Читать книгу: «Der undankbare Kontinent?»
Peter Cichon, Reinhart Hosch,
Fritz Peter Kirsch (Hg.)
Der undankbare Kontinent?
Afrikanische Antworten auf
europäische Bevormundung
Argument Verlag
Wir danken der Kulturabteilung der Stadt Wien, dem Dekanat der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und dem Institut für Romanistik der Universität Wien für die Förderung dieser Publikation.
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Satz: Iris Konopik
Umschlaggestaltung: Martin Grundmann,
www.herstellungsbuero-hamburg.de
ISBN 9783867549608
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
Erste Auflage 2010
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
Discours de M. Nicolas Sarkozy, Président de la République Française
Université de Dakar – Sénégal Jeudi 26 juillet 2007
Rede des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy
Universität Dakar – Senegal Donnerstag, 26. Juli 2007
Achille Mbembe
Das Afrika des Nicolas Sarkozy
Zohra Bouchentouf-Siagh
Doppelbödigkeit und Geschichtsschacher
Mwatha Musanji Ngalasso
Ich bin gekommen, um euch zu sagen …
Anatomie einer neokolonialen Rede in der Kautschuk-Sprache
Odile Tobner
Das Afrikabild der Präsidenten der Fünften Republik Frankreichs
Demba Moussa Dembélé
Unkenntnis, Unverständnis oder bewusste Provokation?
Lye M. Yoka
Frankophonie: das zweifelhafte Alibi
Mahamadou Siribié
Die symbolische Gewalt einer Rede im Dämmerlicht134
E. H. Ibrahima Sall
Archipele des Trügerischen
Théophile Obenga
Ein Hauptgrund für die Leiden Afrikas: die eurozentrischen Afrikadeutungen
Djibril Tamsir Niane
Der Afrikaner soll sich schuldig fühlen
Kettly Mars
Echos von jenseits des Atlantik
Fußnoten
Weitere Bücher
Einleitung
Vorerst die Fakten: Am 26. Juli 2007 hat der französische Staatspräsident in Dakar, der Hauptstadt des Senegal, an der Université Cheikh Anta Diop, eine Rede gehalten. Sie richtete sich an die Jugend Afrikas und hatte als Hauptthema die Zukunftsperspektiven des südlichen Nachbarkontinents im Zusammenhang mit dessen Beziehungen zu Europa. Die Worte des Nicolas Sarkozy wurden in der internationalen Presse kommentiert, keineswegs unkritisch, aber nicht mit jener Heftigkeit, welche die Reaktionen von zahlreichen Intellektuellen aus verschiedenen afrikanischen Ländern kennzeichnete. Es ist nicht übertrieben, von einem Aufschrei der Empörung zu sprechen. Den Anfang machten Artikel in der Presse. Besonders gewichtig aber fiel ein vom Pariser Verlag Éditions Philippe Rey herausgebrachter Sammelband mit 23 Essays aus, die mit Sarkozy und seinem Sonderbeauftragten Henri Guaino, der die Rede von Dakar konzipiert hatte, hart ins Gericht gingen. Von diesem Buch ist Anfang 2009 eine Taschenbuchausgabe erschienen.1
Der vorliegende Band enthält Übersetzungen ausgewählter Beiträge aus der erwähnten Sammlung, die sich in der französischen Fassung als »Antwort Afrikas auf Sarkozy« präsentiert, sowie die deutschsprachige Version einer der ersten Stellungnahmen zu der Sarkozy-Rede in der afrikanischen Presse.2 Die Herausgeber und die ÜbersetzerInnen kommen aus der Sprach- und Literaturwissenschaft und sind mehr oder weniger eng mit der Forschung und Lehre am Institut für Romanistik der Universität Wien verbunden. Die Klarstellung ihrer Motivation, sich mit einem hochpolitischen Projekt an die Öffentlichkeit der deutschsprachigen Länder zu wenden, ist sicherlich ein Gebot der intellektuellen Redlichkeit – nicht zuletzt im Hinblick auf das Weiterlaufen der einschlägigen Kontroversen. Sowohl in Afrika als auch in Frankreich sind von 2007 bis zur Gegenwart viele Kommentare abgegeben worden. Die meisten, aber nicht alle, richteten sich gegen Sarkozy und seine Rede. Einige afrikanische Regierungschefs haben sich vorsichtig, in Einzelfällen sogar zustimmend geäußert. Das französische Original des Sammelbandes der »Antworten auf Sarkozy« wurde auf höheres Betreiben von der Nominierungsliste für einen Preis gestrichen, nach Protesten der Jury wieder eingesetzt.3 Henri Guaino, Ministerialbeamter und Sarkozys Ghostwriter, hat seine Positionen verteidigt und seine afrikanischen Kritiker persönlich angegriffen. Die angesehene Zeitung Le Monde stand insofern im Zentrum der Auseinandersetzungen, als sie sich weigerte, eine (ziemlich polemische) Replik des Herausgebers Makhily Gassama auf einen Artikel abzudrucken, in dem sich Philippe Bernard abschätzig über das Niveau der Beiträge zu L’Afrique répond à Sarkozy geäußert hatte (»Sammlung von Absurditäten und Halbwahrheiten«). Die Diskussion zeigte insofern Wirkung, als weitere Sarkozy-Reden, gehalten in Tunis, Constantine und Kapstadt, viel umsichtigere Formulierungen aufwiesen als der Text von Dakar, so dass bei oberflächlicher Betrachtung der Eindruck entstehen könnte, die letztgenannte Rede sei eine Art Unfall gewesen, auf die einige Afrikaner vielleicht übertriebene Reaktionen an den Tag legten. Wer sich auf diese Affäre einlässt, läuft somit Gefahr, in ein tagespolitisches Kreuzfeuer zu geraten und seinerseits von da oder dort attackiert zu werden. Was soll es bringen, sich einzumischen und Nicolas Sarkozy über die zahllosen Klischees, die er seinen afrikanischen Zuhörern zumutete, aus der Sicht einer zentraleuropäischen Universität belehren zu wollen, wenn diese Arbeit bereits von informierten Afrikanern sehr weitgehend geleistet wurde?4
Die Motivation des Teams, das sich im Sinne der Herausgabe und Übersetzung engagierte, ist komplex. Zweifellos machte der polemische Elan, der die Stellungnahmen einer so großen Zahl von afrikanischen Universitätslehrern, Schriftstellern und Kulturschaffenden inspirierte, Eindruck. Angesichts des Sarkozy-Textes, dessen Schwächen auch aus europäischer Sicht leicht erkennbar sind, fiel es den RomanistInnen aus Österreich nicht schwer, die Empörung der Afrikaner zu teilen. Bei distanzierterer Betrachtung wurde aber bald klar, dass spontane Anteilnahme und Solidarisierung als Basis des Projektes nicht als alleinige Maßstäbe bei der Auswahl der Texte dienen durften. Es galt vor allem, die Wiederholungen von Themen und Argumenten, die bei einer Sammlung von Stellungnahmen zu ein und demselben Objekt unvermeidlich sind, so weit wie möglich in Grenzen zu halten. Eine solche Strategie setzte voraus, dass nur solche Beiträge für die Übersetzung ausgewählt wurden, deren Informationswert – speziell im Hinblick auf die Interessen einer zentraleuropäischen Leserschaft – besonders hoch war und die einander durch komplementäre Schwerpunktsetzungen wechselseitig beleuchteten. Tatsächlich stellte sich bei sorgfältiger Durchsicht der »Antworten auf Sarkozy« heraus, dass die Mehrzahl der AutorInnen bemüht war, zwischen emotionaler Betroffenheit und sachlicher Konfrontation einen Ausgleich zu finden. Nach Diskussionen entschieden sich die Herausgeber des vorliegenden Bandes für die Bevorzugung jener Texte, die auf den hochtrabenden Ethnozentrismus der Sarkozy-Rede mit besonders durchdachter und fundierter Kritik reagieren.
Angesichts der stilistischen Besonderheiten der Rede von Dakar muss schon das Bemühen um Sachlichkeit in den afrikanischen Beiträgen als Verdienst anerkannt werden. Denn es war zunächst der archaische Duktus, der bei den Rezipienten der Rede des Präsidenten Erstaunen und Betroffenheit weckte. Sarkozy kam mit bestimmten politischen Absichten nach Dakar, in einer bestimmten europolitischen Konstellation, in der dem Projekt einer Union méditerranéenne ein gewisser Aktualitätswert zukam. Darüber hinaus lag es im Interesse des französischen Präsidenten, bei seinen Zuhörern Verständnis für diverse Zuspitzungen der französischen Afrikapolitik im Zusammenhang mit den Krisen in Ruanda, im Kongo und im Tschad zu suchen. Der Redner hätte also jedes Interesse gehabt, auf seine ZuhörerInnen einzugehen und ihre nicht zuletzt auf der Kolonialgeschichte beruhenden Sensibilitäten zu berücksichtigen. Tatsächlich aber steht die ganze Rede im Zeichen eines Diskurses, der den Sprecher als Künder eines Zivilisationsprojektes ohne glaubhafte Distanzierung vom kolonialen Erbe präsentiert – und zwar mit einem Einsatz von rhetorischen Orgeltönen, der direkt auf das 19. Jahrhundert und die französische Landnahme in Afrika verweist. 1879 hatte Victor Hugo anlässlich eines Banketts, das an die Abschaffung der Sklaverei erinnern sollte, in Anwesenheit von Victor Schœlcher5 die Kolonisierung Afrikas als Wohltat seitens der europäischen Großmächte gepriesen:
Lasst eure überschüssige Kraft in dieses Afrika strömen und löst so mit einem Schlag eure Sozialprobleme, indem ihr aus euren Proletariern Besitzende macht. Geht hin, seid aktiv! Baut Straßen, baut Häfen, baut Städte, lasst wachsen, bringt hervor, kolonisiert, vermehret euch, damit auf diesen Ländereien, die mehr und mehr von Priestern und Fürsten befreit werden, der Geist Gottes durch den Frieden herrsche und der Geist der Menschen durch die Freiheit.6
Genau dieses Pathos der zivilisatorischen Mission Europas und Frankreichs findet sich bei Nicolas Sarkozy wieder, wenn er die Jugend Afrikas allein für die Erlösung des Kontinents als zuständig erklärt und zugleich betont, dass es ohne französische Unterstützung nicht gehen werde:
Ihr jungen Afrikaner, die Renaissance, die Afrika braucht, könnt nur ihr verwirklichen, denn nur ihr werdet dazu die Kraft haben. Diese Renaissance bin ich gekommen euch vorzuschlagen. Ich bin gekommen, sie euch vorzuschlagen, damit wir sie gemeinsam verwirklichen, denn von Afrikas Renaissance hängen zu einem entscheidenden Teil die Renaissance Europas und die Renaissance der Welt ab.
Hugo ist ein markantes Beispiel für ein zivilisatorisches Sendungsbewusstsein, dessen Entwicklung bis auf das Jahrhundert der französischen Klassik zurückgeht, bei zahlreichen Schriftstellern vom 17. bis zum 20. Jahrhundert nachgewiesen werden kann7 und sich auch immer wieder im Diskurs der Politiker wiederfindet. Eine der Schnittstellen findet sich bei dem Geografen Onésime Reclus, der schon vor hundert Jahren den Terminus der Frankophonie kreierte, um damit die Idee der kulturellen und zugleich kolonisatorischen Expansion Frankreichs voranzutreiben. Lâchons l’Asie, prenons l’Afrique: Où renaître? et comment durer?8, so der Titel eines von Reclus’ Büchern, erschienen 1904. Genau dieser heroische Elan der Zivilisationsbringer beflügelt die Rede Sarkozys, die zugleich vorgibt, sich für den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft Afrikas und Europas einzusetzen. Die Partnerschaft aber bleibt Lippenbekenntnis, wenn ständig der »alte« Diskurs dazwischenfunkt und den Südkontinent als hinterwäldlerische Spielwiese für eine von Frankreich und Europa organisierte Modernisierung präsentiert. Die traditionelle Rhetorik des Monopols der Universalität, wie sie sich über weite Strecken in der Kulturgeschichte Frankreichs manifestiert, tritt in Sarkozys Rede mit einer Direktheit zutage, wie man sie in Zeiten zumindest verbaler Political Correctness sonst kaum noch findet. Alte Argumente mit alten Stilmitteln aufgeputzt – der Leser fühlt sich in Formationsperioden des zentralistischen Herrschaftsdiskurses, die er meinte nur noch als historische betrachten zu dürfen, zurückversetzt. Dabei sind die Leerstellen, das Ungesagte (etwa die aktuelle Rolle Frankreichs und der Europäischen Union in Afrika betreffend) mindestens ebenso bedeutungsvoll wie das von Sarkozy Geäußerte. Dass eine solche Rede beansprucht, die Weichen für die Zukunft zweier Kontinente von heute zu stellen, kann schockierend wirken. Die Verzerrungen, Widersprüche und Zumutungen, an denen diese Rede so reich ist, mussten aufs Korn genommen und in präziser Analyse bloßgestellt werden, wäre doch schweigendes Übergehen in diesem Fall nur allzu leicht als Hinnahme und Akzeptanz deutbar gewesen.
Daher ist es nicht weiter erstaunlich, wenn alle in diesem Band vereinten Beiträge zunächst in mehr oder weniger ausführlichen Analysen auf die Rede von Dakar eingehen. Bemerkenswert und motivierend erschien dem Wiener Team hingegen der Umstand, dass die Texte durchwegs weit über die kritische Beleuchtung von Sarkozys Darbietung hinausgehen und Perspektiven eröffnen, welche die Gesamtheit der einstigen und aktuellen Probleme zwischen Afrika und Europa bzw. dem »Westen« erfassen. Im Vorwort zu den »Antworten« stellt der Herausgeber Makhily Gassama9 – auf den Vorwurf des »ewigen Nachbetens« der Vergangenheit eingehend – fest:
Es ist wichtig, die Vergangenheit »nachzubeten«, da wir den Anspruch erheben, unser Schicksal zu meistern, die Gegenwart zu lenken und die Zukunft zu bauen, sind doch die Vorboten einer Rekolonisierung Afrikas in unseren heutigen Beziehungen zu Europa manifest. Das immer schnellere Voranschreiten der Welt macht diesen Einsatz erforderlich. Unsere Lage zwingt uns dazu, sind wir doch rückständige Gesellschaften, traumatisiert durch das Verhalten unserer Regierenden und das Scheitern der von ihnen während bald fünf Jahrzehnten praktizierten Politik. Auch die Hellsicht und Ungeduld der jungen Generation lassen uns keine Wahl, ebenso wie die Gefahren, welche die Globalisierung für unsere brüchigen Volkswirtschaften bereithält.10
Mit einem solchen Auftakt ist das Signal des Übergangs vom Besonderen zum Allgemeinen, das sich in allen Beiträgen wiederfindet, bereits in aller Deutlichkeit gegeben. Ein erster Rundumschlag gegen europäische Vorurteile erfolgt in dem Aufsatz von Achille Mbembe, wo sogar ein Michel Leiris oder ein Pablo Picasso zu Objekten der Kritik werden. Bei Zohra Bouchentouf-Siagh öffnet sich die Diskursanalyse der Sarkozy-Rede zum Nachweis einer Geschichtsfälschung, die durch Ignoranz und Konformismus allein nicht zu erklären ist, sondern aus demagogischen, in der Geschichte mit tragischen Folgen erprobten Ideologien hervorzugehen scheint. Klarstellungen, wie sie z. B. Herbert Marcuse in diesem Zusammenhang vorgenommen hat, haben offenbar bei manchen Politikern der Gegenwart wenig gefruchtet. Festgestellt wird auch ein fahrlässiger Umgang des Redners mit Quellen, etwa den Werken von Albert Memmi und Léopold Sédar Senghor.
Mwatha Musanji Ngalasso konzentriert sich ebenfalls zunächst auf die Rede, die er besonders gründlich aus der Sicht des Linguisten untersucht, um alsbald das Problem der langue de bois aufzuwerfen und der »hölzernen« Sprache der Diktaturen in den exkommunistischen Ländern11 die »Kautschuksprache« Sarkozys gegenüberzustellen. Von hier aus kann der Autor ein europäisches Afrikabild als rein ideologische Konstruktion im Dienste neokolonialistischer Tendenzen in der Gegenwart offenlegen.
Im Zusammenhang mit dem genannten Afrikabild schlägt Odile Tobner eine argumentative Brücke von Sarkozys Rede zu diversen Äußerungen der anderen Präsidenten der Fünften Republik: de Gaulle, Pompidou, Giscard d’Estaing, Mitterrand und Chirac. Demba Moussa Dembélé eröffnet geradezu planetarische Perspektiven, wenn er die politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Beziehungen zwischen den Ländern südlich der Sahara, der Europäischen Union und dem Gesamtbereich der industrialisierten Länder beleuchtet. Aus der Sicht des Politikwissenschaftlers zieht Mahamadou Siribié eine Bilanz hinsichtlich der Position Afrikas im Rahmen der Globalisierung und des Afrika gegenüber nicht immer fairen Spiels der internationalen Organisationen.
Umfassenden Zusammenhängen kulturpolitischer Art gilt der Beitrag von Lye Yoka über die Frankophonie, in der Sicht des offiziellen Frankreich ein interkontinentales Projekt, das auf geschwisterliche Zusammenarbeit im Geiste des französischen Zivilisationsideals wie auch auf die Abwehr anglo-amerikanischer Kulturimperialismen abzielt, für nicht wenige Afrikaner aber ein Hemmnis für autonome Entfaltung und geradezu ein Fluch.12
Mit den Beiträgen von Sall und Obenga treten kulturanthropologische Themen in den Vordergrund. Sall skizziert die Problematik des französischen Konzepts der Universalität, wobei auch ein Blick auf die unitaristische Überlagerung innerfranzösischer Vielfalt durch die Zentralisierung geworfen wird. Obenga liefert eine sehr breit angelegte (von den Herausgebern dieses Bandes leicht gekürzte) Darstellung der Diskussion rund um die Thesen von Cheikh Anta Diop, legt aber das Hauptgewicht auf die ethnozentrischen Voraussetzungen, welche tief in der Kulturgeschichte Europas wurzeln und heute für eine entspannte Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des bedeutenden Gelehrten, dessen Namen die Universität Dakar trägt und der in Sarkozys Rede nicht vorkommt, ein Hindernis darstellen.
Die letzten beiden Beiträge thematisieren die psychologische Konditionierung der AfrikanerInnen in Vergangenheit und Gegenwart durch explizite wie auch implizite Schuldzuweisungen, die »der Westen« einst und jetzt (in der Rede Sarkozys) an die Kolonisierten richtet. Djibril Tamsir Niane erklärt, warum sich Afrika aus europäischer Sicht an seinem eigenen Unglück schuldig fühlen soll, und Kettly Mars bestätigt diese Diagnose durch die Darstellung der traumatisierenden Wirkung von Sklavenwirtschaft und Kolonialismus. Letzten Endes lässt sich sogar ein Verdienst Sarkozys ausmachen: jenes, das in der emanzipatorischen Mobilisierung der von dem französischen Präsidenten belehrten und beleidigten Jugend Afrikas besteht.
Über den »Kontinent der Kolonisatoren« und seine »Geburt aus dem Geist der Gewalt« haben Europäer immer wieder nachgedacht.13 Aber mehrere Beiträge zu den »Antworten auf Sarkozy« scheinen die von solcher Selbstkritik gesteckten Grenzen zu überschreiten, indem sie den großen Hegel oder den großen Voltaire nicht als Menschheitsphilosophen sehen, sondern ihre Gebundenheit an Eurozentrik und sogar Rassismus betonen, und dies noch dazu auf Distanz, mitunter ohne Bemühung um respektvoll-exaktes Zitieren und sorgfältiges Eingehen auf alle »wirklich wichtigen« Gedanken der Genies. Derlei kann wie eine kalte Dusche auf das Gemüt von romanistischen KulturwissenschaftlerInnen wirken, auch wenn sie sich selbst als weltoffen empfinden. Unsereiner ist es gewohnt, historische Relativierungen vorzunehmen und das Positive zu sehen, etwa wenn ein Leo Frobenius die Afrikaner vom Makel der Primitivität befreien will oder ein Senghor die gefühlsstarke Poesie afrikanischer Kultur als Komplement europäischer Rationalität feiert. Aber die Bereitschaft zu Verständnis und Nachsicht gerät an ihre Grenzen, wenn sich die virulentesten Kolonialmythen als so lebenskräftig erweisen, dass die Rede eines französischen Staatspräsidenten Anfang des 21. Jahrhunderts bis zum Rand von ihnen erfüllt ist. Das Buch ist wichtig, weil aus ihm Undankbarkeit spricht, die jegliche Zöglingsrolle ablehnt.
Vielleicht erwarten europäische LeserInnen immer noch, dass AfrikanerInnen entweder brav sind oder impulsiv-unüberlegt protestieren. Die LiteraturwissenschaftlerInnen haben immerhin den Vorteil, die Entfaltung der argumentativen Kraft der afrikanischen Literaturen und die geistige Autonomisierung des Kontinents aus der Nähe beobachten zu dürfen. Bei allen strittigen Detailfragen, die sich aus den Forschungen des Cheikh Anta Diop über das alte Ägypten und seine transsaharische Dimension ergeben mögen – das Bild des afrikanischen Beitrags zur Menschheitskultur hat sich durch diesen Ansatz zweifellos verändert. Es gibt afrikanische Philosophie, Soziologie, Kulturwissenschaft und Umweltforschung, und sie sind nicht einfach Ableger der europäischen Modelle. Das ist eine der wichtigsten Botschaften des vorliegenden Buches. Ist es übertrieben, epochenbedingte Irrwege des europäischen Denkens so massiv herauszustellen? Mittlerweile gibt es auch in Frankreich viele WissenschaftlerInnen, die postkoloniale Studien ohne Eurozentrik betreiben. Allerdings ist auch festzuhalten, dass noch im 20. Jahrhundert französische Intellektuelle Europa mit äußerst emotional vorgetragenen Argumenten gegen seine postkolonialen Kritiker in Schutz nehmen, wobei der polemische Impetus gegen die einheimischen »Linken« gerichtet ist, aber zugleich alle »undankbaren« Ex-Kolonisierten mit trifft. In einem in den 1980er Jahren publizierten Essay sah der französische Philosoph Pascal Bruckner die Sünden Europas, machte aber gerade diese Sünden zur Grundlage eines zivilisatorischen Höhenfluges, demzufolge der Kontinent der Kolonisatoren das Universalmodell schlechthin darstellt, dem alle Drittweltländer nacheifern, sofern sie nicht in purer Barbarei versinken.
Die Stärke Europas liegt in einem Paradox von extremer Ausprägung: Europa hat alles erfunden, die Unterdrückung ebenso wie die Demokratie, die Barbarei ebenso wie die Heiligkeit. Der Zusammenbruch des Feudalstaates hat den Staat auf rationaler Grundlage hervorgebracht, die monarchische Willkür hat die Demokratie gezeugt, aus dem mittelalterlichen Absolutismus erwuchs der Relativismus der Welt der Renaissance, aus der Zwangsherrschaft der Kirche die Gewissensfreiheit, aus den nationalen Gegensätzen der Gedanke einer internationalen Gemeinschaft. Gleich einem Kerkermeister, der einen ins Gefängnis wirft und einem gleichzeitig den Zellenschlüssel zusteckt, brachte der Westen zugleich den Despotismus und die Freiheit in die Welt.14
Nicht anders argumentieren Sarkozy und Guaino. Und zwar nicht mit den Mitteln einer diffusen Eurozentrik, wie sie dem gelernten Europäer immer wieder in seinem Medienalltag begegnet, sondern als geballte Ladung. Die extreme Konzentration und direkte Zurschaustellung alter Stereotypen rund um das »Wesen« Afrikas sind es, welche dieser Rede den Charakter eines Schlages ins Gesicht verleihen, und dies in einer Zeit, in der diplomatische Vorsicht, Verhandlungsbereitschaft und das Bemühen um Respektierung des Gegenübers zu jenen Tugenden gehören, durch die sich die Länder des Westens – zumindest ihrem Selbstverständnis nach – in internationalen Kontakten und Konflikten auszeichnen. Aus diesem Rahmen fällt Sarkozy mit seiner groben, archaischen Ideologien nachhängenden Rede und löst damit Reaktionen aus, in denen viel Aufgestautes in Bewegung kommt, nicht in Form eines Wildbaches, der über alle Grenzen hinwegschießt, sondern als strukturierte Entfaltung von Argumenten, allerdings ohne Rücksicht und Vorsicht bei der Auswahl derselben. Im Unterschied zu den Staatschefs Afrikas, die beim Umgang mit Sarkozys Rede jedes Wort auf die Goldwaage legten, gibt es für die Intellektuellen nicht staatspolitische, wohl aber spezielle Risiken, die je nach der Situation und Position des Betroffenen hoch sein können. Trotzdem hatten in den vorliegenden Texten die Gebote der Selbstachtung offensichtlich Vorrang.
Eine weitere Konstante in diesen Texten stellt der Aufruf zu panafrikanischer Solidarität dar. Im Lichte dieser vielfältigen und fundierten Diskussionsbeiträge namhafter afrikanischer WissenschaftlerInnen und Kulturschaffender kann die Rede von Dakar nicht im Sinne Sarkozys als heilsame Provokation an die Adresse eines Afrika im Dornröschenschlaf, das durch hartes Argumentieren geweckt werden soll, rezipiert werden, wohl aber als Anstoß zu intensiverer Bewusstseinsbildung und Solidarisierung der Afrikaner angesichts einer französisch-westlichen Herausforderung. Dabei wird deutlich, dass diese Solidarisierung keineswegs dazu führen soll, dass die Vergangenheit unter den Teppich gekehrt wird. Sie soll, ganz im Gegenteil, dazu animieren, die Vergewärtigung aller Aspekte der europäisch-afrikanischen Geschichte als Prophylaxe oder sogar als Heilmittel einzusetzen. Es ist sicher wichtig, die heute vorherrschende Praxis der Entwicklungshilfe in Frage zu stellen, wie dies in neueren Publikationen aus europäischer Sicht geschieht.15 Aber ebenso bedeutsam ist wohl eine Aufarbeitung der Geschichte, welche die afrikanischen Zugänge und Betrachtungsweisen konsequent und ohne Herablassung respektiert. Welchen Beitrag westliche Spitzenpolitiker mit ihren Interventionen zu einer Entwicklung zum Besseren leisten könnten, lässt sich angesichts der von Barack Obama am 11. Juli 2009 in der ghanesischen Hauptstadt Accra gehaltenen Rede ermessen. Der rhetorische Kontrast zwischen den beiden Präsidenten könnte größer kaum sein. Doch das Wohlwollen, das dem US-amerikanischen entgegengebracht wurde, und die Kritik, die dem französischen entgegenschlug, versinnbildlichen wohl auch den machtpolitischen und kulturellen Bedeutungsverlust, den Frankreich in der jüngsten Vergangenheit auf dem afrikanischen Kontinent hinnehmen musste – auch (aber nicht nur) zugunsten der USA.
Für nicht wenige EuropäerInnen mag sich aus den im vorliegenden Band versammelten Texten ein ungewohntes Bild der eigenen Kultur, der eigenen Geschichte und, wenn man so will, der eigenen Identität ergeben. Natürlich sind die alten Ausflüchte jederzeit zur Beschwichtigung des gewissen Unbehagens einsetzbar – Hegel oder Voltaire können mitsamt den rassistischen Passagen in ihren Werken durch Verortung im historischen Kontext auf Distanz gehalten werden. Aber wenn eine Infragestellung der scheinbaren Normalität und Selbstgewissheit Europas so intensiv und radikal ausfällt wie in diesen Antworten auf Sarkozy und auf so vieles, das er repräsentieren will, ist Nachdenklichkeit und ein Blick mit anderen Augen auf das Eigene ein Gebot der Stunde. Als eine Antwort auf diesen Anspruch ist dieses Buch entstanden.
Herzlich gedankt für materielle Unterstützung beim Zustandekommen des vorliegendes Buches sei dem Dekanat der Philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, dem Institut für Romanistik und der Magistratsabteilung Kultur der Stadt Wien sowie für redaktionelle Unterstützung Herrn Dr. Gerald Hödl vom Institut für Afrikawissenschaften der Universität Wien.
Fritz Peter Kirsch
Discours de M. Nicolas Sarkozy,
Président de la République Française
Université de Dakar – Sénégal
Jeudi 26 juillet 2007
Mesdames et Messieurs,
Permettez-moi de remercier d’abord le gouvernement et le peuple sénégalais de leur accueil si chaleureux.
Permettez-moi de remercier l’université de Dakar qui me permet pour la première fois de m’adresser à l’élite de la jeunesse africaine en tant que Président de la République française.
Je suis venu vous parler avec la franchise et la sincérité que l’on doit à des amis que l’on aime et que l’on respecte. J’aime l’Afrique, je respecte et j’aime les Africains.
Entre le Sénégal et la France, l’histoire a tissé les liens d’une amitié que nul ne peut défaire. Cette amitié est forte et sincère. C’est pour cela que j’ai souhaité adresser, de Dakar, le salut fraternel de la France à l’Afrique toute entière.
Je veux, ce soir, m’adresser à tous les Africains qui sont si différents les uns des autres, qui n’ont pas la même langue, qui n’ont pas la même religion, qui n’ont pas les mêmes coutumes, qui n’ont pas la même culture, qui n’ont pas la même histoire et qui pourtant se reconnaissent les uns les autres comme des Africains. Là réside le premier mystère de l’Afrique.
Oui, je veux m’adresser à tous les habitants de ce continent meurtri, et, en particulier, aux jeunes, à vous qui vous êtes tant battus les uns contre les autres et souvent tant haïs, qui parfois vous combattez et vous haïssez encore mais qui pourtant vous reconnaissez comme frères, frères dans la souffrance, frères dans l’humiliation, frères dans la révolte, frères dans l’espérance, frères dans le sentiment que vous éprouvez d’une destinée commune, frères à travers cette foi mystérieuse qui vous rattache à la terre africaine, foi qui se transmet de génération en génération et que l’exil lui-même ne peut effacer.
Je ne suis pas venu, jeunes d’Afrique, pour pleurer avec vous sur les malheurs de l’Afrique. Car l’Afrique n’a pas besoin de mes pleurs.
Je ne suis pas venu, jeunes d’Afrique, pour m’apitoyer sur votre sort parce que votre sort est d’abord entre vos mains. Que feriez-vous, fière jeunesse africaine de ma pitié?
Je ne suis pas venu effacer le passé car le passé ne s’efface pas.
Je ne suis pas venu nier les fautes ni les crimes car il y a eu des fautes et il y a eu des crimes.
Il y a eu la traite négrière, il y a eu l’esclavage, les hommes, les femmes, les enfants achetés et vendus comme des marchandises. Et ce crime ne fut pas seulement un crime contre les Africains, ce fut un crime contre l’homme, ce fut un crime contre l’humanité toute entière.
Et l’homme noir qui éternellement »entend de la cale monter les malédictions enchaînées, les hoquettements des mourants, le bruit de l’un d’entre eux qu’on jette à la mer«. Cet homme noir qui ne peut s’empêcher de se répéter sans fin »Et ce pays cria pendant des siècles que nous sommes des bêtes brutes«. Cet homme noir, je veux le dire ici à Dakar, a le visage de tous les hommes du monde.
Cette souffrance de l’homme noir, je ne parle pas de l’homme au sens du sexe, je parle de l’homme au sens de l’être humain et bien sûr de la femme et de l’homme dans son acceptation générale. Cette souffrance de l’homme noir, c’est la souffrance de tous les hommes. Cette blessure ouverte dans l’âme de l’homme noir est une blessure ouverte dans l’âme de tous les hommes.
Mais nul ne peut demander aux générations d’aujourd’hui d’expier ce crime perpétré par les générations passées. Nul ne peut demander aux fils de se repentir des fautes de leurs pères.
Jeunes d’Afrique, je ne suis pas venu vous parler de repentance. Je suis venu vous dire que je ressens la traite et l’esclavage comme des crimes envers l’humanité. Je suis venu vous dire que votre déchirure et votre souffrance sont les nôtres et sont donc les miennes.
Je suis venu vous proposer de regarder ensemble, Africains et Français, au-delà de cette déchirure et au-delà de cette souffrance.
Je suis venu vous proposer, jeunes d’Afrique, non d’oublier cette déchirure et cette souffrance qui ne peuvent pas être oubliées, mais de les dépasser.
Je suis venu vous proposer, jeunes d’Afrique, non de ressasser ensemble le passé mais d’en tirer ensemble les leçons afin de regarder ensemble l’avenir. Je suis venu, jeunes d’Afrique, regarder en face avec vous notre histoire commune.
L’Afrique a sa part de responsabilité dans son propre malheur. On s’est entretué en Afrique au moins autant qu’en Europe. Mais il est vrai que jadis, les Européens sont venus en Afrique en conquérants. Ils ont pris la terre de vos ancêtres. Ils ont banni les dieux, les langues, les croyances, les coutumes de vos pères. Ils ont dit à vos pères ce qu’ils devaient penser, ce qu’ils devaient croire, ce qu’ils devaient faire. Ils ont coupé vos pères de leur passé, ils leur ont arraché leur âme et leurs racines. Ils ont désenchanté l’Afrique.
Ils ont eu tort.
Ils n’ont pas vu la profondeur et la richesse de l’âme africaine. Ils ont cru qu’ils étaient supérieurs, qu’ils étaient plus avancés, qu’ils étaient le progrès, qu’ils étaient la civilisation.
Ils ont eu tort.
Ils ont voulu convertir l’homme africain, ils ont voulu le façonner à leur image, ils ont cru qu’ils avaient tous les droits, ils ont cru qu’ils étaient tout puissants, plus puissants que les dieux de l’Afrique, plus puissants que l’âme africaine, plus puissants que les liens sacrés que les hommes avaient tissés patiemment pendant des millénaires avec le ciel et la terre d’Afrique, plus puissants que les mystères qui venaient du fond des âges.
Ils ont eu tort.
Ils ont abîmé un art de vivre. Ils ont abîmé un imaginaire merveilleux. Ils ont abîmé une sagesse ancestrale.
Ils ont eu tort.
Ils ont créé une angoisse, un mal de vivre. Ils ont nourri la haine. Ils ont rendu plus difficile l’ouverture aux autres, l’échange, le partage parce que pour s’ouvrir, pour échanger, pour partager, il faut être assuré de son identité, de ses valeurs, de ses convictions. Face au colonisateur, le colonisé avait fini par ne plus avoir confiance en lui, par ne plus savoir qui il était, par se laisser gagner par la peur de l’autre, par la crainte de l’avenir.
Le colonisateur est venu, il a pris, il s’est servi, il a exploité, il a pillé des ressources, des richesses qui ne lui appartenaient pas. Il a dépouillé le colonisé de sa personnalité, de sa liberté, de sa terre, du fruit de son travail.
Il a pris mais je veux dire avec respect qu’il a aussi donné. Il a construit des ponts, des routes, des hôpitaux, des dispensaires, des écoles. Il a rendu féconde des terres vierges, il a donné sa peine, son travail, son savoir. Je veux le dire ici, tous les colons n’étaient pas des voleurs, tous les colons n’étaient pas des exploiteurs.
Il y avait parmi eux des hommes mauvais mais il y avait aussi des hommes de bonne volonté, des hommes qui croyaient remplir une mission civilisatrice, des hommes qui croyaient faire le bien. Ils se trompaient mais certains étaient sincères. Ils croyaient donner la liberté, ils créaient l’aliénation. Ils croyaient briser les chaînes de l’obscurantisme, de la superstition, de la servitude. Ils forgeaient des chaînes bien plus lourdes, ils imposaient une servitude plus pesante, car c’étaient les esprits, c’étaient les âmes qui étaient asservis. Ils croyaient donner l’amour sans voir qu’ils semaient la révolte et la haine.
La colonisation n’est pas responsable de toutes les difficultés actuelles de l’Afrique. Elle n’est pas responsable des guerres sanglantes que se font les Africains entre eux. Elle n’est pas responsable des génocides. Elle n’est pas responsable des dictateurs. Elle n’est pas responsable du fanatisme. Elle n’est pas responsable de la corruption, de la prévarication. Elle n’est pas responsable des gaspillages et de la pollution.
Mais la colonisation fut une grande faute qui fut payée par l’amertume et la souffrance de ceux qui avaient cru tout donner et qui ne comprenaient pas pourquoi on leur en voulait autant.
La colonisation fut une grande faute qui détruisit chez le colonisé l’estime de soi et fit naître dans son cœur cette haine de soi qui débouche toujours sur la haine des autres.
La colonisation fut une grande faute mais de cette grande faute est né l’embryon d’une destinée commune. Et cette idée me tient particulièrement à cœur.
La colonisation fut une faute qui a changé le destin de l’Europe et le destin de l’Afrique et qui les a mêlés. Et ce destin commun a été scellé par le sang des Africains qui sont venus mourir dans les guerres européennes.
Et la France n’oublie pas ce sang africain versé pour sa liberté.
Nul ne peut faire comme si rien n’était arrivé.
Nul ne peut faire comme si cette faute n’avait pas été commise.
Nul ne peut faire comme si cette histoire n’avait pas eu lieu.
Pour le meilleur comme pour le pire, la colonisation a transformé l’homme africain et l’homme européen.
Jeunes d’Afrique, vous êtes les héritiers des plus vieilles traditions africaines et vous êtes les héritiers de tout ce que l’Occident a déposé dans le cœur et dans l’âme de l’Afrique.
Jeunes d’Afrique, la civilisation européenne a eu tort de se croire supérieure à celle de vos ancêtres, mais désormais la civilisation européenne vous appartient aussi.
Jeunes d’Afrique, ne cédez pas à la tentation de la pureté parce qu’elle est une maladie, une maladie de l’intelligence, et qui est ce qu’il y a de plus dangereux au monde.
Jeunes d’Afrique, ne vous coupez pas de ce qui vous enrichit, ne vous amputez pas d’une part de vous-même. La pureté est un enfermement, la pureté est une intolérance. La pureté est un fantasme qui conduit au fanatisme.
Je veux vous dire, jeunes d’Afrique, que le drame de l’Afrique n’est pas dans une prétendue infériorité de son art, sa pensée, de sa culture. Car, pour ce qui est de l’art, de la pensée et de la culture, c’est l’Occident qui s’est mis à l’école de l’Afrique.
L’art moderne doit presque tout à l’Afrique. L’influence de l’Afrique a contribué à changer non seulement l’idée de la beauté, non seulement le sens du rythme, de la musique, de la danse, mais même dit Senghor, la manière de marcher ou de rire du monde du XXème siècle.
Je veux donc dire, à la jeunesse d’Afrique, que le drame de l’Afrique ne vient pas de ce que l’âme africaine serait imperméable à la logique et à la raison. Car l’homme africain est aussi logique et raisonnable que l’homme européen.
C’est en puisant dans l’imaginaire africain que vous ont légué vos ancêtres, c’est en puisant dans les contes, dans les proverbes, dans les mythologies, dans les rites, dans ces formes qui, depuis l’aube des temps, se transmettent et s’enrichissent de génération en génération que vous trouverez l’imagination et la force de vous inventer un avenir qui vous soit propre, un avenir singulier qui ne ressemblera à aucun autre, où vous vous sentirez enfin libres, libres, jeunes d’Afrique d’être vous-mêmes, libre de décider par vous-mêmes.
Je suis venu vous dire que vous n’avez pas à avoir honte des valeurs de la civilisation africaine, qu’elles ne vous tirent pas vers le bas mais vers le haut, qu’elles sont un antidote au matérialisme et à l’individualisme qui asservissent l’homme moderne, qu’elles sont le plus précieux des héritages face à la déshumanisation et à l’aplatissement du monde.
Je suis venu vous dire que l’homme moderne qui éprouve le besoin de se réconcilier avec la nature a beaucoup à apprendre de l’homme africain qui vit en symbiose avec la nature depuis des millénaires.
Je suis venu vous dire que cette déchirure entre ces deux parts de vous-mêmes est votre plus grande force, et votre plus grande faiblesse selon que vous vous efforcerez ou non d’en faire la synthèse.
Mais je suis aussi venu vous dire qu’il y a en vous, jeunes d’Afrique, deux héritages, deux sagesses, deux traditions qui se sont longtemps combattues: celle de l’Afrique et celle de l’Europe.
Je suis venu vous dire que cette part africaine et cette part européenne de vous-mêmes forment votre identité déchirée.
Je ne suis pas venu, jeunes d’Afrique, vous donner des leçons.
Je ne suis pas venu vous faire la morale.
Mais je suis venu vous dire que la part d’Europe qui est en vous est le fruit d’un grand péché d’orgueil de l’Occident mais que cette part d’Europe en vous n’est pas indigne.
Car elle est l’appel de la liberté, de l’émancipation et de la justice et de l’égalité entre les femmes et les hommes.
Car elle est l’appel à la raison et à la conscience universelles.
Le drame de l’Afrique, c’est que l’homme africain n’est pas assez entré dans l’histoire. Le paysan africain, qui depuis des millénaires, vit avec les saisons, dont l’idéal de vie est d’être en harmonie avec la nature, ne connaît que l’éternel recommencement du temps rythmé par la répétition sans fin des mêmes gestes et des mêmes paroles.
Dans cet imaginaire où tout recommence toujours, il n’y a de place ni pour l’aventure humaine, ni pour l’idée de progrès.
Dans cet univers où la nature commande tout, l’homme échappe à l’angoisse de l’histoire qui tenaille l’homme moderne mais l’homme reste immobile au milieu d’un ordre immuable ou [sic] tout semble être écrit d’avance.
Jamais l’homme ne s’élance vers l’avenir. Jamais il ne lui vient à l’idée de sortir de la répétition pour s’inventer un destin.
Le problème de l’Afrique et permettez à un ami de l’Afrique de le dire, il est là. Le défi de l’Afrique, c’est d’entrer davantage dans l’histoire. C’est de puiser en elle l’énergie, la force, l’envie, la volonté d’écouter et d’épouser sa propre histoire.
Le problème de l’Afrique, c’est de cesser de toujours répéter, de toujours ressasser, de se libérer du mythe de l’éternel retour, c’est de prendre conscience que l’âge d’or qu’elle ne cesse de regretter, ne reviendra pas pour la raison qu’il n’a jamais existé.
Le problème de l’Afrique, c’est qu’elle vit trop le présent dans la nostalgie du paradis perdu de l’enfance.
Le problème de l’Afrique, c’est que trop souvent elle juge le présent par rapport à une pureté des origines totalement imaginaire et que personne ne peut espérer ressusciter.
Le problème de l’Afrique, ce n’est pas de s’inventer un passé plus ou moins mythique pour s’aider à supporter le présent mais de s’inventer un avenir avec des moyens qui lui soient propres.
Le problème de l’Afrique, ce n’est pas de se préparer au retour du malheur, comme si celui-ci devait indéfiniment se répéter, mais de vouloir se donner les moyens de conjurer le malheur, car l’Afrique a le droit au bonheur comme tous les autres continents du monde.
Le problème de l’Afrique, c’est de rester fidèle à elle-même sans rester immobile.
Le défi de l’Afrique, c’est d’apprendre à regarder son accession à l’universel non comme un reniement de ce qu’elle est mais comme un accomplissement.
Le défi de l’Afrique, c’est d’apprendre à se sentir l’héritière de tout ce qu’il y a d’universel dans toutes les civilisations humaines.
C’est de s’approprier les droits de l’homme, la démocratie, la liberté, l’égalité, la justice comme l’héritage commun de toutes les civilisations et de tous les hommes.
C’est de s’approprier la science et la technique modernes comme le produit de toute l’intelligence humaine.
Le défi de l’Afrique est celui de toutes les civilisations, de toutes les cultures, de tous les peuples qui veulent garder leur identité sans s’enfermer parce qu’ils savent que l’enfermement est mortel.
Les civilisations sont grandes à la mesure de leur participation au grand métissage de l’esprit humain.
La faiblesse de l’Afrique qui a connu sur son sol tant de civilisations brillantes, ce fut longtemps de ne pas participer assez à ce grand métissage. Elle a payé cher, l’Afrique, ce désengagement du monde qui l’a rendue si vulnérable. Mais, de ses malheurs, l’Afrique a tiré une force nouvelle en se métissant à son tour. Ce métissage, quelles que fussent les conditions douloureuses de son avènement, est la vraie force et la vraie chance de l’Afrique au moment où émerge la première civilisation mondiale.
La civilisation musulmane, la chrétienté, la colonisation, au-delà des crimes et des fautes qui furent commises en leur nom et qui ne sont pas excusables, ont ouvert les cœurs et les mentalités africaines à l’universel et à l’histoire.
Ne vous laissez pas, jeunes d’Afrique, voler votre avenir par ceux qui ne savent opposer à l’intolérance que l’intolérance, au racisme que le racisme.
Ne vous laissez pas, jeunes d’Afrique, voler votre avenir par ceux qui veulent vous exproprier d’une histoire qui vous appartient aussi parce qu’elle fut l’histoire douloureuse de vos parents, de vos grands-parents et de vos aïeux.
N’écoutez pas, jeunes d’Afrique, ceux qui veulent faire sortir l’Afrique de l’histoire au nom de la tradition parce qu’une Afrique ou [sic] plus rien ne changerait serait de nouveau condamnée à la servitude.
N’écoutez pas, jeunes d’Afrique, ceux qui veulent vous empêcher de prendre votre part dans l’aventure humaine, parce que sans vous, jeunes d’Afrique qui êtes la jeunesse du monde, l’aventure humaine sera moins belle.
N’écoutez pas jeunes d’Afrique, ceux qui veulent vous déraciner, vous priver de votre identité, faire table rase de tout ce qui est africain, de toute la mystique, la religiosité, la sensibilité, la mentalité africaine, parce que pour échanger il faut avoir quelque chose à donner, parce que pour parler aux autres, il faut avoir quelque chose à leur dire.
Ecoutez plutôt, jeunes d’Afrique, la grande voix du Président Senghor qui chercha toute sa vie à réconcilier les héritages et les cultures au croisement desquels les hasards et les tragédies de l’histoire avaient placé l’Afrique.
Il disait, lui l’enfant de Joal, qui avait été bercé par les rhapsodies des griots, il disait: »nous sommes des métis culturels, et si nous sentons en nègres, nous nous exprimons en français, parce que le français est une langue à vocation universelle, que notre message s’adresse aussi aux Français et aux autres hommes«.
Il disait aussi: »le français nous a fait don de ses mots abstraits – si rares dans nos langues maternelles. Chez nous les mots sont naturellement nimbés d’un halo de sève et de sang; les mots du français eux rayonnent de mille feux, comme des diamants. Des fusées qui éclairent notre nuit«.
Ainsi parlait Léopold Senghor qui fait honneur à tout ce que l’humanité comprend d’intelligence. Ce grand poète et ce grand Africain voulait que l’Afrique se mit à parler à toute l’humanité et lui écrivait en français des poèmes pour tous les hommes.
Ces poèmes étaient des chants qui parlaient, à tous les hommes, d’êtres fabuleux qui gardent des fontaines, chantent dans les rivières et qui se cachent dans les arbres.
Des poèmes qui leur faisaient entendre les voix des morts du village et des ancêtres.
Des poèmes qui faisaient traverser des forêts de symboles et remonter jusqu’aux sources de la mémoire ancestrale que chaque peuple garde au fond de sa conscience comme l’adulte garde au fond de la sienne le souvenir du bonheur de l’enfance.
Car chaque peuple a connu ce temps de l’éternel présent, où il cherchait non à dominer l’univers mais à vivre en harmonie avec l’univers. Temps de la sensation, de l’instinct, de l’intuition. Temps du mystère et de l’initiation. Temps mystique ou [sic] le sacré était partout, où tout était signes et correspondances. C’est le temps des magiciens, des sorciers et des chamanes. Le temps de la parole qui était grande, parce qu’elle se respecte et se répète de génération en génération, et transmet, de siècle en siècle, des légendes aussi anciennes que les dieux.
L’Afrique a fait se ressouvenir à tous les peuples de la terre qu’ils avaient partagé la même enfance. L’Afrique en a réveillé les joies simples, les bonheurs éphémères et ce besoin, ce besoin auquel je crois moi-même tant, ce besoin de croire plutôt que de comprendre, ce besoin de ressentir plutôt que de raisonner, ce besoin d’être en harmonie plutôt que d’être en conquête.
Ceux qui jugent la culture africaine arriérée, ceux qui tiennent les Africains pour de grands enfants, tous ceux-là ont oublié que la Grèce antique qui nous a tant appris sur l’usage de la raison avait aussi ses sorciers, ses devins, ses cultes à mystères, ses sociétés secrètes, ses bois sacrés et sa mythologie qui venait du fond des âges et dans laquelle nous puisons encore, aujourd’hui, un inestimable trésor de sagesse humaine.
L’Afrique qui a aussi ses grands poèmes dramatiques et ses légendes tragiques, en écoutant Sophocle, a entendu une voix plus familière qu’elle ne l’aurait crû et l’Occident a reconnu dans l’art africain des formes de beauté qui avaient jadis été les siennes et qu’il éprouvait le besoin de ressusciter.
Alors entendez, jeunes d’Afrique, combien Rimbaud est africain quand il met des couleurs sur les voyelles comme tes [sic] ancêtres en mettaient sur leurs masques, »masque noir, masque rouge, masque blanc-et-noir«.
Ouvrez les yeux, jeunes d’Afrique, et ne regardez plus, comme l’ont fait trop souvent vos aînés, la civilisation mondiale comme une menace pour votre identité mais la civilisation mondiale comme quelque chose qui vous appartient aussi.
Dès lors que vous reconnaîtrez dans la sagesse universelle une part de la sagesse que vous tenez de vos pères et que vous aurez la volonté de la faire fructifier, alors commencera ce que j’appelle de mes vœux, la Renaissance africaine.
Dès lors que vous proclamerez que l’homme africain n’est pas voué à un destin qui serait fatalement tragique et que, partout en Afrique, il ne saurait y avoir d’autre but que le bonheur, alors commencera la Renaissance africaine.
Dès lors que vous, jeunes d’Afrique, vous déclarerez qu’il ne saurait y avoir d’autres finalités pour une politique africaine que l’unité de l’Afrique et l’unité du genre humain, alors commencera la Renaissance africaine.
Dès lors que vous regarderez bien en face la réalité de l’Afrique et que vous la prendrez à bras le corps, alors commencera la Renaissance africaine. Car le problème de l’Afrique, c’est qu’elle est devenue un mythe que chacun reconstruit pour les besoins de sa cause.
Et ce mythe empêche de regarder en face la réalité de l’Afrique.
La réalité de l’Afrique, c’est une démographie trop forte pour une croissance économique trop faible. La réalité de l’Afrique, c’est encore trop de famine, trop de misère.
La réalité de l’Afrique, c’est la rareté qui suscite la violence.
La réalité de l’Afrique, c’est le développement qui ne va pas assez vite, c’est l’agriculture qui ne produit pas assez, c’est le manque de routes, c’est le manque d’écoles, c’est le manque d’hôpitaux.
La réalité de l’Afrique, c’est un grand gaspillage d’énergie, de courage, de talents, d’intelligence.
La réalité de l’Afrique, c’est celle d’un grand continent qui a tout pour réussir et qui ne réussit pas parce qu’il n’arrive pas à se libérer de ses mythes.
La Renaissance dont l’Afrique a besoin, vous seuls, Jeunes d’Afrique, vous pouvez l’accomplir parce que vous seuls en aurez la force.
Cette Renaissance, je suis venu vous la proposer. Je suis venu vous la proposer pour que nous l’accomplissions ensemble parce que de la Renaissance de l’Afrique dépend pour une large part la Renaissance de l’Europe et la Renaissance du monde.
Je sais l’envie de partir qu’éprouvent un si grand nombre d’entre vous confrontés aux difficultés de l’Afrique.
Je sais la tentation de l’exil qui pousse tant de jeunes Africains à aller chercher ailleurs ce qu’ils ne trouvent pas ici pour faire vivre leur famille.
Je sais ce qu’il faut de volonté, ce qu’il faut de courage pour tenter cette aventure, pour quitter sa patrie, la terre où l’on est né, où l’on a grandi, pour laisser derrière soi les lieux familiers où l’on a été heureux, l’amour d’une mère, d’un père ou d’un frère et cette solidarité, cette chaleur, cet esprit communautaire qui sont si forts en Afrique.
Je sais ce qu’il faut de force d’âme pour affronter le dépaysement, l’éloignement, la solitude.
Je sais ce que la plupart d’entre eux doivent affronter comme épreuves, comme difficultés, comme risques.
Je sais qu’ils iront parfois jusqu’à risquer leur vie pour aller jusqu’au bout de ce qu’ils croient être leur rêve.
Mais je sais que rien ne les retiendra.
Car rien ne retient jamais la jeunesse quand elle se croit portée par ses rêves.
Je ne crois pas que la jeunesse africaine ne soit poussée à partir que pour fuir la misère.
Je crois que la jeunesse africaine s’en va parce que, comme toutes les jeunesses, elle veut conquérir le monde.
Comme toutes les jeunesses, elle a le goût de l’aventure et du grand large.
Elle veut aller voir comment on vit, comment on pense, comment on travaille, comment on étudie ailleurs.
L’Afrique n’accomplira pas sa Renaissance en coupant les ailes de sa jeunesse. Mais l’Afrique a besoin de sa jeunesse.
La Renaissance de l’Afrique commencera en apprenant à la jeunesse africaine à vivre avec le monde, non à le refuser.
La jeunesse africaine doit avoir le sentiment que le monde lui appartient comme à toutes les jeunesses de la terre.
La jeunesse africaine doit avoir le sentiment que tout deviendra possible comme tout semblait possible aux hommes de la Renaissance.
Alors, je sais bien que la jeunesse africaine, ne doit pas être la seule jeunesse du monde assignée à résidence.
Elle ne peut pas être la seule jeunesse du monde qui n’a le choix qu’entre la clandestinité et le repliement sur soi.
Elle doit pouvoir acquérir, hors, d’Afrique la compétence et le savoir qu’elle ne trouverait pas chez elle.
Mais elle doit aussi à la terre africaine de mettre à son service les talents qu’elle aura développés. Il faut revenir bâtir l’Afrique; il faut lui apporter le savoir, la compétence le dynamisme de ses cadres. Il faut mettre un terme au pillage des élites africaines dont l’Afrique a besoin pour se développer.
Ce que veut la jeunesse africaine c’est de ne pas être à la merci des passeurs sans scrupules qui jouent avec votre vie.
Ce que veut la jeunesse d’Afrique, c’est que sa dignité soit préservée.
C’est pouvoir faire des études, c’est pouvoir travailler, c’est pouvoir vivre décemment. C’est au fond, ce que veut toute l’Afrique. L’Afrique ne veut pas de la charité. L’Afrique ne veut pas d’aide. L’Afrique ne veut pas de passe-droit.
Ce que veut l’Afrique et ce qu’il faut lui donner, c’est la solidarité, la compréhension et le respect.
Ce que veut l’Afrique, ce n’est pas que l’on prenne son avenir en main, ce n’est pas que l’on pense à sa place, ce n’est pas que l’on décide à sa place.
Ce que veut l’Afrique est ce que veut la France, c’est la coopération, c’est l’association, c’est le partenariat entre des nations égales en droits et en devoirs.
Jeunesse africaine, vous voulez la démocratie, vous voulez la liberté, vous voulez la justice, vous voulez le Droit? C’est à vous d’en décider. La France ne décidera pas à votre place. Mais si vous choisissez la démocratie, la liberté, la justice et le Droit, alors la France s’associera à vous pour les construire.
Jeunes d’Afrique, la mondialisation telle qu’elle se fait ne vous plaît pas. L’Afrique a payé trop cher le mirage du collectivisme et du progressisme pour céder à celui du laisser-faire.
Jeunes d’Afrique vous croyez que le libre échange est bénéfique mais que ce n’est pas une religion. Vous croyez que la concurrence est un moyen mais que ce n’est pas une fin en soi. Vous ne croyez pas au laisser-faire. Vous savez qu’à être trop naïve, l’Afrique serait condamnée à devenir la proie des prédateurs du monde entier. Et cela vous ne le voulez pas. Vous voulez une autre mondialisation, avec plus d’humanité, avec plus de justice, avec plus de règles.
Je suis venu vous dire que la France la veut aussi. Elle veut se battre avec l’Europe, elle veut se battre avec l’Afrique, elle veut se battre avec tous ceux, qui dans le monde, veulent changer la mondialisation. Si l’Afrique, la France et l’Europe le veulent ensemble, alors nous réussirons. Mais nous ne pouvons pas exprimer une volonté votre place [sic].
Jeunes d’Afrique, vous voulez le développement, vous voulez la croissance, vous voulez la hausse du niveau de vie.
Mais le voulez-vous vraiment? Voulez-vous que cesse l’arbitraire, la corruption, la violence? Voulez-vous que la propriété soit respectée, que l’argent soit investi au lieu d’être détourné? Voulez-vous que l’État se remette à faire son métier, qu’il soit allégé des bureaucraties qui l’étouffent, qu’il soit libéré du parasitisme, du clientélisme, que son autorité soit restaurée, qu’il domine les féodalités, qu’il domine les corporatismes? Voulez-vous que partout règne l’État de droit qui permet à chacun de savoir raisonnablement ce qu’il peut attendre des autres?
Si vous le voulez, alors la France sera à vos côtés pour l’exiger, mais personne ne le voudra à votre place.
Voulez-vous qu’il n’y ait plus de famine sur la terre africaine? Voulez-vous que, sur la terre africaine, il n’y ait plus jamais un seul enfant qui meure de faim? Alors cherchez l’autosuffisance alimentaire. Alors développez les cultures vivrières. L’Afrique a d’abord besoin de produire pour se nourrir. Si c’est ce que vous voulez, jeunes d’Afrique, vous tenez entre vos mains l’avenir de l’Afrique, et la France travaillera avec vous pour bâtir cet avenir.
Vous voulez lutter contre la pollution? Vous voulez que le développement soit durable? Vous voulez que les générations actuelles ne vivent plus au détriment des générations futures? Vous voulez que chacun paye le véritable coût de ce qu’il consomme? Vous voulez développer les technologies propres? C’est à vous de le décider. Mais si vous le décidez, la France sera à vos côtés.
Vous voulez la paix sur le continent africain? Vous voulez la sécurité collective? Vous voulez le règlement pacifique des conflits? Vous voulez mettre fin au cycle infernal de la vengeance et de la haine? C’est à vous, mes amis africains, de le décider. Et si vous le décidez, la France sera à vos côtés, comme une amie indéfectible, mais la France ne peut pas vouloir à la place de la jeunesse d’Afrique.
Vous voulez l’unité africaine? La France le [sic] souhaite aussi.
Parce que la France souhaite l’unité de l’Afrique, car l’unité de l’Afrique rendra l’Afrique aux Africains.
Ce que veut faire la France avec l’Afrique, c’est regarder en face les réalités. C’est faire la politique des réalités et non plus la politique des mythes.
Ce que la France veut faire avec l’Afrique, c’est le co-développement, c’est-à-dire le développement partagé.
La France veut avec l’Afrique des projets communs, des pôles de compétitivité communs, des universités communes, des laboratoires communs.
Ce que la France veut faire avec l’Afrique, c’est élaborer une stratégie commune dans la mondialisation.
Ce que la France veut faire avec l’Afrique, c’est une politique d’immigration négociée ensemble, décidée ensemble pour que la jeunesse africaine puisse être accueillie en France et dans toute l’Europe avec dignité et avec respect.
Ce que la France veut faire avec l’Afrique, c’est une alliance de la jeunesse française et de la jeunesse africaine pour que le monde de demain soit un monde meilleur.
Ce que veut faire la France avec l’Afrique, c’est préparer l’avènement de l’Eurafrique, ce grand destin commun qui attend l’Europe et l’Afrique.
A ceux qui, en Afrique, regardent avec méfiance ce grand projet de l’Union Méditerranéenne que la France a proposé à tous les pays riverains de la Méditerranée, je veux dire que, dans l’esprit de la France, il ne s’agit nullement de mettre à l’écart l’Afrique qui s’étend au sud du Sahara mais, qu’au contraire, il s’agit de faire de cette Union le pivot de l’Eurafrique, la première étape du plus grand rêve de paix et de prospérité qu’Européens et Africains sont capables de concevoir ensemble.
Alors, mes chers Amis, alors seulement, l’enfant noir de Camara Laye, à genoux dans le silence de la nuit africaine, saura et comprendra qu’il peut lever la tête et regarder avec confiance l’avenir. Et cet enfant noir de Camara Laye, il sentira réconciliées en lui les deux parts de lui-même. Et il se sentira enfin un homme comme tous les autres hommes de l’humanité.
Je vous remercie.
Quelle: http://www.elysee.fr/elysee/elysee.fr/francais/interventions/2007/ juillet/allocution_a_l_universite_de_dakar.79184.html
Rede des französischen Staatspräsidenten
Nicolas Sarkozy
Universität Dakar – Senegal
Donnerstag, 26. Juli 2007
Sehr geehrte Damen und Herren!
Gestatten Sie mir zunächst, der Regierung Senegals und dem senegalesischen Volk für den außerordentlich herzlichen Empfang zu danken. Danken möchte ich auch der Universität Dakar, die es mir erstmals ermöglicht, als französischer Staatspräsident das Wort an die Elite der afrikanischen Jugend zu richten.
Ich bin gekommen, um zu Ihnen so offen und ehrlich zu sprechen, wie man mit Freunden spricht, die man liebt und respektiert. Ich liebe Afrika, ich respektiere und liebe die Afrikaner.
Zwischen dem Senegal und Frankreich hat die Geschichte Bande einer Freundschaft geknüpft, die niemand zu lösen vermag. Es ist dies eine starke und aufrichtige Freundschaft. Deshalb will ich heute von Dakar aus einen brüderlichen Gruß Frankreichs an ganz Afrika richten.
Ich möchte mich heute Abend an alle Afrikaner wenden. Sie unterscheiden sich alle grundlegend voneinander. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache, sie haben nicht dieselbe Religion, nicht dieselben Bräuche, nicht dieselbe Kultur, nicht dieselbe Geschichte; und dennoch erkennen und anerkennen sie einander als Afrikaner. Hierin liegt schon ein erstes Geheimnis Afrikas.
Jawohl, heute Abend möchte ich mich an alle Bewohner dieses geschundenen Kontinents wenden, vor allem an seine Jugend, an euch, die ihr einander bekämpft und oft so sehr gehasst habt, die ihr einander manchmal immer noch bekämpft und hasst, aber doch zugleich als Brüder erkennt und anerkennt, Brüder im Leiden, Brüder in der Erniedrigung, Brüder in der Revolte, Brüder in der Hoffnung, Brüder, weil ihr fühlt, eine gemeinsame Bestimmung zu haben, Brüder in jenem geheimnisvollen Glauben, durch den ihr mit der afrikanischen Erde verbunden seid, der von Generation zu Generation weitergegeben wird und auch im Exil nicht erlischt.
Ich bin nicht gekommen, ihr jungen Menschen von Afrika, um gemeinsam mit euch Tränen über das Elend Afrikas zu vergießen, denn Afrika ist nicht auf meine Tränen angewiesen.
Ich bin nicht gekommen, ihr jungen Menschen von Afrika, um euer Schicksal zu beklagen, denn euer Schicksal ist vor allem in eure eigenen Hände gelegt. Stolze Jugend Afrikas, wozu sollte euch mein Mitleid nützen?
Ich bin nicht gekommen, die Vergangenheit auszulöschen, denn die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen.
Ich bin nicht gekommen, Fehler und Verbrechen zu leugnen, denn Fehler und Verbrechen hat es sehr wohl gegeben.
Es gab den Sklavenhandel, es gab die Sklaverei: Männer, Frauen, Kinder – gekauft und verkauft wie Waren. Und das war nicht nur ein Verbrechen an den Afrikanern. Das war ein Verbrechen am Menschen, an der ganzen Menschheit.
Der Afrikaner – schwarzer Mensch, der in einem fort »aus dem Schiffsladeraum die angeketteten Verwünschungen hört, den gestoßenen Atem der Sterbenden, das Aufklatschen, wenn man einen von ihnen ins Meer geworfen hat«; schwarzer Mensch, der sich in endloser Wiederholung erinnert: »Und dieses Land verkündete jahrhundertelang, wir seien wilde Tiere«. Dieser schwarze Mensch, das möchte ich hier in Dakar aussprechen, hat das Antlitz aller Menschen dieser Erde.
Dieses Leiden des schwarzen Menschen – und ich spreche da nicht vom Mann, ich spreche vom menschlichen Wesen und somit ganz allgemein von Frau und Mann16 – dieses Leiden des schwarzen Menschen ist das Leiden aller Menschen. Diese offene Wunde in der Seele des schwarzen Menschen ist eine offene Wunde in der Seele aller Menschen.
Aber niemand kann von heutigen Generationen verlangen, für dieses Verbrechen zu büßen, das frühere Generationen begangen haben. Niemand kann von den Söhnen verlangen, die Sünden ihrer Väter zu bereuen.
Ihr jungen Afrikaner, ich bin nicht gekommen, um zu euch von Reue zu sprechen. Ich bin gekommen, euch zu sagen, dass ich den Menschenhandel und die Sklaverei als Verbrechen gegenüber der Menschheit empfinde. Ich bin gekommen, euch zu sagen, dass eure Zerrissenheit und euer Leiden auch unsere und daher auch meine Zerrissenheit und mein Leiden sind.
Ich bin gekommen, euch vorzuschlagen, dass wir – Afrikaner und Franzosen – gemeinsam einen Blick jenseits dieser Zerrissenheit und dieses Leidens werfen.
Ich bin gekommen, um euch vorzuschlagen, ihr jungen Afrikaner, diese Zerrissenheit und dieses Leiden nicht etwa zu vergessen – sie können nicht vergessen werden –, sondern sie zu überwinden.
Ich bin gekommen, um euch vorzuschlagen, ihr jungen Afrikaner, nicht etwa gemeinsam die Vergangenheit wiederzukäuen, sondern gemeinsam Lehren aus ihr zu ziehen, um so gemeinsam die Zukunft anvisieren zu können.
Ihr jungen Afrikaner, ich bin gekommen, um mit euch unserer gemeinsamen Geschichte ins Auge zu sehen.
Afrika hat sein Unglück mitzuverantworten. In Afrika haben die Menschen einander mindestens im selben Ausmaß getötet wie in Europa. Es stimmt indes, dass die Europäer als Eroberer nach Afrika kamen. Sie eigneten sich das Land eurer Vorfahren an. Sie verbannten die Götter eurer Väter, ächteten deren Sprachen, deren Glauben und deren Bräuche. Sie schrieben euren Vätern vor, was sie zu denken, zu glauben, zu tun hatten. Sie durchschnitten bei euren Vätern das Band zur Geschichte, sie raubten ihnen die Seele, ihre Wurzeln. Sie haben Afrika profaniert.
Das war unrecht, ihr Unrecht.
Sie nahmen die Tiefe und den Reichtum der afrikanischen Seele nicht wahr. Sie glaubten sich überlegen, höher entwickelt, hielten sich für den Inbegriff des Fortschritts und der Zivilisation.
Das war unrecht, ihr Unrecht.
Sie wollten den afrikanischen Menschen bekehren, wollten ihr Ebenbild aus ihm machen, sie maßten sich alle Rechte an, glaubten sich allmächtig, mächtiger als die Götter Afrikas, mächtiger als die afrikanische Seele, mächtiger als die heiligen Bande, die die Menschen über viele Jahrtausende geduldig mit dem Himmel und der Erde des afrikanischen Kontinents geknüpft hatten, mächtiger als die Geheimnisse aus dem Urgrund der Zeit.
Das war unrecht, ihr Unrecht.
Sie zerstörten das Kunstwerk einer Lebensgestaltung. Sie zerstörten eine wunderbare Vorstellungswelt. Sie zerstörten die Weisheit der Väter.
Das war unrecht, ihr Unrecht.
Sie erzeugten Angst und Lebensverzagtheit. Sie schürten Hass. Sie erschwerten die Öffnung gegenüber dem Anderen, den Austausch, das Teilen; denn um sich zu öffnen, um etwas auszutauschen, um zu teilen, muss man sich seiner Identität, seiner Werte, seiner Überzeugungen sicher sein. Im Kontakt mit dem Kolonisator hatte der kolonialisierte Mensch sein Selbstvertrauen verloren, hatte vergessen, wer er war, hatte sich von der Angst vor dem Anderen und vor der Zukunft übermannen lassen.
Der Kolonisator kam und nahm, er füllte seine Taschen, er machte sich alle und alles zu Nutzen, er plünderte Ressourcen und Schätze, die ihm nicht gehörten. Er raubte dem kolonialisierten Menschen seine Persönlichkeit, seine Freiheit, sein Land, die Frucht seiner Arbeit.
Er hat genommen, aber bei allem gebotenen Respekt möchte ich sagen dürfen, dass er auch gegeben hat. Er baute Brücken, Straßen, Spitäler, Ambulanzen, Schulen. Er machte Brachland fruchtbar, er investierte Mühe, Arbeit und Wissen. Ich möchte hier sagen dürfen: Nicht alle Kolonisatoren waren Diebe und Ausbeuter.
Es gab unter ihnen schlechte Menschen, aber es gab auch Menschen guten Willens, Menschen, die glaubten, einen zivilisatorischen Auftrag zu erfüllen, Menschen, die glaubten, Gutes zu tun. Dabei irrten sie gewiss, aber einige von ihnen meinten es ehrlich. Sie glaubten, die Freiheit weiterzugeben, und schufen Entfremdung. Sie glaubten, die Ketten der Fortschrittsfeindlichkeit, des Aberglaubens, der Knechtschaft zu sprengen, und schmiedeten weit schwerere Ketten. Sie brachten eine weit schwerwiegendere Knechtschaft mit, eine, die das Denken und die Seelen unterjochte. Sie glaubten, Liebe zu schenken, und merkten nicht, dass sie Hass und Revolte säten.
Der Kolonialismus ist nicht für alle Schwierigkeiten im heutigen Afrika verantwortlich zu machen. Er ist nicht verantwortlich für blutige Kriege, die sich die Afrikaner untereinander liefern. Er ist nicht für Völkermorde verantwortlich. Er ist nicht für Diktatoren verantwortlich. Er ist nicht für Fanatismus und nicht für Korruption und Amtsmissbrauch verantwortlich. Er ist nicht verantwortlich für Verschwendung und Umweltverschmutzung.
Doch der Kolonialismus war ein großer Fehler, für den jene mit Verbitterung und Leid bezahlen sollten, die geglaubt hatten, alles zu geben, und nicht verstanden, warum man ihnen so feindselig begegnete.
Der Kolonialismus war ein großer Fehler, der im kolonialisierten Menschen die Selbstachtung zerstörte und in seinem Herzen jenen Selbsthass entstehen ließ, der unweigerlich zum Hass gegenüber anderen Menschen führt.
Der Kolonialismus war ein großer Fehler, aber dieser große Fehler wurde zum Embryo eines gemeinsamen Schicksals. Dies ist nun ein Gedanke, der mir besonders am Herzen liegt.
Der Kolonialismus war ein Fehler, der den Geschicken Europas und den Geschicken Afrikas eine neue Richtung gab und sie durchmischte. Und dieses gemeinsame Schicksal wurde mit dem Blut jener Afrikaner besiegelt, die in den europäischen Kriegen umkamen.
Und Frankreich vergisst nicht, dass afrikanisches Blut für Frankreichs Freiheit vergossen wurde.
Niemand kann vor dem Geschehenen die Augen verschließen.
Niemand kann diesen Fehler ungeschehen machen.
Niemand kann diesen Teil der Geschichte ungeschehen machen.
Zum Guten wie zum Schlechten, der Kolonialismus verwandelte beide, den afrikanischen und den europäischen Menschen.
Ihr jungen Afrikaner, ihr seid die Erben der uralten Traditionen Afrikas und ihr seid die Erben all dessen, was der Westen Afrika in Herz und Seele gelegt hat.
Ihr jungen Afrikaner, die europäische Gesellschaft war im Unrecht, wenn sie sich der Kultur eurer Vorfahren überlegen glaubte, aber heute und in Zukunft gehört die europäische Kultur auch euch.
Ihr jungen Afrikaner, lasst euch nicht verführen von der Idee der Reinheit, denn sie ist eine Krankheit, eine Krankheit des Verstandes, die zu den größten Gefahren in der Welt zählt.
Ihr jungen Afrikaner, trennt euch nicht gewaltsam von dem, was euch reicher macht, amputiert nicht einen Teil eurer selbst! Reinheit ist ein Gefängnis, Reinheit ist Intoleranz. Reinheit ist eine Wahnvorstellung, die zu Fanatismus führt.
Ihr jungen Afrikaner, ich möchte euch sagen, dass das Drama Afrikas nicht in seiner angeblichen Unterlegenheit in Kunst, Philosophie und Kultur besteht. Denn gerade in den Bereichen der Kunst, der Philosophie und der Kultur ging das Abendland bei Afrika in die Schule.
Die moderne Kunst verdankt Afrika fast alles. Afrikas Einfluss war im 20. Jahrhundert ein Beitrag zur Veränderung nicht nur der Vorstellungen von Schönheit, nicht nur des Verständnisses von Rhythmus, Musik und Tanz, sondern auch – wie Senghor sagt – der Art zu gehen oder zu lachen.
Mit anderen Worten, ich möchte der Jugend Afrikas sagen, dass das Drama Afrikas keineswegs daher rührt, dass die afrikanische Seele nicht aufnahmefähig wäre für Logik und Vernunft, denn der afrikanische Mensch ist genauso logisch und vernünftig wie der europäische Mensch.
Wenn ihr euch in die afrikanische Vorstellungswelt, die ihr von euren Vorfahren geerbt habt, vertieft, in die Sagen, Sprichwörter, Mythologien, Rituale, in all jene Formen, welche seit der Morgenröte der menschlichen Zeit von den Generationen Afrikas ausgestaltet und einander weitergegeben werden, dann findet ihr auch die Einfallskraft, um euch eine eigene Zukunft zu erschließen, eine spezifische Zukunft, die keiner anderen gleicht, wo ihr euch endlich frei fühlen werdet – ja, ihr jungen Afrikaner, frei dazu, ihr selbst zu sein und selbst zu entscheiden.
Ich bin gekommen, euch zu sagen, dass ihr euch der Werte der afrikanischen Kultur nicht zu schämen braucht, dass diese Werte euch nicht nach unten, sondern nach oben ziehen, dass sie ein Gegengift sind gegen Materialismus und Individualismus, die beide den modernen Menschen unterjochen, dass diese Werte das wertvollste Erbe sind, eine Antwort auf die Deshumanisierung und Verflachung der Welt.
Ich bin gekommen, euch zu sagen, dass der moderne Mensch, der sich mit der Natur wieder versöhnen will, sehr viel vom afrikanischen Menschen lernen kann, weil dieser seit Tausenden von Jahren in Symbiose mit der Natur lebt.
Ich bin gekommen euch zu sagen, dass dieser Riss zwischen den beiden Teilen eurer selbst zugleich eure größte Stärke und euer größter Schwachpunkt ist, je nachdem, ob ihr euch um die notwendige Synthese bemüht oder sie vernachlässigt.
Doch ich bin auch gekommen, euch zu sagen, dass in euch, ihr jungen Afrikaner, zwei Erbteile angelegt sind, zwei Weisheitsstränge, zwei Traditionen, die einander lange Zeit bekämpft haben: die afrikanische und die europäische.
Ich bin gekommen, euch zu sagen, dass dieser afrikanische und dieser europäische Teil eurer selbst eben eure zerrissene Identität bilden.
Ihr jungen Afrikaner, ich bin nicht gekommen, euch eine Lektion zu erteilen.
Ich bin nicht gekommen, euch zu maßregeln.
Ich bin indes gekommen, euch zu sagen, dass der Anteil Europas, der in euch wohnt, zwar die Frucht eines großen westlichen Sündenfalls im Zeichen des Hochmuts ist, dass jedoch dieser Anteil keinesfalls unwürdig ist.
Denn er ist der Ruf nach Freiheit, nach Emanzipation und Gerechtigkeit, nach Gleichheit von Frau und Mann.
Denn er ist der Ruf nach universeller Vernunft und universellem Bewusstsein.
Das Drama Afrikas besteht darin, dass der afrikanische Mensch nicht ausreichend in die Geschichte eingetreten ist. Der afrikanische Bauer, der seit Jahrtausenden im Gleichklang mit den Jahreszeiten und für ein Lebensideal – nämlich die harmonische Beziehung zur Natur – lebt, dieser afrikanische Bauer kennt nichts anderes als die ewige Wiederkehr der Zeit, die ihren Rhythmus durch die unendliche Wiederholung der ewig gleichen Gesten und ewig gleichen Worte erfährt.
In dieser Vorstellungswelt, wo alles immer wieder von neuem beginnt, ist kein Platz für das Abenteuer Mensch, für die Fortschrittsidee.
In diesem geistigen Kosmos, wo von der Natur alles vorgegeben wird, ist der Mensch zwar von der Angst gegenüber der Geschichte, von dieser Pein des modernen Menschen verschont, aber der Mensch bleibt unbeweglich: verhaftet in einer unverrückbaren Ordnung, wo alles von Anbeginn festgelegt scheint.
Niemals schwingt sich da der Mensch auf zur Zukunft. Niemals kommt es ihm in den Sinn, aus der Sphäre der Wiederholung herauszutreten, um sich eine eigene Bestimmung zu erschließen.
Dies ist – gestatten Sie einem Freund Afrikas, das auszusprechen – das Problem Afrikas. Die Herausforderung besteht für Afrika darin, mehr in die Geschichte einzutreten. In sich selbst die Energie, die Kraft, den Wunsch und den Willen zu finden, die notwendig sind, um seiner eigenen Geschichte zuzuhören und sie sich anzueignen.
Das Problem Afrikas besteht darin, dass dieser Kontinent die unablässige Wiederholung, das unablässige Wiederkäuen des Selben aufgeben muss, sich vom Mythos der ewigen Wiederkehr befreien, sich verdeutlichen muss, dass das goldene Zeitalter, dem er unentwegt nachtrauert, nicht mehr wiederkehrt, ganz einfach weil es nie existiert hat.
Das Problem Afrikas besteht darin, dass dieser Kontinent, während er die Gegenwart erlebt, zu sehr in der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der Kindheit verfangen ist.
Das Problem Afrikas besteht darin, dass dieser Kontinent die Gegenwart allzu oft an einer nicht realen, sondern bloß vorgestellten Reinheit des Ursprungs misst, die wieder auferstehen zu lassen in niemandes Macht steht.
Das Problem Afrikas besteht darin, dass dieser Kontinent nicht eine mehr oder weniger mythische Vergangenheit zur besseren Verkraftung der Gegenwart, sondern mit seinen ureigenen Mitteln eine Zukunft erdenken soll.
Das Problem Afrikas besteht darin, dass dieser Kontinent sich nicht auf die Rückkehr des Unheils einstellen soll, so als ob sich dieses durch alle Zeiten hindurch immer wiederholte, sondern dass er wünschen und sich selbst befähigen soll, das Unheil abzuwenden, denn Afrika hat wie alle anderen Kontinente ein Recht auf das Glück.
Das Problem Afrikas besteht darin, dass dieser Kontinent sich selbst treu bleiben und zugleich nicht erstarren soll.
Die Herausforderung besteht für Afrika darin, dass es lernen muss, seinen Zugang zum Universellen nicht als Selbstverleugnung, sondern als Vollendung zu sehen.
Die Herausforderung besteht für Afrika darin, dass es lernen muss, sich selbst als den Erben des Universellen, das in allen menschlichen Kulturen enthalten ist, zu fühlen.
Es muss sich Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit als gemeinsames Erbe aller Kulturen und aller Menschen aneignen.
Es muss sich die moderne Wissenschaft und Technik als Errungenschaft des gesamten menschlichen Geistes aneignen.
An Afrika stellt sich dieselbe Herausforderung wie an alle Gesellschaften und Kulturen, wie an alle Völker, die ihre Identität zwar bewahren, aber sich nicht abkapseln wollen, weil sie wissen, dass Abkapselung tödlich ist.
Kulturen sind dann groß, wenn sie an der weltweiten Vermischung des menschlichen Geistes teilhaben.
Sich an dieser weltweiten kulturellen Vermischung während langer Zeit nicht beteiligt zu haben schwächte Afrika, auf dessen Boden ja so viele prachtvolle Kulturen entstanden waren. Der Preis für diesen Rückzug aus den Weltentwicklungen sollte ein hoher werden: Afrikas Verletzbarkeit und Prekarität. Aber aus dem Unheil schöpfte Afrika neue Kräfte, indem es sich nun seinerseits vermischte. Und diese Vermischung – unter welchen peinvollen Umständen sie auch immer zustande gekommen sein mag – ist die wahre Stärke und die wahre Chance Afrikas jetzt, wo die erste planetarische Gesellschaft entsteht.
Jenseits aller Verbrechen und aller Fehler, die in ihrem Namen begangen wurden und die unentschuldbar sind, haben die islamische Kultur, das Christentum und die Kolonisation doch die Herzen und den Geist der Afrikaner für das Universelle und für die Geschichte geöffnet.
Ihr jungen Afrikaner, lasst euch eure Zukunft nicht entwenden von jenen, die auf Intoleranz nur mit Intoleranz und auf Rassismus nur mit Rassismus antworten!
Ihr jungen Afrikaner, lasst euch eure Zukunft nicht entwenden von jenen, welche euch einer Geschichte berauben wollen, die auch euch gehört, weil sie die peinvolle Geschichte eurer Eltern, eurer Großeltern und eurer Vorfahren war!
Ihr jungen Afrikaner, hört nicht auf jene, welche unter Berufung auf die Tradition den Austritt Afrikas aus der Geschichte betreiben, denn ein Afrika, in dem sich nichts mehr ändern darf, wäre erneut zur Knechtschaft verdammt!
Ihr jungen Afrikaner, hört nicht auf jene, welche euch hindern wollen, am Abenteuer der Menschen so teilzuhaben, wie es euch zusteht, denn ohne euch, ihr jungen Afrikaner, die ihr die Jugend der ganzen Welt seid, ohne euch wäre das Abenteuer der Menschen nicht so schön!
Ihr jungen Afrikaner, hört nicht auf jene, welche euch entwurzeln, euch eurer Identität berauben wollen, welche alles Afrikanische, die ganze Mystik, die Religiosität, die spezifisch afrikanischen Fühl- und Denkweisen endgültig ausradieren wollen, denn wer den Austausch anstrebt, muss auch etwas geben können, denn wer mit den anderen sprechen will, muss ihnen auch etwas sagen können!
Ihr jungen Afrikaner, hört vielmehr auf die große Stimme des Präsidenten Senghor, der sein ganzes Leben lang bemüht war, die Erbteile und Kulturen, in deren Mitte die Zufälle und Tragödien der Geschichte den afrikanischen Kontinent gestellt hatten, miteinander zu versöhnen!
Dies sagte er, der Sohn aus Joal, der mit den Gesängen der Griots aufgewachsen war, ja, dies sagte er: »Wir sind kulturelle Mischlinge; wir fühlen zwar als Schwarze17, aber wir teilen uns auf Französisch mit, weil das Französische eine Sprache universeller Bestimmung ist und unsere Botschaft sich auch an die Franzosen und an alle Menschen richtet«.
Und er sagte auch: »Das Französische schenkte uns durch seinen Wortschatz die in unseren Muttersprachen so seltenen Abstrakta. Bei uns haben die Wörter einen natürlichen Nimbus aus Erdsaft und Blut; die Wörter des Französischen hingegen strahlen diamantengleich und tausendfach wie ein Feuerwerk, das unsere Nacht erhellt«.
So sprach Léopold Senghor, der all dem, was die Menschheit an Intelligenz in sich birgt, zur Ehre gereicht. Dieser große Dichter und große Afrikaner wollte, dass Afrika, ein neues Zeichen setzend, mit der ganzen Menschheit spricht, und so schrieb er auf Französisch Dichtungen für alle Menschen.
Diese Dichtungen brachten für alle Menschen die Kunde von Fabelwesen, die Quellen bewachen, in Flüssen singen, sich in den Bäumen verbergen.
Es waren Dichtungen, durch die die Menschen wieder die Stimmen der Verstorbenen einer Dorfgemeinschaft, die Stimmen der Ahnen vernehmen konnten.
Dichtungen, die durch einen Wald von Symbolen zurück zu den Ursprüngen des von Generation zu Generation überlieferten Gedächtnisses führten, jenes Gedächtnisses, das jedes Volk tief in seinem Bewusstsein bewahrt, so wie der erwachsene Mensch in sich das Glück der Kindheit bewahrt.
Denn jedes Volk hat einmal die Zeit des ewigen »Jetzt« erlebt, die von dem Wunsch bestimmt war, das Universum nicht zu beherrschen, sondern in Übereinstimmung mit ihm zu leben. Zeit der Empfindung, des Instinkts, der Intuition. Zeit des Geheimnisses und der Initiation. Mystische Zeit, wo das Heilige allgegenwärtig war in einer Welt der Zeichen und gegenseitigen Entsprechungen. Es ist dies die Zeit der Magier, der Zauberer, der Schamanen. Die Zeit des hohen Worts, das von den Menschen geachtet, von den Generationen weitergegeben wird und das über Jahrhunderte heilige Erzählungen überliefert, die so alt sind wie die Götter selbst.
Afrika hat die Völker der Erde an ihre gemeinsame Kindheit erinnert. Es hat ihnen die einfachen Freuden und kurzlebigen Glücksmomente dieser Kindheit, aber auch ein fundamentales Bedürfnis wieder bewusst gemacht, ein Bedürfnis, an das ich selbst so sehr glaube: das Bedürfnis, zu glauben statt zu verstehen, das Bedürfnis, zu erfühlen statt mit dem Verstand zu erfassen, das Bedürfnis, Harmonie zu leben statt Welt zu erobern.
Wenn jemand die afrikanische Kultur als rückständig und die Afrikaner als große Kinder ansieht, dann vergisst er, dass das antike Griechenland, dem wir so viel Wissen über den Einsatz der Vernunft und des Verstandes verdanken, selbst seine Zauberer, seine Wahrsager, seine Geheimniskulte, seine Geheimgesellschaften, seine heiligen Wälder hatte und nicht zuletzt seine Mythologie, eine Mythologie aus dem Urgrund der Zeit, aus der wir heute noch einen unermesslichen Schatz an menschlicher Weisheit schöpfen.
Wenn Afrika, das ja selbst große dramatische Dichtungen und tragische Erzählungen hervorgebracht hat, Sophokles lauschte, so vernahm es gewiss eine ungeahnt vertraute Stimme, und der Westen erkannte in der afrikanischen Kunst ästhetische Formen, die einst seine eigenen gewesen waren und die er nun wiedererstehen lassen wollte.
So hört denn, ihr jungen Afrikaner, wie sehr Rimbaud Afrikaner ist, wenn er die Vokale mit Farben versieht, so wie deine [sic]18 Ahnen ihre Masken mit Farben bemalten, »schwarze Maske, rote Maske, weiß-schwarze Maske«.
Öffnet die Augen, ihr jungen Afrikaner, und betrachtet die Weltzivilisation nicht mehr – so wie nur allzu oft eure Vorfahren es getan haben – als Bedrohung eurer Identität, sondern als ein Gut, das auch euch gehört.
Sobald ihr in der universellen Weisheit einen Teil jener Weisheit erkennt, den euch eure Väter überliefert haben, und sobald ihr wirklich willens seid, sie zu nützen, wird das beginnen, was ich die »afrikanische Renaissance« nennen möchte und für uns alle ersehne.
Sobald ihr für alle vernehmbar beschließt, dass der afrikanische Mensch gerade nicht einem unausweichlich tragischen Schicksal ausgeliefert ist, sondern dass in ganz Afrika nur die Erreichung des Glücks erstrebenswert scheint, sobald ihr das tut, wird die afrikanische Renaissance beginnen.
Sobald ihr jungen Afrikaner erklärt, dass afrikanische Politik nur das Ziel der Einheit Afrikas und der Einheit des Menschengeschlechts haben kann, sobald ihr das tut, wird die afrikanische Renaissance beginnen.
Sobald ihr der Realität Afrikas direkt ins Antlitz seht und sie kräftig anpackt, sobald ihr das tut, wird die afrikanische Renaissance beginnen. Denn das Problem Afrikas ist, dass es ein Mythos geworden ist, den sich jeder nach Bedarf zurechtzimmert.
Und dieser Mythos verstellt den direkten Blick auf die Realität des afrikanischen Kontinents.
Die Realität Afrikas – ein zu starkes Bevölkerungswachstum bei zu geringem Wirtschaftswachstum. Und zu viel Hunger, zu viel Elend.
Die Realität Afrikas – Mangel, der Gewalt gebiert.
Die Realität Afrikas – eine zu langsame Entwicklung, eine nicht ausreichend ertragreiche Landwirtschaft, nicht genug Straßen, nicht genug Schulen, nicht genug Spitäler.
Die Realität Afrikas – ein großer Verschleiß an Energie, an Engagement, an Talenten, an Intelligenz.
Die Realität Afrikas – die Realität eines großen Kontinents, der alles hätte, um erfolgreich zu sein, der aber nicht erfolgreich ist, weil er sich von seinen Mythen nicht befreien kann.
Ihr jungen Afrikaner, die Renaissance, die Afrika braucht, könnt nur ihr verwirklichen, denn nur ihr werdet dazu die Kraft haben.
Diese Renaissance bin ich gekommen euch vorzuschlagen. Ich bin gekommen, sie euch vorzuschlagen, damit wir sie gemeinsam verwirklichen, denn von Afrikas Renaissance hängt zu einem entscheidenden Teil die Renaissance Europas und der ganzen Welt ab.
Ich weiß, wie viele von euch in der Konfrontation mit Afrikas Schwierigkeiten den Wunsch hegen, Afrika zu verlassen.
Ich weiß um die Lockungen des Exils, denen so viele junge Afrikaner folgen, weil sie fern der Heimat suchen, was sie in dieser nicht finden, um ihre Familie zu erhalten.
Ich weiß, wie viel Willensstärke, wie viel Mut es braucht, um dieses Abenteuer zu wagen, um seine Heimat, das Land, wo man geboren und aufgewachsen ist, zu verlassen, um die vertrauten Orte, wo man glücklich war, um die Liebe von Mutter, Vater, Geschwistern, um jene Solidarität, jene menschliche Wärme, jene Gemeinschaftsgesinnung, die in Afrika so ausgeprägt ist, hinter sich zu lassen.
Ich weiß, wie viel Seelenstärke es braucht, um die Entwurzelung, das Leben fern der Heimat, die Einsamkeit auf sich zu nehmen.
Ich weiß, welchen Belastungen, welchen Schwierigkeiten, welchen Risiken diese Menschen ausgesetzt sind.
Ich weiß, dass sie manchmal sogar ihr Leben aufs Spiel setzen, um an das Ziel dessen zu gelangen, was sie für ihren Traum halten.
Aber ich weiß auch, dass sie durch nichts zurückzuhalten sind.
Denn nichts kann junge Menschen zurückhalten, wenn sie sich von ihren Träumen getragen glauben.
Ich glaube nicht, dass die jungen Menschen Afrikas nur wegziehen, um der Not zu entkommen.
Ich glaube, dass die jungen Menschen Afrikas ihr Land verlassen, weil sie wie alle jungen Menschen die Welt erobern wollen.
Wie alle jungen Menschen haben sie Lust auf das Abenteuer und Sehnsucht nach der weiten Welt.
Sie wollen selber sehen, wie man anderswo lebt, denkt, arbeitet, studiert.
Afrika wird seine Renaissance nicht verwirklichen, wenn es seiner Jugend die Flügel stutzt. Afrika braucht doch seine Jugend.
Afrikas Renaissance wird beginnen, sobald man die Jugend Afrikas lehrt, mit der Welt zu leben, statt sich ihr zu verweigern.
Die Jugend Afrikas muss das Gefühl bekommen, dass ihr die Welt ebenso gehört wie allen anderen jungen Menschen auf unserer Erde.
Die Jugend Afrikas muss das Gefühl bekommen, dass alles möglich wird, genauso wie den Menschen der Renaissance alles möglich schien.
Nun, ich weiß sehr gut, dass die Jugend Afrikas nicht als einzige in der Welt Hausarrest bekommen darf. Sie kann nicht als einzige in der Welt nur wählen dürfen zwischen illegaler Immigration und fatalem Rückzug auf sich selbst.
Es muss ihr möglich sein, außerhalb Afrikas die Kompetenz und die Bildung zu erwerben, die sie daheim nicht erwerben könnte.
Aber sie ist es der afrikanischen Erde auch schuldig, ihr die erworbenen Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen. Man soll nach Afrika wieder zurückkehren, um es aufzubauen. Man soll ihm Bildung, Kompetenz und Dynamik seiner führenden Köpfe bringen. Man soll der brutalen Ausdünnung der afrikanischen Eliten ein Ende setzen, weil Afrika diese Eliten für seine Entwicklung braucht.
Die Jugend Afrikas will nicht auf Gedeih und Verderb den skrupellosen Schlepperbanden ausgeliefert sein, denen euer Leben nichts bedeutet.
Die Jugend Afrikas will, dass ihre Würde gewahrt bleibt.
Sie möchte studieren, arbeiten, anständig leben können. Im Grunde will das ganz Afrika. Afrika will keine milde Gabe. Afrika will keine Hilfe. Afrika will keine Sonderbehandlung.
Afrika will und verdient Solidarität, Verständnis und Respekt.
Afrika will, dass man nicht an seiner Stelle die Zukunft plant, dass man nicht an seiner Stelle denkt und entscheidet.
Afrika will, was Frankreich will, nämlich: Kooperation und Zusammenschluss, Partnerschaft zwischen Nationen, die gleich an Rechten und Pflichten sind.
Jugend Afrikas! Wollt ihr Demokratie, wollt ihr Freiheit, wollt ihr Gerechtigkeit, wollt ihr das Recht? Es liegt nun an euch. Frankreich wird nicht für euch entscheiden. Aber wenn ihr euch für Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und das Recht entscheidet, dann wird sich Frankreich mit euch zusammenschließen, um alle diese Werte zusammen mit euch zu errichten.
Ihr jungen Afrikaner, so wie die Globalisierung verläuft, gefällt sie euch nicht. Afrika hat schon einen zu hohen Preis für das Trugbild des Kollektivismus und des Progressivismus bezahlt, um sich nun auch dem Trugbild des Laisser-faire zu beugen.
Ihr jungen Afrikaner, ihr glaubt an die Vorteile des freien Handels, aber auch daran, dass er keine Religion sein darf. Ihr glaubt, dass die Konkurrenz Zweck, aber kein Selbstzweck ist. Ihr glaubt nicht an das Laisser-faire. Ihr wisst, dass ein zu naives Afrika leicht zur Beute der Raubtiere dieser Welt werden würde. Und das wollt ihr nicht. Was ihr wollt, ist eine andere Globalisierung, mit mehr Menschlichkeit, mehr Gerechtigkeit, mehr Regeln.
Ich bin gekommen euch zu sagen, dass auch Frankreich das will. Frankreich will kämpfen, Seite an Seite mit Europa, mit Afrika, mit all jenen in der Welt, die die Globalisierung umgestalten möchten. Wenn Afrika, Frankreich und Europa das gemeinsam wollen, dann wird es uns gelingen. Doch wir können nicht an eurer Stelle Wünsche äußern.
Ihr jungen Afrikaner, ihr wollt Entwicklung, ihr wollt Wachstum, ihr wollt die Anhebung des Lebensstandards.
Aber wollt ihr das wirklich? Wollt ihr, dass Willkür, Korruption und Gewalt ein Ende haben? Wollt ihr, dass Eigentum respektiert wird, dass Geld nicht abgezweigt, sondern investiert wird? Wollt ihr, dass der Staat wieder das tut, was er zu tun hat, dass er von erdrückender Bürokratie, von Schmarotzertum und Vetternwirtschaft befreit wird, dass seine Autorität wiederhergestellt wird, dass er sich gegen feudale Strukturen und Korporatismus durchsetzt? Wollt ihr, dass es überall verlässlich einen Rechtsstaat gibt, in dem jeder weiß, was er von den anderen erwarten darf?
Wenn ihr das wollt, stellt Frankreich sich mit Nachdruck an eure Seite, aber niemand kann das an eurer Stelle wollen.
Wollt ihr, dass es auf afrikanischem Boden keine Hungersnot mehr gibt? Wollt ihr, dass auf afrikanischem Boden nie mehr ein Kind an Hunger stirbt? Dann strebt die Autarkie im Lebensmittelbereich an! Fördert Lebensmittelkulturen! Zuallererst muss Afrika selbst produzieren, um die Ernährung zu sichern. Wenn ihr das wollt, ihr jungen Afrikaner, dann haltet ihr die Zukunft Afrikas in euren Händen, und Frankreich wird mit euch zusammenarbeiten, um diese Zukunft zu errichten.
Ihr wollt gegen die Umweltverschmutzung kämpfen? Ihr wollt nachhaltige Entwicklung? Ihr wollt, dass jetzige Generationen nicht mehr zu Lasten der zukünftigen Generationen leben? Ihr wollt, dass jeder den wahren Preis für das bezahlt, was er verbraucht? Ihr wollt saubere Technologien entwickeln? Die Entscheidung liegt bei euch. Aber wenn ihr euch dafür entscheidet, wird Frankreich sich an eure Seite stellen.
Ihr wollt Frieden auf dem afrikanischen Kontinent? Ihr wollt kollektive Sicherheit? Ihr wollt die friedliche Regelung von Konflikten? Ihr wollt dem teuflischen Kreislauf von Rache und Hass ein Ende bereiten? Die Entscheidung liegt bei euch. Und wenn ihr euch dafür entscheidet, meine afrikanischen Freunde, wird Frankreich sich an eure Seite stellen wie ein durch nichts beirrbarer Freund, aber Frankreich kann nicht an eurer statt, an der Stelle von Afrikas Jugend wollen.
Ihr wollt die afrikanische Einheit? Das ist auch Frankreichs Wunsch.
Frankreich wünscht nämlich die Einheit Afrikas, da nur die Einheit Afrikas Afrika den Afrikanern zurückgeben wird.
Frankreich will mit Afrika gemeinsam der Wirklichkeit ins Auge sehen. Eine Politik der Realitäten und nicht mehr eine Politik der Mythen machen.
Frankreich will zusammen mit Afrika die gemeinsam verantwortete Entwicklung erreichen.
Frankreich will mit Afrika gemeinsame Projekte verwirklichen, gemeinsame Wettbewerbszentren, gemeinsame Universitäten, gemeinsame Forschungsstätten.
Frankreich will mit Afrika eine gemeinsame Strategie im großen Zusammenhang der Globalisierung erarbeiten.
Frankreich will zusammen mit Afrika eine Immigrationspolitik erreichen, die gemeinsam ausgehandelt und gemeinsam beschlossen wird, damit Afrikas Jugend in Frankreich und in ganz Europa in Würde respektvolle Aufnahme findet.
Frankreich will zusammen mit Afrika eine Allianz der französischen und der afrikanischen Jugend schaffen, damit die Welt von morgen eine bessere Welt wird.
Frankreich will zusammen mit Afrika Eurafrika vorbereiten, jene große gemeinsame Bestimmung, die Europa und Afrika bevorsteht.
Jenen, die dem großen Projekt der Mittelmeerunion, die Frankreich allen Mittelmeerländern vorgeschlagen hat, mit Misstrauen begegnen, möchte ich sagen, dass es keinesfalls das Bestreben Frankreichs ist, die afrikanischen Staaten südlich der Sahara auszuschließen, sondern dass es im Gegenteil darum geht, aus dieser Union den Angelpunkt für Eurafrika zu machen, eine erste Etappe des umfassenderen Traumes von Frieden und Wohlstand zu erreichen, jenes Traumes, den gemeinsam entstehen zu lassen Europäer und Afrikaner befähigt sind.
Dann und nur dann, meine lieben Freunde, wird der kleine Sohn Afrikas, der schwarze Junge, den Camara Laye besingt, in der Stille der afrikanischen Nacht kniend erfahren und begreifen, dass er den Kopf heben und vertrauensvoll der Zukunft ins Auge blicken darf. Dann wird dieser Junge Camara Layes die Versöhnung der beiden Teile seiner selbst in sich fühlen können. Und endlich wird er sich als Mensch unter allen Menschen der Menschheit fühlen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Übersetzt von Reinhart Hosch
Das Afrika des Nicolas Sarkozy
Achille Mbembe
Achille Mbembe ist 1957 in Kamerun geboren. Er hat an der Pariser Sorbonne ein Doktoratsstudium in Geschichte abgeschlossen. Am Institut d’Études Politiques in Paris absolvierte er ein D. E. A. (Diplôme d’Études approfondies). Von 1988 bis 1991 wirkte er als Assistant Professor für Geschichte an der Columbia University in New York. Er war Senior Research Fellow am Brookings Institute in Washington, D. C. (1991–1992), Associate Professor an der University of Pennsylvania (1992–1996) sowie Executive Director beim CODESRIA (Council for the Development of Social Science Research in Africa) von 1996 bis 2000. Als Gastprofessor wirkte er an der University of California, Berkeley (2001) und an der Yale University (2003). Heute unterrichtet er Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Witwatersrand in Johannesburg und ist als Senior Researcher am Wits Institute for Social and Economic Research (WISER) tätig. Zu seinen zahlreichen Publikationen über afrikanische Geschichte und Politik zählt La naissance du maquis dans le Sud-Cameroun (Paris, Karthala, 1996). Für sein Buch De la postcolonie. Essai sur l’imagination politique dans l’Afrique contemporaine, das 2000 in Paris erschien und ein Jahr später unter dem Titel On the Postcolony bei der University of California Press herauskam, erhielt er 2006 den Bill Venter/Altron Award.
Hätten sie Gelegenheit dazu gehabt, die Mehrheit der frankophonen Afrikaner hätte anlässlich der letzten Präsidentschaftswahlen in Frankreich gegen Nicolas Sarkozy gestimmt.
Nicht etwa, dass seine damalige Konkurrentin oder die Sozialistische Partei (sie noch weniger) hinsichtlich ihrer Afrikapolitik überzeugt hätten oder ihr Verhalten in der Vergangenheit irgendeinen Willen zur radikalen Neuordnung der Beziehungen zwischen Frankreich und seinen Ex-Kolonien erkennen ließ. Der neue Präsident von Frankreich hätte schlicht die Rechnung bezahlt für einen Umgang mit den Immigranten als Innenminister unter Jacques Chirac, seine angeblichen Kontakte zu den Rassisten von der extremen Rechten und seine Rolle in der Vorgeschichte der Aufstände von 2005 in Frankreichs Vorstädten.
Sprache als Vergewaltigung
Bei seiner ersten Rundreise in Afrika südlich der Sahara, als er in Dakar landete, ging ihm ein sehr schlechter Ruf voraus, nämlich der eines umtriebigen und gefährlichen Politikers, zynisch, brutal und machtgeil, der nicht zuhört, aber alles sagt, mehr, als gut ist, nicht zimperlich ist in der Wahl seiner Mittel und Afrika bzw. den Afrikanern gegenüber nur herablassend und verachtungsvoll agiert.
Aber dies war nicht alles. Viele waren auch bereit, ihm zuzuhören. Wenn es nicht seine politische Schläue war, die sie nachdenklich machte, so doch seine Durchschlagskraft bei der Umsetzung seines Wahlsieges. Überrascht von der Aufnahme einer Rachida Dati oder einer Rama Yade19 in die Regierung (auch wenn es während der Kolonialzeit mehr Minister afrikanischer Herkunft in den Kabinetten und den Nationalversammlungen der Republik gab als heute), wollten sie wissen, ob sich hinter den Machtspielen irgendein großes Konzept verbarg, etwa eine echte Anerkennung der Rassenvielfalt und des Kosmopolitismus in der Gesellschaft.
Es gab also gespannte Erwartung. Zu sagen, dass sie enttäuscht wurde, ist eine Untertreibung. Gewiss, das Syndikat der Satrapen (von Omar Bongo, Paul Biya, Sassou Nguesso bis Idris Déby, Eyadema junior und wie sie alle heißen) gratulierte sich zu der Deutlichkeit, mit der sich das Bekenntnis zur Kontinuität in der Frage von »Frankoafrika«20 abzeichnete, diesem System der wechselseitigen Korruption, das Frankreich seit dem Ende der kolonialen Besetzung mit seinen afrikanischen Mündeln verbindet.
Wenn man andererseits von den Reaktionen ausgeht, wie sie sich da und dort als Leitartikel, Leserbriefe, Wortmeldungen auf den Wellen privater Sender und in den Internet-Blogs manifestierten, so fand ein sehr großer Teil des frankophonen Afrika – angefangen bei der Jugend, an die sich Sarkozy wandte – diese Rede wahrhaft unglaublich, wenn nicht gar schockierend. Und dies mit gutem Grund. Wann immer eine der Parteien in einer Beziehung weniger frei und gleich ist als die andere, beginnt die Vergewaltigung häufig auf sprachlicher Ebene, als Rede, die sich unter dem Vorwand, nur die ureigenen Überzeugungen des Sprechers zum Ausdruck zu bringen, jede Freizügigkeit herausnimmt, ohne die Beweggründe klarzulegen, und so die eigene Position absichert, während das ganze Gewicht der Gewalt auf den Schultern des Schwächeren lastet.
Rückschritt
Wer jedoch Frankreich gegenüber keine Erwartungen hegt, empfindet den an der Universität von Dakar gehaltenen Vortrag als sehr aufschlussreich. Tatsächlich liefert die von dem Sonderbeauftragten Henri Guaino redigierte und von Nicolas Sarkozy in der senegalesischen Hauptstadt gehaltene Rede das überaus klare Bild der Schäden, welche eine paternalistisch-rückwärtsgewandte Haltung von Teilen der neuen französischen Eliten (rechtsstehend oder linksstehend, gleichviel) einem Kontinent gegenüber, der vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine radikale Veränderung nach der anderen erlebte, verursachen könnte. Während des kommenden Jahrzehnts könnten die Auswirkungen einer solchen Haltung – mag sie sich nun bewusst oder unbewusst manifestieren, aktiv oder passiv – verheerend sein.
In seiner großen »Offenheit« und »Aufrichtigkeit« enthüllt Nicolas Sarkozy, was bisher formal wie inhaltlich dem Bereich des Ungesagten zugehörte, nämlich das Faktum, dass das geistige Rüstzeug, auf dem die Afrikapolitik Frankreichs beruht, buchstäblich von Ende des 19. Jahrhunderts stammt. Trotz aller Basteleien handelt es sich um eine Politik, deren Strukturen von einem überholten, fast ein Jahrhundert alten Erbe herrühren.
Die Rede des neuen Präsidenten zeigt, wie die neuen Eliten an der Spitze Frankreichs im Zeichen einer oberflächlich-exotistischen Sichtweise das Bild einer Wirklichkeit entwerfen, die zu ihrer fixen Idee und ihrer Wahnvorstellung (Rasse!) geworden ist, von der sie aber in Wahrheit keine Ahnung haben. Wenn sich Henri Guaino an die »Elite der afrikanischen Jugend« wendet, begnügt er sich mit einer fast wörtlichen Wiedergabe des Kapitels, das Hegel in Die Vernunft in der Geschichte21 Afrika gewidmet hat. Nach vielen anderen Kritikern habe ich vor kurzem diesen Text in meinem Buch De la postcolonie (221–230)22 ausführlich beleuchtet. Laut Hegel ist Afrika in der Tat das Land der beharrenden Substanz und der Unordnung einer Schöpfung, die gleichzeitig faszinierend, glückselig und tragisch erscheint. So wie wir die Neger heute sehen, so waren sie zu allen Zeiten. Angesichts der ungeheuren Energie, mit der naturhafte Willkür sie beherrscht, haben bei ihnen weder der Sinn für Moral noch die Ideen der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Fortschritts irgendeinen Platz, irgendeinen Sonderstatus. Wer die scheußlichsten Ausprägungen der menschlichen Natur kennenlernen will, kann sie in Afrika finden. Dieser Teil der Welt hat im Grunde keine Geschichte. Was wir unter dem Namen Afrika erfassen, ist eine geschichtslose, unentwickelte Welt, versklavt vom Naturgeist und immer noch an der Schwelle der Weltgeschichte verharrend.
Von nichts anderem sind die neuen französischen Eliten überzeugt. Dieses hegelsche Vorurteil ist auch das ihre. Im Gegensatz zur Generation der Überväter (de Gaulle, Pompidou, Giscard d’Estaing, Mitterrand oder Chirac), die dasselbe Vorurteil stillschweigend pflegten, aber es vermieden, afrikanische Gesprächspartner vor den Kopf zu stoßen, meinen die »neuen Eliten« Frankreichs, dass jeder, der das Wort an so tief im Nächtlich-Kindlichen verwurzelte Gesellschaften richten will, sich gleichsam ungebremst, mit dem Nachdruck urtümlicher Energie ausdrücken muss. Genau dies haben sie im Sinn, wenn sie mit Seitenblick auf die Kolonialgeschichte heute ganz offen die Idee einer »Nation ohne Komplexe« propagieren.
Ihrer Meinung nach kann man von Afrika und zu Afrikanern nur sprechen, wenn man Verstand und Vernunft gegen den Strich bürstet. Was tut’s, wenn sich jedes geäußerte Wort in den Rahmen generellen Unwissens fügt. Es reicht, die Wörter mit Schwulst und Überschwang anzureichern, alles mit Bildern zu überschwemmen – genau so, wie es in Sarkozys Rede von Dakar geschieht. Dadurch wirkt sein Diskurs eigentümlich abgehackt und stammelnd.
Auch wenn ich alle Sorgfalt walten lasse – in dem langen Monolog von Dakar finde ich Einladungen zum Austausch und zum Dialog nur in Form purer Rhetorik. Was sich zwischen den Zeilen abzeichnet, das sind Forderungen, Vorschriften, Ordnungsrufe (darunter auch Zensurappelle), billige Provokationen, Beleidigungen verpackt in hohle Schmeicheleien – und dazu eine unerträgliche Selbstherrlichkeit, die man, wie ich meine, nur in Dakar, Yaoundé oder Libreville an den Tag legen kann, aber sicher nicht in Pretoria oder Luanda.
Der Präsident als Ethnophilosoph
Neben Hegel gibt es eine zweite Referenz, die von den »neuen Eliten Frankreichs« ohne jeden Skrupel aktualisiert wird. Gemeint ist ein Repertoire von Gemeinplätzen, welche die koloniale Ethnologie gegen Ende des 19. Jahrhunderts festgeschrieben hat. Von dieser Art Völkerkunde nährt sich ein großer Teil des Afrika-Diskurses und darüber hinaus ein Teil des Exotismus und der Gedankenlosigkeit, die dem Rassismus französischer Prägung seine bevorzugten Ausdrucksmittel liefern.
Lévy-Bruhl versuchte in seinen Erörterungen zur »primitiven« oder »prälogischen« Mentalität aus dieser Ansammlung von Vorurteilen ein System zu machen. In einer Serie von Essays über die »inferioren Gesellschaften« (Les fonctions mentales, 1910; La mentalité primitive, 1921) setzte er alles daran, die Unterscheidung zwischen dem vernunftbegabten »Menschen des Westens« und den nicht-westlichen, im Zyklus des Immer-Gleichen und der Zeit des Mythos eingeschlossenen Völkern bzw. Rassen pseudowissenschaftlich zu untermauern.
Leo Frobenius, den der Romancier Yambo Ouologuem in Le devoir de violence23 heftig angreift, hat sich, so wie es Brauch war, stets als »Freund« der Afrikaner präsentiert und zugleich eifrig zur Verbreitung von Lévy-Bruhls krausen Gedanken beigetragen, indem er den Begriff des afrikanischen »Vitalismus« prägte.24 Freilich, die »afrikanische Kultur« stellte für ihn mehr als ein Vorspiel zur Logik und zur Rationalität dar. Dennoch war der schwarze Mensch für ihn letztlich nur ein Kind. So wie sein Zeitgenosse Ludwig Klages (Verfasser von Schriften wie Vom kosmogonischen Eros, Mensch und Erde, Der Geist als Widersacher der Seele) meinte auch er, dass der Mensch des Westens sich durch den ordnenden Einsatz des Willens, dem er seine Herrschaft über die Natur verdankte, einen Verlust an Vitalität und damit einen Zug zum Abstrakten eingehandelt hatte. Der belgische Missionar Placide Tempels wiederum dozierte über die »Bantu-Philosophie«, zu deren Grundlagen in seinen Augen die Symbiose zwischen dem »afrikanischen Menschen« und der Natur gehörte.25 Nach Ansicht des guten Paters stellt die »Lebenskraft« das Wesen des Bantu dar. Sie entfaltet sich zwischen der Nullstufe (Tod) und dem höchsten Niveau – jenem des Mannes, der sich als »Häuptling« durchsetzt.
Auf solchen Grundlagen – zu denen auch das Werk von Pierre Teilhard de Chardin zu rechnen wäre – ruht das Denken von Senghor, den Henri Guaino ins Spiel bringen möchte, um die Äußerungen seines Präsidenten durch einen afrikanischen Gewährsmann abzusichern. Weiß er denn nicht, wie unendlich viel der senegalesische Dichter bei der Formulierung seines Négritude-Konzepts, oder als er seine Konzepte der Kultur, der Zivilisation und sogar sein Métissage-Prinzip entwickelte, den extremsten rassistischen, essenzialistischen und biologisierenden Theorien seiner Zeit verdankte?
Da ist aber nicht nur die koloniale Ethnologie, diese Pseudowissenschaft der Eroberer und all der anderen Konstrukteure eines imaginären Afrika, dem sie gern ein Anderssein andichten, um von ihrer hohen Warte herab exotische und unwandelbare Lebensformen, Manifestationen eines fremdartigen Menschseins, vorzuführen. Da sind auch Maurice Delafosse (L’âme nègre, 1921), Robert Delavignette (Les paysans noirs, 1931) und andere Demiurgen der »afrikanischen Seele«, dieses blödsinnigen Begriffs, auf den die französischen Eliten so viel Wert legen. Da sind ferner die Erbschaft der Kolonialausstellungen, die Tradition der Menschenzoos, wie sie von Pascal Blanchard26 und seinen Kollegen analysiert wurde, sowie die Tradition der Reiseberichte, die einander an Phantastereien überbieten – von Du Chaillus Entdeckungsreisen in die Berge von Gabun bis zur Fahrt von Dakar nach Dschibuti von Marcel Griaule und Michel Leiris (L’Afrique fantôme), ganz zu schweigen von den sogenannten Entdeckern der »Negerkunst« (mit Pablo Picasso an der Spitze).
Von alledem wiederum nährt sich ein rassistischer Habitus, oft im Unterbewusstsein, der weitergetragen wird von der Massenkultur mit ihren Filmen, ihrer Werbung, ihren Comics, ihrer Malerei und Fotografie und – als logische Konsequenz – ihrer Politik auf dem Niveau von Klischees wie »Y’a bon Banania«27 oder »Mon z’ami toi quoi y’en a«.28 Durch solche Produkte der Massenkultur erzeugt man Einstellungen, die keineswegs ein echtes Bemühen um das Verständnis des Anderen fördern, sondern aus diesem Anderen ein austauschbares Objekt machen, das in dem Maße interessant erscheint, als es alle Arten von Schimären und Reflexen hervorzurufen vermag.
Der Sonderberater des französischen Staatschefs übernimmt sowohl diese Phrasenflut als auch den Kernbestand der von den Predigern der afrikanischen Ontologie aufgestellten Thesen (obgleich er vorgibt, sie zu widerlegen). Um sich selbst zu jenem Ethnophilosophen in Präsidentenfunktion zu machen, der er vielleicht werden möchte, schöpft Nicolas Sarkozy seine Hauptmotive genau aus der erwähnten Bibliothek des Kolonialismus und Rassismus. Hierauf argumentiert er gerade so, als wäre die schwammige und alles in allem bescheuerte Idee eines »afrikanischen Wesens«, einer »afrikanischen Seele«, die ihre lebende Verkörperung im »afrikanischen Menschen« fände, nicht längst zur Zielscheibe einer radikalen Kritik durch die besten afrikanischen Philosophen geworden – allen voran Fabien Eboussi Boulaga, dessen Buch La crise du Muntu durchaus als Klassiker zu werten ist.29
Man darf sich daher nicht wundern, wenn Guainos Definition des Kontinents und seiner Menschen total negativ ausfällt. In der Sicht unseres Ethnophilosophen und Präsidenten ist der »afrikanische Mensch« ja vor allem gekennzeichnet durch das, was er nicht besitzt, was er nicht ist oder was er nie schaffte (gemäß der Dialektik des Mangels und des Versagens), oder aber durch seinen Widerstand gegen den »modernen Menschen« (gemeint ist der Weiße) – ein Widerstand, der erklärt wird mit der irrationalen Verbundenheit mit dem dunklen Zauberreich der Kindheit, mit schlichten Freuden und einem Goldenen Zeitalter, das nie existiert hat.
Im Übrigen ist das Afrika der neuen französischen Machteliten im Wesentlichen ein ländliches Afrika, Märchenland zwischen Pastorale und Alptraum, von Bauern bevölkert, Gemeinschaft von Leidenden, die nichts gemein haben als die für alle gleiche Position am Rand der Geschichte, die da draußen hocken, dort wo es Hexer gibt, Griots, Masken und symbolträchtige Wälder, wo Fabelwesen die Quellen bewachen, mit den Flüssen singen und sich in den Bäumen verbergen, wo die Toten und die Vorfahren sprechen, und was es mehr gibt an Albernheiten rund um die angebliche »afrikanische Solidarität«, den »Gemeinsinn«, die »menschliche Wärme« und die Ehrfurcht vor den Alten und Oberen.
Die Politik der Ignoranz
Und so wird die Rede abgespult gemäß dem gesegneten Vorsatz, den Gegenstand zu ignorieren, als hätte es während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht einen beeindruckenden Zuwachs an Wissen über die Wandlungen und die longue durée der afrikanischen Welt gegeben.
Über den unschätzbaren Beitrag, den die afrikanischen Forscher selbst zur Erkundung ihrer Gesellschaften und zur internen Kritik ihrer Kulturen geleistet haben, manchmal mit Strenge, immer mit Menschlichkeit, will ich hier gar nicht sprechen. Manche von uns Heutigen haben wichtige Beiträge zu dieser kritischen Forschung erbracht. Aber ich spreche von den Milliarden, die die französische Regierung aus ihrem eigenen Budget in dieses große Unternehmen investiert hat, so dass mir unerklärlich ist, wie vor dem Hintergrund einer solchen Investition jemand heute noch derart befremdliche Reden über den Kontinent schwingen kann.
Was verbirgt sich also hinter dieser Politik der freiwilligen und absichtsvollen Ignoranz?
Wie kann man sich an der Universität Cheikh Anta Diop im Dakar des beginnenden 21. Jahrhunderts hinstellen und die geistige Elite so anreden, als hätte Afrika keine eigene Tradition der Kritik, als wären Senghor und Camara Laye, diese Sänger des empfindsamen Negers und des Zauberreichs der Kindheit, nicht aus den eigenen Reihen scharf kritisiert worden?
Wie glaubhaft kann ein Lamento sein, das aus den Afrikanern zutiefst traumatisierte Geschöpfe macht, unfähig zu selbständigem Handeln in Umsetzung wohlverstandener Eigeninteressen? Was ist das für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kontinents, die die lange Tradition der Widerstandsbewegungen total verschweigt, sowohl die Tradition des Widerstands gegen den französischen Kolonialismus wie auch die heutigen Kämpfe für die Demokratie, die keinerlei offene Unterstützung durch ein Land erfahren, das seit langem aktiv die Partei der lokalen Satrapen ergreift. Wie kann man uns das Hirngespinst eines Euro-Afrika versprechen, ohne nur ein Wort über die Bemühungen der Afrikaner um die Schaffung eines gesamtafrikanischen Wirtschaftsraums zu verlieren? Was ist eigentlich mit der Fülle an Informationen passiert, die das Institut für Entwicklungsforschung und die Arbeitsgruppen des Centre National de la Recherche Scientifique gesammelt haben? Was wurde aus den thematischen Schwerpunkten all der Tagungen, die afrikanische und französische Forscher zusammenführten und so viel für ein besseres Verständnis des Kontinents geleistet haben? Wie würdigt man den Idealismus, der diese Kongresse, an denen ich mehr als einmal teilnehmen durfte, inspirierte? Wie kann man so tun, als hätte nicht Georges Balandier schon in den 1950er Jahren in Frankreich selbst die fundamentale Modernität der afrikanischen Gesellschaften gezeigt;30 als hätten nicht Claude Meillassoux, Jean Copans, Emmanuel Terray, Pierre Bonafé neben vielen anderen die innere Dynamik der Ungleichheit erzeugenden Faktoren vorgeführt;31 als hätten nicht Catherine Coquery-Vidrovitch, Almeida Topor und Jean Suret-Canale (wieder neben mehreren anderen) die Brutalität der Gesellschaften, welche Konzessionen vergeben, und die Doppelbödigkeit der kolonialen Wirtschaftspolitik deutlich gemacht;32 als hätten nicht Jean-François Bayart33 und die Revue Politique Africaine mit der Illusion aufgeräumt, die afrikanische Unterentwicklung erkläre sich durch Afrikas »Abkehr von der Welt«; als hätte nicht Jean-Pierre Chrétien neben vielen anderen Geographen den sich in nachhaltigen Agrartechniken manifestierenden Erfindungsreichtum bewiesen;34 als hätten nicht Alain Dubresson, Annick Osmont und andere das unglaubliche Völkergemisch in den afrikanischen Städten dargestellt;35 als hätte nicht Jean-Pierre Warnier die Vitalität der Wertschöpfungsmechanismen in Westkamerun beschrieben36 und so weiter …!
Ablehnung der Verantwortung
Die Leier über die Kolonisierung und die Verweigerung der »Zerknirschung« stammen direkt aus den Gedankenspielen von Pascal Bruckner,37 Alain Finkielkraut,38 Daniel Lefeuvre39 und wie sie alle heißen. Aber wem kann man einreden, dass es keine moralische Verantwortung gibt für die Taten, die in der Geschichte eines Staates begangen wurden? Wer soll glauben, dass, wer eine humane Welt erschaffen will, Moral und Ethik über Bord werfen muss, da nun einmal Recht und Gerechtigkeit in dieser Welt nicht existieren?
Jene, die ein ungerechtes System weißwaschen wollen, geben heute gerne der Versuchung nach, die Geschichte Frankreichs und seines Kolonialreichs neu zu schreiben, indem sie daraus eine Geschichte der »Befriedung« machen, eine Geschichte der »Erschließung von unbebauten Gebieten, die niemandem gehören«, der »Verbreitung von Schulbildung«, des »Aufbaus einer modernen Medizin« sowie der Schaffung eines modernen Straßen- und Eisenbahnnetzes. Dieses Argument gründet sich auf die alte Lüge, der zufolge die Kolonisation ein menschenfreundliches Unternehmen war und zur Modernisierung der alten, in Auflösung befindlichen Primitivgesellschaften beitrug. Hätte man sie sich selbst überlassen, nicht wahr, dann hätten sie sich am Ende wahrscheinlich selbst zerstört.
Wer die Kolonisation so darstellt, wie in der Rede von Dakar geschehen, umgibt sich mit dem Nimbus tiefer Aufrichtigkeit und echter Gefühle, um die Suche nach Alibis für eine überaus grausame, widerliche und gemeine Sache zu erleichtern – auch wenn nur er selbst an diese Alibis glaubt. Behauptet wird, dass die Eroberungskriege, die Massaker, die Deportationen, die Raubzüge, die Zwangsarbeit, die Rassendiskriminierung als Institution, dass all das nur die »Verfallsgeschichte einer großen Idee« war oder, wie Alexis de Tocqueville erklärt, »bedauerliche Zwänge«.40
Wenn man von Frankreich verlangt, es möge bekennen, dass die Kolonialherrschaft »hart, gewalttätig, willkürlich und primitiv« gewesen ist, so wie es der genannte Tocqueville getan hat, oder wenn man erreichen möchte, dass Frankreich aufhört, in Afrika korrupte Diktaturen zu unterstützen, so bedeutet das nicht, dass man Frankreich verleumdet oder hasst. Es bedeutet nur, dass man fordert, es möge seine Verantwortung wahrnehmen und dem gerecht werden, was es als seine universelle Berufung definiert. Diese Forderung ist angesichts der heutigen Verhältnisse unbedingt notwendig. Insbesondere wenn es um Frankreichs koloniale Vergangenheit geht, muss eine Politik der unbegrenzten Unverantwortlichkeit einer strengen, durchdachten und andauernden Kritik unterzogen werden.
Andererseits gilt es, konsequent zu sein und aufzuhören, über die Kolonisation im Sinne einer »variablen Geometrie« zu sprechen41 – bald für den internen Gebrauch, bald für den Export. Wen will man denn vom guten Willen überzeugen, wenn man die eigene Aufrichtigkeit hervorkehrt, wie in Dakar geschehen, und ganz nebenbei versucht, das Kolonialsystem salonfähig zu machen, indem man trachtet, so üble Gestalten wie Raoul Salan42 posthum zum Marschall zu ernennen oder für Killer wie Bastien-Thiry, Roger Degueldre, Albert Dovecar, Claude Piegts und andere ihres Schlags ein Denkmal zu errichten.43
Schlusswort
Die Mehrheit der Afrikaner lebt weder in Frankreich noch in den ehemaligen französischen Kolonien. Sie bemüht sich auch nicht um Emigration ins europäische Frankreich. Millionen von Afrikanern gehen täglich ihrem Beruf nach und hängen von keinem Hilfsprogramm Frankreichs ab. Im Kampf ums Überleben schulden sie Frankreich nichts, ebenso wenig wie Frankreich ihnen etwas schuldet. Und das ist gut so.
Darüber hinaus gibt es eine starke Beziehung auf kulturellem Gebiet, die viele von uns mit diesem alten Land, in dem wir Teile unseres Bildungswegs beschritten haben, verbindet. Dort lebt eine starke Minderheit von französischen Staatsbürgern afrikanischer Herkunft, Nachfahren von Sklaven und Kolonisierten, deren Schicksal uns keineswegs gleichgültig ist, nicht anders als das Schicksal der illegalen Einwanderer, die nicht konform mit den Gesetzen sind, aber dennoch ein Anrecht auf menschliche Behandlung haben.
Seit Fanon wissen wir, dass es unsere Aufgabe ist, die ganze Weltgeschichte neu zu gestalten; dass wir nicht das Vergangene auf Kosten unserer Gegenwart und unserer Zukunft lobpreisen dürfen; dass die »Seele des Negers« eine Erfindung der Weißen ist; dass es ›den Neger‹ nicht gibt, ebenso wenig wie ›den Weißen‹; und dass wir uns nur auf uns selbst stützen können.44
Heute wissen viele ganz genau – sogar unter den frankophonen Afrikanern, deren Unterwürfigkeit gegenüber Frankreich besonders ausgeprägt ist, unterliegen sie doch der Verführung durch den Heimatmythos und die Opferrolle –, dass das Schicksal des Kontinents und wohl auch seine Zukunft nicht von Frankreich abhängen. Nach einem halben Jahrhundert der formalen Entkolonisierung haben die jungen Generationen gelernt, dass von Frankreich nicht allzu viel zu erwarten ist, ebenso wenig wie von den anderen Weltmächten. Die Afrikaner werden sich entweder selber retten oder zugrunde gehen.
Sie wissen auch, dass manche dieser Weltmächte mehr Schaden anrichten als andere. Angesichts unserer vergangenen und gegenwärtigen Verwundbarkeit können wir nicht viel mehr tun, als dieser Macht zum Schaden-Anrichten Grenzen zu setzen. Eine solche Haltung hat mit Hass gegen irgendjemanden nichts zu tun. Im Gegenteil, sie ist die Voraussetzung für eine Politik der Gleichheit, ohne die es keine Weltgemeinschaft geben kann.
Wenn somit Frankreich eine positive Rolle in der Durchsetzung dieser Weltgemeinschaft spielen will, muss es seine Vorurteile aufgeben. Seine neuen Eliten müssen die schwierige Geistesarbeit leisten, ohne die politische Freundschaftsbekundungen keinen Sinn haben. Man kann nicht, wie in Dakar geschehen, zu einem Freund sprechen, ohne ihn anzusehen. Zur Freundschaft fähig sein bedeutet, in seinem Freund den möglichen Feind zu respektieren, wie Jacques Derrida betont hat.45
Der kulturelle und intellektuelle Blickwinkel, unter dem die neuen französischen Machteliten Afrika betrachten, beurteilen oder belehren, ist heute nicht nur überholt. Er lässt auch keinen Raum für freundschaftliche Beziehungen, die der Freiheit ein Zeichen setzen würden, da sie mit von Gerechtigkeit und Respekt geprägten Beziehungen vereinbar wären. Wenn es um Afrika geht, fehlt Frankreich derzeit schlicht der moralische Kredit, der es ihm erlauben würde, mit Gewissheit und Autorität zu sprechen.
Aus diesem Grund wird die Rede des Nicolas Sarkozy in Dakar weder Gehör finden, noch von denen, an die sie sich richtete, ernst genommen werden.
Übersetzt von Fritz Peter Kirsch
Für Makhily Gassama
Doppelbödigkeit und Geschichtsschacher
Zohra Bouchentouf-Siagh
Zohra Bouchentouf-Siagh ist Absolventin der École Normale Supérieure im Fach Lettres Modernes Françaises. Sie hat am Institut de Phonétique et de Linguistique in Alger sowie an der Universität René Descartes – Paris V Sorbonne Sprachwissenschaft studiert. Ihre Dissertationen betreffen die Dialektologie und die Soziolinguistik des Maghreb: Les parlers arabes de l’Ouest algérien. Approche phonologique, Alger 1976, Les usages linguistiques dans la langue du théâtre amateur, Paris 1984, Paroles maghrébines, Alger 2004.
Lehre und Forschung am Institut des langues étrangères von Alger und am Institut für Romanistik der Universität Wien.
Herausgeberschaft:
Dzayer, Alger. Ville portée, rêvée, imaginée. Lectures autrichiennes, Alger, Casbah Éditions, 2006.
Zeitschrift Quo vadis Romania?: Leitung der Nummern 11/1998 (Algérie des femmes. Approches littéraires et linguistiques) und, gemeinsam mit Peter Cichon, 21/2002 (Le Sénégal, un modèle de gestion et de promotion des langues nationales en Afrique?)
Monographie gemeinsam mit Peter Kampits: Zur Aktualität von Albert Camus, Wien, Picus, 2001.
Zahlreiche Aufsätze in Zeitschriften. Vorträge im Rahmen von algerischen und internationalen Kolloquien über Themen aus dem Bereich der Didaktik, der Soziolinguistik, der »frankophonen« Literaturen und des Kulturlebens während und nach der Kolonisation in den vormals unter französischer Herrschaft befindlichen Ländern.
Vor dem Recht eines einzigen Menschen haben Interessen einer Nation betreffend Macht und Reichtum völlig zu verschwinden; andernfalls ist kein Unterschied mehr auszumachen zwischen einer geordneten Gesellschaft und einer Diebsbande.
Condorcet46
Am 26. Juli 2007 hielt der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy an der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar eine Rede, deren Form und Inhalt afrikanische LeserInnen – auch bei großer Vertrautheit mit den ideologischen und propagandistischen Texten, welche die Kolonisation in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht hat – einigermaßen aus der Fassung bringen muss. Was einem da zugemutet wird? Ein gespreizter Stil, der die Kümmerlichkeit der Argumentation nicht einmal notdürftig kaschiert; Zitate ohne Quellenangabe, die dem ursprünglichen Zusammenhang entrissen und zu einer simplen Blütenlese entstellt werden; eine erstaunliche Unkenntnis der Geschichte der afrikanischen Völker und Kulturen … und vor allem der unglaubliche Dünkel eines von seiner Allwissenheit überzeugten Oberlehrers! Ist der erste Leseeindruck einmal verdaut und der erste Zorn verraucht, möchte man klarer sehen und verstehen: Wie und warum konnte sich ein französischer Politiker im Jahr 2007 anmaßen, auf afrikanischem Boden vor afrikanischem Publikum solche Aussagen zu treffen? Und vor allem: Auf welchem Gedankengebäude, auf welcher Ideologie beruht heute seine Haltung gegenüber Territorien, die sein eigenes Land früher ausbeutete? Nach einer kurzen Erörterung von Hilfsmitteln der Textanalyse (für studentische LeserInnen und / oder Nicht-Fachleute) werde ich versuchen, die Grundhaltung dieser Rede darzustellen: Sie bewegt sich in historischer und ideologischer Hinsicht konstant auf doppeltem Boden.
Begriffe der Erzähltheorie
In der Erzähltheorie wird für gewöhnlich auf der Basis formaler Eigenschaften zwischen zwei Texttypen unterschieden: Bericht und Diskurs.
1. Der Bericht erzählt Ereignisse, die im Medium der Zeit vorgefallen sind (oder vorfallen werden); dazu verwendet er auf spezifische Weise nicht nur das Verbalsystem – Modi und Tempora –, sondern auch die Personalpronomen (er/sie/man, unpersönliche Formen etc.). Auf diese Weise ergeben sich im Bericht Unterscheidungen auf zwei Ebenen: einerseits zwischen den erzählten Ereignissen und der Art, wie sie erzählt werden; andererseits zwischen den verschiedenen Standpunkten, von denen aus die Erzählung dieser Fakten gestaltet wird. Gemeinhin kann man mindestens drei Standpunkte festmachen: Entweder der Erzähler ist allwissend, dann kennt er sogar das Innenleben der einzelnen Personen in seinem Bericht (beziehungsweise der einzelnen Figuren, wenn es sich um ein fiktionales Werk handelt); oder der Erzähler bezieht einen externen Standpunkt mit eingeschränktem Gesichtsfeld, insofern er nur berichtet, was er sieht, und so den Eindruck von Objektivität, von fehlender eigener Gefühlssphäre, von Verzicht auf Meinungsäußerungen vermittelt; oder er bezieht einen internen, zwangsläufig partiellen und parteiischen Standpunkt, weil er selbst Teil seiner Geschichte, mithin der erzählten Fakten ist.
2. Ein Diskurs liegt vor, wenn jemand das Wort ergreift, um in mündlicher oder schriftlicher Form seine Vorstellungen, Kommentare oder Analysen darzulegen, und zwar als selbst zu verantwortenden Redebeitrag (der dementsprechend stark – oder schwach – modalisiert wird, etwa durch Markierungselemente der Beurteilung oder Einschätzung). Sprachliche Markierungen des Diskurses sind beispielsweise der Einsatz der direkten Rede, die Verwendung des Präsens oder der Personalpronomen ich/wir und du/ihr/Sie.
So weit – zur Erinnerung – jene Basisbegriffe, die jedem/r SekundarschülerIn in Dakar oder anderswo ausreichend geläufig sind, um die Ansprache von Nicolas Sarkozy als Beziehungsgeflecht zwischen dem, was gesagt wird, und der Art, wie es gesagt wird, »dekodieren« zu können. Neben ästhetischen Optionen (die man in dieser Ansprache übrigens vergeblich sucht, das überstrapazierte Stilmittel der Emphase einmal ausgenommen) bildet vor allem die ideologische Einstellung den »Fundus«, aus dem der Text gestaltet wurde. Es ist so gut wie unmöglich, alle die unzähligen Aspekte dieser geschwätzigen, hohlen, unverdaulichen, an der Grenze zur Beschimpfung angesiedelten Rede des Mannes, der das höchste Staatsamt in Frankreich bekleidet, zu berücksichtigen. Was hier durch die Analyse der formalen Anlage dieses Sermons und einiger Textbeispiele geleistet werden soll, ist die Offenlegung der Ideologie, welche ihm zugrunde liegt.
Die doppelte Diskursinstanz und der doppelte ideologische Boden
Da es in Dakar um eine Ansprache bzw. Rede ging, könnte man erwarten, nur den spezifischen Diskursmarkierungen (siehe oben), also persönlichen Aussagen zu begegnen, für die Nicolas Sarkozy die volle Verantwortung übernimmt. Dem ist aber nicht so: Unmittelbar stolpert man bei der Lektüre über die zweifache Aussageweise, die diesen Text durchgängig charakterisiert, eine deutlich wahrnehmbare doppelte Diskursinstanz. Da ist manchmal wie von ferne oder außen »die Rede« von es gab dies / das, von einem raunenden sie (gemeint jene Menschen), so als ob der Sprecher, N. Sarkozy, seiner jungen Zuhörerschaft traurige Geschichten erzählte, die jedoch längst vergangen, ja sogar definitiv in der Vergangenheit begraben sind. Dann wieder richtet sich eine ungestüme erste Person an dieselbe Zuhörerschaft, ein »Ich, Nicolas Sarkozy, Staatspräsident von Frankreich«, ein »Ich, Frankreich«, das die »Elite der afrikanischen Jugend« direkt anzusprechen wünscht. Dazu folgende Textbeispiele:
Ich bin gekommen, um zu Ihnen offen und ehrlich zu sprechen […] Ich bin nicht gekommen, Fehler und Verbrechen zu leugnen, denn Fehler und Verbrechen hat es sehr wohl gegeben. Es gab den Sklavenhandel, es gab die Sklaverei: Männer, Frauen, Kinder – gekauft und verkauft wie Waren. Und das war nicht nur ein Verbrechen an den Afrikanern. Das war ein Verbrechen am Menschen, an der ganzen Menschheit. […] Sie wollten den afrikanischen Menschen bekehren, wollten ihr Ebenbild aus ihm machen, sie maßten sich alle Rechte an, glaubten sich allmächtig […]
Auffallend sind zunächst die schamhaften und möglichst wenig expliziten Formulierungen »es hat gegeben/es gab, sie, das war« (die sich auch in anderen Textpassagen wiederfinden) sowie die Verben »wollen« und »glauben« (»sie wollten, sie glaubten«)47, die das tatsächlich Geschehene (»bekehren« und »aus ihm machen«, mit anderen Worten: die kulturellen und materiellen Verwüstungen, die im Namen der von der Kolonialmacht proklamierten »zivilisatorischen Mission« begangen wurden) in schüchtern-intime Psychoszenchen verwandeln; alles wird zu einer trüben Brühe verkocht, in der Euphemismen und Ungenauigkeiten sich ineinander verklumpen, so dass man am Ende nicht mehr weiß, wer wann wo was getan hat und, vor allem, wem jeweils die historische Verantwortung zukommt … denn historische Verantwortung gibt es sehr wohl, auch wenn das Nicolas Sarkozy nicht passt, der eigentlich wissen müsste, dass es in Frankreich wie anderswo nicht möglich ist, die Knebelung von Erinnerung und Gewissen per Dekret zu verordnen! Aber kehren wir zurück zu der erwähnten doppelten Diskursinstanz. In ihr formt sich vor unseren Augen die Doppelbödigkeit dieser Rede. Tatsächlich erfüllt sie einen eindeutigen ideologischen Zweck: Einerseits vertuscht Sarkozy seine eigentliche, von Leugnung und Verantwortungsverweigerung bestimmte Denkrichtung, indem er die angesprochenen Fakten – jahrhundertelange Sklaverei sowie koloniale und neokoloniale Ausbeutung Afrikas durch Europa, unter anderem durch Frankreich – als neutrale, objektive und unparteiisch referierte, gewissenlos blanchierte (also durch Abbrühen bekömmlicher gemachte) historische Daten präsentiert, die man bitte schön zu kennen hat, weshalb ihre flüchtige Erwähnung genügt. Andererseits hilft dieses in Wahrheit bloß aufgekochte, an der Kolonialmythologie orientierte Geschichtsbild, in dem wohlweislich nur die »großen zivilisatorischen Verdienste« vermerkt werden, Sarkozy nun, ein düsteres Bild des Kontinents Afrika zu zeichnen, auf dessen Grundlage er schließlich zu einer »Renaissance« aufruft und vor den Augen seines Publikums die strahlende Zukunft dieser Wiedergeburt erstehen lässt – eine leicht erreichbare Zukunft, vorausgesetzt, man hört auf ihn und befolgt nichts Geringeres als die Empfehlungen des Monsieur Nicolas Sarkozy, seines Zeichens französischer Staatspräsident!
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