu berufen, wie Konstantin, Theodosius, Karl und Otto getan hätten. Persönlich beiwohnen tat er dem Konzil, das in Pavia stattfand, nicht. Nach langen Untersuchungen und Zweifeln erklärte sich die Versammlung für Viktor; die Verwerfung Alexanders wurde damit begründet, daß er sich dem Konzil nicht gestellt habe, daß er sich offen als Reichsfeind zeige, indem er sich mit Mailand und Sizilien verbündet habe, wodurch die Zwietracht zwischen Kaisertum und Priestertum verewigt werde. Da die lombardischen Städte im Augenblick wehrlos waren, blieben dem schismatischen Papst Alexander nur zwei Mächte, auf die er sich stützen konnte: das Normannenreich Sizilien und Frankreich.

Von dem Augenblick an, wo es nicht mehr durch innere Zerwürfnisse geschwächt war, blickte Frankreich eifersüchtig auf das Römische Reich deutscher Nation. Allerdings dämpfte der beginnende Gegensatz zwischen England und Frankreich die Feindseligkeit Ludwigs VII., aber sie war doch so wenig verhehlt, daß Alexander III. sich mit ihm verständigen konnte; es gelang ihm sogar, einen Frieden zwischen England und Frankreich zustande zu bringen. Damit begann das sich immer erneuernde und festigende Bündnis, dessen Spitze sich gegen Deutschland kehrte, von dem der französische König als Frucht die Übertragung des Kaisertums von Deutschland auf Frankreich erhoffte.

Der Tod Viktors IV. im Jahre 1164 gab Gelegenheit, das Schisma aufzuheben, wenn Friedrich sich zur Anerkennung Alexanders bequemte. Es ist anzunehmen, daß er dazu geneigt war. Ein Schisma führte viel Unzuträglichkeiten für das ganze Reich mit, es gehörte zu den ersten Pflichten des Kaisers, die gute Beziehung zwischen Kurie und Imperium herzustellen. Wie konnte er wissen, wie lange die Treue der Fürsten in so gespannter Lage ausdauern würde. Aber schon seit einer Reihe von Jahren herrschte ein anderer neben dem Kaiser: Rainald von Dassel. Der stolze Sachse erwog nichts als seinen Haß und seine Kraft; kein Zweifel kam ihm an, ob er in dem ungeheuren Kampfe siegen könnte. Um dem Kaiser die Möglichkeit der Versöhnung abzuschneiden, betrieb er in Eile die Wahl eines neuen kaiserlichen Papstes; es war Paschalis III. Wenn der Kaiser über die Eigenmächtigkeit des Erzbischofs verstimmt war, so war er es nicht auf lange; auch daß Rainald mit einem Bruder des Kaisers im Streite lag, wurde verziehen. Als Zeichen seiner Gunst beschenkte Friedrich seinen Getreuen mit einer Reliquie von unschätzbarem Wert, den Leibern der Heiligen Drei Könige, der Magier, wie man sie zu nennen pflegte. Der Sage nach führte der Erzbischof den wundertätigen Schatz, der seine Stadt zum heiligen Köln machte, durch die zierliche Pforte bei Sankt Maria im Kapitol heim, nachdem er sich auf Umwegen durch Hochburgund reisend vor den Nachstellungen des Papstes und Frankreichs gerettet hatte. Um seiner Politik Erfolg zu sichern, ging er nach England und brachte ein Bündnis mit König Heinrich II. zustande. Nicht nur die Verbindung einer Tochter des englischen Königs mit einem Sohne Barbarossas wurde zur Besiegelung des Bundes ins Auge gefaßt, sondern auch die Vermählung von Heinrichs Tochter Mathilde mit Heinrich dem Löwen; die Ehe des Herzogs mit Clementia von Zähringen mußte zu diesem Zweck aufgelöst werden. Auf einem Reichstage zu Würzburg im Frühling des Jahres 1165 errang Rainald einen fast erschreckenden Triumph, indem er den Kaiser und alle anwesenden Fürsten bewog, sich durch einen Eid zu verpflichten, daß sie immer an Paschalis festhalten, niemals zu Alexander übergehen wollten. Um so erstaunlicher war der Erfolg, als nicht nur der Kaiser einen so gewalttätigen Schritt mißbilligte, sondern auch ein so bedeutender und einflußreicher Mann wie der Erzbischof Wichmann von Magdeburg dagegen war. War sein Wille der Zauber, der die Herzen wendete? Das des Kaisers gehörte wieder ganz ihm. Im Hochgefühl seiner weltbeherrschenden Macht ließ Friedrich, als er in Aachen das Weihnachtsfest feierte, den Sarkophag Karls des Großen öffnen und den Begründer des Reiches durch Paschalis heiligsprechen. Aachener Goldschmiede bekamen den Auftrag, einen Schrein zur Aufnahme der Gebeine herzustellen.

Die augenscheinliche Absicht der Mailänder, ihre zerstörte Stadt wieder aufzubauen, und die Umtriebe des Gegenpapstes Alexander führten den Kaiser nach Italien; Rainald war ihm vorausgegangen, um Paschalis nach Rom zu führen. Während der Kaiser siegreich die Lombardei durchzog, kam es um Pfingsten 1167 bei Tusculum zur Schlacht. Diese stets kaiserliche Stadt hatte Rainald mit seinem kleinen Heer Kölner Ritter aufgenommen und wurde nun durch ein an Zahl weit überlegenes römisches belagert. Die Lage der Eingeschlossenen war verzweifelt, als in letzter Stunde Erzbischof Christian von Mainz mit brabantischen Soldaten heranrückte, um Tusculum zu entsetzen. Dem Heer der Römer gegenüber war ihre Zahl so gering, daß sie trotz aller Tapferkeit zu weichen begannen; da brach Rainald mit seinen kölnischen Rittern, hochedle nannte er selbst sie, aus der Stadt hervor, und die beiden kriegerischen Erzbischöfe erfochten gemeinsam einen vollständigen, einen überwältigenden Sieg. Von 30 000 Römern kehrten nach Rainalds Angabe nur 2000 zurück. Die Beute, so schrieb er seinen Kölnern, hätten seine Kölner Ritter, mit dem Siege zufrieden, den Brabantern überlassen, um ihren hohen Sinn gegenüber den Söldnern zu zeigen. Rainald hatte seine Aufgabe gelöst: er führte Kaiser und Papst nach Rom, wo Paschalis die Kaiserin Beatrix, die ihren Mann stets zu begleiten pflegte, krönte und salbte. Alexander III. war aus Rom entflohen und hatte Zuflucht in Benevent gefunden.

Friedrichs Oheim, Bischof Otto von Freising, macht in seinem Buch von den Taten des Kaisers einmal die Bemerkung, die Ärzte sagen, es sei besser zur Höhe als auf der Höhe; denn die aus vielerlei zusammengesetzte Natur bleibe nie im gleichen Zustande, strebe zur Auflösung. Was auf der Höhe angelangt sei, müsse sich abwärts bewegen. Dies Gesetz vollzog sich nach dem Siege von Tusculum mit grauenvoller Pünktlichkeit. Es war Sommer, eine Seuche brach aus und verbreitete sich, an der das Heer und seine Führer zugrunde gingen. Es starben Herzog Friedrich von Schwaben, der Sohn König Konrads III., der jüngere Welf, der an Stelle seines Vaters dessen italienische Besitzungen verwaltete, der Pfalzgraf von Tübingen, die Grafen von Sulzbach und Lippe, die Bischöfe von Prag, Verden, Lüttich, Regensburg, Augsburg, Zeitz und Speyer und, als Unersetzlichster von allen, Rainald von Dassel, der Erzbischof von Köln. Wie ein geschlagenes Heer flüchteten die Überlebenden, wie und wo ein jeder konnte, über die Berge nach Deutschland zurück.

Ausgang

Inhaltsverzeichnis

In jedem Unglück, das ihn traf, offenbarte Friedrich seinen elastischen Geist. Nicht einmal seine Mienen verrieten Niedergeschlagenheit, viel weniger Verwirrung oder Unsicherheit seine Handlungen. Vielleicht war es zu seinem Heile, daß das verwegene Herz des Grafen von Dassel nicht mehr schlug und ihn nicht mehr über die Schranken, die er sich selbst gesetzt hatte, fortreißen konnte. Infolge seiner Niederlage konnten allerdings die Widerstrebenden unter den lombardischen Städten allmählich neue Kraft sammeln; aber im deutschen Reiche blieb sein Ansehen unerschüttert, und es gelang ihm, dank dem Zusammenwirken mit Heinrich dem Löwen, einen leidlichen Friedensstand zu erhalten.

Heinrichs Lebenszweck war, sein sächsisches Herzogtum zu einem geschlossenen, womöglich das nördliche Deutschland umfassenden Staat zu bilden, in dem alle Rechte in seiner Hand lägen. Fast alle Fürsten suchten zu erobern und zu erraffen, was die Gelegenheit bot; wenige hatten die Bildung eines abgerundeten Staates im Auge, und noch wenigere gingen dabei mit so durchgreifender Rücksichtslosigkeit vor wie Heinrich der Löwe. Nicht Freundschaft, nicht Gerechtigkeit noch Dankbarkeit hemmten ihn. Wahrhaft wie ein Löwe, ein blindes Geschöpf der Natur, das mit schwerer Tatze zermalmt, was vor ihm sich bewegt, ging er großmütig und unheilvoll seinen geraden Weg. Den Grafen Adolf von Holstein, seinen Gefährten in vielen Kämpfen, zwang er, ihm seine Stadt Lübeck abzutreten; dem jungen Pfalzgrafen Adalbert nahm er seine Bergfeste Lauenburg bei Quedlinburg, auf die er keinerlei Recht hatte. An den Heidenbekehrer Wizelin stellte er die Forderung, er solle von ihm die Investitur annehmen, ein unerhörter Eingriff in die kaiserlichen Rechte. Als Wizelin nach Beratung mit dem Erzbischof von Bremen sich weigerte, wie das auch seine Pflicht war, sperrte er ihm die Einkünfte, so daß der gute Mann, wenn er nicht verhungern wollte, sich fügen mußte. Heinrich begründete sein Ansinnen damit, daß er die von ihm eroberten, ehemals slawischen Gebiete zu eigenem Besitz habe. Es gab kaum einen unter den norddeutschen Fürsten, dem er nicht irgendein Recht oder Gebietsstück entrissen; den er nicht durch sein herrisches Auftreten gekränkt hatte. Der Führer seiner Gegner war Albrecht der Bär aus dem Geschlecht der Grafen von Askanien, der ähnliche Bestrebungen wie der Herzog fast ebenso umsichtig und nachhaltig verfolgte. Er war zu der Zeit, wo Heinrich der Stolze durch Konrad III. geächtet wurde, an dessen Stelle Herzog von Sachsen geworden, und, nachdem er wegen der Wiedereinsetzung Heinrichs des Löwen hatte zurücktreten müssen, sein heimlicher Nebenbuhler geblieben. Bei der gegenseitigen Abneigung und den gleichartigen Zielen ergaben sich beständig Reibungen. Die Erzbischöfe von Bremen und Magdeburg und der Bischof von Halberstadt gehörten zu den Fürsten, die knirschend, sprungbereit im Kreise den Gewaltigen umgaben, der sie verachtete. Er tat das, weil es seine Natur war, und weil er sich durch die Gunst des Kaisers gesichert fühlte. Wie er seit der im Beginn von Friedrichs Regierung geschlossenen Versöhnung dem Kaiser bei allen seinen Unternehmungen ein treuer Gefolgsmann gewesen war, so schützte der Kaiser ihn, ohne dem Rechte peinlich Rechnung zu tragen. Selbst in der wichtigen Frage der Investitur der Bischöfe gab er nach, so daß Heinrich das Recht erhielt, die Bischöfe von Ratzeburg, Aldenburg und Mecklenburg, später Lübeck und Schwerin, zu belehnen. Als Heinrich den Markt- und Brückenzoll von Föhring, einem Ort, der dem Bischof Otto von Freising gehörte, nach München verlegte, um dadurch diese seine Stadt zu heben, auch da, wo es sich um seinen eigenen Oheim, einen hochangesehenen Geistlichen, handelte und Heinrich offenbar im Unrecht war, entschied der Kaiser zu seinen Gunsten. Im Bewußtsein der Unnahbarkeit seiner Stellung errichtete Heinrich seiner Stadt Braunschweig den ehernen Löwen, der uns bezeugt, was für bedeutende Werke aus den deutschen Erzgießereien hervorgingen. War er rücksichtslos gegen die Geistlichen, die ihn in seinen Plänen störten, so war er doch nicht unkirchlich. Wie einer ein Siegel unter gesicherten Besitz setzt, so unternahm er im Jahre 1172, als sein Gegner Albrecht der Bär gestorben und das Fundament seines Reiches festgelegt war, eine Pilgerfahrt nach dem Heiligen Lande. Alle Welt konnte sehen, daß er sein Herzogtum ruhig in den Händen seiner englischen Frau und seiner treuen Vasallen ließ. Unter den Geistlichen, die ihn begleiteten, war der gelehrte und verehrungswürdige Abt Heinrich von Braunschweig, der in Konstantinopel durch seine Gespräche über einige Punkte, in denen die griechische von der römischen Kirche abweicht, Bewunderung erregte. In Jerusalem hielt sich Heinrich drei Tage lang auf und teilte königliche Vergabungen aus. Den Ertrag dreier Häuser, die er kaufte, bestimmte er zur Unterhaltung dreier ewig brennender Lampen in der Auferstehungskirche. Er besuchte die heiligen Orte, den Ölberg, Bethlehem, Nazareth und das wüste Gebirge, in dem Jesus nach der Überlieferung vom Teufel versucht wurde. Überall wurde er von Christen und Heiden mit Ehrerbietung empfangen und reich beschenkt. Um den wertvollen Reliquien, die er mitbrachte, eine würdige Stätte zu schaffen, baute er in Braunschweig nach Niederreißung des alten Stiftes den Dom, in dem wir jetzt sein und seiner Frau Mathilde Grabmal bewundern. Auch die Dome von Ratzeburg und Lübeck hat er gegründet; sie haben den ernsten, stolzen und dabei gemütlichen Charakter, der dem alten Sachsenlande so sehr gemäß ist. An der Umrahmung eines Portals des Domes von Braunschweig befindet sich die Vertiefung, die der Sage nach die Klaue des Löwen, den der Herzog aus dem Heiligen Lande mitbrachte, zurückließ, als er den Weg zum Grabe seines Herrn suchte.

Einige Jahre nach Heinrichs Rückkehr brach der Reichskrieg gegen das wieder erstarkte Mailand aus, und der Kaiser verlangte von seinem Vetter den üblichen Zuzug. Da geschah das Unerwartete, Unbegreifliche, daß der Herzog ihm seinen Beistand versagte. Jahrelang hatte das feste Zusammenhalten von Kaiser und Herzog so bedeutende Erfolge für beide erwirkt, daß man meint, es müsse ein schwerwiegender Anlaß zur Entfremdung vorgefallen sein; aber kein solcher ist bekannt. Daß Friedrich die Erbschaft des alten Welf, eines gemeinsamen Verwandten, angenommen hatte, die Heinrich für sich beanspruchte, scheint als Grund für solchen Abfall nicht zu genügen. War in Heinrich, der nun Schwiegersohn des Königs von England und Vater mehrerer Söhne war, das Bewußtsein der Macht so angewachsen, daß er nicht mehr ertragen konnte, einen Herrn über sich zu haben? Vielleicht war es wirklich nur das, daß er als Preis für seine Hilfe die Stadt Goslar verlangte, die dem Kaiser gehörte, und daß dieser sie ihm versagte. Auf diese Stadt mit ihrem Reichtum an Silber und Erzen glaubte er ein Anrecht zu haben, weil sie am Rande des Harzes, auf sächsischem Gebiet lag. Sie war ein Gegenstand, der die Raublust entflammen und einen Mann von so starrem Charakter so verblenden konnte, daß er selbst den Abgrund aufriß, der ihn verschlang.

Es steht nicht fest, wo die verhängnisvolle Begegnung zwischen den Vettern stattfand, ob in Chiavenna oder in Partenkirchen; der Kaiser kam aus Italien über die Berge, um die Hilfe vom Herzog zu erlangen, die den Ausschlag zum Siege geben sollte. Man erzählt sich, daß Friedrich dem Herzog zu Füßen gefallen sei, um ihn zum Nachgeben zu bewegen; es erschien den damaligen Menschen fast grauenvoll, daß der Herr der Welt vor seinem Vasallen das Knie beugte.

Der Sieg der Lombarden bei Legnano bedeutete für Friedrich das Hindernis des Schicksals, das den ins Leben Stürmenden zum Anhalten zwingt und zur Besinnung bringt. Er war groß genug, um zu lernen, daß er, wie hoch er auch stand, andere Mächte müsse gelten lassen, daß er sich vertragen müsse, wo er nicht herrschen konnte, und er handelte nach der gewonnenen Einsicht, ohne seiner Würde zu vergeben. Nach einer furchtbaren Niederlage erlitt er keine erhebliche Minderung seiner Macht, wenn er auch den lombardischen Städten die Selbstwahl ihrer Beamten zugestehen mußte, und gar keine des Ansehens. In Venedig, wo der Frieden im Jahre 1177 abgeschlossen wurde, war er der Mittelpunkt der Bewunderung. Die beiden großen Kirchenfürsten, Christian von Mainz und Wichmann von Magdeburg, hatten erreicht, daß der Kongreß nicht in Bologna stattfand, das dem Papst gehörte, sondern in der Republik, zu der der Kaiser in guten Beziehungen stand. Er unterzog sich in der Markuskirche allen Förmlichkeiten, die die Gelegenheit verlangte, um dann im Palast des Patriarchen in deutscher Sprache zu erklären, daß er geirrt habe, indem er in Angelegenheiten der Kirche mehr kraft seiner Macht als nach den Grundsätzen des Rechtes habe regieren wollen. Christian von Mainz, der sieben Sprachen fließend sprechen konnte, nämlich Griechisch, Lateinisch, Apulisch, Lombardisch, Römisch, Französisch, Brabantisch, verdolmetschte die Rede des Kaisers. Den Schluß der Festlichkeiten bildete eine Versammlung in der Markuskirche, wo der Papst den Bann über alle diejenigen aussprach, die den zwischen der Kirche und dem Kaiser, dem Kaiser und dem Königreich Sizilien und den Lombarden geschlossenen Frieden und Waffenstillstand stören sollten. Als er den Fluch ausgesprochen hatte: »Und wie diese Kerzen ausgelöscht werden, so sollen ihre Seelen der ewigen Anschauung Gottes beraubt werden«, warfen der Kaiser und alle Anwesenden die brennenden Kerzen, die ihnen überreicht worden waren, zu Boden, daß sie erloschen. Solange Alexander lebte, blieb der Friede erhalten. Er starb im Jahre 1181, ein Jahr später Christian, der große Erzbischof von Mainz, der nach wie vor den Kaiser in Italien vertrat. Die Entwicklung der Verhältnisse brachte es mit sich, daß der schneidige Bekämpfer des Papstes als sein Beschützer endete. Als die Römer im Aufstande gegen den Papst Tusculum belagerten, wo er einst seinen berühmten Sieg erfochten hatte, eilte er auf den Hilferuf desselben sofort herbei, und sein Name genügte, um die Angreifer zurückzuschrecken. Von einem Fieber ergriffen starb er bald darauf, nachdem ihn der Papst, es war Lucius III., mit den Sterbesakramenten versehen hatte. So hoch schätzte Lucius seinen Retter, daß er ein Rundschreiben an die deutschen Kirchen über seine Verdienste und seinen Tod erließ und Bestimmungen für die Feier seines Gedächtnisses traf.

Wie er einst nach einem Siege Italien gleich einem Flüchtenden hatte verlassen müssen, so kehrte Friedrich nach einer furchtbaren Niederlage wie ein Sieger nach Deutschland zurück. Er hatte auf eine unmittelbare Beherrschung der lombardischen Kommunen verzichten müssen, aber die kaiserliche Oberhoheit und ansehnliche ihr zustehende Einkünfte gesichert. Seine nächste Sorge betraf das Verhältnis zu Heinrich dem Löwen, und zwar hatte er durchaus nicht im Sinn, Rache zu nehmen für die Untreue seines Vetters, die ihn so teuer zu stehen gekommen war, sondern womöglich die frühere Gemeinschaft wiederherzustellen. Wahrscheinlich war er nicht frei von Erbitterung; aber er war gewöhnt, seinen persönlichen Gefühlen das Interesse des Reichs voranzustellen, vielleicht war unwillkürlich in seiner Brust schon beides eins geworden. Ein gedemütigter, aber immer noch mächtiger Herzog von Sachsen blieb für ihn der erwünschteste Bundesgenosse, die Stütze des Reichs, wenn er sich als Reichsfürst erweisen wollte. Was man von den steinernen Herzen der Sachsen sagte, ließ sich auf Heinrich anwenden: sein Trotz wich der Verständigung, die der Kaiser suchte, aus und zwang ihn dadurch, den Forderungen des Fürstenbundes nachzugeben, der den Herzog vernichten wollte. Friedrich hatte es ausgezeichnet verstanden, die hochmütige Adelsfamilie, die im Kaiser den von ihr erwählten Vertreter ihrer Interessen sah, zugleich zu ehren und zu beherrschen; um so weniger konnte er die offene Widersetzlichkeit eines der Ihren unbestraft lassen. Oft hatten seine vielen Feinde sich gegen ihn lahm gewütet, so, dachte der Herzog, würde es wieder einmal gehen; aber er mußte erleben, daß den Geächteten fast alle seine Anhänger verließen. Unter den wenigen, die bei ihm ausharrten, war der tapfere Graf Bernhard zur Lippe. Als der Herzog sich nach verzweifelter Gegenwehr unterwerfen mußte und unter kaiserlichem Geleit nach Lüneburg kam, wo der Kaiser sich aufhielt, sagte er zu den Rittern, die ihm entgegenkamen: »Sonst pflegte ich hierzulande von niemandem Geleit zu erhalten, sondern andern zu geben!« Nur dieser karge Ausdruck des Schmerzes ist von dem gestürzten Löwen überliefert. Am meisten gewann durch seinen Untergang der Erzbischof von Köln, Philipp von Hainsberg, der, kaum daß er seine Beute in Sicherheit gebracht hatte, zum Papst überging und des Kaisers Feind wurde. Er erhielt die westliche Hälfte Sachsens mit allen herzoglichen Rechten, mit der kleineren östlichen wurde einer der Söhne Albrechts des Bären belehnt.

Bayern bekam Otto von Wittelsbach, nachdem die Steiermark davon abgetrennt worden war, Heinrich behielt seine Eigengüter, Braunschweig und Lüneburg, die später Friedrich II. mit der ehemaligen Grafschaft Stade vereinigt und zum Herzogtum erhoben einem Enkel Heinrichs übergab. Als der Kaiser den Kreuzzug antrat und die sächsischen Fürsten mit Recht fürchteten, Heinrich werde dessen Abwesenheit nützen, um sie zu überfallen, schlug Friedrich seinem Vetter vor, sich entweder mit einer sofortigen, aber nur teilweisen Wiedereinsetzung zu begnügen oder ihn ins Heilige Land zu begleiten, um nachher alle seine Lehen wiederzubekommen. Da er trotzig beides ablehnte, wurde ihm auferlegt, das Festland zu verlassen, und er ging nach England an den Hof des Königs, seines Schwiegervaters. Wie verderblich die Auflösung des sächsischen Herzogtums auch für das Reich war, im Augenblick genoß der Kaiser die Frucht seiner Zugeständnisse an die Fürsten. Sein Ansehen war größer als je und stellte sich auf dem Reichstage zu Mainz im Jahre 1184 eindrucksvoll dar. Die Schwertleite seiner beiden ältesten Söhne, Heinrichs, der schon den Königstitel trug, und Friedrichs, Herzog von Schwaben, gab Gelegenheit zu großartigen ritterlichen Spielen, an denen der Sechzigjährige sich rüstig beteiligte. Indessen war zwischen Papst und Kaiser bereits wieder eine Verstimmung eingetreten. Man hatte beim Frieden von Venedig, um nur zum Schlusse zu kommen, die Frage der Mathildischen Güter unerledigt gelassen; es war natürlich, daß sie wieder auftauchte und ebenso unlösbar blieb wie früher. Im Hinblick auf die Investitur sagte der Kaiser, er habe nachgeforscht und erfahren, daß seine Vorfahren, die alten Kaiser, Bischöfe nach Belieben gewählt und eingesetzt hätten. Soweit seine Vorfahren auf dies Recht verzichtet hätten, wolle er das auf sich beruhen lassen; was ihm aber an Rechten geblieben sei, wolle er sich nicht beschränken lassen. Da die Päpste nicht nur eine vom Kaiser ganz unabhängige Wahl der Bischöfe, sondern eine von ihnen abhängige wollten, bestand auch hierin ein unvereinbarer Gegensatz. Vollends erbitterte den Papst, was Friedrich als seinen größten Erfolg ansah, daß es ihm gelungen war, seinen Sohn Heinrich mit Constanze, der Erbin des Königreichs Sizilien, zu verloben. Wäre nicht Urban III. als Angehöriger einer Familie, die seinerzeit durch die Zerstörung Mailands schwer betroffen gewesen war, ohnehin ein unversöhnlicher Gegner des Kaisers gewesen, er hätte es werden müssen bei der Aussicht, den Kaiser als Besitzer desjenigen Landes zu sehen, auf das der Papst sich gegen den Kaiser zu stützen pflegte. Sowohl Lucius wie Urban weigerten sich, den jungen Heinrich zum König von Italien zu krönen. Großartig unbekümmert ließ Friedrich die Zeremonie durch den Patriarchen von Aquileja vollziehen und verlieh seinem Sohne selbst den Cäsarentitel. Um seinen Triumph zu vollenden, erbat sich die völlig versöhnte Stadt Mailand die Ehre, daß Heinrichs Hochzeit mit Constanze in ihren Mauern gefeiert werde.

Stellt man sich vor, wie Christian von Mainz unter dem Segen des Papstes starb und wie die Mailänder Barbarossa umjubelten, als er seinen Sohn mit der Erbin Siziliens verheiratete, will es einem vorkommen, als wären die Taten der Menschen nicht anders als Naturerscheinungen, Wolken oder Winde, die kommen und gehen, sich bilden und verschwinden, zerstören und befruchten. Und doch ist in dem verschlungenen Wechsel und der scheinbaren Wahllosigkeit eine stetige Folge und ein fester, tragischer Gang, im Schicksal des Reiches wie in dem des Kaisers und jedes einzelnen, ja zuweilen ist es, als fügten weit entlegene Ereignisse sich zusammen, um vorbestimmte Ergebnisse zu erzeugen. Von solcher Wirkung war die Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahre 1187, die im Abendlande allgemeine Erregung hervorrief und den Kaiser veranlaßte, sich selbst an die Spitze eines Zuges zur Wiedergewinnung der Heiligen Stadt zu stellen. Auf dem Reichstage zu Gelnhausen, der ein Jahr vorher stattfand, verfaßten zahlreich versammelte Bischöfe ein Schreiben an den Papst, in dem sie sich für verpflichtet erklärten, dem Kaiser, von dem sie ihre weltlichen Güter hätten, zur Seite zu stehen, und in dem sie den Papst baten, seinen berechtigten Forderungen zu entsprechen. Wieder scharten sich weltliche und geistliche Fürsten um die Krone. Diese Einigkeit des Reiches, die Befestigung der Dynastie, die sichere Stellung dem Papst gegenüber, die Wahrung der Reichsrechte in Italien, alle drei großen Erfolge waren hauptsächlich dem Charakter des Kaisers zu danken. Wieviel der Geist und Wille eines einzelnen tragen und bewegen kann, erlebten die Menschen an ihm. Daß er immer das Große und Rechte wollte und seine Person mit allen Kräften einsetzte, um es durchzuführen, das trug ihm die dankbare Liebe seines Volkes und die Anerkennung der christlichen Nationen ein. Schon die äußere Erscheinung des alten Mannes, der sich zum Kreuzzuge rüstete, vergegenwärtigte die imponierende Existenz eines Kaisers, der in harten Kämpfen das Nur-Persönliche abgestreift hat und eins geworden ist mit seinem Reich. Entwaffnet durch die heilige Aufgabe, der der Kaiser sich unterzog, erbot sich der ohnehin versöhnliche Papst Clemens seinen Sohn Heinrich, dem er die Reichsregierung übertragen hatte, und Constanze in Rom zu krönen.

Friedrich war bei den Vorkehrungen für den Feldzug so praktisch verfahren, daß man auf glückliches Gelingen hoffen konnte. Für die Verproviantierung auf der Reise war gesorgt, und damit nicht eine Menge Gesindel sich anschließe, das gewöhnlich die Kreuzzüge erschwerte, war verordnet, daß niemand, abgesehen von den Knechten und Handwerkern, mitgehen dürfe, der nicht Geld genug zum Ankauf von Lebensmitteln für zwei Jahre habe. Trotzdem ging die Reise nicht ohne Unfälle, Leiden und Kämpfe vor sich, die aber überwunden wurden, ohne daß der Kaiser an Frische und Zuversicht verloren hätte. Da, am 10. Juni 1190, ertrank er beim Baden im Flusse Saleph, womit er sich nach Übersteigung eines rauhen Gebirges erquicken wollte. Sein Sohn Friedrich führte das Heer nach Akkon, das von dem Teil des Kreuzheeres, der zu Schiffe gereist war, belagert wurde, und starb dort im Anfang des Jahres 1191 an einer Seuche.

Die Kreuzzüge

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Durch den Chronisten Eckehard von Aura erfahren wir, daß von der Kreuzzugspredigt, die im Jahre 1096 die Westfranken so mächtig aufregte, nach Deutschland keine Kunde drang, so daß die Deutschen, als Kreuzfahrer aus dem Nachbarlande über die Grenze kamen, sie als Narren verhöhnten, Narren, die, wie sie sagten, das Gewisse für Ungewisses aufgaben, das Vaterland verließen, um ein unsicheres Land der Verheißung aufzusuchen, auf ihr Eigentum verzichteten, um fremdes Gut zu erwerben. Als etwa fünfzig Jahre später Bernhard von Clairvaux die Kreuzzugspredigt erneuerte, nannten die Jahrbücher von Würzburg dies Ereignis eine schwere Heimsuchung der abendländischen Kirche, und die Prediger, die zu einem so unsinnigen Unternehmen aufforderten, Söhne des Belial und Jünger des Antichrist. Spricht auch nicht die Meinung aller aus solchen vereinzelten Äußerungen, so geht doch aus den Tatsachen hervor, daß die Idee der Kreuzzüge vom Papst ausging und von den Franzosen und Normannen am feurigsten ergriffen wurde. Eckehard von Aura erklärt die Empfänglichkeit der Franzosen damit, daß Gallien in den letzten Jahren durch Bürgerkrieg und Hungersnot sehr gelitten habe und deshalb von seinen Bewohnern gern verlassen werde; allein der Grund ist gewiß auch darin zu suchen, daß die Ritterlichkeit und Abenteuerlust des französischen Adels daheim nicht genügend Nahrung fanden. In Deutschland war das anders. Im Norden und Osten waren die Deutschen von teils heidnischen, teils noch nicht lange und nicht gründlich christianisierten Völkern umgeben, mit denen sie in einem nur selten unterbrochenen Kampfe standen. Der Gedanke lag nah und wurde auch ausgesprochen, daß die Aufgabe der Bekämpfung der Heiden ebensogut, ja besser zu Hause als in der Ferne ausgeführt werden könne, was die Päpste anerkannten, indem sie förmlich die kriegerischen Unternehmungen gegen die Slawen wie auch solche gegen die Ketzer als Kreuzzüge bezeichneten und sie an Verdienst den eigentlichen gleichstellten. Selbst Kaiser Konrad III., obwohl von Bernhard von Clairvaux angefeuert, lehnte die Beteiligung am Kreuzzuge ab, weil er bei der Unsicherheit im Reiche seine Anwesenheit mit Recht für notwendig hielt; erst als der wortgewaltige Prediger ihn öffentlich in der Kirche bestürmte, gab er nach, augenscheinlich von der Ergriffenheit Bernhards wirklich mit hingerissen. Auch beim ersten Kreuzzuge wurden in Deutschland allmählich eine nicht geringe Anzahl Menschen von der Begeisterung angesteckt oder durch sonstige Gründe zum Anschluß bewogen; sie zogen ungeordnet aus und wurden schon in Ungarn aufgerieben. Als Antrieb zur Kreuzfahrt führen zeitgenössische Chronisten mehreres an: den Wunsch, fremde Länder zu sehen, heimischer Armut und drängenden Gläubigern zu entfliehen, sich der Knechtschaft oder etwa gar der Strafe für begangene Verbrechen zu entziehen; nur wenige, meinen sie, seien erfüllt von dem Drange, ihr Leben für die Befreiung des Heiligen Grabes einzusetzen. Dennoch ist gewiß, daß die Befreiung und Eroberung des Grabes Christi ein mächtiger Impuls für viele war. Wie wer es irgend vermochte, nach Jerusalem pilgerte, um die Orte zu sehen und die Erde zu berühren, wo des Heilands Füße gestanden, in der Meinung, sich durch solche Wallfahrt zu entsündigen, sich dem Himmel um einige Stufen zu nähern, so empfand man auch die Schmach, das höchste christliche Heiligtum im Besitz der Heiden zu wissen. Ließ man doch die Fahne nicht in der Hand des Feindes; wieviel weniger wollte man ihm die Heimat und das Grab desjenigen überlassen, zu dem jeder als zu seinem Herrn und Heiland die lebendigste Beziehung hatte. Wenn sich dies Motiv auch mit der ungemeinen Reiselust des Mittelalters und anderen Absichten verschiedener Art vermischte, so war es doch immer ein allverständlicher, an seit der Kindheit gehegte Anschauungen rührender Anklang.

Von den Päpsten, zuerst von Urban II., ging die Idee der Kreuzzüge aus, wie ihnen ja auch die Aufgabe, das Christentum über die ganze Erde zu verbreiten, hauptsächlich zustand; grade das Heilige Land, der Christenheit so denkwürdig, den Ungläubigen zu entreißen, mußte ihnen am Herzen liegen. Die Kaiser, die das Schwert für den Papst führten und seinen Weltherrschaftsgedanken teilten, wären vor allen berufen gewesen, sich an die Spitze der gottgeweihten Heerfahrt zu stellen; allein erst Friedrich Barbarossa hat das erfaßt und großartig, wie es seine Art war, ins Werk gesetzt.

Als Saladin infolge seines Sieges bei Hittim Jerusalem erobert hatte, und Papst Gregor VIII. zur Wiedereroberung des Heiligen Landes aufforderte, machte das Wort des päpstlichen Gesandten auf dem Hoftage zu Straßburg allgemein tiefen Eindruck, der Kaiser selbst aber nahm das Kreuz erst, nachdem sein Streit mit dem Erzbischof von Köln beigelegt war, und die Anerkennung seines Sohnes Heinrich durch den Papst ihm die Gewähr bot, daß die Regierung des Reiches während seiner Abwesenheit in starken Händen ruhte; dann unternahm er den Kreuzzug mit seiner ganzen Energie, Umsicht und Besonnenheit. Mit Ungarn wurden Verabredungen über die Durchreise, die Ernährung, die Lieferung und Preise von Lebensmitteln getroffen, auch nach Griechenland wurden vorbereitende Boten geschickt. Die Versorgung suchte er auch durch die Bestimmung sicherzustellen, daß, abgesehen von Handwerkern und Knechten, den Zug nur mitmachen sollte, wer Geld zum Ankauf von Lebensmitteln für zwei Jahre mitnehmen könne. Für die Ordnung im Heer wurde durch strenge Vorschriften Sorge getragen. Auch daran dachte der Kaiser, durch besondere Maßnahmen die Juden zu schützen, die gewöhnlich das Opfer der Kreuzzugsbegeisterung wurden.

Die Fürstenversammlung zu Mainz im März 1188, auf der der Kreuzzug endgültig beschlossen wurde, stand nach dem Willen des Kaisers unter dem Vorsitz des Erlösers und wurde der Reichstag Jesu Christi genannt; ein Thronsessel war für den unsichtbaren Herren des Reiches, das sich so förmlich als Gottesreich darstellte, aufgerichtet. Der fast siebzigjährige Kaiser hatte das Bewußtsein, mit der Erfüllung der höchsten kaiserlichen Aufgabe sein Leben zu krönen. Soviel an ihm war, tat er, damit die Heerfahrt würdig und erfolgreich verlaufe. Die namentlich in Griechenland durch das Übelwollen von Regierung und Bevölkerung ihm bereiteten Schwierigkeiten überwand er durch kluge Selbstbeherrschung. Die Mühsal der Reise über rauhe Gebirge bei fortwährenden Angriffen der Türken bestand seine Willenskraft und sein gesunder Körper; als er beim Baden im Flusse Saleph ertrank, war es, wie wenn ein höherer Wille ihn auf dem Gipfel seines Daseins entrückte, bevor unvermeidliche Enttäuschungen und Verwicklungen ihn träfen. So wie es kam, nachdem auch des Kaisers Sohn, Herzog Friedrich von Schwaben, vor Akkon gestorben war, fiel ein tragischer Glanz auf ihn, der das Bild des alten Helden rühmlich vollendete. Allerdings nicht nur Friedrichs persönliche Existenz, auch der Fortgang der ersten großen Unternehmung der Deutschen im Orient, die sich so aussichtsreich angelassen hatte, war abgeschnitten. Ein folgenreiches Ereignis jedoch knüpfte sich an den Kreuzzug, das war die Gründung des Deutschen Ordens unter den Mauern von Akkon, zu der sich deutsche Ritter mit Kaufleuten aus Lübeck und Bremen vereinigten. Auch in der Ordensgründung sind die Franzosen den Deutschen vorangegangen. Die spätere Verlegung des Deutschen Ordens nach Deutschland und seine Tätigkeit im Osten stimmt in das Schicksal und die Neigung der Deutschen ein, sich Kolonien an den Grenzen der Heimat zu schaffen. Die orientalischen Kolonien: Jerusalem, Odessa, Antiochia, Tripolis sind von Westfranken und Normannen gegründet, die Deutschen hatten keinen Teil daran. Die Wirkung, die die Bekanntschaft mit den Sarazenen und die wirtschaftlichen Beziehungen zur Levante auf den Westen ausübte, betraf denn auch hauptsächlich Frankreich und Italien. Mittelbar indessen machte sich der wirtschaftliche Aufschwung der italienischen Handelsstädte, namentlich durch Venedig und Genua, auch für die Süddeutschen geltend, und die Erweiterung des Gesichtskreises, die Schärfung des Urteils und die Selbsterkenntnis, die jede Bekanntschaft mit fremden Ländern und Völkern zur Folge hat, erstreckte sich belebend, lösend und lockernd auch auf Deutschland.

Die Kolonisation

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Einzelne, die der Glaubenseifer in die slawischen Länder trieb, wurden meist erschlagen und ihr Märtyrertum blieb wirkungslos, nur mit militärischer Unterstützung ließ sich etwas ausrichten. Drei Nationen waren es, die durch Eroberung der slawischen Küstenländer die Ostsee erreichen, womöglich beherrschen wollten: außer den Dänen und den Deutschen die Polen. Durch ihre Anregung wurde einer der edelsten Kirchenmänner seiner Zeit, Bischof Otto von Bamberg, zum Apostel der Slawen. Er war von Adel, aber arm, von seinen Eltern für den geistlichen Stand bestimmt; um seinem Bruder nicht zur Last zu fallen, ging er nach Polen, wo er wegen Mangels an Gelehrten bald eine Stellung als Lehrer fand und sehr geschätzt wurde. Doch war er, wenn er auch gern die Werke der antiken Dichter und Philosophen las, nicht eigentlich ein Mann der Wissenschaft, aber gewandt in der Rede und ein guter Prediger, der die seltene Kunst verstand, dem einfachen Volke die Heilswahrheiten zu vermitteln. Das Anziehende, Vornehme und Würdige seiner Erscheinung wirkte mit dazu, daß er Gesandtschaften beigeordnet und dadurch mit dem König von Polen, Wladislaw Hermann, bekannt wurde. Sein Anteil am Zustandekommen der Heirat desselben mit Heinrichs IV. Schwester Judith, der Witwe des Königs von Ungarn, machte seine Beziehungen zur königlichen Familie zu freundschaftlichen, und sie dauerten fort, nachdem er auf den Wunsch Heinrichs IV. nach Deutschland zurückgekehrt war. Heinrich machte ihn erst zu seinem Kanzler, dann zum Bischof von Bamberg. Gemäß seiner Gabe, viel zu verstehen und jedem gerecht werden zu können, hielt er es in dem großen Kampfe zwischen Papst und Kaiser mit beiden, und wenn er dadurch auch zuweilen bei beiden Anstoß erregte, begriffen sie doch, daß es nicht aus feiger Berechnung geschah, und hielten ihn trotzdem wert. Er wirkte mit beim Wormser Konkordat, das die Rechte von Papst und Kaiser in bezug auf die Bischofswahlen regelte. Ein Jahr nach dem Tode Heinrichs V., 1124, richtete der König von Polen, Boleslaw III., der seinem inzwischen verstorbenen Vater gefolgt war, die Frage an ihn, ob er geneigt sei, die Bekehrung der heidnischen Pommern zu übernehmen.

Die Sachsen waren durch ihre Kämpfe gegen Heinrich IV. und Heinrich V. von den Bemühungen, die Ostseeküste zu erobern, abgelenkt; um so eher war es Boleslaw gelungen, die Pommern zu unterwerfen. Pommern, das sich zu beiden Seiten der Oder erstreckte, galt als ein wegen seiner Naturprodukte begehrenswertes Land; es war reich an Milch, Butter und Honig, Gemüse und Getreide, Wild und Fischen, und von dem Getränk, das man dort aus Honig bereitete, wurde gerühmt, es sei besser als Falerner Wein. Diese Schätze reizten jedoch den König nicht so wie das Meer; schon sein Vater hatte eingesehen, daß es eine Lebensfrage für sein Reich sei, das Meer zu erreichen, daß nur dadurch Polen in Wettbewerb mit den anderen Völkern treten könne. Es galt nun, nachdem das Land gewaltsam der polnischen Oberhoheit unterworfen war, die Bevölkerung zu christianisieren und dadurch ein wirksameres Band zu knüpfen als es das eiserne der Waffen war. Otto sagte ja zu der Aufforderung des Königs, wenn es ihm auch schwer wurde, das schöne Land, das ihm Heimat geworden war, zu verlassen; ein rüstiger Mensch weicht dem Wink des Schicksals nicht aus, am wenigsten einer Aufgabe, bei der er seine Kräfte wie nie zuvor entfalten kann. Bemerkenswert klug und vorsichtig wie ein erfahrener Mann von Welt ging er bei den Vorbereitungen der Reise zu Werke. Es war ihm bekannt, daß die Pommern halbverhungerte Asketen, die in ihr Land kamen, verachteten und voraussetzten, sie hätten es weniger auf ihr Seelenheil als auf den Überfluß ihres Landes abgesehen; um das zu vermeiden, sorgte er für ein ansehnliches Auftreten seiner Expedition und versah sich mit Stoffen und anderen Gegenständen, die er als Geschenke austeilen konnte. So erschien er in jeder Hinsicht als der Gebende, Beglückende. Die Reise ging durch den Böhmerwald nach Prag, von da über Breslau nach Gnesen, wo ihn Boleslaw empfing. Der König gab ihm einige seiner Großen als Begleiter mit, damit die Slawen gewarnt würden, sich nicht an dem unter polnischem Schutz stehenden Missionar zu vergreifen.

Der slawische Herzog von Pommern war dem Christentum geneigt und wurde durch Otto noch mehr dafür gewonnen. Offenen Widerstand fand er in Wollin, da, wo die Trümmer der Jomsburg standen, die der Sitz dänisch-wendischer Seeräuber gewesen war; aber auch die von Wollin erklärten sich nachträglich bereit, das Christentum anzunehmen, wenn die Hauptstadt, Stettin, es täte. Wohl trugen die Drohungen und Versprechungen des polnischen Königs zum Erfolge bei, mehr aber tat die Persönlichkeit und das Wort des gütigen Bischofs. Es wird berichtet, wie er zwei vornehme Knaben, deren Lieblichkeit sich in sein Herz stahl, an sich zu ziehen wußte, wie er ihnen von der Unsterblichkeit der Seele und vom Ewigen Leben sprach und sie für das Christentum gewann, wie die Mutter, die heimlich schon Christin war, von Glück überströmt, die Getauften in ihre Arme schloß, wie der Vater, zu Tode betrübt, aus Liebe zu den Söhnen, doch auch das Christentum annahm. So mochten einzelne eine innere Wandlung erfahren, sei es, daß der fremde Bischof ihnen ein höheres Menschentum darstellte, sei es, daß sein Wort ihren Horizont aufriß und einen Ausblick in tiefere Himmel öffnete; die Mehrzahl jedoch merkte sich die Tatsache, daß der Christengott mächtiger war und besser schützte als ihre Götter, ohne den entthronten nachzutrauern oder dem neuen sich zu ergeben. Otto verfuhr immer schonend. Von den Schätzen des berühmten, schöngeschnitzten Tempels zu Stettin eignete er sich nichts an, nur das Bild des dreiköpfigen Triglav nahm er für sich, um es nach Rom zu schicken. Als eine heilige Eiche gefällt werden sollte und die Bevölkerung um ihre Erhaltung bat, indem sie versprach, sie künftig nicht anzubeten, nur als schönen Baum zu verehren, gewährte er den Wunsch, vielleicht selbst gerührt von der Pracht des alten Waldhauptes. Am meisten zeigte Otto die Überlegenheit seines Geistes, als der Herzog von Pommern benachbarte heidnische Slawen unterworfen hatte und die Gefangenen als Sklaven verkauft wurden; befreien konnte er sie nicht, aber er sorgte dafür, daß wenigstens die Schwächeren entlassen und daß die Familien nicht getrennt wurden.

Wieder empfingen die Christen vom Charakter der heidnischen Pommern einen günstigen Eindruck: Diebstahl und Betrug kannten sie nicht, die Gastlichkeit trieben sie so weit, daß der Tisch bei ihnen immer gedeckt war, man brauchte nur zuzugreifen. Manche weigerten sich Christen zu werden, mit der Begründung, daß bei den Christen den Räubern die Augen ausgestochen und die Füße abgehauen würden; man wolle die Religion eines Landes nicht, wo es solche Verbrechen und solche Strafen gebe.

Otto ging bis Kolberg und kehrte dann, nachdem er seine neugewonnenen Gemeinden noch einmal besucht hatte, nach Bamberg zurück. Als er einige Jahre später Pommern zum zweitenmal besuchte, reiste er mit Vermeidung der Polen über Halle, dazu bewogen wahrscheinlich durch Lothar, der inzwischen Kaiser geworden war. Lothar erreichte auch, daß Boleslaw sein Königreich von ihm zu Lehen nehmen mußte, wodurch Pommern wenigstens mittelbar mit Deutschland verknüpft wurde. Die wichtige Frage aber, welchem Erzbistum die neue pommersche Kirche unterstellt werden sollte, wurde nicht zugunsten Deutschlands entschieden. Ein Jahr nach Ottos Tode, der 1139 starb, begründete der Papst ein pommersches Bistum Wollin und unterwarf es unmittelbar dem päpstlichen Stuhl, damit die Ansprüche sowohl des Erzbistums Gnesen wie des Erzbistums Magdeburg ausschaltend, das die Bestimmungen Ottos I. für sich anführen konnte, wie eines etwaigen Erzbistums Bamberg, das Ausgangspunkt der Bekehrung gewesen war.

Nach dem Tode Boleslaws III. sank die polnische Macht, so daß nun nur Sachsen und Dänemark um die baltische Küste kämpften. Es handelte sich zunächst um die Befriedung von Nordalbingien, dem Lande nördlich der Elbe, dem heutigen Holstein, das namentlich an der Küste von slawischen Stämmen bewohnt war. Als Nachbarn betroffen waren der König von Dänemark, der Herzog von Sachsen, der Graf von Holstein und der Erzbischof von Bremen. Als Missionar bot sich dem Herzog Lothar der tüchtige und opferwillige Priester Wizelin an. Wizelin war niedriger Geburt und stammte aus Hameln. Als junger Mann lebte er verschwenderisch in den Tag hinein, bis er sein Vermögen verzehrt hatte, dann fand er Unterkommen bei einer mildtätigen Gräfin von Eberstein, die wohl seine Begabung herausfühlte. Daß ihre Hausgenossen ihn wegen seines Mangels an Bildung hänselten, reizte seinen Stolz, er verließ das Haus der guten Frau, holte in Paderborn das versäumte Studium nach und wurde ein gelehrter und strenger Schulmeister. Nachdem er noch den Einfluß des fanatischen, später heiliggesprochenen Norbert erfahren hatte, trug er dem Herzog Lothar seinen Wunsch vor, den Slawen das Christentum zu bringen, worauf die Burg Segeberg und daneben eine Kirche gegründet wurden. Wizelin hat in Holstein teils aus Granit, teils aus Backstein die kleinen wetterfesten Kirchen gebaut, von denen viele, wenn auch nicht unverändert, noch stehen und seinen Namen tragen. Unermüdlich wanderte er durch das Land und predigte, immer wieder zerstörten die Heiden, was eben aufgebaut war. Unwirtlich, öde, armselig war die Gegend, der Wind pfiff über kahle Felder und Sümpfe. Wenn die Glocke läutete, folgten nur wenig Gläubige ihrem Ruf, wenige brachten dem alten Bischof eine Gabe. Die weltlichen Gewalten erschwerten durch Härte und Habgier seine Aufgabe mehr, als daß sie ihm nützten. Sein Nachfolger, Bischof Gerold, ein Schwabe, klein von Körper, aber großen Geistes, wollte einst, es war im Jahre 1156, in Aldenburg die Weihnacht feiern. Er fand einen verödeten Ort, ohne Mauern, ohne Einwohner, ohne Kirche, nur eine kleine von Wizelin errichtete Kapelle gab es; das war sein Bischofssitz. Schaudernd vor Kälte und im Gefühl eisiger Einsamkeit zelebrierte er zwischen Haufen von Schnee das heilige Amt, wobei niemand außer Pribislaw, dem Fürsten der Slawen, und dessen Begleiter seine Gemeinde waren. Er mußte dankbar sein, daß Pribislaw ihn nach dem Gottesdienst in ein entferntes Dorf führte und zu einem reichlichen Mahl einlud. Als Gerold den Slawenfürsten aufforderte, sich taufen zu lassen, setzte ihm dieser die traurige Lage seines Volkes auseinander. Sie würden von den christlichen Fürsten so mit Abgaben überfordert, so aufs äußerste ausgepreßt, daß für sie der Tod besser als das Leben wäre. Das Land verlassen und sich anderswo ansiedeln könnten sie nicht, denn überall drohe das gleiche Elend, sie wären also gezwungen, auf das Meer zu gehen und Seeraub zu treiben. Gerold glaubte die Anklage abweisen zu müssen; sie sollten Christen werden, sagte er, wie die Sachsen und alle übrigen Völker, dann würde man sie nicht mehr quälen. Pribislaw entgegnete, wenn der Herzog wollte, daß sie den Glauben der Sachsen teilten, solle er ihnen auch die gleichen Güter geben und die gleichen Zehnten von ihnen fordern.

Das Wort von der Liebe Gottes verhallte in den mörderischen Kämpfen wie ein menschlicher Hilferuf im Tosen von Meer und Sturm. Derjenige, der ihnen schließlich ein Ende machte, Heinrich der Löwe, ließ Gott und Christentum so ganz beiseite, daß die Geistlichen seinen Weg nicht ohne Mißbilligung verfolgten. Heinrich der Löwe, 1129 wahrscheinlich in Ravensberg geboren, erlebte als Kind die Ächtung seines Vaters, den Sturz seines Hauses und wurde durch solche Eindrücke besonders früh zur Teilnahme an den allgemeinen Angelegenheiten geführt. Mit zehn Jahren verlor er den Vater, mit zwölf Jahren die stolze, hochangesehene Großmutter, die alte Kaiserin Richenza, die ihn zum Vertreter der sächsischen Ansprüche und im Haß gegen die Staufer erzogen hatte. Mit achtzehn Jahren trat er mit seiner Forderung, in die bayrische Herzogswürde wieder eingesetzt zu werden, hervor, die sein Vetter, Friedrich I., sowie er konnte, befriedigte. Obwohl dunkel von Haar und Augen, war er mehr Sachse als Schwabe und mehr als das von dämonischem Geschlecht; unter seinem Griff und Schritt knisterte die Erde. Der Name des Löwen, den er sich gab, stand ihm wohl an: sein Wille war ihm statt Recht, was er erobern konnte, gehörte ihm. Der Jüngling ergriff die Regierung sofort wie ein Mann; soweit ihm seine Verpflichtungen gegen den Kaiser Zeit ließen, beschäftigte er sich mit der Stärkung seiner herzoglichen Macht und mit der Unterwerfung der Slawen. Vorurteile in bezug auf Rasse oder Glauben hatte er nicht; wie er sich mit dem König von Dänemark verbündete, um die Slawen zu besiegen, suchte er die Freundschaft des Slawenfürsten Pribislaw und später von dessen Sohne Niklot, ohne sich andererseits dadurch gebunden zu fühlen, wenn es ihm nicht mehr nützlich schien. Dänemark die Hälfte der gemachten Eroberungen zu überlassen, wie abgemacht wurde, war wohl von Anfang an nicht seine Absicht. Auch einem treuen Freund und Mitstreiter gegenüber, wie Adolf von Schauenburg war, mäßigte er seine Herrschsucht nicht.

Den Schauenburgern, einem reichen und tapferen Geschlecht, von deren Stammburg in der Gegend von Minden noch Ruinen vorhanden sind, verlieh Konrad II. die Grafenwürde. Lothar belehnte als Herzog von Sachsen den Grafen Adolf I. mit der Grafschaft Holstein, die von den Holsten, Stormarn und Dithmarschen bewohnt war und an das slawische Nordalbingien grenzte. Ihm folgte sein Sohn Adolf II., der ursprünglich zum Geistlichen bestimmt gewesen war und infolge seiner Erziehung nicht nur eine gründlichere Bildung, sondern auch eine tiefere Auffassung seiner Pflichten hatte, als bei den weltlichen Fürsten üblich war. Er sprach geläufig lateinisch und verstand auch das Slawische. Er bemühte sich, die unterworfenen Slawen für das Christentum zu gewinnen und kultivierte das neugewonnene Land in großartiger Weise durch Ansiedlung von Friesen, Holländern und Westfalen, denen er es unter vorteilhaften Bedingungen überließ. Auf einer Insel zwischen den Flüssen Wackenitz und Trave, wo die Slawen in einem heiligen Hain die Götter verehrt hatten, gründete er die Stadt Lübeck, die die günstige Lage an der Ostsee schnell erblühen ließ. Da Heinrich durch sie seine binnenländische Stadt Bardewiek benachteiligt fand, verlangte er, daß Adolf ihm Lübeck abtrete, als sich Adolf weigerte, vernichtete er Lübecks Handel; das Ende war, daß Adolf um der Stadt und um des Friedens willen nachgab und sie dem Herzog schenkte. Graf Adolf, den der Chronist sowohl wegen seiner Herzensgüte wie wegen seiner Klugheit rühmt, fiel im Jahre 1164 in der großen Slawenschlacht bei Demmin, die über seinem Leichnam in einem vollständigen Siege endete. Wenn Heinrich der Löwe ihm, seinem väterlichen Freunde, an verständiger und menschlicher Gesinnung nachstand, so überragte er ihn an Willensgewalt und Macht der Persönlichkeit. Da er sich als König geboren fühlte, behandelte er alle, die sich weigerten, ihm untertan zu sein, als Rebellen. Unterwarfen sie sich, sorgte er für sie als König. Bei seinen Städtegründungen, Lübeck und Schwerin, verfuhr er mit außerordentlicher Weitherzigkeit; denn er behielt sich nur die hohe Gerichtsbarkeit vor, übrigens gestand er den Bürgern volle Selbstverwaltung zu, in der Meinung, so am sichersten das Gemeinwesen zur Blüte zu bringen. Entsprechend dem germanischen Begriff der Eigenkirche erhielten die Bürger das Recht der Pfarrerwahl für die Pfarrkirche. Es ist nicht unmöglich, daß Heinrich in seiner Städtepolitik durch seinen Schwiegervater Konrad von Zähringen beeinflußt war, der schon vor Jahrzehnten mit großer Liberalität die Stadt Freiburg gegründet hatte; aber vor allem leitete ihn der sichere politische Blick, sein natürliches Erbe. Den kühnen Geist der sächsischen Kaufleute, die mit ihren Handelsreisen ein wirtschaftliches Netz über das Meer nach England und Skandinavien und im Osten bis Rußland spannten, erkannte er als dem seinigen verwandt, er verband sich mit ihm und machte ihn sich zunutze. Auch in der Beziehung zu den Slawen zeigte er großen Sinn. Kam es ihm mehr auf ihre Abgaben an als auf ihr Seelenheil, so wollte er sie auch nicht als Heiden vernichten, und an dem Kreuzzuge, der gegen sie unternommen wurde, beteiligte er sich nur ungern. Nationale Abneigung lag ihm fern, er überließ dem Slawenfürsten Pribislaw, der ihm treu blieb, einen Teil Mecklenburgs als Fürstentum. Pribislaw ist der Ahnherr der Dynastie, die bis 1918 in Mecklenburg regiert hat. Zwar wenn man liest, daß Graf Gunzelin von Schwerin, des Herzogs treuer Diener, jeden Slawen, der anderswo als auf der richtigen Straße angetroffen wurde, ohne sich ausweisen zu können, aufhängen ließ, so sieht man, daß der unwillkürlich verdrängende Druck, den die arbeits- und ordnungsgewöhnteren Deutschen auf die Slawen ausübten, durch gewalttätige Maßregeln verstärkt wurde. »Allenthalben sind die Slawen aufgerieben und vertrieben worden; vom Ozean ist starkes und unzähliges Volk gekommen, das der Slawen Land gewann.« So, mit wenigen Sätzen beschließt der Pfarrer Helmold zu Bösau am Plöner See, der Chronist dieser Kämpfe, die Geschichte vom Untergang der Slawen in Deutschland. »Die kläglichen Überreste der Slawen sahen sich infolge des Getreidemangels und der Verheerung ihrer Felder gezwungen, sippenweise zu den Pommern oder Dänen zu fliehen, die sie erbarmungslos an die Polen, Sorben und Böhmen verkauften.« Sie waren die Besiegten, die Schwächeren. Keineswegs fehlte es ihnen an Tapferkeit und kriegerischer Kraft; denn jahrhundertelang hielten sie sich nicht nur gegen die Deutschen, sondern warfen sie zurück und wüteten unter ihnen mit derselben Grausamkeit, die sie erlitten hatten. Weichen mußten sie schließlich der größeren Leistungsfähigkeit der arbeitsamen Deutschen und der höheren Entwicklung ihrer Landwirtschaft. Ihren krummen Pflug ohne Eisen würden sie wohl nicht so lange behalten haben, wenn sie weniger unruhig, weniger träge, mehr geneigt zu andauernder, regelmäßiger Arbeit gewesen wären. Die Deutschen empfanden, solange sie einigermaßen frei und des Ertrages ihrer Arbeit sicher waren, die Arbeit nicht als Fluch, sondern als wesentlichen Inhalt ihres Lebens und Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Wie die Tüchtigkeit der Deutschen anerkannt wurde, geht daraus hervor, daß auch slawische und andere fremde Fürsten sie zur Besiedlung ins Land riefen.

Neben Heinrich dem Löwen und Adolf von Holstein waren Erzbischof Wichmann von Magdeburg und Albrecht der Bär große Kolonisatoren. Beide stammten aus der Gegend des Harzes. Erzbischof Wichmann hat das Land Jüterbog besiedelt und die Stadt Jüterbog gegründet und mit dem Magdeburger Recht beschenkt. Der schöne, lebenslustige Mann, ein treuer Anhänger des Kaisers, gehörte zu den Gegnern Heinrichs des Löwen, suchte aber doch immer eine persönliche Verständigung zu ermöglichen. Er hielt seine Stadt Magdeburg in fester Hand; aber von ihm stammt eine Urkunde, in der er bei Begründung einer Schusterinnung festsetzt, dieselbe solle keine andere als selbstgewählte Behörden über sich haben, weil Ehre und Nutzen ohne Freiheit als gemeine Knechtschaft anzusehen sei. Mit derselben Liberalität verfuhr er bei Ansetzung der Siedler; sie brauchten weder Haus- noch Bodenzins zu zahlen, bis sie einen genügenden Ertrag ihres Anbaus erzielt hatten. Albrecht der Bär hat die Altmark und die Mark Brandenburg an das Reich gebracht und mit Deutschen besiedelt. Er hatte mit dem slawischen Fürsten von Brandenburg einen Erbvertrag geschlossen, und es ist überliefert, als derselbe gestorben sei, habe seine Frau seinen Tod verheimlicht, bis der von ihr benachrichtigte Albrecht unbemerkt angekommen sei, um die Regierung zu übernehmen. Auch die Lausitzen, die jahrhundertelang ein zwischen Polen, Böhmen und Deutschen schwankender Besitz waren, wurden um diese Zeit endgültig germanisiert. Schon der berühmte Wiprecht von Groitzsch, der zur Zeit der letzten salischen Kaiser auf den Granitfelsen bei der späteren Stadt Bautzen als Markgraf mächtig waltete, hatte Franken, Holsten, Bayern und Thüringer ins Land gerufen, die in den Namen noch blühender Familien eine Spur gelassen haben. Für die Christianisierung und Germanisierung der Gegend der südlichen Elbe und ihrer Nebenflüsse waren von jeher die Bischöfe von Meißen tätig.

Was die Bauern von Westfalen, Holland, Friesland, Flandern veranlaßte, ihre Heimat aufzugeben und auszuwandern bis in die Wälder eines ungarischen Grenzlandes, wo Wolf und Luchs und Elentier heimisch waren, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Aus zeitgenössischen Andeutungen muß man schließen, daß es zum Teil Küstenbewohner waren, denen Sturmfluten das noch nicht eingedeichte Land entrissen hatten, zum Teil diejenigen Bauernsöhne, die, während der Jüngste nach holländischem und flämischem Recht den Hof erbte, ihr Glück in der Fremde zu suchen pflegten. Aber abgesehen von den besonderen Umständen ist es natürlich, daß aus dem überreich besiedelten Westen stets ein Teil der Bevölkerung abzuströmen bereit war. Man sieht, wie groß die Zahl der freien Bauern im nordwestlichen Deutschland noch gewesen sein muß, denn die Hörigen würden ihre Herren nicht in so großer Zahl entlassen haben. Daß die benachbarten Grundherren sie bedrückten und abhängig zu machen suchten, wird sie mit bewogen haben, den weiten Weg nach dem Osten zu wagen.

Deutschland konnte noch verschwenden mit Land und mit Menschen. Zahllose wurden aufgerieben, zahllose waren sofort wieder da, ebenso kampflustig, arbeitstüchtig und todbereit, und unabsehbar harrten ihrer rauhen Hände die lehmige Scholle, der Sumpf, die unendlichen Eichen- und Buchenwälder. Daß ein so weites, nur dünn bewohntes Gebiet zwischen Elbe und Oder und zwischen Oder und Weichsel dem wachsenden Volke als Kolonialland zur Verfügung stand, war ein unermeßliches Glück. Es bedeutete nicht nur einen Machtzuwachs, sondern es gab dem ganzen Volke Gelegenheit zur Betätigung, den Armen Brot und verhinderte, daß Massenarmut entstand. Waren die Städte des Westens überfüllt, so konnte hier, auf dem Lande und in neugegründeten Städten, die Freiheit eine Zuflucht finden.

Die letzten Hohenstaufer

Inhaltsverzeichnis

Was die Langobarden, was die Karolinger, was die starken Ottonen und die herrischen Salier vergebens erstrebten, das schien nun den Staufen zuzufallen: die Herrschaft in Italien. Das südliche Reich, das im Besitz Griechenlands geblieben war, das dann die Normannen erobert und zur Verfügung des Papstes gestellt hatten, das hatte Barbarossa an seinen Sohn gebracht. Eine neue märchenhafte Welt tat sich den Deutschen auf, wo das Grab des großen Zauberers Virgil und der Eingang zu den Höhlen des Hades waren, wo die heidnischen Sarazenen mit den Künsten des Orients die christliche Seele berückten. Vom Baltischen Meere bis zum Adriatischen und zum Mittelmeere breitete sich das Heilige Reich und schon wuchs es hinüber nach Afrika und nach Asien. Es verlor nicht im Norden, was es im Süden gewann, vielmehr dehnte es sich weiter und weiter nach dem Osten, und bald konnten seine Kaufleute, ohne fremdes Gebiet zu berühren, Bernstein von der samländischen Küste nach Palermo führen. Inmitten des mittäglichen Glanzes, der wie ein Mantel von Feuer das Stauferreich umstarrte, lief zuweilen ein Schauer über die Seele des deutschen Volkes. War es das ahnungsvolle Bewußtsein, daß es nicht gut ist, die Höhe erreicht zu haben, weil alle natürlichen Dinge sich auflösen müssen und von der Höhe zur Tiefe streben? An der Mosel sah man auf schwarzem Geisterroß Dietrich von Bern vorübergleiten. Trieb den Unbesiegbaren die Sorge um sein bedrohtes Volk? Ein anderer Schatten rührte sich im aufgewühlten Abgrund und stieg warnend ans Licht: der Antichrist. Immer von Zeit zu Zeit beunruhigte diese apokalyptische Gestalt die Gemüter; jetzt zog ihn das Gefühl des Endes herbei, den man auch den Endekrist nannte. In dem Spiel vom Antichrist, das wahrscheinlich am Ende des 12. Jahrhunderts in Deutschland aufgeführt wurde, mischte sich dies Endgefühl mit dem stolzen Bewußtsein der durch den König verwirklichten Weltherrschaft. Seinen Triumph, dem sich alle Mächte unterordnen, den auch Frankreich anerkennt, das auf die Nachfolge Karls des Großen und die Weltherrschaft Anspruch erhob, unterbricht der Antichrist mit den Schicksalsworten: Meines Reiches Stunde ist gekommen. Nicht die Reichsfeinde führen seinen Sturz herbei, von der gottähnlichen Macht des Bösen umgarnt, steigt er selbst vom Throne und legt seine Krone dem Antichrist zu Füßen. Wie im germanischen Mythos von der Götterdämmerung der Bruch des Rechtes durch die Götter das Ende herbeiführt und rechtfertigt, so hier der Abfall des Kaisers von Gott, da er das verlarvte Böse nicht mehr vom echten unterscheidet.

Die Nachricht vom fernen Tode Barbarossas ging wohl wie eine Wolke über die Mittagsglut des Reiches; aber sie brannte fort, obwohl der Umstand, daß die Söhne der Heroen entartet zu sein pflegen, den Übergang der Herrschaft auf die Erben eines Großen gefährlich macht. Alle Kinder Friedrichs I., seine fünf Söhne, wie seine Töchter, starben jung; zwei von den Söhnen allerdings, Konrad, Herzog von Sachsen, und Philipp, der jüngste, durch Mord. Heinrich, schon zu Lebzeiten des Vaters Mitregent, entsprach äußerlich nicht dem Bilde der Deutschen von ihrem Kaiser; wohl war er schön von Gesicht, aber dunkel und schmächtig. In der Kunst des Herrschens glich er dem Vater, nur daß alle seine Äußerungen um eine Schwingung härter und schärfer waren. Ein Liebesgedicht, das von ihm vorhanden ist, zeigt, daß er sich ritterliche Bildung angeeignet hatte, und deutet vielleicht auf Stunden des Spiels und der Schwärmerei, die ihm beschieden waren; es begleitet mit wehmütigem Flug seinen blutigen Gang durch die Geschichte.

Zwei Ziele verfolgte Heinrich VI.: das Königtum in Deutschland erblich zu machen und sich Süditalien zu unterwerfen, auf das er durch seine Heirat mit Constanze Anspruch hatte, beides fast aussichtslose Unternehmungen. Bedenkt man, daß alle Könige die Erblichkeit der Krone, wenn auch meist nur im einzelnen Falle, angestrebt hatten, und daß immer mehr von Fürsten und Papst gemeinsam der Grundsatz der Erblichkeit heftig bekämpft wurde, erscheint es wie ein Wunder, daß auf einem Hoftage zu Würzburg im Jahre 1196 der junge Kaiser die Annahme desselben durchsetzte. Wahrscheinlich verzichtete er schon bald danach auf den erlangten Erfolg, um die Stimmen widerstrebender Fürsten für die Wahl seines Sohnes zu gewinnen; eine Erbmonarchie in Deutschland hätte auf die Dauer wohl weder die Eifersucht der Stämme noch die geographische Beschaffenheit Deutschlands gelitten. Auch in Unteritalien erreichte er, was er wollte: nach grausamer Unterdrückung des Widerstandes mußte sich Sizilien unterwerfen. Mit den ungeheuren Reichtümern, die ihm aus dem Schatz der normannischen Könige zufielen, sicherte er sich die Anhängerschaft der deutschen Fürsten und Ritter. Eine zweite außerordentliche Einnahme verschaffte ihm die Gefangenschaft von Richard Löwenherz, der sich nur durch ein großes Lösegeld die Freiheit erkaufen konnte. Den Papst gewann er dadurch, daß er das Kreuz nahm, vermutlich ohne die Absicht, selbst den Kreuzzug anzutreten. Die nüchterne Art, wie er, einzig den politischen Nutzen im Auge, die Gebote der Ritterlichkeit und zuweilen auch die der Ehre und Menschlichkeit beiseite ließ, mißbilligte mancher Zeitgenosse; etwas Unheimliches lag in seiner Verbindung mit der Fremden, die Mutter seines Sohnes war und als Vertreterin ihres Volkes ihn haßte und, wie es hieß, ihn vergiftete. Wenn die trotzigen deutschen Fürsten keinen Widerspruch gegen ihren schneidigen Herrn wagten, wenn die Sizilianer sich unterwarfen und selbst das Glück an ihn gefesselt schien, der Tod blies gleichgültig das stolze Licht aus.

In Deutschland überwog noch die Anhänglichkeit an die staufische Dynastie; aber in Italien war das Aufschnellen des Widerstandes um so heftiger, je straffer die Zügel gespannt gewesen waren. Nachdem die Staufer nahe daran waren, eine Erbmonarchie in Deutschland zu errichten, und Sizilien erobert hatten, waren die Päpste entschlossen, sie zu vernichten. Zu diesem Zweck verbanden sie sich mit den lombardischen Städten. Wären die deutschen Könige Herren im Süden, Herren in der Lombardei und dazu noch Herren in der Toskana durch den Besitz der Mathildischen Güter, so konnte Rom, von allen Seiten eingeschlossen, ihnen nicht entgehen; sie waren dann in Wahrheit Könige von Italien. Das Gefühl, Rom zu sein, Italien zu sein, erfüllte die Päpste mit der Energie nationaler Leidenschaft. So wenig wie einst die Langobarden wollten sie jetzt die Deutschen in Rom und Italien dulden, wie einst der Frankenkönig mußte jetzt ein Fürst gewonnen werden, um Italien zu befreien. Der tragische Widerspruch, daß der Papst schicksalsmäßig Nachfolger der Cäsaren geworden war und doch kein Schwert führte, vielmehr durch sein Amt zum Friedensfürsten bestimmt war, macht das Dämonische seines Wütens gegen die Kaiser, die er selbst gerufen und gesalbt hatte, verständlich. Ohnmächtig im weltlichen Sinn konnte er nur durch Fluch und Bann, durch das Gift der Verleumdung wirken.

Lothar von Segni, der als Innocenz III., erst 37 Jahre alt, Papst wurde, erklärte seinen Standpunkt, indem er sagte, dem Fürsten werde die Macht auf Erden, dem Priester aber auch die Gewalt im Himmel verliehen, jenem nur über den Leib, diesem auch über die Seele. Soviel die Würde der Seele die des Leibes überrage, ebenso überrage die Würde des Priestertums die des Königtums. Einen Einfluß auf die Königswahl habe der Papst zu beanspruchen, weil das Reich ihm seinen Ursprung und seine Vollendung verdanke, den Ursprung, weil er das Reich von Griechenland nach Rom verpflanzt habe, die Vollendung, weil er dem König die Kaiserkrone verleihe. Die Staufer nannte er ein Geschlecht von Verfolgern der Kirche; er würde, wenn er einen Staufer kröne, einem Räuber Waffen gegen sich selbst in die Hand drücken. Die Fürsten indessen, geistliche wie weltliche, bestritten dem Papst in bestimmten Ausdrücken das Recht zur Einmischung in die Wahl, und Heinrichs Bruder Philipp, ein liebenswürdiger und beliebter Mann, hatte sich allgemeine Anerkennung erkämpft, als er von Otto von Wittelsbach, der sich von ihm beleidigt glaubte, ermordet wurde. Otto, Heinrichs des Löwen Sohn, den Innocenz als Angehörigen einer der Kirche ergebenen Familie unterstützt hatte, trat als unbestrittener Kaiser sofort in den unentrinnbaren Gegensatz ein, indem er mit Nachdruck die Reichsrechte auf Italien geltend machte und sich zur Eroberung Siziliens anschickte. »Es reut mich, den Menschen gemacht zu haben«, sagte Innocenz mit den Worten Gottes. Ungefährlicher als der rücksichtslose Welfe kam ihm der jugendliche Friedrich vor, Heinrichs VI. Sohn, der als sein Mündel in Sizilien aufgewachsen war und mit dem er in gutem Einvernehmen stand. Als der Achtzehnjährige ins Reich aufbrach und durch Rom kam, begegneten sich der mächtige Papst und der stolze Staufer zum ersten und einzigen Male. Innocenz starb vier Jahre später; vorher hatte er die Genugtuung, auf einem Konzil im Lateran den aufsässigen Welfen abzusetzen. In der Kirche hat er das monarchische Prinzip, das er im Reich so schneidend bekämpfte, gestärkt und in allen Ländern außer Frankreich die Bischöfe von sich abhängig gemacht.

Im 7. und 8. Jahrhundert wiesen es die Päpste streng zurück, wenn sie als allgemeine Bischöfe angeredet wurden, weil sie dadurch den übrigen Bischöfen, ihren Brüdern, zu nahe träten. Sie wollten nicht mehr sein als die andern, nur wenn einer sich vergangen hätte, wollten sie sie zurechtweisen und in Fällen des Streites oder der Ungewißheit entscheiden dürfen. Innocenz III. beschränkte ihre Rechte, bis sie nicht viel mehr als Beamte des Papstes waren. Der Geist Roms richtete sich gebieterisch auf. Wozu einzelne Päpste den Grund gelegt hatten, das stand nun hüllenlos massiv da: die römische Weltherrschaft in der Hand der Päpste. Wiedergekommen war die Vergötterung der Cäsaren, die einst die christliche Kirche als Blasphemie der Heiden verdammt hatte. Innocenz III. sagte, er sei weniger als Gott und mehr als die Menschen und legte den Ton mehr auf das Erhobensein des Sterblichen in die Nähe der Allmacht als auf den Zwischenraum, der ihn noch von Gott trennte. Dasselbe Ziel verfolgte Gregor IX. in anderer Art. Innocenz war ein großer Organisator, umsichtig, immer seiner Zwecke bewußt und seine Mittel beherrschend mit der ruhigen Sicherheit des reifen Mannes. Gregor war alt, als er zur Regierung kam, und das Alter milderte seine Leidenschaft nicht, sondern steigerte sie zu äußerstem Ungestüm. Er mußte große Taten in eine kurze Spanne zwingen, mußte mit dem Feuer des Geistes die Gebrechlichkeit des Körpers ersetzen. Der Stil der päpstlichen Kurie, der von jeher eine Mischung spätrömischen Pompes und frommer Rührung gewesen war, schwoll grell an. Gregor entzündete einen roten apokalyptischen Himmel über Italien und Deutschland. Aber auch in das Kaisertum drang römischer Atem ein. Friedrich I. zwar hatte die römischen Ideen nur benützt, sich nicht davon beherrschen lassen; aber schon Heinrich VI., vor dem, als er in Palermo einzog, das Volk sich wie vor einem Gott in den Staub warf, begann in Sizilien eine Herrschaft aufzurichten, deren zentralistischer Charakter der deutschen Auffassung widersprach. Friedrich II. vollendete den Beamtenstaat, den er unumschränkt wie ein Despot regierte, wie der Papst über die sterblichen Menschen in die Nähe der Gottheit entrückt. Auch in Friedrichs Kanzlei wurde ein gebauschtes Pathos üblich; zwei Mächte stießen aufeinander, die sich bewußt waren, auf einer Ebene zu Häupten der Menschheit zu kämpfen.

Friedrich II. suchte sich im Beginn seiner Regierung mit Innocenz und dessen Nachfolger Honorius gut zu stellen, indem er förmlich versprach, erstens sein Königreich Sizilien nicht mit dem Reiche zu vereinigen, sondern es, sowie er Kaiser geworden wäre, seinem Sohne Heinrich zu übergeben, zweitens einen Kreuzzug zu unternehmen. Nachdem er im Jahre 1219 zum Kaiser gekrönt war, blieben beide Versprechungen unerfüllt. Die Vorwürfe des Papstes gab er zurück, indem er sagte, daß Honorius schlecht qualifizierte niedere Leute als Kreuzzugsprediger nach Deutschland schicke. Als Gregor Papst wurde, verfingen die Ausflüchte nicht mehr. Friedrich solle, sagte er, sich von den Lüsten der Welt abkehren, dem Himmlischen zu. Ihm sei eine dreifache Krone verliehen: von Deutschland, der Mutter, erhalte er die Gnadenkrone durch die freie Wahl der Fürsten, von der Lombardei, der Stiefmutter, die Krone der Gerechtigkeit, vom Papste, dem Vater, die Krone des Ruhmes, die ihm den Vorrang vor allen Gewalten der Welt gebe und das Reich mit Christus, der ebenfalls mit einem dreifachen Diadem gekrönt sei. Keinen geringen Rang gestand Gregor seinem Gegner mit diesem prachtvollen Bilde zu; er dachte groß genug, sich mit einem Ebenbürtigen messen zu wollen. Im Spätsommer desselben Jahres schiffte sich Friedrich, um den Kreuzzug anzutreten, in Brindisi ein; aber plötzlich wurde er krank, wie er sagte, und mußte zurückbleiben. Das entfachte den Streit von neuem. Ohne Untersuchung setzte Gregor voraus, daß die Krankheit des Kaisers vorgetäuscht sei, und exkommunizierte ihn, sich darauf stützend, daß der Kaiser selbst sich dem Bann verfallen erklärt hätte, wenn er sein Versprechen nicht erfüllen sollte. Friedrich beantwortete den Angriff damit, daß er allen Klerikern, Ordens- und Weltgeistlichen in Sizilien befahl, den Gottesdienst wie immer abzuhalten, widrigenfalls er ihre Güter einziehen würde, und daß er die angesehensten römischen Familien zu seinen Vasallen machte, indem er ihnen ihre Güter abkaufte und sie damit belehnte. Dann unternahm er die Kreuzfahrt und errang einen über alle Erwartung glänzenden Erfolg. Ohne Kampf, durch persönliches Verhandeln und kluges Eingehen auf die Eigenart der Sarazenen bewirkte Friedrich, daß der Sultan ihm Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, die hochheiligen Orte Palästinas, dazu Tyrus und Sidon überließ; einzig der Tempel des Herrn in Jerusalem sollte unter sarazenischer Bewachung bleiben, weil die Sarazenen dort zu beten pflegten, aber den Christen sollte freier Zutritt zur Verrichtung ihrer Andacht gewährt sein. Verschiedene andere Vergünstigungen kamen dazu. Es war ein Erfolg, der einem Wunder glich und wie ein Gottesurteil zugunsten des Kaisers erschien. Trotzdem beherrschte Friedrich sich so weit, daß er sich zwar die Krone in Jerusalem aufsetzte, aber einen Gottesdienst, weil er gebannt war, nicht abhalten ließ. Daß gleich darauf Gesandte des Papstes erschienen und in seinem Namen die heiligen Stätten mit dem Interdikt belegten, hob das Ansehen des Kaisers; denn während dieser den Christen des Heiligen Landes Frieden und Recht brachte, störte jener den Frieden und das Gebet. Die Tatsache, daß der Kaiser, der das Heilige Land gewann, vom Papst gebannt war, ließ nicht nur in Deutschland, sondern auch in einem Teil des Auslandes den Kaiser als einen Gläubigen, den Papst als einen Friedensbrecher erscheinen.

Daß Friedrich eine so maßvolle Haltung bewahrte, war Verdienst des Deutschordensmeisters Hermann von Salza, dem daran lag, die beiden Häupter der Christenheit in ein gutes Verhältnis zu bringen. Auf seinen Rat hörte der Kaiser wie sonst auf wenig Menschen, weil er ihn achtete und fühlte, daß er immer das jeweils Beste wollte. Von dem nicht größten, aber interessantesten aller Kaiser ist wie vom Zebra schwer zu sagen, welches die Grundfarbe seines Charakters war. Er war nicht, wie sein Großvater Friedrich Barbarossa, der allem und allen gegenüber unerschütterlich der gleiche war, aus Heiterkeit und Zorn immer wieder in das Gleichgewicht ruhigen Ernstes übergehend. Friedrich II. liebte es, mit den Dingen zu spielen, es gab nichts, was seine italienische Skepsis nicht benagte; aber er selbst wollte sehr ernst genommen sein, und das geheiligte Fundament, auf das er sich stellte, durfte nicht angetastet werden. Er erlaubte sich kecke Scherze über christliche Glaubenssätze, betonte aber zugleich seine Rechtgläubigkeit, verfolgte die Ketzer und führte die Sprache des bibelfesten Bekenners im witzigen Munde. Sein scharfer Verstand durchdrang Dinge und Menschen, durchschaute alle Falschheiten und sah hinter hochtrabenden Ankündigungen die niedrigen Absichten; das gab ihm ein Gefühl der Überlegenheit und ließ ihn die Menschen verachten. Vor nichts hatte er Ehrfurcht außer vor seiner kaiserlichen Würde. Er ermahnte seinen Sohn Konrad, eifrig zu studieren, damit er tüchtig und weise werde. Denn die Könige, schrieb er ihm, werden geboren wie die übrigen Menschen und sterben auch wie sie. Sie hörten auf, Könige zu sein, wenn sie die königliche Weisheit vergäßen und sich von Privatinteressen beherrschen ließen. Dann aber sprach er von dem edlen Blut der Fürsten, dem ein feiner und edler Geist eingegossen sei, und er pflegte vom Blut der Staufer als vom Reichsgeblüt oder dem Blut der Göttlichen zu sprechen. Solche Ausführungen waren zuweilen ein Redeprunk, den er für angemessen hielt und über den er in manchen Augenblicken vielleicht lachte, da er wirklich überzeugt war, daß Könige Menschen wären wie alle Menschen; zugleich aber fühlte er sich hoch über allen Menschen sowohl durch seine Abkunft wie durch seine Begabung und Persönlichkeit. Er hatte zu seinem kühlen Verstande und nüchternen Scharfblick die Vehemenz des Genies und das schmerzlich selige Selbstbewußtsein des Letzten einer bedeutenden Familie. Auch seine äußerliche Erscheinung war nicht einfach: man rühmte sein schönes Gesicht und sein königliches Auftreten, aber seine Kurzsichtigkeit und früh eintretende Kahlköpfigkeit veranlaßten einen Araber zu der Bemerkung, als Sklave würde er nicht viel gegolten haben. Da er das Schillernde seines Wesens und das Vielfachgeschliffene seines Geistes empfand, liebte er die schlichten, festgegründeten, einfachen Menschen wie Hermann von Salza und Landgraf Ludwig den Heiligen von Thüringen; diesen hatte er durch Hermanns Vermittlung kennengelernt. Auch darin war er italienisch, daß ihm Freundschaft der Männer mehr galt als Liebe der Frauen. Er war viermal verheiratet und hatte Liebesverhältnisse mit mehreren Frauen, ohne daß eine jemals Einfluß auf ihn gehabt zu haben scheint. Die Söhne, die aus den flüchtigen Verbindungen hervorgingen, liebte er mehr als die rechtmäßigen. Auch die Nahestehenden sah er zuweilen mit den Schlangenaugen an, die seine Feinde ihm zuschrieben, voll böser Kälte, und doch konnte er rückhaltlos vertrauen und warmherzige edle Männer an sich fesseln.

Hermann von Salza verstand den schwer zu durchdringenden italienisierten Staufer in seiner Größe und wußte ihn anderen verständlich zu machen. Ihm hauptsächlich mag es zu verdanken gewesen sein, daß eine Versöhnung zwischen Papst und Kaiser stattfand und daß diese vorläufige Klammer eine Zeitlang hielt. Die Ordnung seines sizilianischen Staates und ein Aufenthalt in Deutschland beschäftigten den Kaiser; sowie er aber mit einem auserlesenen, hauptsächlich aus Süddeutschen bestehenden Heere zurückkehrte, um die Lombardei zu unterwerfen, brach Gregor aus der mühsam bewahrten Zurückhaltung vor. Die Argumente, deren er sich bediente, waren die eines Papstes, aber sein Haß war der eines Königs von Rom und Italien. Friedrich solle nicht die Lombarden bekämpfen, sagte er, sondern die Sarazenen, mit denen aber verkehre er in Freundschaft, einer schnöden, verwerflichen für einen christlichen Kaiser. Solle er Italien, sein Erbland, verlieren, rechtfertigte sich Friedrich, um das entfernte Land der Sarazenen zu erobern? Wäre er, ein einzelner Mensch, imstande, die mächtigen Sarazenen zu besiegen? Gerade darum wolle er Italien unterwerfen, das reich an Waffen, Pferden und allen erdenklichen Schätzen sei, weil er diese Schätze zum Kampfe gegen die Ungläubigen verwenden wolle. Als dann Friedrich seine natürliche Tochter Selvaggia dem Ezzelino von Romano zur Frau gab und damit einen treuergebenen Anhänger in der Lombardei gewann, seinen Sohn Enzio mit der Erbin von Sardinien verheiratete, über das der Papst Lehensrechte zu haben behauptete, als er endlich den entscheidenden Sieg bei Cortenuova über die Mailänder erfocht, schleuderte der Alte in wütender Verzweiflung alle Waffen gegen den triumphierenden Feind, die ihm zur Hand waren. In der Bulle Ascendit de mare, Aus dem Meer steigt ein Tier, goß er über ihn aus, was der Haß ihm eingab und was sich ihm an Verleumdung und Klatsch darbot. Friedrich spiegele der Welt vor, er habe das Heilige Land befreit; in Wirklichkeit habe der Sultan nichts als die Mauern Jerusalems ihm abgetreten. Er verfolge die Christen, nicht die Sarazenen. Er habe gesagt, die Welt habe sich durch drei Betrüger täuschen lassen: Jesus, Moses und Mohammed, zwei von ihnen seien auf der Höhe ihres Ruhmes gestorben, der dritte, Jesus, sei am Galgen aufgehängt worden. Er leugne, daß Gott von einer Jungfrau geboren sei, er behaupte, daß die Menschen nichts zu glauben brauchten, was nicht durch die natürliche Vernunft bewiesen werden könne. Er sei ein Ketzer, das Tier der Apokalypse, der Vorläufer des Antichrist; er sei es und höre es gern, wenn man ihn so nenne.

An einem Tage des Jahres 1239, während Friedrich in Padova, wo er mit einem Elefanten, fünf Leoparden und 24 Kamelen im Kloster Santa Giustina abgestiegen war, auf der Stadtwiese den Spielen zusah, die dort jährlich abgehalten wurden, exkommunizierte ihn der Papst von neuem. Das traf ihn tief; wie wenig er auch sein Seelenheil dadurch gefährdet glauben mochte, so wenig unterschätzte er doch die Folgen des Bannes durch das Vorurteil der Menschen. Nicht nur, daß seine Feinde sich seiner bedienen konnten, auch unter seinen Anhängern erregte er Unsicherheit. Im Banne war er nicht mehr der Unantastbare, der heilige Kaiser; er war gebrandmarkt, ob zu Recht oder Unrecht. Zunächst allerdings wurde die Stellung des Kaisers nicht erschüttert. Frankreich, das Gregor mit der Kaiserkrone lockte, die er dem französischen König zuzuwenden versprach, lehnte vorsichtig ab. Wie komme der Papst dazu, wurde ihm geantwortet, einen so großen Fürsten vom Throne zu stoßen, ohne daß er der ihm vorgeworfenen Verbrechen überführt sei? Das könne nur ein Konzil tun. Würde der Papst mit französischer Hilfe den Kaiser entthronen, würde er alle Fürsten der Welt mit Füßen treten, stolz geworden, weil er den großen Friedrich zerschmettert habe. Ebensowenig ließen sich die deutschen Fürsten zum Abfall bewegen, sie drangen viel mehr in den Papst, der Zwietracht ein Ende zu machen, die das Reich mit Aufruhr und Mord erfülle. Die Volksstimmung in Deutschland war vollends ganz und gar kaiserlich. »Römische Sendlinge und ihr Gebot – Ist jetzt Pfaffen- und Laienspott«, sang der Dichter Freidank. In Schwäbisch-Hall traten Ketzer auf, die behaupteten, der Papst, die Bischöfe und Prälaten wären Ketzer, Kaiser Friedrich und sein Sohn Konrad wären vollkommen und gerecht. Auch kriegerisch hatte Friedrich Erfolge. Er drang siegreich im Kirchenstaate vor, und Gregor geriet in Gefahr, sein Gefangener zu werden. Er erbot sich zum Frieden unter der Bedingung, daß die lombardischen Städte einbezogen würden, was Friedrich ablehnte.

Ungefähr zur selben Zeit, als Gregor den Bann über den Kaiser verhängte, starb Hermann von Salza, der als sein guter Genius begütigend und vermittelnd neben ihm hergegangen war. Ein grausamer Zug tritt seitdem mehr und mehr in Friedrichs Wesen hervor. Wer sich ihm widersetzte oder ihm zu widerstreben schien, wurde ohne Nachsicht, hohnvoll, dem Untergang geweiht. Die Dominikaner und Franziskaner, die dem Papst anhingen, wurden aus dem Königreich Sizilien vertrieben. Als die Belagerung von Faenza, einer päpstlichen Stadt, sich lange hinzog, ließ der Kaiser siebzig Bürger, die aufgegriffen waren, aufhängen. Ebenso einen Sohn des Dogen von Venedig, weil er mit den Venetianern im Streit war und sie ihn geschädigt hatten. Die Gesandten, die zu Schiff nach Rom reisten, um einem Konzil beizuwohnen, das der Papst berufen hatte, nahm Friedrichs Sohn Enzio nach einer siegreichen Seeschlacht gefangen. Nicht nur, daß der Erzbischof von Besançon dabei ertrank, es starben noch mehrere während der langen Gefangenschaft, in der Friedrich sie hielt. Dies Verfahren gegen hohe Geistliche verschiedener Länder wirkte verstimmend. Der Kaiser aber drang unaufhaltsam gegen Rom vor, immer enger zog er die Schlinge um den geängsteten Gregor; da entriß der Tod den alten Mann seinem Feinde und bewahrte die Welt vor dem Zusammenstoß der rasenden Gestirne.

In Gregors Nachfolger, dem Genuesen Innocenz IV., hoffte Friedrich einem ihm wohlgesinnten Manne zu begegnen; aber der Papst führte die kaiserfeindliche Politik Gregors, womöglich schärfer, unerbittlicher fort. Verkleidet floh er nach Rom, versammelte dort ein Konzil und entthronte und verfluchte Friedrich in Gegenwart von dessen Kanzler Thaddaeus von Suessa, der vergeblich seinen Herrn zu verteidigen versuchte. In Deutschland erklärten sich die Erzbischöfe von Mainz und Köln für den Papst; sie setzten die Wahl des Landgrafen Heinrich von Thüringen durch und nach dessen Tode des Grafen Wilhelm von Holland. Beide bekämpften Konrad als König von Deutschland mit wechselndem Glück, keiner konnte es zu durchschlagendem Erfolge bringen. Friedrich überlebte die endgültige Spaltung um fünf Jahre, zwar nicht besiegt, aber tief erschüttert. Die Untreue seines Kanzlers Petrus von Vinea, den er viele Jahre hindurch als unentbehrliche Stütze betrachtet hatte, die Gefangennahme des fröhlichen Enzio, seines Sohnes, dessen kriegerische Schneidigkeit sich so oft bewährt hatte und den auszulösen ihm nicht gelang, mußten ihm als Vorzeichen des Zusammenbruchs erscheinen. Aber welchen Schmerz und welche Bitterkeit er auch empfand, der Welt zeigte er immer die Heiterkeit, die als Merkmal des Königtums galt, wie es die Art der Sonne ist, zu strahlen. In sein Testament versiegelte er die Rache, damit nicht sein Tod seinen Feinden zugute käme. »Wir wünschen und befehlen, daß keiner der Verräter am sizilischen Reich jemals in dasselbe zurückzukehren und niemand aus ihrem Geschlecht in deren Rechte und Besitzungen einzutreten wage, unsere Erben seien vielmehr gehalten, an ihnen Rache zu nehmen.« Der Kirche, bestimmte er, sollten alle ihre Rechte zurückerstattet werden, jedoch ohne Schädigung des Reiches und der Ehre des Kaisertums und seiner Erben, und wenn die Kirche ihrerseits die Rechte des Kaisertums zurückerstatte. Ebenso treu ihrem Haß waren die Päpste. Friedrichs Sohn Konrad versuchte vergeblich zu einer Verständigung mit ihnen zu kommen, nicht nur Innocenz, sondern auch seine Nachfolger erklärten, daß sie keinen Sprossen des verfluchten Geschlechts der Hohenstaufer auf dem Thron der Könige und Kaiser dulden würden. Innocenz tat sofort nach Friedrichs Tod Schritte, um sich in den Besitz Siziliens zu setzen, starb aber, ohne etwas erreicht zu haben. Im selben Jahre folgte ihm Konrad im Tode nach. Manfred, Friedrichs Liebling, der sternenäugige Sohn der Bianca Lancia, der alle die glänzenden Eigenschaften des Vaters geerbt zu haben schien, schön, mutig, dichterisch begabt, hochgebildet war, verteidigte das Königreich mit Glück. Trotz seines überwiegend italienischen Ursprungs schmückte ihn die Blondheit der Staufer. An seinem Hofe sammelte sich alles, was der Süden Italiens an hoher Bildung und fremdartigem Reiz hervorbrachte. Er trug, so glaubte man, einen Zauberring, mit dem er Dämonen beschwören konnte und der später in den Besitz der Päpste gelangt sein soll. Ohne Erfolg für die Päpste zog sich der Krieg um Sizilien hin, bis Clemens IV. den Bruder des Königs von Frankreich, Karl von Anjou, ihn zu führen bewog. Manfred fiel in der unglücklichen Schlacht bei Benevent; zwei Jahre später wurde Konradin, der sechzehnjährige Sohn König Konrads und der Elisabeth von Bayern, in der Schlacht bei Tagliacozza besiegt und in Neapel hingerichtet. Es war im Jahre 1268. Die Schande, mit der dies unerhörte Verfahren den Namen Karl von Anjou unvertilgbar befleckte, war die einzige Strafe, mit der das Schicksal den Henker des jungen Königs zeichnete. Das unkönigliche und unritterliche Wüten gegen den Hochgeborenen und seine Getreuen erregte Widerwillen nicht nur bei den Ghibellinen Italiens und Sympathie für den Jüngling, der mit Anmut und dem Anstand eines Königs zu sterben wußte. Es wird erzählt, daß Konradin, nachdem seine Witwe gewordene Mutter sich mit dem Grafen Meinhard von Tirol vermählt hatte, sich nicht mehr vor ihr erhob, wie er früher getan hatte, und das damit begründete, daß sie ihr erlauchtes Geschlecht durch die Heirat mit einem weit unter ihr Stehenden verleugnet habe; er als König und Sohn des Kaisers werde ihr nun nicht mehr die Ehre erweisen, die der römischen Kaiserin gebührt habe. Der Fluch der Kirche und der Abfall des Glückes beugten den Stolz des Hohenstaufenblutes nicht. Wie gering auch die Aussicht war, den Kampf zu gewinnen, in dem sein mächtiger Großvater, sein Vater und sein Oheim gescheitert waren, er wußte, daß seine Ehre forderte, ihn aufzunehmen und seinen Vorfahren, wenn nicht an Glück und Ruhm, so doch an hohem Sinn zu gleichen, und starb königlich. Jahrzehnte später zeichnete ein Mönch von Winterthur eine erstaunliche Nachricht auf, die ihm mitgeteilt worden war: als König Konradins Haupt gefallen sei, habe sich ein Adler mit raschem Fluge vom Himmel herabgestürzt, habe seinen rechten Flügel durch das Königsblut gezogen und sei so, mit blutiger Schwinge, aufgestiegen und in den Wolken verschwunden. So ließ der Volksglaube das Herrengeschlecht in die göttliche Heimat zurückkehren.

Weithin leuchtend wie die Mittagshöhe des Reichs und der Staufer war ihr Untergang. Heinrich, Friedrichs Erstgeborener, wurde von seinem Vater zum römischen König und Regenten von Deutschland bestimmt, eine Belastung, für die er nicht nur zu jung, sondern auch, wie es scheint, zu leichtherzig, zu wenig klug und zu wenig charaktervoll war. Er erzürnte seinen Vater dadurch, daß er sich von der ungeliebten Margarete von Österreich scheiden wollte, um Agnes von Böhmen zu heiraten, und er verdarb es mit den Fürsten, weil er die Städte begünstigte. Friedrich verfuhr gegen ihn mit mehr als Härte, mit einer Grausamkeit, die den Sohn zum Äußersten trieb; er knebelte ihn so mit Vorschriften und Bedingungen, daß er den Königsnamen fast zum Hohne trug. Als der Ratlose sich mit den lombardischen Städten verbündete, bat Friedrich selbst den Papst, seinen Sohn zu exkommunizieren. Er lag erst in Heidelberg gefangen und wurde dann nach Apulien gebracht. Die Gelegenheit wahrnehmend, als er aus einem Kerker in einen anderen geführt werden sollte, riß er sich unterwegs von seinen Begleitern los und stürzte sich mit seinem Pferd in den Abgrund. Er war noch nicht dreißig Jahre alt. Friedrich ließ ihn in ein mit Gold und Silber gesticktes Gewand kleiden, worin Adlerfittiche eingewebt waren, und in einem marmornen Sarkophage in der Kirche von Cosenza beisetzen.

Enzio, der Sohn einer adligen Deutschen, der, wie man sagte, dem Vater am meisten ähnlich sah, soll versucht haben, in einem Fasse verborgen der bolognesischen Gefangenschaft zu entfliehen, aber durch eine seiner goldenen Locken verraten worden sein. Lange erheiterten ihm Liebe und Freundschaft und die eigene Liebenswürdigkeit die Öde der Gefangenschaft; aber im Lauf der Jahre verstummten sein Gesang und seine Gedichte. Er starb im Jahre 1272, überlebte also Konradins Tod um vier Jahre. Friedrichs Tochter Margarete, die den Wettiner Albrecht von Meißen geheiratet hatte, mußte einer Geliebten ihres Mannes weichen und starb bald darauf in einem Kloster in Frankfurt am Main. Die Sage erzählt, sie habe, als sie bei Nacht flüchtend ihre Kinder habe verlassen müssen, ihren kleinen Sohn Friedrich vor Schmerz in die Wange gebissen. Er trug später den Beinamen »mit der gebissenen Wange« oder der Freidige. Er betrachtete sich als den Erben Siziliens, ohne den Anspruch jemals verfechten zu können. In der Art, wie er inmitten der größten Widerwärtigkeiten immer heiter blieb, sogar zu scherzen liebte, zeigte er die Eigenart der staufischen Ahnen. Sein Sohn, Friedrich der Lahme, ein lieblicher Jüngling, wurde in der Nähe von Leipzig ermordet. Beatrix, die junge Tochter des ermordeten Königs Philipp, starb, war es Zufall oder dunkler Zusammenhang, kurz nachdem sie die Frau Ottos, des Nachfolgers ihres Vaters geworden war. Mit Geierblicken spähte das Geschick nach jedem gezeichneten blonden Haupte, wo immer es sich verbarg.

Wenn das Gerücht umging, Konrad, der Sohn der Kaiserin Isabella, sei von seinem Halbbruder Manfred vergiftet, und wiederum, Konrad habe Heinrich, den Sohn der Konstanze von Aragon, Friedrichs erster Frau, umbringen lassen, so sieht man, daß seit Heinrich VI. ein düsterer, fast diabolischer Zug sich in das Antlitz der Dynastie eingegraben hatte. Im Gedächtnis der Deutschen erhielt sich davon nichts. Sie verehrten in ihnen die Imperatoren, die den hohen Gedanken des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation glorreich verkörperten. Ihr Dasein empfindet man zwischen den Trümmern des Palastes von Gelnhausen, wenn man unter den gebrochenen Bogen des festlichen Saales über die wuchernden Gebüsche der Weiden und Schwarzpappeln hinweg zur Marienkirche hinübersieht, wenn man auf den gestürzten Kapitellen die edlen Linien der staufischen Adler erkennt, wenn man in den Gassen der kleinen, ärmlichen Stadt den schneidenden Atem des Schicksals spürt. Oder man fühlt es beim Hohenstaufen, wo Graf Friedrich von Büren, nachdem er Schwiegersohn Heinrichs IV. geworden war, die Burg erbaute, nach der sich künftig seine Familie nannte. Von dieser Burg, wo die unglückliche Irene, des ermordeten Königs Philipp junge Witwe, nachdem sie ein Kind geboren hatte, mit diesem starb, ist nichts übriggeblieben; der Wind streicht über Gras und Steine. Aber diesen niedrigen Hügel, an dessen Fuße Schafe weiden, umzieht ein geisterhafter Saum, türmt die Erinnerung hoch zu einem heroischen Mal. Nichts hat sich verwirklicht, was die großen Träumer wollten, die von hier ausgingen; aber sie selbst wurden unsterblich an ihren vergeblichen Taten.

Kaufleute

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Als König Hettel von Hegelingen die Kunde von der schönen Hilde vernahm, deren Vater, der König von Irland, alle, die um sie warben, töten ließ, bemächtigte sich seiner der Wunsch, die verbotene Frucht zu besitzen; und er versammelte seine Vasallen und Freunde, um mit ihnen zu beraten, auf welche Weise er sie gewinnen könne. Da schlug Herr Frute von Dänemark vor, sie wollten Schiffe mit Waren beladen und als Kaufleute verkleidet nach Irland fahren, damit der wilde Hagen sie ohne Arg empfange und sie Gelegenheit hätten, die Königstochter zu sehen und vielleicht zu entführen. Der Plan wird ins Werk gesetzt, sie erreichen die Königsburg, werden freundlich aufgenommen, richten am Strande Buden auf, in denen sie kostbare Waren auslegen, schleichen sich in die Gunst der königlichen Familie ein, und nachdem der Däne Horand durch sein Singen das Herz der schönen Hilde bezaubert und die Einwilligung ihrer Mutter gewonnen hat, bitten sie um Urlaub und fahren mit dem Mädchen davon. In dem Volksmärchen vom treuen Johannes wird ein ähnlicher Vorgang erzählt: ein junger König verliebt sich in das Bild der Königstochter vom Goldenen Dache, und um sie zu erlangen, die augenscheinlich ebenso wie jene Hilde von einem gewalttätigen Vater behütet wird, verkleiden sich der König und sein alter Diener als Kaufleute und befrachten ein Schiff mit goldenen Gegenständen, die zu diesem Zweck kunstfertig hergestellt worden sind. Der Anblick der zierlichen Dinge verleitet die Königstochter, das Schiff zu besteigen, worauf die Anker gelichtet werden und der König die Entführte gewinnen kann.

In beiden Fällen wird darauf gerechnet, daß der Kaufmann ein gern gesehener, ein ersehnter Gast ist. In der Königsburg auf Irland werden die vermeintlichen Kaufleute vom Stadtrichter und den Bürgern freudig empfangen, und das Geleit, um das sie bitten, wird bereitwillig vom König erteilt. Man hat den Eindruck, daß sie nicht nur wegen der Waren, die sie führen, sondern auch als Bringer von Neuigkeiten willkommen sind. Allerdings sagt der alte Wate, ein ganz und gar auf Kampf eingestellter Recke, stolz ablehnend, er sei kein Handelsmann, wenn er Gut gewinne, pflege er es mit seinen Helden zu teilen, und die Herren halten auch darauf, mehr zu verschenken als zu verkaufen; immerhin aber halten sie sich nicht zu gut, um bürgerliches Kaufmannskleid anzulegen und als Kaufleute aufzutreten, und als solche werden sie auch vom König Hagen freundlich aufgenommen und zu Gaste geladen. Ihr großartiges Auftreten, ihre ritterlichen Künste fallen zwar auf, aber an Betrug wird nicht gedacht; es erscheint als möglich, daß Kaufleute zugleich Landbesitzer sind, viele Knechte haben, mit den Waffen umgehen können und mit Adligen wie mit ihresgleichen verkehren. Der gute Gerhard von Köln, eine legendäre Figur des Hochmittelalters, ein Kaufherr, der mit seinem Schatz an Waren gefangene Christen eingelöst und deshalb den Beinamen des Guten bekommen hat, erscheint als des Erzbischofs Freund und wird vom englischen Adel, der ihm zu Dank verpflichtet ist, zum König von England gewählt; er lehnt großmütig ab. Zum Geistlichen, zum Dynasten, Ritter und Bauern, dem Personal des frühen Mittelalters, tritt der Kaufmann als ein neues, fremdartiges Element, das vereint mit dem Handwerker eine neue, die bürgerliche Kultur begründet.

Die ältesten Städte Deutschlands waren die Römerstädte am Rhein und an der Donau, Köln, Mainz, Basel, Straßburg, Regensburg und andere. In manchen von ihnen gab es noch bedeutende römische Bauten, wie zum Beispiel in Trier, das kaiserliche Residenz gewesen war; allmählich aber verfielen sie, besonders wenn Normannen oder Ungarn zerstörend einbrachen, dann auch, weil sie als Steinbrüche beim Herstellen neuer Gebäude benützt wurden. Daß in die Städte königliche Pfalzen und Bischofssitze gelegt wurden, gab ihnen eine neue Bedeutung und Blüte. Das eigentliche Wesen der Stadt jedoch, ihren eigentümlichen Charakter im Gegensatz zum Lande, was sie zu Stätten des Friedens, des Rechtes und der Freiheit, zu selbständigen, hochwichtigen Gliedern des Reiches machte, das war der Markt, die Niederlassung von Kaufleuten und Gewerbetreibenden. Man sieht das bei den Gründungen neuer Städte, die seit dem 12. Jahrhundert von vielen Fürsten vorgenommen wurden, und die darin bestanden, daß der betreffende Fürst eine Anzahl von Kaufleuten zur Ansiedelung veranlaßte, indem er ihnen Vorteile in Aussicht stellte.

Sicherlich gab es immer da, wo Pfalzen oder Bischofssitze waren, Händler; denn die zahlreichen Personen, die mit einer Hofhaltung verbunden waren, hatten Bedürfnisse an Lebensmitteln und anderen Dingen, die nicht nur durch bäuerliche und handwerkliche Hörige befriedigt werden konnten. Im Orient, der Wiege uralter Kulturen, dem Schoß märchenhafter Schätze, gab es edle Produkte und Erzeugnisse höchst verfeinerter Industrien, die aus China, Persien, Kleinasien, Indien erst in Byzanz, dann auch an den arabischen Handelsplätzen Bagdad, Damaskus, Basra, Trapezunt und Samarkand zusammenströmten. Aus China und Byzanz kamen Seide und andere kostbare Gewebe, namentlich Purpurstoffe, die im Westen zur Bekleidung und zu kirchlichen Gewändern und kirchlichem Schmuck dienten. Der Rubin von Ceylon, der Türkis und Lapislazuli von Persien, Smaragd und Saphir aus Ägypten, Beryll und Karneol und andere Halbedelsteine wurden im Westen von Männern und Frauen getragen und im Kunstgewerbe, namentlich an Reliquienbildern, verwendet. Edle Hölzer gebrauchte man beim Färben, zum Auftragen der Farben, um den Farben größere Leuchtkraft zu geben, wie auch zu feiner Schreinerarbeit, so das Aloeholz, das Brasil- und Sandelholz. Perlen kamen aus dem Indischen Ozean, Elfenbein aus Afrika und Indien. Die Kunst des Glasmachens, die von Juden betrieben wurde, brachten diese nach Venedig; aber das Glas aus dem Orient, namentlich das aus Damaskus, galt als das bessere. Moschus, Ambra und Weihrauch waren begehrte Wohlgerüche, den Balsam gebrauchte man zur Herstellung von Salböl und zum Erhalten der Leichen. Lange glaubte man, daß die Balsamsträucher, die nicht weit von Kairo am Rande der Wüste wuchsen, wo der Überlieferung nach Maria mit dem Kinde auf der Flucht nach Ägypten gerastet hatte, die einzigen auf der Welt wären. Pfeffer, Ingwer und Zimmet waren als Gewürze hochgeschätzt. Als Süßstoff verwendete man in Deutschland im allgemeinen noch lange den Honig, während der Zucker, den die Kreuzfahrer in Kleinasien kennenlernten, weil er sehr teuer war, nur als Heilmittel bei Brustleiden in die Spitäler kam. Friedrich II. sorgte für Neubelebung der Kultur des Zuckerrohrs, das durch die Araber nach Sizilien verpflanzt war.

Die Völkerwanderung hatte den Handel in Deutschland nicht ganz beendigt: immer wanderten kluge und kühne Männer, allen Gefahren trotzend, vom Westen nach dem Osten, nach Norden und Süden, wo sie Waren eintauschen und absetzen konnten. Juden und Friesen erscheinen zuerst als Kaufleute. Von Byzanz aus ging der Strom des Handels eher nach Norden und Osten als nach dem Westen, Wikinger, Araber und Slawen waren Vermittler. Schleswig und das sagenberühmte Jumne an der Mündung der Ostsee waren Handelsplätze, die auch die Frankenreiche versorgten, in der Nähe von Elbing soll sich ein Handelsmittelpunkt der slawischen Preußen befunden haben, in Rußland waren Kiew und Nowgorod Märkte. Im zehnten Jahrhundert tauchen in Deutschland die Namen von Kaufleuten auf, die sich augenscheinlich Reichtum und Ansehen erworben hatten. Als Otto I. mit dem byzantinischen Kaiser Konstantin Porphyrogenetos freundschaftliche Beziehungen anknüpfen wollte, wählte er zum Überbringer von Geschenken einen reichen Kaufmann Luitfred, der in Mainz wohnte. Zum Führer einer Gesandtschaft nach Spanien an den Kalifen Abderrahman III. bestimmte er einen Kaufmann von Verdun, namens Ermanhard, weil der in Spanien gut bekannt war, und ließ ihm später noch einen anderen folgen. Es scheint aber, daß von Deutschland aus nur vereinzelt ein unmittelbarer Verkehr mit Byzanz gepflegt wurde; regelmäßig bezogen die deutschen Kaufleute, nachdem Jumne und Schleswig verfallen waren, die Erzeugnisse des Orients aus Italien. Erst waren es Amalfi, Salerno, Neapel und Gaeta, die mit Byzanz handelten, später trat Venedig mit diesen Städten in Wettbewerb und erlangte die Vorherrschaft. Die deutschen Kaiser trugen Sorge, günstige Verträge mit der betriebsamen Meerstadt abzuschließen. Sie blieben mit der selbständigen in besseren Beziehungen, als sie mit der abhängigen vielleicht hätten erhalten können. Durch die Lage an der Straße nach dem Süden kam Augsburg empor, durch die Lage an der Donau Regensburg; seit dem elften Jahrhundert waren die Verhältnisse in Ungarn geordnet genug, daß dieser Wasserweg benützt werden konnte. Vielerlei verband König und Kaufleute. Die Wege, die sie benützten, waren hauptsächlich die Ströme und Meere, aber auch Landwege, zunächst die alten Römerstraßen, denen sich in merowingischen und karolingischen Zeiten neue anschlossen. Die Notwendigkeit, auf Strömen und Straßen mehr Schutz zu finden, als die eigene Kraft und Waffengewandtheit sicherte, auf den Märkten mit ihren Waren zugelassen zu werden, wies sie an die Geneigtheit des Königs, dem die Straßen im Reich, Märkte, Zoll und Münze gehörten. Dem König flossen die verschiedenen Abgaben zu, die der Handel abwarf, die er allerdings in den meisten Fällen seinen kirchlichen und weltlichen Lehensleuten abtrat; aber er hatte trotzdem Interesse an der Zunahme des Verkehrs, der das Ansehen und den Reichtum der Länder hebt und der zunächst eine Angelegenheit des Friedens ist. Als Beschirmer des Friedens im Reich und in der Welt war er der natürliche Beschützer des Kaufmanns, dessen Tätigkeit auf den friedlichen Beziehungen der Völker untereinander beruhte. Weil der König sie in seinen besonderen Schutz nahm, wurden die Kaufleute im Ausland homines imperatoris, Leute des Kaisers, genannt. Es war üblich, daß der König einen neugegründeten Markt durch einen Kauf eröffnete, war er abwesend, tat es ein Stellvertreter, indem er einen Handschuh des Königs verkaufte. Ein Marktkreuz, das Bild eines bewaffneten Arms, einer bewaffneten Hand deuteten auf den königlichen Rechts- und Friedensschutz und auf die Bestrafung des Gesetzübertreters oder Friedensstörers. Verlieh der König, wie er häufig tat, Markt, Zoll und Münze an Bischöfe oder weltliche Dynasten, so blieb er doch der eigentliche Herr, der Ursprung des Rechtes, und an ihn wandte man sich im Falle der Benachteiligung. Die Nachfolger Ottos des Großen gründeten Märkte an den Plätzen, wo häufiger Aufenthalt ihrer Familie, Klostergründungen und Bischofssitze mehr oder weniger dörfliche Ansiedelungen hervorgerufen hatten; so entstanden Quedlinburg, Nordhausen, Halberstadt und namentlich Magdeburg. Außerdem erhoben sie durch Urkunden Märkte, die schon früher bestanden hatten, zu gesetzlichen, rechtmäßigen. Ein dörfliches Ansehen behielten zwar die Städte, auch die großen, noch lange; dennoch wehte eine andere Luft in der Stadt als auf dem Lande, eine Luft, die frei machte.

Träger des neuen Geistes, der in das bäuerliche Deutschland eindrang, waren hauptsächlich die Kaufleute, und das Mittel, durch das sie wirkten, war das Geld. Sie waren auf eine andere Art reich als die Herren von Grund und Boden, die sich mit Fleisch und Eiern von ihren Bauern, mit Gewand und Mantel von ihren Lehensherren mußten versehen lassen. Ihr Geld konnte man in die Tasche stecken und damit kaufen, was einem gefiel, Menschen und Dinge, Ansehen und Freiheit. Die altgermanische Anschauung, daß Freiheit und Bürgerrecht an den Besitz von Grund und Boden gebunden sei, wurde durch sie gelockert. Auch der, welcher nichts besaß, auch der Hörige konnte in der Stadt persönlich frei und durch seine Arbeit vielleicht wohlhabend werden. Zwar fühlte sich der Kaufmann, da er frei war, dem Hörigen oder aus der Hörigkeit hervorgegangenen Handwerker ständisch übergeordnet; aber er dachte doch nicht daran, ihn in persönliche Abhängigkeit herabzudrücken, er förderte ihn sogar, indem er die Idee des Stadtbürgertums als einer gleichberechtigten Einheit schuf. Verglichen mit dem Bauer, dem Krieger, dem Geistlichen war der Kaufmann vorurteilsfrei. In den fremden Ländern erlebte er die menschlichen Eigenschaften fremder, auch heidnischer Völker; er nahm zwar seinen Gott und sein Gebet überall mit; aber er hielt sich doch, wenn das gefordert wurde, bescheiden damit zurück und fand sich mit den fremden Göttern ab. Vielleicht liebte er die Heimat inbrünstiger als der, der sie nie verließ; aber er lernte die Vorzüge der Fremden kennen und lernte sich mit ihnen zu verständigen. Obwohl er in den Waffen geübt war, bedurfte er doch noch eines anderen Mutes als der Krieger, der mit dem Schwerte zu entscheiden gewohnt war: in mancher Lage half ihm nur die dreifache Macht des Geldes, des Wortes und der Persönlichkeit. Auch dem Besitz gegenüber, obwohl Geldgewinn sein Geschäft war, war er freier als andere, weil er raschen Wechsel ohne Schuld erfuhr. Er dachte und fühlte in weiteren Grenzen als die meisten seiner Zeitgenossen. Solche Eigenschaften machten den Kaufmann fähig, aus der Stadt einen freien, geordneten Staat zu machen. In gewissem Sinne war er die Stadt: er stand am Steuer, er gab die Richtung, er trug die Verantwortung.

Wenn die Anziehungskraft, die der hausierende Kaufmann mit seinem bunten Kram und seinen Nachrichten aus nah und fern auf jedermann ausübte, auf die Stadt übertragen wurde, wo er sich ansiedelte, die er bewegter, reizender machte, so dachte doch die Geistlichkeit anders. Es ist begreiflich, daß die Bischöfe denen zürnten, die ihnen ihre Rechte als Stadtherren zu entwinden suchten und meist auch wirklich entwanden, daß der Klerus überhaupt die Neuerer witterte, die ihn aus dem Mittelpunkt der Kultur verdrängen sollten; aber auch ohne den Antrieb der Selbsterhaltung, aus ihrer Weltauffassung heraus war die Kirche dem Kaufmann feind. In kirchlichen und namentlich in mönchischen Kreisen wurde den Kaufleuten nur Böses nachgesagt. Man schalt sie Räuber, Trinker, Meineidige. Thomas von Aquino hat den Handel als erlaubt bezeichnet, wenn der Händler sich damit begnüge, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wie konnte er das bei der Art des kaufmännischen Geschäftes, das ein bedeutendes Kapital erfordert, bei den Aufgaben, die ihm als der regierenden Schicht in der Stadt gestellt wurden. Die Notwendigkeit, mehr Geld zu verdienen, als er brauchte, reizte den Kaufmann, mehr und immer mehr Geld und Gut aufzuhäufen, bis er schließlich von der Lust am Besitz beherrscht wurde; die Kirche hatte nicht ganz unrecht, wenn sie befürchtete, der Kaufmann möchte nicht nur selbst das Irdische über das Himmlische setzen, sondern durch den Luxus, an den er das Volk gewöhnte, materielle Gesinnung überall verbreiten. Die ungerechte Besitzverteilung, die Kluft zwischen Reichen und Armen, den Wucher und den Luxus hatte der heilige Ambrosius als die Ursachen vom Untergang des Römerreiches bezeichnet; die Kirche behielt das im Sinn und sah mit Unwillen diese Grundschäden von neuem keimen. Sie hielt daran fest, daß das Bauerngewerbe von Gott eingesetzt sei und die hauptsächliche Beschäftigung der Menschen bleiben müsse. Mit weit vorschauendem Blick sah sie Gefahren, die sich viel später auswirkten, Gefahren, die mit dem reicher sich entfaltenden Leben verbunden sind und die man nicht unterdrücken könnte, ohne das Leben selbst in seiner Quelle und Fülle zu verschütten.

Städte

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Als Barbarossa Herzog Heinrich von Sachsen bekämpfte, zog er vor Lübeck und forderte es auf, sich ihm zu unterwerfen. Da die Stadt zu Wasser und zu Lande eingeschlossen und Entsatz nicht zu hoffen war, baten die Bürger den Kaiser, er möge ihnen gestatten, den Herzog, ihren Herrn, zu fragen, was sie tun sollten. Vielleicht in Rücksicht auf das Ansehen ihres Bischofs Heinrich, der ihre Bitte vortrug, vielleicht auch in Rücksicht auf die Bedeutung der Stadt selbst, nahm der Kaiser das treuherzige Ansinnen gnädig auf, wenn er auch nicht unterließ, es als Anmaßung zu bezeichnen. Der Herzog stand dem Kaiser an Billigkeit nicht nach; er erteilte Lübeck die Erlaubnis, zum Kaiser überzugehen. Jubelnd begrüßten die Bürger den Kaiser, als er einzog, und das war nicht Wankelmut des Pöbels, der jede Fahne beklatscht; denn der Kaiser war ja der Herr aller, insbesondere der Herr der Märkte, war der Herr, dessen Herrschaft Freiheit bedeutete. Der König konnte und wollte nicht alle Städte selbst verwalten, es genügte ihm, wenn sie ihm, dem stets Geldbedürftigen, die regelmäßigen Zahlungen leisteten. Selbstverwaltung und eigene Gerichtsbarkeit, das war es, was alle Städte erstrebten; hatten sie es dahin gebracht, die hohe Gerichtsbarkeit, den sogenannten Blutbann, an sich zu bringen, so war die Reichsunmittelbarkeit vollendet, die Stadt war ein sich selbst regierender Staat im Staate geworden. Lag die Stadt nicht von vornherein auf königlichem Grund und Boden, so konnte das Ziel nur allmählich erreicht werden, bald in Kämpfen, bald mit Schmiegen und Beugen. Lübeck ließ sich, als Heinrich der Löwe während der Abwesenheit Barbarossas zurückblieb, seine Herrschaft wieder gefallen und bequemte sich auch unter die Herrschaft König Waldemars II. von Dänemark. Friedrich II. war so sehr in erster Linie König von Italien, daß er der Ausbreitung der dänischen Macht im Norden des Reiches nicht nur nicht entgegentrat, sondern sich damit einverstanden erklärte. Er trat dem dänischen König das allerdings von demselben bereits eroberte Nordalbingien, die Lande jenseits der Elbe und Weser, ab, ausdrücklich betonend, keiner seiner Nachfolger oder der Fürsten des Römischen Reiches dürfe wegen dieser Gebiete, weil sie früher einmal dem Römischen Reiche untertänig gewesen wären, den »viellieben Herrn König Waldemar« beunruhigen. Die Wiedergewinnung dieses so wichtigen Küstenlandes geschah ohne Friedrichs Zutun durch den Grafen Heinrich von Schwerin, dem ein köstlicher Fang glückte: er nahm den Dänenkönig in seinem eigenen Land und Zelt gefangen. Die Schicksalsgunst nützte Friedrich aus, indem er als Bedingung von Waldemars Befreiung Rückgabe Nordalbingiens, ein ungeheueres Lösegeld und den Vasalleneid verlangte; aber erst dem Grafen von Schwerin, dem beherzten kleinen David, gelang es, in den Schlachten bei Mölln und Bornhövede 1225 und 1227 den mächtigen Gegner zu besiegen und das Land wirklich zurückzuerobern, vom Herzog von Sachsen und Grafen von Schaumburg unterstützt. Lübeck, das in der Schlacht bei Bornhövede, der Überlieferung nach unter seinem Bürgermeister Alexander von Soltwedel, tapfer mitkämpfte, hatte schon vorher, sowie es von den Dänen befreit war, Gesandte nach Italien an den Kaiser geschickt, um sich die von Barbarossa verliehenen Privilegien bestätigen zu lassen. Vermutlich beraten von seinem Freunde Hermann von Salza, der die mächtig erblühende Stadt am Baltischen Meer in seine Ostseepläne einbezog, unterzeichnete Friedrich im Jahre 1226 die kostbare Urkunde, die die Grundlage von Lübecks Reichsfreiheit wurde: Concedimus firmiter statuentes ut predicta civitas Lubiciensis libera semper sit – Wir gewähren der Stadt Lübeck, daß sie immer frei sei.

Grundsätzlich begünstigt hat keiner der Hohenstaufen die Städte, und das lag auch nicht in ihrem Interesse. Abgesehen davon, daß die Städte damals erst aufstrebende Mächte waren, mußte der Kaiser auf die Fürsten Rücksicht nehmen, die seine Wähler waren und die ihm die Mannschaft für seine Feldzüge nach Italien lieferten. Er konnte nicht wohl die Städte in ihren häufigen Kämpfen gegen die Bischöfe, wo sie meist dem Buchstaben nach Rebellen waren, unterstützen. Dazu kam, daß die Kaiser selbst aus dem Fürstenstande stammten und in den Fürsten die Ebenbürtigen sahen. Wenn sie auch einzelne hart bekämpften, so mußten sie doch einer zustimmenden Mehrzahl gewiß sein, und auch der Bekämpfte und Geächtete wurde, sowie er sich unterwarf, wieder in Gnaden aufgenommen als ein Gleicher. Während Heinrich VI. auf dem Wege war, das Kaisertum erblich zu machen, hat Friedrich II. die Unabhängigkeit der Fürsten gesetzlich verstärkt, die der Städte gemindert. In den bischöflichen Städten verbot er den Bürgern, einen Rat zu bilden, und den Handwerkern, sich in Einungen zusammenzuschließen, worauf die städtische Selbständigkeit zum größten Teil beruhte. Die despotisch-zentralistische Richtung, die der Kaiser in Italien verfolgte, ließ er in Deutschland, soweit es da möglich war, gleichsam durch die Fürsten vertreten, was sich denn zwar auch gegen ihn selbst richten mußte; doch war er ein zu guter Staatsmann, um nicht gelegentlich, wenn es nützlich schien, auch die Städte zu fördern. Wölflin, sein großer Landvogt im Elsaß, hat dort gewiß nicht ohne seine Billigung viele Städte, darunter Kolmar und Schlettstadt, gegründet.

Bis in die Zeit der Hohenstaufen war die Geschichte der Deutschen wesentlich eine Geschichte des Adels. Der König und seine Umgebung, die Fürsten, Grafen und Ritter, die Bischöfe, Äbte, Mönche und Nonnen gehörten dem Adel an. Von den Söhnen und Töchtern des Adels wurde immer ein Teil irgendeinem Benediktinerkloster gelobt, und das Standesbewußtsein hätte nicht gelitten, daß sie in eine andere als ebenbürtige Gesellschaft eingetreten wären. In manchen Klöstern, wie zum Beispiel in Sankt Emmeran, Obermünster und Niedermünster zu Regensburg, gehörten die Äbte und Äbtissinnen dem Reichsfürstenstande an.

Die Päpste haben wohl verschiedentlich gegen diese Ausschließlichkeit geeifert, und einige Orden, namentlich die Cisterzienser und Franziskaner, nicht deutschen Ursprungs, haben sie durchbrochen und ein demokratisches Element in die Kirche eingeführt. Aber sie führten es nur in die Kirche ein; innerhalb der Weltlichkeit waren es die Städte, durch die in die glanzvolle, schwertklirrende, erhabene Geschichte des deutschen Adels eine neue Kraft eindrang, die Freiheit. Die Adligen waren die Freien, Adel und Freiheit fielen zusammen, sie brauchten die Freiheit nicht zu betonen, so ähnlich, wie Adlige untereinander den Adelstitel weglassen. Das bewußte Erleben der Freiheit, die Freiheit als Befreiung, als Losung, als Ideal brachte die Stadt. Nicht als ob nicht die Menschen in der Stadt auch Deutsche mit lebhaftem Standesgefühl gewesen wären. Niemand dachte an Gleichheit. Die das städtische Leben beherrschenden Familien waren frei, ritterbürtig, vermischten sich nicht mit den Handwerkern, die an der Regierung und Verwaltung der Stadt keinen Anteil hatten. Die städtischen Handelsherren und Gutsbesitzer nahmen an den Turnieren der Ritter teil und gingen mit dem Landadel eheliche Verbindungen ein, waren ebenso hochmütig wie jener, wenn auch, besonders in späterer Zeit, zuweilen der Landadel dem Stadtadel die Ebenbürtigkeit absprach. Trotzdem bildete sich in den Städten allmählich ein neuer Stand, eine neue Kultur, die von der aristokratischen und klerikalen verschieden waren, der Stand und die Kultur des Bürgers. Insofern Gutsbesitzer, Kaufleute, Handwerker, Ackerbauer eine Stadt bewohnten, bildeten sie eine Gemeinschaft, die eine gemeinsame Aufgabe hatte, ihre Arbeit, ein gemeinsames Interesse, die Erhaltung von Frieden und Recht, die ihre Arbeit ermöglichte, einen gemeinsamen Gegensatz gegen die Fürsten und den Adel, die Frieden und Recht so häufig störten. Wie auch der in den Städten herrschende Stand, den man später Patrizier nannte, die Handwerker verachten mochte, Handwerk und Handel erzeugten den Wohlstand der Stadt durch Arbeit. Das Selbstgefühl des Bürgers beruhte nicht so sehr oder nicht allein auf dem Standesbewußtsein und auf dem Schwert, sondern auf der eigenen Kraft in der Arbeit, im Werk. Daß Stadtluft frei mache, konnte man nicht nur sagen, weil der Hörige, der in die Stadt zog, wenn er nach Verlauf eines Jahres von seinem Herrn nicht zurückgefordert war, frei wurde, sondern auch weil der Gedanke hier einen freieren Flug nahm. Im Wesen des Geldes liegt es, frei zu machen; unmittelbar, weil mit Geld den Bischöfen und Fürsten, die Geld gebrauchten und nicht hatten, ihre Rechte abgekauft werden konnten, mittelbar, weil auf der Grundlage des Besitzes Bildung erworben und Vorurteile überwunden werden können, und andererseits, weil durch die Beweglichkeit des Geldes ein rascher Wechsel von Reichtum und Armut möglich wird und dadurch der Unwert von Geld und äußerem Ansehen und der Wert der Persönlichkeit vor Augen geführt wird. Die wohltätige Macht des Geldes, die eigentümlichen Vorzüge der Stadt entfalteten sich am reichsten in den Jahrhunderten, wo die Städte zwar durch Mauern, aber nicht durch ihren Charakter entschieden vom Lande getrennt waren. Noch im 13. und 14., ja noch im 15. Jahrhundert glichen die Städte sehr dem Dorf. Es war nicht so, daß steinerne Häuser und steinernes Pflaster die Erde verdeckten: mitten in der Stadt rauschten die Eichen und dufteten die Linden, die Kühe trabten in ihre Ställe und die Schweine grunzten über die schmutzigen Straßen. Neben wenigen Häusern aus Stein standen strohgedeckte Hütten aus Lehm und Holz. Nicht selten kam es vor, daß Dörfer in die Städte einbezogen wurden, die noch lange dorfähnlich blieben. Draußen vor den Mauern erstreckten sich Gärten und Äcker, deren Besitzer Bürger waren, die sie bebauten. Ebenso wie der Bürger bäuerliche Art behielt, so behielt er auch ritterliche. Die Geschlechter waren beritten, die Handwerker kämpften zu Fuß, jeder hatte Wehr und Waffen und war darin geübt. Die Handwerker bildeten den Kern des städtischen Heeres, das der Bürgermeister anführte; sie waren kriegerisch, ungestüm, ja grausam im Kampf, wie irgendein Ritter. Der Unterschied war der, daß die Bürger, die im allgemeinen friedliebend waren, nur zur Verteidigung ihrer städtischen Freiheit Krieg führten. Die den Fürsten unterworfenen Landstädte bedangen sich, wenn sie unabhängig genug waren, aus, nur so weit Kriegsfolge leisten zu müssen, daß sie abends wieder hinter ihren Mauern sein konnten. Der Bürger wurde zu einem runderen, vielseitigeren Menschen, als die anderen waren; in ihm mündeten die vereinzelten Kulturströmungen, bis schließlich das Ideal des vollendeten, des humanen Menschen entstand, der frei aus den Schranken des Standes, der Nation, der Konfession hervortritt, aber doch gebunden bleibt durch das Gefühl und Bewußtsein der Menschlichkeit.

Noch immer gab es Klöster im Reiche, die die Wissenschaft pflegten, und solche, die die Wildnis kulturfähig machten, Klöster, in denen die unverheirateten Töchter des Adels sich in die Geheimnisse Gottes versenkten, kunstvolle Stickereien ausführten, fromme Betrachtungen niederschrieben. Andere Klöster erregten durch Ausgelassenheit oder Faulheit Ärgernis, und auch die besten waren nicht mehr die einzigen Sterne, von denen Licht und Wärme ausgingen. Der Wanderer, der im 12. und 13. Jahrhundert durch das Reich pilgerte, fand Schutz und Herberge in den Städten. Zu den alten Römerstädten am Rhein und an der Donau, zu den von den Ottonen gegründeten Städten am Rande des Harzes waren viele neue gekommen. Nachdem die großen Städtegründer, die Zähringer und Heinrich der Löwe, das Beispiel gegeben hatten, als die Fürsten gesehen hatten, welche Vorteile sich aus verkehrsreichen Plätzen ziehen ließen, beeiferten sich alle, in ihrem Gebiet schon bestehende Ansiedelungen zu Städten zu erheben oder neue anzulegen. Die Städte waren sehr klein, manche nicht viel größer als ein einzelnes großes Kloster. Sie hatten etwa 3000 bis 4000 Einwohner, die größten nicht mehr als 15 000 oder 20 000. Manche bestanden aus einem alten Dorf, mit dem ein Markt verbunden wurde, manche aus mehreren Siedelungen, die allmählich durch Mauern zu einem Ganzen verbunden wurden. Die Stadt Braunschweig zum Beispiel bestand aus fünf Städten: der ursprünglich dörflichen Alten Wiek, der Altstadt, dem von Heinrich dem Löwen gegründeten Hagen, der Neustadt und dem Sack. Jede von ihnen hatte ihren Bürgermeister, ihr Rathaus, ihre Kirchen. Den Mittelpunkt aller Städte, wenn auch nicht immer den topographischen, bildete der Markt, ihr Herz, wo die Verkehrsadern ausgingen und mündeten. Dort wurden Lebensmittel und andere Waren zum Verkauf ausgelegt. Er war umrahmt vom Rathaus, von den vornehmsten Gildehäusern und den Häusern der reichen Kaufleute; zuweilen gliederte auch das Rathaus, mehr oder weniger in der Mitte liegend, den Platz. Der Rechtsschutz, der vom König den Kaufleuten, die den Markt besuchen wollten, verliehen wurde, stellte den Markt unter Königsfrieden, machte ihn zu einer Stätte, wo ohne Verzug Recht gesucht und gefunden werden konnte. Der rechtliche Charakter des Marktes wurde durch ein Kreuz bezeichnet, wie sich ein solches noch auf dem Markt in Trier befindet; es ist von einer Granitsäule getragen und zeigt in der Mitte das Gotteslamm. Später symbolisierten den Rechtsgedanken im Norden des Reichs die seltsamen Rolandsfiguren, die, sollten sie auch mit anderer Bedeutung entstanden sein, im höheren Mittelalter als Sinnbild der Rechtshoheit der Stadt angesehen wurden. Wenn ein Fürst sich eine freie Stadt unterwarf, pflegte er wohl den Roland zu zerschlagen, zum Zeichen, daß nur er, nicht mehr die Stadt, Gerichtsherr sei. Die steinernen Riesen in Zerbst, Halberstadt, Bremen, Ritter mit edlem lockigem Haupt, die das Schwert gerade aufgerichtet in der Hand halten, stammen aus dem 15. Jahrhundert und sind Nachbildungen älterer Figuren aus Holz, die bei einem Brand oder sonst zugrunde gegangen waren. Zuweilen fanden Hinrichtungen vor dem Rolandsbilde statt. Die Gerichtssitzungen wurden anfangs unter freiem Himmel abgehalten, später, als es Rathäuser gab, unter den offenen Lauben derselben und noch später in einem Saal im Innern des Hauses. Das älteste erhaltene Rathaus soll das der Unterstadt von Gelnhausen sein; es ist ein schlichter romanischer Bau, von dem man annimmt, daß er im Jahre 1170 entstanden ist. Während die Marktplätze der alten gewachsenen Städte sehr verschiedenartig, malerisch gegliedert sind, hat die Regelmäßigkeit der östlichen Kolonialstädte, die alle nach dem gleichen Muster angelegt sind, zuweilen etwas Ödes. Wie schön auch diese sein können, beweisen die Märkte von Breslau, imponierende saalartige Plätze, deren einer durch die fabelhafte Pracht des Rathauses belebt wird. Eine unerschöpfliche Erfindung hat im Norden, Süden, Osten und Westen des Reichs Rathäuser von verschiedenartigem Reiz aufgerichtet. Wie ein wohllautender Reim der Pfarrkirche Sankt Martin gegenüber umrandet das Braunschweiger Altstadt-Rathaus die Ecke des Platzes, zierlich und schnurrig ist das von Osterode am Harz, das von Michelstadt im Odenwalde, phantastisch prächtig sind die nordischen Ziegelbauten von Stralsund, von Tangermünde, bäuerlich behäbig die schwäbischen und fränkischen Fachwerkhäuser. Im Inneren führen schöngeschwungene Holztreppen zu den Sälen, wo die Ratsmänner tagen, wo bald die Täfelung der Wände wohnliche Stimmung, bald Malerei das Gefühl erhabener Feierlichkeit verbreitet. Die Rathäuser, deren Schönheit wir jetzt bewundern, sind ebenso wie fast alle die Wohnhäuser, die erhalten sind, erst um die Wende des 15. Jahrhunderts oder später errichtet. Im heroischen Zeitalter der Städte waren die meisten Häuser niedrig, eng, mit Stroh gedeckt, nur einige Reiche und Mächtige bauten sich steinerne, turmartige Häuser, in denen sie das Recht hatten, sich mit den Waffen zu verteidigen, so daß das Wort galt: mein Haus ist meine Burg. Kunst und kostbare Ausstattung wurden verschwenderisch auf die Kirche verwendet, das Haus Gottes und das Haus aller Bürger. Die Pfarrkirche lag gewöhnlich etwas abseits vom Markte, aber so, daß die Türme den Platz beherrschen; der Lärm des Verkehrs soll die Andacht nicht verwirren. Schauerliches Schweigen, kühle Dämmerung, in die es glühend tropft aus den bunten Fenstern, umfängt den Beter. Von den Pfeilern blicken die großen Heiligen, die kämpften und litten und nun in ewiger Glorie wohnen, ringsherum liegen die Toten, Söhne der Stadt, ruhend von ihrer Arbeit. Hier beginnt das Drüben, wo alle Rätsel gelöst, alle Sünden getilgt, alle Tränen getrocknet werden. Vom Turm läutet die Glocke, die der städtische Meister gegossen hat; jeder Bürger kennt ihre Stimme wie die Stimme einer Mutter. Weiter entlegen vom Markt steht in den größeren Städten der Dom, die Kirche des Bischofs, und stehen in fast allen die Kirchen der Franziskaner und Dominikaner.

Wenn der Kaiser seine Reichsstadt besucht, wird er zuerst in die Kirche geführt, abends vielleicht in ein Gildehaus oder in das Hochzeitshaus, wo er mit den schönen Bürgersfrauen tanzt und mit den Ratsmännern trinkt. Bei einem besonders angesehenen und wohlhabenden Bürger stieg er ab; Ludwig der Bayer wohnte in Nürnberg bei Heinrich Weigel auf dem Milchmarkt oder bei Albrecht Ebner auf dem Salzmarkt.

Einen großen Raum bedeckte das Spital mit den dazugehörigen Gebäulichkeiten. Es war fast immer dem Heiligen Geist geweiht; die Leitung stand entweder bei der Geistlichkeit und der Stadt zusammen oder bei der Stadt allein. Es nahm Kranke, Arme, Wöchnerinnen, alte Leute, Pilger, Wanderer auf und beherbergte sie je nach den Umständen für einige Nächte oder für Lebenszeit. Gewöhnlich war das Spital sehr reich; es besaß Dörfer, die regelmäßige Abgaben leisteten, aber auch einzelne Höfe und Gerechtsame, und es verfügte über Stiftungen, infolge welcher die Insassen an gewissen Tagen weißes Brot oder Wein und Bier oder Bäder erhielten. Einige Herren aus dem Rat hatten die Verwaltung des Spitals zu überwachen. Das Leprosenhaus, das dem heiligen Georg geweiht war, pflegte der Ansteckung wegen vor den Toren zu liegen; mit ihm war wie mit dem Spital eine besondere Kirche oder Kapelle verbunden.

Nicht nur die Krankenpflege nahm die Stadt der Kirche ab, sondern auch die Armenpflege, wenn auch die der Kirche weder ganz ausgeschaltet noch entbehrt werden konnte. Obwohl die Zünfte ihre Mitglieder nicht verelenden ließen, so gab es doch in den Städten sehr viel Arme; denn nicht alle Handwerker waren in Zünfte zusammengefaßt, und außerdem gab es Tagelöhner und eine Menge anderer Leute ohne bestimmten Beruf und regelmäßige Einnahme. Manche wurden in den Spitälern versorgt, manchen kamen Stiftungen zugute, die die wohlhabenden Bürger reichlich zu Lebzeiten oder im Testament anordneten. Die regierenden Familien fühlten sich sowohl für die Ordnung wie für die Verwirklichung der sittlichen Forderungen in ihrer Stadt verantwortlich. Die Kirchenväter hatten einst die großartige Auffassung vertreten, man solle nicht sagen, es seien nur die würdigen Armen zu unterstützen; denn die Armut sei es eben, die würdig mache. Dies göttliche Allerbarmen konnte wohl von der Kirche und von einzelnen, nicht von einer Stadtverwaltung geübt werden. Ihr kam es hauptsächlich auf Ordnung an, der zuliebe mit den sie Störenden nicht viel Federlesens gemacht wurde. Mit den einheimischen Armen wurde man einigermaßen fertig, lästiger war das von auswärts zuströmende Gesindel, das sich bedenklich vermehrte, als das Ostland aufhörte, Kolonisten an sich zu ziehen. Um die Heimatlosen wenigstens christlich zu bestatten, wenn sie starben, bildeten sich in den Städten Elenden-Bruderschaften. Im Jahre 1313 stiftete Bischof Albert von Halberstadt ein Grundstück für einen Friedhof, auf welchem, wie es in der Urkunde heißt, alle die Schwachen, Armen, Heimatlosen, die von Krankheiten heimgesucht und verlassen auf der Straße lagen, menschlichen Trostes beraubt, ruhen sollten. In Frankfurt am Main wurde im Jahre 1315 die erste Herberge für Landstreicher gegründet. Das fragwürdige Volk, das nicht ansässig war, wurde von Zeit zu Zeit aus der Stadt verjagt. Die Justiz war schnell und hart, ein geringer Diebstahl wurde oft mit dem Tode bestraft. Vielleicht aber war ein schneller Tod am Galgen oder durch das Schwert dem Verfaulen im Turm vorzuziehen. Dort ließ man wohl Unverbesserliche aus den regierenden Familien verschwinden. Im allgemeinen wurden die angesehenen Personen, wenn sie sich schwer vergangen hatten, im eigenen Hause in Haft gehalten. Ein eigentliches Gefängniswesen gab es nicht.

Umschlossen war die Stadt von der Mauer, die, wenn sie auch nicht von Anfang an zum Wesen der Stadt gehörte, doch ihr Wesen besiegelte. Sie rundete die Teile der Stadt zu einer Einheit ab, legte einen Gürtel um die Nachbarn, schirmte sie vor den Feinden draußen, verbürgte ihnen die Sicherheit, ohne die der friedliche und freie Charakter der Stadt sich nicht hätte entfalten können. Sie verlieh der Bürgerschaft das Gefühl der Unverletzlichkeit, das dem einzelnen Ritter sein Harnisch gab. Ehe die Städte frei waren, erstrebten die Bürger das Recht, die Mauern zu verteidigen, und wenn sie das besaßen, hatten sie schon die Hand auf die Freiheit gelegt. Ihrer Aufgabe, die Stadt vor Überfall oder Eroberung zu schützen, haben die Mauern in erstaunlich hohem Grade genügt. Unzählige Male haben sich Heere von Königen und Fürsten vor einer Stadt verblutet, fast immer mußten sie nach schweren Verlusten die Belagerung aufgeben. Wie stolz die Bürger auf ihre Mauer waren, zeigte sich nicht nur in der Sorgfalt, mit der ihr Zustand überwacht wurde, sondern auch in der das Auge erfreuenden Ausgestaltung. Die Türme, die die Mauer in gewissen Abständen durchbrachen, dienten dem Zweck der Verteidigung, und daß sie einen marschähnlichen, heroischen Rhythmus erzeugten, ist nur ein zufälliges Ergebnis; aber der Baumeister bemühte sich, auch in die Gestaltung der Türme Abwechslung zu bringen, und schmückte sie mit Wappen, Adlern, Kaiserbildern, Sprüchen. Mit besonderem Schwung gestaltete und schmückte man die Tore. Sie verkündeten dem Bürger, der seine Kühe aus- und eintrieb, dem Kaufmann, der seine Waren einführte, dem Feind, der die Stadt erstürmen wollte, dem Fürsten, der sie besuchte, daß hier eine mächtige Herrschaft beginne, die zu schützen, zu strafen und sich zu wehren wisse. Draußen dicht an der Mauer waren die Mühlen, ein wertvoller Besitz der Stadt, dann kamen Gärten, Äcker und Weiden, die wiederum durch eine Verschanzung geschützt waren. Die Dörfer in der Runde bildeten das nächste, sichere Absatzgebiet für die Waren der Stadt und mußten ihre Produkte auf die Märkte der Stadt bringen.

Das teuerste, bestgehütete Besitztum der Stadt waren ihre Privilegien von den Landesherren, ganz besonders die der Kaiser, auf denen die Reichsfreiheit beruhte. Es kamen Zeiten, wo die Leistungen der Reichsstädte fast die einzige sichere Einnahme des Kaisers ausmachten; auf ihre Anhänglichkeit konnte er immer rechnen. Im Gegensatz zu Fürsten und Rittern nannten sie sich wohl kurzweg das Reich. Ihnen gehörte der Kaiser in einer besonderen Weise, das prägten sie in Symbolen, Wappen, Fahnen allen Augen sichtbar aus. An einem Kronleuchter im Rathaus zu Goslar war der Vers angebracht: »O Goslar, du bist zugetan – Dem heiligen Römischen Reiche – Sonder Mittel und Wahn – Du kannst davon nicht weichen.« Über dem Ostentor in Dortmund stand: »Dus stat ist vry – Dem Riche holt – Verkoept das nicht umb alles Golt.« Ein Edelknecht des Burggrafen von Nürnberg, der mutwillig ein Adlerbild am Tore der Stadt Rothenburg beschädigt hatte, wurde hingerichtet; so heilig hielt man das kaiserliche Zeichen. Bei den häufigen Kämpfen zwischen Papst und Kaiser brachte die innige Beziehung der Städte zum Kaiser einen Gegensatz zur Kirche mit sich. In den Bischofsstädten bestand dieser Gegensatz ohnehin durch das Bestreben, sich von der Herrschaft des Bischofs frei zu machen, der noch dazu häufig zum Papst anstatt zum Kaiser hielt. Dem Kaiser zuliebe trotzten die Städte sogar dem Interdikt. Es war den Stadtbewohnern nicht gleichgültig, wenn die magische Hülle von Glockenklang und Gebet, die sie umschirmte, zerfiel, und ihre Giebel nüchtern und stumm in die Tageshelle starrten; sie wollten den Gottesdienst nicht missen, gaben aber deshalb nicht nach, sondern befahlen ihren Geistlichen, entweder ihn zu versehen oder die Stadt zu verlassen. Wie fest das Band zwischen dem Kaiser und den Städten war, zeigte sich zur Zeit Ludwigs des Bayern, wo die ihm anhangenden dem Kirchenbann verfielen. Damals wurde der Erzbischof von Magdeburg im Kerker mit eisernen Stäben totgeschlagen, in Berlin wurde ein Propst vor der Marienkirche, in Basel ein päpstlicher Gesandter getötet. Kein Wunder, daß die Kaiser sich in den Städten wohlfühlten und gern dort verweilten. Die städtischen Chroniken verzeichneten die Gespräche, Scherze und Neckereien, die im Ton humorvoller Vertraulichkeit zwischen dem Kaiser und der Bürgerschaft gewechselt wurden. Rudolf von Habsburg verstand es besonders gut, diesen Ton anzuschlagen, der ihm die Gemüter gewann; es ist merkwürdig, wie sich diese Gabe viele Jahrhunderte hindurch in seiner Familie erhalten hat. Einmal kam der König, so wird erzählt, in Basel mit einem Gerber ins Gespräch, der, schlecht gekleidet, über seiner schmutzigen Arbeit war. Im Verlaufe der Unterhaltung lud der Mann den König auf den nächsten Tag zum Mittagessen ein, und Rudolf sagte zu, in der Meinung, einer armen Hütte königliche Gnade zu erweisen. Jedoch empfing ihn in einem stattlichen, geschmackvoll eingerichteten Hause ein feingekleideter Mann mit einer schönen Frau, die ihn zu einer reich bestellten, mit kostbarem Geschirr geschmückten Tafel führten. Der überraschte König fragte den Gerber, warum er denn, da er augenscheinlich ein wohlhabender Mann sei, ein so schmutziges, übelriechendes Gewerbe treibe, worauf der Mann zur Antwort gab, eben diesem Gewerbe verdanke er seinen Wohlstand, und deshalb bleibe er dabei.

Nachdem die Arbeit des hörig gewordenen Bauern der Verachtung anheimgefallen war, bildete sich in der Stadt eine neue Wertschätzung der Arbeit und des freien Arbeiters. Der Handwerker, einst ein Abhängiger, Wehrloser, wurde Hausbesitzer, hatte sein eigenes Recht, wurde Mitherr an der Stadt, verteidigte seine Stadt mit eigenen Waffen. Wie groß auch immer die Kluft zwischen Armen und Reichen, zwischen dem Regimentsfähigen und dem Untertan war, die Stadtluft war doch ein Element der Freiheit für alle, für das neu entstehende Volk der Wohlhabenden und Gebildeten. Wenn die Fremden damals und künftig die Herrlichkeit des Reiches priesen, so dachten sie dabei hauptsächlich an die Städte, von denen jede ihr besonderes Antlitz, ihre besondere Schönheit, ihre besondere Anziehungskraft hatte. Nicht nur die Kaiser, auch die Fürsten, weltliche wie geistliche, hielten sich gern in den großen Städten auf, besaßen dort womöglich ein Absteigequartier. Dort entwickelte sich eine neue Art von Frömmigkeit, die von der Kirchlichkeit unabhängig war, sich sogar mit Feindseligkeit gegen die Kirche vertrug. Sie war nicht mehr nur Magie, sondern sie wurde Lebensdeutung, Durchdringung des Lebens mit sittlichen Gedanken. Der Goldgrund des Drüben löste sich langsam auf, wurde dünner und dünner und ließ die blendende Wirklichkeit hindurchstrahlen; auf die greifbaren Ziele des tätigen Menschen richtete sich der Blick.

Die Juden

Inhaltsverzeichnis

Es ist kein Blatt in der Geschichte der Menschheit so tragisch und geheimnisvoll wie die Geschichte der Juden. Einzig ihre Stellung unter den Völkern als das auserwählte, aus welchem der hervorging, der für das Abendland den Mittelpunkt und die Grenzscheide der Völker bildet, dessen Name und Wort das Höchste, das Verehrungswürdigste bezeichnet; einzig zugleich als das verfluchte, das ihn ans Kreuz schlug. Waren sie auserwählt, weil in keinem anderen Volke eine so leidenschaftliche Spannung zwischen dem Guten und dem Bösen bestand? Und warum konnten sie, nachdem der Gottmensch in ihrer Mitte Fleisch geworden war, nachdem sie aufgelöst und in alle Teile der Erde zerstreut waren, nicht untergehen? Sollte ihnen die irdische Unsterblichkeit zuteil werden, weil sie an die jenseitige nicht glauben wollten? Sollte das Götter- und Sünderblut erhalten bleiben als ein Tropfen bald heilsamen, bald tödlichen Giftes für seine Nachbarn?

Eine sagenhafte Überlieferung erzählt, der Frankenkönig Karl habe den König von Babel gebeten, ihm einen weisen Juden zu schicken, worauf der Rabbi Machir, ein Mann voll ungewöhnlicher Weisheit, nach dem Westen gekommen sei. Aus Liebe zu ihm habe Karl ihm den dritten Teil der damals eroberten Stadt Narbonne und den Adel verliehen, dazu Privilegien für die dort wohnenden Juden. Gewiß ist, daß die Juden im karolingischen Reiche unbelästigt, nicht selten sogar begünstigt lebten, so daß die Christen über ihre ungerechte Bevorzugung klagten. Die stolze Welfin Judith, Ludwigs des Frommen Frau, soll eine entschiedene Vorliebe für sie gehabt haben. Wahrscheinlich haben Juden fortdauernd während der unruhig bewegten Jahrhunderte der Völkerwanderung in den halb zerstörten, verfallenen Städten des Römischen Reiches gewohnt. In Worms wurde zur Erklärung dafür, daß die Juden dort besonders gut gestellt waren, angeführt, sie seien schon vor Christi Geburt hingekommen, trügen also keine Schuld am Tode Christi. Ein Vorfahr der Kämmerer von Worms, deren Name und Güter später auf die Dalberg übergingen, sollte zur Zeit des Augustus römischer Hauptmann in Palästina gewesen und später nach der Provinz Germanien versetzt sein, wohin er Juden mitgenommen habe. Diese Familie rühmte sich der Verwandtschaft mit der Mutter des Erlösers. Zwar war den Juden erlaubt, Land zu besitzen, aber da sie keine christlichen Sklaven halten durften, konnten sie größere Güter nicht bewirtschaften. Dem Handwerk haben sich Juden in verschiedenen Ländern mit Glück gewidmet, aber im Römischen Reiche beschäftigten sie sich hauptsächlich mit Fernhandel, und das war es wohl auch, weswegen sie im allgemeinen gern gesehen und von den Königen oft gebraucht wurden. Unermüdlich durchwanderten sie die alten Handelsstraßen nach dem Osten und wieder nach dem Westen, erwarben in Byzanz kostbare Stoffe und Gewürze, auch die Pelze, die von Rußland dem großen Stapelplatz am Schwarzen Meer zugeführt und am Hofe der fränkischen Könige sehr begehrt wurden, kauften Sklaven in Böhmen und brachten sie nach Spanien. Da sie über die ganze Erde zerstreut waren, hatten sie überall gute Beziehungen, auch beherrschten sie verschiedene Sprachen und besaßen die Warenkenntnis, die für Handeltreibende nötig ist. Ihre Vertrautheit mit fremden Ländern war die Ursache, daß die Könige sie bei Gesandtschaften verwendeten. Karl der Große gab zwei Gesandten, die dem Kalifen Harun al Raschid Geschenke überbringen und vielleicht auch Handelsbeziehungen anknüpfen sollten, den Juden Isaak mit, der, da die beiden Franken unterwegs starben, als Haupt der Ambassade die Gegengeschenke Haruns zurückführte. Es war ein Elefant darunter, der in Italien überwintern mußte, weil man ihm nicht zumuten konnte, die verschneiten Alpen zu übersteigen. Von einem anderen Juden wird erzählt, daß er auf den Wunsch des Kaisers einem Bischof, dem er einen Schabernack spielen wollte, eine mit Wohlgerüchen und Essenzen hergerichtete Maus als ein seltenes, in Judäa aufgefundenes Tier anbot und den Leichtgläubigen dahin brachte, einen Scheffel Silber dafür zu zahlen. Die jüdischen Kaufleute hatten Schutzbriefe mit Geltung für das ganze Reich und waren vom Heerbann und von anderen persönlichen Dienstleistungen befreit. Die ersten Privilegien, die die sächsischen Könige den einheimischen Kaufleuten für den Besuch ihrer Märkte erteilten, waren immer zugleich mit an die Juden gerichtet, oft so, daß die Juden den Kaufleuten vorangestellt wurden. Im übrigen galten für die Juden die kanonischen Bestimmungen, die Gregor der Große festgesetzt hatte. Dieser hervorragende Papst hat Richtlinien für die Art, wie die Juden behandelt werden sollten, gegeben, die jahrhundertelang von seinen Nachfolgern beobachtet wurden. Allerdings hielt er sich dabei an die Gesetze, die vor ihm, im fünften Jahrhundert, von den Kaisern in bezug auf die Juden erlassen waren: sie wurden dadurch von allen Ämtern und Würden im Staate ausgeschlossen, damit sie in die höheren Gesellschaftsklassen nicht aufsteigen könnten, Mischehen mit Christen einzugehen wurde ihnen verboten, und Todesstrafe wurde jedem angedroht, der Christen zum Übertritt verleitete. Gregor als Vertreter der christlichen Ideen hatte wohl manchen Anreiz, die Juden als Glaubensgenossenschaft anzugreifen, ihren Gottesdienst ebenso wie den heidnischen zu verbieten, allein er bewährte sich als Nachfolger der Kaiser ohne Fanatismus. Wie der Gotenkönig Theoderich es abgelehnt hatte, den Juden das christliche Bekenntnis aufzuzwingen, weil niemand wider seinen Willen zum Glauben gelange, so erlaubte ihnen auch Gregor die ungestörte Ausübung ihrer Religion. Neue Synagogen zu erbauen verwehrte er ihnen allerdings, wie die Kaiser getan hatten, nicht aber, die alten, baufälligen zu erneuern. An Hand dieser Bestimmungen fanden die Juden bei den Päpsten Schutz, wenn sie ihres Glaubens wegen angegriffen wurden, ebenso im fränkischen Reiche bei Karl dem Großen und seinen Nachfolgern. Sie genossen ein hohes Wergeld und brauchten sich dem Gottesurteil nicht zu unterwerfen, es kam sogar vor, daß sie christliche Sklaven hielten. Karl der Kahle hatte einen jüdischen Leibarzt; die schöne Begabung der Juden für die Heilkunst, die sowohl mit ihrem Scharfblick und ihrer Gabe der Einfühlung wie mit ihrer warmherzigen Neigung zu helfen zusammenhängen mag, bewirkte jederzeit, daß einzelnen Bevorzugten Vertrauensstellungen eingeräumt wurden. Der berühmte Abt von Fulda, Hrabanus Maurus, unter dessen schroffer Rechtgläubigkeit der unglückliche Mönch Gottschalk so bitter zu leiden hatte, verschmähte es nicht, sich von einem im Gesetz erfahrenen Juden über die Auslegung biblischer Bücher nach der mosaischen Tradition unterrichten zu lassen. Die Bestimmung einer Synode, wonach jeder, der aus Haß oder Habgier einen Heiden erschlage, als Mörder betrachtet werden und Kirchenbuße leisten solle, wurde von dem Abt Regino von Prüm auf die Juden ausgedehnt. Ebenso nahm Bischof Burkhard von Worms Bestimmungen zum Schutze der Juden in seine berühmte Gesetzessammlung auf. Man betrachtete die Juden nicht nur als das Volk, das Christus gekreuzigt hatte, sondern ebensowohl als das, dessen Geschichte im Alten Testament auch für die Christen die Heilige Geschichte war und dem man, in Hinblick auf seine großen Propheten und Lehrer, eine besondere Weisheit zuschrieb. Dieselbe unbefangene Duldsamkeit wie das karolingische Zeitalter charakterisiert das der Ottonen. Der Freund, der Kaiser Otto II. nach der unglücklichen Schlacht bei Cotrone in Süditalien sein eigenes Pferd zur Flucht gab, der voll Sorge dem Fliehenden nachblickte und den, da die Schiffer sich weigerten, den flüchtigen Kaiser aufzunehmen, der Zurückbleibende traurig fragte, was nun aus ihm werden solle, war ein Jude, namens Calonymus, der in Mainz zu Hause war und als ein weiser Rabbi hoch in Ehren stand. Eine andere Überlieferung erzählt, der Jude habe dem Kaiser, dessen Pferd störrisch gewesen sei, sein eigenes angeboten mit den Worten: »Wenn sie mich töten, denke an meine Kinder.« Tatsächlich gab es sowohl in Mainz wie in Lucca eine jüdische Familie namens Calonymus.

Abgesehen von einer einmaligen Vertreibung aus Mainz durch Heinrich II., haben die Juden unter den sächsischen und salischen Kaisern unbelästigt im Reiche leben können. Konrad II. hatte einen jüdischen Leibarzt. Die erste große Verfolgung brachten die Kreuzzüge mit sich, durch die fanatisierte Massen in Bewegung gesetzt wurden. Ein gelegentlicher Ausspruch, man solle doch die Feinde Christi im Lande bekämpfen, anstatt nach Palästina zu reisen, wurde wiederholt und fand Beifall in den unteren Schichten des Volkes, vollends das Wort eines angesehenen Führers, des Herzogs von Niederlothringen, Gottfried von Bouillon: er wolle das Blut des Erlösers am Blute Israels rächen und nichts übriglassen von allen, die den Namen der Juden trügen. Von den Judengemeinden in Frankreich trafen Warnungen ein vor den aufgeregten Scharen französischer, englischer und lothringischer Kreuzfahrer, die von dort nach Deutschland vordrangen, so daß sich Calonymus, der Vorsteher der Judengemeinde in Mainz, mit der Bitte um Schutz an Heinrich IV. wendete, der damals in Italien war. Dem Gesuch willfahrend, befahl der Kaiser allen Bischöfen, Fürsten und Grafen des Reichs, auch Gottfried von Bouillon, die Juden zu beschützen, ihnen beizustehen und Zuflucht zu gewähren, damit keiner sie anrühre, ihnen Böses zu tun. Alle gehorchten, ohne doch das nahende Unheil aufhalten zu können. Die Juden fühlten sich offenbar im Schutze des Kaisers und in der durchaus nicht unfreundlichen Gesinnung der Bürger so sicher, daß sie von der Wut des Überfalls wehrlos überrascht wurden. Es kam vor, daß Juden erschlagen wurden, die friedlich in ihrem Weinberg arbeiteten. In Speyer allerdings, wo die Kreuzfahrer zuerst einbrachen, verhinderte der Bischof Johannes, ein treuer Anhänger des Kaisers, durch strenges Eingreifen großes Unglück: den Bürgern, die sich an den Gewalttaten der Fremden beteiligt hatten, ließ er die Hände abhauen. Nur elf Juden wurden in Speyer getötet. In Worms dagegen, wo der Bischof untätig blieb, sollen an 800 niedergemacht sein, noch mehr in Mainz, wo Erzbischof Ruthard eine nicht ganz aufgeklärte, zweideutige Rolle spielte. Er versprach denen, die dem Blutbade entronnen waren, dem Vorsteher Calonymus und 53 Gefährten, Schutz in seiner Pfalz, wollte aber nachträglich sein gegebenes Wort nur gelten lassen, wenn sie sich taufen ließen. Die Juden, edler gesinnt als der Bischof, zogen vor zu sterben. In Köln verbargen sich die Juden in den Häusern ihrer christlichen Freunde, ein Beweis für das gute Einvernehmen zwischen Juden und Bürgern, und erhielten dadurch ihr Leben, während ihre Häuser geplündert wurden. Um sie noch besser schützen zu können, brachte sie dann der Erzbischof in Burgen auf dem Lande unter; aber diese augenscheinlich in guter Meinung vollzogene Maßnahme erwies sich als unglücklich, denn ein Teil wurde dort von den Verfolgern aufgespürt und getötet. Daß dieser Angriff auf die Juden nicht etwa durch Abneigung gegen die Rasse, sondern durch erhitzten Glaubenseifer verursacht war, geht daraus hervor, daß denjenigen Juden, die sich taufen ließen, nichts zuleide getan wurde. Zum Glaubenshaß kam die Raublust der armen und bereits verwilderten Banden; Raublust war vermutlich auch die Triebfeder der Stadtbewohner, die mit jenen gemeinsame Sache machten. Das waren aber nur einzelne, im allgemeinen standen die Bürger wie die Fürsten auf seiten der Angegriffenen. Der Kaiser ging so weit, den Juden zu gestatten, daß die Zwangstaufe, die an verschiedenen vollzogen war, nicht gelten solle, sondern daß sie wieder nach dem Gesetz leben dürften, ein Zugeständnis, das den Papst erzürnte. Als Heinrich gegen das Ende seines Lebens in Mainz einen Landfrieden beschwören ließ, zählte er die Juden unter denen auf, die besonderen Schutz genießen sollten. Beim nächsten Kreuzzug, den Bernhard von Clairvaux anregte, ging die Gefahr für die Juden wiederum von den unteren Schichten aus. Ein Mönch, namens Radull, hetzte zum Judenmord auf und hätte mit Hilfe räuberischen Pöbels ein großes Blutvergießen angerichtet, wenn ihm nicht Bernhard entgegengetreten wäre. Er hielt aufklärende Predigten und erließ ein Rundschreiben, in dem er auseinandersetzte, wie sich Christen gegen Juden zu verhalten hätten. Man dürfe, sagte er, die Juden weder töten noch vertreiben; denn, dies setzte er aus eigener Auffassung hinzu, sie würden sich beim Herannahen des Jüngsten Gerichtes bekehren. Den Wucher der Juden erwähnte er nicht ohne hinzuzusetzen, daß die Christen da, wo es keine Juden gäbe, den Wucher noch ärger trieben. Infolge der hochherzigen Bemühungen unterblieben die Verfolgungen, so daß die Vorkehrungen der jeweiligen Stadtherren zum Schutze der Bedrohten sich als überflüssig erwiesen.

Damals, zur Zeit des zweiten Kreuzzuges, in der Mitte des zwölften Jahrhunderts, hatten die Juden sich bereits vorzugsweise dem Geschäft der Geldleihe zugewendet, und die Tatsache, daß es viele Menschen gab, die den Juden verschuldet waren, konnte den Antrieb bilden, Gläubiger unter dem Vorwande, sie seien Feinde Christi, zu ermorden, womit man seine Verhältnisse geordnet und sich zugleich ein Verdienst bei Gott und den Menschen erworben hätte. Dies Motiv trat aber in jener Zeit noch nicht sehr hervor, teilweise deshalb nicht, weil diejenigen Kreise, die den Kredit der Juden benützten, sie eher zu schützen suchten als mordeten, hauptsächlich aber, weil die Haltung eines Volkes immer von denjenigen bestimmt wird, die an der Spitze stehen. Ob es sich um eine Schule, eine Stadtgemeinde, eine Kirchengemeinde oder ein Land handelt, die Großmut oder Niedrigkeit, die Überlegenheit oder Beschränktheit des Führers wird den Charakter der Gruppe, des Landes bestimmen. Die Päpste des zwölften Jahrhunderts hielten immer noch, trotz ihrer veränderten Stellung zum Kaisertum, an den Bestimmungen Gregors I. über das Verhalten gegen die Juden fest, ja sie übertrafen ihren großen Vorgänger zuweilen noch an Milde. Sie blieben dabei, daß die Juden nicht zwangsweise getauft, nicht verwundet oder beraubt werden, keine Veränderung ihrer guten Gewohnheiten erleiden sollten. Man solle sie, verordneten sie, bei ihren Festen nicht stören, ihre Begräbnisplätze nicht beschädigen. Es versteht sich, daß die Päpste von den Juden stets mit scharfer Abneigung als von den Feinden des christlichen Glaubens sprachen, aber das hinderte sie nicht, bei Verfolgungen sich nachdrücklich für sie einzusetzen, wie sie es auch nicht, sowenig wie alle anderen Kirchenfürsten, hinderte, sich in Geldgeschäfte mit ihnen einzulassen. Von Gregor VII., dem großen Gegner Heinrichs IV., ist behauptet worden, ohne daß es im geringsten bewiesen werden könnte, er stamme von Juden ab; jedenfalls hat er sich von der jüdischen Familie Pierleone in Geldangelegenheiten beistehen lassen, derselben Familie, aus welcher der Papst Anaklet hervorging. Der Getaufte durfte Papst sein, ohne daß jemand daran Anstoß genommen hätte; nicht das Blut, nur der Glaube wurde bekämpft. Ebenso wie die Päpste und noch eindeutiger gaben die Hohenstaufenkaiser das Beispiel der Duldung. Friedrich I. erneuerte das Privileg Heinrichs IV. für die Juden in Worms, wodurch sie reichsunmittelbar wurden, und Friedrich II. dehnte es auf alle Juden im Reich aus; doch ist anzunehmen, daß schon sein Großvater es in diesem Sinne auffaßte. Als der alte Kaiser den Kreuzzug beschloß, fürchteten die Juden, in Erinnerung an die früheren Kreuzzüge, Angriffe auf Freiheit und Leben; allein auf dem großen Reichstage zu Mainz, wo die Judenfrage besprochen wurde, trafen Friedrich I. und sein Sohn Heinrich, der spätere Kaiser, Anordnungen zu ihrem Schutze. Mit strengen Strafen wurden alle bedroht, die sich an einem Juden vergreifen sollten; wer einen verwunde, dem sollte die Hand abgehauen werden, wer einen umbringe, sollte umgebracht werden. In einem Privileg Friedrichs für die Regensburger Juden stehen die schönen Worte: »Es ist die Pflicht der kaiserlichen Majestät, vom Recht wird es gebilligt und von der Vernunft gefordert, daß sie jedem unserer Getreuen, nicht nur den Vertretern der christlichen Religion, sondern auch denen, die, von unserem Glauben abweichend, nach den von ihren Vätern überlieferten Gebräuchen leben, das, was ihnen zukommt, nach Maßgabe der Billigkeit erhalten, ihren Gewohnheiten Dauer, ihren Personen und Gütern Frieden gewähren.« Dem Vorwurf, der in dieser Zeit zuweilen gegen die Juden erhoben wurde, als töteten sie christliche Kinder, um sich ihres Blutes bei gewissen religiösen Riten zu bedienen, standen sowohl Päpste wie Kaiser mißtrauisch gegenüber. Sie durchschauten den Vorwand blutgierigen oder leichtgläubigen Pöbels, und es ist bemerkenswert, daß der Papst sich nicht bewegen ließ, den kleinen Werner von Bacharach, der in dieser Weise ums Leben gekommen sein sollte, und dessen Gedächtnis eine in ihren Resten noch immer den Beschauer entzückende Kirche gewidmet wurde, heiligzusprechen. Friedrich II. ließ es sich nicht nehmen, einen Ritualmord, der in Fulda vorgekommen sein sollte, gründlich zu untersuchen. Der Leichnam des angeblich von Juden getöteten Kindes wurde nach Hagenau gebracht, wo der Kaiser sich eben aufhielt. Um die Frage grundsätzlich zu lösen, bat er die Könige Westeuropas, ihm getaufte Juden zu schicken, die des Gesetzes kundig wären, von denen er annahm, daß sie ihn ohne Vorurteil unterrichten würden. Sie wiesen auf die Vorschriften des Talmud hin, wonach den Juden sogar die Befleckung mit Tierblut verboten sei, und lehnten damit die Beschuldigung ab. Daraufhin sprachen die Reichsfürsten auf einem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1236 die Juden von Fulda und andere Juden völlig frei; die Urkunde über das Urteil wurde den Juden zugestellt. Ein Jahrzehnt später erklärte Papst Innocenz IV. in einem Sendschreiben die Beschuldigung des Ritualmordes für verleumderisch, für einen Vorwand zu Gelderpressungen, und wies die deutschen Bischöfe an, ungerechte Behandlung der Juden nicht zu dulden. Der klare Äther, der das Hohenstaufentum umflammte, zehrte die Dünste, die sich im Schlamme niedriger, verwilderter Begierden bildeten, auf, so daß sie sich nicht verderbend ausbreiten konnten. Mit seinem Untergang erlosch auch diese Klarheit.

Die Juden und der Wucher

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Im zweiten Buch Mosis heißt es: »Wenn du Geld leihst meinem Volke, das arm ist bei dir, sollst du ihm nicht zu Schaden bringen und keinen Wucher auf ihm treiben.« Und im dritten Buche: »Wenn dein Bruder verarmt und neben dir abnimmt, so sollst du ihn aufnehmen als einen Fremdling oder Gast, daß er lebe neben dir. Und sollst nicht Wucher von ihm nehmen noch Übersatz, sondern sollst dich vor deinem Gott fürchten, auf daß dein Bruder neben dir leben könne. Denn du sollst ihm dein Geld nicht auf Wucher tun noch deine Speise auf Übersatz.« Schließlich im fünften Buche Mosis: »Du sollst an deinem Bruder nicht wuchern, weder mit Geld noch mit Speise noch mit allem, damit man wuchern kann.« Mehr aber noch als auf die Stellen im mosaischen Gesetz beriefen sich die Päpste beim Zinsverbot auf den 15. Psalm, der auf die Frage: »Herr, wer wird wohnen in deiner Hütte, und wer wird bleiben auf deinem heiligen Berge?« im letzten Verse antwortet: »Wer sein Geld nicht auf Wucher gibt und nimmt nicht Geschenke über dem Unschuldigen.«

Man weiß, daß alle Völker auf früher Stufe, welche sich noch als eine einzige Familie betrachten, deren Glieder eins für das andere auf Tod und Leben einstehen müssen, den Zins verbieten. Was die Wucherverbote der Bibel auszeichnet gegenüber denen anderer Stämme und Völker ist die stete Beziehung auf die Erhabenheit Gottes, der seinem Volke die Liebe des Bruders als vornehmstes Gebot empfiehlt. Wie alle Lehren und Vorschriften des Buches der Bücher sind auch diese nicht aus der Erfahrung oder der Betrachtung des Nutzens, sondern aus einer übermenschlichen Quelle abgeleitet, die alle in den Zusammenhang einer übermenschlichen Idee bringt und ihnen das Gepräge der Ewigkeit und Allgültigkeit verleiht. Es war nur natürlich, daß die ersten Christengemeinden das Wucherverbot des Alten Testamentes übernahmen und daß sie es in ihrem kleinen Kreise und ihren einfachen Verhältnissen durchführen konnten. Man sah in dem Entlehner einen Bedürftigen, dessen Notlage der bessergestellte Leiher in unsittlicher Weise ausgenützt hätte, wenn er sich etwas über die geliehene Summe oder die geliehenen Lebensmittel hinaus hätte zurückgeben lassen. Von derselben Voraussetzung gingen die Kirchenväter aus; wie die Kirche überhaupt den Schutz der Armen und Schwachen als ihren hauptsächlichen Beruf auffaßte, so wollten sie sie auch in dieser Beziehung vor Ausbeutung bewahren. Als wissenschaftlichen Unterbau des biblischen Gebotes nahmen sie den Grundsatz an, den Aristoteles vertreten hatte, daß das Geld unfruchtbar sei. Als Karl der Große das Zinsverbot aus den Gesetzessammlungen der Päpste in seine Gesetze hinübernahm, waren die Verhältnisse im Reich noch einfach; doch wurden bereits Geldgeschäfte gemacht, und zwar gerade von Seiten der Geistlichen, gegen die das Zinsverbot sich hauptsächlich richtete; erst später wurde es auch auf die Laien bezogen.

Den strengen, von der Kirche festgesetzten Standpunkt durchzuführen war möglich, solange die Christen eine kleine, abseits im Dunkel lebende Sekte waren; es wurde schwieriger im Maße, als das Christentum die herrschende Religion geworden war, als in den Städten Handel und Gewerbe zu blühen anfingen und sich nicht nur mehr Reiche und Arme im privaten Verhältnis gegenüberstanden, sondern Menschen verschiedenster Lebensbedingungen, die um ihre Nahrung kämpften. Trotzdem blieb die Kirche dabei, alles als Wucher zu bezeichnen, was der Gläubiger außer der geliehenen Sache oder dem geliehenen Kapital vom Schuldner empfange. Papst Urban III. erklärte sogar Kaufhandel und Wucher für gleichbedeutend, weil der Kaufmann teurer verkauft, als er eingekauft hat, überhaupt auf Gewinn hofft. Die Strenge der Wuchergesetze wurde nur durch einige Ausnahmen ein wenig gemildert: der Kaufmann sollte die Transportkosten in Anwendung bringen dürfen, und der Gläubiger konnte durch eine Vergütung entschädigt werden, wenn der Termin der Rückgabe des geliehenen Geldes versäumt wurde. Man unterschied das dammum emergens, den entstehenden Schaden, und das lucrum cessans, den entgangenen Gewinn, als Bedingungen einer Entschädigung. Bei vorhergehender Verständigung zwischen Gläubiger und Schuldner ließ sich auf diese Weise das Gesetz bis zu einem gewissen Grade umgehen. Übrigens aber bestand das Zinsverbot, von Friedrich I. und Friedrich II. übernommen, in aller Strenge fort. Laien wurden wegen Wuchers exkommuniziert, ebenso Fürsten, die Wucherer in ihrem Gebiet duldeten, Kleriker, die Wucherer bestatteten, streng bestraft. Da am Ende des 13. Jahrhunderts die päpstlichen Dekretalen in Deutschland Eingang fanden, und da auf den Universitäten zuerst mehr das kanonische als das römische Recht studiert wurde, verbreitete sich die kirchliche Auffassung eher mehr als weniger. Der Sachsenspiegel allerdings, nach dem sich das nördliche Deutschland richtete, kannte das Zinsverbot nicht. Nach altgermanischem Recht mußte der Schuldner dem Gläubiger seine Schuld abdienen; er verfiel entweder auf Zeit oder lebenslänglich in Schuldknechtschaft. Allein die sächsische Rechtsmeinung wurde in den später dem Sachsenspiegel beigefügten Glossen zugunsten der kirchlichen zurückgestellt; auch drang der Schwabenspiegel, der von vornherein das kanonische Recht vertrat, allmählich nach dem Norden vor.

Dem kirchlichen Gesetz standen die Gesetze des wirtschaftlichen Verkehrs mit solcher Gewaltsamkeit entgegen, den Klerus selbst in den Strom hineinreißend, daß, wenn nicht eine Lösung des Widerspruchs, doch ein Ausweg gefunden werden mußte; er fand sich darin, daß die Handhabung der Geldgeschäfte den Juden übertragen wurde, die dem christlichen Gesetz nicht unterstanden. Eine gewisse Neigung und Begabung der Juden für das Geldgeschäft kam dieser Regelung entgegen, die aber, wenn nicht hervorgebracht, doch dadurch unterstützt wurde, daß sie auf das Wohnen in den Städten und Erwerb durch Handel angewiesen waren. Im vermehrten Sachsenspiegel heißt es, von Gottes Recht solle kein Jude Wucher nehmen, doch sei ihre Ordnung anders als bei den Christen, weil sie hierzulande nichts Eigenes haben könnten, darum seien sie von Kaisern und Königen begnadet, daß sie sonderliches Recht hätten. Sie müßten wuchern, weil sie erblich Land und Boden nicht haben dürften und weil die Handwerker sie nicht in ihre Zünfte einließen. Man sagte auch geradezu, Juden müßten wuchern, weil die Christen es nicht dürften.

Die Übernahme der Geldgeschäfte durch die Juden hatte für Juden und Christen verhängnisvolle Folgen. Indem die Juden zu Gläubigern, die Christen zu Schuldnern wurden, entstand ein gespanntes Verhältnis mit der Neigung zu gewaltsamen Entladungen. Während der Glaubenshaß eigentlich nur von der Kirche ausging, betraf der Schuldnerhaß fast alle Kreise des Volkes, und der letztere war viel grimmiger, weil er auf der Not des Ausgepreßten zu seinem Dränger beruhte. Die Klage der Christen, daß die Juden hohe Wucherzinsen forderten und sie dadurch erdrückten, war nicht unberechtigt. Es war üblich, Geld auf kurze Frist und zu erstaunlich hohen Zinsen auszuleihen. Die Höhe des Zinsfußes betrug im Jahre sechzig und siebzig Prozent; in Österreich stieg der Zins infolge besonderer Verhältnisse auf 174, sogar auf 304 Prozent im Jahr. Wenn nun aber die Juden gelegentlich auch über den gesetzlich erlaubten Zins hinaus ihre Schuldner auspreßten, so waren sie dazu fast gezwungen durch die Forderungen, die an sie selbst gestellt wurden. Je spärlicher die regelmäßigen Einkünfte der Kaiser wurden, desto mehr nützten sie die Quellen aus, die ihnen zur Verfügung standen, und das waren außer den Abgaben der Reichsstädte die der Juden, die für die Gewährung des kaiserlichen Schutzes gewisse Zahlungen zu leisten hatten. Zu den regelmäßigen Leistungen kamen außergewöhnliche, wenn sich eine Gelegenheit bot. Waren die Judenerträgnisse vom Kaiser den Fürsten oder Städten übertragen, die Ansprüche an sie hatten, so wurden sie von diesen ausgesogen. Je mehr die Juden zu zahlen hatten, je mehr sie selbst ausgebeutet wurden, desto mehr mußten sie ihre Schuldner ausbeuten: es war ein häßlicher, unheilvoller Kreislauf. Bei dem ungeheuren Geldbedürfnis und Geldmangel des Mittelalters, hervorgerufen durch die steigenden Ansprüche auf der einen und den noch unentwickelten Verkehr auf der anderen Seite, waren alle Stände den Juden verschuldet: die Kaiser, die Päpste, der hohe und niedere Adel, die Handwerker. Wenn die Verschuldung einen bestimmten Grad erreicht hatte, so suchten die Schuldner sich aus der Schlinge, die sie erwürgte, gewaltsam zu befreien.

Es leuchtet ein, daß Hochgestellte eher die Möglichkeit hatten, sich Einnahmequellen zu verschaffen oder den Ansprüchen der Gläubiger sich zu entziehen, als das niedere Volk. Daraus erklärt es sich, daß dies die gerechte Handhabung des Judenschutzes durch Kaiser, Fürsten und Stadträte so beurteilte, als wären sie von den Juden bestochen. Sie waren es, insofern sie auf die hohen Gebühren, die sie von den Juden erzielten, nicht verzichten wollten; trotzdem geschah es auch aus Bildung, Einsicht und Pflichtgefühl, daß sie bei Judenverfolgungen durch den Pöbel hindernd und strafend einschritten. In dieser erhitzten Stimmung verschärfte sich teils der Glaubenshaß, teils wurde er Vorwand. Ohnehin nahm im 13. Jahrhundert der Fanatismus der Kurie zu, sowohl in bezug auf die Ketzer als auf die Juden. Innocenz III. erließ ein Gesetz, das den Juden eine bestimmte Tracht vorschrieb, die sie kenntlich und zugleich lächerlich machte. Die spitzen gelben Hüte gaben sie dem Hohn der Gasse preis.

Die Judenverfolgungen des 14. Jahrhunderts wühlten auf, was an bestialischen Trieben in den Untiefen des deutschen Volkes sich verbarg, und offenbarten den Heroismus, dessen die Juden fähig waren. So pflegt die ewige Gerechtigkeit Gewinn und Verlust zwischen Verfolgern und Verfolgten zu verteilen. Die Einsicht, daß die Deutschen in bezug auf das Geldgeschäft oft schlechter als die Juden handelten, ohne dieselben Entschuldigungen zu haben, machte niemanden in seiner Wut wankend. Der Mönch von Winterthur, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts die Geschichte seiner Zeit niederschrieb, erzählt einmal, in Lindau sei bei den meisten Menschen Gottesfurcht und Nächstenliebe so verschwunden, daß sie gegen das ausdrückliche kanonische Gebot, verworfener als die Juden, hohen Zins verlangten. Sie wären in der Gewissenlosigkeit so verhärtet, daß sie den Minoriten Schuld gäben, weil sie, wie sie behaupteten, ihnen bei der Beichte keine Sünde daraus machten. Da sei ein wohlhabender Jude gekommen, habe um Aufnahme gebeten und versprochen, gegen geringen Zins wöchentlich Geld auszuleihen. Die Bürger hätten sich gefreut, und der Rat habe beschlossen, daß Christen künftighin keinen Wucher treiben dürften. Derselbe Mönch erzählt, daß in Überlingen Unwille gegen die Juden entstanden sei, weil sie einen Knaben ermordet hätten. Das Volk von Überlingen wünschte nun die Juden zu vernichten, ohne daß Kaiser Ludwig, von dem man wußte, daß er die Juden schützte, die Stadt bestrafte; man glaubte das zu erreichen, indem man die Juden überredete, zu ihrem Schutz in ein hohes steinernes Haus zu flüchten. Nachdem sie das getan hatten und alle darin eingeschlossen waren, zündete man das Haus unten an. Da sie nicht herauskonnten, flohen die Betrogenen immer höher hinauf, bis sie zuletzt auf dem Dach erschienen. In ihrem Zorn und ihrer Verzweiflung warfen sie Steine und Balken auf die Volksmenge, die sich gaffend unten angesammelt hatte. Dann versanken sie unter Gesängen in das in eine Flammenpyramide verwandelte Haus.

Ketzer

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Ketzer waren einzelne, die es besser wissen wollten, und Völker, die als Sonderwesen ihre besondere Beziehung zu Gott und den göttlichen Dingen zum Ausdruck bringen wollten.

Das Christentum ist keine Religion wie die übrigen. Es ist der Glaube, in dem sich die Menschheit vollendet, es bezeichnet den Augenblick, wo sie, in Christus, mit Gott eins wird, wo sie in Christus ihres göttlichen Ursprungs und Zieles innewird. Der Gottmensch ist die Wahrheit, der Weg und das Leben. Was diese Religion lehrt und spendet, ist, so voll von Übersinnlichkeit sie auch sein mag, doch nichts der Menschheit Wesensfremdes, sondern eine Entfaltung, ein Erstrahlenlassen des Menschheitsgedankens. Eine Religion, die über sie hinausgehn kann, ist so wenig denkbar wie ein Zurückgehn auf das Heidentum, das im Christentum mündete, in ihm enthalten ist; die einmal christlich gewordene Menschheit kann, wenn sie nicht christlich bleibt, nur zerfallen, verwildern und in einem entgötterten und naturfernen Zustand ihr Dasein weiterschleppen. Innerhalb des Christentums aber sind unzählige Besonderheiten der Auffassung möglich entsprechend den unzähligen Völkern und einzelnen innerhalb der Menschheit. Die Kirche erfaßte ihre Aufgabe, die Weltreligion zu verkünden, den großen Gedanken, die ganze Menschheit, zunächst wenigstens das Abendland, in einem Glauben zu vereinen, mit Ernst und Klugheit. Es schien selbstverständlich und auch leicht, solange das Christentum im Kampfe gegen den römisch-heidnischen Staat alle seine Kräfte im Namen des Erlösers zusammenfaßte; kaum aber war es herrschend geworden, als die unendliche Mannigfaltigkeit der Menschen die Schlichtheit des Bekenntnisses durchbrach und über den großen Symbolen und Worten des Herrn der einzelne ein verwickeltes Gedankengebäude auftürmte. So wie jeder Mensch unter Millionen sein eigenes Antlitz trägt, das ihn von allen anderen unterscheidet, sein eigenes Schicksal erlebt, das keinem anderen gleicht, so gehen auch seine Gedanken eigene Wege, und unüberwindlich ist die Lust eines jeden, die Welt mit eigenen Augen zu betrachten und ihre Rätsel mit eigenem Scharfsinn zu durchdringen. Diesem Drange nach eigener Erkenntnis steht der kindliche Hang gegenüber, sich den Anschauungen der Väter, dem Zeugnis Ehrwürdiger anzuschließen, und das unmittelbare Einströmen der großen Geister in die göttlichen Offenbarungen der Vorzeit. Wäre das nicht, die geistige Welt der Menschen und damit die Welt überhaupt wäre längst zerfallen. Dennoch greifen die auflösenden Kräfte so zahlreich und so kräftig an, daß außerordentliche Gewalt am Werk sein muß, um ihnen den sinnvoll gestalteten Kosmos zu entreißen. Als die Juden in der Wüste das Goldene Kalb anbeteten, erschlug Moses dreitausend Mann; da das wandernde Volk durch kein anderes Band zusammengehalten wurde, als durch den Glauben an seinen Gott, zog er es vor, einen Teil zu opfern, um das Ganze zu erhalten. Das Gebot »Die Zauberer sollst du nicht leben lassen«, das später die Aufschrift über einer düsteren Periode der abendländischen Geschichte wurde, will die Anwendung magischer Mittel zur Erreichung eines Zweckes durchaus, auch mit den schärfsten Mitteln ausschließen. Immer brandete unterirdisch ein titanischer Strom gegen die herrschende Ordnung, die auf unantastbaren Grundwahrheiten beruht.

Innerhalb der christlichen Kirche wurde in den ersten Jahrhunderten die Grundlage des Glaubens nicht angegriffen; wohl aber tauchten allmählich verschiedene Auffassungen über die einzelnen Punkte des Bekenntnisses und die daraus zu ziehenden Folgerungen auf, wie etwa über das Wesen der Dreieinigkeit, über das Abendmahl, über die Gnadenwahl, über die Auferstehung. Den voneinander abweichenden Meinungen gegenüber sah sich die Kirche genötigt, eine Auffassung als die richtige, eine andere als unrichtig zu bezeichnen, was unter Zuziehung der führenden Männer auf allgemeinen Versammlungen geschah. So wurden aus Mysterien, die den Eingang zu den Abgründen des Übersinnlichen bezeichneten, die die ahnungsvolle Seele anbetend erfaßte, Dogmen, unanfechtbare, erlernbare Sätze. Aus dem Fließenden wurde etwas Starres, das mit seinem Anspruch auf unfehlbare Richtigkeit den Zweifel des widerspruchslüsternen Menschen um so mehr herausforderte. Nicht als ob die Kirche dem Volke die Mysterien in ihrer eindrucksvollen Bildlichkeit vorenthalten hätte. Durch Unterricht und Predigt wurde die Kenntnis der biblischen Geschichte verbreitet, und von den Wänden der Kirche konnte das Volk die große Tragödie vom Sündenfall und der Erlösung der Menschheit ablesen. Papst Gregor hatte sich gegen die Abschaffung der Bilder ausgesprochen, weil das des Lesens unkundige Volk sich durch das Anschauen der Bilder die Heilsgeschichte einprägen könne. An den Portalen der Dome empfingen den Eintretenden die Propheten und Apostel, die klugen und die törichten Jungfrauen, der Weltenrichter; aus den halbdunklen Gewölben glühten im vertrauten Umriß die wunderbaren Taten Gottes hervor und die geheimnisvollen Berührungen des menschlichen Daseins mit dem göttlichen: die Verkündigung des Engels, die Geburt im Stalle, die Auferweckung des Lazarus, der Tod des Gottes am Kreuz. Von diesen Bildern aber, sofern sich nicht durch den täglichen Anblick ihre Bedeutung abstumpfte, führte niemand den Gedanken weiter. Predigten wurden wohl im allgemeinen regelmäßig und reichlich gehalten, aber sie beschränkten sich auf leere Formeln und spitzfindige Allegorien. Wenn einer aus der Menge rege genug war, um sich eigene Gedankengänge zu graben, versperrten ihm die Dogmen wie eiserne Vorhänge despotisch starr den Weg. Immer brandet die Eigenart und der Freiheitswille des Individuums gegen die Fesseln, die der Wille zum Ganzen ihm anlegt, wenn sie seinen Geist zu ersticken beginnen. Die heidnischen Germanen öffneten sich im allgemeinen dem christlichen Gedanken leicht, weil sich der Übergang von der gotterfüllten Natur zu Gott leicht vollziehen kann. Andererseits ließ die Kirche das Heidnische, soweit das möglich war, ohne das Wesentliche zu zerstören, in sich einfließen, voll Weisheit bedenkend, daß die Weltkirche wohl alles Menschliche bilden, aber nichts Menschliches verleugnen soll. Nachdem aber einmal die Christianisierung vollzogen war, machte sich die Verschiedenheit der einzelnen und der Völkerschaften geltend, letzteres im selben Maße wie die Eigenart der Nation sich auswirkte. Wie weit und elastisch die Kirche ihren Umfang auch gezogen hatte, die Besonderheit der Germanen machte sich doch allmählich geltend und strebte nach einem germanisierten Christentum hin. Berechtigtes und Unberechtigtes pochte an die Pforten Roms.

Bewundernswert der Römergeist, der das gewaltige Gebäude der Kirche errichtete, bewundernswert aber auch der germanische Geist, dem es nicht Genüge gab, der es mit seiner eigenen Frömmigkeit erfüllen wollte. An den Gegensätzen entbrennt das Feuer der Geschichte. Sicherlich nicht alle, die sich der Kirche widersetzten, wurden dazu von einem schöpferisch gläubigen, fruchtbar zweifelnden Drang bewogen. Viele nahmen Anstoß an der weltlichen Herrschaft, dem weltlichen Wesen der Kirche. Es war leicht, der Armut des Herrn, der nicht hatte, wohin er sein Haupt legen konnte, den weltlichen Pomp der Kirchenfürsten mit dem Papst an der Spitze entgegenzusetzen und damit den ganzen Charakter der Kirche zu verwerfen. Sicherlich war das keine Nachfolge Christi; aber es war ein über dem Grabe Christi aufgerichtetes Reich, das wachsen und einst die Welt beherrschen sollte, alle Stufen und Sphären des Lebens der Völker umfassend. Wäre ohne ein solches machtvolles Reich das Wort Christi erhalten worden? Wie berechtigt auch derartige Angriffe einzelner waren, wie etwa eines Arnold von Brescia, sie konnten zunächst die herrschende Kirche nicht erschüttern. Andere scheinen von dem weitverbreiteten Hang beseelt gewesen zu sein, sich durch irgendwelche Absonderlichkeiten hervorzutun, wie jene Ketzer, die Heinrich III. unter allgemeiner Zustimmung aufhängen ließ, die den Fleischgenuß verwarfen. Überhaupt war das niedere Volk mehr für gewaltsames Verfahren gegen Ketzer als der Klerus, obwohl die Ketzer meist aus den unteren Volksschichten stammten. Der Klerus ging ohne Untersuchung und genaue Feststellung häretischer Irrtümer nicht vor, während der Pöbel bereitwillig umbrachte oder Hinrichtung forderte. Hundert Jahre später traten in Köln Ketzer auf, die im Gegensatz zur katholischen Priesterschaft, deren bequeme Weltlichkeit sie als unchristlich verurteilten, arm lebten. Der hohe Klerus war ihnen gegenüber zur Milde geneigt, erlaubte ihrem Bischof sogar, mit einem Geistlichen zu disputieren; dagegen verlangte das aufgebrachte Volk, daß die übliche Strafe des Feuertodes gegen sie angewendet werde. Der Mut, mit dem sie, ihrer Überzeugung getreu, in den Tod gingen, erregte Bewunderung. Ein Bürger bat ein schönes Mädchen frei; aber als sie den Führer der Ketzer in den Flammen zusammenbrechen sah, verhüllte sie das Gesicht und warf sich über ihn, um mit ihm zu sterben. Eine neue Welle von Ketzerei erhob sich am Ende des 12. Jahrhunderts im Gefolge des Petrus Waldus, eines Bürgers von Lyon, der besonders in der Lombardei, aber auch in Deutschland viel Anhänger hatte. Die Waldenser waren die ersten Ketzer, die dem Dogmenlehrgebäude der Kirche mit Bewußtsein die Bibel entgegenstellten. Deutsche Übersetzungen einzelner Teile der Bibel gab es damals schon; sie waren aber, wie alle Bücher, nur den Geistlichen bekannt. Es gab kein Verbot der Bibel von Seiten der Kirche; aber es machte sich fühlbar, daß die Bibel zwar als Heiliges Buch der Christen galt, aber nur deshalb, weil die Kirche sie als solches anerkannte. Die Kirche betrachtete sich als unmittelbar von Gott gestiftet, als Inhaberin der Wahrheit und der Macht von Gott berufen, die Völker zu lehren. Die Meinung, daß es eine Quelle göttlicher Offenbarung gebe, die einem jeden mit Umgehung der Kirche zugänglich sei, war neu und unerhört. Aus der Heiligen Schrift hauchte das Wort Gottes den Hörer unmittelbar an. Der Deutsche vernahm es wie das Rauschen seiner Wälder und seiner Meere, einen wunderbaren Gesang voll geahnter Bedeutung. Hier handelte es sich nicht um Gebetsformeln, Fasten, Zehnten, sondern um sittliche Gebote, die im Herzen widerklangen, um Einsichten, die als goldene Frucht vom Baum des Lebens fielen. Man fühlte den Unterschied zwischen Menschenwort und Gotteswort und fühlte sich mit dem Gotteswort frei und unbesiegbar. Das Menschenwort, ob man es verstand oder nicht verstand, reizte zum Widerspruch, das Gotteswort in seinem unergründlichen Dunkel riß hin, erschütterte, überzeugte. Diejenigen Waldenser, die nicht lesen konnten, wußten große Stücke aus der deutschen Bibel auswendig; die Schönheit der Lieder, die sie sangen, fiel auch den Gegnern auf. Die Musik verband sich mit dem religiösen Aufschwung und drang auch in die Kirche ein; meistens wurde der Gottesdienst mit einem gemeinsam gesungenen deutschen Liede beendigt. Das niedere Volk, von dem man so wenig vernimmt, tritt in dieser ersten großen Ketzerbewegung aus seinen mühsalvollen Hütten hervor: hingebungsvoll, redlichen Sinnes, bereit den göttlichen Geboten zu folgen und dafür zu sterben, vielleicht zuweilen gehoben in der stolzen Zuversicht, daß Gott die Armen und Verachteten zu Jüngern der Vollkommenheit erwählt habe. Von dem Propst Heinrich Minneke von Goslar, dem viele Nonnen anhingen, und der auf einer Synode als Häretiker verurteilt und dann verbrannt wurde, weiß man nichts Näheres. Sicherlich gab es neben aufrichtiger Frömmigkeit mancherlei unordentliche, abgeschmackte und auch unsaubere Schwärmerei. Es gab Ketzer, die Materie für sündhaft erklärten und deshalb für jedermann übertriebene Askese verlangten, andere, die, weil sie glaubten, ohne priesterliche Vermittlung mit Gott eins und heilig werden zu können, sich alles, auch jede Ausschweifung erlaubten. Gute und Böse, Gescheite und Dumme schlossen sich der Bewegung an, und es wäre nicht zu verwundern, wenn die Fanatiker und die Toren in der Überzahl gewesen wären.

Die Päpste sahen mit Entrüstung Feinde den festgefügten Bau der Kirche unterwühlen. Es war der Bau, der die europäische Welt überwölbte, in ihren Augen eins mit dem Kosmos. Durch die Sakramente band sie den sterblichen Menschen an die unsterbliche Gottheit, hielt sie ihn eingeschaltet im Umschwung der Sphären. Riß das Band, so stürzte er wie ein erlöschendes Licht in das Nichts. Daß ein unmittelbares Band göttlicher Strömungen erwählte Geister zu einer unsichtbaren Kirche zusammenfassen könne, kam für die kirchliche Auffassung nicht in Betracht. Neben dem selbstsüchtigen Gefühl einer Macht, die sich im Genuß ihrer Herrschaft bedroht sieht, mögen solche Betrachtungen Papst Lucius III. bewegt haben, als er den Beschluß faßte, die Ketzer auszurotten, und Friedrich I. aufforderte, sich mit seinen Machtmitteln der Kirche zur Verfügung zu stellen. Der Kaiser war dazu durchaus bereit. Es wird ihn kaum ein Zweifel angewandelt haben, ob das, was die Ketzer lehrten, verdammenswert sei: weil sie sich gegen die Kirche auflehnten, waren sie Rebellen und mußte er, als Schutzherr der Kirche, sie strafen. Schon vor hundert Jahren hatte Gerhoh von Reichersperg gesagt: haereticum esse constat qui a Romana ecclesia discordat – Ketzer ist, wer von der Römischen Kirche abweicht. Auch Friedrich II., obwohl er selbst der Ketzerei verdächtigt wurde, erklärte sich mit seinem großen Gegner Gregor IX. einverstanden, als dieser im Jahre 1231 ein neues Gesetz zur Ausrottung der Ketzer erließ. Das Neue und Bedenkliche dieses Gesetzes war, daß künftig nicht nur der offenbare, gewissermaßen angreifende Ketzer zu verurteilen war, sondern daß der Ketzerei nachgespürt werden sollte, wodurch die gemeinen Instinkte der Menschen, insbesondere die Angeberei, aufgeregt wurden. Mit dieser peinlichen Aufgabe betraute der Papst den neugegründeten Orden der Dominikaner, der sich wegen seiner gelehrten Bildung dazu zu eignen schien. Die Zahl der häretischen Irrtümer, die sie austüftelten, überstieg sicherlich oft die Zahl der Heilswahrheiten, die den Beschuldigten selbst bekannt waren. Das Jahr des neuen Gesetzerlasses war das Jahr, in welchem die heilige Elisabeth starb. Ob der Tod der jungen Fürstin das düstere Gemüt ihres Beichtvaters trübte? Konrad von Marburg übernahm die seinem Orden zugewiesene Aufgabe mit einem Eifer, als bereite es ihm eine schreckliche Genugtuung, Menschen dem Feuertode zu überliefern. Wie eine Krankheit fraß der Verdacht der Ketzerei um sich; selbst Geistlichen kam Konrads Vorgehen wie ein blindes Wüten vor. Ein bisher unbekanntes Grauen beschlich die Menschen. Vielleicht hätte die Verfolgung sich ungehemmt ausbreiten können, wenn sie sich auf die unteren Volksklassen beschränkt hätte; aber gemäß einer ausdrücklichen Bestimmung des Papstes griff sie gerade die Hochgestellten an. Das reizbare Ehrgefühl des hohen Adels empörte sich gegen die Vergewaltigung durch ein geistliches Gericht. Graf Heinrich von Sayn wurde wegen Ketzerei angeklagt und erschien auf einer großen Kirchenversammlung in Mainz, bei der König Heinrich, Friedrichs II. Sohn, anwesend war. Sowohl er wie der Erzbischof von Mainz mißbilligten das Verhalten Konrads; der Erzbischof hatte ihn sogar ermahnt, sich zu mäßigen, aber ohne etwas auszurichten. Soviel bewirkte der Erzbischof, daß dem Grafen von Sayn eine Frist gegeben wurde, um sich zu rechtfertigen; die Gefahr blieb trotzdem groß, denn das Inquisitionsverfahren war so eingerichtet, daß es sehr schwer war, die einmal angezweifelte Rechtgläubigkeit zu erweisen. Am 30. Juli 1233 wurde Konrad von Marburg ermordet; man schrieb die Tat allgemein dem Grafen von Sayn zu. Er lebte noch 14 Jahre, ohne deswegen angegriffen zu werden; seine Witwe machte später große Schenkungen zum Heil für seine und ihre sündigen Seelen. Beinah gleichzeitig wurde in Straßburg der Dominikanermönch Droso, der durch sein Aufspüren von Ketzern die Stadt beunruhigte, von Heinrich von Mülnstein, einem, der sich bedroht fühlte, ermordet. Johannes Guldein, einer der angesehensten Straßburger Bürger, war im Jahre 1230 verbrannt worden. Nicht nur der Papst, sondern auch der Kaiser war entrüstet über die Mordtaten; es war einer der Vorwürfe, die Friedrich gegen seinen Sohn erhob, daß er die Ketzerverfolgung nicht unterstützt habe. Trotzdem ist anzunehmen, daß die Kaiser diese Pflicht ihres Amtes nur wie eine herkömmliche Formel zuweilen zu betonen für nötig hielten; denn wenn sie sich mit eigenem Willen dafür eingesetzt hätten, würde die Inquisition sich mehr ausgebreitet und festgesetzt haben, als tatsächlich geschah. Allerdings, wenn auch die scharfe Verfolgung, wie sie Konrad von Marburg eingeleitet hatte, sich nicht erneuerte, so wurden doch die Ketzergesetze weiterhin angewendet, und daß von Zeit zu Zeit die Flammen einen Irrgläubigen verzehrten, war nichts Auffallendes.

Immer weiter unterwühlt der titanische Strom die feste Erde. Ein Augenblick kann kommen, wo er nicht nur stärker, sondern auch reiner sein wird als das herrschende Gesetz. War der Tanz um das Goldene Kalb bei den Rechtgläubigen oder bei den Ketzern? Wenn die Regierenden anfangen, Feuer und Schwert anzuwenden, um die Einheit des Glaubens und Denkens zu erhalten, hat Gott sie meistens schon verlassen.

Die heilige Elisabeth und der Deutsche Orden

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Unter den deutschen Familien, die wie Sternbilder aus dem Gewimmel der Sterne hervorglänzen, ist die der Grafen von Andechs besonders interessant. Aus den Gaugrafen von Andechs wurden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Markgrafen von Istrien und Herzöge von Meran, das heißt Dalmatien. Berthold II., ein Fürst von hervorragenden Gaben, hatte zwei Töchter, Gertrud und Hedwig, von denen die erstere den König von Ungarn, Andreas II., die andere einen Herzog von Polen und Schlesien heiratete. Hedwig nahm sich mit unendlicher Güte der Armen ihres verwilderten Landes an und wurde nach ihrem Tode heiliggesprochen. Ihr Sohn, Herzog Heinrich, warf sich im Jahre 1241 den eindringenden Tataren entgegen und fiel in der furchtbaren Schlacht bei Liegnitz. Gertruds Tochter war die heilige Elisabeth. Bertholds zweiter Sohn, Otto II., dem die Stadt Innsbruck ihre Blüte verdankt, erhielt in der Geschichte seines Landes den Beinamen der Große; mit seinem Sohne Otto starb die Familie aus, die ihren Ursprung auf Karl den Großen zurückführte. Wie es oft der Fall ist, verklärte das Geschlecht sich selbst in seinen letzten Sprossen. Das Schwanenlied der Grafen von Andechs war Opfergesang: sie neigten sich zu den Tiefen des Volkes zurück, über das sie sich hoch erhoben hatten. Wir wissen nicht, ob Elisabeth sich aus Mitleid für die Armen und Kranken dem Dienst der Unglücklichen widmete, oder ob aus Liebe zu Gott und um seinen heiligen Willen zu erfüllen; wahrscheinlich ging beides ineinander über. Sie war von Natur heiter, lachte und tanzte gern, sie liebte ihren Mann und ihre Kinder, vielleicht war der Drang, sich des Lebens zu erfreuen, besonders stark in ihr; aber zugleich lagen ihr die Werke der Barmherzigkeit im Sinn, die Gott fordert: die Hungernden zu speisen, die Dürstenden zu tränken, die Gefangenen zu trösten, die Nackten zu kleiden. Die Kunde von dem, was der heilige Franziskus in Italien tat und predigte, verstärkte die ihr angeborene Neigung, sich ihres Glückes wie eines Raubes zu schämen. Das größte ihr beschiedene Glück war, einen Mann zu haben, der sie liebte und kannte. Sie waren zusammen aufgewachsen, und es war etwas von der zarten Süße geschwisterlicher Selbstverständlichkeit in ihrer Liebe. Er behütete sie, und sie ruhte vertrauensvoll in seiner Güte. Wenn andere ihn besorgt machen wollten, weil sie mit vollen Händen austeilte, beschwichtigte er lächelnd: wenn ihm nur die Wartburg und die Neuenburg blieben. Auf der Wartburg wohnte das junge Paar, und wenn sie die Armen besuchte, so stieg sie wirklich hinunter in das Schattental. Zuweilen bedrängte das Glück ihr Gewissen: war nicht der Ruf an sie ergangen, sich ganz Gott hinzugeben? Wenn sie von der Hungersnot hörte, die im Thüringer Lande war, wenn sie die vielen Bettler sah, aus deren Zügen die Not sprach, dachte sie, daß der Herr sagen würde: ich war bei euch, und ihr habt mich nicht gespeist, ich klopfte an eure Tür, und ihr habt mir nicht aufgetan. Wie wenn der Himmel ihrer Gewissensqual zu Hilfe kommen wollte, nahm er ihr das Glück: Ludwig, der menschliche und kluge Fürst, starb in Italien, wohin er gegangen war, um an Kaiser Friedrichs Kreuzzuge teilzunehmen. Seitdem war sie heimatlos auf Erden, sie wollte nichts mehr, als ihr Leben verströmen. Der ihr angeborene Opferdrang mischte sich mit der Sehnsucht nach dem Drüben, wohin ihr Bruder und Gatte vorangegangen war. Sie verließ die Wartburg und begab sich, nachdem sie der Bestattung des Verstorbenen in Reinhardtsbrunn beigewohnt hatte, nach Marburg, wo ihr Witwensitz war. Daß sie vertrieben worden sei, wird für legendarische Erfindung gehalten; gewiß ist, daß Sophie von Bayern, die zweite Frau des Landgrafen Hermann, eine fromme Frau war, die Verständnis für die Religiosität der jungen Gattin ihres Stiefsohns hatte. Zu Lebzeiten ihres Mannes gründete Elisabeth am Fuße der Wartburg ein kleines Spital, in dem zwanzig Kranke verpflegt werden konnten, die sie täglich besuchte. Nun ließ sie in Marburg gleichfalls ein Spital bauen und widmete sich ganz der Krankenpflege. Der Dominikaner Konrad von Marburg, der schon früher ihr Beichtvater gewesen war, und dem sie geistlichen Gehorsam gelobt hatte, übernahm ihre Leitung und soll die Maßlosigkeit ihres Opferwillens eher gedämpft als gesteigert haben. Während sie, was sie an Geld besaß, sofort verschwenden wollte, erinnerte er sie daran, daß das Geld sie instand setze, Gutes zu tun; andererseits empfahl er ihr, von ihrem Schwager nur anzunehmen, was rechtmäßig erworben sei. Indessen ist doch anzunehmen, daß das Gewaltsame seines Geistes sie beherrschte und antrieb. Die Zeitgenossen verdächtigten sie eines Liebesverhältnisses mit Konrad; der Gedanke lag nah in einer Zeit, wo die sinnlichen Leidenschaften sich zügellos austobten, und wo man den auf ihre Heiligkeit pochenden Geistlichen doppelt gern heimliche Ausschweifungen zutraute, bedarf aber kaum der Widerlegung. Nachdem sie sich ihrer Kinder beraubt und auch die jungen Mädchen, die ihr seit der Kindheit Dienerinnen und Freundinnen gewesen waren, verabschiedet hatte, um alles, was ihr Glück ausgemacht hatte, zu opfern und nichts zu tun als was der menschlichen Natur widerstrebt, fremden, oft widerlich entstellten, oft verbitterten und bösartigen Kranken zu dienen, blieb ihr nur noch übrig zu sterben. Sie war 24 Jahre alt, als sie im Jahre 1231 starb, wie die Legende erzählt, ein süß tönendes Lied auf den Lippen. Schon nach einigen Jahren wurde sie heiliggesprochen, und Kaiser Friedrich II. ging nach Marburg, wo ihre Gebeine in einen goldenen Reliquienschrein gelegt wurden. Unter einem ungeheuren Zulauf von Menschen setzte er mit eigener Hand die Überwinderkrone auf das entseelte Haupt. Die Sage hat den skeptischen Kaiser und die Heilige auch dadurch zusammengebracht, daß sie ihn nach dem Tode des Landgrafen um ihre Hand bitten ließ, die sie ausgeschlagen habe. Die zur Herrin im Himmel erkoren war, verschmähte es, Herrin der Welt zu sein.

Den Ruhm der jungen Heiligen verbreiteten besonders die Brüder vom Deutschen Hause, deren Deutschmeister bald nach ihrem Tode ihr Schwager Konrad wurde. Als im Jahre 1190 Akkon belagert wurde, vereinigten sich Kaufleute der Städte Bremen und Lübeck mit deutschen Rittern, um ein Hospital zur Pflege der Kranken zu gründen. Daraus entstand eine ritterlich-mönchische Bruderschaft, die sich Ritter des Hospitals Sankt Marien der Deutschen in Jerusalem nannte; es war nämlich ein älteres Spital in Jerusalem mit dem von Akkon vereinigt worden. Die Tracht der Ordensritter war ein weißer Mantel mit schwarzem Kreuz. Es läßt sich nichts denken, was so sehr den Idealen der Zeit entsprochen hätte, als die Vereinigung des Ritterlichen mit dem Mönchischen in einem Orden. Die Wehrlosigkeit der Klosterleute hatte zu mancherlei Schwierigkeiten und Störungen geführt. Umgaben sich die Äbte mit kriegerischen Dienstleuten, so wurden sie durch die Pflicht zur Heeresfolge, durch die Übergriffe und das wüste Treiben ihres Gefolges in weltliche Händel verstrickt; die Vögte, die sie beschirmen sollten, gingen meistens bald dazu über, sie zu bedrücken und zu berauben. Der Ritterorden tat die Werke der Barmherzigkeit und beschirmte sich selbst. Nun konnte der junge Adlige, das Kreuz in der einen, das Schwert in der anderen Hand, den Ansprüchen, die Kirche und Sitte und die eigene Überzeugung stellten, genugtun, ohne auf die Freuden und Ehren des Rittertums zu verzichten.

Als der Orden nach dem Fall von Akkon infolge der reichlich fließenden Schenkungen sich bald durch das ganze Reich verbreitete, wurde er in Balleien geteilt, deren jede ein Komtur leitete. Von den zwölf deutschen Balleien standen acht unter dem Deutschmeister, sämtliche unter dem Hochmeister. Er regierte den Orden, unterstützt von seinen höchsten Beamten, den Gebietigern, und dem Gesamtkapitel. Auch in den einzelnen Balleien tagten jährliche Konvente. Zur Aufnahme zugelassen wurden nur Deutsche von ehelicher Geburt, die rittermäßig und von vier Ahnen her Wappengenossen, rein in ihrem Wandel, unbefleckt in ihrer Ehre, unberüchtigt an ihrem Namen waren. Sie sollten gesund und lieber jung als alt sein, um den Krieg gegen die Heiden, eine der hauptsächlichen Aufgaben des Ordens, mit voller Kraft führen zu können. Bei der Aufnahme tat der junge Ritter diesen Schwur: »Ich verheiße und gelobe Keuschheit meines Leibes und ohne Eigentum zu sein und Gehorsam Gott und Sankt Marien und Euch, dem Meister des Ordens des Deutschen Hauses und Euren Nachkommen nach der Regel und Gewohnheit des Ordens, daß ich Euch gehorsam sein will bis an meinen Tod.« Durch dies Gelübde war der Ritter für immer gebunden. Bevorzugt wurden solche Ritter, die bei Königen und großen Herren gut angesehen waren, damit der Orden die Gunst derselben gewänne. Auf weltliche Vorzüge dieser Art wurde mehr Wert gelegt als auf Bildung; doch wünschte man, daß die Ritter einige Kenntnis von der Beschaffenheit der Länder, ihrer Rechte und Gewohnheiten besäßen, also diejenige Bildung, die den guten Regenten und Verwalter macht. Außer dem dienenden Gesinde gab es neben den Rittern Priesterbrüder, die Ämter übernehmen konnten und mit den Rittern gemeinsam aßen und schliefen; sie brauchten nicht adlig zu sein. Obwohl die Bildung hier bis zu einem gewissen Grade den Adel ersetzte, wurde doch von den Priestern nicht viel mehr verlangt, als daß sie mit den gottesdienstlichen Gebräuchen Bescheid wußten. Die kämpfenden Ritter und die zu verpflegenden Kranken sollten sie in Verbindung setzen mit dem Strom der göttlichen Gnade, damit sie in Leiden und Taten freudig todbereit wären. Sie sollten, heißt es in einer Vorschrift, in der Zeit des Friedens wie Glänzsterne neben ihnen umlaufen und in Kriegszeiten sie stärken zum Streit und sie daran mahnen, daß Gott auch den Tod durch sie litt am Kreuz.

Germanische und christliche Anschauung vereinigten sich in den Orden, um ein menschliches Vorbild von edelster Schönheit zu schaffen: den Ritter, der, von Frauenliebe unberührt, gehorsam seinem himmlischen und seinem irdischen Herrn, mit blankem Schild und blankem Schwert, furchtlos in Kampf und Tod geht.

Wie sehr die Gesinnung des Volkes mit den durch die Deutschritter vertretenen Gedanken übereinstimmte, zeigte sich in dem Entgegenkommen, das sie überall fanden. Am ersten und freudigsten in Thüringen, woher auch Hermann von Salza, vierter Hochmeister des Ordens, stammte. Daß die Begünstigung des Ordens in der landgräflichen Familie herkömmlich war, veranlaßte wohl Elisabeth, vor ihrem Tode zu bestimmen, daß ihr Hospital den Brüdern vom Deutschen Hause anvertraut werde. Das Vermächtnis wurde zunächst von den Schwägern der Verstorbenen, Heinrich und Konrad, sowie vom Erzbischof von Mainz angefochten; da trat plötzlich ein Umschwung ein, indem Konrad, den man nur als einen unbändigen, gegen die Kirche respektlosen Kriegsmann gekannt hatte, in den Orden eintrat und bald nacheinander Komtur und Hochmeister wurde. Man weiß nicht, wie er zu seiner Schwägerin, solange sie lebte, gestanden hat; das Bild der holden Toten scheint ihn tief und dauernd ergriffen zu haben. Er war es hauptsächlich, der ihre Heiligsprechung sowie den Bau der schlanken gotischen Kirche betrieb, die ihr Grab aufnehmen sollte. Als das Werk soweit vorgeschritten war, daß dies geschehen konnte, wurde das Hospital, in dessen Kapelle sie bestattet war, abgerissen. Neben der Kirche erstanden die Gebäulichkeiten des Ordens, die mit dem neuen Hospital, von Mauern umschlossen, zu einem kleinen Staatswesen zusammenwuchsen.

Die Schwachheit der menschlichen Natur brachte es mit sich, daß die Ritter innerhalb Deutschlands allmählich ebenso und noch ärger versumpften, als die Mönche, da sie ja nicht einmal die Wissenschaft hatten, um sich auf anständige Weise die Zeit zu verkürzen. Was sie sich als eigentliche Aufgabe gesetzt hatten, die Bekämpfung der Heiden, dazu war, nachdem sie aus dem Heiligen Lande vertrieben waren, zunächst keine Gelegenheit mehr, bis ihnen König Andreas II. von Ungarn, der Vater der heiligen Elisabeth, anbot, das Burzenland in Siebenbürgen zu kolonisieren und gegen die heidnischen Völker in der Moldau und Walachei zu verteidigen. Hier zeigte der Orden die dem Mittelalter eigentümliche Neigung und Kraft, selbständige, abgeschlossene staatliche Gebiete zu bilden, zugleich aber auch die Abneigung, sie einem höheren Mittelpunkt unterzuordnen. Die Ordensritter schalteten in dem ihnen überlassenen Lande als Herren, bauten Burgen und gründeten Städte, ohne den König zu fragen, und um ihre Unabhängigkeit ihm gegenüber zu sichern, nahmen sie es vom Papst, der gern darauf einging, zu Lehen. Deshalb vom König von Ungarn vertrieben, war der Orden wieder heimatlos und ziellos geworden; da bot sich ihm noch einmal eine Gelegenheit zu geeigneter Wirksamkeit: Herzog Konrad von Masovien, einer der Teilherren des polnischen Landes, forderte ihn auf, die heidnischen Bewohner Preußens, die er vergeblich bekriegt hatte, zu unterwerfen. Als Entgelt versprach er ihm das Land Kulm zu dauerndem Besitz und auch die Eroberungen, die sie von dort aus im preußischen Lande machen würden. Hochmeister war damals Hermann von Salza, der treue Freund Kaiser Friedrichs. Nach dem unglücklichen Erlebnis im Burzenlande legte er Wert darauf, für die neue Schenkung, die so sehr gefährdet, ganz am Rande des Reiches lag, den kaiserlichen Schutz zu gewinnen; aber sein Streben nach Autonomie war doch so wenig gemindert, vielleicht auch seine Abneigung, Reichslasten zu übernehmen, so groß, daß er das zu erwerbende Gebiet nicht mit dem Reich in Zusammenhang bringen wollte. Nach dem Privileg, das Friedrich II. im Jahre 1226 Hermann von Salza erteilte, sollte der Orden das Kulmerland und das zu erobernde Land der Preußen in voller Freiheit und Immunität, mit voller Gerichtshoheit, im Genuß aller Regalien besitzen, so unabhängig also wie die übrigen Reichsfürsten ihr Gebiet. Aber während die Reichsfürsten immerhin mit ihrem Gebiet in Lehensabhängigkeit vom Kaiser standen, wenn sie auch erblich geworden waren, so empfingen Hermann von Salza und seine Nachfolger nur persönlich ohne Gegenleistung das Kulmerland und das zu erobernde Preußen als Schenkung, über die sie niemandem Rechenschaft schuldig sein sollten. Gegen das Versprechen des Schutzes von seiten des Kaisers übernahm der Orden die einzige Verpflichtung, die heidnischen Preußen zu bekehren. Nach fortwährenden Verhandlungen mit Konrad von Masovien und mit dem deutschen Bischof Christian, der seit dem Jahre 1215 der Mission unter den Preußen, vom Papste beauftragt, vorstand, überschritt endlich im Frühjahr 1231 der erste Landmeister von Preußen, Hermann von Balk, mit einigen Ritterbrüdern und Kreuzfahrern die Weichsel und gründete auf einem Hügel über einer großen Eiche die Burg Thorn. Zwei Jahre später entstand weiter abwärts die Burg Marienwerder. Daß in dieser Zeit der Bischof Christian von den heidnischen Preußen gefangen wurde, ermöglichte es dem Orden, in unmittelbaren Verkehr mit Rom zu treten und sich mitsamt allen künftigen Eroberungen unter den Schutz des Papstes zu stellen; die geistliche Autorität, die sich vor dem Erscheinen des Ordens in Preußen gebildet hatte und seine Autonomie beschränken konnte, war damit ausgeschaltet. Wieviel Wert der Orden aber auch auf Unabhängigkeit legte, tatsächlich war er im hohen Maße abhängig vom deutschen Volk und Reich; denn aus eigener Kraft konnten die Ordensritter an die Eroberung eines großen, von einem tapferen Volke bewohnten Gebietes nicht denken. Erst als Fürsten und Ritter aus allen Teilen Deutschlands herbeiströmten, wurden im Laufe von Jahrzehnten Pomesamien und die nördlichen Teile von Warneien und Natangen gewonnen. Der Friede von Christburg im Jahre 1249 verbürgte den Preußen dieses Gebietes nach Annahme des Christentums persönliche Freiheit und sogar Gleichberechtigung mit den Deutschen nach ihrem Geburtsstande; doch hatten sie dem Orden Kriegsdienst zu leisten. Ob diese wohltätigen Bedingungen von Seiten des Ordens innegehalten wurden, läßt sich nicht feststellen; nachdem sie von Seiten der Preußen durch Aufstände aufgehoben waren, wurden sie es nicht mehr. Es ist natürlich, daß hauptsächlich der Nordwesten und der Osten des Reiches, Meißen, Brandenburg, Böhmen, Schlesien, Lübeck, Magdeburg, Braunschweig, sich an der Eroberung und Besiedlung des neuen Gebietes beteiligten. Im Jahre 1252 wurde die Memelburg begründet und in ihrem Schutze einige Jahre später die Stadt, wobei Lübeck besonders mittätig war. Zur Erinnerung an die bewaffnete Hilfe, die König Ottokar von Böhmen dem Orden leistete, entstand im Jahre 1255 am Ufer des Pregel die Burg Königsberg. Die Eroberung des Samlandes war wichtig, weil an seiner westlichen Küste ein Juwel, gelb wie Gold, leicht wie Flaum, gefunden wurde, das schon im Altertum Handelsleute in diese Wildnis lockte, der Bernstein, den das Meer ans Ufer spülte, der aber auch durch Abbau gewonnen wurde. Zum Schutze dieses Betriebes errichtete der Orden am Frischen Haff die Burg Lochstedt, von der sich zwei Flügel erhalten haben. Die Verlassenheit der Ruine ist nicht so schaurig, wie die Wüsteneinsamkeit dieser Stätte gewesen sein muß, als die Ordensritter hier zuerst ein hölzernes Haus bauten. Nicht weit davon ist nach der Überlieferung der Ort, wo einst, am Ende des zehnten Jahrhunderts, der heilige Adalbert, als er den Heiden das Wort Gottes predigen wollte, erschlagen wurde; man baute dort zu seinem Gedächtnis eine hölzerne Kirche. Jetzt war die Feindseligkeit der Einwohner, durch Rachsucht gestachelt, vielleicht noch unversöhnlicher; nirgends war ein Ort und nie kam eine Stunde, wo man nicht des Überfalls gewärtig sein mußte. Und war der menschliche Gegner zurückgedrängt, so blieb das maßlose, grauenvolle feindliche Land. Rings keine Spur traulichen Daseins, kein Punkt geselliger Anknüpfung, nichts als das eintönige Donnern der Brandung, das Kreischen der Möwen, das Knarren und Sausen der Kiefern. Es bedurfte der strengen Ordensregel, der Gewöhnung an Gehorsam und Entbehrung, des Ansehens verehrungswürdiger Führer, damit die Brüder nicht nur zu Taten, sondern auch zu grauem Leiden und Entbehren bereit waren. Indessen ist es so, daß Opfer stets gern gebracht werden, solange sie im Namen eines hohen Ideals und zur Erreichung einer großen Aufgabe gefordert werden; zur Eroberung fehlte es den Menschen nie an Kraft, erst im Besitz beginnt sie zu erlahmen. Bewunderungswürdig schnell begann der leere Raum sich zu füllen, erwuchsen durch die zuströmenden Bürger und Bauern Städte und Dörfer. Im Laufe von zwei Jahrhunderten sind beinah hundert Städte und über tausend Dörfer im Gebiet des Deutschen Ordens entstanden. Der Wohlstand, der sich hier unter guten Bedingungen entwickelte, konnte nur eins nicht ersetzen: das geheimnisvolle Wurzelgeflecht der Geschichte. Dies war nicht Heimatland, sondern Fremdlingsland, Abenteuerland, Amerika des Reichs; noch so manches unvorherzusehende Abenteuer konnte ihm bevorstehen. Zunächst aber wuchs es fort und breitete sich aus. Mit Polen blieben dank des gemeinsamen Gegensatzes gegen die Preußen die Beziehungen freundschaftlich. Trotz der Anhänglichkeit an König Ottokar von Böhmen, den der Orden gegen Rudolf von Habsburg unterstützte, brachten es die Hochmeister als gute Diplomaten fertig, nach dem Sturze Ottokars die Verbindung mit dem Kaiser zu erhalten. Rudolf erneuerte im Jahre 1277 das Privileg, das Friedrich II. dem Orden erteilt hatte.

In einem Gewölbe der steinernen Burg Lochstedt befinden sich noch Überreste einstiger Bemalung, darunter in einen Spitzbogen eingegliedert ein Bild des heiligen Michael: mädchenschlank, mädchenzart, mit schmaler asketischer Wange, lächelnd, seines Sieges gewiß, wie eine biegsame Klinge flammt er zwischen den Drachenhäuptern, die ihn umzüngeln, Licht gegen Finsternis. So sahen die Ordensmeister nicht aus, von denen es Abbildungen gibt: das waren feste, gedrungene Gestalten mit langen Bärten, das Gesicht von Sorgen und Mühen gefurcht, und auch die jungen Ritter werden meistens sehr viel derber und plumper ausgesehen haben und gewesen sein. Dennoch mögen sie sich in ihren höchsten Augenblicken, wenn sie sich dem Kampf und dem Tode weihten, so gefühlt haben: mit so viel Feuer wollten sie so viel Reinheit vereinigen.

Geistiges Leben

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Im Zeitalter Barbarossas entfaltete sich der ritterliche Stand zur Blüte. Es entstand eine weltliche Baukunst, das Kunstgewerbe verfertigte schöne Gegenstände zum Schmuck von Burgen und Schlössern und Personen, eine weltliche Literatur entstand, die das Leben des Ritters und seine Ziele, Kriegszüge, Eroberungen, Herrendienst und Frauenliebe widerspiegelte. Die Wissenschaft war immer noch im Besitz der Geistlichkeit und hatte theologischen Charakter; aber dem Anspruch gemäß, daß Italien das Sacerdotium, Deutschland das Imperium, Frankreich das Studium zukomme, stand Deutschland in der Wissenschaft hinter den romanischen Nachbarländern zurück. In Italien hatte weltliche Wissenschaft nie ganz aufgehört, im zwölften Jahrhundert wurden die Universitäten Bologna und Padova als Rechtsschulen berühmt. Älter und berühmter war die Universität von Paris, eine Hochburg der orthodoxen Theologie. Daneben regte sich in Paris zuerst ein von der Dogmatik unabhängiges Denken über die Voraussetzungen des Christentums, der auf den freien menschlichen Verstand gestützte Zweifel. Ein Geistlicher war es, Abälard, der es wagte, das erhabene Gebäude der katholischen Lehre auf seine Haltbarkeit zu untersuchen. Nicht wie ein ungläubiger Heide rannte er dagegen an, sondern als ein Kundiger, ein Eingeweihter, beleuchtete er es mit dem Licht des theologisch geschulten Verstandes, ließ seinen Widerspruch in alle Ritzen schlüpfen und kam zu dem Schluß, daß die über dem Fundament der göttlichen Offenbarung in Jahrhunderten ausgebaute Lehre ersetzt werden könne aus der Vernunft und dem Gewissen der Menschen. Lehrte Christus irgend etwas, was nicht die Weisen und Guten unter den Heiden auch gelehrt hatten? fragte er. Lehrte er etwas, was unserer Vernunft widerspricht? Könnte selbst Gott etwas tun oder verkünden, was nicht in Einklang mit der menschlichen Vernunft wäre? Und wenn etwas gelehrt würde, was der Vernunft widerspräche, könnte und dürfte das geglaubt werden? Wozu also, wenn die Religion als natürliche Kraft in der menschlichen Vernunft liegt, bedurfte es dann der Offenbarung? Abälard kam zu dem Schlusse, daß die durch das Erscheinen Christi geoffenbarte Religion den Zweck erfüllt habe, die Unvernünftigen und Ungebildeten zu belehren, die bereits erkannte Wahrheit über die ganze Erde zu verbreiten. Das Aufwerfen solcher Probleme in einer Zeit, wo alle gewöhnt waren, sich der Autorität zu unterwerfen, wirkte berauschend. Der dem Menschen angeborene Trieb zu erkennen, sich selbst Wege des Erkennens zu bahnen, der durch die Kirche gebunden war, spannte die Flügel und spielte in den Lüften. Sogar der Papst und die Kardinäle fühlten sich durch Abälards neue Wissenschaft angezogen, der sich hütete, die geoffenbarte Religion anzutasten, außer daß er sie etwa für überflüssig erklärte, oder gar sich an der Kirche zu vergreifen. Sowohl die Klarheit des gallischen Geistes wie der Formalismus des römischen waren für die Wissenschaft Abälards empfänglich. Den Kampf gegen ihn unternahm Bernhard von Clairvaux, der wußte, daß Glauben nicht auf dem Denken, sondern auf dem Willen beruht, und der vielleicht fühlte, daß Abälard, indem er an dem historischen Christus vorüberging, das lebendige und lebenschaffende Element des Christentums ausschaltete. Die Gefahr, die es für die Kirche bedeutete, wenn dem menschlichen Verstande gestattet sein sollte, über religiöse Wahrheit zu entscheiden, wenn neben der Wahrheit des Christentums eine Wahrheit anerkannt werden sollte, die aus anderer Quelle stammte, war zu augenscheinlich, als daß nicht die Kirche diesem Lehrer hätte Schweigen gebieten sollen.

Es gab wohl auch deutsche Studierende, die in Paris von Abälards aufrührerischen Gedanken ergriffen wurden; aber im allgemeinen erregte seine Lehre in Deutschland nur Widerspruch, soweit sie überhaupt beachtet wurde. Die Gelehrten hielten sich an das Dogma, ohne sich dadurch vergewaltigt zu fühlen, oder sie bewegten sich, wie Rupert von Deutz, in Gedankengängen, die weder scholastisch noch dogmatisch tiefer in das Wesen des Menschen oder in das Leben einzudringen suchten. Gott war für diese Denker die selbstverständliche Voraussetzung, der Mensch ein Geschöpf Gottes, in dem sich Gott offenbart, die Schöpfung, in deren Mitte der Mensch steht, mühten sie sich als ein Ganzes, Sinnvolles zu begreifen. Gott zu erleben war ihnen wichtiger als über Gott und göttliche Dinge nachzudenken. Der Ausspruch des Rupert von Deutz, es sei für die menschliche Seele schwer, etwas nicht zu lieben, zeigt sein warmes Herz und seinen für alles offenen Geist, beleuchtet aber auch das Wesen des damaligen Deutschen, seine Gläubigkeit, seine Phantasie, seine Begabung für das Übersinnliche. Denn Liebe ist ja eine überirdische Begegnung, die Fähigkeit, etwas in seiner tiefsten Wurzel, in seiner ewigen Bedeutung zu erfassen. Mit der auf das Übersinnliche gerichteten Phantasie des Deutschen, mit seiner Sehnsucht auszudrücken, was Worte auszusprechen nicht imstande sind, hängt seine stärkste schöpferische Begabung, die für Musik, zusammen. Es läßt sich nicht genau verfolgen, welche Formen sich diese Begabung damals schuf; aber gewiß ist, daß sie den benachbarten Nationen auffiel. Bernhard von Clairvaux vermißte, als er Deutschland verließ, den Gesang seiner deutschen Begleiter, und der heilige Franziskus hatte Freude an den deutschen Brüdern, die singend durch Italien pilgerten. Die Deutschen sangen am Pfluge, sie sangen in der Kirche, sie sangen in der Schlacht. Als der Kaiser Lothar Apulien erobern wollte, zwang ihn der Herzog von Bayern, sein Schwiegersohn, den Plan aufzugeben dadurch, daß er im Heer eine bestimmte Weise anstimmen ließ, die das Zeichen zur Heimkehr bedeutete. Wenn diese Weise durch die Reihen des Heeres ging, wurde das Heimweh, das es immer erfüllte, so übermächtig, daß es unmöglich war, es zurückzuhalten. Dem Tagewerk wie dem Tod gab die Musik den Glanz; sie war das Licht des grauen Landes. Durch die größten Dichtungen des Mittelalters, sowohl durch das Nibelungenlied wie das Gudrunlied, wildheidnische Balladen, perlt Musik als der gewaltigste Zauber: Volker singt mit seiner Geige die todgeweihten Burgunder in Schlummer, und Horand berückt mit seinen Liedern die Herzen, daß sie sich wehrlos in seine Hand geben.

Dichtung und Musik gehörten zur Bildung, besonders zum Schmuck der Höfe. Herzog Leopold V. von Österreich und Landgraf Hermann von Thüringen waren unter den Fürsten die bekanntesten Freunde der Dichter. Aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammt das seltsame Gedicht vom Sängerkrieg auf der Wartburg. Es erzählt von sechs Sängern, die am Hof des Landgrafen Hermann zusammenkamen, Heinrich dem tugendhaften Schreiber, Reimar von Zweter, Wolfram von Eschenbach, Biterolf, Walther von der Vogelweide und Heinrich von Ofterdingen. Während fünf den Landgrafen von Thüringen rühmen, verkündet Heinrich von Ofterdingen das Lob Leopolds von Österreich. Sie kommen überein, einen Wettstreit zu veranstalten, bei dem jeder den von ihm bevorzugten Fürsten rühmen soll; der verlierende soll sterben. In diesem schauerlichen Wettgesange mit dem lauernden Henker im Hintergrunde unterliegt Heinrich von Ofterdingen; aber durch Vermittlung der Landgräfin Sophie wird ihm erlaubt, bei dem berühmten Meister Klingsor aus Ungarland Berufung einzulegen. Er reitet zuerst nach Wien an den Hof des Herzog Leopold, wo er mit großen Ehren empfangen wird, und dann zu Meister Klingsor, einem Mann von Adel, der in den weltlichen Künsten, aber auch in der schwarzen Kunst bewandert ist. Durch schwarze Kunst führt er Heinrich von Ofterdingen in einer Nacht aus Ungarn nach Eisenach, wo sie im Haus eines Bürgers absteigen. Dort beobachtet Klingsor die Sterne und liest in ihnen, daß in dieser Nacht dem König von Ungarn eine Tochter geboren wird, die künftige Frau des Sohnes des Landgrafen. Nun beginnt ein Wettstreit zwischen Klingsor und Wolfram von Eschenbach. Da Klingsor erkennt, daß Wolfram ihn zu überwinden vermöge, beschwört er den Teufel, der in menschlicher Gestalt auf die Wartburg kommt und vom Landgrafen die Erlaubnis erhält, sich in den Streit einzumischen. Er erzählt wunderbar alle Geschichten, die sich von Anfang der Welt an zugetragen haben; Wolfram aber spricht von der Süßigkeit des göttlichen Wortes, das Fleisch ward, und endet mit den Worten, die der Erlöser sprach, als er das heilige Abendmahl einsetzte. Bei diesen furchtbar heiligen Worten fliehen beide, der Teufel und Klingsor. Klingsor empfindet jedoch die Niederlage als unleidlich und bittet den Teufel, die schwache Seite von Wolframs Gelehrsamkeit auszukundschaften. Noch einmal sucht der Teufel Wolfram in Eisenach auf und legt ihm Fragen nach der Natur der himmlischen Sphären, nach Sternen und Planeten auf, die Wolfram nicht beachtet. Der Teufel lacht und ruft aus: »Er ist ein Laie, er ist ein Laie!« und schreibt diese Worte an die Wand des Gemachs.

Der Sängerkrieg hat in Wirklichkeit nicht stattgefunden und hätte sich jedenfalls nicht auf der Wartburg abgespielt, die damals als Festung diente, während der Landgraf in einem steinernen Hause in Eisenach Hof hielt; aber Hermann war in der Tat ein Freund der Dichtkunst und der Sänger. An seinem Hofe fand Wolfram von Eschenbach Zuflucht und schrieb dort einige Bücher des Parzival; dem Heinrich von Veldecke, der sich unter Hermanns Schutze in Eisenach aufhielt, wurde bei Gelegenheit einer Hochzeit sein Epos Eneit gestohlen, das er als Handschrift mitgebracht hatte. Nach neun Jahren konnte der Landgraf sie ihm zurückstellen. Während des Kampfes zwischen den Welfen und Staufen, der im Anfang des 13. Jahrhunderts heftiger als je entbrannte, wechselte Hermann, während sein Vater und Großvater, mit Barbarossa verwandt, diesem treu angehangen hatten, je nach augenblicklichem Vorteil zwischen den Parteien und schädigte dadurch seinen Ruf. Da er sich außerdem die Mönche von Reinhartsbrunn, einer Gründung der landgräflichen Familie und ihre Gruft, zu Feinden gemacht hatte, haben sie ihn der Nachwelt als einen frevelhaften Mann geschildert; es scheint, daß die Ausgelassenheit an seinem Hofe die Grenzen der üblichen, recht freien Sitte überschritt. Während seiner letzten Lebenszeit soll er in Wahnsinn verfallen sein. Es wird erzählt, daß einem Priester, der für den Verstorbenen betete, ein Heiliger erschienen sei und ihm geraten habe, das Beten für den zu unterlassen, der schon ein Jahr vor seinem Tode tot gewesen sei; denn seinen Körper habe anstatt der Seele ein böser Geist belebt. Hermanns Sohn, Ludwig der Heilige, so erzählt die Sage weiter, wünschte das Schicksal seines Vaters im Jenseits zu erfahren und bewog einen Schüler, der in der schwarzen Kunst erfahren war, den Toten zu beschwören. Der Landgraf kam zu Roß; als er seinen Mantel auseinanderschlug, wurde die Glut sichtbar, in der sein Leib brannte. Als Beweis seiner Gegenwart zeichnete er den Fuß des Schülers mit einem Funken aus dem höllischen Feuer.

Man glaubt in diesen dunklen Geschichten von fernher den dämonischen Umriß Fausts heranschweben zu sehen. Der Gegensatz, der das deutsche Gemüt bewegte, war nicht der zwischen Denken und Glauben, sondern der zwischen Weltlust und Seligkeit in Gott. Zur Weltlust gehört auch das Wissen und die Kunst, soweit sie nicht Gott geweiht und Gott untergeordnet sind; aber das Wissen ist nicht gegen den Glauben gerichtet. Heinrich von Ofterdingen und Klingsor leben ebenso inmitten der christlichen Weltanschauung wie Wolfram von Eschenbach oder Walther von der Vogelweide. Ein unheimliches Licht aus der Hölle huscht um Klingsor, weil er Zauberei treibt, die Sünde der Sünden, weil er an die Wurzeln der göttlichen Kraft vordringen will, die Gott sich selbst vorbehalten hat, weil er die Quellen aufreißen will, die Gott zum Heil für den Menschen versiegelt hat. Der Drang, die Schranken zu durchbrechen, die nach der Anschauung der Gläubigen dem menschlichen Geiste gesetzt sind, macht ihn gefährlich, aber doch auch anziehend und herrlich. Wenn Wolframs Reinheit siegt, so werden seine Gegner nicht unbedingt verworfen. Heißt es doch sogar im Sängerkrieg, daß Heinrich von Ofterdingen mit Hilfe falschen Würfelspiels überwunden sei, und die weltliche Wissenschaft und schwarze Kunst, in der Klingsor dem Wolfram überlegen ist, stellt sich, obwohl sie einer niederen Sphäre angehört, als hoch und begehrenswert dar. Die Gottesdiener wie die Zauberer umfaßt eine gemeinsame Sphäre von Gläubigkeit, in der der Teufel zugelassen ist. Einem dunklen Schatten gleich, der eisig in die lichte Natur Gottes fällt, gleitet der Böse, zugleich ein Gott und ein Nichts, vorüber; zerstören kann er sie nicht. Bemächtigt sich der Zweifel wirklich des deutschen Geistes, so wird er zur Verzweiflung und von dort aus überwunden.

Die lyrischen und epischen Dichtungen der Hohenstaufenzeit offenbaren ein kultiviertes Leben und eine erlesene, verfeinerte Kunst, doch nur wenige reichen aus der Zeit in die Ewigkeit, darunter einige Gedichte Walthers von der Vogelweide. Die meisten interessieren mehr als Dokumente einer großen Zeit, als daß sie unmittelbar als Poesie ergreifen. Unter die Sterne versetzt, allen Wandlungen des Geschmackes entrückt, sind die beiden großen Epen von den Nibelungen und von Gudrun, die mit keinem Namen eines Dichters verbunden sind. Sie gehören zu den Werken, an denen in Jahrhunderten ein ganzes Volk geschaffen hat. Während die meisten Dichtungen der mittelalterlichen Blütezeit den Charakter und die Anschauungsweise von Rittern oder Geistlichen widerspiegeln, also eines Standes, wittert im Nibelungen- und im Gudrunliede die brausende Natur. Kriemhild, Gudrun, Siegfried, Hagen sind keine Ritter und keine Christen, Dämonen sind es, die mit tödlichen Leidenschaften ein grandioses Spiel treiben, das den Betrachter zugleich mit Grauen und mit Entzücken erfüllt wie eine Feuersbrunst oder ein Orkan. Zügen begegnen wir hier, wie sie nur das Schicksal oder die der Wirklichkeit verschwisterte Sage entwerfen kann: wie wenn Kriemhild einzig ihren Bruder Giselher mit einem Kusse begrüßt, und Hagen, das Ende ahnend, den Helm fester bindet, oder wenn Gudrun den unwillkommenen Freiern als Gruß entbieten läßt: wollt ihr unseren Wein nicht trinken, soll euch Blut eingeschenkt werden. Mit den höfischen Menschen der Dichtung haben diese Gestalten keine Verwandtschaft, wohl aber mit der Wirklichkeit. Hier ist etwas eingefangen von dem eigentümlichen Heidenchristentum des Mittelalters. Wenn die streitenden Königinnen, als sie den Knoten der Tragödie schürzen, auf den Stufen des Wormser Domes stehen, wenn die Möwe, die, auf dem eisigen Meere schaukelnd, Gudrun Botschaft von ihren Angehörigen bringt, sich plötzlich als Engel Gottes anmeldet, so berührt das nicht seltsamer, als wenn Heinrich der Löwe, der mit eigener Hand den Feuerbrand in seine Burg wirft, eh er sie dem Kaiser überliefert, Reliquien aus dem Heiligen Lande heimträgt, oder als wenn Heinrich IV. und Friedrich II., die mit teuflischer Grausamkeit gegen ihre Feinde wüten, in salbungsvollen Glaubensbekenntnissen mit den Päpsten wetteifern. Das Fest der Elemente, das die meerhaft sich ausbreitenden Verse des Heldengesanges feiern, das Ungeheure, das aus längst verschütteter Urzeit hervorzusteigen schien, grenzte nah an die Wirklichkeit. Es war so gut Wirklichkeit wie die Flamme ewiger Anbetung am Altare, wie das dem am Kreuz verscheidenden Gott dargebrachte Opfer an Erdenglück und Erdenleben. Die Begegnung von Element und Wort ist es, die das Wunder zeugt.

Albert Magnus

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Er, der zur Rechten mir am nächsten steht,

War Bruder mir und Meister; er ist Albert

Von Köln, und ich bin Thomas von Aquino.

Der, den Dante als Bruder und Meister des Thomas von Aquino einführt, ist nicht wie dieser von der Kirche unter ihre Heiligen aufgenommen; aber die Geschichte hat ihm als einzigen unter allen Gelehrten, unter allen Privatpersonen den Namen des Großen verliehen. An dieser überragenden mittelalterlichen Erscheinung stellt sich der Unterschied zwischen römischem und deutschem Wesen dar; wie durchaus mittelalterlich-katholisch er war, zugleich war er deutsch-protestantisch, er steht in der Kirche und ist doch auch größer als die Kirche, frei wandert er unter den Sternen, das Haupt gekrönt vom Sausen der Elemente. Fromm, treu, gerecht, ein unermüdlicher Arbeiter, tapfer zu seiner Überzeugung stehend, ein Zögling der Natur, bis ins höchste Alter jugendlich strebend, offen allem Lebendigen, ist der Doctor universalis zwar nicht das, was der Deutsche im allgemeinen ist, aber das, was er sein möchte, was er als deutsch liebt und verehrt.

Albert von Bollstädt ist in dem jetzt bayrischen Städtchen Lauingen, das seinen Ursprung in graue Vergangenheit zurückführt, als Sohn eines dem niederen Adel angehörigen Geschlechts geboren. Er wuchs in der Art der jungen Männer seines Standes auf, liebte die Jagd und war in allen ritterlichen Künsten geübt; was ihn bewog zu studieren, war neben dem Drang nach Erkenntnis sicherlich auch die Hoffnung, auf der Universität mit allen Fasern Leben und Lebenslust in sich aufnehmen zu können. Im alten ghibellinischen Padua, das sich unter den Hohenstaufen das Recht unbeschränkter Selbstregierung erworben hatte, tat sich im Jahre 1222 durch Übersiedelung von Professoren und Schülern aus Bologna eine neue Universität auf, wo besonders das Studium der freien Künste betrieben wurde. Dort gewann der damalige General des Dominikanerordens, Jordan, ein Deutscher aus der Gegend von Paderborn, der ein Schüler des heiligen Dominikus gewesen war und einen starken Einfluß auf die Jugend ausübte, Albert von Bollstädt für das Studium der Theologie und für den Orden. Nachdem er in Bologna Theologie studiert hatte, wurde er als Lehrer nach Köln berufen, lehrte vorübergehend an den Schulen von Hildesheim, Straßburg, Freiburg, Regensburg und in den Jahren 1245 bis 1248 in Paris. Als dann eine Schule in Köln gegründet wurde, schickte der Orden ihn dorthin.

Die Predigten und Erbauungsbücher Alberts bewegen sich in dem zu seiner Zeit üblichen Stile, der uns unverständlich geworden ist. Warum hat Christus Weizenbrot zur Verwandlung genommen? Sieben Gründe werden dafür angeführt, z. B. die Ähnlichkeit von Christi Leib mit dem Weizenbrot. Es folgt eine dreifache Betrachtung des Weizenbrotes: wie es in einem Haufen liegt, wie es in der Erde liegt, wie es zu Brot gebacken ist. In der ersten Hinsicht bedenkt er, wie Christus von der Jungfrau empfangen ist, in der zweiten wie er für uns gelitten hat, in der dritten wie er im Himmel verherrlicht ist. In der ersten wird die Mutter Christi geehrt, in der zweiten wird der Sünder befreit, in der dritten wird der Selige beglückt. Die Verkündigung wird in folgender Weise betrachtet: War es notwendig, daß der Erzengel Gabriel zu Maria geschickt wurde? Durch welchen Boten geschah die Verkündigung am passendsten? Mußte der Bote ein Engel sein? Oder ein Erzengel? Oder ein Cherub? Oder ein Seraph? Sollten alle Klassen der Engel zugleich die Sendung ausführen? Oder alle Engel zugleich? Oder der Vater? Oder der Sohn? Oder der Heilige Geist? Oder die ganze Heilige Dreifaltigkeit? In welcher Gestalt ist der Erzengel erschienen? Als Schlange oder als Taube? In welchem Alter? In welchem Kleid? – Eine alpdrückende Erinnerung an Schulaufsätze überkommt uns.

Aus der reichsten, blühendsten Offenbarung ist der Geist herausgepreßt, und der übriggebliebene Teig wird mit Fäusten bearbeitet und als Speise vorgesetzt. Man pflegte die in der Bibel erzählten Vorgänge nicht so zu behandeln, daß man den in ihnen liegenden Sinn entfaltete, daß man sie als vorbildliche Lebenserscheinung betrachtete, zu der das Leben aller in Beziehung steht, daß man sie durch sich selbst, durch die in ihnen liegende Poesie wirken ließ, sondern man machte eine Allegorie daraus, eine beliebige, an das Äußerliche anknüpfende Vergleichung, bei der die Einteilung die Hauptsache war, die aber mit dem Geist des Bibelwortes nichts zu tun hatte. Albert hat sich diese Mode angeeignet, ohne je den Drang nach einer tieferen, lichtvolleren Behandlung zu spüren. Man muß annehmen, daß dem frommen Manne die Form, in welcher die Frömmigkeit ausgeübt wurde, genügte, daß die Art, wie die Kirche die Beziehung des einzelnen zur Kirche vermittelte, für ihn die gute und richtige, durch die Überlieferung geheiligte war. Das schloß nicht die unmittelbare Beziehung zu Gott durch Gebet, in Glaube, Liebe und Erkenntnis aus. Wie die Kirchenlehrer schrieb er der natürlichen Vernunft eine hohe Kraft im Erkennen der Wahrheit zu, schätzte er die Griechen als das Volk, das durch Beobachtung der Gesetze und die höchste Weltweisheit blühte. Das größte Verdienst auf dem Gebiete der Philosophie erwarb er sich dadurch, daß er die Schriften des Aristoteles, gereinigt von den Irrtümern, die durch Averroës entstanden waren, übersetzte und bearbeitete und den Zeitgenossen Zugang zu dem heidnischen Heiligen des Mittelalters verschaffte. In seiner Ansicht über den Staat ist Albert wohl von Aristoteles beeinflußt, wie er denn überhaupt in allen seinen Anschauungen gern das Überlieferte übernahm und zu bestimmten eigenen, etwa auch von den überlieferten abweichenden nur dann kam, wenn er sie durch Erfahrung oder Erlebnis gewann. Damit hängt es zusammen, daß er kein Systematiker war und daß nicht seine Summa, sondern die des Thomas von Aquino, die endgültige, noch heute von der Kirche anerkannte, alles in Sein und Denken Existierende in einem geschlossenen Kosmos zusammenfassende All-Form geworden ist. Der mächtige Geist des großen Albert baute sich einen Kosmos und durchbrach ihn immer wieder, um jenseits in das Unendliche zu greifen. Der Natur gegenüber band ihn keine Fessel, suchte er den Grund der Erscheinungen in der Natur selbst. »Wir haben in der Natur nicht zu erforschen, wie Gott der Schöpfer nach seinem freien Willen die Geschöpfe gebraucht zu Wundern, wodurch er seine Allmacht zeigt, sondern vielmehr was in den Naturdingen nach den natürlichen Ursachen auf natürliche Weise geschehen kann.« Scientiae naturalis non est simpliciter narrata accipere sed in rebus naturalibus inquirere causas. Von früher Jugend an beseelte ihn der Hang, den Zusammenhang der natürlichen Erscheinungen aufzufinden. Auf der Jagd stellte er Beobachtungen mit den Falken und den Hunden an. In Padua beobachtete er, wie bei der Öffnung eines verschlossenen Brunnens die beiden Männer, die zuerst hinunterstiegen, starben, der dritte in Ohnmacht fiel, und daß das Wasser gut und brauchbar wurde, nachdem ein augenscheinlich fauliger Dunst daraus verflogen war. Auf seinen zahlreichen Reisen, die er zu Fuß machte, sah er immer gespannten und scharfen Blickes um sich und begab sich auch eigens dahin, wo etwas Merkwürdiges kennenzulernen war. Beim Austernessen interessierte er sich für die Perlen, die er fand, von 96 Edelsteinen zählte er die Fundorte und Eigenschaften auf. In Ostfranken sah er Magnetsteine von besonderer Kraft und notierte sich, daß ein wißbegieriger Gefährte beim Kaiser Friedrich Magnetsteine gesehen haben wollte, die nicht das Eisen anzogen, sondern vom Eisen angezogen wurden. Er beobachtete den Kampf eines Adlers mit einem Schwan, und daß der Schwan nicht nur beim Tode eines Genossen, sondern bei jedem Schmerz singe.

Ebenso wie Pflanzen und Tiere suchte er den Menschen zu erforschen. Er dachte nach über den Traum, bemerkte, daß man seltener von Gerüchen als von Gestalten und Farben träume und suchte das zu deuten, er glaubte, daß es prophetische Träume gebe, zweifelte aber, ob man sich darauf verlassen könne. Er war überzeugt, daß Mensch und Tier durch die Eigenart des geographischen Ortes beeinflußt werden, und meinte, daß die Germanen wegen der größeren Kälte ihrer Heimat groß, stark, mutig und ursprünglich ungeschickt zum Studieren seien, daß sie aber, wenn sie es einmal beginnen, mehr ausdauerten als andere. Als Beispiel führte er die Mailänder an. Von den romanischen Völkern sagte er lobend, daß sie die schöne Mitte bilden zwischen der Wildheit des Nordens und der Weichlichkeit des Südens. Er beobachtete, daß die Bergbewohner häufig »knotige, skrophulöse Hälse und Schlünde haben« und führte die Auswüchse auf das Wasser zurück. Daß die Physiognomie die herrschende Naturanlage des Menschen anzeige, glaubte er, aber nicht immer und nicht mit Notwendigkeit. Die Gegend an den Polen hielt er im allgemeinen für unbewohnbar wegen der Kälte; gebe es aber dort Tiere, so müßten sie große, fleischige Körper haben, damit die Kälte sie nicht so schnell durchdringe, und ihre Farbe müßte weißlich sein. Die andere Hälfte der Erde sei bewohnt, meinte er; wenn noch keiner der Bewohner zu uns gekommen sei, so liege das an der Größe des dazwischen ausgebreiteten Ozeans.

Wenn Albert die Natur aus sich selbst und ihren eigenen Bedingungen zu verstehen suchte, so sah er sie doch nie als etwas von Gott Geschiedenes oder Gott Entgegengesetztes an, sondern als von Gott erfüllt. Er glaubte fest an die Unsterblichkeit der Seele, und zwar der Einzelseele eines jeden. Heftig bekämpfte er die Ansicht der Araber, daß die Menschheit nur eine Seele habe, die nur durch die Körper individualisiert werde. Jede Seele, meinte er, sei unmittelbar von Gott erschaffen; da sie wesentlich vom Körper verschieden sei, nehme sie am Tode desselben nicht teil. Die Seele ist nach ihm die Form des Körpers und das Prinzip der Bewegung.

Fast noch bedeutsamer als das, was von Alberts philosophischer und naturwissenschaftlicher Wirksamkeit berichtet wird, sind die Sagen, die im Volke über ihn umgingen. Sie knüpfen zum Teil an mechanische Versuche, die er wohl wirklich angestellt hat. Einmal, so heißt es, habe sein Schüler Thomas von Aquino in seiner Abwesenheit die geheime Zelle betreten, wo er zu feilen und zu drechseln pflegte. Dort habe er allerlei ihm unbekannte Instrumente und Apparate und ein seltsam gestaltetes Tier und in einer Ecke einen feuerroten Vorhang gesehen. Da er es nicht habe lassen können, den Vorhang zurückzuschlagen, habe er ein wunderschönes Frauenbild erblickt, das ihn mit magischer Gewalt gefesselt habe. Das habe ihm zugerufen: Salve! Salve! Salve!, worüber er so entsetzt gewesen sei, daß er einen Stab genommen und darauf geschlagen habe. Unter wunderlichem Klirren und Stöhnen sei es zusammengebrochen. »Thomas«, habe der eben eintretende Albert ausgerufen, »was hast du getan? Das Werk dreißigjähriger Mühe hast du vernichtet.« Auch als Bischof von Regensburg soll er in dem Schlößchen Donaustauf, wohin er es liebte, sich zurückzuziehen, ein Laboratorium gehabt haben, wo er geheime Künste trieb. Womit er sich dort beschäftigte, kann man daraus schließen, daß er gelegentlich davon sprach, wie man durch Dampf das Entstehen eines Erdbebens veranschaulichen und daß man einem darauf bezüglichen Apparat die Gestalt eines blasenden Menschen geben könne. Indem er erzählte, Dädalus habe nach der Überlieferung aus Holz ein Minervabild gemacht, das beweglich gewesen sei und gesungen habe, erklärt er, auf welche Art sich das bewerkstelligen lasse. An den Besuch des Königs Wilhelm von Holland in Köln knüpft sich die Sage, wie Albert ihn und sein Gefolge im Dominikanerkloster empfing und sie einlud, im Klostergarten ein Mahl einzunehmen, wie den ungern Eintretenden statt des gefürchteten Frostes warmer Sommer, Blumenduft und Vögelgesang entgegenblühte, und wie Albert seine Gäste mit köstlichem Wein, jeden mit dem gewünschten, bewirtete. Die Zauberkunst, Menschen anzuziehen, übte Albert tatsächlich an dem jungen König aus, der sich von ihm, um seinen Umgang länger zu genießen, nach Utrecht begleiten ließ und ihm dort für seinen Orden ein schön gelegenes Haus schenkte. Medizinische Studien Alberts mögen der Sage zugrunde liegen, daß er einen Becher besessen habe, mit dem, bald mit Wasser, bald mit Wein gefüllt, er alle Kranken geheilt habe. Wenn es ferner heißt, daß er die Tochter des Königs von Frankreich durch die Lüfte nach Köln entführt habe, daß er auf dem Rücken des Teufels nach Rom geritten sei, um den Papst von einer Sünde abzuhalten, daß er sich von Gott erbeten habe, einige Tage im Fegefeuer zubringen zu dürfen, damit er auch diese Region kennenlerne, nachdem er auf Erden alles erforscht habe, glaubt man nicht wiederum aus Nebelgewölk die Gestalt Fausts auftauchen zu sehen? Aus dem Schoße des Volkes ringt sich ein deutsches Urbild los, der Himmelhochstrebende, Unersättliche, Niebefriedigte, auf den ein flackernder Schein aus der Hölle fällt. Wie neben Gottvater beinah kameradschaftlich der Teufel steht, so steht er auch neben dem genialen Menschen, halb mächtiger Gegengott, halb betrogener Kobold. Im Bunde mit dem Teufel selbst erscheint der Verwegene doch nicht schuldig, solange er kämpft und strebt und die Götterkraft in sich fühlt, den Bösen zu überwinden.

Wenn Albert nicht wie Goethes Faust wünschte, dem Meere Land abzugewinnen, um mit freiem Volk auf freiem Boden zu stehen, so beschützte er doch die Rechte und Freiheiten des Volkes soviel er konnte. Als Erzbischof Konrad von Hochstaden mit der Stadt Köln in einen schweren Streit geriet, gelang es Albert zweimal, eine Vermittelung herbeizuführen, wobei jedem das Seine gegeben wurde, was bei der Masse verwickelter Rechtsfragen und übergreifender Ansprüche außerordentlich schwierig war. Das Vertrauen, das beide Teile in Alberts Gerechtigkeitsliebe, Unbestechlichkeit und Sachkenntnis setzten, läßt seinen Charakter im schönsten Licht erscheinen. Bei der Sühne, der die verhängnisvolle kriegerische Auseinandersetzung folgte, fehlte seine Mitwirkung. Auch in Würzburg wurde er bei einem Streit zwischen Bischof und Bürgerschaft zur Vermittlung herangezogen und hat sie nicht versagt. Gerade diese Teilnahme an wichtigen öffentlichen Akten zeigt die frische Tätigkeit des gelehrten Dominikaners und seinen unbefangenen Sinn für die weltlichen Lebensverhältnisse.

So unbegrenzt war das Zutrauen zu Alberts Allvermögen, daß er nicht nur für den Erbauer der Dominikanerkirche und des neuen Domes in Regensburg gehalten wurde, sondern auch den Plan zum Kölner Dom soll er entworfen haben, nachdem der alte romanische im Jahre 1248 abgebrannt war. Dabei hätten ihm die Jungfrau Maria und die Patrone und Meister der Baukunst, die Vier Gekrönten, geholfen; denn die Heiligen bemühten sich nicht weniger um ihn als der Teufel. Überhaupt soll er die gotische Bauweise in Deutschland eingeführt haben, die deshalb kurzweg die Albertinische Kunst geheißen habe. Es spricht aus dieser durch nichts zu begründenden Sage das Gefühl, daß ein neuer Geist aus diesem Manne sprach, auf den man darum alles Neue und Große bezog. Wie seine Art der Naturbetrachtung, so widersprach er auch in religiösen Dingen oft der üblichen Auffassung. »Wenn wir denen vergeben, die uns an Leib, Ehre oder Gut schadeten, das ist uns mehr nütze, als wenn wir über Meer gingen und uns ins heilige Grab legten.« »Wenn wir Lieb und Leid in rechter Demut aus Gottes Hand empfangen und beides als Gottes Gabe erkennen, so ist uns das mehr nütze, als wenn wir alle Tage einen Wagen voll Birkenreiser auf unserem Rücken zerschlügen.« »Wenn der Mensch krank ist, so glaubt er oft, daß sein Leben unnütz sei vor Gott. Wenn er aber nicht des Gebetes und der guten Werke pflegen kann, schaut seine Krankheit und sein Verlangen tiefer in die Gottheit als zehnhundert Gesunde.« Der Katholizismus war unüberwindlich groß, als er noch den Protestantismus und die Mystik in sich schloß. Erhob sich Albert über das Formelhafte und Äußerliche sowohl wie über das krampfhaft Übertriebene, was kirchliche Gebräuche so leicht verfälscht, bewegte er sich doch treu in den Schranken der Kirchlichkeit und gab viele Proben herzlicher Frömmigkeit. Auch die Askese wußte er zu schätzen und übte sie in verständiger Weise, ließ sich aber doch, als er Bischof wurde, vom Gelübde der Armut entbinden. Liebesgeschichten sind nie von ihm berichtet worden, wieviel Gerüchte auch über ihn umgingen, und wie rücksichtslos er auch als Nekromant angegriffen wurde. Die Sage von der argen Herzogstochter, die neun Jünglinge liebte und dann umbrachte, und die auch ihn besitzen wollte, führt ihn als zauberkundig, aber als unverführbar ein. Doch war er ein Freund der Frauen und der Frauenbildung. Im Gegensatz zur Bibel forderte er, daß im Falle des Ehebruchs nicht nur der Mann die Frau, sondern auch die Frau den Mann entlassen dürfe. Das Recht, die ehebrecherische Frau zu töten, sprach er dem Manne ab.

In allen seinen Anschauungen hielt er die Mitte ein, nicht im Sinne des Mittelmäßigen, Verwaschenen, Verplatteten, sondern so, daß er das Entgegengesetzte zu verbinden suchte, wie es wirklich im Wesen der Menschen verbunden ist. Er war ein Gegner der Gütergemeinschaft, wie sie Plato lehrte; aber wenn er den Privatbesitz für zulässig und sogar löblich erklärte, so sagte er doch, daß der Mensch nicht unbedingt Herr seiner Güter sei. Privatbesitz, der über das hinausgehe, was man zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse benötige, müsse den Ärmeren zugute kommen. Der Besitzer überflüssiger Güter sei eigentlich nur Verwalter des Armengutes. Im Falle der Not werde Privatbesitz Gemeinbesitz, weil nach dem Naturrecht im Notfalle alles gemeinsam sei. Das folge aus der Zusammengehörigkeit aller im Staate. Im allgemeinen lehnte er sich in allen den Staat betreffenden Fragen an Aristoteles, zuweilen an Augustinus. Das Fundament des Staates ist ihm die Gerechtigkeit; er erinnert an das Wort des Augustinus: »Ohne Gerechtigkeit sind die Staaten weiter nichts als große Räuberbanden.« Wenn der Zweck des Staates ist, die Bürger zu versittlichen, so bildet dabei doch die Wirklichkeit des Lebens eine Grenze. So hielt er z. B. das Zinsnehmen für gestattet. Den Krieg sah er als ein Übel an, nicht aber den Soldatenstand für unsittlich oder unerlaubt; denn im Interesse seiner Souveränität müsse der Staat gerüstet sein und dürfe zur Verteidigung auch Kriege führen; Kriege gegen heidnische Völker zum Zwecke der Bekehrung dagegen verwarf er, ganz abweichend von den herrschenden Ansichten und Gepflogenheiten. Widerstand gegen Tyrannen hielt er für erlaubt. Der Staat war ihm nicht Machtstaat, sondern in erster Linie Kulturstaat.

Das Umfassen aller Gebiete des Glaubens, des Denkens und des Lebens macht Albert so groß. In alles, was er tat oder bearbeitete, vertiefte er sich gründlich, mit Leidenschaft. Die Menge seiner Schriften ist so groß, daß man meint, er müsse sein Leben mit der Feder in der Hand zugebracht haben. Doch schätzte ihn der Orden nicht nur als Prediger und als Universitätslehrer, sondern auch als Verwalter. In der Freundschaft war er treu und in der Anerkennung fremden Verdienstes so selbstlos und hingebend, daß er, als die Lehre des Thomas von Aquino in Paris angegriffen wurde, trotz seines hohen Alters, denn er war in der Mitte der achtziger Jahre, dorthin reiste, um seinen verstorbenen Schüler und Freund zu verteidigen. Es war ihm eine lange Lebenszeit beschieden, damit er alle Stufen des Lebens durchschreiten und ihre verschiedenen Aufgaben erfüllen könne. Er starb neunzigjährig im Jahre 1280.

Der Rheinische Bund

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Man hat die Zeit, die dem Untergang der Hohenstaufen folgte, während der ausländische Fürsten zu Königen gewählt wurden, die Deutschland teils gar nicht, teils nur flüchtig betraten, das Interregnum, das Zwischenreich, genannt und pflegt sie als eine Zeit des Niedergangs, des allgemeinen Verderbens zu betrachten. Wie richtig das auch ist, so ist doch kein Niedergang so durchgreifend, daß sich nicht Keime regten, in denen ein herrlicher Flor für die Zukunft sich vorbereitet; denn die Kette des Lebens reißt niemals ganz ab. Schwächungen der Zentralgewalt haben nicht selten den großen Vorteil, daß das Einzelne sich kräftiger rühren kann, daß aus der Tiefe des Volkes schöpferisch emportreibt, was der Anregung durch die Not bedurfte, dem die mangelnde Aufsicht Raum gibt. Das ist gerade bei den Deutschen mit ihrer Neigung zu individuellen Bildungen der Fall, deren Reichtum wohl zuweilen das Ganze zu überwuchern droht, aber doch der Kultur zugute kommt. Zwischen der Vertretung des Ganzen – der Zentralgewalt – und dem Einzelnen muß stets ein Kampf und ein Ausgleich stattfinden; darin, daß jedes Einzelne strebt, ein Ganzes zu werden, und daß das Ganze jedes Einzelne einschränken muß, ohne es zu vergewaltigen, darin bestehen die schwierigen Verwicklungen des Lebens, darin besteht aber auch das Leben.

Schon während der Regierungszeit Friedrichs II., der selten im Lande war und eine schwache Vertretung hatte, verfielen die Städte auf das Mittel der Einung, um sich der durch den König gestärkten Fürsten zu erwehren. Nachdem diese gesetzlich die volle Landeshoheit erhalten hatten, die königliche Oberhoheit für ihr Gebiet so gut wie ganz ausgeschaltet war, trachteten sie danach, ihre zerstreuten Güter und Rechte zu einer zusammenhängenden Landesherrschaft auszugestalten, innerhalb welcher die unabhängigen Städte sie störten, deren Reichtum ohnehin zur Eroberung reizte. Von Anfang an stützten die Städte ihre Freiheit auf die Königsgewalt, deren Stärke ihr Interesse war. Bei dem fast gänzlichen Erlöschen derselben griffen sie zur Selbsthilfe, um nicht der um sich greifenden Fürstenmacht zur Beute zu fallen. Leise und unscheinbar war der Beginn einer Einrichtung, die sich bedeutend auswirken sollte: im Jahre 1220 verbündeten sich die benachbarten Städte Mainz und Worms, indem sie ihren Bürgern gegenseitig Rechtsgleichheit zugestanden. Einige Jahre später erklärte Heinrich, der Sohn Friedrichs II., den er zum Regenten Deutschlands bestimmt hatte, alle Verbrüderungen oder Eide, wodurch sich Mainz, Bingen, Worms, Speier, Frankfurt, Gelnhausen und Friedberg verbunden hätten, für aufgelöst und nichtig. Bereits also erregte die bescheidene Kraftentfaltung einiger Städte Ärgernis. Im Jahre 1231 legte Heinrich den versammelten Fürsten die Frage vor, ob Städte untereinander Bündnisse abschließen dürften und erhielt, wie zu erwarten war, eine verneinende Antwort. Selbstverständlich widersprachen Verbindungen zwischen gleichartigen Reichsgliedern dem Reichsrecht, denn sie lösten eine Gruppe aus dem Gesamtverbande und verlagerten das Gleichgewicht; auch wenn sie nicht ausdrücklich gegen andere gerichtet waren, so bedeuteten sie doch eine Herausforderung oder Gefahr. Andererseits schlossen die Fürsten nach Belieben Bündnisse untereinander und war ihre Übermacht gegenüber einzelnen Städten so entschieden, daß diese auf Verbrüderung angewiesen waren, und Städtebünde wie durch Naturgewalt sich immer wieder bildeten. Zwei Jahre nach dem Tode Kaiser Friedrichs verbanden sich Köln und Boppard, ein Jahr später Münster, Dortmund, Soest und Lippstadt. Im Todesjahr Konrads IV., 1254, erneuerten Mainz und Worms ihr altes Schutz- und Trutzbündnis. Der Gedanke, möglichst viele Städte im Reich zu einem großen Bunde zusammenzuschließen, ging von Mainz aus, dessen Blüte damals fast die Kölns übertraf, und die leitende Persönlichkeit scheint Arnold aus dem Geschlecht der Walpode gewesen zu sein. Der Name kommt vom Amte des Gewaltboten, das die Familie seit dem Anfang des zwölften Jahrhunderts bekleidete. Arnolds Name ist in den Urkunden, die sich auf den sogenannten Rheinischen Bund beziehen, fast immer an erster Stelle genannt, so daß man Ursache hat, in ihm den eigentlichen Begründer zu sehen. Sonst weiß man nichts von ihm, als daß er die Dominikanerkirche gründete, die, nachdem sie im 15. Jahrhundert zerstört und wieder aufgebaut war, beim Bombardement von Mainz im Jahre 1793 abbrannte. Aus dem Dunkel der Vergangenheit scheint sein Name wie ein ferner Stern, ein Quell des Lichts, zu dem man verehrend und dankbar aufschaut, ohne sein Wesen zu erkennen.

Als Zweck des Bundes nannten die Städte die Abstellung ungerechter Zölle. Dies war, mochte auch Stärkung der städtischen Macht gegenüber der fürstlichen hauptsächlicher Antrieb sein, kein Vorwand. Die Zölle waren ein Regal, und als rechtmäßig galten nur die vom König oder mit königlicher Bewilligung errichteten Zollstätten. Seit geraumer Zeit erlaubten sich Fürsten und Herren willkürliche Zollforderungen, die einer Art von Wegelagerei gleichkamen und den Verkehr unerträglich erschwerten. Während es am Rheine im 12. Jahrhundert 19 Zollstätten gab, waren es in der Mitte des 13. Jahrhunderts etwa 35. Auf der Burg Kaiserswerth, die Barbarossa im Jahre 1189 als Zollstätte erbaute, stand die Inschrift: Hoc decus imperii caesar Fridericus adauxit justitiam stabilire volens et ut ubique pax sit. Die Burgen, von denen aus neuerdings die Kaufleute auf Grund willkürlicher Zollforderungen erhoben wurden, waren keine Zierde, sondern eine Schande des Reiches, dienten nicht der Ordnung und dem Frieden, sondern dem Raub und der Gewalt. Da die Gewalttat von Fürsten und Herren ausging und sich gegen die Städte richtete, mußte es von vornherein bedenklich erscheinen, daß Fürsten und Herren zum Eintritt in den Bund eingeladen wurden; die Städte glaubten wohl, ohne diese Ausdehnung auf alle Reichsglieder die kaiserliche Bewilligung nicht zu erlangen. So umfaßte denn der Bund bald einen großen Teil des Reiches, allerdings in der Hauptsache nur den südwestlichen. Von norddeutschen Städten traten Münster, Osnabrück und Bremen bei, von östlichen Regensburg; die Zusage dieser mächtigen Donaustadt wurde als ein großer Gewinn betrachtet. Die rheinischen Erzbischöfe und Bischöfe wurden alle Mitglieder, ebenso die Herzöge und der Pfalzgraf von Bayern, die Grafen von Katzenelnbogen, Leiningen, Ziegenhayn, die Herren von Hohenfels und Falkenstein. Als der neugewählte junge König Wilhelm von Holland in Mainz und Worms die Huldigung annahm, erklärte er sich mit dem Bunde und seinen Zielen einverstanden, auf dem Reichstage zu Worms im Jahre 1255 wurde er anerkannt. Es war das erstemal, daß Städte auf einem Reichstage vertreten waren.

Trotz seiner großen Mitgliederzahl hat der Bund nicht viel, fast gar nichts ausgerichtet. Dem mittelalterlichen Unabhängigkeitssinn entsprechend war er nur lose organisiert. Eine Art Zwang zum Beitritt konnte allerdings durch Handelssperre ausgeübt werden, übrigens aber fehlten Einrichtungen, die ein schnelles und energisches Handeln ermöglicht hätten, es gab weder eine Bundeskasse noch eine Bundesarmee. Der zeitgenössische Chronist Albert von Stade sagte, der Bund habe den Fürsten, Rittern und Räubern nicht gefallen, sie hätten gesagt, es sei schändlich, daß Kaufleute über adlige Männer herrschten. Über den Zweck des Bundes gingen die Interessen der adligen und der städtischen Mitglieder ganz auseinander, wenn auch die beitretenden Fürsten versprachen, alle ungerechten Zölle abzuschaffen. Daß einem Herrn von Bolanden und einem Herrn von Strahlenburg bei Schriesheim ihre Burgen wegen unrechtmäßiger Zölle gebrochen wurden, rechtfertigte den Aufwand des Bundes nicht. Über der Doppelwahl nach dem frühen Tode König Wilhelms löste er sich auf, nachdem er kaum zwei Jahre bestanden hatte.

Trotz seiner kurzen Dauer und seiner geringen Leistungen war der Rheinische Bund ein bedeutungsvolles Ereignis. Mit einem großen Wurf, richtunggebend, traten die Städte in das kämpfende Gewoge der Geschichte ein, scheinbar nur ihre wirtschaftlichen Interessen vertretend, tatsächlich als eine politische Macht, die den Fürsten eine Schranke setzte. Während die Fürsten sich auf Kosten des Reiches vergrößerten, verfochten die Städte den Reichsgedanken; um diese Zeit konnten sie mit Recht sagen, sie seien das Reich. Das mag auch am Königshofe empfunden worden sein: miraculose et potenter, wunderbar und mächtig, so heißt es in einer Urkunde Wilhelms in bezug auf den Rheinischen Bund, sei durch die Niedrigen für Frieden und Recht gesorgt worden. Denkt man daran, daß im Kreise dieser Niedrigen um diese Zeit die Dome von Freiburg, Straßburg und Köln begonnen wurden, Riesenspuren eines Geschlechtes, das seine Kräfte Unternehmungen zum Dienste des Überirdischen widmete, wird einem klar, wie reich, wie vielseitig das Leben des deutschen Volkes in den Städten strömte. Wie weit der Blick der Gründer des Bundes reichte, beweist die Tatsache, daß die städtischen Mitglieder eine Armensteuer zu entrichten hatten, und die fast noch merkwürdigere, daß sie auch das Interesse der Allerniedrigsten, der Bauern, in ihre Pläne einbezogen. Sie forderten, daß die Herren von ihren Hörigen nicht mehr als das seit dreißig Jahren Herkömmliche verlangten, ja es scheint, daß sie an die Möglichkeit des Anschlusses von Bauernschaften an den Bund dachten. Wäre dieser Gedanke ernstlich ins Auge gefaßt und weiter verfolgt worden, wie anders und wieviel harmonischer, wenn auch nicht kampfloser, hätte sich die Geschichte Deutschlands entwickeln können.

Stedinger, Friesen, Dithmarschen

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Da wo das Meer und die hohen Berge sind, hatten sich freie Bauern erhalten. Es ist, als ob im Kampfe mit den Elementen, mit Flut und Sturm, mit Felszacken und Eiswüsten etwas von der Unbändigkeit und Urgewalt der Elemente auf die kämpfenden Menschen überginge. Auch bilden Gebirge sowie Meer und Sümpfe eine natürliche Schutzwehr, während die offene Ebene der Verknechtung günstig ist. Die stolze Art der meeranwohnenden Sachsen und Friesen fiel früh auf; besonders die Friesen wurden in der Zeit, wo die Hörigkeit des Bauern als das Selbstverständliche galt, vom Adel als geborene Rebellen betrachtet. Daß sie die Kunst der Entwässerung und der Bedeichung verstanden, wodurch das fette, vom Meer angeschwemmte Land erst bewohnbar wurde, gab ihnen andererseits einen hohen Wert, der von den Besitzern von Sumpfland wohl begriffen wurde. Als Graf Adolf von Schauenburg Wagrien kolonisierte, weigerten sich seine Holsten, den Zehnten zu zahlen und sagten, lieber wollten sie mit eigener Hand ihre Häuser anzünden und ihr Land verlassen, als einer solchen Sklaverei sich unterwerfen; und dabei blieb es. Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts begannen auch die Erzbischöfe von Bremen das noch unbebaute Sumpfland an der Unterweser mit Bewohnern des westlichen Küstenlandes zu besiedeln, die damals in einer allgemeinen Bewegung nach dem Osten zu waren. Sie teilten das Land nach holländischem Recht, sogenanntem Hollerrecht aus, wonach die Siedler so gut wie frei waren, außer daß sie einen Grundzins, den Hollerzehnten, zahlten. Andere Ansiedler, wie z. B. die des Klosters Rastede und anderer Klöster, genossen geringere Vorteile; aber im allgemeinen betrachteten die von Natur streitbaren Leute das Land, das sie selbst in mühseliger Arbeit aus Sumpf und Moor geschaffen hatten, als ihr eigen, achteten Rechte von Grund- und Landesherren nicht und suchten sich ihrer zu erwehren, wenn sie unbequeme Ansprüche erhoben. Im Jahre 1190 erscheint der Name Stedinga zum ersten Male urkundlich; er umfaßte ein Gebiet an der Unterweser zwischen der Mündung von Oehre und Hunte; es gehört jetzt zum Teil zu Hannover, zum Teil zu Oldenburg. Je blühender und wohlhabender sich das Gebiet entwickelte, desto mehr reizte es die Nachbarn, berechtigte und unberechtigte Ansprüche zu erheben. Gefährlich wurden sie für die Stedinger, als in der Person Gerhards II. ein Erzbischof auf den Bremer Stuhl kam, der sich vorgesetzt hatte, sein verwahrlostes Stift neu zu befestigen. Gerhard war ein Sohn des berühmten Grafen Bernhard zur Lippe und glich seinem Vater, wenn nicht im Umfassenden der Persönlichkeit, doch in der Tatkraft. Da es ihm zunächst darauf ankam, seinen Staat finanziell zu heben, suchte er sich leistungsfähige Untertanen und fand sie in der Stadt Bremen und in den Stedingern.

Bis dahin hatten sich die Stedinger in ihrem durch Sümpfe geschützten Gebiet und durch ihre unwiderstehliche Tapferkeit unabhängig zu halten gewußt. Ihre nachbarlichen Fehden, die sich zunächst gegen die Oldenburger Grafen richteten, deren Vögte sich allerlei Übergriffe erlaubten, verliefen zu ihren Gunsten. In den Kämpfen zwischen den Staufern und Welfen nahmen sie bald auf dieser, bald auf jener Seite teil, ohne je eine andere Politik zu verfolgen als die Bewahrung ihrer Selbständigkeit. Vielleicht hätte das Geschick der Landschaft sich anders gestaltet, wenn die bereits mächtig aufblühende Stadt Bremen sich mit den Stedinger Bauern verbündet hätte; aber daran wurde auf beiden Seiten nicht gedacht. Nur auf sich selbst gestellt waren die Stedinger, als Gerhard II. es unternahm, die Freien zu unterwerfen, einzig einige Ministeriale, deren Burgen an der Grenze der Marsch lagen, wie die von Hörspe und die von Bardenfleth, auch einige, die auf der hohen Geest wohnten, schlossen sich ihnen an. Am Weihnachtsabend 1229 fand die große Schlacht statt, in der der Führer des erzbischöflichen Heeres, Gerhards eigener Bruder, erschlagen wurde. Kurz vorher war sein anderer Bruder, Bischof Otto von Münster, auf dem Moore von Coevorden von Friesen besiegt und getötet, ein Bruder Dietrich, Propst von Deventer, gefangengenommen; so war der Erzbischof auch durch die Blutrache zum Führer im Kampfe des Adels gegen die Bauern berufen. Nachdem die Kraft der freiheitsstolzen Stedinger sich so verhängnisvoll offenbart hatte, griff der Erzbischof zu einem unedlen Mittel, dessen Wirksamkeit sich aus dem Taumel erklärt, in den die Menschen durch geschickt verwendete Schlagwörter versetzt werden können. Wer einen Feind hatte, bemühte sich, seit die Ausrottung der Häresie als eine dringende Aufgabe von Staat und Kirche erklärt worden war, den Feind zu verketzern; dann gelang es, ihn zu vereinsamen, nicht nur nachbarliche, sondern auch staatliche und kirchliche Hilfe zu seiner Vernichtung aufzubieten. Bereits wurde im Bistum Münster das Kreuz gegen friesische Bauern gepredigt; nun ließ Gerhard II. auf einer Diözesan-Synode in Bremen die Stedinger für Ketzer erklären, was er damit begründete, daß sie die Sakramente verachteten, die Lehre der Kirche für Tand erklärten, daß sie Kirchen und Klöster durch Raub und Brand verwüsteten, daß sie mit des Herren Leib abscheulicher verführen, als der Mund aussprechen dürfe, daß sie von bösen Geistern Auskunft begehrten, wächserne Bilder bereiteten und sich von wahrsagenden Frauen Rat holten. Es waren zum Teil die gleichen Anschuldigungen, die schon zu Bonifazius' Zeit erhoben waren und noch erhoben werden könnten. Daß allerlei Aberglaube bei den Stedingern wie überall auf dem Lande im Schwange war, ließ sich so wenig leugnen, wie daß sie im Kampfe um die Unabhängigkeit Klöster zerstört hatten. Kirchen gab es in diesen, vor der Ansiedlung der Sachsen und Friesen kaum bebauten Gegenden allerdings wenige, und es ist möglich, daß die Stedinger an diesen wenigen genug hatten. Entweihung der Hostie war ein Vorwurf, der gegen alle Ketzer wie auch gegen Juden gern erhoben wurde und den man zu beweisen sich nicht verpflichtet fühlte, wie denn überhaupt die Beschuldigungen ohne Untersuchung als erwiesen galten. Worauf es eigentlich ankam, sieht man aus dem Satz, den der Erzbischof mit Beziehung auf eine Stelle aus dem Buch Samuel aufstellte: Nolle obedire scelus est idolatriae – Ungehorsam ist gleich Götzendienst. Ein abgefeimter Satz, der jeden Versuch des Freien, seine Freiheit zu erhalten, des Unterdrückten, sich zu wehren, für das ruchloseste Verbrechen erklärte, das die Zeit kannte. Papst Gregor sah wohl, wie mangelhaft begründet die Anklagen des Erzbischofs gegen die Stedinger waren und beeilte sich nicht, das Urteil der Synode zu bestätigen; aber im folgenden Jahre erließ er doch die gewünschte Verfluchungsbulle, und auf dem Reichstage zu Ravenna im Jahre 1232 wurden von Papst und Kaiser zusammen die neuen, scharfen und grausamen Ketzergesetze ausgegeben, die so viel Unruhe in Deutschland veranlaßten. Kaiser Friedrich beauftragte einen Dominikaner in Bremen, der Ketzerei nachzuspüren, verhängte über die Stedinger die Acht, nachdem er sie zusammen mit den Friesen erst fünf Jahre vorher wegen ihrer Taten im Heiligen Lande belobt hatte, und mahnte die Stadt Bremen, bei der Verfolgung mitzuwirken. Als der Erzbischof seiner Stadt den dritten Teil von dem zu erobernden Hab und Gut der Stedinger als Belohnung versprach, gelang es ihm, sie auf seine Seite zu bringen. Am 19. Oktober 1232 forderte der Papst durch die Bulle Intenta fallaciis sathanae zum Kreuzzuge gegen die Stedinger auf.

Die Stedinger waren entschlossen, alle Kraft und das Leben an die Verteidigung ihrer Freiheit zu setzen und taten es ruhmvoll. Zwei Kreuzheere besiegten sie, den Grafen von Oldenburg, der eins anführte, erschlugen sie. Die Gegner vermehrten ihre Anstrengungen, der Papst versprach in einer neuen Bulle denen, die das Kreuz nehmen würden, vollen Ablaß. Weit und breit wurde geworben und gehetzt, als wäre das Reich, als wäre die Christenheit in Gefahr. Vergeblich machte sich der unglückliche junge König Heinrich, Kaiser Friedrichs Sohn, zum Anwalt der Verketzerten, er beschleunigte dadurch nur seinen eigenen Sturz. Dem dritten Kreuzheer, das ins Feld zog, glückte die Vollstreckung des Urteils; es waren daran beteiligt Graf Heinrich von Oldenburg, Graf Ludwig von Ravensberg, Graf Florentin von Holland, Graf Otto von Geldern, Herzog Heinrich der Jüngere von Brabant, Wilhelm von Jülich und Dietrich von Cleve. Der Adel mußte viel aufwenden, um des kleinen Bauernvolkes Herr zu werden. Von denen, die die unglückliche Schlacht bei Altenesch überlebten, verließen viele das Land; Familien mit dem Namen Stedinger erschienen in verschiedenen Städten, auch in Lübeck und Hamburg. Die Güter der Stedinger wurden verteilt, ihre Freiheiten vernichtet. So unüberwindlich war der Unabhängigkeitssinn des Stammes, daß sie sich immer wieder, wenn auch ohne Aussicht und ohne Glück, erhoben; immerhin gelang es den Nieder-Stedingern gegenüber den Grafen von Oldenburg eine gewisse Selbständigkeit zu bewahren.

Länger, nämlich bis ins sechzehnte Jahrhundert, erhielten sich die Friesen und die Dithmarscher frei.

Die vokalreiche, wohlklingende Sprache der Friesen, die, wie es scheint, mehr Ähnlichkeit mit dem Englischen als mit deutschen Dialekten hatte, verschwand schon im sechzehnten Jahrhundert. Eala frya Fresena – Heil, freier Friese, mit diesen Worten sollen die Friesen sich begrüßt haben. Die Freiheit gehörte zu ihnen, wie das Meer und die Marschen zu ihnen gehörten, sie hatten in ihr ein Element mehr als andere Menschen. Rechtlich führten sie ihre Freiheiten auf Karl den Großen zurück, und die Kaiser haben ihre Reichsunmittelbarkeit anerkannt. Es gibt eine Überlieferung, wonach Friesen, die Barbarossa nach Italien begleiteten, ihm bei einer Verschwörung in Rom das Leben gerettet hätten. Als er sie zum Dank alle zu Rittern schlagen wollte, hätten sie das abgelehnt, indem sie sagten: »Wir halten uns höher als deine Ritter an Rang und Ruhm, denn wir haben unser Land dem Meere abgerungen und besaßen es zu eigen, ehe anderen das ihre zu Lehen gegeben wurde.« Der Kaiser habe erwidert: »So mögt ihr denn des Reiches Adler in eurem Wappen führen zum Gedächtnis, daß ihr wacker mitgekämpft habt zu des Reiches Ehre!« Gewisse Geschlechter führten nämlich den halben Adler im Wappen. Wie die Stedinger und die Dithmarscher litten sie unter sich keinen Adel und keine Hörige, was nicht hinderte, daß begüterte oder sonst ausgezeichnete Familien besonders angesehen waren. Ihre Demokratie war sehr aristokratisch.

Die Dithmarscher, die das Land nördlich der Elbmündung bewohnten, waren überwiegend Niedersachsen, sehr hochgewachsen, mit schmalen Gesichtern, während die Friesen auch groß, aber mehr plump und breitgesichtig sind. Doch sind Friesen und Sachsen an der Nordsee so ineinander übergegangen, daß eine genaue Scheidung nicht möglich ist. Noch jetzt gibt es in Dithmarschen, überhaupt an der Elbmündung junge Menschen von leuchtender Schönheit, alte Menschen voll Tiefsinn und Würde, mit festen, markanten Zügen, so wie man sich germanischen Adel vorstellt. Bei ihnen erhielten sich altgermanische Sitten und Zustände zum Teil so, wie sie Tacitus geschildert hat. Sie gehörten ursprünglich zur Grafschaft Stade und mit ihr später zum Erzbistum Bremen. Als sie 1227 in der Schlacht von Bornhövede, durch welche die Herrschaft der Dänen in Niedersachsen gebrochen wurde, den Ausschlag zum Siege gaben, bedangen sie sich vom Erzbischof aus, daß er ihre Landesfreiheit unangetastet lasse, so daß sie sagen konnten, sie seien dem Erzstift verwandt und zugetan, nicht ihm unterworfen. Es war derselbe Erzbischof Gerhard II., der die Stedinger vernichtete. Die Dithmarscher behielten ihre Selbstverwaltung. Die fünf Vögte, durch die der Erzbischof seine Interessen im Lande wahrnehmen ließ, wurden aus den begüterten Landbesitzern Dithmarschens gewählt, und die entscheidende Stimme hatte die universitas terrae Dithmarsiae, die Landesgemeinde, die sich in Meldorf, der einzigen Stadt, versammelte. Später kam Lunden, als zweite Stadt, dazu. Ihre Pfarrer bestellten die Dithmarscher selbst; es galt das germanische Eigenkirchenrecht, nicht in dem Sinne, daß die Kirche ihrem Stifter gehörte, sondern so, daß die Gemeinde die kirchlichen Angelegenheiten selbst verwaltete. Das ganze Land war in Kirchspiele eingeteilt, zugleich politische und kirchliche Bezirke; darunter waren Meldorf, Büsum, Wesselburen.

Es ist immer aufgefallen, daß im friesisch-sächsischen Recht, in friesisch-sächsischer Eigenart, im allgemeinen in der Freiheitsliebe und demokratisch-aristokratischen Gesinnung Ähnlichkeit mit den Schweizern besteht, was sich auch daraus erklären ließe, daß, wie behauptet wird, sowohl Friesen und Sachsen wie Alemannen von den Sueven abstammen. Indessen die Verschiedenheit ist ebenso groß wie die Ähnlichkeit, wie denn auch das Ergebnis der Freiheitskämpfe am Meer und in den Alpen ein verschiedenes war. Die Freiheitskämpfe der Meerfriesen und Meersachsen haben etwas von der Wildheit eines Löwen, der sich in seinem Reich gewaltig verteidigt; wagt sich einer hinein, so zermalmt ihn die königliche Tatze, und die Seinen müssen froh sein, wenn sie den blutigen Leichnam heimtragen dürfen. Da fielen König Wilhelm von Holland und viele andere holländische Grafen, da fielen Grafen von Oldenburg, da fiel Herzog Gerhard VI. von Schleswig-Holstein und mancher andere. Sie fochten kaum andere als Verteidigungsschlachten und diese mit naiver Großartigkeit. Sie hatten keine einzige befestigte Stadt; ihre Wälle waren die Sümpfe und Moore, die ihr Gebiet umgeben, die sie etwa durch Verschanzungen noch undurchdringlicher machten. Sie schützten sich auch persönlich nicht durch Harnische; die Natur ihres Landes und ihre furchtlose Tapferkeit, ihr Glauben an das Recht ihrer Freiheit waren die Mittel ihrer Siege. Die von der Natur gegebene Grundlage ihrer Freiheit auszubauen, sich mit Gleiches erstrebenden Nachbarn zu verständigen, dazu fehlte es ihnen an staatsmännischer Gesinnung. Es war ihnen wichtiger, unbehelligt zu bleiben, als sich in ihre Umwelt einzugliedern. Sie waren noch immer am liebsten allein auf ihrem Hof mit dem wie eine Adlerschwinge schirmenden Dach unter alten Eschen und Erlen. Vielleicht war es gerade die Geschlechterverfassung, die den einzelnen fest an sein Geschlecht band, einen einzelnen ohne Geschlecht überhaupt nicht kannte, die den Gemeinsinn, der zur Staatenbildung führt, weniger aufkommen ließ. Niemals schlossen sie Bündnisse mit den großen Handelsstädten, die an ihren Grenzen lagen, Hamburg, Bremen, obwohl sie gemeinsame Interessen im Kampfe gegen dieselben Fürsten nicht selten gehabt hätten. Die Bremer sahen in den Friesen, nicht durchaus mit Unrecht, Seeräuber, die Friesen gaben ihnen die Geringschätzung zurück. Zwei friesische Brüder, Didde und Gerolt, sollten in Bremen hingerichtet werden, weil sie eine Burg hatten zerstören wollen, mit der die Bremer friesische Nachbarn zu beherrschen gedachten. Nachdem Diddes Haupt gefallen war, ergriff es Gerolt und küßte den toten Mund. Als von dieser Gebärde gerührt die Ratsherren ihm das Leben schenken wollten, wenn er ein Mädchen aus der Stadt heiratete, sagte Gerolt: »Ich bin ein edler freier Friese und will lieber sterben, als eines Pelzers oder Schuhmachers Tochter zur Frau nehmen«, und ließ sich den Kopf abschlagen. So erzählt die Überlieferung. Die Dithmarscher traten zwar vorübergehend mit Hamburg, Bremen und Lüneburg in Verbindung, änderten auch mit ihrem Beistand im Anfang des 15. Jahrhunderts ihre Verfassung im Sinne einer Stärkung der Zentralgewalt, aber eine Einung von Dauer kam nicht zustande. Der Stadt Hamburg nahmen es die Dithmarscher, deren hauptsächlicher Feind ihr Nachbar, der Graf von Holstein war, sehr übel, daß sie es mit Holstein gegen Dänemark hielt. Sie zogen die Verbindung mit Dänemark immer einer solchen mit dem gehaßten Holstein vor, haben ja auch später zu Dänemark gehört.

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11 октября 2024
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5269 стр. 32 иллюстрации
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4066338117496
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