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Die Geschichte des Dorfes
Wylert

Im Auftrag des Vereins für Heimatpflege und
Ortsgeschichte Kippenheimweiler e. V.
herausgegeben von Stephan Hurst,
Edgar Kern und Anna-Luise Labelle
Kaufmann
Vorwort
Vorwort
des Oberbürgermeisters Dr. Wolfgang G. Müller
DES OBERBÜRGERMEISTERS DR. WOLFGANG G. MÜLLER

Die Beschäftigung mit der Geschichte hat in Lahr eine lange Tradition und immer wieder zeigt sich dabei, dass nicht nur die Stadt Lahr selbst, sondern auch ihre Ortsteile ihre je unverwechselbare und eigene Geschichte haben. Grob unterscheiden lassen sich dabei die Ortschaften der ehemaligen Herrschaft Lahr (die in der Regel evangelisch waren) von den Ortschaften, die zur Herrschaft Hohengeroldseck oder Mahlberg gehörten. Kippenheimweiler hat innerhalb dieser Ordnung einen besonderen Platz. Denn es gehörte nicht nur viele Jahrhunderte lang zu Mahlberg und damit zu Baden, sondern hatte seinen Ausgangs- und Bezugsort auch eindeutig in einer benachbarten Gemeinde: nämlich Kippenheim.
Erst die Industrialisierung im 19. Jahrhundert hat das regionale Gefüge hier verändert: Mit den Arbeitsplätzen und Ansatzmärkten in Lahr entstanden feste Verkehrsverbindungen und Beziehungen. Als Anfang der 1970er-Jahre die Entscheidungen über die Eingemeindungen fallen mussten, war bereits alles geklärt: Kippenheimweiler gehörte und wollte zu Lahr.Doch die Besonderheit der Wylerter Geschichte ging weiter. Mit der Schorn-Siedlung entstand hier eine der großen kanadischen Siedlungen. Mit dem Abzug der kanadischen Truppen 1993/94 wurde Kippenheimweiler dann einer der Siedlungsschwerpunkte für die nach Lahr kommenden Spätaussiedler. Die Ausbausiedlung des späten Mittelalters war – so kann man sagen – ihrem Charakter treu geblieben: Heimat zu werden für zuziehende Menschen.
Anlässlich seiner 650-jährigen Ersterwähnung hat sich Kippenheimweiler nun selbst ein Geschenk gemacht: ein Buch über seine Geschichte, das das vorhandene Ortssippenbuch ergänzt, viel Neues erzählt und vor allem von der ungebrochenen Vitalität des Dorfes zeugt. Aber auch von den Wandlungen des 20. Jahrhunderts, von dem, was gestern noch den Ort prägte und heute bereits verschwunden ist. Mit Blick auf diese Geschichte, auf die bewältigten Leistungen und Mühen, darf Kippenheimweiler heute zuversichtlich und stolz in das 21. Jahrhundert und die Zukunft schauen. Und mit Dank auf jene Menschen, die dieses Buch geschaffen haben. Ein Dank, dem ich mich gerne anschließe.
des Ortsvorstehers Tobias Fäßler
Vorwort
DES ORTSVORSTEHERS TOBIAS FÄßLER

Liebe Leserinnen und Leser,
bereits Friedrich Nietzsche erwähnte: „Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern man muss es besitzen!“
2015 feiert Kippenheimweiler sein 650-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass hat sich eine kleine, aber feine Arbeitsgruppe zusammengefunden, um ein Buch zu verfassen. Dabei überlegt man sich, was dieses Buch beinhalten soll und welche Fragen offen sind, die das Interesse an unserem Stadtteil wecken können.
Kennen wir alle unser Dorf wirklich und kann man nicht immer wieder Neues entdecken? Sind beispielsweise der Dreschschopf oder die Hanfrözi in Wylert fast schon Vergangenheit und bald vollständig vergessen?
Das Buch soll nicht versuchen, möglichst alle erdenklichen Fragen zu beantworten. Es soll auch keine vollständige chronologische Auflistung der historischen Fakten oder eine Neuauflage des Dorfsippenbuches sein. Es soll vielmehr vor allem Freude beim Lesen bereiten und möchte Wertvolles dokumentieren. Die historischen Schätze unseres Dorfes werden strukturiert aber auch spannend für unsere Nachwelt festgehalten, damit die Dinge, die das Leben ausmachten, nicht einfach in Vergessenheit geraten oder unwiederbringlich verloren gehen. Unser Buch kann aber auch neue Bürger mit der vielfältigen historischen Tradition unserer Heimat vertrauter machen. Das Buch lebt dabei von den Menschen aus unserer Region und Ihren Geschichten und ermöglicht es uns, wie durch eine Brille in die Vergangenheit zu blicken.
Daher gilt mein Dank allen Beteiligten dieses Buches für ihre beindruckende Arbeit, insbesondere dem Kernteam Stephan Hurst, Anna-Luise Labelle und Edgar Kern. Bemerkenswert fand ich persönlich, mit welcher Begeisterung alle Beteiligten diese Aufgabe ehrenamtlich erfüllten. Ich wünsche Ihnen allen viel Freude beim Lesen!
der Herausgeber
Vorwort
DER HERAUSGEBER ANNA-LUISE LABELLE, EDGAR KERN UND STEPHAN HURST

„Gerade in stürmischen Zeiten haben die Menschen ein Bedürfnis nach Kontinuität und ein besonderes Interesse für das kulturelle Erbe.‘‘ Otto von Habsburg
Als 2008 die Befragung der Zeitzeugen begann und sich die etwa 10-köpfige Arbeitsgruppe damit befasste, ältere Menschen des Dorfes zu besuchen und deren Erinnerungen festzuhalten, war uns allen noch nicht bewusst, was wir damit anstießen. Im Fokus stand zuallererst, dass in „weiter Ferne“, 2015, ein Dorfjubiläum anstand, zu dem es etwas beizutragen galt.
Doch bereits 2008 war einem überwiegenden Teil der Arbeitsgruppe klar vor Augen, dass es galt, ein Stück der alten Zeit festzuhalten, bevor diese verschwinden würde. Dies mag vielleicht pathetisch klingen, aber es ist so gemeint. Die Generation der heute etwa 75- bis 90-jährigen hat eine Zeit durchlebt, die wie keine Ära zuvor einen so radikalen und rasanten Umbruch mit sich brachte. Neben der rasch fortschreitenden Technisierung wie beispielsweise in der Arbeitswelt trugen auch die Folgen des Zweiten Weltkrieges dazu bei, die Entwicklung – auch in der Gesellschaft – zu beschleunigen.
Neben den vielen Zeitzeugenbefragungen (15 Personen wurden neudeutsch „interviewt“, teilweise mehrfach) galt es, viele Fotografien zu sichten, zu sammeln, zu speichern, vor allem: die darauf abgebildeten Personen wenn möglich zu erkennen und zu identifizieren. Dies war zwar zeitaufwändig, aber Grundlage für das nun vorliegende Buch. Das Herunterbrechen der Geschichte im Großen auf unser liebgewonnenes Dorf und dessen lokale Besonderheiten sollte einen wesentlichen Bestandteil des Bandes ausmachen. Deshalb gilt zuerst unser großer Dank an die mehr als 60 (!) Bildspenderinnen und Bildspender, die uns über 900 Fotos zur Verfügung gestellt haben. Dies ist nicht selbstverständlich: sind die Bilder doch etwas Vertrautes, ein Teil der eigenen Geschichte und manchmal auch beladen mit Erinnerungen, die nicht immer nur fröhlich und heiter sind. Ohne das Mitwirken der Bevölkerung wäre das Entwerfen und Gestalten eines solchen Buches nicht machbar. Aber kommt es nicht allen Menschen in unserem Dorf zugute? Das sollte auch das große Ganze sein, dem unsere Arbeit galt. Ein weiterer Aspekt der kleinen, aber feinen Autorengruppe war, nicht nur den alten Ortskern und dessen Historie zu beleuchten, sondern auch die neuere Ortsgeschichte zu erfassen: die Zeit der Kanadier, die Zeit des Wandels und selbstverständlich auch die Ankunft unserer Neubürger, der Russlanddeutschen. Wohltuend und positiv war, wie herzlich sich die Befragten aus der ehemaligen Sowjetunion über ihren Beginn in Kippenheimweiler äußerten und wie glücklich und zufrieden sie sind. Vielleicht mag dies nicht allen im Dorf so bewusst sein. Aber es tut gut zu hören, dass sich gerade die in den letzten zwanzig Jahren Angekommenen so wohl fühlen.
Wichtig war uns auch, gerade die Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Wir meinen, dass uns dies gut gelungen ist. Sie haben uns viel zu sagen gehabt, und wir haben die Berichte gerne festgehalten: zeugen sie doch von einer Zeit, die im Schwinden begriffen ist und sich rasant wandelt. Es ist nicht nur das wichtig, was gesagt, sondern auch wie es berichtet wurde: lebhaft, interessiert, aufgeschlossen und erfrischend direkt. Auch ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt für die offene Art und die Zeit, die sie sich nahmen.
Auch die Vereine, die kirchlichen Organisationen sollten unbedingt zu Wort kommen. Ihnen und den zuständigen Autoren gilt ebenso unser Dank, weil sie mit ihrer Arbeit die Vereinsaktivitäten wunderbar würdigen und die Vereinsgeschichte lebendig beleuchten.
Großer Dank gilt auch den MitarbeiterInnen des Kaufmann-Verlages für die hervorragende Begleitung und die fachliche Unterstützung. Ebenso gebührt den fleißigen Helfern in der Ortsverwaltung für ihre Geduld mit uns ein großer Dank. Eine besonders intensive Unterstützung bei allen die Gemeinde betreffenden Fragen und der Zuordnung von Personen erfuhren wir von Herbert Hurst und Karl Beinroth. Auch hier gab es nie ein Nein. Herzlichen Dank an sie beide. Ebenso ist es dem ausgezeichneten Gedächtnis von Hilde Schiff und Martin Schmidt zu verdanken, dass gerade auf den besonders alten Fotografien viele abgebildete Personen einen Namen bekamen. Abschließend ein großer Dank an meine immer gastfreundliche Nachbarin Renate Weis-Schiff, bei der die meisten Zeitzeugenbefragungen stattfanden.
War die gute alte Zeit immer so gut? Ja und nein. Der heutige Fortschritt brachte viele Errungenschaften, die wir nicht missen wollen. Gleichzeitig verschwand ein Teil der Identität, so hart es klingen mag. Hier und da blitzt sie auf, aber das Kleinteilige, das lokal auf das Dorf Beschränkte, das Miteinander, das „Aufeinander-angewiesen-Sein“ ist weniger geworden. Vielleicht ist dies einfach der Preis des Wohlstandes, weil sich vieles kaufen lässt, ohne auf die Mithilfe des Nachbars oder der Verwandtschaft angewiesen zu sein.
Mit dem vorliegenden Buch wollen wir einerseits das Vergangene festhalten, aber vor allem andererseits auch anregen, sich mit der Geschichte von Wylert, unserem Dorf, und der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Es soll unterhalten, zum Schmunzeln bringen und mit den Worten von Winston Churchill zum Nachdenken anregen: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen.‘‘
Viel Vergnügen!
Teil 1 Kippenheimweiler von den Anfängen bis heute
Teil 1 Kippenheimweiler von den Anfängen bis heute

1. Kapitel. Kippenheimweiler in der Frühen Neuzeit – Einblicke in ein kleines Dorf
1. KAPITEL
Kippenheimweiler in der Frühen Neuzeit – Einblicke in ein kleines Dorf

VON THORSTEN MIETZNER
Auf den folgenden Seiten soll ein erster Einblick in die Geschichte Kippenheimweilers bis etwa 1800 gewonnen werden. Die zurzeit vorliegende Literatur sowie der hier zur Verfügung stehende Platz lassen es leider nicht zu, in aller Ausführlichkeit alle rechtlichen, ökonomischen, sozialen und politischen Aspekte der Dorfgeschichte angemessen zu behandeln. Wer aber einen ersten Einblick in das Dorf zu einer Zeit gewinnen möchte, die so ganz anders war als unsere, der ist hier richtig.
Beginnen wir mit einer „alten“ Karte, die im Ortssippenbuch von Kippenheimweiler auf Seite 32 wiedergegeben ist. Nach der beigegebenen Beschriftung soll es sich um einen „Ausschnitt der Karte der Mortenau“ aus dem 14./15. Jahrhundert handeln. Eine Quellenangabe fehlt leider.
Diese Karte ist bemerkenswert, denn sie zeigt zum einen die Region um Kippenheimweiler in einem sehr frühen Stadium – im Mittelalter –, zum anderen zeigt sie deutlich den Bezug zu Kippenheim und den Rodungscharakter des Dorfes. In der Art freilich, wie sie hier wiedergegeben ist, weckt sie das Misstrauen des Historikers. Denn sie ist ganz offensichtlich nachgezeichnet, also nicht die grafische Reproduktion einer originalen Karte. Die Schrift passt ebenfalls kaum ins 14. oder 15. Jahrhundert, die Karte wäre ganz untypisch für diese Zeit. Dennoch hat es wohl eine Vorlage gegeben. Aber welche?
Bei der Suche nach der „echten“ Karte der Mortenau stößt man schnell auf die Arbeiten aus dem 16. Jahrhundert von Waldseemüller, Mercator und David Specklin. Und hier – genauer: bei Specklin – wird man denn auch fündig. Seine berühmte Oberrheinkarte von 1576 zeigt all jene Orte, die auch im Ortssippenbuch abgebildet sind, freilich in einer teilweise abweichenden Schreibweise. Vor allem aber fehlt in dieser Karte der „Schlauch“ in den Wald, der die Zeichnung im Sippenbuch so eindrücklich macht. Der Verdacht liegt also nahe, dass der Zeichner hier seiner Vorlage etwas „nachgeholfen“ hat. Vielleicht um seiner These vom „Rodungsdorf“ und der „zwangsläufigen Orientierung“ nach Kippenheim etwas nachzuhelfen. Solange also keine andere Vorlage gefunden wird – und wie erwähnt ist dies für das 15. oder gar 14. Jahrhundert sehr unwahrscheinlich –, müssen wir uns also von der Karte im Ortssippenbuch verabschieden, können aber auf die zwar jüngere, aber auch eindrucksvolle Arbeit von David Specklin verweisen.
Specklin zeigt Kippenheimweiler in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit dem gleichen kartographischen Symbol wie andere Dörfer auch: ein stilisierter kleiner Kirchturm mit zwei Häusern rechts und links. Westlich von Kippenheimweiler sehen wir auf der Karte Wald, ebenso an der Unditz, die hier übrigens nördlich an Kippenheimweiler vorbeifließt (Westen ist auf der Karte oben). Ansonsten aber ist die Ebene Richtung Kippenheim und nach Süden bereits waldfrei, wenn auch sicher noch nicht so trocken wie heute. Insgesamt ähnelt aber das Kartenbild sehr der 200 Jahre jüngeren badischen Landesaufnahme von 1780. Hat sich also nichts verändert in dieser Zeit? Stillstand etwa?
Fassen wir doch einmal zusammen, was wir über das alte Kippenheimweiler so wissen oder begründet vermuten können, und beginnen wir dabei mit „Langeisiesuuilare“ (anstelle der beiden u kann man auch ein w oder ein v lesen), jener ominösen Erwähnung, die um 1007 in Straßburg entstand. Worum ging es dabei? Nach 1007, dem Jahr eines Brandes, musste die Kirche St. Thomas in Straßburg ihre Besitzungen neu aufzeichnen. In diesen Aufzeichnungen steht, dass die Kirche „in vico autem Kippenheim curtem 1 et dimidium partem aecclesiae ejusdem vici et villulam Langisesuuilare de Hugone comite Hohenburc regnante prefalus Rihuuinus episcopus conquisierat et fratribus radiderat“.[1]Zu Deutsch: Graf Hugo schenkte dem Straßburger Bischof Richwin einen Hof und den halben Teil der Kirche in Kippenheim sowie den Weiler Langisesvilare, was dieser Bischof wiederum an die Kirche St. Thomas weitergab. Der Eintrag bezieht sich auf die Zeit zwischen 913 und 933, die Amtszeit Richwins. Dieses Langisesvilare nun ist immer mit Kippenheimweiler gleichgesetzt worden, denn einen anderen Weiler in der Umgebung von Kippenheim gab es nicht. Dennoch gibt es gute Gründe, auch skeptisch zu bleiben. Fassen wir diese Gründe mal zusammen:
1.Der Name Langisesvilare taucht nur dieses eine Mal in den Quellen auf. In den Jahrhunderten danach ist dagegen von „Wiler“, „Oberwiler“ oder „Niederwiler“ die Rede.
2.Etwa ein Drittel aller Weiler-Dörfer in unserer Region verschwand im Spätmittelalter wieder.
3.Erst ab dem Hochmittelalter werden viele Dörfer und Weiler überhaupt ortsfest.
4.Es gibt deutliche Anzeichen von Wüstungen auf der Gemarkung von Kippenheimweiler (Obere Wüstmatt, Untere Wüstmatt).
5.Die spätere Gemarkung Kippenheimweilers erstreckt sich über ein Gebiet, das im Früh- und Hochmittelalter noch wesentlich feuchter gewesen sein und eine dauerhafte Besiedlung kaum geduldet haben dürfte.
All das spricht gegen eine Siedlungskontinuität und stattdessen eher dafür, dass es im westlichen Vorfeld von Kippenheim mehrere Versuche gegeben hat, das Land zu roden, trockenzulegen und einen Weiler fest zu installieren. Die Ersterwähnung von Kippenheimweiler im Jahre 1365 verweist aber schon auf einen eigenen Zehnten, das Dorf dürfte hier also schon länger bestanden und eine eigene Entwicklung hinter sich gebracht haben. Welche Beziehung allerdings zu Langisesvilare besteht, bleibt dunkel.
Weitere Erwähnungen Kippenheimweilers im Mittelalter sind sehr selten, was durchaus als Hinweis auf die geringe Größe des Ortes gedeutet werden darf. Kippenheimweiler ist wahrscheinlich häufig mitgemeint, wenn in zahlreichen Urkunden Kippenheim oder dessen Kirchsatz gemeint ist. Eine Ausnahme stellt dagegen eine Urkunde von 1417 dar, in der die Inhaber des Kirchsatzes (in diesem Fall das Domkapitel zu Straßburg sowie Heinrich von Geroldseck) mit den Vertretern des Dorfes Regelungen bezüglich des Weinzehnten treffen. Unter den Vertretern des Dorfes ist hier auch Claus Reinbolt von Wilre erwähnt, was Kippenheimweiler sein dürfte.[2]
Bevor wir einen Blick in das soziale und wirtschaftliche Innere des Dorfes werfen, müssen wir noch kurz die herrschaftlichen Verhältnisse erörtern. Wann immer auch Kippenheimweiler letztlich gegründet wurde, seine politischen Verhältnisse hingen lange aufs Engste mit Kippenheim (und mit Mahlberg) zusammen. Der Raum Kippenheim-Mahlberg war Reichsland, das heißt, eigentlich hatte hier der König das Sagen. Doch bereits im 13. Jahrhundert erlangten die Herren von Geroldseck dieses Lehen und waren somit die Landesherren der Herrschaft Lahr-Mahlberg. Nach dem Aussterben der Geroldsecker im 15. Jahrhundert fiel die gesamte Herrschaft zunächst an die Herren von Moers-Saarwerden, wurde aber bereits Mitte des 15. Jahrhunderts wiederholt an die Markgrafen von Baden verpfändet. 1629 schließlich einigten sich die gemeinsamen Eigentümer Nassau-Idstein und Baden-Baden auf eine Teilung der Herrschaft: Fortan gehörte Kippenheimweiler zusammen mit der restlichen Mahlberger Herrschaft zum (katholischen) Hause Baden.

Der Wortlaut der Urkunde von 1365:
Ich rüpreht von Diersburg ein edelknecht dun kunt allen den die disen brif sehent od(er) hörent leßen daz ich gelobt han und gelobe mit diesem briefe fur mich und fur alle meinez lehens erben von den vier vierteil korn geltez wegen so die edeln herren herr Hans von Üsenberg und junker hesse sin bruder gegunnet hant als ich su versezzet han hansen von arras eim edelnknecht uf dem zehenden der gelegen ist zu kippenheinwiler den ich und min vettern von inan zu lehen hant und von in an vürent daß ich oder minez lehens erben ob ich enwere die selben vier vierteil korn geltes in drin joren noch den dat diesen briefes lidegen und lösen söllten one v(er)zog(.) wer aber daz sich die zil verliefen und daz vorgenant korn gelt nit erlöset wert werden so hant die obgena(n)ten herren maht mich oder mineß lehens erben ob ich enwere dar um zu mannende mit boten oder mit briefen zu huse und zu hofe oder under oegen und wan wir dar um ermanet werden so sol ich oder minez lehens erben ob ich enwere mit sinez selbez libe in (?) dem nehsten monat noch der manunge sich entw(o)rten (überantworten) gein endingen in die stat und niemer dan zue kuommende unz do daz korn gelt von den vorgnnt Hansen von Arras oder von sine erben inlöse wirt oder den vorgnant(er) herren wille überdragen und daz dis allez war und stet belieb so habe ich min eigen ingesigel an disen brief gehenket der geben wart do man zalet von gotez geburt drüzehen hundert jahr und fünft und sehzig jar an dem nehsten zistag vor sact anders dag.
Regest
Der Edelknecht Ruprecht von Diersburg versetzte für vier Viertel Korngült den Zehnten von Kippenheimweiler (Kippenheinwiler) als Pfand an den Edelknecht Hans von Arras. Dies geschah mit Zustimmung von Johann von Usenberg und dessen Bruder Hesso von Usenberg, die ihm und seinem Vetter den Zehnten gelehnt haben. Er verspricht, die Schuld innerhalb von drei Jahren auszulösen, andernfalls sich nach Mahnung durch seine Lehensherren in die Stadt Endingen solange als Geisel zu begeben, bis das Pfand eingelöst wird. Gegeben am 25. November 1365 (zistag vor sact Anders dag). Sigel von Ruprecht von Diersburg (abgefallen)
Da die Überlieferung zu dem Dorf so „dünn“ ist, lassen sich die meisten Erkenntnisse erst aus späteren Quellen gewinnen. Mit einiger Vorsicht kann man dies dann aber zurückdatieren. Werfen wir also einen Blick in das Dorf und seine Gemarkung in der Zeit um 1780.
Die Dorfbewohner nutzten am Ende des 18. Jahrhunderts 1.111 Sester Ackerland (das waren etwa 80 Hektar), 18 Sester Gärten, 153 Sester Reben und 392 Sester Wiesen (sogenannte Matten). Allmende war im Dorf nur minimal vorhanden.[3] Dieser Umstand verweist noch auf die Entstehung der Gemeinde, die nur von Kippenheim aus zu denken ist. Dementsprechend wurde ursprünglich die Kippenheimer Allmende durch die Dorfbewohner mitgenutzt.
Die Wiesen Kippenheimweilers lagen hauptsächlich westlich und südlich des Dorfes, die Äcker auf dem ansteigenden Gelände Richtung Vorberge. Noch heute zeugen die Gewannnamen von der früheren Nutzung: Wald- und Wüstmatten etwa oder die Niedermatten westlich des Dorfes und der Langacker im Norden, das Unterfrankenseefeld oder das Oberfeld im Osten und Südosten. Diese sich hier ausdrückende Zweiteilung der Gemarkung in einen feuchten West- und einen trockeneren Ostteil war die grundlegende ökologische Determinante der Dorfentwicklung. Als Rodungsdorf, bestehend aus wenigen Hütten, war Kippenheimweiler im Hochmittelalter durchaus vorstellbar, doch erst mit der allmählichen Absenkung des Grundwasserspiegels im Spätmittelalter dürfte es möglich gewesen sein, dem Boden dauerhaft Ackerland und dem Wald Wiesengelände abzuringen.
Aus heutiger Sicht sicher etwas ungewöhnlich erscheint das Rebgelände, das die Kippenheimweiler kultivierten. Es lag natürlich nicht auf der Ortsgemarkung, sondern in den Kippenheimer Vorbergen, wo fast jeder Dorfbürger im Fuchs- oder Galgenberg Reben hatte. Der Weg dorthin war weit und der Wein von ziemlich schlechter Qualität. Wein aber war seit dem Mittelalter fester Bestandteil vieler Abgaben und gehörte auch – was der schlechten Qualität des Trinkwassers geschuldet war – auf den Speiseplan. Hinzu kam, dass viele Rebflächen mit Obstbäumen besetzt waren. Dies reicherte zwar die Speisekarte an und ermöglichte den Obstverkauf in Lahr und Straßburg, beschattete aber natürlich die darunter liegenden Reben.
Die weitere Binnengliederung der Gemarkung in Zelgen für die Dreifelderwirtschaft konnte bislang noch nicht aufgedeckt werden, aber die Topographie der Gemarkung legt nahe, dass sich das erste Großfeld („Oberfeld“) südlich der Landstraße nach Kippenheim befand, das zweite („Kirchfeld“) östlich des Dorfes und das dritte nördlich des Herrothwegs. Auf ihrer Gemarkung bauten die Kippenheimweiler als Hauptgetreide („Korn“) Roggen an, daneben Weizen und Halbweizen. Üblich waren des Weiteren sogenannte Wickerste (Wicken, Linsen und Gerste), Hafer, Grundbirnen (Kartoffeln), Welschkorn (Mais), Ackerbohnen, Erbsen, Hanf und Klee.[4] Dieser Auflistung von 1787 kann man entnehmen, dass die Kippenheimweiler zumindest schon teilweise die Brache aufgehoben hatten und mit Zwischenfrucht besömmerten.
Damit hatte man sich wenigstens zum Teil schon von der klassischen Dreifelderwirtschaft der Jahrhunderte zuvor abgelöst. Bei diesem System wird der Teil der Gemarkung, der für den Getreideanbau vorgesehen ist, in drei Großfelder, sogenannte Zelgen, eingeteilt. Im ersten Großfeld wird dann Wintergetreide angebaut, also Roggen oder Weizen, im zweiten Großfeld Sommergetreide, also etwa Hafer oder Gerste, und das dritte Feld bleibt unbebaut, liegt also brach. Wintergetreide kommt bereits im Herbst in die Erde, keimt also schon den Winter über und wird dann im Juni geerntet. Sommergetreide wird im März eingesät, im Sommer geerntet und ist nicht so ertragreich wie Wintergetreide. Wenn ein Großfeld den Zyklus von Sommer- und Wintergetreide durchlaufen hat, wird es gepflügt und für ein Jahr liegen gelassen. Dies dient der Erholung der Felder, auf denen nun allerlei Gräser und Kräuter wachsen, die dem Dorfvieh als Nahrung zur Verfügung stehen. Gleichzeitig düngt das Vieh den Boden.
Das heißt, dieses System der Dreifelderwirtschaft diente nicht nur der Getreidewirtschaft, sondern auch der Viehwirtschaft. Die Brache war Bestandteil der Weidewirtschaft und deshalb musste auch jedes Jahr die jeweilige Brache eingezäunt werden, damit das Vieh nicht in die benachbarten Getreidefelder rannte. Freilich kam das immer mal wieder vor, besonders aber dann, wenn das Vieh von den Dorfhirten an den Wegrändern geweidet wurde.
Neben den drei Großfeldern gab es in Kippenheimweiler noch ein wenig der sogenannten Allmende, also Boden, der der Gemeinschaft gehörte. Allmende waren die Straßen und Wege, besonders aber bestimmte Wiesen. Diese Wiesen wurden ebenfalls von den Viehhirten für das Dorfvieh genutzt. Da die Allmende allen gehörte, gehörte sie ebenso niemandem. Und das bedeutete, dass sich auch keiner so recht darum kümmerte. Da in historischen Zeiten in der Regel sowieso der schlechteste Boden – d. h. der trockenste oder feuchteste – als Allmende ausgewiesen wurde, waren diese „Weiden“ normalerweise kahl, voller Löcher und knochenhart oder versumpft. Obwohl dieses System aus der Sicht der staatlichen Modernisierer des 18. Jahrhunderts ineffizient war, da viel Boden wenig effizient genutzt wurde – besonders die Brache und die Allmende –, diente es doch der ganzen Dorfgemeinschaft. Selbst der ärmste Kippenheimweiler konnte seine Ziege auf die Allmende treiben, die Brache nutzen und so etwas Vieh halten.
Wie ihre Vorfahren lebten also die Kippenheimweiler um 1800 in einem austarierten System von Vieh- und Ackerwirtschaft, das einerseits das Überleben sicherstellte, andererseits jedem Ding und jeder Handlung einen Platz zuwies. Und kaum noch Zuwächse ermöglichte. Die jedoch waren nötig, denn im 18. Jahrhundert war die Bevölkerung kräftig gewachsen. Inzwischen lebten rund 400 Menschen im Dorf, um 1720 waren es nur 186 gewesen.[5] Zu dieser Zeit war die Erholung nach den kriegerischen Katastrophen des 17. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen. 1628, bevor der Dreißigjährige Krieg in der hiesigen Region seine ganzen Auswirkungen zeigte, lebten 33 Bürger im Dorf, das entsprach rund 120 bis 150 Einwohnern. Also besaß Kippenheimweiler auch vor dem Dreißigjährigen Krieg eine durchaus nennenswerte Zahl an Einwohnern, war rechtlich jedoch immer noch stark von Kippenheim abhängig. Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges schmolz die Einwohnerzahl dann aufgrund von Kriegstoten und Abwanderung auf weniger als ein Viertel.[6]
In dieser Zeit können wir auch erstmals etwas genauer auf die soziale Gliederung der Dorfbewohner schauen. 1628 gab es 6 Meier, 5 mittelmäßige Meier, 7 Witwen und 15 Tagelöhner, die in 31 Häusern lebten.[7] Was genau ein Meier ist, geht aus der Quelle nicht hervor, doch wir dürfen in ihm einen Bauern vermuten, der ein vollwertiges Gespann sein Eigen nennen konnte. Die 15 Tagelöhner zeigen uns, dass die Hälfte des Dorfes aus Menschen bestand, die wahrscheinlich ein wenig Acker- oder Gartenland besaßen, ansonsten aber sehr arm waren. Neben der landwirtschaftlichen Beschäftigung können wir im 17. Jahrhundert kaum andere Tätigkeiten im Dorf feststellen. Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts tauchen im Ortssippenbuch häufiger Handwerker wie der Rechenmacher Andreas Fichter, der Weber Franz Joseph Müller, der Küfer Lorenz Hertenstein oder der Wirt Franz Carl Kupfer auf. Auch einen (evangelischen) Lehrer finden wir nun, den Taglöhner Lorenz Läßle. Er unterrichtete in seinem Privathaus – ein eigenes Schulhaus gab es erst unter seinem Nachfolger Michael Wagner ab 1773.[8] Auch eine Wirtschaft gab es erst ab 1749. Die war nicht nur wichtig als geselliger Mittelpunkt der (männlichen) Dorfgesellschaft, sondern auch als „Stube“ des Ortes, d. h. als Rathausersatz. Hier wurde der sogenannte Weinkauf abgehalten, d. h. die rituelle Besiegelung eines Geschäftes. Gerade darum gab es freilich jahrzehntelangen Streit mit Kippenheim, das sich dieses lukrative Geschäft ebenso wie die Hochzeiten nicht abnehmen lassen wollte.[9]
Obgleich die Wylerter im 18. Jahrhundert im Allgemeinen arm waren – im Durchschnitt besaß jeder Einwohner 15 Sester Ackerland, also einen Hektar –, verteilte sich der Grundbesitz sehr ungleich im Dorf. Nur sechs Bauern besaßen mehr als drei Hektar, was die Untergrenze dessen war, was man zum Überleben alleine aus der Landwirtschaft brauchte. Weitere zwanzig besaßen immerhin mehr als den Durchschnitt, während 39 weniger als den Durchschnitt und teilweise gar kein Land besaßen.[10] „Reichster“ Bauer mit über sechs Hektar (hinzu kam noch Rebland und Garten) war Andreas Leppert, genannt „der Kornett“.[11] Der Spitzname verweist auf seine Tätigkeit als Dorfmusiker, unter Umständen aber auch auf seinen Militärdienst, wo das Cornett ein verbreitetes Signalhorn war. Ihm folgte Andreas Fleig der Alte, der rund fünf Hektar Ackerland besaß.
Der geringe Grundbesitz hatte natürlich Folgen: Kaum ein Wylerter wird von der Landwirtschaft alleine gelebt haben können. Zusatz- und Nebentätigkeiten im Transportbereich, als Tagelöhner und in einfachen Handwerken gehörten selbstverständlich dazu. Wie in fast allen Dörfern in Südwestdeutschland.
Es verwundert also nicht, dass dieses kleine Dorf kein wirkliches und eigenes Verfassungsleben entwickelte, sondern wohl von Beginn an von Kippenheim verwaltet wurde. In einer Urkunde vom 12. Juni 1690 heißt es jedenfalls, dass es „uhnlaugbar (unleugbar) und noch widersprechlich (sei), dass je und alle Zeit die Inwohner zue Kippenheimb und weiller ein gemein undt ein Burgerschaft gewesen, welche mit Einander, nach dem wahlen gegangen, ein gericht Besessen, ein staab geführt undt gleiches recht zue Dorff undt Veldt, im waßen (im Wasser) und zum Landt, in Waldung, auf der Höhe undt Nidere, so wiet sich dieser orthen Etter Erströckh, mit Menschen und Vihe genossen“.[12] Das bedeutet, dass Kippenheimweiler zwar im 17. Jahrhundert über einen eigenen Stabhalter (und auch Bürgermeister) verfügte – also über Vorgesetzte der örtlichen Verwaltung und Rechtsprechung –, ansonsten aber alle wichtigen Entscheidungen in Kippenheim gefällt wurden. Je größer jedoch das Dorf wurde, umso stärker drängte es auf vollständige Eigenständigkeit. Problematisch war dabei, dass das Dorf über keine eigene Gemarkung verfügte, sondern sich den Bann mit Kippenheim teilte.[13] Dies war nicht außergewöhnlich, auch Lahr, Mietersheim und Dinglingen etwa besaßen bis 1800 eine gemeinsame Gemarkung. Es bedeutete aber für Kippenheimweiler, dass es schwierig war, sich ökonomisch und politisch wirklich von Kippenheim abzusetzen. Die Auseinandersetzungen mit Kippenheim um die Verteilung der Lasten, Pflichten und Einkommen zogen sich deshalb viele Jahrzehnte lang hin. Doch machte man im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend Fortschritte. Für 1723 sind erstmals eigene Heimburgerrechnungen überliefert. Der Heimburger war im Dorf für die Abrechnung der Dorffinanzen und Abgaben zuständig. 1737 wird ein Bürgermeister erwähnt (Andreas Fleig), ab 1761 schickten die Kippenheimweiler eigene sogenannte Ausschussmänner in das Kippenheimer Gericht. Nach langen Auseinandersetzungen schließlich hatte man es 1788 geschafft: Am 6. Februar fand die erste Rug- und Frevelgerichtssitzung in Kippenheimweiler statt.
Eigentlich war das Frevelgericht ein herrschaftliches Gericht, bei dem unter Vorsitz eines herrschaftlichen Vertreters – meistens des Amtmannes – Fragen der niederen Gerichtsbarkeit, aber auch der Dorfordnung behandelt wurden. Ein eigentliches Gemeindegericht scheint Kippenheimweiler vor dem Ende des Alten Reiches (also vor 1803) nicht mehr bekommen zu haben, doch wird dies in der Praxis keine große Rolle mehr gespielt haben.
Fassen wir das alles zusammen, so kann also von Stillstand in der Zeit vor 1800 keine Rede sein. Die Bevölkerung wuchs über alle Rückschläge hinweg kräftig an, das System der Landbewirtschaftung zeigte schon vor 1800 moderne Züge, die politischen Verhältnisse im Dorf waren ab dem frühen 18. Jahrhundert auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Was sich wenig veränderte, war freilich die prekäre Lebenssituation der meisten Wylerter. Hier brachte erst das 19. Jahrhundert den endgültigen Wandel: Die Agrarreformen einerseits und die nun greifende Industrialisierung andererseits verwandelten das Dorf weiter und endgültig. Äußerlich und innerlich war es im 20. Jahrhundert kaum noch mit seinem vormodernen Vorgänger zu vergleichen. Und auch seine Beziehung zum Umland änderte sich in diesem neuen Kräftefeld: An die Stelle von Kippenheim als sozialem und kulturellem Bezugspunkt trat zunehmend Lahr. Bis 1972 mit der Eingemeindung auch hier den veränderten Fakten Rechnung getragen wurde. Das aber wäre eine andere Geschichte …

Topographischer Plan von 1784, Quelle: Generallandesarchiv Karlsruhe
(© Landesarchiv Baden-Württemberg)
2. Kapitel Kippenheimweiler im 19. Jahrhundert
2. KAPITEL
Kippenheimweiler im 19. Jahrhundert

Die Eisenbahn
VON STEPHAN HURST
Die Eisenbahn
VON STEPHAN HURST
Für Kippenheimweiler prägend ist seit mehr als 150 Jahren die Eisenbahnstrecke des Rheintals – quasi direkt vor der Haustür. Lange Zeit war die Reichs- und später die Bundesbahn ein gewichtiger Arbeitgeber für viele Menschen des Dorfes. Aber auch allen Reisenden ermöglichte vor allem der Bahnhof in Kippenheim ein bequemes und nahe liegendes Zusteigen. Blicken wir zurück:
Im März 1838 nahm der Badische Landtag ein Gesetz an, mit dem das Großherzogtum Baden in eine neue Epoche seiner Geschichte eintrat: in das Zeitalter der Eisenbahn. Die Pläne waren ehrgeizig. Von Mannheim über Heidelberg und Karlsruhe bis nach Basel sollte die Route führen. Die Erwartungen in das neue Verkehrsmittel waren gewaltig. Der Mannheimer Kommerzienrat Ludwig Newhouse, der 1833 die Diskussion angestoßen hatte, brachte die optimistischen Zukunftsvisionen in eine griffige Formel: „Baden wird und muss ein großer Bazar, ein Weltmarktplatz werden.“
Bereits 1840 wurde der erste Abschnitt zwischen Mannheim und Heidelberg in Betrieb genommen. Die badische Hauptbahn von Mannheim über Basel nach Konstanz – 1863, vor mehr als 150 Jahren, vollendet – verband die Regionen des Landes. Der Eisenbahnbau wurde zum Impulsgeber für die Industrialisierung.
Die Überquerung der Gleise war nicht immer ungefährlich, wenn auch die Züge langsamer als heute fuhren. Zeitzeuge Martin Schmidt berichtete, dass er kurz nach dem Krieg bei Nebel am Übergang des heutigen Rebweges mit dem Pferdefuhrwerk unterwegs war. Die Schranken begannen sich bereits zu senken. „Des reicht noch.“ Mit einem der Vorderräder blieb er jedoch im Gleis hängen. Drei Lichter aus Richtung Lahr näherten sich, der Zug raste heran. Vorne war die Bahnschranke bereits heruntergelassen. Der Bahnbeamte drehte diese, so schnell es ging, wieder nach oben. Martin Schmidt gab mit der Geisel Schläge auf die Zugtiere und er kam mit seinem Fuhrwerk gerade noch unter der Schranke durch, bevor der Zug passierte.

Eisenbahnkarte aus der Bauphase: Güterplan der Gemarkung Kippenheimweiler, Streckenausschnitt: 166,8 bis 167,9 km, ca. 1842 (GLA Karlsruhe 421 K1 Nr. 2078)
Zeitzeugen erinnern sich an die alten Bahnübergänge
Eugen Gänshirt: Der Zug het bimbelt, un wenn dü noch fun widdem herkumme bisch, no hesch schu ghert, a do kummt ä Zug. No hedder dich als ämol durch gloh oder äu nit.
Renate Weis-Schiff: Wänn dr Heuwage ä weng z’hoch glade war, hesch miän abschdiege, wegge dr Oberleitung, später, wu Strom kumme isch. Ich mein, uns denkt jo au noch dr Dampf.
Eugen Gänshirt: Do hesch immer Mohris g’han, wenn als dr Zug gfahre isch, un er het Dampf abglehn, no hets pfiffe, no sinn d’Viecher mänchsmol näbenüs ghopst. Des war als ä Erlebnis.
Stephan Hurst: Wie viel Statione ware uff dr Wylerter Gemarkung Richtung Dinglinge?
Eugen Gänshirt: Wu dr d’Breidi nummgehsch, bi der Stiehli (Fa. Jakob Schmid & Söhne, Kippenheim), dert isch eini gsieh, selli isch vum Schdellwerk agmacht wore.
Renate Weis-Schiff: Bi Mahlberg Richtung Bruck war noch einer, s’Baue häm mir gsait.
Eugen Gänshirt: Un drno rahzue ischs Gremmelmeiers gsieh, am Kirchhof num. Der isch aber friehjer zuegmacht wore. No war dr Rebweg un s’Kopfe.
Renate Weis-Schiff: Im Rebweg war aber nur ä Schrank un ä Hiesli, kei Wohnhüs.
Martin Schmidt: Do sinn als Schranke gsieh, friehjer. Un bie s’Gremmelmeiers, dert ware au Schranke, aber mir denkt sell nimmi. Un die hänn sie aber zuegmacht, bin aber änäweg als drieber gange, wenn dr middem Fahrrad gfahre bisch, oder selli wu Feld dert driebe ghan hänn..
Renate Weis-Schiff: Un dann Richtung Mietersheim isch s’Krampferts kumme. Wenn mir uff Lohr sinn, sinn mir dert num. Di hänn do gwohnt, des ware richtige Hieser. Die sin alli abgrisse wore. Später sinn die Schranke no z’erscht vun Lohr oder vun Dinglinge bedient wore.
Eugen Gänshirt: Wu halt die Zieg schun meh gfahre sinn un schneller, no hänn sie die Brucke bäut.
Stephan Hurst: Un nachts isch genauso uff un zue gmacht wore?
Renate Weis-Schiff: Also do obe in Kippene hänn sie Dienscht gmacht.
Eugen Gänshirt: Un im Rebweg isch als zobe, am zehni, glaub ich, ischer gschlosse wore.
Renate Weis-Schiff: Am Morge, wänn mir als mol mit dr Fahrräder in d’Schuel uffs Friedensheim sell Johr gfahre sinn, do simm mir je nach dem als under dr Schranke durch, so schräg drunter durch.
Eugen Gänshirt: Ha dert hesch jo noch drieber kenne, dert sinn d’Zieg jo no nit so schnell gfahre wie hit. Hitt ischs halt schun gfehrliger.
Der Kleinbahnhof in Kippenheim überdauerte mehr als ein Jahrhundert. Am 1. Mai 1846 wurde er vom Betrieb der Großherzoglichen Eisenbahn gegründet. Dem Lauf der Zeit unterworfen, löste die Bahn seinerzeit die Pferdewagen ab. Es ist heute kaum vorstellbar, dass in Kippenheim im Jahr 1910 annähernd 48.000 Bahnfahrer gezählt wurden. Die meisten von ihnen waren Arbeiter und Schüler, auch aus Kippenheimweiler. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht stand ein Fuhrpark von Fahrrädern vor dem Bahnsteig. Vor der Arbeit und nach Feierabend wurde gerne noch in die Bahnhofsgaststätte eingekehrt. Stimmengewirr erfüllte die Raststätte, wenn Arbeiter und Reisende zum leiblichen Wohlergehen plauderten. „Früher war hier vom ersten bis zum letzten Zug ein ständiges Kommen und Gehen“, erinnert sich Brigitte Wurth, Wirtin der ehemaligen „Restauration“ am Bahnhof Kippenheim.

Die Instandhaltung des Gleisnetzes erforderte Können und Kraft. Hermann Zipf aus Kippenheimweiler (2. v. r. in Uniform) leitete zunächst als Rottenführer und später als Rottenmeister die Rotte beim Ausbessern der Gleise. Diese hatte den Gleisabschnitt „Übergang Gremmelmeier“ in Höhe des Friedhofs bis etwa nach Offenburg zu bewerkstelligen. Die Arbeit begann frühmorgens, teilweise schon nachts, wenn der Schnee wegzuräumen war und die festgefrorenen Weichen enteist werden mussten.
Reger Verkehr herrschte auch an der Güterhalle, an der Waren des örtlichen Handels umgeschlagen wurden. Direkt ab Zeche wurden dort Kohle und Öl aus dem Ruhrgebiet umgeladen und den Kunden direkt ins Haus geliefert.
1956 verschwanden die Dampflokomotiven nach der Elektrifizierung aus dem Eisenbahnalltag, den sie zuvor Jahrzehnte bestimmt hatten. Die Umschlagsstelle für Gepäck und Expressgut sowie der Verkauf von Fahrkarten wurden 1968 eingestellt. Damit wurde der Bahnhof Kippenheim zum unbesetzten Haltepunkt, da nur noch Zu- und Aussteigen möglich war. Das Schicksal des Bahnhofes war besiegelt. Der Bahnhof wurde am 26. Mai 1974 endgültig stillgelegt. Nach und nach wurden das Bahnhofsgebäude, das Bahnwärterhaus, die Güterhalle und das Stellwerk abgerissen. Zuletzt folgte 1976 der Abriss des Bahnsteigs. Seitdem säumt nur noch ein Graben die Schienen, auf denen die Züge auf der Rheintalstrecke an Kippenheim vorbeirollen. Die neue Straßenführung mit der Bahnbrücke ersetzte 1972 den beschrankten Bahnübergang.

Das Bahnhofsgebäude Kippenheim von Westen aus gesehen, im Hintergrund links das Bahnwärterhaus
Die Bahn war ein begehrter Arbeitgeber, Zeitzeugen erinnern sich:
Hilde Schiff: Un wenn ich z’ruckdenk, des denkt mir noch, dr Vadder het’s Fahrrad ghan, die Arbeitsschtell isch Dinglinge gsieh in dr jungi Johre un im Winder, mir hann schneereiche Winter ghan, un wenn do dr Vadder het mian furt ge Schneefege, also Weiche frej mache, drno hedder mian uff Dinglinge laufe, will no nitt bahnt gsieh isch, no hedder schu gar nitt fahre kenne, un so hedder oft Nachtdienscht mian mache, un isch d’ganz Nacht unterwegs gsieh. Also diesbezüglich hann sie’s als viel herter ghan.
Martin Schmidt: Dr Großvadder isch uff dr Bahn gsieh, was hedder als bekumme, ich hab ihm als miän d’Rendi hole. 40 Mark und 90 Pfennig im Monat.
Renate Weis-Schiff: Des isch ä gued’s Geld gsie zu sellere Zit.
Stephan Hurst: Hänn die wo an dr Bahn ware noch Landwirtschaft betriebe?
Martin Schmidt: Ja. Die hänn Landwirtschaft ghan, un wenn sie als furt sinn am Morge hänn sie frieh furt miäse. Dr Hansegüschdel het als miäße schlofe zerscht, un d’Frau het bührt. Dr Hans war do owe Schrankedriller.
Stephan Hurst: In Wylert ware jo viele bi dr Bahn. Was hänn die alli gmacht?
Martin Schmidt: Ja, s’sinn d’meischdi bi dr Bahn gsieh. Des hän sie jo alles vun Hand mache miän. Dr Weis Wilhelm isch am Schdellwerk gsieh, uffem Schdellwerk 2. Dr Weis Fritz dowe war uffem Schdellwerk, dr Hansegüschdel isch au uffem Schdellwerk gsieh. Dr Hansegüschdel war uff sellem Schdellwerk.
Renate Weis-Schiff: Dr Hebammevadder war an dr Bahn.
Martin Schmidt: Der war Rottefiehrer. Der het d’Rott under sich g’han.


Julius Berne war einer der Schrankenwärter an der Bahnstrecke bei Kippenheimweiler. Die beiden Fotos stammen von Ostern 1942.
Die Hanfrözi
VON STEPHAN HURST
Die Hanfrözi
VON STEPHAN HURST
Wo viel Wasser war, wurde auch Hanf angebaut; so auch in Kippenheimweiler. Der Gewannname Hanfrözi (das Gewann befindet sich rechter Hand neben der Rebwegbrücke) zeugt heute noch vom nicht allzu lange zurückliegenden Anbau einer wichtigen Nutzpflanze, dem Hanf. Er wuchs auf Feldern zu zwei bis drei Meter hohen Stängeln heran. Im Mai wurde er ausgesät, in seiner Blüte im August gezogen, ausgerauft, sortiert und zu Bündeln gebunden. Grob- oder Schleißhanf hießen die dicken, langen Stängel, Fein- oder Spinnhanf die dünnen und kurzen.
Der Hanf stammt aus Mittelasien. Der männliche ist zarter in den Stängeln als der weibliche und wird auch Sommerhanf oder Fimmelhanf genannt. Die Samen der Hanfpflanzen ergeben das Hanföl. Die Inhaltsstoffe der Pflanze haben eine berauschende Wirkung, daher rührt auch die sinnige Bemerkung „der hett a Fimmel“. Das Wichtigste jedoch an der Hanfpflanze ist der sogenannte Bast, der außen an den Stängeln liegt und aus langen Fasern besteht. Diese galt es wie folgt zu gewinnen:
Die Bündel wurden vom Feld in die „Rötze“, eine mit Wasser gefüllte Grube, gebracht und dort mit Steinen beschwert, bis die Pflanzen faulten. Dann wurden sie auf dem Feld getrocknet und auf der Darre – oft nur eine mit Stangen bedeckte Grube, in der ein Feuer brannte – gedörrt.
Beim Grobhanf wurden von der Wurzel her die Fasern abgezogen. Dann folgte das Hecheln in reiner Handarbeit. Man verwendete hierzu die Hechel, eine Holzplatte mit spitzen runden Stahlnägeln. Durch diese wurden die Fasern immer wieder durchgezogen. Gebräuchlich ist auch die Redensart „jemanden durchhecheln“, deren Ursprung in dieser Tätigkeit zu finden ist und die kein Ruhmesblatt menschlicher Kommunikation darstellt. Die Fasern wanderten direkt oder über Zwischenhändler an Seiler. Sogar in Holland soll Segelleinen aus oberrheinischem Hanf hergestellt worden sein. Die Bearbeitung des Feinhanfes erforderte besonders viel Arbeit, da aus dem Endprodukt Hemden- und Wäschestoffe gewoben werden sollten. Die Stängel wurden mit der Hanfknitsche gebrochen, ausgeklopft und wieder gebrochen, bis die verholzten Pflanzenteile fast vollständig entfernt waren. Dabei half das Ziehen durch die Grobhechel. Nach mehrmaligem Ziehen durch die Feinhechel wurden auch die letzten Holzteile entfernt. Die Fasern wurden dann zu einem Bund gedreht, den man für das Spinnen im Winter aufhob. Nun war der Hanf fertig für das Spinnrad.
Da Missernten selten waren und die mit dem Hanfanbau verbundenen Arbeiten über das Jahr verteilt werden konnten, war der Anbau des Hanfes lohnenswert. Er brachte seinerzeit schnelles Geld. Der Hanfanbau in der Rheinebene verschwand Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Baumwollimport und den Spinnmaschinen. Außer der Gewannbezeichnung und der Nähe zum Wasser erinnert heute nichts mehr an die einst florierende Hanfnutzung. Die Gruben verwilderten und wurden zu guter Letzt in den 1950er- und 60er-Jahren mit Bauschutt und Abfall jeglicher Art als Müllkippe missbraucht.

Auf dem Lageplan der Gemarkung sind rund 110 „Rötzen“ zu erkennen.

Hier sind die zur Hanfverarbeitung notwendigen Gerätschaften abgebildet.

Heute hat das Gelände neben dem Rebweg nahe der Bahnlinie Biotopcharakter und wird dankenswerterweise von den Jägern gepflegt.
Die Wasserversorgung sowie der Straßenbau
VON HERBERT UND STEPHAN HURST
Die Wasserversorgung sowie der Straßenbau
VON HERBERT UND STEPHAN HURST
Die Ortsentwässerung
Bevor die Kanalisation gebaut war, wurde das Dorf über offene Rinnen und Gräben entwässert. So gab es in der Bromergasse (heute: Blumenstraße) den Wettigraben, der in der Luisenstraße in den Herrotgraben mündete. Der Wettigraben begann etwa beim jetzigen Anwesen Kaulke (damals beim nun abgerissenen Anwesen Friedrich Zipf, „s’Rotschriebers“) und verlief hinter den Anwesen in der Blumenstraße, eine Kurve beim Anwesen Richard Zipf nehmend, bis zum Anwesen Richard Siefert in der Luisenstraße. Wenn es lange geregnet hatte, führte der Wettigraben ordentlich Wasser und sorgte teilweise auch für vollgelaufene Keller. Der Graben unterquerte auch den Stall der Familie August Spathelfer (heute: Werner Spathelfer). 1951 wurde er durch eine Kanalisationsleitung in der Blumenstraße ersetzt. Damals halfen viele Wylerter mit Schaufel und Schubkarre mit.
Die Dinglinger Straße (heute: Kaiserswaldstraße) wurde durch den Graben zum Langen Weg Richtung Hursterhof (heute: Langenwinkel) entwässert. Ein weiterer Hauptentwässerungsgraben verlief am westlichen Ortsrand vom Gewann Hanfländer hinter den Hausgärten bis zum Seegraben. Diesem Graben wurde auch das Wasser aus der Hauptstraße zugeleitet. Zwischen den Häusern waren teilweise kleine Abflussrinnen, die in den Graben hinter den Anwesen führten. Die Gräben waren regelrechte Moorgräben.

Nach dem Kanalisationsbau wie hier in der Kaiserswaldstraße wurden die Straßen im alten Ortskern mit einer Bitumendecke befestigt und es wurden Gehwege angelegt.
Mit dem Bau der Ortskanalisation wurde 1959 begonnen, sie wurde als Mischwassersystem gebaut und mündete in den Seegraben. Hauseigentümer, die Abwasser aus Küche, Bad und Toiletten einleiteten, mussten Hauskläranlagen bauen. In den Neubaugebieten wurde das Abwasser bereits getrennt. Heute wird das Abwasser des gesamten Stadtteils über einen Hauptsammler, der Mitte der 1970er-Jahre in Betrieb genommen wurde, dem Klärwerk Lahr zugeleitet. Die Hauskläranlagen sind seit dieser Zeit wieder außer Betrieb.
Die Wasserversorgung
Das Gebrauchswasser wurde bis vor nicht allzu langer Zeit mittels Schöpfbrunnen dem Grundwasser entnommen. Wie dies in noch früherer Zeit war, ist nicht überliefert. Es ist jedoch davon auszugehen, dass dies durch auf Privatgrund gegrabene Brunnen und gemauerte Brunnen in der Bromergasse (heute: Blumenstraße) erfolgte. In der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden elektrische Hauswasserversorgungsanlagen („Wasserknechte“) von den Hauseigentümern eingebaut. Mit der Erschließung der Neubaugebiete und insbesondere dem Bau der Schornsiedlung wurde Kippenheimweiler an das Versorgungsnetz von Lahr angeschlossen. Dies galt jedoch nicht für den alten Ortskern. Erst 1976/77 war es so weit, dass nach zähem Ringen und endlosen Gesprächen ein sukzessiver Anschluss des Ortskerns erfolgte.
Die Zeitzeugen Konrad Schneble und Hermann Weis, beide altgediente Gemeinde- und Ortschaftsräte, fassen zusammen:
„Mit dem Bau der Kaiserswaldhalle war klar, dass etwas passieren muss. Es musste gewährleistet werden, dass in die Halle sauberes und geprüftes Wasser aus dem Versorgungsnetz eingespeist wurde. Eine Einspeisung aus dem Grundwasser, auch wenn dieses in regelmäßigen Zeitabständen geprüft wurde, kam nicht infrage, und der Anschluss des alten Ortskerns an das Versorgungsnetz war unausweichlich und unabdingbar.“
Der Straßenbau
Der Langenweg, beginnend im Ort mit der Dinglinger Straße (heute: Kaiserswaldstraße) bei der evangelischen Kirche, führte als sogenannter Gemeindeverbindungsweg über den Hursterhof nach Dinglingen. Man muss sich vorstellen: Der Hauptverkehr verlief von Nonnenweier kommend an der evangelischen Kirche vorbei rechts in die Wylerter Hauptstraße. Richtung dem heutigen Langenwinkel, das es bis zur Umsiedlung in den 1960er-Jahren gar nicht gab, endete das Dorf bei den Anwesen „Fässler Gerhard“ (rechts) und „Zipf Herbert“ (links). Die Dinglinger Straße führte um das in den 1950er-Jahren abgerissene „Haus Gertisser“ herum Richtung Ortsausgang. Heute befindet sich dort der Fußgängerüberweg.
1966 wird das Planfeststellungsverfahren zum Neubau der heutigen K5344 über den Hursterhof (heute: Langenwinkel) mit einer Anbindung an den Autobahnzubringer nach Lahr eröffnet. Die Verkehrsfreigabe der neuen Kreisstraße Nr. 65 (heute: 5344) von Kippenheimweiler über Langenwinkel nach Lahr erfolgte am 1. April 1968. Durch diesen Straßenneubau änderte sich an der Infrastruktur für Kippenheimweiler sehr viel. Für die Verkehrsteilnehmer bestand nun die Möglichkeit, ohne Umwege das überregionale Straßennetz und die Stadt Lahr anzufahren. Die neue Straßenführung über Langenwinkel und Dinglingen stellte in der Tat gerade für die Pendler eine deutliche Verbesserung dar und verband Wylert wesentlich besser mit der großen Welt.
1970/71 wurde auch die K26 (heute: 5342) im Rahmen der Flurbereinigung als Ortsumfahrung an den westlichen Ortsrand verlegt. Dadurch wurden die Bahnhofstraße und die Wylerter Hauptstraße, die bis dahin Haupteinfallstraßen von Süden und Norden waren, erheblich entlastet. Der schienengleiche beschrankte Bahnübergang nach Kippenheim bei der Bahnhofswirtschaft Wurth wurde 1972 durch einen Brückenbau ersetzt. Auch der Bahnübergang im Rebweg wurde durch einen Brückenbau ersetzt. Der Bahnübergang Herrod/Freimatten wurde geschlossen.

Blick nach Westen während der Straßenbauarbeiten im Bereich der evangelischen Kirche und der Anwesen Baier und Jung. Auffallend sind die überwiegend von Hand ausgeführten Arbeiten, bei denen selbst eine zweirädrige Handkarre zum Einsatz kam.

Der Neubau der Autobahn von 1959 bis 1962 trennte die Gemarkung im Auewald. Etwa 1,7 Hektar Gemarkungsfläche im sogenannten Dürrenschlag liegen westlich der Autobahn.

2009 wurden die Erneuerungs- und Ausbauarbeiten des Kanalnetzes im Dorf weitergeführt. Damals stand die Auswechslung des Mischwasserkanals in der Wylerter Hauptstraße an. Die etwa acht Wochen andauernden Erd-, Kanalisations- und Straßenbauarbeiten wurden im Auftrag der Stadt Lahr durch die Fa. Lässle aus Schwanau ausgeführt.
Mithilfe des Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum (ELR) wurde der nördliche Bereich der Wylerter Hauptstraße 2013 ausgebaut. Ortsvorsteher Tobias Fäßler nannte bei der Einweihung des Straßenabschnitts als Kosten dieser Maßnahme einen Betrag in Höhe von 540.000 Euro, davon stammen 180.000 Euro aus ELR-Fördermitteln. Fäßler sah darin einen Impuls, der private Anlieger dazu ermutigen könnte, ihre Objekte zu verschönern. 3.450 Quadratmeter Straßen- und Gehwegfläche wurden saniert. Dadurch wurde der Bereich um die Ortsverwaltung neu und dorfbildgerecht gestaltet. Sie erhielt außerdem einen barrierefreien Zugang vom Hinterhof in das Gebäude. Mittlerweile sind bereits die Planungen für die Sanierung des zweiten Bauabschnittes zwischen der Zufahrt zur Kaiserswaldhalle und der Sankt-Blasius-Kapelle (Ludwig-Huber-Platz) mit angedachter Bepflanzung des Mittelstreifens in der Wylerter Hauptstraße im Gang.
Dorfentwicklung
In Kippenheimweiler wurde relativ spät mit der Erschließung neuer Baugebiete begonnen. Kanalisation und Straßenbau hatten den Gemeindesäckel bereits geleert. 1965 wurde der erste Bebauungsplan „Breitacker“ erstellt. Ende der 1960er-Jahre wurde ein Plan für das Gebiet „Hanfländer/Kirchenfeld“ erstellt, der aber noch nicht zur Genehmigung kam. Der Bebauungsplan „Oberer Saum“ wurde 1970 genehmigt. Dieser Plan erstreckte sich größtenteils über Grundstücke der Stiftungsverwaltung und sah eine Bebauung mit Wohngebäuden mit bis zu vier Stockwerken für ca. 750 kanadische Militärangehörige vor. 1980 wurde die Fläche zwischen Westendstraße und K5344 im Bebauungsplan „Oberer Saum“ genehmigt. Der Bebauungsplan „Hanfländer“ wurde 1976 ohne das Gebiet „Kirchenfeld“ genehmigt. In diesem Gebiet waren auch Flächen für eine Veranstaltungshalle ausgewiesen.

Ende September 2013 haben die Einwohner und Ortschaftsräte mit Oberbürgermeister Dr. Wolfgang G. Müller und Ortsvorsteher Tobias Fäßler die Fertigstellung des ersten Bauabschnitts der Wylerter Hauptstraße gefeiert. Anwohner Franz Nopper ermutigte die Bewohner des zweiten Bauabschnittes, das Verschönerungsangebot anzunehmen.

2003 wurde das Baugebiet „Breitacker Nord“ für ein- und zweigeschossige Wohnbebauung genehmigt. Die endgültige Übergabe samt fertiggestelltem Straßenbelag fand im Juni 2013 mit den Anwohnern und der Verwaltungsspitze der Stadt Lahr statt.
Die Auswanderer von Stephan Hurst
Die Auswanderer
VON STEPHAN HURST
Armut, Unterdrückung und mangelhafte Perspektiven
Nicht mehr akzeptable Lebens- und Arbeitsverhältnisse waren für viele Menschen der Anlass, ihre Heimat zu verlassen und anderswo ihr persönliches Lebensglück zu suchen. Die einzelnen Gründe sind vielfältig und lagen vor 1800 hauptsächlich in der Suche nach der Religionsfreiheit. Aber auch die teilweise fehlenden Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten führten dazu, dass viele Wylerter außer Landes gingen. Bereits 1765 war Jakob Meyer mit seiner Tochter Ursula nach Siebenbürgen ausgewandert und holte 1773 seine Söhne Johannes, Jakob und Andreas nach.
Ab 1800 waren es Hungersnöte, Kriege, die politischen Verhältnisse, drohende Armut, der billige Landerwerb und der relativ hohe Lohn im Einwanderungsland im Gegensatz zum geringen Lohn und teuren Land in den deutschen Staaten. Auch die weitaus geringere Besteuerung im Einwanderungsland sowie die mangelhaften Zukunftsperspektiven in der Heimat durch viele soziale Ungerechtigkeiten wie zum Beispiel das Erbrecht, das zur Teilung des Landes in immer kleinere Parzellen führte, motivierte viele Menschen auszuwandern. Viele junge Männer wollten durch Auswanderung auch dem drohenden langen Zwangsmilitärdienst entgehen. Die Auswanderung war andererseits für zahlreiche deutsche Staaten ein willkommenes Mittel, unliebsame Personen wie Kriminelle, Prostituierte und Arme auf diesem Wege abzuschieben, und wurde deshalb auch von vielen offiziellen Stellen gefördert. Viele deutsche Staaten stellten sogar offizielle Auswanderungspässe aus, um ihren auswanderungswilligen Einwohnern bei der Überwindung bürokratischer Hürden zu helfen.
Der unmittelbare Anlass für viele Menschen, aus dem Südwesten Deutschlands auszuwandern, war im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im April 1815. Bei diesem Vulkanausbruch wurde so viel Asche in die Atmosphäre geschleudert, dass es auf der Nordhalbkugel zu zwei sehr nassen und kalten Sommern kam, was zur Folge hatte, dass fast die gesamte Ernte zweier Jahre ausfiel. Umgangssprachlich hießen sie sogar „Jahre ohne Sommer“. Um dem Hungertod oder der totalen Verarmung zu entgehen, schifften sich viele Menschen aus Südwestdeutschland auf der Donau ein und siedelten in Ungarn, Rumänien und darüber hinaus auch in Teilen Russlands. Nur wenige Emigranten suchten in dieser Zeit in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat, sie verblieben vielmehr auf dem alten Kontinent wohl auch in der Hoffnung, in besseren Zeiten wieder in die alte Heimat zurückkehren zu können.
Amerika, auf nach Amerika …
Der wichtigste Faktor für die Auswanderung aus Deutschland ab der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Umwandlung der bis dahin landwirtschaftlich geprägten deutschen Staaten in Industriegesellschaften – ein Vorgang, der zu massivem Bevölkerungswachstum, zur Verstädterung und zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führte. Zu einer Verarmung kam es insbesondere im deutschen Südwesten, wo sich unter den veränderten Bedingungen insbesondere das Erbrecht als vernichtend erwies. 1815 lebten um die 993.000 Einwohner im Großherzogtum Baden und 1834 rund 1.570.000 Menschen im Königreich Württemberg; 1890 gab es bereits annähernd 1.658.000 Einwohner in Baden und rund 2.037.000 in Württemberg. Das Angebot an ausreichend bezahlter Arbeit, um die Grundversorgung all dieser Menschen zu gewährleisten, stieg in diesem Zeitraum nicht gleich schnell an. Aufgrund der mangelhaften Zukunftsperspektiven blieb vielen Württembergern und Badenern nichts anderes übrig, als ihr persönliches Glück außerhalb ihres jeweiligen Vaterlandes zu suchen.

Der Auswanderer Georg Hurst wird anlässlich einer Volkszählung 1870 als „Manual Laborer“, also als Handwerker, erwähnt. Er verstarb am 21. Juli 1899 und wurde auf dem New Baden Cemetery beerdigt. Sein Grabstein erinnert heute noch, nach mehr als 100 Jahren, an ihn.
Das Schicksal einer Auswandererfamilie am Beispiel von Georg und Barbara Hurst
Als Georg Hurst (OSB Nr. 418) und seine spätere Ehefrau Barbara Hertenstein (OSB Nr. 293) mit ihren Kindern Gustav, Hermann, Wilhelm und Magdalena im März 1855 Kippenheimweiler Richtung Nordamerika verließen, war es von der alten Heimat ein Abschied für immer.
Georg Hurst und seine Familie schifften sich in Antwerpen / Belgien ein und erreichten auf dem Segelschiff „Sewall“ am 2. Mai 1855 New Orleans. Die Dauer der meistens beschwerlichen Überfahrt war vom Wetter abhängig und nahm per Segelschiff 7 bis 12 Wochen in Anspruch. Von dort aus ging es auf dem Landweg nach New Baden / Illinois, wo sich die Familie Hurst / Hertenstein niederließ. In Amerika heiratete Georg Hurst seine langjährige Lebensgefährtin Barbara Hertenstein am 26. Juli 1856. Als Trauzeuge und Pfarrer ist der Name Georg C. Eisenmayer vermerkt.
Sohn Wilhelm, der in Amerika fortan den Namen William benutzte, schloss sich dem Ohio-Trail an und ließ sich später in Missouri nieder, wo er als Farmer lebte. Ein Bruder von Barbara Hertenstein eröffnete in New Baden ein Haushaltswarengeschäft („Hertenstein Mercantile Store“). 1896 fegte ein Tornado über die Stadt hinweg und zerstörte weite Teile. Nur die Steingebäude blieben erhalten. Was mit dem Wohnhaus der Familie Hurst geschah, ist nicht bekannt.
Die meisten Menschen wanderten über die großen Häfen wie Hamburg, Bremen, Rotterdam, Antwerpen, Le Havre auf dem Seeweg aus. Da aus dieser Zeit die meisten Schifffahrtslisten erhalten sind, gibt es heute die Möglichkeit, sich über sehr viele ausgewanderte Personen mittels der Deutschen Auswanderer-Datenbank (DAD) beim Historischen Museum in Bremerhaven zu informieren. Die Datenbank erfasst Informationen zu Personen, die im Zeitraum von 1820 bis 1939 Europa über vornehmlich deutsche Häfen in Richtung USA verlassen haben. Grundlage der Deutschen Auswanderer-Datenbank sind die Passagierlisten der Auswandererschiffe. Diese Passagierlisten mussten den amerikanischen Einwanderungsbehörden vorgelegt werden. Auch speziell für Baden-Württemberg kann mithilfe einer Dokumentation des Landesarchivs Baden-Württemberg unter dem Titel „Auswanderung aus Südwestdeutschland“ eine Fülle von Informationen recherchiert werden.
Die Auswandererströme richteten sich jetzt fast ausnahmslos auf die Vereinigten Staaten. Neue weite Landstriche wurden erschlossen, besiedelt und zur Basis einer sicheren Existenz. Neben der wirtschaftlich motivierten Auswanderung erfolgte um 1848 auch eine politische, die ihren Höhepunkt nach der gescheiterten Märzrevolution im deutschen Südwesten fand. Diese Emigranten bezeichnete man umgangssprachlich als „Achtundvierziger“. So wanderten im Zeitraum 1871 bis 1890 aus dem Königreich Württemberg mehr als 104.000 Personen und aus dem Großherzogtum Baden im Zeitraum zwischen 1880 und 1890 über 94.000 Personen aus. In beiden Staaten betrug die Quote derer, die in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderten, für die genannten Zeiträume mehr als 90 Prozent. Viele Auswanderer aus Württemberg und Baden siedelten in den USA im sogenannten German Belt. Dies ist ein Landstrich im Mittleren Westen der USA, der sich über die Staaten Wisconsin, Michigan, Minnesota, Iowa, North Dakota, South Dakota und Nebraska erstreckt. Die Gesamtzahl der deutschen Auswanderer in die USA zwischen den Jahren 1820 und 1890 übersteigt die statistisch erfassten Auswandererzahlen beträchtlich, da die Dunkelziffer der deutschen Auswanderer im 19. Jahrhundert aus verschiedenen Gründen – wie zum Beispiel die illegale Auswanderung als Flucht vor dem Militärdienst – sehr hoch war. Viele seriöse Schätzungen gehen heute davon aus, dass zwischen 1820 und 1920 etwa 6 Millionen Deutsche auswanderten.
Alleine im März 1855 wanderten insgesamt 69 Einwohner Kippenheimweilers nach Nordamerika aus. Für das Dorf mit damals etwa 500 Einwohnern bedeutete dies einen großen Einschnitt. An Kopfgeld erhielten beispielsweise Georg Hurst 10 Gulden und Barbara Hertenstein mit ihren vier Kindern 55 Gulden. Einkommensschwache konnten mit staatlicher Unterstützung bei den Kosten der Auswanderung rechnen. So wurde aufseiten der Städte und Gemeinden versucht, die Sozialausgaben zu senken.
In einem Beitrag zur Statistik der inneren Verwaltung des Großherzogtums Baden aus dem Jahre 1857 heißt es: „Die Nachrichten von jenen Auswanderern, deren Reiseziel Nordamerika war, lauteten mit einigen wenigen Ausnahmen sehr günstig. Wer zur rechten Jahreszeit in Amerika ankam und arbeiten wollte, fand bald reichlich Verdienst, was auch aus den bedeutenden Summen hervorgeht, welche die Auswanderer in ihre frühere Heimat sendeten, um zurückgebliebene arbeitsunfähige Verwandte zu unterstützen und arbeitsfähige Verwandte in die neue Heimat nachkommen zu lassen. Durch die Einwanderer wurden für Erzeugnisse der badischen Landwirtschaft und Industrie in den verschiedenen Teilen Nordamerikas neue Absatzwege eröffnet, welche für manche Zweige der vaterländischen Gewerbstätigkeit von Bedeutung geworden sind. Weniger günstig waren die Nachrichten von jenen Auswanderern, welche ein anderes Reiseziel als Nordamerika gewählt hatten. Insbesondere ist eine große Anzahl von jenen, welche nach Algier ausgewandert sind, tödlichen Krankheiten erlegen. In die alte Heimat sind nur wenige Auswanderer zurückgekehrt, aber auch diese haben die Überzeugung zurückgebracht, dass der Besitzlose nicht auf die öffentliche Unterstützung sich verlassen dürfe, sondern arbeiten müsse. Die Zurückgekehrten suchen nun sich ehrlich zu ernähren.“
Die große Welle der Auswanderungsbewegung ebbte in den 1890er-Jahren wieder ab. Der Hauptgrund war eine anhaltend boomende Konjunktur in allen Staaten des Deutschen Reiches. Die Gründe des Booms waren die rapide zunehmende Industrialisierung und die nun verstärkt wirkenden Investitionen aus den französischen Reparationsleistungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Sie führten zu einer Blüte von Handwerk, Industrie und Handel. Nun kam es innerhalb Deutschlands verstärkt zu massiven Binnenwanderungen. Viele Landarbeiter und Kleinstädter zogen mit ihren Familien in die neuen industriellen Ballungszentren wie etwa das Ruhrgebiet. Unter dem Aspekt der zunehmenden Urbanisierung Deutschlands kam es auch zu verstärkten Wanderungsbewegungen von Teilen des verarmten Landproletariats in die großen Städte wie zum Beispiel in die sich rasant vergrößernde Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches, Berlin. Ein weiterer Grund für den Rückgang der Auswanderungszahlen aus Deutschland ist die ab den frühen 1890er-Jahren einsetzende und lange anhaltende wirtschaftliche Depression in den USA.
Auszüge aus dem Text stammen von Reinhard Güll. Er ist Büroleiter der Abteilung „Informationsdienste, Veröffentlichungswesen, sozial- und regionalwissenschaftliche Analysen“ im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg. (Monatsheft 2013-09)

Die Urenkel des nach Amerika ausgewanderten Georg Hurst, Daryl und Ron Hurst, trafen sich bei ihrem Deutschlandbesuch mit ihrem deutschen Cousin Herbert Hurst (Mitte des Bildes) im August 2010. So schloss sich nach mehr als 150 Jahren der Kreis.
Die Recherchen sind der fleißigen Arbeit von Günter Hurst aus Flensburg und Herbert Hurst aus Kippenheimweiler zu verdanken. Die Amerikaner nahmen es nicht immer ganz genau mit den Namen der Herkunftsorte. Einige Probleme wurden auch dadurch geschaffen, dass bei den Eintragungen in Amerika bezüglich der Familiennamen eine unterschiedliche Angabe gemacht wurde. Dies begann bereits bei der Einschiffung. So scheinen die Kapitäne oder Zahlmeister der Schiffe beim Schreiben der Vor- und Zunamen bereits eine französische oder englische Schreibweise bevorzugt zu haben. Die Auswanderung betraf durch zerrissene Familienbande, durch den berühmten reichen Onkel aus Amerika oder durch die eigenen Erlebnisse einen Großteil der Bevölkerung in Südbaden.

Annonce der „Breisgauer Zeitung“ vom 25. Februar 1855
Im Gemeinderatsprotokoll vom 1. März 1855 wurde festgehalten:
Großherzogliches Bezirksamt
Die Auswanderung armer Einwohner von Kippenheimweiler nach Amerika auf Gemeindekosten betreffend:
Unterm heutigen sind auf Vorladen diejenigen hiesigen Einwohner, welche gekommen sind auf Kosten der Gemeindekasse nach Amerika auszuwandern, erschienen, und haben ihre Einwilligung durch Unterschriften abgegeben wie folgt:
1.Erscheint Anton Fässler 39 Jahre alt und deßen Ehefrau Magdalena Siegele 38 Jahre alt, sodann deßen Kinder
–Ludwig 11 Jahre alt
–Wilhelm 9 ½ Jahre alt
–Edmund 8 Jahre alt
–Friederika 6 Jahre alt
–Jakob 4 Jahre alt
Vorstehender Besitz: kein Vermögen
2.Erscheint Juliane Hausch 43 Jahre alt und deren Kinder
–Elisabetha 20 Jahre alt
–Magdalena 16 Jahre alt
–Juliane Hausch mit x als Handzeichen.
Dieselben besitzen auch kein Vermögen.
3.Erscheint Ursula Krämer 32 Jahre alt und deren Kinder
–August Krämer 10 Jahre alt
–Elisabetha 3 ½ Jahre alt
Diese besitzen kein Vermögen.
4.Erscheint Barbara Hertenstein 31 Jahre alt und deren Kinder
–Gustav 10 Jahre alt
–Hermann 8 Jahre alt
–Wilhelm 5 Jahre alt
–Magdalena 5 Monate alt
5.Erscheint Georg Hurst ledig 33 Jahre alt
Derselbe hätte noch etwa ein Vermögen von 80 f., kann aber wegen Nutznießung dessen Mutter nicht erhoben werden, es muss somit demselben das Reisegeld von der Gemeindekasse vorgeschossen werden, und nach beendeter Nutznießung wird es von dessen Vermögen erhoben werden, welches derselbe einwilligt.
6.Erscheint Georg Schmidt ledig 39 Jahre alt. Ohne Vermögen
7.Erscheint Georg Stüdle 62 Jahre alt
Dessen Ehefrau Katharina Hertenstein 45 Jahre alt und die Kinder
–Georg Stüdle ledig 27 Jahre alt
–Magdalena Stüdle 24 Jahre alt
–Friedrich 21 Jahre alt
–Katharina 18 Jahre alt
–Karolina 16 Jahre alt
–Karl 11 Jahre alt
–Jakob 3 Jahre alt
8.Erscheint Georg Schmidt ledig 35 Jahre alt
9.Erscheint Anna Maria Schmidt 32 Jahre alt mit ihrem Kind Jakob 4 Jahre alt
10.Erscheint Georg Meier 36 Jahre alt
Dessen Ehefrau Katharina Hertenstein 36 Jahre alt und die Kinder
–August 10 Jahre alt
–Georg 8 Jahre alt
–Andreas 5 Jahre alt
–Katharina 3 Jahre alt
–Wilhelm 10 Monate alt
11.Erscheint Magdalena Schmidt 31 Jahre alt und die Kinder
–Katharina 6 Jahre alt
–Anna Maria 4 Jahre alt
–Georg 1 Jahr alt
12.Erscheint Barbara Schmidt 28 Jahre alt und die Kinder
–Gustav 6 Jahre alt
–Anna Maria 3 Monate alt
13.Erscheint Anna Maria Saar 60 Jahre alt
14.Erscheint Andreas Maier 30 Jahre alt
15.Erscheint Martin Menshuber 54 Jahre alt
16.Erscheint Johann Hertenstein 33 Jahre alt
Dessen Ehefrau Christina Löffel 31 Jahre alt
Dessen Kinder
–Katharina 9 Jahre alt
–Karl 5 ½ Jahre alt
–Rudolf 4 Jahre alt
–Friederike 11 Monate alt
17.Erscheint Christian Meier 70 Jahre alt
Dessen Ehefrau Susanna Zipf 50 Jahre alt
–Christian Meier 32 Jahre alt
–Johann Meier 27 Jahre alt Soldat als Einsteher der Pionierkompanie seit April 1854
–Katharina Meier 16 Jahre alt
–August Meier 11 Jahre alt
18.Erscheint Christian Spathelfer 32 Jahre alt
19.Andreas Spathelfer ledig 33 Jahre alt
20.Joseph Fäßler 63 Jahre alt
Dessen Ehefrau Ursula Benz 63 Jahre alt und die Kinder
–Baptist Fäßler 34 Jahre alt
–Georg Fäßler 23 Jahre alt
–August Fäßler 21 Jahre alt
–Theresia Fäßler 36 Jahre alt
Vorstehender Georg Fäßler ist seit April 1852 Soldat beim II-ten Füsilier-Bataillon in Freiburg.
Geschehen in Kippenheimweiler den 01. März 1855 vor dem Gemeinderath
| Weiter werden in den Protokollbüchern auch die Verbindlichkeiten der Ausreisewilligen aufgeführt. Beispielhaft sei für Georg Meier festgehalten (f = Gulden): An Georg Meier fordern | |
|---|---|
| •Die Gemeinderechnung für Pachtzins | 14 f 42 |
| •Friedrich Killius Speise und Getränk (Gasthaus „Linde“) | 5 f 46 |
| •Arzt Grumbacher | 2 f |
| •Arzt Fink | 7 f |
| •Chr. Wäldin in Dinglingen | 5 f 1 |
| •Michael Heck Schmied | 0 f 36 |
| •Hirschwirth Fleig (Gasthaus „Hirschen“) | 14 f 57 |
| •Apotheke Kramer | 0 f 22 |
| •Georg Vetter | 1 f 54 |


Ein weiterer Auswanderer war Adolf Killius, geboren am 16. Februar 1884 in Kippenheimweiler. Er war ein Onkel von Elisabeth Walter, der berühmten Schriftstellerin des Ortes. Adolf Killius war Maurer in Basel und verlor seine badische Staatsangehörigkeit am 6. Juli 1922, da er in das „Baslerbürgerrecht“ aufgenommen wurde.
Die Auswanderer hatten nicht nur Amerika zum Ziel. Schon um das Jahr 1765 war Jakob Meyer mit seiner Tochter Ursula nach Siebenbürgen ausgewandert und holte um 1773 seine Söhne Johannes, Jakob und Andreas nach.
Ende des 19. Jahrhunderts (1886) wanderte Karl Weis (OSB Nr. 991) nach Australien aus und suchte dort sein Glück. Seine Söhne Georg und Friedrich folgten ihm 1894 nach.
Dokumentiert ist dies auch in zwei Briefen, die ihm sein Bruder Wilhelm (OSB Nr. 989) nach Australien schrieb. Darin heißt es unter anderem: „Ich weiß mir wirklich nicht mehr zu helfen. Denn alles kündet mir auf und will Geld, aber woher nehmen bei einem solchen Jahrgang. Nicht ein Mann im höchsten Alter sagt, das sei nie erlebt worden, dass kein Futter mehr gewachsen ist wie dieses Jahr. Mich kostet das Heu dieses Jahr über 400 Mark. In unserem Ort sind über 2.000 Zentner Heu aus Italien gekommen. Der Zentner kommt bereits auf 6 Mark, darum ist auch das Vieh wohlfeil. Der vorige Winter hat uns gar großen Schaden getan. Die Reben sind in Teilgegenden ganz verfroren.“
3. Kapitel. Kippenheimweiler in der Zeit des 1. und des 2. Weltkriegs
3. KAPITEL
Kippenheimweiler in der Zeit des 1. und des 2. Weltkriegs

Der Erste Weltkrieg von Stephan Hurst
Der Erste Weltkrieg
VON STEPHAN HURST
Mit Beginn des Krieges wurde das Deutsche Reich von fast allen ausländischen Märkten abgeschnitten. Die Männer im wehrfähigen Alter wurden eingezogen. Sie fehlten überall und dringend in der Landwirtschaft, im Handwerk und in den Fabriken. Kriegsgefangene konnten dies nur beschränkt ausgleichen, und Frauen mussten zunehmend auch „Männertätigkeiten“ verrichten. Erschwerend kam hinzu, dass fast alle Pferde im Krieg eingesetzt wurden und nur Kühe sowie Ochsen als Zugtiere verblieben.
In Kippenheimweiler hatte die Bevölkerung durch die hohe landwirtschaftliche Ausrichtung weniger Hunger zu leiden als die Stadtbevölkerung, jedoch war auch hier die Bevölkerung zu Abgaben gezwungen. So stand jeder Familie, abhängig von der Familiengröße, eine begrenzte Menge an Mehl, Fleisch und Eiern zu. Schokolade, Kaffee und Käse waren nicht erhältlich. Hausschlachtungen waren zwar noch möglich, jedoch nur mit besonderer Erlaubnis, und das Fleisch wurde auf die Familienration angerechnet. Durch den Krieg waren die Preissteigerungen enorm. Die Produktion an Brotgetreide zwischen der Zeit kurz vor dem Krieg und 1917 halbierte sich. Dinge des täglichen Gebrauchs verschlechterten sich zusehends. Seile, Papier und Stoffe waren kaum noch erhältlich, und wenn, dann in schlechter Qualität. Metalle mussten, soweit möglich, abgegeben werden. 1917 wurden die beiden größten Glocken der Kirche beschlagnahmt und für Kriegszwecke verwendet – ein schmerzhafter Eingriff auch in das religiöse Empfinden der Menschen im Dorf.

Der eingezogene Soldat Oswald Siefert (1882–1948) mit seiner Frau Karolina Zipf und den beiden Kindern Frieda und Richard im Hof des heutigen Anwesens Elsa und Bernhard Preschle

30 Kriegsteilnehmer aus Kippenheimweiler ließen auf den Schlachtfeldern ihr Leben. Viele Heimkehrer wurden für ihr ganzes Leben durch die traumatischen Erlebnisse in den Schützengräben geprägt.
Das Kriegerdenkmal vON STEPHAN HURST
Das Kriegerdenkmal
VON STEPHAN HURST
Das Kriegerdenkmal zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges gibt es heute nicht mehr. Es stand auf dem Platz vor der evangelischen Kirche in Richtung des Anwesens Bohnert und wurde in den 1970er-Jahren abgetragen und dann im Hochwald entsorgt. Dies wäre heute unter geschichtlichem Aspekt so nicht mehr denkbar, in jenen Jahren jedoch entsprach dies dem Zeitgeist. Das Denkmal hätte zudem restauriert und umfangreich ausgebessert werden müssen. Was hatte es mit dem Kriegerdenkmal auf sich, und wann wurde es errichtet?
Ein Blick zurück: Nach dem verlorenen Weltkrieg änderte sich die Gestaltung von Kriegerdenkmälern erheblich. Galten vor 1918 die Denkmäler vor allem den Teilnehmern der siegreichen Kämpfe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und waren diese geprägt vom stolzen Selbstbewusstsein des jungen Deutschen Reiches, so änderte sich dies nach 1918. Millionen von Toten und Verletzten wurden beklagt, der Krieg war verloren, und auch in Kippenheimweiler gab es viele Opfer. Allein im Ortssippenbuch sind 30 Gefallene benannt, für eine kleine Gemeinde wie Kippenheimweiler ein ungeheurer Aderlass. Viele Familien hatten Tote zu beklagen. Daher ist es nur zu verständlich, dass sich der Kriegerbund Kippenheimweiler am 20. April 1925 mit einem Baugesuch „zum Erstellen eines Kriegerdenkmals auf dem Kirchenplatz“ an die Gemeinde wandte. Karl Zipf als Bauherr und Vertreter des Kriegerbundes sowie der verantwortliche Bauleiter, Bildhauer Franz Sieferle aus Lahr, übergaben das Baugesuch mit Planunterlagen. Mit angehängt war auch die Zustimmung des direkten Nachbarn Friedrich Siefert, der erklärte, er habe gegen die Erstellung des Denkmals nichts einzuwenden.
Nur wenige Tage später, am 28. April 1925, erteilte das evangelische Pfarramt Kippenheim seine Erlaubnis, auf dem der evangelischen Kirche gehörenden Platz ein Kriegerdenkmal zur Erinnerung an die Teilnehmer des Weltkrieges 1914–1918 aus Kippenheimweiler zu errichten. An die Erlaubnis knüpfte das Pfarramt einige Bedingungen, beispielsweise „dass der Kriegerbund auf Verlangen des evangelischen Kirchengemeinderats das Denkmal wieder zu entfernen hat für den Fall, dass die Kirchengemeinde den Platz selbst benötigt und für den Fall, dass sich durch die Errichtung des Denkmals irgendwelche Störungen des kirchlichen Lebens ergeben sollten“.

Dem Baugesuch wurde ein Situationsplan, datiert vom 15. April 1925, mit dem genauen Standort beigefügt. (Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg, B717-2 Nr. 4380)
Nachdem das Bauamt am 19. Mai 1925 seine Zustimmung gegeben hatte, konnte bereits am 29. Juni 1925 die Fertigstellung des Fundaments verkündet werden. Am 14. Juli 1925 erging an das Bezirksamt Lahr die Nachricht, „dass das Kriegerdenkmal planmäßig ausgeführt worden ist und die Besichtigung zu Beanstandungen keinen Anlass gab“. Leider ist nicht mehr bekannt, wann die Einweihung erfolgte. Sie dürfte wohl noch in der zweiten Jahreshälfte 1925 erfolgt sein.
Heute ist es der mächtige Sandsteinblock an der Leichenhalle, der als Mahnmal für alle Opfer der Kriege steht. Er erinnert auch an die leidvolle Zeit des Zweiten Weltkrieges, welcher alleine in Kippenheimweiler 58 Gefallene, Vermisste und Tote forderte. Seine Inschrift lautet:
„Gedenket der Gefallenen und Vermissten unserer Gemeinde 1870–1871/1914–1918/1939–1945 und der Männer, Frauen und Kinder, die in unserer Heimat im Zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten.“


Das Denkmal wurde links und rechts von steinernen Sitzbänken eingerahmt, die an der vorderen Seite durch zwei Pfeiler mit einem Stahlhelm abgeschlossen wurden. Im unteren Drittel sind alle Soldaten des Krieges 1914–1918 namentlich aufgeführt, darüber auf dem mittleren Segment die Soldaten des Krieges 1870/71. Links und rechts davon befinden sich zwei Bildnisse. Sie zeigen den Abschied 1914 sowie die Rückkehr 1918. Das obere Drittel schließt das Denkmal gestalterisch mit Stufen ab. Der Platz vor dem Denkmal ist eingekiest.
Wylert in der Weimarer Republik und der NS-Zeit
VON STEPHAN HURST
Wylert in der Weimarer Republik und der NS-Zeit
VON STEPHAN HURST
Die Deutschen waren sich bewusst, dass die Bedingungen für den Frieden hart sein werden. Doch der endgültige Text des Versailler Vertrages vom 17. Mai 1919 überstieg die schlimmsten Befürchtungen. Neben 14 % des Territoriums gingen dem Deutschen Reich auch die Hälfte der Eisenerzvorkommen sowie 25 % der Kohlereserven verloren. Für die Zivilbevölkerung jedoch alarmierend waren hohe Sachreparationen. So mussten beispielsweise die Hälfte des Milchviehbestandes sowie der größte Teil des modernen Lokomotivparks abgegeben werden. Am 28. Juni 1919 unterzeichnete die deutsche Delegation enttäuscht den Vertrag.
Durch die hohen Reparationskosten von 131 Milliarden Mark an die Alliierten wurde dem Deutschen Reich 1921 eine kaum zu schulternde finanzielle Last auferlegt.

Landwirt Oswald Siefert 1932 in seinem Hof in der Wylerter Hauptstraße
Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war geprägt von Mangel und Knappheit an Gütern. Da Kippenheimweiler jedoch überwiegend landwirtschaftlich geprägt war, litt die Bevölkerung bei Weitem nicht so stark an Hunger wie die Menschen in den Städten.
Jedoch führten die hohen Jahreszahlungen an die Siegermächte zu horrend steigenden Staatsschulden und 1923 zur grassierenden Inflation. Die Geldersparnisse der Bevölkerung gingen komplett verloren.
Erhielt Bürgermeister Johannes Weis noch im April 1923 198.848 Reichsmark an Gehalt, so waren es im Januar 1924 stattliche 103 Billionen Reichsmark. Über Nacht verlor das Geld einen Großteil seines Wertes und stellte die Wirtschaft, die Kommunen und die Bevölkerung vor große Probleme. Christel Stark berichtet über ihre Mutter, die Hebamme im Dorf war: „Also des isch nit eifach gsie. Un do het sie verzellt, no isch jo die Inflation kumme un do het sie ämol firs Geld wu sie kriägt het, grad noch ä Schächtili Schtreichholz bikumme.“
Durch den Dawes-Plan der Alliierten 1924 zur Ankurbelung der deutschen Wirtschaft entspannte sich die Situation vorübergehend. In die Zeit der 1920er-Jahre fallen in Kippenheimweiler die Einweihung der neuen Glocken am 7. September 1924 sowie die Einweihung des Kriegerdenkmals bei der evangelischen Kirche 1925. Beschleunigt durch die Weltwirtschaftskrise und die stark wachsende Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich veränderten sich die Wahlergebnisse bei den Reichstagswahlen dramatisch. Zum Vergleich:


Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
Signifikant war der starke Rückgang der Stimmen für die SPD, die DDP, die DNVP und die Zentrumspartei und gleichzeitig der sprunghafte Anstieg der Rechtsradikalen, insbesondere der NSDAP. Vor allem in überwiegend protestantischen Dörfern war dies ausgeprägt, da für die evangelische Bevölkerung das Wählen der (katholischen) Zentrumspartei ausgeschlossen war. Dies galt auch für Kippenheimweiler. Die zuvor an die DDP und DNVP vergebenen Stimmen wanderten zum größten Teil an die NSDAP.
Bürgermeister von 1929–1945 war Karl Zipf. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verblieb er im Amt. Gleichzeitig begann jedoch eine Gleichschaltung der politischen Ämter bis in die kleinsten Ortschaften. Beispielhaft ist hier der Schriftwechsel der Gemeinde mit dem Badischen Bezirksamt über die Vergabe der Feldhüterstelle von Kippenheimweiler.
Mit Brief vom 26. Januar 1934 teilte die Gemeinde Kippenheimweiler dem Bezirksamt mit:
„Feldhüterdienst
Dem Badischen Bezirksamt beehren wir zu berichten, dass infolge Übernahme der Waldhut Lahr-Dinglingen und Mietersheim der bisherige Forstwart und Feldhüter Baier nicht mehr in der Lage ist, den Feldhüterdienst mit zu versehen. Der Gemeinderat hat in der Sitzung vom 22.01.1934 den Landwirt Julius Siefert als Feldhüter bestimmt.
Das Bürgermeisteramt, gezeichnet: Zipf“
Mit Brief vom 1. Februar 1934 folgte die Antwort des Bezirksamtes:
„Antwort
Die genauen Personalien des neuen Feldhüters sind noch anzugeben, und es ist zu berichten, ob er nach seiner bisherigen politischen Tätigkeit die Gewähr dafür bietet, dass er jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintritt.
Bezirksamt“
Die Antwort aus Kippenheimweiler kam umgehend am 14. Februar 1934:
„Dem Badischen Bezirksamt beehren wir obigen Betreffs zu berichten, dass im Feldhüterdienst eine Änderung eingetreten ist. Der vom Gemeinderat ernannte Julius Siefert ist zurückgetreten …“
Die näheren Gründe für den Rücktritt von Julius Siefert sind nicht näher dargelegt. Der Schriftwechsel verdeutlicht jedoch, dass selbst in kleinen Ortschaften wie Kippenheimweiler klare parteipolitische Vorgaben umgesetzt wurden.
Das Amt des Bauernführers wurde Otto Weis übertragen, das Amt des Ortsgruppenleiters Emil Frenk. Bis Mitte 1934 waren die bündische Jugend, die evangelischen Jugendverbände und die Reichsschaft Deutscher Pfadfinder aufgelöst und in die HJ integriert, zu der auch der „Bund deutscher Mädel“ gehörte. Die Jugend wurde von der Partei sofort mit einbezogen.
Zeitzeugin Hilde Schiff berichtet:
… Un drno isch halt des drzu kumme, mir sin im Dritte Reich uffgwachse, mir hänn viel Schbort driewe, also vun dr erschte Klass an isch halt dr Schbort Nummer eins gsieh, un des ware au Schbiele, wu mir do gmacht hänn, es het Freizeite gänn. Also eigentlich bin ich weniger uff dr Freizeite gsie, aber dr Träddehof in Seelbach, der war bekannt, wo halt immer die Freizeite gstatt gfunde hänn, un des ware halt au scheni Zitte fir die. Des war dr BdM, dr „Bund deutscher Mädel“.
Außerdem wurde auch das Landjahr eingeführt:
Hilde Schiff: Mir hänn alli miän noch dr Schuel a Landjohr mache mit 14, 15 Johr. Also des isch Pflicht gsieh, bevor dü in dr Beruf wieder niegange bisch.
Stephan Hurst: Landjohr heisst, dü bisch in dr Landwirtschaft gsi oder uffeme Hof. Wu warsch dü do?
Hilde Schiff: Ich war bim Märze Daniel a Johr in der Wylerter Hauptstroß.
Stephan Hurst: Des het mr au im eigene Dorf mache derfe?
Hilde Schiff: Des sinn üsgschriebini Schtelle gsieh, mie Schweschter isch in Schmieh gsieh, z. B. der wu so a Maidli brücht hett zum Kinder hiede, oder vor alle Dinge sinn die bevorzuegt wore, wu dr Mann im Krieg gsieh isch, un die Fraue sinn allei gsieh, mit dänne alde Männer, sozage, un so war’s do au.
Auch für das Winterhilfswerk musste gesammelt werden. Dies musste vor allem von den Jugendlichen mehr oder weniger gründlich umgesetzt werden:
Martin Schmidt: Ja no hänn mir als miän sammle, fier s’Winterhilfswerk. Zuckerbredli un so. Do bisch im Dorf rum, mir hän aber nit gsammelt, mie Schweschder het als iehgsammelt. Dr Helmut, der wohnt in Mohlburg, war au mit mir in dr Klass. Un seller halt: „Kumme, mir gehn Schlittschueh fahre“. Un mir hänn halt nit gsammelt, un sinn uff d’Schiäß gange. Un am Mändig hedds dr Lehrer Hermann schun gwisst, dass mir nit gsammelt hänn. „Kommt raus, kommt raus“. No bin ich schun vorem Kadi gschdande, un no hett der Zipf Wilhelm gruefe: „D’Schweschder het gsammelt“. Un no hab ich wieder kenne an dr Platz hocke, un dr Helmut het dr Ranze voll bikumme.

Ausflug des BdM aus Kippenheimweiler mit dem geschmückten Wagen in den 1930er-Jahren

Die Nationalsozialistische Frauenschaft im Saal des „Hirschen“ im Frühjahr 1944 bei Kaffee und Kuchen. Im Zusammenwirken mit den Mädchen des BdM-Werkes „Glaube und Schönheit“ und den Jungmädeln wurde ein, so im Heimatbrief vom April 1944 erwähnt, „sehr schönes Programm abgewickelt“.
In den Morgenstunden des 10. Mai 1940 begann der Angriff der Wehrmacht auf Frankreich. Schon zuvor war eine Evakuierung der Dörfer in der Rheinschiene geplant, welche sich in einer Breite von etwa 20 Kilometern, der „Roten Zone“, befanden. Auch Kippenheimweiler war betroffen.
Die Evakuierung der „Roten Zone“ erfolgte in den ersten Septembertagen des Jahres 1939. Am 3. September (nach der englischen und der französischen Kriegserklärung) kam der militärische Befehl zur sogenannten Freimachung der Wohngebiete.
Dafür gab es gedruckte Weisungen. Die „Rote Zone“ sollte nicht nur zum Schutz der Zivilbevölkerung freigemacht werden, sondern auch zur Sicherstellung der Beweglichkeit der Wehrmacht.
Der selbstständige oder vorzeitige Antritt des Rückmarsches, das eigenmächtige Verbleiben im Freimachungsgebiet und das Entfernen von einem Marschblock oder einer sonstigen Transporteinheit waren strengstens untersagt. Die Ausrüstung für den Marsch war einschließlich der Ausweispapiere und Urkunden festgelegt und auf 15 kg beschränkt.
Nach etwa drei Monaten, zum Ende des Jahres 1939, konnten die zumeist Frauen und Kinder aus Ebingen / Württemberg wieder nach Kippenheimweiler zurückkehren, nachdem es am Rhein ruhig geblieben war und Soldaten am Westwall stationiert waren.
Zeitzeugen erinnern sich:
Martin Schmidt: Im Krieg annä 39 sinn sie ins Bayrische und Württembergische kumme, sie sinn jo alli furt kumme. D’Miädere, also d’Fraue mit kleini Kinder, un drno wu sie do annä 40 ieber Rhien gsieh sinn, no hänn sie widder kenne heim kumme. Des denkt mir noch.
Stephan Hurst: Sinn do alli üs Wylert ins gliche Dorf kumme?
Martin Schmidt: Nei, di sinn nit alli im gliche Dorf gsieh. Wu sinn sie z’erscht gsieh, im Bayrische oder wu, dert isch’s nit so rosig gsieh. Dann sinn sie nach Bitz bi Ebinge, do sinn sie binnere Frau gsieh, dert isch’s ne schun guet gange, drno. D’Großmuedder het immer gsait, ich geh nit furt, ender geh ich in dr Rhien.
Werner Spathelfer (Jahrgang 1936): Mir sinn nach Bitz bi Ebinge kumme, ins Württebergische. Un do ware mir dann mit dr Lisa fier drei Monate ungfähr. Do war ich no nit in dr Schuel. Ja, so 43 oder 42 bin ich in d’Schuel kumme. Ja, do war ich drbi, minni Müdder un d’Lisa, un d’Chrischta un d’Geddl. Im Vadder sinni Schweschter, die ware au drbi. Un dann ware mir drei Monat in Bitz, un dann sin mir nochmol verlegt wore nach Augsburg. In Bitz do war des ä wunderscheni Zit, do häm mir jo hit noch Besuch, also Verbindunge beschtehn hit noch, un in Augsburg ischs uns ganz schlecht gange, un no het d’Müdder halt gsait, sie bliebt nimmi do, sie geht jetzt heim.
Ingrid Karl: In welchere Form schlecht?
Werner Spathelfer: Kei rechts Esse, kei rechti Zimmer, kei schlofe, nix. Midder Isebahn sinn mir dann heim, sinn mir dann ab. Bi so ä Nacht- und Nebelaktion isch ä Rot-Kriz-Isebahnzug in Augsburg gschdande, un in dänne sinn mir dann iegschdiege.
Ingrid Karl: Ohne dass es jemand gwisst het?
Werner Spathelfer: Ja, des het in Wylert eigentlich gar nieämä gwisst, dass mir kumme.
Ingrid Karl: Des het d’Oma dann entschiede, ni?
Werner Spathelfer: Minni Müdder het des dann entschiede, ja, dass mir gehn, mir bliebe jetzt nimmi, mir gehn jetzt heim. Dr Krieg war schun noch, aber die sinn nach Frankreich immer widder niehmarschiert, un do war bi uns nix me, do war Rueh. Un dann sinn mir dann halt heim, do hänn die Rotkriezschweschtere uns versorgt mit Esse un so Zeigs halt, un mit Trinke, des weiß ich noch guet.
Die Männer blieben im Dorf und fuhren nicht mit ins Württembergische, aber auch einige Frauen. Christel Stark berichtet:
Un d’Müdder isch nit gange, sie het gsait, sie losst d’Vadder nit alleinich un isch daheim bliebe. Awer der Reisekoffer, des war ä sone große Koffer üs Weide, der war packt im Fall eines Falles. Also mir sinn nit furtgange. Dann weiss ich vun Soldade, wu bie uns im Hüs ware oder do unde wars bi’s Gäßlers un’s Bührefiärers, uff däne beidi Ackere sin grossi Nussbeim gsieh, do henn si ä Barack ghan. Un d’Müdder un d’Schäre Ernschdin die hän gwäscht fier diä Soldade, do hab ich au ä Gigli Güzili kriägt, des war schun ebbis, denn erschtens hets jo au im Kriäg gar keini Sießigkeite gänn oder mr het hald Marke ghan, Läbensmittelkarde, un des was fier Schokolad oder Güzili war het miäße vun dr Zuckermärkli un des war jo dänn schun ä weng rar. Ja, so wars. Ja, un bis Schneble’s do war d’Gulaschkanon un mir Kinder sin als Kinder drno do ghockt, wu ebbs los war.
Nach dem Krieg gegen Frankreich 1940 kehrte wieder Ruhe im Grenzgebiet ein. Die jungen Männer verdienten sich ein Zubrot beim Abbau des Stacheldrahtverbaus am Rhein:
Martin Schmidt, Jahrgang 1924: No sinn mir jungi Kerli do num gange, un no hänn mir Schdacheldroht wegmacht. Um Nunnewier rum, z’Wittewier bis uff Kappel, dr ganz Rhien entlang. Un do hänn mir gschaftt, im Summer au, Summer wie Winter, bis mir drno iehzoge wore sinn. Un no sinn mir, im Dezember war ich 17, im Februar sinn mir gmuschdert wore un im März sinn mir schun zum Militär kumme. No isch des wieder äweg kumme, aber des hänn d’Soldade wu schdationiert gsieh sinn, annä 39, no isch der Schdacheldroht do hie kumme. Do isch nur Gras gwachse im Summer, do hesch nix meh kenne bühre. Un no hänn mir ä weng Geld verdient do, 45 Pfennig in dr Schdund hänn mir ghan. Des isch ä näddi Zit gsie fier uns, wer isch dabie gsieh, dr Becke Kurt, dr Krummholze Karl, dr Zipf Wilhelm doobe, des wäre mir gsie. No hänn mir als ieber dr Rhien, im Winder, hänn mir do gschafft. Do isch so ä Driller gsieh un ä Haschbel obedruff. No het einer miäse drille un einer het miäse dr Droht, sinn so Rolle gmacht wore, no isch des uff Laschtwäge wieder furttransbortiert wore.
Am Dorf standen seinerzeit drei Westwallbunker:
Werner Spathelfer: Do hämm mir jo drei Bunker ghan, do iebe, einer, wu d’Soldade gschosse hänn, einer war so ä Verpflegungsbunker un einer war wu dr Schdab drinn ghockt isch.
Ingrid Karl: Un wo ware die Bunker: Im Wald?
Werner Spathelfer: Nei, die ware grad so wu dr Baggersee jetzt isch, 150, 200 Meter oder 300 Meter vum Dorf weg.
Im Frühjahr 1942 wurden die Nahrungsmittelrationen gekürzt, was zu verbreiteter Unzufriedenheit führte. Die meisten Männer waren im Krieg eingezogen, sodass zunehmend Kriegsgefangene aus den besetzten Gebieten in der Landwirtschaft aushelfen mussten. Auch in Kippenheimweiler.
Die Frauen mussten neben den Jugendlichen und älteren Einwohnern verstärkt schwere Arbeiten verrichten und übernahmen sehr oft die Rolle der Männer.
Die Auswirkungen des Krieges rückten insbesondere ab 1943 näher. Die Versorgungslage verschlechterte sich zusehends und die Meldungen mit den Todesnachrichten der umgekommenen Soldaten nahmen mehr und mehr zu. Insgesamt sind im Zweiten Weltkrieg 38 Gefallene aus Kippenheimweiler zu beklagen, zudem blieben 14 Männer vermisst. In Kippenheimweiler starben außerdem sechs Zivilisten: Wilhelm Stubanus, Lina Surbeck, Jakob Zipf, Karl Fleig, Otto Hurter und Hilda Hurter durch Beschuss.
Ab dem Herbst 1944 nahmen die Angriffe aus der Luft bedrohlich zu. Die Luftangriffe der Jagdbomber (Jabos) wurden zur ständigen Gefahr für die auf dem Feld Arbeitenden.
Herbert Zipf erinnert sich:
Mir hän jo in Kippenewillert au Russe ghet, Gfangeni. Ins Lindewirts war au einer, un dr Gregor isch ins Burgermeischders gsi, der het a weng Ditsch kenne. Mir sin als Buebe mit dene Russe zamme gsi und hän däne Rauchware gänn, un dann hänn sie uns als ä weng Russisch glehrt un mir ihne Ditsch.

Normalerweise eine typische Männerarbeit: Lene Fleig geb. Weis beim Pflügen 1942
Hilde Schiff erinnert sich an die Luftangriffe:
Also anna 44 war des ganz schlimm am Schluss, nei anna 45, also do sinn die Jabos kumme, un mir hänn solle s’Feld bschdelle im Friejohr un wenn die kumme sinn, sinn mir glatt in d’Furche gläge, wenn mir nimmi widder kumme sinn underem Baum oder ebbis, also dert isch mr am Morge frieh furtgange un hett gschafft und gluegt. Die wu sie beerdige hänn miän, die sinn am Morge wenn’s angfange hett Dag z’wäre, beerdigt wore, will sich nieme under Tags meh nüs traud hett wäge dänne Jabos. Die sinn so schnall kumme un die hänn jo d’Zieg (Züge) beaast, dass in däne Personezieg kei Fenschter me gsieh isch. Also ich bin nimmi in dr Zug ghockt, ich hab mie Fahrrad gnumme un bin in d’Schuel gfahre uff Lohr.
Auch Werner Spathelfer (*1936) erlebte die Luftangriffe hautnah:
Bis Kopfe Hiesli, s’Herrod hinderi, isch nomol ä Iebergang gwäse, un däne het mr s’Kopfe gsait. Un der Mann het nur ei Arm ghan un war Schrankewärder dert. Un die Siefert Chrischtine hets Welschkorn rüskaue, zwei Welle, un mir dr Berthold und ich hänns miän middem Handwage hole. Jetzt sinn mir dohinde gwäse an dem Feld, des war direkt an dr Bahn. Uff eimol geht des los, sinn Flieäger kumme, un mir hänn gar nit genau gwisst, was do lauft, mir zwe. Un dann sinn die do obe ra im Schturzflug, un dann heschs, Jesis, die werfe jo Bombe, un dann heschs halt mitkrieägt, dass des d’Franzose sinn, un do hesch dü in die Flieger, die sinn so nieder gsieh un so noch bi uns do durchgfloge, hesch grad d’Pilode gsähne do drinnhocke. Un uff eimol isch dr Kopf z’ränne kumme un het gsait, schbinne ihr, Mensch Kinder, un het uns in dr Welschkornacker do rinnzoge. Un no sinn mir do halt do drinn ghockt, bis des fertig war.
Ingrid Karl: Im Prinzip ware ihr Kinder jo älleinig an dr Bahn, do war keiner dabie? Werner Spathelfer: Mir zwe ware ganz ällei, mir ware husse, des war kei teerder Weg, des war ä so ä Feldweg, do sinn mir gschdande un hänn halt zuegluegt, wie des war. Des war anna 44, do war ich acht Johr alt. Do hänn sie dr Bahnhof bumbadiert in Dinglinge. Un widder unde war nochämol ä Bahniebergang nach Mietersheim, do hänns Krampferts drinngwohnt, dr Vadder un d’Müdder vun dr Käthe, dr Krampfert Hans, die hänn do unde gwohnt, un der war au Schrankewärder, un der isch uffs Gleis gschdande un het der Zug halt anghalte, dass der nit widderfahrt, un no sinn d’Jabos kumme un hänn ne dert verschosse, uff dr Bahn isch er gschdande. Ja un dann sinn mir, des war jo dann rum, no het do unde alles graucht un brännt am Bahnhof, no het der uns des erklärt, dr Kopf, was do war, dass des dr Kriäg war, dass des d’Franzose ware, un dann isch minni Müdder un d’Chrischtin z’renne kumme un hänn gluegt, was los isch mit uns, will mir halt nimmi kumme sinn. Die hänn Angscht ghan um uns un do sinn mir halt wieder heim. Des war die erschti Berührung mit em Krieg. Ingrid Karl: Fir eich Kinder jetzt. Vorher au? Werner Spathelfer: Sunscht hänn mir gar nix erläbt vum Krieäg, gar nix mitkriägt, hesch als mol Soldade gsähne oder so. Un dann isch anna 44 im Friehjohr, des weiss ich noch guet, no isch ä Batallion kumme mit Lkw, un die sinn alli do gschdande in däre Schtrecki vum Siefert Schorsch, wu jetzt im Bliemli Rolf ghert, ab bis na zus Hebamme, zum Zipf Herbert, do sinn jo links und rechts kei Hieser gsieh, nur Feld, links Gärde un rechts Feld, un do sinn die Lkw alli gschdande drinn, ja, des ware ganz vill. Un vun dert ab hänn mir dann au kei Schuel meh ghan. Do hänn d’meischti Soldade in dr Schul als gschlofe, un d’Feldkuchi war im Schuelhof. Un dert war fier uns Buebe eigentlich d’schenscht Zitt. Do hänn mir am Morge frieh mit der Eimer dänne Soldate Wasser brocht, zum Rasiere un wäsche, un no hänn mir halt dert dr erschte Schoklad krieägt vun dr Ditsche Wehrmacht. Die sinn do schtationiert gwäse, un dr Leutnant war ins Schtulze, do bim Roth Eberhard in dem Hüs iquartiert. Un d’Schribschtub war in dr Schuel, au noch in dr Schuel drinn, oder im Rothüs, des weiss ich nimmi so genau. Un vun dert häm mir jo kei Schuel meh ghan, do war jo fertig.
Die in Kippenheimweiler 1944 stationierten Wehrmachtssoldaten errichteten Panzersperren im Dorf. Eine davon war in der Luisenstraße in Höhe des Anwesens Brunhilde Wenz. Der Graben war oben etwa vier Meter breit und drei Meter tief. Er lief spitz zu und war unten noch etwa einen halben Meter breit, sodass kein Panzer durchfahren konnte. Eine weitere Panzersperre befand sich in der Bahnhofstraße auf Höhe der Anwesen Zipf und Max Bayer quer über die Straße. Rechts und links der Absperrung waren Holzstämme, in der Mitte konnte eine Fahrzeugbreite durch Verschieben von Stämmen „aufgemacht“ werden.
Am 18. und 25. Februar sowie am 2. März 1945 beschoss feindliche Artillerie vom Elsass aus Kippenheimweiler. 28 Gebäude wurden schwer getroffen. Einer der Gründe war, dass auf der Bahnlinie ein fahrbares Eisenbahngeschütz zwischen Offenburg und Kenzingen ins Elsass feuerte und dadurch vermehrt feindliche Flugzeuge auf sich aufmerksam machte. Zudem war der Kirchturm des Dorfes ein willkommenes und weithin sichtbares Ziel. Eine der Granaten explodierte im Keller des Anwesens Jung bei der Kirche, drei Menschen starben dabei. Da im Dorf Fliegerabwehrkanonen standen, wurden auch diese Ziel der Angriffe.
Für die Zivilbevölkerung wurde es immer gefährlicher, im Dorf zu bleiben.

Kinder mit Lehrer Hermann bei der alten Schule mit den Wehrmachtssoldaten
Werner Spathelfer erinnert sich an die Evakuierung des Dorfes:
Un dann, im März 45, hets gheiße, des weiss ich noch guet, also s’isch jetzt letscht mol wu mir jetzt d’heim schlofe, un d’Soldade un minni Müdder und d’Geddel hänn dr Wage glade un s’Grebschde mitgnumme im Wage un sie hänne in dr Schier schdehn kahn, un am Morge hänn uns d’Soldade mit zwei Ross nach Schmieheim gfahre.
Ingrid Karl: Also mit mehrere dann au? Werner Spathelfer: Nit nur mir allei. Do sinn au vor allem d’Fraue, wu do kleini Kinder ghan henn, evakuiert wore. Un mir hänn jo ä weng Landwirtschaft ghan, zwei Kiäh un dr Hund d’heim, un Katze, un d’Hase, un d’Hiehner, un do het minni Müdder jede Morge middem Fahrrad dann rüsfahre mieäße zum Fuedere, d’Kieh fuedere un melke … Do sinn aber au älteri Männer vum Volkssturm im Dorf bliebe, d’heim bliebe un hänn des Dorf halt betreut un hänn als dr Viecher mol ä weng g’fuetert un Wasser gänn. Bi uns war ä Soldad schtationiert. Frog mich jetzt nit, was sie mit dr Milch gmacht hänn, ich weiss nur, dass d’Müdder als gsait het, sie muess rüs, melke. Wu sie si hien het, ob sie sie furt het oder was war midder Milch, des weiss ich nimmi. Un der Soldat het däno gsait, also sie brücht nit so frieh kumme, er duet sowieso sin Ross fuerdere un furdert unseri Kueh mit. Un no war des für d’Mueder halt schu guet. Fier uns Jungi war des a Gammelzitt. Do hänn mir au solle Schuel hahn. S’Fräulein Wöhrle war d’Lehreri, die isch au nach Schmieäh kumme, un do bisch halt ämol in d’Schuel gange un mol nit. Ingrid Karl: Die het aber au kei Ieberblick kahn? Werner Spathelfer: Nei, mir ware inere Schtub gsesse, im Winkel hinde. Des war halt ä wilde Zit, des war eigentlich ä schöni Zit für uns Kinder im Prinzip, gell. Ja, un uff eimol hesch ghert, dass d’Soldade, dass dr Kriäg zu Ende geht. Des verliere mir, der Krieäg, hesch aber wieder nix denkt als jungi Kerli, als jungi Buebe, mir ware jo relativ jung. Un no ischs losgange, no hets gheiße, jetzt kumme sie. Lohr isch heiß umkämpft wore. Un erscht fünf Dag schbäter sinn sie durch, no war dr Krieäg rumm. Also die hänn uns do alli guet uffgnumme in dem Schmieäh, deshalb hab ich au immer ä Hang ghan, friejer, uff des Schmieäh. Do war ich 9 Johr alt, des denkt mir guet.
Als die Franzosen kamen, war Herbert Zipf mit seinem Vater Hermann Zipf und Georg Scheer gerade im Dorf, um den Tieren in den Ställen Futter und Wasser zu geben:
Un die Schtier hän drei Dag nix z’Fresse ghet, und dr Schärschorsch, im Scheer Walter sin Vadder und min Vadder un ich. Un ich habs Hai (Heu) owera min werfe und hän däne Schtier ämol jedem ä Eimer Wasser gänn, dass sie ebbis z’süffe ghet hänn. Un dann simmer nieber uff dr Bunker. Un als mir uffem Bunker driewe ware, sin Panzer schun ins Dorf rigfahre. Un denn hänn sie jo s’Schtuders Hüs angschosse und des isch abbrännt ä Schdick, Schdüders, owe an dr Bahnhofstroß. No het dr Vadder gsait: „Dü, jetzt wird’s aber g’fährlich, jetzt miä mr aber ränne.“ Mir sin an dr Kirch grennt, do hän uns die Panzer nimmi gsene, in dem Moment isch grad ä MG-Salve ragange. Dann sin die Franzose mit dr Panzer durch und die Infantrie, wu bo dr Franzose war, die hän s’ganze Dorf durchkämmt nach ditsche Soldate.
Werner Spathelfer über den Einmarsch der Franzosen
Un dann hänn sie riehgschosse, midder Panzer vum Rebweg hinde un ieber dr Bahn hänn sie riehgschosse, hänn ins Schdüders Hüs (Franz Studer, Bahnhofstraße) niehgschosse, un no hets s’Hüs halber oder fascht abbrennt, uff jede Fall wars halt nimmi zum Bewohne. Un dann war d’Saar Line (Karolina Saar, *1865) im letzte Hüs im Rebweg, un die het Muet kahn. Die het ä Liänduch an dr Bäse ghängt, an dr Schdiehl, oder an dr Bäse halt, un hets obe s’Biehnifenschder nüsghebbt am Rebweg, un des war’s Zeiche, dass nieäme me do isch, dass mir uffgitt. Un no war die Panzerschberri au uff. Dann hänn sie nimmi gschosse un sinn langsam riehgfahre, un hänn dann halt Wylert ieberall durchkämmt un no war nix, un no sinn sie hinde am Dreschischopf, also am Schdierschdall derthinde, do hänn sie sich gsammelt, d’Soldade un d’Panzer, bevor sie Richdung Bahnhof sinn, s’Wurthe nuff sinn.
So ging der Zweite Weltkrieg mit all seinem Leid, seinem Schrecken und Terror auch in Kippenheimweiler zu Ende.
4. Kapitel. Die Zeit nach 1945 bis in unsere Gegenwart
4. KAPITEL
Die Zeit nach 1945 bis in unsere Gegenwart

Wandel in der Arbeitswelt von Stephan Hurst
Wandel in der Arbeitswelt
VON STEPHAN HURST
Nicht nur in der Landwirtschaft, auch bei den Arbeitern und im Handwerk gab es insbesondere in den vergangenen 60 Jahren große Veränderungen, die wir näher beleuchten wollen.
Der Beruf des Webers
Verbreitete Webgarne aus einheimischen Rohstoffen waren in unserer Gegend um Kippenheimweiler vor allem Flachs oder auch Hanf für die Leinenweberei. Der Webstuhl ermöglichte dem Weber, Stoffe von hoher Qualität zu produzieren. Allerdings brachten die mechanischen Webstühle und die Industrialisierung das Ende dieses früher sehr verbreiteten Handwerks. Dieser Umbruch brachte viele Weber um ihre Existenz. Und so waren die Weber einer der ersten Berufsstände, die die negativen Folgen der Industrialisierung am eigenen Leib erfahren mussten.

Auch in Kippenheimweiler gab es Weber; so ging beispielsweise auch der Großvater von Herbert Hurst, August Hurst (1864–1947), dem Beruf des Webers nach. In dessen Haus in der Luisenstraße 2 stand im linken Teil lange Jahre ein Webstuhl, den es heute leider nicht mehr gibt.
Schornsteinfeger
Den Beruf gibt es bekanntlich auch noch heute, wenngleich die technische Ausrüstung in unseren Tagen natürlich deutlich besser ist.

Dieser wunderbare Schnappschuss eines vorbeigehenden namentlich unbekannten Schornsteinfegers gelang dem Vater von Karl Beinroth kurz nach dem Krieg.
Waldarbeiter
Auch der Beruf des Waldarbeiters ähnelte dem heutigen. Motorsägen gab es damals noch nicht, gefällt wurde mit Axt und Säge. Der Transport der Bäume erfolgte noch mit Pferd und ohne Maschinen. Über den Winter arbeiteten zahlreiche Landwirte des Dorfes im Gemeindewald und verdienten sich so ein Zubrot. Nicht selten kehrten die Waldarbeiter des Dorfes nach der Arbeit unterwegs ein.

Otto Stubanus beim Schälen eines Baumes mit Waldarbeitern. Er arbeitete beim Verlag Schauenburg und war lange Jahre Gemeinderat der damals noch selbstständigen Gemeinde Kippenheimweiler.

Waldarbeiter aus Kippenheimweiler bei einer Vesperpause
Zeitzeugen erinnern sich an die Waldarbeit:
Renate Weis-Schiff: Ich glaub, si hänn amol ä Deil miän bringe, wu dr Lohn nit glangt het. Eugen Gänshirt: Do derf ich gar nit dran denke (lacht). Drwege het der Gänshirt Schorsch gsait: „Blieb d’heim, ihr verdiene nix, dü versüffsch meh, wie ihr verdiene.“ Un ich weiss nit, mir hänn halt in dr Woch, ich glaub mir sinn selde durchkumme, ohni dass mir nit iehkehrt hänn.
Wagner („Krummholz“)
Durch den Wegfall der eisenbereiften Leiterwagen sowie der größtenteils aus Holz hergestellten Werkzeuge und landwirtschaftlichen Gerätschaften wurden die Tätigkeiten des Wagners ab den 1950er-Jahren immer weniger nachgefragt. In Kippenheimweiler gab es die Wagnermeister August Weinacker in der Lindenstraße und Oskar Siefert in der Luisenstraße.
Küfer
In Kippenheimweiler gab es vor dem Krieg wie in den umliegenden Ortschaften auch den Beruf des Küfers. Daniel März war der letzte seines Standes und auch der letzte der Küferinnung. Seine Werkstatt hatte er in der Wylerter Hauptstraße 36 (heute: Haus von Klaus Löffel). Das Leben von Daniel März steht beispielhaft für den rasanten Umbruch der letzten Jahrzehnte.
Daniel März wurde 1912 in Dinglingen geboren und begann 1947, nach der Rückkehr aus dem Krieg, als Küfer in Kippenheimweiler zu arbeiten. Sein Vater war auch Küfer. Sie kauften das Holz im Wald, lagerten es drei Jahre im Freien und ein Jahr im Schopf, bevor sie es bearbeiteten. Der Vater noch mit dem Fügehobel, mit Krummmessern und dem Lenkbeil. Der Sohn benutzte bereits seine Bandsäge, um die Bretter zu Dauben zu formen und ihnen die richtige Länge, Breite und Wölbung zu geben. Viele Arbeitsschritte, das Befestigen der Dauben, das Biegsammachen des Holzes mit kochendem Wasser, das Aufziehen der Reifen und das Einlegen des Bodens erforderten Kraft und Genauigkeit, Armschmalz und Kunsthandwerk. „24 Stunden habe ich an einem Fass gearbeitet, das 150 Liter fasst und 80 cm hoch und 50 cm breit ist“, sagte Daniel März. Kaum zehn Jahre waren vergangen, da konnte er mit dieser Arbeit seine Frau und sich selbst nicht mehr ernähren. Die Brennerei wurde zu seiner wesentlichen Einnahmequelle. „Anfangs habe ich zwei oder drei große Mostfässer in jedem Jahr gemacht“, erinnerte sich Daniel März. Seit den 1960er-Jahren bestand seine Tätigkeit nur noch aus Reparaturarbeiten an Fässern, Krautständern und Bottichen. Die vermehrte Produktion von Kunststoffen machte sein Handwerk fast überflüssig.
Die Lehrbuben, deren Fertigkeiten er in den 1950er-Jahren als Prüfungsmeister zu beurteilen hatte, sind alle in die Industrie gegangen. 40 Küfer arbeiteten zu Lebzeiten von Daniel März’ Vater im Kreisgebiet. Als Daniel März als Obermeister der Innung mit seinen Kollegen 1972 beschloss, die Innung aufzulösen, da waren sie noch zu sechst. Daniel März verstarb am 27. Oktober 1989.

„Geduldig und liebenswürdig“ – so wird Daniel März in einem Zeitungsbericht über ihn vom Mai 1984 beschrieben – zeigte er der damals jungen Zeitungsmitarbeiterin Annette Hillebrand zwei Tage lang seine Tätigkeiten, erklärte, wann Gargelkämme und Ziehklingen, Fassschaber und Leierbohrer bei der Fertigung eines Fasses gebraucht werden.
Die Nachkriegszeit von Stephan Hurst
Die Nachkriegszeit
VON STEPHAN HURST
In den ersten Tagen nach dem Kriegsende in Kippenheimweiler kam es auch hier wie in vielen Nachbarorten zu Plünderungen von Fleisch, Eiern und Wertsachen wie Schmuck, Uhren und Fotoapparaten. Ebenso wurden Weinvorräte, Geflügel sowie Stallhasen entwendet, teilweise auch sinnlos aufgebraucht.
Die Mädchen wurden so gut es ging versteckt, um ihnen Schlimmeres zu ersparen. Trotzdem fanden mehrere Vergewaltigungen an Frauen im Dorf durch die französischen Soldaten statt. Besonders gefürchtet waren die nordafrikanischen Soldaten aus Marokko.
Fritz Fleig wurde vom französischen Militär zum neuen Bürgermeister bestimmt. Da er des Französischen und Englischen mächtig war, konnte er sich gut mit der Militärbehörde verständigen. Drohte Ungemach durch betrunkene Soldaten, meist aus den französischen Kolonien, so rief er unverzüglich die Kommandantur an, die dann die Militärpolizei sandte und für Ruhe und Ordnung sorgte. Die Situation im Dorf entspannte sich nach einigen Wochen, und die Zeit des Schreckens wich nach und nach der Hoffnung auf einen Neuanfang.
Die Franzosen nahmen die Vieh- und Tierbestände des Dorfes zusammen mit zwei Elsässern sowie den Kippenheimweiler Bürgern Emil Kuhn und Julius Siefert auf. Es wurden vor allem viele Schweine, Kühe und Pferde beschlagnahmt. Die konfiszierten Tiere mussten von den Landwirten nach Dinglingen an den Bahnhof geführt werden, von wo der Weitertransport nach Frankreich erfolgte. Nicht selten wurde hier und da ein Schwein oder Kalb unterschlagen und von der Dorfbevölkerung schwarzgeschlachtet, auch des Nachts. Da im Dorf französische Patrouillen erfolgten, war dies ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt.
Werner Spathelfer berichtet:
Un wenn die (die französische Militärkontrolle) s’Dorf underieh kumme sinn, no hesch’s gwisst, des het sich so rumgschbroche, schneller wie hit middem Telefon. Un drno hänn sie dr Sau ä weng Schnaps oder Wiin niehgmacht, no sinn die ruhig gsieh un hänn gschlofe uffem Wage, un hänn Schdroh oder Gras druffgworfe un sinn durchs Feld gfahre. Wenn d’Franzose kumme sinn, sinn d’Wäge mit dr Sau druff rumgfahre. Die hänn sich dann nit griehrt, die ware bsoffe. No sinn mir als Kinder halt dänne Franzose hindenoh grennt, dänne Franzose.
Zuerst war von 18 Uhr an Sperrstunde, später von 20 Uhr bis morgens um 8 Uhr. Während dieser Zeit durfte keiner der Dorfbewohner auf der Straße sein. Wurde dennoch einer von der Patrouille aufgegriffen, dann wurde er mitgenommen. Die Radios und die Butterfässer/Plumpfässer mussten, mit Namen versehen, auf dem Rathaus abgegeben werden, damit keine illegale Butter gemacht werden konnte. Nach geraumer Zeit, etwa ein Jahr später, durften diese dann wieder abgeholt werden. Auf dem Land gab es immer etwas zu essen. Allerdings mussten gerade in der Nachkriegszeit die Verwandten aus den umliegenden Städten mit versorgt werden. Das Teilen gerade mit den Verwandten, welche kaum eigenes Essen hatten, war jedoch selbstverständlich.

Alltagsszene aus den 1950er-Jahren: Eugen Gänshirt fegt vor seinem Haus die Straße, die Kühe der Familie Otto Fleig werden von der Weide aus nach Hause gebracht, ein Volkswagen und ein Pferdefuhrwerk passieren gerade die Straße …
Im Hintergrund das heutige Anwesen Bernhard und Elsa Preschle.
Aus Kippenheimweiler wurden Otto Weis, Georg Weis und Emil Frenk im ehemaligen Arbeitsdienstlager von Dinglingen durch das französische Militär interniert. Dort wurden die ehemaligen NSDAP-Funktionäre aus Südbaden (Ortsgruppenleiter, Ortsbauernführer, einfache Mitglieder) zusammengeführt und zur Arbeit abgeurteilt. Die Angehörigen versuchten gelegentlich, ihnen am Lager Lebensmittel zuzuschieben. Über ihre genaue Haftdauer ist nichts Genaues bekannt, das Lager in Dinglingen wurde jedoch 1948 aufgelöst.
In den ersten Tagen nach Kriegsende lagen Munition und Waffen im Dorf frei herum: Für die Kinder war die Versuchung groß, sich diese anzueignen. Ein gefährliches und bisweilen auch leider tödliches Unterfangen.
Werner Spathelfer erinnert sich an einen tödlichen Unfall:
Werner Spathelfer: Do sinn jo ieberal Munitione rumgläge nachem Krieäg glich, also acht Dag schbäder oder so. Un do sinn, ich weiss dr Schuelkamerad vun mir, der war so ald wie ich, un dr Brueder, der het Heinz gheiße, un der isch, mir Kerli sinn halt ieberall rumgrennt un so … Ingrid Karl: Des hänn ihr eigentlich nit derfe? Werner Spathelfer: Ha doch, s’isch jo frei gsiehne, d’Franzose ware jo alle furt. Ingrid Karl: Aber vun dr Müdder halt nit? Werner Spathelfer: Achso fun daheim, die hän halt Angscht kahn um uns, aber dr hesch hald alles gfunde, Pulverschdängli, im Feld ieberall isch Zeigs rumgläge. Un do isch obedruff ä Panzerfauscht gläge. Un dr Heinz het des Ding in d’Händ gnumme un het mit dem ä weng gschbielt, un au ä weng dra rum glopft. Un pletzlich isch des losgange, un annäre Panzerfauscht, geht jo d’Munition vornüs, un hindenüs gibt’s ä Schdichflamm. Die hesch mien immer so hebe, dass hinde frei war. Un no hets ä Schdichflamm hindenüs gänn vunneme Meter un die Schdichflamm isch uff dr Heinz (Weis, *1935, †1945) un het anfange bränne un isch verbrennt. Un no sinn d’Anita Scheffler un d’Sleifir Martha un noch ä Frau relativ noh an der Bunger schbaziere gloffe, s’war ammä Sonndag, un do sinn die hiehgrennt un hänn d’Mändel ieberne deckt, aber der het halt schun brennt, bis die hiehkumme sinn, un no hänn sie ne halt, do hets jo noch kei Rotkriezwäge un nix so gänn, no hänn sie ne, wiesienä denn in ä Krangehüs hänn, weiss ich jetzt au nimmi, un no ischer gschdorbe, jaja. Un dann war fier uns Jungi dr Krieäg rum. D’Väddere ware dann nunit alli d’heim, no hesch halt schun ä wengeli Freilauf ghan, weisch, dr Müdder hesch halt au nimmi so ghorcht, wie dr halt hesch solle. Un drno hets wieder ä wenig ebbs z’kaufe gänn, un no hesch sell un des wieder kriägt, no war des halt alles ä weng lockerer un besser. Un dann isch ä scheni Zitt kumme. Dü hesch nit so lebe kenne im Saus un Braus. Aber im Prinzip hesch ä scheni Jugend genosse. Was uns halt gfehlt het, war in dr Schuel die einahalb Johr, des het dann schun ä weng gfehlt, aber des isch dann au kumme, nochher (lacht).
Die zerstörten Gebäude galt es wieder zu reparieren. Nennenswerte Hilfsmittel gab es dabei nicht:
Renate Weis-Schiff: In ejer Hüs isch jo au a Bomb nieh. Hilde Schiff: A Granat, ja. Renate Weis-Schiff: S’war jo au viel kabütt. Hilde Schiff: Jaja, un des hänn mir no alles sälber miän uffbäue, mir hänn jo nix bekumme drfier, mir hänn Bachschdein (Backsteine) butzt un hänn in Eigeleischtung des Hüs miän einigermaße herrichte.
Das Leben normalisierte sich in der Nachkriegszeit zusehends. Die Kriegsgefangenen kehrten teilweise erst nach Jahren wieder nach Kippenheimweiler aus der Gefangenschaft zurück, einige blieben vermisst. Für die Angehörigen und die betroffenen Familien war dies ein Leben voll schmerzhafter Ungewissheit. Denn unklar war oft, ob der Mann, Vater oder Bruder überhaupt je wiederkam oder ob dessen Schicksal für immer im Dunkeln blieb.

Wilhelm Hertenstein mit seinem Kuhfuhrwerk auf dem Weg nach Hause („s’Lise Jerge Wilhelm“, *1891, †1972). Im Hintergrund das Anwesen Hurter, heute: Sofie Schell / Familie Renate Lögler.

Die Rentnerbank in der Lindenstraße: Ein beschauliches Bild Anfang der 50er-Jahre, das heute (fast) verschwunden ist. V. l. n. r.: Franz Schröder (*in Ostpreußen 1888, †1955), August Weinacker (Wagner, *1865, †1951), Georg Hurst(*1878, †1962), Wilhelm Berne (*1872, †1963). Auf dem Gelände im Hintergrund befindet sich heute der evangelische Kindergarten.

Auf dem Heimweg vom Milchhäusle: Renate Weis-Schiff geb. Siefert (*1939) und Trudel Herrenknecht geb. Siefert (*1944) Mitte der 50er-Jahre. Kinder hatten früh Verantwortung zu übernehmen und waren für vielerlei Arbeiten voll eingeplant.

Verdienter Feierabend bei Familie Bohn. Nach getaner, wohl harter Arbeit strahlt Gerhard Bohn trotzdem eine spürbare Zufriedenheit aus. Neben ihm Sohn Reinhard Bohn sowie seine Frau Mathilde Bohn geborene Weis verw. Siefert.
Hilde Schiff und Renate Weis-Schiff berichten über die Flüchtlinge:
Hilde Schiff: Oja, mir hänn viele im Dorf ghan. Des isch jo genauso gsieh, dü hesch sounsoviel qm Wohnraum derfe hahn, un fir s’ander hesch Flichtling bekumme, hesch miän Flichtling zu dir nämme. Renate Weis-Schiff: Des war nit nur dr Burgermeischter, wu iteilt hett, do sinn au Fremdi drbie gsieh, des denkt mir au noch vun d’heim üs, do isch a Abordnung do irgendwu kumme. Uns hänn sie d’heim au niegsetzt. D’Großmüdder het in ihrem Zimmerli glebt un mir zwei (Anmerkung: Renate und ihr Bruder Richard Siefert) hänn mian bi dr Müdder im Schlofzimmer schlofe: Ei Zimmer het sie no derfe owe beanschbruche, un d’Kuchi owe un ein Zimmer hett mian vermietet were. Hilde Schiff: Vieli sinn vum Rheinland kumme. Üsgebomdi au. S’Hurschte Maxe, denkt dir noch sell klei Hiesli, die hänn alle d’Halfti abgann un hänn sich mian beschränke. Renate Weis-Schiff: Sie sinn jo nit verwehnt gsi in sellene Johre un mir jo au nit. Die sinn froh und dankbar gsieh, wenn sie guet uffgnumme wore sinn, was die hinder sich ghan hänn. Die wu gar nix meh ghet hänn. Die sinn oft middem Koffer kumme un meh war nit drbie sunscht. Hilde Schiff: Hajo, des ware armi Litt, nit.
Erst durch die Währungsreform am 20. Juni 1948 war es der Bevölkerung möglich, wieder vernünftige Waren für ihr Einkommen zu erhalten. Die Währungsgesetze der westlichen Alliierten sahen eine Barquote pro Kopf der Bevölkerung von 60 DM vor, von denen 40 DM am Sonntag, dem 20. Juni 1948, ausgezahlt wurden; der Rest folgte etwa zwei Monate später.
Auch für die ins Dorf kommenden Flüchtlinge war es eine schwere Zeit, hatten sie doch oft bis auf weniges alles verloren: ihren Besitz, ihr Haus, ihre Grundstücke – und ihre Heimat.
Mit wenig, dem, was auf dem Leiterwagen oder dem Handkarren Platz hatte, mit den Kindern und Angehörigen, kamen sie aus den Ostgebieten nach einer weiten, beschwerlichen und oft unvorstellbaren Odyssee mit Leid und Entbehrung im Westen an, auch in Kippenheimweiler.
Die damals als Flüchtlinge Angekommenen fanden sich relativ zügig zurecht. Die Arbeit in der Landwirtschaft war für viele der Neubürger die erste Möglichkeit, wirtschaftlich Fuß zu fassen. Das Verständnis der Bevölkerung für die schwierige Lage der Flüchtlinge war groß, und entsprechend war die Hilfsbereitschaft eine Selbstverständlichkeit.

Ein vertrautes Bild der ausgehenden 50er-Jahre: Herbert Hurst (*1936) war von 1968 bis 1999 als Verwaltungsangestellter im Dienst der Gemeinde und betrieb bis Mitte der 1980er-Jahre seine Landwirtschaft im Nebenerwerb wie viele im Dorf. Die Reben hatte er bis 2007. In 272 Sitzungen schrieb er während seiner Dienstzeit exakt 1.408 Tagesordnungspunkte nieder und war im Rathaus eine Institution: So ging man in Kippenheimweiler in Verwaltungs-, Renten- oder öffentlichen Angelegenheiten nicht ins Rathaus, sondern einfach zum Herbert.

Bei einem Gartenfest des MGV Sängerrunde: Gefeiert wurde schon immer ausgiebig und gesellig so wie hier, v. l. n. r.: Julius Stubanus, Emil Fleig, Albert Traber, ?, Julius Zipf, ?, Georg Siefert, Friedrich Fleig.

Aufmerksam verfolgen die Landfrauen in der Küche der „Linde“ die Zubereitung von Speisen, v.l.n.r.: Landwirtschaftslehrerin Wissel sowie unter anderem Hilda Siefert, Luise Zipf, Sieglinde Siefert, Hilde Schiff, Mathilde Zipf, Lena Fleig, Lina Weinert.
Ein 75-jähriger Altwylerter erinnert sich von Kurt Hertenstein
Ein 75-jähriger Altwylerter erinnert sich
VON KURT HERTENSTEIN
Sehr geehrte Leser und Betrachter dieses Buches!
Sehr begeistert bin ich vom Gelingen dieses Werkes mit den vielen Bildern, wozu an der Spitze Herr Stephan Hurst mit zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beigetragen hat. Besonders erfreut war ich darüber, als ich Ende März 2014 in einer Besprechung bei Stephan Hurst die Younglady Anna-Luise Labelle angetroffen habe. Sie half auch aktiv bei der Gestaltung des Buches mit, obwohl sie mit ihren Eltern lange Zeit in Kanada lebte.
Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde ich am 29. Januar 1940 in Kippenheimweiler geboren. Damals war in der Regel die Hebamme zuständig, besonders in der ländlichen Region. In meinem Falle war es Frau Christina Zipf, die Ehefrau vom Bahnbeamten Hermann Zipf. Die zwei waren die Urgroßeltern unserer Buchmitverfasserin Anna-Luise Labelle. Als mein Vater Ludwig Hertenstein einmal Fronturlaub bekam, war natürlich die Wiedersehensfreude mit seiner Frau, meiner Mutter Lydia geb. Zipf, so überwältigend, dass neun Monate später meine Schwester Margrit geboren wurde. Doch dann stand die Mutter mit dem landwirtschaftlichen Betrieb wieder alleine da. Glücklicherweise standen die Dorfbewohner zusammen; besonders die Familie Studer mit den ältesten Buben Richard, Bernhard und dem Vater Karl seien hier dankenswert erwähnt. Bei schweren Erntearbeiten halfen sie immer mit. Mein Vater Ludwig war nicht lange in Kriegsgefangenschaft. Er war in Frankreich bei einem landwirtschaftlichen Betrieb interniert und es ereilte ihn kurz vor Kriegsende ein Herzinfarkt im Alter von 42 Jahren. Nach der Behandlung in einer Straßburger Klinik kam er nach Hause. Das dritte Kind, mein Bruder Gerhard, kam zur Zeit der Währungsreform am 14. Juni 1948 zur Welt und ich höre noch heute meinen Vater sagen, dass er die Hebamme noch mit Reichsmark bezahlt habe, welche dann zu 90 Prozent abgewertet worden war.
Zu dieser Zeit wurden die Kinder auf dem Land stark zur Mithilfe in der Landwirtschaft herangezogen. Neben der Arbeit im Feld in den Sommermonaten musste ich auch im Winter ran; der Vater war als Holzmacher im Gemeindewald tätig. Dorthin mussten wir Schüler immer das Mittagessen bringen, zu Fuß bis in den „Dürren Schlag“ im Unterwald. Meistens waren wir zwei Stunden unterwegs. Dann begann die Arbeit zu Hause mit Rübenputzen, Heu vom Heuschober herunterwerfen, die Stallhasen füttern, die Eier aus den Hühnernestern holen oder in der Rübenmiete auf dem Feld weiße Rüben und Runkelrüben holen. Da kam keine Langeweile mit null Bock auf wie oft in der heutigen Zeit. Doch an frostigen Tagen blieb auch mal Zeit zum Schlittschuhlaufen, meistens bei der „Hanfrözi“, beim Rebweg am Bahndamm. Dort in dem großen Weiher konnte man übrigens im Sommer auch baden gehen. In den ersten Nachkriegsjahren fuhr dort immer 10 Minuten vor 16 Uhr der Amerikanerzug vorbei mit Soldaten oder Zivilpersonen. Nicht umsonst warteten wir am Bahndamm, bis Päckchen voller Bohnenkaffee oder Schokoladentafeln von den Fahrgästen aus dem Zug geworfen wurden. Eishockey wurde damals auch schon gespielt.
Natürlich war die „Kinderarbeit“ in der Landwirtschaft nicht ganz ungefährlich. Im Alter von sieben Jahren musste ich abends immer Rüben rätschen. Die Rübenmühle hatte an der unten frei liegenden Walze viele Stahlzähne, die in gebogener Form ca. 5 cm lang und 1 cm stark waren. Die Mühle war etwa 1,50 m hoch, frei hängend und mit zwei Flacheisen an der Wand befestigt. Oben war ein Kasten aus Holz, in den die Rüben eingefüllt wurden. Als die Mühle am Laufen war, angetrieben vom Futterschneidemotor mit 1 kW, hielt ich mich oben am Einfüllkasten fest und zog mich hoch, die Füße an der Wand auf die Flacheisen gestellt. Ich wollte ja nur mal sehen, was da drinnen ablief, doch meine Neugier wurde bestraft. Danach nahm die Entwicklung ihren Lauf und ich war vermutlich der erste Mensch in Deutschland, der unter Zuhilfenahme des linken Knies einen Motor zum Stehen brachte. Vater war zum Rübenholen in der Scheune und hörte das Stottern des Motors. Da er der Meinung war, es sei eine Rübe zwischen Riemen und Antriebsrad geraten, rief er mir von draußen zu: „Kurt, stell ab!“ Vor Angst gab ich jedoch keine Antwort. Vater kam in den Futtergang und sah die Bescherung. Er stellte den Motor aus und befreite mich aus der misslichen Lage: Einer der Stahlhaken hatte sich in mein Schienbein unterhalb des Knies eingegraben. 1947 war es mit Krankentransporten noch nicht so weit her. Meine Eltern setzten mich in den Schesenwagen und Mutter marschierte mit mir nach Kippenheim zum Hausarzt Dr. Eggs neben der Eisenhandlung Müller in der Hauptstraße. Dieser nähte die offene Wunde ohne Narkose zu.
Wir drei Kinder bei Hertensteins in der Bahnhofstraße wurden „in der Zucht und Vermahnung zum Herrn“ erzogen und mussten regelmäßig zum Gottesdienst. Dafür sorgte hauptsächlich die Großmutter Christine, welche eine sehr fromme Frau war. Und als nach Pfarrer Wiederkehr Pfarrer Henschke die evangelischen Kirchengemeinden Kippenheim und Kippenheimweiler übernahm, konnte man einen Anstieg der Kirchgängeranzahl feststellen. Sein Slogan war: „Ein Sonntag ohne Gottesdienst ist kein Sonntag.“ Auch das Opfergeld beim Gottesdienst stieg etwas an, denn wenn der Pfarrer um das Opfergeld bat, war sein Spruch immer: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“
Bekanntlich wurden ja während des Zweiten Weltkrieges in den meisten Kirchen die Glocken zum Bau von Geschützen und sonstigen Waffen demontiert. Die Weihe der neuen Glocken 1949 war auch schon für mich im Alter von neun Jahren ein feierliches Ereignis, vor allen Dingen die technische Seite mit dem Hochziehen der Glocken in den Turm. Auf dem großen landwirtschaftlichen Anhänger der Familie Frenk waren die Glocken zunächst durchs Dorf gefahren worden, flankiert von den ganz in Weiß gekleideten Mädchen im Alter von ca. 14 Jahren. Auf dem Kirchvorplatz fand der Einweihungsgottesdienst statt. Auch der Gemeinderat und der damalige Bürgermeister Friedrich Fleig gestalteten die Feier mit.
Bei uns Buben entwickelte sich ständig eine große Sucht danach, die Glocken zu läuten. Unzählige Male begab auch ich mich zu Mesners (Familie Siefert) und trat vom Kirchplatz aus an das Küchenfenster, um die Schlüssel für die Kirche zu erhalten. Bereitwillig bekam ich diese dann durch Frau Frieda Siefert oder die Tochter Erika (heute: Frau Bohnert) ausgehändigt.
Im Jahr 1949 wurde der Sportverein gegründet. Es gab am Anfang nur die Abteilung Fußball. Einige Wylerter Fußballer spielten damals in Kippenheim. Nach der Gründungsversammlung im Gasthaus „Linde“ wurde dem Fußballbezirk Offenburg eine Mannschaft für die C-Klasse gemeldet. Wir Jugendliche kickten schon vorher meistens hinter dem Dreschschopf auf der dortigen Wiese. Als ich 17 Jahre alt war, sprach mich der damalige erste Vorsitzende, Hauptlehrer Karl Herrmann, an mit der Frage: „Willst du nicht Schriftführer machen beim Sportverein?“ Ich war etwas perplex, doch wusste ich, dass der erste Schriftführer des Vereins, Richard Studer, infolge seiner Heirat nach Offenburg umgezogen war und sein Nachfolger Kurt Gäßler beruflich nach Karlsruhe zog. So nahm ich diese Tätigkeit an und versah sie – mit kleinen Unterbrechungen wie zum Beispiel 18 Monate Wehrdienst bei der Bundeswehr – 27 Jahre lang. Auch hinterher lag mir der Verein immer sehr am Herzen, mich freute einfach die Arbeit mit der Jugend. Mit 17 Jahren war ich auch als Trompeter und Flügelhornist in die Musikkapelle eingetreten unter Dirigent Richard Werfel. Dieses Musizieren war übrigens der Übergang zur Gründung der Tanzkapelle Hertenstein durch den Musikkollegen Bruno Hertenstein. Er sagte damals Anfang 1959 sinngemäß: „Ich spiele Akkordeon, Hans Heck Gitarre, Heinz Berne Saxophon“, und zu mir, „du spielst Schlagzeug.“ Ich hatte keine Ahnung, spürte aber immer schon einen gewissen Rhythmus in mir. Freundlicherweise lieh mir Richard Baier sein Schlagzeug aus, wofür ich ihm heute noch dankbar bin. Es wurden daraus 55 Jahre in verschiedenen Tanzkapellen bis Ende 2013. Zuletzt waren es 15 Jahre im Senioren-Akkordeonorchester Friesenheim. Immer ging ich mit Fröhlichkeit und Begeisterung an die musikalische Arbeit und kam immer mehr zur Erkenntnis: Wenn die Menschen immer gut arbeiten, singen und musizieren und das biblische Gebot „Seid allzeit fröhlich!“ halten würden, dann gäbe es bestimmt keine Kriege auf der Welt.
Wir Hertensteins in der Bahnhofstraße wurden „s’Schange“ genannt. Der Großvater hieß Christian – im Elsass sagte man dazu „Chrischang“. Somit war mein Vater der Schange-Ludwig. Wir Kinder: dr Schange-Kurt, die Schange-Margrit und dr Schange-Gerhard. Unser Vater war im ganzen Dorf der Holzsäger. Er besaß eine fahrbare Kreissäge, deren großes Sägeblatt angetrieben wurde durch einen 5 PS starken Elektromotor. Bis etwa zu seinem 65. Lebensjahr betrieb er die Holzsägertätigkeit im Dorf. Der Motor hatte einen eigenen Stromzähler, die Kilowattstunden wurden zusammen mit den Hauszählern abgelesen. Den Strom holte unser Vater direkt an den Oberleitungen im Dorf, die er mittels Steigbügeln bestieg. Auf der Kabelrolle hinten am Sägefahrzeug befanden sich ca. 150 m Kabel. Meistens wurden im Umfeld mehrere Sägetermine zusammengelegt. Im Schopf des Ökonomiegebäudes zu Hause befand sich eine große Schrotmühle, mit der das Getreide der Kundschaft zu Viehfutter gemahlen wurde. Mit dem Leiterwägelchen oder sonstigen Fahrzeugen brachten die Dorfbewohner das Getreide in Jutesäcken. Das Mahlen eines Zentners brachte in den 1950er/60er-Jahren etwa 2 DM ein. Als Antrieb der Schrotmühle diente ebenfalls der 5-PS-Motor auf der Kreissäge. So hatten ich und auch später mein Bruder Gerhard fast täglich Gelegenheit, die Arbeit an der Schrotmühle zu verrichten, und wir kamen daher nicht auf dumme Gedanken. Die Konstruktion der Kreissäge und der Schrotmühle verdankten wir dem Onkel Heiner, Heinrich Zipf, Bruder von Lydia Hertenstein, unserer Mutter. Er war leider im Zweiten Weltkrieg gefallen und hinterließ die Ehefrau Berta aus Langenwinkel mit Sohn Klaus.
Zu unserem landwirtschaftlichen Betrieb gehörten auch Reben: zwei kleine Stücke mit 10 Ar „Im Ehrental“ an der Straße nach Sulz, ein weiteres Stück zu 5 Ar in der Gemarkung Kippenheim im Gewann „Haselstaude“. Bekanntlich war in der damaligen Zeit Ackerbau und Viehzucht dominierend im Dorf. Dieses wurde seinerzeit von etwa 650 Einwohnern bewohnt.
Alles Weitere aus der geschichtlichen Entwicklung des Dorfes ist ja im Buch erfasst; lediglich auf die damalige Volksschule möchte ich noch kurz eingehen. Hier ging es äußerst streng zu. Mit Fräulein Wöhrle und Lehrer Herrmann war selten zu spaßen. Oft gab es „Tatzen“ von der Lehrerin oder eine „Watschen“ vom Herrn Lehrer. Eine Geschichte erzählte man schon damals im Dorf. Ein Schüler musste sich – bäuchlings – auf den Tisch legen, da er mit einem Stock vom Lehrer auf den Po geschlagen werden sollte. Der Schüler hatte dies zuvor schon geahnt und einen dicken Atlas in die Hose geschoben. Zum Pech des Schülers schaute der Atlas jedoch etwa 2 cm aus dem Hosenbund raus. Als der Lehrer dies sah, war er nicht mehr zu bremsen, schäumte vor Wut und schlug so um die 20 Mal zu.
Die Glockenweihe von Stephan Hurst
Die Glockenweihe
VON STEPHAN HURST
Nur etwas mehr als vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fand in Kippenheimweiler ein erstes großes Fest statt, welches wie kaum ein anderes die Gemeinde geprägt hat. Die Wylerter waren noch erschöpft durch den Krieg, viele Angehörige wurden immer noch vermisst oder waren in Gefangenschaft und die Häuser waren teilweise noch zerstört. Die Menschen sehnten sich nach Frieden und einem normalen Alltag.
Bereits 1940 waren die beiden 1924 neu angeschafften Glocken wieder beschlagnahmt worden. Die Gemeinde sollte sie nie wiedersehen. Die dritte, verbliebene Glocke war gesprungen, sodass nach dem Krieg alle drei Glocken in Auftrag gegeben wurden.
„Die Glocken standen in der Scheune meines Vaters (Ludwig Fleig, Anm. d. Red.) vom 16.10.–21.10.1949, daselbst war die Einführung und Abholung beim Dorf“, so hielt es Maria Katharina Beinroth geb. Fleig fest. Die Einholung der Glocken fand am Freitag, dem 21. Oktober 1949, um 16 Uhr statt.
Der Festumzug ist den damals Beteiligten noch heute in lebhafter Erinnerung. Das ganze Dorf war auf den Beinen und nahm rege teil.

Die Glocken wurden feierlich mit dem Wagen und den Festjungfern durch das Dorf zur Kirche gefahren. V. l. n. r.: Emil Frenk, Ludwig Fleig, Christel Stark geb. Zipf, Hanni Siefert, Else Gänshirt geb. Siefert, Gretel Siefert, Dorle Siefert, Dora Plogstedt geb. Siefert, Mathilde Siefert und Renate Zipf

Der Tross mit den Wagen von Gemeinderat und Bürgermeister sowie dem Kirchengemeinderat vor der Kapelle

Das ganze Dorf war beim Umzug dabei.

Pfarrer Erich Henschke am Rednerpult vor dem geschmückten Kriegerdenkmal und den Honoratioren der Gemeinde sowie der Bevölkerung

Eine besonders schöne und interessante Aufnahme zeigt den damaligen Pfarrgemeinderat. V. r. n. l.: Jakob Siefert („s’Rasierers“), Julius Zipf („Hirschwirts Jülli“), Karl Kuhn, August Weinacker (Wagnermeister, „s’Krummholze“), Georg Zipf („s’Melene Schakobe“), Johann Georg Hertenstein (im Volksmund „Luftschutzminister“ genannt), Pfarrer Kaiser. Hinter den Abgebildeten steht der Wagen mit den Glocken.

Der Umzug näherte sich über die Wylerter Hauptstraße der evangelischen Kirche. Im Hintergrund das im Krieg schwer beschädigte Wohnhaus Julius Zipf (heute: Haus Krampfert)

Neben dem Singen eines gemeinsamen Liedes, einem Lied des MGV Sängerrunde, der Ansprache des Pfarrers Henschke, den Glockensprüchen der Festjungfern, dem Lied des Kirchenchors und dem gemeinsamen Gebet hielt Helga Fleig den Prolog. Die weiteren Personen dahinter sind v. l. n. r.: Friedrich Fleig (Bürgermeister), Rudolf Stubanus (Friseur), Julius Siefert (Kirchendiener), Wilhelm Schmidt („Schmidt Jerge“)

Eine der wenigen Aufnahmen vom Hochziehen und Einholen der Glocken in den Kirchturm. Die Glockenweihe selbst war zwei Tage nach dem Festumzug. Am Sonntag, dem 23.Oktober 1949, fand der Festgottesdienst um 14 Uhr in der Kirche statt. Die feierliche Glockenweihe nahm der Dekan vor. Bis heute sind die drei Glocken noch in Gebrauch: Mögen sie noch lange als Botschafter des Friedens dienen!
Die drei Glocken
Die große Glocke Inschrift: Gloria in excelsis! Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Ton: fis’ Gewicht: 660 kg
Die mittlere Glocke: Inschrift: Rogate! Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei! Ton: a’ Gewicht: 390 kg
Die kleine Glocke: Inschrift: Jubilate! Jauchzet Gott, alle Lande! Ton: h’ Gewicht: 280 kg
Die Landwirtschaft von Stephan Hurst
Die Landwirtschaft
VON STEPHAN HURST
Sich ein Bild von der Landwirtschaft zu machen, ist auf verschiedene Arten möglich. Zum einen im wörtlichen Sinn: Es gibt kaum ein Thema des ländlichen Lebens, das fotografisch so detailliert dokumentiert wurde wie das der täglichen Arbeit auf Hof und Feld. Ein weiteres Bild geben uns all die Erinnerungen und Berichte der Zeitzeugen, der Landwirte und Landwirtsfrauen. Zudem gibt es statistische Angaben und Zahlen zur landwirtschaftlichen Produktion in Hülle und Fülle. Vielerlei Berufsgruppen wie Agrarwissenschaftler, Politiker, Historiker und Soziologen beschäftigen sich außerdem mit dem Thema „Landwirtschaft“ und berichten darüber.
Kippenheimweiler war viele Jahrhunderte ein reines Bauerndorf. Die Landwirtschaft, das Bewirtschaften des Bodens und die Haltung von Vieh und Hausnutztieren bestimmten den Jahresablauf. Die Feld- und Hofarbeit prägte das Zusammenleben der Menschen im Dorf. Zu den Landwirten kamen in den vergangenen Jahrhunderten nach und nach die Handwerker hinzu, welche gerade im landwirtschaftlichen Bereich benötigt wurden und sich spezialisierten: Zimmerleute, Schmiede, Wagner, Küfer und Weber. Mit ihnen zog die Arbeitsteilung ein, und sie fertigten die für die Betriebe notwendigen Gerätschaften wie Pflüge, Wagen, Eisenbeschläge und bearbeiteten das Holz für den Haus- und Schopfbau. Später ergänzten Metzger, Bäcker, Schneider, Schuhmacher und Schreiner die Berufsbilder des Dorfes. So waren auch in Kippenheimweiler alle notwendigen „Dienstleister“ vorhanden und übten nebeneinander her ihre Berufe aus. Das Gros des Dorfes jedoch war immer noch Landwirt, Knecht oder Magd. Die größeren und wohlhabenderen Bauern hatten im Ort auch im öffentlichen Leben ihre Stellung und ihren Einfluss. Die weniger wohlhabenden Bauern hatten ein weitaus schwierigeres Einkommen, und die besitzlosen, ärmeren Familien verdingten sich oft als Tagelöhner, Knecht oder Magd bei den großen Landwirten.
Die Bauern erzeugten vor allen Dingen das, was sie selbst brauchten. Recht wenig wurde verkauft, das Allermeiste wurde für den eigenen Bedarf behalten. Die Dreifelderwirtschaft gab die Bebauung des Bannes mit Sommerfrucht, Winterfrucht und Brache vor. Diese wechselten regelmäßig und gesamtheitlich, die Fruchtfolge musste vom ganzen Ort streng eingehalten werden. Ende des 18. Jahrhunderts kam eine große Änderung mit dem Wegfall des Flurzwanges, welcher die Bauern unter Strafe zur Einhaltung der Bewirtschaftung verpflichtete. Mit dem Anbau neuer Nutzpflanzen wie Tabak änderte sich die Bewirtschaftung ebenso wie mit der Einführung der Stallviehhaltung. Die Intensivierung der Landwirtschaft nahm zudem auch vor allem durch das Entstehen der künstlichen Düngung im 19. Jahrhundert und den Beginn des Maschinenzeitalters zu.
Der Tabakanbau hatte gerade im 19. Jahrhundert seine Blütezeit. Er ist sehr arbeitsintensiv und prägte über viele Jahrzehnte das Bild um Kippenheimweiler. Die klimatischen Verhältnisse gerade in der Oberrheinebene sind wie geschaffen für den Anbau von Tabak, so wie es bis etwa 1900 auch für den Hanf und den Flachs gegolten hatte (siehe Kapitel „Die Hanfrözi“).
Das Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert veränderte auch die Landwirtschaft. Viele Arbeitskräfte, die zuvor in der von Handarbeit geprägten Landwirtschaft tätig waren, wanderten in die Fabriken ab. Die Tabakindustrie und die fortschreitende Industrialisierung in Lahr und Dinglingen schöpften viele der zuvor im landwirtschaftlichen Sektor Tätigen ab.
| Einwohnerstatistik von 1818 bis 1951 | |
|---|---|
| 1818 | 360 |
| 1823 | 416 (243 ev., 173 kath.) |
| 1825 | 430 (277 ev., 153 kath.) |
| 1830 | 470 (99 Familien) |
| 1852 | 547 (365 ev., 182 kath., 107 Familien, 88 Bürger, 18 Bürgerwitwen, 36 Dienstboten) |
| 1855 | 505 (341 ev., 164 kath., 96 Familien) |
| 1858 | 509 (358 ev., 151 kath., 96 Familien, 35 Dienstboten) |
| 1861 | 525 (357 ev., 168 kath., 104 Familien, 44 Dienstboten) |
| 1875 | 560 (404 ev., 156 kath.) |
| 1900 | 609 (482 ev., 127 kath.) |
| 1910 | 594 (467 ev., 127 kath., 126 Haushalte) |
| 1925 | 598 (476 ev., 122 kath.) |
| 1933 | 621 |
| 1939 | 621 |
| 1946 | 594 (452 ev., 127 kath., 14 andere Christen, 1 andere, 146 Haushalte) |
| 1948 | 629 |
| 1951 | 725 |
Gleichzeitig war die Nähe vor allem zu Lahr und Dinglingen und den dortigen Industrieunternehmen von großer Wichtigkeit: Dadurch blieben die meisten der Pendler/-innen im Dorf wohnen. Viele von ihnen betrieben die Landwirtschaft im Nebenerwerb weiter.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die ersten Traktoren in das Dorf. Durch die rasch zunehmende Technisierung änderte sich in der deutschen Landwirtschaft und damit auch in Kippenheimweiler mehr als in den 1.000 Jahren zuvor. Gab es 1949 in Deutschland noch 4.819.000 Erwerbstätige in der Landwirtschaft, so waren es bis vor wenigen Jahren nur noch rund 800.000. Hatte 1949 ein Landwirt noch zehn Menschen ernährt, so waren es 2006 134 Menschen. Immer weniger Landwirte bewirtschaften mit immer größeren Maschinen immer größere Flächen, gleichzeitig liefern die Pflanzen immer höhere Erträge. Auch die Tiere geben mehr Milch oder erreichen ihr Schlachtgewicht schneller. Die Computertechnik hat in die heutige Landwirtschaft Einzug gehalten und ist bei der Überwachung von Fütterungsprogrammen oder bei der Erstellung von Anträgen immer wichtiger.
Bis heute ist Kippenheimweiler noch landwirtschaftlich geprägt. Ein Gang durch das Dorf zeigt viele Scheunen und landwirtschaftliche Gebäude, die jedoch längst nicht mehr alle als solche genutzt werden.
Gab es in Kippenheimweiler 1957 noch 106 bäuerliche Betriebe, davon 16 mit mehr als 5 Hektar Bewirtschaftungsfläche, so sind es heute mit den Familien Hannes Fleig und Klaus Dorner nur noch zwei Vollerwerbslandwirte im Dorf. Hannes Fleig stützt sich beispielsweise auf den Anbau von Spargel und den Weinbau, während Klaus und Martina Dorner die Schweinezucht und den Maisanbau sowie ebenfalls den Weinbau in den Vordergrund gestellt haben. Gleichzeitig gibt es noch etliche Landwirte, die die Landwirtschaft im Nebenerwerb betreiben.
| Eine Viehzählung von 1896 | |
|---|---|
| Pferde | 15 |
| Schweine | 141 |
| Ziegen | 19 |
| Kühe | 370 |
| Farren | 3 |
| Ziegenbock | 2 |
| Gänse | 176 |
| Enten | 27 |
| Tauben | 32 |
| Hühner | 1.444 |
| Hunde Rüden | 7 |
| Hündinnen | 1 |
| Bienenvölker | 49 |
Der landwirtschaftliche Nebenerwerbsbetrieb von Gerhard Fäßler
Der landwirtschaftliche Betrieb wurde, wie viele andere in Wylert, schon immer als Nebenerwerbsbetrieb geführt. 1952 verstarb Gerhard Fäßlers Vater bei einem tragischen Unfall auf der Dreschmaschine. Im Alter von 12 Jahren wurde zusammen mit der Mutter und seinen Brüdern der Betrieb unter schwierigsten Bedingungen weitergeführt. Angebaut wurde alles, was zur Ernährung der Familie und des Viehs notwendig war. So wurde unter anderem auch Zichorie angebaut. Die Zichoriewurzeln wurden nach Lahr-Dinglingen in die Zichoriefabrik geliefert. Daraus wurde sogenannter Ersatzkaffee gewonnen, auch „Muckefuck“ genannt. Die Kuh war zugleich Zugtier und Milchlieferant, entsprechend mager war deren Milchleistung. Für schwere Ackerarbeiten wurde oft in der Nachbarschaft ein Pferd ausgeliehen. Innerhalb der Dorfgemeinschaft half man sich gegenseitig. Später machte Gerhard Fäßler auf der sogenannten Winterschule (da war Zeit zum Lernen) seine Ausbildung zum Landwirt. Neben der Arbeit auf dem Bau oder auch im Wald wurde der landwirtschaftliche Betrieb ausgebaut und in den 1960er-Jahren auch ein Traktor angeschafft.
Bis zum heutigen Tag werden diese traditionellen Strukturen der landwirtschaftlichen Vielfalt, neben dem Wein- und Maisanbau als Schwerpunkt, aufrechterhalten. Zusammen mit seinem Sohn Martin bewirtschaftet Gerhard Fäßler im Nebenerwerb eine vielfältige Landwirtschaft. Neben Heu und Weizen wurden bis vor wenigen Jahren noch Rüben angebaut. Auch stehen immer noch einige Schweine im Stall. Gedüngt wird mit Mist und Jauche. Regelmäßig gibt es Hausschlachtungen.

Gerhard Fäßler mit Sohn Martin und Enkel Leon beim Melken
Stolz kann Gerhard Fäßler sagen, dass er der letzte Bauer in Kippenheimweiler ist, der noch einen Milchviehbestand in seinem Stall hat. Gerne zeigt Gerhard Fäßler zum Beispiel den Kindergartenkindern seinen Hof und bringt die Kinder mit seinen Kühen, Schweinen, Hühnern und Stallhasen zum Staunen.
Exemplarisch beleuchten wir auch die beiden Familien Dorner und Fleig, die ihre Höfe im Vollerwerb bewirtschaften und von der Landwirtschaft leben.
Wie begannen beide, was bewog sie, diesen Schritt zu gehen, und wie arbeiten sie heute unter sich immer wieder verändernden Rahmenbedingungen?
Familie Klaus und Martina Dorner
Die Eltern von Klaus Dorner, Hubert und Zita Dorner, führten ihre Landwirtschaft in der Wylerter Hauptstraße. Hubert Dorner (*1927, †2004) arbeitete als Maurer bei der Firma Kromer in Mahlberg. Zudem war er in den Wintermonaten Waldarbeiter im Staatswald (Kaiserswald) sowie bei der Warengenossenschaft und Milchzentrale in Kippenheimweiler angestellt. Zita Dorner (*1927, †2013) kümmerte sich zu Hause um die Familie und den Hof.
Der jüngste Sohn Klaus (*1968) besuchte die Schulen in Kippenheimweiler und Sulz bis 1984. Nach dem Besuch der Landwirtschaftlichen Schule in Offenburg von 1984 bis 1987 machte Klaus Dorner die Ausbildung zum Landwirt und besuchte dann die Fachschule für Landwirtschaft in Oberkirch bis 1989. Er schloss diese als staatlich geprüfter Wirtschafter für Landbau ab. Seit 1993 ist er zudem Landwirtschaftsmeister.
Das mitten im Dorf gelegene elterliche Anwesen war auf Dauer zu beengt. Deshalb entschloss sich Klaus Dorner, im Gewann Herrot mit dem Bau eines großen Maschinenschuppens und eines Foliengewächshauses für Tabak zu beginnen. 1987 wurde mit dem Tabakanbau als Sonderkultur begonnen. Bis 1995 kamen noch weitere vier Tabakschöpfe hinzu. 1989 übernahm er den Nebenerwerbsbetrieb seiner Eltern mit 12 Hektar Ackerbau, 8 Hektar Grünland und 0,2 Hektar Reben. Die Milchkuhhaltung, die 1989 noch mit sechs Kühen betrieben wurde, endete bei Dorners 1995. Zwei Jahre später wurde die Haltung der Mastbullen (1989: 20 Stück) inklusive Jungvieh aufgegeben. Dafür wurde die Zucht von Mastschweinen (1989: 10 Stück) in den Folgejahren stark ausgebaut. 1995 war die Hochzeit mit Frau Martina, von 1995 bis 2010 wurden der Familie sechs Kinder geschenkt. 1998 wurde das Wohnhaus als Aussiedlerhof im Herrot erbaut. Zur Tabaksorte Geudertheimer kam zusätzlich die Sorte Virgin hinzu. 2006 wurde im Gewann Wolfsloch der Bau eines Schweinemaststalles mit Auslauf für 350 Schweine sowie der Bau eines Nebengebäudes mit zwei Futtersilos, Schlacht- und Zerlegeraum begonnen. Von 2007 bis 2013 wurden Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von insgesamt 350 kWp auf den landwirtschaftlichen Gebäuden angebracht. Zudem begann 2013 Sohn Michael Dorner mit der Lehre als Landwirt. Er tritt in die Fußstapfen der Eltern.
Ein großer Brand im Oktober 2013 zerstörte zwei Tabakschöpfe mit den darauf befindlichen Photovoltaikanlagen. Nachdem von 1987 bis 2010 Tabak als Sonderkultur angebaut wurde, beendete die Familie Dorner die arbeitsaufwendige Tabakanpflanzung und begann dafür die Saatmais- und Rapsvermehrung. Kamen bis vor wenigen Jahren in der Hauptsaison die meisten Erntearbeiter aus Polen, so werden heute zahlreiche Arbeitskräfte aus Südosteuropa, vorrangig Rumänien und Kroatien, eingesetzt.

Familie Dorner mit ihren Kindern (v. l. n. r.): Klaus, Martina, Lukas, Verena, Andreas, Stefanie, Michael, mit der Sonnenblume: Jan
Aktuelle Betriebsdaten 2014:
–155 ha betriebliche Fläche
–22 ha Winterweizen und Winterroggen (wird als Schweinefutter behalten)
–65 ha Körnermais
–15 ha Saatmaisvermehrung
–32 ha Winterraps zur Saatgutvermehrung
–12 ha Reben zur Vollablieferung an die Genossenschaft
–5 ha Wiese
–Streuobstwiesen
–5 ha Fläche ohne Produktion (Bienenwiese als ökologische Ausgleichsfläche)
Zum Hof gehören auch zwei Obstabfindungsbrennereien sowie etwa 350 Mastschweine. Diese werden von Klaus Dorner geschlachtet und an Metzger, Selbstvermarkter sowie bei Bedarf an den Schlachthof Offenburg verkauft. Zudem wird über den Winter der Verkauf des weit über die Dorfgrenzen bekannten Feldsalats betrieben.
Familie Hannes und Stephanie Fleig
Hofname: „s’Ludwige“
Der landwirtschaftliche Betrieb mit dieser Adresse war seit jeher ein Haupterwerbsbetrieb, zunächst für die Erzeugung von Lebensmitteln für den eigenen Bedarf. Das Haus in der Wylerter Hauptstraße 41 wurde 1858 durch Andreas Fleig und seine Frau Maria Magdalena geb. Zipf erbaut. Andreas Fleig übergab seinem Sohn Ludwig den Betrieb, und danach übernahm ihn dessen Sohn Ludwig. Ludwig war verheiratet mit Magdalena Weis, sie waren die Eltern von Paul Fleig, geboren 1921.
Paul Fleig hatte 13 Geschwister. Die Mutter verstarb im Alter von 43 Jahren, das jüngste Kind war gerade zwei Jahre alt. Vier seiner Geschwister fielen im Krieg oder starben an seinerzeit unheilbaren Krankheiten. Paul Fleig kam 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Im Haus lebten zu der Zeit noch sein Vater und die Geschwister, teilweise mit Familien. Er heiratete 1951 Else Frenk, übernahm das Anwesen 1957 und baute Wohnhaus und Stallgebäude um, so wie sie heute noch vorhanden sind. Die Familie hatte fünf Kinder, ein Sohn verunglückte tödlich im Alter von 21 Jahren. Die drei Schwestern sind nach ihrer Heirat jeweils aus Kippenheimweiler weggezogen. Sohn Herbert erlernte den Beruf des Landwirtes und arbeitete im elterlichen Betrieb mit.
Paul Fleig hatte Schweinezucht, Rinderzucht, Milcherzeugung, baute Tabak und Getreide als Marktfrüchte an und betrieb Weinbau in Zusammenarbeit mit der Winzergenossenschaft Kippenheim. Die Großväter Ludwig Fleig und Emil Frenk waren zusätzlich noch Holzfuhrwerker mit Pferden. Im Mai 1989 starb Paul Fleig, woraufhin der Betrieb von seinem ältesten Sohn Herbert übernommen wurde. Im Haus wohnte weiterhin Else Fleig, sie verstarb am 22. Januar 2011.
Betriebsinhaber Herbert Fleig heiratete 1976 und wohnt seither mit seiner Frau Sigrid in Nonnenweier. Zur Familie gehören drei Kinder: Eva, Hannes und Alice. Ende der 1980er-Jahre wurde die Tierhaltung aufgegeben und der Tabakanbau eingestellt.
Seit 2004 wohnt Sohn Hannes Fleig im Haus, seit 2009 mit seiner Frau Stephanie. Seit 2006 ist Hannes Fleig Winzermeister und seit 2011 der Betriebsleiter der H. Fleig GbR. Heute bewirtschaftet der Betrieb H. Fleig GbR schwerpunktmäßig Wein- und Ackerbau mit der Sonderkultur Spargel. Die erzeugten Trauben werden an zwei Weingüter, die Villa Heynburg in Kappelrodeck und das Weingut Siegbert Bimmerle in Renchen-Erlach, verkauft. Der Spargel wird direkt vermarktet. Der Partner für die Vermarktung von Weizen, Mais und Soja ist die ZG Raiffeisen mit dem Standort Lahr.

Familie Fleig im Hof ihres Anwesens in der Wylerter Hauptstraße im September 2014 (v. l. n. r.): Hannes, Stephanie, Sigrid und Herbert Fleig
Bilder der Landwirtschaft
Die Motive der folgenden Fotografien, überwiegend in den 1930er- bis 1950er-Jahren gefertigt, zeigen eine Welt, die es so heute nicht mehr gibt, zumindest nicht in Kippenheimweiler: Landwirte beim Pflügen, bei der Ernte, beim Heurechen, bei der Heimfahrt vom Feld, beim Kartoffelauflesen. Nur selten sind Maschinen zu sehen. Kühe und Pferde ziehen die Wagen.
Auf all den Bildern sind die arbeitenden Menschen zu sehen, die Hilfsmittel, die Arbeitsgeräte, die Arbeitsvorgänge, die Arbeitstiere. Fast immer arbeiten die Bauern in Gruppen: als Familie, als Nachbarn, als größere Gruppen. Des Öfteren sind mehrere Generationen zu sehen. Auch sind oft Kinder mit dabei, die größeren zum Helfen und Mitarbeiten. Kleinere wurden wohl eher nebenbei beaufsichtigt. Die Kleinkinder im Kinderwagen wurden meist in den Schatten unter einen Baum gestellt.
Die Zeitzeugen Martin Schmidt und Renate Weis-Schiff erinnern sich:
Martin Schmidt: Wenn mir sie mitgnumme hänn, hesch sie under dr Nussbaum gschdellt und wenn dr am ander Ende warsch, hesch gluegt, ha, d’Scheß wackelt nonit. Wenn d’Scheß wackelt, no sinn sie wach. Renate Weis-Schiff: Wenn mir im Düwak gsieh sinn, hesch d’Gummihändschig anghan, dass wenn dr an d’Scheß hesch miän.

Ernte der Familie Reinhard Weis: Harte körperliche Arbeit, und der Blick nach oben. Wird das Wetter halten?
Die Anstrengungen der Abgebildeten können auf den Fotografien erahnt werden: schwere körperliche Belastungen, sich wiederholende Bewegungsvorgänge, einfachere Arbeiten, die über Stunden andauern. Die Arbeitenden strahlen im Moment der Aufnahmen trotz der Arbeit auch eine gewisse Ruhe aus, eine Zufriedenheit mit dem Geleisteten.
Zeitzeugin Hilde Schiff und Renate Weis- Schiff im Gespräch mit Stephan Hurst Stephan Hurst: Wie war des damals in dr Landwirtschaft?
Hilde Schiff: Mir sinn praktisch in dr eigene Landwirtschaft gsieh, derfe aber nit vergesse, am Morge am vieri, wenn’s Dageslicht war, isch’s furtgange geh maje. Do isch noch alles hinderum midder Hand gmaiht wore un min Vadder war a gueder Mahder und dr Hanse-Karl au, un do hänn mir halt mian zeddle, also, mir hänn halt nix anders kennt, un no schbeder sinn no d’ Maschine kumme, no hets d’Erleichterung gänn. Mir sinn genauso nüs ins Feld. Ohje, do sinn Szene drin gsieh. Mir hänn amol a Johr mit ihne do zamme gmacht, in dr Ahrn. Un dann hämm mir vum a Soldat d’Eltere do ghan vun Duisburg, will dert unde vill Bombeangriff gsieh sinn. Un nadierlig Schtadt un Land do isch a ganz großer Underschied gsieh. Un drno isch die Frau amol mitgange, wu mir mittags au in dr Ahrn gmait hann. Un dann isch s´halt unmeglich gsieh, dass sie dare Hitz hett kenne standhalte un isch grad in d’Furch gläge, un hett nimmi kenne, s’isch halt a Schdadtfrau gsieh. No hett d’Christin, d’ald Oma gsait: „Wann dr nit uffschdesch nimm ich d´Sichel un lupf dich in d’Heh.“ Des hett die nit verschdeh kenne. Aber fier die Litt war des halt schwer, wenn mr üs dr Stadt kummt un mr suecht uffem Land in nere Ahrn Ferie oder halt wege dr Bombe. Renate Weis-Schiff: Un wegenem Esse. Hilde Schiff: Ja, sell halt a nochamol dazue. Stephan Hurst: Dass d’Kinder in Sicherheit sinn. Ware des viel? Hilde Schiff: Oja, mir hänn viele im Dorf g´han. Des isch jo genauso gsieh, dü hesch sounsoviel qm Wohnraum derfe hahn, un dann hesch Flichtling bekumme, hesch miän Flichtling zu dir nemme.

Heuernte der Familie Bohn 1952, auf dem Wagen ist Sylvia Hockenjos als Kind zu sehen.

Zwei Kühe mit Wagen vor dem ehemaligen Schützenhaus. Es befand sich linkerhand der Einfahrt zur Fa. Vogel-Bau nahe des heutigen Waldmattensees.

Getreideernte durch Familie Martin Wagner, Bahnhofstraße. Der Traktor hat bereits die Zugtiere ersetzt, an Handarbeit mangelte es jedoch nicht. Die Garben wurden noch von Hand gestreckt und sauber geladen. Kinder halfen selbstverständlich mit, sie hatten keine andere Wahl. Heute kann ein Landwirt in einer Stunde so viel Getreide mähen, dreschen und abfahren wie früher 150 Mägde und Knechte zusammen.

Verschwitzt und staubig waschen sich im Hof von Ludwig Fleig (heute: Anwesen Hannes Fleig in der Wylerter Hauptstraße) nach getaner Arbeit (v.l.n.r.): Paul Fleig, Berthold Fleig sowie ein weiterer Helfer.

Kartoffelernte von Familie Ludwig Fleig Anfang der 1940er-Jahre. Die Kartoffeln wurden stundenlang aufgelesen und auf den Wagen geladen. Heute übernimmt der Kartoffelroder diese Arbeit in einem Bruchteil der Zeit. Zu Hause wurden die Kartoffeln dann auf einer Rutsche in den Keller befördert und über den Winter gelagert.

Diese schöne Aufnahme von 1919 zeigt Jakob Siefert mit einem seiner Söhne. Auf dem Dielenwagen liegt die Sense, daneben steckt die Heugabel. Die beiden Zugochsen arbeiten ohne Zuggeschirr und nur mit dem hölzernen Nackenjoch, welches über Riemen mit den Hörnern verbunden war. Das linke Haus im Hintergrund ist das Anwesen von Familie Ruth Zipf, im rechten Anwesen wohnte Ludwig Hertenstein mit seiner Frau Anna und Elisabeth geb. Zipf, von deren Seite das Haus stammte.

Die Kinder wurden zur Arbeit ins Feld des Öfteren mitgenommen. Jeder wurde gebraucht. Auf dem Foto von 1946 ist Lisa Stubanus geb. Spathelfer bei der Heuernte zu sehen. Gerade im Sommer war es Aufgabe vor allem der Kinder, die Zugtiere während des Wartens vor lästigen Bremsen zu schützen. Die Übermittlung von Wissen über Arbeitstechniken geschieht nebenbei durch die Anwesenheit der Kinder und ihre frühe Einbindung in die Abläufe. Sie hatten feste Aufgaben: Beim Heuladen und der Getreideernte mussten sie neben den Zugtieren gehen und darauf achten, dass die Tiere ruhig blieben. Auch das Legen der Garbenseile gehörte wie selbstverständlich dazu. Bei Arbeiten, bei denen es mehr auf Ausdauer als auf Kraft ankam (wie Hacken, Auflesen, Rechen) waren Kinder ohnehin früh eingespannt.

Beim „Welschkornschleizen“ (v. l. n. r.): Richard Stubanus, August Spathelfer, Emilie Spathelfer sowie (den Rücken zuwendend) Lina Heitz. Gerhard Fäßler erinnert sich: „Nach ‚Feierabend‘ saß man oft im Kreis der Nachbarschaft in der Scheune und zog von den ausgebrochenen Welschkornzapfen die Blätter ab (diese wurden im Stall als Streu verwendet). An den Zapfen verblieben einige Blätter, sodass der Mais gebündelt und unter dem Dachvorsprung zum Trocknen aufgehängt werden konnte. Später wurde der Mais in Trockensilos aufbewahrt. Welschkornschleizen war wie das Tabakanstechen eine gesellige Angelegenheit und endete oft feucht-fröhlich. Tradition hatte dabei das sogenannte Bosseln, das mit Streichespielen gleichgesetzt werden kann.“

Andreas Hertenstein mit seinem Leiterwagen auf dem Weg nach Hause. Im Hintergrund das Anwesen Bernhard Baier bei der evangelischen Kirche.
| Arbeitsstunden für Mähen, Dreschen und Abfahren von 1 Hektar Getreide | |
|---|---|
| vor 1900 | 300 h |
| um 1900 | 150 h |
| 1935 | 40 – 80 h* |
| 1950 | 30 h |
| 1960 | 15 h |
| * starke Unterschiede zw. Klein- und Großbetrieben | |
| Milchleistung je Kuh und Jahr | Milchkühe je Landwirt | Betriebe mit Milchkühen |
|---|---|---|
| 1950 2.560 l | 4 | 1.539.000 |
| 1960 3.406 l | 5 | 1.217.000 |
| 1970 3.813 l | 8 | 836.000 |
| 1980 4.538 l | 13 | 453.000 |
| 1990 4.713 l | 22 | 276.000 |
| 2000 6.122 l | 33 | 136.000 |
| 2006 6.849 l | 39 | 104.000 |
| Aus: information.medien.agrar eV. | ||
Der große Umbruch in der Landwirtschaft zeichnete sich bereits in den 1960er-Jahren ab, als die Mechanisierung in vollem Gang war. Das Nebeneinander von Maschinen und Arbeitstieren veränderte sich. Gerade die Feierabendbauern mit ihrem Industrielohn konnten sich den Kauf eines Traktors leisten. Der Zeitaufwand für die Hofbewirtschaftung konnte so geringer gehalten werden. Innerhalb weniger Jahre setzte sich auch die Verwendung von chemischen Pflanzenschutzmitteln durch. Der Kunstdüngereinsatz bedeutete ebenso eine erhebliche Arbeitserleichterung wie die Flurbereinigung in den 1960er-Jahren (siehe separates Kapitel). Mit der Landwirtschaft konnte jedoch immer weniger verdient werden.
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