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C’est la vie
Unterwegs mit zwei Pionieren der Palliative Care
Rebekka Haefeli

Wie dieses Buch entstand
Roland Kunz
Auf der Palliativstation: Tag 1
Persönliche Erfahrungen mit Krankheit und Tod
Auf der Palliativstation: Tag 2
Das Sterben rückt in den Fokus
Auf der Palliativstation: Tag 3
Was ist ein guter Abschied?
Das Ende akzeptieren – Gespräch mit einer Patientin
Entwicklung der Palliative Care
Corona, Aids und der Tod
Sterbebegleitung damals und heute
Dynamik in der Schweizer Palliative Care
Eva Bergsträsser
Wenn Kinder sterben
Debora, Ronja und Attila
Aufbauarbeit am Kinderspital
Austausch im Team
Auf Visite im Kinderspital
Wissen weitergeben
Bilanz
Bewusstes Leben, bewusstes Sterben
Anmerkungen
Dank
Autorin
Wie dieses Buch entstand
Das Schreiben ist mir selten so leichtgefallen. Und doch hat mich die Arbeit an diesem Buch aufgewühlt. Vieles, was ich zuvor als selbstverständlich empfunden hatte, stellte ich plötzlich infrage. Während der Recherchen habe ich viel gelesen: Peter Nolls «Diktate über Sterben und Tod», «Mars» von Fritz Zorn, «So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!» von Christoph Schlingensief, «Über das Sterben» von Gian Domenico Borasio oder auch «Interviews mit Sterbenden» der bekannten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross.
Einige dieser Werke hatte ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen, und sie haben mich erneut beeindruckt. Bislang unbekannt war mir der Bestseller «5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen» der Australierin Bronnie Ware, die als Pflegerin viele Menschen in den Tod begleitet hatte. Ein Abschnitt hat sich mir besonders eingeprägt: «Wenn wir fähig sind, unseren unvermeidlichen Tod aufrichtig anzunehmen, bevor unsere Zeit gekommen ist, können wir unsere Prioritäten verlagern, bevor es zu spät ist. Das gibt uns die Chance, unsere Energien auf Dinge zu verwenden, die die Mühe wirklich wert sind. Sobald wir uns klargemacht haben, wie begrenzt die Zeit ist, die uns noch zur Verfügung steht – auch wenn wir nicht wissen, ob es Jahre, Wochen oder Stunden sind –, werden wir nicht mehr so stark von unserem Ego angetrieben oder von der Meinung anderer Leute über uns. Stattdessen steuern wir auf das zu, was unser Herz wirklich will. Dieses Anerkennen unseres unvermeidlichen, immer näher rückenden Todes gibt uns die Chance, viel mehr Sinn und Befriedigung in der Zeit zu finden, die uns noch bleibt.»
Der Tod ist in unserer Gesellschaft noch immer mit vielen Tabus behaftet und mit vielen Ängsten besetzt. Im Zuge der Corona-Pandemie rückte er zumindest vorübergehend etwas stärker in die Öffentlichkeit. Das Sterben wurde für viele plötzlich sichtbar. Die Pandemie mag manche und manchen dazu bewogen haben, sich mit dem eigenen Tod und dem seiner Liebsten auseinanderzusetzen. Mich überzeugt die Haltung, dass das Leben im Bewusstsein des Todes erfüllter sein kann.
Konkret ins Auge fasste ich dieses Buchprojekt, als ich Roland Kunz kennenlernte. Er ist Arzt, Palliativmediziner und Pionier der Palliative Care in der Schweiz. In dieser Funktion begegnet er täglich unheilbar kranken oder sterbenden Menschen. Im Herbst 2019 führte ich ein Interview für die Neue Zürcher Zeitung mit ihm, in dem er erklärte, für fast alle Menschen komme der Zeitpunkt zum Sterben zu früh. «Sie sagen sich: ‹Ja, wir müssen alle sterben. Aber doch noch nicht jetzt.›»1 Kunz führte weiter aus: «Meiner Erfahrung nach ist es ein kleiner Teil, der die Reife besitzt, am Ende des Lebens ein halb volles Glas zu sehen und nicht ein halb leeres. Die meisten denken darüber nach, was sie noch alles hätten machen wollen, und es jetzt nicht mehr können. Unsere Aufgabe ist es auch, den Blick für das zu schärfen, was die Menschen in ihrem Leben erreicht haben.»
Roland Kunz’ Ziel ist es, die Lebensqualität seiner Patientinnen und Patienten so lange wie möglich zu erhalten, ohne die Verlängerung des Lebens an die erste Stelle zu setzen. Dazu braucht es wirksame Schmerztherapien, aber auch psychologische, spirituelle und soziale Unterstützung, die auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Dafür steht er seit mehreren Jahrzehnten ein.
Genauso engagiert in der Palliative Care wie Roland Kunz ist Eva Bergsträsser. Die Ärztin am Kinderspital Zürich ist die Pionierin der Palliative Care für Kinder in der Schweiz. Seit vielen Jahren setzt sie sich für die Lebensqualität von schwer kranken Kindern ein und stellt wie Roland Kunz ihre Expertise in den entsprechenden Fachorganisationen zur Verfügung. Täglich ist sie mit der immer wieder unfassbaren Tatsache konfrontiert, dass Kinder vor dem Tod stehen, die eigentlich ein volles Leben vor sich haben müssten. Es widerspricht dem scheinbar «natürlichen» Lauf der Dinge, wenn Kinder vor ihren Eltern sterben. Das Familiengefüge – oftmals erweitert durch Freundinnen und Freunde sowie nahe Angehörige wie die Grosseltern – wird in jedem dieser Fälle nachhaltig erschüttert.
Schwerpunkte setzen sowohl Bergsträsser als auch Kunz bei ihrer Arbeit nicht nur bei den Erkrankten, sondern auch bei deren Angehörigen – bei Eltern, Freunden, Bekannten und letztlich bei allen, die bereit sind, die Augen vor einer Diagnose und vor dem Lebensende nicht zu verschliessen.
Dieses Buch richtet den Fokus einerseits auf die Leistung der Palliative-Care-Pioniere Eva Bergsträsser und Roland Kunz. Ich habe sie in ihrem Klinikalltag begleitet, und ich habe mit beiden viele lange Gespräche geführt. Seit Kurzem ist Roland Kunz pensioniert.
Eingebettet werden diese Reportagen in den grösseren Zusammenhang der Geschichte der Palliative Care bei Kindern und Erwachsenen. Bei alldem geht es ums Kranksein, ums Sterben und um den Tod. Es geht aber auch darum, wie es gelingt, ein erfülltes und glückliches Leben zu führen.
Für mich ist dieses Buch ein Versuch, dem Geheimnis, was wirklich wichtig ist im Leben, auf die Spur zu kommen. Es wäre schön, wenn es andere Menschen zum Nachdenken über diese existenzielle Frage ermutigen würde.
Roland Kunz
Auf der Palliativstation: Tag 1
Jeder Mensch lebt anders, und jeder Mensch stirbt anders. Jeder Sterbeprozess verläuft in dieser geheimnisvollen Sphäre, in die wir als Zuschauende, als Beobachtende, als Ärztinnen und Ärzte, als Pflegefachpersonen oder als trauernde Angehörige nie wirklich Einblick erhalten – bis zu dem Tag, an dem wir selbst sterben.
An dem sonnigen Dienstag, als diese Zeilen entstehen, erinnert vordergründig nichts an den Tod. Das Leben geht für die meisten Menschen seinen gewohnten Gang, ohne grössere Aufregungen oder Zwischenfälle. Auf der Rosengartenstrasse in Zürich, einer der meist befahrenen Strassen der Schweiz, stauen sich schon morgens die Autos und die Lastwagen. Am Bucheggplatz eilen Berufstätige aufs Tram; Studenten mit vollgepackten Rucksäcken drängen in den Bus, der zur ETH Hönggerberg hoch über der Stadt fährt. Von hier wirken selbst die Kirchen der Altstadt winzig klein. Nach wenigen Minuten hält der Bus beim Stadtspital Zürich Waid, einem verwinkelten, trotz seiner Grösse eigenartig unscheinbaren Gebäudekomplex aus den 1950er-Jahren. Hier gehört, neben den üblichen, breit gefächerten medizinischen Leistungen, auch das Sterben zum Spitalalltag.
Im Zentrum für Palliative Care am Stadtspital Zürich Waid, das 2018 unter der Leitung des Schweizer Palliative-Care-Pioniers Roland Kunz eröffnet wurde, ist der Tod allgegenwärtig. Die Formulierung täuscht allerdings über die Realität hinweg – beziehungsweise sie greift vor allem zu kurz. Denn Palliative Care umfasst viel mehr als nur die Begleitung während des Sterbeprozesses; sie hat im Gegenteil sehr viel mit dem Leben zu tun. Denn Palliative Care bedeutet, das Leben lebenswert zu machen – in allen individuellen Farben und Schattierungen, die jede und jeder einzelne von uns mit dem Anspruch an ein lebenswertes Leben verbindet.
Das Leben ist nicht schwarz-weiss, und genauso wenig das Sterben; besonders, wenn es auf eine Krankheit folgt und nicht die plötzliche Folge eines Unfalls oder Herzstillstands ist. Der Sterbeprozess zeigt sich oftmals – wie das Leben – changierend, in wechselnden, manchmal schillernden, manchmal matten, trüben und dunklen, aber auch in bunten, hellen Farben. Er ist eine Abfolge von vielen verschiedenen, intensiven, emotional dichten Momenten, die jedem, der daran Anteil nimmt, unvergesslich bleiben.
Roland Kunz ist ein Profi, wenn es um das Sterben geht. Nach unserer Begegnung 2019 treffe ich ihn wieder und beobachte ihn bei seiner Arbeit. Unter seiner Federführung sind in der Deutschschweiz in den letzten Jahrzehnten mehrere bedeutende Palliative-Care-Institutionen entstanden. Das Palliative-Care-Zentrum im Stadtspital Zürich Waid ist seine letzte berufliche Station; der Arzt mit Jahrgang 1955 geht in den Ruhestand. Er lässt sich in zwei Etappen pensionieren. In einem ersten Schritt hat er die Leitung der Klinik für Akutgeriatrie abgegeben; bis zu seinem definitiven Rückzug aus dem Berufsleben Ende 2021 leitet er weiterhin in einem Arbeitspensum von fünfzig Prozent das Zentrum für Palliative Care.
Sein Büro im Spital befindet sich gleich neben dem «Raum der Stille», einer Art Andachtsraum, der allen Patienten, Besucherinnen und Mitarbeitenden offensteht. Neben der Tür zu seinem Büro, das er sich mit der Oberärztin teilt, hängt auf Augenhöhe ein Schild mit der Aufschrift: «Ärztliche Leitung Palliative Care». Auf das Klopfen an der Tür ruft er laut «Ja!». Kunz – ein schlanker, nicht sehr grosser Mann mit grauem Haar und Bart – sitzt am Computer. Nach der Begrüssung beendet er eine Mail, er erhebt sich dann in seinem weissen Arztkittel und macht sich auf den Weg in die Palliative-Care-Abteilung. An diesem Tag herrscht auf der Station «courant normal». Als Chefarzt wird er gleich den Rapport und die Visite leiten.
Mit einem mechanischen Geräusch öffnen sich vor Roland Kunz zwei Flügeltüren aus Glas, hinter denen sich ein langer, heller Gang bis zu einem Fenster erstreckt. Links und rechts des Korridors befinden sich acht Patientenzimmer; ein neuntes kann bei starker Belegung zusätzlich eingerichtet werden. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei dreizehn Tagen, das Spektrum erstreckt sich von zwei Tagen bis zu ungefähr vier Wochen. Etwa vierzig Prozent der Patientinnen und Patienten versterben auf der Station, aber nur ein Teil davon beim ersten Aufenthalt. Ungefähr sechzig Prozent der eingelieferten Patienten treten wieder aus. Sie kehren nach einer gewissen Zeit nach Hause oder in eine Pflegeeinrichtung zurück. Manche kommen ein zweites oder drittes Mal wieder, wenn sie mit ihren Schmerzen oder anderen Symptomen der Krankheit nicht zurechtkommen.
Vor der Visite in den Patientenzimmern trifft sich Roland Kunz im Ärztebüro mit der Oberärztin Hannah Schlau und der Assistenzärztin Mahnoor Anwar. Es ist neun Uhr morgens. Die Assistenzärztin greift zum Telefon und ruft nun eine Pflegefachfrau nach der anderen ins Zimmer: Die Visite wird mit der Pflege detailliert vorbesprochen, bevor die zwei Ärztinnen und der Chefarzt die einzelnen Patienten in ihren Zimmern besuchen. Der Umstand, dass auf dieser Abteilung nicht eine ganze Gruppe von Medizinern und Pflegefachpersonen die Patientinnen und Patienten visitiert und dann plötzlich im Dutzend vor deren Betten steht, ist besonders. Auffallend ist zudem, dass man sich viel Zeit nimmt. Während auf anderen Stationen alles Schlag auf Schlag gehen muss, verlaufen die Vorbesprechung und die Visite hier in einem eher gemächlichen Tempo. Nicht selten dauert die Visite bei den acht Patientinnen und Patienten bis in den Nachmittag hinein.
Die erste Patientin, über deren Befinden gesprochen wird, ist die neunzigjährige Frau Kupfer. Sie heisst eigentlich anders, wie alle anderen Patienten, die in diesem Buch vorkommen. Die Pflegefachfrau, von der Frau Kupfer hauptsächlich betreut wird, hat im Ärztezimmer auf einem Stuhl Platz genommen. Oberärztin Hannah Schlau erklärt, die Patientin sei aus dem anderen Zürcher Stadtspital, dem Triemli, ins Waid überführt worden. Sie leide unter ausgeprägten Episoden von Atemnot. Frau Kupfers Erkrankung heisst im Fachjargon Tracheomalazie; das Gewebe ihrer Luftröhre ist kollabiert, was mit einem wiederkehrenden Gefühl extremer Atemnot verbunden ist.
«Das wird wahrscheinlich noch zunehmen», sagt Roland Kunz, und er fragt: «Wo steht sie in der Krankheitswahrnehmung?» Die Oberärztin Hannah Schlau antwortet: «Sie befindet sich im Coping-Prozess; sie muss zuerst noch einen Umgang mit ihrer Erkrankung finden. Morgen findet das Gespräch am Runden Tisch mit der Tochter und dem Sohn statt.»
Mit dem sogenannten Runden Tisch ist eine Aussprache mit den Angehörigen gemeint, in der die Bedürfnisse aller Beteiligten geklärt und die nächsten Schritte besprochen werden. Frau Kupfer lebte vor dem Spitaleintritt recht selbstständig in einer Alterswohnung. «Ich glaube, diese Unsicherheit mit der wiederholten Atemnot zu Hause wird für sie allein zu viel sein. Sie wird künftig mehr Unterstützung brauchen», sagt die Oberärztin Hannah Schlau. Die Pflegefachfrau ergänzt, Frau Kupfer verhalte sich eher introvertiert und ruhig und äussere von sich aus kaum Wünsche.
Dieses Bild bestätigt sich etwas später bei der Visite. Frau Kupfer sitzt im Nachthemd auf einem Stuhl am Fenster. Ein Ventilator sorgt für etwas kühle Luft, auf dem Tischchen vor ihr liegt das Handy. Zur Unterstützung der Atmung bekommt sie durch zwei dünne Schläuche, die in die Nasenlöcher führen, Sauerstoff. Die Nacht sei «ordeli» gewesen, sagt die Patientin leise, als sie von Roland Kunz danach gefragt wird. Sie habe das Gefühl, es gehe ihr etwas besser.
Auch Frau Graber, eine etwas über siebzigjährige Patientin, bei der vor einigen Jahren ein Karzinom in einem Lungenflügel diagnostiziert wurde, kennt solche schlimmen Atemnotattacken. Sie litt zudem schon früher unter einer COPD, einer chronischen obstruktiven Lungenerkrankung. Ein Jahr nach der Krebsoperation an der Lunge und einer Chemotherapie entdeckte man bei ihr Hirnmetastasen, die ebenfalls operiert wurden; anschliessend folgte eine Therapie mit Bestrahlung. Nun ist offenbar auch der zweite Lungenflügel betroffen. Frau Grabers Atem rasselt, als Roland Kunz und die zwei Ärztinnen ihr Krankenzimmer betreten. Sie sitzt leicht nach vorne gebeugt auf dem Spitalbett und stützt sich auf die Hände.
Vor dem Fenster wirbelt der warme Wind durch die Blätter eines Baumes. Die Sonne scheint vom wolkenlos blauen Himmel. Frau Graber atmet schwer, dann muss sie heftig husten. Es klingt zunächst wie ein trockenes Bellen. Dann rumort leise der Schleim in den Bronchien. «Der Schleim ist das Hauptproblem», sagt Frau Graber in einer Hustenpause. «Er ist so zäh, ich kann ihn nicht abhusten. Und das Atmen! Es macht mich fertig. Mittags bin ich schon wieder so müde, dass ich nur noch schlafen könnte, sogar wenn ich davor eine gute Nacht hatte.»
Frau Grabers Austritt ist eigentlich für den kommenden Tag geplant. Sie will wieder nach Hause. Voraussetzung dafür ist, dass es ihr gelingt, bei einer Atemnotattacke den Kreislauf der Panik zu durchbrechen, der bei ihr Todesangst auslöst. Zu diesem Zweck sollen sie und ihr Mann in der Verabreichung eines Beruhigungsmittels instruiert werden; das Medikament soll von ihr selbst oder von ihrem Mann zu Beginn einer Atemnotkrise unter die Haut injiziert werden. Ein solches sogenanntes Notfallszenario oder einen Notfallplan für zu Hause zu entwickeln, ist häufig das Ziel während eines Aufenthalts auf der Palliativstation. Damit kann man dramatische Szenen verhindern. Man kann vermeiden, dass eine Patientin oder ein Patient bei einer Verschlechterung jedes Mal mit Blaulicht ins Spital eingeliefert werden muss. Mit einem Notfallszenario und der Unterstützung von Angehörigen ist es oftmals möglich, eine vorhersehbare Krise auch daheim zu bewältigen.
Als sich Roland Kunz, Hannah Schlau und Mahnoor Anwar anschicken, das Zimmer zu verlassen, wendet sich die Patientin an den Chefarzt und fragt sicherheitshalber nach: «Und wegen einer erneuten Operation – haben Sie auch das Gefühl, das bringe nichts?» – «Ich glaube, diesbezüglich hat sich nichts verändert», antwortet er freundlich und ruhig. «Wenn Sie das Handling mit dem Beruhigungsmittel im Griff haben, können wir Ihren Austritt vorbereiten.» Die Patientin will wissen, ob sie wiederkommen dürfe, sollte sie zu Hause das Gefühl haben, es gehe gar nicht. «Selbstverständlich», gibt Kunz zur Antwort.
Die Patienten im Zentrum für Palliative Care im Stadtspital Zürich Waid sind zwischen fünfzig und neunzig Jahre alt. Der grössere Teil ist zwischen fünfzig- und siebzigjährig. Jüngere Patienten sind selten, da sie weit weniger häufig als ältere Menschen von lebensbedrohlichen Diagnosen betroffen sind. «Die jüngeren Patientinnen und Patienten», sagt Roland Kunz, «bleiben tendenziell auch länger zu Hause; erst recht, wenn sie Kinder haben. Je jünger die Kinder sind, desto grösser ist in der Regel das Bedürfnis eines erkrankten Elternteils, so lange wie möglich daheim, im gewohnten Umfeld, zu bleiben. Sofern es das soziale Netz erlaubt.» Manche Menschen wünschen sich auch, zu Hause zu sterben. Die Hilfe, diesen letzten Wunsch zu erfüllen, wenn es für die Betroffenen und ihr Umfeld stimmt, betrachtet Kunz ebenfalls als seine Aufgabe.
Im Spitalzimmer, in dem Frau Schlegel liegt, läuft leise klassische Musik. Ausser der Musik ist nur der Atem der Patientin zu hören. Die Frau, Mitte sechzig, liegt auf der Seite, die Augen hält sie geschlossen, ihr Mund ist offen. Bei Frau Schlegel wurde ein Pankreaskarzinom diagnostiziert, es geht ihr sehr schlecht. Neben dem Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet sie an einer fortgeschrittenen Demenz. Aufgrund ihrer Demenzerkrankung konnte sie nicht selbst entscheiden, ob der Tumor operiert werden sollte. Der Mann war überfordert. Nach längeren Diskussionen und in Absprache mit ihm verzichtete man auf eine Operation. Es ist nicht Frau Schlegels erster Aufenthalt auf der Palliativstation. Diesmal aber erwartet niemand, dass sie noch einmal nach Hause zurückkehren wird.
Frau Schlegels Mann steht neben dem Bett, als der Chefarzt, die Ober- und die Assistenzärztin nach einem leisen Klopfen eintreten. Der Mann wirkt gefasst, aber auch verzweifelt und überfordert. «Ich kann nichts mehr machen hier», sagt er zu den Medizinern. Roland Kunz erklärt, auch wenn es so aussehe, als ob seine Frau nicht mehr viel wahrnehme, fühle sie wohl doch, dass ihr Mann da sei. «Aber es ist wichtig, dass Sie selbst auch spüren, wie viel Sie aushalten können.» Der Mann antwortet: «Wenn sie da auf dem Totenbett liegt, kann ich ja nichts machen.» Dann schaut er sich nervös im Zimmer um und bemerkt: «Sie hatte eine Tasche dabei, die würde ich jetzt mitnehmen. Sie braucht sie ja nicht mehr.»
Oberärztin Hannah Schlau eilt zu einem der schmalen Schränke, die an der Wand beim Eingang angebracht sind, und öffnet ihn. Sie greift nach der Tasche, gibt sie dem Mann. Dieser nimmt sie, und sagt mehr zu sich selbst als zu jemand Bestimmtem: «Also, jetzt lassen wir sie in Ruhe. Vielleicht komme ich am Nachmittag oder am Abend nochmals vorbei.» Roland Kunz antwortet: «Wenn wir etwas für Sie tun können, dann sagen Sie es einfach.» Der Mann wechselt abrupt das Thema: «Ich koche und haushalte gern», erzählt er, «ich war jahrzehntelang Hausmann neben meinem Beruf. Also, ich schaue am späten Nachmitttag nochmals herein.»
Nach Frau Schlegels Ehemann verlassen auch die zwei Ärztinnen und der Arzt das Zimmer. Als sich der Mann entfernt hat, stehen die drei auf dem Korridor zusammen. Roland Kunz hält fest, die Patientin reagiere kaum mehr; nur einmal hat sie im Tiefschlaf leise gestöhnt. Er diskutiert mit den Kolleginnen und der zuständigen Pflegefachfrau kurz die Medikamentendosierung, als die Physiotherapeutin hinzutritt und sagt, sie habe eine halbe Stunde Zeit und werde diese bei Frau Schlegel verbringen.
Frau Wunderlin döst derweil in ihrem Zimmer am Anfang des Korridors vor sich hin. Die Neunzigjährige ist stark abgemagert, sie leidet unter einem Eileiterkarzinom mit Metastasen. Sie hat einen künstlichen Darmausgang, ein sogenanntes Stoma. Der Darminhalt wird durch eine operativ angelegte, künstliche Verbindung zwischen dem Darm und einer Öffnung in der Bauchwand in einen luftdichten Beutel geleitet. Neben starken Schmerzen machen Frau Wunderlin eine hartnäckige Verstopfung und Appetitlosigkeit zu schaffen. Ausserdem trinkt sie sehr wenig, die Flüssigkeitsversorgung wird deshalb durch eine Infusion sichergestellt. In der Nacht hat sich die Patientin mehrmals übergeben. Weil sie offenbar auch ihren eigenen Stuhl erbrochen hat, vermuten die Ärzte einen mindestens teilweisen Darmverschluss.
Vor Kurzem war Frau Wunderlin schon einmal hier. Zehn Tage zuvor erst war sie nach Hause zurückgekehrt, wo sie bisher – abgesehen von der Unterstützung durch die Spitex – selbstständig lebte. Dann verschlechterte sich ihr Zustand erneut, und sie wurde wieder ins Spital gebracht. Sie besitzt eine Patientenverfügung, in der sie festgehalten hat, dass sie beispielsweise bei einem plötzlichen Herzstillstand reanimiert werden möchte. Gegenüber der Assistenzärztin hat sie am Vortag erklärt, dass sie jede Art von Diagnostik in Anspruch nehmen möchte, die «sinnvoll» sei. Die Pflegefachfrau erzählt, Frau Wunderlin zeige ein ambivalentes Verhalten. «Auf der einen Seite möchte sie behandelt werden – auf der anderen Seite wehrt sie sich, wenn ich ihr ein Schmerzmittel spritzen will.»
Frau Wunderlins Bett steht dicht an der Wand. Roland Kunz greift nach einem Hocker und setzt sich zur Patientin. «Darf ich mir Ihren Bauch mal ansehen? Exgüsi», entschuldigt er sich. Dann tastet er den Bauch der alten Frau ab, platziert das Stethoskop. «Wir haben den Eindruck, dass es irgendwo eine Stelle hat, an der Ihr Darm verengt ist», erklärt er die Situation. Er spricht laut, Frau Wunderlin hört nicht mehr gut. «Das könnte der Grund für Ihre Schmerzen sein. Gegen die Schmerzen können wir etwas tun. Aber ob der Darm wieder durchgehend wird, kann ich Ihnen nicht versprechen.» Die alte Dame fragt: «Und dann?» Der Arzt erwidert: «Das wäre ein Darmverschluss. Daran kann man sterben. In Ihrem Zustand weiss ich nicht, ob Sie eine Operation überleben würden.» Die Patientin bleibt längere Zeit still, bis sie sagt: «Aber mit diesen Schmerzen kann ich auch nicht sein.» Kunz versichert, die Schmerzen könnten gelindert werden, fügt jedoch an: «Wenn der Darm nicht durchgängig ist, müssen wir nochmals miteinander sprechen. Wenn wir operieren würden, könnte es sein, dass Sie einen weiteren künstlichen Darmausgang erhalten.» Wieder entsteht eine längere Stille im Zimmer, dann fragt Kunz: «Gibt es eine Situation, in der Sie sich vorstellen könnten, dass Sie lieber nicht weiterleben würden? Oder ist es Ihnen vor allem wichtig, weiterzuleben?» Die alte Dame antwortet: «Beides. Aber nicht so.»
Frau Wunderlin und Roland Kunz verständigen sich darauf, dass die Patientin dem Pflegepersonal von nun an eine regelmässige Gabe von Schmerzmittel erlaubt. «Wir geben Ihnen etwas, damit der Zustand für Sie erträglicher wird und Sie nicht mehr erbrechen müssen», sagt der Arzt. «Dann schauen wir, wie sich der Bauch entwickelt. Haben Sie noch Fragen oder ein Anliegen an uns?» Frau Wunderlin schüttelt den Kopf und hustet leise. Sie wird einen Einlauf erhalten, und dann warten die Mediziner die weitere Entwicklung ab, bis sie die Diskussion über eine allfällige erneute Darmoperation mit der betagten Patientin nochmals aufnehmen werden.
Im Zimmer neben Frau Wunderlin liegt Frau Rutschmann, die ursprünglich aus Osteuropa stammt und bei der vor längerer Zeit Gebärmutterkrebs diagnostiziert wurde. Die Patientin, Mitte siebzig, lehnt onkologische Therapien gegen die Metastasen ab. Sie klagt über starke Schmerzen im Rücken und äussert einen starken Sterbewunsch. Die zuständige Pflegefachfrau berichtet, Frau Rutschmann esse seit Tagen nichts mehr, trinke aber weiterhin viel. Die Oberärztin Schlau fragt während der Vorbesprechung der Visite, ob der Sterbewunsch der Patientin depressiv bedingt oder auf ihren körperlichen Zustand zurückzuführen sei. Roland Kunz lässt sich von der Assistenzärztin die Laborwerte am Computer zeigen.
Kunz betrachtet die Werte und folgert daraus: «Sie wird wohl nicht die Nächste sein, die stirbt.» Frau Rutschmann habe zwar Metastasen in den Knochen, «aber nichts, das unmittelbar ans Lebendige geht.» Genau das versucht er während der Visite auch mit der Patientin zu besprechen. Frau Rutschmann liegt angezogen und perfekt frisiert auf dem Bett, als wollte sie das Spital gleich verlassen. «Was bringt das noch?», fragt sie Kunz mit leiser Stimme, und er fragt zurück: «Mögen Sie nicht mehr?» Die Patientin erzählt, Verwandte in ihrer Heimat, die ebenfalls sterbenskrank gewesen seien, hätten von den Ärzten «eine Überdosis» bekommen. Sie fragt, warum ihr der Arzt «nicht einfach eine Spritze geben» könne, damit sie sterben könne.
«Jede Krebserkrankung ist anders», erklärt Kunz. «Bei Ihnen sitzt der Tumor vor allem in den Knochen. Ich kann verstehen, dass es für Sie schwer ist. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie lange es dauert, bis Sie sterben können. Wenn Sie die Kraft nicht mehr haben, zu warten, ist eine Sterbehilfeorganisation der einzige Ausweg.» Der Pflegefachfrau hat Frau Rutschmann erzählt, sie sei Exit-Mitglied, müsse aber «zu lange» warten, da sie erst seit Kurzem Mitglied sei und eine Frist abwarten müsse.
Kunz beugt sich näher zum Bett und zur Patientin. «Wir können Ihnen grosszügig Schmerzmittel verabreichen, aber wir können Ihnen keine Spritze geben, um Ihr Leben zu beenden», sagt er. Frau Rutschmann greift nach einem Papiertaschentuch auf dem Nachttisch, schnäuzt sich die Nase und entschuldigt sich sogleich dafür. «Seit wann geht es Ihnen so schlecht, dass Sie das Gefühl haben, es nicht mehr auszuhalten?», will der Arzt schliesslich wissen. «Ungefähr eine Woche», flüstert Frau Rutschmann, und Kunz verspricht ihr, bald wieder vorbeizukommen. Die Patientin soll der Pflege in der Zwischenzeit ihre Exit-Anmeldung aushändigen und den Namen ihrer Kontaktperson bei der Sterbehilfeorganisation angeben. Er will sich darum kümmern.
Auf dem Gang diskutieren die zwei Ärztinnen und der Arzt die Möglichkeit, Frau Rutschmann von einem Psychiater begutachten zu lassen, beziehungsweise ihr ein Antidepressivum zu geben. Währenddessen ist eine junge Pflegefachfrau auf dem Korridor damit beschäftigt, einen Toilettenstuhl mit einer Vertiefung für den Nachttopf zu reinigen und zu desinfizieren. Kunz vermutet im Fall von Frau Rutschmann, dass die Aussicht, nicht mehr selbstständig nach Hause zurückkehren zu können, bei der Patientin den Sterbewunsch ausgelöst hat. Er erwähnt in der Diskussion mit den Kolleginnen allerdings die Möglichkeit, dass ein Psychiater, der die Situation nicht genau kennt, Frau Rutschmann als suizidal einstufen könnte, was Kunz anders einschätzt und was zur Folge haben könnte, dass für die Frau eine fürsorgerische Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik angeordnet würde: eine Massnahme, die in den Augen des Chefarztes die Lebensqualität der schwer kranken Patientin massiv einschränken würde.
Die Lösung des Problems wird vertagt; ohnehin braucht es noch die Abklärungen bei Exit. Als Nächstes widmen sich Roland Kunz und seine zwei Kolleginnen den momentan einzigen zwei männlichen Patienten auf der Station. Der Erste, Herr Knobel, ist ein besonderer Fall, denn er ist nicht nur schwer krebskrank, sondern leidet auch an einer kognitiven Beeinträchtigung. Was genau die Ursache für diese geistige Einschränkung ist – ob er sie bereits seit der Geburt hat, sie einem Unfall oder einem Suizidversuch in jüngeren Jahren geschuldet ist –, bleibt unklar und geht aus der Patientenakte nicht hervor. Herr Knobel lebt normalerweise in einer Wohneinrichtung mit Betreuung.
Der sechzigjährige Mann leidet an Prostatakrebs, der Ableger in den Knochen gebildet hat, und zudem ist seine Nierenfunktion stark eingeschränkt. Er hat massive Ödeme, also Wassereinlagerungen an den Beinen, sowie vergrösserte Lymphknoten. Die Entzündungswerte – das zeigt die Laborauswertung der Blutproben – sind erhöht. Ihm wurde ein Dauerkatheter eingelegt, denn Herr Knobel kann im Bett nicht Wasser lösen. «Es ist schwierig, wichtige Dinge mit ihm zu besprechen», sagt die Assistenzärztin im Gespräch vor der Visite. «Er ist sehr dankbar für alles, klagt aber über starke Schmerzen im Intimbereich und am Rücken.»
Zur Visite kommt eine Tumorspezialistin dazu. Herr Knobel liegt auf dem Rücken, er berichtet über Schmerzen am Penis und am Rücken. Der Katheter sei unangenehm, sagt er. Dann fragt er, ob er ein Red Bull bekommen könne. Die Oberärztin verspricht ihm, sich darum zu kümmern. Roland Kunz verlässt kurz das Zimmer, um zu telefonieren. Die Tumorspezialistin erklärt Herrn Knobel, dass der Krebs weiterhin Probleme mache. Sie fragt: «Haben wir Sie richtig verstanden, dass Sie möchten, dass wir die Schmerzen lindern, Sie sonst aber keine weitere Behandlung wie beispielsweise eine Chemotherapie wünschen?» Es ist nicht klar, ob Herr Knobel die Frage richtig verstanden hat. «Man darf nichts erwarten», sagt er mehrmals, und fügt dann an: «Vielleicht könnte man das Leben noch etwas verschönern?» Seine Antwort – in Form einer Frage formuliert – könnte unter anderen Umständen in Anbetracht der reinen Frauenrunde, die jetzt am Bett des Patienten sitzt, anzüglich klingen. Die Oberärztin fragt ihn, wie er das meine, worauf Herr Knobel erneut eher fragend antwortet, eventuell könnte er sich einmal in den Rollstuhl setzen. «Haben Sie die Kraft dazu?», fragt die Tumorspezialistin. – «Ich habe kaum noch Kraft. Ich bin müde.»
Die Visite ist noch nicht zu Ende, aber es ist bereits Mittag. Nach einem schnellen Mittagessen, das sie in der Kantine des Spitals einnehmen, kehren Chefarzt Roland Kunz, die Oberärztin und die Assistenzärztin zurück auf die Abteilung. Sie stehen vor einer weiteren Türe zu einem der Patientenzimmer. Kunz, der das Trio anführt, klopft an. Es ist das Zimmer von Herrn Zindel, einem knapp sechzigjährigen Patienten, dem ein Krebsgeschwür am Übergang der Speiseröhre in den Magen herausoperiert wurde. Der Eingriff liegt fünf Jahre zurück. Seither war Herr Zindel sehr zurückhaltend, was weitere Therapien angeht, und es haben sich Metastasen in verschiedenen weiteren Organen gebildet. Aus den Krankenakten geht hervor, dass man den Patienten bei sich zu Hause, «eingenässt und eingestuhlt», am Boden aufgefunden hatte, bevor man ihn ins Spital brachte.
Zunächst ist unklar, ob er einen epileptischen Anfall oder einen Schlaganfall erlitten hatte. Roland Kunz vermutet, es könnten sich auch cerebrale Metastasen, also Krebsableger im Gehirn, gebildet haben. Der Patient selbst wünscht gemäss den Akten keine Behandlung. Die Pflegefachfrau hat in der Vorbesprechung berichtet, Herr Zindel verhalte sich abweisend, er höre Stimmen, leide unter Halluzinationen und nehme im Zimmer plötzlich nicht nachvollziehbare Bewegungen wahr. In der Krankengeschichte steht, der Patient habe früher viel Alkohol, Nikotin und Cannabis konsumiert.
Als der Chefarzt mit der Oberärztin und der Assistenzärztin das Zimmer betritt, sitzt Herr Zindel am Tischchen beim Fenster. Er ist ein kleiner Mann, mager geworden und mit strubbeligen Haaren, einem wilden Bart. «Wie geht es Ihnen heute?», will Roland Kunz wissen. «Ich kann es nicht beurteilen», gibt der Patient zur Antwort. «Entweder geht es schlechter oder besser.» Er sagt, er merke, dass er nicht für voll genommen werde. «Ich höre es die ganze Zeit. Man geht davon aus, ich hätte Halluzinationen.» Kunz hört Herrn Zindel zu und fragt ihn dann, was seine Motivation sei, am Leben zu bleiben. Der Patient erwähnt etwas von seinen Kindern sowie von seinem Vater, der sich das Leben genommen habe. Die Antwort auf die Frage des Arztes erschliesst sich jedoch nicht aus dem, was er sagt.
Frau Ahmadi, einer weiteren Patientin, geht es sehr schlecht an diesem sonnigen Dienstag. Das Leben der Mutter von drei erwachsenen Töchtern hängt an einem seidenen Faden. Frau Ahmadi ist Muslimin und stammt wie ihr Mann ursprünglich aus einem Land im Nahen Osten; die Familie lebt aber schon lange in der Schweiz. Die Fünfzigjährige leidet unter einem metastasierenden Mammakarzinom; Brustkrebs, der Metastasen im Gehirn und in der Lunge gebildet hat. «Die Patientin möchte noch sehr viel und hängt am Leben», berichtet die Oberärztin Hannah Schlau während der Vorbesprechung der Visite. Schlaus Aufgabe wird es sein, am Nachmittag das Gespräch mit der Familie am Runden Tisch zu leiten. «Die Familie weiss über die neusten diagnostischen Befunde bereits Bescheid», informiert sie die Kollegen. «Ich habe versucht, sie darauf vorzubereiten, dass es abwärts geht, auch wenn wir alles machen, was wir noch tun können.»
Die verantwortliche Pflegefachfrau erzählt, die Patientin sei heute schläfriger und müder als noch am Vortag. Der Mann und die Töchter, die sich am Bett von Frau Ahmadi abwechseln, hätten auch den Eindruck, sie sei deutlich verwirrter. Weil die Patientin wegen starker Schmerzen mit Morphium behandelt wird, ist allerdings schwierig zu beurteilen, ob die Verwirrtheit auf die Erkrankung oder auf die Medikamente zurückzuführen ist.
Die Pflegefachfrau wirkt besorgt. «Was passiert, wenn sie plötzlich ‹abstellt›?», fragt sie und meint damit, dass Frau Ahmadi einen plötzlichen Herzstillstand erleiden könnte. Die Patientin und ihre Familie haben sich bisher dafür ausgesprochen, in jedem Fall eine Reanimation in Anspruch zu nehmen. «Ich möchte das nochmals ansprechen», nimmt Oberärztin Schlau das Thema in der Vorbesprechung auf. «Eine Reanimation ist kein schöner Anblick und kann für alle traumatisierend sein.» Nicht selten brechen bei der Herzmassage Rippen, und wenn das Gehirn über längere Zeit zu wenig Sauerstoff bekommt, kann es schweren Schaden nehmen. Kunz erwähnt, die Haltung der Familie von Frau Ahmadi sei wohl auch auf deren Religiosität zurückzuführen. «In ihrem Glauben ist das Leben ein Geschenk, das man unter allen Umständen erhalten muss.» Er bestärkt die Oberärztin darin, mit der Familie noch einmal das Gespräch zu suchen.
Bei der Visite liegt Frau Ahmadi mit angewinkelten Beinen im Bett. Ihr Atem geht schwer, sie starrt mit weit geöffneten Augen und grossen Pupillen auf die Ärztinnen und den Arzt, der auf einem Hocker an ihrem Bett Platz nimmt. Ihm gegenüber sitzt Herr Ahmadi auf einem zweiten Bett; er hat die letzten Tage und Nächte bei seiner Frau in der Klinik verbracht. Kunz beginnt mit der Patientin zu sprechen, fragt, wie es geht mit dem Atmen. «Schwierig», sagt sie leise und gepresst. Auch wenn sie ruhig daliege, bereite ihr das Atmen Mühe. Der Mann sagt, seine Frau sei sehr müde, leide unter Verstopfung und habe keinen Appetit. Kunz antwortet: «Ihre Frau ist schwer krank. Darum hat sie keinen Appetit. Die Krankheit sitzt überall im Körper, deshalb ist sie so müde. Der Körper hat immer weniger Kraft, um das zu bewältigen, was er muss. Aber wir versuchen, mit Medikamenten etwas für die Verdauung zu tun. Wir schauen, dass sie keine Schmerzen hat. Aber dagegen, dass der Tumor überall sitzt, können wir nichts mehr tun.»
Etwas später sind neben dem Mann von Frau Ahmadi auch zwei ihrer drei Töchter zu Besuch. Für 16 Uhr ist das Gespräch geplant, an dem neben Oberärztin Hannah Schlau und Assistenzärztin Mahnoor Anwar auch die verantwortliche Pflegefachfrau und eine Mitarbeiterin der spezialisierten Palliative-Care-Spitex teilnehmen. Sie alle setzen sich um das Bett von Frau Ahmadi. Es geht darum, die unmittelbar nächsten Schritte zu besprechen.
Die Familie möchte wissen, wie lange es noch so weitergeht. Eine der Töchter sagt: «In diesem Zustand kann sie ja nicht nach Hause.» Schlau erklärt, ob eine Rückkehr nach Hause realistisch sei, hänge vielmehr davon ab, was die Familie tragen könne. Sie spricht Klartext, wählt ihre Worte aber mit Bedacht: «Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass es schlechter wird.» Die Mitarbeiterin der Palliative-Care-Spitex führt aus, dass die spezialisierte Pflege zu Hause fast rund um die Uhr gewährleistet werden könnte. Sie erwähnt jedoch auch, dass dies mit einem erheblichen Aufwand verbunden wäre.
Die Familie scheint den Ernst der Lage nun langsam zu realisieren. Es gibt aber noch viele Fragen, die sie beschäftigen, und auch die Entscheidung über eine allfällige Reanimation im Fall eines plötzlichen Herzstillstands ist noch nicht gefallen. «Ich sehe, dass das wenig sinnvoll wäre», sagt eine der Töchter. «Aber wir möchten das in Ruhe mit unserem Vater besprechen.» Dann fragt die zweite Tochter, ob es möglich wäre, Frau Ahmadi mit dem Flugzeug zu ihren Eltern ins Ausland transportieren zu lassen, damit die Familie von ihr Abschied nehmen könnte. Das Spital würde Hand dazu bieten und auch die entsprechenden ärztlichen Atteste ausstellen, antwortet die Oberärztin. Doch die Organisation müsste die Familie übernehmen. Auch die umgekehrte Möglichkeit wird nun noch kurz diskutiert: die Variante, die betagten Eltern von Frau Ahmadi in die Schweiz einzufliegen.
Schliesslich fragt die jüngere Tochter, ob es nicht möglich wäre, das Leiden ihrer Mutter «mit einer Spritze» zu verkürzen. Die Oberärztin erklärt, diese Option stehe nicht zur Verfügung. Grundsätzlich wäre ein assistierter Suizid mit Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation in der Schweiz möglich, jedoch nicht im Spital. Vorsichtig formuliert Schlau, dass die Lebenszeit von Frau Ahmadi ohnehin limitiert sei. Auf eine Reanimation, sagt sie, würde sie an der Stelle der Familie verzichten. «Wir sollten versuchen, Ihrer Mutter ein sanftes Sterben zu ermöglichen. Sie ist bei uns in guten Händen.» Herr Ahmadi und seine Töchter scheinen zu verstehen, was die Ärztin sagt. Ob sie die Tragweite in diesem Moment erfassen, ist nicht ganz klar.
Persönliche Erfahrungen mit Krankheit und Tod
«Das Bild des Sarges, der aus dem Haus getragen wird, werde ich nie vergessen. Im Sarg lag mein Vater, und das Haus, in dem er bis zu seinem letzten Atemzug blieb, hatte er selbst gebaut.» Der Palliativmediziner Roland Kunz ist geprägt von eigenen Erfahrungen mit Krankheit und Tod. Die Wahl, sich als Arzt auf die Disziplinen Geriatrie und Palliative Care zu spezialisieren, fiel nicht zufällig: Sein Vater starb 1984 nach einer längeren Krebserkrankung. Er wurde 62 Jahre alt. Dieses Erlebnis hat Kunz tief beeindruckt und seinen Werdegang beeinflusst.
Dass er Arzt werden will, wusste Roland Kunz allerdings schon seit der Zeit im Gymnasium. Er erinnert sich, dass er damals, während der Schulzeit, auf ein Buch über den deutsch-französischen Mediziner Albert Schweitzer (1875 – 1965) stiess. Dieser war als «Urwaldarzt» bekannt geworden und hatte in Lambarene im zentralafrikanischen Gabun ein Spital gegründet. Die Philosophie Schweitzers, der den Respekt vor den Menschen, den Tieren und der Natur propagierte, faszinierte Kunz. Er las alles, was er über den Arzt finden konnte. Der Pioniergeist und die Idee eines Spitals im Urwaldgebiet, von der Schweitzer beseelt war und die er zielstrebig umsetzte, begeisterten ihn. Der legendäre «Urwalddoktor» wurde zu seinem Vorbild.
«Die Geschichte Schweitzers hat mich in der Auffassung bestärkt, dass man immer Wege findet, um das zu erreichen, was man wirklich will», sagt Roland Kunz. «Albert Schweitzers Grundhaltung sowie die Ehrfurcht vor dem Leben und vor den Patienten imponierten mir. In der Jugendzeit war dies sicher eine meiner wichtigsten Prägungen.» Schweitzer wurde für ihn zu einer Schlüsselfigur. «Nachdem ich ihn entdeckt hatte, war für mich klar, dass ich Medizin studieren wollte.»
Roland Kunz ist mit einem zwei Jahre älteren Bruder in Tagelswangen, einem Dorf zwischen Zürich und Winterthur, aufgewachsen. Das Haus der Familie, gebaut vom Vater, der Architekt war, steht am Waldrand. Heute wohnt Roland Kunz hier mit seiner Frau Angie, einem Hund und «zwei geriatrischen Pferden», wie er sagt. In seiner Freizeit ist er mit dem Velo unterwegs oder einem Motorrad, das er hin und wieder mietet. Er mag es, im Winter Skitouren zu unternehmen und im Sommer in den Bergen zu wandern.
Kunz erinnert sich an eine glückliche, behütete Kindheit. Bis zum Tag, als er die Geschichte Albert Schweitzers hörte, wollte er Brückenbauer werden. Als Kind zeichnete er viel, vor allem Flugzeuge und Brücken, und er träumte davon, komplizierte Bauwerke zu entwerfen. Kunz erzählt, angesprochen auf seine Kindheit, aber auch von Eishockeypartien mit Kollegen auf dem winterlichen, zugefrorenen Waldweiher und von Schulkameraden, deren Eltern bei der Firma Maggi im nahen Kemptthal arbeiteten. Maggi ist die legendäre Lebensmittelfabrik, die für ihre Instantsuppen, Flüssigwürze und Suppenwürfel bekannt wurde. Sie war einst einer der bedeutendsten Arbeitgeber der Region; vom Geschäftsgang der Firma hing das Wohlergehen vieler Familien in der Umgebung ab.
Vater Heinrich Kunz führte ein Architekturbüro in Zürich und später auch in Winterthur. Er unterrichtete als Professor am Technikum in Winterthur, bis er an die ETH Zürich berufen wurde. «Vater arbeitete viel, er war wenig zu Hause», sagt Kunz, «und wenn er da war, bereitete er häufig Vorlesungen vor. Trotzdem gab er uns immer das Gefühl, dass wir ihm wichtig sind und er für uns da ist.» Er hatte nach dem Studium eine Zeit lang in Schweden gelebt und war fasziniert vom Falunrot oder Schwedenrot, der Farbe, die dort häufig an Hausfassaden zu finden ist. Sein eigenes Haus, das er für die Familie in Tagelswangen baute, liess er in diesem charakteristischen Rot streichen.
Roland Kunz beginnt nach dem Gymnasium das Medizinstudium, während sein Bruder Werner Architekt wird und später das Büro des Vaters übernimmt. Heute leitet Roland Kunz’ Sohn Oliver, der ebenfalls Architektur studierte, das Architekturbüro, das einst der Grossvater gegründet und aufgebaut hatte. Oliver Kunz ist mit Jahrgang 1985 das jüngste Kind von Roland Kunz und seiner Frau Angie. Vor ihm kamen 1983 Tochter Cornelia und im Jahr 1980 die älteste Tochter, Nicole, zur Welt. Alle drei haben mittlerweile selbst Kinder; Angie und Roland Kunz sind Grosseltern von sieben Enkeln.
Angie Kunz ist gelernte Pflegefachfrau, sie hat die Handelsschule absolviert und war in der Leitung einer Spitex tätig. Man könnte nun annehmen, hinter der Ehe verberge sich eine klassische Liebesgeschichte zwischen einem Arzt und einer Krankenschwester. Doch Angie und Roland Kunz lernen sich nicht im Spital kennen, sondern während eines Sprachaufenthalts in Cambridge, England, wo sich die Ostschweizerin und der Zürcher zufällig treffen. Sie begegnen sich zum ersten Mal in einem Pub, und aus dem Zusammentreffen entwickelt sich zunächst nicht mehr als eine nette Bekanntschaft. Ein Paar werden die beiden erst, als sie wieder zurück in der Schweiz sind.
Roland Kunz ist noch mitten im Studium, als seine Freundin 1980 mit der ersten Tochter schwanger wird, und sie beschliessen, zu heiraten. Seine Mutter nimmt die beiden wegen der unverhofften Schwangerschaft hoch und sagt, «als Arzt müsste man es doch eigentlich besser wissen.» Tochter Nicole kommt in Italien zur Welt, in Ligurien, wo Angie und Roland Kunz ein halbes Jahr wohnen, während er dort in einem Spital arbeitet. Dass sie jung Eltern geworden sind, betrachten sie heute als Vorteil. «Wir waren sehr unkompliziert und machten uns nicht so viele Gedanken. Die Kinder nahmen wir überallhin mit.»
Nach ihrer Rückkehr aus Italien lebt die Familie zuerst in Winterthur und dann drei Jahre lang in Rehetobel. In der kleinen Gemeinde in Appenzell Ausserrhoden hat Vater Heinrich Kunz einst ein einfaches, altes Häuschen gekauft, das nur mit einem Kachelofen beheizt wird. Roland Kunz nimmt im Spital Rorschach eine Stelle als Assistenzarzt in der Chirurgie und später in der Gynäkologie und Geburtshilfe an – mit Arbeitszeiten von bis zu achtzig Stunden pro Woche. Danach wechselt er ans Spital von Heiden, in die Innere Medizin. Sein Ziel ist, Hausarzt zu werden und später eine eigene Praxis zu eröffnen.
«Ich eignete mir bewusst ein breites medizinisches Wissen an», erzählt er. «An der Arbeit in den kleinen Spitälern gefiel mir besonders, dass man als diensthabender Arzt mitunter für die ganze Klink zuständig war: Ich musste Patienten mit Herzinfarkten behandeln, Schrammen nähen und helfen, Kinder zur Welt zu bringen.» Er habe damals den «ganzen Bogen des Lebens» gesehen. «Ich nahm wahr, wie sehr sowohl die Geburt als auch der Tod zum Leben gehören.»
Nach einer Zwischenstation am Spital in Uster arbeitet Kunz einige Zeit am Kantonsspital in Winterthur, wo die Familie damals auch wohnt. Nun wird das Projekt Selbstständigkeit immer konkreter. Er nimmt Gespräche auf über die Miete von Praxisräumlichkeiten in einem Neubau in Effretikon.
Zu seiner damaligen Tätigkeit auf der Abteilung für Innere Medizin im Spital Winterthur gehört, dass er als Assistenzarzt in ein Rotationsprinzip eingebunden ist: Die Assistenzärzte werden auch in der Altersmedizin eingesetzt und behandeln Bewohnerinnen und Bewohner der städtischen Pflegezentren. Kunz erinnert sich, dass ihm diese Begegnungen mit älteren Leuten die Augen geöffnet haben: «In den Pflegezentren entstanden enge Kontakte zu den Patientinnen und Patienten. Sie erzählten mir ihre Lebensgeschichten, ich lernte ihre Angehörigen kennen, und es entwickelten sich Beziehungen. Die Arbeit im Spital empfand ich zunehmend als Kontrast, der mich zum Nachdenken zwang. Es kam mir vor, als würden die alten Menschen im Akutspital mit den vielen Spezialisten in ihre Organe zerlegt. Niemand fühlte sich für das ‹Gesamtkonzept Mensch› verantwortlich. Bei der Arbeit im Pflegezentrum aber standen die Persönlichkeit und die Individualität der Bewohner im Zentrum.»
Diese Erfahrung bewegt ihn schliesslich dazu, sich ganz der Geriatrie zuzuwenden. Kunz nimmt eine Stelle als Heimarzt im Pflegezentrum Oberi in Winterthur an. Dabei bleibt es aber nicht: In den Jahren von 1988 bis 1999 führt er in den Räumlichkeiten des Heims zusätzlich seine eigene Hausarztpraxis. «Zu mir kamen viele Familien, um die Kinder impfen oder Kinderkrankheiten behandeln zu lassen. Das war ein schöner Ausgleich zur geriatrischen Tätigkeit, bei der man häufig weiss, dass die Leute nie mehr ganz gesund werden.»
Was in der Theorie eine ideale Kombination ist, erweist sich in der Praxis als immer grösserer Spagat. Der Plan, halbtageweise jeweils fürs Krankenheim beziehungsweise für die Praxis tätig zu sein, ist allzu ehrgeizig. Die Arbeit droht ihm über den Kopf zu wachsen. Die Fälle im Pflegezentrum sind komplex, und die Patientinnen und Patienten beanspruchen den Arzt zeitlich sehr stark. Es kommen Notfalldienste und Notfallbehandlungen in der Praxis dazu, die er ebenfalls abdecken muss und die auch sein Familienleben tangieren. «Ich merkte, dass ich mich entscheiden muss, was ich langfristig machen will», erinnert er sich. Die Altersmedizin, die Geriatrie, interessiert ihn, und es ist absehbar, dass diese in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnen wird. Die Leute werden älter, sie leiden an unterschiedlichen Krankheiten, viele werden dement. Die Forschung hierzu schreitet voran. Was früher noch als «Vergesslichkeit» im Alter abgetan wurde, gewinnt als Krankheitsbild an Bedeutung. In Fachkreisen werden erste Erkenntnisse über Demenz rege diskutiert. In der breiten Öffentlichkeit hingegen fehlt das Bewusstsein noch, dass Demenzerkrankungen zur grossen Herausforderung der Zukunft werden würden.
Für Kunz geben in erster Linie die erwähnten persönlichen Gründe den Ausschlag, die Praxis und die Anstellung als Heimarzt in Winterthur aufzugeben. Er wechselt ans Spital Limmattal, wo er die ärztliche Leitung des Pflegezentrums übernimmt. Dort baut Roland Kunz schliesslich eine Palliativstation auf – eine der ersten in der Schweiz. Davon wird später noch die Rede sein. Bei seiner Beschäftigung mit Palliative Care profitiert er von seinen Erfahrungen als Arzt in der Geriatrie. Doch auch persönlich hat er in der Zeit davor Einschneidendes erlebt, das ihn dem Thema Sterben näherbringt. In den 1980er-Jahren wird Roland Kunz zum ersten Mal im eigenen, engsten Umfeld mit dem Tod konfrontiert. Er begleitet seinen Vater, der schwer erkrankt ist, bis zum Tod.
Vater Heinrich Kunz wird 1982 mit der Diagnose Darmkrebs konfrontiert. Er ist damals sechzig Jahre alt. Der zu diesem Zeitpunkt 27-jährige Sohn befindet sich im letzten Studienjahr und – als ihn die schlechte Nachricht erreicht – mitten im Staatsexamen. «Ich hatte schon befürchtet, dass es Darmkrebs ist», sagt Roland Kunz rückblickend. Aufgrund der Symptome, die ihm der Vater geschildert habe, sei er von der Diagnose nicht überrascht worden.
Heinrich Kunz ist bei einem Hausarzt in Behandlung. Dieser empfiehlt ihm für die bevorstehende Operation einen Chirurgen, den er persönlich kennt. Nach dem langen, komplizierten Eingriff besucht Roland Kunz seinen Vater im Spital, als gerade der behandelnde Arzt im Zimmer des frisch operierten Patienten vorbeikommt. Roland Kunz fragt den Chirurgen, ob er kurz Zeit habe, um mit ihm zu sprechen. Dieser wimmelt ihn jedoch ab und rät ihm, über das Sekretariat einen Termin zu vereinbaren.
Am gleichen Abend ist auch Roland Kunz’ Mutter Verena zu Besuch im Spital. Kunz erinnert sich: «Der Arzt bat sie hinaus auf den Gang und warf ihr an den Kopf, es sehe nicht gut aus für meinen Vater.» Mit dem Patienten selbst spricht der Chirurg nicht. Es ist die Mutter, die dem Vater und später auch dem Sohn erzählt, was der Arzt zu ihr gesagt hat. Kunz nimmt dieses Verhalten des Chefarztes als ausgesprochen schlechtes Beispiel einer Arzt-Patienten-Kommunikation wahr, was ihn sehr verärgert. Er schreibt dem Chirurgen einen Brief an dessen Privatadresse und teilt ihm mit, er fühle sich nicht ernst genommen. Er teilt ihm mit, es wäre in seinen Augen besser gewesen, die Sache gemeinsam mit allen Betroffenen zu besprechen. Nach einiger Zeit bekommt er eine Antwort: Die Frau des Chirurgen schreibt ihm zurück und nimmt ihren Mann in Schutz.
«Mein Vater war der Typ ‹stiller Dulder›. Er nahm den Schicksalsschlag der Krankheit hin und versuchte, das Beste daraus zu machen und trotzdem irgendwie ins Leben zurückzufinden», erzählt Kunz. «Er kehrte nach dem Eingriff an seinen Arbeitsplatz an der ETH zurück, sobald es ihm möglich war. Doch seine Kräfte schwanden, und er verlor immer mehr an Gewicht. Man sah ihm an, dass es mit der Operation nicht getan war und die Krankheit fortschritt.»
Der Krebs dehnt sich aus, es bilden sich Metastasen. Heinrich Kunz hat einen harten, aufgetriebenen Bauch und leidet zunehmend unter Schmerzen. Die ganze Familie realisiert, dass es abwärts geht und die gemeinsame Zeit beschränkt ist. «Wir sprachen alle zusammen offen darüber», erklärt Kunz. «Das baldige Ableben meines Vaters integrierten wir ganz natürlich in unsere Gespräche.»
Auf der anderen Seite nimmt bei Roland Kunz die Enttäuschung und Empörung zu. Sein Unverständnis über das Verhalten des Hausarztes, bei dem der Vater in Behandlung ist, wird grösser. Der Arzt will offenbar nicht wahrnehmen, wie krank sein Patient ist; er fragt nie nach, was diesen beschäftige. «Er behandelte meinen Vater, als ob dieser noch eine Lebenserwartung von dreissig Jahren gehabt hätte», erzählt Roland Kunz. «Entsprechend nahm er auch die Schmerzen, die meinen Vater immer mehr quälten, nicht ernst.» Als der Hausarzt Heinrich Kunz bei einer Konsultation ein leichtes, nicht rezeptpflichtiges Schmerzmittel und einen Verdauungstee verschreibt, ist das Mass voll. Für Roland Kunz ist das der Beweis, dass der Arzt mit der Situation überfordert ist. Er wendet sich mit der Unterstützung eines befreundeten Ärzte-Ehepaars an einen Magen-Darm-Spezialisten. Es ist der richtige Entscheid. Der Spezialist geht professionell mit der Situation um, anerkennt den Ernst und bespricht ehrlich mit der ganzen Familie, was auf sie zukommen wird. Roland Kunz steht seinen Eltern während dieser Zeit bei medizinischen Fragen stets zur Verfügung. Als Arzt fühlt er sich zu unerfahren, um die Behandlung seines Vaters allein zu übernehmen.
Knapp zwei Jahre nach der Diagnose stirbt der Vater daheim in Tagelswangen, umgeben von seiner Familie. Nur in den letzten Tagen schafft er es nicht mehr, die Treppe vom Schlaf- hinunter ins Wohnzimmer zu bewältigen. Er zieht sich immer mehr zurück. Der Tod des Vaters ist für Roland Kunz ein Schlüsselerlebnis: Er erlebt hautnah, was es bedeutet, wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt ist und sich langsam verabschiedet. Die eigene Betroffenheit ist eine grosse Motivation für ihn, sich in den folgenden Jahren in der Palliative Care zu engagieren.
Die Mutter, Verena Kunz, verlässt einige Jahre nach dem Tod des Vaters das Haus in Tagelswangen, und Roland Kunz zieht mit seiner eigenen Familie dort ein. Die Mutter bezieht eine Wohnung in Wallisellen, bis sie selbst schwer erkrankt. 2002 erhält sie die Diagnose Gebärmutterkrebs. Als es ihr zunehmend schlechter geht, kehrt sie nach Tagelswangen zurück. Drei Generationen leben nun unter einem Dach. Diesmal übernimmt der Sohn eine andere Rolle als während der Krankheit des Vaters: Er trägt die Verantwortung für die Behandlung und gerät in eine nicht einfache Doppelrolle als Sohn und als Arzt.
Die folgende Zeit ist herausfordernd, denn Kunz reflektiert bewusst bei jedem anstehenden medizinischen Entscheid, aus welcher Perspektive er diesen fällt. Er möchte den Bedürfnissen der Mutter möglichst gerecht werden. «Sich dieser Doppelrolle und der Komplexität bewusst zu werden, brauchte viel Disziplin», sagt er heute. Ging es etwa darum, die Dosis der Opiate zu erhöhen, um die Schmerzen zu stillen, fragte er sich, welchen Blickwinkel er bei der Anpassung der Dosierung einnehmen sollte: den des Sohnes, der das Leiden der Mutter nicht mehr mitansehen kann, oder den des Mediziners, der den Tod nicht beschleunigen möchte?
Verena Kunz, die zur Zeit der Diagnosestellung 79 Jahre alt ist, geht mit ihrer Erkrankung ganz anders um als ihr Mann. Sehr bald zieht sie sich vom gesellschaftlichen Leben weitgehend zurück. Eine gewisse Reserviertheit, die ihr schon vorher eigen war, scheint sich zu verstärken. Sie möchte Menschen, die nicht zur Familie gehören, nicht mit ihrer Krankengeschichte belasten und scheut sich, ihre körperliche Schwäche und Hinfälligkeit gegen aussen zu zeigen. Mit der eigenen Familie aber pflegt sie auch in dieser schwierigen Zeit einen offenen Austausch. Sie stellt ihrem Sohn viele medizinische Fragen und verlangt von ihm ehrliche Antworten. Der Sohn und die Schwiegertochter pflegen sie Tag und Nacht. Einen grossen Teil der Arbeit übernimmt Angie Kunz. «Wir konnten sie nicht lange im Haus allein lassen», erinnern sich die beiden. «Gleichzeitig mussten wir aufpassen, dass unser eigenes Familienleben nicht zu kurz kam. Wir waren uns bewusst, dass die Gefahr der Erschöpfung gross ist.» Verena Kunz stirbt schliesslich 2004, im Alter von 81 Jahren.
Die Erlebnisse mit den eigenen Eltern bestärken Roland Kunz auf seinem weiteren Weg. Für ihn bestätigt sich, dass es eine grosse Lücke gibt in der Versorgung schwer kranker Menschen, die viel mehr als nur ärztliche Tätigkeiten umfasst. Heute sagt er, dass es selbst 2004, als seine Mutter im Sterben lag, noch praktisch keine Hausärzte mit Palliative-Care-Kompetenzen gab. Er selbst hat sich zu dieser Zeit bereits ein grosses Wissen in der Pflege und Betreuung schwer kranker und sterbender Menschen angeeignet und engagiert sich in entsprechenden Fachkommissionen.
«Die eigene Erfahrung half mir, zu verstehen, wie gross die Belastung durch eine schwere Krankheit für eine betroffene Familie sein kann», hält er rückblickend fest. «Auch darum rate ich pflegenden Angehörigen immer, rechtzeitig Unterstützung zu holen, um nicht auszubrennen.» Die eigene Betroffenheit hat ihm noch etwas anderes vor Augen geführt: «Seit diesen Tagen weiss ich, wie wichtig es ist, dass Angehörige auch im Spital genug Zeit bekommen, um von einem verstorbenen Familienmitglied Abschied zu nehmen. Mein Vater blieb 24 Stunden aufgebahrt bei uns zu Hause, nachdem er gestorben war. Mir half das, seinen Tod zu realisieren und einzuordnen. Auch im Spital sollen sich Angehörige ohne Zeitdruck von ihren verstorbenen Liebsten verabschieden können.»
Die persönlichen Erfahrungen haben ihn noch etwas anderes gelehrt, das seinen Alltag prägt: Pläne nicht aufzuschieben. «Ich nahm meinen Vater, bevor er starb, als älteren Mann wahr, der vor der Pensionierung steht. Als er starb, dachte ich, es sei doch viel zu früh dafür», sagt Roland Kunz. «Mein Vater hatte Träume und Projekte stets vor sich hergeschoben und auf die Zeit nach dem Ruhestand vertagt. Nach seinem Tod sagte ich mir: Das soll mir selbst nicht passieren.»
Kunz versucht seither, seinem inneren Antrieb zu folgen und Pläne, die ihm wichtig sind, rechtzeitig in die Tat umzusetzen. Ohne die Endlichkeit aus den Augen zu verlieren.
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