Читать книгу: «Toleranz - schaffen wir das?»

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Inhalt

Vorwort von Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate

Prof. Dr. Aleida Assmann

Respekt und Gemeinsinn

Prof. Dr. Jan Assmann

Wahr ist, was uns verbindet

Dr. Dietmar Bartsch

Wie kann das friedliche Zusammenleben der Religionen in Deutschland gelingen?

Christina Brudereck

Toleranz, Hauptwort, feminin (die)

Ali Can

Toleranz reicht nicht!

Rabbiner Professor Walter Homolka PhD PhD DHL

Vom „christlichen Abendland“ hin zu einem pluralistischen Europa: religiöse Toleranz aus jüdischer Sicht

Dr. Navid Kermani

Europa als offener kultureller Raum

Dr. h.c. Charlotte Knobloch

Die Begegnung mit Respekt und Neugier ist eigentlich alles, was es braucht

Ijoma Mangold

Visibilitätsausländer

Sabine Marx

Toleranz im Netz

Martin Mosebach

Toleranz. Versuch einer Begriffsklärung

Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama

Das Judentum und seine Haltung zu anderen Religionen

Prof. Dr. Eckhard Nordhofen

Schibboleth oder die Vorzüge der starken Toleranz

Dr. Manfred Osten

„Dulden heißt Beleidigen“ – Zur Aktualität des Goetheschen Toleranz-Verständnisses

Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

Was zählt? Das Streben nach Anerkennung in unserer Zeit

Erzbischof Dr. Ludwig Schick

Perspektiven für den christlich-islamischen Dialog in Deutschland

Düzen Tekkal

Toleranz erfordert den Mut zu handeln, Fehler zu machen und Gegenwind auszuhalten

Prof. Dr. Bassam Tibi

Toleranz bedeutet nicht Selbstaufgabe und schließt ein, „Nein“ sagen zu können

Und jetzt? – Ein Nachwort von Annette Friese

Dank

Vorwort

von Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate

Viele Jahre lang habe ich die Idee mit mir getragen, ein Werk herauszubringen, das die große Vielfalt und tiefe Bedeutung des schönen Wortes Toleranz beleuchtet. Toleranz zählt in meinen Augen zu den Grundpfeilern zivilisierten Lebens. So bin ich sehr glücklich, dass dies durch die Bekanntschaft mit meiner Mitherausgeberin, Frau Annette Friese, und dem von ihr vertretenen adeo Verlag möglich wurde. Ich gebe gerne zu, dass ich mir nie hätte vorstellen können, eine solche Fülle diverser Ansichten und Meinungen von angesehenen und hochqualifizierten Persönlichkeiten aus Literatur, Politik und Geistesleben zu umfangen, wie sie nun in diesem Buch versammelt sind. An der Liste der Autoren wird der Leser selbst die Spannweite der Beiträge abschätzen können. Ich bin sehr stolz, dass dieses Buch in der Lage ist, einen Bogen zu spannen, der unterschiedlichsten Denktraditionen ein gemeinsames Forum bietet. Für mich ist auch das ein Zeichen gelebter Toleranz. Jedem einzelnen möchte ich darum für seinen Beitrag von ganzem Herzen danken!

Trotzdem empfinde ich dieses Buch als ein persönliches Buch. Seine Entstehung hat mit meinem Lebensweg zu tun, damit, woher ich komme, wie ich aufgewachsen bin und was mich geprägt hat. Mein Vaterland ist Äthiopien. Es ist ein Land, in dem die drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – seit Urzeiten eine gemeinsame Heimat haben. Ich bin nicht nur mit Freunden aufgewachsen, die, wie ich, sonntags in die Kirche gingen, sondern genauso selbstverständlich waren Freunde, die den Sabbat feierten oder freitags die Moschee besuchten. Zu den großen religiösen Festen haben wir uns gegenseitig eingeladen. Ich empfand es immer als Wonne, nicht nur Weihnachten, Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten zu zelebrieren, sondern mit den Familien meiner Freunde auch ihre Feste zu feiern: den islamischen Ramadan, besonders das Zuckerfest, das Fastenbrechen, oder mit jüdischen Freunden den Sabbath. Da gab es nicht nur festliche Mahlzeiten, Kerzen und Weihrauch, sondern auch die verschiedenen rituellen Handlungen, die ich mit Staunen und Neugier beobachtete und kennenlernte. Alle diese Feste hatten eines gemein: Im Mittelpunkt stand das Heilige, das uns Menschen überstrahlt, demütig werden lässt und zur Besinnung ruft. Immer ging es um Dank, um Verehrung, um Erlösung, darum, den Kopf zu senken und sich zu verneigen vor dem Unsagbaren, vor dem Unvorstellbaren, vor Gott.

Meine Eltern haben uns Kinder gelehrt, wie sehr wir es als Glück und Bereicherung empfinden dürfen, dass die drei abrahamitischen Religionen in Äthiopien seit vielen Generationen in friedlicher Koexistenz nebeneinander gelebt werden. Das äthiopische Kaiserhaus, das seinen Ursprung auf die Begegnung der biblischen Königin von Saba mit König Salomon zurückführt, blickt auf eine lange christliche Tradition zurück. Kaiser Ezana nahm bereits im 4. Jahrhundert den christlichen Glauben an. Das äthiopisch-orthodoxe Christentum ist seit Jahrhunderten die Hauptreligion des Landes. Trotzdem erinnere ich mich immer mit Freude an einen nahen Blutsverwandten, den wir Kinder ‚Onkel Rahmato‘ riefen. Er verwöhnte uns an islamischen Feiertagen gerne mit importierten Süßwaren. ‚Onkel Rahmato‘ stammte aus der Provinz Selte im südlichen Äthiopien. Er war ein wohlhabender muslimischer Kaufmann und ein anerkanntes Mitglied unserer Familie. Unser ‚Wir‘ schloss Menschen, die Gott auf eine andere Weise verehren, selbstverständlich mit ein.

Zu meiner religiösen Prägung durch äthiopische Traditionen kam später meine Ausbildung in Europa. Sie lehrte mich, die Werte der Aufklärung zu schätzen, und formte mich zu einem „lupenreinen“ Demokraten. Zugespitzt lässt sich das, was Europa mich lehrte, an einem Wort erkennen: Hierzulande gibt es den Begriff ‚Gegner‘ als Bezeichnung für eine Person, die eine abweichende Meinung vertritt. In den über 2.000 Sprachen auf dem afrikanischen Kontinent, gibt es kein wirkliches Äquivalent für dieses Wort. Stattdessen kennen die afrikanischen Sprachen nur den Feind. Inzwischen betrachte ich die Existenz eines Gegenübers, das Gegner sein kann ohne zum Feind zu werden, als die Basis von Demokratie und Toleranz. Doch nur wenn wir mit tiefster Überzeugung akzeptieren und anerkennen können, dass ein jeder Mensch das Recht hat, anders zu sein als wir selbst, anders zu denken und anders zu glauben, und wir trotzdem mit ihm in einen gewaltfreien Dialog treten können, nur dann haben wir – davon bin ich überzeugt – das Fundament von Demokratie und Toleranz verstanden.

Vor diesem Hintergrund nimmt es sicherlich nicht wunder, dass es mir zur Lebensphilosophie wurde, Toleranz und Verständnis füreinander zu fördern, wo immer mir das möglich ist. Besonders liegen mir die drei brüderlichen Religionen am Herzen. Juden, Christen und Muslime verehren einen Gott. Jeder Gläubige dieser drei Religionen wird zustimmen, wenn wir sagen: Er ist der Gott Abrahams, Isaaks, Ismaels und vor allem der Gott Moses. Daran müssen wir immer erinnern. Wir müssen aber auch erklären, dass es für uns als Christen keinen anderen Weg zu Gott gibt als durch unseren Heiland Jesus Christus. Mein jüdischer Glaubensbruder wird dagegen auf den Gesetzen Moses‘ und dessen Bund mit Gott beharren, so wie mein muslimischer Bruder keinen anderen Weg zu Gott kennt als durch Mohammed und den Koran.

Wir sollten uns der Unterschiede und manchmal tiefen Gräben durchaus bewusst sein, die Gläubige unterschiedlicher Religionen voneinander trennen. Juden, Christen und Muslime gehen seit Jahrtausenden eigene Glaubenswege mit eigenen Traditionen, eigenen Ritualen und eigenen Überzeugungen. Aus meiner Sicht aber verbindet alle Gläubigen, die sich auf die Heilige Schrift berufen, ein gemeinsames Ziel: den Willen Gottes in die Welt zu tragen und in unserem Leben sichtbar zu machen.

Toleranz sehe ich dabei nicht als ein achselzuckendes, passives Dulden des Andersseins oder als gönnerhaftes Gewährenlassen. Darauf weist auch Goethes Aphorismus in aller Schärfe hin, wonach etwas lediglich zu dulden, es zu beleidigen hieße. Ich plädiere für den Aufbruch von einer schwachen zu einer starken Toleranz, die ein Miteinander im Dissens ermöglicht. Voraussetzung dafür ist, die eigenen Traditionen zu kennen und zu ehren, denn nur dann kann ich mit dem anderen überhaupt in Dialog treten und seine Position würdigen. Ziel ist ein aktives Respektieren, das auf Vernunft und Werten wie Offenheit, Gerechtigkeit und Freiheit basiert.

Engagement für Toleranz bedeutet in diesem Sinne auch, sich der Grenzen der Toleranz bewusst zu sein. Sie sind immer dann erreicht, wenn die Würde eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen in Abrede gestellt wird.

Die christliche Antwort zur Frage nach der Würde des Menschen ist dabei diese: Der Mensch erwirbt seine Würde nicht. Er kann sie deshalb auch nicht verlieren. Sie ist jedem einzelnen Menschen schon vor Beginn der Schöpfung gegeben und liegt in dem Willen Gottes, den Menschen nach seinem Abbild zu schaffen. Diese Würde ist darum allen Menschen zuteil und eigen, gleich woher sie stammen, welche Sprache sie sprechen, welche Hautfarbe sie haben, ob sie politisch uninteressiert oder besonders radikal sind, ob gesetzestreu oder Gesetzesbrecher. Sie steht natürlich auch allen Nicht-Christen zu. Alle Menschen sind nach dem Abbild Gottes geschaffen.

Deswegen ist es von Bedeutung, dass die Verfassungen unserer modernen Staaten wie auch völkerrechtliche Dokumente, nicht selbst eine Begründung für die Menschenwürde und die Menschenrechte geben oder gar vorschreiben, sondern sie lediglich wie ein Axiom nennen. Dadurch wird deutlich, dass das Bekenntnis zur Würde nicht Ausdruck irgendeines weltanschaulichen Interesses ist, sondern dass ihr Gehalt für Angehörige unterschiedlicher kultureller Herkunft und weltanschaulicher Orientierung im Kern ein und derselbe ist. Der zentrale Punkt, um den es dabei geht, ist der Respekt vor der Person.

Besonders schön spiegelt sich dieser Respekt vor dem anderen, die grundsätzliche Würde, die man ihm zuschreibt, meiner Meinung nach in der indischen Tradition wider und zwar bereits in der einfachen Geste, dass ein frommer Hindu sein Gegenüber mit dem Ausspruch ‚Namaste’ begrüßt (dt.: „Verbeugung zu dir“). Einer Überlieferung zufolge soll Mahatma Gandhi auf eine Nachfrage von Albert Einstein, was er denn mit dem Gruß ‚Namaste’ ausdrücken wolle, dem Wissenschaftler Folgendes geantwortet haben: „Ich ehre den Platz in dir, in dem das gesamte Universum residiert. Ich ehre den Platz des Lichts, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens und der Weisheit in dir. Ich ehre den Platz in dir, wo, wenn du dort bist und auch ich dort bin, wir beide nur noch eins sind.“

Alle Menschen und alle Kulturen sind miteinander durch geheime Fäden verwoben. In der indischen Tradition wird das sehr schön mit dem ‚Netz Indras‘ beschrieben. Jeder Knoten in diesem Netz ist besetzt mit einem Edelstein und steht für ein Einzelwesen; und jedes dieser Wesen spiegelt die anderen wider. Wenn wir uns in diesem Netz Indras betrachten, sind wir nicht nur das Selbst, das diesen individuellen Körper bewohnt, sondern wir sehen uns verbunden mit allen anderen. Die anderen strahlen auf uns zurück und bereichern uns. Zum großen Erstaunen vieler Menschen, sprechen heute auch moderne Physiker in ähnlichen Bildern, wenn sie versuchen, das wahre Wesen unserer Welt zu beschreiben.

Meine Hoffnung ist, unseren Kindern und Enkeln eine tolerantere Welt zu hinterlassen, in der Respekt vor anderen Werten, Traditionen und Religionen selbstverständlich ist. Wenn wir bereit sind, unser interkulturelles Bewusstsein zu schärfen, wenn wir erkennen, wie sehr wir alle durch vergessene Fäden miteinander verknüpft sind, sollte es uns nicht schwerfallen, mit Menschen anderer Herkunft, Tradition und Überzeugung gleichberechtigt und tolerant zusammenzuleben. Dann können wir ihr jeweiliges kulturelles Erbe als Bereicherung für unser eigenes Leben erfahren, statt uns davon bedroht zu fühlen.

August, 2020



Foto: picture alliance/dpa, Foto: Horst Galuschka

Prof. Dr. Aleida Assmann

Jahrgang 1947 in Gadderbaum, Studium der Anglistik und Ägyptologie in Heidelberg und Tübingen, Anglistin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin; 1993–2014 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz, zahlreiche Gastprofessuren im In- und Ausland. Forschungsschwerpunkt: kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung. Balzanpreis 2017 zusammen mit Jan Assmann; Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018 ebenfalls zusammen mit Jan Assmann. Zuletzt erschienen: „Formen des Vergessens“ (2016), „Menschenrechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft“ (2018), „Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte“ (2018). Wohnhaft in Konstanz.

Respekt und Gemeinsinn
Erster Teil: Respekt

Der Schriftsteller, Journalist und Verleger Joseph Addison, der im England des beginnenden 18. Jahrhunderts mit seinen neuen Journalen viel für die Ausbreitung des Lesens getan hat, beschrieb auch die Börse in London, das ökonomische Zentrum der damaligen Welt, als Mittelpunkt eines neuen globalen Welthandels.

„Ich empfinde ein grenzenloses Wohlbehagen, wenn ich mich unter die verschiedenen Agenten des Handels mische. […] Mal bin ich zusammengeworfen mit einer Gruppe Armenier, mal verliere ich mich in einer Menge von Juden, und mal find ich mich unter den Holländern. Ich bin abwechselnd Däne, Schwede, Franzose und komme mir vor wie jener antike Philosoph, der auf die Frage nach seiner Herkunft antwortete, er sei Weltbürger.“ 1

In der Welt, die Addison beschreibt, haben die Händler größere Bedeutung für die Gesellschaft gewonnen als ihre politischen Herrscher. Handel fördert nach Addison den sozialen Gemeinsinn (common sense), der auf ein bürgerliches ökonomisches Gemeininteresse (common interest) gegründet ist. Geld, das wird deutlich, neutralisiert Fremdheit und schafft neue Bedingungen für interkulturelle Kommunikation und Interaktion. Man kann in dem Maße höflich miteinander umgehen, ja man kann sich sogar imaginativ mit allen Fremden identifizieren, indem man sich als Teil eines neuen, übergeordneten Ordnungs- und Sozialzusammenhanges des globalisierten Welthandels erfährt.

Auch die Schriften des Philosophen Shaftesbury handeln von diesem Konzept von Sozialität, das fundamentalistische Werte ausschließt und als ein Zusammenhang von ökonomischer Selbstregulierung und individueller Selbststeuerung konzipiert ist. Er verwirft nach Whig’scher Manier jegliche Form der Außensteuerung.2 An deren Stelle tritt die Ökonomie der ‚invisible hand‘ und die Selbstkontrolle des Individuums.

Ich möchte hier Addisons Beschreibung des kosmopolitischen London mit Ulrich Becks Beschreibung der ‚Weltgesellschaft‘ fast 300 Jahre später vergleichen: „Was die Menschen scheidet – religiöse, kulturelle und politische Unterschiede –, ist an einem Ort, in einer Stadt, immer öfter sogar in einer Familie, in einer Biografie präsent.“ Beck spricht auch von einer „Multiplen Welten-Gesellschaft“, in der „Vielfalt ohne Einheit“ herrscht.3 In dieser Gesellschaft „wächst zusammen, was nicht zusammengehört“; Fremdes und Eigenes bestehen nebeneinander in widerspruchsvoller Vielfalt und Andersheit. Die multikulturelle Weltgesellschaft, so fügt er hinzu, sollte nicht mit dem Wort ‚kosmopolitisch‘ verklärt werden; „sie führt weder zu einer Vermischung der Kulturen noch automatisch zu einem höheren Niveau des Verstehens und der Toleranz, sondern oft genau im Gegenteil zu Abschottungen und Xenophobie“.4

Diese Sätze über die Dynamik der Globalisierung wurden 1998 geschrieben; nach dem 11. September 2001 war es ohnehin nicht mehr nötig, vor Verklärung und Euphorie zu warnen. Die Flugzeuge, die damals am heiteren Morgenhimmel in Manhattan einschlugen, zerstörten genau das Zentrum des Welthandels, das Addison Anfang des 18. Jahrhunderts als kosmopolitischen Ort par excellence bewundert und gepriesen hatte. Die Aktien, die dort gehandelt, und die enormen Vermögen, die in der frühkapitalistischen Ära dort gemacht wurden, beruhten weitgehend auf dem Sklavenhandel und der Ausbeutung der Kolonien.

Die Utopie vom Handel als einheitsstiftendem Rahmen und „common interest“ einer globalisierten Welt erweist sich im Nachhinein als ein halbiertes Bild von der Geschichte, das die traumatischen Erfahrungen ihrer Opfer konsequent ausblendet. Nachdem inzwischen auch die fundamentalistischen Werte zurückgekehrt sind, die Aufklärer des 18. Jahrhunderts wie Shaftesbury verbannt hatten, ist auch der Terror wieder Teil des Alltags geworden.

Angesichts der schrillen Differenz von kulturellen Lebensformen und religiösen Überzeugungen, die auf engstem Raum zusammentreffen, muss nach einem neuen gesellschaftlichen Rahmen gefragt werden, der das friedliche Koexistieren der Menschen auf dem geschrumpften Globus regeln kann. Dafür möchte ich den Begriff ‚Respekt‘ als Ergänzungsbegriff zu ‚Höflichkeit‘ einführen. ‚Respekt‘ wird gebraucht als eine neue Form interkultureller Höflichkeit. Richard Sennett hat darauf hingewiesen, dass es modernen Gesellschaften „an positiven Ausdrucksformen für Respekt und die Anerkennung von anderen über soziale Grenzen hinweg“ 5 mangelt. Bevor wir entscheiden können, ob der Begriff Respekt eine neue Rolle spielen kann, müssen wir zunächst auf seine Bedeutung und Geschichte eingehen.

Respekt und Toleranz

Respekt geht auf das Wort ‚respicere‘ zurück, das wörtlich ‚zurückschauen‘ heißt. Respekt ist offensichtlich mit Rücksicht und Nachsicht, den Kardinaltugenden der Höflichkeit, eng verwandt. Wir müssen andere allerdings erst einmal wahrnehmen, sehen und Acht geben, bevor wir auf sie Rücksicht nehmen können. Der Begriff ‚Respekt‘ changiert dabei zwischen den Polen ‚Angst‘ und ‚Bewunderung‘.

Neben Höflichkeit hat der Begriff ‚Respekt‘ einen Vorgänger, den er heute immer häufiger ersetzt: ‚Toleranz‘. ‚Toleranz‘ galt lange Zeit als eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung. Warum ist dieser Begriff im Kurs gefallen? Es sind vor allem zwei Defizite, die heute die Kritik am Toleranzbegriff bestimmen:

1 Er strukturiert vertikale Beziehungen und affirmiert Hierarchien, weil er von oben nach unten gerichtet ist.

2 Er unterstreicht den passiven Charakter der Duldung, des Ertragens, Hinnehmens und Aushaltenkönnens sowie das Ignorieren und die Indifferenz. Dem Begriff der ‚Toleranz‘ fehlt somit der aktive Anteil der positiven Anerkennung, der Würdigung des Anderen, die etwas mit der Affirmation von Würde zu tun hat.

Wir können aber auf Toleranz im Sinne von ‚dulden‘ und ‚ertragen‘ auf keinen Fall verzichten, denn es gibt weiterhin vieles, womit wir leben müssen, ohne es positiv anerkennen zu können. Reichsbürger zum Beispiel werden in unserer Demokratie nicht respektiert, aber toleriert, solange sie nicht gegen die demokratische Grundordnung verstoßen. Wir dulden auch Pornografie, ohne sie zu respektieren, aber wir dulden keine Kinderpornografie.

In den letzten Jahren haben sich die Toleranzschwellen stark verschoben. Vieles, was frühere Gesellschaften selbstverständlich duldeten wie die Sklaverei, die Kinderarbeit oder den Ausschluss der Frauen aus den Bereichen Kunst, Politik und Wirtschaft, wird nicht mehr hingenommen. Dasselbe gilt für Antisemitismus und andere Formen von Rassismus. Umgekehrt dulden wir heute vieles, was frühere Gesellschaften moralisch ächteten und rechtlich verfolgten wie zum Beispiel Homosexualität. Einerseits ist das Duldungspotenzial geschrumpft: Wir sind – was die Zurücksetzung, Ausbeutung und Bevormundung von Individuen angeht – empfindlicher geworden. Andererseits ist das Duldungspotenzial gewachsen: Wir sind – was das Durchsetzen und Ausleben von Individualität angeht – sehr viel liberaler geworden.

Respekt ist nur möglich, weil Menschen sich voneinander unterscheiden. Respekt setzt damit immer schon Grenzen, Unterschiede und Ungleichheit voraus. Er beseitigt sie nicht, er hebt sie nicht auf, er hebt sie zum Teil sogar hervor, tut das aber auf eine Weise, die eine Anerkennung von Gleichheit oder Haltung der Solidarität durch alle Unterschiede durchscheinen lässt. Bislang war Respekt allerdings mit sehr viel eingeschränkteren Bedeutungen im Umlauf. Im Folgenden stelle ich in gebotener Kürze vier Varianten des traditionellen Respekt-Begriffs vor.

Statusrespekt

Statusrespekt ist einseitig von unten nach oben gerichtet, er wird von den Unteren den Oberen entgegengebracht. Institutionen und Bürokratien bringen ‚Respektspersonen‘ hervor, die man kraft ihres Amtes zu respektieren hat. Ein weiteres Beispiel ist der Respekt, den in patriarchalischen Gesellschaften Kinder den Vätern entgegenzubringen hatten. Sie hatten bei Tisch zu schweigen und mussten warten, bis sie angesprochen wurden. Statusrespekt wird aber auch auf Altersgruppen ausgedehnt. In der Straßenbahn galt bis vor einiger Zeit die Sitte, dass Kinder und Jugendliche für ältere Fahrgäste ihren Sitzplatz räumen.

Leistungsrespekt

Moderne Demokratien haben Schwierigkeiten mit dem Statusrespekt, weil er Ungleichheit zwischen Menschen affirmiert und stabilisiert. Deshalb haben sie eine andere Form des Respekts hervorgebracht, die Individuen nach ihren Fähigkeiten und ihren Handlungen unterscheidet. Der Leistungsrespekt affirmiert Unterschiede, die auf individuellen Leistungen beruhen, ohne damit soziale Ungleichheit zu forcieren. Leistungsrespekt ist ein wichtiges soziales Bindemittel, weil nie vorhersehbar ist, wer hier zum Empfänger und wer zum Spender von Respekt werden kann. Moderne demokratische Gesellschaften beruhen auf dem Versprechen sozialer Mobilität und allgemeiner Aufstiegschancen durch Bildung und Leistung. Der sogenannte ‚American Dream‘ ist eine solche moderne Sozial-Utopie, die versprach, stabile Hierarchien und Statusdenken grundsätzlich zu überwinden. Soziale Ungleichheit stellt sich aber immer wieder ein, nur wird sie durch das Mobilitäts- und Leistungs-Versprechen unsichtbar gemacht.

Sozialer Respekt

Beim sozialen Respekt ist es genau umgekehrt; es geht nicht um ein Mehr an Können und Bildung, das Unterschiede herbeiführt, sondern um ein Weniger, das ausgeglichen wird. Denn mit dem universalen Aufstiegsversprechen aufgrund von individuellen Bildungs- und Leistungskriterien ist soziale Ungleichheit keineswegs aus der Welt geschafft. Sozialer Respekt beruht auf der Anerkennung real existierender sozialer Ungleichheit. Er ist im Gegensatz zum Statusrespekt, der von oben nach unten gerichtet ist, um Hierarchien zu bestätigen und zu stützen, darum bemüht, eben jene Hierarchien abzubauen. Der Soziale Respekt geht von der modernen Prämisse der Menschenwürde und ihrer universalen Gleichheit aus. Diese Prämisse schafft die Ungleichheit von Menschen, die de facto in der Gesellschaft existiert, keineswegs ab, aber sie klammert sie ein und gleicht sie durch zwischenmenschliche Formen der Würdigung und Anerkennung aus.

Kultureller Respekt

Eine ganz neue Form von Respekt ist in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstanden: der kulturelle Respekt. Seine Grundlagen liegen im Prozess der Dekolonisierung, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle Gegenden der Welt erreicht hat. Darunter versteht man eine politische und geistige Bewegung, die die Frage der Unterdrückung und Ungleichheit von der Ebene des Sozialen auf die Ebene von Staaten und Kulturen verschiebt.

Während es beim sozialen Respekt um ein Ignorieren von Differenzen geht, alle trennenden Merkmale sind im Sinne der Nicht-Diskriminierung aufzuheben, geht es beim kulturellen Respekt um das genaue Gegenteil: um die Bejahung und Anerkennung von Differenz und Fremdheit. Unterschiede werden dabei nicht mehr eingeebnet, sondern mit neuem Selbstbewusstsein hervorgekehrt. Zu diesem Thema hat Charles Taylor ein wichtiges Buch beigetragen: Multiculturalism and The Politics of Recognition.6 Der Begriff Multikulturalismus ist ein Kampfbegriff gegen Ethno- und Eurozentrismus geworden.

Grenzen des Respekts – von kultureller Differenz zu Rahmenbedingungen kultureller Koexistenz

Der Multikulturalismus hat den Euro- und Ethnozentrismus überwunden, aber er hat zugleich auch zu einer Relativierung von Werten geführt. Führt die Politik der Anerkennung in die Sackgasse des Relativismus? Bedeutet Anerkennung des Anderen und Fremden die Aufgabe eigener Grundsätze, Werte, Traditionen? Angesichts der Gefahr der Auflösung eigener Traditionen und Werte kann das Verhältnis zur eigenen Kultur die Gestalt eines fundamentalistischen Bekenntnisses annehmen. Drohender Werteverlust kehrt sich dann um in Wertsteigerung, aus ‚kulturellen‘ Werten werden ‚religiöse‘ Werte, aus Kulturen werden Religionen. Während im Westen das religiöse Bekenntnis in der Folge von Aufklärung und Säkularisierung als Anker der Identität zurückgegangen ist, hat sich dieses Bekenntnis immer stärker auf die ‚westlichen Werte‘ verlagert. Die Religion des Westens ist nicht mehr das Christentum, sondern das Bekenntnis zu universalistischen Werten. Unter diesem Vorzeichen droht ein ‚Kampf der Kulturen‘ bzw. ein Konflikt zwischen der westlichen Kultur und dem Rest der Welt.

Aus dieser Sackgasse führt ein Weg heraus, wenn wir zwischen Kultur und Zivilisation unterscheiden (und dabei diese Begriffe von früheren Bedeutungszuschreibungen lösen). Kultur soll hier für das stehen, was Menschen voneinander unterscheidet. Diese Differenzen haben einen Anspruch darauf, affirmiert, anerkannt und geachtet zu werden, denn sie sind Grundlage für kulturelle Identitäten. Wie Tiere in Biotopen, so leben Menschen in kulturellen Symbolsystemen; sie zu negieren oder zu zerstören hieße, sozialen Zusammenhang, Orientierung und Sinn zu zerstören. Wie die Sprachen sind kulturelle Symbolsysteme kollektive menschliche Schöpfungen; das jeweilige kulturelle Gedächtnis ist in langfristig gewachsenen Strukturen angereichert mit kumulierten Erfahrungen und individuellem Erfindungsgeist. Durch Interaktion mit immer neuen Generationen verändern und erneuern sich kulturelle Traditionen. Kultureller Respekt bezieht sich auf die Anerkennung von Kulturen als grundsätzlich gleichberechtigte Formationen – Jurij Lotman sprach von Semiosphären –, die nicht durch politische oder ökonomische Unterdrückungssysteme wie Kolonialismus oder Globalisierung infrage gestellt werden dürfen.

Der Begriff Zivilisation kann demgegenüber für jene Werte und Praktiken stehen, auf die sich Menschen über ihre kulturellen Bindungen hinaus einigen können. Es handelt sich dabei um universalistische Grundwerte wie körperliche Integrität und Entwicklungsmöglichkeiten der Person unabhängig von Status und Geschlecht, die in der Prämisse der Würde des Menschen verankert sind. Die Entdeckung dieser Prämisse ist kein westliches Monopol; sie kann christlich oder aufklärerisch, aber auch auf der Basis anderer kultureller Semantiken begründet werden. Sie ist deshalb von diesen historischen Ursprüngen zu lösen und als ein Anspruch zu formulieren, den sich unterschiedliche Kulturen und Gesellschaften aneignen und an dem sie sich messen lassen müssen. Dieser Wert gewinnt aber an universaler Bedeutung erst in der Form der Aushandlung und mühsamen Durchsetzung. Diese universalistischen Werte sind kein Eigentum westlicher Kultur, sondern bilden die Rahmenbedingung für die Koexistenz von Kulturen überhaupt. Sie sind das, was Kulturen überschreitet und zugleich verortet, und damit das, was ihr Zusammenleben in einer Welt ermöglicht.

Zweiter Teil: Gemeinsinn

Was ist Gemeinsinn? Die einfachste Definition hat der US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders gegeben: „Not me. Us!“ Nicht ich, sondern wir. Das war ja auch das Motto unseres Friedenspreises, das wir bei Karl Jaspers gefunden haben: ‚Wahrheit ist, was uns verbindet‘. Egoismus und kalten Wettbewerb, den Ausschluss von Empathie, den strategischen Abbruch von Beziehungen, das Erschweren von Kooperationen und die Zerstörung des Gemeinsinns – das alles gibt es nicht nur auf der Ebene der Individuen. Es gibt inzwischen auch den kollektiven Egoismus der Nationen, die sich gegenseitig überbieten und den Frieden der Welt gefährden.7 In einem Interview hat Salman Rushdie kürzlich festgestellt, dass die drei Länder, in denen er gelebt hat und lebt, alle dieses Modell verkörpern: Narendra Modi mit ‚India first!‘, Boris Johnson mit ‚Britain first!‘ und Donald Trump mit ‚America first!‘ Wir haben es heute mit einem neuen Nationalismus zu tun, der gewalttätige Züge angenommen hat und mit völkischen Parolen und Hass die Gesellschaft spaltet. Es reicht aber nicht, nur über Spaltung und Hass zu sprechen, wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir Gemeinsinn wieder herstellen – auf allen Ebenen: global, in der EU, auf der Ebene der Nation, in den Städten und Schulen.

Menschenrechte und Menschenpflichten

Heute stehen wir am Ende der Entwicklung der friedlichen Erfolgsgeschichte der EU. Das europäische Wir ist gespalten; was vor Kurzem noch als Konsens gelten konnte, stößt heute an klare Grenzen der Zustimmung. Das Modell der Zivilgesellschaft sieht sich inzwischen durch das Gegenmodell einer ‚unzivilen‘ Gesellschaft infrage gestellt. Daran ist nicht zuletzt das Internet beteiligt, in dem die Meinungsfreiheit zur Meinungsenthemmung verkommen ist und das kräftig zur Entfesselung von Hass, Hetze und Gewalt beiträgt. Demagogen haben Konjunktur, Hassrhetorik mit Shitstorms und Morddrohungen breiten sich aus, und in Schockstarre erleben wir, wie sich die Gewalt in Form von politischen, rassistischen und antisemitischen Anschlägen ausbreitet.

Auf diese Entwicklung habe ich mit meinem Buch über Menschenrechte und Menschenpflichten reagiert. An die Stelle eines Plädoyers für eine deutsche Leitkultur, die die einen immer schon besitzen und die anderen jetzt schnell lernen müssen, setzte ich dabei die Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag mit Regeln für ein friedliches Miteinander und dem Respekt gegenüber dem Anderen, also Formen des Umgangs und Anstands, die für alle gelten. Dabei schien es mir wichtig, nicht von dem auszugehen, was uns unterscheidet, sondern von dem, was wir gemeinsam haben und was alle brauchen. Mir ging es um gelebte Demokratie im Alltag und Verhaltensregeln in der Ehe und Familie, aber auch vor der Haustür, auf der Straße, in der Nachbarschaft, den Städten, Gemeinden und Vereinen und natürlich auch in den Schulen.

Während es ganze Bibliotheken über die Menschenrechte gibt, gibt es bisher noch gar nichts zu den Menschenpflichten. Dabei sind sie eine ganz wichtige Ergänzung zu den Menschenrechten und haben seit 2015 auf dem Höhepunkt der Migrationsbewegung nach Europa eine höchst aktuelle Bedeutung gewonnen. Die Menschenrechte enthalten ja den Paragraphen 14, das Recht auf Asyl im Fall politischer Verfolgung, als Grundlage für die massenhafte Ankunft von Geflüchteten an den europäischen Grenzen. Was sich dann aber im Einzelnen an den Grenzen und bei der Ankunft im Zielland abspielte, fand in der Willkommenskultur im Rahmen eines uralten Katalogs von Menschenpflichten statt: Bedürftige bekamen zu essen und zu trinken, sie wurden neu eingekleidet und erhielten ein Dach über dem Kopf. Diese Menschenpflichten sind uns aus den ältesten Texten der Menschheit gut bekannt und reichen in alle Kulturen und Religionen der Welt zurück.

Ein konkretes Beispiel für Menschenpflichten sind die praktischen Lebensweisheiten der alten Ägypter, die Selbstbeherrschung und Bescheidenheit zu zentralen Aspekten ihrer Selbstdarstellung gemacht haben. Man ging in dieser Kultur von einer Ungleichverteilung von Macht und klaren Hierarchien aus. Diejenigen, die in Machtpositionen gelangt waren, hatten deshalb aber auch die Verantwortung, im sozialen Raum das Prinzip Gerechtigkeit (Ma’at) umzusetzen, das zugleich das Prinzip der Weltordnung spiegelt. Diese Ordnung war fragil, denn sie wurde immer wieder durch Gier und Gewalt, Hochmut und persönliche Bereicherung gestört. Die Ungleichheit musste durch gute Taten kompensiert werden, und hier öffneten sich erhebliche Handlungsspielräume. Das folgende Beispiel stammt aus einem Beamtengrab aus der 5. Dynastie aus dem 25. Jahrhundert vor Christus:

„Ich sprach Recht zwischen zwei Wütenden,

sodass sie zufrieden auseinander gingen.

Ich habe den Elenden errettet vor dem,

der mächtiger war als er.

Ich habe dem Hungrigen Brot gegeben

und Kleider dem Nackten,

eine Überfahrt dem Schiffbrüchigen,

einen Sarg dem, der keinen Sohn hatte,

und ein Schiff dem Schifflosen.

Ich habe meinen Vater geehrt

und wurde von meiner Mutter geliebt,

ich habe ihre Kinder aufgezogen.

So spricht er, dessen schöner Name Scheschi ist.“8

Das Christentum hat das Gebot der Nächstenliebe aus der jüdischen Tradition übernommen und in einem Katalog von Tugenden festgeschrieben, der alt- und neutestamentliche Gebote umfasst. Im Matthäusevangelium werden diese Tugenden gleich viermal nacheinander wiederholt: einmal in positiver, einmal in negativer Form und zweimal im Fragemodus. Eindrücklicher kann man einen prägnanten Inhalt nicht ins Gedächtnis der Menschen schreiben. Es sind die folgenden sechs Handlungen, die die Gesegneten von den Verdammten unterscheiden. Ich erinnere Sie an die Rede von Jesus im Matthäusevangelium, Kap. 25,35:

„Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben;

ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben;

ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt;

ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben;

ich war krank und ihr habt mich besucht;

ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“

Und der Refrain lautet jedes Mal:

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Diese Taten sind durchs Mittelalter als die „Sieben Werke christlicher Barmherzigkeit“ überliefert und auch immer wieder bildlich dargestellt worden – eine erstaunliche Parallele zu den altägyptischen Lebensregeln:

1 die Törichten ermahnen

2 die Hungrigen speisen, die Durstigen tränken

3 die Nackten kleiden

4 den Obdachlosen Quartier geben

5 die Kranken besuchen

6 die Gefangenen besuchen

7 die Toten bestatten

Die Menschenrechte und die Menschenpflichten ergänzen sich. Die Menschenrechte sind politisch und gelten vertikal zwischen einer politischen Instanz und dem Einzelnen. Sie garantieren explizit die Grundlagen friedlichen Zusammenlebens. Aus der Achtung vor dem Leben und der Würde eines jeden Menschen leiten sich Rechte ab, die für alle Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität oder Rasse gelten sollen: das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, das Verbot von Sklaverei und Folter, Gedanken- und Glaubensfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohlbefinden.

Die Menschenpflichten sind sozial und gelten horizontal zwischen Mensch und Mitmensch. Sie umfassen das, was Thomas Mann einmal „das Abc des Menschenanstands“ genannt hat. Auch diese Menschenpflichten sind formuliert und deklariert worden. Diese Erklärung wurde 1997 vom ‚Interaction Council‘ aufgesetzt und „den Vereinten Nationen und der Weltöffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt“. Die Erklärung verschwand aber in einer Schublade, zu der Diskussion ist es bisher nicht gekommen. Ich meine, es ist an der Zeit, auch diese Erklärung über den gegenseitigen Respekt und die Umgangsformen in der Gesellschaft zur Kenntnis zu nehmen und sie endlich als das, was sie sind, nämlich ein uraltes Weltkulturerbe, anzuerkennen.

Das erste ‚Flucht-und-Migrationsdenkmal‘ in Deutschland

Wie aktuell diese Thematik heute ist, möchte ich am Beispiel des ersten deutschen ‚Flucht-und-Migrationsdenkmals‘ zeigen. 2017 fand in Kassel die Documenta statt. Einer der Teilnehmer war der nigerianisch-amerikanische Künstler Olu Oguibe, der einen 16 Meter hohen Obelisken aus Granitplatten auf dem belebten Königsplatz in der Mitte der Stadt aufstellte. Im unteren Viertel war eine Inschrift in goldenen Großbuchstaben eingraviert. Der Text aus dem Matthäusevangelium war auf den vier Seiten des Obelisken in den Sprachen Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch zu lesen. Er lautete: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“ Nach dem Ende der Documenta entschieden Bürger der Stadt, dass der Obelisk an seinem Standort bleiben solle, und man sammelte Spenden, um das Kunstwerk zu kaufen. So verblieb der Obelisk in der Stadt und wurde zum ersten Migrationsdenkmal in Deutschland. Durch seine herausragende Sichtbarkeit machte er Schlagzeilen und wurde zum Anstoß für eine erhitzte Debatte.

Das Kunstwerk ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Erstens ist es erstaunlich, dass in einer säkularen Gesellschaft ein Künstler heute mit seiner Arbeit einen Bibelvers in den öffentlichen Raum stellt, der ja von anderen Symbolen wie den Botschaften der Werbung und den Logos der Markt-Gesellschaft dominiert wird. Zweitens und vielleicht noch erstaunlicher ist, dass dieser Bibelvers, der ja Teil des christlichen und westlichen kulturellen Gedächtnisses ist, von einem Teil der ansässigen Bevölkerung als eine unerträgliche Provokation empfunden wird. Tatsächlich haben sich die Vertreter der AfD sehr ablehnend gegenüber dem Obelisken geäußert. „Herr Oguibe sollte sein Kunstwerk lieber einpacken, anstatt unsere schöne Stadt mit diesem unsäglichen Thema zu gängeln!“ Sie sprachen in Bezug auf diese Kunst von „Entstellung“ und prangerten den Obelisken als ein Herrschaftssymbol an.

Im Zuge der Debatte verwandelte sich der Obelisk geradezu in ein Fieberthermometer, an dem die Erhitzungsgrade der Positionen ablesbar waren. Der SPD-Bürgermeister gab schließlich dem Druck nach und ließ das anstößige Denkmal entfernen. Das geschah ausgerechnet am 3. Oktober 2018. Er wählte das symbolische Datum der Wiedervereinigung, um zu zeigen, dass ein solches Denkmal nicht ins Zentrum einer deutschen Stadt passt.

Inzwischen liegt der Obelisk abgebaut an einem sicheren Ort und erwartet geduldig sein weiteres Schicksal. Etliche Städte im Ausland haben schon Interesse an dem Kunstwerk angemeldet. Doch auch in Kassel war das Drama noch nicht zu Ende. Es wurde nämlich ein neuer Standort für den Obelisken auf der sogenannten Treppenstraße gefunden. Sie hat einen engen Bezug zur Geschichte der Kunst und zur Documenta. Im April 2019 wurde der Obelisk am neuen Ort tatsächlich wieder aufgestellt. Damit hat sich seine Bedeutung etwas verschoben: Was auf dem Königsplatz ein öffentliches Denkmal war, ist auf der Treppenstraße eine Kunstaktion.

Dieses Denkmal wurde von einem Künstler mit einer Migrationsgeschichte geschaffen. Der Satz aus dem Matthäusevangelium „Ich war ein Fremder und ihr habt mich beherbergt“ ist ja aus der Perspektive eines Migranten gesprochen. Oguibe hat seine Gedanken zu diesem Werk folgendermaßen zusammengefasst: „Der Obelisk ist eine zeitlose Form, eine Form, die aus dem Altertum stammt, ursprünglich kam sie aus Afrika. Sie reiste um die Welt. Wir nutzen sie in diesem Zusammenhang, um ein universelles, zeitloses Prinzip in die Zukunft zu projizieren: die Idee der Barmherzigkeit und Gastfreundschaft gegenüber Fremden.“

Tatsächlich ist das Besondere an diesem Denkmal, dass es ein Symbol der Sieger, der Macht und der imperialen Herrschaft radikal umwidmet und zum Träger einer ganz anderen zeitüberdauernden Botschaft macht, nämlich die der Menschenrechte und Menschenpflichten. Aus der Sicht des Künstlers transportiert der Kasseler Obelisk noch eine andere Botschaft, und das ist die Dankbarkeit gegenüber Gastgebern.

Ich zitiere eine längere Reflexion des Künstlers: „Denn ich glaube, Barmherzigkeit und Gastfreundschaft bedürfen letztendlich der Reziprozität. […] Ich glaube, es ist wichtig festzustellen, dass Gastgebern Kosten erwachsen. Freundlichkeit ist nicht umsonst. Ich interessiere mich mehr für die positive Geschichte der Stadt, eine Stadt, in der Fremde, Besucher, Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt eine Heimat fanden. Das wollen wir anerkennen. Seine Tür einem Fremden zu öffnen ist ein Akt des Vertrauens. All das ist verwoben in den Text, der für die Inschrift gewählt wurde. Er bekräftigt die Notwendigkeit der Gastfreundschaft, er bekräftigt die Notwendigkeit der Reziprozität, der Anerkennung, dass Nächstenliebe ein Vertrauensakt ist. Wenn solche Fremde in eine Gemeinschaft kommen, bringen sie auch etwas mit. Sie bringen Fähigkeiten, sie bringen Diversität, Kultur, sie bringen Küche. So erweitern sie die Gemeinschaft, sie bereichern die Gemeinschaft, […] sie bereichern die menschliche Erfahrung. Für mich ist das Ziel, einen Raum zu hinterlassen für Reflexion, für Einkehr, vielleicht sogar für Debatte um die Fragen der Gastfreundschaft und Dankbarkeit.“9

Wir haben es hier also nicht nur mit einem Denkmal zu tun, sondern obendrein mit einem ‚Dank-mal‘. Gleichzeitig ist der Obelisk aber auch ein Symbol für den Fremden, er ist selbst ein Fremdkörper, der die Gemüter erregt, erhitzte Debatten auslöst und aus dem öffentlichen Raum entfernt werden muss. Kunstwerke sind symbolische Objekte und Stellvertreter; sie haben die Kraft, etwas sinnlich sichtbar zu machen, was sich unsichtbar in der Gesellschaft abspielt. An Oguibes Obelisken wurde symbolisch ausagiert und vollzogen, worum es in der Debatte geht: um Integration oder Ausgrenzung, um Diversität und Teilhabe oder Abschottung in einer homogenen Gemeinschaft. Alles, was mit dem Obelisken zusammenhing, war symbolisch, einschließlich seines Abbaus. Das Loch, das im Boden zurückblieb, wurde umgehend als eine ‚Wunde‘ wahrgenommen; es lagen Blumen an dieser Stelle als Zeichen der Trauer und Empathie.

Genau dafür sind Kunstwerke da: Sie können die unterschiedlichen ausgesprochenen und unausgesprochenen Gefühle in einer Gesellschaft an die Oberfläche bringen, indem sie ihnen eine konkrete Gestalt geben und damit sichtbar und hörbar machen. Sie verhelfen ihnen obendrein zu einer Geschichte, die den Konflikt formt, indem sie Worte, Gefühle, Stellungnahmen und Handlungen provozieren. In Kassel sind manche der Meinung, dass das umstrittene ‚Flucht-und-Migrationsdenkmal‘ die lebendigste und interessanteste Debatte seit den Aktionen von Josef Beuys ausgelöst hat.

Die Ebene des Klassenzimmers

„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört!“ Mit diesen bekannten Worten hat Willy Brandt den Mauerfall kommentiert. Nach dem Höhepunkt der Migrationsbewegung könnte der Satz heißen: „Jetzt wächst zusammen, was nicht zusammengehört!“ Dieser Satz von Ulrich Beck aus dem Jahre 1998 hatte prophetischen Charakter. Diese Entwicklung hält an und nirgends ist sie so sichtbar und fühlbar wie in den Städten. Deshalb ist es wichtig, die Städte im Auge zu behalten, denn hier konkretisieren sich die komplexen Probleme der Einwanderung und Integration, und dabei sowohl das Engagement wie die Blockierung, sowohl die Fortschritte wie die Provokationen.

Je mehr wir den Raum einschränken, über den wir sprechen, desto offener treten die Probleme zutage, mit denen wir es zu tun haben. Kindergärten und Schulen sind heute der Ort, wo unterschiedliche kulturelle Identitäten, Herkünfte und Biografien aufeinandertreffen. Diese Gegensätze dramatisieren sich mit der Zunahme des Anteils von Neudeutschen. Hier gibt es eine Verkoppelung zwischen der globalen und der lokalen Ebene im Klassenzimmer, gestützt durch die Parallelwelt des Internets, die ja nicht nur geografische Schranken überwindet, sondern auch zur Enthemmung in der Kommunikation und zur Kopie von Mustern der Gewalt beiträgt – man denke nur an die neue Achse zwischen Halle und Christchurch, Neuseeland!

Das Problem der Einhegung von Kultur und Kommunikation ist immer schwieriger geworden; nach egoistischen Impulsen, die es immer gab, setzen sich jetzt zunehmend anti-soziale und aggressive Verhaltensstile durch, die inzwischen von einem Teil der Bevölkerung toleriert und womöglich bewundert werden.

Hier stellt sich die Frage nach dem Abc des Menschenanstands mit besonderem Nachdruck. Gibt es Möglichkeiten, Hass und Verachtung einzudämmen und die aktuelle Spaltung in der Gesellschaft wieder abzubauen? In ihrem Buch Gegen den Hass hat Carolin Emcke gezeigt, wie er gemacht wird und was man gegen ihn tun kann. Sie verbindet die Diagnose mit der Therapie. Kann man lernen zu ‚enthassen‘, sich der Komplizenschaft des Hasses zu entwinden und den Hass zu überwinden? Emckes Rezept ist eigentlich ganz einfach: indem man konsequent den Weg von der Mitmenschlichkeit zum Hass wieder zurückgeht. Wenn Hass durch fraglose Gewissheit, radikale Einschränkung der Wahrnehmung, ‚Unkonkretheit‘ und die Verwandlung von Menschen in Stereotypen entsteht, dann vergeht er durch Zweifeln, genaues Hinsehen, Differenzierung und den Blick auf Menschen als konkrete Individuen.

Perspektivwechsel und Empathie sind aber nur möglich, wenn auch ‚entlernt‘ wird, was der Hass in langfristiger und zäher Kleinarbeit in den Köpfen und Herzen der Menschen angerichtet hat. Das setzt voraus, schreibt Carolin Emcke, „all die Verknüpfungen, die über Jahre und Jahrzehnte eingeübten begrifflichen und bildlichen Verkrümmungen und Stigmatisierungen zu unterbrechen. All die Muster der Wahrnehmung, die Raster, in denen Individuen zu Kollektiven und die Kollektive mit Eigenschaften und pejorativen Zuschreibungen verkoppelt werden, zu unterwandern.“10

Diese Aufgabe sollte bei Kindern beginnen, denn Lernen ist auch hier das Stichwort: So wie Hass, der sich ja nicht einfach einstellt, sondern gelernt wird und von bestimmten sozialen und kulturellen Rahmen gestützt wird, muss auch der Anstand gelernt und Schritt für Schritt in langfristiger und zäher Kleinarbeit in den Köpfen und Herzen der Menschen aufgebaut und verankert werden. An diesem Punkt sind die Pädagogen gefragt, die sich dieser Aufgabe längst widmen und wichtige Einsichten und Erfahrungen angesammelt haben. Leider werden diese Erkenntnisse aber noch kaum umgesetzt. In den Schulen sind in den letzten Jahren alle lernunterstützenden Aktivitäten, die es schon gab, weggekürzt worden, zum Beispiel für Sprachunterricht, Aufmerksamkeitstraining oder soziales Lernen.

Im Bereich des sozialen Lernens gibt es aber langjährige Erfahrungen, Expertise und konkrete Angebote, die nur wieder in die Praxis zurückfinden müssen. Ein Beispiel ist das Projekt „Gemeinsam Leben Lernen“ (GLL) von Günther Hennig. In seinem Institut für angewandte sozialwissenschaftliche Forschung e. V. (IsF) hat er eine „pädagogische Diagnostik“ entwickelt, die es erlaubt festzustellen, wie es in einer Schulklasse um die „pädagogische Grundversorgung“ bestellt ist, die ja die Voraussetzung für jeden Fachunterricht ist. Zu zwei Themenbereichen hat er konkrete Unterrichtseinheiten entwickelt. Die eine betrifft die Entwicklung von Mitgefühl. Empathie ist Teil jeder menschlichen Grundausstattung, wie uns die Hirnforscher bestätigen. Aber sie muss angestoßen und kultiviert werden, damit sie auch als eine Haltung gefestigt und Teil der Persönlichkeitsbildung werden kann. Eine andere Lerneinheit betrifft die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Auch das ist eine grundlegende kognitive Fähigkeit, die durch systematisches Training entwickelt und gesteigert werden kann. Empathie und Perspektivenübernahme sind für den Gemeinsinn unersetzlich. Sie schützen davor, den eigenen Standpunkt zu verabsolutieren, und machen es möglich, dass wir uns in andere eindenken und mit ihnen mitfühlen können, dass wir sie verstehen und uns mit ihnen verständigen können, um kooperative und kreative Beziehungen einzugehen.11

Schluss

Die Gesellschaft steht heute vor riesigen Aufgaben. Dazu gehört neben dem Klimawandel auch die Frage nach dem sozialen Klima in unserer Gesellschaft. Aber ohne „den Boden zu festigen, auf dem wir stehen“, um noch einmal eine Formel von Carolin Emcke aufzugreifen, kurz: ohne Frieden, Demokratie und Solidarität können die aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft nicht tatkräftig aufgenommen, geschweige denn bewältigt werden.

„Für ein offenes Land mit freien Menschen“ stand auf einem Plakat im Vorfeld der friedlichen Revolution in Leipzig am 4. September 1989. Mit ihrer Freundin Gesine Oltmanns hielt es Katrin Hattenhauer in die Höhe und wurde dafür eine Woche später noch mit einem Monat Haft bestraft.12 Diese Botschaft ist nach mehr als 30 Jahren wieder aktueller denn je, daran gilt es anzuknüpfen. Das tut zurzeit eine Plakataktion in Schwarz-Rot-Gold-Optik, vielleicht haben Sie schon einige ihrer Anzeigen gesehen mit Sätzen wie: „Wir leben Vielfalt nach dem Prinzip der Gleichheit.“, oder „Wir sind Liebe. Das bleibt. Und ein Land, das dazulernt“, oder „Wir glauben an die Freiheit. Und an die Freiheit des Glaubens.“ Darunter folgt jedes Mal: „Wir sind Rechtsstaat. Wir sind Rechtsstaat.“

Macht und Ehre, Stolz, Größe und Gewalt sind Vokabeln aus dem Wortschatz der Nationalisten, die leider für viele heute verständlicher sind als Worte wie Höflichkeit, Verantwortung, Lernen, Respekt, Solidarität und Empathie. Aber genau sie müssen wir für ein neues Selbstbild der pluralen Gesellschaft und zivilen Nation zurückerobern, wenn wir den europäischen Traum retten und nicht noch einmal in einem Albtraum enden lassen wollen. Wir sind Rechtsstaat, genauer: noch sind wir Rechtsstaat!

1 Joseph Addison, The Spectator Nr. 69 (1710), in: ed. Donald F. Bond, Oxford 1965, 238.

2 „Die einzige Gefahr liegt in einem Embargo. Auflagen und Restriktionen führen zu einer Ebbe. Es gibt nichts Vorteilhafteres als einen freien Hafen.“ Anthony Ashley Cooper, Third Earl of Shaftesbury, An Essay on Wit and Humour (1709) in: Characteristics of Men, manners, opinions, times, ed. John M. Robertson, Indianapolis 1964, 45 f. (Weitere Textverweise unter WH).

3 Ulrich Beck, Hg., Perspektiven der Weltgesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1998, 7.

4 Beck, Perspektiven, 9.

5 Richard Sennett, Respect in a World of Inequality, Allen Lane, London 2003.

6 Begriffe wie Multikulturalismus und Relativismus.

7 Jeremy Rifkin, The Empathic Society 2008.

8 Autobiographie des Scheschi, s. J. Assmann, Ma’at, 100.

9 https://de.wikipedia.org/wiki/Obelisk_(Olu_Oguibe).

10 Carolin Emcke, Gegen den Hass, S. Fischer 2016, 211.

11 Hennig kommentiert: „Es wird immer Neues geben. Wichtig ist aber die Einbeziehung ‚alter‘ gewonnener Erfahrungen und Erkenntnisse.“ Es geht in der Schule also nicht nur um die Einzelnen mit ihren individuellen Interessen. Wichtig ist unbedingt auch das Milieu des Lernens und die förderliche Weitergabe von Wissen und Praktiken, die den Gemeinsinn fördern und dem sozialen Zusammenhalt dienen.

12 Am 1. Oktober 2015 empfing Katrin Hattenhauer von Präsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz.


Foto: privat

Prof. Dr. Jan Assmann

Jahrgang 1938 in Langelsheim, Studium der Ägyptologie, Gräzistik und Klass. Archäologie, 1976 – 2003 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg, seit 2005 Hon. Prof. für Kulturwissenschaft und Religionstheorie an der Universität Konstanz. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018 zusammen mit Aleida Assmann. Letzte Publikation: „Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne“ (2018). Wohnhaft in Konstanz.

Wahr ist, was uns verbindet
Das Konzept „Achsenzeit“, ein Ansatz kultureller Toleranz.

Der traditionelle Eurozentrismus, der bis heute in manchen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Formen des Umgangs mit außereuropäischen Kulturen wirksam ist, ist mit kultureller Intoleranz verbunden, die sich aus einem europäischen Überlegenheitsgefühl speist und nur sieht, was den anderen fehlt anstatt was uns mit ihnen verbindet. Den entschiedensten Protest gegen diese europäische Überheblichkeit hat im 18. Jahrhundert der Indologe und Iranist Anquetil-Duperron vorgetragen. Er wies nach, dass sich die geistige Revolution, die sich im 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert im Westen ereignete und die geistigen Fundamente Europas legte, gleichzeitig und in ganz entsprechender Richtung in Persien, Indien und China ereignet hat. In seinen Augen handelte es sich hier um eine Revolution der gesamten Menschheitsgeschichte.1

Die wichtigste Folgerung, die Anquetil aus seiner Beobachtung dieser Gleichzeitigkeit zog, war seine These von der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Kulturen, die er in seinem zweiten Buch Législation Orientale (Orientalische Gesetzgebung) entwickelte.2 Hier vertrat Anquetil einen kosmopolitischen Egalitarismus3 und erwies sich als eingeschworener Gegner von Eurozentrismus, Sklavenhandel und Kolonialismus4. Für ihn gab es keine Hierarchie unter den Kulturen und nicht die geringste Rechtfertigung für den europäischen Anspruch, andere Völker und Stämme als unzivilisiert und als Objekt von Eroberung, Kolonialisierung und Ausbeutung zu betrachten. Er forderte eine Entflechtung von Handel, Politik und Forschung und die Einrichtung einer „reisenden Akademie“, d. h. von wissenschaftlichen Auslandsinstituten, wie sie dann im 19. Jahrhundert von den größeren Nationen tatsächlich gegründet wurden, auch wenn diese Forschungen dann nicht unbedingt auf Augenhöhe mit den erforschten Kulturen und ganz unabhängig von kolonialistischen Interessen stattfanden.

Für ihn war Europa nur der westliche Teilnehmer an einem großräumigen Ereignis, dessen andere Vertreter – Zarathustra und Konfuzius – in ihrem eigenen kulturellen Kontext betrachtet und keineswegs nach europäischen Maßstäben beurteilt wurden, um ihnen dann aufgrund dieser Maßstäbe Gleichrangigkeit mit Europa, d. h. abendländischer Philosophie zu bescheinigen. Anquetils Begriff von Gleichrangigkeit war weiter und offener als spätere Vertreter seiner Theorie, offen für die Anerkennung von Überlegenheit in Punkten, in denen Europa zurückblieb oder falsche Wege ging.

180 Jahre später, nachdem Anquetils Beobachtung einer globalen geistigen Wende um 500 v. Chr., an der Europa nur teilhatte anstatt sie hervorgebracht zu haben, durch viele kritische und bestätigende Stellungnahmen hindurchgegangen ist, die Anquetils Dreigestirn „Pherekydes, Zarathustra, Konfuzius“ um viele andere Namen wie Laotse, Buddha, Jesaja und andere Propheten, Parmenides, Pythagoras und Platon erweitert haben, brachte Karl Jaspers in seinem Buch Vom Ursprung und Ziel der Geschichte Anquetils These auf den glücklichen Begriff der „Achsenzeit“. Er fokussierte nun ganz entschieden auf das Verbindende anstatt auf die Differenzen. Sein Leitspruch war: „Wahr ist, was uns verbindet“.5 Für Jaspers war Wahrheit die Grundlage menschlichen Zusammenlebens überhaupt. Sein Buch Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, in dem dieser Satz steht, war aus der Erfahrung der NS-Zeit entstanden, in der in Deutschland die Lüge herrschte und die ganze Welt mit Zwietracht, Krieg, Mord und Zerstörung überzog. Hitler hatte alle auf Wahrheit und Vertrauen beruhenden Brücken zwischen den Ländern Europas und der Welt zerstört.

Jaspers gehörte zu denen, die auf den Trümmern des alten Europas die Vision eines neuen Europas entwickelten. Dazu gehörte für ihn an erster Stelle – ganz im Sinne von Anquetil, den er nicht kannte – die Überwindung europäischer Überheblichkeit gegenüber anderen Ländern und Kulturen. Er wollte die exklusive und destruktive Vormachtstellung Europas in der Welt beenden und hat Europa in eine globale Vision von Menschheit eingebunden, die als Gesamtheit um 500 v. Chr. „einen Sprung gemacht hat“.6 Das ist der Kern seiner Idee der ‚Achsenzeit‘, einer neuen Geschichtsdeutung, die Europa auf Augenhöhe mit anderen Hochkulturen bringen sollte.

Auch er zählte noch einmal die Geistesgrößen auf, die um 500 v. Chr. (er erweiterte dieses Zeitfenster um plus/minus 300 Jahre) in vielen Kulturen auftraten und deren Worte und Gedanken die Nachwelt bis heute prägen. In Griechenland waren es Dichter und Denker wie Homer und Platon, in Israel die Propheten, in Persien Zarathustra, in Indien Buddha und in China Laotse und Konfuzius. Mit ihren Texten haben sie ein ‚Geisterreich‘ gegründet, in welchem sie, um es mit Hannah Arendt zu sagen, „noch einmal als sprechende – aus dem Totenreich her sprechende – Personen auftreten, die, weil sie dem Zeitlichen entronnen sind, zu immerwährenden Raumgenossen im Geistigen werden“ konnten.7

Europa lebte, intensiver vielleicht als andere Kontinente, in diesem vielstimmigen Geisterreich. Erstens gründete es auf zwei grundverschiedenen kulturellen Pfeilern: zum einen auf dem „klassischen“ Altertum, der griechisch-römischen Kultur, die in Philosophie, Literatur und Architektur lebendig war, und zweitens auf der Bibel, die das Abendland als „christliches“ determinierte. Überdies blickten diese beiden Altertümer, das klassische und das biblische, noch einmal auf ein um zwei- bis dreitausend Jahre älteres Altertum zurück, von dem sie sich einerseits polemisch absetzten wie Israel und andererseits wie Griechenland und Rom fasziniert inspirieren ließen.

Dieses europäische Fundament wollte Jaspers gleichsam globalisieren, indem er darauf verwies, dass sich zeitgleich mit den griechischen Philosophen und Dichtern und den israelitischen Propheten ganz entsprechende geistige Durchbrüche auch in China (mit Konfuzius und Laotse), Indien (mit Buddha) und Persien (mit Zarathustra) ereigneten. Das ist die „Achsenzeit“, in der Europa nicht der geringste Vorrang gegenüber den anderen großen Kulturkreisen der Welt zukam und die in Jaspers‘ Augen ein Geistergespräch auch über kontinentale Grenzen hinweg und eine Verständigung zwischen allen gegenwärtigen Bewohnern der Erde ermöglichte. Die Gleichzeitigkeit dieser Durchbrüche zu einem neuen Weltbild deutete Jaspers als den Ursprung der Geschichte, die keine lineare Fortschrittsgeschichte, sondern eine synchrone Globalgeschichte darstellt, in der alles mit allem zusammenhängt und alle mit allen in einer gemeinsamen geistigen Welt leben.8

Im Zeichen von Evolutionismus und Modernisierungstheorie, die das 19. und weitgehend noch das 20. Jahrhundert beherrschten, trat dieser normative Aspekt, den Anquetil betont in den Vordergrund gestellt hatte, in den Hintergrund, bis Jaspers ihn nach dem Zweiten Weltkrieg wieder stark machte und einen Exodus aus der eurozentrischen und heilsgeschichtlichen Perspektive forderte. Sein Appell hätte von Anquetil stammen können:

„Seitdem China und Indien für den Abendländer nicht mehr fremde Gebiete sind, die allenfalls ein Interesse haben neben Polynesien, Australien und Afrika, sondern seitdem hier ursprüngliche Entfaltungen des Menschseins mit einzigartigen geistigen Schöpfungen erkannt und geliebt wurden, ist das europäische Selbstbewußtsein in einem Wandel. Vorbei ist der europäische Hochmut, ist die Selbstsicherheit, aus der einst die Geschichte des Abendlandes die Weltgeschichte hieß, fremde Kulturen in Museen für Völkerkunde gebracht, als Gegenstand der Ausbeutung und der Neugier angesehen wurden, einst, als sogar Hegel sagen konnte: ‚Die Welt ist umschifft und für die Europäer ein Rundes. Was noch nicht von ihnen beherrscht wird, ist entweder nicht der Mühe wert oder aber noch bestimmt, beherrscht zu werden.‘ Europa wird sich heute seines Eigentümlichen bewußt im Kontrast und verliert damit seine Absolutheit. Die technisch-militärische Überlegenheit wird weltgeschichtlich zu einer Episode. Auf die Jahrtausende gesehen wird uns das hohe Menschsein von China bis zum Abendland gleichwertig.“ 9

Der kulturtranszendente, potentiell globale Durchbruch der Achsenzeit um 500 v. Chr. war in Jaspers‘ Sinne eine regulative Idee, ein Appell zu „grenzenloser Kommunikation“, für einen neuen Humanismus, der nicht auf der klassischen Antike, sondern einer umfassenden Gemeinsamkeit aller Kulturen und Religionen beruhte, die – vielleicht nicht als Ursprung, aber jedenfalls – als Ziel der Geschichte in den Blick kommt. Dieser intellektuelle Kosmopolitismus ist mehr denn je das Gebot der Stunde in einer Zeit, in der nationale, religiöse und ideologische Partikularismen wieder an Macht und Einfluss gewinnen. Der offene Horizont, den Jaspers forderte für das Gedächtnis und das Selbstbild einer globalisierten Menschheit hat sich mit der Erklärung und Umsetzung der Menschenrechte, der Konzeption eines „Welterbes“, den weltweit operierenden NGOs wie „Ärzte ohne Grenzen“ und „Amnesty International“ zu realisieren begonnen. Auf diesem Weg gilt es weiterzugehen.

1 S. dazu Jan Assmann, Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne, C. H. Beck, München 2018, Kap. 1.

2 Législation orientale. Vgl. hierzu Lucette Valensi, Les jeux d’échec de Anquetil-Duperron.

3 Siep Stuurman, Cosmopolitan Egalitarianism.

4 Wie Jean Luc Kieffer gezeigt hat, entwickelt sich Anquetil erst allmählich vom Befürworter eines „dialogischen“, im Benehmen mit den indigenen Partnern vorgehenden Kolonialismus zum radikalen Anti-Kolonialisten, s. Anquetil-Duperron, 77 – 104.

5 Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München: Piper 1949. Zitat S. 30.

6 Vom Ursprung, S. 23.

7 S. 5 f. der Internet-Publikation des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/.../1958_jaspers.pdf.

8 S. Jan Assmann, Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne, C. H. Beck, München 2018.

9 Vom europäischen Geist.


Foto: Inga Haar

Dr. Dietmar Bartsch

Jahrgang 1958 in Stralsund, Studium der Wirtschaftswissenschaften in Berlin. 1990 Promotion an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau zum Dr. oec. 1991–1997 Bundesschatzmeister der PDS und von 1997–2002 sowie von 2005–2007 Bundesgeschäftsführer der PDS bzw. von 2007–2010 Bundesgeschäftsführer der Partei DIE LINKE. Von 1998–2002 und erneut seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2010–2015 stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. Von 2015 bis 2019 gemeinsam mit Sahra Wagenknecht Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag, seit November 2019 gemeinsam mit Amira Mohamed Ali.

Wie kann das friedliche Zusammenleben der Religionen in Deutschland gelingen?
Anmerkungen zur Aufklärung

Die politische Linke hat sich immer eine Nähe zur Aufklärung zugutegehalten. Zur Aufklärung gehörte auch eine Privilegierung des wissenschaftlichen Denkens gegenüber Traditionen und – als Traditionsbestandteil – der Religion. Damit kann auch eine Religionsfeindlichkeit verbunden sein. Diese können wir in Teilen der französischen Aufklärung finden, wir finden sie ebenso in Teilen der Linken.

Obwohl das jetzt überraschen mag, ist dies nicht das Interessante. In der Regel finden wir im Aufklärungsdenken eher eine Ignoranz oder Geringschätzung der Religion. Das beginnt schon bei Thomas Hobbes, der die aristotelisch-scholastische Tradition und die Theologie in einem Abwasch für untauglich erklärt, eine Grundlage für ein vernünftiges Staatswesen zu bilden. Sein Argument, mit dem er der Tradition die Geschäftsgrundlage glaubt entziehen zu können, besteht darin, dass es eben nicht um das höchste Gut gehe, das im Staat zu verwirklichen sei, sondern um die Minimierung des Schlechten, das Menschen sich zufügen könnten.

Es geht der Aufklärung darum, durch eine „Wissenschaft vom Menschen“ dessen Wesen zu erkennen und dadurch Gesellschaft und Staat so einzurichten, dass die Verhältnisse diesem Wesen gerecht werden. Weil beispielsweise die Menschen gewalttätig sein können, muss es einen Gewaltmonopolisten geben, der die Rechtsordnung durch Gewaltandrohung stabilisiert und Gewaltanwendung durch andere bestraft. So würde, so Hobbes, die Gesellschaft friedlich, bürgerlicher Wohlstand, Wissenschaft und Kultur könnten blühen.

Selbstverständlich haben Hobbes und Nachfolger zugleich betont, gute Christen zu sein. Das demonstrierten sie durch Bibelzitate, allerdings nur, wo es gerade passte. Offenbar scheint es für die Aufklärung denkbar, dass ein Staat ohne Bezug auf religiöse und andere traditionale Autoritäten gegründet werden kann und Religion zugleich weiterlebt.

Hegel und Marx präzisieren diesen Umstand dahingehend, dass es gerade die Pluralität von Konfessionen sei, die es erforderlich mache, dass sich der Staat von einer religiösen Legitimationsbasis entfernen und seine Legitimation als genuin politisch suchen müsse. Aber es bleibt weiterhin unklar, auch bei Hegel und Marx, wie mit der Religion selbst zu verfahren sei. Sicher würde aus Hegel’scher Perspektive zu sagen sein, dass nicht jeder Philosoph sein müsse; und das Allgemeine, das die Philosophie auf den Begriff bringe, würde die Religion immerhin zur Vorstellung bringen. Aber ein eigenes Recht wird ihr auch nicht zugesprochen. Noch unklarer ist das bei Marx. Vermutlich dachte dieser Theoretiker, dass die Notwendigkeit religiösen Denkens in einer befreiten Welt verschwinden würde und die Religion somit auch.

Der liberale Staat und der Vernunftgehalt der Religion

Obwohl ich nicht sonderlich religiös bin, möchte ich einen Gedanken zur Diskussion stellen, der sich in den religionsphilosophischen Überlegungen von Jürgen Habermas wiederfindet. Habermas stellt einen Zusammenhang zwischen dem Vernunftgehalt der Religion, den er allerdings etwas unbestimmt lässt, und dem Toleranz- und Neutralitätsgebot des liberalen Staates her. Ich werde seinen Gedankengang hier etwas vergröbern. Der liberale Staat, darin besteht seine Neutralität, bevorzugt keine Religion bzw. Weltanschauung. Zugleich fordert er Toleranz gegenüber der Ausübung des religiösen Glaubens ein.

Beides hat zur Voraussetzung, dass zu Religions- bzw. Weltanschauungsfragen längst ein gesellschaftlicher Dissens besteht. Wir haben also hier das Lagebild, das auch das Aufklärungsdenken bestimmte. Habermas unterstellt nun, dass die Gebote der Toleranz und der Neutralität vernünftig seien. Wenn nun ein Dissens über Weltanschauungs- und Religionsfragen nur ein Dissens über irrationale Glaubenssysteme wäre, ist nicht verständlich, was an Toleranz- und Neutralitätsgeboten sinnvoll sein soll. Habermas transformiert die politische Vernunft in eine zugerechnete Vernunft des Religiösen.

Worin könnte diese aber bestehen? Überzeugt das überhaupt, wenn man, wie Habermas über sich selbst sagt, in religiösen Dingen „unmusikalisch“ wäre? Ja, das kann unter bestimmten Bedingungen überzeugen.

Erstens besteht als Bürger eines demokratischen Gemeinwesens das Zugangsrecht zur Öffentlichkeit völlig unabhängig davon, welcher Konfession man angehört. Zweitens delegitimiert sich eine Stellungnahme zu Angelegenheiten öffentlichen Interesses nicht allein schon dadurch, dass ihr Sprecher einer bestimmten Religion oder Konfession zugehörig oder konfessionslos ist. Allerdings kann niemand darauf vertrauen, dass eine Überzeugung schon deshalb für andere verständlich oder gar verbindlich sein kann, nur weil sie auf religiösen Überzeugungen aufbaut. Es besteht hier also drittens die Pflicht zur Übersetzung in eine säkulare Sprache. Das mag wie eine Zumutung wirken, aber einer solchen haben sich auch andere zu unterwerfen: nämlich genau die Anders- oder Nichtgläubigen, die – viertens – akzeptieren müssen, dass nicht nur sie selbst etwas Sinnvolles beitragen könnten.

Das sind natürlich nur formale Anforderungen an eine vernünftige Debatte zu Angelegenheiten von öffentlichem Interesse. Aber wenn Religionen als Speicher von Traditionen hier produktiv wirken können, warum eigentlich nicht? In diesem Sinn, und vielleicht nur in diesem, kann man der These von Habermas, dass religiöse Überzeugungen einen gewissen vernünftigen Sinn haben, die Zustimmung nicht verweigern.

Die Folgerungen daraus, auch für die politische Linke, sind wichtig. Man darf aus weltanschaulichen Differenzen nicht nur kein Drama machen, man muss, im Gegenteil, die Bereitschaft zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die eben keine Abkapselung ist, wertschätzen. Vor dem historischen Hintergrund, dass es die kommunistische Linke war, die in zuweilen auch terroristischer Härte gegen die Religion vorging, scheint mir das besonders wichtig. Und natürlich ist das überhaupt kein Aufruf, ab jetzt zu frömmeln.

Religion und Fundamentalismus

Nun könnte man denken, dass ich hier für etwas werbe, das noch in weiter Ferne liegt. Aber die Verfassungsordnung unseres Landes ist die einer liberalen Demokratie. Es gibt das Neutralitätsgebot, es gibt ein Toleranzgebot etc. Dennoch erleben wir aus unterschiedlichen Gründen ein Erstarken fundamentalistischer Tendenzen insbesondere im Islam, aber auch im Christentum.

Im Christentum zeigt sich das in Aktionen wie den Demonstrationen von sich selbst so nennenden „Lebensschützern“, wo gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frau massiv Stimmung gemacht wird, und „Therapeuten“, die „Heilung“ von Homosexualität anbieten. Übrigens sind diese „Lebensschützer“ alle nicht ansprechbar, wenn es um die Bekämpfung von Kinderarmut, um die Herstellung gesellschaftlicher Verhältnisse geht, in denen die Erfüllung des Kinderwunsches kein Armutsrisiko ist. Im Islam sehen wir das am politischen Islam bzw. Islamismus.

Ein grundsätzliches Problem der Religionen besteht in ihrem Anspruch, den menschlichen Lebensvollzug als Ganzes strukturieren zu wollen. Die Gebote beginnen eben mit „Du sollst“, und ein Katalog von Todsünden macht deutlich, was passiert, wenn man sich zu sehr von der empfohlenen Lebensführung entfernt.

Wenn religiöse Menschen, aus welchen Gründen auch immer, glauben, sich dogmatisch einer vernünftigen Debatte entziehen zu können und auf einem unbedingten Wahrheitsanspruch ihres Glaubens beharren, dann verletzen sie gerade ihren eigenen Vernunftanspruch. Mindestens eine der oben benannten vier Bedingungen der Diskussion scheuen sie. Da beginnt der Übergang in den Fundamentalismus. Von Gläubigen ist zu erwarten, dass sie akzeptieren können, dass der Anspruch der Religion, den Lebensvollzug in Gänze zu strukturieren, nicht mehr in toto erfüllt werden kann. In der individuellen Lebensführung schon, als Imperativ an andere schon nicht mehr.

Es ist die Aufgabe des Staates, der Gesellschaft und noch mehr der Religionsgemeinschaften, die fragilen Grenzen zwischen individueller Lebensführung und Forderungen an andere zu stabilisieren. Und natürlich kann das schiefgehen.

Schlussbemerkung

Die Frage nach einer „friedlichen Koexistenz“ unterschiedlicher Religionen und Konfessionen und konfessionsloser Menschen scheint angesichts des Aufstiegs fundamentalistischer Ideologien innerhalb des Christentums und des Islams ihren realen Grund zu haben. Zugleich ist vor einer Interpretation zu warnen, die Konflikte vor einem ausschließlich religiösen Hintergrund ausdeutet.

Wir würden uns doch sehr wundern, wenn die Konflikte innerhalb der Eurozone als Konflikte zwischen dem weitgehend protestantischen Norden und dem katholischen und orthodoxen Christentum des Südens Europas interpretiert würden. Jeder weiß doch, dass diese Konflikte nicht ohne ein ökonomisches Grundverständnis der Probleme, die eine Gemeinschaftswährung machen kann, auch nur angemessen begriffen werden können. Dennoch, obwohl wir das in diesem Fall wissen, tun wir manchmal so, als ließen sich alle Konflikte im Mittleren und Nahen Osten wie auch im nördlichen Afrika fast ausschließlich als religiöse Konflikte begreifen, so als gäbe es keine Staaten dort, die um Dominanz in der Region kämpften. Nein, das wäre zu oberflächlich.

Ähnlich oberflächlich, hier nun auch bösartig, ist Thilo Sarrazins Verächtlichmachung der Migrantinnen und Migranten muslimischer Herkunft. Irgendwie konstruierte er einen biologistischen Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit und Intelligenz. Die Ideologiefunktion ist hier klar zu erkennen. Der deutsche Staat, über Jahrzehnte ein Integrationsverweigerer, hat vielen Menschen migrantischer Herkunft den sozialen Aufstieg verweigert, zumindest enorm erschwert. Mit einer letztendlich rassistischen Ideologie kann man diese sozialen Widersprüche zukleistern, denn der Kampf gegen soziale Ausgrenzung ist schwierig, Hetze gegen Arme und Migranten dagegen bequem. Hinzu kommt ein, auch durch Medien verbreitetes, Bild vom Islam, das eher ein Zerrbild ist. Das bevölkerungsreichste islamische Land – Indonesien – ist zum Beispiel eine Demokratie. Aber Demokratie ist nicht unbedingt das Erste, was einem einfällt, wenn man „Islam“ hört. Da denken viele eher an den Terror der Hamas oder des IS. An dieser Stelle ist Aufklärungsarbeit zu leisten und auch Medien sollten sich da von Klischees lösen.

Ausgrenzung führt auch zu Abgrenzung. Letztere kann Selbstbewusstsein und Durchsetzungswillen fördern, sie kann aber auch zur Realisierung jenes Klischees von den Parallelgesellschaften führen, vor denen Konservative Angst haben. Schließlich kann so auch ein Nährboden für Radikalisierungen entstehen. Wir haben das doch alles schon erlebt. Bei den Riots in den englischen Großstädten, bei Terroranschlägen in Paris auf das „Petit Cambodge“ und das „Bataclan“, wo es junge Franzosen waren, die auf junge Franzosen schossen. Aber fühlten sich die Täter so, als Franzosen? Als gleichgestellte Mitglieder in jener französischen Gesellschaft, aus der sie ihre Opfer ins Visier nahmen? Wir sind vielleicht noch nicht an jenem Punkt. Die Sarrazin-Debatte kam bei uns spät, in Frankreich ist die Rechte ganz anders drauf.

Ich will hier keine Predigt halten. Aber es ist aus meiner Sicht dringend erforderlich, sich nicht auf Konfessionen zu fixieren. Es kommt auch darauf an, das unter dem religiösen Bewusstsein liegende materielle Geschehen mit in den Blick zu nehmen. Denn so falsch ist das Marx’sche Diktum, wonach das Sein das Bewusstsein bestimme, nicht.

Wir haben Armut in unserem Land. Viele der Armen sind migrantischer Herkunft. Kindern aus Arbeiterfamilien und migrantischen Familien ist der soziale Aufstieg, der heute fast nur noch als Bildungsaufstieg organisierbar ist, vielfach versagt. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass Kinder unterschiedlicher Herkunft miteinander dieselbe Schule besuchen, mit- und voneinander lernen. Die Tendenz zur sozialen Trennung ist da.

Die Idee einer emanzipierten Gesellschaft ist noch nicht abgegolten. Dabei geht es nicht darum, Unterschiede einzuebnen. Es geht darum, dass entlang von Unterschieden – sei es Klasse, sei es Geschlecht, seien es Herkunftsmerkmale, seien es religiöse Unterschiede – keine Unterdrückung und Diskriminierung mehr stattfindet. An dieser Gesellschaft ist zu arbeiten, um zu verhindern, dass aus Unterschieden Hass wird.


Foto: Thomas Joussen

Christina Brudereck

Jahrgang 1969, lebt als Schriftstellerin in Essen. Sie schreibt, spricht, reimt und reist und verbindet dabei Poesie, Spiritualität und Menschenrechtsfragen. Gemeinsam mit dem Pianisten Ben Seipel bildet sie das Duo 2Flügel. Sie liebt: Indien, Südafrika und das Ruhrgebiet, wo sie in einer Kommunität lebt.

Toleranz, Hauptwort, feminin (die)

Die Toleranz war der Grund, warum ich in der Schule Latein lernte. Mein Vater wünschte es sich sehr und meinte, mit Latein könne ich mir viele Wörter erklären. Eben Toleranz zum Beispiel. Er machte es mir vor: „Toleranz kommt von ‚tolerare‘: tragen, ertragen, aushalten, jemanden oder etwas erdulden.“ Er hat mich damals gewonnen, ich lernte Latein. Und denke bei Toleranz zuallererst an Sprache, an Worte und ihre Wurzeln und ans Lernen.

Die Sprache ist meine liebste Beschäftigung. Mir das Leben zusammenzureimen, erlebe ich als meine tägliche Aufgabe. Ich schätze eine Sprache, die wahrhaftig spricht, zuhört, sich verständlich macht und versteht. Die lebendig ist, sich verändern kann und gleichzeitig eine gewisse Beharrlichkeit zeigt. Die ein Gegenüber erreicht. Die über-setzt, zum anderen, zur Fremden, zu den Nächsten. Eine Sprache, die demokratisch ist und Gleichwürdigkeit spiegelt. Die willkommen heißt.

Zu sprechen macht uns menschlich. Zu dichten und zu singen. Zu erzählen! Kleine, alltägliche und große Geschichten. Vom Regenguss, in den wir plötzlich kamen, und vom Krieg. Vom Kirschbaum im Garten und von der Geburt eines Kindes. Vom Fußballspiel am Sonntagnachmittag und von der Flucht aus Masuren und aus Syrien. Vom Heiratsantrag und von der Idee Europas. Erzählen wärmt uns. Die großen Erzählungen verbinden uns miteinander. Sie beschreiben die Liebe, den Tod, Leiden, Herkunft, Krisen, Zusammenhalt, Sinn. Wir finden uns in ihnen wieder und sie überwinden gleichzeitig die Selbstbezogenheit. Sie schaffen es, vom Ich zum Du zu gehen. Von der eigenen Erfahrung und Lebenspraxis in die Welt und Perspektive einer anderen Person. Sie bitten uns, dem Menschen, der vor uns steht, gerecht zu werden, der uns fragt: „Wirst du freundlich sein zu mir? Wirst du das Heilige in mir achten? Auch wenn ich dir fremd bin?“

Eine Sprache ohne Toleranz ist kalt, hart, knapp, spitz. Sie ist unerbittlich und verletzt. So erleben es viele zurzeit: Die Sprache ist kälter geworden. Und mit ihr – ja tatsächlich – die ganze Welt. Ich persönlich erfahre es so in Briefen, Mails, Kommentaren. Die Sprache ist brutaler geworden und mit ihr die Zeit, in der wir leben. Weil sie vereinfacht mit Schwarz und Weiß, sich nicht die Mühe gibt, genau zu sein mit Anthrazit, Silber, Asch- und Mausgrau. Sie ist grob. Sie spart sich Zwischentöne, Minderheiten und Ausnahmen von der Regel. Sie schließt aus mit ihrer Unachtsamkeit und entwürdigt so einzelne Menschen und ganze Gruppen. Wir erleben, dass die Sprache ein gefährliches, wirkungsvolles Instrument einer großen Normverschiebung ist. Sie spricht fließend rassistisch, antisemitisch, frauenverachtend, islamfeindlich, homophob. Sie vergiftet die Atmosphäre. Ganz alltäglich. Selbstredend. Die Konzepte hinter der achtlosen Sprache sind alle menschenverachtend. Dass die Sprache aggressiv geworden ist, zeigt, dass die Gesellschaft, die Verhältnisse aggressiver geworden sind.

Die Sprache, die erzählt, verleiht ein Gesicht. Würdigt. Macht aus Massen Personen. Sie sieht genauer hin und schafft Ansehen. Sie sieht zum Beispiel nicht eine „Flüchtlingswelle“, sondern einzelne Menschen. Einen Großvater, eine Nachbarin, einen Sohn, eine Freundin. Sie weiß noch: Alle Menschen sind Kinder. Alle haben eine Mutter und einen Vater. Alle haben Geburtstag. Haben Würde und Wünsche und Rechte. Wollen sich frei bewegen. Jeder Mensch hat einen Namen. Für Menschenrechte musst Du Dich nicht qualifizieren.

Die Sprache, die tolerant ist, liebt Familie Mensch. Sie teilt nicht aus und nicht ein. Wie in dieser kleinen Geschichte, die mir eine Zehnjährige erzählte: „In meiner Schulklasse ist ein Mädchen, das ganz dunkle Haut hat. Ich weiß, dass schwarze Menschen oft schlimm beleidigt wurden, dass ihre Hautfarbe sogar gefährlich für sie war. Und darum wusste ich nicht, was ich sagen sollte, als ich zu Hause von ihr erzählte.“ Sie hat Tränen in den Augen. „Ich habe das Mädchen dann direkt gefragt. ‚Du‘, habe ich gesagt, ‚wie soll ich dich denn nennen? Schwarz oder farbig oder dunkel?‘ Und sie hat mich angelacht, so super süß, und meinte: ‚Sag doch einfach Claire zu mir.‘ Und jetzt sind wir Freundinnen.“

Die erzählende Sprache würdigt zwei Arten von Erinnerung: Wir erinnern uns einzigartig an persönliche Erlebnisse. Und zweitens an Ereignisse, die wir nicht selbst erlebt haben. Wir erinnern uns an Geschichten, die uns passiert sind, und solche, die uns erzählt wurden. Die Sprache, die würdigt, schätzt Errungenschaft in Worten, Texten, Erzählungen. Sie weiß: Uns verbinden Sätze. Grundätze. Was sich bewährt hat. Was bewahrt wurde. Was uns bewahrt – vor Verzweiflung, Zynismus, Rache und Gewalt. Zu sprechen macht uns einmalig und verbindet uns. In einer Ideengeschichte, Kultur, Erzählgemeinschaft. Tradition. Mit gemeinsamen Verabredungen, politischen Regeln und Normen. Sie weiterzuerzählen und immer wieder neu auszulegen, ist die schöne Aufgabe der Sprache.

Wie neulich in der Oper. Ich besuche sie nicht so oft. Aber ich mochte „Nabucco“ sofort. Ein Beispiel für eine Erzählung, die große menschliche Krisen, Gefühle und Fragen berührt. Machtstreben, Hass, Nötigung. Und: Überwinden, Wiederfinden, Heilwerden. Die Weisheit solcher Erzählstoffe hält uns beweglich und damit, ja, inspiriert sie uns zur Toleranz. Denn sie zeigt uns das Menschliche, das in uns allen steckt; Schönheit, Abgründe, Schwäche und Stärke.

Der Lateinunterricht in der Schule war eine Mischung aus Geschichte, Philosophie und Rätselraten. Der Kurs nach dem Latinum fand in einer seltenen Atmosphäre von Saumseligkeit statt. Ich mochte den Kurs und den Lehrer. Sie alle passten zu meiner Urmotivation, die Wurzel der Toleranz aufzuspüren. Das Lernen dieser alten Sprache brauchte Geduld, verbunden mit Ausdauer und Gewaltlosigkeit. Heute spielt Latein kaum noch eine Rolle in meinem Leben. Ein katholischer Freund, der immer mal wieder im Vatikan zu Gast ist, erzählte mir von den dortigen Bemühungen, moderne Worte ins Lateinische zu übersetzen. Er schrieb es mir in einer E-Mail, einer „litterae electronicae“.

Zu meinem Glück habe ich in der Schule nicht nur Latein, sondern auch Englisch gelernt. In der Schule in Ansätzen und dann vor allem unterwegs. Zuallererst in Südafrika. Der Chef der NGO, bei der ich arbeitete, war ein Anti-Apartheid-Aktivist, Pfarrer, Ehemann, Vater, Sohn, aus einem Township in der Nähe von Johannesburg. Schon nach wenigen Wochen kam es zu einem heftigen Streit zwischen uns. Wir standen uns gegenüber, beide zornig, die Fäuste geballt, Tränen in den Augen. Ich benähme mich wie eine typische Weiße, warf er mir vor. Ich erwiderte, er benähme sich wie ein typischer Mann. „Rassistisch“, meinte er. „Sexistisch“, erwiderte ich. Und dann bekamen wir beide einen Lachanfall. Ich sagte ihm, ich wolle wirklich keine Rassistin sein. Er meinte, er wolle kein Sexist sein. Gemeinsam lernten wir, miteinander zu sprechen. Wir lernten uns kennen, lernten, einander zu verstehen. Und wir entdeckten im Laufe der Zeit viele Gemeinsamkeiten. Unsere Liebe für Avocado-Sandwiches zum Beispiel. Wir waren beide geprägt vom Protestantismus, der Tradition, die mir bis heute Halt und Haltung bietet. Wir arbeiteten beide mit biblischen Texten. Im Brief an die Gemeinde in Galatien im Neuen Testament heißt es: „Tragt einander eure Lasten.“ Anders übersetzt: Tragt einander als Last (Kapitel 6, Vers 2). Toleriert einander. Wir haben uns ertragen und am Ende zusammengehalten.

Tolerant ist eine Person, die andere trägt. Auch erträgt. Obwohl sie anders ist. Oder sogar, weil sie anders ist. Toleranz hat mit Mühe zu tun. Sie kostet uns etwas. Das habe ich mit meinem Chef damals durchbuchstabiert. Und viel gelernt über meinen eigenen Rassismus, über Vorurteile, Klischees und Berührungsängste. Ich habe in Südafrika erlebt, zur weißen Minderheit zu gehören. Habe mich als Frau oft einsam und nicht verstanden gefühlt. Musste mich in einer Sprache verständigen, die nicht meine Muttersprache ist. Und habe mit Heimweh und Glücksmomenten mehr von meinen eigenen Wurzeln entdeckt.

Ich habe nach Latein noch zwei weitere Sprachen gelernt, die manchmal gedankenlos ‚tot‘ genannt werden, nur, weil sie nicht mehr gesprochen werden. Die Vorstellung, biblisches Hebräisch zu lernen, war zunächst fast einschüchternd. Mir war klar: Dieses Buch und diese Sprache sind die Wurzel, aber sie gehören nicht mir. Nicht mir zuerst. Nicht mir als Christin. Nicht mir als Deutsche. Ich näherte mich der hebräischen Bibel mit Respekt und Bescheidenheit. Und gerade angesichts meiner Scheu war die Begegnung dann eine Offenbarung für mich. Sie begann direkt mit dem allerersten Buchstaben. Ich erlebte, dass ich mich in einer Sprache bergen kann. Mit dem „Beth“, , dem ersten Buchstaben der Tora, der Bibel, dem zweiten Buchstaben des hebräischen Alphabets, entdeckte ich ein ganzes Zuhause. Beth bedeutet Haus. Beth lässt die Bibel mit „B“ beginnen. Mit dem Buchstabenwert zwei für Beziehung. In diesem Buch, in den Geschichten und besonders in den Psalmen habe ich ein Dach für meine Seele gefunden. Überwältigend und gleichsam zärtlich schmuggelten sich die Buchstaben in mein Leben, Denken und Beten. Ich habe viel auswendig gelernt: Zeilen, die mir innere Stärke verleihen und meine Ideale hüten.

(Im Hebräischen übrigens sind und sich ganz ähnlich, Geduld und Toleranz. Die Wurzel beider Worte ist , tragen, dulden oder auch erleiden.)

Beim Altgriechischen denke ich immer an meine große Lehrerin, die Theologin und Theopoetin Dorothee Sölle. Sie dichtete es einmal so:

„Meine junge Tochter fragt mich:

Griechisch lernen, wozu?

Sympathien, sage ich.

Eine menschliche Fähigkeit, die Tieren und Maschinen abgeht.

Lerne konjugieren.

Noch ist Griechisch nicht verboten.“

Die Sprache ist eine große Erlaubnis. Sie ermöglicht eine unbändige Freiheit. Sprachen und sprechen lernen zu dürfen, ist ein Privileg. Sprechen zu können, eine Stimme zu haben, ist auch eine Verantwortung. Wie Toleranz kostet sie Achtsamkeit und macht Mühe, insbesondere wenn sie fremd ist. Ich würde gerne noch Polnisch lernen und besser Französisch sprechen. Die eine Oma kam aus Elk, früher Lyck, in Masuren nach Deutschland. Der Opa, Hugenotte, war reformiert und ein Glaubensflüchtling. Polnisch und Französisch oder gleich Esperanto, weil Sprache der Verständigung dient, der Versöhnung und damit dem Frieden.

Die Sprache bleibt meine liebste Beschäftigung. Und die allerliebste ist mir meine Muttersprache, Deutsch. Nur hier reimt sich Schokolade mit der Gnade. Nur hier gibt es Scherzkeks, Zaunkönig, Augenweide, Sauregurkenzeit, Zimtziege, Wischiwaschi und Pustekuchen. Außerdem unübersetzbar Kindergarten, Ohrwurm, Dreikäsehoch und „You’ve put on a few pounds of Kummerspeck“.

Aber ich liebe meine Muttersprache ja nicht, weil sie so schön ist. Italienisch klingt viel molliger. Französisch fast schon unanständig charmant. Arabisch so beherzt. Englisch nach aller Welt. Schwedisch erinnert doch immer ein bisschen an Bullerbü und lässt hoffen, dass Pippi Langstrumpf gleich vorbeischaut. Deutsch klingt für viele hart. Für mich ist es einfach wunderbar vertraut. Die Muttersprache ist ein Geschenk. Sie ist die erste, die Verständnis für uns hat, und bleibt uns meistens treu. Sie zu lieben bedeutet ja nicht, andere Sprachen zu hassen, zu verunglimpfen, nicht lernen oder hören zu wollen.

Neulich hat die rechtspopulistische Fraktion im Bundestag beantragt, die deutsche Sprache als Landessprache festschreiben zu lassen. Das Deutsche sei bedroht von Englisch-Wahn und Zuwanderung. Ich glaube, zur Toleranz gehört die Liebe zum Eigenen. Schwach und ein Fähnlein im Wind ist die Toleranz von Menschen, die nicht wissen, wer sie selber sind, die keine eigenen Schätze und Wahrheiten hüten mögen. Schwach und ganz unfähig zur Toleranz sind aber die, denen alles außer den eigenen Wahrheiten Angst macht. Die nicht würdigen können, was andere wissen und beten. Die diffamieren und verbieten müssen, wie andere sprechen. Die nicht zulassen, was andere sind. Die Toleranz bewährt sich im Miteinander, im Dialog. Dazu braucht es Menschen, die eigene Gewissheiten haben, Positionen, Haltungen. Toleranz meint ja nicht Beliebigkeit oder Gleichmacherei. Toleranz kann viel anfangen mit Originalen und Eigenarten. Sie mag Akzente und Dialekte. Und auch Neugier, Höflichkeit und eine gepflegte Freude an der eigenen Irrtumsfähigkeit. Das Gespräch hat es schwer, wo Sichtbarkeit vermieden wird. Aber es ist tot, wo der Andere, die Fremde, das Unbekannte geschmäht und abgelehnt werden. Wenn die Sprache aggressiv und in Parolen daherkommt, macht sie stumm.

Ich liebe meine Muttersprache. Ich freue mich, wenn Menschen sie gerne sprechen. Wenn Menschen, die nach Deutschland kommen, sie lernen. Gleichzeitig liebe ich biblisches Hebräisch, höre gerne englische Lieder im Radio und freue mich, wenn Behörden ihre Informationen auch auf Arabisch weitergeben. Und ich liebe es, zu erleben, wie Kinder ihre ersten Worte wagen und nicht Deutsch, sondern Sprechen lernen. Wenn sie lesen lernen und sich in Geschichten wiederfinden. Am Ende macht das, was wir erzählen, eine Sprache wundervoll.

Und dann meinte eine führende Politikerin der rechtspopulistischen Partei außerdem, die gendergerechte Sprache vergewaltige unsere Muttersprache. Ein krasses Bild, das sofort alle Sinne reizt. Ich denke, meine Muttersprache, die Sprache, die ich liebe, ist kein Opfer und keine Täterin. Sie ist eine reife, reiche, würdevolle, manchmal knorrige Alte. Aufpassen muss sie, weil bei ihr ‚Würde‘ nach Konjunktiv klingt. Sie ist sperrig, zum Beispiel was Pluralendungen angeht, grammatikalische Fälle und die drei Artikel ‚der, die, das‘. Sie ist fein und kann daher gerecht sprechen. Sie kann zum Beispiel Gott ‚die Eine‘ nennen oder ‚den Einen‘ oder ‚das Eine‘. Sie kennt nicht nur ‚writer‘, sondern Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sie macht sichtbar! Ich bin ganz ungern nur ‚mitgemeint‘, reagiere dann oft gar nicht, werde lieber ausdrücklich angesprochen. Ich spaziere lieber auf einem Gehweg als auf einem Bürgersteig, wie ich auch lieber in einem Gästezimmer schlafe als in einem Fremdenzimmer. Ich bin dankbar für Regeln, die uns befähigen, unsere Muttersprache demokratischer zu sprechen. Ich freue mich, wenn unsere Sprache Gleichwürdigkeit spiegelt. Ich glaube nicht, dass es reicht, die richtige, politisch korrekte Sprache zu verordnen, geht es doch um die Haltung hinter den Worten. Der populistischen Politikerin sei noch gesagt: Nicht Gerechtigkeit macht eine Sprache hässlich, sondern Hass.

Die Sprache dient der Haltung. Und Haltung zu zeigen, ist gefragt. Widerspruch. Wir brauchen Trotzkraft, um uns einzumischen. Um gute Geschichten zu erzählen. Alternativen auszumalen. Wenn wir hören, dass andere hässlich sprechen. Wenn bei einer Party der Holocaust verharmlost oder geleugnet wird. Wenn Frauen ‚Fotze‘ genannt werden. Wenn beim Schulfest Kinder ausgelacht werden, weil sie nicht den stereotypen Bildern von Mädchen und Jungen entsprechen. Wenn am Mittagstisch Migrantinnen ‚Kopftuchmädchen‘ genannt werden. Wenn in der Raucherpause über die ‚Politikerkaste der Altparteien‘ gelästert wird. Wenn die politische Anerkennung von LGBTQ-Rechten lächerlich gemacht wird. Wenn Teenager ‚Opfer‘, ‚Jude‘ oder ‚Schwuler‘ als Schimpfworte benutzen. Die verletzende, grobe, diffamierende Sprache braucht Widerspruch.

Die Sprache, die ich liebe, die Sprache, die erzählt und genauer hinsieht, weiß vom Widerspruchsgeist. Er braucht eine heilige Trotzkraft, die ihn füttert. Ich spüre sie auf in guten Geschichten, alten und neuen. In Poesie aus aller Welt. In Büchern und der freien Presse. In Schulen und Hochschulen. In familiären, gastfreundlichen Räumen, zu Hause und auf Reisen. Im Grundgesetz. In meiner Erzählgemeinschaft. In der Bibel, in Liedern, beim Beten. Und immer wieder im Dialog, im Gespräch.

Zum Abschluss ein Vers. Im Buch der Sprichwörter heißt es (Kapitel 18, Vers 21): „Tod und Leben liegen im Machtbereich der Sprache.“ Das ist eine Warnung und eine Ermutigung. Eine Erinnerung an die Wirkung unserer Worte. Sie können kränken, töten, morden, kaltmachen. Aber sie können auch aufleben lassen, bestärken, putzmunter machen und wecken. Wie ein Kuss, ein Kaffee oder ein Kind, das dir zuruft: ‚Carpe diem‘.

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05 ноября 2024
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285 стр. 26 иллюстраций
ISBN:
9783863348274
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