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Stefan Geyer/Jürgen Roth (Hg.)

Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten

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HA, was für eine Weltverachtung und wahre Wut sich mir heute morgen da schon wieder an meiner Schreibmaschine, meiner an sich friedlichen, ja gemütlichen Schreibmaschine entfackelt, oh, was eine Wut, auf Frankfurt und diesen Wallmann und Brück und Goethe sowieso, eine Wut, vergleichbar durchaus der des kleinen Jungen zu Beginn von Ravels Kurzoper L’enfant et les sortilèges, wo er da schimpft: „J’ai envie de gronder tout le monde – Ich habe Lust, auf die ganze Welt wütend zu sein“ – und auf dieses Frankfurt, denk’ ich an Frankfurt schon am Tag, aber halt ganz besonders – seine zum Wegsehen zwingenden Monster und Struwwelpeter und Bronzeplastikbombastiken schon ganz, ganz speziell; auf diesen Henninger-Turm und jene brunnenverunzierte Hauptwache, sogar noch auf den jetzt weggesprengten Unihochhausturm, dann auch auf dieses Eintracht-Stadion und diesen angeblich nagelneuen sozialdemokratischen Oberbürgermeister da, auf die ganze Alte und die sogenannte Neue Frankfurter Schule dazu, dann dieses lustlos, ja gänzlich lustfrei vor sich hin gammelnde Frankfurter angeblich legendäre saudumme Bahnhofsviertel – alles, alles wahrlich weg sehenswürdige Dinge!

ECKHARD HENSCHEID

Stefan Geyer/Jürgen Roth (Hg.)

Frankfurter
Wegsehenswürdigkeiten


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

© by Waldemar Kramer Verlag in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2014

Der Text basiert auf der Ausgabe Waldemar Kramer Verlag, Wiesbaden 2014

Korrektorat: Karin Flörchinger, Hattersheim

Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH Hamburg Berlin

Bildnachweis: © Stefan Geyer

Alle Rechte an den Photos bei den Autoren und den Herausgebern.

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0453-0

www.verlagshaus-roemerweg.de/Waldemar_Kramer

Übermenschliche Kräfte scheinen nötig, um sich in einer Stadt wie Frankfurt seine Heimat zu schaffen.

Bodo Kirchhoff

Inhalt

Vorwort – Von Joe Bauer

Die Hansaallee – Von Eva Demski

Ein Schloß für Barbie – Von Dieter Bartetzko

Die ihr eintretet – Von Dirk Braunstein

Ein Goetheturm, endlich vernichtet – Von F. W. Bernstein

Vorbildliche Leistung – Von Arno Dahmer

Kaisersack oder: Wo die Ungastlichkeit dieser Stadt ihren Anfang nimmt – Von Volker Breidecker

Grauer Grund – Von Stefan Geyer

Vor dem Gesetz – Von Stefan Gärtner

Gäbe es O-Bahnen – Von Mark Obert

Unten durch – Von Harry Oberländer

Siedlung Römerstadt – Von Tilman Birr

Die Baustelle – Von Mark-Stefan Tietze

Wie heißt er bloß wie heißt er bloß – Von Klaus Hensel

Der Schlips? Muß weg – Von Sybille Wilhelm

Frankfurter Menschen – Von Anonymus

Steine schreien leise oder: Zur skulpturalen Ausgestaltung von Taunusanlage und Gallusanlage – Von Leo Fischer

Balkone – Von Uve Schmidt

Der Tod, die Dummheit, das Glück – Von Rayk Wieland

Im Kopf des Bankers – Von Jess Jochimsen

Wer will den ganzen Krampf noch einmal in echt erleben? – Von Elsemarie Maletzke

Zettelwirtschaft – Von Oliver Maria Schmitt

XXL-Spielothek – Von Christian Jöricke

Gebaute Sinnfrage – Von Severin Groebner

Das Oosten – Von Philipp Mosetter

Ein feiner Fluß – Von Jürgen Roth

Frankfurt: ins Verhältnis gesetzt – Von Michael Sailer

Atacamawüste – Von Stefan Behr

Frankfurter Jungs – Von Otto A. Böhmer

Das Königsbrünnchen im Stadtwald – Von Bert Bresgen

Geschichts- und bedenkenlos – Von Detlev Claussen

Hinter gelben Gittern – Von Jörg Schneider

Angloquatschagglomeration – Von Andrea Diener

2,80 Euro – Von Andreas Maier

Ein Beispiel der Frankfurter Unfreundlichkeit – Von Matthias Egersdörfer

Auf einen Schoppen in den Luftschutzkeller – Von Marco Gottwalts

Zunge mit Kraut – Von Hauck & Bauer

Visuelle Nötigung – Von Natalie de Ligt

Ich bin eine schöne Überschrift – Von Michael Tetzlaff

Bei den Morlocks – Von Katja Thorwarth

Lohnt nicht – Von Silke Wustmann

Drei bärenstarke Brunnen – Von Eckhard Henscheid

Nachwort

Autorinnen und Autoren

Vorwort

Von Joe Bauer

Dies ist das erste Vorwort meines Lebens. Ein Provinzler wie unsereins hat naturgemäß lieber das letzte Wort, im Glauben, er könne durch pausenlosen Redefluß seine Ahnungslosigkeit vertuschen. Die Pause an sich ist im Fluß des Lebens eine existentiell wichtige Einrichtung, völlig unterschätzt, und die beste Erholung auf der Flucht vor den Wegsehenswürdigkeiten einer Stadt findet der Spaziergänger im Park. Der Park, habe ich mal gelesen, hat im kakophonischen Gebilde einer Großstadt (und was sich dafür hält) eine ähnlich bedeutende Funktion wie die Pause in einem symphonischen Orchesterwerk. Deshalb ist es mehr als vernünftig, wenn die Bürger ihre Parks gegen die Bulldozer der Investoren und die Lobbyisten verteidigen.

Ich lebe seit Mitte der siebziger Jahre in Stuttgart und müßte angesichts der Texte im vorliegenden Buch eigentlich die Klappe halten. Der Schriftsteller Helmut Heißenbüttel verglich Stuttgart einmal mit einer Wanne: „Diese Wanne ist rundherum abgeschlossen, sie hat zwei offene Seiten, einmal zum Neckartal und in einem schmalen Durchgang nach Heslach und Kaltental. Ein Spaßvogel hat einmal gesagt, wenn man diese beiden Ausgänge zustopfte und die Wanne voll Wasser laufen ließe, würde aus Stuttgart ein schöner See.“ Eine reizvolle Idee angesichts der Tatsache, daß man für das Megalomanie-Projekt Stuttgart 21 mehrere Parks umpflügt, sechzig Kilometer Tunnel bohrt und damit Europas zweitgrößtes Mineralwasseraufkommen gefährdet. Offiziell heißt es, die Deutsche Bahn baue einen neuen „Tiefbahnhof“ – ein „Verkehrsprojekt“. Dummes Geschwätz. Propaganda. Als ob je irgendein Schwachsinniger Milliarden investierte, auf daß der ohnehin mißliebige Eisenbahnkunde ein paar Minuten schneller von Stuttgart nach München kommt.

Die Wahrheit ist: Die Gleise auf Gottes Erdboden müssen in den Untergrund, damit Bauland frei wird und das milliardenschwere Immobilien- und Bodenspekulationsgeschäft freie Fahrt genießt. Die übliche Landnahme, wir kennen das von den Indianern.

Fast immer geht es ums Geschäft, wenn die Städte verschandelt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die Rathauspolitiker Stuttgart mit Stadtautobahnen tranchieren; danach mußte jeder Auswärtige glauben, Stuttgart ähnele mit seinen Fabriken von Mercedes, Porsche und Bosch irgendwelchen Industrielöchern im Kohlenpott. Dabei liegt die Stadt, wie von Dichtern ersonnen, in einem Talkessel mit Weinbergen, die man zur Zeit noch bei der Einfahrt mit dem Zug über dem von Paul Bonatz erbauten, inzwischen für S 21 ziemlich zerstörten Bahnhof sehen kann.

Daß ich trotz meiner Herkunft an dieser Stelle die Klappe aufreißen darf, verdanke ich einem Zufall. In den sechziger Jahren ging ich in einer stockkonservativen Kleinstadt namens Schwäbisch Gmünd für eine kurze Weile auf dasselbe Gymnasium wie der Wegsehenswürdigkeiten-Mitherausgeber Stefan Geyer. Nach meiner Schulpanne sah ich ihn öfter in Berlin; er hatte sich Richtung Frontstadt abgesetzt. Das war zu einer Zeit, als ich die Qualität einer Stadt vorzugsweise an der Zahl ihrer Kneipen und deren Öffnungszeiten bewertete. Da stand Berlin so gut da, daß unsereins als Tourist von einer Peinlichkeit in die nächste torkelte.

Auf das mir lange unbekannte Wesen Stadt stieß ich dennoch in Stuttgart. Nach gut zwanzig Jahren Redakteursarbeit bei den Stuttgarter Nachrichten gab man mir eine Kolumne mit dem Titel „In der Stadt“. Womit ich sie füllen könnte, sagte keiner. Wasser haben wir leider nur in der Vorstadt, der von Hölderlin besungene Neckar meidet Stuttgarts Kern und wird von der Politik böswillig ignoriert und allein als industrielle Wasserstraße mißbraucht. Da liebe ich geradezu Frankfurt, wenn mich ein Einheimischer in ein Café am Mainufer führt, eine Songzeile der Stranglers auf den Lippen: „Walking on the beaches looking at the peaches.“

Als Zeitungsfritze hatte ich schon früh den Eindruck, eine Zeitung spiegele nur höchst dürftig die Menschen und das Leben in der Stadt. Das ging mir nicht nur in Stuttgart so, auch in Berlin oder Hamburg wunderte ich mich, wie Zeitungen ihre Stadt buchstäblich ausblendeten. Mit urbaner Realität hat die Feuerwehr- und Rathausberichterstattung in den Lokalteilen oft nicht viel zu tun. Also begann ich versuchsweise mit dem Herumgehen und Schnüffeln, zunächst ohne Kenntnis der literarischen Flaneure. In den achtziger Jahren hatte ich gelegentlich in der Münchner Abendzeitung Sigi Sommers Kolumne „Blasius, der Spaziergänger“ gelesen. Was der Mann trieb, wie er den Leuten seine Stadt mit kleinen Beobachtungen wie ein Buch voller Geschichten öffnete, gefiel mir. Begriffen habe ich sein Handwerk erst später.

In meiner ersten Herumgeherzeit nannte ich mich „Stadtstrolch“, ohne zu ahnen, daß diese abwertende Bezeichnung etwas mit dem wahren Image des Flaneurs zu tun hatte, bevor diese Figur in der jüngeren Vergangenheit wieder in Mode kam (und heute in bescheuerten „Flaniertouren“ kommerziell ausgeschlachtet wird). Vom schlechten Ruf des Flaneurs, des streunenden Einzelgängers, erfuhr ich erst später bei der Lektüre von Franz Hessel: „Ich bekomme immer mißtrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb.“ Unsereins fühlt sich bis heute eher als Tagedieb.

Ich bitte, diese Schilderungen nicht als jene Art von Privatmitteilungen mißzuverstehen, die Schreiberlinge oft mit Poesie oder gar Unterhaltung verwechseln. Ich will nur erklären, wie lange es brauchte, mich dem Phänomen Stadt zu nähern. Womöglich geht es nicht nur mir so. Wohl war ich als Dörfler neugierig, aber es dauerte, bis ich mich mit der Sache halbwegs bewußt beschäftigte und erkannte, daß es keine Floskel ist, wenn man sagt: Geschichten liegen auf der Straße. Das gilt nicht nur für die großartige Idee der Stolpersteine zur Erinnerung an die von den Nazis ermordeten jüdischen Bürger. Manchmal hängen Geschichten auch an Hauswänden; eine unscheinbare Gedenktafel öffnet den Blick auf Menschen, deren Vergangenheit uns mehr über die Zukunft erzählt, als das alle Marketingschreier zusammen tun.

Eines Tages kaufte ich mir ein kleines gummiertes Fernglas von Nikon. Mit seiner Hilfe gewöhnte ich mir an, die Häuser in den Straßen nicht länger nur bis zur Gürtellinie, also bis zum oberen Ende der Eingangstüren oder der Schaufenster, zu betrachten. Obenrum, das ist wie bei Menschen, wirkt alles anders als beim Blick bis zum Bauchnabel. Das ziellose Herumgehen kam mir auch gelegen, weil ich an einer angeborenen Orientierungslosigkeit leide. Da fehlen irgendwelche Hirnspeicher. Ich finde in einer fremden Stadt nie eine Straße oder eine Kneipe wieder, in der ich tags zuvor war. Am besten, ich muß nichts suchen und gehe einfach der Nase nach. Zum Glück las ich in Paul Austers Winterjournal, wie sich der große New Yorker Autor und Spaziergänger in seiner Heimatstadt trotz der numerierten Straßen schwertut, beim Aussteigen aus der U-Bahn zu begreifen, wo er ist. Wo Süden und wo Norden ist, wo rinks und lechts. „Immer auf dem Holzweg, immer in der falschen Richtung, immer im Kreis herum“, schreibt er. Damit war geklärt, daß die Krankheit des hilflosen Herumirrens in der Stadt jeden befallen kann. Heute mache ich mir Mut mit meiner Losung: Lieber zu weit gehen als gar nicht. Immer wieder reise ich jeweils für eine Woche pflichtschuldig nach New York – auf der Suche nach dem Gefühl von Stadt: in der Nacht mit der U-Bahn raus aus dem Gewühl von Manhattan, runter nach Brooklyn, wo es entspannt sein kann wie auf einem Dorf und aufregend wie nur in New York City, in einer phantastischen Stadt, in der die Meldung umgeht, gewisse Herrschaften wollten die Pferdekutschen in den Straßen nicht etwa aus Tierliebe abschaffen. Die Droschken sollen weg, weil ihre Stallungen im Trendviertel Hell’s Kitchen den Immobilienhaien im Wege stehen.

Der Hinwendung zur Stadt, auch zur eigenen, folgt meist eine gewisse Liebe oder Haßliebe, je nachdem, und die Liebe macht nicht blind, sie schärft den Blick und das Gehör. Der Herumgeher beginnt, sich über die Würdelosigkeit im Umgang mit der Stadt zu ärgern, er spürt den Zorn auf die Verschandler mit ihrer dummdreisten Vorstellung von „Modernität“. Sie reden von „Moderne“, wo der Ramsch der Vergangenheit in neuer Verpackung zum Himmel stinkt. Es sind die Wegsehenswürdigkeiten, die uns zu Hinsehern machen. Es sind die ästhetischen Verbrechen, die uns den Blick auch politisch öffnen. Kaum war 2011 in Stuttgart Baden-Württembergs grün-rote Landesregierung angetreten, rülpste der SPD-Fraktionsvorsitzende Schmiedel: „Wo der Bagger steht, geht es uns gut.“ Welch gestriger Geist die Bulldozerfraktion prägt, erklärte der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth in einem Interview über Städtebau mit Spex: „Selbst wenn etwas nicht vollständig abgerissen wird, so läßt man in der Regel nur die Fassade stehen und baut dahinter praktische Gebäude. Das ist ein rückschrittliches Architekturverständnis. Architektur hat die Psychologie eines Ortes zu konservieren, dadurch ist es uns Menschen möglich, eine Verbindung herzustellen zu den Menschen, die vor uns dagewesen sind. Durchbricht man diese Logik, indem man nur die Fassade stehen läßt, verändert man die Städte, in denen wir leben, in eine Art Euro-Disneyland.“ Euro-Disneyland macht sich in Deutschlands Städten unaufhaltsam breit, und die Kriminalpolizei meldet: Es gibt keine deutsche Großbaustelle mehr ohne den extremen Einfluß der internationalen Mafia, keine ohne Schwarzarbeiter.

Unter der Überschrift „Teufelsspiralen“ schrieb der Architekturkritiker Dieter Bartetzko 2013 in der FAS einen denkwürdigen Beitrag über den Bauwahn und den Mietwahnsinn. „Immobilienentwickler“ versprächen „Neues Wohnen in der Stadt“, in Wahrheit „wachsen in den Innenbezirken von München, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Lübeck, Leipzig, Hannover oder Berlin Wohnquartiere wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Doch mit dem Wohnungsbedarf und den fehlenden Sozialwohnungen haben diese so viel zu tun wie ein Flamingo mit einem Huhn – was entsteht, sind Luxusquartiere, deren Mieten und Kaufpreise das Monatseinkommen oder die Rücklagen der sogenannten Mittelschicht um ein Vielfaches übertreffen.“ Die Luxusarchitektur, so Bartetzko, neige ästhetisch „zur Armseligkeit“, die Einheitlichkeit der Bauten erinnere „erschütternd an Praktiken der späten DDR“: an austauschbare Dekorserien in völlig unterschiedlichen Städten wie Rostock, Erfurt, Dresden.

Wo das dämliche Adjektiv „modern“ auftaucht, folgen unweigerlich die städtebaulichen Totschlagargumente aus den Marketingagenturen. Jeder Schwachsinn steht heute für „Zukunft“ und „Fortschritt“. Aus der Psychologie weiß man, daß die menschlichen Hirnspeicher der großen Mehrheit vorwiegend nicht etwa mit Sammelstücken aus der Vergangenheit oder der Gegenwart gefüllt sind. Was den Kopf am meisten belastet, sind von Existenzangst geprägte Gedanken. Auch deshalb steht heute jeder verkäufliche Scheiß, sofern neu produziert, für Zukunft und Fortschritt.

In Ruben Fleischers düsterem Hollywood-Film Gangster Squad spielt Sean Penn den Mobster Mickey Cohen im Los Angeles der vierziger Jahre. Der Verbrecher will die ganze Stadt. Als er, größenwahnsinnig und süchtig nach „mehr“, ein weiteres Hindernis auf seinem Weg nach oben beseitigt hat, sagt er: „Das war kein Mord. Das war Fortschritt. Ich bin Fortschritt.“ Diese Szene fällt mir ein, wenn ich vor zerstörten oder mutwillig der Verwahrlosung überlassenen Baudenkmälern stehe, den gekappten Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Wegsehenswürdigkeiten unserer Städte zwingen den Herumstiefelknecht im Dienste seiner selbst zum Hinsehen. Er sollte so umweltfreundlich sein, nicht überall hinzukotzen, wo ihm in einer schöpferischen Pause gerade danach ist. Womöglich tritt der Falsche rein.

Die Hansaallee

Von Eva Demski

Als ich vor Jahrzehnten in die Hansaallee zur Schule ging, konnte man Vergangenheit und Gegenwart an ihr ablesen: schöne, verschont gebliebene, vergammelte Gründerzeithäuser im innenstadtnahen Teil, wozu auch die imperiale Halbruine unserer Schule gehörte. Ihr Namenspatron Lessing stand steinern auf dem Dach und schaute hinüber zu den amerikanischen Latifundien mit dem Poelzig-Bau als beeindruckender, wenn auch geschichtsumdüsterter Kulisse. Um den scharten sich Zweckbauten inmitten verwilderten Grüns. Darin versteckt gab es sogar ein Theater, um das wir Legenden woben, weil wir nicht reindurften.

Stadtauswärts reihten sich Blocks aneinander, die der großen Wohnungsnot nach dem Krieg abhelfen sollten. Schön waren sie nicht, aber Schönheit war in der Architektur sowieso obsolet geworden. Sie stand unter Bürgerlichkeitsverdacht. War ja auch was dran. Die schönsten Bauten verdankt die Menschheit häßlichen Systemen oder miesen, menschenverachtenden Charakteren. Allerdings hatte das vor unserer Kindheit gerade überwundene System nicht einmal akzeptable Architektur hervorgebracht, obwohl der Führer so gern bauen ließ.

Die Zeiten änderten sich. Die Altbauten an der Hansaallee wurden renoviert, Bäume wuchsen, meine Schule wurde abgerissen, Lessing landete auf dem Boden vor dem Neubau, der nicht mehr imperial, dafür klobig war. Die Mauer zwischen den beiden Deutschlands fiel, und die Amerikaner zogen von dannen. Die Fünfzigerjahreblocks wurden neu gestrichen, verzagt bunt, die Universität zog in den Poelzig-Bau und bekam den schönsten Campus, den man sich nur denken kann. Die Amerikaner waren immer großzügig mit Platz umgegangen, wahrscheinlich, weil sie daheim genug davon hatten. So waren auch ihre Wohnblocks umgeben von weiten Wiesen und konnten ihre architektonische Einfallslosigkeit hinter den groß und mächtig gewordenen Bäumen verstecken.

Mit der Universität kamen Neubauten an die Hansaallee, Institute auf der einen, Wohnungen auf der anderen Seite. Die Institute haben eine gewisse Aggressivität an die Straße gebracht, steinerne Messerschneiden gleichsam, die von den jungen Bäumen der neubepflanzten Allee bisher nur mühsam im Zaum gehalten werden. Einschüchterungsarchitektur mit Schießschartenfenstern, ein Wechselbalg von Platz, unbebauter Raum, dessen Zweck noch immer nicht klar ist: Parken? Lustwandeln? Abhängen? Ein teuer gepflastertes, mit kostspieligen Leuchtkörpern sinnfrei erhelltes Nichts, dessen äußerstes urbanes Element im Frühling ein Spargelhäuschen ist. Manchmal wagt sich auch ein Bücherstand hin.

Aber gegenüber! Gegenüber, das neue Wohnen! Für den gehobenen Bedarf!

Das noch immer neue Wohnen sieht nach wenigen Jahren schon ziemlich alt aus. Die verwendeten Farben, die ich schon beim Erstanstrich als Elefantengrau in mehreren Stadien von Leukämie empfunden hatte, sind nicht heiterer geworden. Falsche Palmen und zerrüttete Binsenmatten erwecken nicht den Eindruck hochklassigen Wohnens, der hier erwünscht war – von Beginn an gab es in diesem Konstrukt urbanen Lebens (Höfe! Verdichtung! Passiv!) einen sichtbaren Zug zur Verkommenheit. Die stammheimhaften Betonabgrenzungsmauern und die Tiefgaragenschluchten tun das ihre. Es sieht nicht beschützt aus, sondern bedrohlich.

Nur die Bäume, die Bäume und die Grünstreifen, sie trösten und wollen eine Allee werden. Die Hansaallee. Irgendwann wird die Architektur hinter ihnen verschwinden.

Wenn sie die Bäume dann nicht abhacken.

Aber vielleicht werden ja dann auch schon wieder die Häuser abgerissen, das geht in unserer Stadt ganz schnell.

Meine alte Schule ist auch ganz neu, jedenfalls von außen.



Ein Schloß für Barbie

Von Dieter Bartetzko

Schauplatz Frankfurt-City. Ein totenstiller Innenhof, den blind starrende Fensterreihen umgeben. Von draußen sind das blecherne Krachen und nervtötende Rollen des Leerens von Müllcontainern zu hören. Dazu das Tuckern von Transportern, das Scheppern und Ächzen von Hebebühnen, die durchdringenden Rufe von Müllmännern und Möbelpackern, die ärgerlichen Kommentare von Autofahrern, die sich aufgehalten fühlen.

Ein Morgen in der Großen Eschenheimer Straße zwischen Hauptwache und Eschenheimer Turm. In besagtem Innenhof macht die Geräuschkulisse des Großstadterwachens die Einsamkeit noch lastender. Hier könnte ein ehrgeiziger junger Filmregisseur die depressive Hauptfigur seines ersten Spielfilms über Selbstmord oder Amok grübeln lassen.

Wie aufs Stichwort erscheint ein Kellner und wischt nachlässig über ein Dutzend leerer Caféhaustische. Sie spiegeln sich im metallisch grauschimmernden Sicherheitsglas von Rundbogentüren, die an beiden Längsseiten des Hofs in umlaufende Arkaden aus Rotsandstein eingelassen sind. Wo die Scheiben nicht reflektieren, schaut man in kahle Räume. Nur auf Höhe der Tische annonciert die Espressobar gute Laune, Lifestyle, Events und dergleichen.

Ihre Leuchtreklamen stechen ordinär von der barocken stummen Eleganz ab, die sich an der Stirn- und Rückseite des Hofs darbietet. Zur Straße hin sind monumentale korinthische Säulen gereiht, darüber eine Balusterbalustrade, die zu beiden Seiten auf zweigeschossige Pavillons mit hohen Sprossenfenstern und pompösen Mansarddächern trifft. Auf der gegenübergelegenen Schmalseite zieht ein leicht vortretender Mittelpavillon mit säulenverziertem Eingangstor den Blick auf sich. Über dem Portal erhebt sich ein stattliches Rundbogenfenster, gerahmt von korinthischen Pilastern und überfangen von einem mächtigen Dreiecksgiebel.

Zwei aufgerichtete steinerne Löwen präsentieren dort mit gefletschten Zähnen ein Wappen. Es ist das der Fürstenfamilie Thurn und Taxis. Nach ihr heißt das beschriebene Palais, in dessen verwaistem Hof eine Espressobar seit Monaten das einzige ist, was von den hochfliegenden Hotel- und Luxusboutiquenvisionen eines Investors übrigblieb.

Deshalb – oder auch nur, weil die beiden Tropaia beiderseits des Giebels nicht wie Sandstein anmuten, sondern wie aus Styropor geschnitzt, und man den Mansardenfenstern so deutlich ansieht, daß sie dem technoid-nachhaltigen Bauen unserer Tage angehören – müßte korrekterweise vom einstigen Thurn-und-Taxis-Palais gesprochen werden. Und das hat eine imponierende Geschichte: 1739 als höfische Dreiflügelanlage entstanden, nach seinen fürstlichen Erbauern benannt, war es Frankfurts Bürgern zunächst als Adelssitz, dann als reaktionäres, vom preußischen Gesandten Bismarcks dominiertes „Bundespalais“ ein Dorn im Auge, ehe es 1895 zum Postamt verschandelt, ab 1908 als Museum für Völkerkunde glänzend restauriert und 1951 wegen angeblich unheilbarer Bombenschäden gesprengt wurde.

Was heute an der Großen Eschenheimer Straße im Schatten des Kaufhof-Kolosses und zweier kapriziös geknickter neuer Hochhäuser steht, ist also eine Kopie – und zwar eine schlechte. Wer den Innenhof genau betrachtet, merkt, daß seine Proportionen sonderbar gestaucht und unharmonisch sind. Der Grund: Um genügend Baufläche für die beiden Türme und die Supermall MyZeil zu gewinnen, wurden die Achsen des Ensembles verkürzt – kaum merklich bei den einzelnen Abschnitten, verheerend für den Gesamteindruck.

Letzterer wird an der Rückseite des Bauwerks tragikomisch und obszön zugleich. Wie die Primaballerina eines klassischen Balletts, die sich einem hingerissenen Publikum zu präsentieren meint, realiter aber fast mit der Nasenspitze auf den geschlossenen Eisernen Vorhang trifft, wölbt sich die kopierte halbrunde Gartenfront des Palais dem Hinterausgang von MyZeil entgegen, die ihre in Rauten zerteilte dunkle Glaswand wie ein Bulldozer mit verspiegelter Frontscheibe auf das Fake-Palais zuschiebt.

Kaum ein Shopping-Enthusiast gönnt dieser auferstandenen Gartenfront ohne Garten, die zudem aus Platzgründen um fünf Fensterachsen verschmälert wurde, einen Blick – warum auch, wird sie doch, wie das gesamte Palais, von der baulichen Umgebung zur Schaufensterdekoration und Event-Attrappe degradiert. Wer dennoch die drei geschwungenen Rotsandsteinstufen zum Rundbau hinaufsteigt, schaut durch die Sprossenfenster in einen kaltweißen, leeren Rundsaal. Das Original stammte, wie das gesamte Palais, von Robert de Cotte, dem Hofbaumeister des französischen Königs Ludwig XV. Es wies ursprünglich herrliche weiße und jadegrüne Stuckaturen auf. Noch prächtiger war der darüber gelegene Festsaal mit Säulen, Statuen des Bildhauers Paul Egell, einer umlaufenden Empore und einer vom berühmten Maler Luca Antonio Colomba ausgemalten Kuppel.

Der Festsaal würde, so versprach 2005 der Investor des gesamten Quartiers, vollständig rekonstruiert – als eine Attraktion des seinerzeit im Palais geplanten Luxushotels und als ein Geschenk an Frankfurts Bevölkerung. Damit machten der Magistrat und die Bauherren das Projekt den Bürgern schmackhaft; notgedrungen – denn es hatte merklichen Unwillen gegeben, als bekannt wurde, daß für das neue Palais-Quartier (MyZeil, die beiden Hochhäuser, das nachgebaute Palais sowie einen weiteren Büro- und Geschäftskomplex) der Fernmeldeturm von 1952 plus dem Paketamt, das im selben Jahr auf den Fundamenten des gesprengten Thurn-und-Taxis-Palais unter Einbezug der geretteten Torpavillons gebaut worden war, sowie das bis zur Zeil reichende Hauptpostamt von 1956 und das Verlagshaus der Frankfurter Rundschau abgerissen werden sollten.

Das Verlagshaus schätzten selbst Laien als hinreißendes Denkmal der Nierentischära, das mit seiner gläsernen Treppenhausspindel das berühmte Berliner Mossehaus zitierte. Der bei seiner Einweihung umstrittene Fernmeldeturm – zu seinen Gunsten hatte man, obwohl der Wiederaufbau beschlossene Sache war, die standfeste Ruine des Palais abgerissen – war längst zum Wahrzeichen geworden. Und das Paketpostamt, dessen Empfangshalle die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1952 als „repräsentativste in der gesamten Bundesrepublik“ gelobt und mit den Räumen von Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon verglichen hatte, ästimierten Architekturliebhaber zunehmend als einzigartiges Schloß der Wiederaufbaumoderne; einige Jahre noch, und das Ensemble wäre von der Allgemeinheit als das Juwel erkannt worden, das es war.

Vorbei. Im Jahr 2009 wurden MyZeil und das nachgebaute Palais eröffnet. Palais? Dank seiner verstümmelten Proportionen und der monotonen, frei erfundenen Seitenfronten (denn das originale Palais besaß links und rechts ausgedehnte Anbauten und Nebenhöfe, die einheitliche Fassaden verhinderten) ist der paßgenau für die Anliegen der Investoren zurechtgeschusterte Nachbau zum Barbie-Schloß abgestiegen; ein Spielzeug des Kommerzes, eine Fehlinvestition, die leerstehend unsere eventsüchtigen Tage verdämmert.

Neben ihm, da, wo ehemals das Rundschau-Haus stand (und vor dem Krieg das klassizistische Palais Mülhens ragte, in dem sich ab 1816 die bürgerliche Opposition, später der „Bürgerverein“ traf, um gegen das als „Bundespalais“ zum Sitz der Reaktion gewordene Thurn und Taxissche Anwesen respektive dessen Abgeordnete zu agieren), zwischen Eschenheimer Turm und Palais-Nachbau also, klafft am einstigen Standort des Verlagshauses eine riesige Brache, wo eigentlich ein rasanter neuer Bürokomplex geplant war. Diese Leerstelle ist das bisher grellste Indiz eines um sich greifenden brachialen autistischen Städtebaus, den wir noch vor zehn Jahren einzig den mafiosen Zuständen in Italien oder dem privatistischen Kapitalismus der Vereinigten Staaten zuordneten.

Die Erinnerung an das großartige Rundschau-Verlagsgebäude (dessen Erbauer, auch das muß gesagt werden, sich 1953 keineswegs um die ramponierte Schönheit des ausgebombten Palais Mülhens scherten) wird, wenn sie sich nicht schon in Luft aufgelöst hat, so rasch verschwinden, wie die Betonplattform der dortigen neuen Tiefgarage unter Asphalt und Ziergrün verschwunden ist. Wie die Kleine Eschenheimer Straße, die verlief, wo heute die Garagenrampe verläuft, und der Siegfried Kracauer in seinem Roman Ginster ein Denkmal als Journalistentreffpunkt des Frankfurt der zwanziger Jahre setzte, wie die Kleine Eschenheimer Straße wird bald auch das Rundschau-Haus nur noch in Dokumentationen und Romanen fortleben.

Über die ferne Zukunft des neuen Thurn-und-Taxis-Palais läßt sich wohl nicht einmal das annehmen.



Die ihr eintretet

Von Dirk Braunstein

Auf den technischen Fortschritt antwortet der trotzige und bornierte Wunsch, nur ja keinen Ladenhüter zu kaufen, hinter dem losgelassenen Produktionsprozeß nicht zurückzubleiben, ganz gleichgültig, was der Sinn des Produzierten ist. Mitläufertum, das Sich-Drängeln, Schlangestehen substituiert allenthalben das einigermaßen rationale Bedürfnis.

Adorno: Minima Moralia

Man ist neu in Frankfurt, und was braucht man da dringender als alles andere? Richtig, ein von Computer- und Internetnerds so genanntes sogenanntes LAN-Kabel, sonst bekommt man keinen Kontakt zur Außenwelt, und das ist in dieser Stadt kein Vergnügen. Weil man sich nicht auskennt, stellt man sich auf die Einkaufsstraße und fragt den erstbesten Passanten, ob es hier einen Saturn oder Vergleichbares gebe. Dahinten rechts, danke, nichts zu danken. Weißgott!

Schimpf! – Schimpf und Schande über diesen verruchten Laden, dieses Geschwörl da an der auch schon betörend behämmerten Zeil, wo sie alle hinwackeln und -dackeln und ich ja auch. Neben MySpace, myToys und Mai Thai gibt’s – wie ich später erfuhr: seit dem Jahr des Herrn 2009 – auch, die Welt Mores zu lehren, MyZeil. Über die (oder das oder den?) bereits Dante Alighieri Klärendes schrieb, die Infernalität des Unflats ein Stück weit kritisch zu beleuchten. Schon klar, es macht Kapitalismus nicht nur blöd – das sowieso und Ehrensache –, sondern er produziert auch „Blödmaschinen“ (Metz/Seeßlen; Memo an mich selbst: vielleicht demnächst die Bücher auch mal lesen, die ich naßforsch herbeizitiere!), die ihrerseits als generative Agenten des allwaltenden Stoffwechsels der Gesellschaft mit sich selbst sowie der Restnatur als Scheißemacher den hinterletzten Fuck her- – und sich dergestalt dem menschlichen Fortschritt, der wirklich einer wäre, mit voller Breitseite arschlöchrig in den Weg stellen. Wem das zu kulturpessimistisch oder zu verschwurbelt dünkt, mache sich auf den Weg in die gründlich verwüstete Frankfurter Innenstadt, wo sie comme il faut et à la bonne heure ein Einkaufsparadies aufs Pflaster gerotzt haben, das die Hölle ist.

Die Fassade hat ein Loch im Kopf, und ob’s der Strudel der Verdammnis ist oder ein krankhaft erweiterter Darmausgang, läßt sich vorerst kaum entscheiden; mit dem beklemmenden Gefühl, es könnte ja, wer weiß, beides eins sein, geht’s zum Eingang, der, quatschig blau beleuchtet, jede Hoffnung sinnfällig zerstäubt: Durch mich geht man zur Stadt der Schmerzen ein; durch mich geht man zur ewgen Qual; durch mich geht man zu den Verlorenen. Dennoch frohgemut hineingeschlüpft; kann ja nicht so schwierig sein, ein Kabel zu kaufen, haben andere ja auch schon geschafft, angeblich. Lasset, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren sowie jegliches ästhetisches Urteilsvermögen obendrein.

Drinnen schwillt und schwallt ein Krach, dort war, soviel das Ohr vernehmen konnte, kein lautes Weinen, aber Seufzerklagen, von denen rings die ewge Luft erbebte. Sie nennen’s freilich Musik. Hier wird deutlich, daß der Stulp, der die Fassade verunziert, bis ins Innere rüsselt, durch die Stockwerke hindurch; offenbar sollen sich um ihn herum kreisförmig die Menschen bewegen, faktisch aber strömt eine führerlose Masse. Die man zwar nicht als solche verachten, aber auch nicht unbedingt als jene Ursuppe affirmieren muß, welcher dereinst autonome Individuen entsteigen werden. Das ganze Elend derer, die offensichtlichen Mist verkaufen, sowie das jener, die den Schnodder auch haben und ergo erwerben wollen müssen – stets in der berechtigten Angst, das morgen schon nicht mehr tun zu dürfen –, will einen anpacken. Im Fluchtweg steht eine furchtbare fruitbar, an den Seiten prangen Ladennischen für Elektronikschnickschnackdreck: T-Online, e-plus, daneben Mode für die Frau von Welt (zum Beispiel Rödelheim-Ost): Pandora, BiBA und Princesse tam-tam oder wie auch immer: „eine Frau, ein Pyjama, 1000 Möglichkeiten“. Es ist zum Fürchten! Der allgegenwärtige Lärm, der, siehe oben, aus sämtlichen Poren tropft, überkleistert jegliche Gesprächsversuche der Gepeinigten, die sich an Löchern in Fußböden vorbeidrängeln müssen, durch die ein kranker Antichrist Rolltreppen und Glaselemente gesteckt hat, schwerstvermutlich, um die Architektur des Klumpens aufzulockern – oder was weiß ich. Über die Brüstung gelinst in den Keller, offenkundig, daß ich am Rande mich befand des Tals zum schmerzenvollen Abgrund, der widerhallt von grenzenlosen Klagen. Kunststück, unten lauern Intertoys, Rewe, Xenos, Reno, dm nebst einem Verschlag mit der Beschriftung „Die Frische Story“. Ich lüge nicht! „Smoothies, Säfte, Frozen Yogurt and Bubble Smoothies“, eine richtig geile Story! Von der Langnese Happiness Station wie vom basic | hairshop lieber zu schweigen.

Die Häme übrigens, die sich, wie ich mittlerweile weiß, bei konsumkritischen Geistern angesichts des Vordachs breitmachte, welches nachträglich über dem Eingang angebracht werden mußte, weil zuvor grobschloßger Hagel, Schnee und trübes Wasser (es paßt aber auch alles) Kaufwillige angegriffen hatten – in seligen Zeiten wurden einfach Regenrinnen und Schneefänge an die Häuser gezimmert –, ist vollends fehl am Platz. Daß die Masse trotz aller Widrigkeiten ungebremst in ihren liederlichen Tempel drang, macht sie erst recht zu einer von Verdammten, die sich ihrem als Kaufvergnügen zynisierten Schicksal fügt. Sie geht halt wirklich in den Konsum wie in einen Gottesdienst.

Beziehungsweise fährt auf Rolltreppen. Denn MyZeil kann unmöglich begreifen, wem das Wesen von Rolltreppen verschlossen ist. Sinn und Zweck jener Einrichtungen ist es doch, schneller und bequemer ans Ziel zu gelangen; irgendwelche Gegenmeinungen? Gut. – Da allerdings unter den gegebenen Entwicklungsbedingungen, die einen Fortschritt nur noch als Totschlagen von Zeit zulassen, schlechter besser ist als besser, kann man zwei Techniken gegen den Progreß anwenden:

a)Man verlängert einfach die Rolltreppe ins Superlativische, und schon brauchen ihre Benutzer wieder wünschenswert lange, um anzukommen; oder –

b)– man baut für jedes Stockwerk, wie in Kaufhäusern üblich, eigene Rolltreppen, versetzt die aber in einem so großen Abstand voneinander, wie es die Größe der entsprechenden Etage gerade noch zuläßt.

Man hat sich gegen die Besucher und für beide Widrigkeiten entschieden. „Next Level Shopping“ heißt das Unkonzept im Werbesprech, will sagen: Entweder sucht und latscht man ewig, um zur nächsten Rolltreppe zu gelangen, oder man fährt bis ans Ende aller Tage die große, sämtliche Stockwerke auf einmal überwindende Rolltreppe hinauf zum „Gastro-Boulevard“. Doch, doch: „Gastro-Boulevard“. Sorry, Leute, hab’ ich mir nicht ausgedacht, ich schreib’s nur auf!

Auf der Suche nach einem – erinnert sich noch wer, worum es seinerzeit ging? – LAN-Kabel fahre ich jedenfalls oder jedenfalls immerhin in den ersten Stock. So stieg ich nieder aus dem ersten Kreis zum zweiten, der geringern Raum umfaßt, doch um so größre Qual, voll Schmerzensschreien.

Hm. Daß es in der oder dem vermessenen MyZeil nun ausgerechnet nach oben hin immer schlimmer und effektiv höllischer wird, haut ja nun nicht recht mit der ganzen edelfedrigen Dante-Analogie hin, mit der ich, sei’s mehr schlecht als recht, den ganzen Popel hier zu verklammern und zu verklempnern und äh … – –

Andererseits kommt es mir, wo ich’s gerade so hinschreibe und notgedrungen zugebe, auch als selbstreflexiver Stilwechsel, oder nennen Sie’s, wie Sie wollen, so postmodern vor, meint: formal verhauen, daß es schon wieder paßt wie Arschloch auf Zeil.

Also ungeniert weiter:

Im Niemandsland zwischen Pepe Jeans, promod, comma, Passionata, PicturePeople, Shit&Fuck, New York Nails, O2 und Replay firmiert ein Jochen Schweizer, der es augenscheinlich auch nicht leicht hat. „Schenken Sie Erlebnisse“, blafft ein Plakat: „Genug geträumt“, nämlich alp, „jetzt wird erlebt“ – das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Zwei gelangweilte Hipsterbartträger muffeln derweil sinnlos an der Verkaufs- oder Besprechungs- oder halt Muffeltheke, diese Unselgen, die lebend nie gewesen. In die Mitte der Etage haben sie eine Frozen Coffeebar gerammelt, die coffreez zu nennen niemanden derartig beschämte, daß verhindert worden wäre, was fühlenden Menschen abwegig erscheint. Müssen sie ja wissen. Am Rand west ein Bekleidungsgeschäft herum: „one green elephant“: „innovative fashion made by little geniuses“. Hier ist man kreativ, hier sprudeln die Ideen, hier wummert Lärm aus den Lautsprechern, „hurra, die Waldfee!“ (Jürgen Klopp)

Nächste Rolltreppe, nächster Stock, nächster Schock: vodafone, Kult, das selbst für hiesige Verhältnisse sehr lärmige Schuhgeschäft elleez und ein Elend namens Napapijri – „wir suchen“, deliriert dort ein Aushang, „sportliche Mitarbeiter (m/w) in Voll- und Teilzeit sowie geringfügig Beschäftigte“. Sowie des weiteren Abnehmer für die lizensierten North-Face-Outdoormüllsäcke, mit denen die moralisch schwer derangierte deutsche Mittelschicht sich in ihre Familien-SUVs und -Kleinbusse quetschen kann, um dergestalt als Kaufzwangkranke die Landschaft mit sich vollzumachen und zu verschönern. – Nein, nein, ich mach’ nur Spaß, sieht super aus, ehrlich! – Wohin wollte ich eigentlich? Die Rolltreppen zu erlangen eilen sie, es spornt sie göttliche Gerechtigkeit, so daß Furcht sich wandelt in Verlangen. Na logo, nach immer neuem alten Tand und Schmutz und Leckmichamarsch. Icke mittenmang.

Korrekt: dritter Stock, Saturn. Die Kunden dort, die haben keine Todeshoffnung mehr; und also niedrig ist ihr dunkles Leben, daß jedes andere Schicksal sie beneiden, etwa das des Nachbarn, der das Smartphone Samsung Galaxy 3 abgegriffen hat. 655,– Euro, kann man für den Preis nicht selber machen. In die Melancholie des Konsums versinkt, wer sich durch diese – ach was! Kein weiteres Wort hierüber.

Der Vollständigkeit halber noch hoch auf den, wie erinnerlich, gastroenteritischen „Gastro-Boulevard“. Dort hört man durch den tosenden Radau verschiedne Zungen, grauenvolle Reden. Und muß es lesen, beispielsweise „sushi to go“, also kalter Fisch zum Davonlaufen. Aber wohin? Hier ist alles dicht verbaut und verrätselt, und die Oberfläche ist hermetisch verfugt und überhaupt so bedenklich opak und alles so tralala, und beim Widerkehren meiner Sinne erblick’ ich neue Qualen, sehe neue Gequälte rings, wie ich mich auch bewege und wie ich mich auch wende, wie ich schaue: Klopse – Gute Burger. Aha! Swiss Break. Soso! Mongol. Gewiß! coa – cuisine of asia. Asian Feelgoodfood with, u. a., „colorful salads“, auf deutsch: Hegt keine Hoffnung, je zu sehn den Himmel. Eingekreist von Comedor – Bestes aus Spanien, Papillon und einem posthumanoiden Trupp Pommes Freunde, gewahre ich mit Grausen, wo es eine „asiasnackbox“ hat, die mit prostitutionsgewerblicher Idiomatik beworben wird: „schnell … lecker … günstig … perfekt zum Mitnehmen“. Dahinter ein halbversteckter Eingang: halligalli Kinderwelt, das muß der Limbus sein, „über den Dächern von Frankfurt“: „Birthday Partys, powered by Langnese“. Wie alle Erzbösewichter machen auch sie nicht vor Kindern halt. „Spiel, Spaß, Abenteuer auf 1.500 m2“.

Und über allem, „5. und 6. Etage“, thront eine Muckibude, der FitnessFirst der Dunkelheit. Ich sah hier Leute, mehr an der Zahl wie sonst, von einer Seite her und von der andern laut brüllend Lasten wälzen mit der Brust. Neben prospektiven Freitödlern, denen die Höhe nur mehr letztes Versprechen ist, existiert hier der Frankfurter Leistungspöbel, um seine Schwell- und Prellkörper für das ubiquitäre survival of the fittest zu formen. Was stemmt ihr euch entgegen jenem Willen, dem niemals kann sein Ziel verwehret werden und der schon oft die Qualen euch vermehret? Kaufhausimmanente Negation der Vernunft? Schön wär’s ja schon, ginge man eben nicht mehr hin – und fertig. Leider ist es aber nicht abwegig, unterdessen davon auszugehen, daß der Kapitalismus nicht nur die Insassen MyZeils blöd gemacht, sondern zugleich das menschliche Vermögen der Erkenntnis a priori in von Imm. Kant et al. ungeahnte Tiefen geführt hat.

So, wie zur Herbsteszeit die Blätter fallen, eines ums andre, bis der dürre Ast der Erde wiedergab sein ganzes Laub, wollen auch wir zurück ins ewge Nichts, präzise: auf die leider ja ebenfalls gottnegierende Zeil und dann aber hurtig nach Hause.

Kurzinfo zum Beschluß: Daheim Kabel in PC und Wand gerammt, „MyZeil“ gegoogelt und was gelesen? Folgendes: „Für die internationale Vermarktung von MyZeil wurde 2013 ein Imagefilm gedreht, der potentiellen Mietern die Qualitäten des Einkaufscenters in trendiger Form präsentiert und den Anspruch als erste Destination für international angesagte Labels und Markteintritte in Deutschland unterstreicht.“

Satan!

Wessen Zeil das Ganze ist, konnte dank „internet connectivity“ oder wem ebenfalls ermittelt werden: Die Wegelagerei gehört der PalaisQuartier Asset Management GmbH, deren „Center-Manager Olaf Deistler über die Vermarktungsstrategie“ strategisiert: „Unsere Maxime heißt ‚Next Level Shopping‘ – das ist nicht bloß ein Slogan, sondern beschreibt unser ständiges Bestreben, dem Einzelhandel ein erstklassiges Umfeld mit einem modernen Serviceangebot auf internationalem Top-Niveau zu bieten.“ Daß Sie’s nur wissen: Die Maxime ist kein Slogan, sondern eine Beschreibung. Und der Architekt des Murkses – an dessen frankfurterisch-internationalem Topniveau offenbar mitschrauben durfte, wer irgend sich berufen fühlte –, Massimiliano Fuksas, meinte, sich äußern zu wollen: „Die Architektur ist ein Beruf des Friedens und des Teilens.“

Wer so dermaßen einen an der Waffel hat, ist natürlich auch vom Vorwurf befreit, einen fußgängerzonalen Stumpfsinn wie MyZeil in die Innenstadt zu krempeln. Aber was sagt es über die Stadt Frankfurt aus, die sich derlei gefallen läßt? Oder über uns, die wir wider besseres Wissen etwa in den Saturn fahren und laufen und laufen und fahren, um dort ein gigantisch blödes LAN-Kabel zu erstehen, und die wir schließlich, nach Beendigung des oben messerscharf diagnostizierten Stoffwechselvorgangs, den Laden wieder verlassen, geschlagen und beschämt? Sowie, seien wir ruhig einmal ehrlich, dreckig und häßlich und stinkend.

Und ich sank hin, gleich wie ein Toter hinsinkt.


Ein Goetheturm,
endlich vernichtet

Von F. W. Bernstein

Wer erinnert sich noch an das Goethegebäude in Bokkenheim? Wem graust es noch im nachhinein vor dieser enormen architektonischen Scheußlichkeit?

Es war ein Schandfleck der besonderen Art. Nein – es war nicht das höchste der siebenhundertdreiundzwanzig Goethehäuser in Frankfurt, von Reimwerkern in Heimarbeit errichtet zur Erinnerung an das Beisammensein von Faust und Gretel Adorno im Kettenhofweg. Als bauliches Potenzsymbol hatte es aber keine Chance neben den luziden Geldtürmen der Banken.

Nun hat man das Ding an einem Sonntag Anfang Februar 2014 gesprengt. Die Schönheit der Explosion ist, wie alles Schöne, nicht von Dauer. Der Schuttberg aus eitel Kulturgestein und Balkenbrand soll bleiben. Ein schöner Haufen Schutt – alles ist gut.



Vorbildliche Leistung

Von Arno Dahmer

Von außen erinnert sie an ein großes Rechenheft: Betonelemente teilen die Fassade in quadratische Flächen – braun verklinkerte Vierecke, innerhalb derer sich die Kästchenstruktur leicht abgewandelt und in kleinerem Maßstab wiederholt. „Universitätsbibliothek“ steht über dem Eingang. Wer weiß, was dort einmal stand, kann noch immer „Stadt- und …“ entziffern. Zwar wurden die Buchstaben abgenommen, doch blieb eine Art Schatten zurück, eine dunklere Tönung der Klinker. Darin scheint sich ein administratives Grundprinzip auszudrücken: Es wird nur das Nötigste getan. So gab es einmal eine ältere Generation von Schließfächern, die dem Benutzer immer genau das eine Zwei-Euro-Stück abverlangten, das er gerade ausgegeben hatte. Später wurden sie abgebaut und hinterließen einen schmutzigen Abdruck, um den sich nun keiner mehr schert. Und in den Lesesälen findet man seit Jahren Verlängerungsschnüre mit mehrfacher Einsteckmöglichkeit – an die sich immer gleich mehrere Laptops mit ihren Kabeln zu klammern scheinen wie Ertrinkende an ein Stück Treibholz. Neue Wandsteckdosen zu installieren widerspräche dem palliativen Prinzip. Selbst der Katalog ist eine Behelfskonstruktion. Obwohl natürlich längst computerisiert, besteht er zu einem beträchtlichen Teil aus eingescannten Karteikarten. Und eine zerbrochene Scheibe auf der Stirnseite des Gebäudes hat man kurzerhand durch ein Stück Holz ersetzt. Bis auf weiteres. Den Rest dann später, vielleicht, irgendwann, vielleicht gar nicht.

Es ist, als warte die Bibliothek nur noch auf ihre Auflösung, Ausweidung, Sprengung.

Studenten gehen hier ein und aus. Aber ausdauernd, wirklich ausdauernd, würde ein Student die Bibliothek nicht besuchen – das wäre gegen die Natur –, vielleicht nur während einer Prüfungsphase für ein paar Wochen oder Monate, gut organisiert, mit Wasserfläschchen, Laptop, verschiedenfarbigen Stiften, Ohrstöpseln und Kopfschmerztabletten.

Regelmäßig, wieder und wieder und wieder, kommen andere, nicht die Studenten, überhaupt keine Hochschulangehörigen.

Da gibt es manche, die betreten die eigentliche Bibliothek, die inneren Bereiche, gar nicht, das brauchen sie auch nicht. Einer zum Beispiel – ein Herr, der sommers wie winters einen graugelben Mantel trägt, der so aussieht, wie man sich einen Kamelhaarmantel vorstellt –, sucht täglich die Toilette im Untergeschoß zum Füßewaschen auf. Er scheint dabei von einer ganz eigenen, rätselhaften Heiterkeit erfüllt und läßt sich Zeit. Ein anderer picknickt gern an einem der Tische bei den Schließfächern. Käse, Schinken, Schnittbrot, Honig, Apfelsaft, einen violetten Joghurt in einem transparenten Gefäß, ja sogar ein Schüsselchen mit Salat holt er hervor und breitet alles umständlich auf dem Tisch aus. Doch so umständlich es wirkt: Daß er einen Fehler macht, ist ausgeschlossen! Denn er hat sich einen genauen Plan zurechtgelegt. – Auch einem Dichter kann man an diesem Ort, bei den Schließfächern, begegnen, einem alten Dichter mit zerzaustem Bart und bitteren Zügen, der auf einem Klemmbrett Verse notiert und gelegentlich zornig die lärmenden Gruppen von Studenten mustert, die sich hier gern zum Lernen verabreden.

Andere zieht es in die Lesesäle, etwa einen älteren Herrn, den man im Wortsinn einen Studienrat nennen könnte, insofern ihm auf Grund seiner unermüdlichen Studien – eigentlich – der Ehrentitel eines Rats zukäme. Täglich sitzt er da, eine beeindruckende Zahl von Büchern vor sich auf dem Tisch. Ob er in ihnen liest, ist allerdings nicht ganz sicher. Wenn man es recht bedenkt, hat man ihn eigentlich immer nur knapp über sie hinwegschauen sehen, mit dem entspannt-aufmerksamen Gesicht eines Lehrers, der eine Klassenarbeit schreiben läßt. Mag also sein, daß auch im üblichen Sinne „Studienrat“ eine passende Bezeichnung für ihn wäre. Doch läßt er manchmal alles Studienrätliche fallen, schnarcht laut, den Kopf auf den Büchern, und ist nicht zu wecken.

Tag um Tag im Lesesaal ist auch der Philosoph. Zur Vorbereitung des Arbeitstages geht er mehrmals zwischen Tisch und Regalen hin und her und bringt immer noch einmal zwei Arme voll Bücher. Indes deutet bei ihm alles darauf hin, daß er in den Büchern liest, ja sogar exzerpiert. Einst ist er eine klassische Mischung aus Student und Stadtstreicher gewesen, man sah ihn in Seminaren über Wittgenstein und Heidegger, dezent Grimassen schneidend, angetan mit einem durchgefetteten Wollpullover, der am Rücken bereits eine wachstuchartige Beschaffenheit zu haben schien. Dann, später, muß er sich irgendwie gefangen haben, er trägt nun saubere Kleider, einen weißen, gestutzten Bart und wirkt beinahe unauffälliger als der Studienrat – nur daß er noch immer diesen gehetzten Gang eines Menschen hat, der jederzeit und überall fürchtet, vertrieben zu werden.

Ach, das Bedürfnis, in der Eingangshalle auf einen dieser Tische, die es dort jetzt gibt, zu springen und zu schreien: „Ihr wißt nichts, überhaupt nichts! Früher …“ Denn hier, wo man später diesen Kiosk eingerichtet, Sitzbänke und Tische aufgestellt hat, stand früher ein Wald von metallenen Karteischränken, der Zettelkatalog. Ach, der Zettelkatalog mit seinen kleinen, ausfahrbaren Ablagen – ein leichter Druck mit den Fingerspitzen, und sie sprangen heraus, welch aparter Mechanismus! Und die Leihscheine … Kennt überhaupt noch jemand das Wort? Man brauchte Geduld, um sie auszufüllen; eine Postkarte schreibt man schneller. Und etwa so, wie ein Kind einen Brief an den Weihnachtsmann schickt, sandte man sie jenem mit der Büchersuche beauftragten Personenkreis im Innern der Bibliothek, dessen Existenz man voraussetzt, andererseits aber auch anzweifelt, da man ihn nie zu Gesicht bekommt – denn mit den Mitarbeitern der Ausleihe kann er ja kaum identisch sein.

Da stünde man also und schrie, und keiner würde einen beachten, geschweige denn verstehen. Nur vielleicht die Dame an der Ausleihe, die immer schon da war und immer dasein wird, bis zu dem Tag, an dem die Bibliothek endgültig schließt und gesprengt wird, und selbst dann wird sie noch dasein, die Tür hinter dem letzten Besucher ins Schloß drücken und mit in die Luft fliegen. Müßte sie es nicht verstehen? Würde sie, der eine in staatlichen Einrichtungen selten anzutreffende Milde eigen ist, begütigende Worte finden? Oder hat gerade sie das Alte längst vergessen? Gerade weil sie schon wieder eine endlose Reihe von Tagen Gelegenheit hatte, aus der immer gleichen Perspektive in die Eingangshalle hinauszuschauen, und sich ihr das Neue bereits eingeprägt hat wie etwas ewig Gültiges?

In den Lesesälen, wo der Studienrat und der Philosoph ihre Tage in Selbstvergessenheit zubringen, zeigen elektronische Tafeln Uhrzeit, Datum, Wochentag, sogar das Jahr, als wollten sie den Besucher daran gemahnen, daß es ein Leben, eine Wirklichkeit außerhalb der Bibliothek gibt und daß seines Bleibens hier nicht ist. Allerdings sind die Anzeigetafeln mittlerweile größtenteils defekt, halb ausgefallen oder halb mit braunem Papier überklebt, und so scheint es auch nur noch halb wahr zu sein, daß ihre verschwommenen grünen Ziffern und Buchstaben an eine andere, ferne Realität erinnern sollen, und nur mehr halb wahr, daß es dieses Leben dort draußen überhaupt gibt.

Doch Tagesgäste bleiben letztlich alle, da ist nichts zu machen. Die walzenförmigen kleinen Lautsprecher überall, auf den Bibliotheksnutzer gerichtet wie Kanonen, sind das sichtbarste und bedrohlichste Zeichen dafür. Denn am Ende eines jeden Tages senden sie eine Folge schrecklicher Pfeiftöne aus, und jeder weiß nun, was es geschlagen hat, einer verbalen Erklärung bedarf es nicht, allein diese spitzen Töne treiben die Stammgäste mit ihren Bücherbergen, Butterbroten, zerschlissenen Taschen und Kamelhaarmänteln hinaus, sanft unterstützt von Bibliotheksangestellten, die sich – in einer Haltung gefaßter Ungeduld – an zentralen Punkten der Bibliothek in Stellung bringen, wobei ihnen aber – ebensowenig wie den Lautsprechern – niemals auch nur ein einziges Wort entweicht. „Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhn“, rezitiert einer Hölderlin, während er vom Strom der Hinausstürzenden fortgerissen, durch die Drehtür gewirbelt und auf die Straße geschleudert wird.



Kaisersack
oder:
Wo die Ungastlichkeit dieser
Stadt ihren Anfang nimmt

Von Volker Breidecker

Wenn Bahnhöfe das sind, was in vormodernen Zeiten Stadttore waren, so hat Frankfurt mit seinem Hauptbahnhof, dem ein Schicksal à la Stuttgart 21 zum Glück erspart geblieben ist, eins der europaweit schönsten Stadttore. Und wenn die Bahnhofsfassade nicht gerade wieder als Werbeträger verpachtet ist, sieht das hundertsechsundzwanzig Jahre alte Gebäude noch immer so aus, wie Max Beckmann im Jahr 1942 aus der Ferne des Exils diesen melancholischen Ort der Ankünfte und der Abreisen aus der Erinnerung gemalt hat. Nur diesseits des ausladenden Vorplatzes, nämlich dort, wo auf dem im Städel hängenden Bild eine schwarze Katze über einem Paradiesgärtlein thront, da ist im wörtlichen Sinne der heute gültigen Ortsbezeichnung bereits das Ende der Vorstellung eines gastfreundlichen Empfangs erreicht, den diese Stadt ihren Ankömmlingen und Besuchern bereiten würde. Schlimmer kann man einen öffentlichen Platz und den Raum eines auf ihn zulaufenden Boulevards – den einzigen, den Frankfurt besitzt – gar nicht abwerten, als ihn Kaisersack zu nennen. Und städtebaulich wird dieser Ort seit Jahren und Jahrzehnten so behandelt, als läge hier noch immer jenes einstige Galgenfeld, auf dem einzig sich auch ein Akt – wie Marcel Proust einmal schrieb – von solch „furchtbarer Feierlichkeit vollziehen kann wie eine Abreise mit der Eisenbahn oder eine Kreuzerhöhung“. Oder eine Ankunft in der Stadt Frankfurt am Main.

Diese weithin – manchmal auch in einem durchaus wohltuenden Sinne – unromantischste aller deutschen Städte bekommt zwar demnächst (neben einer neuerrichteten Disneyworld-Altstadt der Marke Rothenburg ob der Tauber) ihr Deutsches Romantikmuseum, doch wurde auf der nämlichen Magistratssitzung, die den Ausstieg der Stadt aus der Finanzierung des Museumsprojekts beschlossen hatte – von denselben Stadtvätern später bußfertig wieder zurückgenommen –, auch der vorgesehene Etat für den seit langem geplanten Umbau des Bahnhofsvorplatzes gestrichen und die Wiederherstellung eines menschenwürdigen Übergangs von und zur Magistrale der Kaiserstraße auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Damit hatte sich die Stadt auch aus der Affäre eines nicht endenden Streits zwischen ihr und der Deutschen Bahn darüber gezogen, wo das bahneigene Gebiet eigentlich endet und wo der städtische Grund beginnt. Frankfurts notorisch schlechter Ruf unter den rund 450.000 Reisenden, die tagaus, tagein am Hauptbahnhof ankommen oder abreisen, hat hier seinen manifesten Ausgangspunkt, und er wird auch so lange erhalten bleiben, wie den Besuchern die Botschaft vermittelt wird, daß für sie am Schnittpunkt von Bahnhof und Stadteingang keine einladenden Übergänge, sondern nur Untergänge vorhanden sind: Nach dem Willen der Stadtplaner sollen Fußgänger und Fußreisende gehorsam und brav in einer der Unterführungen verschwinden und sich in labyrinthischen unterirdischen Schächten in alle Richtungen verstreuen.

Für jene unverbesserlichen Rollkofferbenutzer und Flaneure der letzten Tage aber, die sich mit Le Corbusier weiterhin auf das „Königsrecht des Fußgängers“ berufen und die Stadt unter freiem Himmel betreten und begehen wollen, haben die Verkehrsplaner die Tortur und das lebensgefährliche Risiko ersonnen, zwischen Bahnhofsvorplatz und Kaisersack – nur Buenos Aires könnte da mithalten – insgesamt neun (alle neune!) allein dem motorisierten Verkehr vorbehaltene Fahrspuren überwinden zu müssen: sieben Fahrbahnen für Autos, Omnibusse und LKWs, die durch ihre sportlich geschwungenen Kurven zum Durchdrücken der Gaspedale und zum kräftigen Aufdrehen geradezu einladen, und zwei für die stählernen Trams, die hier nicht minder fehlplanerisch auf ihren Schienen rollen.

Keine zwei Meter breit ist der Mittelstreifen zwischen den beiden doppelspurigen Fahrbahnen aus Richtung Messe und Alleenring. Wer da mit oder ohne Rollkoffer, Fahrrad, Kinderwagen und/oder Schäferhund hängenbleibt, darf im dichten Gedränge vor ewig roten Ampeln so lange warten, bis er blau oder leichenblaß anläuft, bevor auch für ihn vorübergehend einmal „Grün“ angezeigt ist. Und weil es da ziemlich gefährlich ist, seine Füße allzuweit, allzu ungeduldig und allzu voreilig Richtung Fahrbahn zu bewegen, haben sich die weisen Frankfurter Verkehrsplaner, die auch privat am liebsten im SUV verkehren, ein ganz besonderes Geschenk für das gewöhnliche Fußvolk ausgedacht: die „XXL-Ampel“ mit einem vor antrainierten, proteintrunkenen Muskeln nur so strotzenden „Iron-Männeken“, das offenbar allein imstande sein soll, den im hiesigen Stadtraum drohenden Stahlbädern erfolgreich zu trotzen.

Öffentliche Plätze – das lehrt die Geschichte der europäischen Städte, und das lehren die Stadtsoziologen und Kulturanthropologen – sollten sich dadurch auszeichnen, daß sich auf ihnen Menschen ungehindert und gefahrlos sammeln und versammeln können. In diesem Sinne ist jeder Platz ein Möglichkeitsraum zur Einübung eines zivilen und zwanglosen sozialen Verhaltens von Fremden unter Fremden. Frankfurts Bahnhofsvorplatz und der von ihm durch die Willkür einer verfehlten Stadtplanung abgeschnittene Kaisersack sind in dieser Beziehung wahre Unmöglichkeitsräume. Und wollte man darüber nachsinnen, welcher Zusammenhang sich an dieser wichtigsten Drehscheibe der Stadt zwischen ihrer physischen Gestalt und den daselbst vorherrschenden sozialen Beziehungen manifestiere, man käme auf ziemlich trübe Gedanken. Und doch sehnte man sich weiter nach urbanen Stätten, die die durch die Gesetze der Gastfreundschaft gestiftete Einheit dessen einlösten, wofür im Französischen – der Sprache der „civilité“ schlechthin – ein einziges Wort steht, das „Gast“ und „Gastgeber“ zugleich bedeutet: „l’hôte“.

Warum also nicht im Frankfurter Viertel mit der höchsten Hotelbettenzahl und mit dem höchsten Migrantenanteil unter seinen Bewohnern, in einem Quartier, in dem mehr als vierzig verschiedene Nationalitäten vorwiegend friedlich nebeneinander leben, warum nicht just hier, in dem vielleicht einzig wirklich metropolitanen Viertel dieser Stadt, mit der Einlösung der Gesetze der Gastfreundschaft beginnen?


Grauer Grund

Von Stefan Geyer

„This is German architecture“, meinte der englischsprachige Besucher zu seinem Begleiter und wies mit einer ausladenden Bewegung des rechten Arms über das Gelände. Dann kreuzten sie den Platz zügigen Schrittes in Richtung Steinweg. Es gibt Frankfurter, die diesen Platz noch nie gekreuzt haben, weil sie seit Jahren die Innenstadt meiden und lieber in ihren Quartieren verweilen, im Gallus etwa oder in Ginnheim.

Man kann es verstehen. Menschen, die sich beispielsweise auf den sogenannten Roßmarkt verirren, werden sich unweigerlich fragen, was zum Teufel sie dort machen. Wer hier ist, will woanders hin. Der Roßmarkt ist kein Ort zum Verweilen. Allenfalls dient er ab und an als Aufmarschgelände für Fußballfans, Apfelweintrinker und Salafisten.

In den sechziger Jahren – damals fuhren über den Roßmarkt noch Straßenbahnen und Autos – ließen die Stadtoberen den Platz für Fußgänger untertunneln. Die Fußgängerunterführung fand freilich keine Akzeptanz und wurde irgendwann durch Vandalismus zerstört. In den neunziger Jahren zog die Disko U60311 in den ehemaligen Tunnel, die mittlerweile, nach einem Todesfall und Drogenrazzien und erheblichen Mietrückständen, wieder geschlossen ist. Nur der graffitibeschmierte Eingang am Rande des Roßmarkts erinnert noch an den einst berühmten Club. Er hat die Anmutung einer verranzten Pommesbude und bildet nun so etwas wie das Entree zum Roßmarkt, zu dieser riesigen anthrazitgrauen Fläche im Zentrum der Stadt.

Das leichte Gefälle des Geländes wird mittels einiger Stufen ausgeglichen, über die gelegentlich unaufmerksame Passanten stolpern, und dominiert wird die graue Ödnis vom Gutenberg-Denkmal in der Mitte. Kein Zweiglein, kein Strauch stellt diese Dominanz in Frage. Lediglich an der Ecke zur Kaiserstraße stehen verschämt drei Platanen – als hätte man vergessen, sie zu fällen. Was der gute Gutenberg allerdings auf dem Roßmarkt zu suchen hat, bleibt ein Rätsel, war der Platz doch, wie der Name schon sagt, ein Großhandelsplatz für Pferde.

Im 17. und 18. Jahrhundert diente er als Richtstätte. Hier wurde zum Beispiel am 28. Februar 1616 der antisemitische Aufrührer Vinzenz Fettmilch hingerichtet. Er hatte den sogenannten Fettmilch-Aufstand angezettelt, der zur Vertreibung der Frankfurter Juden und zur Plünderung der Judengasse führte. Das scheint die Planer dieser Innenstadtwüste inspiriert zu haben, denn der Ort verströmt in der Tat den Charme einer Hinrichtungsstätte. Ein Guillotinendenkmal oder ein Henkerbeil in Bronze würde sich gut machen. Alternativ hätte man mit Strohballen ein Geviert markieren und einen Ponyreitplatz für Kinder einrichten können. So würde wenigstens an den ursprünglichen Zweck des Ortes erinnert.

Nein, der Platz dient einzig als Transitraum, den man durcheilt, um zu den Luxusgeschäften in der Goethestraße zu gelangen, in die Freßgass’ oder zur „Flagshipstore“ genannten Kapselkaffeebude gegenüber dem Goetheplatz. Da werden Menschen hofiert, die locker um die achtzig Euro für ein Kilo Aluminiumkaffee ausgeben.

Das, was in Frankfurt gemeinhin als Roßmarkt bezeichnet wird, besteht genaugenommen aus drei Plätzen. Am Nordende des Areals schließt sich der Goetheplatz an. Und man staune und reibe sich die Augen, lungern da doch wahrlich ein paar mickrige Bäume herum.

In der Mitte des mit Steinquadern begrenzten Rechtecks thront die Dichterstatue, die seit Kriegsende und bis zur Fertigstellung dieses städtebaulichen Monstrums im Jahr 2008 die Taunusanlage zierte und dort über Junkies wachte. Dem Roßmarkt wendet Goethe den Rücken zu, er blickt nach Norden. Was er sieht, dürfte ihn allerdings kaum erfreuen. Die anschließende Steinwüste heißt: Rathenauplatz. Ein Denkmal hat man Walther Rathenau jedoch nicht spendiert, dafür ragt am – aus Goethes Sicht – rechten Rand eine etwa zehn Meter hohe, nächtens leuchtende Röhre schräg aus dem grauen Grund. Ein Lüftungsrohr? Kunst? Der Stinkefinger für den Dichter?

Eingefaßt wird auch dieser Teil des Platzes von hellgrauen Betonquadern, die wohl zum Verweilen einladen sollen. Natürlich verweilt hier nur, wer von einem Wadenkrampf gequält wird, einen Schuh binden muß oder seine prallen Tüten voller Billigklamotten, die er auf der Zeil zusammengerafft hat, vorzeigen möchte.

Während der Roßmarkt untertunnelt ist, wurde unter dem Goethe- und dem Rathenauplatz eine Tiefgarage verbuddelt. Auch am Eingang an der Ecke Goetheplatz/Roßmarkt hat Goethe als Dekor herzuhalten, in Schwarzweißgrau. Die schmale Schicht Erde über der Tiefgarage läßt selbstverständlich nicht zu, daß irgend etwas angepflanzt werden könnte, das Ähnlichkeit mit einem Baum hätte. Also hat man sich der Einfachheit halber für anthrazitfarbene Pflastersteine entschieden, die bei längerer Sonneneinstrahlung die Hitze äußerst effektiv speichern. Zwecks Erfrischung schießen einige dürre Fontänen aus dem Boden.

Karl Kraus schrieb mal: „Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.“ Im Krausschen Sinne wäre es demnach konsequent gewesen, das gesamte Gelände gleich als Parkplatz zu nutzen. Die umliegenden Einzelhändler wären entzückt gewesen, und die Stadt hätte nicht so tun müssen, als wolle sie Stadtplanung für Menschen betreiben.

Wie heißt es bei Goethe? „Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast.“ Genau. Und so fügt sich der Roßmarkt, die verschenkte Mitte der Stadt, nahtlos in eine endlose Reihe architektonischer Innenstadtgrausamkeiten ein – weshalb sich der gar beliebte Vergleich Frankfurts mit New York („Mainhattan“) abermals strengstens verbietet. In New York wäre dieser Platz grün.


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