Читать книгу: «TEXT + KRITIK 228 - Gabriele Tergit»

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TEXT+KRITIK.

Zeitschrift für Literatur

Redaktion:

Meike Feßmann, Axel Ruckaberle, Michael Scheffel und Michael Töteberg

Leitung der Redaktion: Claudia Stockinger und Steffen Martus

Tuckermannweg 10, 37085 Göttingen,

Telefon: (0551) 5 61 53, Telefax: (0551) 5 71 96

Print ISBN 978-3-96707-115-3

E-ISBN 978-3-96707-117-7

Umschlaggestaltung: Thomas Scheer

Umschlagabbildung: Das Foto von Gabriele Tergit (d. i. Elise Reifenberg) entstammt der Einwanderungsakte ihres Mannes, Heinrich Julius Reifenberg, die sich im Israelischen Staatsarchiv in Jerusalem befindet. (Government of Palestine. Department of Migration: Application for Palestinian Citizenship, 3.9.1937, 9 Bl., Israel State Archives (ISA), RG 11, file 6040/44.) © Juliane Sucker

E-Book-Umsetzung: Datagroup int. SRL, Timisoara

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

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© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG, München 2020

Levelingstraße 6a, 81673 München

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Inhalt

Erhard Schütz

»Heimat war das Tier, das sie die täglichen Berufswege führte«. Gabriele Tergits Feuilletons über Berlin, seine Menschen und seine Zustände

Liane Schüller »Der Menschheit anderer Teil, die Frau«. Gabriele Tergit und die Neue Frau in der Weimarer Republik

Nicole Henneberg Der Historie zusehen. Gabriele Tergit als Chronistin und Feldforscherin

Elke-Vera Kotowski »Im Schnellzug nach Haifa« und »Der erste Zug nach Berlin«. Gabriele Tergits Reisepässe als Dokumente ihrer Exilerfahrung

Gabriele Tergit Umschichtung

Juliane Sucker »Keinerlei europäische Geistigkeit«. Gabriele Tergits literarisch-journalistische Streifzüge durch Palästina

Joachim Schlör Gabriele Tergit: Mit und ohne Berlin im Exil

Risa Tamaru Kampf einer Literatin für den »anonymen Heroismus«. Zu Gabriele Tergits »Der Engel aus New York«

Reinhold Lütgemeier-Davin Als Feuilletonistin auf wackligem Parkett. Konsequenzen eines historischen Analyseversuchs: Gabriele Tergit und Kurt Hiller

Juliane Sucker Biografische Notiz

Juliane Sucker Bibliografie

Notizen

Erhard Schütz

»Heimat war das Tier, das sie die täglichen Berufswege führte« Gabriele Tergits Feuilletons über Berlin, seine Menschen und seine Zustände
1

Gabriele Tergits Romane stammen von Texten ab, die den größeren Anteil ihres Werks ausmachen: Texte fürs Feuilleton. Diese prägten nicht nur das zeitgenössische Bild der Autorin, sondern vom Gegenstand und der Schreibweise her ihre Romane. Bei »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« liegt es auf der Hand, handelt der Roman doch weitgehend im ureigensten Pressemilieu. Zudem hat sie zahlreiche ihrer journalistischen Texte mehr oder weniger direkt in ihn integriert. Selbst ihr großer, Jahrzehnte, Familien und Orte überspannender Roman »Effingers« lebt von wesentlichen Elementen ihres journalistischen Schreibens: Kürze der Kapitel, dialogische Präsenz und pointierte Situationsschilderungen. Mit diesen Bezügen sind die Reichhaltigkeit und Reichweite ihrer journalistischen Texte bei weitem nicht erschöpft. Allein das Spektrum der Formen: nebeneinander stehen Aufsätze und Gerichtsreportagen, Porträts oder eben klassische Feuilletons. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sie über alles schrieb, was ihr begegnete, jederzeit bereit und in der Lage war, ihre Umwelt in Text zu verwandeln. Sie schrieb vom Urlaub, ob Ostsee oder Griechenland,1 sie schrieb über, von und aus Berlin, über Menschen, Orte, Eigenheiten, Geschehnisse, Institutionen, Figuren. Ihr Schreiben war eine ständige Interaktion mit der Stadt, mit dem, was sie für sich und für die Zeitgenossen charakterisierte. Ähnlich wie Joseph Roth qua »Frankfurter Zeitung« und »Münchner Neueste Nachrichten«, vielleicht mehr noch als dieser, prägte sie über das in der gesamten Republik wahrgenommene »Berliner Tageblatt« das Bild, das die Berliner und die Deutschen von der Hauptstadt und ihren Bewohnern hatten. Wie neben ihr etwa Walther Kiaulehn, Fred Hildenbrandt oder Hermann Sinsheimer. Anders als Ruth Landshoff-Yorck, Christa Winsloe oder auch Vicki Baum agierte sie dabei in einem unmittelbar von Männern geprägten Umfeld, ohne daraus grundsätzliche Differenzen abzuleiten. Sie schrieb sehr häufig, doch nicht nur, über Frauen und deren Situationen; reklamierte aber weder eine Sonderstellung noch einen genuin weiblichen Blick.

2

Tergit schrieb in einer Zeit, in der das Feuilleton expandierte, im »Berliner Tageblatt« zum Beispiel in den Lokalteil einwanderte, wie überhaupt vom Feuilleton ein starkes journalistisches Selbstbewusstsein ausging. Zugleich bewegte sich das Feuilleton in seinem Fokus weg von der ihm genuin bis dato zugeschriebenen und zugestandenen spielerischen Unterhaltsamkeit, originellen Plauderei und versöhnlichen Heiterkeit, die so oft an ihm moniert worden war, hin zur engagierten Aufmerksamkeit auf soziale Verhältnisse und Auswirkungen der Politik. Signifikant für solche Verschiebungen war, dass die Reportage Einzug in die Sparte Feuilleton hielt. Programmatisch führend war dabei die »Frankfurter Zeitung«. In der hatte Joseph Roth schon intern selbstbewusst für sich reklamiert: »Die moderne Zeitung braucht den Reporter nötiger, als den Leitartikler. (…) Ich zeichne das Gesicht der Zeit.«2 Neben Roth waren es in der »Frankfurter Zeitung« vor allem Heinrich Hauser und Erik Reger, die aus der industriell geprägten Arbeits- und Lebenswelt berichteten, Siegfried Kracauer über die neue Schicht der Angestellten, freilich selbst kritisch dem Format der Reportage gegenüber, aber deren Techniken für seine Essays nutzend.

Auch das »Berliner Tageblatt« pflegte ausgiebig die Berichterstattung qua Reportage. Die wurde freilich selbst im feuilletonistischen Diskurs in Geschlechterzuschreibungen hineingezogen. Die Reportage galt als männlich, das Feuilleton und sein Publikum als weiblich oder effeminiert.3

Von Programmatiken unbeeindruckt, schrieb Gabriele Tergit – und sie schrieb dabei durchaus über das Greifbare und Wirkliche, unpathetisch, sachlich, knapp. Zugleich voller Witz, Ironie und Sarkasmus. Aus einer Haltung heraus, die damals als typisch Berlinisch angesehen wurde und bis heute als Gerücht über die Stadt kolportiert wird, in der das längst zu Aversion und Grobheit heruntergekommen ist: Nüchternheit und Pointiertheit. Die industriegeprägte, weithin geschichtslos scheinende, als genuin modern verstandene Stadt, die man zuvor mit Chicago verglichen hatte und die sich an New York zu messen begann, war das Experimentier- und Exerzierfeld aller wesentlichen neuen sozialen und kulturellen Erscheinungen, einmal ganz abgesehen von ihrer Rolle als Reichshauptstadt. Der tourismuswirtschaftliche Slogan »Jeder einmal in Berlin« hatte sein Pendant in der Presse: Jeder und jede musste einmal über Berlin schreiben.

Von »Heuschreckenschwärme(n) von Schrift, die heute schon die Sonne des vermeinten Geistes den Großstädtern verfinstern«,4 hatte Walter Benjamin in seiner »Einbahnstraße« geschrieben, die nicht zum wenigsten auf Berlin rekurrierte. Das Eigentümliche dieser tatsächlich immensen Textproduktion Tag für Tag war, dass die je einzelnen Autoren zwar unter dem Druck der konkurrenzialistischen Aufmerksamkeitsökonomie auf Erkennbarkeit, Originalität und Besonderheit fixiert waren, in toto sich aber eine relative Gleichförmigkeit ergab: Stereotypen, Konfigurationen oder Muster, durchaus signifikante Zeichen zur Orientierung – immer wiederkehrende Themen, Bilder, Argumentationsfiguren. Indem sie konkurrierend, arbeitsteilig, vereinzelt schrieben, erzeugten sie doch, was man Textmuster5 nennen könnte, Akkumulationspunkte der Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit, Topoi der Orientierung, deren Moirées, Interferenzen, Konfigurationen, die sich zu Stereotypen und Klischees verfestigten, gegen die man dann wiederum anschrieb. Auffällig dicht gemustert ist zum Beispiel eine Linie vom Kurfürstendamm zum Alexanderplatz, die über Potsdamer Platz, Friedrichstraße und Unter den Linden führte.6

Nun war Gabriele Tergit eine sozialisierte Berlinerin. Für sie waren Ankünfte in der Stadt allenfalls Rückkünfte aus temporärer Abwesenheit, so wie bei Walter Benjamin in der »Berliner Kindheit«. Wenn sie zum Kurfürstendamm, dem Signalort ihres Romans, im Feuilleton schrieb, dann nicht, wie Kracauer, Polgar, Roth oder Sinsheimer Begegnungen von Zugezogenen, sondern übers Abseits der Straße, aus dem Planetarium, das 1926 gleich neben dem Ufa-Palast errichtet worden war:7 »Fünf Minuten vom Kurfürstendamm für 80 Pfennig Viertelstunde Ewigkeit. Vier Schritte von der zitternden Stadt, von den Leuchtraketen der Zeitungsdepeschen, vom Geheul der Steuerbomben, vom Platzen der Bankgranaten, von den Minenwerfern der Entlassung stilles Wort von Winkelgraden und Entfernung von Sonne, Mond und Sternen, eine Viertelstunde Ewigkeit.«8

Was freilich implizit wiederum auf das Übliche replizierte …

Nur einmal – soweit zu sehen – hat Gabriele Tergit sich zu einem programmatischen Grundsatzbeitrag zur Stadt hinreißen lassen. Zu Beginn des Krisenjahrs 1932. Und zwar aus Anlass des Korruptionsskandals um die Brüder Sklarek, der die Stadt Millionen kostete, und in dessen Folge Oberbürgermeister Böß zurücktreten musste. Der Skandal führte zwischen 1929 und 1933 zu einer starken Vertrauenskrise um die Stadtverwaltung und die regierenden demokratischen Parteien. Nationalisten, Royalisten und insbesondere die Nationalsozialisten profitierten davon. Tergit tritt nun in einem langen Artikel dem Eindruck entgegen, »dass aus einer in jeder Hinsicht vorzüglich verwalteten (…) Gemeinde ein gemeiner Interessentenhaufen geworden sei, von Kaviar sich nährend und (…) Millionen Steuergelder aufs Spiel setzend«. Sie, die in ihrem Roman ja nicht zum wenigsten ähnliche Machenschaften dargestellt hatte, insistiert darauf, »dass trotz aller politischen Zerklüftung in diesem armseligen Nachkriegs-Berlin mehr für das Menschenglück geschehen ist als in fünfundsiebzig Jahren Grossstadtentwicklung vorher.« Die Wirtschaftskrise lasse alles vergessen, was in der Vorkriegszeit den Menschen in Berlin angetan wurde. Sie bezieht sich dabei vor allem auf die Wohnungspolitik, verweist mit Zahlen auf die menschenunwürdigen, krankmachenden und kriminalitätsfördernden Wohnverhältnisse, insbesondere prangert sie »die Verquickung von Hausbesitzerinteressen und denen von Stadtverordneten« an, die zu den berüchtigten Mietskasernen geführt hätten, wie die Stadt bei der Neuerschließung einer privaten Gesellschaft ausgeliefert gewesen sei, wie allein beim Bau der Straßenbahnlinien durch Korruption den Steuerzahlern ca. 100 Millionen Mark Schaden entstanden waren, reiht skandalöse Grundstücks- und Immobilienskandale aneinander, die im Grunewald und mit dem Bau des Teltowkanals weitere zig Millionen Einbußen verursachten. Dagegen setzt sie die 22 Millionen, die zwischen 1922 und 1928 in den Bau von Spiel- und Sportplätzen sowie in Grünanlagen investiert wurden, die Hälfte aus privaten Mitteln, die als Verschwendung angeprangert worden seien. »Alles, aber auch alles, was in fünfzig Jahren von Volksfreunden gefordert wurde, Grüngürtel, gesunde Kleinwohnungen und Spielplätze konnte, nachdem eine höchst komplizierte Form von Korruption es bisher gehindert hatte, erst durchgesetzt werden, als das alte Regime gestürzt wurde.« Ihr Fazit: »Alles, was die in ihren entsetzlichen Wohnungen eingepferchten Berliner 75 Jahre forderten und nicht durchsetzen konnten, ist in den letzten Jahren erfüllt worden.«9

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Ansonsten schrieb sie selten so über soziale Verhältnisse, wie man es von anderen und vorzugsweise in Reportagen lesen konnte. Schon gar nicht über ein plebejisches Zille-Milieu, lieber über das alte Bürgertum und seine zunehmend prekären Verhältnisse, über das neue Parvenü-Milieu und die neuen Angestelltenschichten. In ihren Gerichtsreportagen spielten soziale Verhältnisse oft direkter eine Rolle, ansonsten grundierten sie im Gros ihrer Texte die Personen und Situationen mehr, denn dass sie explizit ausgestellt wurden. Dabei zeigte Tergit ein umso sensibleres Gespür für die sozialen Voraussetzungen und deren Folgen für die einzelnen Individuen. Für sie war die Stadt vor allem ein Ort der Begegnung und Auseinandersetzung mit Menschen sowie mit den neuen kulturellen Erscheinungen und Moden, die das Leben dieser Menschen zunehmend bestimmten. In Berlin früher und mehr denn andernorts.

Auffällig ist dabei zum einen ihr Gespür für Redeweisen, Jargons, Modewörter, sowie für das Erscheinungsbild von Personen, die sie mit knappen Bemerkungen skizziert, meist Habitus, speziell Kleidung und Gesicht. Sie erfüllt damit stellvertretend, was Rolf Lindner dem Großstädter als Aufgabe zuschreibt: »Der Großstädter muss zu einem Leser werden, für den das Gegenüber ein wandelnder Code ist, ein Leser, der nach verräterischen Anzeichen sucht.«10 Insofern ist sie eine Physiognomikerin der Stadt im genauen Sinne. Mit feinem Gehör für falschen Zungenschlag und scharfem Blick auf trügerischen Schein porträtiert sie ihre ›Zielpersonen‹ wie deren abgelauschte Äußerungen. Exemplarisch findet sich das in ihrer lockeren Porträtfolge der »Berliner Existenzen«. Das sind vor allem zwei Gruppen. Zum einen die aus der Vergangenheit Übriggebliebenen, »Die Vorkriegsexistenz« (BT, 14.12.1926) oder gar »Die Dame aus den 80er Jahren« (BT, 31.5.1927), die noch »Gainsborough-Hüte mit wallenden schwarzen Federn trägt« und nun von der Vermietung ihrer Wohnung lebt, aber immer noch die Schokolade im Bett nimmt. Zum anderen die neuen Typen, »Die Leerlaufexistenz oder die Luftperson« (BT, 9.11.1926), auf der Jagd nach »Beziehungen« und verstrickt in »ein völlig sinnloses Gemöchte«, oder »Der Konjunkteur« (BT, 15.2.1927), der propagiert, »man müsse mit der Zeit gehen, worunter er ein risikoloses Einkommen versteht, oder für praktische Ideale sein, was zweimal im Jahre verreisen heißt oder für eine klare Absage an verschwommene Theorien, womit er eine Achtzimmerwohnung bezeichnet«. Überhaupt operiert sie bei ihren Porträts gerne mit solchen typologischen Gegenüberstellungen. Etwa so: »Es gibt in Berlin (…) zwei Sorten von Menschen: die einen rechnen mit dem großen Coup, die nennt man Optimisten, die anderen haben ein Einkommen von 350 Mark an steigend und werden Pessimisten genannt.« (»Die Leerlaufexistenz«) Oder so: »Es gibt zwei Arten von Vorkriegsexistenzen, die einen besitzen nur noch ihren Bekanntenkreis und den Geschmack, mit dessen Hilfe sie sich durchschlagen können. Die anderen haben außerdem ihre Renten behalten.« (»Die Vorkriegsexistenz«)

Getragen werden ihre Personenporträts von Verhaltens- und Redeweisen. So besteht etwa »Die Nachbarin« (BT, 24.4.1928) ebenso wie »1913 oder die Jeunesse dorée« (BT, 19.7.1927) aus der Serie »Berliner Existenzen« ausschließlich aus Dialog. Ebenso signifikant sind anekdotisch daherkommende Dialoge oder auch Monologe, mit dem Anspruch, dem Alltag abgelauscht (oder für ihn ausgedacht?) zu sein. So etwa in »Staubsauger« (BT, 30.5.1928) das monologische Lamento eines Mannes über seine Schwester, die von Staubsaugervertretern übertölpelt wurde. Zwar bedient Tergit auch Routinevertextungen des Jahreszeitlichen, liefert etwa zum allfällig obligat wiederkehrenden Thema Frühling, »Und so verbringst du deine kurzen Tage. Eine Frühlings-Rhapsodie« (BT, 7.5.1931), oder zum »Aschermittwoch« (BT, 6.3.1930), aber vor allem interessiert sie der Alltag in der Stadt. Während die Zugezogenen vorwiegend das räumliche Vergleichsmuster hier – dort bemühen, steht der Autochthonen das zeitliche zu Gebote: heute – früher. So schon im Titel: »Erinnerungen an Cafés oder das Alte Europa« (BT, 15.10.1931) oder »Bälle, Kleider, Masken und eine peinliche Erinnerung« (BT, 24.2.1930). Natürlich bedient sie sich auch anderer zeitgenössisch probater Muster: Enumeration, Querschnitt und Synchronie. In einzelnen Textpassagen oder gleich im Titel, »Querschnitt«.11 Das korrespondiert mit Texten zu Zeitgeist-Insignien: Hektik, Betrieb, Tempo. Pars pro toto das Telefon, das – ähnlich wie bei Tucholsky – immer wieder auftaucht – Instrument der Hektik, Statussymbol der Parvenüs, permanenter Störfaktor, Medium des Unverbindlichen – auch hier gern in Monologen vorgeführt. Zugleich ist es Accessoire in den Interieurs, die sie beobachtet, Wohnungsblicke, Haustürgespräche.

Aspekte des Wohnens spielen eine große Rolle. Die Wohnung als Refugium, fragil – »der Haushalt der Schauspielerin wird versteigert, wenig Leute sind gekommen. Verlassen, leer liegen die Repräsentationsräume, verlassen und leer die vier Ankleideräume, das Schlafzimmer, das Bad, weiss Schleiflack und rosenrot, so wie’s das Kino erträumen lässt.« (»Die Hintergründe«, BT, 9.4.1929) Eine lockere Reihe beschäftigt sich 1928 mit der Wohnungssuche in Berlin, mit Wohnungstausch – »Das Mysterium des weissen Scheins« (BT, 19.6.1928) – oder verbotenen Abstandszahlungen. Der Untertitel zitiert einen der bekanntesten Texte Fritz Reuters: »Kein Hüsung« (BT, 5.6.1928). Daneben stehen ihre Stadtlebensbeobachtungen – Hotel, Varieté, Café zumal. Sie nimmt dabei immer wieder auch Kunst und Kultur, deren Lage und Bedingungen in den Fokus. So etwa »Wie wird Kunst gekauft?« (BT, 12.1.1932) oder »Komiker und Komparsen« (BT, 13.10.1931). Ihr sympathisierender Blick gilt dem Alten, Antiquierten, unmodisch Gewordenen, wie sie der ironisierten Hektik gern Entschleunigung, Innehalten und Beiseitetreten entgegensetzt. Schnittstellen sind Ausstellungen, über die sie schreibt. Kunstausstellungen oder eine über das 19. Jahrhundert, »Von 1830 bis 1890« (BT, 11.10.1930), oder eine »Ernährungsausstellung« (BT, 17.7.1928), in der sie ironisierend Rohkostmode einem nach Deftigem lechzendes Publikum gegenüberstellt.

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Ihr eigentlicher Fokus liegt aber auf dem Leben der zeitgenössischen Frauen, zumal das der alleinlebenden: »Die Junggesellin scheint immer mehr das menschliche Ideal zu verkörpern. Sie verbindet die männliche sachliche Leistung mit der weiblichen. Sie gründet ein Heim, wo zwanglos, nicht gestört durch einen Gatten, dem nicht alle passen und der nicht allen passt, sich eine geistreiche Geselligkeit entfalten kann.« So in »Berufsfrau – Hausfrau« (BT, 23.10.1928). 1922 beobachtet sie in der »Vossischen Zeitung« das beginnende Ende der Nachkriegsfrivolität und Wiederkehr der Moral in »Batist, Kaschmirschals und Moral« (VZ, 13.5.1922), 1923 ironisiert sie im »Tage-Buch« romantische Illusionen. Das beginnt: »Es gibt erfolgreich und erfolglos Liebende. Letztere heiraten.« Und endet: »Also gilt es vom Leben nicht Zobelmäntel, Männer, die im Hauptberuf Liebhaber und im Nebenberuf Industriekapitäne, Yachten, Hummern und Verruchtheit zu verlangen, sondern den reinlichen Tisch und den Mann, der zwölf Stunden schuftet, damit die Frau es erträglich hat, höher zu werten. Es gilt: sich zur Margarine zu bekennen, statt der Butter nachzujammern.«12 Sie argumentiert stets von den materiellen Bedingungen her. So in »Kleine Diskussion« (BT, 17.8.1928), wo sie Alfred Polgar gegen Anwürfe von Helene Stöcker verteidigt: »Der ganze Komplex sozialer Ursachen verhindert die Eheschliessung. Die Eltern geben ihren Kindern nichts mehr mit. Im Gegenteil, die Jungen müssen für die Alten sorgen.« Und: »Hinzu kommt, dass in den meisten Fällen die unpersönliche Berufsarbeit die Ansprüche an Lebenswärme nicht zu befriedigen vermag.« Ihr Fazit: »Die Phrase von der Gleichberechtigung ist der barste Blödsinn. Die Frauen allein haben ihre Leiden, die Mühe Kinder zu tragen und aufzuziehen oder die grössere Qual, sie wegzubringen. Sie allein stellen ihre Gesundheit aufs Spiel und damit die ganze erkämpfte Freiheit und materielle Unabhängigkeit innerhalb und ausserhalb der Ehe.« Die Frau als das im Grunde stärkere Geschlecht ist auch der Tenor des Feuilletons »Von der Gerechtigkeit« (BT, 13.6.1929). Darin ironisiert sie die Zuschreibung der Geschlechtereigenschaften schwach und stark: »Die Männer sind eben mal die höher konstruierten. Sie haben die feinere Seele und das keuschere Herz. So leiden, wie ein Mann leidet, der schweigen muss und sich nicht aussprechen kann, kann gar keine Frau leiden, so’n Mädchen ist doch getröstet, wenn sie ein neues Frühlingskostüm bekommt.« Ein Bericht über einen Club berufstätiger Frauen, die »Sorores Optimae« (BT, 22.1.1930), feiert die Freundschaft unter Frauen als neue Errungenschaft: »Die Männer sind die gleichen geblieben, haben Konflikte, Gefahren und Ängste und Arbeit, sie legen Grundsteine, eröffnen Ausstellungen, machen Transaktionen, Pleite und gewaltige Erfindungen, geändert hat sich überall in allen Ländern der Menschheit anderer Teil, die Frau.«

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Auch in ihren Gerichtsreportagen schreibt sie oft über Frauen, aus deren Perspektive über Männer und Männlichkeit, Krieg, Gewalt, häusliche wie politische. Umgekehrt über Sehnsucht nach Geborgenheit, Abhängigkeit und Hörigkeit. Was sie 1929 unter dem Titel »Gerechtigkeit« (BT, 13.6.1929) notiert hat: »Aller Mord und Totschlag, die die Frauen begehen, ist Todesstrafe, die sie vollziehen für die Tötung ihres Liebeslebens!« – das wird sie immer wieder an den einschlägigen Gerichtsprozessen beschäftigen, wiewohl freilich diese gegen Ende der Weimarer Republik zunehmend von den Prozessen zu politisierten Gewalttätigkeiten unter Männern überlagert wurden.

Begonnen hatte sie mit Gerichtsberichten schon früh im »Berliner Börsen Courier«, hier allerdings waren ihre Beiträge, obwohl zahlreich, oft noch kleine Notizen, besonders signifikant, als sie Ende 1924 stets am Rand neben den umfänglichen Berichten vom Haarmann-Prozess in Hannover platziert wird. Sie bewegt sich wie selbstverständlich in dieser Domäne von Männern. So wird Gabriele Tergit bald Renommierreporterin von Mosses »Berliner Tageblatt«und damit erfolgreiche Konkurrentin etwa von Sling (d. i. Paul Schlesinger) und dessen Nachfolger Inquit (d. i. Moritz Goldstein), die für Ullsteins »Vossische Zeitung« berichteten. Freilich: 1928 musste sie beim spektakulären Prozess gegen den Gymnasiasten Paul Kranz, der später als Schriftsteller unter dem Namen Ernst Erich Noth Karriere machte, um den Mord an zwei Mitschülern, beim sogenannten Steglitzer Schülermordprozess, ihrem Kollegen Rudolf Olden den Vortritt lassen. 1927 hatte sie über das Kriminalgericht Moabit mit seinen 21 Gerichtssälen geschrieben, es sei »seit einigen Jahren Quelle für die Erkenntnis der Zeit. Nicht mehr um die individuelle Tat des einzelnen, die Sensation einer saturierten Gesellschaft, um zeitlos menschliche Triebe, (…) handelt es sich, sondern das typische Geschehen selber, die Epoche, Res gestae steht vor Gericht. Willkür fast, so scheint es, daß wirkliche Menschen auf der Anklagebank sitzen. Musterbeispiele gleichsam.«13 So fokussiert sie »Erkenntnis der Zeit«, emphatisch pointierter Anspruch der neusachlichen Faktografie, auf die Gerichtsberichterstattung.

Zwar scheinen das zunächst Standardthemen, Betrug und Raub, Mord und Totschlag, Affekte zwischen Eifersucht und Neid, Sexuelles von Prostitution bis Hörigkeit, die berüchtigten Paragrafen 175 und 218, Frühreife oder Gewalttätigkeit der Jugend, Justizspezifisches wie Meineidprozesse und Todesstrafe, zunehmend und schließlich überwiegend die verschärften Auseinandersetzungen politischer Extremisten sowie das wachsende einseitige Verhältnis der Justiz dazu – woraus sich für die Gerichtsreporterin das Bild der Gesellschaft in ihrer Epoche konturierte.

Für Gabriele Tergit standen vor allem zwei Aspekte der ihr gegenwärtigen Gesellschaft im Zentrum: Der zunehmende politische Terror und das Verhältnis der Geschlechter. Hier entfaltet sie über die Jahre ein ganzes Panorama menschlicher Abgründe und flauer Verhältnisse. Die Geschichte einer 35-jährigen Lehrerin etwa, die ein Liebesverhältnis mit einem 14-jährigen Friseurlehrling beginnt, ein Fall, in dem – wie nicht selten – Magnus Hirschfeld gutachtet. Es geht um alle Schattierungen von Prostitution, Zuhälterei, Transvestismus bis Homosexualität, Ausbeutung und Abhängigkeit, Gewalt und Hörigkeit. Darin scheint durch ihren Blick immer wieder ein Amalgam auf aus aussichtsloser Arbeitslosigkeit, sozialer Verwahrlosung und Trostlosigkeit, Doppelmoral, sexueller Unterdrückung und Unaufgeklärtheit.

Hin und wieder zieht sie Quersummen aus ihren Beobachtungen. »Ist man sechs Jahre ein Bewohner von Moabit und hat vieler Menschen Schicksale gesehen, so macht man eine erschütternde Beobachtung. Männer schießen aus Liebe zwischen siebzehn und dreiundzwanzig, Frauen schießen zwischen fünfunddreißig und fünfzig. (…) Zu lieben, vor allem unglücklich zu lieben, gilt nämlich als Schwäche und Lächerlichkeit, und eine alternde Frau, die unglücklich liebt, ist ebenso komisch wie ein männlicher Grünschnabel. Nur an einem Ort ist der unglücklich Liebende merkwürdigerweise der Sympathische, in Moabit nämlich, wo es immer so aussieht, als ob die Tragödie nie durch die Gewalttätigkeit und die Ungerechtigkeit der Liebenden entstünden, sondern durch die Indolenz und Mitleidlosigkeit der Geliebten.«14 Wie sie in diesem Falle auf quasi Anthropologisches abzuheben scheint, so benennt sie in anderen die sozialen Umstände und gesellschaftlichen Normen als Ursache der verhandelten Fälle – und oft genug dann auch des als ungerecht wahrgenommenen Urteils. Nach Möglichkeit überlässt sie den Leserinnen und Lesern das Urteil, indem sie in enumerativen Kurzsätzen das Verhandelte vermeintlich nur wiedergibt.

Was nun die politischen Prozesse angeht, so bemühte sich Tergit immer wieder, um Verständnis für die Lage der Richter zu werben und ihrer Ansicht nach gute Richter entsprechend zu loben. Sie weicht jedoch in einem Punkt regelmäßig von den Wertungen der Gerichte ab: Wo diese kriminelle Energie am Werke sahen, machte sie meist die sozialen Umstände verantwortlich. Die in den letzten Jahren der Republik besonders signifikante Drift der Justiz nach rechts erzeugt auch bei ihr Resignation und zunehmend Verbitterung. Das scheint gerade bei Prozessen durch, die den tristen Alltag spiegeln – politisch motivierte Schlägereien und Schießereien unter jungen Arbeitern und Arbeitslosen. Sie sieht ungerichtete Aggressivität junger, unausgebildeter und perspektivloser Männer, doch auch jene fatale Aufrüstung der Aggressivität durch politische Gruppenbildungen und Indoktrination. Mal apostrophiert sie ironisch »Helden der Straße«, mal lautet die nüchterne Überschrift »Montag und Donnerstag Überfall«.15 Hatte sie 1925 noch die Eitelkeit junger Burschen als Ursache ausgemacht und rhetorisch gefragt: »Was würde aus allem Heldentum, wenn es keine Spiegel gäbe?«,16 so beobachtet sie zunehmend die Vergleichgültigung und Vereinseitigung der Justiz. Einer Justiz, wie sie im Oktober 1932 schreibt, die inzwischen bewusst von zweierlei Recht ausginge, »einem für die Nationalsozialisten als Staatsbejaher, einem anderen für Kommunisten als Staatsverneiner«, und die daher nicht mehr Tat und Täter beurteile, sondern »plump und grob wie in einem schlechten Kriminalroman« mit der Frage: »Wer schoß? Die Justiz wurde degradiert zur Detektei.«17 An dieser Passage – der einzigen in all den Gerichtsberichten übrigens, in dem vom Kriminalroman die Rede ist, während sie selbst ja an einem mitgeschrieben hatte18 – wird zugleich deutlich, worin ihre Berichte die Differenz zu Kriminalromanen sahen, im Anspruch nämlich, dass es im Vollzug des Rechts um Gerechtigkeit gehe, was elementar voraussetzte, je individuell nach Persönlichkeiten, Motiven und Umständen von Taten zu fragen. So, wie sie selbst nach den Auswirkungen auf die Beteiligten und die Öffentlichkeit fragt.

Dazu etwas ausführlicher ihr Fazit zu einem Prozess, in dem die Todesstrafe gefordert wurde gegen fünf Kommunisten, fälschlicherweise des Mordes an einem Nazi angeklagt, der tatsächlich versehentlich von den eigenen ›Kameraden‹ erschossen worden war: »So sprachen die Menschen, die Polizei schützt sie nicht, die Staatsanwaltschaft blieb nicht die objektivste Behörde, die sie zu sein hat. Tief fraßen schon faschistische Gedankengänge sich in die Köpfe. Die letzte Instanz, das Gericht, hat nicht versagt. Das ist kaum mehr als ein Zufall. Es traf zusammen eine groteske Anschuldigung, ein wahrheitssuchender Mensch als Richter, dem der heilige Gedanke des gleichen Rechts für alle nicht eine Phrase ist, und leidenschaftliche Anwälte des Rechts. So ging es gut aus.«19

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Berlin ist in Tergits Feuilletons und Reportagen bei aller kritischen Distanz ein lebbarer Wohnort, nicht gerade anheimelnd, aber auch nicht unbewohnbar, ein Ort der Verwerfungen und Kontraste von Krieg und Nachkrieg, alter und neuer Moderne, unter zunehmend polarisierender Politik und erschwerten sozialen Verhältnissen. Mit ihrem feinen Sensorium für Phrasen, Gerede und falschen Schein, erkennt Tergit, wie nicht nur der »Käsebier«-Roman bezeugt,20 den falschen Zungenschlag und die obsoleten Versprechen von Heimat als Kitsch und Marketing. Ein Zitat aus einer nicht näher genannten »Rechtszeitung« nimmt sie in »Die Sache mit der Berolina« (BT, 16.4.1929) zum Anlass einer Abrechnung mit dem historistischen Berliner Architektur- und Dekorationskitsch, wozu für sie die Statue der Berolina steht, die der Neugestaltung des Alexanderplatzes weichen musste. »Hierher gehört die Berolina in ihrer abgründigen Scheusslichkeit, mit ihrem Materialwert, mit ihrer nur auf Quantität berechneten Wirkung.« Aber, setzt sie dann hinzu, »wenn die Statue auf unserem Schulweg gestanden hat, weinen wir doch, wenn sie ganz einfach auf den Müll kommt, wenn sie sich dort nur noch mit dem Ball, der allzulange in der Regenrinne lag, und mit dem Kreisel, der seine Vergoldung verloren hat und mit einem zerrissenen Hemd unterhalten kann«. Wie bei Walter Benjamin und vielen anderen in Berlin aufgewachsenen Autoren wird die Erinnerung an die schwindende oder verschwundene Stadt der Kindheit zur imaginären Heimat.21 Dem steht die Kritik an der betriebsamen Vermarktung von Heimat nicht nur im Roman, sondern auch in den Feuilleton-Texten entgegen. »›Im Schoss beseligender Heimat‹« (BT, 4.9.1928) berichtet vom Besuch von Haus Vaterland, einem Amüsierlokal mit heimatlich-kosmopolitischen Pappmaché-Inszenierungen: Ein Wiener Heurigenlokal, alpenländisches Bayern, spanische Taverne, ungarische Bauernschänke, Rheinromantik, Orient von Tausendundeine Nacht, Venedig mit »Gondel und Makkaroni« und ein Berlin, das durch Revue, »Fleisch und Gymnastik, Trude Hesterberg und großkotzige Gäste« repräsentiert wird. Fluchtartig das Etablissement und seine Musikbeschallung verlassend, betritt sie »den stillen, behaglichen Potsdamer Platz«, eben jenen Ort, der den Zeitgenossen Inbegriff von Unrast und Lärm war. Explizit angesprochen wird schließlich die Frage nach der Heimat im Titel eines Feuilletons von 1930: »Heimat 75 resp. 78« (BT, 19.2.1930). Das beginnt: »Nicht der Brunnen ist meine Heimat, nicht die Linde, nicht der Gang vors Tor, nicht der Weg um den Wall, wie auch heute noch, wenn du in Zerbst lebst oder in Schweinfurt, Heimat ist meine 75. Früher hiess sie S. oder O.« Auch hier wieder speist sich diese aus Erinnerungen an die Vergangenheit. »Als wir junge Mädchen waren« … Folgt eine weitere Durchmusterung des Verkehrsnetzes nach möglicher Heimatlichkeit, wobei sie das Netzwerk der Straßen und Plätze der gesamten Stadt von West nach Ost imaginiert, um dann am Ende zu wiederholen: Nicht Linde, Tor und Brunnen ist hier Heimat, »Heimat ist unser Einser, unsere Fünfundzwanzig, unsere Siebenundvierzig, treppauf und treppab springen, von der Untergrundbahn bis zum Bahnhof Friedrichstrasse, 97 Stufen.« Dies nüchtern-sentimentale Heimatbild Berlins hat ein Nachbild. In »Effingers« findet sich das Vorhergehende abgewandelt im 142. Kapitel, als Lotte Effinger unter Morddrohungen der Nazis halsüberkopf die Stadt und Deutschland verlassen muss. »Sie kehrte nicht um, um ihren Mantel zu holen. In diesen Straßen mit den grauen Häusern war sie geboren worden, und darum hing sie an allem, was mit dieser Stadt zusammenhing. Am Keller mit Heringen und am kleinen Juwelierladen (…), an der kleinen Maßschneiderei und am Thanatos-Beerdigungsinstitut. Wie oft, wie oft war sie an all dem vorübergefahren! Und da kam schon das alte Tier, die elektrische Bahn Nr. 76, die Erinnerung ihrer Jugend (…). Nicht der Brunnen war ihre Heimat, nicht die Linde, nicht der Gang vors Tor (…), Heimat war das Tier, das sie die täglichen Berufswege führte, die 76, gute, edelwerte 76: Ich werde dies alles nie mehr wiedersehen, dachte sie.«22

1 Vgl. etwa Gabriele Tergit: »Der Prophet in der Hotelhalle«, in: »Vossische Zeitung«, 1.12.1922; »Münchener Tagebuchseite«, in: »Berliner Tageblatt«, 1.2.1927, Abendausgabe; »Begegnungen an der Adria. Auf einer Reise nach Griechenland«, in: »Berliner Tageblatt«, 3.9.1927; »Auf den griechischen Inseln. Aeghina oder die Ziegeninsel«, in: »Berliner Tageblatt«, 29.12.1927; »Miss Europa oder der Hermes des Praxiteles«, in: »Berliner Tageblatt«, 28.6.1939, Mittag. — 2 Brief an Benno Reifenberg, 22.4.1926. Zit. nach Joseph Roth: »Briefe 1911–1939«, hg. von Hermann Kesten, Köln, Berlin 1970, S. 87 f. — 3 Vgl. Kurt Pinthus: »Männliche Literatur«, in: »Das Tage-Buch« 10 (1929), Nr. 1, S. 903–911. — 4 Walter Benjamin: »Einbahnstraße«, in: Ders.: »Gesammelte Schriften«, B. IV.1, Frankfurt/M. 1972, S. 103. — 5 Erhard Schütz: »›Kurfürstendamm‹ oder Berlin als geistiger Kriegsschauplatz. Das Textmuster Berlin in der Weimarer Republik«, in: Klaus Siebenhaar (Hg.): »Poetisches Berlin«, Wiesbaden 1992, S. 163–191. — 6 Christian Jäger / Erhard Schütz (Hg.): »Glänzender Asphalt. Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik«, Berlin 1994. — 7 Vgl. Prof. Dr. Kirchberger: »›Das Auge sieht den Himmel offen‹. Das Berliner Planetarium«, in: »Berliner Tageblatt«, 9.11.1926. — 8 Gabriele Tergit: »Viertelstunde Ewigkeit«, in: »Berliner Tageblatt«, 4.8.1931. — 9 Gabriele Tergit: »Heutige Leistungen. Und ein notwendiger Rückblick«, in: »Berliner Tageblatt«, 21.1.1932. Morgenausgabe. — 10 Rolf Lindner: »Berlin – absolute Stadt. Eine kleine Anthropologie der großen Stadt«. Berlin 2016, S. 24. — 11 In: »Atem einer anderen Welt. Berliner Reportagen«, hg. von Jens Brüning, Frankfurt/M. 1994, S. 21–24. — 12 Gabriele Tergit: »Bekenntnis zur Margarine«, in: »Das Tage-Buch«, 4 (1923), H. 39, S. 1370–1371. — 13 Gabriele Tergit: »Gestalten aus dem Femeprozeß« (1927), in: Dies.: »Blüten der Zwanziger Jahre. Gerichtsreportagen und Feuilletons 1923–1933«, hg. von Jens Brüning, Berlin 1984, S. 98. — 14 Gabriele Tergit: »Wer schießt aus Liebe?« (1931), ebd., S. 197. — 15 Gabriele Tergit: »Helden der Straße« (1927), ebd., S. 104, und Gabriele Tergit: »Montag und Donnerstag Überfall« (1927), ebd., S. 103. — 16 Gabriele Tergit: »Der Held im Spiegel« (1925), ebd., S. 93. — 17 Gabriele Tergit: »Freigesprochen« (1932), ebd., S. 115. — 18 Vgl. Alfred Döblin / Gabriele Tergit u. a.: »Die verschlossene Tür. Kriminalrat Koppens seltsamster Fall«, hg. von Erhard Schütz, Berlin 2015. — 19 Gabriele Tergit: »Freigesprochen«, in: Tergit: »Blüten«, a. a. O., S. 120 f. — 20 Vgl. dazu Elizabeth Boa: »Urban Modernity and the Politics of Heimat. Gabriele Tergit’s ›Käsebier erobert den Kurfürstendamm‹«, in: »German Life and Letters«, 72 (2019), H. 1, S. 14–27. — 21 Vgl. dazu Erhard Schütz: »Berlin. Jüdische Heimat um Neunzehnhundert?«, in: »Zeitschrift für Germanistik« NF 7 (1997), H. 1, S. 74–90. — 22 Gabriele Tergit: »Effingers«, mit einem Nachwort von Nicole Henneberg, Frankfurt/M. 2019, S. 847.

Liane Schüller

»Der Menschheit anderer Teil, die Frau« Gabriele Tergit und die Neue Frau in der Weimarer Republik
1 Die Frauenfrage

Gabriele Tergits Reportagen, die in den 1920er und 1930er Jahren im Feuilleton verschiedener Publikationsorgane wie der »Vossischen Zeitung«, dem »Berliner Tageblatt« und der »Weltbühne« erschienen, rekurrieren häufig auf Typisierungen und Spielarten der sogenannten Neuen Frau – immer essayistisch pointiert und oftmals auf die für Tergits Schreiben konstitutive lakonisch-knappe Weise. Ihre Texte durchzieht spürbar der Modus »liebenswürdiger Ironie«, während sie sich von stereotypen Attitüden des Geschlechterkampfs samt forcierter Rhetorik abheben: »(Tergit) kämpft, indem sie für Frauen wirbt, die aber ganz ungeschoren auch nicht bleiben.«1 Später arbeitet die Autorin in literarischer Form verschiedene Aspekte der im öffentlichen Diskurs der Weimarer Republik hochaktuellen Gender-Debatte differenzierter heraus, etwa anhand der unterschiedlichen Frauenfiguren ihres Großstadtromans »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« aus dem Jahr 1931.2

Mediale Bilder und literarische Inszenierungen der Neuen Frau der Zwischenkriegszeit und das ihnen zugrunde liegende kulturgeschichtliche Konzept sind in den vergangenen Jahrzehnten im Bereich der Kunst- und Mediengeschichte ikonografisch aufbereitet, kultur- und literaturwissenschaftlich besprochen und häufig ambivalent beurteilt worden. Bereits die öffentlichen Debatten in der Weimarer Republik dokumentieren die oft widersprüchliche Haltung gegenüber dem Phänomen, das sowohl die Wandlungen des Phänotypus als auch sich ändernde Moralvorstellungen fokussierte, tradierte Geschlechterrollen infrage stellte und die Entwicklung der Frauenrolle in Beruf, Haushalt und Ehe als ›neu‹ attribuierte.3 Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war »neu« zu einem Leitbegriff avanciert, »der Aufbruch signalisierte und Utopien evozierte«4 und besonders im Zusammenhang mit dem weiblichen Geschlecht und dem Label »Neue Frau« in den folgenden Jahren allenthalben inflationär verwendet wurde.

Der Grundstein für das Herausbilden eines veränderten, selbständigen Frauentypus und der Weg zur Gleichstellung von Frau und Mann war vor allem den Ambitionen der Frauenbewegung um die Jahrhundertwende zu verdanken, die nicht nur das Wahlrecht für Frauen, sondern auch einen verbesserten Zugang zur Bildung zur Folge hatten. Zwar war in »Deutschland (…) die ›Neue Frau‹ (noch) zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr als ein Versprechen, eine Jahrhundertphantasie«;5 der Kampf um soziale Gleichrangigkeit, adäquate Bildungschancen und die Möglichkeit, bis dato den Männern vorbehaltene Berufe auszuüben, war aber unübersehbar in Gang gekommen und positionierte die Frauen auf der Schwelle zwischen Tradition und Moderne.6 Im Jahr 1908 waren Frauen zum Studium zugelassen worden, was eine der »Segnungen der akademischen Bildung« bedeutete,7 die auch Gabriele Tergit nutzte und ihr Studium im Jahre 1925 mit einer Dissertation abschloss. Hatten zunächst viele Frauen, die sich der Gruppe ›neuer Frauen‹ zugehörig fühlten und »das Stadtbild vor allem der Großstadt nach dem Ersten Weltkrieg prägte(n)«,8 noch eine (groß-)bürgerliche Herkunft und somit die materiellen Grundbedingungen, alternative Lebenskonzepte auszuprobieren und sich aktiv an politischer Einflussnahme zu beteiligen, orientierten sich später vor allem Frauen aus der Mittelschicht an dem schönen Schein der dynamisch-modernen Frau, der sich freilich spätestens nach der Weltwirtschaftskrise als Schimäre entpuppte.9 Die wirtschaftlich veränderte Stellung der weiblichen Angestellten im tertiären Sektor der Dienstleistungen10 und das allerorts medial transportierte Bild einer »Hyperfrau«11 dienten nun als wichtiges Vehikel für Emanzipationsbestrebungen.

Die »Frauenfrage«, so Alice Rühle-Gerstel im Jahr 1929, sei mit der Aufgabe verknüpft, die äußerlich errungenen Freiheiten der Frauen nun auch im Wortsinn zu verinnerlichen: »(…) daß wir mit unseren errungenen Freiheiten innerlich nichts anfangen können, weil es männliche Freiheiten sind (…). Das Weibliche ist nur noch ein Anachronismus oder erst nur eine Verheißung.«12 Die Frauenfrage in der Weimarer Republik blieb durch das »festgelegte ikonographische System (…), das zum Massenphänomen und Leitbild der Bildmedien werden sollte«,13 ein zentrales Thema im öffentlichen Diskurs und immer wieder auch bei Gabriele Tergit.

Als soziopolitische Kategorie war die Neue Frau innerhalb eines Jahrzehnts massiven Modifikationen unterworfen. Nicht zuletzt durch Typisierungen wie »Girl«, »Garçonne« und »Flapper«,14 von denen vor allem die letzte Gruppe sich als »explizit apolitisch gerierte«,15 fand ein zunehmender Transfer auf Oberflächenphänomene statt. Die beiden vorherrschenden Bildwelten der Magazine und des Films konstituierten und variierten zeitgenössisch aktuelle Konzepte der Neuen Frau und prägten die Repräsentationen von Weiblichkeit und ihr visuelles Framing.16 Dabei überlagerten sich verschiedene Diskurse und deren soziale Realität unter den besonderen historischen Bedingungen der Weimarer Republik: die Neue Frau und die Geschlechterproblematik, die Angestelltenkultur, die Strömung der Neuen Sachlichkeit und die Medien. Die »lebensweltliche Umwälzung (ließ) dabei wenig aus, was bisher Bestand hatte«.17 Und die Literatur – zumal von Autorinnen der Weimarer Republik, die als »Vivisekteure der Zeit«18 den Forderungen neusachlicher Programmatik folgten – erwies sich einmal mehr als Reflex auf gesellschaftliche Prozesse und als ein Medium, »in dem das Leben sich selbst zu erkennen versucht«,19 wenn sie Frauenfiguren abbildete, die wie die »ersten It-Girls« zwischen zwei Polen, nämlich »der aktiven Selbstgestaltung als Funktionselement von Gesellschaft und dem hedonistischen Selbstbezug«, angesiedelt waren.20

Die kosmopolitische und selbstbewusste Neue Frau wurde in der diffusen Atmosphäre der 1920er Jahre zur ambivalenten (Identifikations-)Figur mit großer Strahlkraft. Sie war durch die Ambivalenz von Wünschen und Normen, Selbstverwirklichung und Grenzerfahrung markiert und geriet zur Chiffre für die Idee der intellektuellen, kulturellen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung. Aber nicht nur die Bemühungen zur Gleichstellung von Frau und Mann mündeten in einer Sackgasse; auch die Wirkmächtigkeit und der mediale Glanz der heterogenen (modischen) Varianten des Konzepts ›Neue Frau‹ als konsumorientiertem Kulturwesen begann mit der Weltwirtschaftskrise 1929 langsam zu verebben und wurde durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten von einem rückwärtsgewandten Frauenbild abgelöst.21

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