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Friedrich Engels (1820–1895)
Friedrich Engels
Im Widerspruch denken
Ansichten eines smarten Revolutionärs
Herausgegeben von Bruno Kern

INHALT
DER ERFINDER DES MARXISMUS
BRANNTWEIN UND MYSTIZISMUS
Briefe aus dem Wuppertal
SELBSTVERSCHACHERUNG DES MENSCHEN UND DER ERDE
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
»KRIEG DEN PALÄSTEN, FRIEDE DEN HÜTTEN!«
Die Lage der arbeitenden Klasse in England
DAS ROTE CREDO
Grundsätze des Kommunismus
DIE REVOLUTIONÄRE TRADITION DER DEUTSCHEN
Der deutsche Bauernkrieg
VON DER UTOPIE ZUM DOGMA
Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft
»… DASS WIR MIT FLEISCH UND BLUT UND HIRN IHR ANGEHÖREN«
Dialektik der Natur
FEMINISMUS UND KLASSENKAMPF
Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates
GÖTTER, KETZER, JESUITEN
Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie
IN LETZTER INSTANZ DAS WIRKLICHE LEBEN
Ein Brief an Joseph Bloch
»ABER WAS WIRD DAS ENDE VON ALLEDEM SEIN?«
Vorwort zur zweiten deutschen Ausgabe der »Lage der arbeitenden Klasse«
LITERATUR
DER ERFINDER DES MARXISMUS
Kein Zweifel: Ohne Engels wäre das Marx’sche Werk kaum zustande gekommen. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf seine äußere, finanzielle Unterstützung und so manchen darüber hinaus gehenden Freundschaftsdienst, sondern gleichermaßen für seine wesentlichen inhaltlichen Beiträge, für die gemeinsame literarische und politische Arbeit, für die Tätigkeit als Herausgeber und für die – wie wir noch sehen werden, nicht immer unproblematische – Popularisierung und Verbreitung des Marx’schen Denkens. Den größten Teil seines Lebens hat Engels in den Dienst des Werkes seines Freundes und Kampfgefährten gestellt. Ihn aus dem übergroßen Schatten des Karl Marx herauszuholen, ihn als eigenständigen, originellen Denker und als Intellektuellen des 19. Jahrhunderts von außergewöhnlichem Format vorzustellen: Dies ist unter anderem das Anliegen dieser kleinen kommentierten Textsammlung.
»Der Mann, der den Marxismus erfand« – So lautet der Untertitel einer der besten Engels-Biografien (Hunt 22017). Und tatsächlich war es Engels, der aus den vielfältigen Elementen der Marx’schen kritischen Gesellschaftstheorie ein in sich geschlossenes, umfassendes Lehrgebäude zu errichten bestrebt war, was der Intention von Karl Marx selbst allerdings zuwiderlief und dessen Denken groben Entstellungen und Missverständnissen aussetzte. Darin liegt wohl die Tragik des Friedrich Engels: In seinem Bestreben, Marx groß zu machen, hat er ihn zugleich auch verfälscht, hat er zumindest einer recht einseitigen Rezeption Vorschub geleistet. »Eins ist sicher: Ich bin kein Marxist.« (vgl. MEW 37, 436) Nach Auskunft seines Schwiegersohns Paul Lafargue soll Marx mit diesem Satz darauf reagiert haben, dass die französische Arbeiterpartei in ihrem Programm erstmals vom Marxismus sprach. Und in der Tat: Das Marx’sche Werk weist zwar ohne Zweifel starke sich durchhaltende Denkmotive auf (ich zähle hierzu vor allem seinen »historischen Materialismus« und seine Charakterisierung der kapitalistischen Ökonomie als »Fetisch«), die es verbieten, sich daraus einfach nach Belieben zu bedienen. Andererseits aber ist es, liest man es diachron, so vielen Selbstkorrekturen unterworfen, enthält es neben Grundsätzlichem so viel der Tagespolitik Geschuldetes, führt es so viele wichtige Denklinien nur andeutungsweise aus, dass es sich einer vollständigen Systematisierung sperrt. Vor allem aber hatte Marx selbst keinen »weltanschaulichen« Anspruch in dem Sinne, dass er eine umfassende Deutung der Wirklichkeit im Stile Hegels liefern wollte. In seinem Bestreben, das Marx’sche Denken dem positivistischen und szientistischen Geist einer Zeit nahezubringen, die geprägt war von den atemberaubenden Fortschritten in fast allen naturwissenschaftlichen Disziplinen, ist Engels der Versuchung erlegen, sich und seinen Freund Marx diesem Zeitgeist anzudienen – mit fatalen Folgen.
Als Friedrich Engels am 28. November 1820 in Barmen geboren wird, ist seine Familie bereits in dritter Generation im Textilgeschäft tätig. Friedrichs Urgroßvater Johann Kaspar hatte die industrielle Karriere mit einer Bleicherei begonnen und den Aufstieg der ursprünglich bäuerlichen Familie zu führenden Fabrikanten ihrer Zeit initiiert. Der Vater, Friedrich Engels sen., führte diese Tradition fort und gründete zusammen mit den aus den Niederlanden stammenden Brüdern Ermen eine Baumwollspinnerei mit einer Niederlassung in Manchester.
Die Textilproduktion bescherte den Gemeinden im Wuppertal einen Boom. Flachsbleichereien, Garnspinnereien, Spitzenfabrikation usw. in mehr als 200 Produktionsstätten sorgten für einen Zulauf an Arbeitskräften und wirtschaftlichen Aufschwung, dessen Kehrseite allerdings das Elend und die Verwahrlosung der Arbeiter und Arbeiterinnen selbst war. Das geistig abstumpfende Klima seiner Heimatstadt schildert der junge Friedrich Engels selbst mit galligem Spott:
Von Bildung – keine Idee; wer Whist und Billard spielen, etwas politisieren, ein gewandtes Kompliment machen kann, das ist in Barmen und Elberfeld ein gebildeter Mann. Es ist ein schreckliches Leben, was diese Menschen führen, und sie sind doch so vergnügt dabei; den Tag über versenken sie sich in die Zahlen ihrer Konti, und das mit einer Wut, mit einem Interesse, dass man es kaum glauben möchte; abends zur bestimmten Stunde zieht alles in die Gesellschaften, wo sie Karten spielen, politisieren und rauchen, um mit dem Schlage neun nach Hause zurückzukehren. So geht es alle Tage, ohne Veränderung, und wehe dem, der ihnen dazwischenkömmt; er kann der ungnädigsten Ungnade gewiss sein. – Die jungen Leute werden brav von ihren Vätern in die Schule genommen; sie lassen sich auch sehr gut an, ebenso zu werden. Ihre Unterhaltungsgegenstände sind ziemlich einförmig; die Barmer sprechen mehr von Pferden, die Elberfelder von Hunden; wenn’s hochkommt, werden auch Schönheiten rezensiert oder es wird von Geschäftssachen geplappert, das ist alles. (MEW 1, 428)
Der Geschäftsgeist der aufstrebenden Fabrikherren paarte sich in Barmen und Elberfeld mit einem vom Pietismus durchdrungenen geistigen Klima. Diese im 17. Jahrhundert entstandene Frömmigkeitsbewegung setzte der protestantischen Orthodoxie eine sehr gefühlsbetonte, allein jenseitsorientierte Innerlichkeit entgegen. In Engels’ Heimat ging diese Art von Religiosität eine fatale Verbindung mit einer kalvinistischen Ethik ein, die den wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen der Auserwählung deutete und so den erbärmlichen sozialen Zuständen eine religiöse Legitimation verschuf.
Im jungen, äußerst begabten Gymnasiasten Friedrich Engels wird bald ein reges Interesse an den Künsten, vor allem an der Literatur, geweckt, was aber den Plänen seines Vaters gar nicht entspricht. Mit 17 Jahren muss er auf dessen Betreiben das Gymnasium verlassen, um die Familientradition fortzuführen und den Kaufmannsberuf zu erlernen – zuerst im väterlichen Betrieb in Barmen und schließlich in Bremen, wo er von der räumlichen Distanz zum Elternhaus profitiert, seinen literarischen Neigungen nachgeht und, froh, der heimatlichen, von pietistischer Frömmigkeit triefenden Atmosphäre entkommen zu sein, sein Junggesellenleben genießt. Der Bremer Ratskeller rühmt sich heute noch des jungen Friedrich Engels als eines seiner prominenten Stammgäste. Literarisch beginnt sich Engels von seiner ursprünglichen Begeisterung für die Romantik zu lösen und schließt sich der Bewegung des »Jungen Deutschland« an, die durchaus von radikalliberalen politischen Ideen durchdrungen ist. In ihrem von Karl Gutzkow herausgegebenen Organ, dem Telegraph für Deutschland, begegnen uns denn auch die ersten bedeutenden, noch unter dem Pseudonym Friedrich Oswald veröffentlichten, Texte des jungen Engels (s. S. 21 ff).
Einen bedeutsamen biografischen Einschnitt stellt der Militärdienst dar, den er 1841/1842 in Berlin absolviert. Zeit seines Lebens bleibt Engels ein begeisterter und offenbar kenntnisreicher und gewandter Militärstratege. Im Zuge der Revolution von 1848/49 wird er sich August Willichs Truppen in Baden und in der Pfalz anschließen und dort sein militärisches Talent unter Beweis stellen. Und den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 begleitet er mit einer Reihe von Veröffentlichungen, die die strategische Ausgangsposition genau analysieren und den Verlauf der einzelnen Kriegshandlungen präzise voraussagen (vgl. Über den Krieg; MEW 17, 9–264). Noch wichtiger jedoch ist: Der junge Offiziersanwärter genießt vor allem das Privileg, während seines Militärdienstes als Gasthörer an der Berliner Universität Vorlesungen zu besuchen. Er schließt sich bald dem Kreis der Junghegelianer an, deren führender Kopf neben Bruno Bauer einst Karl Marx gewesen war. Den »schwarzen Kerl aus Trier« – so bezeichnet ihn Engels in einem kleinen humorvollen Gedicht auf die Junghegelianer – lernt er dort nicht mehr persönlich kennen, wohl aber bekommt er mit, welchen Ruf Marx in diesem Kreis immer noch genießt.
Ein wesentlicher Aspekt von Friedrich Engels’ Emanzipation von seiner Herkunft ist sein mühevoller Ablösungsprozess von der in der Familie praktizierten Religion. Er hat es sich damit keineswegs leicht gemacht, wie seine eigenen überlieferten Selbstzeugnisse belegen:
Ich bete täglich, ja fast den ganzen Tag um Wahrheit, habe es getan, sobald ich anfing zu zweifeln, und komme doch nicht zu eurem Glauben zurück […]. Die Tränen kommen mir in die Augen […]. Du liegst freilich behaglich in deinem Glauben wie im warmen Bett und kennst den Kampf nicht, den wir durchzumachen haben, wenn wir Menschen es entscheiden sollen, ob Gott ist oder nicht; du kennst den Druck solcher Last nicht, die man mit dem ersten Zweifel fühlt, der Last des alten Glaubens, wo man sich entscheiden soll, für oder wider, forttragen oder abschütteln. (MEW 41, 407–408)
Vom Pietismus führt sein Weg zunächst über die aufgeklärte Form des Protestantismus, dessen herausragender Vertreter Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher ist. Einen entscheidenden Einfluss übt dann David Friedrich Strauß aus, der in seinem Buch Das Leben Jesu, kritisch betrachtet im Anschluss an Hegel ein radikales Entmythologisierungsprogramm des Christentums vorlegt und letztlich den Weg vom positiven Christentum zum Humanismus weist. Den letzten Schritt der Überwindung der Religion vollzieht Engels schließlich mit Ludwig Feuerbach, dem Hegel-Schüler, der in seinem bahnbrechenden Werk Das Wesen des Christentums Gott mitsamt all seinen Attributen als Projektion des Gattungswesens Mensch erklärt. Engels beschreibt dessen Wirkung auf ihn:
Mit einem Schlag zerstäubte es den Widerspruch, indem es den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron erhob […] außer der Natur und den Menschen existiert nichts, und die höhern Wesen, die unsere religiöse Fantasie erschuf, sind nur die fantastische Rückspiegelung unsers eignen Wesens. Der Bann war gebrochen; das »System« war gesprengt und beiseite geworfen […]. Man muss die befreiende Wirkung dieses Buchs selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein. Wir waren alle momentan Feuerbachianer. (MEW 21, 272)
Auch nach dieser endgültigen religionskritischen Wende und nach der ausdrücklichen Kritik an Feuerbachs abstraktem, sensualistischem Materialismus, die Engels später zusammen mit Marx entwickeln sollte, bleibt die Religion noch in der Gestalt ihrer Negation ein bestimmendes Lebensthema bis in seine späten Jahre (s. S. 108 ff; 138 ff).
Noch vor seiner schicksalhaften Begegnung mit Karl Marx1 hatte Engels bereits zu einem dezidiert sozialistischen Standpunkt gefunden. Sein kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, der zunächst hauptsächlich biografisch motiviert scheint, wandelt sich nun zur immer klareren Analyse der ökonomischen Mechanismen, und zwar ganz offensichtlich unter dem Einfluss des jüdischen Kaufmannssohns Moses Heß, mit dem zusammen er später in Elberfeld eine rege sozialistische Propagandatätigkeit entfalten sollte, bis es zu einem unschönen privaten Zerwürfnis kam. Eine erstaunliche Parallele zu Marx ist hier festzustellen: Auch Marx kam in der Person von Moses Heß zum ersten Mal in Berührung mit sozialistischem Gedankengut, lernte ihn in Köln in seiner Zeit als Redakteur der Rheinischen Zeitung persönlich kennen und nahm vermutlich regelmäßig an seinen Gesprächszirkeln teil. In diese Zeit fiel übrigens auch die erste flüchtige Begegnung Marx’ mit Engels, die allerdings recht unterkühlt verlief, da Marx inzwischen mit den Berliner Junghegelianern, denen er Engels zuordnete, gebrochen hatte. Erst in Paris wurde Marx wieder auf Friedrich Engels aufmerksam: Der Redakteur der Deutsch-Französischen Jahrbücher bekam einen beeindruckenden Essay über Ökonomie aus Engels’ Feder auf den Tisch (s. S. 27 ff), der die wohl bemerkenswerteste Freundschaft der Geistesgeschichte und eine lebenslange Zusammenarbeit begründen sollte.
In Manchester, dem Ort der Textilfabrik, an der auch sein Vater beteiligt war, fand Engels reiches Anschauungsmaterial für den englischen Frühkapitalismus. Der Fabrikantensohn nahm hier einen erstaunlichen gesellschaftlichen Standortwechsel vor, pflegte engen Kontakt zu den Arbeitern und ging eine Liaison zu zwei irischen Arbeiterinnen, den Schwestern Mary und Lizzy Burns, ein. Jenny Marx, die Ehefrau von Karl Marx, rümpfte über diese unkonventionelle Ménage a trois deutlich die Nase, und nachdem Karl Marx auf die Nachricht von Marys Tod sehr unsensibel reagiert hatte, wäre es fast zum Bruch zwischen den Freunden gekommen. Engels lebte danach mit Lizzy zusammen und schloss mit der gläubigen irischen Katholikin noch an deren Totenbett den Ehebund nach katholischem Ritus.
Ein literarisches Dokument ersten Ranges sollte diesem Nahverhältnis zum Industrieproletariat entspringen, das vielen als Engels’ Hauptwerk gilt: Die Lage der arbeitenden Klasse in England (s. S. 41 ff). Manchester war auch der Ort, an dem der utopische Sozialist Robert Owen eine zahlreiche Anhängerschaft besaß. Seine im religiösen Stil propagierten Ideen standen in scharfem Kontrast zum Bestreben von Marx und Engels, an die wirkliche geschichtliche Bewegung anzuknüpfen.
Einen Höhepunkt der Zusammenarbeit zwischen Marx und Engels bildete die Zeit im Brüsseler Exil. Hier sollten zwei Gemeinschaftswerke mit einer außergewöhnlichen Wirkungsgeschichte entstehen: Die deutsche Ideologie, in der Marx und Engels in Auseinandersetzung mit den Junghegelianern, vor allem mit Ludwig Feuerbach, ihren »historischen Materialismus« (s. S. 81 ff) entwickeln, und das Manifest der Kommunistischen Partei, eine Programmschrift für den Bund der Kommunisten, die ein Bestseller der Weltliteratur werden sollte.
Kaum war das Kommunistische Manifest gedruckt, flammten allenthalben in Europa die revolutionären Kämpfe auf. Marx und Engels kehrten in dieser Situation ins preußische Rheinland zurück. Sie waren davon überzeugt, dass es zunächst darum gehe, zusammen mit den fortschrittlichen bürgerlichen Kräften eine demokratische Verfassung zu erkämpfen. Erst in einem zweiten Schritt wollten sie, vor allem mithilfe eines Netzwerks von Arbeitervereinen, der Bewegung gegen das alte Regime den Charakter einer sozialen Revolution aufprägen. Der konkrete Verlauf der Auseinandersetzungen sollte sie jedoch alsbald eines Besseren belehren. Marx nutzte seine guten Kontakte in Köln, um die Neue Rheinische Zeitung zu gründen und die revolutionären Ereignisse journalistisch zu begleiten und zu orientieren. Engels verbrachte einen großen Teil der Zeit im Schweizer Exil. In seiner Heimatstadt versuchte er, sich dem Sicherheitsausschuss als Militärexperte anzudienen, bis die aufgeschreckte Bourgeoisie der Stadt, in der Sorge, er wolle die »rote Republik« proklamieren, für seine Entfernung sorgte. Von den Barrikaden herab soll es bei dieser Gelegenheit zu einer unerfreulichen Begegnung mit dem Vater gekommen sein. Im Zuge des Kampfes um die Reichsverfassung schloss sich nun Engels den kämpfenden revolutionären Truppen in der Pfalz und in Baden an. Er gab im Jahr 1850 in einer Schrift über diese Zeit (vgl. Die deutsche Reichsverfassungskampagne; MEW 7, 109–197) Rechenschaft, die zu Recht als »ein Meisterstück deutscher beschreibender Prosa« (Hirsch 1968, 5) bezeichnet wurde.
In den Wirren der Revolution hatten sich die Freunde Marx und Engels schließlich aus den Augen verloren, bis sie sich nach einer wahrhaften Odyssee durch Europa in England wiederfanden. Marx ließ sich in London nieder, hielt sich mit seiner Familie unter schwierigsten Bedingungen über Wasser und musste den Tod mehrerer Kinder verkraften. Engels rang sich schließlich widerwillig dazu durch, ins Geschäft seines Vaters in Manchester einzusteigen, und erwies sich dort bald als unentbehrlich. Von nun an konnte er die mittellose Familie Marx finanziell unterstützen, galt den Töchtern des Ehepaares Marx bald als ein zweiter Vater und ermöglichte großzügig die theoretische Arbeit seines Freundes. Allerdings führte Engels in dieser Zeit ein recht erstaunliches Doppelleben: Er verkehrte in Manchester durchaus standesgemäß unter Seinesgleichen, in den Salons, auf den Fuchsjagden, und war den Stimulantien seiner sozialen Klasse, dem Champagner und dem Portwein, mehr als zugetan. Darüber hinaus aber fühlte er sich vor allem dem politischen Wirken und dem theoretischen Werk seines Freundes Marx verpflichtet und versuchte mit ihm zusammen die soziale Emanzipation des Proletariats voranzutreiben. Gemeinsam versuchten sie in mühsamen Auseinandersetzungen verschiedener Strömungen die Internationale Arbeiterassoziation zu einem nützlichen Instrument zu formen.
Im Vordergrund allerdings stand die Theoriearbeit. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 teilten Marx und Engels die Überzeugung, dass eine Transformation der Gesellschaft nur vor dem Hintergrund einer ökonomischen Krise stattfinden könne. Marx vertiefte sich in der Bibliothek des British Museum ins Studium, aus dem vor allem sein Hauptwerk, Das Kapital, hervorgehen sollte. Die reichhaltige Korrespondenz zwischen Marx und Engels zeigt, welchen großen theoretischen Anteil Engels an diesem epochemachenden Werk hatte, dessen zweiten und dritten Band er selbst aus den von Marx hinterlassenen Aufzeichnungen in akribischer Redaktionsarbeit zusammenstellte und edierte. Und Engels wirkte vor allem als der große Propagator und Popularisierer des Marx’schen Werkes – nicht unbedingt zu dessen Vorteil. Im szientistischen und positivistischen Geist seiner Zeit versuchte Engels, die kritische Gesellschaftstheorie »salonfähig« zu machen, indem er ihr die Weihen einer erschöpfenden Erklärung der Wirklichkeit insgesamt verlieh, sie zur »Weltanschauung« adelte, mit den bekannten fatalen Folgen (s. vor allem S. 91 ff). Auch nach Marx’ Tod verstand sich Engels als dessen Sachwalter und war – nicht ohne Erfolg – bemüht, in der Arbeiterbewegung und den sozialdemokratischen Parteien den Einfluss des »Marxismus« geltend zu machen.
Vor allem nach seinem Ausscheiden aus dem Geschäftsleben widmete sich Engels selbst der theoretischen Arbeit, und sein Spätwerk, aus dem hier auszugsweise einige Kostproben wiedergegeben sind, ist bis heute voller anregender Denkanstöße. Engels wurde für Sozialistinnen und Sozialisten aus ganz Europa ein wichtiger Inspirator und Gesprächspartner. Er nahm lebhaft Anteil an der Gründung der Zweiten Internationale in Paris im Jahr 1889 und am Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie. Nicht zuletzt seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass die deutsche Sozialdemokratie, die ein erstaunliches Wachstum verzeichnete und sich zu einem wesentlichen politischen Faktor entwickelte, vom »marxistischen Zentrum« (Karl Kautsky, August Bebel …) dominiert wurde. Der Zuwachs an Mitgliedern, Wählerstimmen und Mandaten der deutschen Sozialdemokratie veranlasste Engels übrigens zu einem Plädoyer für eine Machtübernahme auf demokratischem Weg.
Gegen Ende seines Lebens ist bei Engels in einem wesentlichen Punkt ein erstaunlicher Sinneswandel zu verzeichnen, der hier nicht unerwähnt bleiben soll. Der begeisterte Militärstratege hat bei vielen Gelegenheiten bellizistische Töne angeschlagen, die aus heutiger Sicht durchaus befremden. Seine Verachtung der slawischen Völker – die er übrigens mit Marx teilte – kann heute nur Unverständnis auslösen. Und ganz von der chauvinistischen Hegel’schen Geschichtsphilosophie durchdrungen, sprach er gar von »geschichtslosen Völkern«, die im Sinne eines zivilisatorischen Fortschritts der Menschheit insgesamt von der Bühne der Weltgeschichte verschwinden sollten. Im Namen dieses Fortschritts begrüßte er etwa auch, dass »das herrliche Kalifornien den faulen Mexikanern entrissen« wurde. Bis ins Jahr 1859 zumindest kann man Äußerungen in diesem Sinne nachweisen, und beim Lesen dieser Textpassagen ist man mehr als erstaunt darüber, dass sich spätere antikoloniale Bewegungen gerade auf Marx und Engels beriefen (vgl. Hunt 22017, 227–288; Hirsch 1968, 101–102). Nun aber, als sich am Ende des Jahrhunderts die Antagonismen zwischen den führenden Mächten der Zeit zuspitzten und erstmals die Gefahr eines großen Krieges zu erahnen war, lässt Engels eine besorgte Nachdenklichkeit erkennen, die in scharfem Kontrast zu seinen früheren Aussagen steht. In einem Brief an August Bebel äußert er die Befürchtung, dass die Arbeiter im Fall eines Krieges von einer Welle des Chauvinismus erfasst werden würden (MEW 36, 527). Und Engels erkennt erstaunlich früh die völlig andere Qualität, die ein neuerlicher Krieg haben würde. Selbst wenn er den Boden für eine Arbeiterrevolution bereiten würde, sei er abzulehnen, da die moderne Technik und die industrialisierte Tötungsmaschinerie einen beispiellosen Blutzoll fordern würden:
Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen … (MEW 21, 350–351)
Man spürt aus diesen prophetischen Worten den Geist der Rosa Luxemburg und ihres verzweifelten Kampfes gegen Militarismus und Krieg heraus. Nicht zuletzt in solchen redlichen Selbstkorrekturen erweist sich die Größe eines Denkers.
Engels stirbt im Jahr 1895 an Speiseröhrenkrebs. Am Totenbett noch gesteht er, dass der Sohn der Haushälterin der Familie Marx, Helene Demuth, für den er die Vaterschaft übernommen hat, in Wahrheit der Sohn von Karl Marx sei. Er habe mit diesem Freundschaftsdienst die Ehe des Karl Marx retten wollen.
Engels war eine außergewöhnliche Persönlichkeit eines in vieler Hinsicht erstaunlichen Jahrhunderts. In zwölf Sprachen bewegte er sich wie in seiner Muttersprache, kaum einer hat die wissenschaftlichen Errungenschaften seiner Zeit so umfassend aufzuarbeiten und zu durchdringen versucht. Bei aller Ambivalenz, die auch seinem Werk und seinem Wirken anhaftet, gilt doch das Wort des französischen Marxologen Maximilien Rubel: »Die Texte von Engels verdienen es, aus dem Schatten hervorgeholt zu werden.« (zit. nach Hirsch 1968, 89). Dazu will dieser kleine Band einen bescheidenen Beitrag leisten.
Bruno Kern
1Zum gemeinsamen Weg von Marx und Engels vgl. vor allem Kern 2017 b.
BRANNTWEIN UND MYSTIZISMUS
Briefe aus dem Wuppertal
1839
»Ha, ha, ha! Weißt du, wer den Aufsatz im Telegraphen gemacht hat? Schreiber dieses [Briefs] ist der Verfasser, aber ich rate dir, nichts davon zu sagen, ich käm in höllische Schwulitäten.« (MEW 41, 371) So schreibt der achtzehnjährige Engels voll innerer Genugtuung an seinen Freund Friedrich Graeber. Abgesehen von einigen Gedichten und Reiseberichten sind die Briefe aus dem Wuppertal, die Engels unter dem Pseudonym Friedrich Oswald als Artikelserie im Telegraph für Deutschland veröffentlicht, der erste wirklich bedeutsame Text aus seiner Feder. Es ist eine brillant formulierte, schonungslose Sozialreportage über die Verhältnisse in seiner Heimat. Der Fabrikantensohn hält sich zu dieser Zeit im fernen Bremen auf, um nach dem Willen des Vaters den Kaufmannsberuf zu erlernen, und aus dieser sicheren Distanz sowie im Schutz des gewählten Pseudonyms rechnet er gründlich ab mit dem Milieu, aus dem er stammt und das ihn geprägt hat.
Fast 200 Fabriken zählten die Städte, die sich entlang der Wupper hinzogen. Mit dem Aufschwung der Textilindustrie war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein rasanter Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen. Färber, Spinner, Weber, Flachsbleicher, Bandweber und Bortenmacher waren die vorherrschenden Tätigkeiten in Barmen und Elberfeld, mit denen sich die Masse der Bevölkerung ihr karges Brot verdiente. Bald schon hatte die heimische Textilindustrie – immer noch stark von Heimarbeit geprägt – Mühe, mit der viel stärker industrialisierten Konkurrenz in England mitzuhalten, was zu zunehmender Verarmung führte. Engels zeichnet hier drastisch und in bestechender Authentizität den körperlichen Verfall und den moralischen Niedergang der Arbeiter. Sein soziales Empfinden und seine scharfen Beobachtungen der Zustände dringen damals noch nicht zu einer Analyse der ökonomischen Mechanismen vor, wie er sie wenige Jahre später leisten wird. Und das Ganze dient erkennbar vor allem der Abrechnung mit der eigenen familiären Herkunft, von der er sich unter erheblichen Anstrengungen zu emanzipieren versucht.
Literarisch ist Engels zunächst ganz vom Geist der Romantik und deren Idee des deutschen Volkstums geprägt, wie sie etwa Fichte, Herder oder die Gebrüder Grimm vertraten. Davon distanziert er sich in den Briefen aus dem Wuppertal bereits ausdrücklich. Engels fühlt sich einer literarischen Bewegung verbunden, die sich »Junges Deutschland« nennt und eher radikalliberale Ideen im Sinne Ludwig Börnes vertritt. Der von Karl Gutzkow herausgegebene Telegraph für Deutschland ist wichtigstes Organ dieses Zusammenschlusses. Unter dem äußeren Gewand von gefälligharmlos scheinenden Reiseberichten und Literaturkritik verbirgt sich gesellschaftspolitischer Sprengstoff. Engels’ Artikelserie ist ein hervorragendes Beispiel der Intention dieses Organs.
Eine Hauptzielscheibe von Engels’ Kritik ist die pietistische Bigotterie, die in schier unerträglichem Kontrast zu den sozialen Zuständen steht und das Wuppertal beherrscht. Die ganz auf Innerlichkeit und intime Gottesbeziehung ausgerichtete Frömmigkeitsform ist hier allerdings gepaart mit einer kalvinistischen Ethik, die den unternehmerischen Erfolg als Zeichen der Auserwählung interpretiert und damit die sozialen Verhältnisse religiös bemäntelt. Das sollte Max Weber später in seiner berühmten Schrift Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus (Weber 2017) treffend beschreiben. Die aggressive Frömmelei bildet die ideale Ergänzung zur grausamen sozialen Realität. Engels selbst wird sich nur unter großen Mühen von seiner eigenen religiösen Prägung befreien. Von seiner späteren radikalen Religionskritik ist er noch weit entfernt. Deren Motive aber sind hier in Ansätzen bereits erkennbar.
… Der schmale Fluss ergießt bald rasch, bald stockend seine purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbedeckten Bleichen hindurch; aber seine hochrote Farbe rührt nicht von einer blutigen Schlacht her, denn hier streiten nur theologische Federn und wortreiche alte Weiber gewöhnlich um des Kaisers Bart; auch nicht von Scham über das Treiben der Menschen, obwohl dazu wahrlich Grund genug vorhanden ist, sondern einzig und allein von den vielen Türkischrot-Färbereien. Kommt man von Düsseldorf her, so tritt man bei Sonnborn in das heilige Gebiet; die Wupper kriecht träg und verschlammt vorbei und spannt durch ihre jämmerliche Erscheinung, dem eben verlassenen Rheine gegenüber, die Erwartung bedeutend herab. Die Gegend ist ziemlich anmutig; die nicht sehr hohen, bald sanft steigenden, bald schroffen Berge, über und über waldig, treten keck in die grünen Wiesen hinein, und bei schönem Wetter lässt der blaue, in der Wupper sich spiegelnde Himmel ihre rote Farbe ganz verschwinden. […]
Das ist die äußere Erscheinung des Tals, die im Allgemeinen, mit Ausnahme der trübseligen Straßen Elberfelds, einen sehr freundlichen Eindruck macht; dass dieser aber für die Bewohner verlorengegangen ist, zeigt die Erfahrung. Ein frisches tüchtiges Volksleben, wie es fast überall in Deutschland existiert, ist hier gar nicht zu spüren; auf den ersten Anblick scheint es freilich anders, denn man hört jeden Abend die lustigen Gesellen durch die Straßen ziehen und ihre Lieder singen, aber es sind die gemeinsten Zotenlieder, die je über branntweinentflammte Lippen gekommen sind; nie hört man eins jener Volkslieder, die sonst in ganz Deutschland bekannt sind und auf die wir wohl stolz sein dürfen. Alle Kneipen sind, besonders Sonnabend und Sonntag, überfüllt, und abends um elf Uhr, wenn sie geschlossen werden, entströmen ihnen die Betrunkenen und schlafen ihren Rausch meistens im Chausseegraben aus. Die gemeinsten unter diesen sind die sogenannten Karrenbinder, ein gänzlich demoralisiertes Volk, ohne Obdach und sichern Erwerb, die mit Tagesanbruch aus ihren Schlupfwinkeln, Heuböden, Ställen etc. hervorkriechen, wenn sie nicht auf Düngerhaufen oder den Treppen der Häuser die Nacht überstanden hatten. Durch Beschränkung ihrer früher unbestimmten Zahl ist diesem Wesen von der Obrigkeit jetzt einigermaßen ein Ziel gesetzt worden. […]
Die Gründe dieses Treibens liegen auf der Hand. Zuvörderst trägt das Fabrikarbeiten sehr viel dazu bei. Das Arbeiten in den niedrigen Räumen, wo die Leute mehr Kohlendampf und Staub einatmen als Sauerstoff, und das meistens schon von ihrem sechsten Jahre an, ist grade dazu gemacht, ihnen alle Kraft und Lebenslust zu rauben. Die Weber, die einzelne Stühle in ihren Häusern haben, sitzen vom Morgen bis in die Nacht gebückt dabei und lassen sich vom heißen Ofen das Rückenmark ausdörren. Was von diesen Leuten dem Mystizismus nicht in die Hände gerät, verfällt ins Branntweintrinken. Dieser Mystizismus muss in der frechen und widerwärtigen Gestalt, wie er dort herrscht, notwendig das entgegengesetzte Extrem hervorrufen, und daher kommt es hauptsächlich, dass das Volk dort nur aus »Feinen« (so heißen die Mystiker) und liederlichem Gesindel besteht. Schon diese Spaltung in zwei feindselige Parteien wäre, abgesehn von der Beschaffenheit derselben, allein imstande, die Entwicklung alles Volksgeistes zu zerstören, und was ist da zu hoffen, wo auch das Verschwinden der einen Partei nichts helfen würde, weil beide gleich schwindsüchtig sind? Die wenigen kräftigen Gestalten, die man dort sieht, sind fast nur Schreiner oder andre Handwerker, die alle aus fremden Gegenden her sind; unter den eingebornen Gerbern sieht man auch kräftige Leute, aber drei Jahre ihres Lebens reichen hin, sie körperlich und geistig zu vernichten; von fünf Menschen sterben drei an der Schwindsucht, und alles das kommt vom Branntweintrinken. Dies aber hätte wahrlich nicht auf eine so furchtbare Weise überhandgenommen, wenn nicht der Betrieb der Fabriken auf eine so unsinnige Weise von den Inhabern gehandhabt würde und wenn der Mystizismus nicht in der Art bestände, wie er besteht und wie er immer mehr um sich zu greifen droht. Aber es herrscht ein schreckliches Elend unter den niedern Klassen, besonders den Fabrikarbeitern im Wuppertal; syphilitische und Brustkrankheiten herrschen in einer Ausdehnung, die kaum zu glauben ist; in Elberfeld allein werden von 2500 schulpflichtigen Kindern 1200 dem Unterricht entzogen und wachsen in den Fabriken auf, bloß damit der Fabrikherr nicht einem Erwachsenen, dessen Stelle sie vertreten, das Doppelte des Lohnes zu geben nötig hat, das er einem Kinde gibt. Die reichen Fabrikanten aber haben ein weites Gewissen, und ein Kind mehr oder weniger verkommen zu lassen bringt keine Pietistenseele in die Hölle, besonders wenn sie alle Sonntage zweimal in die Kirche geht. Denn das ist ausgemacht, dass unter den Fabrikanten die Pietisten am schlechtesten mit ihren Arbeitern umgehen, ihnen den Lohn auf alle mögliche Weise verringern, unter dem Vorwande, ihnen Gelegenheit zum Trinken zu nehmen […].
In den niedern Ständen herrscht der Mystizismus am meisten unter den Handwerkern (zu denen ich die Fabrikanten nicht rechne). Es ist ein trauriger Anblick, wenn man solch einen Menschen, gebückten Ganges, in einem langen, langen Rock, das Haar auf Pietistenart gescheitelt, über die Straße gehen sieht. Aber wer dies Geschlecht wahrhaft kennen will, der muss in eine pietistische Schmiede- oder Schusterwerkstatt eintreten. Da sitzt der Meister, rechts neben ihm die Bibel, links, wenigstens sehr häufig – der Branntwein. Von Arbeiten ist da nicht viel zu sehen; der Meister liest fast immer in der Bibel, trinkt mitunter eins und stimmt zuweilen mit dem Chore der Gesellen ein geistlich Lied an; aber die Hauptsache ist immer das Verdammen des lieben Nächsten. Man sieht, diese Richtung ist hier dieselbe wie überall. Ihre Bekehrungswut bleibt auch nicht ohne Früchte. Besonders werden viele gottlose Säufer etc. bekehrt, meist auf wunderbare Weise. Aber das hat sich wohl; diese Proselyten sind alle entnervte, geistlosen Menschen, die zu überzeugen eine Kleinigkeit ist; diese bekehren sich, lassen sich jede Woche mehrere Male an Tränen rühren und treiben ihr ehemaliges Leben im Geheimen fort.
(MEW 1, 413–419)
SELBSTVERSCHACHERUNG DES MENSCHEN UND DER ERDE
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
1844
»Friedrich Engels, mit dem ich seit dem Erscheinen seiner genialen Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien einen steten schriftlichen Ideenaustausch unterhielt, war auf anderm Wege […] mit mir zu demselben Resultat gelangt …« (MEW 13, 10). Noch im Jahr 1859 spricht Karl Marx in einer kleinen Rechenschaft über seinen bisherigen intellektuellen Werdegang dieser Schrift aus Engels’ Feder solch hohes Lob aus. Tatsächlich waren die »Umrisse« der unmittelbare Anlass für die wohl außergewöhnlichste und fruchtbarste Freundschaft in der abendländischen Geistesgeschichte.
Nach dem endgültigen Verbot der Rheinischen Zeitung hatte Marx mit Arnold Ruge zusammen in Paris, das heißt außer Reichweite der preußischen Zensur, das ehrgeizige Projekt der Deutsch-Französischen Jahrbücher begründet. Es sollte ein Flop werden. Zunächst gelang es nicht, wie beabsichtigt, prominente französische Autoren dafür zu gewinnen. So mancher zog seine ursprüngliche Zusage wieder zurück, weil er mit den »deutschen Atheisten« nichts zu tun haben mochte. Letztlich erschien nur eine Doppelnummer. Bei der Auslieferung nach Deutschland wurden die meisten Exemplare davon beschlagnahmt, und im österreichischen Herrschaftsgebiet stellte Fürst Metternich den Verkauf in den Buchhandlungen unter Strafe. Gegen Karl Marx wurde ein Haftbefehl ausgesprochen, der vollstreckt worden wäre, sobald er preußischen Boden betreten hätte. Allerdings: Diese eine Doppelnummer hatte es in sich: Sie enthielt zwei äußerst bedeutsame Aufsätze von Karl Marx selbst, nämlich Zur Judenfrage, jener Schrift, in der er die wichtige Unterscheidung zwischen politischer und allgemein menschlicher Emanzipation traf, und Vorwort zur Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie. Hier begründet Marx die besondere Rolle des Proletariats für die gesellschaftliche Transformation, und auch die klassische Passage zur Religionskritik findet sich in diesem Text (vgl. TS, 53–89). Neben diesen gewichtigen Texten enthielt die Nummer auch jene »geniale Skizze«, durch die Marx erneut – nach einer ersten kurzen Begegnung in Köln – auf Friedrich Engels aufmerksam wurde. Der Stil verrate – so meinen manche Interpreten – die redaktionelle Bearbeitung durch Karl Marx. Andererseits aber könne man Marx’ gesamte spätere Arbeiten zur Ökonomie als den Versuch verstehen, diese frühe Skizze seines Freundes Engels konkret und im Detail auszuarbeiten (Hirsch 1968, 33).
Tatsächlich können die »Umrisse« in ihrer Bedeutung für das spätere Gesamtwerk von Karl Marx gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Zum ersten Mal wird hier die kapitalistische Produktionsweise als dynamisches System begriffen. Keiner der klassischen Ökonomen vorher hat dies in dieser Weise beschrieben. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist die zentrale Kategorie. Aus ihm entspringt das Konkurrenzverhältnis, die Anarchie profitorientierter Einzelkapitalien, aus der sich alle Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft, ihre periodischen Krisen der Überproduktion und die daraus resultierende Verelendung, ableiten lassen. Einzig die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln selbst kann den Krisen, dem Elend und der Ausbeutung ein Ende setzen. Die Anarchie kapitalistischer Einzelinteressen muss durch eine planmäßig organisierte Produktion ersetzt werden, um die soziale Ungleichheit und vor allem die absurde Situation zu beseitigen, dass gerade der Überfluss an Gütern Elend verursacht. Von diesem Ausgangspunkt her analysiert Engels die zentralen ökonomischen Begriffe wie Arbeitslohn, Wert, Preis, Geld usw. In brillanter Formulierung nimmt er viele Elemente vorweg, die Marx später präzise analysieren sollte. Die begriffliche Erfassung der Arbeitskraft als Ware etwa bereitet der späteren Marx’schen Mehrwerttheorie den Boden. In seiner Beschreibung des bewusstlosen, unkoordinierten Zusammenwirkens der Menschen innerhalb der kapitalistischen Ökonomie klingt bereits der von Marx später sogenannte »Fetischcharakter« an, der für ihn das Hauptcharakteristikum des Kapitalismus überhaupt bildet: Was den Köpfen und Händen der Produzenten selbst entspringt, verselbstständigt sich, verwandelt sich in ein von ihnen unabhängiges, von ihnen nicht mehr kontrollierbares Produkt, dem sie schließlich völlig unterworfen sind (vgl. Kern 2017 b, 109–111).
Mit diesem Aufsatz also begann die Freundschaft zwischen Marx und Engels, ohne die das Marx’sche Werk nie zustande gekommen wäre.
… Das achtzehnte Jahrhundert, das Jahrhundert der Revolution, revolutionierte auch die Ökonomie; aber wie alle Revolutionen dieses Jahrhunderts einseitig waren und im Gegensatz steckenblieben, wie dem abstrakten Spiritualismus der abstrakte Materialismus, der Monarchie die Republik, dem göttlichen Recht der soziale Kontrakt entgegengesetzt wurde, so kam auch die ökonomische Revolution nicht über den Gegensatz hinaus. Die Voraussetzungen blieben überall bestehen; der Materialismus griff die christliche Verachtung und Erniedrigung des Menschen nicht an und stellte nur statt des christlichen Gottes die Natur dem Menschen als Absolutes gegenüber; die Politik dachte nicht daran, die Voraussetzungen des Staates an und für sich zu prüfen; die Ökonomie ließ sich nicht einfallen, nach der Berechtigung des Privateigentums zu fragen. Darum war die neue Ökonomie nur ein halber Fortschritt; sie war genötigt, ihre eigenen Voraussetzungen zu verraten und zu verleugnen, Sophistik und Heuchelei zu Hülfe zu nehmen, um die Widersprüche, in die sie sich verwickelte, zu verdecken, um zu den Schlüssen zu kommen, zu denen sie, nicht durch ihre Voraussetzungen, sondern durch den humanen Geist des Jahrhunderts getrieben wurde. So nahm die Ökonomie einen menschenfreundlichen Charakter an; sie entzog ihre Gunst den Produzenten und wandte sie den Konsumenten zu; sie affektierte einen heiligen Abscheu gegen die blutigen Schrecken des Merkantilsystems und erklärte den Handel für ein Band der Freundschaft und Einigung zwischen Nationen wie zwischen Individuen. Es war alles lauter Pracht und Herrlichkeit – aber die Voraussetzungen machten sich bald genug wieder geltend und erzeugten im Gegensatz zu dieser gleißenden Philanthropie die Malthus’sche Bevölkerungstheorie, das raueste barbarischste System, das je existierte, ein System der Verzweiflung, das alle jene schönen Redensarten von Menschenliebe und Weltbürgertum zu Boden schlug; sie erzeugten und hoben das Fabriksystem und die moderne Sklaverei, die der alten nichts nachgibt an Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Die neue Ökonomie, das auf Adam Smiths »Wealth of Nations« gegründete System der Handelsfreiheit, erweist sich als dieselbe Heuchelei, Inkonsequenz und Unsittlichkeit, die jetzt auf allen Gebieten der freien Menschlichkeit gegenübersteht. […]
Der einzige positive Fortschritt, den die liberale Ökonomie gemacht hat, ist die Entwicklung der Gesetze des Privateigentums. Diese sind allerdings in ihr enthalten, wenn auch noch nicht bis zur letzten Konsequenz entwickelt und klar ausgesprochen. Hieraus folgt, dass in allen Punkten, wo es auf die Entscheidung über die kürzeste Manier, reich zu werden, ankommt, also in allen strikt ökonomischen Kontroversen, die Verteidiger der Handelsfreiheit das Recht auf ihrer Seite haben. Wohlverstanden – in Kontroversen mit den Monopolisten, nicht mit den Gegnern des Privateigentums, denn dass diese imstande sind, in ökonomischen Fragen auch ökonomisch richtiger zu entscheiden, haben die englischen Sozialisten längst praktisch und theoretisch bewiesen. […]
Die Wissenschaft sollte unter den jetzigen Verhältnissen Privatökonomie heißen, denn ihre öffentlichen Beziehungen sind nur um des Privateigentums willen da. […]
Smith hatte recht, wenn er den Handel als human pries. Es gibt nichts absolut Unsittliches in der Welt; auch der Handel hat eine Seite, wo er der Sittlichkeit und Menschlichkeit huldigt. Aber welch Huldigung! Das Faustrecht, der platte Straßenraub des Mittelalters wurde humanisiert, als er in den Handel, der Handel, als seine erste Stufe, welche durch das Verbot der Geldausfuhr charakterisiert, in das Merkantilsystem überging. Jetzt wurde dieses selbst humanisiert. […] Haben wir nicht die Barbarei der Monopole gestürzt, rufen die Heuchler aus, haben wir nicht die Zivilisation in entfernte Weltteile getragen, haben wir nicht die Völker verbrüdert und die Kriege vermindert? – Ja, das alles habt ihr getan, aber wie habt ihr es getan! Ihr habt die kleinen Monopole vernichtet, um das eine große Grundmonopol, das Eigentum, desto freier und schrankenloser wirken zu lassen; ihr habt die Enden der Erde zivilisiert, um neues Terrain für die Entfaltung eurer niedrigen Habsucht zu gewinnen; ihr habt die Völker verbrüdert, aber zu einer Brüderschaft von Dieben, und die Kriege vermindert, um im Frieden desto mehr zu verdienen, um die Feindschaft der Einzelnen, den ehrlosen Krieg der Konkurrenz, auf die höchste Spitze zu treiben! – Wo habt ihr etwas aus reiner Humanität, aus dem Bewusstsein der Nichtigkeit des Gegensatzes zwischen dem allgemeinen und individuellen Interesse getan? Wo seid ihr sittlich gewesen, ohne interessiert zu sein, ohne unsittliche, egoistische Motive im Hintergrund zu hegen?
Nachdem die liberale Ökonomie ihr Bestes getan hatte, um durch die Auflösung der Nationalitäten die Feindschaft zu verallgemeinern, die Menschheit in eine Horde reißender Tiere – und was sind Konkurrenten anders? – zu verwandeln, die einander eben deshalb auffressen, weil jeder mit allen andern gleiches Interesse hat, nach dieser Vorarbeit blieb ihr nur noch ein Schritt zum Ziele übrig, die Auflösung der Familie. Um diese durchzusetzen, kam ihr ihre eigene schöne Erfindung, das Fabriksystem, zu Hülfe. Die letzte Spur gemeinsamer Interessen, die Gütergemeinschaft der Familie, ist durch das Fabriksystem untergraben und – wenigstens hier in England – bereits in der Auflösung begriffen. Es ist etwas ganz Alltägliches, dass Kinder, sobald sie arbeitsfähig, d. h. neun Jahre alt werden, ihren Lohn für sich verwenden, das elterliche Haus als ein bloßes Kosthaus ansehen und den Eltern ein Gewisses für Kost und Wohnung vergüten. Wie kann es anders sein? Was kann anders aus der Isolierung der Interessen, wie sie dem System der Handelsfreiheit zugrunde liegt, folgen? Ist ein Prinzip einmal in Bewegung gesetzt, so arbeitet es sich von selbst durch alle seine Konsequenzen durch, die Ökonomen mögen Gefallen daran haben oder nicht.
Aber der Ökonom weiß selbst nicht, welcher Sache er dient. Er weiß nicht, dass er mit all seinem egoistischen Räsonnement doch nur ein Glied in der Kette des allgemeinen Fortschritts der Menschheit bildet. Er weiß nicht, dass er mit seiner Auflösung aller Sonderinteressen nur den Weg bahnt für den großen Umschwung, dem das Jahrhundert entgegengeht, der Versöhnung der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst. […]
Es war der letzte Schritt zur Selbstverschacherung, die Erde zu verschachern, die unser Eins und Alles, die erste Bedingung unsrer Existenz ist; es war und ist bis auf den heutigen Tag eine Unsittlichkeit, die nur von der Unsittlichkeit der Selbstveräußerung übertroffen wird. Und die ursprüngliche Appropriation, die Monopolisierung der Erde durch eine kleine Anzahl, die Ausschließung der übrigen von der Bedingung des Lebens, gibt der spätern Verschacherung des Bodens an Unsittlichkeit nichts nach. […]
Wir haben gesehen, dass am Ende alles auf die Konkurrenz hinausläuft, solange das Privateigentum besteht. Sie ist die Hauptkategorie des Ökonomen, seine liebste Tochter, die er in einem fort hätschelt und liebkost – und gebt Acht, was für ein Medusengesicht da herauskommen wird. […]
Weil das Privateigentum jeden auf seine eigene rohe Einzelheit isoliert und weil jeder dennoch dasselbe Interesse hat wie sein Nachbar, so steht ein Grundbesitzer dem andern, ein Kapitalist dem andern, ein Arbeiter dem andern feindselig gegenüber. In dieser Verfeindung der gleichen Interessen eben um ihrer Gleichheit willen ist die Unsittlichkeit des bisherigen Zustandes der Menschheit vollendet; und diese Vollendung ist die Konkurrenz. […]
Der Widerspruch der Konkurrenz ist ganz derselbe wie der des Privateigentums selbst. Es liegt im Interesse jedes Einzelnen, alles zu besitzen, aber im Interesse der Gesamtheit, dass jeder gleich viel besitze. So ist also das allgemeine und individuelle Interesse diametral entgegengesetzt. Der Widerspruch der Konkurrenz ist: dass jeder sich das Monopol wünschen muss, während die Gesamtheit als solche durch das Monopol verlieren und es also entfernen muss. Ja, die Konkurrenz setzt das Monopol schon voraus, nämlich das Monopol des Eigentums – und hier tritt wieder die Heuchelei der Liberalen an den Tag –, und solange das Monopol des Eigentums besteht, solange ist das Eigentum des Monopols gleichberechtigt; denn auch das einmal gegebene Monopol ist Eigentum. Welche jämmerliche Halbheit ist es also, die kleinen Monopole anzugreifen und das Grundmonopol bestehen zu lassen. […]
Das Gesetz der Konkurrenz ist, dass Nachfrage und Zufuhr sich stets und ebendeshalb nie ergänzen. Die beiden Seiten sind wieder auseinandergerissen und in den schroffen Gegensatz verwandelt. Die Zufuhr ist immer gleich hinter der Nachfrage, aber kommt nie dazu, sie genau zu decken; sie ist entweder zu groß oder zu klein, nie der Nachfrage entsprechend, weil in diesem bewusstlosen Zustande der Menschheit kein Mensch weiß, wie groß diese oder jene ist. Ist die Nachfrage größer als die Zufuhr, so steigt der Preis, und dadurch wird die Zufuhr gleichsam irritiert; sowie sie sich im Markte zeigt, fallen die Preise so bedeutend, dass die Nachfrage dadurch wieder aufgereizt wird. So geht es in einem fort, nie ein gesunder Zustand, sondern eine stete Abwechslung von Irritation und Erschlaffung, die allen Fortschritt ausschließt, ein ewiges Schwanken, ohne je zum Ziel zu kommen. Dies Gesetz mit seiner steten Ausgleichung, wo, was hier verloren, dort wieder gewonnen wird, findet der Ökonom wunderschön. Es ist sein Hauptruhm, er kann sich nicht satt daran sehen und betrachtet es unter allen möglichen und unmöglichen Verhältnissen. Und doch liegt auf der Hand, dass dies Gesetz ein reines Naturgesetz, kein Gesetz des Geistes ist. Ein Gesetz, das die Revolution erzeugt. Der Ökonom kommt mit seiner schönen Theorie von Nachfrage und Zufuhr heran, beweist euch, dass »nie zu viel produziert werden kann«, und die Praxis antwortet mit den Handelskrisen, die so regelmäßig wiederkehren wie die Kometen und deren wir jetzt durchschnittlich alle fünf bis sieben Jahre eine haben. Diese Handelskrisen sind seit achtzig Jahren ebenso regelmäßig gekommen wie früher die großen Seuchen – und haben mehr Elend, mehr Unsittlichkeit mit sich gebracht als diese. […] Natürlich bestätigen diese Handelsrevolutionen das Gesetz, sie bestätigen es im vollsten Maße, aber in einer anderen Weise, als der Ökonom uns glauben machen möchte. Was soll man von einem Gesetz denken, das sich nur durch periodische Revolutionen durchsetzen kann? Es ist eben ein Naturgesetz, das auf der Bewusstlosigkeit der Beteiligten beruht. Wüssten die Produzenten als solche, wie viel die Konsumenten bedürften, organisierten sie die Produktion, verteilten sie sie unter sich, so wären die Schwankung der Konkurrenz und ihre Neigung zur Krisis unmöglich. Produziert mit Bewusstsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewusstsein, und ihr seid über alle diese künstlichen und unhaltbaren Gegensätze hinaus. Solange ihr aber fortfahrt, auf die jetzige unbewusste, gedankenlose, der Herrschaft des Zufalls überlassene Art zu produzieren, solange bleiben die Handelskrisen; und jede folgende muss universeller, also schlimmer werden als die vorhergehende, muss eine größere Menge kleiner Kapitalien verarmen und die Anzahl der bloß von der Arbeit lebenden Klassen in steigendem Verhältnisse vermehren – also die Masse der zu beschäftigenden Arbeit, das Hauptproblem unserer Ökonomen, zusehends vergrößern und endlich eine soziale Revolution herbeiführen, wie sie sich die Schulweisheit der Ökonomen nicht träumen lässt.
Die ewige Schwankung der Preise, wie sie durch das Konkurrenzverhältnis geschaffen wird, entzieht dem Handel vollends die letzte Spur von Sittlichkeit. Von Wert ist keine Rede mehr; dasselbe System, das auf den Wert so viel Gewicht zu legen scheint, das der Abstraktion des Wertes im Gelde die Ehre einer besondern Existenz gibt – diesselbe System zerstört durch die Konkurrenz allen inhärenten Wert und verändert das Wertverhältnis aller Dinge gegeneinander täglich und stündlich. Wo bleibt in diesem Strudel die Möglichkeit eines auf sittlicher Grundlage beruhenden Austausches? In diesem fortwährenden Auf und Ab muss jeder suchen, den günstigsten Augenblick zum Kauf und Verkauf zu treffen, jeder muss Spekulant werden, d. h. ernten, wo er nicht gesäet hat, durch den Verlust anderer sich bereichern, auf das Unglück andrer kalkulieren oder den Zufall für sich gewinnen lassen. Der Spekulant rechnet immer auf Unglücksfälle, besonders auf Missernten, er benutzt alles, wie z. B. seinerzeit den Brand von New York, und der Kulminationspunkt der Unsittlichkeit ist die Börsenspekulation in Fonds, wodurch die Geschichte und in ihr die Menschheit zum Mittel herabgesetzt wird, um die Habgier des kalkulierenden oder hasardierenden Spekulanten zu befriedigen. Und möge sich der ehrliche, »solide« Kaufmann nicht pharisäisch über das Börsenspiel erheben – ich danke dir Gott usw.2 Er ist so schlimm wie die Fondsspekulanten, er spekuliert ebenso sehr wie sie, er muss es, die Konkurrenz zwingt ihn dazu, und sein Handel impliziert also dieselbe Unsittlichkeit wie der ihrige. Die Wahrheit des Konkurrenzverhältnisses ist das Verhältnis der Konsumtionskraft zur Produktionskraft. In einem der Menschheit würdigen Zustande wird es keine andre Konkurrenz als diese geben. Die Gemeinde wird zu berechnen haben, was sie mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln erzeugen kann, und nach dem Verhältnis dieser Produktionskraft zur Masse der Konsumenten bestimmen, inwieweit sie die Produktion zu steigern oder nachzulassen, inwieweit sie dem Luxus nachzugeben oder ihn zu beschränken hat. […]
Der Kampf von Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen Arbeit, Boden gegen Boden treibt die Produktion in eine Fieberhitze hinein, in der sie alle natürlichen und vernünftigen Verhältnisse auf den Kopf stellt. Kein Kapital kann die Konkurrenz des andern aushalten, wenn es nicht auf die höchste Stufe der Tätigkeit gebracht wird. Kein Grundstück kann mit Nutzen bebaut werden, wenn es nicht seine Produktionskraft stets steigert. Kein Arbeiter kann sich gegen seine Konkurrenten halten, wenn er nicht seine ganzen Kräfte der Arbeit widmet. Überhaupt keiner, der sich in den Kampf der Konkurrenz einlässt, kann ihn ohne die höchste Anstrengung seiner Kräfte, ohne die Aufgebung aller wahrhaft menschlichen Zwecke aushalten. Die Folge von dieser Überspannung auf der einen Seite ist notwendige Erschlaffung auf der andern. Wenn die Schwankung der Konkurrenz gering ist, wenn Nachfrage und Zufuhr, Konsumtion und Produktion sich beinahe gleich sind, so muss in der Entwicklung der Produktion eine Stufe eintreten, in der so viel überzählige Produktionskraft vorhanden ist, dass die große Masse der Nation nichts zu leben hat; dass die Leute vor lauter Überfluss verhungern. In dieser wahnsinnigen Stellung, in dieser lebendigen Absurdität befindet sich England schon seit geraumer Zeit. Schwankt die Produktion stärker, wie sie es infolge eines solchen Zustandes notwendig tut, so tritt die Abwechslung von Blüte und Krisis, Überproduktion und Stockung ein. Der Ökonom hat sich diese verrückte Stellung nie erklären können; um sie zu erklären, erfand er die Bevölkerungstheorie, die ebenso unsinnig, ja noch unsinniger ist als dieser Widerspruch von Reichtum und Elend zu derselben Zeit. Der Ökonom durfte die Wahrheit nicht sehen; er durfte nicht einsehen, dass dieser Widerspruch eine einfache Folge der Konkurrenz ist, weil sonst sein ganzes System über den Haufen gefallen wäre. […]
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