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Reiner Strunk Matthias Claudius DER WANDSBECKER BOTE

Für Barbara

Reiner Strunk

Matthias Claudius

DER WANDSBECKER BOTE

Calwer Verlag Stuttgart

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der

Calwer Verlag-Stiftung

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978–3–7668–4306–7

eBook (epub) ISBN 978–3–7668–4306–7

© 2014 by Calwer Verlag GmbH Bücher und Medien, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten.

Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags.

Satz und Herstellung: Karin Class, Calwer Verlag

Umschlaggestaltung: Karin Class, Calwer Verlag

Umschlagmotiv: Matthias Claudius – Gemälde von Friederike Leisching

um 1800 © epd-Bild/akg-images

Internet: www.calwer.com E-mail: info@calwer.com

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Vorwort

Konturen einer Dichtergestalt

Kindheit, Schule, Studium

Begegnungen in Kopenhagen

Klage und Hoffnung: ›An – als ihm die – starb‹

Redakteur in Hamburg

›Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen‹

Der ›Wandsbecker Bothe‹

Poesie und Spiritualität: ›Abendlied‹

Freund Hain und das Geheimnis des Todes

›Der Tod und das Mädchen‹

Utopia in Darmstadt

Vom Bauernhymnus zum Theologenchoral: Das ›Bauernlied‹ und seine Verstümmelung

Literarisches Leben auf dem Lande

Vom Schöpferlob zur Naturlyrik: ›Ein Lied vom Reifen‹

Philosophie – in Maßen

Staunen über den Himmel: ›Die Sternseherin Lise‹ und ›Der Philosoph und die Sonne‹

Familienleben

Trauer um die Tochter: ›Christiane‹

Politische Ansichten und Konflikte

Gesundes Erschrecken: ›Kriegslied‹

Religion und Christentum

Späte Aufbrüche

Melancholischer Überblick: ›Der Mensch‹

Zeittafel

Ausgewählte Literatur

Namenregister

Bildnachweis

Vorwort

Person und Werk, die biographische und die literarische Seite beim ›Wandsbecker Boten‹ Matthias Claudius sind Gegenstand unserer Erzählung. Die Person gewinnt Kontur im Zusammenhang zahlreicher Freundschaften, die Claudius mit namhaften Denkern und Dichtern seiner Zeit unterhalten hat. Sein Werk spiegelt geistige und politische Umstände der Zeitgeschichte wider und bildet doch ein Zeugnis von unverwechselbarer Originalität. Gewiss, manches darf als überholt und veraltet gelten, anderes aber überrascht durch bleibende Aktualität, und eine Reihe von Liedern und Gedichten gehören zum unverlierbaren Schatz deutschsprachiger Poesie.

Von der Absicht, beiden Seiten, der biographischen und der literarischen, gerecht zu werden und sie vielfältig aufeinander zu beziehen, wurde die Darstellung geleitet. Zwischen die mehr biographischen Kapitel sind darum kommentierende eingeschoben, die jeweils ein Stück aus der Lyrik des ›Boten‹ aufnehmen, gesondert betrachten und deuten. Sie werden durch kursiv gedruckte Überschriften kenntlich gemacht.

Claudius-Zitate im Text werden grundsätzlich kursiv gesetzt.

Zeittafel, Ausgewählte Literatur und Namenregister am Schluss sollen der leichteren Orientierung und der Feststellung von Querverbindungen und Zusammenhängen dienen.

Dem Calwer Verlag und der Calwer Verlag-Stiftung danke ich für die Anregung, dieses Buch zu schreiben, und für die Bereitschaft, das Manuskript in der gewohnt ansprechenden Weise zu veröffentlichen.

Reiner Strunk

Konturen einer Dichtergestalt

Wir Vögel singen nicht egal;

Der singet laut, der andre leise,

Kauz nicht wie ich, ich nicht wie Nachtigall,

Ein jeder hat so seine Weise. (16) 1

Mit einfachen, bildkräftigen Versen und in heiterer Selbsteinschätzung empfiehlt Claudius sich den Lesern des ›Wandsbecker Bothen‹ als Redakteur. Er gibt Gelegenheit zu schmunzeln und lässt durchblicken, dass man mit seiner Eigenart im Singen und im Schreiben zu rechnen habe. Eine Nachtigall zu sein, beansprucht er nicht, aber für einen Kauz sollte man ihn auch nicht halten. Er wird die Welt betrachten und in Einzelheiten besingen oder besprechen, wie er sie sieht. Eine vorwiegend kleine Welt übrigens, die seinen persönlichen Erfahrungen und Urteilen zugänglich ist. Hans Jürgen Schultz hat ihn in dieser Hinsicht treffend gekennzeichnet: »Er gehört nicht zu denen, die ihre Zeit prägen. Dafür vergeht er auch nicht mit ihr.«2

Bei Claudius fehlt in der Tat alles Monumentale und Epochale, wie es einen Goethe und Schiller ausmachte, die seine Zeitgenossen waren. Er konnte neben ihnen bestehen, ohne mit ihnen konkurrieren zu müssen. Doch die Erinnerung an ihn ist verbreitet geblieben, nicht nur wegen des ›Abendlieds‹, das zum deutschen Volksliedschatz gehört und für kirchliche Gesangbücher unverzichtbar geworden ist. Ein großer Dichter sei er wohl nicht, aber immerhin ein kleiner, hat Claudius selbst bemerkt. Und es lohnt dann schon, diesem Dichterleben, das im Jahre 1815 zu Ende gegangen ist, etwas genauer nachzuspüren und herauszufinden, worin eigentlich das Geheimnis seines Überdauerns besteht, mit einem Werk, das nach den üblichen geistes- und literaturgeschichtlichen Maßstäben nicht als ›bedeutend‹ eingestuft zu werden pflegt, sowohl seinem Gesamtumfang als auch seinem Gehalt nach.

Claudius war ein Kind des 18. Jahrhunderts. Geboren im selben Jahr 1740, als Maria Theresia in Wien den kaiserlichen Thron bestieg und Friedrich II. den königlichen in Preußen. Für die eine, Maria Theresia, empfand Claudius freundliche Sympathien und bedachte sie zu ihrem Tode 1780 mit ehrenvollen Versen3. Den Preußenkönig Friedrich den Großen dagegen hat er weniger geschätzt. Und zwar wegen dessen militanter Politik, die den Holsteiner Bürger, der sich mit Dänemark verbunden wusste, wiederholt bedrängte, und auch wegen seiner aufgeklärten Geisteshaltung, die sich nicht gut mit den Grundüberzeugungen des Wandsbecker4 Boten vertrug.

Gestorben ist Claudius im selben Jahr 1815, in dem Napoleon bei Waterloo vernichtend geschlagen, die Ära der napoleonischen Kriege beendet und mit dem Wiener Kongress und der Heiligen Allianz zwischen Preußen, Österreich und Russland die politische Restauration in Europa durchgesetzt wurde.

Dazwischen spannt sich sein Leben, aufs Ganze gesehen erstaunlich unangespannt in den gärenden Zeiten geschichtlicher und geistiger Umbrüche. Es war das Leben eines Menschen, der durchgängig gefasst in sich selber ruhte. Nicht so, dass er den konsequenten Rückzug aus allen Konfliktzonen gesucht hätte; aber doch so, dass ihn die Stürme, die in einiger Entfernung von seinem Wohnort losbrachen, nicht wirklich erschüttern konnten. Seine Biographie ergibt darum keine Abfolge markanter Veränderungen, sie bildet eher ein Kontinuum der Beständigkeit, sowohl in seinem Denken als auch in seiner praktischen Lebensgestaltung. Von Abenteuern hielt er nicht viel, nicht mal von schwer kalkulierbaren Herausforderungen, die das Gleichmaß seines Lebens hätten stören können. Wo es nötig erschien, setzte er sich zur Wehr, in der Regel in schriftlicher Form und als Zeitungsmann, und verteidigte die alten Werte aus Religion und Monarchie gegen die neuen Ideen in aufgeklärten und revolutionär erhitzten Köpfen.

So scheint er zu seiner Zeit mit dem Rücken zur Zukunft und mit dem Gesicht zum Vergangenen verharrt zu haben, nur in Maßen beweglich und mäßig belehrbar. Wirklich ein Exponent des 18. Jahrhunderts gegen die Ansprüche und Versprechungen des neunzehnten. Im Alter, als er selbst die Schwelle zum 19. Jahrhundert zu überschreiten sich anschickte, verstärkte sich diese Tendenz. Frühere Freunde gingen, für ihn gewiss schmerzlich, allmählich auf Distanz.

Einer unter den Großen der Dichtung wollte er nicht sein und hat in dieser Richtung auch überhaupt keine Anstrengungen unternommen. Nicht einen einzigen Roman hat er geliefert, auch keine großen Erzählungen, und die Verfassung von Dramen erscheint bei seinem Naturell geradezu unvorstellbar. Mit einem hervorragenden epischen und theatralischen Talent war er anscheinend nicht gesegnet, wohl aber mit einem lyrischen. Allerdings – auch das war und ist umstritten. Goethe hat, nach anfänglichem Wohlwollen, in Claudius’ Lyrik nichts entdecken können, was der Erwähnung wert gewesen wäre. Herder hingegen urteilte anders.

Die Frage nach dem Dichter und nach eindeutigen Qualitätsmerkmalen für Dichtung ist nicht leicht zu beantworten. Sie muss ja in Rechnung stellen, dass Dichtung sich im Laufe der Kulturgeschichte sehr unterschiedlich dargestellt hat und dass die Maßstäbe für Dichtung einem unentwegten Wandel unterliegen. Trotzdem herrscht auf diesem Feld natürlich nicht die reine Beliebigkeit. Es lassen sich Gesichtspunkte nennen für das, was einen Dichter ausmacht. Gehen wir einigen dieser Gesichtspunkte nach in dem Interesse abzuwägen, warum wir es bei Matthias Claudius mit einem Dichter zu tun haben. Denn nur unter dieser Voraussetzung mag es reizvoll erscheinen, sich näher auf seine Person und sein Werk einzulassen.

Dass er Traktate zu allen möglichen Themen verfasst, launige Gelegenheitsverse geschrieben, als Rezensent sich über Lavater und Swedenborg, freilich auch über Lessings ›Emilia Galotti‹ und Herders ›Ursprung der Sprache‹ äußern konnte, dies alles mag für Experten von historischem Gewicht sein, rechtfertigt aber kaum den Aufwand zu einer allgemeinen Relektüre seiner Schriften. »Was bleibet aber, stiften die Dichter«, erkannte Hölderlin5, und das heißt umgekehrt: Was von Dichtern herrührt, hat bleibenden Wert.

Was aber kennzeichnet den Dichter?

Erste Antwort: die Sprache. Genauer: eine eigene Weise des Sprachgebrauchs. Das Vermögen, Sprache so einzusetzen, wie der Bildhauer den Meißel und der Maler den Pinsel einsetzt, also künstlerisch. Unmittelbar leuchtet das bei der Lyrik ein. Die Sprache dient ihr nicht als Instrument zur Mitteilung von Nachrichten. Sie wird in Form gebracht. Sie wird abgehorcht auf Möglichkeiten ihrer lautlichen und rhythmischen Musikalität. Lyrisch gesetzte Sprache schwingt und bringt ins Schwingen. Sie hat eine Nähe zum Gesang. Gedicht und Lied sind Geschwister, und es lag deshalb auf der Hand, dass lyrische Verse, auch solche von Claudius, gern vertont wurden.

Allerdings machen Rhythmus und Melodie noch nicht die Qualität einer Versdichtung aus. Man kann auch in metrischer Gliederung Trivialitäten verbreiten. Das hat Claudius selber getan, vornehmlich in seinen jüngeren Jahren, im Studentenalter. Seine erste Publikation, ›Tändeleyen und Erzählungen‹, 1763 in Jena erschienen, gibt beredtes Zeugnis davon. Den Strauß von Liebesliedern und Schäferszenen (mit Titeln wie Der steigende Busen oder Die süßen Lippen der Mädchen) hat er später nicht mehr für wert geachtet, in seine ›Sämtlichen Werke‹ aufgenommen zu werden. Verse, die eben gemacht, aber nicht erlebt waren. Peinliche Rezensionen wiesen ihm obendrein Kopiertes und Imitiertes nach. Wer aber bloß imitiert, hat jedenfalls noch nicht entdeckt, was er selbst sein könnte. Und Artikulationsübungen in einem poetischen Versuchslabor ergeben noch keine Dichtung.

Dabei war Claudius sprachgewandt und sogar sprachverliebt. Er zeigte sich überaus empfänglich für den hohen Ton und den erhabenen Gehalt von Klopstocks Dichtungen, vom ›Messias‹ und auch von den ›Oden‹. Aber so sehr er Klopstock verehrte, in Kopenhagen seine persönliche Bekanntschaft suchte und sie über Jahre zu erhalten wusste, so wenig hat er doch den Versuch unternommen, dessen Sprache und Stil nachzuahmen. Im Gegenteil: Es hat den Anschein, als habe ihm gerade der enge Kontakt zu Größen der damaligen Literatur, zu Klopstock, zu Lessing, zu Herder, nachhaltig dazu verholfen, seine eigene Sprache und seinen eigenen Stil zu entwickeln. Die große Form, die er bei andern ausdrücklich zu bewundern imstande war, sollte offensichtlich seine Sache nie werden. Nicht die große Form (im Versepos, im Roman oder im Drama) und auch nicht die hymnisch erhöhte oder virtuos verspielte Sprache. Claudius wurde stattdessen zum Entdecker und zum Liebhaber des Einfachen. Seine Texte bevorzugen die kleine Form, das Gedicht, den knappen Dialog, den Brief, die Parabel. Und seine Sprache horcht auf den Gang volkstümlicher Redeweisen und auf den Klang der Volkslieder. Herder sammelte sie, und Claudius half ihm dazu und bat sich Proben aus Herders Beständen aus.

Selten lässt er sich direkt auf Mundartliches ein, das in der Familie natürlich gesprochen wurde, aber er versucht in seinen Texten den niederdeutschen Ton wenigstens anklingen zu lassen. In einem Brief an Herder bekennt er auch, was ihn dazu bewogen hat: Die Schriftsprache ist ein infamer Trichter, darin Wein zu Wasser wird (Br. 193)6. – Mit dem Zug zum Einfachen, Volkstümlichen sucht Claudius im Grunde das Echte im Erleben und das Unmittelbare und Unverstellte im Ausdruck; sozusagen die Priorität des Herzens vor dem Verstand. Und eben dies: die Fähigkeit, dem Einfachen, alltäglich sich Ereignenden eine Würde zum begründeten Aufmerken zu verleihen, erhebt viele seiner Texte zur Dichtung7. Dass er auf diese Weise nicht in die ehrgeizig besetzten und argwöhnisch gehüteten oberen Ränge deutscher Dichtung einzurücken vermochte, hat ihn wenig bekümmert. Als ihm der ›Kaiser von Japan‹ bei seiner fiktiven Audienz nach Poeten in Europa fragt, antwortet er: Poeten genug; große und kleine, und ich bin einer von den kleinen (136).

Zweite Antwort: die Einbildungskraft oder Phantasie. Nach der klassischen Poesiekritik schien der Makel der Dichter darin zu bestehen, dass sie von Erfindungen leben. Homers Epen stellten keine Tatsachenberichte dar, wie sie von Historiographen erwartet wurden. Es waren fabulae, erfundene Geschichten. Die Personen, die Ereignisse, die Lokalitäten, sogar die Götter mit ihren Leidenschaften und Intrigen – alles erfundene Dinge. Entwurf und Erzählung von einer virtuellen Welt. Mit Realitätsbezügen durchsetzt, gewiss, aber ohne Anspruch, der Wirklichkeit gerecht zu werden. Die Phantasie erlaubt sich gewagte Sprünge. Sie kann faszinieren damit, aber nicht überzeugen.

Dieser Erfindungsvorwurf, der über alle Dichtung den Stab brechen sollte, verlor jedoch zur Zeit des Claudius an Gewicht. Man begann, zwischen Wirklichkeit und Wahrheit zu unterscheiden und entwickelte ein Sensorium dafür, dass es Wahrheiten geben könne, die nicht einfach im Horizont handgreiflicher Realitäten einzuordnen waren. Die Mythen verrieten jetzt mehr und anderes als angebliche Lügengeschichten. Sie lieferten grundmenschliche Erfahrungswahrheiten, in Bildern und Bildszenen verdichtet. Herder nahm diese, von Alttestamentlern vorgetragene neue Mythentheorie auf und förderte sie. Er erkannte das besondere Vermögen menschlicher Einbildungskraft, die in Bildern vermittelt, was sich eindeutiger Begrifflichkeit entzieht. Die Romantik sollte an diesem Faden kräftig weiterspinnen und Verständnis gewinnen für Wahrheiten, die in Geschichten, Poesien, überhaupt in den Künsten enthalten sind. Damit wurde die Phantasie zum salonfähigen Partner nicht nur im Milieu erfundener Welten, sondern auch im Streit um die Wirklichkeit selbst. Dichtung sollte nicht nur schön, sondern auch wahr sein in dem Sinne, dass sie einen Beitrag zu leisten versprach zur Entdeckung verborgener Seiten des Wirklichen und zur Vertiefung ihrer Wahrnehmbarkeit.

In der oben bereits erwähnten ›Audienz beim Kaiser von Japan‹ liefert Claudius eine wunderbare Antwort auf die Frage, was denn Poeten eigentlich seien: Helle reine Kieselsteine, an die der schöne Himmel, und die schöne Erde, und die heilige Religion anschlagen, dass Funken herausfliegen (136). Diese Auskunft ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Denn sie erklärt und definiert ja nicht. Sie bedient sich vielmehr der Poesie, um anzudeuten, was es mit der Poesie und dem Poeten auf sich habe. Claudius wählt die Metapher des reinen Kieselsteins, der Funken sprüht, wenn er richtig angeschlagen wird. Im Bild, nicht mit Begriffen und Argumenten, vermag er sich dem Wesen des Poetischen anzunähern. Da wird mehr nachempfunden als analysiert. Einbildungskraft bringt sich ins Spiel und gibt, wo es um anderes als wissenschaftliche Erkenntnisse geht, den Ton an. Und noch etwas: Claudius versteht den Poeten im Sinne eines Mediums. Der beschreibt nicht bloß, was ihm objektiv vor Augen tritt; er holt auch nicht nur ans Licht der Öffentlichkeit, was sich verborgen in seinem Innern bewegt; sondern er wird zum Resonanzkörper für die geheimen Mitteilungen, die der schöne Himmel und die schöne Erde und die heilige Religion bereitstellen. Ohne die mediale Existenz des Poeten blieben das Schöne und das Heilige unzugänglich und unerkannt. Das ist eine Hochschätzung der Dichter, wie sie in Klopstocks Werk und dann betont wieder im poetischen Selbstverständnis Hölderlins anzutreffen ist.

Das Spiel der Einbildungskraft hat bei Claudius aber nicht allein seinen Platz, wo er die hohe Kunst der Dichtung in den Blick fasst. Er hat ihr fortwährend nachgegeben, in jeder denkbaren Beziehung. Die ganze Audienz beim Kaiser von Japan verdankt sich diesem Spiel der Einbildungskraft, bis hin zu der Idee, den wunderlichen Gesprächsgang mit noch wunderlicherem Pseudo-Japanisch zu durchsetzen, für dessen Zusammenstellung er einige vergnügte Mühe aufgebracht haben dürfte. Rezensionen schreibt Claudius prinzipiell nicht so, wie man damals Rezensionen schrieb und heute noch schreibt, nämlich nüchtern, exakt, informativ. Kritisch kann er sich zwar ohne weiteres zeigen, aber er erzählt dann in Bildern und Gleichnissen, viel mehr offenbarend, wie ihm selber beim Lesen des Buchs, beim Anschauen eines Schauspiels zumute war, als den Inhalt und die Machart des besprochenen Stücks zu erörtern. Zu einem Kabinettstück auf diesem Gebiet geriet ihm die Besprechung von Lessings ›Minna von Barnhelm‹, die er in das Kostüm einer Korrespondenz zwischen einem etwas einfältigen, jedoch erkennbar vom Geist des ›Sturm und Drang‹ bewegten Fritz mit seinem Vater sowie einer sittlich entrüsteten Tante (Du bist in dem Hause mit dem Vorhange gewesen … Ihr heimlichen Sündenböcke, Ihr. Und Du schämst Dich nicht…, 752f) kleidet. Einbildungskraft tritt da gepaart mit der Gabe des Humors auf, eine Mischung, die Claudius ersichtlich lag und die er häufig einzusetzen wusste.

Dritte Antwort: Gefühl und Empfindsamkeit. Es ist bezeichnend, dass Claudius’ Begabung weit weniger in der Behandlung großer Themen lag, seien sie nun philosophischer, theologischer oder politischer Natur, als im Erfassen spontaner Eindrücke und deren pointierter Wiedergabe. Er bewegte sich gern im Haus der großen Gedanken und focht dort auch tapfer um Positionen, die er vertrat, allerdings nicht immer mit Fortune. Zu Hause war er jedoch auf dem Terrain des unmittelbaren Erlebens, bei Szenen ums Geborenwerden und Sterben, in Augenblicken des überraschenden Glücks und der schmerzlichen Klage, bei den Schicksalsschlägen und den Triumphen kleiner Leute. Dort fand er sein Herz berührt und konnte mit Liedern und Gedichten die Herzen anderer rühren.

Dichtung ohne Gefühlseinsatz ist schwer vorstellbar, doch mit problematischem Gefühlseinsatz wird häufig Dichtung intendiert, aber Kitsch produziert. Die Trennlinie zwischen beidem wurde auch in poetischen Zirkeln und Schreibstuben zur Claudius-Zeit nicht selten überschritten. Er selbst hatte es in seinen ›Tändeleyen‹ getan. Und im ›Göttinger Hain‹, deren Poetengesellschaft er nahestand, ohne ihr anzugehören, pflegte man eine Lyrik mit beträchtlicher Gefühlsinnigkeit, vor allem die Liebe zum Vaterland betreffend, die sich mit Impulsen des ›Sturm und Drang‹ verband und eine neue Ich-Erfahrung mittels tief greifender Stimmungen und außerordentlicher Gefühlslagen feierte. »Das Fühlen will sich fühlen«, bemerkt Gerhard Kaiser8, das Grundanliegen der ›Empfindsamkeits‹-Dichter auf eine Formel bringend, und man kann sich leicht ausmalen, was bei einer Hypertrophie der Empfindungen an schwer Verdaulichem zustande gebracht werden konnte.

Claudius war nicht frei von solchen Neigungen, und das zeigt sich besonders deutlich, wo er, dem Programm der Empfindsamkeit entsprechend, in seinen jüngeren Jahren eine seltsam anmutende Vorliebe für Friedhöfe, Gräber und aufgebahrte Leichen an den Tag legt. Das sind für ihn zweifellos Orte und Gelegenheiten, die intensive Gefühle hervorrufen, aber es führt auch zu Äußerungen hart am Rande der Geschmacklosigkeit. Im Übrigen wurde ihm bald die Empfindsamkeitskultur viel zu manieriert, als dass er sich lange auf sie hätte einlassen mögen. Spätestens 1782, im vierten Teil seiner ›Sämtlichen Werke‹, ist sein Urteil in dieser Beziehung geklärt, sowohl was die Abwehr gestelzter Empfindsamkeit als auch was die Berechtigung echter Gefühle in der Dichtung anbelangt: es wird in diesen Jahren mit Empfindungen und Rührungen ein Unfug getrieben, dass sich ein ehrlicher Kerl fast schämen muss gerührt zu sein … Wahre Empfindungen sind eine Gabe Gottes und ein großer Reichtum, Geld und Ehre sind nichts gegen sie; und darum kann’s einem leid tun, wenn die Leute sich und andern was weismachen, dem Spinngewebe der Empfindelei nachlaufen und dadurch aller wahren Empfindung den Hals zuschnüren und Tür und Tor verriegeln (223f).

Vierte Antwort: die Mission. Zum Dichterberuf gehört das Bewusstsein, einer Sendung verpflichtet zu sein. Das muss nicht ans Selbstverständnis eines Klopstock heranreichen, der sich als prophetischer Mittler göttlicher Wahrheiten verstand, und auch nicht Hölderlins Überzeugung gewinnen, an Offenbarungen des Ewigen teilzuhaben. In einem geistigen Klima, wo Poesie und Religion noch verschwistert waren, konnte sich eine derartige Auffassung vom Dichterberuf noch anspruchsvoll präsentieren. Aber auch da, wo diese Verbindung bereits in Auflösung begriffen war, verschwand die Vorstellung von der Sendung des Dichters keineswegs. Nur der angenommene Ursprung und das angestrebte Ziel seiner Mission verwandelten sich. Jetzt wurden die Dichter zu Missionaren der Freiheit wie bei Schiller, oder zu Sendboten der Toleranz wie bei Lessing, und alles in allem zu Aposteln eines neuen Geistesaufbruchs gegen die Dürre des Verstandes und die Trägheit der Herzen.

Claudius hat sich programmatisch und konsequent den Titel eines ›Boten‹ beigelegt. Das geschah äußerlich zunächst im Zusammenhang seiner Redaktionstätigkeit beim ›Wandsbecker Bothen‹. Die erste Ausgabe der neuen Zeitung eröffnete er zum 1. Januar 1771 mit einem Gedicht, in welchem er sich dem Publikum vorstellte:

Ich bin ein Bote und nichts mehr,

Was man mir gibt das bring’ ich her … (779).

Damit knüpft er nicht etwa ans Motiv des Götterboten an, sondern an die Aufgabe des einfachen Briefboten und Kuriers, der daheim vorbeibringt, was an Neuigkeiten der Erwähnung wert ist. Der Zeitungsschreiber sollte sammeln, was ihm über irgendwelche Agenturen auf den Tisch kam, und es aufbereiten für die Leserschaft. Das war sein Ausgangspunkt und die geforderte Tätigkeit, für die er – sparsam – bezahlt wurde. Aber dabei blieb es nicht. Claudius warf seine Energie nicht auf den größeren politischen Teil der Zeitung, sondern auf den kleineren des Feuilletons. Und er experimentierte mit den Möglichkeiten, die sich hier anboten. Er bat namhafte Autoren wie Herder und Dichter, unter ihnen sogar Goethe, um Zulieferung eigener Texte, und er setzte sich selbst daran, der letzten Seite im ›Wandsbecker Bothen‹ sein eigenes Profil zu verleihen. Er wollte die geistreiche Unterhaltung und ein Stück aktueller Volksbildung.

Insofern wurde der ›Bote‹, seiner eigenen Intention nach, weit mehr als ein Lieferant von Nachrichten. Er wurde zum Herold wesentlicher Wahrheiten, sei es in der Form geistiger Orientierungsversuche in einer offenkundigen Umbruchszeit, sei es in der Gestalt poetischer Beiträge zu dem, was man damals eine ›Herzensbildung‹ nannte. Der Bote aus Wandsbeck konnte wieder und wieder das Gewand wechseln, in dem er auftrat, nicht aber die Ursprünge, aus denen er schöpfte, und die Richtung, in die er sich gesandt fühlte. Ein Poet ist er unter diesen Bedingungen sicherlich geworden, wenn auch, seiner bescheidenen Selbsteinschätzung zufolge, nur ein kleiner und in jedem Fall, ohne dieses bis zu Spitzweg hin romantisch verklärte Modell jemals angestrebt zu haben, auch ein wirklich »armer Poet«, der um seinen Lebensunterhalt besorgt sein musste.

1 Zitate aus den ›Sämtlichen Werken‹ werden im Text mit Seitenzahlen angegeben.

2 Hans Jürgen Schultz: Claudius – quelle adresse! In: Nicht umsonst auf die Welt gesetzt, Herrenalber Protokolle 81, 1990, S. 9.

3 Vgl. unten S. 158.

4 Claudius hat den Ortsnamen stets mit »ck« geschrieben. Wir behalten durchgängig diese Schreibweise bei, auch wenn sich der Name »Wandsbek« mit einfachem k durchgesetzt hat.

5 Friedrich Hölderlin: Andenken, in: Sämtliche Werke und Briefe Bd. I, München 1992, S. 475.

6 Claudius: Botengänge. Briefe an Freunde, Berlin 2. Aufl. 1965 werden im Text zitiert mit »Br.« und Seitenzahl; die Familienbriefe mit »Fambr.« und Seitenzahl.

7 J. Chr. Hampe erklärt: »Seine Welt ist die Nachbarschaft und die Nachbarschaft seine Welt«, Johann Christoph Hampe: Bekenntnis zu Matthias Claudius, München 1979, S. 14.

8 Gerhard Kaiser: Aufklärung. Empfindsamkeit. Sturm und Drang, 6. Aufl. Tübingen 2007, S. 35.

Kindheit, Schule, Studium

Reinfeld, der Geburtsort des Dichters, liegt westlich von Lübeck am südlichen Rand der Holsteinischen Schweiz. Alte Beschaulichkeit zwischen Parks und Seen blieb nur in Restbeständen, ein ausgedehntes Gewerbegebiet ist heute der Ortsmitte mit der weiß getünchten Kirche vorgelagert, die Claudius’ Namen trägt. Im Übrigen wirbt man für die Kleinstadt mehr mit Karpfen (»Karpfenstadt«) als mit Claudius. Doch auch dies hat seine Geschichte. Unterhalb der Siedlung, wo sich in einem ausgedehnten, mit alten Bäumen bestandenen Gartengrundstück das evangelische Pastorat versteckt, hatten einst Zisterziensermönche neben ihrem Kloster einen Fischteich angelegt, mit den Ausmaßen eines respektablen Sees. Dieser ›Herrenteich‹ existiert noch, sein südlicher Teil trennt das Pastorat von Kirche und Ortszentrum und verschafft ihm eine Abgeschiedenheit, die an Claudius’ Kinderzeit erinnern mag.


Die älteste Ansicht von Reinfeld (um 1840)

Damals war das Pastorat, in dem sein Vater amtierte, dem größeren Schloss benachbart, das Anfang des 17. Jahrhunderts auf dem ehemaligen Klostergrund und mit dessen Baumaterial erstellt worden war. Im Besitz der dänischen Krone wurde das Schloss, das nicht mehr erhalten ist, infolge von Erbteilungen dem Herzogtum Plön zugeschlagen und zu Claudius’ Jugendzeit von der Herzoginwitwe Dorothea Christine bewohnt. Sie muss eine warmherzige, mütterliche Person gewesen sein, die einen regen Austausch mit der benachbarten Pfarrfamilie pflegte, an manchen Stellen Hilfe leistete und auch Patenschaften zwischen Schloss und Pfarrhaus stiftete. Die Kinder werden am See und im weitläufigen Pfarrgarten ebenso gespielt haben wie in den Anlagen des Schlosses. Und es ist anzunehmen, dass mit diesen Kindheitserfahrungen sich bei Claudius eine nahezu selbstverständliche Vorliebe für die Fürstenherrschaft herausbilden konnte, die er sein Leben lang beibehalten hat. Auch als es später, im Zuge der Französischen Revolution und ihrer Folgen, bei leidenschaftlichen Debatten um die angemessene und gerechte Staatsform ging, hat Claudius immer mit erstaunlicher Beharrlichkeit auf die Karte der integeren fürstlichen Persönlichkeit gesetzt. Er war keineswegs so naiv zu meinen, sie sei überall und in jedem Fall gewährleistet. Aber er hat seine Überzeugung bewahrt, dass Missstände durch mutige Appelle an Ehre und Gewissen der Fürsten beseitigt und gerechte Herrschaftsverhältnisse durch diese selbst wiederhergestellt werden könnten. Man gewinnt bei solchen, in seinen vorgerückten Jahren auch recht pathetisch vorgetragenen Stellungnahmen den Eindruck, es scheine bei allen Schilderungen der edlen, sogar liebevollen Fürstenpersönlichkeit das Kindheitsvorbild der Herzoginwitwe aus dem Reinfelder Schloss hindurch.

Im Milieu von Pastorat und Schloss und umgeben vom parkähnlichen Garten und ruhigem See ist Claudius also aufgewachsen. Das Pfarrhaus, in das sein Vater 1729 eingezogen und in dem er selbst 1740 geboren worden war, ist allerdings nicht mehr erhalten. Der nachfolgende Pastor hatte an derselben Stelle 1782 einen Neubau ins Werk gesetzt, weil ihm die »verfallene, düsterne Hütte« als unzumutbar erschienen war.

Der Vater Claudius, ebenfalls Matthias mit Vornamen, stand bereits in einer Generationenfolge von Pastoren und ging wie selbstverständlich davon aus, dass auch seine Söhne Josias und Matthias das geistliche Amt weiterführen würden. Bis ins 16. Jahrhundert hinein ist die Linie der Claudius-Pastoren in Schleswig-Holstein zu verfolgen. Vom ersten in dieser Ahnenreihe lutherischer Prediger wurde der Name Claudius angenommen. Claus Paulsen (1571–1639) wertete nach akademischem Brauch seinen Namen latinisierend auf, so dass ein Claudius Pauli daraus wurde. Bereits seine Söhne entschieden sich für den Familiennamen Claudius, der nachher fortbestehen sollte.

»Anno 1740 ist mein Sohn Matthias d. 15 august des abends um halb Elff Uhr gebohren«, hielt Vater Claudius in seiner Familienbibel fest.9 Er war nach dem Tod seiner Ehefrau Lucia Magdalena Hoe, die zwei Söhne geboren und 1737 früh verstorben war, in zweiter Ehe seit 1738 mit Maria Lorck verheiratet, einer Ratsherrentochter aus Flensburg. Neben den allgemeinen Pfarramtsgeschäften beteiligte er sich an der Unterrichtung seiner Kinder. Nach Matthias wurden im Reinfelder Pastorat noch sechs weitere Kinder geboren, von denen drei 1751 in kurzer Folge nacheinander an einer Epidemie starben, für Matthias Claudius die erste schmerzlich verstörende Begegnung mit dem Tod, die sein Leben lang nachwirkte und einen erheblichen Einfluss auf seine Gesamthaltung dem Sterben und dem Tod gegenüber gewinnen sollte.

Nach Abschluss des Elementarunterrichts in Reinfeld, der insbesondere biblische Grundkenntnisse vermittelt hatte, besuchte Matthias die Lateinschule in Plön, gemeinsam mit dem älteren Bruder Josias. Die ›Öffentliche Evangelisch-Luthersche Lateinische, auch Schreib- und Rechenschule‹ in Plön, der Residenzstadt auf einer Landenge zwischen zwei Seen, verdankte sich einer Stiftung, die erst seit ein paar Jahrzehnten bestand und über kein eigenes zentrales Schulgebäude verfügte. Der Unterricht sowie die Unterkunft für auswärtige Schüler erfolgte in mehreren Häusern des Orts, in denen die Brüder Claudius vier Jahre lang verkehrten. Ihr Schulrektor Alberti muss ein Pädagoge von eigenwilligem Zuschnitt gewesen sein, streng in den Anforderungen an die Schüler, dagegen nachlässig in der Wahrung seiner amtlichen Formen. Es kam vor, dass er seine Unterrichtsstunden mit der Schlafmütze auf dem Kopf und mit Pantinen an den Füßen abhielt, und Claudius hat später diesem Kauz mit seiner Figur des ›Rektor Ahrens‹ ein parodistisches Andenken bewahrt, z.B. 1774 im ›Wandsbecker Bothen‹ mit einer skurrilen Korrespondenz. Da ersucht Ahrens den Boten mit gestelzten Wendungen und mit zahlreich eingestreuten lateinischen Brocken um die Lieferung eines Kurzgedichts aus delikatem Anlass: Ein vornehmer Herr mit schöner Gemahlin werde nämlich von einem zweiten vornehmen Herrn um eben dieser schönen Frau willen häufig besucht und möchte, ebenso dezent wie deutlich, dem unerwünschten Nebenbuhler einen Denkzettel verpassen. Und nun habe er, Rektor Ahrens, sich an den Schüler Claudius erinnert und an seine Gaben »im Poetisieren« und bitte ihn um ein paar Verse zur besagten Situation. Nur »fein« müsse es ausfallen, denn die vornehmen Herren könnten »die Wahrheit nicht geradezu leiden«. Unter N.S. fügt er hinzu, der Name des betreffenden Herrn fange mit A. an. Claudius zeigt sich behilflich und liefert dem Rektor unter dem Titel ›Asmodi‹ (Synonym für Teufel) den Vierzeiler:

Asmodius der Bösewicht

Sät Eifersucht und Zweifel.

Ach! Herr Asmodi, tu Er’s nicht,

Und scher Er sich zum T- (873).

Zu Ostern 1759 fängt ein neuer Lebensabschnitt an. Das Pflichtprogramm der Lateinschule ist erledigt, jetzt locken die Weite und die Freiheit des Universitätslebens im entfernten Jena. Matthias bricht dorthin auf, wieder zusammen mit dem Bruder Josias und beide beginnen ein Theologiestudium, um nachher als Pfarrer tätig werden zu können. So bestimmte es seit Generationen die Ordnung in der Claudius-Familie, und es fehlte jedes Anzeichen, dass die beiden Söhne davon abweichen könnten. Doch es kam anders.

Josias starb, bevor er sein Studium beenden konnte. Und Matthias brach seine theologische Ausbildung plötzlich ab. Ausschlaggebend dafür waren gewiss keine schwer wiegenden Irritationen im Glauben. Sie sind ihm zeit seines Lebens erspart geblieben. Eher schon dürfte ihm der Lehrbetrieb an der theologischen Fakultät missfallen haben. Und vermutlich hat auch der tiefe Respekt vor dem geistlichen Amt dazu beigetragen, dass Claudius sich dieser Aufgabe umso weniger stellen mochte, je näher und bedrängender sie ihm auf den Leib rückte.

Indiz dafür sind briefliche Mitteilungen an seinen eigenen Sohn Johannes, als der sich anschickte, aus dem erlernten Beruf eines Kaufmanns auszusteigen und mit dem Theologiestudium zu beginnen. Bei diesen väterlichen Mahnungen, am 12. September 1799 formuliert, handelt es sich natürlich um späte Äußerungen des Dichters, die nicht ohne weiteres in die Geisteshaltung seiner eigenen Studienzeit zurückprojiziert werden können. Und doch verraten sie Grundeinstellungen, von denen angenommen werden darf, dass sie auch schon für den jungen Claudius gültig waren.

Zunächst verwundert schon, dass Claudius den Entschluss seines Sohnes zum Pfarrberuf keineswegs mit freudiger Zustimmung zur Kenntnis nimmt. Seine Reaktion strotzt vielmehr vor Bedenken und Einwänden. In sieben Punkten listet er sie auf. Und am Schluss, wenn alle praktischen Vorbehalte, die er zusammengetragen hat, nicht fruchten sollten und der gelernte Kaufmann nach Ansicht des Vaters etwas Besseres und Edleres begehrt und insbesondere einen ernstlichen Trieb hätte, als Theologe Gutes in der Welt zu schaffen, dann wolle er sich mit dessen Berufswahl abfinden; allerdings nicht, ohne ihm eine nochmalige Selbstprüfung dringend ans Herz zu legen: Nun prüfe, überlege und bitte Gott, dass er Dich das Beste wählen lässt. Auf alle Fälle aber musst Du Deines Ernstes sicher sein (Fambr. 44). Ein derartiges Maß an beschwörender Warnung vor einer womöglich leichtfertigen Entscheidung zum Pfarramt wird nur auf dem Hintergrund seines eigenen Weges während der Studienzeit in Jena verständlich. Es ist ja nicht die Sorge um die intellektuellen Fähigkeiten des Sohnes, die Claudius umtreibt. Erst recht sind keine Einwände gegen Kirche und Christentum im Spiel, die ihm völlig fern gelegen haben. Bleibt eigentlich nur der hohe Anspruch an das Pfarramt selbst und ein daraus resultierender übersteigerter Respekt, der den Vater beim erklärten Berufswunsch seines Sohnes wieder einholt, wie er vor Jahrzehnten schon seinen eigenen Eintritt ins Pfarramt verhindert haben mochte. Die Selbstverständlichkeit, mit der in der Claudius-Familie das pastorale Amt vererbt wurde, war durch ihn und für ihn gebrochen. An ihre Stelle war die Frage nach dem persönlichen Ernst getreten. Die Latte wurde also hoch gelegt, und es bedurfte eingehender Prüfungen, um herauszufinden, ob sie wirklich zu überspringen oder ob es ratsam wäre, sie in einem Bogen zu umgehen. Für Claudius selbst endete der Klärungsprozess mit dem Verzicht aufs Pfarramt und mit dem Abbruch des Theologiestudiums; beides nicht aus mangelnder Loyalität gegenüber der Aufgabe, die die Familientradition prägte, sondern mehr aus Sorge, ihr persönlich nicht in der gebotenen Weise entsprechen zu können.

Die Jahre in Jena wurden Jahre der Orientierung, ohne klare, zukunftsfähige Ziele zu erreichen. Der Spagat zwischen den beiden theologischen Grundrichtungen, die an der Fakultät miteinander im Streit lagen, dem orthodoxen Luthertum und dem theologischen Rationalismus, konnte auf die Dauer kaum durchgehalten werden, und die Entscheidung für eine dieser Richtungen mochte Claudius offenbar auch nicht treffen. Ersichtlich wohler fühlte er sich bald in einem akademischen Nebenprogramm, das auf einen studentischen Tummelplatz für Literatur und Poesie einlud. Er beteiligte sich an der ›Teutschen Gesellschaft‹ in Jena, kam dabei erstmals mit jungen Literaten in Berührung und konnte sich in eigenen poetischen Stücken versuchen. Dies scheint ihm Appetit gemacht und für die Folgezeit eine wichtige, ihm selbst vorläufig noch verborgene Spur gelegt zu haben.

In der ›Teutschen Gesellschaft‹ ging es um Sprachpflege und Literaturkritik. Man traf sich an Samstagen, befasste sich mit zeitgenössischer Dichtung, mit Gleim und Klopstock, der gerade dabei war, den ersten Band seines ›Messias‹ herauszugeben. Man las und besprach Gedichte, namentlich solche aus eigener Feder, betrieb deutsche Grammatik, begab sich aufs Feld der Rhetorik und der Semantik und schwärmte für poetische Bilder und Szenen, die aus dem Staub der akademischen Gelehrsamkeit herausführten in entfernte arkadische Landschaften und zu Liebesidyllen unter blühenden Bäumen und südlicher Sonne. Die betreffende poetische Richtung heißt ›Anakreontik‹, benannt nach dem altgriechischen Lyriker Anakreon aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., der ein Meister des poetischen Spiels um Liebe, Wein, Hirtenromantik und heitere Festlichkeit und zur Zeit als literarisches Vorbild wieder stark in Mode gekommen war. Gleim lag völlig auf dieser Linie, ebenso Hagedorn, den man in der ›Teutschen Gesellschaft‹ schätzte, und einer der Studierenden brachte es sogar selber zu einer frühen Publikation von anakreontischen Versen: Heinrich Wilhelm von Gerstenberg. Der war 1759 gerade noch in der ›Teutschen Gesellschaft‹ vertreten, als Claudius nach Jena kam, und veröffentlichte seine ›Tändeleyen‹ im selben Jahr.

Claudius hat diesen Jurastudenten mit poetischer Begabung in Jena nur noch flüchtig, seine literarischen Produkte dagegen intensiv kennen gelernt und bewundert, und der erste Brief, der von ihm erhalten ist, richtet sich mit Datum vom 18. Oktober 1761 an Gerstenberg. Darin bittet Claudius ihn um neue Gedichte, da es eine große Wollust sei, solche Tändeleien zu lesen (Br. 13), und er versichert ihn mit der größesten Hochachtung und Zärtlichkeit seiner Freundschaft.

Ein Jahr darauf, im Oktober 1762, kann er seinem verehrten Vorbild von Reinfeld her die briefliche Mitteilung machen: Ich habe auch Tandeleien gemacht, Tandeleien, denn ich wusste nicht, wie ich sie anders nennen sollte (Br. 16). Und in der Tat hat er sie nicht bloß gemacht, sondern auch veröffentlicht. Eine Sammlung mehr oder weniger frivoler Liebeslieder, die sich anakreontischer Vorlagen bediente und Gerstenbergs Gedichte in einem Maß nachahmte, dass der Plagiatsverdacht nicht nur in der Luft lag, sondern in Rezensionen auch deutlich angesprochen wurde. Gerstenberg hat seinem munteren Gefolgsmann, der sich in unschuldiger Offenheit selbst als solcher ausgegeben hatte, großmütig verziehen, und die beiden haben eine gute und lange Freundschaft zueinander entwickelt.

Das tragische Erlebnis in der Jenaer Studienzeit war für Claudius der Tod seines Bruders Josias. Nach einer Pockenerkrankung, die Matthias ebenfalls kurz zuvor befallen hatte, starb der Bruder am 19. November 1760. Die Trauer saß tief, aber zur Trauer blieb eigentlich keine Zeit. Der überlebende Bruder hatte für die Umstände der Bestattung Sorge zu tragen, namentlich im Hinblick auf das akademische Zeremoniell. Da waren die hohen Herren der Universität versammelt, der Rector magnificus persönlich, dazu die Professoren der Fakultät und die Studenten. Vom Bruder des Verstorbenen wurde eine Rede erwartet, keine persönliche, die der Trauer hätte Raum geben können; sondern eine gelehrte Abhandlung über Sterben und Tod. Man muss sich das vorstellen: ein junger Mensch, kaum der Kindheit entwachsen, fern von daheim, allein gelassen mit der unsäglichen Aufgabe, am Sarg des eigenen Bruders Gescheites für die kritischen Ohren der akademischen Lehrer zu sagen! Wo er hätte heulen und sich in seinem Schmerz verkriechen oder einfach davonlaufen mögen, musste er rhetorische und moraltheologische und metaphysische Klimmzüge vollführen und nach Erklärungen suchen für das Unerklärliche. Nachher sollte das Ganze auch noch gedruckt werden. Es wurde seine erste Publikation, und schon der formalistische Titel vermittelt einen Eindruck von der grotesken Situation, in die Claudius da hineingeraten war, und von der gelehrsamen Farce, zu der er genötigt wurde. Der Titel lautete: ›Ob und wie weit Gott den Tod der Menschen bestimme, bey der Gruft seines geliebtesten Bruders Herrn Josias Claudius der Gottesgelahrtheit rühmlichst Beflissenen welcher zu Jena den 19ten des Wintermonats 1760 seelig verschied von M. Claudius, der teutschen Gesellschaft zu Jena ordentlichen Mitgliede‹.

Wie anders klingen da die Zeilen, die der junge Claudius als unmittelbaren Ausdruck seiner Trauer schrieb:

Ich mag heut nicht im Dichterschmuck erscheinen,

Mein Lied sei traurig, wie mein Herz!

O lieber Leser, höre meinen Schmerz

Und habe Lust, mit mir zu weinen … (725).

Mit seinem Bruder Josias nahm Claudius in Jena auch von der Theologie Abschied. Eine innere Nähe zum Poetischen ist ihm aufgegangen, aber zu einer beruflichen Orientierung hat das noch nicht gereicht. Also suchte er weiter. In Jena zunächst unter dem wissenschaftlichen Angebot verschiedener Fakultäten. Er hörte dies und studierte das, einigermaßen zufällig, wie es scheint. Etwas Staatsrecht und ein bisschen Philosophie, auch Geschichte, Völkerrecht, Kameralistik. Nirgendwo ging er bleibend vor Anker und nichts brachte er zu Ende. 1762 packte er seine Sachen zusammen und kehrte ohne Examen dorthin zurück, wo er zu Hause war, seiner Herkunft und seinen innigsten Gefühlen nach. Die akademische Laufbahn war Stückwerk, und seine Orientierungsversuche waren nicht gerade befriedigend verlaufen10. Daheim in Reinfeld, unter dem guten und geduldigen elterlichen Dach, blieb Zeit, sich umzusehen, wohin der weitere Weg führen sollte.

9 Claudius, Matthias 1740–1815. Ausstellungskatalog zum 250. Geburtstag, Heide i. H. 1990, S. 51.

10 Gleichwohl verwendet A. Kranefuss sich dafür, Claudius nicht als ›Studienabbrecher‹ zu bezeichnen: »Für die Mehrzahl der Studierenden war ein Universitätsbesuch ohne Graduierung die Regel«, Kranefuss, Annelen: Matthias Claudius, Hamburg 2011, S. 32.

Begegnungen in Kopenhagen

Zwei Jahre lang, von 1762 bis 1764, gab es für Claudius viel Mußezeit und wenig Perspektiven. Seine ›Tändeleyen und Erzählungen‹ wurden veröffentlicht, jene frühen, in Jena und im Kontext der ›Teutschen Gesellschaft‹ entstandenen Poesieversuche, die eine miserable Presse fanden und von denen bereits die Rede war. Auch das schien also nichts zu sein, woran sich größere Hoffnungen knüpfen ließen. Ein ausführlicher Brief von ihm ist erhalten aus dieser Zeit, gerichtet an Gerstenberg, dem er bald am dänischen Hof wieder begegnen sollte. In diesem Brief vom 2. Oktober 1763 offenbart sich die ganze prekäre Lage des jungen Claudius. Eine melancholische Saite seines Wesens klingt an, die in späteren Jahren leiser werden, aber nie völlig verstummen sollte. Sein dickes hypochondrisches Blut nennt er das jetzt (Br. 20). Es belastet ihn und wirkt lähmend. Poetisch habe er nichts mehr zustande gebracht, stattdessen fühle er sich zu Stätten des Todes hingezogen. Da ist von Grab und Totengräbern, von Bahren und Beinhäusern die Rede, die nun seine Ziele bildeten. Eine bloße Marotte ist das gewiss nicht, eher ein Zeichen seiner psychischen Gefährdung. Claudius tritt nicht nur auf der Stelle, er droht vor einem Abgrund zu stehen. Folgerichtig verknüpft er in seinem Brief den gewährten Einblick in seine seelische Verfassung mit einem Hilferuf: Stirbt in Kopenhagen nicht ein Sekretär oder braucht nicht ein junger Herr einen Hofmeister, mit ihm auf die Universität zu gehen? Sogar Norwegen schließt er nicht aus mit den Bergwerken dort, wenn sich bloß eine Anstellung für ihn abzeichnen würde.

Ein Jahr darauf, 1764, scheint sich das Blatt zu wenden. Claudius kann sich von seinen Eltern und dem Asyl im Reinfelder Pastorat verabschieden und im Frühjahr den Weg nach Kopenhagen antreten. Sein Onkel Josias Lorck, Pfarrer an der deutschen Kirche in Christianshaven, hatte ihm einen Sekretärsposten beim Grafen Holstein in der dänischen Hauptstadt vermittelt. Die Aufgabe in der Heeresverwaltung dürfte den jungen Claudius nicht besonders gereizt haben, aber die Stadt war verlockend. Eine Residenz mit kulturellem Flair, jung, aufstrebend, dazu überschaubar und gemütlich im Vergleich zu den großen Hauptstädten im übrigen Europa. Kopenhagen besaß damals mehr vom geistigen Charme des klassischen Weimar als von den Turbulenzen einer Metropole.

König Friedrich V. hatte schon 1751 Klopstock an seinen Hof berufen, der seit Jahren mit dem Literaturprojekt des ›Messias‹ befasst war. Er hatte es auf zwanzig Gesänge angelegt und brachte es in mehreren Lieferungen heraus. Ein ehrgeiziges und in seiner sprachlichen wie thematischen Gestaltung ganz neuartiges Werk, das nicht überall mit Beifall aufgenommen wurde. Klopstock schwebte die Schaffung eines nationalen Heldengedichts vor, und dazu wählte er, kurios im Grunde, einen biblischen Stoff, den er in homerische Hexameter goss. Die Hoffnung, zur Fertigstellung dieses Projekts von nationaler Bedeutung an einem Fürstenhof finanziell unterhalten zu werden, zerschlug sich zunächst. Dann aber verschaffte ihm Graf Bernstorff eine Pension in Kopenhagen, die ihn zu nichts verpflichtete und lediglich mit der Erwartung verbunden war, er möge sein begonnenes Versepos vollenden.

Graf Bernstorff, Staatsminister in dänischen Diensten, der aus dem Harz stammte, war nicht nur ein politischer Kopf, sondern auch ein kultureller. Er zog eine Reihe von namhaften Gelehrten, Künstlern und Schriftstellern nach Kopenhagen, die untereinander befreundet waren oder wurden. Claudius sah sich bald einbezogen, durch Gerstenbergs Fürsprache wahrscheinlich, und lernte Klopstock kennen, der als geistiger Mittelpunkt der ganzen Kolonie allseits verehrt wurde. Auch gesellschaftlichen Vergnügungen wie dem ›Schrittschuhlaufen‹ (sic!) im Winter war der Meister durchaus zugetan. Und nun was das Schrittschuhlaufen anlangt, schreibt Claudius im Februar 1767, längst wieder zurück in Reinfeld, an den Freund Schönborn in Kopenhagen, so ist es mir lieb, dass der Großmeister (Klopstock) und seine Gesellen gesund sind und Eis haben (Br. 33).


Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803)

Der Kontakt zu Klopstock ist über Jahrzehnte nie abgerissen, der berühmte Dichter kam zu Besuch nach Wandsbeck, übernahm Patenehren, und Claudius sollte noch 1803 an seiner feierlichen Beerdigung teilnehmen, von der er seiner Tochter Anna berichtet: Klopstock ist endlich gestorben und den 22. März mit viel Gepränge und viel Teilnahme in Offensen bei seiner ersten Frau begraben worden. 75 Kutschen mit Ministern, Ratsherren und aller Art Leuten aus Hamburg und 50 mit dito aus Altona folgten dem Leichenwagen. Alle Wachen, wo wir vorbeikamen, traten ins Gewehr, auch war Infanterie und Kavallerie bei dem Zuge (Fambr. 65).

Zum Herbst 1764 kam Gottlob Friedrich Ernst Schönborn nach Kopenhagen, den Claudius in Reinfeld kennen gelernt hatte, als er unschlüssig und antriebsschwach im väterlichen Pfarrhaus saß. Schönborn war Hauslehrer in der Nachbarschaft gewesen und hatte, als geistig umtriebiger Mensch, zum jüngeren Claudius eine aufrichtige Zuneigung gefasst. Er hielt zu ihm und erweiterte dessen Horizont, machte ihn mit Shakespeares Dramen und mit Klopstocks Versen bekannt und lieferte philosophische und künstlerische Anregungen. Auf dem Gut des Grafen Bernstorff, wo sich die deutsche Intelligenz von Kopenhagen traf, war Schönborn zweifellos in seinem Element.

Claudius war ebenfalls dabei und nahm sich zurück. Aber er profitierte von den Begegnungen, die er in Kopenhagen machen konnte, und sammelte seine Eindrücke. Noch weit davon entfernt zu ahnen, dass die geistige Atmosphäre, in die er nun eingetreten war, für ihn selbst einmal lebensbestimmend werden sollte, genoss er die Kontakte, die sich ergaben, und den Austausch von Ideen, dem er beiwohnen durfte. Doch diese Zeit der Hospitation im höfischen Kulturmilieu war begrenzt. Die Sekretärsstelle beim Grafen Holstein, die seine Gegenwart in Kopenhagen rechtfertigte, lief aus. Zugesagt hatte sie ihm ohnehin nicht, auch weil der Graf ihn mit einiger Herablassung zu behandeln pflegte. Plötzlich, nach anderthalb Jahren, nimmt Claudius seinen Abschied, verlässt die dänische Residenzstadt und klopft erneut an die Tür des Pfarrhauses in Reinfeld.

Klage und Hoffnung: ›An – als ihm die – starb‹

Der Säemann säet den Samen,

Die Erde empfängt ihn, und über ein kleines

Keimet die Blume herauf–

Du liebtest sie. Was auch dies Leben

Sonst für Gewinn hat, war klein Dir geachtet,

Und sie entschlummerte Dir!

Was weinest du neben dem Grabe

Und hebst die Hände zur Wolke des Todes

Und der Verwesung empor?

Wie Gras auf dem Felde sind Menschen

Dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage

Gehn wir verkleidet einher!

Der Adler besuchet die Erde,

Doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub, und Kehret zur Sonne zurück!

Das Gedicht hebt an wie ein biblisches Gleichnis und wie ein Gesang aus der Feder Klopstocks zugleich. Mit beidem zeigt es sich verbunden und konnte darum 1777 bei der ersten Veröffentlichung im ›Almanach der deutschen Musen‹ auch irrtümlich Klopstock selbst zugeschrieben werden.

So wenig dem Lied die religiöse Komponente fehlt, so wenig wird sie doch hervorgehoben. Sie erscheint mehr in Anspielungen, in den Bildern und im Sprachgebrauch. Schon der Eingangsvers – Der Säemann säet den Samen – erinnert an Luthers Übersetzung des Sämannsgleichnisses aus Matthäus 13. Die Formulierung über ein kleines zitiert Johannes 14,19, und mit den Menschen, die wie Gras auf dem Felde erscheinen, wird in den gedanklichen und atmosphärischen Kontext der Psalmen 90 und 103,15f versetzt. Wenn am Schluss des Gedichts ein ausdrücklicher Hinweis auf christliche, den Tod und mögliche Todesüberwindung betreffende Inhalte vermieden wird, heißt dies also nicht, dass von einer biblisch begründeten Gesamtorientierung nichts zu spüren wäre. Sie bildet den zitatweise angedeuteten Horizont, in dem sich das Ganze bewegt.

Und innerhalb dieses Horizontes entsteht nun der Raum, der eine nüchterne, geradezu illusionslose Meditation menschlicher Todverfallenheit erlaubt. Das fängt an mit dem Bindestrich am Ende der ersten Strophe. Der Bindestrich markiert in der Poesie gern eine Zäsur im rhythmischen Ablauf. Hier markiert er die unvermeidliche Zäsur im Ablauf des Lebens. Mit dem Bindestrich bricht der Vers und mit dem Vers das darin bezeichnete Leben ab. Same, Wachstum, Blüte – und dann der Schnitt, ohne dass der Dichter diesem radikalen Schnitt einen sprachlichen Ausdruck geben müsste. Der plötzliche Abbruch in Gestalt des Gedankenstrichs wirkt wie die Sense des Schnitters, die mit rascher und roher Gewalt das blühende Leben der Blumen vernichtet.

Die vierte Strophe nimmt das Motiv vom zeitlich befristeten Blühen des Lebens wieder auf. Ganz im Sinne von Psalm 90 oder auch von Jesaja 40,6f wird die in Strophe 1 gewählte Metapher nun in Strophe 4 ausgeführt: wie Gras, wie Blumen, wie Blätter sind die Menschen! Nur wenige Tage sind ihnen beschieden – und darauf folgt nun eine Kennzeichnung, die dem Dichter kaum zufällig in die Feder geflossen ist: Wir gehen verkleidet einher. Nicht farbig und prächtig bekleidet, sondern ausdrücklich verkleidet. Verkleidung aber betrifft eine Äußerlichkeit, die mit dem inneren Wesen durchaus nicht übereinstimmt. Wo Verkleidung geschieht, bleibt gerade verborgen, was sich darunter befindet. Das hat einen platonischen Anklang, wonach die unsterbliche Seele von einem sterblichen Leib überkleidet erscheint, dürfte aber auch an die bei Paulus begegnende Metaphorik vom ›Entkleiden‹ und vom ›Überkleiden‹ erinnern. Sie findet sich in 1. Korinther 15 und in 2. Korinther 5 als plastische Illustration seiner Auferstehungshoffnung. Trotz aller Nüchternheit dem Todesschicksal gegenüber erkennt Paulus – im Christusgeschehen – eine Grundlage zu der Hoffnung, dass wir »nicht entkleidet, sondern überkleidet werden, auf dass das Sterbliche würde verschlungen von dem Leben« (2. Korinther 5,4).

In der letzten Strophe wird nicht dieses Bild fortgeführt, wohl aber betritt nun der Adler die Szene. Im Bildprogramm des Gedichts hatte er vorher keinen Platz. Aber der Adler kommt keineswegs zufällig ins Bild. Er ist ja nicht allein Symbol für Stärke und Lebenskraft Er ist ebenso – und darauf zielt der Schlussvers des Gedichts – ein Symbol für die Verbindung von Erde und Himmel, von Zeitlichem und Ewigem. Er besuchet die Erde, ohne ihr verhaftet zu sein. Seine Heimat ist die Sonne, das ewige Licht des Lebens, und deshalb ist sein Weg immer von der Rückkehr bestimmt zu einem Raum jenseits aller irdischen Räume und zu einer Zeit, die nicht durch Sterben und Tod begrenzt sein kann. Indem der Dichter dieses Bild vom aufsteigenden Adler wählt, berührt er das Thema möglicher Hoffnung im Angesicht des Todes. Aber er unterlässt es, dieser Hoffnung einen traditionell christlichen Anstrich zu verleihen.

Das Gedicht hat einen Adressaten. Im Titel, der wohl später hinzugefügt wurde, heißt es: An … Und die zweite und dritte Strophe wenden sich an ein Du. Möglicherweise ist damit der eigene Schwager gemeint, der 1766 den frühen Tod seiner jungen Frau, Claudius’ Schwester Dorothea Christine, zu beklagen hatte. Mit Bestimmtheit ist das aber nicht festzustellen. Das Gedicht lebt ja auch nicht vom familiären Kasus, sondern von der Übertragbarkeit. Es stellt sich an die Seite des Trauernden überhaupt. Und es führt ihn behutsam auf einen Weg zur Anerkennung des anscheinend Unerträglichen. Bei dieser Anerkennung wird nichts geschönt, was nicht schön und leicht sein kann. Der Tod ist es nicht, erst recht nicht der unerwartet plötzliche. Aber selbst die bestürzende Todeserfahrung erzwingt keine ausweglose Verzweiflung. Es wird möglich, dem Tod zu begegnen wie einem Schnitter, der die Sense gewaltig an den Halm legt. Und zugleich aufzuschauen, um dem Flug des Adlers zu folgen, der aufsteigt von der Erde, direkt in den Glanz der ewigen Sonne hinein.

Redakteur in Hamburg

Erneut verbringt Claudius einige Jahre (1765–1768) im Reinfelder Elternhaus. Es wird für ihn eine stille Phase, Inkubationszeit sozusagen, die der gemächlich sich entwickelnde junge Mann offenbar brauchte, um seine Talente auszubilden und den künftigen Weg vorzubereiten. Kontakte nach Kopenhagen zu Gerstenberg und Schönborn erhält er aufrecht, und die geistigen Anregungen, die er dort gefunden hatte, wirken nach. Er beschäftigt sich mit Literatur, macht Ausflüge in die Philosophie zu Spinoza, zu Newton und schult seine Kenntnisse in Fremdsprachen. Darin erreicht er eine Fertigkeit, die er später zu Übersetzungen nutzen konnte, vor allem von Werken aus dem Französischen und Englischen. Das kam seinen Interessen entgegen und erbrachte willkommene Nebeneinkünfte. Im Lauf der Jahre hat er die ›Apologie des Sokrates‹ aus dem Griechischen übertragen, Terrassons Roman ›Sethos‹, der den Stoff für Mozarts ›Zauberflöte‹ hergeben sollte, aus dem Französischen, ebenso Saint Martins ›Irrtümer und Wahrheit‹ und Fénelons ›Werke religiösen Inhalts‹.

Die Voraussetzungen dafür erlangte er in seinen privaten Studien während dieser Reinfelder Jahre. Ein klares Konzept zur Berufsausübung stand nicht dahinter, aber die Neigungen klärten sich. Die Welt der Kaufleute, der Verwaltungen und Finanzen zog ihn nicht an, er liebte die andere Welt des Geistes und der Literatur. Und ebenfalls die Musik! Bald macht er in Hamburg die Bekanntschaft Carl Philipp Emanuel Bachs, von dessen Kompositionen er begeistert ist und dessen Klavierspiel er rühmt. Und Bach soll sich auch, als ich etwas spielte, recht wohlwollend geäußert und bemerkt haben, er spiele mit Leib und Seele (Br. 44). Da verwundert es nicht, dass Claudius, der auch das Orgelspiel beherrschte, die Reinfelder Beschaulichkeit beinahe abgebrochen hätte, um eine Organistenstelle in Lübeck zu übernehmen, im Herbst 1765. Beworben hat er sich für die Aufgabe, übernommen hat er sie nicht. Dabei scheint er nicht einmal abgelehnt worden zu sein. A.M. Sprickmanns Wiedergabe der Angelegenheit hat einige Wahrscheinlichkeit für sich, auch wenn dieser Gewährsmann aus dem Kreis des ›Göttinger Hains‹ zu schönen Übertreibungen neigte. Claudius habe es in Lübeck gar nicht zur Vorstellung seiner Künste kommen lassen, berichtet er. Ihm sei mitgeteilt worden, dass neben ihm – und zwar pro forma – weitere Kandidaten für die Organistenstelle bereit stünden, und er sei hingegangen und habe sich einen von ihnen angehört. Im Anschluss habe er sich an den Magistrat gewandt und erklärt, der Konkurrent verdiene die Stelle mehr als er selber, habe sich höflich bedankt und sei gegangen.11 Ob das nun anekdotisch oder historisch ist: Es entspricht Matthias Claudius vollkommen, und zwar seinem Sinn für künstlerische Meisterschaft ebenso wie seiner Hemmung, solche Meisterschaft für sich selbst in Anspruch zu nehmen.

Und noch etwas: Der melancholische Zug, der in seinen Reinfelder Tagen vor dem Wechsel nach Kopenhagen zu beobachten war, ist jetzt einer vorwiegend heiteren Stimmung gewichen. In köstlichen Wendungen kann er sich brieflich über den Magister Jakob Friedrich Schmidt äußern, mit dem er seit Jenaer Studententagen befreundet war. An Schönborn schreibt er im September 1766, er sei von Schmidt und dessen Braut nach Lübeck eingeladen worden: Ich habe also 12 Stunden seiner Liebe zugesehen, die in der Tat etwas edler sein muss, weil seine Frau nichts hat und gar nicht schön ist, und in Celle, wo er Prediger ist, schöne Mädchen sein sollen (Br. 31). Später kolportiert er: Magister Schmidt lässt sich ein Kind nach dem andern gebähren (Br. 60). Dies Letztere sollte er selbst freilich in absehbarer Zeit überhaupt nicht anders halten, vorläufig allerdings war kein Denken daran. Er nahm sich Zeit, ließ wie beiläufig seine Möglichkeiten reifen und erwartete gelassen, was sich ergeben würde.

Und was sich plötzlich ergab, war der Sprung aus der ländlichen Abgeschiedenheit in die hanseatische Großstadt. Anfang 1768 geriet er nun doch mitten in die Welt der Kaufleute, des Handels und der Finanzen hinein, die wahrhaftig nicht seine Traumwelt war. Als Redakteur mochte ihm zwar der günstige Anschluss vorschweben ans literarische Metier, aber die ›Addreß-Comtoir-Nachrichten‹, bei denen er eine Anstellung fand, waren ein lokales Handelsblatt mit vielen Zahlen und Informationen für die Geschäftswelt. Hier ging es in erster Linie um Verordnungen und Wechselkurse und Handelsberichte. Allerdings nicht ausschließlich. Das Blatt lieferte neben den wirtschaftlichen auch gesellschaftliche Nachrichten und riskierte sogar Beiträge zum kulturellen Leben und zum Schöngeistigen. Vermutlich hat diese Seite Claudius bewogen, die Stelle anzutreten, die ihm wohl durch die Kopenhagener Freunde (der Verleger Leisching war Klopstocks Vetter) nahe gebracht wurde. Tatsächlich sollte seine Hauptaufgabe aber darin bestehen, die eingehenden vermischten Nachrichten redaktionell aufzubereiten. Seine Vergütung war kläglich, und Claudius schreibt kurz nach der Übersiedelung nach Hamburg an Gerstenberg:


Rathaus und Börsenplatz von Hamburg um 1760

Ich habe mir eine Stube auf 4 Wochen gemietet, das traurigste dabei ist, dass ich täglich mit Lebensgefahr zu einem Nachtstuhl im Keller hinabsinken muss (Br. 39).

Immerhin lernte er bei den Hamburger ›Addreß-Comtoir-Nachrichten‹ das journalistische Handwerk. Berichte zu verfassen, Rezensionen zu schreiben, mit leichter Feder auch schwierige Zusammenhänge darzustellen, das wurde jetzt verlangt von ihm und darin brachte er es rasch zu beachtlichen Erfolgen. Die Aufgabe des Journalisten hat seinen Stil geformt, und Claudius hat diesen Stil im Wesentlichen beibehalten. Wo er nicht als Lyriker in Erscheinung trat, war er Journalist. Was wichtig zu sein beanspruchte, musste für ihn auch allgemein verständlich werden. Darum bevorzugte er die Umwege, suchte für Theoretisches anschauliche Bilder, arbeitete mit fiktiven Szenen und mit Gleichnissen, um einen komplizierten Gegenstand vorzustellen. Die Lektüre seiner Texte sollte nicht allein Kenntnisse vermitteln oder Leser bilden, sie sollte auch angenehm unterhalten. Heitere und satirische Momente kommen deshalb in seinem gesamten Schrifttum nicht zu kurz. Mit der journalistischen Aufgabe in Hamburg hatte er endlich den Schlüssel gefunden, der ihm die Welt erschloss und sein Lebenswerk einleitete.

Neben Bach machte Claudius in Hamburg eine zweite bedeutende Bekanntschaft: mit Gotthold Ephraim Lessing. Dass beide miteinander in Berührung kamen, war nicht überraschend bei der Profession des einen als Dramaturg am jüngst gegründeten Nationaltheater und der Zuständigkeit des anderen für die Berichterstattung von Theateraufführungen. Überraschend war nur, dass sie miteinander auskamen, und mehr als das: sich gegenseitig schätzten. Der kritische, weltgewandte Geist mit dem beißenden Urteil auf der einen Seite und der kaum seiner holsteinischen Provinz entrückte, vorsichtige, stets um Ausgleich und Verständigung bemühte junge Redakteur auf der anderen. Wenn Lessing Dir begegnet, kannst Du immer den Hut vor ihm abnehmen (752), lässt Claudius in seiner originellen Besprechung der ›Minna von Barnhelm‹ den begeisterten Theaterbesucher Fritz vermelden. Doch er selber sieht es genauso. Die anfänglich regen Kontakte, in die Carl Philipp Emanuel Bach, Nachfolger Telemanns als Hamburger Kirchenmusikdirektor, lebhaft einbezogen war, verloren sich zwar, als Lessing die Hamburger Bühne verließ (das ehrgeizige Experiment des Nationaltheaters war in kürzester Zeit gescheitert), um in Wolfenbüttel der herrschaftlichen Bibliothek vorzustehen; aber die Sympathien blieben erhalten. Dabei konnten ihre Positionen vor allem zu Fragen von Religion und Christentum kaum gegensätzlicher ausfallen. Lessing wies die Religion in ihre Schranken vor dem Forum der Vernunft. Claudius wies die Vernunft in ihre Schranken vor dem Forum der Religion. Eine sachliche Übereinstimmung war da kaum denkbar, aber zum Zerwürfnis ist es auch nicht gekommen.

Bezeichnend wirkt die Art und Weise, wie Claudius sich zum sogenannten ›Fragmentenstreit‹ verhielt, der in Hamburg gewaltig Staub aufwirbelte. Damals war Lessing, der im Zentrum der Auseinandersetzungen stand, nicht mehr in Hamburg und Claudius nicht mehr bei den Comtoir-Nachrichten. Er redigierte inzwischen den ›Wandsbecker Bothen‹. Lessing hatte nach und nach die kritischen Schriften eines ›Ungenannten‹ veröffentlicht, hinter dessen Maske sich der bereits verstorbene Hamburger Gymnasiallehrer Reimarus verbarg, dessen Anonymität Lessing übrigens bis zu seinem Tode nicht preisgegeben hat. In seinen Schriften hatte Reimarus die biblischen Überlieferungen einer schonungslosen historischen Kritik unterzogen. Vergleiche zwischen den Evangelien mit ihren unterschiedlichen Textfassungen wurden durchgeführt, um den Nachweis zu erbringen, dass es sich um menschliche Produkte und nicht um direkte Eingebungen des Heiligen Geistes handle. Widersprüche wurden aufgelistet, die Bezeugungen von der Auferstehung Jesu und vom leeren Grab in Frage gestellt. Das Ganze ergab eine explosive Mischung, die von Lessing ans Licht gebracht und zum Teil auch kommentiert wurde und die er, fein dosiert und deshalb umso wirksamer, in mehreren Lieferungen der erstaunten Leserschaft zumutete.

Claudius hat zu diesen Provokationen nicht geschwiegen. Er konnte und mochte ihnen freilich, von seiner eigenen Warte her, auch nicht applaudieren. Also wählte er einen Weg, der für ihn und sein Vorgehen charakteristisch ist: Er baute seine Stellungnahme zu Lessings Fragmenten-Edition in eine Dialogszene ein, die Audienz des Wandsbecker Boten beim Kaiser von Japan. Wir haben dieses literarische Kabinettstück bereits erwähnt und beschränken uns hier auf die Passage, die sich direkt auf Lessing bezieht.

Der Kaiser von Japan, der sich vielseitig interessiert zeigt an den kulturellen Verhältnissen in Europa, fragt den Boten, wie es dort mit den »Zweifeln gegen die Religion« stünde. Und der Bote antwortet: Herr Lessing hat noch ganz neuerlich in seinem vierten Beitrag verschiedene Zweifel eines Ungenannten bekannt gemacht, davon einige recht gelehrt und artig sind. Er hat sie aber widerlegt (138). Und weiter kleidet der Bote in ein Gleichnis, was er von Lessings Publikation der religionskritischen Reimarus-Fragmente hält. Der lasse nämlich die Zweifel mit Ober- und Untergewehr aufmarschieren und lade das Publikum ein: marschiert ihr dagegen! Und damit die gewappneten Zweifel auf keine Wehrlosen träfen, habe Lessing gleich jedem Zweifel einen Maulkorb umgetan beziehungsweise jedweden Zweifel ’n Felsstück mit scharfen Ecken in den Hals geworfen, daran zu nagen (139). Worauf der Kaiser erwidert: Herr Lessing gefällt mir.

Diese Wiedergabe der großen Kontroverse um die Reimarus-Schriften ist nicht ganz verfehlt, aber auch nicht ganz zutreffend. Vor allem erscheint sie geschönt. Denn Lessing ist keineswegs wie ein unerschrockener heiliger Georg aufgetreten, der dem Zähne fletschenden Drachen der Religionskritik das Maul gestopft hätte. Seine Sympathie für Reimarus und dessen Methode, die biblischen Urkunden mit historischer Skepsis zu beurteilen, war ungleich größer als sein Verständnis für die orthodoxen Verteidiger dogmatischer Besitzstände. Trotzdem hat Lessing den radikalen Ergebnissen seines ›Ungenannten‹ durchaus nicht generell Recht gegeben. Gerade den vierten Teil seiner Veröffentlichungen, auf den Claudius sich bezieht, hat Lessing mit einer Einleitung versehen, die sich deutliche Abstriche an den vorgetragenen Thesen erlaubt. Dass er sie – nach Claudius – samt und sonders widerlegt habe, ist zwar eine Übertreibung, aber nicht einfach aus der Luft gegriffen. Etwas später erklärt Lessing selbst: »Ich habe nirgends gesagt, dass ich die ganze Sache meines Ungenannten völlig so, wie sie liegt, für gut und wahr halte. Ich habe das nie gesagt; vielmehr habe ich gerade das Gegenteil gesagt.« In dieser ganzen Auseinandersetzung habe er nichts behauptet, »was mich dem Verdacht aussetzen könnte, ein heimlicher Feind der christlichen Religion zu sein«12.

Bemerkenswert ist, dass Claudius den folgenden, über Monate hin überaus scharf geführten Streit zwischen Lessing und dem Hamburger Hauptpastor Melchior Goeze nicht mehr kommentiert hat. Dabei ging es immer noch um die ›Fragmente eines Ungenannten‹ und um Lessings Rolle und Zielsetzung bei deren Herausgabe. Goeze war nicht zimperlich in seinen Anwürfen gegen den Wolfenbütteler Bibliothekar, den er für einen Freigeist und Religionsverächter hielt. Lessing aber gebärdete sich noch maßloser dem kämpferischen Lutheraner gegenüber und schreckte nicht davor zurück, ihn lächerlich zu machen. Eine Kostprobe für die ätzende Art seiner Entgegnungen: »Es ist erlaubt, Ihnen den Eimer faulen Wassers, in welchem Sie mich ersäufen wollen, tropfenweise auf den entblößten Scheitel fallen zu lassen.«13

Das Gefecht der beiden Kampfhähne hat Claudius zweifellos verfolgt, aber er hat dazu nicht Stellung genommen. Zum einen vermutlich, weil er sich über Goeze bereits ein paar Jahre vorher geäußert hatte, bei dessen Konflikt mit Alberti14. Schon damals war es ihm so gegangen, dass ihm die sachliche Position, die Goeze einnahm, durchaus nahe lag, dass er sich aber nicht auf dessen Seite schlagen mochte, weil ihm die rabiate Person nicht behagte. Zum andern vertrat er den Standpunkt, über Lessing hinreichend dargetan zu haben, was aus seinem Blickwinkel über ihn zu sagen war. Als Gleim 1781 nach Lessings Tod bei Claudius anklopfte, um ihn zu einem Beitrag zu dessen Bestattung zu bewegen, gab Claudius ihm die Antwort: Es ist mir auch Ihretwegen leid, dass Lessing gestorben ist, aber wegen eines Grabgesangs kann ich nichts zusagen. Ich kann über Lessing nicht anders sprechen, als ich vor dem Kaiser von Japan über ihn gesprochen habe, das ist, für und wider ihn zugleich, und ich weiß nicht, ob mir das in einem Grabgesang so recht geraten würde (Br. 307).

Außer mit Bach und Lessing durfte Claudius in Hamburg mit einer dritten Größe Bekanntschaft schließen, mit Johann Gottfried Herder. Es sollte eine geistige und auch sehr persönliche Freundschaft daraus werden, die lange Jahre anhielt und sich in wechselseitigen Besuchen und einer, wenigstens von Claudius Seite her intensiv gepflegten Korrespondenz niederschlug. Die Briefe an Herder sind erhalten geblieben, umgekehrt gingen Herders Briefe an Claudius leider verloren. Claudius bezeugt selbst in einem Schreiben an Herders Frau Karoline, 24. März 1804: Ich habe vor einigen Jahren, als einiger Schein zu etwanigen Heereszügen und Flucht war, meine Briefe verbrannt, auch die Herder und Hamann mir geschrieben hatten (Br. 436).

Herder, wenige Jahre jünger als Claudius, hatte Riga mit seiner dortigen Tätigkeit als Lehrer und Prediger den Rücken gekehrt und im Sommer 1767 eine umfängliche Reise angetreten. Von Frankreich aus, wo ihn der Auftrag erreichte, den Sohn des Herzogs von Holstein-Eutin als Hofmeister zu begleiten, macht er auf der Reise nach Kiel im März 1768 Station in Hamburg. Lessing vermittelt die Begegnung mit Claudius, und beide sind rasch füreinander eingenommen. Herders große Schriften wie die ›Abhandlung über den Ursprung der Sprache‹ oder ›Älteste Urkunde des Menschengeschlechts‹, die Claudius im ›Wandsbecker Bothen‹ enthusiastisch besprechen sollte, standen noch aus. Aber mit anderen Schriften zur Literatur, die angesichts der späteren, seinen Ruhm begründenden Werken mehr in den Hintergrund rückten, war er doch schon hervorgetreten und in den einschlägigen Kreisen von Kultur und Kunst ein bekannter Mann. Claudius hatte, als redaktioneller Anfänger in einem wirtschaftlichen Lokalblatt, nichts Vergleichbares zu bieten. Doch man verstand sich und mochte einander, und Herder verstieg sich sogar zu dem gewagten Urteil, der junge Claudius sei das »größte Genie«, das er in Hamburg angetroffen habe. Claudius wiederum ließ seiner Begeisterung für Herder in einem Brief an Gerstenberg freien Lauf: H. Herder ist hier seit 8 Tagen. Sie können denken, wie ich gehorcht habe, wenn er von Hamann erzählte, auch habe ich gehorcht, wenn er sonst etwas sprach. Er ist sehr lebhaft (Br.61). Wenig später sucht er ihn zur Mitarbeit beim Projekt des ›Wandsbecker Bothen‹ zu gewinnen, sogar mit Erfolg: Helfen Sie mir den Wechselbalg zur Welt bringen, schreibt er ihm, noch von Hamburg aus. Etwas Bedeutendes brauche er ihm nicht zur Verfügung zu stellen, nicht mal eine Rezension, nur etwas aus Ihrer eigenen Quelle, was und wie Sie wollen (Br. 71).


Johann Gottfried Herder (1744–1803)

Die Beziehung zwischen Claudius und Herder sollte im Lauf der Jahre nicht frei von Verstimmungen, später auch von Entfremdungen sein, und sie war für Claudius, seinen Weg und sein Denken, von weit größerer Bedeutung als für Herder. Dass man so lange freundschaftlich verbunden blieb, war nicht zuletzt den Frauen zu verdanken, Rebecca Claudius und Karoline Herder, die es immer wieder verstanden, Brücken zu schlagen, auszugleichen und die Kontakte aufrecht zu erhalten. Als Herder im Dezember 1803 in Weimar verstorben war, wandte sich Claudius Anfang 1804 in einem Brief an Karoline: Es sind nun über 30 Jahre, dass ich ihn zuerst sahe und lieb gewann. Ich hätte ihn gerne noch einmal gesprochen. Friede dem Entschlafenen! Er kommt nicht wieder zu uns, aber wir kommen zu ihm (Br. 435).

Die Zeit in den Redaktionsstuben der Hamburger ›Addreß-Comtoir-Nachrichten‹ war entscheidend für Claudius’ Entwicklung zum Literaten und Dichter, aber sie ging unrühmlich und abrupt zu Ende. Der Verleger Leisching war mit seinem Angestellten unzufrieden und verpasste ihm eine Abmahnung. Claudius reagierte Anfang Oktober 1770 mit seiner Kündigung. Vielleicht zeichnete sich da bereits eine neue und für ihn attraktivere Gelegenheit zur redaktionellen Tätigkeit ab, die ihm eine Kündigung in Hamburg leicht machte. Im selben Oktober nämlich ließ er seinen Freund Gerstenberg wissen, wohin er sich zu verändern gedenke: Auf Neujahr legt Bode eine Zeitung in Wandsbeck an und ich werde sie schreiben helfen (Br. 68).

›Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen‹

So schlafe nun du Kleine!

Was weinest du?

Sanft ist im Mondenscheine,

Und süß die Ruh.

Auch kommt der Schlaf geschwinder,

Und sonder Müh:

Der Mond freut sich der Kinder,

Und liebet sie.

Er liebt zwar auch die Knaben,

Doch Mädchen mehr,

Gießt freundlich schöne Gaben

Von oben her

Auf sie aus, wenn sie saugen,

Recht wunderbar;

Schenkt ihnen blaue Augen

Und blondes Haar.

Alt ist er wie ein Rabe,

Sieht manches Land;

Mein Vater hat als Knabe

Ihn schon gekannt.

Und bald nach ihren Wochen

Hat Mutter mal

Mit ihm von mir gesprochen:

Sie saß im Tal

In einer Abendstunde,

Den Busen bloß,

Ich lag mit offnem Munde

In ihrem Schoß.

Sie sah mich an, für Freude

Ein Tränchen lief,

Der Mond beschien uns beide,

Ich lag und schlief;

Da sprach sie: ›Mond, oh scheine,

Ich hab sie lieb,

Schein Glück für meine Kleine!‹

Ihr Auge blieb

Noch lang am Monde kleben,

Und flehte mehr.

Der Mond fing an zu beben,

Als hörte er.

Und denkt nun immer wieder

An diesen Blick,

Und scheint von hoch hernieder

Mit lauter Glück.

Er schien mir unterm Kranze

Ins Brautgesicht,

Und bei dem Ehrentanze;

Du warst noch nicht. (75f)

Es ist ein auffälliger Kontrapunkt zu den Handelsnachrichten für die Hamburger Geschäftswelt: Claudius mischt Verse unter die geballte Nüchternheit der ›Addreß-Comtoir-Nachrichten‹ von 1770. Das Lied gehört zu seinen frühen Veröffentlichungen und widmet sich dem zartesten Gegenstand in vollendeter Form. Ein ständiger Rhythmuswechsel erzeugt das schwingende Gleichmaß, das stets auf die Ruhe zuläuft, und bildet so im Versmaß die Bewegung ab, mit der das Kind in den Schlaf gewiegt wird. Die Einheit der Szene bleibt auch dort (und gerade dort!) gewahrt, wo sich im Bild von der singenden Mutter eine entsprechende Szene aus deren Vergangenheit auftut (Strophe 6-12), in der sie nun ihrerseits als gewiegtes Kind ihrer Mutter erscheint. In der Wiederholung des Geschehens verstärkt und vertieft sich dessen stille Bedeutsamkeit.

Der angestellte Hamburger Redakteur präsentiert sich nach seinem Herzen und auch nach seiner Begabung als Poet. Es sind Vorkommnisse und Eindrücke aus dem Alltag, bei denen es nach seiner Wahrnehmung zu verweilen lohnt. Eine Mutter wiegt ihre kleine Tochter in den Schlaf, was wäre natürlicher, ungekünstelter, und es handelt sich doch um eine menschliche Konstellation voller Poesie.

Das unterstreicht der Dichter, indem er die Szene ins Mondlicht rückt. Der Ort, an welchem man sich die beiden - Mutter und Kind - vorzustellen hat, wird offen gelassen; ob im Haus, am offenen Fenster des Schlafgemachs oder im Freien draußen vor der Tür, auf einer Bank mit der Wiege davor. Dem Hörer sind alle Möglichkeiten frei gestellt, sich selber ein Bild zu machen. Der Ort ist beliebig, nur die Zeit ist von Belang. Die Zeit des Mondes und des Mondscheins.

Wir begegnen dem Motiv des Mondes immer wieder in Claudius’ Werk. Es ist für ihn zu einer Art Zentralsymbol geworden. Weit über die romantische Gewohnheit hinaus, den Mond poetisch zu bemühen, um träumerische Stimmungen zu erzeugen, gewinnt der Mond bei Claudius eine viel weiter reichende und differenzierte Bedeutung. Er steht nicht in jedem Gedicht und in jedem Prosastück, das von ihm handelt, für eine und dieselbe Erfahrung. Vielmehr gilt der Mond für Claudius zunächst als herausgehobenes Medium für Erfahrung überhaupt. Er lädt ein zur Betrachtung, und zwar zur Betrachtung all jener Seiten des Lebens, die sich dem nüchternen Blick bei Tageslicht eher entziehen. Im Mondschein wird Betrachtung zur Wahrnehmung von Verborgenem und auf diesem Wege zur Meditation.

Dem Wiegenlied kommt generell die Aufgabe zu, ein Kind in den Schlaf zu singen. Dazu entwickelt es sinnvollerweise eine Atmosphäre von Geborgenheit. Die Nacht an sich kann angstbesetzt sein, aber der Mond wird in der Nacht zum Garanten des Vertrauten und der Vertrauenswürdigkeit. Das ist seine Rolle in dieser poetischen Szene. Er ist sanft, heißt es in der ersten Strophe, er freut sich der Kinder / Und liebet sie, und er steht vor allem für Kontinuität des Guten. Mit diesem Akzent versieht Claudius das Mond-Symbol in seinem Wiegenlied. Wo der Tag endet und die Nacht einbricht, scheinen der Bruch zu herrschen und die Diskontinuität. Doch der Mond gewährt das Bleiben und vermittelt Verlässlichkeit. Mein Vater hat als Knabe / Ihn schon gekannt, singt die junge Mutter, und dann schweift sie ab in eigene Kindheitsräume, wo sie selbst auf dem Schoß ihrer Mutter gewiegt wurde: Der Mond beschien uns beide / Ich lag und schlief. Aber damit nicht genug. In der Erinnerungsszene singt die Mutter der jungen Mutter und bittet den Mond ausdrücklich: Schein Glück für meine Kleine! Und der Mond erhört die Bitte, als Anwalt der Kontinuität des Guten, und denkt nun immer wieder an die Mutter mit ihrer Geborgenheitssorge für das dem Schlaf zu überlassende Kind.

Als Claudius seine Verse von der intimsten Mutter-Kind-Beziehung und über die Atmosphäre, die sich dabei aufbaut, niederschrieb, hatte er noch nicht die Bekanntschaft mit Rebecca, seiner späteren Frau, gemacht und war noch nicht von den Eindrücken familiärer Vertrautheit geprägt, die ihm lebenswichtig werden sollten. Vorerst bleibt das gewählte und poetisch gestaltete Bild reine Imagination. Aber doch eine Imagination, in der sich bereits ankündigt, was einmal zur Passion des Dichters werden sollte: das häusliche Leben mit seiner Frau und mit den Kindern.

Zum Nuancenreichtum des Lieds und des Mond-Motivs, das Claudius in die Mitte rückt, zählen nicht zuletzt erotische Anspielungen. Der Mond erscheint hier nicht weiblich – als lateinische Luna – sondern männlich. Darum die verschmitzte Bemerkung in Strophe 3: Er liebt zwar auch die Knaben, / Doch Mädchen mehr. Darum die Erinnerung der Mutter: Er schien mir unterm Kranze/Ins Brautgesicht in der letzten Strophe sowie die intime Begegnungsstunde zwischen dem Mond und ihrer Mutter: Sie saß im Tal. In einer Abendstunde / Den Busen bloß … – Dass Claudius im gleichen Zeitraum mit dem Mond durchaus pubertär-erotische Phantasien verbinden konnte, jetzt freilich auf einen weiblich vorgestellten Mond – Frau Luna – bezogen, wird deutlich in einem kurzen Prosatext, einem ›Brief an den Mond‹ von 1771, wo er der stille glänzende(n) Freundin gesteht, sie schon lange heimlich geliebt zu haben. Als Knabe sei er gern in den Wald gelaufen, um sich halbverstohlen hinter’n Bäumen nach Ihnen umzublicken, wenn Sie mit bloßer Brust oder im Negligé einer zerrissenen Nachtwolke vorübergingen (57).

11 Roedl, Urban: Matthias Claudius, Hamburg 1950, S. 59.

12 Lessing, G.E.: Anti-Goeze, 7. Teil, in: Lessings Werke Bd. 3, hg. v. K. Wölfel, Frankfurt/M. 1967, S. 481.

13 A.a.O., S. 457.

14 Vgl. S. 65ff.

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