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Über den Autor

Dr. Michael Neumann,

geb. 1951 in München, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er hat Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität Münster studiert und zahlreiche Artikel, Bücher, Rezensionen und Aufsätze zu literaturwissenschaftlichen Themen veröffentlicht.

Zum Buch
MYTHEN EUROPAS: DIE SCHLÜSSELFIGUREN DES MITTELALTERS

Viele historische Persönlichkeiten sind von den Legenden und Anekdoten, die über ihr Leben erzählt werden, nicht mehr zu trennen. Schon immer haben Menschen in der Geschichte nach Vorbildern und Feindbildern, nach Avataren bestimmter, allgemeinmenschlicher Eigenschaften gesucht. Der vorliegende Band beschreibt diese Suche für das Mittelalter, versucht die Mythen und Legenden, die sich um die Großen der Geschichte ranken nachzuzeichnen und zu entschlüsseln, was diese Geschichten, die wir uns erzählen, über uns und die Zeit in der wir leben preisgeben.

Menschen, die Geschichte schrieben

Michael Neumann (Hrsg.)

Menschen, die
Geschichte schrieben

Das Mittelalter


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

Genehmigte Lizenzausgabe

für marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013

© by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2004

Lektorat: Hendrik Fiebig, Gera

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag

nach der Gestaltung von Thomas Jarzina, Köln

Bildnachweis: The Boy’s King Arthur: Sir Thomas Malory’s History

of King Arthur and His Knights of the Round Table,

by Sidney Lanier (1922).

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0382-3

www.marixverlag.de

INHALT

Einleitung

von Inge Milfull

Karl der Große

Geschichte und Mythos

von Johannes Fried

Der Apostel Jakobus

Vom spanischen zum europäischen Mythos

von Klaus Herbers

Theoderich

Die Verwandlung der historischen Person in die literarische Figur Dietrich von Bern

von Carola L. Gottzmann

Der Heilige Martin von Tours

von Benedikt Konrad Vollmann

König Artus

Geschichte, Mythos, Fiktion

von Walter Haug

Gottfried von Bouillon

Führer des Ersten Kreuzzugs und König von Jerusalem

von Friedrich Wolfzettel

Troubadour und Minnedame

von Ingrid Kasten

Franziskus von Assisi

Zwischen Inszenierung und Imagination

von Helmut Feld

Die Greifenfahrt Alexanders des Großen

von Thomas Noll

Christus als Schmerzensmann

von Peter Dinzelbacher

Maria, Notre Dame

Mythos und Verehrung in Texten des 9. bis 13. Jahrhunderts

von Roswitha Wisniewski

Autorinnen und Autoren

Abbildungsverzeichnis

Editorische Notiz

Die mittlerweile rund 80 Bände umfassende Buchreihe marixwissen, in der nun Menschen, die Geschichte schrieben – Das Mittelalter vorliegt, steht seit vielen Jahren für Publikationen, die aus kompetenter Hand komplexe Zusammenhänge einer breiten Leserschaft zugänglich macht. Aus diesem besonderen Grund legen wir nun eine siebenbändige Reihe wieder auf, die vormals im Pustet Verlag erschienen ist und seinerzeit leider nur einem kleinen Publikum zugänglich war. Die diesen Bänden zugrundeliegende Ringvorlesung Die Mythen Europas fasziniert durch ihre thematische Breite und löst darüber hinaus das Ziel unserer marixwissen-Reihe ein, humanistische Bildung und das Wissen Europas lebendig zu halten. Die zentralen Begriffe "Mythen", "Europa" und "Schlüsselfiguren" sind heute von einer ebenso großen, wenn nicht noch größeren Bedeutung getragen. Wir legen Ihnen die Bände in ihrer Textgestalt unverändert vor, lediglich die Titel wurden der Reihe marixwissen angepasst.

EINLEITUNG

Zu allen Zeiten haben die Menschen ihre Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Konflikte auf Figuren projiziert und in Geschichten verarbeitet. Ein erster Band hat solche „Schlüsselfiguren der Imagination“ aus der Antike vorgestellt. Der vorliegende Band setzt den Gang durch die europäische Geschichte, der in sieben Schritten bis zum 20. Jahrhundert führen wird, mit dem Mittelalter fort. Der Haupttitel „Mythen Europas“ könnte freilich gerade bei dieser Epoche zu Missverständnissen führen. Es sei daher ausdrücklich hervorgehoben, dass die Reihe „Mythos“ ausschließlich als ein Rezeptionsbegriff verwendet wird: Ganz unabhängig von ihrer historischen Faktizität oder Fiktionalität werden die verschiedenen Figuren nach ihrer Wirkungskraft auf die kollektive Imagination befragt.

Diese „mythische“ Wirkung ist offensichtlich in bestimmten Eigenschaften einer Gestalt begründet. Dennoch zeichnet sich immer wieder deutlich ab, dass ihre Rezeption gemäß dem jeweiligen Bedürfnis der Zeit völlig neue Akzente setzen kann. Historische Figuren etwa können Transformationen durchlaufen, die ihnen selbst unvorstellbar gewesen wären oder ihren Intentionen völlig zuwiderlaufen. Die Absichten des heiligen Franziskus beispielsweise sind relativ gut dokumentiert; im religiösen und politischen Klima späterer Zeiten mussten sie von den Franziskanern aber teilweise überspielt werden, um den Orden unter den geänderten Umständen überlebensfähig zu halten, ohne die Kontinuität mit dem Ordensgründer aufzugeben.

Der Wandel, dem manch andere Gestalt mit der Zeit unterworfen wurde, mag noch radikaler gewesen sein, nur dass wir oft wenig über die ursprüngliche historische Person wissen. Ein wesentlicher Bestandteil des mythischen Status scheint auch zu sein, dass die Schlüsselfigur für verschiedene gesellschaftliche Gruppen Verschiedenes bedeutet. Artus ist jeweils ein anderer für die Waliser, für England und für den Rest von Europa. Auf Martin, so Konrad Vollmann, beriefen sich einerseits die Menschen von Tours und Poitiers, andererseits die merowingischen Herrscher; seine Gestalt bleibt aber auch für nachfolgende Generationen bedeutungsträchtig, polyvalent und adaptierbar.

Betrachten wir die Gestalten, die wir aus dem Früh- und Hochmittelalter ausgewählt haben, nach ihrer Herkunft, so ergibt sich folgendes Bild: Ein antiker Herrscher, Alexander, dessen Bild sich im Mittelalter gegenüber demjenigen, das er selbst von sich zu entwerfen suchte, stark verändert hat – drei Gestalten des Neuen Testaments, Christus selbst sowie zwei Personen seiner unmittelbaren Umgebung, Jakobus und Maria, die neu ausgedeutet wurden – zwei Herrscher der Völkerwanderungszeit, Artus und Theoderich – ein heiliger Bischof aus derselben Zeit, Martin – Karl der Große als zentrale Herrscherfigur des Frühmittelalters – dann aus dem beginnenden Hochmittelalter Gottfried von Bouillon, Held des Ersten Kreuzzugs – und schließlich der heilige Franziskus, Gründer des Franziskanerordens. Dazu tritt die abstrakte Figur der Minnedame, die zunächst in der Lyrik ihren Platz hat.

Bei Gestalten aus dem Früh- und Hochmittelalter ist es unumgänglich, sich die Überlieferungsbedingungen klarzumachen. Die früh- und hochmittelalterliche Gesellschaft war, nach einer weitverbreiteten Auffassung, dreigeteilt: in Kämpfer, Beter und Nahrungsproduzierende, das heißt: Adel, Kirche und Bauern. Während der Epoche, von der hier die Rede ist, lag das Monopol der schriftlichen Überlieferung noch weitgehend in den Händen nur einer dieser drei Gruppen, der Kirche. Diese war natürlich in sich selbst nicht monolithisch. Zudem war ihre Hierarchie zum großen Teil mit Adeligen besetzt und ihr pastoraler Auftrag verpflichtete sie der bäuerlichen Bevölkerung. Dennoch bleibt es eine Tatsache, dass wir von volkstümlicher Überlieferung zu unseren Schlüsselfiguren aus dieser Zeit nur Mittelbares erfahren können. Der Adel selbst ergreift erst im Hochmittelalter in der Troubadourlyrik und in Versromanen das Wort.

Diese Problematik betrifft vor allem die frühe Überlieferung zweier unserer Figuren, Theoderich/Dietrich und Artus. Im Falle Theoderichs sind zwar die Fakten seiner Vita gut bezeugt und ebenso sein weitgehend negatives Bild in der kirchlichen Tradition. Der andere, mindestens ebenso wesentliche Strang der Überlieferung jedoch, sein Nachleben im Munde der germanischen Völker, ist zunächst nicht recht greifbar und lässt sich nur aus gelegentlichen Bemerkungen erschließen. Es ist aber sehr zu vermuten, dass seine Bewertung von der kirchlichen Tradition abwich und ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchte. Typisch für diese rein mündliche Form der Überlieferung ist die Reduzierung der Zeittiefe: So wird ein sehr viel früherer Herrscher aus demselben Geschlecht, Ermanarich, zu Theoderichs Onkel. Auch dass die Ostgoten nach ihren anfänglich großen Erfolgen unter Theoderich sich in Italien letztlich nicht halten konnten, dürfte das Bild von Theoderich beeinflusst haben; vielleicht hat das zu der Sage von Dietrich als Exilant geführt. Ferner scheinen in die Heldensagen schon früh übernatürliche und außermenschliche Elemente eingedrungen zu sein; Dietrichs Kämpfe gegen Riesen und Zwerge wären dann nicht erst eine Erfindung späterer Märchenepen. Jedenfalls war Dietrich zu dem Zeitpunkt, als ihn der Dichter des Nibelungenliedes in seinen Text einführte, für das Publikum bereits eine sehr bekannte Figur. Ihre Dimensionen können wir jedoch nicht ausloten, weil ihre Verschriftlichung bereits mit einer Verschiebung der Anliegen einherging, die mit der Gestalt verbunden wurden. Das Nibelungenlied selbst war ein ambitioniertes Unternehmen: die Einkleidung eines älteren Sagenkomplexes in eine neue höfische Form, ein literarisches Experiment mit moralischen Konsequenzen. Das musste unweigerlich zu einer gewissen Brüchigkeit und Ambiguität der Bewertung führen. So geriet auch Dietrich ins Schillern und wurde einer möglicherweise negativen Sicht ausgesetzt. Der literarische Erfolg dieses Experiments legte den zuvor sicher beweglichen Stoff in mancher Hinsicht fest. So wurde die dort geschilderte Episode im Leben Dietrichs für spätere Dichtungen kanonisch. Carola Gottzmann zeigt, wie unterschiedlich gleichwohl in der Folge das Bild Dietrichs in den Heldenepen und den Märchenepen ausfiel.

Vergleichbares lässt sich über die frühe Überlieferung zu Artus sagen, nur dass hier zeitgenössische Quellen völlig fehlen und auch die chronikalische Tradition eine längere Stufe rein mündlicher Überlieferung durchlaufen hat. Obwohl Artus nicht auf der Seite der germanischen Eindringlinge, sondern offenbar gegen sie stand – allerdings ist auch dies schon angezweifelt worden –, scheint die mündliche Überlieferung der Waliser und Bretonen über ihn ähnlichen Gesetzmäßigkeiten gefolgt zu sein: Man integrierte Sagengestalten in seinen Umkreis, die ursprünglich nichts mit ihm zu tun hatten, und führte übernatürliche Elemente ein. Wiederum verschoben sich mit den Verschriftlichungen auch die Absichten; das frühere Artusbild wurde verwischt und überlagert. Hier wurden jedoch zwei Verschriftlichungen kanonisch: die historisierende des Geoffrey of Monmouth und die epische des Chrestien von Troyes, die neben Geoffrey wohl auch auf bretonische Sagen zurückgriff und das märchenhafte Element stärker integrierte.

Auch die Überlieferung zu Karl dem Großen hat eine ähnliche Phase durchlaufen, die sich in den Chansons de geste widerspiegelt, auch wenn sie kürzer ausfiel und in einem Kulturraum stattfand, wo Schriftlichkeit in stärkerem Maße präsent war.

Demgegenüber ist für das Leben der mittelalterlichen Heiligen ein weit früheres Einsetzen der Schriftlichkeit und eine kontinuierliche schriftliche Tradierung charakteristisch, die gleichwohl ihren eigenen Transformationen unterworfen ist und sich oft gegenüber mündlicher Überlieferung als durchlässig erwies. Für die Erhebung zum Heiligen war es nämlich bereits im Frühmittelalter nötig, dass das Zeugnis einer Vita des Betreffenden vorlag. Schon von daher haben wir eine schriftliche Überlieferung aus der unmittelbaren Umgebung des heiligen Martin und des heiligen Franziskus von Assisi, deren Etablierung als Heilige offensichtlich schon zu ihren Lebzeiten abzusehen war.

Das Hochmittelalter bringt zwei grundlegende literarische Innovationen mit sich, die Troubadour- oder Minne-Lyrik und den höfischen Roman. In ihnen drückte sich ein neues Lebensgefühl des Adels in einem neuen Medium aus. Zwei unserer Gestalten sind eng mit diesen Innovationen verbunden. Der höfische Roman begann zwar mit einer neuen Verarbeitung antiker Stoffe, einschließlich der Abenteuer Alexanders des Großen, aber in seiner voll erblühten Form ist er unweigerlich mit dem Artusstoff verbunden. Das zentrale Moment der Troubadour-Lyrik dagegen, so Ingrid Kasten, ist der neue Frauenkult, die Verehrung der Minnedame. Da sie eine sich neu entwickelnde lyrische Konvention darstellt, fehlt dieser Gestalt zunächst ein narratives Moment. Auch ist sie vor allem von ihrer Wirkung auf das lyrische Ich her definiert und daher zwar in vieler Hinsicht festgelegt, aber auswechselbar. Die neu konzipierte Paarkonstellation der Troubadourlyrik greift jedoch bald über den lyrischen Rahmen hinaus und wird auch in narrativen Texten durchgespielt. Eine der einflussreichsten Darstellungen ist die Beziehung von Lancelot und Ginevra, mit der dieses Thema in den Artusstoff Eingang findet, wie Walter Haug vorführt. Artusroman wie Minnelyrik zeigen eine Lust am Experiment: In der kontrollierten Umgebung der fiktionalen Artus-Welt werden die Konsequenzen von Neubewertungen modellhaft durchgespielt; und die Aufführungssituation der Troubadour-Lyrik kommt einem Gesellschaftsspiel nahe. Beide verkörpern diesseitige, weltliche Utopien, die erstmals wieder deutlich neben die christlichen, jenseitigen treten. Artus und Lancelot sind Träger dieser Utopien.

Es ist sicher kein Zufall, dass diese Neuerungen zeitlich in etwa mit neuen Entwicklungen auf religiösem Gebiet zusammenfallen, die sich in den Beiträgen zu Christus, Maria und Franziskus abzeichnen. Der Übergang vom Frühmittelalter zum Hochmittelalter ist gekennzeichnet durch ein Freiwerden von Räumen. Im Frühmittelalter stand die Sicherung des Überlebens der Gemeinschaft und die Legitimierung der dazu nötigen Herrschaft im Vordergrund. Dies bestimmte die Erwartungen, die an Helden wie Dietrich, Artus und Karl sowie an Heilige wie Martin und Jakobus, ja selbst an Christus und Maria gerichtet wurden. Im Hochmittelalter weitet sich der Horizont. Der Blick richtet sich einerseits mehr nach innen, auf das Individuum, andererseits geht er weiter nach außen: über Sippe, Stadt, Bistum, über Mittel- und Westeuropa hinaus – ohne dass Fragen der Herrschafts- und Gemeinschaftssicherung ihre Brisanz dadurch verloren hätten. Zweifellos stand der ökonomische Aufschwung des 11. Jahrhunderts im Hintergrund und lieferte die Basis für diese Neugewichtungen. Peter Dinzelbacher arbeitet etwa heraus, wie ein Rückgang der Kindersterblichkeit intensivere Beziehungen zwischen Eltern und Kindern erlaubt hat. Gleichzeitig lässt der Wandel von Herrschaftsstrukturen, der mit dem Stichwort Feudalisierung verbunden ist, um diese Zeit als Kehrseite der Freiheit eine gewisse Unsicherheit aufkommen. Rollen müssen neu definiert werden. So erhebt sich ein Bedürfnis nach neuen Leitfiguren; alte Leitfiguren geraten in neue Perspektiven.

Die Paarbeziehung wurde immer mehr als eine persönliche Beziehung gesehen; dies gilt auch für die zeitgenössische Neubewertung der Ehe durch die Kirche. Gleichzeitig wurde der Wunsch nach einer persönlicheren Beziehung zu Christus und Maria immer intensiver. So lässt sich die erotische Aufladung mystischer Erlebnisse, besonders in der Frauenmystik, auf den Einfluss der Minnethematik zurückführen und umgekehrt die religiöse, manchmal fast blasphemisch anmutende Metaphorik der Liebestheorie auf franziskanische und andere mystische Strömungen. Obwohl diese Entwicklungen neuzeitliche Konzeptionen von romantischer Liebe und religiösem Erleben nachhaltig beeinflusst haben, wirken extremere Manifestationen auf uns heute geradezu grotesk: lebensbedrohlicher Liebeswahnsinn bei Lancelot, hysterischer Nachvollzug der Passion durch weibliche Anbeterinnen.

Dass diese neue Radikalität in Gefühl und Verhalten auch damals soziale Sprengkraft besitzen konnte, wird verschiedentlich deutlich: Das Artusreich übersteht weder seine Kollision mit dem absoluten Anspruch der Liebe von Lancelot und Ginevra noch seine Konfrontation mit dem religiösen Anspruch der Gralsqueste. Der Erfolg des heiligen Franziskus als Leitfigur unter zahlreichen anderen Heiligen und Häretikern, die sich um die Reform der Kirche bemühten, rührt, wie Helmut Feld zeigt, auch aus einem Widerspruch in dieser Figur: Die Radikalität seiner Ideen und seiner Selbstinszenierung führt Franziskus bis an den Rand der gesellschaftlichen Tragbarkeit; aber ein konservativer Impuls lässt ihn dann gerade noch innerhalb der Grenzen bleiben oder auch sich wieder hinter sie zurückziehen. Der überaus hohe emotionale Anspruch, den das neue Konzept der persönlichen geistigen und auch körperlichen Christus-Nachfolge stellt, erklärt zum Teil, wie Roswitha Wisniewski zeigt, auch die neue Rolle der Maria: eine Vorbildfigur, deren persönliche Beziehung zu Christus alle zur Nachahmung aufruft, die aber besonders den Frauen, die im Hochmittelalter in wachsender Zahl eine religiöse Lebensführung anstreben, zur Orientierung dient.

Wie bereits oben bemerkt, richtet sich der Blick im Hochmittelalter nicht nur verstärkt nach innen, sondern auch weiter nach außen. Wie schon in der Antike und wieder in der Neuzeit erschien im Mittelalter Alexander als ein Beispiel für den raschen Aufstieg zu größter Macht wie für den jähen Sturz aus höchsten Höhen. Das konnte als Exempel für das Wirken der Fortuna und ihres Schicksalsrades, aber auch als Warnung vor Hochmut aufgefasst werden. Dem Mittelalter erschien Alexander jedoch vor allem als ein Erkunder der unbekannten Ferne. Schon in der Spätantike hatte man die Erfahrungen Alexanders auf dem Zug nach Indien in fantastischen Farben ausgemalt. In dem Maße, in dem sich der Horizont durch den Zerfall des Römischen Reiches und die Ausbreitung des Islam verengte, wurde auch der Nahe Osten fremd und exotisch. Im frühen Hochmittelalter wandte sich die Aufmerksamkeit des westlichen Europa diesen Gegenden wieder verstärkt zu – der Beginn der Kreuzzüge sorgte dafür. Damit könnte zusammenhängen, dass, wie Thomas Noll vorführt, das Motiv der Greifenfahrt Alexanders um diese Zeit besonders beliebt wurde. Dieses Abenteuer hatte ja nicht nur im Fernen Osten stattgefunden, wo man das Paradies vermutete, es drohte sogar die Grenze zum Himmel zu durchbrechen. Wo dieses Motiv eindeutig ausgelegt wird, deutet es auf den frevelhaften Hochmut Alexanders. Offensichtlich faszinierte es aber über diese schlichte allegorische Auslegung hinaus und verkörperte etwas von den Ängsten, die das Überschreiten der Grenzen zum Unbekannten hin auslöste. Das muss nicht nur auf geografische Grenzen hin verstanden werden. Denn in diese Zeit fallen auch die ersten Zeichen einer Neubelebung der Wissenschaften, auch des Quadriviums, also der mathematischen Wissenschaften und mit ihnen der Naturwissenschaft, fällt eine wachsende Bereitschaft, auch geistig Neuland zu betreten. Natürlich verkörpert die Greifenfahrt auch, wie der Ikarus-Mythos, den Traum des Menschen vom Fliegen, aber auf eine eigentümlich pragmatische Weise: Alexander fliegt nicht selbst, sondern konstruiert einen von Ungeheuern getriebenen Flugapparat.

Der geöffnete Blick nach außen führt oft gleichzeitig zur Abgrenzung, besonders dem Islam gegenüber, trotz Perioden regen kulturellen Austausches in Spanien, Unteritalien und auch Palästina. Die Kreuzzugsthematik bestimmt natürlich vor allem das Bild Gottfrieds von Bouillon, des Helden des Ersten Kreuzzugs, dessen Wirkungsgeschichte Friedrich Wolfzettel nachzeichnet. Aber sie spielt auch in der Geschichte des Jakobskultes eine wesentliche Rolle, insofern der heilige Jakobus als Vorkämpfer gegen die Sarazenen Spaniens in Anspruch genommen wurde und dabei besonders innerspanisch zu einer einigenden Figur wurde. Diese Tradition strahlte ferner in die Karlsrezeption aus, in der Karl einerseits als Führer des christlichen Europa, andererseits als Herrscher Frankreichs erscheint, und das Gegenbild der Sarazenen zur schärferen Profilierung dieser doppelten Führerrolle dient. Die Auseinandersetzung mit anderen Religionen, die das Alte Testament, aber nicht das Neue anerkannten, hat auch im Marienkult ihre Spuren hinterlassen: Die theologische Diskussion um die Geburt Christi, als ein entscheidender doktrinärer Unterschied zu Islam und Judentum, verfestigt sich zu einem Schatz an geläufigen Metaphern und allegorischen Auslegungen aus dem Alten Testament, die in der religiösen Dichtung streckenweise aneinandergereiht werden. Ebenso führt die stärkere Mobilität, die mit der Häufung von Pilgerreisen verbunden ist, mitunter, wie Klaus Herbers bemerkt, auch zur Stärkung von Vorurteilen zwischen den Völkern Europas, obwohl sich das Symbol Jakobs, die Jakobsmuschel, bis zum späteren Mittelalter in ganz Europa verbreitet.

Abschließend möchte ich betonen, dass jede der hier behandelten Figuren – auch wenn die Darstellung in diesem Rahmen gelegentlich auf Zeugnisse nur eines Sprachraums beschränkt werden musste – sich über die Sprachgrenzen hinaus in einem europäischen Diskurs bewegt. Dieser ist unterfüttert durch die gemeinsame Orientierung auf die christliche Kirche und die Erinnerung an das römische Imperium, sowie vermittelt durch die Lingua franca des Lateins. Dazu tritt im Hochmittelalter das sich schnell verbreitende Konzept des höfischen Rittertums. Freilich trennte das gemeinsame Erbe schon damals so häufig wie es vereinte – das demonstriert Johannes Fried an der Erinnerung an Karl den Großen.

Sämtliche hier versammelten Beiträge wurden im Wintersemester 2003/04 an der Katholischen Universität Eichstätt als Vorträge gehalten. Die Konzeption wie die organisatorische Durchführung des Programms lag in den Händen von Karl Graf Ballestrem, Verena Dolle, Andreas Hartmann, Inge Milfull, Michael Neumann, Almut Schneider, Michael Schwarze, Christine Strebl, Gabor Varga und Frank Zschaler.

Inge Milfull

KARL DER GROSSE
Geschichte und Mythos von Johannes Fried

Mythen Europas: Schlüsselfiguren der Vorstellungskraft“ – dieses Buch gilt vorwiegend (Sagen-)Gestalten jenseits der Geschichtlichkeit, Heiligen, deren Leben zur Legende wurde, bevor es den Geschichtsschreibern in die Hände fiel, gilt der Gottesmutter gar und dem Gekreuzigten.

Und jetzt ein „profaner“ Mensch? Karl der Große? Vielleicht auch der heilige Karl, dessen Fest jeweils am 28. Januar in Frankfurt gefeiert wird? Was verbindet den Frankenkönig mit Heiligen und mit der Himmelskönigin? Heiligkeit kann es ja nicht sein.

Gewiss, Karl der Große war groß. Da er 1165 heilig gesprochen wurde, und man daher sein Grab kannte, besitzen wir heute noch Knochen von ihm. Karls rechtes Schienbein maß 43 cm, sein Oberschenkel 53 cm. Vom Scheitel bis zur Sohle brachte es der ganze Mann auf 182 cm, vielleicht auch ein wenig mehr. Er überragte damit um Haupteslänge die meisten seiner Mitmenschen.

Karl also war groß, groß an Leib und groß an Ruhm. Schon seine Zeitgenossen feierten ihn wie kaum einen anderen König; und die Nachwelt flocht ihm bis heute ihre Kränze. Wenigen ist Gleiches widerfahren – einem Alexander, einem Caesar oder einem Augustus. Zahlreiche Herrscher – beginnend mit Karls Enkeln über Ludwig XIV. und Napoleon bis hin in den verbrecherischen Größenwahn eines Adolf Hitler – erklärten ihn zu ihrem Vorbild, begehrten, ein „neuer Karl“ zu sein oder doch in legiti matorischer Absicht wie er der Vater eines von ihnen gestalteten Reiches, gar ganz Europas. Die deutsch-französische Aussöhnung nach 1945 geschah, ohne ans Mittelalter anzuknüpfen, im Zeichen Karls des Großen. Sein Name wurde zum Zeichen für Versöhnung, Friede und Eintracht, ähnlich wie es seinerzeit im wirklichen Leben war. Charles de Gaulle galt als „Karlist“. Selbst noch in die Niederungen der heutigen Spaßgesellschaft schleicht sich die Erinnerung an ihn: Den amerikanischen Rennläufer und Olympiasieger Carl Lewis nannten sie, als er noch startete, „Carl den Großen“, als ob jener Carolus Magnus nur hatte sprinten und springen können.

Die Slawen, die ursprünglich kein Königtum kannten, adaptierten seinen Namen für ihren Königstitel: So wie aus Caesar der „Kaiser“ wurde, wie Augustus zum Bestandteil des Kaiser- und Königstitels wurde, so eben Karl zu Krol. Jüdische Geschichtsschreiber des Mittelalters erkannten in diesem König den Förderer und Schirmherrn der Ihren. Zahlreiche Adelsfamilien beriefen sich auf Karl als ihren Vorfahren. Die Sage bemächtigte sich seiner. Über einhundert Beispiele sind allein aus Deutschland registriert – so viele wie von keinem zweiten Herrscher, um zunächst von den französischen Legenden und „Chansons de geste“, den französischsprachigen Karlsdichtungen des hohen Mittelalters, zu schweigen, wo er zum Stifter des Rittertums und zum gesegneten Kreuzritter avancierte.

„Von Karl dem Großen vernahmen wir manches Mährchenhafte“, so erinnerte sich Goethe, „aber das Historisch-Interessante für uns fing erst mit Rudolf von Habsburg an, der durch seine Mannheit so großen Verwirrungen ein Ende gemacht“.1 Sagen und Märchen hatten die Geschichte überwuchert. In der Tat, „gigantische Kräfte“ attestierte bereits der Marschall des Kaisers Otto IV., Gervasius vonTilbury, um 1200 seinem Karl;2 und bald kursierte auch die Geschichte vom „eisernen Karl“, welche die Brüder Grimm in ihre „Deutschen Sagen“ aufgenommen haben. Dieser „Karl war kühn, schön, gnädig, selig, demütig, stet, löblich und furchtlos“, ein wahrer Prachtkerl. Karls Wiederkehr am Ende der Zeiten wurde prophezeit; und selbst die magische Welt der Zauberer und Hexenmeister mochte auf ihn nicht verzichten. Himmelsbrief und Karlssegen gingen in Zauberbücher ein. Kaiser Karls Gebet schützte gegen Feuer und Wasser, Diebe und Räuber, Gespenster, böse Geister und gegen den Teufel selbst.

Wirklichkeit und Mythos flossen so im Karlsgedenken in eins und verschafften ihrem Heros eine posthume Wirkung, die jener zu Lebzeiten in keiner Weise nachstand. Wirklichkeit war auch sie, Wirklichkeit freilich auf einer anderen Ebene als der des verflossenen Lebens. Sie formte sich kontinuierlich aus und um und beherrschte durch Jahrhunderte die Vorstellungswelten, wirkte auf politische und soziale Ordnungsmuster, verlieh dem Handeln und den Zielsetzungen Gestalt und Richtung. Wie und warum war das möglich geworden? Was zeichnete diesen König und Kaiser und sein Nachleben aus? Was überhaupt wissen wir von ihm und seinen Taten? Nur vor dem Hintergrund seines realen Lebens wird sein heroisches Nachleben verständlich.

Karl der Große Skulptur von Hans Multscher, um 1427/30; Ulm, Rathaus

Dazu gehe ich in drei Schritten vor: Erstens gebe ich einen Überblick über Karls Leistungen; zweitens sind Beobachtungen zu Gedächtnis und Erinnern am Platze, da die Mythisierung, über die ich zu handeln habe, eine Erinnerungsfigur ist; drittens folgen Aspekte eben dieser Mythisierung auf drei Ebenen: auf derjenigen des Herrschers, derjenigen des Heiligen, sowie, wenn auch knapp, jener des Heros der Dichter und Literaten. Ich vergleiche dazu jeweils die Entwicklung im Westen und Osten des einstigen Karlsreiches zunächst im früheren, dann im hohen und späteren Mittelalter. Der Untersuchungszeitraum endet mit dem 15. Jahrhundert. Doch kann vieles nur angedeutet werden.

DIE TATEN

Karls Leistungen sind in der Tat eindrucksvoll. Geboren im Jahr 748, gestorben am 28. Januar 814, bestieg er in seinem einundzwanzigsten Lebensjahr den Thron, zog er – mit zwei Ausnahmen – Jahr für Jahr in den Krieg, eroberte er das Langobardenreich im Süden und Sachsen im Norden, besiegte er die Awaren in Pannonien, gewann er – nicht ohne Tücke – Bayern, Barcelona und die spanische Mark; Karl erneuerte das römische Kaisertum des Westens, schloss Verträge mit Byzanz und korrespondierte freundschaftlich mit Harun al Rashid, dem Kalifen von Tausendundeiner Nacht. Gelegentliche Misserfolge wie auf dem Feldzug nach Spanien im Jahr 778 können nicht über seine insgesamt erfolgreiche und dauerhafte, im Wesentlichen nach Osten und Süden gerichtete Expansionspolitik hinwegtäuschen. Karl war einer der großen Gewalttäter der Weltgeschichte. Seine Nähe war gefährlich. Seine Neffen verschwanden spurlos, als er ihrer habhaft wurde, gleich Tassilo und seiner gesamten Familie, die dieser Bayernherzog allzu vertrauensselig, schamlos getäuscht oder gewaltsam gezwungen aufforderte, am Königshof in Ingelheim zu erscheinen, wo sie festgenommen und abgeführt wurden. Der eigene Sohn, Pippin der Bucklige, landete in Klosterhaft. „Den Franken habe zum Freund, aber nicht zum Nachbarn“ warnten, wie Karls Biograf Einhard wusste,3 die Byzantiner vor diesem König.

Nicht minder wirksam als seine Kriege und Eroberungen nimmt sich Karls Bemühen um innere Reformen in seinem gewaltigen Reiche aus. Nur Umrisse können hier angedeutet werden. Doch auch sie helfen, die Heroisierung dieses Herrschers und ihre geschichtliche Wirkung recht zu deuten. Betroffen war alles: die Herrschafts- wie die Hofordnung, die Gerichtsbarkeit wie die Gesetzgebung, die Geistlichkeit wie Wissenschaft und Wirtschaft. Als Förderer und Schutzherr von Papsttum und Kirche ging Karl in die Geschichtsschreibung ein. Grundherrschaften, Markt- und Münzwesen wurden reformiert. Herren- oder Gewaltboten, sogenannte Missi dominici, sahen sich paarweise – ein Bischof, ein Graf – in feste Sprengel entsandt, um die regionalen Herrschaftsträger zu kontrollieren.

Gerne schreibt man Karl den einsichtsvollen Schutz der Freien durch die Rechtssprechung und zumal durch ihre Entlastung vom Militärdienst zu. Doch trifft das nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich vollendete Karl mit seinen Maßnahmen die Reorganisation des fränkischen Heeres, das nun die Bauernkrieger entpflichtete und nur noch aus Reiterkriegern bestand, während sich die Merowinger noch weithin auf Fußtruppen verlassen hatten. Damit war die für das Abendland charakteristische soziale Differenzierung in berittenen Kriegeradel und unadeliges Bauerntum eingeleitet, die dann im 12. Jahrhundert ihren Abschluss fand: eben zu jener Zeit – eine Ironie der Geschichte –, die Karl selbst auf den Gipfel des Mythos trug und ihn zum Erfinder des Rittertums erklärte. Gleichwohl, ein Hauch von Rechtssicherheit breitete sich aus, was dann nach Karls Tod ungerechte, Macht missbrauchende Richter umso unerträglicher machte. Wehmütig gedachte ein Paschasius Radbertus, einstiger Abt von Corbie, noch um 850 der gerechten Rechtsprechung seines Helden Wala, eines Vetters Karls des Großen, der in dessen Auftrag für den minderjährigen Kaiserenkel Bernhard Italien regiert und später im Dienst des Kaisers Lothar I. dort nach dem Rechten zu sehen hatte. Und der St. Galler Mönch Notker Balbulus häufte in seinen „Gesta Karoli Magni“ von 885 Exempel auf Exempel für Karls Gerechtigkeitsliebe. Der Heros bot das Gegenbild zur Wirklichkeit.

Es gab keinen Bereich des Lebens, der Herrschaft, der religiösen und geistigen Kultur, in dem Karl der Große nicht machtvoll und maßgebend eingegriffen, den er nicht reformiert und neu geordnet hätte. Die Hofbibliothek füllte sich mit Kostbarkeiten und seltenen Manuskripten. Architektur und Malerei blühten sichtbar auf. Eindrucksvolle Pfalzanlagen wie in Ingelheim, Nimwegen und zumal in Aachen, ehrgeizige Kirchenbauten kündeten davon. Der Schmuck der Wände durch Fresken und Mosaiken muss bedeutend gewesen sein, auch wenn nahezu alles untergegangen ist; doch selbst die spärlichen Reste lassen die einstige Farbenpracht ahnen. Die Aachener Marienkirche war, als Pfalzkapelle errichtet, der am höchsten aufragende Bau seit der Römerzeit im Abendland, ein Wunderwerk der Architektur; sie blieb stets eine weithin leuchtende Gedenkstätte ihres Stifters.

Die Mission im Innern wie nach außen schritt voran. Mindestkenntnisse der Gläubigen und Mindestanforderungen an sie sollten durchgesetzt werden: die Kenntnis der Abschwörformeln, des Glaubensbekenntnisses, des althochdeutschen „Vaterunsers“, der regelmäßige Kirchgang, Beichte und Kommunion. Die Rombindung der fränkischen Kirche wurde unzerstörbar gefestigt, die Kirchenordnung in einer noch heute gültigen Weise reformiert, das Kirchenrecht erneuert und weiterentwickelt, der Kampf gegen Irrglauben wie Adoptianismus und Bilderkult, mit denen sich zahlreiche Traktate auseinandersetzten, selbstbewusst vorangetrieben. Liturgie, Mönchtum und Theologie verdankten Karl dem Großen wesentliche Impulse, von den Bemühungen um die Bibelrevision, nämlich um die Zusammenführung der separat kursierenden biblischen und neutestamentlichen Schriften zu einem einzigen Buch, zeugen die mehrbändigen Alkuin- und die einbändigen Theodulf-Bibeln, beide sind prachtvolle Wunderwerke der Bibelforschung und der Buchkunst.

Wissenschaft und Schule, der erneuerte Lateinunterricht legten die Grundlagen für den intellektuellen Aufstieg des Abendlandes. Zumal die Gelehrten des Westens dazu verpflichtet wurden; der Osten jenseits des Rheins war noch geistiges Kolonisationsgebiet. Sie griffen auf antike Bildungsprogramme zurück. Schriftlichkeit breitete sich, erleichtert durch eine Schriftreform, aus, die noch heute weltweit die Buchkultur prägt. Eindringliche und systematische Suche und intensive Abschreibetätigkeit nicht zuletzt für den Hof retteten die Werke der antiken Autoren und der Kirchenväter; die ersten großen Bibliotheken entstanden. Was damals und in den folgenden Jahrzehnten der Findigkeit und dem Abschreibeeifer der Zeitgenossen entging, ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – für alle Ewigkeit verloren.

Jegliches Wissen war am Königshof konzentriert. Seit den 790er-Jahren diente die Pfalz zu Aachen als feste Residenz. Von hier aus lenkte Karl sein Reich, hier versammelte er seine Gelehrten, hier hortete er seine Bücher – ein jedes ein Vermögen wert –, hierher berief er die vielversprechende Jugend seiner Länder. Keineswegs nur Franken, auch Langobarden, Iren und Angelsachsen, Westgoten, Bayern oder Alemannen trafen sich hier, Kleriker und Laien; sie atmeten die Luft des Königshofes und lernten, das Reich von der Nordsee bis nach Benevent, von der Biscaya bis an die Niederelbe als eine Einheit zu achten. Der Königshof war das Wissenszentrum schlechthin. Alle Förderung der Wissenschaften nahm von ihm ihren Ausgang. Eine neue, höfisch geprägte Wissenskultur entstand. Karl versammelte die Gelehrten um sich wie keiner seiner Vorgänger. Wissensaustausch und Wissensdistribution erfolgten über seinen Hof und von demselben aus für und über sein gesamtes Reich. Die Effizienz der Maßnahme war einzigartig. Sie wurde vorbildlich und maßgebend für die kommenden anderthalb Jahrtausende. Seitdem kümmern sich die Herrscher und Regierenden um Schule, Wissenschaft und Bildung, um die Wissenskultur ihres Landes – sei es zu deren Wohl, sei es zu deren Schaden.

Die Rezeption erster logischer Schriften des Aristoteles (die später sogenannte Logica vetus) begann am Königshof und unter maßgeblicher Anregung durch den Herrscher selbst: Die Lehre von den Kategorien und den Satzaussagen, die Differenz zwischen „Begriff“ und „Sache“, nomen und res, und dergleichen mehr wurde, so unwahrscheinlich es klingt, karlisches Herrschaftswissen. Dazu traten die logisch und kategorial geordneten Fragemuster der Rhetorik, die Anfänge der Verwissenschaftlichung des Abendlandes. Welch herrliche Zeiten, in denen die Spitzen der Gelehrsamkeit den Herrscher berieten, und er auf sie hörte, nicht irgend dubiose, Gold verschlingende ‚Berater‘ und inkompetente Referenten. An diesen König klammerten sich Hoffnungen, die zeitlos gültig blieben und seine Gestalt in den Augen der Nachwelt zu einzigartiger Größe aufragen ließen.

Nicht dass die philosophischen Leistungen der Karolingerzeit – wiederum von Ausnahmen abgesehen – in besonderer Weise herausragten; aber dass sie nun angestrebt wurden, und die Intensität, mit der es geschah, dass sie eben jetzt zum Programm aller Schulen des Frankenreiches erhoben und fortan über drei Jahrhunderte lang die allgemeine intellektuelle Grundausstattung höherer Bildung und der dann aufbrechenden Wissenschaft wurden, verschaffte Karls Regierung eine herausragende Bedeutung für die geistige Einheit des Abendlandes. Von ihr zehrten alle Späteren – einschließlich uns Heutigen. Selbstverständlich profitierte auch die Geschichtsschreibung von diesem intellektuellen Aufbruch und mit ihr unser Wissen um diesen König und Kaiser sowie um die aufquellende Mythisierung, die das Gedenken an ihn erfasste.

Auch die Dichter am Hof besangen den König. Alkuin, Theodulf von Orleans, der Quasi-Schwiegersohn Angilbert, der anonyme Epiker des Versgedichtes von „Papst Leo und König Karl“ und viele andere dichteten um die Wette, um sein Lob zu singen. Der Hof sonnte sich in der Gegenwart der Musen. Man imitierte antikes Herrscherlob und Panegyrik. Maximus armis, ensipotens und armipotens, bellipotens (Größter an Waffen, schwertgewaltig, waffengewaltig, kriegsgewaltig) – Karl liebte, eingepasst in die kunstvollen Rhythmen, die kriegerischen Bilder, er, der „große König“, Karolus magnus rex. Gerne hörte er den David-Vergleich, den vielleicht Alkuin erfand: „süßer“, „süßester David“, dulcis David, David dulcissimus.

Doch dann, mit Karls Tod, klangen die Töne verhaltener. Die Lieder spiegelten eine neue Wirklichkeit. Sogar Kritik wurde laut. Einhard schrieb mit seiner Vita Karoli, einem Prosawerk, gerade auch dagegen an. Sein Tatenbericht signalisierte eine Peripetie. Karl besaß keinen angemessenen Nachfolger. Der Sohn, der ihn beerbte, Ludwig der Fromme, war zum Provinzkönig erzogen worden, nicht zum Gesamtherrscher; Karl misstraute ihm eher, als dass er ihn schätzte. Übergehen freilich, gar ausschalten konnte er ihn nicht. Er suchte durch eine Nachfolgeordnung, an der Einhard übrigens maßgeblich beteiligt gewesen sein dürfte, das vorausgeahnte Unheil aufzuhalten. Als alles Bemühen sich als Illusion erwies, lange nach Karls Tod, erinnerten die Dichter, die Legenden- und Geschichtsschreiber an scheinbar glücklichere Zeiten.

Einer der Ersten, die es taten, war eben dieser Einhard. Er zeichnete nach dem Muster von Suetons Augustus-Biografie ein ideales Bild seines Helden. Es geschah, als die ersten Anzeichen von Erschütterung und Auflösung des großen Karlsreiches sich bemerkbar machten und Kleinmut und Unbeständigkeit am Hof ihren Einzug hielten. Bald sollte sich Einhard, enttäuscht und desillusioniert, vom Hofleben abwenden. Der Literat, der zugleich ein Politiker war, rühmte nun Großmut und Standhaftigkeit des toten Königs und Kaisers, magnanimitas und constantia, – eben weil die Gegenwärtigen dieser Tugenden ermangelten. Karl wurde ihnen als Spiegel vorgehalten. Doch was vermochten schon Worte im Machtkalkül der Großen? Einhard teilte das Los eines jeden Intellektuellen: Er kam zu spät. Ludwigs Erziehung in der Provinz und durch dieselbe holte den Gesamtherrscher ein. Was der Vater in 45 Jahren gebaut, riss der Sohn in 25 Jahren oder noch schneller nieder. Einzig dem Mönchtum hinterließ er, beraten von Benedikt von Aniane, dem eigentlichen Vater benediktinischen Mönchtums, Bleibendes. Es zeitigte Folgen auch für das Karlsbild.

Einhards Vita Karoli war ein glänzendes Werk, viel gerühmt, weit verbreitet, wieder und wieder gelesen und in den historiografischen Grundbestand des Frankenreiches und seiner Nachfolger eingeflochten. Im Mönchtum aber regten sich düsterere Stimmen, die nicht oder nicht vorbehaltlos in den reinen Lobgesang einstimmen mochten. Erschrecken und aufrütteln sollten sie stattdessen. Eine dieser Stimmen war die Visio Wettini, die Jenseitsschau eines Reichenauer Mönchs namens Wetti auf dem Totenbett, eine im Ursprung vielleicht echte „near-death-experience“. Sie ist als Prosa-Aufzeichnung überliefert und wurde von Walahfrid Strabo, dem berühmtesten Dichter der Reichenau, zudem in Verse gesetzt; zahlreiche Handschriften verbreiteten sie und hielten das Wissen um Karl den Sünder lebendig.4

Der Sterbende pries und lobte den fränkischen Kaiser ob seiner Sorge für die Kirche und verdammte ihn zugleich ob seiner Sünden. Er schaute ihn, den Vater des regierenden Ludwig des Frommen, als abschreckendes Beispiel an den Läuterungsberg verbannt und heimgesucht von schlimmster Pein. Die Mönche der Reichenau und im Reich und nicht zuletzt die Herren am Hof sollten nachdrücklich gewarnt sein, sich – wie der gelehrte Walahfrid erläuterte – der Freiheit zum Bösen hinzugeben: der einzigen Freiheit, die der hl. Augustinus gelten ließ. Die Dringlichkeit eines neuartigen monastischen Gebetsgedenkens, das den Leidenden im Jenseits Linderung verschaffen könnte, sollte im Inselkloster und allenthalben in den Klöstern des Frankenreichs erkannt werden. Wettis Schau trug das Ihre dazu bei; alsbald wurde das Gedenken tatsächlich praktiziert. Die Botschaft des Visionärs hatte ihre Empfänger in Adel und Mönchtum erreicht.

Nichts aber hielt die Kämpfe um Thron und Reich auf, keine Mahnung, keine Warnung, kein Gebet und kein Gedenken. Die Franken lieferten sich bald die mörderischsten Schlachten. Das Reich des großen Karl zerfiel; Deutschland und Frankreich gingen aus ihm hervor, auch ein stets gefährdetes Königreich Italien. Es blieben nur Erinnerungen; doch diese trieben so auseinander wie die Reiche, die aus den Trümmern des Karlsreiches erstanden. Karl ragte, wir werden es sehen, als ein gemeinsames und zugleich trennendes Erinnerungsmal in dieses Geschehen hinein.

Indes, Einhards „großer König“ hatte das Höchste, den Gipfel des Ruhms noch nicht bestiegen; noch war er nicht „Karl der Große“. Diese letzte Stufe historischer Heroisierung, die zuvor nur Alexander und Konstantin erklommen hatten, betrat Karl erst, soweit zu erkennen, um 885 mit den Gesta Karoli Magni des Mönches Notker.5 Sie überlieferten – an Anfang und Ende verstümmelt und nur wenigen bekannt – eine Sammlung von Karlsanekdoten. Dieselben weckten, Einhards Biografie nicht unähnlich, nostalgische Gefühle, waren legendenhaft verbrämt und geradezu fantastisch ausgestaltet. Karls Urenkel Karl III. soll sich, als er das Kloster St. Gallen besuchte, an ihnen ergötzt und um ihre Niederschrift gebeten haben. Sie gemahnten ihn fortgesetzt an ein und dasselbe: an den Helden Karl, den „unbesieglichsten Kaiser“, invictissimus imperator, an das Ideal von Herrscher, Tatkraft, Macht und Durchsetzungskraft, von Gerechtigkeit auch und Gottgefälligkeit und an Größe – durchweg Eigenschaften, die dem Dritten, dem tobsüchtigen und kranken Karl abgingen. Jede einzelne dieser Episoden verkündete ihrem Auftraggeber die nämliche Botschaft – sich im Gedenken an den großen Ahn seiner eigenen Bestimmung eingedenk zu werden: ‚Karl, werde ein Karl!‘ Was freilich dem einflussreichen Höfling Einhard im Zentrum der Macht versagt geblieben war, fiel auch dem braven Mönch im fernen Kloster St. Gallen nicht zu. Die Erinnerungen mochten ihren Leser ergötzen, aber sie hielten den Untergang von Karls Reich nicht auf. Heroen aber steigen aus solchem Untergang auf: als Tröster, Hoffnungsspender und Zukunftsdeuter.

In der Tat, das Gedenken an einen Heros blieb, unter dem das Reich an äußerer Macht gewachsen war, im Innern friedlich gelebt und Großes geleistet, auch an Glanz nicht seinesgleichen gekannt hatte. Ein Karl nostalgischer und gegenwartskritischer Vorstellungen hielt seinen Einzug ins kulturelle Gedächtnis des Abendlandes, bot das Bild einer Vergangenheit, in der sich eine bessere Zukunft brach. Keine seiner Taten ließ er zurück, weder die ‚guten‘ noch die ‚bösen‘. Als Übeltäter und Sünder, als Feind des Feudaladels, als Held und Heiliger zog er ein. So herausragend Karls Regierung gewesen war, so umfassend setzte nach seinem Tod die Mythisierung ein. Allein Aufstände und Vernichtungsaktionen wie gegen Tassilo von Bayern filterte das alles modulierende und verzerrende Gedächtnis aus, einstweilen jedenfalls, denn die Epik einer späteren Epoche wusste in anderen Umrissen und mit anderen Farben so gut wie das Sündenmotiv auch die Rebellenthematik zu erneuern.

DAS GEDÄCHTNIS

Taten sind Wirklichkeit, schaffen Wirklichkeit und wirken in der Wirklichkeit fort. Wirklichkeit aber fassen wir nur durch Erinnerung. Jede Wahrnehmung speist sich aus den vorwiegend unbewussten Zuordnungen von Sinneseindrücken zu dem bereits vorhandenen Wissen durch das Gedächtnis. Auch die Vorstellungswelten, von denen dieses Buch handelt, sind Wirklichkeit und wirken in Wirklichkeit weiter. Wer sich ihnen zuwendet, hat es ebenfalls mit dem Gedächtnis zu tun. Mythos und Legende sind Formen des kulturellen Gedächtnisses. Einige knappe Bemerkungen zu Erinnerung und Gedächtnis erscheinen deshalb an dieser Stelle unabdingbar. Die Geschichtswissenschaft nimmt sich ja gewöhnlich bloß des Wortlauts ihrer Quellentexte an, den sie geradezu für sakrosankt hält, und übersieht die gestaltenden Kräfte der Erinnerung, die ihn geschaffen haben und nicht aufhören, auf ihn einzuwirken. Sie lassen keinen Sachverhalt unberührt. Gleichwohl sind auch verformte Erinnerungen Wirklichkeit, die neue Wirklichkeiten erzeugt. Erinnerung zielt überhaupt auf Wirklichkeit. Unsere gesamte leibliche und geistige Existenz verdankt sich dem Gedächtnis. Wir sind unser Gedächtnis.

Wirklichkeit also fassen wir nur durch Erinnerung. Wir vermögen es, weil eingehende Sinnessignale in der Sprache des Gehirns aus elektrischen Impulsen und chemischen Prozessen semantisch besetzt und eingespeichert werden, und weil dieses Wissen, soweit es dem deklaratorischen Gedächtnis anvertraut ist, etwa durch die gesprochene Sprache symbolisch Wirklichkeit zu repräsentieren vermag. Aus diesem Grund können wir einem Fremden, der den Weg zu unserer Wohnung nicht kennt, denselben so beschreiben, dass er tatsächlich hinfindet. Auf diesen Effekt setzt auch der Historiker, der die Sprachen seiner Quellen beherrscht und die symbolische Repräsentation zu entziffern vermag.

Doch, wie gesagt, wir erfassen Wirklichkeit nicht unmittelbar. Sie wird uns stets nur durch Erinnerung, und das heißt gebrochen und ausschnitthaft vermittelt. Daran tragen die körperlichen Bedingungen unseres ‚Weltbildapparates‘ Schuld, mit dem wir ausgestattet sind und auskommen müssen. Alle eingehenden Sinnessignale müssen vom Hirn über das ihm verfügbare – nämlich schon eingespeicherte – Wissen bearbeitet, ausgewählt und gedeutet werden, bevor sie zu Bewusstsein gelangen können. Derartige Bearbeitung und Deutung geht jedem Bewusstwerden voraus. Das hat Konsequenzen für jede Wahrnehmung, die ein nur teilbewusster, höchst selektiv operierender Konstruktionsprozess ist – und somit für alle Vergangenheitskonstrukte. Denn Deutung und anschließende Konstruktion, das gesamte Erinnern geschehen, was die Historiker, an den Wortlaut ihrer Quellen gebunden, nicht gerne zur Kenntnis nehmen, niemals identisch; sie sind stets kontextuell und situativ moduliert und befinden sich ununterbrochen im Fluss, manche langsamer – wie in der Regel die Leistungen des semantischen Gedächtnisses, manche schneller – wie gewöhnlich die des episodischen Gedächtnisses. Keine Erinnerung gleicht einer anderen; keine bleibt unverändert stehen. Das gilt für das individuelle wie für das kollektive oder das kulturelle Gedächtnis, sei dieses mündlich tradiert oder schriftlich fixiert. Und selbst der forschende Historiker bleibt von gleichartigem Fließen nicht verschont; auch seine Erinnerungen formen sich kontinuierlich um.

Das Gedächtnis verfügt über zahlreiche Konstruktions-, Techniken‘ – Teleskopie etwa, Überschreibung, Inversion und andere mehr – und gestattet, von traumatischen Erfahrungen abgesehen, keine Identität der Erinnerungen selbst an dasselbe Geschehen; in der Regel rafft es zusammen, was ursprünglich nicht zusammengehörte, und produziert irreale, aber bedeutungsträchtige Mixturen von Scheinwirklichkeiten. Kein Moment kehrt wieder, auch im Gedächtnis gibt es keine Rückkunft. Erinnerte Wirklichkeit ändert sich somit unablässig; nichts kann sie vor diesem Fließen bewahren.

Unverändert bleibt allein die vergangene Wirklichkeit. Beide Wirklichkeiten, die einstige und die erinnerte, sind streng auseinanderzuhalten. Doch beider Wirkungen wirken fort und dieses Fortwirken lässt sich erkennen. Der Historiker aber, der wissen will, was einst geschehen, muss diesen Fluss zu seinem Ursprung zurückverfolgen. Wie weit es möglich ist, sei hier nicht erörtert.

Erinnerung transformiert das Erinnerte somit kontinuierlich; nichts verharrt in ihr unverformt. Jedes einzelne dieser divergierenden Erinnerungsbilder kann Handlungsimpuls werden und damit nachwirken und tatsächlich, soweit es Intentionen und Handeln durchsetzt, soziale Wirklichkeit gestalten. Keines aber verändert die einstige Wirklichkeit, doch ein jedes schafft in seiner Gegenwart und für die Zukunft Neues, das fortan als eigene Realität neben alles Ältere tritt und weiterwirkt. So entfaltet sich ein breiter Fächer von mehr und mehr einander überlagernden und zugleich auseinandertretenden Wirkungen, ein ungebändigter und unzähmbarer, sich in zahlreiche Arme und Seitenkanäle zerteilender, hier und da sich auch wieder vereinender Fluss.

Nichts bleibt von diesem Fließen, Zerteilen und gelegentlichem Wiedervereinen ausgenommen. Der Historiker hat es zu erfassen und die Folgen zu beschreiben. Alles einstige Geschehen, geht es nur in das Gedächtnis ein, unterliegt derartiger Auffächerung in einstige und erinnerte Realitäten und deren jeweilige Wirkungen. Beide decken sich nicht; sie driften vielmehr, je länger sie wirken und je mehr Erinnerungsträger sich – gleichgültig, ob in schriftlicher Form oder in mündlicher Kolportage – beteiligen, umso unaufhaltsamer auseinander. Der Fächer an Realitäten entfaltet sich mit der Zeit immer breiter und reicher. Das Fließen, Zerfließen, erneute Zusammenfließen endet nimmer, es sei denn, alles versickert und mündet in den spurlosen Untergang ewigen Vergessens. Dann ist der Rest ein Schweigen, das kein Historiker mehr durchdringt.

MYTHOS KARL

Heroisierung und Mythisierung sind davon unmittelbar betroffen; sie zeugen von jener Auffächerung der Erinnerungen an Geschehens- und Gedächtnisrealitäten. Sie sind nicht zuletzt deren Ergebnis. Am Beispiel Karls des Großen lässt es sich geradezu mit archetypischer Deutlichkeit aufzeigen. Seine vielfältige Gegenwart im kulturellen Gedächtnis spiegelt mannigfache Formen der Erinnerung und ihrer Wirkungen; ihnen sei im Weiteren nachgegangen. Doch gebietet der verfügbare Raum, mich auf wenige Beispiele zu beschränken: den Herrscher, den Sünder und Heiligen sowie den Heros der Dichter.

DER HERRSCHER

Zumal Frankreich und Deutschland hielten durch historiografische oder anekdotische Texte, in der Schule und in mündlicher Erzählung die Erinnerung an den großen König und Kaiser wach. Man gedachte dabei durchaus eines realen Herrschers und legitimierenden Vorbildes, keines metaphysischen Wesens, keines Wundertäters und sagenfernen Schemens. Gleichwohl zeichneten sich von früh an gravierende Unterschiede ab.

Während Karl im Westen vor allem sachlich-historisch gesehen wurde, Einhards Vita, mit einer Lebensbeschreibung seines Nachfolgers Ludwig, den sogenannten „Reichsannalen“, und weiteren Werken zur Geschichte der Franken zu einem respektablen Geschichtsbuch vereint, dem König Karl II., einem Enkel des Großen, zur Instruktion dargereicht wurde, während alsbald auch dieses zweiten Karls gleichnamiger Enkel Karl („der Einfältige“, wie er mit distinguierendem Beinamen heißt) in legitimierender Absicht die Erinnerung an seinen großen Ahnherrn – wenn auch nicht nur an diesen – pflegte und damit eine Geschichtstradition begründete, die später, nach einem karlsabstinenten Zwischenspiel, in die Grandes Chroniques de France münden sollte, während dergestalt also die westfränkisch-französische Geschichte begründet wurde, verharrte der Osten mit Notkers Gesta Karoli Magni zunächst ganz im Personalen, Episodischen und Anekdotischen. Hier rissen immer wieder mühsam geschaffene Traditionslinien ab. Das Gedenken an Karl blieb davon nicht unberührt. Kein durchlaufendes literarisches Programm scheint das Erhaltene gestaltet und ihm als Ganzem einen über die einzelne Anekdote hinausweisenden Sinn vermittelt zu haben.

Zwar kursierte Einhards Vita auch im Osten; aber das Rezeptionsmilieu unterschied sich deutlich von jenem des Westens. Hier im Osten waren die Franken nur eines von mehreren Völkern: den Friesen, Sachsen, Thüringern, Alemannen und Bayern, die kaum eine eigene, geschweige denn eine gemeinsame historische Tradition besaßen. Fränkische Herrschaft wurde von den Nichtfranken durchaus als eine fremde empfunden. Ihre Erinnerung an Karl war von unvergessenen Demütigungen durchsetzt und wird im 9. Jahrhundert eher zwiespältig gewesen sein. Zudem teilten die Königssöhne das Reich ihrer Väter in immer kleinere Teile. Doch an welchen sollte sich in besonderer Weise Karls Gedenken heften? Karl III., für den Notker seine Gesta niederschrieb, war für wenige Jahre der letzte Gesamtherrscher über das einstige, längst unaufhaltsam auseinanderdriftende Großreich. Erst nachdem im 10. Jahrhundert Einheit und Unteilbarkeit des Ostreiches gesichert waren, konnte das Karlsgedächtnis dort eine neue Qualität annehmen. Einhards ‚Karlsleben‘ blieb in solcher Umgebung ein isoliertes literarisches Phänomen – dann und wann gelesen, aber ohne eine an die Schöpfermacht der Vorstellungen appellierende Resonanz. Zudem schob sich schon bei Notker statt des historischen Sinns der allegorisch-mystische in den Vordergrund. Er entrückte Karl mehr und mehr dieser Welt.

Der St. Galler Mönch scheute sich nicht, seine munteren Geschichtchen mit großer, doch ins Leere laufender Geste in einen heilsgeschichtlichen Kontext zu rücken. „Der allmächtige Lenker der Dinge und Ordner der Reiche und Zeiten hat“, so beginnt mit Anspielung auf die Geschichtsvision des biblischen Danielbuches (Dan. 2,31) das erhaltene Fragment der Gesta Karoli magni, „nachdem er die eisernen oder tönernen Füße jener wunderbaren Bildstatue in den Römern zermalmt hatte, das goldene Haupt einer zweiten nicht minder wunderbaren Statue durch den erlauchten Karl in den Franken errichtet.“ Dieser eigenwillige Ausflug in die biblische Apokalyptik diente allein dem Kaiserlob, keiner Beschreibung der Endzeit; sie floss mit einem antik-heidnischen Topos in eins: Mit Karl habe ein neues goldenes Zeitalter begonnen.

Das Lob war in keiner Weise theologisch oder geschichtstheoretisch durchdacht, obgleich dazu Anlass bestanden hätte. Konsequenzen für seine eigene Darstellung zog Notker ebenso wenig. Derartige ‚Scheintranszen dierung‘ entkleidete gleichwohl Karl seiner diesseitigen Historizität und entrückte ihn in die Gefilde der Mythen und Exempel. Zumal unter den Sachsen schritt die Entweltlichung kräftig voran. Karl wandelte sich dort zum Heiligen. Die Metamorphose half diesem adelsstolzen Volk, das Trauma der Unterwerfung unter fränkische Herrschaft zu verdrängen und sich seiner eigenen Größe zu besinnen.

Im Westen aber, genauer: in der Ile de France, dem Herzen des künftigen Frankreich, blieb der Kaiser der irdische Herrscher, das reale Vorbild an Herrschertugend. Stets wurde betont, wie er das Recht pflegte, Frieden und Schutz spendete, die Kirchen forderte und in Übereinstimmung mit dem Papsttum handelte. Diese Sicht wirkte, wie angedeutet, zuerst auf Karl II. den Kahlen. Er bekam von Kind an durch seine Mutter Judith Geschichtsbücher zu lesen. Als König handelte er entsprechend: Zumal sein Großvater, dessen Namen er trug, wurde sein Vorbild. Seine Urkunden imitierten des Großen Monogramm, in Compiegne erbaute er sich eine Pfalz, die ein zweites Aachen sein sollte; die berühmte Karlsstatuette des Louvre dürfte er in Auftrag gegeben haben. Der Erzbischof Hinkmar von Reims redigierte für Karls II. Sohn Karlmann die überlieferte Hofordnung Karls des Großen.

„Wegen meines Vorrangs an Lebensalter und im geistlichen Amt“, so ergriff der betagte Prälat darin selbstbewusst das Wort, „wendet ihr Nachgeborenen […] euch ratsuchend an meine Wenigkeit. Ich war ja schon in der Verwaltung von Kirche und Hof beteiligt, als sie zur Zeit der Größe und Einheit des Reiches noch glücklich geführt wurden, und ich habe den Ratschlag und die Lehren jener vernommen, die die heilige Kirche in Lauterkeit und Gerechtigkeit lenkten, wie auch derjenigen, die das gefestigte Reich in der Vergangenheit mit mehr Erfolg regierten.“6 Jahrzehnte zurückreichende Erinnerung gestaltete Hinkmars Hofordnung. Der Blick zurück, die Beschwörung der Toten legitimierte – wie solches bisweilen heute noch geschieht. Karl trat dabei keineswegs in einzigartiger Weise in Erscheinung, obgleich er „der Große“ oder „der große Kaiser“ hieß. Die Erinnerung an ihn isolierte ihn nicht; sie vereinte ihn noch mit den wirklichen oder vermeintlichen Taten von Vater und Sohn, und nur im Verbund mit diesen lenkte sie das westfränkische Königtum. So stiftete sie eine Geschichtstradition, die das reale Geschehen der Gegenwart in ungebrochener Kontinuität auch an Karls einstiges und erinnertes Wirken anzuknüpfen erlaubte.

Gleichwohl entkam auch Hinkmars Gedächtnis den Verformungskräften der Erinnerung nicht. Der Erzbischof machte aus dem Verwaltungstext einen Fürstenspiegel und vermengte, wie zu erwarten, eigene Erfahrungen mit dem Überlieferten, was hier im Einzelnen nicht dargestellt werden soll, was aber dem Text mit dem anderen Charakter auch eine andere Wirkung verlieh. Eine genaue Abgrenzung des früheren von seinem Text, der einstigen von der nun gewünschten Hofordnung ist indessen unmöglich.

Der Süden des Landes folgte freilich den im Norden vom Königtum in der Ile de France gewiesenen Perspektiven nicht. Zwar bescherten auch Aquitanien und Gothien, wie jene Landstriche damals hießen, dem toten Karl eine hervorragende, wenn auch keineswegs gleichförmige Karriere; doch sie entfernte ihn mehr und mehr von seinen einstigen Handlungen und den Erinnerungskonstrukten des Nordens. Einhards Vita beispielsweise blieb hier weithin unbekannt. Karl verwandelte sich vielmehr in einen bald geliebten und geachteten, bald auch missachteten und gehassten Feudalherrn.

Sein Bild spiegelte zum Teil das Verhältnis des Südens zum Norden und zum zentralen Königtum, bevor dieses ihn sich wieder unterwarf, zum Teil auch die eigene, konfliktreiche Welt dieses Südens. Zahlreiche Klöster wollten von Karl, einige auch von Chlodwig oder Karls Vater Pippin gegründet sein; Urkunden wurden zumal von Klöstern auf Karls Namen gefälscht, allerlei Legenden und heroische Geschichten in Umlauf gebracht, die weithin die Taten seines Großvaters Karl Martell mit seinen eigenen kontaminierten und dem Enkel zuschrieben, was jener getan; dubiose Karlsreliquien tauchten auf, die nicht aus Aachen, wo sich das Grab befand, wohl aber aus dem Umfeld der Mythen und Sagen stammten, die zunehmend Geschichtsbild und Handeln bestimmten. Die Fiktionen dienten zumeist dem Überlebenskampf der Gemeinschaften gegen benachbarte Klöster, Bischöfe und Laien. Die Erinnerung zielte somit auf reale politische Wirkung. Doch auch Missachtung, Spott und Hohn blieben nicht aus. Auch hinter ihnen stand soziale Wirklichkeit. Rebellen durften nun – anders als im einstigen Leben, doch der tatsächlichen Königsferne des Südens gemäß – über den unbesieglichen Karl triumphieren. Gerade die im Süden weit verbreiteten „Chanson de geste“ bildeten ein beliebtes Genus sowohl der Heroisierung als auch der Destruktion dieses Königs.

Selbst Juden konnten sich im Hochmittelalter auf diesen Frankenkönig berufen.7 Einem Lichtstrahl gleich spiegelten ihre Geschichten sein Gedenken. Sie schrieben ihm ihre Ansiedlung im Süden Galliens zu. Die Chronik des Abraham ben David (Sefer Ha-kabalah, Buch der Überlieferung) etwa wusste zu berichten, dass Karl seinerzeit bei Harun al-Rashid einen Rabbi aus dem Hause Davids erbeten habe, der tatsächlich nach dem Westen gezogen sei und, nachdem Karl die Stadt Narbonne von den Sarazenen erobert hatte, dort ein Drittel der Stadt erhalten und die Schule von Narbonne gegründet habe. Ein Privileg des Königs habe alles bestätigt und unter königlichen Schutz gestellt.

Die Geschichte wird in ein wenig anderer Gestalt, gleichwohl noch im 12. oder frühen 13. Jahrhundert auch von den Gesta Karoli Magni ad Carcassonam et Narbonam erzählt, die sowohl auf Lateinisch als auch auf Provençalisch verbreitet waren. Danach hätten die Juden der Stadt Narbonne, als Karl sie belagerte, 70 000 Mark Silber geschickt und ihm angeboten, er könne die Stadt an dem Mauerteil erstürmen, den sie zu schützen hätten. Als Gegenleistung wünschten sie allein, dass ihr „König aus dem Geschlechte Davids“ immer in der Stadt bleiben dürfe. Karl versprach es; und nachdem er die Stadt erobert hatte, bestieg er, das Zepter in der Hand und von einem großen Gefolge umgeben, den königlichen Thron, rief Aimeric von Narbonne vor sich und sprach: „Aimeric, ein Drittel der Stadt gebe ich dem Erzbischof, ein Drittel den Juden, der Rest ist euer.“ Auch jetzt sicherte er alles mit einem Privileg. Noch andernorts wurde diese Geschichte, abermals ein wenig anders, erzählt.

Alle diese Erzählungen verdeutlichen, wie die Not des Augenblicks in schutzheischender Absicht die Erinnerung an Karl den Großen heraufbeschwor, wie sie ihn zur Wirklichkeit des Symbols erhob, des Imaginationen und Hoffnungen weckenden, gestaltenden, lenkenden Heros. Hinter der Legende stand mancherlei an einstiger Realität: schutzbedürftige jüdische Gemeinden im Süden, der Jude Isaac, der tatsächlich an Karls Hof in Aachen lebte, der Gesandtenaustausch mit Harun al-Rashid, bei welcher Gelegenheit Karl den Aufsehen erregenden Elefanten Abul Abas zum Geschenk erhalten hatte, die echten Schutzprivilegien für die spanischen Flüchtlinge, Karls fehlgeschlagener Kriegszug nach Spanien, die tatsächliche Eroberung Barcelonas und natürlich auch die Eroberung Narbonnes durch den anderen Karl, den Martell. Nichts davon hatte sich in die Geschichten des hohen Mittelalters gerettet. Gleichwohl wirkte eine zur Unkenntlichkeit verformte Erinnerung fort und gestaltete die Realität ihrer Zeit. Der erinnerte Karl gab das Muster ab, an dem man sich handelnd orientierte oder orientieren sollte.

Der Osten, wie gesagt, brauchte einige Zeit, um an die historische Herrschergestalt anzuknüpfen. Das geschah erst durch Otto den Großen, einen Sachsen, der, um das auf Selbstständigkeit drängende Lotharingien, zu dem Aachen damals gleich Köln und Trier gehörte, zu gewinnen, sich ein zweites Mal in Aachen salben und krönen ließ und demonstrativ den Thron Karls des Großen bestieg, der tatsächlich noch heute im Aachener Münster steht. Dort zeigte er sich dem Volk. Seitdem beschworen auch die Könige des sächsisch-fränkischen, ostfränkisch-deutschen Reiches in legitimierendem Rückgriff die Erinnerung an den großen Karolinger. Ein Vierteljahrhundert später ließ Otto dort auch seinen gleichnamigen Sohn zum König salben und krönen; seitdem war das Königtum fest mit Aachen und Karl dem Großen verbunden. Dieses „Aachener Königtum“ gab dem frühdeutschen Reich geradezu seine ideelle Mitte.

Der dritte Otto auf dem Thron, Sohn und Enkel der beiden vorangegangenen, schloss sich noch enger an Karl den Großen an. Ihn machte er zu einem Muster seiner Kaiseridee; an ihm orientierte er sein Kaisertum. „Unser Thron“ stehe in Aachen, „wo ihn unser Vorgänger Karl, der hochberühmte erhabene Kaiser“ errichtet habe, ließ Otto als sein Sprachrohr den Erzbischof Heribert von Köln verkünden.8 Aachen sollte neben Rom ein Brennpunkt seines Reiches sein. Der Sohn eines sächsischen Vaters und einer byzantinischen Mutter eignete sich das Siegelbild des Franken Karl an, um das Römische Reich zu erneuern. Karls Gedenken ließ er in Aachen wie das der eigenen Eltern feiern.9 Und mehr als das alles: Otto dürfte nämlich bereits die Kanonisation des fränkischen Kaisers betrieben haben.

Sein Nachfolger Heinrich II., einstiger Herzog der Bayern, musste, ob er wollte oder nicht, daran anknüpfen und erklärte sich zu einem Nachkommen des großen Karl. Es geschah zur Legitimation seiner umstrittenen Thronbesteigung. Zudem griff auch er auf ein Karlsbild zurück, um seine Erhöhung zu imaginieren. Es war freilich ein Bild Karls II. Auch Heinrichs Nachfolger, der König und Kaiser Konrad II. und seine Gemahlin Gisela, zwei Franken, deren Familien sich tatsächlich auf Karl zurückführen konnten, erinnerten an Karl. An Konrads Sattel hingen Karls Steigbügel, wurde damals propagiert.10 So floss das Karlsgedächtnis, von Otto I. und Otto III. so sichtbar erneuert, als immer wieder benutzter, aber nie für immer gefasster Legitimationsquell durch die Jahrhunderte.

Insgesamt freilich erschöpften sich auch diese Evokationen der Vorbildlichkeit Karls in eher episodischen, additiven Aspekten. Sie fanden die längste Zeit zu keinen kontinuierlichen und systematischen, über das Personale hinausweisenden Geschichtskonzepten. Karl spielte die mögliche Rolle des Gründungsheros nicht. Das Reich der Sachsen war eben doch – trotz der erinnernden Karlsbeschwörung – kein Reich der Franken. Die fränkischen Salier, die Nachfolger der Ottonen auf dem Kaiserthron, sollten es bitter zu spüren bekommen. Es bescherte ihnen Bürgerkrieg und Gegenkönigtum, durchmischte den Papst-Kaiser-Konflikt des hohen Mittelalters mit dem uralten sächsisch-fränkischen Konflikt und brachte das Reich an den Rand des Abgrunds.

Das 12. Jahrhundert verdeutlicht abermals den Vorsprung Frankreichs in der Karlsverehrung, obgleich mit der Thronbesteigung der Kapetinger im Jahr 987 zunächst die Kontinuität zu Karl dem Großen abriss und keine königliche Erinnerungspflege sie gewährleistete. Der Makel der Illegitimität haftete als dunkler Fleck an den frühen Kapetingern, die seinerzeit, um den Thron zu besteigen, einen legitimen Karolinger von demselben hatten verdrängen müssen. Das erneuerte Karlsgedenken ging nicht von ihnen aus, lastete vielmehr lange Zeit als ‚Wiedergutmachungsdruck‘ auf ihnen und hielt spät, nämlich erst gegen Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts, dann aber umso nachhaltiger seinen Einzug bei ihnen. Doch blieb es in nichtköniglichem Milieu während des 11. und 12. Jahrhunderts präsent. Frankreich war schlechthin „Karlsland“, Kerlingen. Die „Chansons de geste“, ihrerseits Zeugnisse einer lebendigen, sich der Schrift und der Mündlichkeit bedienenden Erinnerungskontinuität unter den Sängern, trugen sein Gedächtnis auch in illiterate Kreise. Das Königtum griff dasselbe dann bei der ersten sich bietenden Gelegenheit auf.

Die berühmteste aller Chansons, die anonyme „Chanson de Roland“, bewahrte, von biblischen und neutestamentlichen Mustern überformt, mehrstufige, erstmals vielleicht durch den Erzbischof Hinkmar von Reims gefilterte Erinnerungsspuren des 8. und 9. Jahrhunderts bis zu ihrer ältesten erhaltenen schriftlichen Fixierung um 1100. Sie sang dann das Loblied der dulce France, der France dulce, la bele (Vers 1695), der France l’asolue, des süßen, des schönen, des freien Frankreich, dessen Herr Li empereres Carles de France dulce (Vers 16) war, Carles li reis, nostre emperere magne (Vers 1), den, als er schlief, auf Gottes Geheiß der Engel Gabriel beschützte (Vers 2525–7). Diese „Chanson“ spiegelte die Zeit und den Geist der Kreuzzüge, der durch Frankreich wehte. Bernhard von Clairvaux predigte ihn später und verkündete weithin vernehmbar das „Lob der neuen Ritterschaft“, der religiösen Ritterorden nämlich, die sich zum Kampf gegen die Ungläubigen bereiteten. Der Heros Karl aber, der Heidenkämpfer und Gottgeliebte, der schon fast heilige, eilte ihnen allen voran.

Bestimmte religiöse Zentren wie Saint-Denis, die Grablege der französischen Könige, betrieben aus diversen Gründen – etwa, um den Kult des eigenen Heiligen zu stärken – seine Gedächtnispflege. Sie begannen nun ihrerseits und ohne Nachhilfe aus dem Osten Karl wie einen Heiligen zu betrachten. In Saint-Denis entstand, wohl Anregungen aus Italien aufgreifend, wie sie etwa bei Benedikt von Sant’ Andrea zu finden sind, spätestens in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Legende Karls des Großen, die fiktive Geschichte nämlich von Karls Pilgerfahrt nach Jerusalem, von wo er kostbarste Reliquien, darunter die Dornenkrone und die Windeln Jesu, mitgebracht habe, eine Legende, die sich bald als ein Erinnerungsimplantat, als ein scheinreales Konstrukt, im kulturellen Gedächtnis des Abendlandes einnisten sollte.

Es machte sich zunächst literarisch, sodann kultisch und nicht zuletzt politisch bemerkbar. Die Aachener „Beschreibung, wie Karl der Große Nagel und Dornenkrone von Konstantinopel nach Aachen brachte und wie Karl der Kahle sie nach Saint-Denis überführte“, entlieh ihr Wissen von dort, aus importierten, nicht aus einheimischen Quellen. In der Ile de France entstand ferner, etwa in der Mitte des 12. Jahrhunderts, der sogenannte Pseudo-Turpin, der den Rolandsstoff fortdichtete, und dem mit über 130 mittelalterlichen Handschriften ein ungewöhnlicher Erfolg beschieden war. Der Liber Sancti Iacobi, eine Sammelschrift zu Ehren des Apostels und seines Grabes in Compostella, vereinte den Rolandsstoff mit dem Jakobskult zur Propagation des Kreuzzuges nach Spanien, an dem tatsächlich zahlreiche Franzosen teilnahmen, und der Pilgerfahrt nach Compostella; als sein angeblicher Autor firmierte der Erzbischof Tilpin von Reims, ein wirklicher Zeitgenosse Karls des Großen. Abermals erschien der Frankenkönig, ohne es schon zu sein, gleich einem Heiligen.

In „Charlemagne“ entfaltete sich mit der Zeit der Typus des französischen Königs schlechthin. Herrschaftliche Implikationen fehlten nicht. Abt Suger von Saint-Denis etwa erinnerte um 1140 an einen Karl, der den Osten erobert habe, weshalb die Deutschen „von Rechts wegen“ (iure regio) zu Frankreich gehörten.11 Und schon die Chanson de Roland hatte Aachen zu Frankreich gezogen (Vers 726). Die hier gesäte Saat trug Jahrhunderte später reiche Frucht. Bald verbreitete sich die Theorie der „Rückkehr Frankreichs zum Geschlecht Karls des Großen“, wonach die Königsfamilie der Kapetinger über die Mutter König Philipps II. August, die henne-gauische Grafentochter Elisabeth, wieder an das gesegnete Geschlecht Karls des Großen angesippt war. Das genealogische Argument, das Andreas von Marchiennes im Jahr 1196 vortrug, heilte den Bruch von 987, restaurierte die immer wieder angezweifelte Legitimität der Kapetinger und überhöhte das Ansehen des Königshauses; es implizierte aber nicht zuletzt weitgreifende Herrschaftsansprüche und künftige politische Handlungsmotive.

Solche wurden in der Tat vom Königtum alsbald realisiert, was die ‚Rückkehr‘-Theorie gleichsam als die Summe der französischen Karlsverehrung des 12. Jahrhunderts zu erkennen gibt. Bereits Philipp selbst soll darüber nachgesonnen haben, „ob Gott mir oder einem der anderen Könige der Franzosen die Gnade gewähre, Frankreich in den früheren Stand zu versetzen und es zu derselben Größe und Ausdehnung zurückzuführen, die es zur Zeit Karls (des Großen) einst besaß“.12 Philipps noch jungem Sohn Ludwig VIII. wurde ein Tatenbericht des großen Königs in lateinischen Hexametern zur Lektüre und zum Vorbild empfohlen, der den Titel Karolinus trug und als eine Art Fürstenspiegel konzipiert worden war.13 Das Gedächtnis an den heldenhaften, glaubensstarken, bald heiligen Kaiser, an den großen König der Franken = Franzosen leistete Hilfe bei der Entstehung der französischen Nation. Der spätere Sonnenkönig wusste darum und verhielt sich entsprechend.

Der Osten reagierte frühzeitig und voll Zorn. „Nicht wir [Franzosen] gehören zum Imperium“, so ließ man zur Zeit Kaiser Friedrichs I. den König Frankreichs tönen, „vielmehr gehört dieses uns; denn die alten Gallier haben es besessen und uns, ihren Nachfahren, hinterlassen.“14 Es galt somit schleunigst zu handeln. Unseliger freilich konnte der Augenblick nicht sein. Doch fremde Erinnerung provoziert eigene und zeitigt eine situationsbedingte Gestalt, deren Wirken den Händen aller Beteiligten entgleitet. Noch Otto von Freising, der große Geschichtsschreiber um die Mitte des 12. Jahrhunderts, hatte in Karl lediglich den machtvollen König erkannt und keinen mythischen Heros, keinen spezifischen Legitimitätsquell für ein gegenwärtiges Herrschertum, sei es im Osten oder im Westen, keinen neu konzipierten Inbegriff des eigenen Reiches, schon gar keinen Heiligen. Mit Friedrich Barbarossa und Heinrich dem Löwen aber sollte sich das ändern.

Beide beriefen sich – wenn auch in unterschiedlicher Weise und aus unterschiedlichen Gründen – auf Karl den Großen. Der Sachsenherzog aus Schwaben betrachtete sich als einen Erben des Franken und streckte die Hand nach einer Königskrone. Der Schwabe auf dem römischen Königsthron aber betrieb die Heiligsprechung seines Vorgängers aus Franken. Ansätze zu einer übergentilen Integrationsfigur sind weder hier noch dort zu übersehen. Doch waren sie eingebunden in das tagespolitische Geschehen.

Der Löwe erhob königliche Ansprüche; und der Rotbart betrieb für den Augenblick, worauf gleich zurückzukommen ist, eine Kampfansage an Frankreich. Dem englischen König Heinrich II. ließ er, als er ihn für seine Politik zu gewinnen hoffte, mitteilen – jedenfalls kolportierte man es so am englischen Hof –: Er, Friedrich, betrachte den französischen König nicht als einen Erben Karls des Großen, sondern nur des Kapetingers Hugo von Franzien, der die wahren Erben, die letzten Karolinger nämlich, vom Thron gestoßen habe; er aber, der Kaiser, sei jetzt Karls Erbe und als solcher werde er Heinrichs Sohn den französischen Thron übergeben.15 Das griff die innerfranzösischen Zweifel an der Legitimität der Königsfamilie auf16 und schürte den englisch-französischen Konflikt oder sollte es tun. Wie dem aber sei, die konfliktsteigernde Gedächtnisfigur ‚Karl der Große‘ sah sich in der Folge jeder Chance beraubt, über die ersten, sehr bescheidenen Ansätze zu einer reichsintegrativen Wirkung in Deutschland hinauszugelangen. Der erinnerte Karl einte die Deutschen nicht.

Erinnerung ist, so halten wir fest, eine Form der Wirklichkeit, der Wirklichkeit nämlich des kulturellen Gedächtnisses, des sozialen Wissens, des gelehrten Diskurses, der argumentativen, politischen und sozialen Interaktion. Sie lenkt soziale und politische Realitäten, die ihrerseits von vielfach modulierten Erinnerungen durchsetzt und geformt sind. Sie stoßen sich an einer Wirklichkeit, die aus den Folgen realer Taten hervorging. Die legendär überformten Erinnerungsstufen aber können sich den Augenblick nicht aussuchen, in dem sie zu wirken beginnen und eine neue Wirklichkeit schaffen, und müssen sich dennoch an diesen Augenblick anpassen. So war es auch jetzt: Im Westen forderte das Gedächtnis an Karl die Bildung der Nation, im Osten indessen schürte sie den Konflikt mit Frankreich.

So zeichnete sich nur in Frankreich eine konsequente Entwicklung ab. Sie mündete – leicht fasslich, nachlesbar und zukunftsweisend – in die Grandes Chroniques de France, die, von Ludwig dem Heiligen in Auftrag gegeben und von einem aufwendigen Bildprogramm begleitet, zum Geschichtsbild des spätmittelalterlichen Frankreich schlechthin wurden. Sie wiesen den direkten Weg von den Franken zu den Franzosen, von den Karolingern zu den Kapetingern und später zu den Häusern Valois und Bourbon, von Karl dem Großen zu Ludwig dem Heiligen. Dieser Karl führte mit Selbstverständlichkeit das ruhmreiche Königsbanner, das in ihm und durch ihn geheiligt war und eben gerade, in der Schlacht von Bouvines, über Johann ohne Land und den Kaiser Otto IV. triumphiert hatte: die drei goldenen Lilien auf blauem Grund, das Wappen der französischen Könige.

In Deutschland indessen war nichts dergleichen eingetreten. Hier etablierte sich allein – zaghaft genug und rudimentär – der religiöse Karlskult. Dazu trat der Reichtum an Karlssagen, der sich keinem einigenden Programm unterwarf. Weder dieser noch jener artikulierte ein übergreifendes Ziel, das sich an Karls Namen heftete und der deutschen Geschichte Richtung und Sinn gewiesen hätte. Die Wirkungen der Realität und der Erinnerungen an dieselbe traten in Ost und West eklatant auseinander.

„Karl der Große“ also oder „Charlemagne“? Die Frage wurde in dieser zugespitzten Form 1935 in Deutschland aufgeworfen;17 sie war keineswegs, wie in letzter Zeit gerne behauptet wird, falsch gestellt. Sie entsprang vielmehr der historischen Erfahrung in den unterschiedlichen und in sich noch weiter differenzierenden mittelalterlichen Erinnerungsgemeinschaften des Ostens und des Westens, sowie den davon ausgehenden realen politischen und sozialen Wirkungen, die bis tief in die Neuzeit reichen. Sie kann auf jenen erwähnten Wirkungsfächer aus Realitäten und realitätsstiftenden Erinnerungen verweisen, von dem oben die Rede ist.

Die Antwort muss gemäß diesem Wirkungsfächer differenzieren: Hier ging es um „Karl den Großen“, dort um „Charlemagne“, und mit ihnen um zwei höchst unterschiedliche Erinnerungsfiguren und divergierende historische Phänomene. Dass weder diese noch jene Figur den historischen Frankenkönig und Kaiser erfasste, der, wenn überhaupt, nur aus dem gedächtniskritischen Rückverfolgen der Erinnerungsströme zu ihrem Ausgang erfasst werden kann, das steht auf einem anderen Blatt. Ein solches endet nicht bei den sogenannten ‚Quellen‘, insofern diese gewöhnlich für den direkten Niederschlag der einstigen Geschehnisse betrachtet werden. Denn auch diese ‚Quellen‘ spiegeln komplexe, transitorische Wirklichkeiten, die in ihrer Flüchtigkeit kaum fassbar sind; sie sind nahe oder ferne Gedächtnisprodukte und müssen als solche analysiert werden. Wie weit das möglich ist, sei an dieser Stelle nicht erörtert.

Indes, wir sind dem historischen Geschehen vorausgeeilt. Denn noch vor dem königlichen Heros und Helden trat, wie eben erwähnt, der Sünder Karl in das kulturelle Gedächtnis und entfaltete über dasselbe eine nachhaltige Wirkung, die schließlich in seine Verklärung als Heiligen mündete und auch den weltlichen Heros, seine Taten und Wirkungen nicht unverwandelt ließ.

SÜNDER UND HEILIGER

Der Weg begann mit der erwähnten Vision Wettis. Sie erinnerte an den viel liebenden Karl, einen nimmersatten Weiberhelden und Vater zahlreicher Bastarde, dem im Jenseits, auf den Läuterungsberg verwiesen, ein Untier das ständig nachwachsende Geschlecht zernagte; und sie bediente sich dieser Vision, um psychischen Druck auf den Konvent zu üben und eine neue religiöse Institution, das aufwendige monastische Gebetsgedenken, zu etablieren. Das Mittel zeitigte den gewünschten Erfolg. Das Gebetsgedenken wurde nicht nur eingerichtet, es erwies sich in den kommenden Jahrhunderten als eines der stärksten religiösen und sozialen Handlungsmotive für Klosterstifter und Mönchtum, für Sozialfürsorge und karitative Einrichtungen. Wie dem aber sei, einstige Wirklichkeit und Erinnerung drifteten auch jetzt in ihren realen Wirkungen auseinander und schufen neue Wirklichkeiten, die nichts mehr miteinander gemein hatten.

Nicht minder Fantastisches als die Reichenauer mutete der Autor der „Wunder des hl. Goar“ von 839 seinen Lesern zu. Karl mied danach, als er einst vom Mittelrhein nach Aachen fuhr, den direkten Weg von Ingelheim nach Koblenz. Er hätte ihn an St. Goar und damit an einer von Romanen gepflegten Kultstätte eines Romanen vorbeiführen und ihn dort zum Gebet verweilen lassen müssen. Der König wollte das offenbar vermeiden. Die Strafe ließ nicht lange auf sich warten. Nebel kam auf, und Karl verirrte sich. Nur nach eindringlichem Sündenbekenntnis und inbrünstigem Gebet erreichte er sein Ziel: Seht, auch der mächtigste König wird von dem hl. Goar bezwungen und bekehrt.

Karl also der bußfertige Sünder. Dieser Zug der Legendenbildung fand Nachahmung und Fortsetzung, die in einer großen, unaussprechlichen und bis heute nicht namhaft zu machenden Sünde gipfelte, die Karl beklagte, aber nicht einmal dem hl. Ägidius zu beichten wagte. Diesem aber flog während der Messe ein Brief vom Himmel zu, der dem reuigen Sünder Verzeihung und Gnade verhieß. Das Motiv des Himmelsbriefes lässt sich erstmals in der im 10. Jahrhundert in Südfrankreich, vielleicht im Umfeld des Klosters Saint-Gilles, entstandenen Ägidiuslegende fassen. Es wirkte von dort aus auf weitere Dichtungen des hohen Mittelalters, nicht zuletzt auch auf das deutsche Rolandslied, das am Hof Heinrichs des Löwen entstand. Die Wandlung des Sünders zum Heiligen zeichnete sich nun ab, zumal als die Ägidiuslegende sich mit der Kreuzzugsthematik und dem Jabobuskult vereinte, Karl zum Kreuzritter und zum ersten Jakobspilger, der hl. Ägidius zu einem der vierzehn Nothelfer aufstiegen und ihr Kult zahlreichen Orten realen Gewinn eintrug. Die Kriege der leiblichen Erben und Enkel des großen Karl und die Wirkung der Erinnerung an die Größe seiner Fleischessünden schrieben sich mit divergierenden, doch dauerhaften Folgen in die Geschichte des Abendlandes ein.

Der Heilige erwies sich, wie konnte es anders sein, als stärker denn der Sünder. Die Legendendichter unterschlugen oder vergaßen den Frauenhelden, den Lüstling am Läuterungsberg. „Jungfräulich im Begehren und märtyrergleich im Eifer“ handelte nun der heilige Karl in einer Antifon zum Magnifikat im 13. Jahrhundert, ein himmlischer Fürbitter für die Verzeihung der Sünden.18 Wie war solche Verwandlung möglich geworden? Wie diese qualitative Inversion, die den Sünder zum Mittler der Sündentilgung erhob?

Die Entwicklung setzte, sehe ich recht, in Sachsen ein. Der sogenannte Poeta Saxo, ein anonymer Dichter aus diesem Volk, der kurz vor 900 vielleicht in Corvey die spröden „Reichsannalen“ in Hexameter und Einhards Karlsleben in elegische Distichen setzte, zeichnete den Frankenkönig als den Glaubensbringer seines Stammes, gleichsam als Apostel der Sachsen (ohne ihn direkt so zu nennen). Gottes Erbarmen schenkte diesem verstockten Volk den großartigen Karl als Lehrmeister und Erzieher zum Glauben, der sie mit Gewalt unterwarf, sie, die keine Vernunft zu zähmen vermochte; „so zwang er die Sachsen unwillig zum Heil“. Liebe und Dank gebührten ihm von ihnen. „Durch Karl wurde uns die Hoffnung auf ewiges Leben geschenkt. Wer könnte die Seelen zählen“, so jubelte der Dichter, „die er dem Herrn gewann, indem er die Völker der Sachsen zum Glauben bekehrte? […] Gib, Christus, Karl so zahlreichen Lohn, wie das Gotteslob in Sachsens Kirchen erschallt und die Gläubigen das Bekenntnis ablegen […]. Am Tag des Jüngsten Gerichts steht niemand den Aposteln näher als er.“ Petrus führe dann die Judenchristen an, Paulus die Heidenchristen, Andreas die Griechen, Johannes die Gläubigen Kleinasiens, Matthäus die Äthiopier, Thomas die Inder, „hinter Karl aber folgt freudig der Sachsen Schar, ihm zur Glorie ewiger Seligkeit“.19 Dieser auf Gottes Geheiß handelnde Karl versöhnte die Besiegten mit dem fränkischen Sieger.

Die Anerkennung neuer Heiliger und ihre Translation war indessen, wie einst Karl der Große auf der Synode von Mainz im Jahr 813 selbst hatte verkünden lassen, im früheren Mittelalter eine kaiserliche Aufgabe. So machte auch kein noch so wortgewaltiger Dichter einen Herrscher zum Heiligen. Der Kaiser indessen, der sich Karls annahm, Otto III., erkannte endlich in ihm den Heiligen, der er war, an dessen Seite und in dessen Schutz er, wie wir aus sicherer Quelle wissen, den Tag der Auferstehung und das Jüngste Gericht zu erwarten gedachte – als einer aus der Schar derer, die freudig Karl vor den ewigen Richter folgten. Er ließ Karls Grab suchen, öffnen und die Gebeine, die einst vor den Normannen in Sicherheit gebracht worden waren, in einen neuen Schrein transferieren, somit Akte vornehmen, wie sie jedem neuen Heiligenkult vorausgingen. Es war ein endzeitlich getönter Glaube, dem der Sohn der Byzantinerin Theophanu sich hingab. Doch war es zu früh, Otto starb mit blutjungen 21 Jahren. Die beteiligten Bischöfe, allen voran Heribert von Köln und Bernward von Hildesheim, erschraken und deuteten den vorzeitigen Tod als Strafe Gottes für die nun als Frevel erkannte Störung der Totenruhe. So erstarb mit dem jungen Kaiser der eben einsetzende kaiserliche Kult. Erst anderthalb Jahrhunderte später sollte es sich abermals ändern.

Mittlerweile formten sich in Frankreich jene Legenden bildenden Kräfte, die die Chanson de Roland, Karls Pilgerfahrt nach Jerusalem oder den Pseudo-Turpin hervorbringen sollten. Der hl. Jakobus erschien hier Karl im Traum: „Ich wundere mich über die Maßen, dass du mein Land noch nicht von den Sarazenen befreit hast […]. Darum tue ich dir kund: dass der Herr, so wie er dich zum mächtigsten der irdischen Könige machte, dich vor allen anderen auserwählt hat, meine Straße [das ist den Pilgerweg nach Santiago!] zu bereiten […] und dir so die Krone des ewigen Lebens bereitzuhalten. Die Sternenstraße, die du am Himmel gesehen hast, bedeutet, dass du mit Heeresmacht zum Kampf gegen die Ungläubigen zur Befreiung meiner Straße und meiner Erde und zum Besuch meiner Kirche und meines Grabes […] nach Galicien ziehen sollst. Und nach dir werden alle Völker, von Meer zu Meer, wandernd und Vergebung ihrer Sünden vom Herrn erflehend, dorthin ziehen.“20 Karl folgte den Weisungen des Apostels, wurde der Befreier des Jakobusgrabes und der erste Pilger nach Santiago. So verbreitete es der Pseudo-Turpin; und so wurde Karl zum gottgesegneten Weggefährten der Pilger.

Derartigen Stoff griff Friedrich Barbarossa auf und betrieb, wie er festhalten ließ, „auf inständige Bitten [seines] lieben Freundes, des Königs Heinrich von England, und mit Zustimmung und kraft der Autorität des Papstes Paschalis die Auffindung, Erhebung und Heiligsprechung der Gebeine Karls des Großen“.21 Ein krasserer Unterschied als zwischen den Handlungsmotiven Ottos III. im apokalyptischen Jahr 1000 und eines Friedrich Barbarossa in dem von einem Papstschisma gezeichneten Jahr 1165 lässt sich kaum denken. Der Kaiser protegierte einen Gegenpapst, die übrigen Könige Europas – mit Ausnahme des dänischen –, auch Heinrich II. von England, anerkannten den von der Mehrheit der Kardinäle gewählten Alexander III. Der Rotbart, im Westen nun als Tyrann und „Vorläufer des Antichristen“ tituliert,22 hoffte, den englischen König, mit seinem französischen Kollegen und Lehnsherrn verfeindet, auf seine Seite herüberziehen zu können.

Gesten der Freundschaft und des Entgegenkommens waren da gefragt. Die Heiligsprechung Karls des Großen war eine von ihnen. Sie stützte sich auf den im Westen und im Umfeld des französischen Königtums wieder erstarkenden Karlsmythos, dem sie nun den Heiligen an die Seite stellte. Papst Paschal III., das kaiserliche Geschöpf, sanktionierte sie. Sie galt dem „starken Kämpfer für die Verbreitung des Christenglaubens und die Bekehrung der Barbaren, dem wahren Apostel“, wie eine Kaiserurkunde für Aachen festhielt: die Bekehrung nämlich Sachsens, Frieslands, Westphalens, auch der Spanier und Basken mit Predigt und Schwert; das Letzte erinnerte natürlich an den Komplex um Karls Paladin Roland. Die politische Realität folgte dem kulturellen Gedächtnis, wie es die Lieder verbreiteten. Karls täglicher Wille, für die Bekehrung der Ungläubigen den Tod zu erleiden, hätte ihn zum Märtyrer gemacht. Betrieben aber wurde die Heiligsprechung nicht zuletzt „zur Stärkung des Römischen Reiches“.23 Das Ergebnis war – das verrät die ungewöhnliche und höchst brisante Intervention des englischen Königs – ein unverhohlener Affront gegen den französischen Lehnsherrn dieses Königs, vielleicht gar eine versteckte Drohgebärde gegen denselben und auf jeden Fall eine politische Demonstration im Gewand eines Heiligenkultes. Derselbe vermochte sich von diesem Makel nie recht zu befreien.

Zu Kultzwecken bedurfte es einer Heiligen-Vita. Friedrich gab auch sie in Auftrag. Der Aachener Kanoniker, der sich der Sache annahm, mühte sich redlich, der Überlieferung geeignetes Material zu entnehmen. Einhards höchst profanes Karlsleben lieferte bloß einen äußeren Rahmen. Pseudo-Turpin indessen, die legendäre Jerusalemfahrt und die Reliquienbeschreibung aus Saint-Denis boten reichlich Stoff. Aus diesen Schriften komponierte er sein Werk. Es geriet mehr zu einer akademischen Übung denn zu einem Zeugnis literarischer Gestaltungsgabe, königlicher oder volkstümlicher Frömmigkeit. Große Wirkung blieb dieser Biografie versagt. Weite Verbreitung fand sie ebenso wenig. Volkssprachliche Versionen sind unbekannt. Gleichwohl, Karl trat nun nicht nur als Glaubensbringer, sondern als Wundertäter und Heiliger in Erscheinung.

Allein in Aachen, und in Frankfurt, etablierte sich der Kult rasch und dauerhaft. „Du warst Licht und Edelstein der Kirche Christi, Karl, Blüte der Könige, Zierde des Erdkreises und Gleisspur der Gesetze“ verkündete der Karlsschrein im Aachener Münster zu Beginn des 13. Jahrhunderts:

ECCLESIE CHRISTI TU LUX TU GEMMA FUISTI KAROLE FLOS REGUM DECUS ORBIS ET ORBITA LEGUM.

Andernorts bedurfte es des Friedens von Venedig (1177), mit dem sich der Rotbart Papst Alexander III. unterwarf, um Karls Heiligkeit ein wenig heller auf leuchten zu lassen. Der englische König hatte, entgegen den Hoffnungen des Kaisers, den rechtmäßigen Papst weder verlassen noch den Kult des neuen Heiligen, um dessen Erhebung er so eindringlich gebeten haben soll, eigens gefordert.

Nicht einmal das staufische Königshaus selbst verehrte den hl. Karl den Großen in besonderer Weise, obgleich Friedrich I. Aachen seinetwegen mit reichen Gaben bedachte und sein gleichnamiger Enkel im Jahr 1215 den letzten, noch fehlenden Nagel in den Aachener Karlsschrein trieb und diesen damit seiner Bestimmung übergab. Doch hatte der junge König auffallenderweise an der vorausgegangenen Translation nicht teilgenommen. So hallten diese Hammerschläge als eine weithin schallende Geste der Aneignung des anspruchsschweren Kleinods durch das Aachener Münster. Sie sollten vor allem das Ohr von Friedrichs Gegner, Kaiser Otto IV., treffen, der vom nahen Köln aus ohnmächtig zusehen und den jugendlichen Staufer in Aachen gewähren lassen musste, obwohl Otto den kostbaren Schrein maßgeblich mitfinanziert haben dürfte. Abermals begnügte sich der Staufer mit einer bloßen Propagandaaktion ohne tieferes religiöses Bedürfnis und ohne kultgeschichtliche Konsequenzen.

Ein volkstümlicher Heiliger wurde Karl auf diese Weise nie – ganz im Unterschied zu der profanen Heroen- und Sagengestalt, als die er weithin im Gedächtnis der Schulmeister und des Volkes lebte. 1233 erhielt immerhin das Stift St. Felix und Regula in Zürich einige Karlsreliquien, worauf sich auch dort ein bescheidener Kult ausbreitete. Allein den Sachsen, jedenfalls den Lateinkundigen unter ihnen, galt Karl als Glaubensbringer, als ihr Apostel, Saxonum apostolus, so wie ihn jetzt, im 13. Jahrhundert, die Halberstädter Bischofschronik24 auch der eine oder andere Hymnus in Erinnerung bringen sollten: Saxeae gentis apostolus.25 Mehrere Bistümer – neben Halberstadt Osnabrück, Paderborn, Münster, Minden und Hildesheim – verehrten ihn als (Mit-)Patron; in anderen verbreitete sich wenigstens der Kult, auch wenn Zeugnisse eines lebendigen Volksglaubens fehlen. So blieb es, bis die Reformation abermals neue Verhältnisse schuf.

Höchst zögerlich indessen wurde der Karlskult in Frankreich übernommen, obgleich dort im 12. Jahrhundert alles auf ihn zuzueilen schien. Barbarossas Aktion hatte schier unüberwindbare Dämme gegen ihn errichtet. Es bedurfte zweier Jahrhunderte, bevor der hl. Karl sich dort zu etablieren vermochte, dann freilich dauerhafter als im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Karl blieb im Westen noch lange der französisch-königliche Heros, ein großer, machtvoller Helfer und Förderer der Kirche zwar, eine „zweite Sonne“, doch kein Heiliger. Sein Tod habe den ganzen römischen Erdkreis in Trauer gestürzt. „Großer Trost für Frankreich und das römische Imperium aber ist, dass überall sein Gedächtnis in schönster Blüte steht und die schmetternde Tuba das Gehörte schrecklich der ganzen Welt ertönen und im Rühmen seiner Taten auferstehen lässt.“26 Mehr war nicht zu vernehmen.

Der religiöse Kult wird erst für den gelehrten französischen König Karl V. bezeugt, den Zeitgenossen des römischen Kaisers Karl IV. Es war gewiss kein Zufall. Der Heiligenkalender des Königs verzeichnete nun zwei Karlsfeste: zum 28. Januar, dem Todestag, und zum 30. Juli, dem Tag der Translation. Doch nicht nur in der Saint-Chapelle zu Paris hielt der Karlskult jetzt seinen Einzug. Zahlreiche französische Kirchen, Reims, Rouen, Narbonne und andere schlossen sich an. „O Zierde der Kirche, frommer König der Franzosen, Muster an Gerechtigkeit, bitte, Vater Karl, für dieses sündige Volk“, heißt es im Missale der Krönungskirche von Reims von 1505.27 So betete man bis zur großen Revolution und noch länger im 19. Jahrhundert. Volkstümlich wurde aber auch hier der Karlskult nicht.

Der Luxemburger aber auf dem Kaiserthron, Karl IV., suchte zu heilen, was seine staufischen Vorgänger unterlassen hatten. Er, der König von Böhmen werden sollte und einst auf den Namen Wenzel getauft worden war, wechselte den Namen, wählte sich bei seiner Firmung in Paris den heiligen Karl zum Patron und regierte als Karl IV. das römische Reich. Karls Kirche in Aachen, das Marienmünster, auch die Wahlkirche der Könige in Frankfurt bedachte er in der Verehrung seines Heiligen mit reichen Gaben. So erweist sich das 14. Jahrhundert als eine dreifache „Karls-Epoche“: im Westen, im Osten und im Himmelreich.

DER HEROS DER DICHTER UND LITERATEN

Die deutschen wie auch die französischen Dichter haben Karl zu keiner Zeit vergessen. Eine reiche Fülle überlieferter Lieder und „Chansons de geste“ kündet davon. Wenigstens kurz sei darauf noch eingegangen. Karl erschien als der ideale König, als das Vorbild christlicher Ritterschaft. Hervorgehoben sei allein das Rolandslied, das in zahlreiche Sprachen Eingang fand, während der sonstige, geradezu überbordende Schatz der französischen „Gestes de Charlemagne“ oder „Gestes du roi“ übergangen werden muss. Keine von ihnen feierte den Heiligen.

In Deutschland beginnt – von der Kaiserchronik abgesehen, in der Karl bereits von Heiligkeit umflort erscheint – die nicht eben üppige Reihe der Karlsdichtungen mit dem Rolandslied des Regensburger Pfaffen Konrad, einer Weiterdichtung der französischen Chanson de Roland, die ihrerseits auf mündliche Traditionen zurückführt, wie sie etwa in der sogenannten Nota Emilia- nensis aus dem spanischen Kloster S. Millan de la Cogolla aufscheint. Der Stoff der deutschsprachigen Karlsepik kam somit ebenfalls aus dem Westen; er hatte sich schon dort mit der Kreuzzugsdichtung vereint. Das Epos wurde auf Bitten der Herzogin Mathilde gedichtet, der in Westfrankreich erzogenen englischen Königstochter und Gemahlin Heinrichs des Löwen. Sie brachte das Lied aus ihrer Heimat ins Sachsenland und nach Bayern mit, wo es dann über den Umweg einer lateinischen Übersetzung mühsam ins Deutsche übertragen wurde. Weite Verbreitung fand es nicht. Daneben sind allein der in der Nachfolge des Rolandsliedes stehende Karl des Dichters Stricker und der kompilatorische anonyme Karlmeinet zu erwähnen. Der Frankenkönig war von diesen wenigen Ausnahmen abgesehen kein herausragender Held der mittelhochdeutschen Dichtung. Doch strahlte die französische Dichtung bis nach Skandinavien aus: Karlamagnüs saga ok kappa hans.

Schon die Chanson de Roland hatte an Karls Spanienfeldzug und Niederlage im Jahr 778 gegen Muslime und Basken erinnert, an die zwölf Paladine mit Roland, der im realen Leben ein bretonischer Markgraf gewesen sein dürfte, und dem getreuen Erzbischof Turpin an der Spitze. Sie erinnerte weiter an den Verräter Genelun, hinter dem sich der historische „Verrat“ des Erzbischofs Wenilo von Sens an Karl II. verbergen dürfte – durchweg also historische Gestalten und Episoden, die in der realen Geschichte des Frankenreiches während des 8. und 9. Jahrhunderts eine Rolle gespielt haben und nun, im Epos, neue, nicht minder nachhaltige Wirkung erzielen sollten. Schicht um Schicht hat sich hier um einen Erzählkern gelagert, der zuletzt noch den Kreuzfahrer und Heiligen in sich aufzunehmen vermochte – für den, der es zu benutzen versteht, geradezu ein Archiv des vielgestaltigen Karlsgedenkens. Das Lied besang mit lautem Waffengeklirr den heldenhaften Märtyrertod Rolands und seiner Gefährten, die furchtbare Rache des Kaisers und seinen endgültigen Triumph. Es mochte jeden christlichen Ritter, auch wenn er keinem geistlichen Ritterorden beitrat, für den heiligen Krieg und den Kreuzzug entflammen. Man vermutet denn auch, dass das deutsche Lied während des Kreuzzuges Heinrichs des Löwen (1172) dem Herzog und seinen Rittern zur Erbauung diente. Doch heilig war des deutschen Roland Herr noch nicht.

Zahlreiche französische Epen des hohen und späten Mittelalters widmeten sich den feudalen Bindungen zwischen dem königlichen Lehnsherrn und seinen Vasallen und Paladinen. Auch Familienfehden spiegelten sich in manch einer der „Chansons“. Ein eigener Zyklus an „Verräterepen“ entstand. Karl spielte hier freilich vielfach eine eher klägliche Rolle. Er war nun der Versager; Fürsten und Rebellen triumphierten über ihn. Das Rebellenepos präsentierte einen eigenen Typus der französischen Karlsepik, der in Deutschland vollständig fehlte: den negativen Helden, den lächerlichen König, den nutzlosen Herrscher. Es artikulierte dort, zumal in Aquitanien, dem Land südlich der Loire, und überhaupt im Languedoc, die Opposition gegen das zentrale französische Königtum und die reale oder erhoffte Emanzipation von demselben. Davon ist hier nicht mehr zu handeln. Deutschsprachige Dichter griffen diese Thematik ohnehin nicht auf. Erst in der frühen Neuzeit drang der eine oder andere Stoff in die „Volksbücher“-Literatur ein, ohne sonderlich Karls glänzendes Bild zu verdunkeln.

Ein dritter Zyklus der hoch- und spätmittelalterlichen französischen Epik wandte sich, gleich dem reich überlieferten, aber unvollendeten Willehalm Wolframs von Eschenbach, dem Markgrafen Guillaume d’Orange zu. Dessen historisches Vorbild war der gleichfalls als Heiliger verehrte Markgraf Wilhelm von Toulouse. Er leitete zur Zeit Karls des Großen unter Ludwig dem Frommen in Aquitanien tatsächlich die Kämpfe gegen die Muslime, bevor er Klostergründer und Mönch wurde. Karl freilich spielte in diesen Dichtungen nur eine randseitige Rolle. Immerhin wusste Wolfram: „Der keiser Karl hat vil tugent“ (I, 6, 9).

HEROISIERUNG, MYTHISIERUNG UND LEGENDÄRE VERKLÄRUNG ALS WIRKLICHKEIT – EINE ZUSAMMENFASSUNG

Die Beispiele ließen sich noch lange fortsetzen. Doch auch die vorgestellten sollten deutlich gemacht haben, wie sich die drei Ebenen nationaler Mythisierung, kirchlicher Heiligung und heroischer Dichtung durchdrangen und durchmischten und wechselseitig aufeinander wirkten, und wie sie sich zur Gestaltung neuer Wirklichkeiten mit den Nachwirkungen vergangener Wirklichkeit vereinten. Hier vollzog sich ein komplexes Geschehen, bei dem keiner der Beteiligten ahnen konnte, wohin der von ihm beigesteuerte Impuls das Ganze tragen würde, und in dem sich ein jeder fortgesetzt neu orientieren musste. Ins Epos freilich zog der hl. Karl nur selten ein. Der Mythos verlieh diesem Karl viele Gesichter, ließ ihn hier mit dieser, dort mit anderer Gestalt in Erscheinung treten. So lebten fortgesetzt nicht bloß ein einziger, sondern zahlreiche Karl der Große nebeneinander: der Herrscher, der Sieger, der nutzlose König, der Sünder, der Büßer, Pilger und Heilige und andere mehr.

Der Appell an Karl diente vielfach als Passepartout für ‚Legitimität‘. Was dieser König oder Kaiser gestiftet, begründet, gefördert haben soll, sollte ewige Geltung beanspruchen und – sei es Herrschaft oder Heiligenkult, Ritter- oder Pilgertum, Ansiedlung der Juden oder Heidenkrieg – sakrosankt sein. Manch ein Motiv knüpfte an reales Geschehen an, doch vieles blieb ausgeklammert und schlummerte allein in den Werken der Geschichtsschreiber. Das Papsttum etwa und Italien, wo sich eine eigene Karlstradition bildete, sowie die Kirchenreform, denen Karl tatsächlich größte Aufmerksamkeit gewidmet hatte, fanden trotz aller welthistorischen Bedeutung keinen Zugang zum nordalpinen Karlsmythos; ebenso wenig der Förderer der Schulen und der Dichtkunst, des Lateins und der Astronomie, der wirtschaftende Karl, kaum etwas von seinen kulturstiftenden Leistungen – von der Ausnahme der angeblichen Gründung der Universität Paris abgesehen –, die ihn tatsächlich groß gemacht haben, von jenem Karl, der nach Dialektik und Rhetorik verlangt und das Abendland zu Wissenschaft und Buchkultur getrieben hatte. Vage Bilder eines idealen, mächtigen Herrschers, wie ihn Dürer imaginierte: „der das Remisch reich Den teitschen under tenig macht“,28 der sich um Recht und Gerechtigkeit und die Ausbreitung des Glaubens sorgte, eines bußfertigen Orientpilgers, eines Freundes der Mönche, eines Schutzspenders der Armen und der Juden und eines Feindes der Heiden formten sich hie und da im kulturellen Gedächtnis. Wären die Historiker allein auf diese mündlich kolportierten und schriftlich fixierten Imaginationen angewiesen, wir wüssten nicht, wer Karl der Große gewesen ist.

Das kulturelle Gedächtnis bleibt freilich nicht stehen; es fließt immerzu weiter. Auch jetzt ist für Karl ein neues Bild im Entstehen, wie eine lebhafte Karlsforschung bezeugen kann. Auch ihr Karlsbild befindet sich im Fluss. Es speist sich nicht zuletzt aus einer erinnerungsgemäßeren Beurteilung der historischen Quellen etwa zu seiner Geburt, zum Prozess gegen den Baiernherzog Tassilo, zur Kaiserkrönung oder zu seiner Nachfolgeregelung. Auch das vertiefte Wissen um die Aktualität der Endzeiterwartung um das Jahr 800 – nämlich das apokalyptische Jahr 6000 nach Erschaffung der Welt in der Berechnung des hl. Hieronymus – wirft Licht auf den am ersten Tag des neuen Jahrtausends in Rom zum Kaiser gekrönten Karl. Die alten Legenden und Sagen indessen, der jahrhundertelange wirksame Mythos Karl, um den es an dieser Stelle vornehmlich ging, sie werden nicht mehr fort-, allenfalls noch abgeschrieben. Lediglich im Internet geistern, abgesunken in eine dubiose Subkultur, unter dem großen Namen Zerrbilder einer Vergangenheit, multifunktional einsetzbare Leerformeln, die über Karl, den Heros und seinen Mythos nichts, über unsere Zeit aber nahezu alles verraten. Doch dies wäre ein neues Thema.

ANMERKUNGEN

1Dichtung und Wahrheit, 1. Teil, 1. Buch (Bd. 26, S. 27).

2Zit. bei Lehmann 1941, S. 177 f.

3Einhard: Leben Karls des Großen, c. 16 (in: Quellen zur karoling. Reichsgeschichte, I, S. 186).

4Heitonis Visio Wettini c. 11 (MGH Poetae II, S. 271); Walafrid Strabo, Visio Wettini, Vers 446–65 (S. 66).

5Notker:Taten Karls (in: Quellen zur karoling. Reichsgeschichte, III).

6Hincmarus: De ordine palatii, Prologus (MGH Fontes Iuris Germanici antiqui 3, 1980, S. 32 f.).

7Zum folgenden Grabois 1966, S. 5–41.

8MGH Diplomata Ottos III., S. 347.

9MGH Diplomata Ottos III., S. 257 f.

10Wipo: Tetralogus, Vers 159; und Gesta Chuonradi, c. 4 und 6 (MGH Scriptores rer. Germ., S. 80, 25, 28 f.).

11Suger: Vie de Louis VI le Gros, c. 22 (S. 222).

12Giraldus Cambrensis: De principis instructione III, 25 (S. 294); die Historizität der Anekdote steht hier nicht zur Diskussion.

13Vgl. Colker 1973.

14Ludus de Antichristo, Vers 21–26 (S. 196).

15Stephan von Rouen: Draco Normannicus lib. III, Vers 247–68 (MGH Scriptores rer. Germ. 26, S. 172).

16Vgl. etwa Guibert von Nogent: De vita sua (S. 130).

17Aubin u. a. 1935.

18Vgl. Lehmann 1941, S. 183 f.

19MGH Poetae IV, 189–97 (S. 11). – Die weiteren Zitate: V, 51 f.;V, 667 f., 671 f., 677 und 679 ff.

20Zit. nach Herbers 1988, S. 51.

21MGH Diplomata Friedrichs I., S. 502.

22Walter von Châtillon, Nr. 16, Vers 24,4 (S. 144).

23MGH Diplomata Friedrichs I., S. 502.

24MGH Scriptores rer. Germ. 23, S. 78 f.

25Zit. nach Lehmann 1941, S. 183.

26Alberich von Trois-Fontaines, zit. bei Lehmann 1941, S. 190.

27Folz 1967, S. 96.

28So die Inschrift auf dem 1512 gemalten Idealbild Karls des Großen im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.

QUELLEN

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Die Chronik von Karl dem Großen und Roland. Der lateinische Pseudo-Turpin in den Handschriften aus Aachen und Andernach, hg., komm. und übers. von Hans-Wilhelm Klein, München 1986.

Gesta Karoli Magni ad Carcassonam et Narbonam, hg. von F. E. Schneegans, Halle 1898.

Giraldus Cambrensis: De principis instructione, in: Giraldi Cambrensis Opera, hg. von George F. Warner, Bd. VIII, London 1891.

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Guibert von Nogent: De vita sua, hg. von Georges Bourgin, Paris 1907 (Collection de textes 40), Paris 1907.

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Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, hg. von Reinhold Rau, Teil I–III (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 5–7), Darmstadt 1955–60 u. ö.

Das Rolandslied des Pfaffen Konrad, hg., übers. und komm. von Dieter Kartschoke, Stuttgart 1993.

Suger: Vie de Louis VI le Gros, hg. und übers. von Henri Waquet, Paris 1929.

Walafrid Strabo: Visio Wettini. Die Vision Wettis, übers. und erl. von Hermann Kittel, Sigmaringen 1986.

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DER APOSTEL JAKOBUS
Vom spanischen zum europäischen Mythos von Klaus Herbers

Als am Silvestertag des Jahres 2003 in Santiago de Compostela der Erzbischof, Monsignore Julián Barrio Barrio, zum Auftakt eines neuen Heiligen Jahres, eines Ano Santo Compostelano, die sogenannte Heilige Pforte mit drei Hammerschlägen öffnete, verlas er zunächst einen Brief, den Papst Johannes Paul II. an ihn und das versammelte Volk gerichtet hatte. In diesem Schreiben wird der Heilige Ort mit dem Apostelgrab als „spirituelle/geistige Hauptstadt der europäischen Einheit“ („Capital espiritual de la unidad europea“) bezeichnet.1

Einen Tag zuvor, am 30.12.2003, wurde am gleichen Ort das sogenannte Translationsfest begangen. Hier war das spanische Königspaar anwesend. König Juan Carlos trug die ofrenda, ein Widmungs- und Bittgebet, an den Apostel im Namen aller Spanier vor. Nationale und europäische Bezüge finden sich hier unmittelbar nebeneinander, ja, überlagerten sich sogar in der ofrenda des Königs.

Worauf basieren diese Bilder des Apostels Jakobus? Schauen wir in die biblischen Texte, so lässt sich weder ein spanischer noch ein europäischer Bezug feststellen. Hier finden wir den Apostel Jakobus den Älteren oft zusammen mit seinem Bruder Johannes als Söhne des Zebedäus oder als wichtiges Mitglied jener kleinen Apostelgruppe Petrus, Jakobus und Johannes, die dem Herrn zu seiner Verklärung auf den Berg Tabor folgen durfte sowie ihn vor seinem Leiden in den Garten Gethsemane beim Ölberg begleitete. Und schließlich heißt es für die Zeit nach Auferstehung und Himmelfahrt in der Apostelgeschichte (12, 1–2):

Um dieselbe Zeit legte der König Herodes Hand an einige Angehörige der Gemeinde, um sie zu misshandeln. Er ließ Jacobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwerte hinrichten.

Die Vorstellung vom Wirken dieses Apostels hat sich bis heute offensichtlich deutlich erweitert, sodass es gerechtfertigt sein mag, auch eine biblische Gestalt wie Jakobus in den Prozess von Mythenbildung einzuordnen.

Apostel Jakobus „Pilgerkrönung“ am Jakobusaltar, Schlosskirche Winnenden; Umkreis d. Jörg Töber aus Hagenau, um 1520

Was kann unter einem Mythos verstanden werden?

Folgt man dem Ägyptologen Jan Assmann, so handelt es sich dabei einfach um fundierende Geschichten. Die zunächst in der Antike verwurzelten Konnotationen eines Mythos verschieben sich für das Mittelalter. Neben den häufig für die Antike evozierten Definitionen von Mythen gibt es auch eher funktionale Annäherungen an den Begriff. Im Vorwort des Bandes Mittelaltermythen2 verstehen die Verfasser darunter Konkretisierungen von Gestalten und anderen Dingen, die

[…] erzählerisch gewissermaßen modellhaft – ein Konzept bereitstellen für das Verhältnis des Menschen zu seinen Erfahrungen und zur Welt. Vorrationale Mythen bewahren fundamentale Wahrheiten […], auf derer sich Rationalität dann erinnert, wenn der wissenschaftlich-technische oder auch gesellschaftlich-ideologische Fortschritt ins Stolpern gerät und zu straucheln droht. Deshalb unterliegen Mythen Tradition und Wandel, und ihre symbolhafte oder auch lebenspraktische Bedeutung verändert sich und paßt sich den sich neu regelnden Bedingungen an.

Ich möchte hier danach fragen, in welchem Maß Jakobus für die spanische Geschichte fundierend wurde und in das Bewusstsein trat und welche europäischen Bezüge sein Kult entwickelte. Dabei stelle ich von mehreren möglichen nur einige Etappen und Themenfelder in den Vordergrund: eine erste grundlegende Phase im 8./9. Jahrhundert (I), eine politische Instrumentalisierung im Konkurrenzgeflecht verschiedener iberischer Reiche (II) und kirchlicher Ansprüche (III), eine Europäisierung durch Propaganda und Pilgerfahrten (IV), die Frage nach der Entstehung Europas auf den Pilgerwegen (V), die ich dann in einem abschließenden Abschnitt (VI) auch im Blick auf ihre jeweilige Instrumentalisierung hin vergleichend würdigen möchte.

DIE HISPANISIERUNG DES APOSTELS JAKOBUS VOR DEM HINTERGRUND DER MUSLIMISCHEN EROBERUNGEN AUF DER IBERISCHEN HALBINSEL

Wie und warum wird der Apostel mit der Iberischen Halbinsel verbunden? Biblische Notizen wissen hiervon ja gar nichts.

Schon die Anfänge der spanischen Traditionen gehören in eine historische Umbruchsituation. Im lateinischen Westen kannte man zwar die Gräber von Petrus und Paulus in Rom, aber weitere Apostel wurden im Westen bis ins 9. Jahrhundert nicht verehrt. Dies änderte sich nach 711, als der größte Teil des alten Westgotenreiches auf der Iberischen Halbinsel von den Muslimen unterworfen wurde und nur noch kleine christliche Herrschaften im Norden und Osten bestanden. In dieser Situation wurden in einem dieser Reiche, in Asturien, in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts Berichte der ursprünglich griechisch verfassten Apostelkataloge aufgegriffen, die den Aposteln verschiedene Missionsgebiete zuordneten, darunter dem Apostel Jakobus dem Älteren die Hispania. Wenn dies aber zutraf, sollte dann nicht die letzte Ruhestätte dort sein, wo der Apostel gepredigt hatte? Zu Beginn des 9. Jahrhunderts wurde ein Grab im äußersten Nordwesten der Iberischen Halbinsel gefunden, das man mit demjenigen des hl. Jakobus identifizierte. Jakobus, so hieß es in späteren Schriften zunächst in Übereinstimmung mit der Apostelgeschichte weiter, sei nach seiner Predigttätigkeit auf der Iberischen Halbinsel nach Jerusalem zurückgekehrt, sei dort 44 nach Christus als erster Märtyrer der Apostel enthauptet worden, dann, wie man nun wissen wollte, von seinen Anhängern in ein Schiff gelegt worden und auf wunderbare Weise nach Nordwestspanien gelangt. Das dortige Grab sei in Vergessenheit geraten, bis es dann zu Beginn des 9. Jahrhunderts von dem Eremiten Pelagius nach einer Vision entdeckt worden sei. So weit die wichtigsten Traditionen von Predigttätigkeit, Überführung und Entdeckung des Grabes.

Heiligenkulte entwickelten sich in dieser Zeit an vielen Orten. Die zunehmende Reliquienverehrung, die Vorstellung, dass am Grab eines Heiligen sich Himmel und Erde gleichsam berührten, sowie die immer wichtiger werdenden Hoffnungen, dass an diesen Gräbern frommen Pilgern nicht nur Sünden vergeben, sondern auch Krankheiten durch Wunder geheilt würden, trugen zu einer ungeahnten Vervielfachung von wichtigen Kultorten bei. In Compostela wurde das Grab eines Apostels entdeckt – geschah dies nur zufällig zu Beginn des 9. Jahrhunderts? Der spanische Jakobuskult diente, so eine geläufige These, als eine Identifikationshilfe für das kleine christliche asturische Reich im Norden der Iberischen Halbinsel. War dies nach der muslimischen Eroberung 711 eine fast zwangsläufige Entwicklung? Dann bliebe aber die Frage, warum die Entdeckung des Grabes erst zu Beginn des 9. Jahrhunderts, nicht schon kurz nach 711 erfolgte.

Als 711 die Iberische Halbinsel von den Muslimen weitgehend unterworfen wurde, lebten Christen nicht nur weiterhin im Norden, sondern auch unter muslimischer Herrschaft übten Christen ihre Religion als sogenannte Mozaraber weitgehend unbehelligt aus, waren allerdings durch höhere Steuern belastet. Sie konnten sich sogar darauf berufen, dass sie mit Toledo die alte kirchliche Metropole des früheren Westgotenreiches besaßen. War damit nicht vorgegeben, dass diese Mozaraber, vor allem in Toledo, den Ton für die Christen in Spanien überhaupt angaben? Rom bemühte sich darum. Im sogenannten Codex Carolinus sind mehrere Schreiben des Papstes Hadrian I. von 785 bis 791 überliefert,3 die darauf abzielen, die Kirchenstruktur im muslimischen Spanien zu verbessern und gewisse judenfreundliche Tendenzen abzustellen. Wenig später kam es zu einer großen theologischen Diskussion um den sogenannten Adoptianismus. Diese Lehre, wonach Gottsohn von Gottvater lediglich adoptiert worden sei, war vielleicht nach der muslimischen Eroberung angesichts eines streng monotheistischen Islam als eine Kompromissformel entwickelt worden. Erzbischof Elipandus von Toledo († ca. 802), ein Verfechter dieser Lehre, hatte Gegner in Asturien, unterlag aber schließlich, nachdem unter karolingischem Einfluss auf dem Konzil zu Frankfurt 794 zugunsten einer streng trinitarischen Position entschieden worden war und Papst Leo III. dies wenig später bestätigte.4

Ohne diese dogmatischen Auseinandersetzungen im Einzelnen würdigen zu können, fällt auf: Nach Abschluss dieser Diskussionen und nachdem die Neuorganisation der christlichen Kirche unter muslimischer Herrschaft von den Päpsten aufgegeben, zumindest nach Ausweis der überlieferten Quellen nicht weiter verfolgt wurde, verdichteten sich die spanischen Traditionen um ein Apostelgrab im Norden der Iberischen Halbinsel. Erst jetzt war offensichtlich auch kirchenpolitisch der Weg frei, um dem alten Toledo ein Gegengewicht im Norden des christlichen Spanien entgegenzusetzen. Die Entdeckung des Apostelgrabes in Compostela war damit, bevor der erste Pilger überhaupt gekommen war, schon von Anfang an in Zusammenhänge gestellt, die von der Rezeption der griechischen Apostelkataloge bis zu Entscheidungen im muslimisch beherrschten Toledo, im fränkischen Karolingerreich sowie in Rom reichten. Compostela war somit von Anfang an kein nur lokales Zentrum, obwohl die Pilger zunächst nur aus der Umgebung kamen: Spanische und europäische Bezüge waren gegeben.5

DER APOSTEL BEI DER FORMIERUNG DES CHRISTLICHEN SPANIEN

Damit waren aber zugleich zwei weitere Perspektiven eröffnet: eine, die sich eher auf Galicien und Spanien bezog, eine andere mit weiter gespannten Dimensionen. Beide Bereiche waren miteinander verflochten und entwickelten sich nicht nacheinander, sondern parallel, wenn auch unterschiedlich nach Rhythmus und Intensität. Vielleicht hilft es dabei, eine Unterscheidung zu treffen: Der Grabeskult in Compostela betraf besonders Galicien, prinzipiell aber alle Gläubigen, die Berichte über eine Missionstätigkeit des Apostels eher Spanien selbst.

Für das Bild von Jakobus wurde auf der Iberischen Halbinsel eine Facette bedeutend, die meist mit dem Landespatronat des Apostels verbunden wird. Die Entwicklung vollzog sich in mehreren Schritten. Ausgangspunkte waren hier weniger die Verehrung seines Grabes oder der Bericht über die Translation, sondern die seit dem 8. Jahrhundert kursierenden Erzählungen, dass Jakobus der Ältere auf der Iberischen Halbinsel gepredigt habe. Von dieser Argumentation her werden seit der Zeit der Kreuzzüge zunehmend auch Vorstellungen von Schutz und Hilfe des Apostels für die Anliegen der christlichen Hispania entwickelt. Eine Legende über die Eroberung von Coimbra (1064) mithilfe des Apostels Jakobus, die um 1100 aufgezeichnet wurde, ist das erste zentrale Zeugnis. Wichtiger wurde die Interpretation der legendären Schlacht von Clavijo im 12. Jahrhundert. Wiederum wurde eine Fälschung bzw. eine Fiktion entscheidend: das Privileg der „votos de Santiago“. Zwischen 1155 und 1172 brachte der Compostelaner Kleriker Pedro Marcio dieses Schriftstück in eine Form, die bis in die Neuzeit bedeutend blieb. Eine Abgabe vieler Bewohner der Iberischen Halbinsel an die Kirche des Apostels wurde auf die angebliche Schlacht von Clavijo (834 oder 844) zurückgeführt: Nach einer Niederlage der Christen habe Jakobus in einer Vision Hilfe angeboten, danach hätten die Truppen des Königs Ramiro gesiegt. Zum Dank hätte Ramiro die jährliche Zahlung an die Basilika des Apostels festgelegt, die jeder Christ in der ganzen Hispania entrichten müsse. Außerdem solle nach jedem Sieg über die Sarazenen ein Beuteanteil abgegeben werden.6 Der schon lange als Fälschung erwiesene Text7 ist aus der Situation des 12. Jahrhunderts zu erklären, knüpft jedoch an frühere Privilegien oder Schriften an8 und greift auch Elemente der Kreuzzugsidee auf.

Die Chronistik des 13. Jahrhunderts hat diese Version übernommen – denkt man an historiografische Entwürfe wie die von Rodrigo Jiménez de Rada (1247) oder die Primern Crónica general.9 Nicht hoch genug einzuschätzen für die Verankerung der Clavijo-Episode im historischen Wissen der Zeitgenossen und im Bewusstsein ihrer Nachfahren ist aber auch die Tatsache, dass durch die Forderung der „votos“-Abgaben fortwährend Bilder des Schlachtenhelfers Jakobus evoziert wurden. Damit hatte die Rolle des Apostels einen festen Platz in der spanischen Geschichtsschreibung, aber auch im „öffentlichen Bewusstsein“ und „kollektiven Gedächtnis“ erobert.10

Intensiviert wurde die Rolle eines für die Hispania wirkenden Jakobus in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts weiterhin durch die Förderung seiner Verehrung durch die Könige von León sowie durch die Gründung des Santiago-Ritterordens, der unter dem Schutz des heiligen Jakobus Krieg gegen die Muslime führte, aber gerade langfristig auch „national-hispanische Identität förderte.

APOSTELSITZ UND KIRCHLICHE ANSPRÜCHE

Bestand aber darin die einzige Weiterentwicklung der sogenannten frühesten spanischen Traditionen? Etwa gleichzeitig betrieben die Bischöfe und Erzbischöfe die Entwicklung Compostelas zu einem Apostelsitz, einer sedes apostolica, mit den entsprechenden Vorrechten. Es bedurfte reformerisch denkender Päpste im 11. Jahrhundert, die auch den Vorrang Roms stärker in den Vordergrund rückten, um diese Versuche Compostelas in ihre Schranken zu verweisen. So kritisierte Leo IX. 1049 auf dem Konzil in Reims, dass der Bischof von Compostela sich widerrechtlich „apostolischer“ Titel bediene.11 Diese Kritik führte Gregor VII. noch weiter. In einem Brief von 1074 an König Alfons VI. bemerkte er, Schüler der hl. Petrus und Paulus hätten die Iberische Halbinsel zum christlichen Glauben geführt12 – von Jakobus kein Sterbenswörtchen. Diese Position ordnet sich deutlich in die allgemeinen Bestrebungen Roms ein, die Missionierungen in der frühchristlichen Zeit Schülern des Petrus und Paulus zuzuschreiben und damit den Rombezug der jeweiligen Kirchen wie durch ein Netzwerk zu verstärken. Für Compostela, das die Reliquien eines Apostels beanspruchte, bedeutete dies eine Herausforderung: Vor allem der ehrgeizige Erzbischof Diego Gelmírez (1098/99–1140) konnte in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch Legationen, Argumentationen, aber auch mithilfe von Fälschungen seine Position als Vorsteher einer Kirche, die sich eines Apostelgrabes rühmte, ständig weiterverbessern, sodass Compostela schließlich auf abenteuerliche Weise 1124 Erzbistum wurde und seine hervorgehobene Position auch im Streit mit Toledo und Braga während des 12. und 13. Jahrhunderts weiter verteidigte.

„EUROPÄISIERUNG“ DURCH PILGERFAHRTEN UND PROPAGANDA

Bei dieser Rangerhöhung innerhalb der lateinisch-christlichen Kirche, die sich auch gegen Ansprüche Toledos richtete, kam dem Erzbischof von Compostela aber auch zugute, dass der galicische Ort inzwischen zu einem großen Pilgerzentrum geworden war, dessen Einzugsbereich längst europäische Dimensionen erlangt hatte. So argumentierte man nicht nur mit dem Hinweis auf den Besitz der Apostelreliquien und auf die Pilgerverehrung, sondern förderte die Bereitschaft des Papstes und seiner Umgebung zur Rangerhöhung durch reiche Geldgeschenke, die zumindest teilweise auf die außergewöhnlich großen Pilgergaben zurückgingen:13 So gehörten beispielsweise eine goldene Truhe, 211 Poiteviner Schillinge, sechzig Mailänder Münzen und 20 Tolosaner Schillinge zu den Gaben, die auf abenteuerliche Weise nach Südfrankreich in die Umgebung des Papstes gelangten.14

Damit leite ich zu einem zweiten Aspekt über: Wie groß war die Ausstrahlung des Jakobuskultes geworden und wie wirkte dies weiter? Allgemeine Tendenzen der Frömmigkeitsgeschichte, so die verschiedenen Motivationen, die das Pilgern im Mittelalter insgesamt so beliebt machten, die zunehmende Mobilität, der leichtere Austausch von Nachrichten über größere Distanzen und weitere Rahmenbedingungen können hier jedoch nur erwähnt, nicht weiter dargelegt werden.

Die Compostelaner Bistumsgeschichte aus der Mitte des 12. Jahrhunderts berichtet davon, dass im Jahre 1121 der muslimische Almoraviden-Emir Ali benYusuf (1106–1143) aus dem südlichen Spanien Boten zu der christlichen Königin Urraca (1109–1126) gesandt habe. Diese sahen in Navarra die Massen christlicher Pilger, die nach Santiago zogen.15

Deshalb fragten sie einen Mann namens Peter, der ihre Sprache beherrschte: „Wer ist dieser große Mann, den unzählige Christen von jenseits und diesseits der Pyrenäen aufsuchen, um ihn zu verehren? Die Menge der christlichen Pilger, die nach Compostela gehen und wieder zurückkommen, ist so groß, daß sie kaum den Weg nach Westen offen lassen.“ Da wurde ihnen geantwortet, es sei der hl. Jakobus, der Apostel ihres Herrn […], dessen Leichnam in Galicien begraben liege und den Gallien, England, Latium und Deutschland, alle christlichen Provinzen und besonders Spanien als ihren Patron verehren.

Gab es also Stau auf den Pilgerwegen? Die sicher nicht ganz unparteiische, weil in Compostela verzeichnete Notiz lässt zweierlei erkennen: Auch Muslimen wurde das Zentrum Compostela bekannt gemacht, es war auch schon in früherer Zeit in arabischen Quellen erwähnt worden. Und: Es werden hier vor allem Franzosen, Deutsche und Italiener, und weiterhin Engländer erwähnt. Das in der Mitte des 12. Jahrhunderts wohl in Compostela zusammengestellte Jakobsbuch, der Liber Sancti Jacobi, hebt ebenfalls besonders Deutsche, Franzosen und Italiener – wenn mir hier diese modernen Bezeichnungen erlaubt seien — hervor.16

Für unsere Fragestellung ist aber immer wieder der fünfte Teil dieses Jakobsbuches, ein Pilgerführer, herangezogen worden. Dieser Führer ist sicher nicht von Pilgern und Reisenden – so viel verrät die Überlieferung eindeutig – als praktische Handreichung verwendet worden. Er lässt eher propagandistische Absichten des Pilgerzentrums Compostela erkennen. Einige Forscher glauben, der Autor dieses Führers stamme aus Frankreich, aber dies ist keinesfalls sicher. Unterschieden werden in diesem Text vier Ausgangswege nach Santiago, die alle in Frankreich beginnen: in Tours, Vezelay, Le Puy und in Saint-Gilles. Damit hatte der Autor die bis heute in fast jedem Buch für Jakobspilger reproduzierten Wege gleichsam festgeschrieben und kanonisiert. Übertrieben könnte man von einer „Erfindung der Pilgerwege“ durch den Autor dieser Zeilen sprechen. Übersehen wird meist jedoch ein erstaunlich geschickter propagandistischer Coup, indem das für fast alle europäischen Regionen so weit entfernte Jakobusgrab herangeholt, ja gleichsam in das übrige Europa hereingeholt wurde. Wichtige konkurrierende Kultzentren in Frankreich ordnete der Autor dem spanischen Jakobusgrab unter, indem er in einem wichtigen Kapitel Orte wie Tours, Saint-Foy in Conques, Saint-Léonhard im Limousin oder Toulouse einfach als Heiligtümer auf dem Weg, als Stationen zum Zielort, weniger als eigenständige Zentren würdigte. So erschien der Weg als wichtiger Teil der Jakobusverehrung und das entfernte Compostela an der geografischen Peripherie rückte gleichsam ideell ins Zentrum. Dass das Ende der damals bekannten Welt, das Cap Finis terrae, später von Jakobspilgern mit aufgesucht wurde, verlieh der Pilgerfahrt eine weitere eschatologische Perspektive, denn dort blickte man nicht nur auf das Meer, sondern war vielleicht auch der Ewigkeit näher gerückt.

Trotz gewisser Vorbehalte gegenüber den bisher zitierten Quellen, die pro domo schrieben, verdeutlicht diese Propaganda im Pilgerführer des 12. Jahrhunderts zumindest Tendenzen in der Mitte des 12. Jahrhunderts, darunter den Versuch, gewisse Ansprüche Compostelas als großes überregionales Pilgerzentrum umzusetzen. Zu diesen eher offiziellen Stimmen trat die in Mirakelberichten greifbare Mundpropaganda, die deutlich machte, wo ein besonders mächtiger Heiliger mit großer Wunderwirkmacht anzutreffen sei.

Lässt sich mit weiteren Quellen der Kulteinzugsbereich des Apostelgrabes in Compostela genauer nachweisen? Für das Hochmittelalter betreffen überlieferte Nachrichten zu einzelnen Pilgern vor allem Angehörige des höheren Adels beziehungsweise des Klerus. Als erster namentlich belegter Pilger, der nicht aus der Nähe Compostelas kam, gilt Bischof Godeschalk von Le Puy im Jahre 950/51. Trägt man auf einer Karte alle von der Mitte des 10. Jahrhunderts bis Ende des 12. Jahrhunderts bezeugten Pilger ein,17 so geht aus dieser Übersicht eine klare Tendenz hervor: Der Einzugsbereich des Pilgerzentrums Santiago de Compostela liegt zu dieser Zeit in West- und Mitteleuropa, insbesondere in Frankreich, Katalonien, Deutschland und Italien. Allerdings reicht er vereinzelt schon weiter. Seit Ende des 11. Jahrhunderts sind die ersten englischen Pilger belegt,18 1180 der erste Schwede.

Dieser Eindruck lässt sich durch weitere Befunde für das Hochmittelalter stützen. Viele der Wundergeschichten, die als zweites Buch in den Liber Sancti Jacobi integriert wurden, beziehen sich auch auf die Pilgerfahrt nach Compostela. Wenn vielleicht auch Zweifel an den Wundergeschichten oder den Wundern selbst erlaubt sind, so dürften die geografischen Bezüge nicht frei erfunden worden sein. Die Herkunft der in diesen Mirakeln genannten Personen bestätigt im Wesentlichen das bereits gewonnene Bild: Frankreich, Deutschland und Italien erscheinen bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts als Kernräume der außerspanischen Jakobusverehrung.

Kanonisten zählen seit dem beginnenden 13. Jahrhundert den Besuch von Compostela neben Rom und Jerusalem zu den großen Pilgerfahrten, den peregrinationes maiores. Eine für den Einzugsbereich der Compostelafahrten im Spätmittelalter aussagekräftige Quellengattung sind die Geleitbriefe. In den Registern der aragonesischen Kanzlei ist eine Vielzahl der in der Regel für Einzelpersonen ausgestellten Geleitbriefe überliefert. Für die besonders reich dokumentierten Jahre 1378–1422 ergibt sich aus insgesamt 134 Geleitbriefen vor allem, dass nun Osteuropa erstmals nachweisbar zur Jakobspilgerschaft beitrug. Trotzdem blieb der Schwerpunkt in Frankreich, Deutschland und Italien. Mit diesen Geleitbriefen ist jedoch nur eine besonders aussagekräftige Quellenart genannt; für das Spätmittelalter verfügen wir über eine Vielzahl von Quellengattungen mit Belegen, die über das heutige Europa hinausreichen, bis hin nach Armenien.

Die Ausweitung des Einzugsbereichs ließe sich weiter – was eine eigene Darstellung wäre – an den Spuren des Kults außerhalb Galiciens und Spaniens ablesen. Denkt man an die Verbreitung der Texte, die Funde von Pilgermuscheln in Gräbern, an künstlerische Darstellungen des Apostels, der auch in Deutschland seit dem 13. Jahrhundert vor allem als Pilger, dann zuweilen unter dem Eindruck der Türkengefahr als Schlachtenhelfer dargestellt wird, so lässt sich eine zunehmende Verbreitung mit deutlichen regionalen Schwerpunkten ablesen. Betrachtet man zum Beispiel den polnischen Raum, so konzentrieren sich die bisher gesichteten Belege auf die Diözese Krakau und den Ostseeraum. Für Deutschland ist hervorzuheben, dass ganz bestimmte ikonografische Formen, wie die Segnung und Austeilung von Pilgerstäben und Pilgertaschen, die „Krönung“ der Pilger nach vollendeter Reise durch den Apostel oder die Darstellung eines Wunders, wie etwa ein unterwegs gehenkter Pilger von Jakobus gerettet wurde, seit dem 12./13. Jahrhundert immer mehr an Gewicht gewannen. Hinzu trat die Literatur, die das Pilgerthema, auch des Jakobsbruders, immer häufiger aufgriff, zuweilen kritisch persiflierte. Die Muschel, zunächst das Abzeichen, das Jakobspilger zum Beleg ihrer Fahrt zurückbrachten, wurde bald zum Zeichen der Pilger schlechthin.

DIE „ENTSTEHUNG EUROPAS“ AUF DEN PILGERWEGEN?

Wenn der Kult und die Pilgerbewegung im späten Mittelalter bis nach Polen und Ungarn, vereinzelt sogar bis in den Vorderen Orient ausstrahlten, so stellt sich vor dem Hintergrund des europäischen Leitmotivs die Frage, ob Jakobspilger europäische Gemeinschaft auch dadurch stifteten, dass sie andere Pilger trafen, fremde Völker und Gebräuche auf ihren Wegen wahrnahmen. Gab es so etwas wie eine Annäherung der Nationen auf den Pilgerwegen? Haben die Wege Europa zusammengeführt, wie Goethe sogar einmal gesagt haben soll19 und Politiker heute immer wieder mit unterschiedlichen Interessen hervorheben? Die überlieferten Pilgerführer und die Reiseberichte, die vor allem erst seit dem 15. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, können hier zumindest einige Hinweise geben.

Wie werden Länder und Bewohner im schon genannten Pilgerführer nach Santiago de Compostela aus dem 12. Jahrhundert vorgestellt? Ein Kapitel über Landschaften und Bewohner zwischen Tours und Compostela ist aufschlussreich:20

[…] Die Poiteviner sind stark, gute Krieger; sie beherrschen Bogen, Pfeil und Lanze im Krieg vortrefflich, zeigen Mut in der Schlachtreihe, sind schnell im Lauf, elegant in der Kleidung, von Gesicht schön, gewandt im Wort, großzügig und gastfreundlich.

Weitere Gegenden werden weniger positiv hervorgehoben, so anschließend die Gascogne, zumindest was die Bewohner betrifft:

[…] sie sind schwatzhaft, spöttisch, lüstern, Wein und Essen zugeneigt, schlecht mit Kleidung sowie Schätzen und Schmuck ausgestattet, aber an den Krieg gewöhnt und in der Gastlichkeit gegenüber Armen zuvorkommend. Wenn sie am Feuer sitzen, essen sie gewöhnlich ohne Tisch und trinken gemeinsam aus einem Becher. […] sie schlafen alle zusammen auf wenig verfaultem Stroh, sogar das Gesinde mit Herr und Herrin. […]

Zum waldreichen Baskenland bemerkt der Autor zum Beispiel:

Die Zöllner in diesem Land, nahe des Cisapasses, in einem Ort namens Ostabat und in St-Jean und St-Michel-Pied-de-Port, sind schlecht und von Grund auf zu verdammen. […] Obwohl sie eigentlich nur von Leuten, die ausschließlich Handel treiben, einen Tribut verlangen dürfen, nehmen sie ebenso eine Abgabe von Pilgern und Durchreisenden […].

Die Bewohner Navarras ähneln den Basken weitgehend, haben angeblich nur eine hellere Haut:

Die Navarresen tragen schwarze Kleider, die so kurz sind, daß sie nach schottischer Art nur bis zum Knie reichen, sie haben Schuhe aus ungegerbtem, noch behaartem Leder, die sie lavarcas nennen. […] Wenn man sie essen sieht, glaubt man fressende Hunde oder Schweine vor sich zu haben. Wenn man sie reden hört, erinnert es an Hundegebell. Ihre Sprache wirkt durchaus fremd. Sie nennen Gott Urcia, die Gottesmutter Andrea Maria, das Brot orgui, den Wein ardum, das Fleisch aragui, den Fisch araign, das Haus echea […].

Schließlich heißt es gegen Ende dieses Kapitels:

Die Galicier ähneln unserem französischen Volk im Vergleich zu allen übrigen unkultivierten spanischen Völkern durch ihre Gebräuche am meisten, aber sie gelten als jähzornig und streitsüchtig.

Kulturelle Merkmale der beschriebenen Bewohner, Charaktereigenschaften, Gebräuche und Eigenheiten werden meist mit Hinweisen auf Essen und Trinken, zuweilen auf Bekleidungsformen, aber auch auf Sprache gekennzeichnet. Auffällig bleibt, welche Völker positiv, welche negativ beschrieben werden. Negativ werden vor allem Gascogner, Basken und Navarresen gekennzeichnet. Gute Noten erhalten die Poiteviner, aber auch die Galicier, weil sie der gens Gallica am ähnlichsten seien. Der Autor dieses Kapitels, wahrscheinlich aus Frankreich stammend, misst Völker und Gegenden offensichtlich an der eigenen Herkunft. Er zeichnete nicht nur Beobachtungen auf, doch bis zu welchem Grad er Klischees, Topoi, literarische Traditionen oder Vorurteile aufgriff, lässt sich nur annäherungsweise bestimmen.

Einen weniger propagandistischen, dafür stärker praxisbezogenen Hintergrund hat der gedruckte Pilgerführer des Servitenmönches Hermann Künig von Vach, wohl von 1495, der die sogenannte Ober- und Niederstraße nach Compostela beschreibt. Im Unterschied zu dem Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi ist dieser Text sicher stärker rezipiert worden; dies legen allein die mehrfachen Druckausgaben nahe; die holprigen Reime dürften außerdem beim Memorieren geholfen haben.21

Beginnen ließ Hermann Künig seine Wegbeschreibung in Einsiedeln, weiter ging es über die Schweiz, Savoyen, das Rhônetal, Südfrankreich und dann den sogenannten „camino francés“ durch den Norden Spaniens.

Den Hinweg von Einsiedeln aus hat Hermann Künig die „Oberstraße“ genannt, auf dem Rückweg führt er den Leser über die sogenannte „Niederstraße“. Bis kurz vor den Pyrenäen bleiben Hin- und Rückweg weitgehend gleich, in Frankreich ging es über Bordeaux, Blaye, Saintes, Poitiers, Tours; von dort entweder nach Metz oder weiter über Paris, Valenciennes und Brüssel nach Aachen, wo der Verfasser seinen Reiseführer enden lässt. Insgesamt wird deutlich, dass die Pilger als Deutsche angesprochen werden. Schon zu Anfang will Künig die Gemeinheiten der Kapaune, ein Schimpfwort für böse Wirte, nicht unerwähnt lassen (Vers 9); später hebt er Nachstellungen warnend hervor: So sei ein Spitalmeister in Burgos den Deutschen nicht gewogen (Vers 207). Dafür werden Namen von deutschen Wirten empfohlen, die auch in der Fremde Hilfe böten, so in Genf (Vers 94). Ortsnamen sind germanisiert, verballhornt: Genf heißt „Senefaß“, das Armagnac „Armer Jacken Land“, Castrojeriz ist „Castelfritz“ und so fort.

Ein Pilgerlied, „Wer das elent bawen wel“, diene hier als weiteres Zeugnis. Es wurde etwa in der gleichen Zeit wie Künigs Führer aufgezeichnet, war aber vielleicht schon früher verbreitet. Die einzelnen Strophen beschreiben zunächst die Ausrüstung des Pilgers, weiterhin die üblichen Vorbereitungen und berichten dann strophenweise über die verschiedenen Landschaften am Weg, der grundsätzlich der „Oberstraße“, wie Hermann Künig sie nennt, folgt. Allerdings sind einige Orte vertauscht, werden einige Umwege beschrieben: Besonders Berg- und Passüberquerungen erscheinen so wichtig, dass sie in drei Strophen (10–12) eigens thematisiert werden.

Zu Burgos erzählen viele Strophen das Drama über die Untaten und die Bestrafung des Spitalmeisters (Strophe 13–23). Ein spanischer König ließ drei Spitäler erbauen: Als er von deutschen Pilgern erfuhr, dass in einem Spital 350 Pilger vergiftet worden seien, verkleidete sich der König selbst als Pilger, fand das Spital in Burgos verwahrlost vor und ließ den Spitalmeister, der sich zudem als Mörder verriet, gefangen nehmen und hinrichten. Eine solche Geschichte verdeutlicht, wie sehr das Lied Probleme der einfachen Pilger aufgriff. Erst die letzten drei Strophen lenken dann auf den restlichen Weg nach Compostela, den Abstecher zum nahe gelegenen Kap Finisterre zurück.

Das Lied gilt vielfach dem Pilgeralltag: Es geht um Ausstattung, Wegverlauf, Verpflegung und Unterbringung. Die verschiedenen Länder und Völker erhalten unterschiedliche Noten: „So ziehen wir durch Schweizerlant ein, sie haißen uns got welkum sein.“ Danach aber heißt es: die „welschen lant, die seint uns bruedern unbekant“ (Strophe 6). In Savoyen bekommt der Pilger weder Brot noch Wein, dafür aber in Pont-Saint-Esprit am Unterlauf der Rhône.


Titelholzschnitte des Pilgerführers von Hermann Künig von Vach

„Deutsch“ und „Welsch“ sind die Ordnungskriterien, die abgrenzen. Gleichzeitig subsumiert der Ausdruck „Welsch“ alles, was nicht Deutsch ist. „Kumt er in die welschen lant, er findt kein teutschen priester“, dem der Pilger seine Sünden beichten könne. Stirbt ein Pilger gar in „welschem lant“ (Strophe 4), dann wird er bei der Straße begraben. Und außerdem „ligen fünf berg im welschen lant“ (Strophe 10), die überquert werden müssen. Der letzte dieser Berge birgt so viele Gefahren, dass dort sogar viele tote Pilger aus deutschen Landen zu finden seien. Die Fremde wird durch empfangs- und weniger empfangsbereite Völker, durch Schwierigkeiten und Hilfen definiert, dabei wird fast alles auf Deutsch und Welsch bezogen.

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