Читать книгу: «Neue Technologien in der Pflege»

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Die Herausgeber


Prof. Dr. Anne Meißner, Professorin für Pflege und Versorgungsorganisation am Institut für Sozial und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim, Leiterin des Lehr- und Forschungsclusters Pflege und Versorgungsorganisation, Sprecherin der Sektion Entwicklung und Folgen von Technik in der Pflege der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft und Mitglied des Scientific Advisory Boards der Joint Programming Initiative »More Years, Better Lives«.


Prof. Dr. Christophe Kunze, Professor für Assistive Gesundheitstechnologien in der Fakultät Gesundheit, Sicherheit, Gesellschaft an der Hochschule Furtwangen, Vorstand des Forschungsinstituts Mensch, Technik und Teilhabe (IMTT) an der Hochschule Furtwangen, Mitglied in der Fachgruppe »Mensch-Technik-Interaktion« im BW Centre for Applied Research (BW-CAR) und Mitgründer der nubedian Software GmbH.

Anne Meißner/Christophe Kunze (Hrsg.)

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036779-1

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-036780-7

epub: ISBN 978-3-17-036781-4

mobi: ISBN 978-3-17-036782-1

Geleitwort

Anja Karliczek

Wer krank oder aufgrund seines Alters pflegebedürftig ist, wünscht sich eine professionelle und einfühlsame Versorgung. Über 3,4 Millionen Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen. Aufgrund der stetig steigenden Lebensdauer wird diese Zahl in Zukunft wachsen. Für unsere Gesellschaft ist das eine besondere Herausforderung. Schon jetzt fordern die schwere körperliche Arbeit und der Zeitdruck den Pflegefachkräften und pflegenden Angehörigen viel ab. Die Frage, wie technologische Innovationen sie unterstützen könnten, rückt daher zunehmend in den Fokus – insbesondere im Hinblick auf die Förderung nachhaltiger und sozialer Versorgungsstrukturen in der Pflege.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt die Entwicklung und Erforschung neuer Pflegetechnologien: Im Mittelpunkt der Initiative Pflegeinnovationen 2030 stehen vielfältige technische Unterstützungsmöglichkeiten für Pflegefachkräfte und pflegebedürftige Menschen, aber auch für die vielen pflegenden Angehörigen, deren Zahl in Deutschland auch wächst. Es geht uns darum, Menschen durch Technik zu entlasten.

Die Forschungsprojekte haben eine Menge vielversprechender neuer technischer Ideen entwickelt und ausgebaut. Was noch fehlt, ist der Sprung in die Praxis. Dafür gibt es vielfältige Gründe: Die Strukturen der pflegerischen Versorgung sind komplex. Vielerorts sind die Technologien gar nicht bekannt oder die Erfahrungen im Umgang mit innovativer Technik in der Praxis reichen noch nicht aus. Der Einsatz neuer Technologien gelingt nur dann, wenn neben fundiertem Wissen auch die Bedürfnisse der Betroffenen, der Pflegebedürftigen und der Pflegenden verstanden und berücksichtigt werden. Der Mensch muss bei der Entwicklung, Erprobung und Bewertung von Innovationen im Mittelpunkt stehen.

Die Pflege ist eine Aufgabe, die wir als Gesellschaft nur gemeinsam bewältigen werden. Wir benötigen zugleich eine kritische Reflexion vorhandener Strukturen und Offenheit für Veränderung. Unter dem Motto »Der Mensch im Mittelpunkt« rufen wir Pflegende und Pflegebedürftige auf, sich selbstbestimmt einzubringen. Dieses Buch bietet dafür eine wichtige Grundlage. Es veranschaulicht aktuelle Entwicklungen und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf.

Pflege ist ein besonderer Ausdruck von Mitmenschlichkeit. Ich wünsche allen, die sich in und für die Pflege engagieren Erfolg und Erfüllung bei ihrer wertvollen Arbeit.


Anja Karliczek

Mitglied des Deutschen Bundestages

Bundesministerin für Bildung und Forschung

Inhalt

1  Geleitwort

2 Anja Karliczek

3  Teil I Struktur schaffen und das Feld erschließen: Einführung

4  1 Vorwort

5 Anne Meißner & Christophe Kunze

6  2 Besonderheiten rund um COVID-19

7 Anne Meißner & Christophe Kunze

8  3 Hinweise und Aufbau

9 Anne Meißner & Christophe Kunze

10  4 Pflege(n) mit Technik – Wie passt das zusammen?

11 Anne Meißner & Christophe Kunze

12  Teil II Den Pflegealltag mit Technik gestalten: Einsatzfelder heute

13  1 Digitale Medien und soziale Betreuung von Menschen mit Demenz

14 Beate Radzey

15  2 Chancen und Herausforderungen neuer Pflegetechnologien in der Akutpflege – Beispiele aus dem Pflegepraxiszentrum Freiburg

16 Sven Ziegler & Johanna Feuchtinger

17  3 Videokommunikation in der Pflege – Chancen und Hindernisse

18 Ulrike Lindwedel, Jennifer Kuhlberg & David Czudnochowski

19  4 Neue Technik in der ambulanten Versorgung

20 Verena Münch, Katja Michael & Christophe Kunze

21  5 Digitale Vermittlungsplattformen in Pflege und Betreuung

22 Anna Hegedüs, Lara Nonnenmacher, Christophe Kunze & Ulrich Otto

23  6 Pflegeüberleitung als digitaler Prozess

24 Björn Sellemann

25  7 Deus ex machina? Klinische Entscheidungsfindung in Zeiten digitaler Dokumentation und KI

26 Dirk Hunstein

27  Teil III Potenziale erkennen und Herausforderungen verstehen: Zukünftige Technologien in der Pflege

28  1 Künstliche Intelligenz in Pflege und Versorgung

29 Christophe Kunze & Anne Meißner

30  2 Robby, hilf mir mal!

31 Anne Meißner

32  3 Zwischen Hype und disruptiver Innovation: Neue Technologien als Treiber für Veränderungen in der Pflege

33 Christophe Kunze

34  Teil IV Reflektiert handeln: Neue Aufgaben und Handlungsfelder

35  1 Soziale Akzeptanz und ethische Angemessenheit

36 Julia Petersen & Arne Manzeschke

37  2 Ethische und soziale Implikationen des Technikeinsatzes in der Pflege: Trackingsysteme für den Umgang mit Wandering

38 Christine Moeller-Bruker, Johanna Pfeil & Thomas Klie

39  3 Hürde Datenschutz? Neue Technologien rechtskonform & sicher einsetzen

40 Thomas Althammer

41  4 Der Digitale Nachlass – Hinterm Horizont geht’s weiter

42 Anne Meißner und Stephanie Herzog

43  5 Technikberatung für Pflegebedürftige und An- und Zugehörige

44 Peter König & Christophe Kunze

45  Teil V Couragiert nach vorne blicken: Vision und Ausblick

46  1 Gestern, heute, morgen: Neue Technologien in der Pflege

47 Anne Meißner & Christophe Kunze

48  Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Teil I Struktur schaffen und das Feld erschließen: Einführung

1 Vorwort
Anne Meißner & Christophe Kunze

Die Digitalisierung und Technisierung des Privaten wie Beruflichen ist in aller Munde. Die verwendeten Begrifflichkeiten sind je nach Blickwinkel unterschiedlich. Die einen sprechen von Technik, Technologie, Technisierung oder Digitalisierung. Wieder andere verwenden Begriffe wie disruptive Innovation oder Zukunftstechnologien. Die einen zeichnen ein warmes und freundliches Bild der Zukunft, die anderen werfen ein bedrohliches Szenario in düsteren Farben auf. Aber wie auch immer man es benennt oder betrachtet, die Entwicklung schreitet unaufhörlich voran und findet sich auf allen Ebenen: Digitalisierung verändert die Lebenswelt und das Verhalten von Individuen. Wir kommunizieren mit Freunden und Kollegen über Messengerdienste, machen »Selfies« mit dem Handy, kaufen online ein, viele Menschen lernen sogar ihre Partner online kennen. Auf der Mesoebene verändert Digitalisierung die Organisation von Prozessen in den Institutionen und krempelt ganze Wirtschaftszweige um, wie etwa den Buchhandel, die Reisevermittlung oder das Bankwesen. Und auch der Blick auf die Gesellschaft (Makroebene) zeigt Veränderungen. Diese werden z. B. bei der Diskussion um die Gefahren von »fake news« in sozialen Medien für die Demokratie oder bei der Suche nach ethischen Leitplanken für selbstfahrende Autos deutlich.

Gleichzeitig schreitet sie unterschiedlich eilig voran. Einzelne Branchen nutzen die Digitalisierung schneller und besser als andere. Das Gesundheitswesen zeigt sich eher gemächlich. Und nicht alle Menschen profitieren von Digitalisierung in gleichem Maße. Eine »digitale Kluft« tut sich auf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einigen widmen sich die Beiträge dieses Buches.

Insgesamt fordern die bekannten demografischen, epidemiologischen und gesellschaftlichen Veränderungen dazu auf, Lösungen zu finden. Allerdings geht es nicht darum, irgendeine Lösung für die derzeitigen oder zukünftig zu erwartenden Probleme zu finden. So sind z. B. technische »Waschstraßen« für Menschen in Krankenhäusern analog zu Autowaschstraßen zwar faktisch eine Lösung für das Fehlverhältnis von Angebot und Nachfrage in der beruflichen Pflege. Es wäre technisch möglich. Gleichzeitig stimmt dieses Bild nicht mit dem Verständnis einer würdevollen Pflege überein. Es gilt also vielmehr, einen Weg zu finden, den Herausforderungen auf wohlgesonnene Weise zu begegnen und lebensdienliche Vorgehensweisen mit oder ohne Technik zu gestalten, die sowohl gesellschaftlich akzeptiert, bezahlbar und auch umsetzbar sind. Die Digitalisierung mit ihren innovativen technischen Systemen eröffnet grundsätzlich solch einen Lösungsweg. Schließlich können neue Technologien ein Weg sein, um zukünftige Herausforderungen in der pflegerischen Versorgung und Betreuung zu bewältigen. Gleichzeitig ist Technik nicht immer die beste Lösung. Daneben ist das Konzept von Würde und die Vorstellung, was eine würdevolle pflegerische Versorgung ausmacht, in den kulturellen Kontext zu betten und damit wandelbar.

Sicher ist, dass der Einsatz neuer Technologien den pflegerischen Versorgungsalltag verändern wird. Das ist auf der einen Seite erklärtes Ziel. Wir wollen Problemlösung und damit Veränderung. Wie Albert Einstein eindrücklich und unmissverständlich formulierte, ist die reinste Form des Wahnsinns, alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, das sich etwas ändert. Es gilt also, etwas zu ändern und nicht zu erwarten, dass alles bleibt wie es ist.

Auf der anderen Seite ist zu bedenken, dass die Digitalisierung und damit zusammenhängende Veränderungsprozesse komplex sind und weit mehr als nur die Entwicklung neuer Technologien bedingen. Auch von der Funktionalität her einfach erscheinende digitale Technologien können eine enorme Komplexität aufweisen, die sich z. B. aus Gründen der IT-Sicherheit, der Skalierbarkeit, der langfristigen Wartbarkeit oder aus Abhängigkeiten von anderen Systemen ergeben können. Aber die Entwicklung funktionierender technischer Lösungen ist nur der eine (und oft leichtere) Teil der Arbeit. Die Möglichkeiten technischer Systeme ausgehend von Bedürfnissen und Bedarfen neu zu denken, diese interdisziplinär zu gestalten, umfänglich auszuschöpfen und so lebensdienliche Technik für Menschen zu entwickeln, die sich in menschliche Prozesse einfügt (und nicht umgekehrt) – das ist die hohe Kunst!

Wenn technische Systeme wirksam und nachhaltig Einzug in die pflegerische Versorgungswelt halten sollen, dann muss der Ausgangspunkt für Entwicklung, Erprobung, Implementierung und Bewertung der Versorgungsauftrag und die Bedürfnis- und Bedarfslage betroffener Zielgruppen sein. Diesen Fokus wirkungsvoll zu setzen, kann nur gelingen, wenn Pflegende sich entschlossen mit den neuen Möglichkeiten beschäftigen.

Gleichzeitig ist zu betonen, dass alles rund um die Entwicklung, Erprobung, Implementierung und Bewertung neuer Technologien interdisziplinär und partizipativ zu betrachten ist. Schließlich gilt, sich aus verschiedenen Perspektiven anzunähern, die effektive und effiziente Erfüllung des Versorgungsauftrags im Blick zu haben und umfassend den eigenen Gegenstandsbereich zu vertreten, um dadurch umfassende und wünschenswerte Lösungen zu finden. Damit dies gelingen kann, ist eine vertiefende Auseinandersetzung für alle im Gesundheitswesen Beteiligten nicht nur erforderlich, sondern geboten.

Derzeit sprießen Publikationen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen, so scheint es, wie Pilze aus dem Boden. Der vorliegende Band fokussiert auf den pflegerischen Versorgungsalltag. Gleichwohl gibt es weit mehr Themen, die es zu behandeln gälte. Allerdings ist solch ein Projekt immer einzugrenzen und es gilt, den Ausgangspunkt zu definieren. Für den einen mag das zu viel, für den anderen zu wenig sein. Die Frage bleibt: Wovon gehen wir aus, wo fangen wir an? Wir haben uns bemüht, einen Ausgangspunkt zu legen, der vorwiegend in wichtige Aspekte einer neuen Thematik einführt. Gleichzeitig fehlen bereits jetzt relevante Themen, z. B. Mixed Reality oder Gesundheits- und Medizin-Apps (siehe dazu auch Besonderheiten rund um COVID-19). Die Kernmessage ist: Es gibt noch weit mehr zu sagen. Dieses Buch ist ein guter Anfang für eine erste Auseinandersetzung.

Mit dieser Edition rufen wir dazu auf, sich aktiv mit der Thematik auseinanderzusetzen, in die neue Themenwelt einzutauchen, zugleich offen und kritisch für Veränderungen zu sein und dabei den pflegerischen Gegenstandsbereich und »pflegerischen Blick« als Perspektivschirm zu spannen.

Das Herausgeberteam selbst ist interdisziplinär aufgestellt. So ist einerseits praktische Pflegeerfahrung in Verbindung mit Pflegewissenschaft und andererseits eine technikwissenschaftliche Perspektive vertreten. Die Autorinnen und Autoren vervollständigen die Interdisziplinarität, und machen »ein Ganzes« draus. So sind Pflegende aus Wissenschaft und Praxis vertreten, genauso wie juristische oder gerontologische Kolleginnen und Kollegen oder Kolleginnen und Kollegen mit Schwerpunkt Informatik.

Die Realisierung eines solch umfangreichen Projekts bedarf der vertrauensvollen und verbindlichen Zusammenarbeit. Für dieses erfolgreiche – und in Corona-Zeiten besonders wichtig –, auch freudvolle Zusammenwirken möchten wir uns bei allen Autorinnen und Autoren herzlichst bedanken. Bleiben Sie gesund!

Hildesheim, im Mai 2020

Anne Meißner

Furtwangen, im Mai 2020

Christophe Kunze

2 Besonderheiten rund um COVID-19
Anne Meißner & Christophe Kunze

Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie stellt uns alle vor neue Herausforderungen. Und sowohl wir als Herausgeberteam wie auch die Autorinnen und Autoren wurden nicht davor verschont.

Im Versorgungsalltag waren nie dagewesene Herausforderungen zu bewältigen: Kliniken oder Klinikstationen wurden für COVID-19-Patienten umgerüstet, Pandemie- und Hygienepläne umgesetzt und die Beschaffung von Schutzausrüstung organisiert oder neue Wege für den Umgang mit Kontaktbeschränkungen erarbeitet. Daneben galt es, zusätzlich zum Berufsalltag plötzlich Kinder zuhause zu betreuen und Homeschooling zu gestalten. Oder es waren neue, kontaktlose Wege zu finden, um sich in dieser besonderen Situation um Eltern und Großeltern zu kümmern. Oder Nachbarn waren in das persönliche soziale Netz fester als zuvor zu umschließen oder mit befreundeten Künstlern gemeinsam zu überlegen, wie diese vor dem wirtschaftlichen Ruin gerettet werden können und mehr. Wir als Hochschulprofessorin und Hochschulprofessor waren vor die Aufgabe gestellt, innerhalb kürzester Zeit eine umfangreiche Anzahl an Vorlesungen und Seminaren auf Online-Lehre und eine sinnvolle und freudvolle Lernumgebung umzustellen. Insgesamt hat diese neue und ungewöhnliche Situation dazu geführt, dass privater wie beruflicher Alltag vollständig umzustellen waren. Diese Umstellung wurde von einigen »Ecken und Kanten« begleitet. Dies wiederum hat dazu geführt, dass wir einige Beiträge herausgelassen oder gekürzt haben. Denn wir haben uns entschieden, den Band dennoch wie geplant Ende 2020 herauszugeben. Zwar spricht derzeit niemand von etwas anderem als »Corona«, d. h. dem SARS-CoV-2-Virus und der COVID-19 Erkrankung, gleichzeitig macht die Implementierung von Technik in Zeiten von Corona nicht halt, sondern wird vielmehr in besonderem Maße durch diese herausfordernden Umstände vorangetrieben. Zum Beispiel erleben Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen erstmals die Möglichkeit, mit Angehörigen per Videotelefonie zu kommunizieren. Oder Telepräsenz-Systeme ermöglichen in Kliniken kontaktlose Interaktionen. (Technische) Innovationen mit Blick auf die Auswirkungen einer Pandemie werden zurzeit in besonderem Maße gefördert. Viele neue Innovationen werden entstehen. Daneben erkennen wir als Gesellschaft gerade die Nützlichkeit der Digitalisierung in Zeiten von Kontaktbeschränkungen oder auch mit Blick auf die weitere Eindämmung der Pandemie, z. B. durch eine sog. Corona-Tracing-App, auch wenn die Meinungen zur App auseinander gehen. Die Implementierung von Technik ist durch Corona weiter fortgeschritten, neue technische Systeme werden entstehen. Technik hält unabwendbar in dieser Zeit Einzug in unser aller Lebensprozesse. Die Beiträge dieses Buches zeigen Möglichkeiten auf und regen zur Auseinandersetzung, und zwar auch in Zeiten von Corona, an.

3 Hinweise und Aufbau
Anne Meißner & Christophe Kunze

Sprache gestaltet Wirklichkeit. Wir haben deshalb davon abgesehen, auf ein Geschlecht in der Sprache zu fokussieren und auf andere zu verzichten oder diese allgemein mit einzubeziehen. Wir haben uns bemüht, Gendergerechtigkeit in der Sprache abzubilden (z. B. Pflegende, Betroffene, Beteiligte). In Sätzen, in denen dies schwer verständlich gewesen wäre, umfassen wir alle Geschlechter und schreiben z. B. von Kolleginnen und Kollegen. Verweise im Buch, z. B. auf Kapitel oder Abbildungen, werden in Klammern angezeigt und mit einem Verweisdreieck () auf das Kapitel versehen. Fallbeispiele werden mit einem grauen Balken am Rand kenntlich gemacht, wichtige Aussagen wie Definitionen mit einer grauen Fläche hinterlegt.

Die Edition ist thematisch in fünf Abschnitte unterteilt:

Teil I: Struktur schaffen und das Feld erschließen: Einführung

Das Herausgeberteam beginnt mit einem einführenden Beitrag rund um Entwicklung, Bewertung und Implementierung technischer Systeme. Der Beitrag fragt, wie Pflege(n) mit Technik zusammenpasst und welchen Beitrag technische Systeme zu »guter« Pflege und damit zum »guten« Leben leisten (können). Das Autorenteam legt Herausforderungen dar, die damit verbunden sind. Die Besonderheiten der pflegerischen Interaktionsarbeit und ihre Bedeutung für den Einsatz technischer Systeme in der pflegerischen Versorgungssituation werden herausgestellt. Die weitere Entwicklung und der regelhafte Einzug technischer Systeme in die versorgungsnahe Praxis hängt auch von deren Finanzierung und damit von der politischen Gestaltung ab. Deshalb zeigt der Aufsatz grundsätzliche Herausforderungen auf. Ausführungen zur Rolle der Pflegenden in diesem dynamischen Innovations- und Gestaltungsprozess schließen den Beitrag ab.

Teil II: Den Pflegealltag mit Technik gestalten: Einsatzfelder heute

Techniknutzung in der Pflege ist keine Zukunftsmusik. Digitale Technologien werden heute schon in der Praxis eingesetzt und können dort Mehrwerte in der Versorgung schaffen. In diesem Buchteil stellen die Autorinnen und Autoren praktische Erfahrungen und Befunde zu ausgewählten technischen Lösungsansätzen in pflegerischen Anwendungsfeldern vor. Die vorgestellten Beispiele bilden ein großes Spektrum des Technikeinsatzes in der Pflege ab: Es finden sich darintechnische Assistenzsysteme ebenso wie reine IT-Lösungen, Anwendungen in der Akutpflege ebenso wie in der Langzeitpflege und im stationären Bereich ebenso wie in der häuslichen Versorgung. Die Beispiele zeigen auf, was heute schon möglich ist und welche Mehrwerte sich daraus ergeben, ohne Herausforderungen und Probleme in der Umsetzung zu verschweigen.

Radzey ( Teil II, Kap. 1) widmet sich zu Beginn des zweiten Teils der rasanten Entwicklung digitaler Medien in der sozialen Betreuung von Menschen mit Demenz. Sie legt dar, dass technische Lösungen und technikgestützte Betreuungskonzepte das Potenzial haben, einen wertvollen Beitrag für dementiell erkrankte Menschen zu leisten. Sie zeigt Gründe auf, warum dennoch eine regelhafte Verbreitung bisher kaum zu verzeichnen ist. Daneben identifiziert die Autorin gegensätzliche Bedürfnislagen von Menschen mit Demenz, den Zugehörigen wie beruflich Pflegenden und fokussiert im Folgenden auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz. Sie stellt technische Systeme vor, die diese Bedürfnisse erfüllen und dadurch Wohlbefinden generieren können. Sie differenziert drei Richtungen technischer Systeme aufgrund der Zielsetzung: Zeitvertreib, Training zur Gesundheitsförderung und Erinnerungspflege. Abschließend nennt die Autorin relevante Aspekte, die notwendig sind, damit Menschen mit Demenz zukünftig besser durch technische Systeme unterstützt werden können.

Ziegler und Feuchtinger ( Teil II, Kap. 2) zeigen auf, dass Anforderungen an technische Systeme im klinischen Setting sich in vielen Punkten von denjenigen in anderen Settings unterscheiden (müssen), da es in diesem Setting primär um die Bewältigung eines oder mehrerer akuter (gesundheitlicher) Probleme geht und der Auftrag ein anderer ist. Das Autorenteam berichtet in diesem Zusammenhang aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Pflegepraxiszentrum Freiburg, das sich diesem Fokus widmet. Verschiedene Projekte werden erläutert. Dies sind z. B. Projekte, die sich mit der Unterstützung der Dekubitusprophylaxe durch integrierte Bettsensorik beschäftigen oder solche, die sich der Lärmreduktion auf Intensivstationen widmen. Auch Ziegler und Feuchtinger greifen das Thema Demenz auf und zeigen einmal mehr die unterschiedlichen Ausgangslagen verschiedener Settings auf. Abschließend berichten sie hilfreich von »Lessons Learned« und beziehen sich zur systematischen Bearbeitung übergreifender Aspekte für die Einbettung von Technik in die klinische Akutpflege auf das NASSS-Framework.

Lindwedel, Kuhlberg und Czudnochowski ( Teil II, Kap. 3) berichten darüber, wie sich Videokommunikation im Setting der ambulanten Palliativversorgung einsetzen lässt. Sie zeigen auf, dass die Nutzung von Videokommunikation die Versorgungssituation über räumliche Distanz hinweg und insbesondere im ländlichen Raum unterstützen kann. Das Autorenteam führt grundlegend in die Thematik ein und differenziert Videokommunikationsstrategien der ärztlichen Kolleginnen und Kollegen von denen der beruflichen Pflege auf Distanz. Anhand dreier Fallstudien in verschiedenen Settings identifiziert das Autorenteam förderliche wie hinderliche Faktoren beim Einsatz von Videokommunikation in der pflegerischen Versorgung (Arbeitsorganisation, technische Hürden, Änderungen in der Kommunikation, Akzeptanz der Beteiligten, Schulungsbedarfe). Das Autorenteam verweist ferner auf neue Handlungsfelder für beruflich Pflegende, die sich durch die technischen Möglichkeiten ergeben.

Münch, Michael und Kunze ( Teil II, Kap. 4) berichten über eine ambulante Versorgung, die sich im Wandel befindet. Sie beschreiben einerseits Herausforderungen einer zunehmend ambulanten Versorgung und identifizieren andererseits Möglichkeiten technischer Unterstützung. Zwar kommen technische Systeme in der ambulanten Versorgung bisher nur vereinzelt zum Einsatz. Gleichwohl wird deutlich, dass technische Systeme in diesem Setting zu einer Stabilisierung der Situation beitragen können. Aber auch im ambulanten Setting sind Notwendigkeiten und Herausforderungen mit der Zielerreichung verbunden. Zur Vertiefung greifen sie verschiedene Aspekte auf und ergänzen diese durchgehend am Beispiel häuslicher Monitoringsysteme. Abschließend zeigt auch dieser Beitrag, dass jedes neue technische System lebensdienlich in Versorgungsprozesse einzupassen ist, damit es akzeptiert und genutzt wird und mit dem System die gesetzten Ziele erreicht werden können.

Hegedüs, Nonnenmacher, Kunze und Otto ( Teil II, Kap. 5) widmen sich digitalen Vermittlungsplattformen in Pflege und Betreuung. Im ersten Blick scheint diese Art technischer Systeme fern von Pflege und Betreuung im näheren Sinn zu liegen. Ein zweiter Blick lohnt jedoch. Denn es werden unverkennbar die Bedeutung digitaler Plattformen für die pflegerische Versorgung aufgezeigt. Eingangs erläutert das Autorenteam verschiedene Formen, Geschäfts- und Marktmodelle, die für das weitere Verständnis hilfreich sind. Sie beschreiben nachvollziehbar zwei Anwendungsfelder. Das sind einmal digitale Plattformen zur Vermittlung ambulanter Pflege- und Betreuungsleistungen (in Anlehnung an das bekannte Unternehmen zur Vermittlung von Fahrdienstleistungen manchmal auch »Pflege-Uber« genannt). Daneben werden digitale Plattformen im Anwendungsfeld Entlassungsmanagement vorgestellt. Den veränderten Anforderungen, z. B. durch reduzierte Verweildauer, wird auch hier durch ein steigendes Angebot digitaler Plattformen begegnet. Ähnlich dem Uber-Phänomen sind mit dem veränderten Struktursystem Vorteile wie Nachteile verbunden. Diese arbeitet das Autorenteam praxisnah heraus. Das Autorenteam zeigt insgesamt die Potenziale solcher Plattformen für eine effektive und effiziente Versorgung auf und lässt gleichzeitig die andere Seite der Medaille nicht außen vor.

Dem Entlassungsmanagement und der Pflegeüberleitung widmet Sellemann ( Teil II, Kap. 6) sich aus einer anderen Perspektive als das vorige Autorenteam. Der Autor fokussiert auf Nutzen und Herausforderungen von Informations- und Kommunikationstechnologie für das Überleitungsmanagement. Er führt übergreifend in das Feld ein. Im Folgenden macht der Autor deutlich, dass eine multiprofessionelle, intersektorale Informationskontinuität erforderlich ist, um den Versorgungsauftrag erfüllen und Versorgungskontinuität innerhalb eines Behandlungsverlaufes gewährleisten zu können. Er zeigt in diesem Zusammenhang rechtliche Rahmenbedingungen genauso wie aktuelle Entwicklungen auf. Ferner erläutert er den ePflegebericht als digitales Überleitungsinstrument. Auch geht er auf den ePflegebericht als Abschlussdokument einer pflegerischen Versorgungsepisode und Kommunikationsbasis für nachgelagerte Leistungsanbieter ein. Er resümiert, das politische und gesetzliche Entwicklungen Hoffnung geben, dass die Instrumente bald Einzug in den pflegerischen Versorgungsalltag halten werden.

Hunstein ( Teil II, Kap. 7) wiederum widmet sich ebenfalls der digitalen Pflegedokumentation und gleichzeitig einem eher unsichtbaren Aspekt der Digitalisierung in diesem Zusammenhang, der klinischen Entscheidungsfindung. Er zeigt auf, dass mit einer digitalen Pflegedokumentation mehr möglich ist als nur die reine Informationsübermittlung. Der Autor erläutert in diesem Zusammenhang Möglichkeiten und Grenzen einer KI-gestützten klinischen Entscheidungsfindung und verweist auf die Bedeutung von Big Data als ein Glied in der KI-Kette. Anhand von Beispielen stellt er ein wichtiges Forschungsgebiet von KI im Gesundheitswesen vor, die prädiktive (vorhersagende) Analyse. Ebenfalls mithilfe praxisnaher Beispiele erläutert der Autor daneben die Herausforderung, die mit dem Einsatz von Algorithmen zur Entscheidungsfindung verbunden sind. Er verdeutlicht die Notwendigkeit der Operationalisierung und diskutiert die Fragen der Verantwortung, die damit verbunden sind. Er macht deutlich, dass die Entwicklung von KI im Gesundheitswesen neue Regeln nötig machen wird, die von einer offenen gesellschaftlichen Diskussion zu flankieren sind.

Teil III: Potenziale erkennen und Herausforderungen verstehen: Zukünftige Technologien in der Pflege

Digitale Technologien entwickeln sich mit einer großen Dynamik weiter. Viele neue Technologien werden voraussichtlich auch die Pflege in Zukunft stark verändern. Aber in welche Richtung? Und welche Rahmenbedingungen sind dabei zu beachten? In diesem Teil werden mit Künstlicher Intelligenz und Robotik zunächst zwei ausgewählte Technologiefelder ausführlich analysiert, denen ein besonders starkes Veränderungspotenzial zugeschrieben wird. Im abschließenden Beitrag werden Ansätze vorgestellt, wie die Bedeutung neuer Technologien für die Pflege allgemein betrachtet werden kann.

Kunze und Meißner ( Teil III, Kap. 1) eröffnen den dritten Teil der Edition mit Potenzialen und Herausforderungen rund um die sog. Künstliche Intelligenz. Das Autorenteam zeigt zunächst KI auf, die mitunter unbemerkt bereits Einzug in unseren Alltag gehalten hat. Sie differenzieren Künstliche Intelligenz nachvollziehbar und erläutern verschiedene Formen des maschinellen Lernens. Im Folgenden zeigen sie das Potenzial von KI beispielhaft für Einsatzfelder in Pflege und Medizin auf und machen so Nutzen wie Grenzen deutlich. Im Anschluss stellen sie anhand von Beispielen dar, welche Chancen und Herausforderungen mit dem Einsatz von KI verbunden sind, welche ethischen Fragen der Einsatz von KI aufwirft und welche Verantwortung Pflegenden in diesem Kontext zukommt. Sie schließen ab mit der Bedeutung von KI für den pflegerischen Versorgungsalltag.

Meißner ( Teil III, Kap. 2) führt im folgenden Kapitel des dritten Teils praxisnah in das Feld der Robotik und damit verbundene Überlegungen im Kontext Pflege und Versorgung ein. Sie beginnt mit einem Fallbeispiel, erläutert, welche Parameter robotische Systeme ausmachen, welche unterschiedlichen Formen existieren, wie Roboter agieren und welche Voraussetzungen dafür erforderlich sind. Sie wirft ferner sowohl einen Blick auf den wachsenden Robotermarkt als auch einen ernüchternden Blick Richtung Japan. Die Autorin widmet sich der Frage, ob robotische Systeme pflegerisches Handeln unterstützen. Sie differenziert Handlungsoptionen und unterscheidet in Systeme, die im Alltag ergänzen, entlasten, unterstützen und solche Systeme, die proaktiv auf Menschen reagieren und die Interaktion in den Mittelpunkt stellen. Sie zeigt aus dieser Perspektive beispielhaft drei robotische Systeme auf und erläutert jeweilige Handlungsweisen, Herausforderungen und Implementierungsgrade im pflegerischen Versorgungsalltag. Die abschließende Übersicht zum Forschungsstand macht deutlich, dass im Zusammenhang mit robotischen Systemen im realen Umfeld noch viele Fragen offen sind.

Kunze ( Teil III, Kap. 3) stellt im abschließenden Kapitel dieses Teils die Frage, welche Rolle neue Technologien für Innovationen im Gesundheitswesen spielen und welche Faktoren die Nachhaltigkeit technikbasierter Innovationen im Gesundheitswesen beeinflussen. Der Autor zeigt praxisnah Beispiele unterschiedlicher Innovationen auf und erläutert, wie sich diese aus dem Zusammenspiel neuer technischer Möglichkeiten und konkreter Anwendungsbedarfe und Rahmenbedingungen ergeben. Er legt dar, dass »Hypes« zu unrealistischen Vorstellungen davon führen können, was eine Technologie tatsächlich in der Lage zu leisten ist. Dies kann zu problematischen Entscheidungen im Innovationsmanagement führen. Um »gehypte« Technologien realistischer einschätzen zu können, verweist er auf das praktikable Instrument des »Technology Hype Cycle«. Anschließend geht er auf die Bedeutung von Komplexität für die Implementierung und Nachhaltigkeit technischer Innovationen im Gesundheitswesen ein und stellt mit dem NASSS-Framework einen bewährten theoretischen Ansatz zur Analyse vor. Er hebt abschließend hervor wie wichtig es ist, das Pflegende sich aktiv in die Gestaltung technikbezogener Veränderungen einbringen.

Teil IV: Reflektiert handeln: Neue Aufgaben und Handlungsfelder

Die digitale Transformation führt schon heute zu starken Veränderungen in der Pflege und damit auch zu neuen Anforderungen an Pflegende. Dabei geht es bei weitem nicht nur um die Bedienung und Nutzung von technischen Systemen. Im Mittelpunkt steht die Forderung nach einem reflektierten Umgang mit technischen Systemen bei der Gestaltung von Pflege. Mit der Digitalisierung werden sich Aufgabenbereiche verändern, neue kommen hinzu. Perspektivisch werden neue berufliche Rollen von Pflegenden entstehen. Dieser Buchteil beleuchtet daher ausgewählte Aufgabenbereiche, die im Kontext neuer Technologien auf Pflegende zukommen.

Zwar haben alle Beiträge dieser Edition ethische Überlegungen nicht gänzlich außen vorgelassen. Petersen und Manzeschke ( Teil IV, Kap. 1) widmen sich im ersten Beitrag des vierten Abschnitts exklusiv den wichtigen Aspekten der sozialen Akzeptanz und ethischen Angemessenheit. Übergreifend stellen sie die Frage, welchen Beitrag Technik zum guten Leben und insbesondere zur guten Pflege leisten kann. Sie differenzieren dazu einerseits den in vielen Beiträgen dieser Edition gebräuchlichen Begriff der Akzeptanz und zeigen nachvollziehbar auf, dass soziale Akzeptanz technischer Systeme nicht allgemein betrachtet werden kann, sondern kontextspezifisch einzubetten ist. Anderseits verweisen sie auf den Begriff der ethischen Angemessenheit und Probleme, die mit der ethischen Urteilsbildung verbunden sind. Sie reflektieren konfligierende Werte, stellen ethische Aspekte in den Kontext der politischen Dimension und erläutern das MEESTAR Modell zur ethischen Evaluation von sozio-technischen Arrangements. In diesen ethischen Diskurs betten sie abschließend Überlegungen zum Beitrag von Technik zur guten Pflege ein.

Moeller-Bruker, Pfeil und Klie ( Teil IV, Kap. 2) stellen ebenfalls ethische Implikationen im Kontext der Technikgestaltung und der Techniknutzung in der Pflege in den Mittelpunkt ihres Beitrags. Am Beispiel von Trackingtechnologien für den Umgang mit sog. Wandering von Menschen mit Demenz zeigen Sie auf, wie Techniknutzung pflegerische Tätigkeiten definiert und welche Rolle dabei bereits in der Entwicklungsphase in die Technik eingeschriebene Wertvorstellungen und Rollenbilder spielen. Damit lenken sie den Blick auf die Bedeutung ethischer Reflexion und Evaluation im Alltag der beruflichen Pflege. Am Beispiel des Einsatzes von Trackingsystemen bei Wandering stellen Sie dar, wie eine Analyse ethischer und sozialer Implikationen beim reflektierten Technikeinsatz in der Pflege durchgeführt werden kann.

Althammer ( Teil IV, Kap. 3) macht das oftmals als trocken erlebte Thema Datenschutz schmackhaft und setzt dieses in einen konkreten Bezug zum pflegerischen Versorgungsalltag. Einleitend zeigt er mit dem Einzug neuer Technologien zusammenhängende wichtige Fragen im Datenschutz auf. Der neue Wert von Daten wird durch den Autor nachdrücklich dargestellt. Im Folgenden hebt der Autor praxisnah wichtige Aspekte hervor, die Datenschutz verstehbar und für den Versorgungsalltag gestaltbar machen. Er zeigt anhand nachvollziehbarer Beispiele auf, wie die wachsende Komplexität und zunehmende Heterogenität unserer Netzwerke zu einem deutlichen Anstieg möglicher Angriffsmuster auf die IT-Sicherheit in Pflege und Gesundheitswesen führen. Gleichzeitig hebt er unmissverständlich das vielfach angebrachte Argument, man habe nichts zu verstecken, aus den Angeln und zeigt damit verbundene Gefahren auf. Er erörtert übersichtlich und für den Laien nachvollziehbar datenschutzrechtliche Rahmenbedingungen genauso wie Anforderungen, die sich in Hinblick auf die Sicherheit und Verfügbarkeit der Systeme ergeben. Eine Management-Checkliste komplettiert den Beitrag und macht ihn direkt nutzbar.

Meißner und Herzog ( Teil IV, Kap. 4) eröffnen das recht neue Thema des Digitalen Nachlasses. Sie zeigen auf, dass die Regelungen rechtlicher, finanzieller und sozialer Fragen mit zu den wichtigsten Bedürfnissen sterbender Menschen zählen und durch die Digitalisierung zu unserem leiblichen Leben das digitale Leben nun noch dazu kommt. Der Beitrag widmet sich den Fragen und Herausforderungen, die mit diesem neuen Feld einhergehen. Praxisnahe Fallbeispiele verdeutlichen die Relevanz. Gleichzeitig zeigt das Zusammenspiel pflegerischer und rechtlicher Perspektiven und Fragen die Herausforderungen im Versorgungsalltag auf. Ein Blick auf die gesundheitliche Vorsorgeplanung im Allgemeinen und § 132g SGB V im Besonderen fügt den Digitalen Nachlass in bestehende Regelungen und Vorgehensweisen ein. Der Beitrag macht insgesamt deutlich, was dies für die berufliche Pflege bedeutet und warum das Thema für beruflich Pflegende relevant ist. Das Autorinnenteam zeigt eindrücklich, dass der Zusammenhang von leiblichem und digitalem Wohl (am Lebensende) nicht trivial ist. Es wird deutlich, dass das Thema zunehmend an Relevanz gewinnen wird.

Der Beitrag von König und Kunze ( Teil IV, Kap. 5) widmet sich der Technikberatung von Pflegebedürftigen sowie deren An- und Zugehörigen. Fehlende Informations- und Beratungsangebote sowie mangelnde Unterstützung bei der Technikaneignung stehen einer erfolgreichen Nutzung hilfreicher Technik in der häuslichen Versorgung oftmals im Weg. Ausgehend von Erfahrungen aus der Begleitung kommunaler Beratungsangebote stellen die Autoren typische Aufgaben und Instrumente im Beratungsprozess vor. Dabei geben sie Hinweise zum Aufbau von lokalen Beratungsangeboten und stellen dazu verschiedene Praxisbeispiele zu möglichen Beratungsstrukturen vor.

Teil V: Couragiert nach vorne blicken: Vision und Ausblick

Das einzig Konstante ist der Wandel. Das gilt auch für neue Technologien in der Pflege. Das sollte uns nicht beunruhigen und schon gar keine Angst machen. Niemand kann vorhersagen, wie die Welt in 5 oder 10 Jahren aussehen wird. Gleichzeitig haben wir alle die Möglichkeit, diese Zukunft mitzugestalten. In diesem abschließenden Beitrag fasst das Herausgeberteam Aspekte zusammen, die im Themenfeld herausragen und im Abschluss der vielen interessanten und anregenden Beiträge von besonderer Bedeutung sind.

4 Pflege(n) mit Technik – Wie passt das zusammen?
Anne Meißner & Christophe Kunze
4.1 Technik und Pflege

Historisch betrachtet ist es nicht neu, Technik in der Pflege zu nutzen. Schon Florence Nightingale hätte ihre nächtlichen Rundgänge nicht ohne Petroleumlampe vornehmen können oder zumindest wohl erschwerend mit Wachskerzen. Wer weiß, ob ihre Leistung ohne Petroleum dokumentiert und sie ebenso berühmt geworden wäre? Petroleumlampen wurden erst zu Zeiten des Krimkrieges populär, durch den auch Florence Nightingale Bekanntheit erlangt hat. Im 20. Jahrhundert wiederum wurden Petroleum- durch Stromlampen abgelöst. Die fortlaufende Entwicklung technischer Systeme gehört zu unserer modernen Welt.

Und auch, wenn es uns mitunter nicht bewusst ist, alltagsweltliche Gegenstände unterschiedlichster Art begleiten uns seit jeher im pflegerischen Versorgungsalltag, z. B. Näh-/Injektionsnadel oder »Nachttopf« (Toiletteneimer). Durch situative und kreative Verwendung wurden diese Alltagsgegenstände bis Anfang des 20. Jahrhunderts für individuelle pflegerische Zielsetzungen verwertet. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs und der zunehmend spezialisierten Gesundheitsversorgung werden technische Systeme im späten 20. Jahrhundert stark ausdifferenziert, industriell gefertigt, ihre Funktion zertifizierend geprüft und z. B. als Medizingerät oder Hilfsmittel klassifiziert (Manfred Hülsken-Giesler 2015; vgl. Sandelowski 2005). Technische Systeme sind zunehmend und nicht nur auf der Intensivstation (z. B. Beatmungsgerät) im pflegerischen Alltag verortet, z. B. Thermometer, Rollator, Trinkhilfen, Haarwaschbecken, O2-Geräte und vieles mehr. Seit einiger Zeit ermöglichen neue Innovation erweiterte technische Systeme. Erweiterte technische Systeme im Sinne des 21. Jahrhundert sind anders. Viele Beiträge dieses Bandes greifen diese Andersartigkeit auf und verorten diese neuen Systeme in der Pflege.

4.2 Digitaler Wandel als Alltagsphänomen

Technik ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Unterschiedlichste technische Systeme haben Einzug gehalten. Einige fallen als solche gar nicht mehr auf, z. B. das Smartphone. Anderen blicken wir gespannt entgegen, z. B. Mixed Reality und den dazu gehörenden Brillen. Soziale Netzwerke kommen und gehen, einige bleiben. In unterschiedlichem Maß, wollen, brauchen und nutzen wir sie. Die mit dem Wandel einhergehende digitale Verfügbarkeit hat ganze Branchen auf den Kopf gestellt. Und wie es der Soziologe Hartmut Rosa auf den Punkt gebracht beschreibt: Sie verändern unser Beziehungs-, Zeit- und Raumgefüge fundamental (Rosa 2005). So buchen wir bargeldlos mit einer Regional-App ein S-Bahn-Ticket, eine Übernachtung im Wellnesshotel, bei Unbekannten auf dem Sofa oder den Flug auf die andere Erdhalbkugel. Wünschen wir uns die Zeit zu vertreiben, streamen wir die Musik, die gerade in unser Lebensgefühl passt. Dating-Apps umschmeicheln unser Beziehungsgefüge. Alexa, Cortana oder Siri dienen uns im derzeit möglichen Rahmen und in virtuellen Welten können wir sein, wer immer wir wollen. Seit COVID-19 lernen und lehren wir dazu digital und bestellen und bezahlen vermehrt online oder persönlich und bargeldlos, bisweilen sogar beim Bäcker um die Ecke. Und auch, wenn sich einiges mit der Bewältigung von COVID-19 vermutlich wieder ändern wird, nimmt die Nutzung technischer Systeme in unserem Alltag insgesamt und stetig zu. Die Welt und Deutschland sind digital in Bewegung. COVID-19 hat diesen Prozess dynamisch beschleunigt.

Die fundamentale Bedeutung des digitalen Wandels beruht jedoch weniger auf digitalen Geräten und Diensten, sondern vielmehr in den gesellschaftlichen Veränderungen, die mit Ihrer Nutzung einhergehen. Die Verfügbarkeit digitaler Anwendungen gibt uns neue Handlungsoptionen und verändert so indirekt unseren Alltag. Mit veränderten individuellen Gewohnheiten gehen auch Veränderungen in Unternehmen und Institutionen einher, die mitunter ganze Branchen umkrempeln. Beispiele dafür finden sich u. a. im Buchmarkt (Amazon), im Transportwesen (Uber), in der Reisevermittlung (Airbnb) oder auch im Finanzwesen (Fintech-Unternehmen). Im Gesundheitswesen sind solche sog. disruptiven Entwicklungen bisher ausgeblieben, was u. a. mit hohen Anforderungen an gesundheitsbezogene Dienstleistungen z. B. in Bezug auf den Datenschutz (vgl. Althammer; Teil IV, Kap. 3) und einer starken (i. d. R. nationalen) Regulierung zusammenhängt. Dennoch zeichnen sich auch hier tiefgreifende Änderungsprozesse ab, etwa durch Videokonsultationen (vgl. Lindwedel; Teil II, Kap. 3), durch sog. Gesundheits- und Medizin-Apps (Kramer et al. 2019) oder durch den im Rahmen des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) geplanten Anspruch auf eine elektronische Patientenakte.

Mit den genannten Veränderungen auf individueller und institutioneller Ebene ist daneben ein tiefgreifender Wandel auf gesellschaftlicher Ebene verbunden, der auch hier vielfältige Fragen aufwirft: Wie lässt sich etwa das Urheberrecht auf neue Mediendienste übertragen? Wie verändern digitale Dienste unsere Privatsphäre? Inwiefern bedrohen soziale Netzwerke, sog. Fake-News, die demokratische Meinungsbildung? Brauchen wir ethische Leitplanken für Algorithmen und wenn ja, wie lassen sich diese gestalten?

4.3 Technik hat Potenzial – und Grenzen

Wir alle kennen die vieldiskutierten Herausforderungen der Zukunft. Dazu gehört allen voran die demografische Veränderung, die dazu führt, dass der Anteil älterer Menschen stetig zu-, der Anteil Jüngerer abnimmt. Daneben zeigen sich epidemiologische Veränderungen, d. h. gesundheitliche Zustände in der Bevölkerung verändern sich. Zum Beispiel kommt es zu einer erhöhten Multimorbidität, chronische Erkrankungen und dementielle Erkrankungen nehmen in der älteren Generation zu. Und auch bei den Jüngeren zeigen sich Veränderungen. Chronische Erkrankungen greifen vermehrt um sich, wie z. B. Diabetes mellitus. Andererseits können Erkrankungen, die noch vor einigen Jahrzehnten zum frühzeitigen Tod führten, heute bis ins hohe Erwachsenenalter überlebt werden, z. B. Cystische Fibrose. Dazu kommen soziale Veränderungen, die unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben massiv beeinflussen. Beispielsweise zeigen sich veränderte Strukturen im Zusammenleben. Dyadische Konstellationen (1 Kind – 1 Elternteil), sog. Patchwork-Familien und Einzelhaushalte nehmen zu. Beruflich verändert sich unsere Mobilität. Wir werden insgesamt mobiler und pendeln mitunter täglich von Stadt zu Stadt. »Steigende Frauenerwerbstätigkeit«, der »mündige Patient« oder »zunehmende Ökonomisierung« sind weitere beispielhafte Schlagworte. Hinzu kommt das negative Image sorgender Berufe in Deutschland und der auch und nicht nur damit zusammenhängende Fachkräftemangel. Und auch neuartige Veränderungen, wie COVID-19 sind an dieser Stelle zu nennen. Viele dieser Veränderungen haben Auswirkungen auf die pflegerische Versorgung der Bevölkerung im Allgemeinen und auf sorgende Tätigkeiten im Besonderen. Die damit verbundenen Herausforderungen gilt es zu bedenken und gesellschaftlich zu lösen. Neue Technologien und ihr Beitrag zur Problemlösung werden in diesem Zusammenhang als Hoffnung und Erwartung gleichermaßen gesehen. Viele politische Initiativen sind auf Digitalisierung in diesem Zusammenhang ausgerichtet. Gleichzeitig hat Deutschland in Bezug auf die lückenhafte Breitbandversorgung noch einige Hausaufgaben zu erledigen. Insgesamt sind in den letzten Jahren gleichwohl Millionen in die Forschungsförderung geflossen. Daraus resultierten die unterschiedlichsten technischen Systeme, die heute teilweise als Produkte erwerbbar sind. Gleichzeitig haben eher wenige technische Produkte Eingang in die reguläre Versorgung gefunden. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Sicher ist, dass technische Produkte ein Treiber für Veränderungen in Pflege und Versorgung sind. Zu den besonderen Herausforderungen der Technikentwicklung im Gesundheitswesen siehe Kunze ( Teil I, Kap. 4).

Insgesamt kämpft das Gesundheits- und Pflegesystem in Deutschland mit vielen Herausforderungen. Gute Pflege ist gefährdet. Technik hat Potenzial. Gleichwohl ist nicht jedes technische System wirksam und sinnvoll für und in der Pflege. Es gilt, »die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen« zu sortieren. Nicht jede digitale Innovation hat auch beim Hilfe- oder Pflegebedürftigen anzukommen. Schließlich kann am Ende des Tages die Erkenntnis auch lauten, dass das technische System eben nicht das richtige ist, entgegen vorheriger Annahmen und Hypothesen. Insgesamt sollten die Vorstellungen »guter« Pflege und Versorgung verstärkt in die Diskussion aufgenommen werden. Welche Vorstellungen haben wir von »guter« Pflege und Versorgung in Deutschland? Welche politischen Rahmenbedingungen unterstützen die Umsetzung dieser Vorstellung? Und, welcher Technik bedarf es, um diese »gute« Pflege und Versorgung unter bekannten Herausforderungen zukünftig leisten zu können?

4.4 Pflegerisches Handeln

Technik soll dazu beizutragen, dass »gute« Pflege geleistet werden kann und dies einem »guten« Leben zuträglich ist, Technik damit lebensdienlich ist. Welche Teile von Pflege können technische Systeme nun also (gut) übernehmen? Grundsätzliche Überlegungen sind notwendig.

Pflege ist eine personenbezogene Dienstleistung. Interaktionsarbeit ist Bestandteil jeder personenbezogenen Dienstleistung. In der Pflege wiederum ist die soziale Interaktion ein elementares »Arbeitsmittel«. Im pflegerischen Alltag ist dabei kontinuierlich mit Unwägbarkeiten und Grenzen der Planung umzugehen. Böhle et al. (2015) nennen das Resultat subjektivierendes Arbeitshandeln. Der Erfolg der Dienstleistung hängt maßgeblich von der Kooperation der Beteiligten untereinander ab, z. B. gehören dazu sowohl die pflegeabhängige Person als auch Zugehörige genauso wie Angehörige der Gesundheitsberufe und je nach Setting auch weitere, z. B. Verwaltungsmitarbeitende. Wechselseitiger Respekt ist dabei Voraussetzung, genauso wie die Arbeit an und mit Gefühlen (Böhle, Weihrich & Stöger 2015; Dunkel & Weihrich 2010; Hülsken-Giesler & Daxberger 2018). Als Pflegende gilt es bspw. eigene Emotionen mitunter situationsangemessen zu unterdrücken, z. B. Ekel oder Scham, oder auch diese zu explizieren und zu reflektieren. Ferner sind mitunter eigene Emotionen zu offenbaren, z. B. Freundlichkeit, Aufrichtigkeit, Sanftheit. Daneben gilt es, die Gefühle der Betroffenen zu erkennen und mit diesen umzugehen, wenn nötig auf sie einzuwirken, immer mit dem Ziel den Versorgungsauftrag zu erfüllen. Pflege ist dabei nicht allein auf dieser Ebene anzusiedeln und ein rein empfindungsbezogenes pflegerisches Handeln findet eher selten statt. Vielmehr sind die durchgeführten pflegerischen Maßnahmen auf der instrumentell-aufgabenbezogenen Ebene anzusiedeln. Und diese instrumentell-aufgabenbezogenen Tätigkeiten werden immer von einer empfindungsbezogenen Ebene begleitet (vgl. Hülsken-Giesler & Daxberger 2018). Um den Versorgungsauftrag zu erfüllen, ist Kooperation nötig. Belange von Betroffenen, Zugehörigen, Beschäftigten und beteiligten Wirtschaftsunternehmen können schließlich miteinander im Konflikt stehen.

Die instrumentell-aufgabenbezogenen pflegerischen Tätigkeiten lassen sich augenscheinlich operationalisieren. Die empfindungsbezogene Tätigkeit dagegen ist weder vertraglich zu regeln noch standardisierbar und zudem »endlos«. Denn letztlich kann immer noch mehr Zuwendung erwartet, verlangt oder gegeben werden. Grundsätzlich ist jede personenbezogene Dienstleistung Interaktionsarbeit. Dazu gehören folgerichtig auch die Tätigkeiten anderer Gesundheitsberufe wie z. B. die logopädischen oder ärztlichen Kolleginnen und Kollegen. Durch die gelebte Nähe in allen Lebensbereichen des Alltags ist die pflegerische Arbeit jedoch in besonderer Ausprägung durch diese Eigenheiten der Interaktionsarbeit beansprucht. Der Kontext, so Böhle (2015) ist maßgeblich. Die folgende Abbildung ( Abb. I.4.1) zeigt die Merkmale pflegerischen Handelns als Interaktionsarbeit unter Zugrundelegung des Kontextes (hier: Pflegeberufegesetz und Pflegebedürftigkeitsbegriff) auf.


Abb. I.4.1: Pflege, eigene Darstellung Anne Meißner

Bei der Gestaltung technischer Systeme und deren Implementierung in Versorgungsprozesse ist es daher wichtig, pflegerisches Handeln ganzheitlich zu betrachten und nicht etwa auf instrumentell-aufgabenbezogene Aspekte zu reduzieren – nur dann kann Technik zu »guter« Pflege beitragen.

4.5 Technik nutzen und Techniknutzen

Die Diskussion um Ziele und Wirksamkeit, Kosten-Nutzen, mögliche Auswirkungen und moralische Fragen kann nicht allgemein für alle Technologien der Welt gemeinsam geführt werden. Schließlich stellen sich bspw. im Zusammenhang mit emotionaler Robotik (vgl. Meißner; Teil II, Kap. 2) völlig andere Fragen als im Zusammenhang mit digitalen Plattformen in der Pflege (vgl. Hegedüs et al.; Teil II, Kap. 5). Gleichwohl betreffen die folgenden Aspekte den erfolgreichen Einsatz eines jeden technischen Systems in Pflege und Versorgung.

4.6 Ethische Überlegungen

Technische Systeme entwickeln sich kontinuierlich weiter. Ethische Überlegungen begleiten sie dabei. Deshalb handelt es sich um einen fortlaufenden Prozess. Damit unerwünschte Folgen vermieden werden, sind vielfältige Fragen mit dem Einsatz technischer Systeme in Pflege und Versorgung verbunden. Gleichzeitig sind mögliche Folgen nicht immer absehbar und damit auch nur bedingt gestaltbar (Manzeschke 2013). Insgesamt betten ethische Überlegungen das technische System, Nutzen wie Folgen, in den Kontext gesellschaftlicher Normen. Die ausgeprägte Diskussion soll hier nicht aufgegriffen werden. Vielmehr finden sich ethische Überlegungen in jedem Beitrag in diesem Band. Zusammenführend wird an dieser Stelle auf Ausführungen des Deutschen Ethikrats (2020) verwiesen: Entscheidend dafür in welcher Weise und in welchem Umfang technische Produkte in Pflege und Versorgung zur Anwendung gelangen, muss das Wohl der auf Pflege oder Versorgung angewiesenen Menschen sein (Deutscher Ethikrat 2020).

Weiteren grundsätzlichen Überlegungen widmen sich Petersen und Manzeschke ( Teil IV, Kap. 1).

4.7 Anwenderakzeptanz

Der Begriff Anwenderakzeptanz wird vielförmig verwendet. Im Wesentlichen geht es um die Annahme oder Ablehnung von Technik. Erwartungen, Überzeugungen und Gefühle sind dabei ein maßgeblicher Schlüsselfaktor (Kohnke 2015). Eine ausreichend hohe Akzeptanz neuer Technologien wird gemeinhin als Voraussetzung für deren erfolgreichen Einsatz im Kontext Pflege angesehen. Der erwartete oder wahrgenommene Nutzen spielt dabei eine große Rolle. Deshalb ist die Akzeptanz aus Perspektive der beteiligten Personengruppen zu differenzieren (Pflegeabhängige, Zugehörige, Pflegende etc.). Eine gelegentlich angenommene generelle Ablehnung technischer Unterstützungssysteme durch professionell Pflegende oder ältere Menschen ist inzwischen empirisch vielfach widerlegt.

Eine aktuelle Befragung zur Technikakzeptanz von professionell Pflegenden (Zöllick et al. 2019) spricht diesen eine hohe allgemeine Technikbereitschaft zu. Daneben wurden in der Studie spezifische Einstellungen zur Technikunterstützung in vier verschiedenen Funktionsbereichen erfragt. Dabei zeigt sich, dass Pflegende einer Techniknutzung im Bereich »soziale und emotionale Unterstützung« deutlich kritischer gegenüberstehen als technischen Systemen zur körperlichen Unterstützung, zum Monitoring oder zur Dokumentation. Die Autoren schlussfolgern, »dass eine Technisierung zwischenmenschlicher Interaktion dem professionellen Selbstverständnis der Pflegenden widerspricht« (ebd.).

Den vorgestellten Befragungen ist gemein, dass sie die Einstellung der Befragten zu technischen Systemen erheben, mit denen diese in der Regel keine eigenen Nutzungserfahrungen haben und die zum Teil noch gar nicht existieren – man spricht dabei von Einstellungsakzeptanz. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die tatsächliche Nutzungsakzeptanz, also die Bereitschaft, zur Verfügung stehende technische Systeme auch zu nutzen, deutlich von der Einstellungsakzeptanz abweichen kann, und zwar in beide Richtungen. Derartige Befragungen sind deshalb mit Vorsicht zu betrachten. Deren Ergebnisse können stark von der Art der Darstellung der vorgestellten Lösungen und dem Befragungskontext abhängen. Erhebungen zur Nutzungsakzeptanz sind im Vergleich zur Einstellungsakzeptanz eher rar. Das liegt daran, dass digitale technische Systeme mit wenigen Ausnahmen bisher wenig Verbreitung gefunden haben und noch weniger wissenschaftlich evaluiert sind.

Überraschend wenig betrachtet wurde bisher der Umstand, dass Anwenderakzeptanz keine konstante Eigenschaft ist, sondern sich – eigentlich naheliegend – abhängig von vielen Kontextfaktoren mit der Zeit ändern kann. Die Nutzungsbereitschaft für technische Unterstützungssysteme durch ältere Menschen hängt beispielsweise u. a. von deren Passung auf konkrete Versorgungsbedarfe, den zur Verfügung stehenden Alternativen (z. B. Unterstützung durch Zugehörige), der Unterstützung durch das soziale Umfeld oder finanzieller Unterstützung ab (Peek 2017). Brüche im bestehenden Versorgungsarrangement, wie z. B. eine Verschlechterung der funktionalen Gesundheit oder wegfallende Unterstützung durch Zugehörige können nachvollziehbar zu einer veränderten Bewertung technischer Systeme führen (ebd.).

4.8 Wirksamkeit

Digitalen Technologien werden in vielen Anwendungskontexten der Pflege hohe Potenziale zur Verbesserung der Versorgung zugeschrieben – nicht zuletzt von deren Herstellern und Anbietern. Aber können technische Systeme diese Versprechen auch einhalten? Im Sinne einer evidenzbasierten Pflege wäre es wünschenswert, die Wirksamkeit technischer Systeme anhand wissenschaftlicher Studien zu bewerten. Tatsächlich liegen belastbare wissenschaftliche Ergebnisse zu Pflegeassistenzsystemen nur in sehr geringem Maße vor. Ein in Deutschland durchgeführtes aktuelles systematisches Review (Krick et al. 2019) stellt fest, dass Pflegetechnologien, wenn überhaupt nur in Nutzerstudien mit kleinen Fallzahlen und ohne Kontrollgruppe evaluiert wurden. Hochwertige randomisierte Studien sind selten, insgesamt konnten im Review nur 34 solcher RCTs für alle Formen der Techniknutzung in der Pflege in allen Kontexten identifiziert werden. Besonders schlecht ist die Evidenzlage für die Techniknutzung im häuslichen Setting und durch pflegende An- und Zugehörige (ebd.).

Zudem bilden Studien meist nur einen Ausschnitt der Versorgungssituation ab und sind häufig kaum vergleichbar. Pflegetechnologien betreffen praktisch immer mehrere Stakeholder (z. B. Pflegeempfänger, professionell und informell Pflegende, Angehörige anderer Gesundheitsberufe, Institutionen des Gesundheitswesens), für die jeweils mehrere mögliche Outcomes (wie z. B. funktionale Gesundheit, Gesundheitsverhalten, Lebensqualität, psychische Belastungen) betrachtet werden können. Diese wiederum können auf sehr verschiedene Arten gemessen werden. Für die Erfassung von Lebensqualität z. B. existieren unzählige Erhebungsinstrumente, die je nach Anwendungskontext mehr oder weniger geeignet sind. In der Vergangenheit orientierten sich Evaluationsansätze häufig auch eher an technischen oder medizinischen Forschungsfragen. Gleichwohl werden Untersuchungen aus pflegewissenschaftlicher Perspektive in jüngerer Zeit verstärkt betrachtet (vgl. Krick, Huter, Seibert, Domhoff & Wolf-Ostermann 2020).

Der spärliche Forschungsstand zur Wirksamkeit von Technologien in der Pflege steht in Kontrast zu den umfassenden Aktivitäten im Bereich der Technikentwicklung und zur Nutzung von Pflegetechnologien in der Praxis. Als Beispiel kann auf digitale häusliche Monitoringsysteme verwiesen werden, die einen Beitrag zur Entlastung von pflegenden Angehörigen und zur Stabilisierung von häuslichen Pflegearrangements leisten sollen – wissenschaftliche Nachweise für entsprechende Effekte liegen aber bisher kaum vor.

Viele Pflegetechnologien sind aber auch noch nicht sehr lange verfügbar, und qualitativ hochwertige Evaluationsstudien benötigen Zeit und sind sehr aufwändig. Für eine fundierte und belastbare Entscheidung zum Einsatz von technischen Lösungen in der Pflege sind dennoch für die Zukunft mehr und qualitativ bessere Studien wichtig.

4.9 Wissensmobilisierung

Um neue Technologien mit Pflege und Versorgung zusammenzubringen, braucht es digitale Kompetenzen und eine systematische Wissensmobilisierung. Auch das ist ein Ziel dieses Buches. Wissensmobilisierung ist ein Oberbegriff, der ein breites Spektrum von Bedürfnissen und Tätigkeiten im Zusammenhang mit dem Informationsbedarf potenzieller Nutzerinnen und Nutzer umfasst. Er ist in verschiedene Aspekte unterteilt: Auf der einen Seite besteht ein Bedarf an Informationsverarbeitung über Möglichkeiten, Auswirkungen und Alternativen (zwischen Pflegetechnologien einerseits und zu Pflegetechnologien andererseits). Potenzielle Nutzerinnen und Nutzer sind in die Lage zu versetzen zu entscheiden, ob, wann und welche Technologie für ihre Bedürfnisse am besten geeignet ist. Gleichzeitig ist die Wissensmobilisierung für Pflegende relevant. Denn es werden Kompetenzen benötigt, um mit Technik zu pflegen, Pflegeempfänger über Technik zu informieren, Pflegeempfänger und informell Pflegende im Kontext Technik anzuleiten und zu schulen und eine effektive Beratung zu gestalten, Diskussionen zu ermöglichen, und Betroffene zu befähigen, lebensdienliche Entscheidungen zu treffen (Meißner 2018). Daneben sind auch Kompetenzen nötig, um Technik betriebsfähig zu halten und an die eigenen Bedürfnisse anzupassen (Pols 2017).

Die Förderung digitaler Kompetenzen hat aus unterschiedlichen Gründen bis heute nur vereinzelt Einzug in die Pflege gefunden. Gleichzeitig ändern sich Tätigkeitsfelder und damit Qualifikationsanforderungen ( Teil IV, Kap. 4). In diesem Zusammenhang hat sich in den letzten Jahren das Konzept der digitalen Kompetenzen in der Diskussion um neue Qualifikationsanforderungen bezüglich neuer Technologien etabliert (Meißner 2018). Die umfangreiche Diskussion dazu wird hier nicht aufgegriffen. Betont werden soll aber, dass die Integration solch digitaler Kompetenzen zukünftig verstärkt an einschlägige nationale Gesetze anzupassen ist. Das neue Pflegeberufegesetz hat einen ersten kleinen Schritt in die richtige Richtung unternommen. So beschreibt § 37 (3) 3 in diesem Gesetz, dass die Ausbildung dazu befähigen soll, »[…] neue Technologien in das berufliche Handeln übertragen zu können sowie berufsbezogene Fort- und Weiterbildungsbedarfe zu erkennen«. Die Förderung digitaler Kompetenzen hat erfahrungsgemäß in die neuen Curricula, mal mehr mal weniger, Einzug gehalten.

4.10 Technikgestaltung und Rolle von Pflegenden

Eine Besonderheit digitaler Technologien (Internet, Smartphone, Cloud-Dienste etc.) ist ihre Flexibilität. Während die Nutzung und der Nutzen früherer technischer Geräte stark in ihnen eingeschrieben ist, d. h. durch den bei Entwicklung verfolgten Zweck definiert wird, ergibt sich die Bedeutung digitaler Technologien erst durch die Art ihrer Verwendung (vgl. Kerres 2020). Mit digitalen Technologien sind dementsprechend vielfältige Gestaltungsoptionen verbunden, deren Wahrnehmung oder Nicht-Wahrnehmung erst Veränderungsprozesse prägt.

Häufig gehen Gestaltungsprozesse von neuen technischen Möglichkeiten aus. Technikgetriebene Entwicklungsprojekte suchen nach neuen Anwendungsfeldern und werden ausgehend von den gesellschaftlichen Herausforderungen regelmäßig in Anwendungsfeldern der Pflege fündig. Viele der dabei vorgeschlagenen technischen Lösungsansätze werden von deren Zielgruppen aber als nicht zielführend empfunden, etwa weil sie als stigmatisierend wahrgenommen werden oder schlicht an den Bedarfen der Betroffenen vorbeigehen. Als Ursache hierfür wird im Diskurs zu Technik in der Pflege meist eine unzureichende Einbindung der Betroffenen in Forschungs- und Entwicklungsprojekte gesehen. In öffentlich geförderten Forschungsprojekten werden daher inzwischen interdisziplinäre Verbunde unter Einbindung pflegewissenschaftlicher Expertise sowie partizipative Entwicklungsprozesse grundsätzlich eingefordert. Pflegenden kommt dabei eine aktive Rolle als »Co-Designer« der technischen Systeme zu. Häufig sind sie zusätzlich für die Einbindung von Betroffenen verantwortlich. In der Forschung haben sich inzwischen vielfältige methodische Ansätze zur nutzerorientierten Gestaltung sowie zur Partizipation von Betroffenen in Entwicklungsprojekte etabliert (vgl. Kunze, in press). Dennoch müssen entsprechende Vorgehensweisen in der Entwicklungspraxis immer wieder eingefordert, ausgehandelt und reflektiert werden. Häufig müssen diese Methoden an die besonderen Rahmenbedingungen pflegerischer Arbeitskontexte angepasst werden. Auch für die Planung und Moderierung von Gestaltungsprozessen wird daher pflegerische Expertise benötigt.

Technologien entfalten ihre Wirkung in der Pflege nicht allein aufgrund ihrer Funktionen und ihres Designs, sondern erst durch Ihre Einbettung in Versorgungspraktiken und -strukturen (sog. sozio-technische Arrangements). Diese Einbettung erfolgt in der Regel durch eine wechselseitige Anpassung von Technik und Anwendungskontext in einem dynamischen Veränderungsprozess, der von Pflegenden (mit-)gestaltet wird. Für die dabei notwendigen Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse ist die Anpassbarkeit von Technologien von zentraler Bedeutung. Im Bereich der Mechanik gehören pragmatische Anpassungen (z. B. kürzen, verbiegen, verbinden) in vielen Fällen zur täglichen Praxis. Für derartige Konfigurationsarbeit sind Pflegende heute im Bereich digitaler Systeme aber auch für einfache Anpassungen (z. B. Veränderung von Formularen und Datenfeldern) in der Regel auf Techniker angewiesen. Für die Frage, was »möglich ist« und was nicht, spielen neben technischen Aspekten auch regulatorische Fragen (z. B. Datenschutz, Patientensicherheit) eine große Rolle. Mit der zunehmenden Digitalisierung des Gesundheitswesens werden daher entsprechende Kompetenzen zur Anpassung technischer Versorgungsarrangements für Pflegende zunehmend an Bedeutung gewinnen (Kunze 2017).

4.11 Fazit

Der Einsatz von Technik in Pflege und Versorgung ist nicht trivial. Passen sich die technischen Systeme in das Alltagsleben Betroffener ein, werden sie akzeptiert und genutzt, erreichen sie überhaupt das gesetzte Ziel, sind sie ethisch akzeptabel? Das sind nur einige Fragen, die es in diesem Diskurs zu stellen gilt. Sicher ist:

• Technik hat Potenzial

und

• Technik hat Grenzen.

Diese Grenzen lebensdienlich auszuloten ist unsere Aufgabe. Dabei bedarf es eines vorausschauenden Weitblicks einerseits und einer stabilen Bodenhaftung andererseits. Die folgenden Beiträge haben zum Ziel, Potenzial aufzuzeigen, Wissen zu ermitteln, um Verständnis zu ermöglichen, Grenzen auszuloten und so zum Diskurs anzuregen.

Literatur

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Teil II Den Pflegealltag mit Technik gestalten: Einsatzfelder heute

1 Digitale Medien und soziale Betreuung von Menschen mit Demenz
Beate Radzey
1.1 Der Kontext: Technische Hilfen für Menschen mit Demenz

Demenzen sind eine der häufigsten Erkrankungsformen, die im höheren Lebensalter auftreten können. Daneben verändern Demenzen das bisherige Leben am einschneidensten von allen Erkrankungen. Aktuelle Zahlen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gehen davon aus, dass derzeit ca. 1,7 Millionen Menschen in Deutschland von einer demenziellen Erkrankung betroffen sind (Bickel 2018). Neben den primären kognitiven Symptomen treten im Krankheitsverlauf auch motorische und funktionale Einbußen auf. Diese haben großen Einfluss auf die Progredienz und damit auch auf die Fähigkeit zu einer selbständigen Lebensführung der Betroffenen. Um so gut wie möglich im Alltag zurechtzukommen, brauchen Menschen bei kognitiven Einschränkungen Beistand in vielerlei Form.

Auch in der Betreuung und Pflege von demenziell erkrankten Menschen haben bedarfsgerechte technische Lösungen und technikgestützte Betreuungskonzepte das Potenzial einen wertvollen Beitrag zu leisten (Ienca et al. 2017). Die Entwicklung neuer Technologien schreitet aktuell rasch voran. Es ist sogar die Sprache von einer technischen Revolution im Feld von Demenz. So hat sich die Zahl der entwickelten Technologien innerhalb der letzten fünf Jahre verdoppelt mit weiter steigender Tendenz (Ienca et al. 2017). Allerdings steht diesem technischen Innovationsschub die Tatsache entgegen, dass die tatsächliche Verbreitung dieser Produkte in Pflege und Versorgung noch vergleichsweise gering ist. Dies wird in der Regel mit einem fehlenden Wissenstransfer sowie unzureichenden Strategien für die Verbreitung dieser Produkte begründet (ebd.).

Ebenso fehlt es an Studien, die zuverlässig die Wirksamkeit der entwickelten technischen Lösungsansätze untersuchen. Die wenigen vorhandenen Studien weisen oft erhebliche methodische Mängel, wie z. B. geringe Fallzahlen auf. Bisher zeigt sich, dass der Weg der neuen Technologien aus den Forschungs- und Entwicklungslaboren in die realen Lebenssituationen von Menschen mit Demenz mühsam ist (Fleming & Sum 2014).

Ein weiteres, aber nicht zu unterschätzendes Problem mag auch der bisher fehlende Fokus auf die eigentlichen Bedürfnisse der Betroffenen sein. In einer seit längerer Zeit vorliegenden Studie haben Sixsmith et al. (2007) auf der Basis von Interviews mit Menschen mit Demenz eine »Technik-Wunschliste« erarbeitet. Dabei stehen Unterstützungsbereiche wie die Förderung der Erinnerung und des Erhalts der eigenen Identität, die Unterstützung bei der Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen, die Unterstützung bei Konversationen oder auch die Förderung der Nutzung von Musik im Vordergrund. Diese Zielsetzungen fanden bisher bei den meisten technischen Entwicklungen für Menschen mit Demenz nur wenig Berücksichtigung.

Tab. II.1.1: Die Top 5 Nennungen der Technologiewunschliste von Sixsmith et al. 2007, eigene Übersetzung


WunschthemaBeschreibung der UnterstützungsmöglichkeitErzielter Wert

Im Gegensatz zu diesen genannten Wünschen der eigentlichen Zielgruppe zeigen aktuelle Überblicksarbeiten, dass die größte Anzahl der eingesetzten Technologien immer noch darauf ausgerichtet ist, die Sicherheit von Menschen mit Demenz, die in der eigenen Häuslichkeit leben, zu erhöhen. Technische Lösungsansätze, die darauf ausgerichtet sind, Erinnerungen zu beflügeln oder schlicht Spaß und Freude zu bereiten, finden nur wenig Verbreitung (Lorenz et al. 2019). Auch Forschungsarbeiten zu Technologien, die vergnügliche Freizeitaktivitäten von Menschen mit Demenz unterstützen, liegen kaum vor (Evans et al. 2011; Smith & Mountain 2012). Obwohl diese die Chance bieten, die Lebensqualität der Betroffenen direkt zu verbessern, haben sie bis dato nur wenig Aufmerksamkeit erfahren. Das besondere Potenzial dieser technischen Lösungen wird somit bisher nur wenig genutzt (Smith & Mountain 2012).

1.2 Ausgangsüberlegungen: Wohlbefinden durch individuell bedeutsame Aktivitäten (meaningful activities)

Das Vorliegen einer Demenzdiagnose führt häufig dazu, dass sich die Betroffenen aus dem Leben zurückziehen. Dies hat wiederum zur Folge, dass Menschen mit Demenz egal, ob sie zu Hause oder in einer Einrichtung leben, oft unterstimuliert sind und nur in geringem Maß am Leben teilnehmen. Daher ist es im Hinblick auf das Wohlbefinden dieser Personengruppe sehr wichtig, dass Wege gefunden werden, wie sie aktiv und eingebunden bleiben können, mit dem Ziel, bestehende Fähigkeiten zu erhalten und soziale Beziehungen weiterzuführen. Im Verlauf der Erkrankung kann es dazu kommen, dass die betroffenen Personen die Fähigkeit verlieren selbst bzw. aus eigenem Antrieb, angenehme und unterhaltsame Aktivitäten auszuüben, was wiederum zu sozialer Isolation und Unsicherheit führen kann (Topo 2009). Als weitere Folge treten häufig depressive Verstimmungen auf. Das Fehlen von angenehmen Aktivitäten steht in einer engen Verbindung mit Depressionen (Teri 2003). Zusammenfassend liegen viele Belege dafür vor, dass Passivität, geringe Stimulation und fehlendes soziales Eingebundensein zu depressiven Verstimmungen führen und den Krankheitsfortschritt dadurch beschleunigen kann. Insbesondere Personen in frühen Krankheitsstadien verbringen sehr viel Zeit untätig zu Hause (Phinney & Moody 2011).

Aber auch in Pflegeeinrichtungen gehört das Erleben von Langeweile und Passivität zum Alltag der Bewohner (Müller-Hergl 2012; Wood et al. 2009). Für ein positives Lebensgefühl ist es jedoch wichtig, sich aktiv, kompetent und handlungsfähig zu erleben. Sinnvolle bzw. für die Person bedeutsame Aktivitäten, die die Aufmerksamkeit der Person binden, haben daher ein hohes Potenzial im Hinblick auf das Wohlbefinden und sind daher ein wichtiger Bestandteil einer guten Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz.

Das Leitthema im Hinblick auf sinnvolle Aktivitäten ist Verbundenheit (Han et al. 2016). Gemeint ist dabei sowohl eine Verbundenheit mit sich selbst. Diese macht sich fest an den Aktivitäten, die in Bezug zu einer Kontinuität des bisherigen Lebens stehen, Gesundheit und Wohlbefinden fördern und das Verfügen über persönliche Zeit ermöglichen. Darüber hinaus geht es aber auch um das Verbundensein mit anderen Menschen sowie das Eingebundensein in die Umgebung, in der man lebt. Dabei unbenommen ist, dass die Aktivitäten eine individuelle Bedeutsamkeit für die demenzbetroffene Person haben und ihren Bedürfnissen entsprechen.

Gelänge es entsprechende subjektiv bedeutsame Aktivitäten anzubieten, dann kann es gelingen, dass Menschen mit Demenz Vergnügen und Freude erleben, sie das Gefühl von Dazugehörigkeit und Eingebundensein erfahren sowie Autonomie und Selbst-Identität gestützt werden (Phinney et al. 2007).

Für Bewohner von Pflegeeinrichtungen scheinen dabei vier Felder an Aktivitäten besonders bedeutsam: Reminiszenz bzw. Erinnerungspflege, soziale Kontakte insbesondere mit der Familie und mit Freunden, musikalische Aktivitäten (Singen, Tanzen und Musik hören) sowie individuelle Tätigkeiten wie z. B. Hobbys, die im bisherigen Leben für die Person wichtig waren (Harmer & Orrell 2008). Im Wesentlichen geht es darum, dass die Aktivitäten die psychologischen und sozialen Bedürfnisse ansprechen.


Abb. II.1.1: Vier bedeutsame Themenfelder für Aktivitäten aus der Perspektive von Menschen mit Demenz (vgl. Hamer & Orrell 2008)

Die Qualität des Erlebens der Aktivität steht dabei stärker im Vordergrund als das spezifische Angebot. In stationären Einrichtungen scheint es aber einen Mangel an genau dieser Art von Aktivitäten im Alltag zu geben. Während bei Menschen mit Demenz also eher das momentane Erleben und positive Emotionen im Hier und Jetzt die Qualität einer Aktivität bestimmen, sehen Pflegende und auch Angehörige die Förderung und den Erhalt von Kompetenzen durch Aktivierungen als zentrale Zielsetzung und dabei insbesondere die Förderung von Mobilität.


Abb. II.1.2: Unterschiedliche Perspektiven von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen/Pflegenden, eigene Darstellung

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, inwieweit digitale Medien neue Möglichkeiten dafür eröffnen, Menschen mit Demenz, aber auch Pflegenden für sie bedeutsame Aktivitäten anzubieten und damit deren Wohlbefinden zu fördern. Dabei werden drei übergeordnete Richtungen vorgestellt, die bei der Entwicklung der digitalen Medien handlungsleitend sind:

• Digitaler Zeitvertreib: Spiele, die Aktivität fördern und Freude hervorrufen

• Training, das Spaß macht: Serious Gaming als Kombination von Spiel und Gesundheitsförderung

• Erinnerungspflege: neue Möglichkeiten und Zugangswege durch die Nutzung digitaler Medien

Die vorgestellten technischen Lösungen können nicht immer trennscharf einer der drei Richtungen zugeordnet werden, da sie oft Elemente aus verschiedenen Bereichen zusammenführen. Es ist aber eine Tendenz der primären Ausrichtung erkennbar. Neben der Vorstellung von technischen Beispielen wird zu jedem Bereich der aktuelle Forschungs- bzw. Wissensstand dargestellt.

1.3 Digitaler Zeitvertreib: Spiele, die Aktivität fördern und Freude hervorrufen

Eine Einsatzmöglichkeit digitaler Medien in der Begleitung von Menschen mit Demenz sind spielerische Elemente, die vornehmlich dem vergnüglichen Zeitvertreib dienen. Diese digitalen Lösungen sollen in erster Linie Spaß vermitteln und die Stimmung verbessern.

Gemäß des niederländischen Kulturhistorikers Huizinga (1949) ist das Spiel ein wesentliches Element menschlicher Aktivität, da der Mensch im Spiel und durch spielerisches Tun seine individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften entdeckt. Vom ihm wurde der Begriff des »Homo ludens« (der spielende Mensch) geprägt als die Antwort auf die Frage nach der essentiellen Qualität des menschlichen Seins. Er steht im Gegensatz zum Homo sapiens (der wissende Mensch) oder Homo faber (der Mensch als Handwerker). Das Spielerische ist seiner Meinung nach im Herzen jeder menschlichen Tätigkeit und ein wesentlicher kulturgebender Faktor. Daraus folgt, dass es »das Spiel ist und nicht die Weisheit, was dem Leben Sinn gibt« (Huizinga 1949, S. 1)

Im Kontext der Begleitung von Demenz ist das Thema Spiel bzw. Spielen eine relativ neue Idee (Swinnen & de Medeiros 2018). Daher gibt es bisher auch nur wenige grundlegende Erkenntnisse zum Erleben von Menschen mit Demenz im Spiel (Anderiesen et al. 2015). Das Potenzial, das Spielen für Menschen mit Demenz hat, wird ausgehend vom oben genannten Zitat von Huizinga jedoch sehr schnell offensichtlich. Da vor allen Dingen beim zweckfreien Spiel im Gegensatz zum spielerischen Wettbewerb nicht die Kognition im Vordergrund steht, sehen Experten die Chance, dass Spielen das Leben von Menschen mit Demenz bereichern kann. Über das Erleben von Spaß und Spiel ist es möglich, dass Menschen einfach nur eine »gute Zeit« haben und im Hier und Jetzt versinken (Killick 2013).

Dabei sollen spielerische Zugänge Menschen mit Demenz keineswegs infantilisieren oder trivialisieren, sondern es soll vielmehr ein Weg aufgezeigt werden, um neue Möglichkeiten für Ausdruck, Sinngebendes und den Aufbau von Beziehungen im späteren Alter zu entwickeln (Swinnnen & de Medeiros 2018).

Spielen kann dazu beitragen, Langeweile und Spannungen abzubauen. Im Alltag nutzen viele Menschen digitale Spiele auf Smartphones oder Tablets um genau dies zu erreichen. Entsprechende Spiele werden mittlerweile durch alle Generationen hindurch zum Zeitvertreib genutzt. Es handelt sich meist um sogenannte Casual Games (Gelegenheitsspiele). Dies sind einfache elektronische Spiele, die intuitiv zu bedienen sind und schnelle Erfolgserlebnisse zeigen. Sie können alleine oder auch gemeinsam mit anderen ausprobiert werden.

Als technisches Medium für diese Spiele erwiesen sich vor allem die weit verbreiteten Touchscreentechnologien als vielversprechend, wie sie z. B. bei Computertablets zum Einsatz kommen. Es gibt zunehmend mehr Belege dafür, dass diese Form der Technologie auch für Menschen mit Demenz aufgrund der einfachen Bedienbarkeit gut zu nutzen ist (Upton et al. 2011; Joddrell & Astell 2016). Die Homepage AcToDementia bietet in englischer Sprache einen Überblick zu Touchscreen Apps für Menschen mit Demenz und gibt auch Empfehlungen zu deren Nutzung (https://www.actodementia.com/).

Eine aktuelle Studie aus den USA mit über 1.000 Teilnehmenden untersucht, inwieweit sich durch den Gebrauch von Computer-Tablets die Stimmung von Menschen mit Demenz verbessern lässt. Gemeinsam mit der pflegenden Person wurden unterschiedliche digitale Medien bzw. Apps genutzt wie z. B. Musik, YouTube, Spiele (Puzzle, Kartenspiele etc.). Die deutlichsten Effekte konnten bei den musikbezogenen Interventionen festgestellt werden. Von Pflegenden wurden die Sitzungen besonders dann gut bewertet, wenn bei den Menschen mit Demenz eine klare Stimmungsverbesserung erkennbar war (Gilson 2019).

Im Projekt »In Touch« wurde der Fragestellung nachgegangen, ob das Spielen von einfachen Spielen nur zum Spaß (sogenannte »Happy Games«) auf einem I-Pad die Stimmung und das Verhalten von Menschen mit Demenz beeinflusst. Weiter wurde untersucht, ob diese Form der Betätigung auch als Mittel zur Verbesserung der Kommunikation eingesetzt werden kann. Die Ergebnisse zeigen, dass das Spielen dieser einfachen elektronischen Spiele das Potenzial dazu hat, eine angenehme und bedeutungsvolle Beschäftigung für Menschen mit Demenz zu sein. Auch die Bewertung durch die Pflegenden fiel sehr positiv aus. Sie sehen diese Art der Betätigung als Ergänzung zu den traditionellen Beschäftigungsangeboten zumindest für einen Teil der Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Als wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz der digitalen Spiele, erwies sich, dass sich die Pflegenden mit der Technik auskennen und den Bewohnerinnen und Bewohnern ein einfaches Tool zur Verfügung steht, um das gewünschte Spiel auszuwählen (Groenewoud & de Lange 2014; Groenewoud et al. 2017). Aus Sicht der Autoren wäre es wünschenswert, dass Einrichtungen aber auch Pflegenden zu Hause eine Datenbank zur Verfügung stünde, in der geeignete Spiele zur Auswahl stehen würden.

Mittlerweile gibt es eine Reihe digitaler Angebote, die auch auf dem deutschen Markt für den spielerischen Einsatz und den Zeitvertreib in der Begleitung von Menschen mit Demenz erhältlich sind und verschiedenste digitale Inhalte umfassen.

Beispielprodukte in der Kategorie »digitaler Zeitvertreib«
Memocare (https://memocare.aktivieren.net/)

Memocare umfasst ein technisches System, über das mehr als 200 digitale Inhalte für den Einsatz in der sozialen Betreuung von Menschen mit Demenz online abrufbar sind. Mit Hilfe dieser internetbasierten Plattform lassen sich Angebote für Gruppen- und Einzelbetreuung zusammenstellen. Das System arbeitet auf Tablets, kann aber für Gruppenaktivitäten auch am Großbildschirm oder über Beamer eingesetzt werden. Das System ist damit nicht an ein bestimmtes Endgerät gebunden. Die Inhalte umfassen Fotos, Musik sowie Spiele und Rätsel. Die unterschiedlichen digitalen Betreuungsangebote variieren im Niveau und können damit in unterschiedlichen Stadien der Erkrankung eingesetzt werden. Es sind auch individuelle Anpassungen möglich, indem eigene Fotos oder Inhalte, wie zum Beispiel die Lieblingsmusik einer Person, ergänzt werden können.

Media4care (https://www.media4care.de)

Ein weiteres Angebot auf dem deutschen Markt ist das Tablet Media4care. Dies wurde speziell für die individuelle Betreuung von Menschen mit Demenz entwickelt. Es handelt sich dabei um ein vorinstalliertes Tablet, das eine umfassende Sammlung an demenzgerechten Medien (Filme, Spiele etc.) umfasst, die in der Einzelbetreuung genutzt werden können. Neben den vorhandenen Inhalten ist es auch möglich, individuelle Profile mit persönlichen Inhalten anzulegen. Es gibt zwei Varianten: Das sogenannte Betreuertablet ist für den Einsatz in der sozialen Betreuung in Pflegeeinrichtungen konzipiert. Neben der Einzelbetreuung ist es technisch möglich, die Inhalte über eine Schnittstelle auf einen Fernseher zu übertragen und so für Gruppen nutzbar zu machen. Das sogenannte Seniorentablet ist für die Nutzung in der Häuslichkeit konzipiert und bietet eine Auswahl aus 700 Inhalten wie z. B. gedächtnisfördernde Spielen, Videos und Musik.

Tovertafel (https://tovertafel.de)

Eine andere Technik, die explizit mit der Zielsetzung entwickelt wurde, Menschen mit Demenz das Erleben von Freude und Spaß, aber auch gemeinsame Interaktionen in der Gruppe zu ermöglichen ist die Tovertafel. Sie wird von der niederländischen Firma »active cues« vertrieben. Das Grundprinzip dieser technischen Lösung ist eine Tischpräsentation über Beamertechnik. Die Lichtprojektionen auf dem Tisch reagieren auf Hand- und Armbewegungen. Mittels verschiedener Spielemöglichkeiten sollen die Nutzer zur Bewegung animiert werden. Was wieder dazu führen soll, dass Apathie durchbrochen wird und die Teilnehmer sich körperlich und geistig stimuliert fühlen.

Die ursprüngliche Version der Tovertafel wurde im Rahmen einer Promotion mit der sogenannten Co-Design-Methode entwickelt. Dabei handelt es sich um einen nutzerorientierten Designprozess, in den der bzw. die Endnutzer intensiv eingebunden werden. Im Prozess der Entwicklung der Tovertafel konnten sowohl Angehörige und Pflegende als auch Menschen mit Demenz erfolgreich eingebunden werden (Anderiesen 2017). Dies führte zum Beispiel dazu, dass sich die eigentliche Zielsetzung des technischen Designprozesses weg von einer Unterstützung der Aktivitäten des täglichen Lebens hin zum reinen Spielerlebnis veränderte. Die Co-Design-Methode findet auch bei der Neu- und Weiterentwicklung der Spiele Anwendung. Neben Gesprächen mit Pflegenden und Familienangehörigen werden die neuen Spiele immer wieder gemeinsam mit den Demenzbetroffenen ausprobiert. Im Rahmen einer kleinangelegten Evaluationsstudie mit sechs Teilnehmenden zeigte sich, dass es durch den Einsatz der Tovertafel insbesondere möglich war, die physische Aktivität zu erhöhen und es gibt auch Hinweise darauf, dass durch diese Intervention Apathie verringert werden kann.

Qwiek.up (https://qwiek.eu)

Qwiek.up wurde in den Niederlanden auf der Basis des Ansatzes der erlebnisorientierten Pflege entwickelt. Es handelt sich um einen mobilen Projektor, der aus jedem Zimmer eine Art Snoezel- oder Erlebnisraum machen kann, indem audiovisuelle Stimuli erzeugt werden. Der Projektor ist so konzipiert, dass er wahlweise an die Wand oder Decke projizieren kann. Die Inhalte werden auf sogenannten USB-Erlebnismodulen zur Verfügung gestellt. Diese sind thematisch mit digitalen Fotos, Musik oder Umgebungsgeräuschen bestückt. Die Inhalte umfassen z. B.: einen Spaziergang durch einen Wald, Urlaub, Jahreszeiten, Haustiere oder Konzerte mit André Rieu. Es können auch leere Erlebnismodule erworben werden, die dann selbst mit individuellen Inhalten (Bilder, Videos etc.) gefüllt werden können. Das Qwiek.up ist sehr leicht zu bedienen und kann von der Familie, Begleitern und Betreuern genutzt werden.

1.4 Training, das Spaß macht: Serious Gaming als Kombination von Spiel und Gesundheitsförderung

Unter dem Begriff Serious Games (englisch für ernsthafte Spiele) versteht man digitale Spiele, die nicht primär oder ausschließlich der Unterhaltung dienen. Zwar können sie entsprechende Unterhaltungsteile enthalten, der eigentliche Fokus liegt aber darin Informationen oder Bildung zu vermitteln. Dieses Spielekonzept, das Spaß mit ernsten Inhalten verbindet, findet im Gesundheitsbereich und hier auch im Feld Demenz immer häufiger Anwendung. Konkrete Anwendungsbereiche sind hier das kognitive Training, die Bewegungsförderung sowie Spiele, die die soziale Interaktion stützen. Viele der eingesetzten Spiele wurden ursprünglich eigentlich für Unterhaltungszwecke entwickelt, dann aber mit der Zielsetzung, etwas für die Gesundheit zu tun, in ihrer Nutzung beispielsweise auch zum Einsatz bei Menschen mit Demenz adaptiert wie z. B. Wii Sports der Firma Nintendo® oder Kinect Sports von Microsoft™ (McCallum & Boletsis 2013). Die beiden Autoren führten eine erste Überblicksarbeit zur Nutzung von »Serious Games« im Kontext von Demenz durch. Ihr Ergebnis ist die vorsichtige Vermutung, dass der Einsatz dieser Spieleform bei der Zielgruppe mit Demenz einen positiven Effekt hat. Ungewiss ist jedoch, ob dieser länger anhält bzw. ob sich dadurch insgesamt ein positiver Einfluss auf die Ausführung von Alltagsaktivitäten erzielen lässt (ebd.).

In einer aktuellen Überblicksarbeit, deren Fokus in der Auswertung sich hauptsächlich auf die Ausführbarkeit von Serious Games bei Demenz richtet, stellen Dietlein et al. (2018) zusammenfassend fest, dass die wenigen vorliegenden Studienergebnisse insbesondere aufgrund verschiedener methodischer Probleme nur bedingt aussagefähig sind. Generell zeigt sich, dass diese Form der Spiele unter Begleitung problemlos von Menschen mit Demenz ausgeübt werden können. Allerdings lässt die aktuelle Studienlage keine abschließende Aussage zu deren Effektivität zu, wobei es Tendenzen in der Verbesserung von kognitiven Fähigkeiten zu geben scheint.

Prinzipiell gibt es bei der Nutzung von Serious Games zwei Ansätze. Zum einen liegt der Fokus darin, mit Hilfe von interaktiven Übungen und Spielen eine Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit, das heißt eine Form des Gehirntrainings auszuüben. Eine weitere Zielrichtung liegt eher im physischen Bereich. Bei dieser Form des Trainings soll durch Bewegungsübungen in erster Linie die physische Leistungsfähigkeit verbessert werden.

Generell werden Interventionen in der Begleitung von Menschen mit Demenz als besonders erfolgversprechend angesehen, wenn diese multidimensional ausgerichtet sind, das heißt, sowohl kognitive als auch physische Akzente setzen. Ein in Deutschland seit vielen Jahren erfolgreich in der sozialen Betreuung eingesetztes Interventionskonzept, das nach diesem Anspruch arbeitet ist SimA (kurz für »Selbständigkeit im höheren Lebensalter«). Mittlerweile sind die für das Gedächtnistraining sowie das psychomotorische Training entwickelten Übungen auch digital erhältlich (Oswald et al. 2006 a und b).

Auch die finnische FINGER-Studie, der eine multidimensionale Intervention zugrunde liegt, zeigt, dass mit einem digitalisierten kognitiven Trainingsprogramm positive Effekte insbesondere in der Reduktion des Demenzrisikos erreicht werden können (Ngandu et al. 2015).

Generell zeigen die vorliegenden Studienergebnisse, dass digitale kognitive Trainingsprogramme ihre Wirksamkeit eher bei Menschen in frühen Stadien oder bei Vorliegen von leichten kognitiven Störungen (Mild Cognitive Impairment MCI) erzielen können, auch wenn die vorliegenden Studien aufgrund von methodischen Schwächen nur begrenzt aussagefähig sind (Gates et al. 2019).

Dennoch werden aktuell umfassende kognitive Trainingsprogramme für Menschen mit Demenz entwickelt, deren erste Ergebnisse durchaus positive Tendenzen zeigen (Burdea at al. 2015; Walton et al. 2019).

1.5 Exergaming: Digital in Bewegung kommen

Ein weitaus größerer Trend in der aktuellen Entwicklung ist allerdings das Design von Technologien, die in erster Linie bewegungsfördernd sind. Generell gibt es eine Vielzahl von Studien, die in mehreren neueren Metaanalysen bzw. systematischen Überblicksarbeiten zusammengefasst sind, die die Evidenz der Wirkung von Bewegung ausreichend gesichert belegen. Es liegen vielfältige Studienergebnisse vor, die aufzeigen, dass der Demenzverlauf und viele der damit einhergehenden Symptomatiken durch ein entsprechendes körperliches Training/spezifische Trainingsprogramme positiv beeinflusst werden können (Radzey 2019).

Dem gegenüber steht jedoch die Tatsache, dass im Alltag von Demenzbetroffenen Bewegungsarmut eher die Regel ist. Menschen mit Demenz verbringen den größten Teil des Tages ortsgebunden, in der Regel sitzend. Dies gilt insbesondere für Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen, bei denen häufig körperliche Aktivität nur am Morgen beim Aufstehen festgestellt werden konnte. Hier ist ein Perspektivenwechsel dringend notwendig (van Alphen et al. 2016).

Mit dem Ansatz der zur Bewegungsförderung entwickelten technischen Lösungen, den sogenannten Exergames, versucht man hier neue Impulse und Ansätze zu etablieren. Bei dem Begriff Exergames handelt es sich um ein Kunstwort, das sich aus den Begriffen Exercise (Übung) und Game (Spiel) zusammensetzt. Exergaming ist ein neuer Weg, um Bewegungsübungen entweder in einer virtuellen Welt oder einer Spielumgebung auszuführen. Ziel ist es, neben der Bewegung auch Anregungen für eine kognitive Stimulation zu bieten (van Santen et al. 2018). Wichtige technische Elemente für die Ausübung dieser Spielform sind Bewegungssensoren oder 3D-Bilderkennungsverfahren, die Bewegungen erfassen können.

In einer ersten Überblickarbeit zu den Effekten von Exergames im Kontext von Demenz wurden drei Studien einbezogen. Die Auswertung zeigte bei zwei von ihnen leicht signifikante physische, kognitive und emotionale Effekte bei den Studienteilnehmern. Generell gilt aber auch hier, dass die Studien insbesondere aufgrund der geringen Fallzahlen wenig aussagekräftig sind (van Santen et al. 2018).

Eine umfassendere systematische Überblicksarbeit und Metaanalyse, die sich mit Exergames im Kontext neurologischer Behinderungen u. a. auch der Alzheimererkrankung befasste, kommt trotz der auch hier vorliegenden methodischen Einschränkungen zu der Folgerung, dass Exergames ein hochflexibles Werkzeug in der Rehabilitation von Menschen mit neurologischen Beeinträchtigungen darstellen und in die Behandlungsprozesse der Betroffenen einbezogen werden sollten (Mura et al. 2018)

In der Praxis finden entsprechende digitale Bewegungsprogramme schon seit längerer Zeit eine immer umfangreichere Anwendung. Im Folgenden werden einige Bespiele beschrieben.

Beispielprodukte in der Kategorie »Training, das Spaß macht«
Silver Fit (https://silverfit.com/en/)

Silver Fit ist ein interaktives physiotherapeutisches Konzept, das in den Niederlanden für ältere Menschen insbesondere zum rehabilitativen Training z. B. von Schlaganfallpatienten sowie zur Sturzprophylaxe entwickelt wurde. Das System koppelt über eine 3D-Kameratechnologie Bewegung und Bild. Es gibt verschiedene Trainingsprogramme für unterschiedliche Zielgruppen. Speziell für Menschen mit Demenz wurde das Programm SilverFit Alois entwickelt. Neben der Bewegungsförderung soll das System den Nutzerinnen und Nutzern aber auch Spaß vermitteln, kognitiv stimulieren und die soziale Interaktion beispielsweise mit Angehörigen fördern. Ziel ist es in erster Linie freudige Momente zu gestalten und damit die Lebensqualität zu verbessern. Neben Bewegungsübungen bietet das System die Möglichkeit auch mit persönlichen Erinnerungen zu arbeiten oder zu entspannen z. B. mit Hilfe eines virtuellen Aquariums.

MemoMoto (https://www.memomoto.de)

MemoMoto bietet eine Kombination aus Bewegungsförderung und Erinnerungspflege. Der erste MemoMoto wurde im Jahr 2009 in den Niederlanden von einem Expertenteam entwickelt und ist speziell für Menschen mit Demenz konzipiert. Grundidee ist, dass die Person mit Demenz ein Bewegungsgerät wie beispielsweise ein stationär installiertes Fahrrad oder ein Laufband nutzt. Dieses Gerät ist verknüpft mit einem Bildschirm, einem Computer und einem Bewegungssensor. Dieser überträgt die Bewegung auf den Computer, der wiederum auf dem Bildschirm eine für den Nutzer bekannte Route (Straße, Waldweg etc.) abspielt. In der Regel handelt es sich um Routen aus der Region. Diese aufgenommenen Streckenbilder laufen, sobald die Person sich bewegt. Die Geschwindigkeit der Streckenaufnahmen variiert in Abhängigkeit der Bewegung des Nutzers. Damit wird der visuelle Eindruck vermittelt, dass sich die Person durch eine vertraute Umgebung bewegt. Es wird erhofft, dass die Routen durch bekannte Umgebungen die Person zu Bewegung animieren und auch für eine Stimulation der Kognition durch das Auslösen von Erinnerungen sorgen. Im Idealfall wird die Person während der Ausführung der Bewegungsübung therapeutisch begleitet und kann sich über das Erlebte austauschen.

memoreBox (https://www.retrobrain.de/)

Die memoreBox der Firma Retro Brain R&D GmbH ist eine in Deutschland entwickelte gestengesteuerte Spielebox, die an den Fernseher angeschlossen werden kann. Sie bietet den Teilnehmenden therapeutische Videospiele in Verbindung mit leichten Körperbewegungen. Die Teilnehmenden können kegeln, Motorrad fahren und die Rolle eines Briefträgers übernehmen, der Post in Häuser verteilt. Die Spiele sind so konzipiert, dass sie leicht durchzuführen sind, aber auch Spaß machen. Die memoreBox befindet sich aktuell in der Modellerprobung. Die Evaluationsstudie wird von der Barmer Krankenkasse finanziert. Zwischen 2016 und 2018 erfolgte eine erste Testung in zwei Pflegeeinrichtungen in Hamburg und Berlin. In eine aktuell laufende zweite Testphase sind bundesweit 100 Einrichtungen einbezogen. Bisherige Ergebnisse können zwar nur Tendenzen aufzeigen, diese scheinen jedoch positiv zu sein. Bislang konnten positive Effekte für die Stand- und Gangsicherheit, eine Verbesserung der Motorik, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit sowie die Stärkung der sozialen Bindungen und der Kommunikation beobachtet und partiell nachgewiesen werden (GKV 2019).

1.6 Erinnerungspflege: neue Möglichkeiten und Zugangswege durch die Nutzung digitaler Medien

Erinnerungspflege (im Englischen oft als »reminiscence« bezeichnet) stellt von jeher einen zentralen Stützpfeiler einer person-zentrierten Begleitung von Menschen mit Demenz dar. Bei der Erinnerungspflege geht es darum, auf der Basis von biografischem Wissen sowie des Erlebens des Bewohners im Alltag bewusst Situationen zu gestalten, in denen angenehme Erinnerungen geweckt werden. Diese können eine wichtige Rolle dabei spielen, die Selbstvergewisserung und Identität der Person im Hier und Jetzt zu stärken. Wenn sich das eigene gelebte Leben nicht mehr ohne weiteres vergegenwärtigen lässt, beginnt die Gewissheit darüber zu bröckeln, wer man »im Erkennen und Fühlen« (Kitwood 2000) ist. Sich die eigene Vergangenheit zu vergegenwärtigen und Ereignisse oder Erfahrungen ins Bewusstsein zurückbringen zu können, die die eigene lebensgeschichtliche Entfaltung ausmachen, hilft dabei, sich selbst zu bestätigen und als vom unmittelbaren sozialen Umfeld angenommen und wertgeschätzt zu erfahren. Damit ist im Kern das Konzept von Erinnerungspflege markiert, die versucht, durch gezielte Interventionen im Alltag die Ich-Identität zu stärken und letztlich das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz zu fördern.

Bislang wurden in der Erinnerungspflege vor allem konventionelle Medien (wie Fotos u. a.) verwendet. Inzwischen spielen aber auch neue interaktive Medien eine immer wichtigere Rolle dabei, Menschen mit Demenz und ihre Erinnerungen anzusprechen. Mit den neuen, digitalen Medien bieten sich innovative Einsatz- und Anwendungsmöglichkeiten, welche das Potenzial beinhalten, Erinnerungspflege im Rahmen einer Medienkultur und -gesellschaft angemessen zu modifizieren und neu zu formen. Generell eröffnen die neuen Medien andere Möglichkeiten in Bezug auf den Zugang zu Inhalten und die Umsetzung von Erinnerungspflege im Alltag. Ob zu Hause oder im Pflegeheim: das klassische Erinnerungsalbum wird ergänzt, erweitert, wenn nicht ersetzt durch neue Formen und Möglichkeiten, die auch den Zugriff auf bislang nicht nutzbare Erinnerungsmaterialien erlauben. Die technischen Lösungen erlauben es, neben persönlichen Erinnerungsmaterialien auf den breiten Fundus medialer Artefakte/Materialien zurückzugreifen, die im Erleben der heute alten Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben. Damit bieten die neuen Medien große Potenziale für eine Erweiterung und Neuausrichtung von Erinnerungspflege, indem eine Vielzahl neuer Inhalte erschlossen werden kann. Die bereits erwähnten Produkte memocare bzw. media4care bieten eine erste Auswahl entsprechender digitalisierter Medien auf dem Markt an.

Aufgrund der vorliegenden Studienlage wird Erinnerungspflege grundsätzlich als eine vielversprechende Intervention für Menschen mit Demenz gesehen, die das Potenzial hat, Stimmung, Kognition und Verhalten zu verbessern (Woods et al. 2018).

Eine Überblicksarbeit, die sich explizit mit den Effekten der technikgestützten Erinnerungspflege befasst, sieht die Vorteile im Zugang zu reichhaltigen und die Beteiligung fördernden multimedialen Erinnerungsmaterialien. Ebenso wird angeführt, dass diese Form der Begleitung soziale Interaktion befördert und es den Betroffenen leichter zu fallen scheint, Gespräche zu bestimmen. Dies kann vor allen Dingen durch die Anregung des emotionalen und musikalischen Gedächtnisses gelingen. Ebenso bieten technikgestützte Lösungen eine Reduzierung von Barrieren, so dass sie zum Teil (motorische) Einschränkungen kompensieren. Generell fehlt es jedoch noch an Wissen dazu, welche Arten von Medien besonders geeignet sind und wie diese aufbereitet werden sollten (Lazar et al. 2014).

Die umfangreichsten Erkenntnisse und Erfahrungen zur technikgestützten Erinnerungspflege gibt es aus dem Projekt CIRCA – Computer Interactive Reminiscence und Conversation Aid1. Die ersten Schritte mit CIRCA wurden bereits Anfang des Jahrtausends unternommen. Eine Forschergruppe um Gary Gowans an der Universität Dundee entwickelte CIRCA mit der Zielsetzung Kommunikation zwischen Pflegenden und Menschen mit Demenz zu verbessern. Erinnerungspflege/Reminiszenz schien hierfür das geeignete Potenzial zu haben. Es entstand die Idee durch die Bereitstellung digitaler Medien den Prozess zu vereinfachen und damit den Aufwand für die Pflegenden zu reduzieren. Das System ist einfach zu bedienen und hilft vielfältige Quellen zu kollektiven Gedächtnisinhalten einer Generation zu erschließen. Es gibt Filme, Fotos und Musik mit zeitgeschichtlicher Bedeutung, die vielen Älteren vertraut sind (Gowans et al 2004). CIRCA wurde von seinen Anfängen in allen Entwicklungsstufen bis heute wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse zeigen zum Beispiel, dass sich durch die Nutzung von CIRCA die Interaktion zwischen Pflegenden und Bewohnerinnen und Bewohnern deutlich verbessern lässt. Die Begegnung findet auf Augenhöhe statt, was bei den Bewohnerinnen und Bewohnern zu einer erlebten Verbesserung des Status und bei den Pflegenden zu einer Erhöhung der Arbeitszufriedenheit führt (Astell et al. 2010). In einer neueren Evaluationsstudie zur Nutzung von CIRCA in Gruppensitzungen zeigte sich bei den Teilnehmenden sowohl Verbesserungen in der Kognition als auch in der Lebensqualität (Astell et al. 2018).

Die im Rahmen der Testung von CIRCA gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse bestätigen sich auch in einem kürzlich in Deutschland abgeschlossenen Projekt zur digitalen Erinnerungspflege, auf das im Folgenden eingegangen werden soll.

1.7 Das Projekt InterMem: Neue Impulse für die Erinnerungspflege

Interactive Memories – Technikgestützte Biografiearbeit und Erinnerungspflege, kurz InterMem, heißt ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt, das im Rahmen des Förderschwerpunkts »Pflegeinnovationen für Menschen mit Demenz« vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zwischen Juni 2015 und September 2018 gefördert wurde (www.intermem.org). Daran beteiligt waren Universitäten, Hochschulen, mittelständische Unternehmen, Experten aus dem Bereich Wissenstransfer sowie zwei Pflegeeinrichtungen. Im Rahmen von InterMem wurde untersucht, wie sich – ausgehend vom person-zentrierten Ansatz im Umgang mit Menschen mit Demenz – digitale Medien und neue Interaktionstechnologien nutzen lassen, um neue Ansätze zur Biografiearbeit und Erinnerungspflege bei Demenz zu entwickeln.

Ein gemeinsamer Nenner des Verbundprojekts war seine von den beteiligten Akteuren ins Zentrum gestellte Nutzerzentrierung. Besonderes Kennzeichen von InterMem war die Erprobung und Entwicklung innovativer technikgestützter Lösungen in realen Kontexten und Situationen mit Hilfe einer sensiblen Einbindung der künftigen Nutzergruppen.

Vor dem Hintergrund der ermittelten Bedürfnisse und Anforderungen wurde ein sich ergänzendes Arrangement technischer Demonstratoren entwickelt, das unterschiedliche Facetten bzw. Elemente der Biografiearbeit und Erinnerungspflege unterstützte. Ziel war nicht die Entwicklung einer technischen Lösung, sondern vielmehr die Erkundung einer abgestimmten Palette modellhafter Umsetzungen einer den Bedingungen und Möglichkeiten der Zeit angepassten, technisch gestützten Erinnerungspflege.

So bietet beispielsweise die internetbasierte Plattform »CareShare« eine Chat- und Dokumentationsmöglichkeit, mit Hilfe derer Angehörige und Pflegende/Betreuende sich zu bewohnerbezogenen biografischen Themen austauschen und themenbezogene Bilder, Videos, Texte etc. in das System einstellen können, die eine hohe Bedeutsamkeit für den Bewohner/die Bewohnerin besitzen (sogenannte »Herzensöffner«).

Als weitere Demonstratoren wurden eine Reihe unterschiedlicher Ausgabemedien erprobt, die entweder gut in der Gruppe (z. B. eine interaktive Monitorwand) oder in Einzelinterventionen (z. B. ein dreidimensionales, pyramidenförmiges Objekt), u. a. auch bei bettlägerigen Menschen eingesetzt werden können. Alle Demonstratoren wurden in den Pflegeheimen erprobt. Im Fall der interaktiven Monitorwand fand dies über mehrere Monate statt. Im Rahmen der Evaluationssitzungen wurden bei den teilnehmenden Bewohnerinnen und Bewohnern insbesondere verbale oder nonverbale Reaktionen erfasst, die mit einer (mutmaßlichen) emotionalen Bedeutsamkeit assoziiert waren. Dokumentiert wurden außerdem Kompetenzen, die bei den Teilnehmenden während der Sitzungen beobachtet werden konnten – wie etwa Lesen, Kommentieren oder auch das Ausführen gezielter Handlungen (Kreutzner & Radzey 2019; Kienzler et al. 2018).

Im Zuge der kontinuierlichen Erprobungen fanden bemerkenswerte Entwicklungen mit Blick auf Interaktion, Kontakt und Beziehung zwischen den demenziell veränderten Bewohnerinnen und Bewohnern und den sie Begleitenden statt. Dies zeigte sich vor allem in einer Belebung der (nicht nur verbalen) Kommunikation und der Zunahme erkennbar positiver Momente auf Seiten der Teilnehmenden. In den Sitzungen war eine Vielzahl positiver Emotionen beobachtbar, die eng mit dem Erinnern an vergangene Ereignisse und Erlebnisse verknüpft waren und oft auch über einen längeren Zeitraum nachwirkten.

Neben diesen eher im Bereich des emotionalen Erlebens angesiedelten Wirkungen konnten Belege dafür gesammelt werden, dass die entwickelten technischen Lösungen durch die Ansprache mehrerer Sinne (Multimodalität) und eine hohe Qualität der Darstellung (Auflösung, Kontraste, Schriftgröße) vorhandene Kompetenzen der Bewohner stützten und deren Handlungsfähigkeit förderten. Hier erwies sich die Bestätigung vorhandener Kompetenzen als eine wichtige Dimension der Stärkung und Rückversicherung des Selbstwertes der teilnehmenden Person (z. B. funktionierende Erinnerung; erfolgreiches »Interagieren« mit der Wand etc.).

Das Projekt ging damit technisch und inhaltlich weit über den bisherigen Stand der Forschung und Praxis hinaus. Wesentlich war es, dass es mit Hilfe dieser Technologien gelang, auf vielfältige Weise, neue Aktivierungsimpulse zu setzen, die den Personen positive Anregung und Bestätigung im Hier und Jetzt und damit ein Stück Lebensqualität bieten konnten (Kreutzner & Radzey 2019; Pfändler & Radzey 2019; Kienzler & Bejan 2018).

1.8 Geplante Weiterentwicklungen: Das sogenannte »Recommendersystem«

Um die Auswahl und Verwaltung der medialen Inhalte für die Erinnerungspflege mit einer technischen Lösung zu unterstützen, entstand im Rahmen des Projekts die Idee eines sogenannten »Recommendersystems« (engl. to recommend = empfehlen) (Bejan et al. 2018). Dies soll einer Einrichtung ermöglichen, sämtliche als hilfreich erachtete und gesichert einsetzbare Materialien digital vorzuhalten. Dieser Materialfundus soll perspektivisch durch ein Archiv relevanter biografischer Details ergänzt werden, die für die Erinnerungspflege relevant sind und Aufschluss über Vorlieben, Interessen oder Lebensthemen der einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner geben. Die beiden Informationsquellen lassen sich verknüpfen und bewohnerbezogen abgleichen, so dass Empfehlungen für Erinnerungsinhalte abgeleitet werden können. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steht somit eine stets aktuelle Grundlage zur digitalen Erstellung gezielter Erinnerungsaktivitäten zur Verfügung. Technisch soll das System als Software in der Einrichtung installierbar und dort mobil mittels Tablet-PCs überall einsetzbar sein. Mit dieser Lösung stehen erhebliche Erleichterungs- und Entlastungspotenziale für die Vorbereitung gezielter mediengestützter Erinnerungsaktivitäten in Aussicht. Die Vorarbeiten aus dem Projekt InterMem werden in einem Folgeprojekt der Projektpartner an der HS Furtwangen derzeit zu einem marktreifen System weiterentwickelt, welches den gesamten Betreuungsprozess von der Biografieerfassung bis zur Planung, Durchführung und Reflexion von Betreuungsaktivitäten unterstützt2.

1.9 Ausblick: Chancen und Grenzen digitaler Medien in der sozialen Betreuung von Menschen mit Demenz

Die neuen, digitalen Medien bieten innovative Einsatz- und Anwendungsmöglichkeiten in der sozialen Betreuung von Menschen mit Demenz. Auch wenn die Datenlage aus wissenschaftlichen Studien noch zu wünschen lässt und hier noch ein deutlicher Nachholbedarf besteht, deuten die bisherigen Ergebnisse darauf hin, dass der Einsatz digitaler Medien in unterschiedlichen Kontexten und Anwendungsszenarien das Potenzial hat, eine sinnvolle Betätigungsmöglichkeit zu bieten und damit einen Beitrag zum Wohlbefinden von Menschen mit Demenz leisten kann.

Der Markt hat darauf deutlich reagiert und in den letzten Jahren einen klaren Bedarf der pflegerischen Praxis ausgemacht. Die technischen Entwicklungen und Neuerungen in diesem Bereich schreiten rasant voran. Der Einsatz unterschiedlichster digitaler Medien in der Begleitung von Menschen mit Demenz ist aktuell im Trend. Die Praxis reagiert mit zunehmender Begeisterung auf die angebotenen Produkte, so dass die mittlerweile auf dem Markt befindlichen Angebote recht schnell einen hohen Verbreitungsgrad erreicht haben. So gibt zum Beispiel Media4Care auf seiner Homepage an, dass die von ihnen vertriebenen Tablets mittlerweile in über 3.500 Pflegeheimen und Privathaushalten zum Einsatz kommen.

Auffallend ist, dass viele der auf dem Markt befindlichen Produkte in den Niederlanden entwickelt wurden. In der Regel entstanden diese in enger Kooperation mit Universitäten und Fachleuten. Dabei kamen unterschiedliche nutzerorientierte Designentwicklungsverfahren zum Einsatz. Ein entsprechender Ansatz wurde auch bei dem Projekt InterMem umgesetzt. Die hierbei gesammelten Erfahrungen zeigen deutlich, wie wichtig bei der Entwicklung von digitalen Medien eine solche Vorgehensweise ist. Dabei gilt es den Fokus nicht nur auf die Demenzbetroffenen zu legen, sondern auch auf deren Begleiter. Im Hinblick auf die Nutzerfreundlichkeit für Demenzbetroffene gilt es, neben kognitiven Einschränkungen besonders auch häufig gleichzeitig auftretende altersbedingte Defizite wie Seheinschränkungen oder feinmotorische Beeinträchtigungen zu berücksichtigen. In einer aktuellen Forschungsarbeit haben Dietlein & Bock (2019) profunde Empfehlungen zum nutzerorientierten Design von Serious Games für Menschen mit Demenz entwickelt. Dazu zählen beispielsweise gut kontrastierende Icons, Gestensteuerung, Kombination von maximal einer kognitiven Fähigkeit mit einer motorischen, personalisierte Inhalte der Spiele und eine Implementierung der Aktivität in der Gruppe unter Anleitung durch eine Betreuungskraft. Die letztgenannte Empfehlung zeigt auch auf, dass bei der Gestaltung entsprechender digitaler Ansätze auch die Begleiter und deren Anforderungen in den Designprozess einbezogen werden müssen. Aus deren Sicht müssen die Produkte ohne große Rüst- und Vorbereitungszeiten einsetzbar (plug and play) und am besten mobil sein. Des Weiteren gilt auch für diese Nutzergruppe, dass die Bedienbarkeit möglichst einfach ist.

Ebenso wichtig wie die Nutzerorientierung ist bei der sensiblen Zielgruppe von Menschen mit Demenz auch die Berücksichtigung ethischer Überlegungen. Experten fordern hier einen proaktiven Ansatz (Ienca et al. 2018; Baldwin 2005). Damit ist gemeint, dass nicht im Nachhinein nach Fertigstellung der technischen Entwicklung eine ethische Beurteilung erfolgen soll, sondern dass eine ethische Perspektive von Anfang an begleitend in den Entwicklungsprozess integriert ist. In Deutschland wurde zur Umsetzung einer solchen Vorgehensweise im Bereich altersgerechter Assistenzsysteme das Verfahren MEESTAR entwickelt. Anhand von sieben ethischen Dimensionen ist es möglich, sowohl die an der Entwicklung als auch dem Einsatz entsprechender Technologien Beteiligten ihr Tun im Rahmen eines normativen Prüfungsprozesses ethisch zu reflektieren (Manzeschke et al. 2013; Weber 2014; Teil IV, Kap. 1).

Eine wichtige Forderung, die auch in vielen der zitierten Forschungsprojekten als zentrale Bedingung für einen erfolgreichen Einsatz von digitalen Medien in der Betreuung von Menschen mit Demenz genannt wird, ist die Unterstützung durch entsprechend qualifizierte Begleiter. Viele der genannten technischen Lösungen entfalten ihr Potenzial nur dann, wenn die Demenzbetroffenen entsprechend begleitet werden. Das heißt, für den erfolgreichen Einsatz der digitalen Medien braucht es auch ein den Interaktionsprozess stützendes Gegenüber.

Letztlich formuliert auch der aktuell in Deutschland veröffentlichte Expertenstandard »Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz« deutlich, dass menschliche Begegnung auf der Basis einer person-zentrierten Pflege die Grundlage dafür bilden, dass sich die Betroffenen gehört, verstanden und angenommen fühlen (DQNP 2019). Erst auf der Basis eines solchen Erlebens ist es für Menschen mit Demenz möglich, Wohlbefinden und ein relatives Maß an Lebensqualität zu erleben. Wie im Rahmen dieses Beitrages mehrfach aufgezeigt, können technische Hilfen einen Beitrag dazu leisten, Beziehungsgestaltung zu erleichtern, ersetzen können sie sie jedoch keinesfalls.

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1 Siehe auch http://staff.computing.dundee.ac.uk/nalm/CC_website_at_Dec_2016/index.html

2 Siehe https://imtt.hs-furtwangen.de/imtt/en/portfolio/rememti/

2 Chancen und Herausforderungen neuer Pflegetechnologien in der Akutpflege – Beispiele aus dem Pflegepraxiszentrum Freiburg
Sven Ziegler & Johanna Feuchtinger
2.1 Hintergrund und Herausforderungen des Technikeinsatzes in der Akutpflege

Wenn wir unter dem Fokus der Technisierung auf die Akutpflege blicken, zeigt sich ein »gespaltenes« Bild: Einerseits findet die Akutpflege in einem hochtechnisierten Umfeld statt, in welchem der Einsatz technischer Hilfsmittel, wie etwa Systeme zur Überwachung von Körperfunktionen, elektrische Pflegebetten und elektronische Dokumentationssysteme (vgl. z. B. Dorfmeister et al. 2018; Müller-Mielitz 2018) inzwischen weit verbreitet ist.3 Andererseits spielt die Akutpflege in der aktuell »boomenden« Diskussion sowie der dynamischen Forschungs- und Entwicklungsförderung zu innovativen Technologien in der Pflege (vgl. Hülsken-Giesler 2019) bislang eine eher untergeordnete Rolle. Dies verwundert deshalb, weil der aktuelle Diskurs in Deutschland entscheidend durch die Arbeiten zum Verhältnis von Technik und Pflege auf Intensivstationen (vgl. z. B. Manzei 2005) mitinitiiert wurde. Zwar wird die klinische Pflege auf abstrakter Ebene häufig (mit)angeführt, allerdings bezieht sich dies in vielen Fällen stärker auf die (Mit-)Gestaltung zukünftiger Szenarien (vgl. exemplarisch Deiters et al. 2018; Fuchs-Frohnhofen et al. 2018; Augurzky et al. 2016) und weniger auf einen derzeitigen Einsatz im »Regelbetrieb«. Fachinger & Mähs (2019, S. 120) konstatieren dazu, dass »[…] Informations- und Kommunikationstechnologien, Roboter und technische Assistenzsysteme in den nächsten Jahren vermehrt verwendet bzw. eingesetzt werden [dürften]«, derzeit allerdings in deutschen Kliniken eher einen geringen Verbreitungsgrad haben.

Dies ist bei der bisher eher starken Fokussierung der Diskussion auf technische Optionen im häuslichen Bereich, die unter dem Sammelbegriff »Ambient Assisted Living« (AAL) verhandelt werden, kaum verwunderlich. Dabei geht es, auch mit Blick auf die im SGB XI verankerte Prämisse ambulant vor stationär, um eine Unterstützung eines möglichst langen und möglichst »selbständigen«4 Lebens in den eigenen vier Wänden (vgl. z. B. Braun et al. 2016; Hülsken-Giesler & Krings 2015). Hinzu kommt, dass Pflegende gemeinsam mit Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen in der ambulanten Pflege wie auch der stationären (Langzeit-)Pflege in vielerlei Hinsicht einen größeren Entscheidungsspielraum haben, als dies im klinischen Umfeld der Fall ist. Damit ist gemeint, dass die Fokussierung in der ambulanten und stationären Langzeitpflege längerfristig ausgelegt und sehr eng an der Bewältigung des Alltags ausgerichtet ist. Bei aller (geforderten) Person-Zentrierung (vgl. zu diesem Begriff Kitwood 2013) und Ressourcen-Orientierung, steht im klinischen Setting primär doch die Bewältigung eines oder mehrerer (akuter) medizinischer Probleme in einem immer kürzer werdenden Zeitraum im Fokus. Dies hat zur Folge, dass sich Anforderungen, die an technische Unterstützungssysteme im klinischen Setting gestellt werden (müssen), in vielen Punkten von denjenigen in anderen Settings unterscheiden. Gemeint sind damit zum Beispiel die rasche Adaptionsmöglichkeit an unterschiedliche (Gruppen von) Patientinnen und Patienten, hygienische Aspekte, ggf. Einbindung in eine bestehende Dateninfrastruktur, Berücksichtigung rascher Patientenwechsel, interner Patiententransporte und Verlegungen, die Robustheit der Systeme und vieles weiteres mehr. Anders formuliert muss die Technik dazu geeignet sein, ohne allzu große Reibungsverluste in den schnelllebigen Klinikalltag integrierbar zu sein.

Diesen Herausforderungen widmet sich das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Pflegepraxiszentrum Freiburg (PPZ-Freiburg)5, das im folgenden Kapitel vorgestellt wird.

2.2 Erprobung neuer Pflegetechnologien – Projektbeispiele aus dem Pflegepraxiszentrum Freiburg

Das BMBF fördert für 5 Jahre (2018–2022) im Rahmen des Clusters »Zukunft der Pflege – Mensch-Technik-Interaktion in der Pflege« ein Pflegeinnovationszentrum (Oldenburg) und vier Pflegepraxiszentren (Freiburg, Hannover, Nürnberg, Berlin).6 Dem Motto des Clusters »Technik zum Menschen bringen« liegt die Erkenntnis zugrunde, dass eine Vielzahl technischer Ansätze »[…] noch das Etikett ›Forschung und Entwicklung‹ [trägt]« (Lutze 2017, S. 45) und (noch) kaum eine breite Rezeption in der Pflegepraxis stattfindet. Die Zentren des Clusters widmen sich daher dem Technikeinsatz in unterschiedlichen Settings und Schwerpunkten der Pflege (Lutze 2018). Im PPZ-Freiburg werden von den Partnern Universitätsklinikum Freiburg (Pflegedienst, Projektleitung), Universität Freiburg (Institut für Pflegewissenschaft), Hochschule Furtwangen (Institut Mensch, Technik und Teilhabe) und dem Institut Alter, Gesellschaft, Partizipation (AGP) an der Evangelischen Hochschule Freiburg, im Pflegesetting des Universitätsklinikums Freiburg innovative Technologien in der Akutpflege erprobt.

Neben themenübergreifenden Arbeiten, wie der Erarbeitung eines Innovationsmanagementkonzepts für den Technikeinsatz in der Pflege, der Integration der Aktivitäten in die Aus-, Fort- und Weiterbildung, dem regionalen und überregionalen Wissenstransfer sowie der Bearbeitung ethischer, rechtlicher und sozialer Implikationen (ELSI) zum Technikeinsatz (vgl. Moeller-Bruker et al.; Teil IV, Kap. 2) werden drei thematische Schwerpunkte aufgegriffen, die im Folgenden kurz dargelegt werden.7

2.2.1 Unterstützung der Dekubitusprophylaxe durch integrierte Bettsensorik

Die Einführung eines pflegerischen Expertenstandards zur Dekubitusprophylaxe (DNQP – Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege 2017)8 hat zweifelsohne zu einer Verbesserung der Versorgung geführt (Schmidt 2016), wenngleich eine genaue Datenlage zur Dekubitushäufigkeit in deutschen Krankenhäusern, z. B. aufgrund heterogener Erfassungsmethoden und Klassifikationssysteme, nach wie vor nicht vorliegt (Tomova-Simitchieva et al. 2019). Tomova-Simitchieva et al. (2019) gehen davon aus, dass die Möglichkeiten der Prophylaxe noch lange nicht ausgeschöpft sind. Auch die finanziellen Auswirkungen sind, wenn auch schwer zu beziffern (Jordan 2012), gravierend. Unabhängig davon sind nach Kolb & Schanz (2012, S. 46) »[…] das Leid, der Verlust an Lebensqualität, die Schmerzen und soziale Isolation der Patienten [nicht quantifizierbar].«

Die Dekubitusentstehung ist ein hochkomplexer und individueller Vorgang, bei dem Druck und individuelle Drucktoleranz, individuelle Gewebsreaktionen, Scherkräfte, das autonome Nervensystem (und dessen Veränderungen) und die Erholungskapazität des Gewebes eine Rolle spielen (Scheel-Sailera et al. 2016; vgl. auch Manorama et al. 2010; Mak et al. 2010). Die Vereinigungen European Pressure Ulcer Advisory Panel (EPUAP), National Pressure Ulcer Advisory Panel (NPUAP) und Pan Pacific Pressure Injury Alliance (PPPIA) haben 2014 in der Guideline »Prevention and Treatment of pressure ulcers« der Prävention des Dekubitus schwerkranker Patientinnen und Patienten besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die druckentlastende Positionierung hat für alle dekubitusgefährdeten Patientinnen und Patienten einen hohen Empfehlungsgrad, wobei die Häufigkeit der Positionierung abhängig von der individuellen Situation und der Reaktion des Gewebes auf Druck ist (National Pressure Ulcer Advisory Panel/European Pressure Ulcer Advisory Panel/Pan Pacific Pressure Injury Alliance 2014). Im genannten Nationalen Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege sind Positionswechsel und Druckentlastung von Gewebe ebenfalls zentrale Elemente (Kottner et al. 2017). Allerdings ergibt die Studienlage ein uneinheitliches Bild, in welchen Zeitabständen diese erfolgen sollten (Kottner et al. 2017). Einen signifikanten Nachweis gibt es lediglich dazu, dass ein Positionswechsel, unabhängig vom Zeitintervall, generell eine präventive Wirkung auf die Dekubitusentstehung hat (Lozano-Montoya et al. 2016). Gegen eine standardisierte Festlegung eines Zeitintervalls spricht auch die genannte Individualität und Komplexität der Dekubitusentstehung. Gleichwohl gilt zur Prävention von Dekubitus derzeit der konsequente zweistündige Positionswechsel als Richtwert zur effizienten Entlastung des Gewebes (Pickham et al. 2016). Im Intensivbereich zeigen Untersuchungen allerdings, dass dieser Positionswechsel lediglich zu 38–51 % realisiert wird (Pickham et al. 2016; Schallom et al. 2005; Krishnagopalan et al. 2002). Als Erklärungsansätze werden eine suboptimale Pflege-Patienten-Ratio, eine nachgeordnete Priorisierung der druckentlastenden Positionierung, Schwierigkeiten im Monitoring der Positionierung der Patientinnen/Patienten und ineffektive Erinnerungen/Alarme bzgl. der Positionierung diskutiert (Pickham et al. 2016). Im Sinne einer Unterstützung des Positionierungsmonitorings, auch durch den Einsatz geeigneter Erinnerungs- und Alarmsysteme, wird daher im PPZ-Freiburg ein Beitrag zur Klärung der Frage geleistet, inwiefern der Einsatz technischer Hilfsmittel zum Erkennen von Bewegungen der Patientin/des Patienten im Bett beitragen kann. Die folgende Tabelle ( Tab. II.2.1) charakterisiert ein solches Hilfsmittel.

Tab. II.2.1: Charakterisierung Bettsensorik, eigene Darstellung



HilfsmittelkategorieBettsensorik zur Unterstützung des Mobilitätsmanagements

Die Bettsensorik Mobility Monitor ist ein Hilfsmittel, welches die Bewegungen von Patientinnen und Patienten im Bett aufzeichnet und auf einen Monitor überträgt ( Abb. II.2.1).


Abb. II.2.1: Mobility Monitor: Sensormatte und Bedienteil (links) und Überwachungsmonitor im Pflegestützpunkt. Quelle: compliant concept AG

Das System liefert Informationen zur Häufigkeit der Bewegungen, differenziert in Mikrobewegungen und druckentlastende Bewegungen, sowie optional eine 360°-Bettausstiegsinformation. Es besteht aus einer 730 x 20 x 160 mm großen Sensormatte, die unter der Matratze im Bett positioniert wird, einem Bedienteil am Bett und einer Software, mit deren Hilfe die Messdaten auf einem Monitor angezeigt werden können. Eine Ampelfunktion auf dem Bediengerät am Bett sowie dem Monitor zeigt an, wenn ein definiertes Zeitlimit10 ohne druckentlastende Bewegung erreicht wird. Die Pflegenden können erkennen, in welcher Häufigkeit die Patientin oder der Patient eigene Bewegungen durchführt und ob diese Bewegungen druckentlastend wirken. Ziel ist es, Pflegende in der zeitgerechten druckentlastenden Positionierung von Patientinnen und Patienten zu unterstützen und damit Über- und Unterversorgung zu vermeiden (vgl. Wendland 2016). Der Einsatz des Mobility Monitors wurde im Rahmen erster Untersuchungen in Pflegeheimen und bei normalstationären Patientinnen und Patienten in der Inneren Medizin und Chirurgie erfolgreich getestet (Gattinger et al. 2017; Heilbronner 2014).

Im PPZ-Freiburg wurde der Mobility Monitor zunächst für zwei Monate im Rahmen einer Pilotierung auf je einer neurologischen und einer neurochirurgischen Normalstation erprobt. Dabei wurde das System zunächst für vier Wochen verblindet eingesetzt, das heißt, dass der Mobility Monitor in den Patientenbetten eingesetzt wurde, die Pflegenden allerdings keinen Zugriff auf die Messdaten hatten und auch die Ampelfunktion am Bedienteil deaktiviert war. Im Anschluss wurde das System für weitere vier Wochen offen eingesetzt, das heißt, die Bewegungsdaten und das Ampelsystem waren für die Pflegenden sicht- und nutzbar. Insgesamt wurde der Mobility Monitor bei 108 Patientinnen und Patienten eingesetzt. Belastbare Zahlen zum Outcome konnten in diesem kurzen Zeitraum und der geringen Anzahl von Patientinnen und Patienten nicht generiert werden. Zumindest kann aber festgehalten werden, dass im Zeitraum des offenen Einsatzes des Systems keine Stürze (Blindphase n = 3) und keine Patientinnen und Patienten mit in der Klinik erworbenen Dekubitus (Blindphase n = 1) dokumentiert wurden. Viel bedeutender sind jedoch die Rückmeldungen der Pflegenden (n = 12), die sich an einer Online-Befragung beteiligt haben. Zum überwiegenden Teil (83,3 %) haben sie sich für eine Anschaffung des Mobility Monitors für die Regelversorgung ausgesprochen. Ebenfalls 83,3 % der Pflegenden waren der Ansicht, dass das System insgesamt einen positiven bzw. sehr positiven Einfluss auf den Pflegeprozess/die Pflegeplanung/die Pflege im Bereich der Dekubitus- und Sturzprophylaxe hatte. In Freitextantworten wurde beispielsweise festgehalten, dass der Mobility Monitor dazu beitragen kann,

• die Arbeit zur Sturz- und Dekubitusprophylaxe effektiver und zielgerichteter zu gestalten,

• die Sicherheit für Patientinnen und Patienten wie auch für Pflegende zu erhöhen,

• kritische Situationen, wie etwa (schmerzbedingte) Unruhezustände, schneller zu erkennen oder

• längere unterbrechungsfreie Schlafphasen für Patientinnen und Patienten zu ermöglichen.

Aufbauend auf diesen Ergebnissen wurde der Mobility Monitor im Rahmen eines größer angelegten Evaluationsprojekts bei Patientinnen und Patienten auf einer neurochirurgischen und einer neurologischen Intensivstation am Universitätsklinikum Freiburg eingesetzt. Diese Bereiche wurden deshalb ausgewählt, weil Patientinnen und Patienten dort aufgrund der neurochirurgischen und neurologischen Krankheitsbilder und aufgrund der Therapien (z. B. Sedierung, Beatmung, etc.) potenziell stark in ihrer Mobilität eingeschränkt sowie dekubitusgefährdet sind.

Ziel des Projekts war zu eruieren, inwiefern durch den Einsatz des Mobility Monitors der inaktive Anteil an der Gesamtliegezeit (d. h. Überschreitung von zwei Stunden ohne druckentlastende Umpositionierung) gesenkt werden kann (primärer Endpunkt). Daneben (sekundäre Endpunkte) wurde erfasst, inwiefern durch den Einsatz des Mobility Monitors die Dekubitusinzidenz gesenkt und der druckentlastende Anteil der durch das pflegerische, ärztliche und weitere therapeutische Personal vorgenommenen Umpositionierungen erhöht werden kann. Die Erforschung der Perspektive der Mitarbeitenden erfolgte im Rahmen einer begleitenden formativen Evaluation (Hempler et al. 2019). Das Projekt wurde im »Stepped Wedge Design« (vgl. z. B. Köberlein-Neu & Hoffmann 2017) mit zwei Schritten und zwei Clustern durchgeführt ( Abb. II.2.2). Dabei stellte eine Station jeweils ein Cluster dar. Im sechsmonatigen Erhebungszeitraum von November 2018 bis Mai 2019 waren sämtliche 33 Betten der beiden Intensivstationen mit einem Mobility Monitor ausgestattet. Nicht ausgestattet wurden Betten, die den Einsatz des Systems nicht zulassen (z. B. Betten mit fest verbauten (Luft-)Matratzen). Konkret bedeutet das, dass beide Stationen mit einer verblindeten Phase starteten – das heißt, der Mobility Monitor zeichnete die Bewegungsdaten der Patientinnen und Patienten auf, die Pflegenden hatten allerdings keinen Zugriff auf die Daten. Nach zwei Monaten ging eine Intensivstation randomisiert in die offene Phase über (d. h. die Pflegenden konnten die Bewegungsdaten der Patientinnen und Patienten einsehen). Nach weiteren zwei Monaten ging auch die zweite Intensivstation in die offene Phase über (Schepputat et al. 2019).


Abb. II.2.2: Stepped Wedge Design im Projekt Mobility Monitor, eigene Darstellung

Insgesamt konnten so über 800 Patientinnen und Patienten in das Projekt eingeschlossen werden, wobei die Anzahl in der Blind- und Interventionsphase nahezu identisch war. Die Auswertung der Daten ist noch nicht abgeschlossen. Erste Analysen zeigen eine, aufgrund nicht gegebener statistischer Signifikanz sehr vorsichtig zu interpretierende, Tendenz zu einer geringeren Immobilitätsrate (Schepputat et al. 2019) und einer geringeren Dekubitusinzidenz. Die Rückmeldungen der Mitarbeitenden fokussieren insbesondere das Setting. Sie sprechen dem Mobility Monitor insgesamt ein hohes Potenzial zu, aus ihrer Sicht aber eher bei Patientinnen und Patienten auf Normalstationen. Dies begründen sie mit dem auf Intensivstationen sehr viel längeren direkten Patientenkontakt, wodurch aus ihrer Sicht eine umfassende Beobachtung des Bewegungsverhaltens von Patientinnen und Patienten ohnehin gegeben ist. Darüber hinaus konnten erste Anregungen zur Weiterentwicklung der Technik herausgearbeitet werden, wie z. B. die Reduktion als störend empfundener Kabel (Hempler et al. 2019).

Insgesamt kann als ein ganz wesentlicher Benefit des Projektes hervorgehoben werden, dass es gelungen ist, einen umfangreichen Datensatz zur Mobilität und der Positionierung von Patientinnen und Patienten auf neurologischen und neurochirurgischen Intensivstationen zu generieren, der eine wertvolle Basis gleichermaßen für weitere Forschungsaktivitäten wie auch Praxisentwicklungsprojekte darstellen kann.

2.2.2 Personen mit Demenz und kognitiven Beeinträchtigungen im Akutkrankenhaus

Laut der Robert Bosch Stiftung GmbH weisen knapp 20 % der Patientinnen und Patienten im Akutkrankenhaus über 65 Jahre eine Demenz und sogar 40 % eine kognitive Beeinträchtigung auf (Robert Bosch Stiftung 2016). Dabei handelt es sich keineswegs nur um Personen, die aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigung stationär aufgenommen werden, sondern diese tritt häufig neben einer akuten Erkrankung (wie z. B. Frakturen, Infektionen, Neubildungen, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen) auf. Dass die organisatorischen Abläufe meist jedoch nicht auf die Situation älterer und/oder kognitiv eingeschränkter Patientinnen und Patienten ausgerichtet sind, ist bereits seit längerem ein Gegenstand in der pflegewissenschaftlichen Diskussion (vgl. z. B. Büter et al. 2017; Quack 2015; Kleina & Wingenfeld 2007). Ebenfalls hinlänglich bekannt ist, dass dadurch Risiken für unerwünschte Folgen wie Stürze, Malnutrition oder Dehydration steigen. Darüber hinaus kommt es bei den Betroffenen zu Lauftendenzen, Widerstand oder mangelnder Mitarbeit bei pflegerischen Handlungen/Operationsvorbereitungen, zu Verständigungsproblemen oder Fixierungen und damit verbundenem aggressivem Verhalten (vgl. z. B. Riedel et al. 2015).

Folgerichtig wird auch der Einsatz technischer Unterstützungssysteme für Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen (meist mit dem Fokus Demenz) seit einigen Jahren ebenfalls vermehrt in der wissenschaftlichen Diskussion und in Forschungsprojekten aufgegriffen. Allerdings bezieht sich die Auseinandersetzung bislang meist auf den Bereich der häuslichen Pflege und/oder die stationäre Langzeitpflege (vgl. exemplarisch Hergesell 2017; Weinberger & Decker 2015; Beer et al. 2015; Hülsken-Giesler & Krings 2015). Dieser Lücke nimmt sich das PPZ-Freiburg im Rahmen eines weiteren inhaltlichen Schwerpunkts an. Konkret werden dabei technische Möglichkeiten fokussiert, die (a) unterstützend in der Pflege von Personen mit Lauftendenz und/oder Bettausstiegstendenz sein können, wie z. B.

• Bettausstiegsinformationssysteme,

• Informationssysteme für das Betreten bzw. Verlassen bestimmter Bereiche oder

• Ortungssysteme.

Oder welche (b) einen Beitrag zur Betreuung, Aktivierung und Orientierungsgabe für Personen mit Demenz/kognitiven Beeinträchtigungen leisten können, wie z. B.

• (biographiebezogene) multimediale Techniken, wie Tablets, Monitore oder Projektionssysteme,

• Systeme, die einen Kontakt mit Angehörigen ermöglichen, z. B. Telepräsenzsysteme oder

• Systeme, die im Rahmen von Beschäftigungsangeboten eingesetzt werden können.

In vorbereitenden Workshops mit Pflegenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachdisziplinen, die teilweise auch über persönliche Erfahrungen zu Personen mit Demenz im Krankenhaus im familiären Umfeld verfügen, wurden erste Schritte unternommen, sowohl bedeutende Phänomene (begrifflich) zu fassen als auch besonders relevante Ansatzpunkte für technische Unterstützungssysteme zu identifizieren. In diesem Rahmen wurde insbesondere deutlich, dass eine Zuspitzung der Aktivitäten auf Personen mit Demenz im Krankenhaus zu kurz greift, da bei einer Vielzahl der betroffenen Personen eine Demenzdiagnose (noch) nicht vorliegt oder der kognitiven Beeinträchtigung andere Ursachen, wie z. B. neurologische und neurochirurgische Erkrankungen, zugrunde liegen. Des Weiteren zeigte sich, dass in vielen Fällen nicht (nur) das Phänomen der Lauftendenz bei Patientinnen und Patienten eine Belastung für die Pflegenden darstellt. Es geht oftmals darum, dass Patientinnen und Patienten aus unterschiedlichen Gründen das Bett verlassen (möchten), sie dazu aber (a) physisch nicht in der Lage sind und/oder (b) ein unbegleitetes Aufstehen aus medizinischen Gründen nicht intendiert ist. Diese »dilemmatische« Situation zwischen der Selbstbestimmung Pflegebedürftiger und pflegerischem Versorgungsauftrag, zu dem auch der Schutz vor Gefährdungen zu zählen ist (vgl. exemplarisch Kotsch & Hitzler 2013), stellt für die Pflegenden häufig eine große Belastung dar. Darüber hinaus ist eine klare Trennung zwischen den beiden Schwerpunkten kaum möglich, denn es ist beispielsweise immer die Frage zu stellen, warum Personen die Tendenz entwickeln zu »laufen«. Dies können beispielsweise die Sorge um ein Haustier oder um Angehörige sein, Langeweile, Toilettendrang oder das Bedürfnis sich zu bewegen. Daher ist es durchaus plausibel zu erwarten, dass sich Angebote im Rahmen der Betreuung, Aktivierung und Orientierungsgabe auch positiv auf die Lauftendenz auswirken können. Umgekehrt sollte auch das mit technischer Unterstützung gewonnene Wissen um das Bewegungsverhalten von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen dazu führen, die individuelle Situation genauer in den Blick zu nehmen und entsprechende pflegerische Maßnahmen einzuleiten (vgl. zur ethischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Wandering und darauf ausgerichtete technische Systeme auch Moeller-Bruker et al.; Teil IV, Kap. 2).

Im PPZ-Freiburg werden Projekte vorbereitet, die sich diesen Problemstellungen widmen. In einem ersten Schritt soll eine Sensormatte getestet werden, die Pflegenden signalisiert, wenn eine Patientin oder ein Patient das Bett verlässt oder sich an die Bettkante setzt. Der Einsatz von Sensorsystemen wird, insbesondere unter dem Fokus der Sturzprophylaxe sowie der Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen, schon länger diskutiert (vgl. z. B. Capezuti et al. 2009; Hubbartt et al. 2011; White & Cuavers 2018; Klie 2006). Nach Cameron et al. (2018) ist es allerdings aufgrund einer nicht ausreichenden Studienlage nach wie vor als unsicher einzuschätzen, inwiefern solche Systeme Auswirkungen auf die Anzahl von Sturzereignissen im Krankenhaus haben.

Im Gegensatz zu Matten, die vor dem Bett positioniert werden, handelt es sich bei dem im PPZ-Freiburg fokussierten System (Actilog Basic S)11 um eines, das unter der Matratze positioniert und per Funkempfänger mit der Rufanlage verbunden wird. Das verspricht, dass das System diskreter eingesetzt werden kann und dass keine zusätzlichen »Stolperfallen« durch eine Matte auf dem Fußboden entstehen. Der Fokus im PPZ-Freiburg richtet sich primär auf den Nutzen im Pflegeprozess für Pflegende und für Patientinnen und Patienten aus Sicht der Pflegenden. Dies soll im Rahmen eines Projekts im Jahr 2020 auf unterschiedlichen Stationen im Universitätsklinikum Freiburg erforscht werden.

Daneben wird das Projektorsystem Qwiek.up12 in den Blick genommen. Qwiek.up ist ein bisher hauptsächlich in der Langzeitpflege und der Unterstützung von Menschen mit Behinderung eingesetzter, mobiler Tageslichtprojektor mit verschiedenen audiovisuellen Funktionen, welcher großflächige Projektionen an unterschiedliche Flächen, wie die Wand oder die Decke ermöglicht.

Mit Hilfe dieser Funktionen sollen Unruhe, Anspannung, herausfordernde Verhaltensweisen und Desorientierung, insbesondere bei Personen mit kognitiver Beeinträchtigung, reduziert und das Wohlbefinden gesteigert werden. Es steht eine Auswahl unterschiedlicher Module zur Verfügung, die entsprechend der Zielsetzung (z. B. Beruhigung oder Aktivierung der Patientin/des Patienten) ausgewählt werden können. Jedes Modul befindet sich auf einem separaten USB-Stick, welcher in das Gerät eingesteckt werden kann. Eine Zusatzoption bietet die Möglichkeit, USB-Sticks mit eigenen Video- oder Bilddateien zu bespielen, um individuelle Inhalte, welche z. B. von Angehörigen zur Verfügung gestellt werden, zu vermitteln (vgl. Qwiek 2019). Forschungsergebnisse zu Qwiek.up sind noch spärlich, allerdings gibt es ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen davon profitieren können (vgl. Brankaert & den Ouden 2017; Qwiek 2019). In einem Qualitäts- und Entwicklungsprojekt am Universitätsklinikum Freiburg ergaben sich ebenfalls Hinweise für ein hohes Potenzial des Systems (Walzer et al. 2019). Diese Ansätze werden

Abb. II.2.3: Projektorsystem Qwiek.up, Quelle: Qwiek

im Rahme einer Beobachtungsstudie ab dem zweiten Halbjahr 2020 aufgegriffen.

2.2.3 Lärmreduktion auf Intensivstationen

Intensivstationen sind aufgrund vielfältiger Alarme von intensivmedizinischen Geräten, aber auch anderer Lärmquellen, laute Umgebungen. So zeigte sich in einer Untersuchung von Darbyshire & Young (2013) auf fünf Intensivstationen in Großbritannien, dass die WHO-Empfehlungen von maximal 40 dBA13 in keinem Fall auch nur annähernd eingehalten werden konnte und Lärmspitzen über 85 dBA auf allen untersuchten Stationen keine Seltenheit waren. Eine Arbeit von Schneider (2016) in Deutschland lieferte ähnliche Ergebnisse. Die hohe Lärmbelastung (auch nachts) beeinträchtigt die Gesundheit von Patientinnen und Patienten genauso wie die der Beschäftigten (Darbyshire 2016). Zudem führen falsch-positive Alarme zu Belastungen durch Unterbrechung von Arbeitsprozessen sowie zu einer Desensibilisierung der Beschäftigten, wodurch wiederum


Abb. II.2.4: Wandprojektion mit dem Qwiek.up, Quelle: PPZ-Freiburg

die Sicherheit von Patientinnen und Patienten gefährdet werden kann. Dies wird unter dem Begriff Alarm Fatigue diskutiert (vgl. z. B. Ruskin & Hueske-Kraus 2015).

Im PPZ-Freiburg werden erste Ansätze zur Lärmmessung und -reduktion am Universitätsklinikum Freiburg (Rapp 2019) aufgegriffen und fortgesetzt. Dabei geht es beispielsweise um eine zuverlässige Erfassung von Lärmquellen, ein technisches Monitoring des Lärmpegels und die (Weiter-)Entwicklung von Strategien zur Lärmreduktion. Infrastrukturelle und prozessorientierte Ansätze spielen dabei ebenso eine Rolle wie technische Möglichkeiten eines intelligenten Alarmmanagements.

2.2.4 Weitere Innovationsprojekte

Neben den genannten Hilfsmitteln werden im PPZ-Freiburg während der gesamten Projektlaufzeit auch weitere technische Innovationen im Setting Akutkrankenhaus erprobt. Die Hilfsmittel kommen über Mitarbeitende, über Messen, über gezielte Recherchen oder über die PPZ-Partner zur Vorstellung. Die nachfolgend aufgeführten Innovationen konnten bereits in der Praxis pilotiert werden:

• Das Active Mobilisation System (AMS)14 ist eine Schaumstoffmatratze, welche eine sanfte seitliche Wiegebewegung vollführt, um z. B. Dekubitus bei Patientinnen und Patienten vorzubeugen, welche nicht positioniert werden können. Im Rahmen einer Erprobung auf zwei Normalstationen zeigte sich, dass insbesondere Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen davon profitieren können. Dies vor allem deshalb, weil eigenständige oder durch Pflegende unterstützte Umpositionierungen, die mit starken Schmerzen verbunden sein können, nicht mehr so häufig durchgeführt werden mussten (Reichmann & Feuchtinger 2018).

• Beim Xsensor OR15 handelt es sich um ein Messsystem, welches den Auflagedruck von Patientinnen und Patienten z. B. während mehrstündiger Operationen erfassen kann. Die Ausgabe erfolgt sowohl graphisch zur Identifikation besonders druckbelasteter Körperstellen wie auch mit konkreten Messwerten. Dieses einfach zu handhabende Hilfsmittel liefert damit objektive Daten zur Druckentlastung von Schaumstoffen etc. und ist insbesondere in der Auswahl von neuen Hilfsmitteln zur Druckentlastung von Bedeutung. Darüber hinaus verfügt der Xsensor OR über ein hohes Potenzial im Bereich der Aus- Fort- und Weiterbildung, da z. B. die »Folgen« bestimmter Positionierungen direkt sichtbar gemacht werden können.

• Die App »Go talk Pflege«16 gibt kommunikationseingeschränkten Patientinnen und Patienten die Möglichkeit zur Kommunikation mit den Mitgliedern im therapeutischen Team. Eine erste Testung auf Intensivstationen zeigte das Potenzial zur Unterstützung in der Kommunikation deutlich auf. Dies soll im Rahmen weiterer Untersuchungen vertieft werden.

2.3 Übergreifende Aspekte für die Einbettung von Technik in die klinische Pflege – Lessons Learned

Die nachhaltige Implementierung neuer Techniken in die klinische Pflege ist vielfachen Herausforderungen unterworfen. Im PPZ-Freiburg wird dem Innovationsmanagement eine besondere Bedeutung gegeben. Die Evaluation der Einflüsse auf die Akzeptanz, den Verzicht, die Ausbreitung, den Ausbau und die Nachhaltigkeit von Technologien in der klinischen Pflege ist eine wesentliche Aufgabe in der Auswahl und Testung neuer technischer Hilfsmittel.

Das NASSS-Framework17 (Greenhalgh et al. 2017) bietet mit seinen sieben Domänen einen adäquaten, in einem breiten methodischen Ansatz empirisch erprobten (Greenhalgh et al. 2018), theoretischen Rahmen, um Beobachtungen und Erfahrungen in diesem Bereich festzuhalten, zu ordnen und zu bewerten ( Abb. II.2.5).


Abb. II.2.5: NASSS-Framework, deutsche Version. Quelle: Kunze (2020, S. 2).

Eine zentrale Aussage liegt darin, dass (unterschätzte) Komplexität auf unterschiedlichen Ebenen als eine wesentliche Ursache betrachtet werden kann, wenn assistive Hilfsmittel nicht genutzt werden (Greenhalgh & Abimbola 2019).

Im PPZ-Freiburg können bereits erste Lessons Learned auf der Basis des NASSS-Frameworks festgehalten werden, wovon einige exemplarische Überlegungen im Folgenden kurz dargestellt werden. Diese sind an dieser Stelle jedoch keineswegs als vollständig oder abgeschlossen zu betrachten, da zu einigen Domänen, wie etwa der Makro-Ebene oder der langfristigen Einbettung und Anpassung noch nicht genügend Erfahrungen gesammelt werden konnten.

2.3.1 Entwicklung von Entscheidungskriterien für den Technikeinsatz

Die Zunahme an neuen Technologien in der Versorgungspraxis erfordert spezifische Kompetenzen in der Institution, wenn es um die Auswahl von Produkten geht. Mögliche Fragestellungen, die dabei zu berücksichtigen sind, können sein:

• Gibt es Zuständigkeiten für die Auswahl und Entscheidung zu technischen Hilfsmitteln?

• Ist der Prozess der Testung von möglichen Produkten festgelegt?

• Ist der Implementierungsprozess beschrieben?

• Wie ist die Ressourcenzuteilung gestaltet?

Diese Fragen und andere mehr sind in der Einrichtung zu klären.

Auf der Ebene der Gesundheitssituation geht es um die Entscheidung des Einsatzes eines Hilfsmittels bei der individuellen Patientin/beim individuellen Patienten. Der Einsatz einer Technik ist von der individuell spezifischen Situation abhängig. Dabei ist als ein Charakteristikum der Akutversorgung zu berücksichtigen, dass sich diese Situation in rascher Folge verändern kann. Hat eine Person bei der Aufnahme ins Krankenhaus beispielsweise noch kein Risiko, einen Dekubitus zu entwickeln, kann sich das aufgrund einer Operation oder einer Verschlechterung der Situation ändern. Daher sind Algorithmen notwendig, welche die Pflegenden in ihrer Entscheidungsfindung in der jeweiligen Situation unterstützen – beispielsweise, wenn es um den Einsatz einer Bettsensorik zur Erfassung von Bewegungsdaten, wie dem Mobility Monitor geht.

2.3.2 Eignung von Technik für das Akutkrankenhaus

Die Technik selbst muss hinsichtlich des Materials, den technischen Anforderungen zum Einsatz, dem notwendigen Wissen der Mitarbeitenden und der zu generierenden Daten geprüft werden. Herausforderungen sind z. B. ein ausreichendes WLAN, die Möglichkeit der Datennutzung in der elektronischen Patientenakte und die Datenarchivierung. Auch einfache technische Anforderungen, wie die Passung zur Rufanlage, sind Hemmschwellen, die den Einsatz einer neuen Technik erschweren und verteuern. Im schnelllebigen Alltag des Krankenhauses mit viel Bewegung rund um das Bett sind z. B. Hilfsmittel mit vielen Kabeln und Steckverbindungen oder zusätzlichem Platzbedarf problematisch. Mitarbeitende reagieren schnell mit Ablehnung eines Produktes, wenn es sich im Einsatz als aufwendig und fehleranfällig zeigt.

2.3.3 Qualifikation und Akzeptanz von Mitarbeitenden

Vorhandene oder zu erwerbende Kompetenzen für den Einsatz innovativer Technologien werden primär ebenfalls der Domäne der Technik zugerechnet. Hier zeigt sich allerdings auch eine große Schnittmenge mit Aspekten der Domäne der Anwenderinnen/Anwender. So hängt etwa die Bereitschaft Pflegender zum Einsatz innovativer Technologien und damit verbundener Qualifikationsmaßnahmen gewiss vom jeweiligen Rollenverständnis ab. Umgekehrt kann daraus auch ein adaptiertes Rollenverständnis resultieren.

Konkret bieten der Deutsche Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen (Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen 2011) und Empfehlungen einschlägiger Fachgesellschaften der Pflegeinformatik (Hübner et al. 2017) einen theoretischen Hintergrund für die Konkretisierung der Anforderungen.

Wesentliche Voraussetzungen für die curriculare Einbindung in pädagogischen Settings sind Kenntnisse

• zur Technik, zu den Kontra-/Indikationen, zur Handhabung und zu den Risiken;

• zu den patientenbezogenen Assessmentinformationen, welche für die Entscheidung über den Einsatz der Technik die notwendigen Informationen liefern sowie

• zur Nutzung erhobener Daten und Informationen durch das Hilfsmittel und zur Ableitung geeigneter Interventionen für die Patientin/den Patienten.

Den Anforderungen an Curricula und an Lehrpläne in der Aus-, Fort- und Weiterbildung und im Bachelor- und Masterstudiengang Pflegewissenschaft ist im Zusammenhang mit dem Technikeinsatz in der Pflege im PPZ-Freiburg ein eigenes Arbeitspaket gewidmet. Erste Erkenntnisse werden bereits in die Lehre eingebracht. Neben der Praxistauglichkeit technischer Hilfsmittel in der Akutversorgung ist die Kenntnis der Mitarbeitenden zum richtigen Einsatz in der richtigen Situation bei der Patientin/beim Patienten eine Grundvoraussetzung für die Akzeptanz. Technologien werden potenziell dann abgelehnt, wenn das Wissen und die Fähigkeit zum Umgang mit dem Hilfsmittel nicht ausreichend sind.

2.3.4 Pflegetechnik und interprofessionelle Zusammenarbeit

In der Akutversorgung ist die Zusammenarbeit vieler Professionen Alltag – was ebenfalls den Domänen der Technik sowie der Anwenderinnen/Anwender zuzuordnen ist. Eine neue Technologie in Diagnostik, Therapie und in der Versorgung von Patientinnen und Patienten betrifft fast ausnahmslos alle beteiligten Berufsgruppen. Die Vertreterinnen und Vertreter der Berufsgruppen müssen für ihre jeweilige Tätigkeit bei der Patientin/beim Patienten hinsichtlich der Bedeutung für den Einsatz des Hilfsmittels eingewiesen sein. Eine Ärztin/ein Arzt oder eine Physiotherapeutin/ein Physiotherapeut müssen z. B. wissen, dass sie beim Einsatz eines Bettausstiegsinformationssystems im Rahmen der unterstützten Mobilisation einer Patientin/eines Patienten vor das Bett, einen Klingelruf auslösen. Sie müssen wissen, wie sie das vermeiden können und wie sie das Hilfsmittel zur Bettausstiegsinformation wieder aktivieren, nachdem die Patientin/der Patient wieder im Bett liegt. Ein technisches Hilfsmittel in der Pflege kann auch wertvolle Informationen für die medizinische Therapie liefern. Als weiteres Beispiel liefern die Daten des Mobility Monitors das Bewegungsmuster von Patientinnen/Patienten und zeigen deren Anspannung, die Zahl der Mikrobewegungen und der Bettausstiege auf. Daraus sind potenziell Rückschlüsse zu Schmerzen oder einem Delir möglich, welche im Rahmen diagnostischer und/oder therapeutischer Intervention genutzt werden können.

2.4 (Zwischen-)Fazit und Ausblick

Abschließend ist festzuhalten, dass sich nach etwa einem Drittel der Laufzeit der Förderung des PPZ-Freiburg bereits deutlich abzeichnet, dass es lohnend ist, den Einsatz neuer Technologien in der Pflege unter besonderer Fokussierung der Akutversorgung zu betrachten. So ergeben sich z. B. aus der Organisation, den Aufgabenstellungen und den charakteristischen Abläufen besondere Anforderungen an technische Hilfsmittel, die sich von solchen in anderen Pflegesettings unterscheiden können. Beispielsweise dürfte es in einer stationären Langzeitpflegeeinrichtung eine eher untergeordnete Rolle spielen, ob ein Mobility Monitor über einen Akku verfügt oder drahtlos mit dem Bedienteil verbunden ist, da die Betten dort eher selten und auch nicht über größere Strecken bewegt werden. In der Akutversorgung kennzeichnet dies allerdings den Versorgungsalltag, weshalb solche »Features« von großer Bedeutung sein können. Ebenso können Zimmer oder Wohneinheiten in der häuslichen Pflege langfristig auch technisch entlang der Bedürfnisse der dort lebenden pflegebedürftigen Personen angepasst werden. Bei der Heterogenität der Patientinnen und Patienten ist dies in der Akutpflege nur sehr begrenzt möglich. So finden sich beispielsweise Personen mit sehr unterschiedlichen Formen bzw. Ausprägungen von Demenz/kognitiven Beeinträchtigungen in nahezu allen klinischen Bereichen, die allerdings kaum flächendeckend auf alle potenziellen Anforderungen adaptiert werden können. So sind Lösungen und Algorithmen notwendig, im Bedarfsfall rasch und adäquat reagieren zu können – beispielsweise mit mobilen und universell einsetzbaren Hilfsmitteln.

Auf dieser Basis ist zu erwarten, dass im PPZ-Freiburg auch weiterhin Erkenntnisse zum Einsatz technischer Hilfsmittel gewonnen werden, die wertvolle Impulse für die Nutzung und (Weiter-)Entwicklung solcher Systeme geben können. Darüber hinaus werden Erkenntnisse zur Organisation, zu ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen wie auch pädagogischen Implikationen erwartet, die sowohl in der konkreten Versorgung als auch in der Forschung von Nutzen sein dürften.

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3 Genau genommen sind Pflege und Technik zumindest seit der Etablierung der beruflichen Pflege »untrennbar verbunden« (Schultz 1980, S. 211; zit. n. Sandelowski 1999, S. 198), unser Fokus wird hier jedoch auf die aktuelle Diskussion, die z. B. unter dem Schlagwort Pflege 4.0 geführt wird, gelegt (vgl. für einen Überblick z. B. Fehling 2019).

4 Inwiefern durch technologische Systeme tatsächlich die Selbständigkeit (auch im Sinne von Selbstbestimmung) erhalten und/oder verbessert werden kann – oder ob es (viel)mehr um eine Erhöhung der Sicherheit bzw. des Sicherheitsempfindens für ältere Menschen und (insbesondere) von Angehörigen geht, ist eine zentrale Frage, die an dieser Stelle allerdings nicht weiter verfolgt werden kann (für eine exemplarische Auseinandersetzung mit Sicherheitstechniken und der Pflege von Personen mit Demenz vgl. Hergesell 2017).

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