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Reinhold Stecher
Alles hat seine Zeit
Texte, Bilder und Zeichnungen
zum Lachen und Klagen,
zum Träumen und Nachdenken
Aus dem Nachlass herausgegeben
von Paul Ladurner

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2014 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung und Layout: Tyrolia-Verlag, Innsbruck
Covermotiv: Am Ritten
Lithografie: Artilitho, Lavis (I)
Druck und Bindung: Gorenjski Tisk, Kranj (SLO)
ISBN 978-3-7022-3396-9 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3397-6 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at Internet: www.tyrolia-verlag.at
Vorwort
Die „Nachlese“, das erste „Stecher-Buch“ nach seiner „sanften Landung“, hat ein starkes Echo in der Leserschaft ausgelöst. Wiederholt ist die Hoffnung, ja geradezu der Wunsch aufgetaucht, es könnte doch noch ein zweites derartiges Buch erscheinen.
Der umfangreiche Nachlass des beliebten Bischofs bot tatsächlich die Möglichkeit dazu. Seine lebensnahe Spiritualität, aber auch sein lebensfroher Humor und die noch vorhandenen Prosatexte und Gedichte, die erfrischenden und oft ungeschminkten Karikaturen und nicht zuletzt seine ansprechenden Aquarelle – alles noch unveröffentlicht – riefen geradezu danach, den Fundus noch weiter zu durchforsten, und so habe ich mich entschlossen, ein neues Stecher-Buch herauszugeben.
Reinhold Stecher war ein ausgezeichneter Bibelkenner. Besonders geschätzt hat er das Buch Kohelet aus dem Alten Testament wegen seiner Menschennähe und seinem „modernen Weltempfinden“. Von diesem Autor habe ich deshalb den Titel des neuen Buches übernommen.
Kohelet war ein Realist. Er vertrat den Standpunkt, das irdische Glück sei fragwürdig und letzten Endes könne nur Gott den Menschen zufriedenstellen. Das „irdische Glück“ kommt auch in diesem Buch zu Wort. Dabei verwende ich das berühmte Zitat Kohelets: „Alles hat seine Zeit“ und teile meine Überlegungen – genauer gesagt, die Überlegungen, Gedichte, Aquarelle und Karikaturen Reinhold Stechers – entsprechend ein in eine Zeit zum Lachen und Schmunzeln, aber auch in eine Zeit zum Klagen und schließlich zum Nachdenken, Träumen, Wandern, Staunen und Meditieren.
Beide Aspekte, das irdische Glück und die Hinwendung zu Gott, waren für Reinhold Stecher eins. In seinem Wirkungskreis hat er viel Freude verbreitet und zugleich eingemahnt und ermutigt, den Blick auf den gütigen und wohlwollenden Gott zu richten, der letzten Endes alles Helle und alles Dunkle väterlich umarmt.
Jedenfalls freue ich mich, dieses Buch seinen Freunden und – ganz allgemein – dem interessierten Publikum als eine Art „Stecher’sches Vermächtnis“ zu übergeben. Auch möchte ich anregen, ihn mit seinen Vorstellungen, seinen Ideen und Anliegen im Herzens-Gedächtnis zu behalten.
Innsbruck, im Sommer 2014
Paul Ladurner
PS: Schließlich möchte ich noch meiner lieben Frau Inge danken. Sie hat auch dieses Buch kritisch und wohlwollend, jedenfalls ganz wertvoll begleitet.
Nachwort zum Vorwort
„Dem, der nicht sich selber meint, dem gibt man alle Schlüssel.“
Diesen Satz hat Reinhold Stecher viele Male zitiert und diese Erkenntnis hat ihn wohl dazu bewogen, den Großteil seines geistigen Nachlasses dem anzuvertrauen, der nicht sich selber meint: seinem bescheidenen Freund Paul, meinem lieben Mann.
Dieser „Schlüsseldienst“ hat Paul viel Zeit gekostet. Um Reinholds vielschichtige Persönlichkeit spürbar aufleben zu lassen, will Paul, der „Schlüssel-Dienstmann“, ja nicht nur die „geistigen Prunkgemächer“ von Reinholds Lebenshaus zeigen, sondern auch die kleinen alltäglichen Räume. Gern schließt er die kleine Vorratskammer auf, die Reinholds origineller Großvater, der Bäcker, mit so viel Witz und Humor, despektierlichen Sprücheln, Liedern und Gschichtln angefüllt und damit seine Enkel Lachen und Lebensnähe gelehrt hat.
So versteht sich Paul nicht als Architekt eines würdigen Stecher-Denkmals, auch nicht als Fahrdienstleiter eines schönen Nostalgiezuges, sondern als treuer Freund, der Erinnerung als Lebenshilfe weitergeben will. Gutes Erinnern soll uns ja ermutigen, das Heute positiv zu gestalten und voll Zuversicht ins Morgen zu schauen.
Ingeborg Ladurner
Inhalt
Vorwort
Nachwort zum Vorwort
EINE ZEIT ZUM LACHEN
Brief des Kaplans Seiner Heiligkeit
Generalabsolution
Einzug der Würdenträger
Wandel im Priesterkleid
Bischofsleben
Pfarrgemeinderat
EINE ZEIT ZUM KLAGEN
Winterlicher Vatikan
Kirchenklage
Rom hat das Image der Barmherzigkeit verloren
Machtspiele in der Kirche
Kirche und Sexualität
Die Kirche und die Frauen
EINE ZEIT ZUM NACHDENKEN
Rauchsignale der Heiligen Schrift
Die Medaillen in der Spielkiste
Abend in Monaco
Der Mythos und die Mythen
Der Horizont blieb hell
Friedensgruß
Vom Segen des Handwerks
Das Gloria in der Polarnacht
Die alte Lehrerin
EINE ZEIT ZUM SCHMUNZELN
Zwei Kaiser
Verehrer moderner Kunst
Der Songcontest im Laufe der Geschichte
Kater und Polizeihund
Die Henne Kummernuss
Die kleine Lebenskunst
Der missbrauchte Engel
Memoiren sind unzumutbar
EINE ZEIT ZUM TRÄUMEN
Der Strom
Wachau
Melk
Ruine Dürnstein
Abendgesang der Donau
EINE ZEIT ZUM WANDERN
Die Berge sind mehr
Kleiner Impuls für sanftere Routen
EINE ZEIT ZUM MEDITIEREN
Morgen am Waal
Das andere Handy
„Die Freude am Herrn ist eure Stärke“
Lyrik auf der Seceda
Die Ewigkeit in der Zeit
Gedanken zu den Generationen
Beten mit der Heiligen Schrift
Erstes Kapitel
EINE ZEIT ZUM LACHEN
Lachen war ein wichtiger Bestandteil von Reinholds Lebensgepäck. Da war einmal sein Großvater, von dem er zahlreiche Witze, arge Sprüche und originelle Lieder übernommen hat. Aber auch seine eigene Mentalität war danach. Wir haben es oft schon an seinem Gesichtsausdruck erkannt, dass ihm wieder etwas Skurriles eingefallen ist. „Reinhold! Sicher ist dir wieder was Blödes eing’fallen“, sagten dann die Kinder. Er wehrte ab: „Ihr müsst’s nicht alles wissen.“ In Wirklichkeit hat er nur darauf gewartet, dass sie ihm seinen „blöden Einfall“ abtrotzen. Solche „Einfälle“ hat er oft in originelle Gedichte gekleidet. Manchmal richtete er seinen Spott auf eine historische oder literarische Persönlichkeit, zuweilen war ihm einfach ein neuer Witz eingefallen. Aufs Korn genommen hat er beispielsweise edle Gestalten, Offiziere, preußische Adlige, Napoleon oder auch kirchliche Würdenträger.
Wenn im Paulinum, wo er in den 1950er Jahren als Präfekt tätig war, kein Unterricht oder Studium angesagt war, hielt er sich gerne im Kreise „seiner Klassen“ auf. Nicht selten ertönte dann durch die Gänge des Hauses ein „homerisches Gelächter“. Reinhold hatte wieder einen seiner Witze erzählt.
Ähnliches können wohl auch manche Leser dieses Buches erzählen, die mit ihm am Berg, auf Wanderungen, bei Exerzitien oder Einkehrtagen, bei Jubiläen oder Wallfahrten beisammen waren. Bei ihm waren Ernst und Humor harmonisch verbunden.
Sein Humor konnte urig oder subtil sein, hintergründig oder gepfeffert. Oft begleitete er seine „Lach-Texte“ mit Karikaturen. Anlässlich einer Bischofssynode im Vatikan hatte er erlebt, wie viele schwarze Bischöfe in die Aula strömten. Am nächsten Tag war eine Karikatur da mit dem Titel „Afrika ante portas“: Auf Elefanten thronend zogen schwarze Bischöfe in den Vatikan ein. Natürlich konnte diese Karikatur auch in „schwarzen Kreisen“ nicht verborgen bleiben, worauf er von den afrikanischen Bischöfen um Fotokopien bestürmt wurde.

Brief des Kaplans Seiner Heiligkeit
Mit kirchlichen Würden und Titeln hatte Reinhold Stecher seine Schwierigkeiten. Im Jahre 1976 hat es ihn selbst erwischt: Er wurde zum Monsignore ernannt, das bedeutet „Kaplan Seiner Heiligkeit“. Ich vergesse nicht sein maliziöses Lachen, als er uns seine „vatikanische Beförderung“ mitteilte. Wohl als seelisches Ventil hatte er damals folgenden fingierten Brief verfasst:

Carissimi!
Eure Gratulationen haben in UNS die lebhaftesten, dankbaren und väterlichen Gefühle geweckt, so dass WIR UNS entschlossen haben, Euch mit einem huldvollen Handschreiben zu beglücken.
WIR sind noch selbst überwältigt von der überaus hohen Würde, zu der WIR berufen wurden, und von der aus WIR unsere bisherigen Connaissancen und Bekanntenkreise in unendlichem Abstand unten liegen sehen. Trotzdem fühlen WIR UNS gedrängt, den angemessenen Abstand in leutseliger Weise zu überbrücken, soweit die Autorität und Erhabenheit UNSERES Amtes dies zulässt. Da nicht zu verleugnende Bande des Blutes UNS mit Euch verbinden und WIR UNS UNSERER niederen Abkunft nicht zu schämen brauchen, mag eine gewisse Vertraulichkeit gestattet sein, die in die intimeren Lebensbereiche eines hohen Würdenträgers Einblicke gewährt, wie sie sonst dem gewöhnlichen Volke vorenthalten werden müssen.
WIR gestehen schmerzbewegt, dass es im Drang der Geschäfte des Alltags sehr leicht geschehen kann, dass vor allem mit dem Vollzug banaler Tätigkeiten wie der Inbetriebnahme des Zweirads, des Löschens der Schultafel, des Korrigierens von Prüfungsaufgaben und Ähnlichem das notwendige Würde-Bewusstsein etwas leidet oder überdeckt wird.
Wenn aber der Abend kommt und die Dienerschaft sich zurückgezogen hat, pflegen WIR vor den Spiegel zu treten, UNS in die Augen zu schauen, UNS wiederum übermannen zu lassen wie bei der Öffnung des inhaltsschweren Dekretes und dann zu UNS zu sagen: Gute Nacht, Monsignore!
Und dann kann es geschehen, dass die Welt um UNS versinkt und WIR UNS umgeben wissen von Kolonnaden und Springbrunnen, Schweizergarde und Spitzenchorröcken. WIR hören förmlich das Rauschen der Schleppen und den Klang der silbernen Fanfaren und finden UNS in jener Welt, für die WIR UNS – hier sei es offen gesagt, da WIR nicht fürchten müssen, falsch verstanden zu werden, – schon immer geboren wussten.
Soweit es in UNSEREN bescheidenen Kräften liegt, werden WIR alles tun, um den Glanz der päpstlichen Hofhaltung durch häufige und geschäftige Anwesenheit zu erhöhen, wenn auch UNSERE römischen Aufgabenkreise als Capellanus Suae Sanctitatis noch von einer etwas schmerzlichen Unbestimmtheit gekennzeichnet sind und dringend deutlicher präzisiert werden müssen (WIR erwarten täglich ein entsprechendes Motu proprio des Heiligen Stuhles).
Im erhebenden Bewusstsein, dass auch in Euren Kreisen eine, wenn auch vielleicht noch undifferenzierte und der Sache nicht ganz entsprechende Ahnung von der kirchengeschichtlichen Bedeutung dieser Ernennung aufgeblüht ist, reichen WIR Euch mit aller Herablassung, deren WIR fähig sind, geistigerweise die Hand über den Alpenhauptkamm zum Kusse.


Generalabsolution
Die kirchliche Begriffswelt ist
bei vielen Menschen stark im Schwinden.
Man müsste doch für dies und das
verständlichere Worte finden.
Die „Generalabsolution“
ist etwas, was man nicht versteht,
weshalb dann auch die Fantasie
in völlig falsche Richtung geht …

Generalabsolution in der k. u. k. Armee
Einzug der Würdenträger

Wandel im Priesterkleid im Laufe eines Bischofslebens (1927–1992)
Klerikaler Beitrag zur Geschichte der Uniformen

1 Kardinal in Cappa Magna (1930)

2 Domherr in Spitzenrobe (1930)

3 Landpfarrer, Modell Reimmichl (1930)

4 Primiziant um 1930

5 Kaplan um 1940 (Adjustierung je nach Einsatzgebiet)

6 Mönch im Habit

7 Derselbe im leichten Urlaubskostüm

8 Pensionist im Hauskleid

9 Geistlicher Rat im Festtalar

10 Bettelmönch (1930) bei Missionssammlung

11 Bettelmönch (1992), bei Dritte-Welt-Konzert

12 Stadtseelsorger, aufgeschlossen, aber gemäßigt

13 Kaplan, fortschrittlich, im großen Dienstanzug (bei Bischofsbesuch), aber kirchentreu (siehe Kreuz)
Bischofsleben

Pensionierungsstampiglie – einem Bischof, der die Altersgrenze erreicht hat, wird in Rom die Verlängerungsstampiglie aufgedruckt

Bischof in Ausgehuniform

Der Bischof als Dampfkochtopf
Pfarrgemeinderat

Welches ist das richtige Pfarrgemeinderatsmodell?
Zweites Kapitel
EINE ZEIT ZUM KLAGEN
Der neue Papst Franziskus ist wenige Wochen nach Reinhold Stechers „sanfter Landung“ gewählt worden und – bezeichnenderweise – auf den Tag genau neun Jahre nach dem Tode des großen Wiener Kardinals Franz König. Aus den Worten und Taten des neuen Papstes erfährt Reinhold Stechers „Kirchenklage“, für die er manche Schelte hinnehmen musste, eine erfreuliche Bestätigung.
Winterlicher Vatikan
Karl Rahner hat in seiner großen Kirchentrauer seinerzeit das Buch „Glaube in winterlicher Zeit“ (Patmos-Verlag 1986) geschrieben. Um die gleiche Zeit hatte Reinhold auch in Rom einen sogenannten Ad-limina-Besuch zu absolvieren und schickte uns unter dem Eindruck der damaligen Atmosphäre die nachstehende Karte, auf welcher der winterliche Petersplatz zu sehen ist. Auf die Rückseite schrieb er ein mit „Römische Elegie“ betiteltes Gedicht.

Römische Elegie
Das Leichentuch liegt auf den Kolonnaden,
und um die Kuppel webt ein kalter Hauch.
Die Brunnen sind erfroren.
Die geraden Säulen stehen wie erstarrt.
Ich fühle auch den harten Winterwind im Tal des Tiber
und denk mit aufgespanntem Schirm:
Es geht vorüber …
Reinhold
Und tatsächlich hat nach dem kürzlich stattgefundenen Ad-limina-Besuch der feinfühlige Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer darauf hingewiesen, in Rom habe ein positiver Klimawechsel stattgefunden und man könne wieder frei atmen. Im gleichen Sinne hat sich auch der Wiener Erzbischof Kardinal Schönborn geäußert. Diese Meldungen geben Hoffnung und bestätigen im Nachhinein Reinholds „Römische Elegie“ und überhaupt seine „Kirchenklage“.
Kirchenklage
Warum kreisen Krähen um die Türme,
um die Türme, deren Glocken schweigen,
warum dringt kein Licht mehr durch die Scheiben
hoher Fenster in die Winterstürme?
Warum schreckt die Sprache, die bedrückte,
jene Sprache, die so tröstlich klang
und die leise von Verzeihung sang,
als der Hirt sich zu Verirrten bückte?
Warum zelebriert man laute Feste,
Massenlärmjubelfestivale –
wo doch einstens abends in dem Saale
das Geheimnis sich vollzog in schlichter Geste?
Warum lassen sie dich, Herr, verschwinden
hinter Purpurdiplomatenroben,
die, aus Macht und Eitelkeit gewoben,
nicht den blutgetränkten Rock verkünden?
Warum zimmern sie an allen Wegen
deines Heils, die Zukunftsstraßen wären,
nichts als Zäune, Schranken und Barrieren,
die den frohbeschwingten Schritt verlegen?
Warum dürfen sie uns Trauer bringen,
diese Krähen, die um Türme krächzen –
wo wir doch nach deiner Taube lechzen,
nach der Taube mit den Silberschwingen?
Rom hat das Image der Barmherzigkeit verloren
Gedanken zum neuesten Dekret über die Mitarbeit der Laien
Wenige Wochen vor seinem Übertritt in den Ruhestand hat Reinhold Stecher im Herbst 1997 einen vertraulichen Brief an Persönlichkeiten seines Vertrauens in Österreich und Deutschland geschickt – darunter einige, aber nicht alle österreichischen Bischöfe. In diesem setzte er sich kritisch mit der zuvor von Rom veröffentlichten „Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester“ auseinander und fand scharfe Worte über den Umgang Roms mit Priestern, die geheiratet haben. Der Brief wurde von einem der Empfänger den Medien zugespielt und löste ein Erdbeben aus …
Da ich mir einmal vorgenommen habe, kirchenkritisch notwendige Dinge nicht als „mutiger Pensionist“, sondern im Amt zu sagen, komme ich nicht daran vorbei, zu diesem Dekret einige Gedanken zu äußern, bevor ich den Stab weitergebe. Nicht so sehr zu den Details. … Es gibt nun einmal den mit der Vollmacht zur Eucharistie ausgestatteten Priester und diese Vollmacht kann sich niemand nehmen oder von unten her bestätigen lassen. … Kritisch könnte man zu den Details nur sagen, man sollte auch im Unterschied von Priester und Laien nicht alles in einen Topf werfen. Es ist ein Unterschied, ob man z. B. die eucharistische Vollmacht verteidigt oder die Vollmacht im Gottesdienst zu predigen. Wenn es – wie heute häufig – zwar noch gelingt, von irgendwoher einen alten Priester für die Eucharistie „einzufliegen“, dann ist schwer einzusehen, dass man einem theologisch voll ausgebildeten und menschlich-spirituell geeigneten Gemeindemitglied verbieten muss, in der Eucharistiefeier eine Predigt zu halten. Ich bin durchaus dafür, dass zur Verkündigung jemand kirchlich bevollmächtigt sein muss. Aber die Verkündigung in der Eucharistiefeier zu streichen, weil man für eine Ansprache unbedingt geweiht sein muss, ist eine andere Sache. Niemand in den Gemeinden versteht ein derartiges Verbot, wenn die Alternative das Nichts ist.
Und hiermit stehe ich bei meinem eigentlichen Bedenken gegen dieses wiederum nur restringierende Dekret, das den Laien, den Kommunionhelfer usw. höchstens als widerwillig zugelassenen Notnagel für ein paar Funktionen sieht, wenn’s halt gar nicht anders geht. Mein Bedenken liegt in dem „Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen“ der pastoralen Situation bei uns und in vielen, ja den meisten anderen Ländern der Erde – und in dem „Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen“ der theologischen Bedeutung der Eucharistie für die christliche Gemeinde und die Kirche.
Um das Dilemma dieses Dekrets etwas plastischer darzulegen: Im Land Tirol erhob sich vor einiger Zeit das Problem, dass bei der Betreuung der vielen Zuckerkranken in den Wohnungen und Altersheimen nur Diplomschwestern berechtigt waren, die entsprechenden rettenden Spritzen zu verabreichen. Von diesen ausgebildeten Diplomschwestern gibt es natürlich viel zu wenig. Die Standesgruppe der Diplomschwestern hat natürlich aus verschiedenen Gründen dieses Standesrecht verteidigt, aber mit dem Blick auf die Volksgesundheit wurde dann doch entschieden, dass entsprechend ausgebildete Altershelfer/innen und Betreuer/innen diese Spritzen geben dürfen. – Die Kinder der Welt sind wahrhaftig klüger als die Kinder des Lichts. Bei uns geht es auch um das Heil, allerdings um das Heil mit einer Dimension in die Ewigkeit. Und bei uns ist es auch so, dass Diplomhelfer (Priester) viel zu wenige sind und angesichts unserer klerikalen Alterspyramiden immer weniger werden. Und es ist weiterhin klar, dass bei der Forderung eines glaubhaft gelebten Zölibates diese Zahl immer klein sein wird. Für den redlich gelebten Zölibat ist nun einmal verlangt, dass der Betreffende den sexuellen und partnerschaftlichen Verzicht in einer gesunden, nicht verdrängenden Weise umformt in spirituelle, pastorale, soziale, geistige, dienende und kreative Entfaltung. Das ist und bleibt aber die Sache derer, „die es fassen können“. Und selbst in den Worten Jesu liegt keine Spur einer Andeutung, dass diese elitäre Zahl den pastoralen und theologischen Notwendigkeiten einer lebendigen Kirche entsprechen muss. In unserer Zeit und ihrem Klima ist es noch einmal schwieriger, dem zu entsprechen, wie z. B. in den Zeiten der Verfolgung durch den Nazismus, in die meine Berufung gefallen ist.

Ängste in der Kirche
Das genannte Dekret über die Laien begnügt sich also mit der Verteidigung der „Diplomschwestern und Diplompfleger“, will sagen der klerikalen Vollmachten, Würden und Standesrechte. Die Volksgesundheit, d. h. das Heil der Gemeinden, bleibt völlig aus dem Spiel. Für diese Gemeinden hat man eigentlich stillschweigend schon längst einen Heilsweg ohne Sakramente entworfen – was wiederum jeden auch nur in einer seriösen scholastischen Theologie Gebildeten den Kopf schütteln lässt. Die Heilsnotwendigkeit der Sakramente der Eucharistie und Buße bzw. der Krankensalbung wurde dort sehr eindrucksvoll definiert.

Himmlische Nostalgie zum Kirchenkonflikt: „Petrus, kannst du dich noch erinnern, damals in Antiochien …?“
(vlg. Gal 2,11)
Aber hier stoßen wir wiederum auf das Dilemma, wenn man die Bedingungen für das eucharistische Amt in keiner Weise vom Heil der Gemeinden her definiert, sondern nur von individuellen Zulassungsbedingungen, die zum Teil eben rein menschlichen Rechtes sind, aber eben ohne jeden Blick auf den allgemeinen Heilswillen Gottes und die wesentlich eucharistische Struktur der Gemeinde durchgezogen werden. Dem Festhalten an diesem Amtsbegriff, der ebenso nicht aus der Offenbarung erwiesen werden kann, wird alles geopfert. Vor einiger Zeit hat mir ein wegen seiner konservativen Gesinnung bekannter Bischof lächelnd gesagt: „Ach, bei uns hat jeder Priester drei Pfarreien – das geht ganz ausgezeichnet …“ Der betreffende hohe Würdenträger hat allerdings in seinem Leben nicht einmal eine Pfarre geleitet, geschweige denn mehrere. Wenn er es getan hätte, wäre er mit einer derart kühnen Analyse wahrscheinlich etwas vorsichtiger. Ich habe in Frankreich Priester, müde und resignierende Priester kennengelernt, die sieben bis zehn Pfarreien herumrasend „betreuen“. Auch wenn solche Priester hervorragend theologisch gebildet sind, haben sie keine Chance, je in höheren Etagen mitreden zu können. Der Stand der kleinen Frontpfarrer wird von der bischöflichen Würde ebenso ferngehalten wie von jeder Mitsprache in diesem Bereich. So werden die Erfahrungen und Frustrationen nur von wenigen Bischöfen wahrgenommen und nach oben getragen. Nach unten begnügt man sich bestenfalls mit verständnisvollen Seufzern und einer bewegten Klage über fehlende christliche Familien, die eben zölibatäre Berufe in genügender Anzahl zu fabrizieren hätten. Und weiter oben begnügt man sich mit der Zementierung vorhandener Ordnungen wie im vorliegenden Dekret. Die Not dahinter ist kein Thema.
Ich sage diese Dinge nicht, weil ich gegen den Zölibat bin oder weil ich mir etwa einbilde, mit dem Stand der „viri probati“ gäbe es keine Schwierigkeiten. Die gibt es überall, wo Menschen sind. Es ist überhaupt eine unbewusste oder bewusste Fälschung, die hier vorgebrachte Frage als einen Disput über die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen darzustellen. Die steht nicht in Frage. Das Bestürzende liegt darin, dass die derzeitige Kirchenleitung einfach ein theologisches und pastorales Defizit aufweist, so peinlich das zu sagen ist. Das Amt in der Kirche ist von seinem biblischen Verständnis her ein dem Heile dienendes Amt und kein sakraler Selbstzweck, dem es völlig gleichgültig sein kann, ob Millionen und Abermillionen von Christen überhaupt je die Möglichkeit haben, heilsstiftende Sakramente zu empfangen und die Mitte ihrer Gemeinschaft, die biblisch und dogmatisch die Eucharistie ist, in einer menschlich erlebbaren Weise zu pflegen. Es heißt eben immer noch: „Propter nos homines et propter nostram salutem descendit de coelis“ [für uns Menschen und für unser Heil kam er vom Himmel herab] und nicht „propter nostram auctoritatem et propter stricte conservandas structuras ecclesiasticas descendit de coelis …“ [für unsere Autorität und für strikt zu bewahrende kirchliche Strukturen].
Die Tendenz, menschliche Ordnungen und Traditionen höher zu werten als den göttlichen Auftrag, ist das eigentlich Erschütternde an manchen Entscheidungen unserer Kirche am Ende dieses Jahrtausends. Es scheint z. B. niemanden in den höchsten Gremien zu beunruhigen, wenn buchstäblich Hunderte von Millionen Katholiken gar nicht mehr zu den moralisch heilsnotwendigen Sakramenten der Vergebung kommen können (und weil sie nicht kommen können, nach einer Generation auch gar nicht mehr kommen wollen). Die Krankensalbung hätte heute eine Chance – übrigens auch in der Umwelt einer stärker ganzheitlich-menschlichen Medizin. Aber der sich im Sakrament zu den Kranken neigende Christus kann auf Grund der zölibatär-restriktiven Vollmachterteilung eben zu Millionen gar nicht kommen. Dass die großzügig verfügte regionale Pfarr-Zusammenlege-Praxis eine liebevoll begleitende sakramentale Krankenpastoral unmöglich macht, stört die kirchliche Zentralgewalt in keiner Weise. Und dabei ginge es wirklich um das Heil, das ewige Heil.
Am bedenklichsten ist für mich nach wie vor in dieser Frage die Missachtung göttlicher Weisungen im Umgang mit Priestern, die geheiratet haben. Aus eigener Anschauung weiß ich, dass Gesuche, die der Bischof mit dringenden, pastoral und menschlich begründeten Bitten einreicht, zehn Jahre und mehr gar nicht angeschaut werden. Auch das neueste Dekret ändert diese Praxis nur marginal. Es handelt sich – wohlgemerkt – nur um Bitten der Versöhnung mit Gott und der Kirche, um die Möglichkeit, eine christliche Ehe zu führen, und manchmal auch um die Möglichkeit, nichtpriesterliche Dienste auszuüben. Auch hier gibt es nur das unbarmherzige Nein. Und nun wiederum: Was hat der Herr gesagt? Hat er nicht die Pflicht zur Verzeihung und zur Versöhnung durch alle Lehren und Gleichnisse, Taten und bis zu den Gebeten am Kreuz zur höchsten ethischen Pflicht gemacht? Hat er nicht dieses Gesetz des Verzeihenmüssens mit der härtesten Sanktion belegt? Hat er nicht gesagt: „Wer nicht verzeiht, dem wird nicht verziehen“? Hat er nicht dem Petrus persönlich eingeschärft, dass er nicht siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal am Tage verzeihen sollte? Diese Stelle scheint in römischen Dekreten nie auf, nur Matthäus 16,18. Alle die, die da so ihre Liebe zum Papst betonen und sich als die Papsttreuen belobigen lassen – müssten sie angesichts der Worte des Weltenrichters nicht erschrecken, wenn ein Papst mit Tausenden von abgelegten Gesuchen und Bitten um Versöhnung stirbt? Was tun wir an einem Sterbebett, wenn wir wissen, dass der Betreffende Versöhnung verweigert? Versuchen wir nicht, ihn zur Milde zu bringen, weil es auch um sein ewiges Heil geht? Und was hielten wir von einem Priester, der zu einem Beichtenden sagen würde: „Bei deiner Art von Sünde – komm in zehn Jahren wieder, vielleicht bin ich dann geneigt, dir die Versöhnung zu gewähren“? Ist nicht theologisch evident, dass die Verweigerung von Verzeihung und Versöhnung die viel größere Sünde ist, als die Verletzung des Zölibats? Die zweite betrifft ein menschliches Gebot und ist eine Sünde der Schwachheit, die erste ein göttliches und ist eine Sünde der Härte. Oder glaubt man vielleicht, juridische Handhabungen in der Kirche unterstünden nicht den Geboten Jesu? Nimmt man etwa an, dass in der Ordnung des Weltenrichters Schreibtischtäter besser fahren als Detailsünder?
Auch hier zeigt sich diese immer wieder auftauchende Tendenz, die Weisung Jesu kirchlichen Verwaltungspraktiken und menschlicher Autoritätsausübung unterzuordnen.
In diesen Vorgangsweisen liegt auch die eigentliche Einbuße der päpstlichen Autorität. Denn diese für die Kirche so notwendige Autorität leitet ihr Gewicht nur von der Übereinstimmung mit Christus her, wie es ja auch im innersten Wesen der Unfehlbarkeit zum Ausdruck kommt. Aber die Geschichte lehrt, dass auch die Praxis des höchsten Amtes von der Sache Jesu abirren kann. Diese heute gängigen Praktiken gegenüber Einzelsündern widersprechen dem Geiste Jesu genauso wie einst die Bannstrahlen und Interdikte gegen ganze Länder und Städte. Und ich weiß, dass viele Priester und Laien, die ihr Christsein ernst nehmen, unter diesen Widersprüchen leiden und sich nach einem Papst sehnen, der in dieser Zeit vor allem die Güte verkörpert. So wie das derzeit ist, hat Rom das Image der Barmherzigkeit verloren und sich das der repräsentativen und harten Herrschaft zugelegt. Mit diesem Image wird die Kirche im 3. Jahrtausend keinen Stich machen – da ändern pompöse Millenniumsfeiern mit vielen schönen Worten gar nichts. Es geht um Akzentverschiebungen in einigen entscheidenden Punkten der pastoralen Praxis, sowohl was den Umgang mit dem allgemeinen Heilsauftrag Jesu als auch den Umgang mit dem Sünder betrifft.

Die Kirche wird ihre Rolle als „Wächterin des Glaubens“ nicht in der Art eines nervösen Wachpostens spielen, der auf jedes sich ungewohnt bewegende Blatt im Gebüsch eines vielfältig sprießenden Glaubenslebens mit der Maschinenpistole der Häretisierung und Ausgrenzung schießt.
Und es darf um der Kirche willen nicht so sein, dass man von höchster Stelle wohl um jeden Splitter an der Basis bemüht und besorgt ist, aber den Balken im eigenen Auge nicht sieht.
Auch wenn ich diese in die pharisäische Auseinandersetzung der Schrift hineinreichenden Defizite unserer heutigen Kirche beim Namen nenne, nehme ich von meiner Hoffnung auf das Walten des Geistes und die Zukunft der Sache Jesu nichts zurück. Aber die Sensibilisierung für die wahren Intentionen muss in unserer Kirche deutlicher werden. Das Abirren von solchen Grundsätzen hatte in der Vergangenheit schwerwiegende Folgen.
Dr. Reinhold Stecher, Diözesanbischof von Innsbruck am 33. Sonntag nach Pfingsten, dem Sonntag des Weltgerichts
Machtspiele in der Kirche
Während der Amtszeit von Reinhold Stecher als Bischof von Innsbruck gab es in Österreich heftige Auseinandersetzungen und Diskussionen um etliche Bischofsernennungen – wie sich im Nachhinein herausstellte, mehr als zu Recht. Als Bischof musste Reinhold Stecher oft und oft dazu Stellung nehmen – persönlich arbeitete er das Thema zeichnerisch ab.

Nuntius sucht für Wien einen Kardinalskandidaten

Die apostolische Fabrik
Produktionsmaschine für neue Bischöfe, die gewissenhaft
in gleichförmiger Spiritualität ausgebildet werden.

Nuntius, Bischöfe ausbrütend
Eine Zeitungsmeldung, wonach sich Papst Johannes Paul II. öffentlich beklagte, dass vor Kardinalsernennungen die Interventionen und Vorsprachen ins Unerträgliche stiegen, inspirierte Reinhold Stecher zu dieser Zeichnung:

Zur „Tour de Rome“, der Schlussetappe,
erlaubt sich keiner eine Schlappe.
Die Siegeschancen sind sehr schmal –
der Erste nur wird Kardinal.
Eine sportliche Betrachtung der kirchlichen Personalpolitik
Die Form, den Bischof zu ernennen,
gleicht häufig einem Slalomrennen.
Die Kandidaten treten an –
die Tore steckt der Vatikan.
Im Starthaus stehn – so ist das heute –
normalerweise Ordensleute,
auch Diplomaten und Beamte
aus irgendeinem römischen Amte
sowie bewährte Professoren,
vielfach geprüft und auserkoren.
Die Pfarrer stehn am Rande bloß.
Ihr Trainingsrückstand ist zu groß.
Sie kennen nur – und das in Menge –
die pastoralen Tiefschneehänge.
Weshalb sie erst trainieren müssten
für glattere Karrierepisten.

Kirche und Sexualität
Dazu nur zwei kleine Zitate aus Vorträgen von Reinhold Stecher – und drei Zeichnungen, deren Botschaft an Klarheit nichts vermissen lässt.
Es gibt natürlich verständlichen Widerstand gegen eine Sexualmoral, in der man mit schweren Sünden nur so um sich warf und wirft, ohne dafür Grundlagen in der Heiligen Schrift präsentieren zu können.
Es ist bedenklich, wenn tausend Jahre lang alle Fragen von Sexualität, Ehe, Partnerschaft nur von unverheirateten Männern reflektiert und gelehrt werden. Da ist die Einseitigkeit vorprogrammiert. Ich kann auch kein Buch übers Klettern schreiben, wenn ich nie in der Wand war.

Vatikanische Pillendreher

Die Pillenbrigade

Der Vatikan stolpert über die Pillenfrage
Бесплатный фрагмент закончился.
