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Reinhold Stecher

Mit gläubigem Herzen
und wachem Geist

Begegnungen mit Land und Leuten

Herausgegeben von Klaus Egger

im Auftrag der Diözese Innsbruck


Wir danken der Katholischen Bibelanstalt für die freundliche

Abdruckgenehmigung aus der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift (Weish 7,15–25).

© 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

Viele Bibelstellen in diesem Buch werden von Bischof Reinhold Stecher jedoch nicht wortwörtlich nach der Einheitsübersetzung zitiert, sondern er verwendet auf dem Hintergrund seiner hebräischen und altgriechischen Sprachkenntnisse eigene Ausdrücke.

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2014

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung und Layout: Tyrolia-Verlag

Das Umschlagbild zeigt Innsbruck „über den Dächern“: links der Dom,

in der Mitte die Jesuitenkirche und rechts die Hofkirche, daneben der Stadtturm.

Lithografie: Artilitho, Lavis (I)

Druck und Bindung: Gorenjski-Tisk, Kranj (Slowenien)

ISBN 978-3-7022-3324-2 (gedrucktes Buch) ISBN 978-3-7022-3354-9 (E-Book) E-Mail: buchverlag@tyrolia.at Internet: www.tyrolia-verlag.at

Inhalt

Vorwort (Bischof Manfred Scheuer)

Einführung (Klaus Egger)

Kirche im Wandel der Zeit

Rast unter dem Baum

25 JAHRE DIÖZESE INNSBRUCK (1989)

Die Volksfrömmigkeit – Kostbarkeit oder Gefahr?

INNSBRUCK (1989)

Geleise in die Zukunft der Heimatkirche

PRIESTERTAGUNG, BRIXEN (1992)

Gedanken zum Dienst der Kirche in der Welt von Arbeit und Wirtschaft

TAGUNG, SALZBURG (1992)

Natur und Heimat

Tirol braucht Fenster

50 JAHRE TIROLER KULTURZEITSCHRIFT „DAS FENSTER“ INNSBRUCK (1991)

Durch das Gastland geht ein Erwachen

100 JAHRE TOURISMUS IN TIROL, INNSBRUCK (1989)

Ein Bergblumenstrauß der Dankbarkeit

150 JAHRE OESTERREICHISCHER ALPENVEREIN, WIEN (2012)

Wasser – Schatz der Zukunft

SYMPOSIUM, SALZBURG (2004)

Forstexkursion in die Bibel

150 JAHRE TIROLER FORSTVEREIN, INNSBRUCK (2004)

Christsein in der Welt von heute

Gläubiges Herz und forschender Geist

UNIVERSITÄT INNSBRUCK (1990)

Das christliche Menschenbild

THEOLOGISCHE FAKULTÄT INNSBRUCK (2002)

Christliche Erwachsenenbildung

KATHOLISCHES BILDUNGSWERK KÄRNTEN, KLAGENFURT (1998)

Dichtung und Glaube

UNIVERSITÄTSPFARRE ST. CLEMENS, INNSBRUCK (1996)

Berufe und Berufung

Ringen um Sprache

DREILÄNDERTREFFEN KATHOLISCHER PUBLIZISTEN PUCHBERG BEI WELS (1990)

Zum Profil des Unternehmers

INDUSTRIELLENVEREINIGUNG TIROL, INNSBRUCK (1991)

Die Tiroler Gemeinden

BEZIRKSBÜRGERMEISTERTREFFEN, LANDECK (1995)

Gedanken eines Seelsorgers zum Arztsein

CHIRURGENKONGRESS, INNSBRUCK (1997)

Wachsen und Reifen

Silberne Schale und goldener Apfel

WERKWOCHE DER KINDERGÄRTNERINNEN SÜDTIROLS, NALS (1991)

Liftfahrt in das Hochhaus der Werte

LANDESKINDERHEIM AXAMS, INNSBRUCK (2002)

Zeitlose Geburtstagswünsche

450 JAHRE AKADEMISCHES GYMNASIUM INNSBRUCK (2011)

Auf die alten Tage hin

PRIESTER-SENIOREN-TREFFEN, BRIXEN (1993)

In Sorge um das Humanum

Die Reichskristallnacht

UNIVERSITÄT INNSBRUCK (1998)

Wider die Unmenschlichkeit

ARBEITSGEMEINSCHAFT VATERLANDSTREUER VERBÄNDE TIROLS INNSBRUCK (1990)

Die Frage Judenstein

INNSBRUCK (1985)

Im Durchgangshaus der Gesellschaft

50 JAHRE CARITAS, INNSBRUCK (1995)

Der „Nobody-Helfer“

625 JAHRE BRUDERSCHAFT ST. CHRISTOPH ST. ANTON AM ARLBERG (2011)

In brüderlicher Verbundenheit

Das hohe Amt des Wegweisers

50. UND 25. BISCHOFSJUBILÄUM VON KARDINAL FRANZ KÖNIG UND WEIHBISCHOF HELMUT KRÄTZL, WIEN (2002)

Übersicht der Ansprachen und Vorträge

Vorwort

„Natur als Medizin“, das war der erste Text, den ich von Reinhold Stecher bei Exerzitien erhalten habe. Er weiß darin vom Ordnenden und Heilenden des Gehens, von der schöpferischen Kraft der Bewegung, auch für das Denken. In der Vielfalt der Reize und Sinneseindrücke, z. B. in den Medien, führt die Natur zur Stille und zur Schönheit. Reinhold Stecher hat das Buch der Natur – durchaus im Sinne eines Bonaventura oder auch eines Johannes Kepler – gelesen und erschlossen. Die Natur ist nicht nur Ort des Trainings und der Fitness, auch nicht nur der Ästhetik, sondern sie trägt die Spuren Gottes. Bischof Reinhold hat vielen Menschen geholfen, die Abstumpfung, die Stumpfsinnigkeit und damit auch eine Form der Dummheit zu überwinden.

Ende der Achtzigerjahre habe ich Karikaturen von Bischof Reinhold in die Hände bekommen. Eine zeigt den Schweizer Kampf um die Generalabsolution bei der Weltbischofssynode 1983 zum Thema „Versöhnung und Buße in der Sendung der Kirche von heute“ in Rom, die andere Don Quichotte und Sancho Pansa unverwechselbar als einen österreichischen Kardinal mit seinem damaligen Weihbischof. Reinhold Stecher hat das Buch des Humors und auch der Freiheit gelesen und geschrieben. Er hat durch seine Karikaturen und auch durch seine Deutungen Freiräume und Spielräume in deprimierenden Situationen und Phasen der österreichischen Kirche erschlossen.

In einer kurzen, aber prägnanten Osterpredigt geht es um Fragen der Mengenlehre, um die Klammer vor einer Menge, um das Plus oder das Minus. Auferstehung ist das Plus vor der Menge des Lebens, vor der Ansammlung von Erfahrungen und Widerfahrnissen. Reinhold Stecher hat das große Ja Gottes vermittelt, und das in einem Land, in dem Glaube und Religion teilweise mit viel Druck oder auch mit Angst verbunden waren. Und er hat die Beziehungen zu unserer Wurzel, die trägt, zum Judentum entscheidend verbessert.

Der junge Reinhold Stecher kam wegen „Organisation einer Wallfahrt“ auf die Waldrast in Gestapohaft. Bei einem Gedenken an die Opfer der Pogromnacht im November 1938 hat er das Entsetzen über die Ermordung von Innsbrucker Juden ausgedrückt. Dann forderte er das nüchterne Bedenken der Hintergründe, den Wurzelverzweigungen des Hasses nachzugraben, den Nährboden für Vorurteile, Sündenbocktendenzen, Horizontverengungen, Rassenstolzdummheiten und Aberglauben aufzuspüren. Weil er die absolute Rechtlosigkeit in Zeiten des Staatsterrors erfahren hat, war er ein leidenschaftlicher Verfechter und Verteidiger des Rechtsstaates, auch und gerade gegenüber denen in der Kirche, die meinten, dass der Gegensatz zum Recht die Liebe sei. Aber das Gegenteil von Recht ist nicht die Freiheit und die Liebe, sondern das Unrecht, die Barbarei, die Willkür und die Unterdrückung.

Bischof Reinhold hat etwas von der größeren Gerechtigkeit im Sinne der Bergpredigt verwirklicht: Er hat Menschen mit Behinderung Räume der Beziehung und der Freundschaft eröffnet, er hat Brunnen ermöglicht, deren Wasser Leben gespendet und gerettet haben. Und er hat nicht einfach Recht haben und Recht behalten wollen, sondern die Versöhnung gesucht. 1993 unterzeichnete er die Petition von SOS Mitmensch gegen eine Verschärfung der Asylgesetzgebung. Als der Innenminister 1990 die Abschiebung von 7000 Rumänen ankündigte, meldete er sich in den Medien zu Wort. Die Diözese Innsbruck werde die Flüchtlinge in den Pfarren aufnehmen, so der Bischof, denn er fände „die Idee einer Deportation ungeheuerlich. Vielleicht habe ich zu lange in der Diktatur gelebt.“

Bischof Reinhold wurde von zahlreichen Organisationen als Festredner eingeladen; dementsprechend breit ist die Fülle an Themen in seinen Ansprachen und Vorträgen. Der Diözese Innsbruck ist es ein Anliegen, dieses Vermächtnis in Buchform erscheinen zu lassen. Ich danke Klaus Egger, seinem Generalvikar und Wegbegleiter, für die Auswahl und Zusammenstellung der Texte.

Manfred Scheuer Bischof von Innsbruck

Einführung

Reinhold Stecher war nicht nur ein im ganzen Land geschätzter Bischof, Autor von Büchern, die auf Bestsellerlisten stehen, und begabter Hobbymaler, dessen Bilder Jahr für Jahr auf einer Vernissage versteigert wurden, um mit dem Erlös beachtliche Brunnenprojekte in Albanien, Brasilien und vor allem in Afrika zu finanzieren, er war auch ein begnadeter Redner, ein Meister des gesprochenen Wortes. Wo immer er zu Vorträgen und Ansprachen bei festlichen Anlässen eingeladen wurde, war er es, der dem Ereignis das eigentliche Glanzlicht aufgesetzt hat. Hilde Domin hat einmal geschrieben:

Wir Pächter und Weinbauern des Lebens essen Brot und trinken Wein, aber wir leben vom Glanz.

Reinhold Stecher hatte die Gabe, dem Leben in seiner ganzen Vielfalt jenen Glanz zu verleihen, der den Alltag aufbricht und das Ewige ahnen lässt.

Geprägt von einer selbstverständlichen Gläubigkeit in der Familie, von der Lebensfreude seiner Mutter und ebenso durch die große Bibliothek seines früh verstorbenen Vaters, wurde er als junger Theologiestudent wegen der Organisation und Teilnahme an einer verbotenen Wallfahrt nach Maria Waldrast in Gestapohaft genommen und dann zur Wehrmacht einberufen. Er überlebte als einer der wenigen seiner Kompanie die fürchterliche Schlacht vom Ilmensee (1941/42) und wurde dann nach Nordkarelien in Russland abkommandiert. Dort begann der 3600 Kilometer lange Rückmarsch nach Norwegen mit Heimkehr nach Innsbruck im Herbst 1945. Gerade die dunkelsten Stunden im Angesicht des Todes haben sein Vertrauen in Gott und in gute Menschen vertieft und gestärkt. Aus der Zuflucht zu Gott erwuchs ihm Zuversicht. Nicht bloß in seinem bischöflichen Wahlspruch „Dienen und Vertrauen“, sondern auch in seinen vielen Vorträgen und Ansprachen geht es ihm immer wieder um das grundlegende Vertrauen, das dem Leben Weite und Tiefe verleiht. In Psalm 34,6 heißt es: „Blickt auf zu ihm und euer Antlitz wird strahlen“. Ja, es war so etwas wie eine geheimnisvolle Ausstrahlung, die in seinem Auftreten und seinen Reden spürbar wurden.

Gefragt war er nicht bloß als glänzender Redner, sondern immer auch als Bischof, der für alle da ist und Fenster öffnet hin zu dem Geheimnis, das wir Gott nennen.

Es gibt in der Biografie von Reinhold Stecher noch einen kaum wahrgenommenen Bereich, der für sein gesamtes Wirken bedeutungsvoll wurde. Nach seiner Priesterweihe hat er neben seelsorglichen Aufgaben über mehrere Jahre hinweg an einer Dissertation über die Weisheitsliteratur im späten Judentum gearbeitet. Diese zum Teil erst im zweiten und ersten Jahrhundert vor Christus entstandenen Bücher des Alten Testamentes zielen auf die Vermittlung von Lebenswissen, das zum einen in der Glaubenserfahrung Israels und zum anderen im Gespräch mit der zeitgenössischen Kultur wurzelt. So will der Verfasser des Weisheitsbuches den Gebildeten seiner Zeit zeigen, dass sein Glaube echte Weisheit ist, und den Glaubensgenossen sagen, dass ihr Glaube der philosophisch-heidnischen Welt ebenbürtig ist. Im Buch der Sprüche geht es um Lebensbewältigung im umfassenden Sinn, oft in enger Berührung mit der Weisheit Ägyptens und des Zweistromlandes. Zentrales Thema ist die menschliche Existenz unter individuellen, gesellschaftlichen und religiösen Gesichtspunkten, aber auch die unbelebte Natur, Pflanzen- und Tierwelt. Aber alles steht unter der großen Überschrift „Initium sapientiae est timor domini“ – „Der Anfang aller Weisheit ist die Achtung vor dem Herrn“ oder frei übertragen „Die Kenntnis des Heiligen ist Anfang und Wurzel aller Erkenntnis und Bildung“. Der Weise ist ein Mensch, der überlegt, sich geschickt und sachkundig verhält, der klug und kundig das Leben bewältigt und meistert. Die Sprache der Weisheit ist eine poetische, die primär nicht Wissen, sondern gläubige Lebenserfahrung vermitteln will, oft in kurzen und prägnanten Sprüchen. Diese äußerst knappen Hinweise auf die Weisheitsliteratur des Alten Testamentes nehmen sich beinahe wie ein Porträt von Reinhold Stecher aus! Vergeblich sucht man in seinem schriftlichen Nachlass nach wissenschaftlichen Arbeiten, aber hinter allem, was er gesprochen und geschrieben hat, blitzt immer wieder ein großes und breitgefächertes Wissen auf. Kurze Hinweise auf bedeutende Gestalten der Humanwissenschaften, der Literatur und Theologie legen Zeugnis davon ab. Mit „wachem Geist“ suchte er in den verschiedensten Themenbereichen nach einer tragfähigen Synthese von Glaube und Vernunft mit dem Ziel, den Menschen zu dienen, wie er es in seinem programmatischen Wahlspruch „Dienen und Vertrauen“ zum Ausdruck gebracht hat.

Reinhold Stecher war auch mit Leib und Seele Tiroler. Er kannte Land und Leute wie wenig andere. Er hat das Gespräch mit Universitätsprofessoren und Künstlern genauso gesucht und gepflegt wie mit einfachen, kranken und alten Menschen. Daher waren seine Vorträge auch wirklich geerdet, ganz gleich, vor welchem Kreis er gesprochen hat.

Neben vielen anderen Ehrungen wurde er im Jahr 1994 „für seine Verdienste um die Schaffung eines Klimas der Toleranz und des Dialogs“ von der Universität Innsbruck mit dem Ehrendoktorat der Philosophie ausgezeichnet.

„Kirche im Wandel der Zeit“, „Natur und Heimat“, „Christsein in der Welt von heute“, „Berufe und Berufung“, „Wachsen und Reifen“ und „In Sorge um das Humanum“ sind die Themen dieses Buches. Den Abschluss bildet die Festansprache zum 50- und 25-jährigen Bischofsjubiläum von Kardinal Franz König und Weihbischof Helmut Krätzl im Rathaus von Wien.

Die hier abgedruckten Vorträge und Ansprachen wurden in der Zeit von 1985 bis zum Jahr 2012 gehalten und tragen selbstverständlich auch Spuren dieser Zeit- und Gesellschaftssituation. Wenn sich einzelne Bilder und Gedanken wiederholen, so ist das ein Hinweis darauf, welches Gewicht sie für Reinhold Stecher haben.

Jeweils am Beginn der einzelnen Kapitel werden Adressaten und Themen vorgestellt.


Innsbruck, im Herbst 2013 Klaus Egger

Kirche im Wandel der Zeit



In seinem langen Leben hat Reinhold Stecher ganz verschiedene Kirchenerfahrungen gemacht. In seiner Jugend war es die Kleruskirche, in der NS-Zeit die verfolgte Kirche, dann kam eine Kirche im Aufbruch bis nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der gesellschaftliche Wandel in den Sechzigerjahren hat auch vor der Kirche nicht Halt gemacht und neue Problemsituationen mit sich gebracht. Gefragt war eine Kirche mit menschlichem Gesicht, eine Kirche, die den Menschen Heimat bieten kann. Als unermüdlicher Verfechter einer „offenen Kirche“, die niemanden ausgrenzt und sich den Fragen der Zeit stellt, nimmt Reinhold Stecher als Bischof immer wieder zu kirchlichen Fragen mit großem Freimut Stellung. Das sind aber keine Kampfansagen, sondern Ermutigungen für all jene, die den vom Konzil eingeschlagenen Weg weitergehen wollen: ein Text zum 25-jährigen Diözesanjubiläum (1989), in dem er zur Situation der Kirche Stellung bezog, und Vorträge vor Priestern und kirchlichen Mitarbeitern.

Rast unter dem Baum
25 JAHRE DIÖZESE INNSBRUCK
(1989)

„Das Senfkorn ist zwar das kleinste unter allen Samenkörnern, aber wenn es ausgewachsen ist, ist es das größte von allen Gartengewächsen und wird zu einem Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und darin wohnen …“

(Mt 13,32)

Mit dem Blick auf diese Stelle des Evangeliums darf ich wohl nicht nur die Kirche als Ganzes, sondern auch die Kirche von Innsbruck im Besonderen mit einem Baum vergleichen. Es ist ein uralter Baum in unserer Heimat Tirol, unter den ich mich da niederlasse, fast so alt wie jene berühmten, gewaltigen Lärchen im Ultental, für die die Wissenschaftler ein Alter von beinahe 1800 Jahren errechnet haben sollen.

Da sind 25 Jahre Diözesangeschichte natürlich nichts. Aber es sei mir erlaubt, mich zu diesem Anlass unter diesem Baum hinzustrecken und über dieses merkwürdige Gebilde nachzudenken, den alten Stamm mit der rissigen Rinde, die ausladenden Äste und das doch immer wieder sich erneuernde Grün des religiösen Lebens, durch das die Sonne schimmert.

Romantisches Träumen erlaubt dieser Baum nicht. An seiner Krone zerren die Wetter und Winde der Zeit, und beides fällt von ihm herunter: Früchte und dürre Äste.

Aber es tut gut, die Hektik des kirchlichen Alltags mit dem verwirrenden Vielerlei des Aktuellen zu unterbrechen, und einmal dem lebendigen Ganzen nachzusinnen, das dieser breitausladende Baum des Gottesreiches darstellt, die tragenden Äste hinaufzuverfolgen, wie sie sich verteilen, verzweigen und überschneiden und schließlich doch irgendwo eine gemeinsame Gestalt finden, wie es bei jedem Baume ist.

Es geht mir nicht um Analyse und exakten Überblick. Mit den Instrumenten der Statistik und der Sonde des Soziologen vermag ich nicht besonders gut umzugehen. Es gelingt mir nicht, distanziert-exakt prüfend hinaufzuschauen in diese Lebendigkeit der Strukturen, die man sieht. Es geht mir auch um das, was man nicht sieht.

Natürlich müsste man sich darüber klar werden, an welchen Ästen die Früchte zukunftsträchtig schwerer hängen, oder wo ein Ast in einen Schattenwinkel hineinwächst, in dem nicht viel gedeihen kann. Wer einen Baum betrachtet, muss freilich alle Ungeduld ablegen. Bäume wachsen nicht im Zeitraffertempo der Macher. Vielleicht hat Christus für sein Reich absichtlich so viele Gleichnisse der Geduld gewählt: sprossende Bäume und reifende Saaten, nächtelang rudernde Fischer und wartende Jungfrauen mit den Lampen … Und noch eines hat der Herr vom Baum wie vom Weinstock betont: dass die Vielfalt eine geheimnisvolle Einheit bildet, dass sich alles aus einem Stamme verzweigt, und sein Leben aus Wurzeln erhält, die in der Tiefe verborgen liegen.

Aber nun hinein in das Geäst und Gezweig des kirchlichen Lebens!

Die Heilige Feier

Der erste Ast, den ich verfolge, wächst aus der innersten Mitte empor – und bleibt in der Mitte: Es ist der Ast der Heiligen Feier, der Ast der Mysterien, der Eucharistie, der Sakramente. Es war die besondere Sorge des letzten Konzils, sich um das strömende Leben und Blühen dieses Astes zu kümmern. Wie steht es bei uns mit diesem Ast? Wenn ich zum Beispiel an den Sonntag denke, dann gibt es da natürlich auch Entfremdungserscheinungen, Verständnisverlust und zeitgemäße Unverbindlichkeit. Aber im Ganzen gesehen ist dieser Ast doch in dem Menschenalter, das ich überblicke, um eine Welt lebendiger geworden, verjüngt und wesentlicher. Ob ich jetzt an die leise Intimität einer Roratemesse in der Hochschulgemeinde denke, oder an irgendeinen Firmgottesdienst im kleinen Bergdorf, an die große Liturgie mit dem Papst am Bergisel oder an die Osterzeremonie in den Pfarrgemeinden – es hat sich viel getan an diesem Ast. Und dass bei einem derartigen Vitalitätsschub der eine oder andere wilde Trieb ausschießt, ist mehr Naturereignis als Katastrophe.


Die große Linde im Schlosspark von Ambras bei Innsbruck

Im schlimmsten Fall muss halt das Amt auch einmal die Baumschere in die Hand nehmen … Aber wer hier nur Fehlentwicklungen zu sehen glaubt und nur den Verlust der Formen von gestern beklagt, der schaut den Baum weder mit den Augen des Glaubens noch mit denen der Liebe an.

Und doch bleibt mir viel zu wünschen und zu beten, wenn ich zu diesem Ast hinaufschaue. Dass wir die rechte Innigkeit finden und nicht in Formalismen steckenbleiben; dass wir auf alle Rücksicht nehmen, auch auf jene, die im Raum des Heiligen das Experiment nicht so lieben; dass wir die rechte Sprache der Zeit in der Verkündigung finden; dass auch die Kunst der Zeit in den Raum des Heiligen eindringe; dass in allem die Ehrfurcht dominiere, vom kleinen Ministranten bis zum Verwalter der Geheimnisse.

Auf einen Seitenzweig der Sakramente schaue ich mit Sorge: Er scheint sich dem Schatten und der Verkümmerung zuzuwenden und Blätterschwund zu erleiden: Es geht um das Sakrament der Umkehr. Es mag vieles daran schuld sein – von einseitigen Akzenten in der Kirche bis zu den billigen Mechanismen einer Verdrängungsgesellschaft, die die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld überflüssig zu machen scheinen – gleichviel, die Kirche kann sich das Baumsterben auf dieser Seite nicht leisten. Die Früchte dieses Zweiges sind für die Kirche unverzichtbar.

Die Gemeinden

Und weiter geht mein Blick zum hundertfach verzweigten Ast der Gemeinden. Wenn ich auch noch nicht überall gewesen bin, in den letzten acht Jahren bin ich auf diesem Ast viel herumgeklettert. Es sind gute Erinnerungen, die da aufsteigen: Abende mit Pfarrgemeinderäten und Pfarrkirchenräten, mit Frauen und Männern, Jugendlichen und Senioren, Menschen aus allen Schichten, Berufen und Altersstufen. Und ich weiß, wie viel Mitsorge und Verantwortung, Einsatz und Ideen, Mühen und Aktionen, Bazare und Renovierungen, Krankenbesuche und Kontakte, Fröhlichkeit und Gebet von diesen Gremien ausgehen.

Der Ast war in früheren Zeiten nicht immer so lebendig. In ihm liegt viel Hoffnung. Und ich schicke ein Gebet hinauf, dass er lebendig bleibe, gerade dann, wenn nicht mehr alle Amselnester auf ihm besetzt sind, will sagen, wenn nicht in jedem Widum mehr ein Priester sein kann …

Die Gemeinschaften

Und dann steigt da ein dritter Ast empor, der seine Zweige überall hinsendet: Es ist der Ast der überdiözesanen und diözesanen Gemeinschaften.

Es ist ein dankbarer Blick, den ich auf die Orden werfe, die weiblichen und die männlichen. Durch sie lebt in der Baumkrone der Ortskirche der Geist und die Spiritualität der ganz Großen der Kirche weiter: Augustinus und Benedikt, Norbert und Franziskus, Ignatius und Vinzenz, Theresia und Alfons, die sieben Väter des Servitenordens, Don Bosco und Dominikus, Bernhard und Johannes vom Kreuz, Maria Ward und Franz von Sales und viele, viele andere – durch ihre Gefolgsleute wird die Kirchengeschichte des geistlichen Lebens in der Heimat zur lebendigen Gegenwart. Und immer wieder wachsen neue Formen solcher Gemeinschaften. Und trotz aller verschiedenen Akzente gibt es einen beglückenden Geist des Miteinander. Der hilfesuchende Bischof weiß ein Lied davon zu singen.

Und weiters breitet dieser Ast die Seitenäste der verschiedensten Organisationen, in- und außerhalb der Katholischen Aktion, aus. Man möge mir das Durcheinander verzeihen – ein Blick in eine große, grüne Baumkrone ist nun einmal nicht so wie der in eine geordnete Kartei. Da arbeiten also Katholische Jugend und Jungschar, Männer- und Frauenbewegung, Familienverband und Lehrerverein, Kindergärtnerinnen und Diözesansportverband, Arbeiterjugend und KAB, Verband christlicher Unternehmer und Mittelschullehrer, Ritterorden und Dritte-Welt-Gruppen, Opus Dei und Drittordensgemeinschaften, Bundesheerseelsorge und Gastarbeiterbetreuung, Pfadfinder und Studentenverbindungen, Gen-Bewegung und Fokolare, Malteser und Bruderschaften, Krippenvereine und Chöre, Vinzenzgemeinschaften und Gruppen, die sich in Rocca di Papa zusammengetan haben, Kolping und Tourismusseelsorge … Hoffentlich nimmt es mir niemand übel, wenn ein Zweig verdeckt war. Der Überblick ist gar nicht einfach. Aber das alles ist gewachsen, weil eben das Leben so bunt ist und die Notwendigkeiten und Bedürfnisse so vielfältig sind.

Und doch muss ich das Gebet emporschicken, dass in all dem kein organisatorischer Leerlauf entstehe, und dass die Zweige nicht vergessen, dass sie zu einem Seitenast gehören, und der Seitenast, dass er aus einem Ast wächst, und der Ast, dass er aus einem Stamm kommt, und der Stamm, dass er nur aus einer Wurzel lebt, einer Tiefe.

Die vielfältige Hilfe

Noch ein weiterer Ast prägt und füllt die Baumkrone der Kirche Tirols, auch wenn er sich im Alltag meist bescheiden versteckt. Es ist der Ast des menschlichen und sozialen Helfens. Er war von Anfang an da, schon damals, als vor 2000 Jahren die Kirche noch eine winzige Staude war. Inzwischen hat er viele Zweige getrieben, auch hier bei uns. Zu ihm gehören die Mitarbeiter der Caritas, die pflegende Krankenschwester und die Familienhelferin, der Bruder-in-Not-Spender und die Sternsinger, die Betreuerin im Elisabethinum und die Altenpflegerin, das Engagement von „Frauen helfen Frauen“, der Solidaritätsfonds der KAB für schwer zu vermittelnde Jugendliche und die 35 Ortsgruppen des Vinzenzvereins, die emsige Arbeit des Sekretariats für Entwicklungshilfe und die Ferienangebote des Familienreferates, die Aktivitäten der Telefonseelsorge und das stille Wirken von „Rettet das Leben“, die Eheberatung, die Ehevorbereitung und der Arbeitskreis für Alleinerziehende …

Der Ast des Helfens sprengt den Rahmen der Diözese: Woche für Woche liegen mir die Schecks zur Unterschrift vor: nach Sudan und Armenien, in den Sahel und nach Indien, in die Slums von Brasilien und das Elend auf den Philippinen, nach Kenia und in den Kamerun, nach Madagaskar und Peru …

Was müsste ich diesem Zweig wünschen und erbitten? Dass seine Zweige immer wieder dorthin dringen, wo die Not in den Lücken der Gesellschaft und der Welt nistet? Und dass sich auf ihm keine Schmarotzerpflanzen niederlassen? Das auch. Vor allem aber, dass er immer durchpulst bleibe von jener Haltung des Dienens, die Christus uns allen eingeschärft hat.

Die Glaubensbildung

Je länger ich in den großen Baum hinaufschaue, umso mehr große Äste kommen in Sicht. Der nächste ist der Ast der Glaubensbildung. Auch er gehört in einer Diözese wie der unseren zu den Großstrukturen. Und das muss so sein – in einer Epoche des weltanschaulichen Vielerlei und der ethischen Verwirrspiele in der Gesellschaft, der Spannungen und gegenseitigen Vorwürfe im innerkirchlichen Raum, in einer Welt, in der eiskalte Rationalität und pseudomystische Geheimlehren nebeneinanderstehen. Glaubensbildung tut not.

Es ist ein großer Ast. Da ist die Theologische Fakultät dieses Landes mit ihrem ganzen Wissenschaftsbetrieb, die Ausbildung der Lehrer und Katecheten, die Pädagogischen und Religionspädagogischen Akademien, das Religionspädagogische Institut, das die Religionslehrer fördernd begleitet, die Priesterfortbildung, die Bildungshäuser. Hierher gehört das Netzwerk des Katholischen Bildungswerkes, der Stephanusgemeinschaft, des Theologischen Fernkurses. An diesem Ast hängen Tausende von Schulklassen mit ihrem Religionsunterricht, seinen Chancen und seinen Problemen. Hierher gehört auch alles Mühen um das kirchliche Pressewesen und sein Niveau, vom „Präsent“ über die „Kirche“ bis zum kleinsten Pfarrblatt, von der Sendung der Kirche in den Massenmedien bis zur einfachen Sonntagspredigt.

Was möchte ich zu diesem Ast als Gebet hinaufsenden? Dass auf ihm Glaubensfreude und Geistesschärfe, große Offenheit und tiefe Verwurzelung in der unvergänglichen Botschaft blühen mögen; und dass dieser Ast immer einen Raum von Freiheit in der Kirche finde, der wirklich nur beim Wildwuchs in die Lüge beschnitten wird.

Die Berufungen

Und weiters ist da noch der Doppelast der Berufungen. Auf der einen Seite gibt es viele Berufungen im Stand der Laien: Religionslehrer und Pastoralassistenten, Pfarrhelfer und Tischmütter, bewusstes Sich-in-den Dienst-Stellen als Frau und Mutter, Berufungen zu vielen Aktivitäten in all den genannten Ästen, zu Diensten wie Gottesdienstleiter, Firmhelfer und Kommunionhelfer, Berufungen zu ehrenamtlichen und hauptamtlichen Diensten. Ein neuer Zweig ist die Berufung des verheirateten Diakons. Er gedeiht zwischen der Astgabel und er gedeiht gut!

Und dann ist da der Ast der geistlichen Berufe. Hier ist der Blattstand im Priesterseminar und in den Noviziaten dünn geworden. Der Blick auf die junge Generation der Priester und Schwestern sagt zwar, dass die, die durchgehalten haben, gesunde Blätter sind. Das muss auch einmal gesagt sein. Aber es sind zu wenig. Warum wohl? Auch den unter dem Baum sitzenden Bischof beschleicht oft die Ratlosigkeit. Liegt es an uns, den Zölibatären: Leiden wir unter einem Verlust an Strahlkraft? Liegt es daran, dass dieser Ast dem rauen Wind des Zeitgeistes besonders ausgesetzt ist? Oder lähmt der Wohlstand doch auch den Mut zum Verzicht? Oder will vielleicht der Herr der Kirche auch eine Entwicklung korrigieren, weil man lange Zeit nur den Ast klerikaler Berufungen in der Kirche gesehen hat? Oder haben wir doch streckenweise ein Manko an echter Frömmigkeit? Die Antwort ist wahrscheinlich so vielschichtig wie die Fragen.

Ich weiß nur, dass ich zu diesem Ast der Berufungen heiße Gebete hinaufschicke, Dank für jede gelungene Berufung, Bitte um weitere. Auf beiden Ästen geht es nicht um die Zahl, letztlich nur um den Geist. Und dass dieser Geist und sein Feuer in junge Herzen strömen.

Die Beter

Und damit komme ich zum siebten und letzten Ast. Je mehr ich in die Baumkrone der Kirche von Innsbruck eindringe, umso öfter greife ich nach diesem Ast. Er ist der verborgenste aller Äste, doch wenn er fehlte, dann wäre der große Baum nur ein toter Riese, wie eine Zirbe, die der Blitz getroffen hat. Es ist der Ast der Beter.

Er reicht vom Schweigen des Karmel bis zu den Meditationen junger Menschen, vom Wirken der Gebetskreise bis zum Kinderkreuzweg, von den Rosenkränzen in den alten Händen bis zum Chorgebet der Klöster, vom Priester, der zum Brevier greift, bis zur Wächterin vor dem Tabernakel, vom murmelnden Beten der Tausenden, die auf Wallfahrt gehen, bis zur Stille der Einkehrtage und Exerzitien. Zu diesem Ast gehören das Stammeln der Verzweifelten und der Jubel der Festmessen. Zu ihm gehören das Werk des Künstlers und das Jauchzen der Geigen.

Wie die grünen Blätter eines Baumes die Sonnenenergie verwandeln, so holen die Beter für den ganzen Baum das Strömen der Gnade und das Walten des Geistes vom Himmel. Der Ast der Beter hat alle Kirchenkrisen, Glaubenskrisen und Gesellschaftskrisen überstanden. Und an diesem Ast hat in der Kirche immer der Frühling begonnen …

Darum kann ich Gott nur bitten, dass er diesen Ast in Innsbrucks Kirche erhalte und entfalte. Vor aller Aktion nach außen muss immer die Wende nach innen da sein.

Die Rast unter dem Baum geht zu Ende. Ich will es bei diesen sieben großen Ästen bewenden lassen. Wenn man sich ein wenig Zeit nimmt, in die große Baumkrone hineinzusinnen, kommt man darauf, dass in einer Diözese so vielfältiges Leben ist, so viel Freude und so viel Sorge, so viel Gewachsenes und so viel Bedrohtes, dass man vom Wissen um die eigene Unzulänglichkeit des Dienstes an diesem Baum überwältigt wird.

Und es kommt eine große Dankbarkeit in mir auf gegenüber den vielen Händen, die sich da regen, und die vielen Herzen, auf die man bauen darf. Es überwältigt mich die Dankbarkeit gegenüber meinen Mitbrüdern im Priesteramt und im Dienst des Diakons, die so treu am Werke sind, und gegenüber den vielen Laien, die in so schwierigen Zeiten wie diesen zu dieser unserer Kirche stehen. Und darum stehe ich mit der Hoffnung auf, dass das Wort des Psalmisten auch für meine Kirche in Innsbruck gilt:

„Sie gleicht dem Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Früchte bringt zu seiner Zeit und dessen Laub niemals verwelkt …“ (Ps 1)

Die Volksfrömmigkeit – Kostbarkeit oder Gefahr?
INNSBRUCK (1989)

Wenn man in Tirol beginnt, über die konkrete Kirche des Landes im Gebirge nachzudenken, über ihre Schätze und Chancen, über ihre Risiken und Gefahren, kommt man an diesem Thema nicht vorbei. Auch im Jahre 1989, in dem wir unser 25-jähriges Diözesanjubiläum begehen, begegnet es mir überall, in allen Kreisen, an allen Orten, im Blumenschmuck am Wegkreuz und in den liebevoll renovierten Kreuzwegstationen, im erst neu entstandenen Martinsumzug der Kinder wie in der uralten Gebetswache vor dem Heiligen Grab, in den naiven Votivtafeln am Wallfahrtsort und in den Körben für die Kräuterweihe am 15. August …

Was ist eigentlich die „Volksfrömmigkeit“? Das ist gar nicht so leicht und präzise zu beantworten, auch wenn wir ungefähr wissen, was gemeint ist. Sie ist eine Symbiose von Gläubigkeit und Brauchtum, sie ist eine Erweiterung der großen Liturgie der Kirche und des Erlösungsmysteriums hinein ins Leben, in den Alltag der Menschen, in Geste und Farbe, in Bild und Symbol, in Formel und Brauch. Wenn ich die große, tragende Liturgie der Kirche mit einem herrlichen Park vergleichen wollte, in dem alle Wege dem einen Tempel des großen Geheimnisses in der Mitte zustreben, in gemessener, gewachsener und hie und da (manchmal fast zu sehr) geregelter Schönheit, dann ist die Volksfrömmigkeit ein Bauerngarten, wo Suppengemüse, Gewürzkräuter und Herbstblumen ein etwas chaotisches, aber herzhaftes Ensemble bilden, das Duft und Farbe ausströmt, aber auch eine geheime Neigung zur Verwilderung hat.

Ich glaube, dass es Volksfrömmigkeit immer wieder geben muss. Auch zur Zeit Jesu war sie da, und der Herr scheint sie in vielem toleriert zu haben. Einmal muss sie im christlichen Leben wohl deshalb da sein, weil es weite Räume des Lebens gibt, die nun die zentrale christliche Liturgie (die heilige Messe, der Wortgottesdienst und die Karwochenliturgie) nicht ohne weiteres mit sichtbaren Zeichen des Heils erfüllt. Wobei man allerdings gleich bemerken muss, dass immer dann, wenn die Liturgie der Kirche sich entfremdet und nicht mehr verstanden wird, die Volksfrömmigkeit zu wuchern beginnt. Dieses Phänomen hat z. B. die Zeit vor der Reformation gekennzeichnet.

Ich glaube aber auch, dass die Volksfrömmigkeit manchmal so etwas wie ein gewisses Korrektiv sein kann, das das Gemüt in der Kirche gegen eine Überintellektualisierung, Überreflexion und Überproblematisierung anmeldet. Von daher ist es verständlich, dass im Schatten der Aufklärung im 18. Jahrhundert die Volksfrömmigkeit wiederum ins Kraut schoss, aber zum Teil eben als durchaus berechtigtes Anliegen des verachteten Gemüts. Beide Entwicklungen, die vor der Reformation und die in der kühlen Luft der Aufklärung, sollten uns bis zum heutigen Tage zu denken geben. Denn es gibt sie immer wieder, die Entfremdung vom Zentralen des Christentums und die Vernachlässigung des Gemüts. Und es wäre immer zu wünschen, dass die große Theologie und die große Liturgie und die Volksfrömmigkeit aufeinander zugehen, und dass die Letztere nicht der Ersatz der Ersteren wird.

So haben also viele Formen der Volksfrömmigkeit durchaus ihre Berechtigung, und zwar nicht nur im Sinne einer rückwärtsgewandten Brauchtumspflege. Sie schafft so etwas wie gläubige Kultur, mit den Kapellen und Kreuzwegstationen, den Bildern an den Häusern und dem Bittgang über die Flur, in den Segnungen von Fahrzeug und Vieh, Wohnung und Schule, in den Zügen der Beter zu den heiligen Orten, im Andenken, das man mit nach Hause nimmt, mit dem Kreuzlein, das man dem Kind um den Hals hängt. Auch in unserer so nüchternen Zeit ist Volksfrömmigkeit entstanden. Ich erinnere nur daran, dass in meiner Kindheit am Heiligen Abend die Friedhöfe alle im tiefsten Dunkel lagen. Nach dem Krieg begann man, Kerzen für die Gefallenen in die Fenster zu stellen, dann wanderten die Lichter auf die Gräber, und heute ist der Friedhof ein einziges großes Lichtermeer, und wenn man bedenkt, dass die Kirche in der zweiten Weihnachtsmesse das Thema „Lux et Origo“ feiert, Licht und Ursprung der Welt, dann hat diese Volksfrömmigkeit der erleuchteten Gottesacker einen tiefen Hintergrund im christlichen Glauben.

Viele Formen der Volksfrömmigkeit sind außerordentlich wichtig für Gemeinschafts- und Gemeindebildung. Das gilt für Familie und Pfarre, Jugendgruppe oder Altersheim. Man mag an den Martinszug der Kinder, die Bergfeuer junger Menschen, die Wallfahrt der Familie oder das Herbergsuchen denken – fast alle Formen der Volksfrömmigkeit schließen einen Weg zum andern hin ein. Deshalb gehört gesunde Volksfrömmigkeit und ihre Pflege, ja ihre schöpferische Weiterentwicklung auch zum Bild einer modernen Großstadtpfarre.

Diese so liebenswürdigen und sinnenhaften Verankerungen des Glaubens scheinen mir in einer Zeit wie der unseren besonders wichtig, da ja der immer deutlicher heraufdämmernde Priestermangel eine Einschränkung liturgischer Vollzüge wie der heiligen Messe notwendigerweise nach sich zieht.

Fehlentwicklungen

Aber der so freundliche Bauerngarten der Volksfrömmigkeit zeigt auch Neigung zum Wuchern, und man muss ein wenig auf der Hut sein. Vielleicht darf ich kurz andeuten, in welche Richtung die Fehlentwicklungen der Volksfrömmigkeit durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag gegangen sind.

Es gibt die uralte Versuchung zur Magie. Magie, die so alt wie die Religion in der Menschheitsgeschichte zu sein scheint, will die Gottheit mit bestimmten Praktiken zwingen. Es geht nicht um das tiefreligiöse Vertrauen, sondern um das Beherrschen von Tricks, die Segen bringen und Fluch abwehren. Bestimmte Riten, bestimmte Gebete, bestimmte Wiederholungen werden ganz sicher „nützen“. Wenn man’s falsch macht, nützt es nichts. Wenn man dieses Gebet nicht sagt oder diese Wallfahrt nicht mitmacht, ist die Mutter Gottes „beleidigt“. Die Welt wird mit Dämonen und bösen Geistern erfüllt, gegen die eben ganz bestimmte Frömmigkeitsformen „helfen“. Man sage nicht, das alles habe es nur im Mittelalter gegeben. Die tiefsten Ängste des Menschen sind zeitlos, zeitlos ist auch der untaugliche Versuch, sich davon zu befreien, und zeitlos ist das Bestreben, diese Bedürfnisse finanziell auszunützen. Auch heute gehen Leute um, die mit geheimen Rezepten die Geldtaschen für sich öffnen. Und das geheime Rezept hat etwas besonders Bestechendes. Das schlichte Vertrauen auf den gütigen Gott reicht bei weitem nicht aus. Darum wuchern in der Kirche Bewegungen mit geheimen und geheimsten Offenbarungen, die sich mit Vorliebe auf naive Fromme stürzen, und ich weiß, warum ich diesen Taschendieben im Volke Gottes entgegentrete. Es ist eine magische Entartung von Volksfrömmigkeit, wenn bei irgendeiner Unterlassung oder vernünftigen Änderung in der Kirche in den religiösen Vollzügen sofort auf daraus entstehende Flüche und böse Folgen hingewiesen wird. So hat zum Beispiel eine sich sehr fromm gebärdende Broschüre ein Autobusunglück in Zirl und den Dammbruch bei Stava1 in Trient der Rache des Anderl von Rinn2 zugeschoben. Bei solchen Vorstellungen wandert der christliche Glaube zurück in die dämonenerfüllten Urwälder des Steinzeitmenschen, dessen Religiosität wesentlich von der Besänftigung und Lähmung böser Geister geprägt war. Volksfrömmigkeit kann auch heidnisch werden.

Eine zweite Gefahr der Volksfrömmigkeit ist die Wucherung des Nebensächlichen. Auch diese Gefahr ist nicht ohne Aktualität. Unwichtiges wird zur Hauptsache hochgespielt und somit das Wesen des Christentums verdunkelt. Irgendein Heiliger nimmt eine Rolle ein, die nur dem Welterlöser zukommt. Eine im Detail auf ihre Echtheit kaum überprüfbare Privatoffenbarung wird wichtiger als das Wort Gottes. Eine Segensformel gilt mehr als das Mysterium der Eucharistie, ein Weihwassertropfen wird wichtiger als die Frömmigkeit des Herzens.

Es gibt also dieses Wuchern in Richtung Primitivisierung, Veräußerlichung, Magie. Das muss man wissen, und darum braucht der bunte Bauerngarten das Jäten, sonst werden bald einmal die Brennnesseln ins Kraut schießen.

Zum Schluss möchte ich auf drei Formen der Volksfrömmigkeit hinweisen, die bei uns aktuell und lebendig sind, und die gleichzeitig einen tiefen Bezug zu den zentralen Wahrheiten der Heilsbotschaft haben.

Da ist einmal die Wallfahrt. Sie drückt das hoffende Unterwegs-Sein des Christen aus, das mühsame Wandern und das doch Vertrauen-Können. Der Blick vom Georgenberg hinunter in die stundenlange Lichterschlange durch Wald und Schlucht offenbart eine der schönsten Formen von Volksfrömmigkeit.

Und dann gehört hierher die Krippe. Sie stellt das Mysterium der Menschwerdung in das Leben der Familie, in die heilige Zeit, in eine säkularisierte Welt. Und sie hat in unserer Zeit einen nie erwarteten Aufschwung genommen.

Und zum Dritten muss ich in Tirol die Herz-Jesu-Verehrung nennen. Sie führt – wenn sie richtig geübt wird und nicht nur an Äußerlichkeiten hängen bleibt – hinein in das innerste Wesen des erlösenden Gottes, „dessen Herzens Sinnen von Geschlecht zu Geschlecht geht, ihre Seelen dem Tod zu entreißen und sie im Hunger zu nähren …“3

Er soll und muss also weiterblühen, der Bauerngarten der Volksfrömmigkeit, auch in neuen Formen, aber man darf nicht auf das Unkraut vergessen, und dass die wuchernden Stauden den Blick auf das Eigentliche des christlichen Glaubens nicht verstellen dürfen.

Geleise in die Zukunft der Heimatkirche
PRIESTERTAGUNG
BRIXEN (1992)

Vor einiger Zeit ist in Österreich eine Befragung durchgeführt worden (Europäische Wertestudie), in die einige Tausend Katholiken einbezogen waren. Man hat diese Leute gefragt, was sie mit dem Begriff Kirche alles verbinden. Dazu bot man ihnen eine Reihe von Kombinationen an. Auf die Kombination „Kirche – Zukunft“ haben ganze drei Prozent bekannt, dass sie diese Begriffe miteinander verbinden würden. Ich bin mit allen Statistiken, die das Innere des Menschen betreffen, immer sehr vorsichtig gewesen. Aber zum Nachdenken bringt es einen doch, dass heute mit dem Begriff „Kirche“ Zukunft kaum verbunden wird. Unter Papst Johannes XXIII. war Kirche eindeutig mit Zukunft verbunden. Heute ist es anders. Das mag verschiedene Gründe haben. Ein Grund ist sicher, dass an den Steuerrädern und Kommandostellen der Kirche durchwegs ältere Herren tätig sind. Da ist es verständlich, dass der Blick eher zurückgewendet ist. Das gehört irgendwie zum Altwerden dazu. Man unterliegt auch der Gefahr einer Vergangenheitsverklärung. Gesundbleiben und Altwerden ist nicht nur ein biologischer Vorgang, sondern ist auch wesentlich bestimmt von einer geistigen Einstellung. Es gibt jugendliche Greise und greise Jugendliche. Ich weiß, dass hier eine ganze Reihe jugendliche Greise sind. In meiner Diözese sterben wenige am Pensionsschock. Das hat auch Vorteile.

Mir sind von früher her Werke von Futurologen bekannt. Futurologie ist eine sehr vielseitige Wissenschaft. Man kann aber viel weniger voraussagen, als man gemeinhin meint. Man kann wohl technische Dinge voraussagen, die Ressourcen der Erde berechnen, Bevölkerungspyramiden erstellen und auch herausarbeiten, was für soziale Probleme darin liegen. Aber schon bei der Wirtschaft wird man ganz vorsichtig. Wie oft müssen doch wirtschaftliche Daten korrigiert werden. Man kann in Italien und auch in Österreich mit relativ gesicherten Verhältnissen doch nicht alles voraussagen. Die Wissenschaft von der Zukunft ist sehr zurückhaltend, besonders in Bezug auf die Vorhersage geistiger Entwicklungen. In diesem Bereich kann man fast nichts voraussagen. Hier ist alles viel unsicherer als die Wettervorhersage. Die in den letzten Jahrzehnten erfolgten Veränderungen in der Kirche hätten wir nie voraussehen können.

Aber diese Zurückhaltung gegenüber allen Aussagen über die Zukunft heißt nicht, dass wir nicht nach vorne schauen können. Wir haben eine Zukunft und wir haben eine Verantwortung für das Morgen. Die Frage für das Morgen, die wir heute zu beantworten haben, heißt: Was will der Herr, was will Christus, was ist der Wille Gottes? Manche stürzen sich zur Beantwortung dieser Fragen auf Privatoffenbarungen aller Art. Ich habe keine, und ich werde dem lieben Gott auch nicht böse sein, dass ich keine habe.

Was bleibt uns zur Erforschung des Willens Gottes? Es bleibt uns erstens sein Wort und das Dogma, das die Offenbarung – sein Wort – zu fassen versucht hat, damit es nicht verloren geht. Das Zweite ist die Situation. Auch durch die Situation spricht Gott zu mir. Schließlich unterliegt alles der Vorsehung.

Im Licht des Wortes Gottes gibt es auch Traditionen, gewachsene Dinge, die kein Mensch so ohne weiteres über Bord schmeißt, von denen man aber sagen kann, sie sind gewachsene Dinge. Sie waren sehr oft eine Antwort auf eine Situation, die anders war als die unsrige. Da gilt es abzuwägen, was anders geworden ist, wo heute die Gewichte liegen. Die Situation ist in der Welt nicht überall gleich. Selbst in Nord- und Südtirol gibt es unterschiedliche Voraussetzungen. Anderswo sind die Unterschiede noch größer.

Da gibt es nur die Bitte an den Heiligen Geist, dass er uns befähigt, das Richtige zu finden. Der Geist hat aber grundsätzlich beschlossen, zu wehen und zu fließen, wo er will. Er fließt nicht nur aus den Röhren der Autorität. Er lässt sich nicht fassen, wie man Quellen fasst, und dann durch Rohre leiten.

Da ist es notwendig, dass man in der Kirche kreisende Antennen hat, die alles auffangen, was sich rührt. Ohne kreisende Antennen kann man die Kirche nicht in die Zukunft steuern. Raketen zur Abwehr genügen nicht. Wenn man die Kirchengeschichte anschaut, sind geistige Erneuerungen immer von unten gekommen, nicht von oben. Es gibt keine Zukunft, wenn das Schöpferische kein Recht mehr hat. Darum sehe ich manchmal eine Gefahr, wenn Autorität überbetont wird. Wir wissen, dass in einer autoritär geführten Schulklasse vom Lehrer her das Kreative stirbt. Es braucht eine gewisse Atmosphäre menschlicher Zuwendung und menschlichen Zutrauens, damit Schöpferisches blühen kann. Wenn die Kirche überstark zentral geleitet und dirigiert wird, besteht Gefahr, dass das Schöpferische zu kurz kommt. In Sowjetrussland hat sich gezeigt, dass nur dort, wo Initiative da war, Neues geschaffen wurde. Die Privatgärten haben das Volk ernährt.

Selbstverständlich ist uns allen klar, dass Ämter in der Kirche sein müssen. Ich bin selber eines, und so groß ist der Unterschied zwischen Pfarrer und Bischof auch nicht. Jeder von uns hat nur ein bestimmtes Maß an Begabung, andere Begabungen fehlen einem. Es gibt Bereiche, wo einem die Erfahrungen fehlen, die Einbeziehung der ganzen Kirche ist darum eine Notwendigkeit. Schöpferisches Denken kann nicht im Verwaltungswege besorgt werden, aber ohne schöpferisches Denken gibt es keine Zukunft. Die Ämter sind wichtig. Wir wissen aber, dass sie manchmal schlafen. Und wenn sie schlafen, schlafen sie traumlos. Wer an die Zukunft denkt, kann neben dem Glauben an das Ewige, dem Gespür für das Gewachsene und die gegenwärtige Realität, neben der Treue zur Tradition und zum gesunden Hausverstand nicht ganz auf Träume verzichten. Vielleicht haben die Leute den Eindruck, dass wir etwas traumlos leben.

Die sechs Geleise in die Zukunft

Ich lade Sie ein, mit mir auf den Bahnhof der Kirche zu gehen, wo die Züge in die Zukunft zusammengestellt werden. Auf dem Bahnhof der Kirche kommen viele Züge an, manche auch mit Verspätung. Aber viele fahren auch ab, ab in die Zukunft. Was gibt es auf diesem Bahnhof für Geleise in die Zukunft der Heimatkirche, hoffnungsvolle Geleise in die Zukunft?

Geleise in die Tiefe

Das erste Geleise ist das Geleise in die Tiefe. Wir haben sicher eine Kirche mit einer gewissen Krise. Aber wann hat es schon eine Kirche ohne Krise gegeben? Unsere Kirche braucht eine Wende nach innen. Selbst in den größten Verfallszeiten der Kirche, im 15. Jahrhundert, waren Geleise da, die in die Zukunft gelegt wurden. Die Nachfolge Christi wie andere spirituelle Bewegungen waren ganz gewiss Geleise in die Zukunft. Karl Rahner hat gesagt, die Kirche der Zukunft muss eine mystische Kirche sein, oder sie wird weitgehend nicht sein. Die Kirche braucht Unterflurtrassen, in die Tiefe verlegte Geleise. Auf diesen Geleisen fahren die Züge ganz still und unsichtbar, aber auf lange Sicht wirksam. Solche Geleise sind: Bibel, Schriftlesung; die Zentren der Ordenstradition, die alten Orden, so wie sie gewachsen, bis zum Karmel, werden bedeutsam bleiben. Dazu gehören auch Wallfahrten, schlichte einfache Wallfahrten. Das sind Unterflurtrassen der Kirche, unabdingbare tragende Geleise in die Zukunft.

Geleise in die Weite

Als Zweites möchte ich die Geleise in die Weite nennen, in die geistige und in die pastorale Weite. Da müssen wir Züge mit Aussichtswagen zusammenstellen. Für die Zukunft braucht die Kirche Menschen mit Horizont, sonst werden wir abgestellt, wie eine Sekte. Wir müssen auf den Hauptstrecken bleiben, uns nicht auf Nebengeleise abdrängen lassen. Das können wir aber nur, wenn wir Menschen mit Horizont, mit geistiger Weite haben. Es braucht eine wache und wachsame Auseinandersetzung mit dieser Welt, in der wir leben. In einer Welt, die alle zehn Jahre ihr Wissen verdoppelt, brauchen wir Menschen mit Horizont, mit Kenntnissen und Kompetenz. Wir können selbst nicht alles wissen, müssen aber eine große Offenheit gegenüber allem bewahren. Die Kirche braucht geistig wache Leute in allen Bereichen. Wir brauchen darum in der Kirche einen Zug, der in Richtung eines Bildungsstandes fährt. Wir brauchen eine gute Theologie und dabei eine Unterscheidung zwischen dem, was wesentlich ist, und dem, was unwesentlich ist.

Wir brauchen Geleise in eine pastorale Welt, weil heute viele, viele Menschen auf dem Weg sind. Die Schäflein weiden nicht mehr in der grünen Mulde. Viele sind am Rande, viele am Wege. Es ist nicht alles in das Schema der praktizierenden Katholiken einzuordnen. Eine Frage ist die Zulassung zu den Sakramenten von wiederverheirateten Geschiedenen. Es sind oft gute Leute. Die Statistik gibt nicht die geistige Situation unserer Leute wieder.

Vergessen wir nicht auf die Zusammenstellung von Zügen pastoraler Weite. Wir müssen schauen, dass wir den Leuten nicht unnötigerweise das Einsteigen in die Züge erschweren oder verweigern. Wir müssen in der Seelsorge auch Leute ansprechen, die nicht zu den treuen Sonntagsgottesdienstbesuchern zählen. Der Schafhirte auf der Alm hat die Schafe während der Alpungszeit einige Male gesalzt, damit sie nicht ganz wild werden. Wir werden auch mit ähnlichen Formen und ähnlichem Erfolg in der Pastoral zufrieden sein müssen (Saisonchristen), einige Begegnungen und etwas „Salz“, wonach sie Verlangen haben, damit sie nicht ganz „wild“ werden.

Geleise in die Geborgenheit

Auf dem Bahnhof der Kirche der Gegenwart müssen Geleise in die Geborgenheit angeboten werden. Christentum besteht gewiss nicht nur in Streicheleinheiten. Es gibt aber eine unausrottbare Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit. Ich glaube, dass dieses Angebot an Geborgenheit zutiefst dem entspricht, was der Herr gesagt hat, aber in der Kirche von heute zu wenig gepflegt wird. Wir sind unzählige Male in den Beichtstühlen gesessen. Was hat es da für Fixierungen gegeben. Für zahlreiche ganz brave Christen ist die Todsünde der normale Zustand gewesen, aus dem sie vielleicht zu Ostern, Portiunkula, Allerheiligen, Weihnachten herausgekommen sind. Wir haben die Züge in die Geborgenheit blockiert.

Züge in die Geborgenheit sind deshalb so wichtig, weil die Menschen von heute in einer entbergenden Welt leben. Schauen Sie die Kinder an, die aus zerbrochenen Ehen kommen. Schauen Sie die Städte an mit ihrer Dichte und ihrer Hast. In diesem Vielerlei gibt es eine Entbergung durch Vermassung und Isolation. Je mehr die Zusammenballung der Menschen erfolgt, umso mehr gibt es Isolation, die Entbergung ist, mangelnde Geborgenheit. Dann gibt es Entbergung durch ständige Überproblematisierung. Wenn der Glaube immer nur ein Problem ist, dann geht einem das auf die Nerven. Es gibt dann Entbergung durch optische Kaskaden und Lärm, durch mangelndes Wertebewusstsein. Werte bieten Geborgenheit. Verfall der Werte nimmt dem Menschen die Heimat. Dann gibt es die Entbergung durch praktischen Gottesverlust. Makaber und symbolisch zugleich ist es, dass das Urbild der Geborgenheit durch Kultur und Theologie herauf der Mutterschoß ist. Dies ist der gefährlichste Ort heute. Nicht in Kroatien, nicht im Zweiten Weltkrieg, nicht in Somalia starben und sterben die meisten Menschen, sondern im Mutterschoß. Deshalb muss die Kirche auf dem Bahnhof der Gegenwart Züge in die Geborgenheit anbieten. „Schalom“4 drückt diese Geborgenheit aus. Wir kennen aus dem Alten und Neuen Testament das hebräische Wort: „Rächäm“. Wir übersetzen es mit Gnade. „Denn ewig währet seine Huld.“ Dieses Wort begleitet uns durch die ganze Offenbarung hindurch. Damit ist alles ausgedrückt, was aus liebender Zuneigung Gottes für den Menschen da ist. „Rächäm“ bedeutet Mutterschoß. Ein mütterliches Element ist zum Ausdruck der Liebe Gottes geworden. Der Sprache nachzuforschen, führt zum Kern.

Schreiben wir uns aus der Schrift heraus, wie oft Christus als der Bergende auftritt. „Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid …“ Dieses Wesentliche des Bergenden müssen wir betonen. Wir dürfen aber auch das menschlich Bergende nicht vergessen. Bergende Bezüge wie Wiederholung gehören zum Menschen. Wenn es jedes Mal anders wird, wird der Mensch verunsichert. Es gibt viele Formen des Bergenden, aber jeder weiß, dass der Mensch, damit er sich geborgen fühlt, gewisse bleibende Formeln braucht. Sie sollen einfach sein, nicht theologisch überladen. Das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, das Ave Maria sind solche Formeln. Dies darf zwar nicht übertrieben werden. Nehmen Sie einem Tier den Rhythmus, den es hat. Wenn man dem Wild mit einem Zaun den Wechsel verändert, reagiert es aggressiv. Manche Tiere sterben.

Das Kind braucht bergende Vollzüge, die bleiben müssen. Das heißt nicht, wir bleiben die Alten. „Singt dem Herrn ein neues Lied“ habe ich vergangene Woche hier im Priesterseminar gesagt. Es braucht aber auch die bergende Weise, die das alte Weiblein vor 70 Jahren gehört hat. Es braucht Dinge, die den Leuten vertraut sind: die bergende Formel, das bergende Bild, die bergende Musik. Die Heilige Schrift hat, Gott sei Dank, sich mehr mit Bildern befasst als mit Begriffen.

Ich bin überzeugt, dass der Zug in die Geborgenheit voll wird. Nur wenn der Mensch ein gewisses Maß an Geborgenheit hat, kann er auch Mut entwickeln, hinausgehen, aufeinander zugehen. Es ist wie beim Eisklettern. Ich kann eine Extremität nur bewegen, wenn die drei anderen Extremitäten an der Wand kleben. Das ist im Spirituellen ganz gleich. Nur der Mensch, der eine innere Beheimatung hat, kann etwas wagen. Papst Johannes XXIII. hatte eine tiefe traditionelle Frömmigkeit und einen Mut, der nicht nachvollziehbar ist.

Geleise ins neue Kirchenbewusstsein

Ein weiteres Geleise in die Zukunft ist das neue Kirchenbewusstsein. Dieses neue Bewusstsein heißt: Die Kirche sind wir. Zum Teil ist es schon vorhanden. In der traditionellen Sprechweise verstand und versteht man unter Kirche vielfach nur Papst, Bischöfe, Geistliche, die höheren Etagen. Die anderen sind nur katholisch. Das geistert heute noch herum. Es ist zu bedauern, wenn die Hierarchie überbetont wird. Aber der Unterbau des Geleises, „Die Kirche sind wir“, ist da. Denken Sie an die Pfarrgemeinderäte, Erstkommunionhelfer, Firmhelfer usw. Es gibt den Mangel an Priesterberufen. Ich frage mich oft, warum lässt der Herrgott das zu?

Die Kirche sind wir alle und nicht nur eine Gruppe. Die Laien übernehmen viele Aufgaben. Was da an Verantwortung in den Pfarreien vom Bibel- bis zum Liturgiekreis, von der Caritasgruppe bis zum Arbeitskreis für Altenarbeit wahrgenommen wird, ist fast nicht aufzuzählen. Freilich, auf dem Bahnhof der Kirche kommen viele Züge auch mit Verspätung an. Das neue Kirchenbewusstsein „Die Kirche sind wir“ gibt Hoffnung.

Geleise der Hilfsbereitschaft

Auf dem Geleise der Hilfsbereitschaft ist am Bahnhof der Kirche etwas los. Da brausen die EC- und die IC-Züge in alle Welt hinaus, so wie noch nie. Wie ist doch in den letzten Jahren die Hilfsbereitschaft gestiegen. Da ist Unterbau und Wagenmaterial nicht alt. Der Staat schließt sich heute der Caritas an. Die Staaten verfügen nicht über Bodenmaterial, ganz abgesehen davon, dass der Staat oben vielerorts mit Lumpen besetzt ist. Wir kennen viel Bedrückendes in der Kirche. Doch am Bahnhof der Kirche ist etwas los, vor allem auf dem Geleise der Hilfsbereitschaft. Da rauschen die Züge nach Jugoslawien, nach Somalia, nach Bangladesch und Peru. Da dürfen wir uns wohl an das Wort der Schrift erinnern: „Die Liebe deckt eine Menge Sünden zu.“ Die Hilfe, die geleistet wird, ist nicht nur ein Löcherstopfen. Man denkt ganz ernstlich und fest nach, wie man den Menschen in diesen Ländern das Leben in Zukunft möglich machen kann. Eine Kuh für Peru, lautete das Sammelwort. „Ich spendiere allein eine Kuh“, sagte ein Bauer aus dem Zillertal, „aber sie muss Tirol heißen.“

Geleise des Mutes und des Vertrauens

Als letztes Geleise in die Zukunft möchte ich das Geleise des Mutes und des Vertrauens nennen. Zukunft ist kein so eindeutig berechenbares Ding. Da braucht es auch das Geleise des geistigen und kirchlichen Wagens. Nur mit Lärmen allein wird der Zug in die Zukunft nicht abfahren. Ich hoffe, dass es in der Kirche wieder etwas mehr Mut und Vertrauen gibt. Wenn wir alles tun, um aus dem Wort Gottes und der Liturgie etwas halbwegs Vernünftiges zu machen, dann können wir uns darauf verlassen, dass uns die Gnade Gottes begleitet.

Es stehen in der Kirche viele Fragen an. Das Erste ist die Frage: Was will Gott? Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Dies ist ein fundamentales Dogma. Der Heilswille Gottes ist das Erste und alles andere Menschliche das Zweite.

Wir brauchen in der Kirche Loks, die über die Grenzen fahren. Paulus ist über die Grenzen des Judentums gefahren. Menschen in der Kirche haben oft Schallmauern durchbrochen. Sie haben dies vermocht, weil sie ein unbegrenztes Vertrauen in Gott hatten.

Es gibt also eine Reihe Geleise in die Zukunft der Heimatkirche, die bereits mehr oder weniger stark befahren werden und Hoffnung und Zuversicht vermitteln.

Gedanken zum Dienst der Kirche in der Welt von Arbeit und Wirtschaft
TAGUNG
SALZBURG (1992)

Ich bin kein Fachmann in der komplizierten Welt des Sozialen und des Ökonomischen. Ich ahne nur, was man wissen müsste, damit man einer wäre. Ich bin von meiner Lebensgeschichte her Seelsorger, Religionslehrer, Jugendseelsorger und Beichtvater gewesen. Ich kann mich nicht für etwas ausgeben, was ich nicht bin.

Andererseits wäre natürlich auch zu fragen, ob es unbedingt zum bischöflichen Amt gehört, in allem und jedem ein Fachmann zu sein, vorab in allen Bereichen des Weltdienstes der Kirche, wie hier, wo es um die Verwirklichung der frohen Botschaft in der Welt von Arbeit und Wirtschaft geht. Hier gibt es viele Details, für die ich beim besten Willen nicht kompetent bin. Ich möchte auch nicht behaupten, dass sozusagen Bischöfe die denkenden Organe in der Kirche sein sollten, deren Ideen dann die Laien auszuführen hätten. Das widerspräche zutiefst einem Kirchenbild, in dem ein abgestimmtes und wogendes Ineinander von Geist und Gabenverteilung, von Amt und Charisma gilt. Darum war ich ja um den Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe so froh, weil hier in einer beispielhaften Art diesem lebendigen Kirchenbild Rechnung getragen wurde.

Aufgaben eines Bischofs

Was kann ich nun als eine legitime Aufgabe des Bischofs in solchen Bereichen wie dem, der hier zu Debatte steht, sehen?

Das eine, was der Bischof wohl leisten soll, ist so eine Art Wachdienst vor der Schatzkammer des Glaubens. Er muss dafür Sorge tragen, dass von dieser Substanz der Botschaft nichts verloren geht, gestohlen oder unterschlagen wird. Aber ich sehe in diesem Kreis keineswegs schwerwiegende Häresien wuchern. Hier scheint mir nur notwendig, dass man immer wieder auf die Wurzeln unserer christlichen Existenz zurückkommt, weil diese Tiefen von den Auseinandersetzungen des Alltags leicht überdeckt und überspielt werden.

Und eine andere Aufgabe des Bischofs im Bereich der Verkündigung ist sicher im Wort „Bischof“ angedeutet. „Episkopos“ heißt griechisch doch „der, der darüber hinschaut“, und ich lege das in besonderer Weise dafür aus, dass die kirchengeschichtliche Stunde immer dort schlägt, wo die ewige Botschaft und die Ströme der Zeit ineinanderfließen. Und da braucht es vielleicht doch so etwas wie einen „Dienst der Übersicht“, ein weitgespanntes Hineinhorchen in ebendiese Ströme der Zeit, in ihre trüben Defizite und ihre klaren Chancen und Hoffnungen, und auch in die Veränderungen, die heute in den Menschen und Gesellschaften schneller vor sich gehen als in vergangenen Jahrhunderten. Natürlich müssen wir diese Wachheit der Zeit gegenüber allen üben, ja ich bin in meinem Dienst auf viele, viele angewiesen, die da mithelfen zu erhellen, was sich so geändert hat in Bedürfnissen und Sehnsüchten des Einzelnen, in den Erwartungen und Haltungen in der Gesellschaft, an den soziologischen Daten und an den technischen und ökonomischen Entwicklungen. Vielleicht darf und soll der Bischof aus dem Überblick heraus diesen Dienst versuchen, den ihm nun einmal sein Amt heute präsentiert. Ich hielte das für sehr wichtig in der Kirche von heute, und es belastet mich, wenn in unserer Kirche diese Wachheit und nachdenklich-fromme Offenheit verschwindet.

Vielleicht darf ein immerhin alter Bischof auch noch ein Drittes einbringen: ein Stück Erfahrung. Erfahrung aus Tausenden von Briefen und Gesprächen, aus dem Besuch von Hunderten von Pfarrgemeinderäten und Gremien, aus unzähligen Kontakten mit allen Arten und Gruppierungen beruflicher und weltanschaulicher Prägung, aus vielen tausend Beichten, aus der Geschichte seelsorglicher und organisatorischer Initiativen, aus ihrem Gelingen und Scheitern, und aus einer großen Literatur.

Aus allem zusammen ergibt sich ein Dienst der Ermutigung, der – so Gott will – nicht in Illusionen, sondern in jener Wahrheit gründet, die frei macht.

Das musste ich vorausschickend bedenken, damit Sie, liebe Schwestern und Brüder, wissen, wie ich meine Rolle hier verstanden wissen wollte.

Anruf aus der Offenbarung

Gerade wenn man ein so schwieriges Feld christlicher Initiative vor sich hat, ist es wichtig, sich mit den in der Heiligen Schrift vorgezeichneten Grundlinien des Heilswirkens vertraut zu machen.

Und ich möchte dies vor allem hinsichtlich einer Spannung tun, die immer wieder, bei jedem Dienst des Christen an dieser Welt auftritt und die vielleicht beim sozialen Engagement ganz besonders ausgeprägt sein kann, wie die Geschichte beweist. Ich meine die Spannung zwischen horizontal und vertikal, zwischen Glaubenstiefe und gesellschaftlichem Einsatz, zwischen Formung der Überzeugung und Engagement und sozialpolitischem Alltag, zwischen Meditation und Aktion.

Vertikales

Es gibt in der Kirche entsprechend der Verschiedenheit der Aufgaben, Herausforderungen und Geistesgaben verschiedene Akzentuierungen von horizontal und vertikal, und es muss sie immer geben. So braucht jede Zeit, auch die unsere, den spirituellen Akzent, das Mühen um persönliche Tiefe, das Ergreifen der ewigen Hoffnung, der unendlichen Motivation und des tröstenden Geheimnisses. Jeder Karmel, jede charismatische Gruppe, jeder meditative Fotoband verfolgt diesen Akzent. Natürlich heißt das nicht, dass Christen mit diesem Akzent sozial desinteressiert sein müssten. Die frommen Frauen im Karmel wissen über Sandlerschicksale oft besser Bescheid als so mancher Sozialbürokrat. Aber gerade eine Zeit wie die unsere schreit nach dieser vertikalen Linie. Ich werde noch in einem anderen Zusammenhang darauf zurückkommen.

Horizontales

Und dann gibt es den anderen Akzent, nach dem die Situation unserer Welt auch schreit, den Akzent, den Sie in besonderer Weise zu verwirklichen suchen: das konkrete Sich-Kümmern um die Gestalt der Welt, um die Wahrung familiengerechter Löhne und Freizeitordnungen, um die Chancen der Frauen in der Arbeitswelt und die Asylgesetzgebung, um ein menschliches Betriebsklima und die Eindämmung des Nur-Ökonomischen, um das Fingerlegen auf das Unrecht und die Lücken der sozialen Sicherheit, um die Erhaltung eines Gesprächsklimas ohne Rückgriff auf Klassenkampf-Mentalitäten, um die Situation der Dritten und ehemaligen Zweiten Welt. … Aber auch dieses Engagement kann und muss verbunden sein mit dem Gang in die Stille, mit dem Lesen der Schrift, und zwar der ganzen, nicht nur jener Stellen, die man für das Sozialengagement auswerten kann. Auch beim Dienst an der Welt wissen wir uns auf die Quellen des Heils hin verwiesen.

Extremes

Und neben diesen sinnvollen und durchaus berechtigten Akzentuierungen gibt es natürlich auch die Entartung in die Extreme, eine Entartung, die sich gegenseitig hinaufgeschaukelt hat und an der heutigen, leider nicht von der Mitte geprägten Situation der Kirche nicht unschuldig ist.

Da gibt es den frömmelnden Christen, der sich in das Schneckenhaus seiner Individualität zurückzieht, in sein Privatissimum einer heute oft recht krausen Religiosität, die sich eben von der echten Mystik unterscheidet. Da spielen nicht selten Privatoffenbarungen und Visionen aller Art, Bücher aus verdächtigen Verlagen, Drohbotschaften und süße Zwiegespräche, aus denen irgendeine fromme Seele verbindliche Weisungen für andere formuliert, eine bestürzend wichtige Rolle. Da befasst man sich mit liturgischen oder anderen nebensächlichen Details mit einer Hingabe, die anderer Dinge würdig wäre. Im moralischen Bereich bewegt man sich zum überwältigenden Teil nur mit persönlichen Problemen ohne Sinn für eine positive Weltverantwortung. Die beschränkt sich auf einen ausgeprägten „Böse-Welt-Komplex“, und dieser wiederum äußert sich in aggressiven Klageliedern. Von dieser Extremrichtung her werden sozial engagierte Christen schnell einmal als „links“ eingestuft, und in Brasilien geht das ganz schnell.

Es ist überflüssig zu bemerken, dass diese Art christlicher Selbstverwirklichung mit der Sache Christi so viel zu tun hat wie die Mozartkugel mit Mozart: süßer Kram in Silberpapier …

Und dann gibt es natürlich auch das andere Extrem: den von frommen Anwandlungen unbeschwerten Sozialaktivisten. Er übt sich in Aktionen, nie in Kontemplationen, in Protesten, aber nicht im Gebet, in Öffentlichkeitserklärungen, aber nie in Ergriffenheiten. Es ist noch nicht so lange her, dass ich in meiner Eigenschaft als Caritasbischof der Auffassung entgegentreten musste, eine Berufstätigkeit im Rahmen der Caritas habe mit der Zugehörigkeit zur Kirche und zum Stehen im Glauben überhaupt nichts zu tun … Bei solchen Einstellungen kann es dann ohne weiteres sein, dass man Aktionsprogramme entwirft, die chemisch rein von jedem religiösen Gedanken sind, dass man beim Impressum nachschaut, ob es nicht aus Kuba oder Peking stammt. Und wenn schon ein Gottesdienst gefeiert wird, dann ertönt sogar noch beim Kommunionausteilen ein Song gegen Abfangjäger …

Auch das ist extrem und eine Verfälschung des berechtigten Anliegens. Und in Parallele zur Mozartkugel möchte ich bemerken, dass diese Form christlichen Weltdienstes mit dem innersten Anliegen des Welterlösers so viel zu tun hat wie eine Silvesterknallerei mit den Feuern von Pfingsten …

Bei den Propheten

Die Vertikale und die Horizontale müssen trotz berechtigter Akzentuierungen vereint bleiben, und ich weiß mich in diesem Punkte sicher mit Ihnen eins. Aber zur Vertiefung dieser Zusammenschau der beiden großen Stoßrichtungen des Christentums schauen wir noch einmal hinein in die Offenbarung, und zwar dorthin, wo beides großartig vorgezeichnet ist – im Engagement der Propheten.

Nathan spricht in den Nächten mit dem Herrn, aber er liest auch David die Leviten wegen seines asozialen Verbrechens. Elias betet im Schweigen des Berges, aber er tritt auch gegen die kalte, brutale Enteignung des Freibauern Nabot auf. Amos spricht von Gott, der die Finsternis zum Frührot verwandelt, aber er fährt rücksichtslos ab mit einem Kult, der nur noch asoziale Einstellungen fromm tarnt: „Fahrt ab mit euren Festen, euren Weihrauch kann ich nicht riechen, euer Harfengeklimper nicht mehr hören (vgl. Am 5,21ff) … Wie Wasser flute das Recht, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach …“ (vgl. Am 5,24). Und so geht es weiter bei Hosea und Jesaia und den anderen. Es steht immer nebeneinander und miteinander verflochten – das „Heilig, heilig, heilig“ und die wache Gesellschaftskritik.

In der Schrift ist horizontal-vertikal von Anfang an vereint und unlösbar, auch theologisch unlösbar miteinander verbunden. Gottesdienst ist ohne Weltdienst nicht möglich, Frömmigkeit nicht ohne Engagement für den anderen.

Am Beginn der Arbeiterbewegung, unter Msgr. Joseph Cardijn, gab es übrigens einen Begriff, der diese Einheit in einem Schlagwort zum Ausdruck brachte: „témoignage chrétien“, christliches Zeugnis. Das ist weder bloßes privates Frommsein noch bloß humane Aktion. Der Begriff ist zeitlos aktuell.

Anrufe aus der Situation der Zeit

Nach diesem Blick auf die Offenbarung, der uns in unserer grundsätzlichen Linie bestätigen und bestärken soll, erlaube ich mir nun noch einige Bemerkungen, die mehr vom Blick auf die Strömungen der Zeit und die Gesamterfahrungen des Lebens der Kirche geprägt sind. Das eine oder andere wird vielleicht Widerspruch erregen und der weiteren Klärung bedürfen, aber ich stelle diese Bemerkungen ja nicht wie „Dogmen“ in den Raum, wohl aber als meine persönlichen Überzeugungen, die von vielen Quellen her gespeist sind.

Wer heute Menschen für das soziale Apostolat
ansprechen will, muss zunächst Hilfe beim Gewinnen
inneren Halts bieten

Dieser Appell kommt aus einem Bündel von Erfahrung und Zeitanalyse, aus den Berichten der Jugendseelsorge, aus einer Fülle einschlägiger Literatur, aus weitgespannten Interessensuntersuchungen, aus Erfahrungen psychologischer und tiefenpsychologischer Art, aus der Klage der Zeit, aus den ins Auge springenden Defiziten. Seelsorgeberichte und Psychotherapeuten besagen das Gleiche: Der Mensch von heute sehnt sich nach dem tröstenden Geheimnis, weiß sich verunsichert, bedrängt und entwurzelt, will Herz begegnen und Halt spüren. Das ergibt sich fast zwangsläufig aus der Situation unserer Zeit, der anonymen Massen- und Machtzusammenballungen, der Informationsflut, den Verwirrspielen des Pluralismus. Fundamentalistische Strömungen aller Art machen ja mit dieser Unsicherheit des Menschen das große Geschäft. Wenn man diese Realität nicht beachtet, wird man vom Leben bestraft. Ich muss die älteren Semester unter uns darauf hinweisen, dass damals, in der Gründerzeit der Arbeiterbewegung, der Akzent doch etwas anders war. Man konnte sich auf mehr selbstverständliche religiöse Substanz bei Aktivisten stützen.

Heute genügt es also nicht, nur irgendwelche „Aktionsgemeinschaften“ für dies und jenes ins Leben zu rufen. Wenn man die existenziellen Bedürfnisse nicht trifft, werden Sozialinitiativen zu Generalstäben ohne Heer.

Wer Menschen für das soziale
Engagement gewinnen will, muss auf die Entfaltung
sozialen Fühlens achten

Im angloamerikanischen Raum gibt es ganze Bibliotheken über die Frage der Empathie, des Einfühlungsvermögens in den anderen. Alle Untersuchungen bestätigen: Je mehr das Leben zivilisiert und urbanisiert wird, umso mehr schwindet diese Fähigkeit. Vom Tod des Gefühls als einer Todsünde der Zivilisation hat schon Konrad Lorenz gesprochen. Je anonymer die Welt wird, je vermasster und gedrängter der Mensch lebt, umso mehr erfolgt die Konzentration auf sich selbst, ganz nach der Melodie „alle denken an sich, nur ich allein denk an mich …“. Die soziale Verantwortung überträgt man den anderen, die dafür da sind, die sich amtlich darum kümmern sollen. Ich vermute, dass die Arbeit in KAJ und KAB heute sehr oft dieser Blockade, diesem Desinteresse und diesem Abschieben von Verantwortung begegnet.

Die Pflege des Fühlens ist also ein Gebot der Stunde, und sie ist deshalb so wichtig, weil letztlich – nach den Erkenntnissen der Gesamtbetrachtung einer Humanpsychologie – der Mensch halt doch aus seinen grundlegenden Gefühlen und Gestimmtheiten heraus lebt. Diese Welt des Fühlens ist bei nicht wenigen auch von der Kindheit her geschädigt. Und das soziale Engagement muss aus einer tiefen Echtheit kommen (wie man sie bei der Persönlichkeit Joseph Cardijns zweifellos erlebt hat) und darf nie so etwas wie eine neurotische Selbstbestätigung sein.

Die Schule des sozialen Fühlens muss übrigens positiv geprägt sein. Mit dem dauernden Ausmalen von Schreckensbildern und Horrorvisionen, mit überzogener Gesellschaftskritik schafft man das nicht.

Um einem bloßen Theoretisieren
zu entgehen, muss man den Mut zur
modellhaften Aktion haben

Wahrscheinlich leite ich damit bei Ihnen nur Wasser auf die Mühlen, die schon laufen. Vielleicht hole ich diesen Punkt nur deshalb herein, weil er in vielen Bereichen der Kirche wirklich Geltung hat. Sie kennen ja den Witz von der Vision einer Kirche, in der hundert Experten zu einer Großtagung zusammentreten, um zu beschließen, was die letzten drei Aktiven tun sollen. … In der Urkirche haben sie die Probleme mit der „Glossolalie“ gehabt, dem wirren „Zungenreden“ derer, die sich für Geistergriffene gehalten haben. Wir haben heute mehr die Schwierigkeiten mit der „Polylalie“, dem Vielgerede, den nicht enden wollenden Gesprächen, Kreisen, Tagungen, „runden Tischen“, Klubs, Konferenzen und Synoden, auf denen Berge besprochen und nicht selten Mäuse geboren werden. In einer so geschwätzigen Epoche braucht es auch das schlichte Tun. Und manchmal wäre es gut, erst zu reden, wenn man etwas getan hat. Ich misstraue auch den allzu großartigen kirchlichen Parolen, wie „Christianisierung Europas“, „Verchristlichung der Gesellschaft“ usw. Reden wir doch lieber von einem „christlichen Beitrag“, den wir zu einer menschlicheren Welt leisten wollen, und von glaubwürdigen und zeitgemäßen Formen der Verkündigung, und tun wir hie und da etwas.


Langer Graben – Hall in Tirol

„Modellhaft“ bedeutet auch eine realistische Beschränkung mit dem Blick auf unsere Möglichkeiten. Es ist bei uns im sozialen Feld sicher ähnlich wie im Feld der internationalen Hilfe. Wir können nicht die Probleme ganzer Staaten in der Dritten Welt lösen. Aber da und dort können wir zeigen, wie man den Lebensstandard einer Region durch gezielte Aktionen heben kann.

Wenn man die Gesellschaft
da und dort positiv verändern will, braucht es
die sorgfältige Schulung Einzelner

Dafür muss ich schon deshalb plädieren, weil ich das z. B. in diesen Bereichen nicht habe. Nun erscheint mir aber die Wirklichkeit von Wirtschaft, Sozialem, Ökologischem, Weltweitem und Regionalem, Menschenbild und Politischem so komplex, dass ich mir ausrechnen kann, wie viel Sachverstand dazugehört, auch nur einigermaßen die Dinge überschauen und positive Lösungen finden zu können. In diese Schulung muss sicher viel hineinreichen. Sie muss die religiöse Verdünnung genauso vermeiden wie das Abgleiten in die Utopie. Utopien können in der Weltgeschichte schon auch eine Funktion haben, meist eher eine geistig-literarische, auf der anderen Seite ist utopisches Denken im Sozialbereich unter Umständen daran schuld, dass man kirchlichen Kreisen blauäugige Sozialromantik vorwirft. Mit bloßen Idealvorstellungen oder nicht realisierbaren Träumen kann man kaum an eine sachliche Arbeit gehen, auch die bloße Schärfung des kritischen Blicks ist zu wenig. Eine zukunftsträchtige Schulung wird die Auseinandersetzung und den Dialog mit anderen Gedankenbahnen suchen müssen, damit man gewisse Grundkonsense erreicht. Die Schulung im realistischen Detail muss aber auch unbedingt die unendliche Motivation einschließen, aus der heraus wir allein als Christen wirken können.

Zu unserem Dienst gehört auch das Wort
in die Öffentlichkeit

Das ist sicher eine wichtige Aufgabe im gesellschaftlichen Engagement der Kirche. Und es ist keine leichte Aufgabe. Und sie wird und wurde nicht immer in sehr glücklicher Weise gelöst. Über die Schwierigkeit dieser Art des Wirkens weiß ich aus ureigenster Erfahrung. In vielen Fällen soll dieses Wort in die Öffentlichkeit rasch erfolgen. Eine schnelllebige Zeit erfordert sehr oft schnelle Reaktionen. Und trotzdem muss das Wort in die Öffentlichkeit von einigen Grundsätzen geprägt sein, wenn es nicht der berühmte Schuss werden soll, der nach hinten losgeht.

Darf ich diese Eigenschaften mit folgenden Worten charakterisieren:

dosiert, d. h. dass man diese Form von Appell nicht zu oft machen sollte. Einen Bischof bedrängt man unter Umständen jede Woche zweimal, sein prophetisches Amt in dieser Weise zu realisieren. Aber die Häufung grundlegender Aussagen steigert keineswegs das Interesse

überlegt, d. h. dass man trotz drängender Zeit auf die Sachrichtigkeit größten Wert legt. Wenn ich ein Wort zu einer gefährlichen Abtreibungspille sage, dann werde ich den Text mit führenden Gynäkologen besprechen, auch wenn er nur zehn Zeilen umfasst. Und diese Zeit muss ich mir nehmen und wenn’s die halbe Nacht kostet. Das allzu flinke Aufspringen auf einen fahrenden Zug, mit einer Menge hinten nachgeschickter Berichtigungen bringt nichts. Die Äußerung muss Sacheinwänden, die zu erwarten sind, begegnen können.

abgestimmt, d. h. wenn im Namen einer Organisation oder gar der Kirche etwas gesagt wird, dann muss ich sicher sein, dass in meinen Kreisen eine gewisse Solidarität dahintersteht. Ich kann als Caritasbischof nicht etwas zur Flüchtlingsfrage sagen, wenn eine ganze Reihe von Caritasdirektoren sich außerstande sieht, meinen Worten zuzustimmen. Der Effekt ist höchstens Peinlichkeit. Wenn man von einem Sekretariat zu einer gesellschaftlichen Frage Stellung nimmt, z. B. zu der gar nicht einfachen Frage des Bundesheeres oder ähnlicher Probleme, und die offizielle Äußerung findet nicht einmal die Zustimmung der eigenen schütteren Reihen, dann wird eine derartige Aussage blitzschnell zum Nichts relativiert, und man begibt sich selbst in den Raum der Bedeutungslosigkeit.

gut formuliert, d. h. sprachlich gut formuliert, so wie eben ein Plakat zugleich Aufmerksamkeit wecken, instruktiv und gewinnend sein muss. Das ist wiederum nicht sehr einfach. Aber wir müssen in der Kirche beim großen gesellschaftlichen Wettbewerb um die langweiligste Aussage nicht immer um einen Spitzenplatz raufen.

Wer im Alltag der Gesellschaft
wirklich etwas verändern will, muss im Rahmen der
Demokratie in die Institutionen einsteigen

Es könnte sein, dass mir hier nicht jeder zustimmt. Ich bin ein überzeugter Verfechter der Distanz der Kirche, der Seelsorge, des Seelsorgers und seiner unmittelbaren Mitarbeiter von der Parteipolitik. Aber gleichzeitig müssen gerade aus den sozialen Organisationen der Kirche Menschen kommen, die dann in Betriebsräte, Gemeinderäte, Gewerkschaft und Arbeiterkammer einsteigen. Natürlich ist das dann ein ernüchternder Einstieg aus der Loge des Idealen auf die Bühne des Möglichen, jene Welt, in der es nie ganz bejahte Lösungen gibt, die man nicht bekritteln könnte, sondern eben immer wieder den Kompromiss. Aber auch auf diesem Feld gibt es die Chance der Redlichkeit, wenn sie auch oft einen schmerzlichen Weg hat. Aber für das katholische soziale Engagement genügt es nicht, sozusagen am Straßenrand des Lebens von Zeit zu Zeit ein Transparent mit starker Aussage hochzuhalten. Eine katholische Sozialbewegung muss Menschen, eben gut geschulte Menschen, in die Arena schicken und dazu ermuntern und ermutigen. Die sorgfältig und manchmal kokett gepflegte „Politikmüdigkeit“ junger Menschen ist letztlich eine Absage an einen christlichen Weltdienst in unserer nun einmal – Gott sei Dank – demokratischen Gesellschaft. Die braucht zwar auch außerparlamentarische Initiativen, wenn sie aber nur mehr aus solchen besteht, wird sie zum Chaos der Egoismen.

Wenn Mitglieder unserer Bewegungen in diesen Bereichen tätig sind, werden sie auch mit dafür sorgen, dass wir auf dem Boden bleiben und nicht in den Sog utopischer Zielsetzungen geraten. Ein Bischof braucht auch Pfarrer, die handfest im konkreten Betrieb stehen, damit er nicht auf seinem Thron in rosarote Kirchenbilder entschwebt.

Wir müssen positiv gepolt sein

Das möchte ich zum Schluss noch sagen. Es scheint mir wichtiger als der eine oder andere Appell. Sie werden manche Dinge, die ich jetzt anklingen habe lassen, vielleicht schärfer und differenzierter sehen. Aber hier möchte ich um der christlichen Grundhaltung wegen insistieren: In einer Zeit einer nicht ganz leichten inneren Situation der Kirche, eines schleichenden Frustes und Erscheinungen der Resignation, in einer Zeit, in der es in der Gesellschaft, in der Politik, im Bereich von Medien und Literatur so etwas wie eine „Lust am Negativen“ gibt, muss man als Christ einen anderen Ton hineinbringen, sonst sind wir reif zum Verschwinden.

Wer sich bemüht, den Willen Gottes aus seinem Wort und den Zeichen der Zeit zu erkennen, der kann doch getrost ans Werk gehen. Und zwar mit einer Motivation, die aus dem Ewigen kommt, und einer Diktion, die selbst in der harten Kritik noch einen Hauch von Liebe birgt, die eben auch aus dem Ewigen kommt, und mit dem Vertrauen, dass man von Christus begleitet ist, mit der Hoffnung, dass grundsätzlich nichts umsonst ist, und mit der realistischen Erwartung, dass heute in vielen Menschen unheimlich viel guter Wille da ist und dass gegen alle erkannten Defizite auch immer wieder Gegentrends auftreten, in die man einsteigen und die man verstärken kann. Wir können und müssen als Christen positiv gepolt sein, das gilt auch dann, wenn wir im sozialen Engagement da und dort gegen Missstände auftreten müssen. Wir müssen Salz der Erde sein, aber bitte nicht jammernde, anklagende, keifende und fanatische Salzsäure. Nicht die humorlose Verbissenheit darf uns kennzeichnen, sondern das heimliche Urvertrauen. Das ist „témoignage chrétien“, christliches Zeugnis.

Natur und Heimat


An den Beginn dieses Kapitels sei ein Text aus dem Buch der Weisheit gestellt: „Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist.“ (Weish 11,26–12,1)

Immer wieder wurde Reinhold Stecher auch zu säkularen Anlässen und Feierlichkeiten eingeladen, die Festrede zu halten. Dabei hat er seine Zuhörer in deren Lebenswelt abgeholt und Tiefendimensionen unseres Daseins erhellt.

Auch wenn „Tirol braucht Fenster“ als schriftlicher Beitrag für die 50. Jubiläumsnummer der Tiroler Kulturzeitschrift „Das Fenster“ verfasst wurde, ist er ein beeindruckendes und tiefsinniges Gedankenspiel mit dem Bild des Fensters; es folgen Jubiläumsansprachen zu „100 Jahre Tourismus in Tirol“ und „150 Jahre Oesterreichischer Alpenverein“; „Wasser – Schatz der Zukunft“ und „Forstexkursion in die Bibel“, die fast wie ein Hohes Lied auf Natur und Heimat klingen. Wie ein Wünschelrutengänger hat Reinhold Stecher Natur und Heimat abgewandert, um die unterirdischen Ströme ewigen Lebens in das Hier und Heute seiner Zuhörer einfließen zu lassen.

Tirol braucht Fenster
50 JAHRE TIROLER KULTURZEITSCHRIFT „DAS FENSTER“
INNSBRUCK (1991)

Die Wahl des Namens „Das Fenster“ für eine Kulturzeitschrift ist mir immer schon wie ein sprachlicher Wurf vorgekommen, zu dem man gratulieren muss. „Fenster“ ist ein Wort, das die Gedanken kreisen lässt. Vor und hinter Fenstern und durch Fenster hindurch bewegt sich viel. Die alten Germanen hatten für „Fenster“ das Wort „Augentor“ (ahd. augatora) oder „Windtor“ (woher das englische „window“ stammt). Durch die Fenster wandern die Blicke, weht das Leben.

So mag es erlaubt sein, zum Jubiläum dieser Zeitschrift mit dem Bild des Fensters zu spielen, mit den vielen Fenstern, die Tirol hat oder haben sollte, Tore für die Augen des Herzens und den Windhauch des Geistes, seien es nun Scheiben, durch die die Sonne funkelt, oder Läden, die man vor dem Wetter schließt. Es sind viele Arten von Fenstern im Lauf der Jahrhunderte in unserem Land gewachsen, und hinter jedem ist auch ein wenig Tiefsinn verborgen, angefangen von der kleinen Luke, durch die man hinauslugt, oder gar der Schießscharte, durch man misstrauisch auf den Fremden oder das Fremde äugt. Im Allgemeinen sind sie größer geworden, die Fenster in den Häusern der Menschen, und man könnte das als gutes Omen für die Fenster des Geistes nehmen.

Grüßende Blumenfenster

Aber ich möchte doch bei den kleinen Fenstern beginnen, die zwar aus der Zeit stammen, in der Glas noch teuer war und Wärme im Winter das Wichtigste, und die darum nicht ganz den Prinzipien moderner Wohnkultur entsprechen. Aber die zu klein geratenen Augen in den alten Mauer- oder Holzwänden bekommen mit den leuchtenden Pelargonien und Hängenelken so lachende Wimpern, dass sie sozusagen ein tausendfaches, freundliches „Grüß Gott“ übers Land rufen. Die Blumenfenster Tirols könnte man als Symbol einer gewissen Herzlichkeit verstehen, von der man nur wünschen muss, dass sie nicht stirbt. Die Fassaden gewaltiger Bettenburgen können das niemals ausstrahlen. Man weiß, dass besagte Blumenkästen an den Fenstern von innen heraus gepflegt werden müssen – die damit beschäftigten Hausfrauen wissen ein Lied davon zu singen. Und so muss auch jene Herzlichkeit, die Gäste hierzulande erwarten, von innen heraus gepflegt werden. Man kann es im Lande des hochprofessionellen Tourismus nicht oft genug sagen, dass das Gelingen eines Dienstes am Menschen nie nur die Sache perfekten Managements sein kann, sondern eben wiederum einer gewissen menschlich-gelösten Atmosphäre bei den Beherbergern und ihren Mitarbeitern. Man kann die Atmosphäre der Herzlichkeit nicht herbeischauspielern. Sie muss von innen kommen, wie die Pflege der Pelargonien.

Aber die kleinen Fenster, die sich hinter den farbigen Buschen verstecken, lassen mich noch nicht aus. Sie sagen nicht nur ein herzliches Grüß Gott, sie pfeifen sozusagen in charmant-unbekümmerter Weise noch eine andere Parole übers Land. Sie können zwar nicht Englisch, sondern nur Zillertalerisch, Stubaierisch oder Defreggerisch, aber die Parole, die sie verkünden, ist nun einmal in Englisch über die Welt gezogen und hinein in die anthropologische und politische Literatur gewandert, und so schreib ich sie in dieser Sprache nieder: Small is beautiful.

Diese Erkenntnis ist kein spätromantisches Seelenrülpserchen. Das Humanum stirbt heute nicht so sehr an der Verkümmerung, sondern an den Wucherungen. Das Leben wird von Karzinomen der Maßlosigkeit befallen: dem Traum vom grenzenlosen Wachstum, den Zusammenballungen gewaltiger Wirtschaftsmächte, der Megalomanie der Pläne, der Einebnung gewachsener Besonderheiten, der Degeneration der Abendlandsidee zum Supermarktkonzept. Bei aller Notwendigkeit gewisser Zusammenschlüsse und ihrer friedenserhaltenden Bedeutung bleibt doch das Grundgesetz, dass funktionierendes menschliches Leben und Zusammenleben eine geheime Verbindung zu überschaubaren Größenordnungen hat. Und deshalb hat die fröhliche Hymne der kleinen Fenster vom Glück des Begrenztseins ihre Aktualität: Klein ist schön. Die Rangordnung der Staaten der Welt nach Lebensqualität sagt übrigens in nüchterner Form genau dasselbe. Wenn die Bürotürme und Schaltzentralen derer, die in allem das Sagen haben wollen, noch so imposant in den Himmel wachsen und die Mammutkonzerte der Macht intonieren, das Lied „Tirol isch lei oans, isch a Landl, a kloans“ müsste sich dagegen behaupten, und zwar nicht aus folkloristischer Sentimentalität, sondern aus der nüchternen Erkenntnis humaner Lebensgesetze.

Die kleinen Blumenfenster sind wirklich mehr als ein Fotomotiv, wir brauchen sie als Botschaft.

Erker der Wachheit

Seit eh und je waren Fenster auch Ausdruck des Bedürfnisses, das Leben einzufangen, die Isolation zu überwinden, an der Außenwelt teilzunehmen und aus der allzu engen Behausung auszubrechen. Darum haben sich in die Straßen unserer Städte die Erker vorgeschoben, und es ist eigentlich großartig, was für hübsche Formen diese kleinen Vorburgen der Neugier im Lauf der Zeit entwickelt haben: köstliche Mischungen aus Offenheit und Zurückhaltung, Nähe und Distanz, Informationsbedürfnis und Eigenleben. Was der Erker für die Lebendigkeit eines Straßenbildes bedeutet, das erfasst jeder, der von der Herzog-Friedrich-Straße in Innsbruck in irgendeine Vorstadtavenue neueren Datums mit Laufmeter-Architektur überwechselt.

Der Erker steht für jenes Phänomen, mit dem aller geistiger Aufstieg des Menschen beginnt: der Neugierde und dem Staunen für die lebendige Offenheit zum Sein hin – wie wir es als immer neues Wunder beim allmählichen geistigen Erwachen jedes Kindes erleben. Eigentlich müsste es das Ziel jeder Bildung sein, den jungen Menschen in diesen Erker des Interessiertseins, der Wachheit und des Wissenwollens zu führen. Es kann nicht darum gehen, nur Daten zu vermitteln. Und immer wieder – das darf man einem alten Lehrer glauben – bleiben wir bei unserem Bildungsstreben in den langweiligen, dunklen Wendeltreppen abfragbaren Wissens stehen und kommen mit den Betreuten nicht zum Erker. Und dabei gibt es kein schöneres Erlebnis, als festzustellen, wie ein junger Mensch von sich aus das Interesse, das geistige Engagiertsein, die Freude am Schauen, Forschen und Weiten des Horizontes gewinnt. Sicher braucht es auch ein mühsam zu erwerbendes Wissen. Aber die höchste Fähigkeit, die zu vermitteln wäre, bestünde darin, den Bogen des Geistes zu spannen. Das haben Österreichs Rektoren der Universitäten schon vor vielen Jahren gesagt. Stattdessen dreht man aber alle Hähne der so genannten Allgemeinbildung voll auf, und wie beim schlampigen Biereinschenken im Wirtshaus ist dann mehr Schaum als Flüssigkeit im Krug, und wenn der junge Mensch dann am Schluss das anschaut, was am Ende bleibt, kommt er drauf, dass das gar nicht sein Bier ist …

Tirol braucht die Erker schöpferischer Neugierde und jene Art von Pädagogen, die ihre Zöglinge motivierend bis in diese Erker führen. Darum wünsche ich mir in allen Bildungsstraßen des Landes, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene viele, viele Erker, die aus den Fassaden der Plattheit herausragen. Und ganz besonders wünsche ich mir dies für jene Straßen, die zur Universität führen. Fenster dieser Art sind für das Geistesleben eines Landes unabdingbar.

Gläserne Wände

Diese Art von Fenstern hat uns das moderne Bauen gebracht: gläserne Fronten, die das Dasein durchsichtiger machen. Noch nie konnte die Baukunst so viel Licht einfangen, so viel Blick auf Landschaft freimachen, so viele Durchblicke auf Straße und Alltag gewähren und so viel Durchsichtigkeit nach innen erlauben. Man kann das in den Foyers von Banken bewundern, in Geschäftshallen, in den Fluchten von Chefetagen … Gläserne Wände sind nicht so sehr beim Werk des kleinen Häuslbauers zu finden.

Tirol braucht auch die gläsernen Wände.

Ich meine damit die Durchsichtigkeit des Öffentlichen. Die Glaswände zwischen Verantwortungsträgern und dem Mann auf der Straße, die Transparenz demokratischer Vorgänge, die Verbindung von Verantwortung und Realität. Bis in die Kirche herein kann diese Blickverbindung verloren gehen.

Manchmal vielleicht einfach durch die Neigung zur Exklusivität der Mächtigen, zum Unter-sich-Sein im Stockwerk der Erhabenheit, zum Spiel mit Plänen, die nicht mehr an den Sorgen der kleinen Leute gemessen werden.

Es gibt auch noch andere Gefahren, die die gläsernen Wände mit dem Blick auf die Wirklichkeit durch undurchsichtige Mauern ersetzen. Es gibt Formen eines überzogenen Lebensstils, die eine echte Anteilnahme am Leben des einfachen Menschen verunmöglichen. Wer gewöhnt ist, für einen Abend so viel auszugeben, wie eine Rentnerin für zwei Monate verbrauchen darf, der sieht sie in Wirklichkeit nicht mehr – weder die Rentnerin noch die Frau des kleinen Beamten, die sich mit einem Kinderwagen und zwei weiteren Knirpsen durch die Geschäfte quält, noch den Strafentlassenen, der kein Zimmer findet. Die gläsernen Wände sind einfach notwendig für das soziale Feeling, für die Sensibilität in Richtung der sozial Schwachen. Darum braucht Tirol überall gläserne Wände, wo Verantwortung sitzt.

Und umgekehrt braucht es in einer funktionierenden Demokratie auch den Durchblick auf die Vorgänge rund um das öffentliche Wohl von außen her. Das Wort des alten Cato, der einmal gesagt haben soll, dass der „Homo politicus“ in gläsernen Häusern logieren können müsste, gilt immer noch für jedes funktionierende Gemeinwesen. Und wenn es, anders als irgendwo in unserem Land, seit einem Menschenalter keinen großen Skandal dunkler Geschäfte von Verantwortungsträgern gegeben hat, dann unterstreicht das nur die Bedeutung der gläsernen Wände. Sie gehören zur unabdingbaren Architektur einer modernen Demokratie in unserem Land.

Gardinen und Vorhänge

Auch sie gehören zum Fenster. Wenn die Gardinen und Vorhänge meines Zimmers einmal zufällig in der Wäsche sind, fühle ich mich ausgesprochen unbehaust, obwohl ich den Blick auf Stadtturm und Serles liebe. Das Fenster ist nicht nur das Tor zum Draußen, manchmal muss es auch der Schutz vor dem Draußen sein. Und das ist kein Widerspruch zur eben erhobenen Forderung nach der gläsernen Durchsichtigkeit im öffentlichen Bereich. Das Bedürfnis nach Wahrung von Privatsphäre, Nische, Geborgenheit und Beheimatung gehört auch zu den Sehnsüchten einer an sich fensterfreudigen Welt.

Es ist schon eine Reihe von Jahren her, dass ein Buch mit dem Titel „Verlust der Intimität“ erschienen ist. Namhafte Wissenschaftler haben auf die Bedeutung der „Gardinen“ im Dasein hingewiesen, die vom Datenschutz bis zur Entwicklung eines gesunden Schamgefühls reichen. Wer diese Gardinen der Intimität in der Waschmaschine eines pseudoaufklärerischen Gehabes, einer hemmungslosen Enthüllungsmanie oder eines fehlgesteuerten Sensationsjournalismus zerkochen und zerfasern lässt, hat dem Humanum einen Bärendienst geleistet. So wie das blanke Fenster gehört auch die bergende Gardine zu einem menschenwürdigen Leben. Natürlich wird die Verteidigung schützender Räume von manchen Menschen als Geschäftsstörung empfunden, und man erklärt die Beseitigung zarter Gewebe im zwischenmenschlichen Bereich schlicht als Fortschritt. Aber es waren seriöse Kenner der menschlichen Seele, die in unsere indiskrete Epoche hinein diese „Gardinenpredigt“ im wahrsten Sinn des Wortes gehalten haben.

Wer wissen will, was die Wahrung des familiären Intimraums in einem Fremdenverkehrsland für Kinder bedeutet, dem wären als Lektüre die Briefe jener Südtiroler Kinder zu empfehlen, die in unbeholfener, aber erschütternder Weise den Verlust jenes Reduits beklagen, das sie zu Gunsten eines alles durchdringenden Tourismus im Hause verloren haben.

Hinter dem Bild der Gardinen, die unser Land an den Fenstern seiner Wohnungen braucht, steht also viel. Alle rücksichtslos enthemmenden, exhibitionistischen Tendenzen unserer Zeit sind Abbau des Humanum. Welcher Besitzer von Kostbarkeiten wirft schon die Etuis in den Abfalleimer? Das Eintreten für die Gardine hat mit falscher Prüderie oder einem Plädoyer für Schein und Fassade natürlich nichts zu tun. Wohl aber mit einer Kultur des Gefühls. Und darum wünsche ich mir für die Fenster Tirols auch die passenden Gardinen.

Lärmschutzfenster

Es wird mir nichts anderes übrigbleiben, als sie eines Tages bei mir einbauen zu lassen. Ich teile nämlich als Anrainer einer Tag und Nacht befahrenen städtischen Hauptverkehrsstraße das zweifelhafte Glück mancher meiner Landsleute, einen ständigen Kampf gegen Abgas und Lärm führen zu müssen. Früher hat es genügt, bei herannahenden Hochwettern die Läden zu schließen. Aber gegen die Tornados des heutigen Verkehrs helfen die nichts. Das Fenster, das an sich der Lüftung und der Öffnung nach außen dient, erhält also im Zuge unserer zivilisatorischen Entwicklung eine weitere Dimension, die von einer bedrückenden Symbolik ist: Man muss es schließen und schalldicht machen können.

Tirol braucht Lärmschutzfenster.

Nicht nur da und dort an einem Haus oder einem Schlafzimmerfenster – es braucht die entsprechenden Einbauten auch an den großen Grenzfenstern des Landes, an denen in kriegerischen Zeiten raumsperrende Festungen erbaut wurden. In einem Europa, in dem man nach wie vor mehr an den Gashebeln des Ökonomischen interessiert ist als an den Filtern des Ökologischen, ist das einfach notwendig. Es müssten ja keine dräuenden Festungen an den Einfallstoren des Landes sein, es würden wahrscheinlich marktwirtschaftliche Regelungen genügen, nach denen man das bezahlen muss, was man an Schaden anrichtet. Und wenn dann der Transport von Alteisen, das möglichst frisch von Deutschland nach Italien kommen muss, so teuer wird wie ein Goldtransport, dann wird man sich in einer beweglichen Wirtschaft sicher etwas einfallen lassen. Und dann kommt vielleicht wieder eine Zeit, in der man in Tirol einige Lärmschutzfenster abbauen kann. Aber vorläufig brauchen wir sie.

Auch das Lärmschutzfenster könnte als Symbol für unsere Zeit gelten und regt zum Nachdenken an. Die Notwendigkeit solcher Fenster und ähnlicher Einrichtungen ist doch so etwas wie ein Menetekel, das darauf hinweist, wie sehr unsere Welt in Unordnung geraten ist …

Blauer Himmel hinter Gittern

Nicht alle Fensterformen, die es in unserem Land gibt, kann man ästhetisch-gefällig symbolisieren. Ich weiß um eine Fensterform, durch die ich monatelang geschaut habe, und die mir unvergesslicher geblieben ist als so manches prächtige Panoramafenster in einem Gipfelrestaurant: das kleine vergitterte Fenster einer Gefängniszelle. Aber ich möchte nicht so sehr bei seiner beklemmenden Kleinheit und dem abweisenden Gitter und der Unerreichbarkeit hoch über der Pritsche stehenbleiben, sondern bei dem blauen Stück Himmel hinter dem schwarzen Schmiedeeisen, an dem hie und da eine verlorene Wolke vorbeigezogen ist.

Für viele Menschen in unserem Land gibt es die seelische Situation der Gefängniszelle, der Isolation, des Sich-eingesperrt-Fühlens, der schmerzlichen Begrenztheit, des Nichtausbrechen-Könnens. Psychotherapeuten, Ärzte, Sozialhelfer, Seelsorger und Eheberater wissen davon ein Lied zu singen. Die Epoche der größten äußeren Freiheit in unserer Gesellschaft hat keineswegs die höchste innere Freiheit mitgebracht. Viele leben hinter den Gitterfenstern ihrer Belastungen, die nicht so einfach zu erreichen und zu durchsägen sind. Und das Gefühl, beengt, behindert, vereinsamt und bedrückt zu sein, geistert durch viele Seelen. Und gerade in diesen Bereichen ist das Helfenkönnen nicht so perfektioniert wie etwa in jenen Leiden, die unsere hochentwickelte Chirurgie lindern und beseitigen kann. Die Operation an den Gitterstäben der Seele erweist sich oft als noch schwieriger als an Hüftgelenken und Karzinomen.

Sie sind also da, die Gitterfenster.

Ich will nicht sagen, dass wir sie unbedingt brauchen. Zumindest haben wir nicht diesen Eindruck. (Vielleicht brauchen wir sie manchmal als heilsame Erfahrung aller Grenzen des Machbaren.)

Aber was wir brauchen, das ist das kleine, blaue Stück Himmel hinter den dunklen Gittern der „conditio humana“, der Situation der Armseligkeit, diesen kleinen blauen Fleck, zu dem ich wie viele andere Einzelhäftlinge wochenlang hinaufgestarrt habe. Und hie und da die weiße Wolke, die vorüberzieht, das uralte Sinnbild göttlicher Gegenwart. Sie macht das Gitterfenster zur Luke der Hoffnung, so wie jene Luke, durch die Noah in der Arche die Taube fliegen ließ.

Das möchte ich all denen wünschen, die hinter den kleineren oder größeren Gittern der Freudlosigkeit sitzen: dass für jeden ein Stück heiteres Blau sichtbar wird, zu dem das Herz durch die Gitter hindurch ins Grenzenlos-Tröstliche fliegen kann – und die weiße Wolke, die eine Freiheit verheißt, jenseits aller Kerkergitter dieser Welt.

Das Bogenfenster

Unter den Burgruinen Südtirols, die in ihrer ursprünglichen Bausubstanz erhalten geblieben sind, zeigt die von Boymont, hoch über St. Pauls, eine Besonderheit. Das oberste Stockwerk des Bergfrieds zeigt ein großes, die ganze Breite des Turms überspannendes Bogenfenster. Schon der Burgenkenner Propst Weingartner hat darauf hingewiesen, dass dies bei einer Burg des 13. Jahrhunderts eine Seltenheit sei und andere Sehnsüchte verrate als nur das Bedürfnis nach Sicherheit und Repräsentanz. Vom Bogenfenster von Boymont geht der Blick weit übers Land, über die Weinberge bis zum Latemar, den Rosengarten und die blauen Fassanerberge.


Abend im Etschtal – Wehrburg bei Prissian

Tirol braucht Menschen mit Bogenfenstern, die im obersten Stockwerk des Seelenturms sich öffnen und Horizonte erschließen. Mit dem Bogenfenster ist die Fähigkeit gemeint, sinnstiftende Werte zu erfassen, die wie blaue Bergketten das Dasein umfangen. Es ist ein Glück für ein Land, wenn es möglichst viele Menschen mit Bogenfenstern der Seele hat, die über die Fähigkeit verfügen, das Vordergründig-Alltägliche zu übersteigen und Visionen zu haben, und zwar in allen Ständen und Berufen, in allen Bildungsbereichen und Aufgaben des Lebens. Die Bogenfenster haben keine bestimmte Schulbildung zur Voraussetzung, sie haben mehr mit Werterfassen als mit Wissen zu tun. Ich habe sehr, sehr viele einfache Menschen mit dem Bogenfenster kennengelernt. Aber eines stimmt – um beim Vergleich der Burg zu bleiben –, Bogenfenster haben immer etwas mit Adel zu tun, nämlich mit dem Adel der Seele.

Es ist heute gar nicht leicht, diese Bogenfenster auszubrechen. Wenn man die Welt nur durch Autoscheiben betrachtet, die Schaufenster des Konsums oder die flimmernde Scheibe im Zimmer, dann kommt man schwer zur weiten Sicht der Dinge. Zum Bogenfenster muss man über die schmalen Treppen des Zeitlassens und des Schweigens emporsteigen. Und man muss versuchen, auf dem Weg nach oben den Ballast der schnellen Urteile und Vorurteile abzulegen, und manchmal wohl auch ein Stück von sich selbst.

Und es wird wohl immer besondere Menschen brauchen, die zum Bogenfenster weisen: Künstler, Dichter, Weise und Fromme im wahren Sinne des Wortes.

Das große Halbrund im siebenhundertjährigen Turm von Boymont blickt übers Land wie ein steingewordenes Gedicht von Goethe:

„Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt – dem Turme verschworen gefällt mir die Welt …“

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