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UTB 2950
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Heiko Haumann (Hrsg.)
Die Russische Revolution 1917
2. überarbeitete und erweiterte Auflage
BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2016
Impressum
Heiko Haumann ist Professor em. für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte an der Universität Basel. Er hat zahlreiche Studien zur Geschichte und Kultur der Juden, zur Geschichte Russlands und Polens, zur Regionalgeschichte sowie zur Lebenswelt einzelner Menschen veröffentlicht.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich
unter www.utb-shop.de.
Umschlagabbildung: Ein Symbol der Revolution: Bauern aus den Komitees der
Dorfarmen nutzen Anfang November 1918 Räume im Winterpalast des Zaren zum Essen.
Fotograf: M. M. Brejtkas.
© 2016 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien
Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Korrektorat: Anja Borkam, Jena
Satz: büro mn, Bielefeld
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in Germany
UTB-Band-Nr. 2950 | ISBN 978-3-8252-4530-6 | eISBN 978-3-8463-4530-6
Über dieses eBook
Der Böhlau Verlag steht gleichermaßen für Tradition und Innovation. Wir setzen uns für die Wahrung wissenschaftlicher Standards in unseren Publikationen ein – auch unsere elektronischen Produkte sollen wissenschaftlichen Anforderungen genügen.
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Über dieses eBook
Vorwort zur ersten Auflage
Vorwort zur überarbeiteten Neuauflage
Vorbemerkung zur Schreibweise russischer Wörter, zur Datierung, zu den Nachweisen und zum Glossar
Einleitung Heiko Haumann
Lebenswelten im Zarenreich Ursachen der Revolution von 1917 Heiko Haumann
Alternative Entwürfe zu einer Umwälzung der russischen Gesellschaft Anina Schafroth
Die Revolutionäre im Exil Prägungen einer Generation Anina Schafroth/Adrian Hofer/Jörn Happel
Das Jahr 1917 in den Metropolen und in den Dörfern Heiko Haumann
Die Revolution an der Peripherie Jörn Happel
Die Resonanz der Revolution in globaler Perspektive Julia Richers
Das Schicksal der Revolution Sozialismus, Gegenrevolution und der Weg in den Stalinismus Jörn Happel
Veränderungen von Lebenswelten Ideale, Hoffnungen, Enttäuschungen Carmen Scheide
Utopien der Revolution Von der Erschaffung des Neuen Menschen zur Eroberung des Weltraums Michael Hagemeister/Julia Richers
Erinnerung an 1917 Sichtweisen der Russischen Revolution Heiko Haumann
Zeittafel Jörn Happel/Adrian Hofer
Glossar Jörn Happel/Adrian Hofer
Literaturhinweise Michael Hagemeister/Adrian Hofer
Abbildungsnachweis
Autorinnen und Autoren
Register Julia Richers
Rückumschlag
Vorwort zur ersten Auflage
Auf dermaßen knappem Raum eine Geschichte der Russischen Revolution von 1917 mit hohem wissenschaftlichem Anspruch und guter Lesbarkeit zu verfassen, ist kein leichtes Unterfangen. Möglich war es nur, weil sich die Autorinnen und Autoren – alles Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte des Historischen Seminars der Universität Basel – zu einer engen Zusammenarbeit bereitfanden. Unter Hintanstellung anderer Interessen haben sie mit außerordentlichem Einsatz ihre Beiträge geschrieben, zur Diskussion gestellt und überarbeitet. Ihnen allen gebührt deshalb der größte Dank. Für mich war diese Zusammenarbeit wieder einmal eine besonders schöne Erfahrung im Rahmen meiner Tätigkeit. Erleichtert wurde unsere Aufgabe dadurch, dass wir alle – bei einer durchaus vorhandenen Vielfalt von Ansichten und Interpretationen – von einem gemeinsamen wissenschaftlichen Ansatz ausgingen, nämlich den revolutionären Prozess aus der Sicht der betroffenen Menschen, aus einer lebensweltlichen Perspektive darzustellen.
Geholfen haben uns bei diesem Experiment viele Menschen, denen wir hier nicht allen namentlich danken können. Erwähnt seien diejenigen, die uns Rechte und Vorlagen für Abbildungen zur Verfügung stellten – sie sind bei den Bildnachweisen aufgeführt –, darüber hinaus die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Böhlau Verlages – stellvertretend nenne ich unsere Lektorin, Frau Dorothee Rheker-Wunsch –, die es ermöglicht haben, dass aus unserem Manuskript ein schönes Buch geworden ist.
Die Russische Revolution hat die Welt verändert, und bis heute wird sie unterschiedlich bewertet. Mit diesem Buch legen wir eine Einführung in dieses Thema vor, die zu einer ersten Urteilsbildung befähigt und zu einer weiteren Beschäftigung anregen soll.
Basel, im April 2007
Heiko Haumann [<<7] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe
Vorwort zur überarbeiteten Neuauflage
Die Neuausgabe unseres Buches erscheint zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution. Zehn Jahre sind seit der Erarbeitung der ersten Auflage vergangen. Die damaligen Autorinnen und Autoren sind inzwischen nicht mehr alle an der Universität Basel tätig. Dennoch hat sich unser Team noch einmal zusammengefunden, um die einzelnen Beiträge zu überarbeiten und neue Forschungsergebnisse zu berücksichtigen. Darüber hinaus konnten wir zusätzliche Abbildungen einfügen. Diese können als eigenständige Quellen gelesen werden. Beibehalten wurden unsere Ziele, die wir vor zehn Jahren formuliert haben, und der Ansatz, den revolutionären Prozess aus der Sicht der betroffenen Menschen, aus einer lebensweltlichen Perspektive darzustellen.
Allen, die am Zustandekommen der Neuausgabe beteiligt waren, sei herzlich gedankt. Ein besonderer Dank für die wie immer zuverlässige Betreuung geht an Dorothee Rheker-Wunsch, Julia Beenken und Ralf Kapalla vom Böhlau Verlag. Ebenso danken wir Anja Borkam für das sorgfältige Korrektorat.
Wie schon bei der ersten Auflage hoffen wir, dass das Buch dazu beiträgt, sich mit dem Thema vertieft zu beschäftigen, und eine eigene Urteilsbildung ermöglicht. Auf diese Weise kann die Erinnerung an ein Geschehen wachgehalten werden, das tief in das Leben der Menschen eingriff und bis heute weit über Russland hinaus nachwirkt.
Basel, im April 2016
Heiko Haumann [<<9] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe
Vorbemerkung zur Schreibweise russischer Wörter, zur Datierung, zu den Nachweisen und zum Glossar
Russische Wörter werden nach der im deutschsprachigen Raum üblichen wissenschaftlichen Umschrift wiedergegeben, soweit sich nicht eine andere Schreibweise allgemein eingebürgert hat (z. B. Zar, Bolschewiki, Sowjet). Dies gilt auch für Personennamen, es steht also z. B. Trockij statt Trotzki. Dabei sind auszusprechen:
ė wie ein offenes, breites e
c wie z
č wie tsch
š wie sch
šč wie schtsch
v wie w
z wie s in Rose
ž wie g in Passagier
y wie ein dumpfes i
Ein ’ hinter einem Konsonanten bedeutet, dass dieser weich, ein - hinter einem Konsonanten bedeutet, dass dieser hart gesprochen wird.
Der besseren Lesbarkeit halber werden meistens die deutschen und nicht die russischen Bezeichnungen verwendet. Falls russische Begriffe vorkommen, werden sie, soweit sie keine festen Begriffe im Deutschen geworden sind, in der Regel im Text klein und kursiv geschrieben. In wörtlichen Quellenzitaten wird die jeweilige Schreibweise beibehalten.
Die Datierung richtet sich, wenn nicht anders vermerkt, nach dem jeweils gültigen Kalender. In Russland galt bis zum 1./14. Februar 1918 der Julianische Kalender. Für eine Umrechnung auf die Zeitrechnung in den Ländern, die der Gregorianischen Kalenderreform von 1582 gefolgt waren, muss man den russischen Daten im 19. Jahrhundert 12 und in den Jahren von 1900 bis 1918 13 Tage hinzuzählen. Die Februarrevolution hatte sich nach Julianischem Kalender am 27. Februar 1917 in Petrograd [<<11] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe durchgesetzt, nach Gregorianischem am 12. März. Die Oktoberrevolution fand am 25. Oktober bzw. am 7. November statt.
Aufgrund des knappen Umfangs ist ein ausführlicher Anmerkungsapparat nicht möglich. Nachgewiesen werden lediglich Zitate im Text.
Im Glossar werden häufig wiederkehrende und spezifische Begriffe kurz erklärt. Sie sind im Text – in jedem Kapitel bei ihrer Ersterwähnung – optisch hervorgehoben und werden im Register fett gedruckt. Begriffe, die mindestens an einer Stelle im Text ausführlich erläutert werden, wie etwa Namen und Ziele von Parteien, tauchen nicht unbedingt noch einmal im Glossar auf, sondern sind über das Sachregister leicht aufzufinden. [<<12]
Einleitung
Heiko Haumann
Im Januar 1923 blickte Vladimir I. Lenin, der bereits schwer erkrankte erste sowjetische Regierungschef, noch einmal auf die Oktoberrevolution von 1917 zurück. Dabei setzte er sich mit dem Vorwurf auseinander, die Bolschewiki seien zu überstürzt an den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung herangegangen. Russland sei noch nicht „reif“ für den Sozialismus gewesen, habe noch ein zu niedriges Kulturniveau, eine zu wenig entwickelte Zivilisation gehabt. Dem hielt er entgegen: „Wie aber, wenn die völlige Ausweglosigkeit der Lage, wodurch die Kräfte der Arbeiter und Bauern verzehnfacht wurden, uns die Möglichkeit eines anderen Übergangs eröffnete, um die grundlegenden Voraussetzungen der Zivilisation zu schaffen, als in allen übrigen westeuropäischen Staaten? […] Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist (obwohl niemand sagen kann, wie dieses bestimmte ‚Kulturniveau‘ aussieht, denn es ist in jedem westeuropäischen Staat verschieden), warum sollten wir also nicht damit anfangen, auf revolutionärem Wege die Voraussetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erringen […].“ Revolutionen würden nicht nach dem Lehrbuch gemacht. Man habe nicht alle Einzelheiten der Entwicklung voraussehen können, aber, wie schon Napoleon geschrieben habe: „On s’engage et puis … on voit. In freier Übersetzung bedeutet das etwa: ‚Zuerst stürzt man sich ins Gefecht, das weitere wird sich finden.‘“1
Und auch die deutsche Kommunistin polnisch-jüdischer Herkunft, Rosa Luxemburg, die 1918 von den Bolschewiki eine stärker sozialistisch orientierte Politik und die Freiheit auch „des anders Denkenden“ eingefordert hatte, hob hervor, dass die russischen Kommunisten dem internationalen Proletariat vorangegangen seien und als bis jetzt einzige ausrufen könnten: „Ich hab’s gewagt!“2 Beide Zitate zeigen, welche [<<13] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe weit über Russland hinausreichende Bedeutung der Umsturz im Oktober 1917 hatte. Er war die Folge einer sich radikalisierenden Entwicklung gewesen, ihm hatte kein fest umrissenes Programm für den Aufbau des Sozialismus zur Verfügung gestanden, und es war nicht alles so gelaufen, wie die Kommunisten es sich erhofft und wofür sie so viel gewagt hatten. Bei Lenin spüren wir sogar ein wenig Resignation und das trotzige „Dennoch!“, den Sozialismus doch zu erreichen – eine Erwartung, die spätestens im Terror des Stalinismus versinken sollte.
Dass die Bolschewiki überhaupt in die Lage versetzt wurden, sich zu entscheiden, ob sie den Umsturz wagen sollten, ging auf den Verlauf des Jahres 1917 zurück. Am Anfang stand die Februarrevolution, mit der die Zarenherrschaft gestürzt und eine republikanisch-demokratische Gesellschaftsordnung errichtet wurde. Innerhalb weniger Monate gipfelten die Vorgänge in einer neuen Umwälzung: Zwei Revolutionen verschmolzen in einem Prozess. In diesem Buch sollen die Ursachen dieses revolutionären Prozesses ebenso dargelegt werden wie die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1917, seine Folgen und Ergebnisse, die Hoffnungen und Enttäuschungen, die langfristigen Utopien und die Resonanz in der Welt.
Für viele Menschen in Russland bildete die Revolution zunächst einmal keinen besonderen Einschnitt – das Ernteergebnis oder die Hochzeit waren viel wichtiger. Zahlreiche Beamte und Fachleute arbeiteten in ihren Ämtern, Unternehmen und sonstigen Einrichtungen auch unter den neuen Vorgesetzten weiter, früher entworfene Projekte und Pläne wurden nach wie vor erörtert und teilweise verwirklicht. Die beschleunigte Industrialisierung, die durchgängige Kollektivierung und die Diktatur Iosif V. Stalins seit Ende der 1920er-Jahre verwandelten das Land tiefgreifender als die Revolution von 1917. Trotzdem bedeutete diese einen Bruch, für Russland wie für die Welt.
Die Autorinnen und Autoren dieses Buches haben sich zum Ziel gesetzt, die Kapitel gut lesbar und spannend zu schreiben. Obwohl der Umfang zum Verzicht auf zahlreiche Einzelheiten zwingt, sollen die Vorgänge so nachgezeichnet werden, dass sich die Leserinnen und Leser ein eigenes Urteil bilden können. Die Autorinnen und Autoren wollen deutlich machen, dass eine Vielfalt von Sichtweisen möglich ist, ja sich notwendigerweise aus der Vielfalt der damaligen Anschauungen und der Vielschichtigkeit der Strukturen ergibt. Wir kennen immer nur Fragmente des geschichtlichen Geschehens. Und wir wissen, dass sich nichts zwangsläufig vollzog, dass die Entwicklung offen war und auch ein anderes Ergebnis hätte haben können. Deshalb müssen wir Alternativen in die Untersuchung einbeziehen und danach fragen, warum sie keinen Erfolg hatten.
Um unsere Vorüberlegungen umzusetzen, halten wir den Ansatz für geeignet, aus dem Blickwinkel der Menschen, der historischen Akteurinnen und Akteure, die geschichtlichen Vorgänge zu betrachten, ihre Lebenswelten in den Mittelpunkt zu [<<14] stellen. In diesen bündeln sich individuell-persönliche und übergreifend-strukturelle Faktoren. Die Bedingungen des jeweiligen Handelns werden ebenso fassbar wie Sehnsüchte, Hoffnungen, Erinnerungen. Wahrnehmungen, Erfahrungen, Fühlen, Denken und Handeln werden nachvollziehbar und erhalten einen Bezug zu uns selbst, zu unserem Leben, ermöglichen uns deshalb eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir es mit der Erinnerung an die Geschichte – in diesem Fall an die Russische Revolution – halten und welche Schlüsse wir daraus ziehen.
Das russische Reich bzw. die Sowjetunion in den Grenzen von 1914 und 1923. Der Übersichtlichkeit halber fehlen Teile Sibiriens und die Gebiete des Fernen Ostens. [Bildnachweis]

Immer wieder versuchen die Autorinnen und Autoren, im Sinne dieses Ansatzes die Begebenheiten durch das Handeln einzelner Menschen zu verdeutlichen. Selbstverständlich hätten wir auch andere Akteure und Akteurinnen zu Wort kommen lassen können. Die Auswahl ist im Zusammenhang unserer Forschungen entstanden, in jedem Fall aber vor dem Hintergrund unserer Analysen der Verhältnisse zu verstehen. [<<15]
Unsere Darstellung setzt ein mit den Verhältnissen im Zarenreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und sie endet mit dem Übergang der Sowjetunion in den Stalinismus. Mit dem Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts und mit den damit verbundenen neuen Sozialbeziehungen, mit den Veränderungen auf dem Land, mit der Formierung revolutionärer Bewegungen und den Prägungen, die diese durch das Leben zahlreicher Persönlichkeiten im Exil erhielten, wurden besondere Voraussetzungen geschaffen, die zur Revolution von 1917 führten – auch wenn selbstverständlich noch weiter zurückliegende Faktoren nachwirkten. Das neue Machtsystem des Stalinismus bedeutete das Ende der Versuche, in der Sowjetunion die Ziele der Revolution von 1917 zu verwirklichen. Etwas völlig anderes war Realität geworden, als es sich die Menschen 1917 erhofft und die sozialistischen Revolutionäre erträumt hatten. Von nun an musste man von neuen Bedingungen ausgehen, um eine bessere, eine gerechte Gesellschaft anzustreben – auch wenn viele Menschen noch lange weiter hofften und die Ideen von 1917 bis heute lebendig sind.
Ein hoher Stellenwert kommt im Buch den Hoffnungen, Erwartungen und Utopien zu, die mit der Russischen Revolution verbunden waren. Sie gaben zahlreichen Menschen eine Zukunftsperspektive, brachten diese dazu, die Umwälzungen und die sich anschließende Politik zu unterstützen. Je tiefer dann die Kluft zwischen den Ansprüchen und den tatsächlichen Verhältnissen wurde, desto größer fiel die Enttäuschung aus, aber auch die Versuchung, die Macht mit Gewalt zu sichern, um unter besseren Umständen später einmal zu den ursprünglichen Zielen zurückzukehren. Sie wurden allmählich zu Versprechungen für eine ferne Zukunft, die die Menschen dazu anhalten sollten, sich doch noch mit allen Kräften für die neue Gesellschaft einzusetzen – bis dann sogar behauptet wurde, das Ziel, der Kommunismus, sei greifbar nahe, es brauche nur noch wenige Anstrengungen, um ihn zu erreichen.
Die Revolution und ihre Folgen haben unzählige Menschenleben gekostet, und sie haben Bewusstsein und Erinnerung der Menschen in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, ja weit darüber hinaus nachhaltig geprägt. Das kann im Einzelnen nicht Gegenstand dieses Buches sein. Umso wichtiger ist es, sich mit den Ursachen dieses Prozesses zu beschäftigen, die ursprünglichen Zielsetzungen, Hoffnungen, Zukunftsentwürfe und Utopien in ihren konkreten geschichtlichen Rahmenbedingungen wieder ins Gedächtnis zu rufen und zu fragen, wie wir heute damit umgehen. Dazu leistet dieses Buch einen Beitrag. [<<16]
1 W. I. Lenin: Über unsere Revolution. In: ders.: Werke. Bd. 33. Berlin 1962, 462–467, Zitate 464–465, 466.
2 Rosa Luxemburg: Die russische Revolution. In: dies.: Politische Schriften. 3 Bde. Hg. von Ossip K. Flechtheim. Bd. 3. Frankfurt a. M., Wien 1968, 106–141, Zitate 134, 141.
Lebenswelten im Zarenreich
Ursachen der Revolution von 1917
Heiko Haumann
„Mein Vater, das stimmt, war wirklich ein Bauer, und ich hier in weißer Weste, gelben Schuhen. […] Nur dass ich reich bin, viel Geld habe, aber wenn man sich’s genau überlegt, dann bleibt der Bauer eben Bauer“, sagt der Kaufmann Ermolaj A. Lopachin in Anton P. Čechovs 1903 geschriebener Komödie „Der Kirschgarten“.1 Er ist so reich geworden, dass er das Gut samt Garten kaufen kann, auf dem sein Großvater und sein Vater noch Leibeigene waren, „wo man sie nicht mal in die Küche gelassen hat“ und er selbst als halber Analphabet im Winter barfuß herumlaufen musste. Die Herrschaftsverhältnisse haben sich umgekehrt. Zweihundert Jahre lang hatten die adligen Gutsbesitzer über „lebende Seelen“ geherrscht und auf deren Kosten gelebt – eine Anspielung auf Nikolaj V. Gogol’s berühmten Roman „Tote Seelen“ von 1842, der als Kritik am Leibeigenschaftssystem gelesen werden konnte. Manche Leibeigene, wie der Diener Firs, haben die frühere Ordnung derart verinnerlicht, dass sie die 1861 erfolgte Befreiung als „Unglück“ empfinden. Jetzt aber kann der „Garten Russland“ neu bewirtschaftet werden, „neues Leben“ geschaffen werden.
Lopachin, der aus der Leibeigenschaft aufgestiegene Unternehmer, steht nicht zufällig im Mittelpunkt dieses Theaterstückes. Bedeutende Industrielle zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten sich in ihm wiedererkennen. Traditionell übten Bauern auf dem Land Nebengewerbe aus. Die dörfliche kustar’-Industrie umfasste kleine Handwerksbetriebe ebenso wie große Gerbereien, Leinenwebereien oder Schnapsbrennereien.
Einigen Bauern, häufig Altgläubigen, gelang es namentlich in der Moskauer Region, riesige Textil- und Nahrungsmittelfabriken zu errichten. Zusammen mit einer Anzahl Adliger und Kaufleute bildeten sie den Typus des „Moskauer Unternehmers“: Dieser betonte das „echt Russische“, lehnte ausländische Elemente und auch Auslandskapital [<<17] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe ab und strebte eine Eigenfinanzierung seiner Firma an. Er fühlte sich durchaus als „Herr“. Maksim Gor’kij lässt in seinem Čechov gewidmeten Roman von 1899, „Foma Gordeev“, den Kaufmann Majakin auf den „Adel, die Beamten und allerhand andre, die nicht zu uns gehören“, herabsehen, obwohl sie noch „kommandieren“. „Wer ist aber heutzutage der eigentlich Mächtige unter den Menschen? Der Kaufmann ist im Staate der Mächtigste, denn er hat die Millionen!“2 Kulturell orientierten sich diese Unternehmer häufig am adligen Lebensstil.
Die „Moskauer“ kritisierten die staatliche Industrialisierungsstrategie, weil diese die Produktionsmittelindustrie begünstigte. Nach der Jahrhundertwende führte dies manchen „Moskauer“ folgerichtig in eine gemäßigte Opposition zur Regierung, nach der Revolution von 1905 dann in Parteien, die Änderungen des Wirtschaftskurses verlangten. Darüber hinaus förderten sie Wohlfahrtseinrichtungen oder als Mäzene die Künste. Mit prachtvollen Bauten prägten sie das moderne Stadtbild. Ihre Verbindung von geschäftlichem und gesellschaftlichem Engagement brachte sie dazu, nach der Februarrevolution von 1917 die Provisorische Regierung zu unterstützen, teilweise sogar als Minister.
Einen anderen Typus bildete der „Petersburger Unternehmer“. Dieser stammte in der Regel nicht aus der Bauernschaft, sondern hatte als Staatsbeamter, Ingenieur oder Techniker seine Berufslaufbahn begonnen. Charakteristisch war eine Tätigkeit als „Manager“ oder leitender Angestellter in Aktiengesellschaften und Banken. Er befürwortete eine Fremdfinanzierung der Riesenbetriebe in den Bereichen des Brenn- und Rohstoffwesens, der Metallindustrie und dabei vor allem der Rüstungsindustrie durch Auslandskapital und Staatsaufträge. Entsprechend eng sah seine Verflechtung mit dem Staatsapparat aus, zumal ihn die staatliche Politik begünstigte.
Selbstverständlich traten diese Unternehmertypen nicht nur in den beiden Metropolen des Zarenreiches auf, und selbstverständlich gab es auch andere Formen des Unternehmertums in Russland. Sie verdeutlichen aber besonders gut die Möglichkeiten sozialen Aufstiegs, die Vielfalt der Verhaltensweisen und Lebensformen sowie die Zusammenhänge von wirtschaftlicher Aktivität und politischer Orientierung. Obwohl die Unternehmer zahlenmäßig nur eine kleine Schicht darstellten, stieg ihr Einfluss stetig.
Zahlreiche Bauern verließen ihre Dörfer, um in ländlichen oder städtischen Industriezentren als Arbeiter ein besseres Leben zu suchen. Der überwiegende Teil der [<<18] Industriearbeiterschaft kam vom Land. Dieser Zuzug in die Stadt war an sich gar nicht so einfach. Die „Bauernbefreiung“ von 1861 hatte zwar die persönliche Freiheit aus der Leibeigenschaft gebracht, nicht aber die Freizügigkeit. Die Dorfgemeinde, die obščina , musste die Erlaubnis geben, wenn jemand wegziehen wollte. Auf diese Weise sollte die Steuerkraft des Dorfes, für die die obščina solidarisch haftete, erhalten bleiben. Ebenso wurde beabsichtigt, eine Verarmung der Stadtbevölkerung durch eine Massenzuwanderung von Arbeitskräften, die weder hätten beschäftigt noch angemessen untergebracht werden können, zu verhindern. Doch die seit den 1880er-Jahren rasch anwachsende Industrie verstärkte die Hoffnungen auf ein höheres Einkommen außerhalb der Landwirtschaft und damit auch die Bereitschaft der Dorfgemeinden, etliche Bewohner gehen zu lassen: Meistens behielten diese „Bauern-Arbeiter“ ihren Landanteil und damit das Recht, jederzeit – zu Saisonarbeiten oder zur eigenen Sicherheit in Notfällen – wieder zurückkehren zu können. Dafür zahlten sie ihre Steuern weiter und schickten auch, wenn möglich, zusätzlich Geld, so dass sich insgesamt die finanzielle Situation im Dorf verbessern konnte. Die Bewirtschaftung des Landes übernahmen Angehörige.
Die Erwartungen, in den Städten ein schöneres Leben als in den Dörfern zu finden, erfüllten sich allerdings häufig nicht. Lange Arbeitszeiten von zwölf Stunden, die bis 1913 allmählich auf zehn Stunden sanken, oft schwierige Arbeitsbedingungen und eine strenge Arbeitsdisziplin, deren Verletzung hohe Strafen nach sich zog, wurden im Durchschnitt mit einem verhältnismäßig niedrigen Lohn entgolten. Die Lebenshaltungskosten lagen hingegen sehr hoch. Besonders erbärmlich waren die Wohnverhältnisse. Vielfach wurden Männer und Frauen in Baracken oder riesige Schlafsäle gepfercht. Daneben gab es zahlreiche „Schlafgänger“, die lediglich ein Anrecht auf eine Schlafstelle besaßen und diese sich noch mit einem zweiten Mieter teilen mussten, der ihren Platz einnahm, während sie arbeiteten. In den Slums herrschten katastrophale hygienische Zustände, verbreiteten sich Alkoholismus, Prostitution und Kriminalität. Allein in St. Petersburg fielen 1908 14.000 Menschen einer Choleraepidemie zum Opfer.
Abb 1 Dieser Arbeiterschlafsaal mit hölzernen Pritschen in der Moskauer Textilfabrik „Trechgornaja“ galt seinerzeit als modern, weil er hell, luftig und gut beleuchtet war. Fotografen: Édouard und Auguste de Jongh, um 1898. [Bildnachweis]

Wie in anderen Ländern versuchten auch in Russland die Arbeiterinnen und Arbeiter, wenigstens etwas an „Eigen-Sinn“ unter den drückenden Verhältnissen zu retten. Unternehmer klagten immer wieder über Bummelei und „Schwänzen“, über Krankmeldungen und raschen Arbeitsplatzwechsel. Die größte Hilfe, in den Betrieben und städtischen Lebensbedingungen zurechtzukommen, stellten genossenschaftliche Organisationen dar: die arteli, in denen sich „Bauern-Arbeiter“ zusammenschlossen, sowie Landsmannschaften. Diese vermittelten den Zuwandernden – überwiegend waren es junge Männer – eine Arbeitsstelle und eine Wohnung, handelten oft den Lohn aus, standen bei auftretenden Alltagsproblemen zur Seite und zeigten sich bei Arbeitskämpfen [<<19] solidarisch. Darüber hinaus gelangten über die Landsleute Nachrichten von der Stadt ins Dorf und umgekehrt. Ein Informations- und Kommunikationsnetz entstand, das seinesgleichen suchte und in den späteren Revolutionen eine wichtige Rolle spielte.
So wie die „Bauern-Unternehmer“ in gewissen Verhaltensweisen Bauern blieben – Fedor M. Dostoevskij nannte den Kaufmann einmal einen „verdorbenen Bauern“3 –, so streiften „Bauern-Arbeiter“ nicht ohne weiteres bäuerliche Gepflogenheiten ab. Heiratstermine richteten sich oft immer noch nach kirchlichen Traditionen oder nach [<<20] landwirtschaftlichen Erfordernissen: Während der Fasten-, der Aussaat- und der Erntezeit wurde auch in der Stadt selten geheiratet. Eine ganze Reihe von Arbeiterfamilien hielt sich Hühner, Schweine oder Schafe – mit unvorstellbaren Folgen für die Hygiene unter den beengten städtischen Wohnverhältnissen. Das Rollenverständnis von Mann und Frau spiegelte häufig das patriarchalische bäuerliche Muster. In Ess- und Trinksitten, in Begriffen von Ehre und Gerechtigkeit, in religiösen Gewohnheiten und bestimmten Bräuchen drückten sich dörfliche Überlieferungen aus. Wenn etwa ein Vorgesetzter, der sich unbeliebt gemacht hatte, von Arbeitern in einem Schubkarren, einen dreckigen Sack über den Kopf gestülpt, herumgefahren wurde, so erinnert dies an rituelle Rügebräuche aus dem Dorf.
Dort veränderten sich nach der „Bauernbefreiung“ die Zustände zwar langsam, teilweise aber doch tiefgreifend. Die Bauern genossen zunächst einmal, abgesehen von der persönlichen Freiheit, wenig Vorteile durch die Agrarreform. Ihre Dienstleistungen an die Gutsbesitzer blieben erhalten, mussten jetzt allerdings vertraglich geregelt werden. Das Land, das sie bisher bewirtschaftet hatten, sollten sie kaufen; der Staat gewährte 80 Prozent der Summe als Darlehen. Trotzdem konnten sich das zahlreiche Bauern nicht leisten. Sie wählten den „Bettelanteil“ – ein Viertel des bisherigen Landes –, für den sie nichts bezahlen mussten und der sie zugleich von allen Verpflichtungen gegenüber den Gutsherren löste. Wem es nicht gelang, zusätzlich Land zu pachten oder zu kaufen, konnte jetzt kaum existieren. Viele Bauern standen schließlich schlechter da als vor 1861. Ein Großteil empfand die Folgen der Befreiung als Unrecht: Nach wie vor waren sie davon überzeugt, dass das Land eigentlich ihnen gehöre und die Adligen es ihnen geraubt hätten. Zwar galt ihnen Zar Alexander II. als „Befreier“. Aber je deutlicher es wurde, dass der Zar letztlich nicht auf ihrer Seite stand, desto stärker musste seine Autorität ins Wanken geraten.
Trotz der Nachteile, die die Agrarreform mit sich brachte, erwiesen sich die Bauern als erstaunlich anpassungsfähig. Sie nutzten die Möglichkeiten, die sich ihnen nun boten, und wandten sich in Konfliktfällen an die neu ernannten Friedensrichter – eine bald schon wieder wegen angeblich zu großer Bauernfreundlichkeit aufgehobene Institution – oder klagten vor den jetzt eingerichteten regionalen Gerichten bei Familien-, Besitz- und Erbstreitigkeiten. Frauen versuchten auf diesem Wege, sich gegen materielle Benachteiligung, Prügel und sexuelle Gewalt zu wehren. Die dörfliche Selbstverwaltung in der obščina wurde intensiv wahrgenommen. Diese setzte sich seit 1864 in regionalen Parlamenten fort, den zemstva oder „Landschaften“, eine Art Landtag. Die Haushaltsvorstände in den Dörfern, die das Entscheidungsgremium der obščina bildeten, waren hier neben den Grundbesitzern außerhalb der Dorfgemeinden sowie Städtern vertreten. Das komplizierte Wahlverfahren sicherte allerdings das Übergewicht [<<21] des Adels. Die Befugnisse der zemstva umfassten insbesondere das Steuerwesen, die Armen- und Krankenfürsorge, die Förderung von Handel und Industrie namentlich durch eine Verbesserung der Infrastruktur, das Schul- sowie das Gefängniswesen. Bauern beteiligten sich stärker als erwartet an diesem neuen Selbstverwaltungsorgan und arbeiteten dort mit liberal oder sozialistisch eingestellten Fachleuten zusammen, mit Wirtschaftsexperten, Statistikern, Lehrern und Ärzten. Schnell stieß dies auf den Widerstand von Teilen des grundbesitzenden Adels. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschränkte die Regierung dann die Rechte der zemstva wieder, gliederte sie stärker in die Staatsverwaltung ein und bevorzugte mit einem neuen Wahlrecht die nichtbäuerlichen Grundbesitzer noch mehr als zuvor.
Auch in der Landwirtschaft selbst zeigte sich die Mehrheit der Bauern als äußerst flexibel. Der wenig kapitalintensive bäuerliche Familienbetrieb konnte sich auf die wirtschaftlichen Wechsellagen und die neuen Marktbedingungen unerwartet gut einstellen. Bei erheblichen regionalen Differenzierungen scheint gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine leichte Verbesserung der bäuerlichen Landwirtschaft eingetreten zu sein. Aber sie blieb anfällig für Krisen und Missernten, zumal nur die wenigsten Bauern nennenswerte Überschüsse erwirtschaften konnten. Zwar lieferten die Bauern, teilweise durch Steuerdruck erzwungen, zunehmend mehr Getreide und sonstige Lebensmittel in die Städte und an den Staat, der mit dem Export Devisen für seine Industrialisierungspolitik erhalten wollte. Wenn jedoch etwa eine extreme Dürre die Ernte weitgehend vernichtete, waren kaum Rücklagen vorhanden, und es kam – wie 1891/92 – zu einer furchtbaren Hungersnot. Das größte Strukturproblem in den Dörfern, das auch politischen Zündstoff in sich barg, blieb die Landarmut bei wachsendem Bevölkerungsdruck. Die Bauern konnten kaum davon profitieren, dass zahlreiche Kleinadlige nach 1861 ihr Land verkauft hatten. Meist waren Großgrundbesitzer die Nutznießer gewesen. Als nach 1900 Teile des Adels versuchten, ihren Landanteil auf Kosten der Bauern auszudehnen, stießen sie in den Dörfern auf entschiedenen Widerstand. Die Anzeichen mehrten sich, dass die Bauern nicht mehr bereit waren, das Vorgehen der Agrarier, der Großgrundbesitzer, und die staatliche Politik, die diese begünstigte, einfach hinzunehmen.
Abb 2 Während der „Zeit der schlechten Wege“ im Frühjahr und Herbst, der rasputica, versinkt das russische Dorf regelmäßig im Schlamm. Diese Ansicht des Dorfes Smolencevo, die vermutlich nach der Revolution von 1917 aufgenommen wurde, zeigt nicht nur Verhältnisse, wie sie auch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts typisch waren, sondern zugleich den Versuch, durch eine Befestigung der Wege eine Verbesserung der Zustände zu erreichen. Schottermaterial war Mangelware. Fotograf unbekannt. [Bildnachweis]

Die wirtschaftlichen Verhältnisse seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachten auch eine soziale Differenzierung im Dorf mit sich. Während ein Teil der Bauern ärmer wurde, gelang einigen der Aufstieg in eine – oft labile – Wohlhabenheit: Sie verfügten über ein bisschen mehr Land, über eine Kuh oder ein Pferd mehr, über die eine oder andere Arbeitskraft mehr als der Durchschnitt. Hin und wieder verstanden sie es auch, mit dem Geld besser umzugehen und durch Kredit- und Wuchergeschäfte ihr Vermögen anzuhäufen. Abschätzig galten sie den meisten Bauern als „Kulaken“. [<<22] Wörtlich bedeutet dies „Fäuste“ und meinte hier Menschen, die auf unsaubere Weise ihr Besitztum geschaffen hatten und andere peinigten. In den Dorfgemeinden und in den zemstva gaben sie oft den Ton an. Damit waren viele Bauern unzufrieden.
Abb 3–11 „Typen“ der russischen Gesellschaft: ein Straßenkehrer, ein Fest im Dorf – vermutlich eine Hochzeit –, eine Kutschfahrt im Schnee und Schlamm, ein Bauer mit Kind beim Pflügen mit dem Hakenpflug, Szenen auf dem Markt und dem Basar, Transport landwirtschaftlicher Geräte mit Kamelen in Mittelasien, eine hölzerne Mühle bei Omsk oder Wolga-„Strolche“. Unter der Bezeichnung „Types russes“ oder „Types de Russie“ erschienen um 1900 in Russland umfangreiche Postkartenserien mit vermeintlich typischen Volks- oder Berufsgruppen des Zarenreichs. Dahinter stand die Vorstellung, einen „kollektiven Körper“ der „Anderen“ und „Fremden“ konstruieren zu können, von dem sich das eigene Selbstverständnis absetzen konnte. „Typenfotografien“ waren weitverbreitet in kolonialistischen Darstellungen, aber auch im heimatlichen Umfeld etwa zur Abgrenzung von angeblich „rückständigen“ Bevölkerungsgruppen. Erst bei genauerer Analyse der einzelnen Postkarten wird deutlich, dass es sich nicht um spontane Alltagsaufnahmen vor Ort handelte, sondern um Studioinszenierungen, die im fernen Moskau, St. Petersburg, Deutschland oder Schweden gedruckt und umständlich an den Ursprungsort zum Verkauf zurücktransportiert wurden. Dieser Produktionsprozess, die Zirkulationsgeschichte sowie die Bild- und Textseite machen die Postkarten zu einer komplexen, außerordentlich lohnenswerten historischen Quelle. [Bildnachweis] [<<24]

Seit Ende des 19. Jahrhunderts sorgte die Ansichtskarte für eine Erweiterung der fotografischen Möglichkeiten und länderübergreifend für eine völlig neuartige Form der Kommunikation. Erschwinglich für breite Bevölkerungsschichten, konnte sie mit kurzen Grußbotschaften aus fast allen Winkeln des Globus verschickt werden und erlaubte so die Aneignung eines Stückchens „Welt“ in den heimischen Wohnstuben. Die Bildseite der Fotopostkarten hatte vielfach nicht nur illustrativen Charakter, sondern transportierte – wie Fotografien allgemein – „Ansichten“, dabei auch Vorurteile und Stereotypen: In den multiethnischen Imperien wie dem Zarenreich oder der Habsburgermonarchie dokumentierten die Abbildungen oft ethnische Differenz, in der Russischen Revolution, den Weltkriegen und dem Kalten Krieg dienten sie vielfach der Propaganda. Fotografien – und mit ihnen die Fotos auf der Ansichtskarte – sind „gemacht“ und nicht einfach ein Abbild der Wirklichkeit. Als historische Quelle fristete die Postkarte lange Zeit ein Schattendasein; sie galt meist nur eingefleischten Sammlern als aufbewahrungswürdig. So verdankt unser Buch seine Postkarten der Sammelleidenschaft der privaten Sammlerfamilien Radzievsky und Gribi.
Jenseits der standardisierten Massenware mit vermeintlich beliebiger Motivik und aussagearmen formelhaften Kurzmitteilungen offenbart sich in diesem kleinen Kommunikationsmedium eine durchaus wichtige historische Quelle, die bei kritischer Betrachtung vielerlei Aufschlüsse zu geben vermag – nicht zuletzt über Lebenswelten. Die Bildseite dokumentiert die Ansichten des Fotografen, des Künstlers oder Auftraggebers, gleichzeitig lässt sie Rückschlüsse auf den Geschmack und die Absichten, eventuell auch Wahrnehmungen des Senders oder der Senderin zu. Zusätzliche Auskünfte geben die Textbotschaften, die hier aber nicht berücksichtig werden konnten.
Die für dieses Buch verwendeten Ansichtskarten wurden in erster Linie aufgrund ihrer Motivik ausgewählt. In manchen Fällen können sie als einmalige Dokumentation verschwundener Lebenswelten gelten. So kommen in ihnen Straßenansichten, Berufsgattungen, Gegenstände, Kleidungen, gesellschaftliche Normen, Rituale, Armut, Selbst- und Feindbilder zum Vorschein, die über andere historische Quellen nur ansatzweise oder gar nicht mehr rekonstruierbar sind. Die Bildwelten, die auf den gemalten wie auch den fotografierten Karten zu erkennen sind, verweisen stets auch auf die Sinnwelten ihrer Schöpfer. Diese hatten eine nicht zu unterschätzende Definitions- und Deutungsmacht: Sie wählten ihre Sujets aus, inszenierten aufwendig spontan wirkende Straßenaufnahmen, sie retuschierten, montierten und kolorierten. Besonders deutlich wird dies bei den „Typenbildern“. [<<25]
Überlieferte Bräuche, Gewohnheiten und Einstellungen trafen sich mit neuen Einflüssen aus den Städten und Industriezentren. Als sich aber die traditionellen Werte aufzulösen begannen, ging dies mit Orientierungslosigkeit und Unruhe einher. So berichteten zeitgenössische Beobachter nach der Jahrhundertwende zunehmend über gewalttätiges chuliganstvo von Jugendlichen in den Dörfern, über Hooliganismus und Rowdytum. Dies verband sich mit anderen Gewaltformen im Dorf, die vielfach ein Erbe des Leibeigenschaftssystems waren. Bauern hatten sich oft nur mit Gewalt gegen Übergriffe der Adligen wehren können. Nun waren sie vielfach enttäuscht, dass das politische System nicht stärker auf ihre Wünsche und Bedürfnisse einging. Ihre [<<23] Eigentumsvorstellungen sahen sie häufig am besten durch Selbstjustiz geschützt, die etwa bei Pferdediebstählen schnell in Lynchjustiz übergehen konnte. Gewalttätigkeit, auch gegen den Nachbarn, die eigene Frau oder das eigene Kind, war durch jahrhundertelange Prägungen zur Gewohnheit geworden, nicht zuletzt schließlich Folge von Trinkorgien an Kirchen- und Erntefesten. „Ja, es war schrecklich, mit ihnen zu leben, aber sie waren doch Menschen, sie litten und weinten wie Menschen, und in ihrem Leben gab es nichts, wofür man keine Rechtfertigung oder Entschuldigung gefunden hätte. Da war ihre schwere Arbeit, von der ihnen in der Nacht der ganze Körper weh tat, die grausamen Winter, die dürftigen Ernten, die Enge. Und keine Hilfe“, heißt es in Čechovs Erzählung „Die Bauern“ von 1897.4
Neben der Gewalt gab es jedoch auch Fürsorge und Organisationskraft, Frömmigkeit und Gemeinschaftsbewusstsein, Ehrbegriffe und Gerechtigkeitssinn, Liebe und Zärtlichkeit. Lev N. Tolstoj etwa schilderte dies in seinen Werken. 1902 veröffentlichte er die Lebensgeschichte einer Bäuerin. Von den Eltern mit einem ungeliebten Mann verheiratet, fasst die Frau mit der Zeit doch eine Zuneigung zu ihm und folgt ihm sogar, als er nach einem Kuhdiebstahl zur Verbannung verurteilt wird, nach Sibirien.5 Viele Bauern wurden nach wie vor von nichtkapitalistischen Vorstellungen geprägt. Dies zeigt sich etwa in Forderungen, die 1906 an das russische Parlament gestellt wurden: Der Staat möge so viel Land zuteilen, dass es unter Berücksichtigung der regionalen Gegebenheiten „für die Deckung durchschnittlicher Bedürfnisse an Versorgung, Wohnung, Kleidung sowie für die Zahlung der Abgaben ausreicht“.6
Der Adel war ebenfalls, wie alle anderen sozialen Gruppen, keine geschlossene Einheit. Sehr viele Kleinadlige waren verarmt und lebten dürftig wie die Bauern oder auf Kosten von reichen Verwandten, soweit es ihnen nicht gelungen war, im Staatsdienst oder in der Wirtschaft eine auskömmliche Stellung zu finden. Manche ehemaligen Grundbesitzer nutzten nach der Agrarreform von 1861 die neuen Möglichkeiten, ihr Land und die ihnen zustehenden Verpflichtungen ablösen zu lassen, und wandten sich [<<26] der Geldwirtschaft und dem Kapitalismus zu. Ein Teil von ihnen wurde zu wohlhabenden Unternehmern, vertrat liberale Anschauungen und arbeitete in den zemstva mit.
Andere waren bestrebt, ihre Gutswirtschaft nach kapitalistischen Prinzipien zu führen. Einige sahen sich dabei als „reumütige“ Idealisten, die die Schäden der Leibeigenschaft an den Bauern wiedergutmachen wollten. Tolstoj ließ schon 1856, also noch vor der Agrarreform von 1861, einen solchen Gutsbesitzer seine Ziele darlegen: „Auf diese einfache, empfängliche, unverdorbene Volksklasse einwirken, sie von der Armut befreien, ihnen Wohlstand geben und Bildung vermitteln, die ich glücklicherweise besitze, sie von ihren Fehlern und Schwächen zu heilen, deren Wurzel Unwissenheit und Aberglaube sind, die Sittlichkeit entwickeln, sie das Gute lieben lehren … Welch eine glänzende, glückliche Zukunft!“7 Die Bauern verweigerten sich allerdings einer derartigen „Zivilisierung“.
Eine Reihe der Großgrundbesitzer, namentlich in den fruchtbaren Gegenden Südrusslands, war Nutznießer der „Bauernbefreiung“. Sie vergrößerten auf Kosten der Bauern wie der Kleinadligen ihren Landbesitz, verpflichteten sich die Bauern durch Regulierungsverträge oder Anstellungen als Landarbeiter und produzierten Getreide sowie sonstige Erzeugnisse für die Städte und den Export in das Ausland. In der Regel blieben sie in ihren traditionellen Denk- und Verhaltensweisen verhaftet und pflegten einen aufwendigen Lebensstil. In vielen literarischen Arbeiten wird der Landadlige als jemand geschildert, der „nie etwas tat“ und seine Tage in „glückseligem Müßiggang“ verbrachte.8
Nur wenige adlige Großgrundbesitzer investierten ihre Gewinne in die Industrie. Damit verschärften sie eines der Strukturprobleme der russischen Industrialisierung: den Mangel an Kapital. Eigentlich war genügend Vermögen in Russland vorhanden, das als Kapital hätte verwendet werden können, aber es konnte nicht mobilisiert werden. Freiwillig gaben es jene Adligen nicht. Und an eine progressive Einkommenssteuer, die den Reichen Geld für die Gemeinschaftsaufgaben genommen hätte, traute sich die Staatsspitze nicht heran. Trotz ihrer angesichts der Industrialisierung schwindenden wirtschaftlichen Bedeutung übten namentlich die Agrarier nach wie vor politisch einen hohen Einfluss aus. Zar Nikolaj II. umgab sich mit adligen Ratgebern. Gegenüber „bürgerlichen“ Fachkräften blieb er misstrauisch, auch wenn er [<<27] sich häufig Anforderungen der Industrie beugen musste, um Russlands Großmachtposition nicht zu gefährden.
Abb 12 Freizeitvergnügen am zarischen Hof in Carskoe Selo. Fotograf: Karl E. von Hahn, 1902. Hahn hatte ein Fotostudio in Carskoe Selo, war einer der beliebtesten Hoffotografen und unterwies die gesamte Zarenfamilie im Fotografieren. [Bildnachweis]

Der zarische Hof in der Hauptstadt St. Petersburg oder in der zweiten Metropole Moskau lebte in einer Welt, die nichts gemein hatte mit der Welt der Bauern und Arbeiter und sich auch wenig um deren Nöte kümmerte. Der Zar stand gemäß der zeitgenössischen Begrifflichkeit dem „Volk“ gegenüber. Dazwischen bewegte sich die „Gesellschaft“, das waren die Besitzenden und Gebildeten. Diese Großgruppen waren gewiss nicht einheitlich, sondern in sich zergliedert und in ihren Anschauungen gespalten. Und doch lässt sich an den Gegensätzen und Verbindungslinien zwischen ihnen deutlich machen, wie das zaristische System zusammengehalten wurde und wie es schließlich auseinanderbrach.
Dazu müssen auch die Probleme der über einhundert Nationalitäten und ethnischen Gruppen im Vielvölkerreich Russland berücksichtigt werden. Wiederum stoßen wir auf die strukturelle Vielschichtigkeit des Landes. Hier seien nur wenige Beispiele [<<28] genannt. Nicht zuletzt aufgrund der Konflikte mit der Zarenherrschaft hatte sich in den Regionen Polens, die durch die Teilungen des früheren Reiches zwischen 1772 und 1815 nach Russland eingegliedert worden waren, ein starkes Nationalbewusstsein ausgeprägt. Nach dem Scheitern der Aufstände von 1830 und 1863 konzentrierte sich die Nationalbewegung darauf, die Wirtschaftskraft des Landes zu erhöhen und die Bildung zu verbessern, um auf diese Weise ihre Position gegenüber der zarischen Regierung zu stärken. Ihr Bemühen um eine größere Geschlossenheit der eigenen Reihen führte allmählich zu einer Ausgrenzung der nichtethnischen und nichtkatholischen Polen, etwa der Juden.
In der Ukraine beriefen sich nationale Gruppen – häufig Angehörige der intelligencija, die anfangs vorwiegend aus dem niederen Adel und der Geistlichkeit stammten – auf die Tradition der freien Kosaken-„Republiken“, der Hetmanate. Allerdings trafen sie nur auf schwache Resonanz in der mehrheitlich aus Bauern bestehenden ukrainischen Bevölkerung. Für sie war die Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme dringender. Aus den sozialen Gegensätzen zwischen ukrainischen Bauern, polnischen und russischen Gutsbesitzern, jüdischen Händlern, russischen Beamten und Unternehmern sowie russischen Arbeitern lassen sich unmittelbar weder ethnische noch konfessionelle Konflikte ableiten. Neben dem Judentum hatte der Katholizismus der Polen Platz, während Russen wie Ukrainer der orthodoxen Kirche angehörten. Unter den Ukrainern fand zudem insgeheim immer noch die von der zarischen Regierung verbotene Unierte Kirche Anhänger, die im Ritus den Orthodoxen, im Glauben jedoch den Katholiken folgte. Erst allmählich – nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Unterdrückung seitens der zaristischen Behörden – konnten die Träger der nationalen Idee Fuß fassen, wenngleich bis zum Ersten Weltkrieg keine Massenbewegung entstand. Die unterschiedlichen Rahmenbedingungen ließen es – trotz vielfältiger Verflechtungen – auch nicht zu, mit ihren Gesinnungsfreunden unter den Ukrainern Österreichisch-Galiziens eine einheitliche Bewegung zu bilden.
Eine andere Form zeigte sich bei den Bergvölkern des Kaukasus, die immer wieder bewaffnet gegen die Russen Widerstand leisteten und sich dabei auf ihre alten Freiheiten und ihre Vergangenheit beriefen.
Noch kaum berührt von einer Nationalidee waren die zahlreichen Nomadenstämme im asiatischen Teil Russlands. Bei anderen Ethnien begann sich eine nationale Identität tastend herauszubilden. In den muslimischen Regionen entfalteten sich Reformbewegungen, die einen grenzüberschreitenden Austausch mit muslimischen Zentren außerhalb des Imperiums und entsprechende Netzwerke befürworteten.
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts strebte die zarische Politik – anders als zuvor – danach, als Antwort auf soziale Konflikte und sich ausbreitende National [<<29] bewegungen die unterschiedlichen politischen Strukturen in den verschiedenen Gebieten zu vereinheitlichen, eine Russifizierung voranzutreiben und einen großrussischen Nationalismus zu fördern. Autonomierechte wurden aufgehoben, die zaristische Bürokratie griff vermehrt in regionale Verwaltungsstrukturen ein, in den Schulen wurde der Russischunterricht verstärkt, Nichtorthodoxe sahen sich in ihrer Religionsausübung zunehmend behindert. Über die Industrialisierung und den Bau eines umfangreichen Schienennetzes, insbesondere der Transsibirischen Eisenbahn, erfolgte eine mit wirtschaftlicher Ausbeutung verbundene Kolonisierung bisher kaum kontrollierter Räume im Osten des Reiches. Als sich dort dann russische Siedler niederließen, um die Gegenden zu erschließen und zugleich eine „zivilisatorische Mission“ zu erfüllen, kam es vor allem in Zentralasien in wachsendem Maße zu Zusammenstößen mit den Nomaden, die ihr Land behalten und ihre traditionelle Kultur bewahren wollten.
Ein einheitliches Nationalbewusstsein im zarischen Imperium konnte auf diese Weise nicht geschaffen werden. Im Gegenteil verstärkten sich die Spannungen, die leicht in offene Auseinandersetzungen umschlagen konnten. Der Zar und die Autokratie, die formal unumschränkte Selbstherrschaft, bildeten das einzige Band, das das Land zusammenhielt. Bei den Völkern mit einer starken Nationalbewegung, die sich von Russland lösen wollten, hatte es sich bereits gelockert, ebenso bei den sozial benachteiligten Gruppen. Unter den ethnischen Russen unterstützte die Führung der orthodoxen Kirche die Autokratie, mit der sie eng verbunden war. Um die widerstreitenden Kräfte innerhalb der konservativen Kreise zusammenzuhalten und zugleich das „Volk“ wieder enger an den Zaren zu binden, förderten Mitglieder der Staatsspitze den Antisemitismus als Integrationsideologie. „Der Jude“ galt als Gegner, weil er alles in ihren Augen Negative der „Moderne“ – ganz gleich, ob Kapitalismus, Liberalismus oder Sozialismus – nach Russland gebracht habe.
Juden in größerer Anzahl lebten im Russischen Reich erst seit der Annexion von Gebieten im Westen, insbesondere seit den Teilungen Polens. Kleinere Gruppen wohnten im Kaukasus – die „Bergjuden“ – und in Zentralasien. Seit Ende des 18. Jahrhunderts bis in den Ersten Weltkrieg hinein durften die Juden in Westrussland, von einigen Ausnahmen abgesehen, ihren „Ansiedlungsrayon“ – einen breiten Streifen von Litauen bis zum Schwarzen Meer – nicht verlassen. Während des 19. Jahrhunderts wurden sie mehr und mehr diskriminiert. Auf diese Weise wollte der Staat sie von ihrer traditionellen Kultur abbringen, „zivilisieren“ und dann „integrieren“. Nur während der Reformzeit unter Zar Alexander II. schien sich eine Wende zum Besseren anzubahnen. Nach seiner Ermordung 1881 zerschlugen sich jedoch alle Hoffnungen. Vielerorts wurden russische Bauern und Kleinbürger mit der Behauptung, Juden stünden hinter dem Terroranschlag, zu gewalttätigen Ausschreitungen – Pogromen – aufgehetzt. [<<30] Dieses Muster wiederholte sich immer wieder in den folgenden Jahrzehnten, verstärkt durch die in konservativen Kreisen propagierte Judengegnerschaft.
Mehr und mehr Juden zweifelten deshalb an der Möglichkeit einer Integration. Die meisten gaben ihre Kultur nicht auf. Andere orientierten sich an nationalistischen oder sozialistischen Ideen. Persönlichkeiten wie Šlojme Zanvil Rapoport, der sich als Schriftsteller Semën Akimovič An-skij nannte, brachten den Zwiespalt zwischen Altem und Neuem zum Ausdruck. Er schrieb Erzählungen, Romane und Dramen in Russisch und Jiddisch, engagierte sich politisch als Sekretär Petr L. Lavrovs in der Sozialrevolutionären Partei, dann im Jüdischen Arbeiterbund. Unersetzliche Schätze jüdischen Volkslebens sammelte er durch Expeditionen in den „Ansiedlungsrayon“. Sein Ziel war es, in der Begegnung von Kulturen die jüdische Tradition mit den neuen Lebenswelten zu verbinden und dadurch eine neue Tradition und ein neues Volksbewusstsein zu schaffen. Er sah sich „an der Grenze zwischen zwei Welten“,9 zwischen Russisch und Jiddisch, Juden und Slaven, Juden und Christen, Mystik und Rationalismus. Nicht zufällig thematisierte sein bekanntestes Werk, das Drama „Dibuk“ („Der böse Geist“) mit dem Untertitel „Zwischen zwei Welten“, in dem er eine alte jüdische Legende verarbeitete, ein ruheloses Wesen zwischen Toten und Lebenden, das „neue Wege“ suchte.10
Die Vielfalt der Lebenswelten und die unterschiedlichen Interessen der Akteure konnten von den zarischen Regierungen immer weniger angemessen aufgegriffen und in eine überzeugende Politik umgesetzt werden. Erschwert wurden alle Bemühungen zusätzlich durch die Integration des russischen Imperiums in das Weltsystem. Russland besaß keine Kolonien außerhalb des Reiches – dafür kolonisierte es in den eigenen Regionen –, aber befand sich dennoch politisch, militärisch, ökonomisch und kulturell in globalen Verflechtungen, mit denen es sich auseinandersetzen musste. Die Erschließung des Raumes – namentlich durch die Eisenbahnen, aber auch durch neue Kommunikationsmedien wie Telegrafie und Post – diente als Teil der Kolonisierung der Festigung des Reiches und folgte zugleich militärstrategischen Überlegungen, machtpolitischen Interessen sowie dem Anschluss an den Weltmarkt und den „Weltverkehr“, erweiterte jedoch auch die Raumerfahrung zahlreicher Men [<<31] schen.11 Desgleichen wiesen die Migrationsströme – etwa Einwanderungen aus asiatischen Gebieten und Auswanderungen von Polen, Muslimen sowie Juden – auf die Eingliederung Russlands in internationale Vernetzungen hin. Als Imperium stand das Zarenreich in außenpolitischen Bündnissystemen und strebte nach Bewahrung seiner Großmachtstellung, nach der Festschreibung von Interessengebieten und nach machtpolitischer Expansion, die den Wunsch nach Ausweitung von wirtschaftlichen Marktbeziehungen einschloss. Damit war es von internationalen Konflikten betroffen.
Eine Reaktion darauf ist auch in Russlands Beitrag zum Völkerrecht zu sehen: Die Landkriegsordnung und die Einrichtung einer Schiedsgerichtsbarkeit, die 1899 in der Friedenskonferenz von Den Haag verabschiedet wurden, gingen nicht zuletzt auf russische Initiative zurück. Die Konzeptionen hatte der liberale Jurist Fedor F. Martens entworfen. Sie stellten einen bedeutenden Versuch dar, ein neues globales System zur Verhinderung von Kriegen und zumindest zur „Humanisierung“ der Kriegsführung zu schaffen. Eine entschiedene Abrüstung oder eine grundlegende Abwendung von einem durch militärische Stärke geprägten Denken blieben allerdings nach wie vor in weiter Ferne. Von der Einbindung in das kulturelle Weltsystem zeugten vielfältige Kontakte der Schriftsteller und Künstler, ein wachsender Austausch von Theaterkonzeptionen und Kunstausstellungen oder auch eine Internationalisierung des Sports, etwa mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Stockholm 1912.
Die internationale Verflechtung beeinflusste wesentlich die Wirtschaftspolitik. So gewann eine Industrialisierungskonzeption die Oberhand, die der Förderung der Produktionsmittelindustrie durch den Staat mittels Aufträgen und Heranziehung von Auslandskapital uneingeschränkten Vorrang gab, nicht zuletzt, um den Eisenbahnbau und die militärische Rüstung voranzutreiben. Dass schließlich am Vorabend des Ersten Weltkrieges rund die Hälfte der Neuinvestitionen aus dem Ausland kam, zeigt beispielhaft das Ausmaß der internationalen Verbindungen. Doch eine entschlossene und geradlinige Umsetzung der Konzeption gelang nicht. Die Richtungskämpfe zwischen „Petersburger“ und „Moskauer“ Unternehmern sowie zwischen Industriellen und Agrariern, die sich auch in Auseinandersetzungen innerhalb des Staatsapparates niederschlugen, verwässerten die entsprechenden politischen Maßnahmen. Die strukturelle Vielschichtigkeit Russlands führte zu einem „verkrüppelten Kapitalismus“.12 [<<32]
Nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verschärften sich die Widersprüche und Gegensätze wegen einer für den Getreideexport ungünstigen weltwirtschaftlichen Konjunktur sowie sich zuspitzender sozialer Konflikte in Industrie und Landwirtschaft. Hinzu kamen Unruhen unter Nationalitäten und Studierenden sowie Versuche oppositioneller Bewegungen, sich insbesondere über die zemstva auch legal zu organisieren. Zusätzlichen Druck brachten außenpolitische Probleme, die mit der Expansion des Russischen Reiches in die Mandschurei zusammenhingen. Sie gipfelten 1904/05 im Krieg mit Japan. Die zarische Regierung erhoffte sich einen schnellen Sieg, um damit von den inneren Schwierigkeiten abzulenken, musste jedoch eine demütigende Niederlage hinnehmen. Dieser Prestigeverlust verstärkte die Unzufriedenheit im Land. Zudem führte der Krieg zu Versorgungsengpässen bei der Zivilbevölkerung.
Die Vereinigung der russischen Fabrikarbeiter St. Petersburg, die unter Leitung des ursprünglich regierungsfreundlichen Priesters Georgij A. Gapon stand, verlangte eine Verbesserung der materiellen Lage und mehr Mitsprachemöglichkeiten. Im Dezember 1904 streikten die Arbeiter der Putilov-Werke in St. Petersburg. Als die Betriebsleitung auf ihre Forderungen nicht einging, kam es zu einer Radikalisierung. Die Arbeiter – unterstützt von Sozialrevolutionären, Sozialdemokraten und Liberalen – beschlossen, Bittschriften zu verfassen und sie dem Zaren zu überreichen. Die zentrale Petition, die rund 150.000 Menschen unterschrieben, war in respektvollem, aber doch deutlichem Ton gehalten: „Wir, Arbeiter und Bewohner der verschiedenen Stände St. Petersburgs, unsere Frauen und Kinder und hilflosen Greise und Eltern kommen zu Dir, Herrscher, und suchen Gerechtigkeit und Schutz. Wir sind zum Bettler geworden, man unterdrückt uns, belastet uns mit unerträglicher Arbeit, man schmäht uns, man erkennt uns nicht als Menschen an, man behandelt uns als Sklaven, welche ihr bitteres Los ertragen und schweigen müssen. Wir haben geduldig ausgehalten, aber man treibt uns immer weiter in den Abgrund der Armut, der Rechtlosigkeit und der Unwissenheit, uns erstickt Despotismus und Willkür und wir ersticken. Herrscher, wir haben keine Kraft mehr. Die Grenze der Geduld ist erreicht. Für uns ist der Zeitpunkt gekommen, wo das Sterben besser ist als die Fortsetzung der unerträglichen Qualen.“ Für unbedingt notwendig hielten die Bittsteller die Erklärung der Menschenrechte, die Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung, die Verantwortlichkeit der Minister vor dem Volk – statt wie bisher nur vor dem Zaren –, eine Amnestie für die Verbannten, Maßnahmen zur Verbesserung des Bildungs- und Rechtswesens, des [<<33] Steuer- und Finanzsystems sowie grundlegende Änderungen in der Arbeitsverfassung, darunter die Einführung des Acht-Stunden-Tages, einen angemessenen Arbeitslohn und Mitspracherechte der Arbeiter in den Betrieben.13
Am 9. Januar 1905 zogen die Demonstranten friedlich mit ihren Bittschriften zum Winterpalais. Sie trugen Zarenbilder und Ikonen mit sich. Die Offiziere der Wachmannschaften waren jedoch angesichts der Menschenmenge überfordert und gaben den Schießbefehl. Panik entstand, weit über einhundert Tote waren zu beklagen. Dieser „Blutsonntag“, dem am 16. Januar in Warschau ein zweiter folgte, löste eine Streikwelle aus, die in eine revolutionäre Massenbewegung überging.
Bis zum Herbst 1905 weitete sich die Revolution über Russland aus. Fast alle oppositionellen Kräfte, von gemäßigten Liberalen bis zu radikalen Sozialisten, verbanden sich, um Demokratie, soziale Verbesserungen und Rechte für die nationalen Minderheiten zu erreichen. Die Bewegung gipfelte im Oktober in einem Generalstreik, den ein Rat, ein Sowjet, leitete. Drucker und Eisenbahner legten die Kommunikationsnetze des Reiches lahm und nutzten sie für ihre eigenen Zwecke. Der Zar und seine Regierung mussten mehr und mehr zurückweichen. Als der Zar jedoch mit seinem Oktobermanifest eine gesetzgebende Duma, ein Parlament, ankündigte, begann die Geschlossenheit seiner Gegner zu bröckeln. Die Arbeiterschaft, die sich vermehrt in Sowjets organisierte, kämpfte weiter und ging im Dezember in Moskau sogar zum bewaffneten Aufstand über. Dieser wurde blutig niedergeschlagen. Eine Vereinigung mit rebellierenden nationalen Gruppierungen und mit der erst jetzt erstarkenden Bauernbewegung gelang nicht. Unter Einsatz aller Gewaltmittel konnte die Regierung Schritt für Schritt wieder Herrin der Lage werden. Die verschiedenen Strömungen im „Volk“ waren nicht zusammengeflossen, und die Verbindung zur „Gesellschaft“ – zu den Gebildeten und Besitzenden – hatte sich als brüchig erwiesen. Dadurch, dass ein Teil der Liberalen auf die Seite des Zaren übergegangen war, entstanden nun sogar eine tiefe Kluft und Misstrauen gegenüber dem Verhalten der „Gesellschaft“.
Auffallend war das Verhalten vieler Soldaten. Einzelne Truppenteile stellten sich auf die Seite der Aufständischen oder meuterten und gingen später doch wieder gegen die Streikenden vor. Manchmal kam es zu mehrfachem Seitenwechsel. Offenbar waren dafür weniger politische Anschauungen ausschlaggebend, sondern die Orientierung an der jeweiligen Autorität. Dieses Schwanken deutete an, wie brüchig die an den Zaren gebundene Ordnung geworden war. [<<34]
Trotz des Scheiterns der Revolution war das Machtgefüge nicht mehr das gleiche wie vorher. Am 23. April 1906 verordnete der Zar die „Grundgesetze“, eine Verfassung, durch die ein Zweikammersystem mit dem Reichsrat als Oberhaus und der Duma als Unterhaus geschaffen wurde. Die Duma erhielt Rechte bei der Aufstellung des Staatshaushaltes und in der Gesetzgebung. Die Wahlen zur ersten Duma bescherten den Parteien, die das zarische System unterstützten, eine vernichtende Niederlage. Der Zar löste deshalb das Parlament sofort wieder auf. Als die Wahl zur zweiten Duma ein ähnliches Ergebnis brachte, entschloss sich der Zar 1907 zu einem Staatsstreich, indem er nicht nur die erneute Auflösung verfügte, sondern zugleich ein neues Wahlgesetz erließ. Dieses begünstigte die Konservativen in einer Weise, dass sie zwangsläufig die Mehrheit in den folgenden Dumas erringen mussten. Die „eingeschränkte Autokratie“ hielt sich offenbar für stark genug, sich bei Bedarf über die Verfassung hinwegzusetzen. So war die Zeit zwischen 1905 und 1917 von widersprüchlichen Tendenzen gekennzeichnet: Leichten Fortschritten bei den Mitspracherechten des Parlaments, bei der Stärkung liberaler Elemente und bei der Politisierung der Bevölkerung standen Versuche entgegen, diese Entwicklung zu blockieren und den früheren Zustand wiederherzustellen.
Nachdem der Schock über den Verlauf der Revolution von 1905 überwunden war, verbreitete sich in weiten Kreisen der Bevölkerung durchaus eine Aufbruchstimmung. Immer mehr Menschen waren bereit, sich zu engagieren, für Reformschritte zu kämpfen, der Autokratie weitere Zugeständnisse abzuringen, ohne sich durch Unterdrückungsmaßnahmen einschüchtern zu lassen. Was sich schon im 19. Jahrhundert in vielen Städten und Regionen gezeigt hatte, setzte sich nun in zunehmendem Maße fort. Vereine, Gesellschaften und Klubs schossen überall aus dem Boden und vernetzten sich vielfach. Menschen aus unterschiedlichen Schichten ergriffen die Initiative, um benachteiligten sozialen Gruppen zu helfen, Missstände in der Gesellschaft zu beseitigen, Analphabetentum, Alkoholismus und Kriminalität zu bekämpfen. Universitätsprofessoren stellten sich mutig und selbstbewusst staatlichen Aktionen gegen aufbegehrende Studierende entgegen. Juristen und Ingenieure bildeten Fachorganisationen, die Pläne für die Zukunft erörterten, und verstanden sich als Teil der internationalen Gemeinschaft. Die russische Kultur erreichte in vielen Bereichen eine neue Blüte. Innerhalb der intelligencija kam es zu einer intensiven Diskussion über die Perspektiven des Landes und über das eigene Verhalten, entweder die Revolution zu unterstützen oder den Wandel über eine Erneuerung von innen her zu suchen. Strömungen einer religiösen Sinnsuche wurden spürbar, in denen sich manchmal messianistische mit sozialistischen Ideen verbanden und die selbst innerhalb der orthodoxen Kirche Resonanz fanden. Ein breitgefächertes Parteiensystem bildete sich aus. Es enthielt alle [<<35] Schattierungen von reaktionären, nationalistischen und antisemitischen Gruppierungen bis hin zu aufstandsbereiten Sozialisten. Durch die Diskussionen in der Duma wie in der Öffentlichkeit – es herrschte eine beschränkte Pressefreiheit – differenzierten sich die Parteien in verschiedene Fraktionen oder gar Abspaltungen.
In der Regierung und im Staatsapparat blieben die öffentlichen Aktivitäten durchaus nicht ohne Resonanz. Reformanregungen wurden hin und wieder aufgegriffen. Auch des drängendsten Problems, der Agrarfrage, nahm sich die Regierung an. Mit mehreren Gesetzen versuchte sie seit Ende 1906, eine wirtschaftlich kräftige bäuerliche Oberschicht zu schaffen, den Einfluss der obščina zu mindern sowie die überschüssige Dorfbevölkerung nach Sibirien und Zentralasien umzusiedeln, soweit sie nicht Arbeit in der Industrie fand. Erfolge waren nicht zu übersehen, erfüllten aber bis zum Ersten Weltkrieg noch nicht die Erwartungen. Zudem zeigten sich neue Probleme: Die nach Osten wandernden Kolonisten gerieten in Konflikte mit den Einheimischen, und der industrielle Aufschwung vollzog sich, trotz einer gewaltigen Dynamik seit 1908, nicht schnell genug, um eine Beschäftigung größerer Massen von Arbeitskräften aus den Dörfern zu ermöglichen. Weitergehende Maßnahmen scheiterten ohnehin am Widerstand beharrender Kräfte.
In vielen Bereichen kam es nach der Niederschlagung der Revolution sogar zu einer Gegenbewegung der Konservativen, die Reformen – etwa in der Arbeitergesetzgebung – wieder rückgängig machten. In der Wirtschaftspolitik verstärkte sich der Zickzackkurs zwischen den verschiedenen Interessen der Industriellen und Agrarier. Beide standen zwar in einem Bündnis mit dem Staat, um das System gegen eine neue Revolution zu sichern. Doch zugleich blockierten sie sich gegenseitig, wie es sich auch in anderen Politikfeldern offenbarte. Außenpolitische Konzeptionen schwankten zwischen einer aggressiven Vertretung der Großmachtrolle und einer friedensbewahrenden Politik, um alle Kraft den innenpolitischen Problemen zuwenden zu können. Intrigen am Hof und Einflüsse solcher Persönlichkeiten wie des „Wundertäters“ Grigorij E. Rasputin, der die Bluterkrankheit des Thronfolgers zu heilen versprach, prägten das Bild der Staatsspitze. Die Handlungsfähigkeit der Regierung nahm zusehends ab. Zugleich radikalisierten sich die Gegner des Systems. Die neu in die Städte zuwandernden „Bauern-Arbeiter“ gingen mehr und mehr auf die Seite der Revolutionäre über. 1912 setzten umfangreiche Streiks ein. Die Wellen von Unruhen, Arbeitsniederlegungen und Protestdemonstrationen erreichten 1913 einen bisher nicht gekannten Höhepunkt und rissen bis 1914 nicht mehr ab.
Der Erste Weltkrieg unterbrach ab August 1914 diesen neuen Aufschwung der Arbeiterbewegung. Die russische Führung war in ihrer Haltung zunächst nicht einheitlich gewesen. Doch schließlich hatte sich die Kriegspartei durchgesetzt. Sie wollte [<<36] Serbien in seinem Konflikt mit Österreich-Ungarn nicht im Stich lassen, aber auch die Position Russlands im internationalen Kräftefeld verbessern. Mit seinen Alliierten Frankreich und Großbritannien stand Russland nun gegen die „Mittelmächte“ Österreich-Ungarn und Deutschland. Weite Kreise der Bevölkerung hofften in patriotischer Begeisterung, dass Russland rasch siegen und als wichtigstes Kriegsziel die freie Durchfahrt durch die Dardanellen erreichen werde. Vernichtende Niederlagen in der Anfangsphase, namentlich gegen die deutschen Truppen in Ostpreußen, und dann die hohen Opferzahlen sowie die lange Kriegsdauer verschlechterten jedoch die Stimmung bei den Soldaten wie in der Zivilbevölkerung. 1916 stabilisierte sich zwar die militärische Lage. Dennoch kam es nicht zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung. Stattdessen wuchs die Entfremdung vom Zaren, der 1915 den Oberbefehl über die russischen Truppen übernommen hatte, und von der politischen Ordnung, die er repräsentierte.
Abb 13 Auf dieser in Frankreich gedruckten Ansichtskarte präsentiert sich Zar Nikolaj II. als Feldherr von Gottes Gnaden. Die Aufnahme entstand vermutlich in seinem Hauptquartier bei Mogilev im September 1915: Als Oberbefehlshaber schwört er mit einer kleinen Ikone in seiner rechten Hand kniende Soldaten auf den Krieg ein. Fotograf unbekannt. [Bildnachweis]

Die schon zuvor erkennbaren Tendenzen verschärften sich. Nach wie vor verstand die Wirtschaftspolitik die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes nicht zu nutzen. Die Rüstungsproduktion blieb zumindest bis 1916 weit hinter den Anforderungen zurück, die der „industrielle Krieg“ mit seinem Schwergewicht auf Technik und Material stellte.14 Dass sie sich dann stabilisierte, ging auf Kosten derjenigen Branchen, die Güter für die Zivilbevölkerung herstellten. Aufgrund der Überlastung brach die Wirtschaft, von wenigen Bereichen abgesehen, 1917 zusammen. Auch die Lebensmittelversorgung wurde immer schlechter. Der Mangel an Arbeitskräften auf dem Land wirkte sich nachteilig aus, mehr jedoch das planlose Regierungshandeln. Weder eine schwankende Preispolitik, die die Interessen der Gutsbesitzer begünstigte und zu Spekulation und Engpässen führte, noch eine kaum zu verwirklichende Zwangsablieferung von Getreide, wie sie im Dezember 1916 verkündet wurde, konnten Abhilfe schaffen.
Abb 14 Auch Frauen sollen „alles für den Krieg“ geben, wie die Losung dieser Postkarte lautet. Zugleich enthält sie die Aufforderung, die Kriegsanleihe zu 5 ½ Prozent Zinsen zu zeichnen. Illustrator unbekannt. [Bildnachweis]

Eine wirksame Lenkung der Kriegswirtschaft gelang nicht: Regierung, Unternehmer und Agrarier schafften es weder allein noch zusammen, eine planmäßige Organisation aufzubauen. Stattdessen verstärkten sich die gegenseitigen Blockaden. Privatinteressen von Unternehmern und Agrariern hatten hohen Einfluss. Ökonomische Möglichkeiten und politische Organisationskraft kamen immer weniger zur Deckung. Schwerwiegende Folgen sollte es haben, dass sich eine beträchtliche Zahl „Moskauer“ Unternehmer, die in politischer Opposition zum Zarismus gestanden hatten, wirtschaftlich integrieren ließ, um höhere Profite zu erzielen. Dieser Übergang eines weiteren Teils [<<37] der „Gesellschaft“ auf die Seite des Zaren erschütterte nicht nur das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit und Standfestigkeit dieser Unternehmer, sondern vertiefte die Kluft zum „Volk“. Das System war in eine Sackgasse geraten.
In der Duma hatten nur die linken Parteien gegen den Kriegseintritt protestiert. Bald spaltete sich aber auch die Arbeiterbewegung quer durch die verschiedenen Gruppen in „Landesverteidiger“ oder „Patrioten“ und „Internationalisten“ oder „Defätisten“. Die kompromisslose Ablehnung des Krieges durch die Bolschewiki – den radikalen Flügel der Sozialdemokratie –, deren Dumaabgeordnete Anfang 1915 zu lebenslanger Verbannung verurteilt worden waren, verschaffte ihnen zunehmend Anklang unter Teilen der kriegsmüden Bevölkerung.
Die oppositionellen Kräfte in der Duma, mit Ausnahme der Sozialisten, versuchten, durch einen Zusammenschluss im „Progressiven Block“ 1915 die Grundlage für eine politische Wende zu schaffen. Sie forderten liberale Reformen sowie eine personelle Erneuerung der Regierung, die das Vertrauen des Volkes haben und deshalb dem Parlament verantwortlich sein müsse. Doch diese Organisation der „Gesellschaft“ war ähnlich wie andere Zusammenschlüsse in sich nicht einig, scheute ein Bündnis [<<38] mit den Linken und fürchtete Massenaktionen. Verschwörungen zur Absetzung des Zaren wurden geplant, aber nicht verwirklicht. Hingegen suchten Zar und Regierung den Ausnahmezustand während des Krieges zu nutzen, um ihre Stellung zu stärken. Letztlich mangelte es aber auch ihnen an Entschlusskraft. Mehr und mehr ging ihre Autorität verloren. Als am 1. November 1916 die Duma nach zweimonatiger Pause zusammentrat, hielt Pavel N. Miljukov, der Führer der liberalen Konstitutionell-Demokratischen Partei, eine Anklagerede gegen das Regime. Nach jedem Fehler, den er aufzählte, stellte er die rhetorische Frage: „Ist es Dummheit, oder ist es Verrat?“
Ein Aufstand von Nomadenstämmen in Zentralasien Mitte 1916 machte deutlich, wie schwach die Kräfte, die das Imperium im Innern zusammenhielten, geworden waren. Er wurde blutig niedergeschlagen. Der Fraktionsvorsitzende der Partei der [<<39] Trudoviki, Aleksandr F. Kerenskij, fragte während einer Dumasitzung am 13. Dezember 1916, wie die zarische Regierung das Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 als „Verbrechen gegen die Menschheit und Zivilisation“ oder die deutschen Kriegsverbrechen in Belgien 1914 in ähnlicher Weise verurteilen könne, wenn sie selbst derart gewaltsam handele. Das sei eine „Schande“ für Russland, schallte es ihm aus der Duma entgegen.15 Vom Anspruch des Zarenreiches, eine „zivilisatorische Mission“ mit ihrer Kolonisierung des Landes zu erfüllen, war nichts mehr übrig geblieben.
Doch nicht nur in der Duma rumorte es. Die dortige Kritik an der Regierung und am Zarenhof erhöhte die Erregung in der Öffentlichkeit. Die wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Nahrungsmittelknappheit, die spürbare Unzufriedenheit unter den Bauern und die zunehmenden Spannungen in der Arbeiterschaft fachten sie weiter an. Seit Herbst 1916 gewannen Streiks und andere Massenaktionen wieder an Umfang und Schärfe. Die Arbeiterschaft radikalisierte sich zusehends. Diese Alarmzeichen nahmen die Regierung und ein Großteil der „Gesellschaft“ nicht ernst genug. Ende Januar 1917 ließ die Regierung führende Arbeitervertreter verhaften und meinte, damit genug Stärke gezeigt zu haben. Aber sie konnte den Widerstand gegen ihre Politik nicht mehr aufhalten. [<<40]
1 Anton Čechov: Der Kirschgarten. Komödie in vier Akten. Übersetzt und hg. von Peter Urban. Zürich 1973, 9–10, folgende Zitate 54, 40, 38.
2 Maxim Gorki: Foma Gordejew. Eine Beichte. Das Werk der Artamonows. Hg. von Helene Imendörffer. München 1978, 112.
3 Das Zitat heißt im Original: „mužik porčenyj“. Swetlana Geier übersetzt m. E. nicht ganz zutreffend mit „dummer Bauer“: Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Karamasow. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Frankfurt a. M. 2006, 508. Vgl. hingegen Fjodor M. Dostojewskij: Die Brüder Karamasow. Aus dem Russischen übertragen von Hans Ruoff und Richard Hoffmann. München 1978, 424.
4 Anton Tschechow: Die Bauern. Deutsch von Hertha von Schulz. In: ders.: Meistererzählungen. Hg. von Wolf Düwel. Berlin 1984, 390–428, hier 427.
5 Leo Tolstoi: Ein Schicksal. Erzählung. Der Schwägerin Leo Tolstoi’s Frau T. A. Kuzminskaia von einer Bäuerin diktiert und von ihm durchgesehen und korrigiert. Übersetzt und hg. von C. Salomon. Zürich 1924.
6 Zitiert in: Stefan Plaggenborg: Bauernwelt und Modernisierung in der ausgehenden Zarenzeit. In: Aufbruch der Gesellschaft im verordneten Staat. Russland in der Spätphase des Zarenreiches. Hg. von Heiko Haumann und Stefan Plaggenborg. Frankfurt a. M. u. a. 1994, 138–164, hier 146.
7 Leo N. Tolstoj: Der Morgen eines Gutsbesitzers. In: ders.: Sämtliche Erzählungen. Hg. von Gisela Drohla. 2. Band. Frankfurt a. M. 1990, 9–75, hier 68.
8 Hier in Ivan A. Bunins autobiografischem Roman: Iwan Bunin: Das Leben Arsenjews. Eine Jugend im alten Russland. Aus dem Russischen von Georg Schwarz. Frankfurt a. M. 1982, 12. Bunin entstammte allerdings einer Kleinadelsfamilie.
9 Zitiert in: Annette Werberger: Grenzgänge, Zwischenwelten, Dritte – Der jüdische Schriftsteller und Ethnograf S. Anskij. In: Transversal 5/1 (2004) 62–79, hier 68.
10 An-ski: Der Dibbuk. Dramatische jüdische Legende in vier Bildern. Hg. von Horst Bieneck. Frankfurt a. M. 1989, Zitat 51. Leider greift diese neue Übertragung von Salcia Landmann und Horst Bienek teilweise stark in den ursprünglichen Text ein.
11 So wertete der zarische Finanzminister Sergej Ju. Vitte die Transsibirische Eisenbahn als „Weltverkehrsstraße“: S. J. Witte: Erinnerungen. Berlin 1923, 35.
12 Heiko Haumann: Kapitalismus im zaristischen Staat 1906–1917. Organisationsformen, Machtverhältnisse und Leistungsbilanz im Industrialisierungsprozess. Königstein 1980, 69, 152, im Anschluss an Karl Marx, der 1847 vom „verkrüppelten Entwicklungsgang der deutschen Bürgerklasse“ sprach (Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 4. Berlin 1969, 346).
13 Quellen zur Geschichte Russlands. Hg. von Hans-Heinrich Nolte, Bernhard Schalhorn und Bernd Bonwetsch. Stuttgart 2014, 252–254.
14 Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. München 2014, 425.
15 Jörn Happel: Die Schande Russlands: Globale Perspektiven auf den Aufstand in Zentralasien 1916. In: Globalisierung imperial und sozialistisch. Russland und die Sowjetunion in der Globalgeschichte 1851–1991. Hg. von Martin Aust. Frankfurt a. M., New York 2013, 182–203, hier 187, 189.
Alternative Entwürfe zu einer Umwälzung der russischen Gesellschaft
Anina Schafroth
„Das Ideal eines Staates ist […] eine Union, deren Vertrag einzig für jene Personen verpflichtend ist, welche die Mittel und Möglichkeiten haben, über den Vertrag zu diskutieren, ihn freiwillig zu akzeptieren und auch später darauf zu verzichten.“ So beschrieb Petr L. Lavrov in den Ende der 1860er-Jahre erschienenen „Historischen Briefen“ seine Staatsvorstellung.1 1823 im Gouvernement Pskov als Sohn eines adligen Gutsbesitzers geboren, trat er mit 14 Jahren in die St. Petersburger Artillerieschule ein. Nach dem Schulabschluss im Jahre 1842 unterrichtete Lavrov an der Petersburger Militärakademie Mathematik und begann Mitte der 1850er-Jahre seine literarisch-wissenschaftliche Tätigkeit. Ab 1862 beteiligte er sich an der geheimen revolutionären Organisation „Zemlja i Volja“ („Land und Freiheit“) und wurde 1867 aufgrund seiner „umstürzlerischen Ideen“ in die Provinz verbannt. Als er zu Beginn des Jahres 1870 nach Paris geflohen war, kam er dort mit Vertretern der französischen Arbeiterbewegung in Kontakt. Im Herbst trat Lavrov der Ersten Internationale bei und beteiligte sich am Aufstand der Pariser Commune. Nach dessen Niederschlagung im Mai 1871 zog er nach London, wo er Karl Marx und Friedrich Engels kennenlernte und von 1873 bis 1876 die revolutionäre Zeitschrift „Vperëd!“ („Vorwärts“) herausgab. 1877 kehrte er nach Paris zurück. Dort war er von 1883 bis 1886 mit Lev A. Tichomirov Redakteur der im Ausland erscheinenden Zeitschrift der revolutionären Organisation „Narodnaja Volja“ („Volkswille“ oder „Volksfreiheit“).
Bis zu seinem Tode im Jahre 1900 unterhielt er enge Kontakte mit im Exil lebenden russischen Revolutionären und organisierte Versammlungen, um sozialistische Theorien und deren praktische Umsetzung in Russland zu erörtern. Zudem publizierte Lavrov [<<41] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe Artikel, in denen er seine Überlegungen darlegte, wie man die russische Gesellschaft verändern könne. Für ihn bestand der Fortschritt in der körperlichen, geistigen und moralischen Entwicklung des Individuums sowie in der Verwirklichung von Wahrheit und Gerechtigkeit in den sozialen Beziehungen. Veränderungen der russischen Gesellschaft dürften nicht durch eine gebildete Minderheit der Mehrheit diktiert werden, sondern sollten „von unten“, vom Individuum, kommen. Durch geduldige Aufklärungs- und Bildungsarbeit würden sich die Bauern ihrer sozialen Bedürfnisse sowie Rechte bewusst werden und könnten sich von der Ausbeutung befreien. Auf diese Weise könne sich auch die eingangs beschriebene Idealvorstellung des Staates verwirklichen. Eine zentrale Rolle maß Lavrov dabei auch der obščina, der bäuerlichen Dorfgemeinde, bei, die Russland unter Umgehung von Kapitalismus und Proletarisierung einen eigenen Weg zum Sozialismus ebnen werde.2
Lavrov gehörte zu jenen Menschen, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in immer größerer Anzahl auf die Seite der radikalen Opposition gegen das zarische Regime schlugen. Ihre Vertreter wollten nicht mehr nur kritisieren, sondern handeln. Sie erörterten Entwürfe für die Gesellschaft der Zukunft und benannten die Bereiche, die verändert werden mussten: das politische System, die Lage der Bauern, dann auch die der Arbeiter und der Nationalitäten. Nicht zuletzt ging es um den Weg, wie die Umwälzung der Gesellschaft erreicht werden konnte. Lavrovs Theorie fand zunächst bei der russischen intelligencija großen Anklang: „[Z]ahlreiche junge Personen, die teilweise ihr Studium abbrachen, unternahmen, in bäuerliche Gewänder gekleidet und mit falschen Papieren ausgestattet, einen ‚Gang ins Volk‘, um mittels schriftlichen Pamphleten und mündlicher Propaganda revolutionäre Ideen zu verbreiten […], um mit dem Volk zu leben, um als Tagelöhner auf dem Felde zu arbeiten und mit den Bauern, ihren Arbeitskollegen, zu übernachten.“3 So umschrieb der damalige Justizminister Fürst Konstantin I. Palen (Pahlen) in einem Memorandum den „verrückten Sommer“ des Jahres 1874, in dem nicht nur Gymnasiasten und Studenten, sondern auch liberale Bürger und Adlige sowie Friedensrichter aus der Zeit der „Bauernbefreiung“ einen „Gang ins Volk“ unternahmen. Trotz großen Eifers und Enthusiasmus stießen diese Narodniki, die „Volksverbundenen“, bei den meisten Bauern auf Gleichgültigkeit, Unverständnis, Argwohn und zum Teil sogar auf offenen Hass und Widerstand. Dies war nicht [<<42] zuletzt auf die sich in der Bevölkerung haltende Legende des „guten und gerechten Zaren“ zurückzuführen, dem keine Verantwortung für ihre missliche Lage zugeschrieben wurde. Statt sich zu einem Aufstand zu erheben, meldeten sie die Revolutionäre der Polizei. Zahlreiche Narodniki wurden verhaftet und zu Freiheitsstrafen verurteilt.
Nachdem der erhoffte Erfolg ausgeblieben war, gründeten die Narodniki, um sich eine straffere und bessere Organisation zu verleihen, im Herbst 1876 einen neuen Verband, der wiederum den Namen „Zemlja i Volja“ erhielt. Alsbald kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten über die weitere Vorgehensweise, die im Sommer 1879 zur Spaltung führten. Die Vertreter des „friedlichen Dorfsozialismus“ gründeten die Gruppe „Černyj Peredel“ („Schwarze Umteilung“). Diese strebte eine Landverteilung durch freie Selbstbestimmung der Bauern an. Andere sahen in ihrer Enttäuschung über den missglückten „Gang ins Volk“ im „politischen Terror“ die einzige Möglichkeit zur gesellschaftlichen Veränderung. Sie folgten damit Ideen, wie sie Petr N. Tkačev und Sergej G. Nečaev im Anschluss an den Anarchisten Michail A. Bakunin propagiert hatten. Ihre Gruppe nannten sie „Narodnaja Volja“. In der Annahme, ein Attentat auf den Zaren werde seinen Mythos zerstören und die Revolution in Gang setzen, planten sie die Ermordung von Zar Alexander II. Am 1. März 1881 kam er durch einen Bombenanschlag ums Leben. Die Revolution blieb aber aus. Stattdessen folgten unter dem neuen Zaren Alexander III. scharfe Unterdrückungsmaßnahmen, die die von seinem Vorgänger praktizierte Politik der Liberalisierung beendeten.
Viele Revolutionäre sahen sich dadurch in ihrer Ansicht bestätigt, dass der politische Terrorismus nicht das geeignete Mittel zur Veränderung der Gesellschaft sein könne. 1883 gründeten deshalb Mitglieder des „Černyj Peredel“ im Schweizer Exil die erste auf marxistischen Prinzipien beruhende Organisation Russlands „Osvoboždenie truda“ („Befreiung der Arbeit“). Deren theoretische Grundlagen stammten vor allem von Georgij V. Plechanov, der aus einer kleinadligen Familie kam und sich als Student am Petersburger Bergbau-Institut den Narodniki angeschlossen hatte. Während seiner Jahre in der Emigration setzte er sich intensiv mit den Werken von Marx und Engels auseinander. Daraufhin wandte er sich vom Agrarsozialismus der Narodniki ab. In seiner 1884 verfassten Schrift „Unsere Meinungsverschiedenheiten“ vertrat Plechanov die Auffassung, dass gegenwärtig eine revolutionäre Bewegung einzig von der Arbeiterklasse ausgehen könne, da der Kapitalismus auch in Russland Eingang gefunden habe und nicht mehr aufzuhalten sei. Nunmehr galten nicht mehr die Bauernschaft und die obščina als treibende Kräfte für gesellschaftliche Veränderungen und die Revolution, sondern die Industriearbeiter.
Im politischen Untergrund Russlands stieß Plechanovs Schrift auf großes Interesse. Sie gab den Anstoß zur Bildung neuer illegaler Organisationen. 1895 schlossen sich [<<43] mehrere kleinere Gruppen, die sich an marxistischen Theorien orientierten und den Akzent auf die Arbeiterschaft setzten, zum „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ zusammen. Führende Vertreter waren Julij O. Cederbaum, der sich Martov nannte, sowie Vladimir I. Ul’janov, der den Namen Lenin annahm.
Für die Entwicklung der Sozialdemokratie war die 1897 in Wilna erfolgte Gründung des „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes in Litauen, Polen und Russland“ – kurz des „Bundes“ – von großer Bedeutung. Er setzte sich nicht nur für neue Methoden der Aufklärung unter den Arbeitern ein, sondern brachte mit seiner Forderung nach kultureller, nichtterritorialer Autonomie der jüdischen Bevölkerung das Problem der nationalen Frage und daraus folgend der autonomen Organisation innerhalb einer Partei in die Diskussion ein. Seine Gründung war eine Reaktion auf die zunehmende Proletarisierung der jüdischen Bevölkerung im „Ansiedlungsrayon“ des Russischen Reichs. Nach mehreren Streiks und Vorformen gewerkschaftlicher Organisationen setzte sich die Meinung durch, dass eine eigenständige jüdische Arbeiterpartei notwendig sei, die als autonome Sektion einer allgemeinen sozialdemokratischen Partei beitreten solle. Von Anfang an trat der Bund nicht nur für Verbesserungen zugunsten des jüdischen Proletariats ein, sondern auch für die Gleichstellung der gesamten jüdischen Bevölkerung mit den übrigen Einwohnern. Trotz seiner Illegalität wurde er rasch zu einer Massenpartei.
Abb 15 Nach der Revolution von 1905 wollte der Bund sich selbstsicherer zeigen und aus der Anonymität heraustreten, beim ostjüdischen Proletariat im Zarenreich verstärkt Propaganda machen und mehr Aufklärungsarbeit leisten. Die hier abgebildeten Ausschnitte der Zeitungen „Der Wecker“ („Der Veker“, Wilna), „Die Hoffnung“ („Di hofnung“, Wilna) und „Zait“ („Zajt“, „Tsayt“, St. Petersburg) zwischen 1905 und 1907 zeugen davon. Die Artikel sind mit dem hebräischen Alphabet in Jiddisch verfasst, die Titel sind zusätzlich in kyrillischer und lateinischer Schrift geschrieben. Dies macht die internationalistische Ausrichtung des Bundes deutlich. [Bildnachweis]

Kaum war der Bund gegründet, sahen sich dessen Mitglieder einer Verfolgungswelle in Russland ausgesetzt. Zahlreiche Bundisten wurden verhaftet. Unter anderem deshalb verlagerte der Bund seine Aktivitäten teilweise ins Ausland. Die Bundisten arbeiteten zunächst vorsichtig und konspirativ. Doch nach der Revolution in Russland 1905 setzte sich unter ihnen die Meinung durch, man müsse aus der Illegalität heraustreten, um erfolgreich sein zu können. Der Bund verstärkte seine Bildungsarbeit und Propaganda. Nicht zuletzt wurde das Jiddische als wichtiger Bestandteil der Identität zusehends gepflegt. Es war schließlich – anders als bei vielen russischsprachigen jüdischen Intellektuellen – die Muttersprache eines Großteils des jüdischen Proletariats in Osteuropa. Und gerade dieses sollte für die Ideen des Bundes gewonnen werden. Einer der Vordenker, Vladimir Medem, drückte es so aus: „In di gasn, tsu di masn“.4 Doikayt – das Handeln im Hier und Jetzt – und yidishkayt gehörten zusammen.5 [<<44]
1898 schlossen sich in Minsk verschiedene Gruppen zur „Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ (nach der russischen Bezeichnung abgekürzt RSDRP) zusammen. Da die meisten Mitglieder sogleich von der Polizei verhaftet wurden, konnte die Parteigründung nur ein – allerdings wichtiges – Signal sein. Ohnehin endeten damit keineswegs die Auseinandersetzungen über Theorie und Praxis der Bewegung, über inhaltliche und organisatorische Probleme. Verschärft wurden diese Meinungsverschiedenheiten noch durch die Trennung in in- und ausländische Organisationen, da zahlreiche Sozialdemokraten, auch Lenin und Martov, nach Verhaftung und Verbannung emigrieren mussten. Gestritten wurde vor allem darüber, ob man eine dezentralisierte, demokratisch aufgebaute Massenpartei anstrebe – dafür trat etwa Martov ein – oder ob unter den Bedingungen der Illegalität im Zarenreich eine zentralistisch- [<<45] hierarchische Organisation von Berufsrevolutionären notwendig sei, wie sie Lenin forderte. Am zweiten Parteitag der RSDRP in London 1903 spaltete sich die Partei in zwei Fraktionen. Nach einem zufälligen Abstimmungserfolg prägte Lenin für seine Anhänger den Begriff „Bolschewiki“ („Mehrheitler“), die Unterlegenen bezeichnete er als „Menschewiki“ („Minderheitler“).
Nach der Niederschlagung der Revolution von 1905 forderte die Basis der russischen Sozialdemokratie, dass sich die beiden Flügel wieder vereinigen sollten. Am Stockholmer Parteitag von 1906 wurde diese Einigung vollzogen. Doch schon bald verschärften sich wieder die Unstimmigkeiten; im Jahre 1912 war die endgültige Trennung nicht mehr zu verhindern. Einigkeit bestand darin, dass der Zarismus nur durch einen bewaffneten Aufstand gestürzt werden könne. Einen bedeutenden Streitpunkt bildete die Frage des Klassenbündnisses. Die Menschewiki gingen in ihrer Auslegung marxistischer Theorien von einem Stufenmodell der revolutionären Entwicklung aus: Erst nach einer bürgerlichen Demokratie mit kapitalistischer Ordnung könne eine sozialistische Revolution herbeigeführt werden. Deshalb erklärten sie sich bereit, mit den Liberalen des Bürgertums und sogar des Adels sowie mit der radikalen intelligencija zusammenzuarbeiten. Die Bolschewiki waren hingegen der Ansicht, dass die bürgerliche Phase der gesellschaftlichen Entwicklung in Russland durchaus übersprungen werden könne. Sie verstanden die Bauern als die Hauptverbündeten des Proletariats; das russische Bürgertum sei zu eng mit dem Zarismus verbunden. Unschlüssig war man sich noch, welche Stellung die Sozialdemokraten zu den Sowjets einnehmen sollten. 1905 hatten sie als neue Organisationsform der Arbeiterschaft, anknüpfend an Vorläufer in der Pariser Commune, eine wichtige Rolle gespielt. Lenin war damals gegen die Mehrheit seiner Fraktion für eine breite Öffnung dieser Räte und für deren Unabhängigkeit von der Partei eingetreten.
Eine unabhängige Position bezog Lev D. Trockij, der aus einer jüdischen Bauernfamilie stammte. Seine Theorie der „permanenten Revolution“ zielte auf einen revolutionären Prozess, der durch das Proletariat immer weiter vorangetrieben werden solle, damit er nicht erstarre. Da auf wissenschaftlicher Grundlage die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus und die Faktoren der kapitalistischen Entwicklung in Westeuropa erkannt werden könnten, sei es in Russland möglich, im nachholenden Prozess einzelne Phasen zu überspringen. Auf diese Weise eröffne sich der Weg, Altes und Neues in der strukturellen Vielschichtigkeit des Landes zu verbinden und rasch den Sozialismus zu erreichen. Bürgertum und Bauernschaft vernachlässigte er in seiner Konzeption. Dafür betonte Trockij stärker als die Bolschewiki die Bedeutung spontaner Massenaktionen.
Innerhalb der Bolschewiki gab es verwirrende Richtungskämpfe. Radikale Gruppierungen forderten die Abberufung der sozialdemokratischen Deputierten aus der [<<46] Duma oder ein imperatives Mandat für die Abgeordneten. Andere wollten die religiöse Sinnsuche in Teilen der Bevölkerung mit dem Sozialismus verbinden und dabei weitergehen als jene „Gottsucher“ (bogoiskateli), die in mystisch-messianischer Hoffnung die Revolution erwarteten, damit eine Ordnung auf christlicher Grundlage errichtet werden könne. Die „Gotterbauer“ (bogostroiteli) wollten Gott durch das Proletariat oder die vereinte fortschrittliche Menschheit ersetzen. Anhänger dieses Denkens waren der Schriftsteller Maksim Gor’kij sowie Anatolij V. Lunačarskij, der später sowjetischer Volkskommissar für Bildungs- und Kulturpolitik werden sollte. Auch der Soziologe, Philosoph und Arzt Aleksandr A. Bogdanov gehörte zu ihnen, der nach 1917 maßgeblich die Bewegung „Proletarische Kultur“ („Proletkul’t“) beeinflusste. Zeitweise sah es so aus, als werde er die Führung der Bolschewiki übernehmen, doch konnte sich Lenin letztlich durchsetzen.
Während des Ersten Weltkriegs vertiefte sich die Spaltung zwischen den beiden Flügeln der Sozialdemokratie. Zwar protestierten ihre Anhänger zunächst geschlossen gegen den Krieg. Ein Großteil der Menschewiki rief dann aber doch zur Landesverteidigung auf, während die Bolschewiki unter dem Einfluss Lenins nach einigem Zögern bei ihrer Ablehnung blieben. Lenin vertrat die These, Russland sei das „schwächste Glied“ in der Kette des Imperialismus. Wenn hier die Revolution ausbreche, werde die Kette reißen und die Weltrevolution ausgelöst. Eine militärische Niederlage Russlands erhöhe die Chance der Revolution, und es könne gelingen, den Weltkrieg in einen internationalen Klassenkrieg zu verwandeln. Diese kompromisslose Konzeption, die an den Konferenzen radikaler Sozialisten in Zimmerwald und Kiental in der Schweiz 1915 und 1916 vorgetragen wurde, aber keine Mehrheit erhielt, fand unter den Arbeitern in den Betrieben wie in den Landsmannschaften (zemljačestva), aber auch bei den von Martov geführten Internationalisten unter den Menschewiki und anderen linken Gruppierungen zunehmend Anklang. Die patriotischen „Landesverteidiger“, die ein breites Bündnis der Opposition befürworteten, verloren hingegen Anhänger.
In ihren konkreten politischen Vorstellungen zielten die Sozialdemokraten vor allem auf eine Verbesserung der Lage der Arbeiter, etwa durch die Einführung des Acht-Stunden-Tages, durch Arbeitsschutzgesetze und die Zulassung von Gewerkschaften. Die Menschewiki traten dabei für demokratische Massengewerkschaften ein, die allen Arbeitern offenstehen sollten. Sie waren bereit, mit solchen Organisationen zusammenzuarbeiten, ohne von ihnen die Übernahme des Parteiprogramms der RSDRP zu verlangen. Die Bolschewiki befürworteten zwar auch Massengewerkschaften, wollten deren Tätigkeit jedoch auf den wirtschaftlichen Bereich beschränken und sie in der politischen Ausrichtung der Partei unterordnen. Uneinig war man sich zudem darüber, wie die planmäßige gesamtstaatliche Wirtschaftslenkung und die Mit- oder gar [<<47] Selbstbestimmung der Arbeiterschaft in den Betrieben erreicht werden sollten. Weitere programmatische Forderungen betrafen die Errichtung einer demokratischen Republik, das gleiche, allgemeine und direkte Wahlrecht, eine freie und verpflichtende Volksschulbildung für alle, eine Volksmiliz statt des stehenden Heeres, die Trennung von Staat und Kirche, die Bewegungs-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie eine weitgehende lokale Selbstverwaltung.
Den Völkern des Reiches sollte das Selbstbestimmungsrecht gewährt werden. Unklar war jedoch, ob man Abspaltungen vom Staatsverband zulassen wollte und wie das Verhältnis zwischen nationalen zu sozialen Bewegungen beurteilt werden konnte. So setzte sich zum Beispiel Iosif V. Džugašvili, der sich Stalin nannte, Mitglied des Zentralkomitees der Bolschewiki und später Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), in seiner von Lenin in Auftrag gegebenen Schrift „Marxismus und nationale Frage“ von 1913 dafür ein, den verschiedenen Nationalitäten eine Gebietsautonomie und die nationale Gleichberechtigung – namentlich in den Bereichen Sprache, Schulbildung und Glaubensfreiheit – zu gewähren. Dadurch sei es möglich, die „Arbeiter aller Nationalitäten Russlands zu […] einer einheitlichen Partei“ zusammenzufassen. Dies werde den Arbeitern zeigen, dass sie „vor allem Angehörige einer einzigen Klassenfamilie, Glieder der einheitlichen Armee des Sozialismus sind“.6 Die Abspaltung vom Staatsverband lehnte Stalin hingegen entschieden ab, denn dadurch werde die Scheidung der Arbeiter nach Nationalitäten begünstigt: „Nicht das Gemeinsame unter den Arbeitern wird hervorgehoben, sondern das, was sie voneinander unterscheidet. Hier ist der Arbeiter vor allem Angehöriger seiner Nation: Jude, Pole usw.“7 Stalin und Lenin wiesen die Idee einer „national-kulturellen Autonomie“ zurück, wie sie der Jüdische Arbeiterbund entwickelt hatte. Damit würden nationale Kulturen gestärkt, anstatt die internationale Kultur des Weltproletariats zu fördern. Lenin konnte sich dennoch die Lostrennung einer Nation vom russischen Staat mit dem Ziel der Selbständigkeit vorstellen, um Konflikte zwischen nationaler und Arbeiterbewegung zu vermeiden. Er glaubte, dass es später ohnehin wieder einen freiwilligen Zusammenschluss geben werde.
In der Agrarfrage zeigten die Sozialdemokraten ebenfalls kein einheitliches Profil. Der Einheitsparteitag von 1906 hatte beschlossen, dass die Bauern ihr Land als Privateigentum erhalten, der Gutsbesitz von den Selbstverwaltungsorganen übernommen sowie das Kron- und Kirchenland verstaatlicht werden sollten. Lenin wollte statt [<<48] dessen das gesamte Land verstaatlichen, damit nicht der Agrarkapitalismus über das Privateigentum vordringen könne.
Auf diesem Feld mussten sich die Sozialdemokraten am stärksten mit der 1901 gegründeten „Sozialrevolutionären Partei“ auseinandersetzen. Diese stand in der agrarsozialistischen Tradition der Narodniki, schloss aber zunächst das Mittel des Terrors nicht aus. Trotz einer Reihe spektakulärer und oft erfolgreicher Attentate auf Regierungsangehörige lehnte die Mehrheit der Partei nach heftigen Auseinandersetzungen diese Methode ab. Wie die Sozialdemokraten hielten die Sozialrevolutionäre den bewaffneten Aufstand für geeignet, um die Zarenherrschaft zu stürzen. Nach ihrer Vorstellung könnten in Russland bürgerliche Demokratie und Kapitalismus übersprungen werden, weil es möglich sei, auf der Grundlage der obščina eine egalitäre, sozialistische Agrargesellschaft aufzubauen. Hierzu sollte das Gutsbesitzerland entschädigungslos enteignet und der gesamte Boden in Gemeineigentum mit privater Nutzung durch die Bauern überführt werden. Jeder solle nur so viel Land erhalten, wie er bearbeiten könne. Langfristig strebte man ein kollektives Wirtschaften an. Außerdem verlangten die Sozialrevolutionäre eine Dezentralisierung des Staates, Demokratisierung und lokale Selbstverwaltung. Sie waren bereit, den Nationalitäten ein vollständiges Selbstbestimmungsrecht einzuräumen.
Unter den Bauern fanden die Sozialrevolutionäre durchaus zahlreiche Anhänger. Anders als in den 1870er-Jahren waren diese jetzt zunehmend bereit, Konflikte mit den Gutsbesitzern und dem Staat auch mit Hilfe von Bündnispartnern aus der intelligencija auszutragen. Die Sozialrevolutionäre versuchten darüber hinaus, ihre Basis auf die Arbeiterschaft auszudehnen. In diesem Sinne betonte ihr Vorsitzender und ideologischer Begründer, Viktor M. Černov, der wie so viele aus dem Kleinadel stammte, dass allein das Bündnis zwischen städtischen und ländlichen Arbeitern die Macht der herrschenden Ordnung brechen und den Sieg der Ideale des Sozialismus vorbereiten könne. Allerdings blieb die Industriepolitik der Sozialrevolutionäre verschwommen. Zeitweise, so während der Revolution von 1905, konnten sie eine beträchtliche Anhängerschaft mobilisieren, aber aufgrund einer schlechten Parteiorganisation und parteiinterner Konflikte gelang es ihnen nicht, den mit ihnen sympathisierenden Massen auf dem Lande und in den Städten politisches Gewicht zu verleihen.
Eine ähnliche Agrarpolitik wie die Sozialrevolutionäre verfolgten die „Trudoviki“, die „Gruppe des arbeitenden Volkes“. Diese Partei bildete sich 1906 in der ersten Duma aus Angehörigen der intelligencija und der Bauernschaft. Sie verstand sich ebenfalls in der Tradition der Narodniki und verlangte – anders als die Sozialrevolutionäre – eine Verstaatlichung des gesamten Landes ab einer bestimmten Hofgröße. Die enteigneten Gutsbesitzer sollten entschädigt und die kapitalistische Wirtschaftsform vom Land [<<49] verdrängt werden. In den Dörfern erfreuten sie sich großer Beliebtheit. Mit der Zeit entwickelten sie sich zu einer radikal-undogmatischen Gruppierung, ohne eine feste Parteiorganisation auszubilden. Ihr bekanntester Politiker war der Rechtsanwalt Aleksandr F. Kerenskij, der vom Juli 1917 bis zur Oktoberrevolution als der letzte Ministerpräsident Russlands fungierte.
Eine Umwälzung der Gesellschaft, wenngleich nicht unbedingt auf revolutionärem Weg, strebten auch andere Bewegungen an. Vor allem in den zemstva waren seit der Mitte der 1890er-Jahre, nicht zuletzt ausgelöst durch die Erfahrungen der Hungersnot von 1891/92, mehr und mehr Menschen davon überzeugt, dass eine demokratische Verfassung notwendig sei, um das politische System auf eine neue Grundlage zu stellen. In diesem Rahmen seien die soziale, die nationale und die Agrarfrage zu erörtern.
Die wichtigste, noch illegale Organisation war der 1904 gegründete „Bund der Befreiung“. Nach Ausbruch der Revolution von 1905 bildeten die Anhänger der in den zemstva vertretenen Auffassungen verschiedene liberale Parteien. Am stärksten wurde die „Partei der Volksfreiheit“ oder „Konstitutionell-Demokratische Partei“, deren Mitglieder wegen der Anfangsbuchstaben des Parteinamens nur „Kadetten“ genannt wurden. Ihr Vorsitzender Pavel N. Miljukov, in Moskau als Sohn eines Architekturprofessors [<<50] geboren, lehrte seit 1886 als Historiker an der Moskauer Universität. Aufgrund seiner Beteiligung an der Studentenbewegung wurde er der Universität verwiesen und in die Verbannung nach Rjazan’ geschickt. 1897 verließ er Russland und lehrte bis 1899 Russische Geschichte in Sofia, danach in den Vereinigten Staaten.
Abb 16 Sitzung des Zentralkomitees der Konstitutionell-Demokratischen Partei, Ende April/Anfang Mai 1906. Fotograf unbekannt. [Bildnachweis]

1905 kehrte Miljukov nach Russland zurück. Neben dem Vorsitz der Kadetten übernahm er die Leitung der Parteizeitung „Reč’“ („Die Rede“). Die Kadetten setzten sich für Grundrechte, Demokratie und Parlamentarismus ein. Die Landreform solle auf Kosten der Gutsbesitzer erfolgen, denen lediglich eine geringe Entschädigung zu gewähren sei. Den Nationalitäten sei die kulturelle Autonomie zuzugestehen, Polen sogar die territoriale. Die Partei verstand sich nicht als Vertretung einer bestimmten Klasse, sondern wollte sich an den Bedürfnissen der gesamten Nation orientieren. Sie genoss vor allem in den Städten Rückhalt und bildete in der ersten Duma die stärkste Fraktion. Nach der Auflösung der beiden Dumas und dem Staatsstreich von 1907 – Premierminister Petr A. Stolypin hatte neue Wahlgesetze eingeführt, die ihm eine konservative Mehrheit einbrachten, und ging energisch gegen Regimegegner vor – dämpfte die Partei ihre politischen Forderungen, da ihr Widerstand gegen jene Aktionen erfolglos geblieben war. Sie setzte nun auf die Sicherung sowie den kontinuierlichen Ausbau der vom Zaren gewährten Rechte. Außenpolitisch kam es sogar zu einer starken Annäherung an die Regierung. Während des Ersten Weltkriegs führte dies zur Unterstützung der zarischen Kriegsziele. In der Bevölkerung verloren die Kadetten aufgrund ihres Kurswechsels erheblich an Rückhalt. Miljukov war Mitglied der dritten und vierten Duma und bekleidete nach der Februarrevolution von März bis Mai 1917 das Amt des Außenministers. Nach der Oktoberrevolution kämpfte er gegen die Bolschewiki und deren Verbündete. 1920 ging er zuerst nach London, ein Jahr später nach Paris ins Exil. Dort betätigte er sich bis zu seinem Tode 1943 publizistisch.
Ähnlich schwankend zwischen einer Forderung nach einer demokratischen Verfassung und einer Unterstützung des zarischen Systems verhielten sich die übrigen liberalen Parteien. Am weitesten gingen noch die „Progressisten“, bei denen vor allem Moskauer Unternehmer vertreten waren. Sie waren an politischen Reformen als Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Fortschritt interessiert. Tastende Versuche, ein Bündnis aller Oppositionsbewegungen unter Einschluss der Linksparteien zu schaffen, schlugen fehl. Die Progressisten hatten sich Ende 1912 von der liberal-konservativen „Union des 17. Oktober“, kurz als „Oktobristen“ bezeichnet, abgespalten. Diese Partei benannte sich nach dem Datum des Zarenmanifests von 1905, wollte die Vorrechte des Zaren wahren und orientierte sich an einem russischen Nationalismus. Von ihr waren ebenso wenig Initiativen zur Umwälzung der Gesellschaft zu erwarten wie von denjenigen Parteien, die zur traditionellen Autokratie zurückkehren wollten und sich [<<51] nicht nur durch einen Nationalismus, sondern oft auch durch einen ausgeprägten Antisemitismus – bis hin zur Förderung von Pogromen – auszeichneten.
Die politischen Entwicklungen und Ereignisse seit 1905 führten nicht zuletzt innerhalb der intelligencija zu einer Krise. Der 1909 publizierte Sammelband „Vechi“ („Wegzeichen“) steht für den damaligen Gesinnungswandel und die Abkehr von marxistischen Idealen eines Teils der intelligencija. Enttäuscht über die Wirkungslosigkeit ihrer eigenen Tätigkeit auf die Politik und Gesellschaft übten die Autoren einerseits Selbstkritik, andererseits verurteilten sie die gewaltsamen Umsturzversuche des Zarenregimes und rechneten mit dem revolutionären Teil der intelligencija ab. Sie warfen ihr vor, gescheitert zu sein und mit ihrer areligiösen, destruktiven und staatsfremden Haltung Russland in eine Sackgasse zu führen. In den „Wegzeichen“ skizzierten sie kein neues Programm für eine Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Zarenreich, sondern riefen zur Rückbesinnung auf und versuchten, die Rolle einer staatstragenden intelligencija neu zu interpretieren. Stellvertretend für alle Autoren des Sammelbands vermerkte der Literaturhistoriker Michail O. Geršenzon im Vorwort: „[Die Ideologie der russischen Intelligencija] steht nämlich in Widerspruch zur Natur des menschlichen Geistes, ist praktisch fruchtlos und führt nicht zu dem Ziel, das die Intelligencija selbst sich gesetzt hat – zur Befreiung des Volkes. […] Unsere Warnungen sind nicht neu: dasselbe hatten schon unsere tiefsten Denker von Čaadaev bis Solov’ev und Tolstoj unermüdlich immer wieder gesagt. Man hat sie nicht gehört, die Intelligencija hat sie links liegen lassen. Vielleicht beginnt sie jetzt, durch die große Erschütterung wach geworden, schwächere Stimmen anzuhören.“8
Der Bevölkerung boten sich deutliche Alternativen, wenn sie Veränderungen wollte, die nicht zu den Zuständen vor 1905 zurückführten. Die Linksliberalen strebten nach einer demokratischen Verfassung mit Parlamentarismus, wollten dies jedoch möglichst ohne Revolution erreichen und waren zu Kompromissen mit dem Zarismus bereit. Den Sozialisten der verschiedenen Schattierungen schwebte eine Selbstverwaltung von unten nach oben vor. Sie wollten die Zarenherrschaft stürzen, und die Radikalen unter ihnen dachten an eine Überführung der Revolution in Russland in eine Weltrevolution und an einen schnellen Übergang zum Sozialismus. In der Agrarfrage sahen alle die Notwendigkeit einer Landreform. Die Lösungsvorschläge schwankten zwischen einer Verstaatlichung und einer Übergabe des Bodens in Gemeineigentum, mit [<<52] unterschiedlichen Vorstellungen zur Entschädigung der Gutsbesitzer und zur privaten Nutzung durch die Bauern. In der sozialen Frage und in der Industriepolitik gingen die Flügel der Sozialdemokratie am weitesten auseinander. Das Ziel war – von den Bolschewiki am entschiedensten vertreten – eine planmäßige Lenkung der Wirtschaft und eine weitgehende Selbstbestimmung der Arbeiter. Selbstbestimmung war auch die Losung der Sozialdemokraten in der nationalen Frage. In den Vorstellungen zur Umsetzung gab es allerdings noch viele Unterschiede.
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