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Kaja Bergmann
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Duell der Engel

Roman

Edition 211

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- oder Bildteile.

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind von der Autorin nicht beabsichtigt.

Copyright © 2013 by EDITION 211, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH

1. Auflage

Lektorat: Eva Weigl

Layout: Mirjam Hecht

Covergestaltung: Nele Schütz Design, München

ISBN 978-3-937357-91-1

www.bookspot.de

Wie viele Engel gibt es?

Einer, der unser Leben verändert, genügt völlig.

Inhaltsverzeichnis

Habe keine Lust, ein Inhaltsverzeichnis anzulegen, tut mir leid!

Der Versuch, mein Leben in Kapitel zu gliedern, kommt mir falsch vor.

Gabriel

Prolog

Ich wusste nicht, dass ich tot war. Ich dachte, ich sei ganz normal. Wie du. Sofern du normal bist. Weiß nicht, kenn dich nicht. Aber du wirst wahrscheinlich mich kennenlernen. Wenn du das hier weiterliest. Wenn nicht – nun, dann nehme ich an, meine Geschichte interessiert dich nicht, du legst das Buch schon nach den ersten zwei Seiten weg und widmest dich anderen Dingen. Computerspielen zum Beispiel. Oder du liest einfach ein anderes Buch. Eins über lebende Menschen. Reale Menschen. Zumindest glaubst du das.

Ich hätte kein Problem damit. Ehrlich nicht. Eigentlich macht es mir Angst, wenn ich mir vorstelle, dass sich tatsächlich jemand für meine Geschichte interessieren könnte. Das bin ich nicht gewohnt. Aber selbst, wenn sie dir nicht egal ist, wirst du sie niemals glauben. Aber ich erzähle sie trotzdem. Einfach so. Weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Und dafür fange ich noch mal ganz von vorne an.

Vorgeschichte

Mit fünf Jahren erfuhr ich, dass ich adoptiert war. Mit zehn Jahren verstand ich, was das bedeutet.

Meine Adoptiveltern waren für mich immer meine einzig wahren Eltern gewesen. Schon immer. Für immer. Meine leiblichen Eltern hatten mich nie interessiert. Ich verstehe nicht, wie jemand Menschen suchen kann, die einen behandelt haben wie das letzte Stück Dreck. Schlimmer noch. Dreck existiert. Immerhin. Für meine leiblichen Eltern existierte ich scheinbar nicht.

Ich wurde aus dem Waisenhaus geholt, als ich gerade mal drei Wochen alt war. So in etwa. Mein genaues Alter weiß ich nicht. Meinen Eltern wurde erzählt, als man mich vor der Tür des Hauses gefunden habe, hätte ich ein Schild um den Hals getragen. Darauf habe »Gabriel« gestanden. Sie beschlossen, den Namen zu behalten.

Wir wohnten in einem kleinen Einfamilienhaus in Frankfurt am Main. Ich hasste diese Stadt. Sie war laut, dreckig und grau. Es schien immer zu regnen, selbst wenn die Sonne schien. Man kann auf viele Arten scheinen. Nein, Regenbogen habe ich hier noch nie gesehen. Nein, wirklich nicht.

Mit meinen Eltern kam ich immer gut klar, obwohl (oder weil?) beide wegen ihrer Jobs nie viel Zeit für mich hatten. Auch in dieser, meiner Geschichte werden sie keine große Rolle spielen. Genauer: Sie werden gar keine Rolle spielen.

Geschwister hatte und vermisste ich keine.

Meine Kindheit war kurz und glücklich. Kurz, weil ich mich kaum an sie erinnern kann. Glücklich, weil das, was ich noch weiß, nicht traurig ist.

Ich erinnere mich an eine Sportstunde in der sechsten Klasse. Es war Sommer. Unglaublich heiß. Die Sonne brannte auf die Laufstrecke und ich konnte die Luft über ihr flimmern sehen. Wir saßen im Schatten eines unpassend neben dem Platz emporragenden Baumes und sollten unseren Puls messen. Den Zeigefinger auf die Innenseite des Handgelenks legen. Dann sollten wir eine Runde laufen, schnell laufen, uns wieder hinsetzen und den Puls noch einmal messen.

Ich habe ihn nicht gefunden. Habe dann einfach irgendwelche Zahlen leicht verändert von anderen abgeschrieben.

Später habe ich ihn noch mal gesucht, meinen Puls. Gefunden habe ich ihn nie.

Drei Jahre später wurde mir klar, dass ich tot w a r.

Hab was vergessen!

Habe vergessen, mich vorzustellen. Wie unhöflich. Entschuldige.

Ich bin Gabriel, wie du inzwischen ja schon mitgekriegt hast. Vielleicht. Zum Zeitpunkt deines Weiterlesens bin ich fünfzehn. Meinen Geburtstag habe ich bisher immer am 11. November gefeiert. Der Tag, an dem ich im Waisenhaus abgegeben wurde. Sankt-Martins-Tag.

Ich habe blond gelockte, längere Haare. Nein, ich habe noch nicht darüber nachgedacht, sie abzuschneiden und schwarz zu färben. Okay, ja, habe ich doch, sonst würde ich das hier nicht schreiben. Aber nein, ich werde es sicher nicht tun. Keine Ahnung, sie gefallen mir. Egal. Meine Augen sind braun und ich bin eher klein, würde ich sagen.

Ich wohne noch immer mit meinen Eltern in Frankfurt. Leider.

Am liebsten esse und trinke ich Schokoladeneis.

Mein Lieblingsbuch ist »Die Verwandlung«. Sie hat mich von dem irrwitzigen Wunsch befreit, Käfer sein zu wollen.

Ich mag den Nebel, aber hasse die Kälte. Innen wie außen.

Mein Lieblingsfilm ist »Der Sternwanderer«. Grandiose Landschaften, wundervoller Soundtrack, humorvoll, geniale Schauspieler, voller Liebe und Fantasie.

Mein Lieblingslied ist "Come as you are”. Wow, Anführungszeichen oben, weil mein Rechtschreibprogramm erkannt hat, dass es ein englischer Titel ist. Ich bin begeistert.

Ich habe einen kleinen Block (nein, keinen Blog, einen normalen, altmodischen Block aus Papier!), in den ich meine Gedanken schreibe, wenn ich Angst habe, sie zu verlieren. Meistens aber bin ich zu langsam und verliere sie trotzdem.

Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass die meisten Sätze dieses Kapitels mit »Ich« beginnen, obwohl ich weiß, dass das in diesem Buch noch öfter der Fall sein wird. Egal.

So, jetzt weißt du genug über mich. Wolltest du das überhaupt? Ich hoffe schon, denn ich fühle mich nun ziemlich nackt. Angreifbar. Als hätte man mich aufgeschnitten und mein Inneres nach außen gestülpt. »Heute tragen wir’s mal linksrum!« Nur dass ich kein T-Shirt bin. Und man nicht nur Nähte sieht, die sonst verdeckt bleiben. Wäre es nur so.

Tut mir leid, wenn all das inzwischen etwas langweilig für dich geworden ist. Die Einleitung ist wohl für beide Seiten etwas anstrengend, für mich vielleicht sogar noch mehr. Aber es ist so einfacher. Für uns beide. Glaub mir; inzwischen kennst du mich ja. Ein wenig.

Ach, und noch was: Versuch nicht, ein psychologisches Profil oder so was von mir zu erstellen. Minderwertigkeitskomplexe, auf der Suche nach wahrer Identität, Selbstzweifel.

Lass es. Das funktioniert nicht. Wirst schon sehen.

Egal. Denn jetzt geht’s endlich los. Oder, um es mit Bernemanns Worten (oder denen eines beliebigen Theaterregisseurs) zu sagen: VORHANG AUF …

Notizen

November

Alles wird grau. Alles wird kalt. Alles wird dunkel. Das Licht verabschiedet sich aus der Welt und ich habe Angst, dass es nie mehr zurückkommt. Wenn ich daran denke. Meistens denke ich nicht daran.

Ich sitze an meinem Fenster, in eine weiche Decke gehüllt, die mir durch die Dunkelheit draußen umso behaglicher erscheint. Außer wenn ich daran denke. Dann scheint sie hart. Meistens denke ich nicht daran.

Im kalten Weiß der Straßenlaternen schweben lange Regenfäden gen Boden. Irgendwo zieht eine Gruppe kleiner Lichter vorbei. Sie sind gelb und warm, nicht weiß und kalt. Erstaunlich, wie eng die Dinge beieinanderliegen. Wenn ich daran denke, fällt mir auf, wie unterschiedlich sie sind. Meistens denke ich nicht daran.

Die Lichter werden von Tönen begleitet. Auch sie sind warm, warm und hell. Wie Nebelschwaden gleiten sie vorbei. Nebelschwaden im November. Wenn ich daran denke, fällt mir auf, wie vergänglich sie sind. Meistens denke ich nicht daran.

Alles wird grau. Alles wird kalt. Alles wird dunkel. Innen und außen. Der einzige Schutz ist eine beschlagene Fensterscheibe.

4. Dezember 2009, 07:15 Uhr

Liebe macht blind. Und ist gefährlich. Aber all das nehmen die Menschen in Kauf. Nur um zu lieben. Um geliebt zu werden. Ich weiß, wovon ich spreche. Und ich verachte sie nicht für die Gefahr und den Schmerz, den sie bringt, die Liebe. Ich liebe sie. Und bereue nichts.

Der Morgen empfing mich dunkel. Das tat er schon lange. Eine schlechte Angewohnheit, finde ich. Abends mag ich die Dunkelheit. Morgens nicht.

Während ich zum Bus stapfte und mich fragte, warum der Schokoladenweihnachtsmann, der gestern Abend wegen mir hatte sterben müssen, nicht geblutet hatte, dachte ich an den Nachmittag. Freitag. Endlich! Jeden Montag beginne ich, mich auf den Freitag zu freuen. Aber dieser Freitag schien besonders schön zu werden. Denn heute Nachmittag wollte ich mich mit Sonja treffen. Eis essen gehen. Eis im Dezember. Es gibt nichts Schöneres!

Ich bog um die Ecke und da war sie. Sonja. Sie stand unter dem Dach der Bushaltestelle und sah mich – nicht. Ich lief etwas schneller und plötzlich wandte sie den Kopf, sah mich an und lächelte. Mein Herz schlug einen Salto. Ich versuchte es zu beruhigen und blieb stehen. Presste meine Hand auf die Brust und dachte, es so zum Stillstand bringen zu können. Heute weiß ich, dass ich das nie können werde. Mein Herz ist da, es schlägt, aber es haucht mir kein Leben ein. Es ist da, um mir zu sagen, wie ich mich fühle, dass ich fühle. Nicht, um mir zu sagen, dass ich lebe. Hätte es das versucht, hätte es gelogen.

Während ich auf der Straße stand und vergeblich versuchte, mein Herz zu beruhigen, bemerkte ich, wie sich Sonjas Gesichtsausdruck veränderte. Das Lächeln verschwand. Zuerst blickte sie leicht irritiert, dann erschrocken und schließlich ließ pures Entsetzen sie von einem Schlag auf den anderen aschfahl werden. All das spielte sich wahrscheinlich in Sekundenschnelle ab. Mir kam es unendlich langsam vor. Und doch konnte ich nicht reagieren. Wollte nicht reagieren. Ich stand einfach nur da und blickte Sonja an, während mein Herz einen Rückwärtssalto mit anschließender Schraube drehte. Wow, wenn es so weitermachte, sollte ich es bei den Olympischen Spielen anmelden.

Da hörte ich plötzlich Stimmen. Ich hörte sie, aber verstand sie nicht. Ich glaube, sie riefen meinen Namen. Sonja fuchtelte mit den Armen. Ihr Mund öffnete sich, aber ich hörte nicht, was sie schrie. Ich wollte es auch gar nicht hören, denn mir war gerade aufgefallen, wie schön sie war. Mit ihrer weißen Mütze, den schulterlangen, braunen Haaren und den vor Kälte geröteten Wangen sah sie aus wie ein Engel. Welche Ironie …

Der BMW erwischte mich in voller Fahrt. Ich spürte einen Schlag, dann wurde ich durch die Luft geschleudert. Sah den schneebedeckten Boden, den dunklen Morgenhimmel und wieder den Boden. Irgendwo in einem versteckten Winkel meines Gehirns hörte ich leise Major Tom. Völlig losgelöst, von der Erde … Keine Ahnung, wo es das ausgegraben hatte.

Ich befand mich in einem seltsamen, traumartigen Zustand, von dem ich wusste, dass er sich Realität nannte. Irgendwo zwischen Mondlicht und Finsternis. Ich hatte nichts gehört, nichts gesehen, nichts gefühlt außer Sonja. Selbst der Schmerz, den ich eigentlich hätte spüren müssen, blieb unentdeckt. Bis ich auf dem Boden aufkam. Dann war er plötzlich da. Härter, als ich ihn je erwartet hätte. Er schlug mir wie ein Hammer auf die Brust. Alle Luft entwich aus meinen Lungen und für kurze Zeit überfiel mich die idiotische Panik, zu ersticken. Dann wurde ich ohnmächtig und der Morgen noch dunkler.

4. Dezember 2009, 12:59 Uhr

Leise schwebte ich über die unberührte Schneefläche hinweg, ein glänzend weißer Boden in der konturlosen Dunkelheit. Alles war weiß und dunkel. Vereinzelt sah ich Menschen, nicht größer als Glühwürmchen in kleinen Puppenhäusern. Draußen war es leer, leer und schön. Ich wusste, dass es kalt sein sollte, aber ich spürte die Kälte nicht. Meine Arme hatte ich ausgebreitet und das Einzige, was ich trug, war ein langes, weißes Hemd. Ich spürte einen sachten Luftzug und stellte fest, dass es mein Flügelschlag war. Als ich die Flügel ein wenig anlegte, schoss ich plötzlich hinab, wurde schneller und schneller. Der Schnee war auf einmal ganz nah. Ich spürte, dass ich Angst haben sollte, Angst vor dem Aufprall und dem darauf folgenden Schmerz. Aber ich hatte keine. Mein Herz pochte ruhig und gleichmäßig in meiner Brust und meine Körperhaltung war so locker und entspannt, als würde ich gerade im Wohnzimmer vorm Fernseher sitzen, anstatt mit Überschallgeschwindigkeit meinem sicheren Ende entgegenzusteuern.

Da wurde mir klar, dass ich so entspannt war, weil ich wusste, dass mir nichts passieren würde. Weil ich wusste, dass ich, wenn ich auf dem Boden aufkam, nicht sterben würde. Weil ich wusste, dass ich ein Engel war.

In meiner Brust breitete sich ein Gefühl unendlicher Freude aus. Mein Herz begann, pochende Saltos zu schlagen – das machte es sonst nur, wenn ich Sonja sah. Ich flog über die Welt, die mir in ihrer ganzen Größe und Schönheit offenstand. Nichts war zu weit für mich, nichts zu groß und nichts zu hoch. Wo ich hinwollte, konnte ich hinfliegen, einfach so. Einmal um die Welt? Kein Problem! Ich wusste, es konnte höchstens ein paar Minuten dauern.

Als der Boden nur noch wenige Meter entfernt war, breitete ich meine Flügel wieder aus und sauste in einem perfekten Bogen über ihn hinweg, wieder hinauf, den Sternen entgegen.

4. Dezember 2009, 14:32 Uhr

»Hey, ich glaube, er kommt zu sich!«

»Na ja, er war ja auch lange genug weg!«

Langsam öffnete ich die Augen. Eigentlich wollte ich länger in meinem Traum bleiben. Noch ein bisschen über die schneebedeckte Dezemberlandschaft gleiten. Noch ein bisschen das Gefühl der unendlichen Freiheit auskosten. Aber ich fühlte, dass es sich lohnte, die Augen zu öffnen und den Traum verblassen zu lassen.

Die Helligkeit erschlug mich. Alles war weiß, doch ich konnte nicht sehen, was es war. Vor meinen Augen flimmerte es so gewaltig, dass mir schlecht wurde. Ein Stöhnen drang ungewollt aus meiner Kehle, es klang rau und kratzig. Ich kniff die Augen wieder zu und versuchte dann langsam, Schritt für Schritt, sie nochmals zu öffnen.

»Gabriel, Gabriel, geht’s dir gut?«

»Pst, lass ihn erst mal zu sich kommen.«

»Aber er hat gestöhnt! Gabriel, was hast du?«

»Pssst!«

Mit der Zeit wurde es besser. Ich konnte eine weiße Zimmerdecke erkennen. Weiße Wände. Weiße Vorhänge vor einer weißen Dezemberlandschaft draußen, die von einem weiß-grauen Himmel überspannt wurde. Dann ein Gesicht. Sonjas Gesicht! Sie beugte sich über mich, ihre Augen voller Sorge und Schmerz. Mein Herz zog sich zusammen. Ich musste husten.

»Gabriel«, flüsterte Sonja. Ihr Gesicht war meinem ganz nahe. »Wie geht’s dir? Hast du Schmerzen?«

»Mir geht’s super«, flüsterte ich zurück. Meine Stimme klang noch immer rau. Das Sprechen hinterließ ein juckendes Kratzen in meinem Hals und ich musste wieder husten. Das Husten tat meinem Herz weh. Das Husten oder Sonjas vor Sorge verzerrtes Gesicht.

»Du hörst dich aber gar nicht super an«, meinte sie mit einem traurigen Lächeln.

»Was ist passiert?« Ich nahm mir vor, nur noch so wenige Worte wie möglich zu benutzen. Worte sind scharf und gefährlich. Ich hatte Angst, sie würden meinen Hals zerschneiden.

»Du hattest einen Unfall. Heute Morgen. Du bist plötzlich auf der Straße stehen geblieben und der Idiot in dem BMW hat nicht angehalten. Nicht mal richtig gebremst hat er. Wenigstens hat er keine Fahrerflucht begangen. Na ja, es haben ihn wohl auch zu viele gesehen. Vielleicht kommt er ja zu dir und entschuldigt sich. Keine Ahnung. Aber warum bist du denn auch stehen geblieben? Mitten auf der Straße, verdammt?!« Die letzten Worte schrie sie fast. Es machte mir Angst. Ich sagte leise »Ich weiß nicht« und hasste mich dafür. Ich hätte so was sagen sollen wie »Weil ich dich gesehen habe und mein Herz verrücktgespielt hat« oder » Weil ich blind war. Blind vor Liebe zu dir.« oder schlicht »Weil ich dich liebe.« Ich hätte einfach die Wahrheit sagen sollen. Aber ich tat es nicht. Und kam mir unglaublich feige vor.

»Wo sind meine Eltern?«, fragte ich stattdessen weiter.

»Weißt du doch. Auf Geschäftsreise. In China oder so. Die Leute vom Krankenhaus haben ihnen Bescheid gesagt, sie versuchen, so schnell wie möglich heimzukommen, aber es wird wohl noch ein wenig dauern. Na ja, du kennst sie ja. Hast du Schmerzen?«

»Was?«

»Ob du Schmerzen hast.«

»Nein.« Und das war nicht mal gelogen. Ich spürte keinen Schmerz bis auf den in meinem Hals.

»Na ja, bei den Mengen an Morphium, die die dir reingepumpt haben, ist das auch kein Wunder.«

»Ich bin ein Engel.«

»Was?«

»Ich bin ein Engel.«

In ihrem Blick lag reine Irritation. Sonst nichts. Nur Irritation. Sie sah kurz zur Seite und murmelte etwas von wegen »Ich hab’s ja gesagt, Morphium«.

»Nein, du verstehst nicht!« Der Schmerz in meinem Hals explodierte. Und ich schrie trotzdem weiter. Schrill und laut. Obwohl Sonja zurückschreckte. Obwohl der Schmerz sich zu einem brennenden wütenden Punkt zusammenzog, der mir fast die Kehle zuschnürte. »Ich bin geflogen! Gerade eben! Über eine weiße Landschaft. Es war unglaublich! Mir war nicht ein bisschen kalt! Mein Herz ist nicht mit meinem Körper verbunden, weißt du? Es ist da, aber eben nicht verbunden. Aber ich kann trotzdem fühlen, verstehst du? Ich hab ein Herz, aber keinen Puls. Weil ich ein Engel bin!«

Zweifelnd sah mich Sonja an. Dann beugte sie sich wieder zu mir. »Du liegst seit heute Morgen im Krankenhaus, Gabriel. Du hast geträumt.« Sie tat mir weh. Mein Herz krümmte sich, als müsse es sich übergeben. Es war die Art, wie sie zu mir sprach. Leise und sehr deutlich. Als wäre ich wieder fünf. Als wäre ich verrückt.

Doch bevor mein Herz sich tatsächlich übergeben konnte, stand ich neben mir. Ich sah zu mir herab, wie ich bleich im Bett lag, mit dunklen Ringen unter den Augen und aufgeplatzten Lippen. Meine blonden Locken klebten mir dunkel an den Schläfen. In meinen Augen stand ein wirrer Ausdruck. Und ich sah Sonja, wie sie auf einem Stuhl neben meinem Bett saß, zwar ebenfalls bleich, aber schön wie immer. Ich sah, wie sie mit mir sprach, besorgt und voller Angst. Und ich verstand, wie es auf sie wirken musste. Meine ganze Geschichte. Alles, was ich sagte. Und dann verstand ich, dass sie recht hatte. Ja, ich hatte den gesamten Vormittag im Krankenhaus gelegen. Natürlich, der wunderbare Flug über die dunkle Dezemberlandschaft war nur ein Traum gewesen. Sicherlich musste es auf sie wirken, als sei ich verrückt. Und trotzdem – irgendwie wusste ich, dass in dem Traum eine unbestreitbare Wahrheit lag, die ich soeben entdeckt hatte.

Und dann sah ich noch etwas. Einen Mann, der einen weißen Kittel trug und an der Wand lehnte. Warum hatte ich ihn zuvor nicht bemerkt? Und plötzlich war ich wieder in meinem Körper, mit dem seltsamen Gefühl, dort nicht hinzugehören.

Ich blickte den Mann an der Wand an. »Wer sind Sie?«, fragte ich leise. Mir wurde plötzlich bewusst, dass er alles mit angehört haben musste, und ich spürte, wie Blut versuchte, in meinen Kopf zu steigen, es aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht schaffte.

»Ich bin Dr. Schmitt«, sagte der Arzt ruhig. Er hatte eine tiefe, angenehme Stimme. Um seine Augen spielte ein Lächeln, das es sofort unmöglich machte, ihn nicht zu mögen. Lässig stieß er sich von der Wand ab und gab mir die Hand. »Angenehm. Und du bist also ein Engel, ja?« Er sagte das nicht spöttisch, sondern sachlich und ruhig, als wäre es das Normalste der Welt. Trotzdem konnte ich ihn nicht ansehen. Mein Blick wanderte zu Sonja, die mich immer noch besorgt anblickte.

»Nein«, sagte ich leise. »Ich habe nur geträumt. Ich stand kurz neben mir.« Im wahrsten Sinne des Wortes. Sofort entspannten sich Sonjas Gesichtszüge und in ihren Augen spiegelte sich reine Erleichterung.

»Tatsächlich?« Dr. Schmitt sah mich prüfend an. »Nun, das ist nichts Ungewöhnliches, musst du wissen. Der Traum, meine ich. Schließlich warst du den gesamten Vormittag lang ohnmächtig.« Ich blickte ihn wieder an, doch er sagte nichts mehr.

»Und weiter?«, fragte ich deshalb.

»Wie weiter?«, erwiderte Dr. Schmitt gelassen.

»Na ja, Ihre Diagnose. Was habe ich?«

»Ach, das meinst du. Na ja, es grenzt an ein Wunder. Du hast nur ein paar Prellungen. Keine Knochenbrüche, keine inneren Verletzungen, nichts. Du musst dich instinktiv genau richtig über das Auto abgerollt haben. Der geborene Stuntman, sozusagen.«

Sonja blickte auf. »Und warum haben Sie ihm dann so viel Morphium gegeben?«

»Weil er, als er hier eingeliefert wurde, geschrien hat, als würde er jeden Moment sterben. Ich muss ehrlich sagen, in meinem Job höre ich täglich mehr schmerzerfüllte Schreie, als ich eigentlich ertragen kann, aber dieser junge Mann hier hat mir … nun ja, das Blut in den Adern gefrieren lassen. Wir hatten wirklich Angst um ihn. Aber alle nachfolgenden Untersuchungen haben nichts ergeben.« Er wandte sich wieder mir zu. »Fühlst du denn tatsächlich keine Schmerzen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Nur … vielleicht … mein Hals tut weh. Beim Sprechen.«

Dr. Schmitt sah mir prüfend in die Augen. »Nun ja, erstens lässt das Morphium wohl langsam nach und zweitens ist es kalt und du hast, bis dich der Krankenwagen holen konnte, im Schnee gelegen. Ich schätze, hier bahnt sich eine Erkältung an. Hätte mich auch gewundert, wenn nicht. Obwohl deine tapfere Freundin gleich zur Stelle war. Du kannst stolz auf sie sein. Ich schätze mal, sie hätte zur Schule gemusst; stattdessen saß sie den ganzen Tag lang an deiner Seite und wollte nicht eher gehen, bis du aufwachst.«

Ich blickte überrascht zu Sonja. Sie wurde rot und sah zur Seite.

»Nun ja, dann lass ich euch mal allein. Ich muss noch ein paar Visiten machen, das Übliche …« Und schon stand er neben der Tür. Mir war gar nicht aufgefallen, wie klein das Zimmer war. So klein, dass nur ein Bett hineinpasste. Und ein paar Besucher. Wobei mir im Moment einer reichte. Oder eher – eine.

»Warten Sie, Dr. Schmitt!«, rief ich dem Arzt trotzdem hinterher. Er blieb stehen und drehte sich fragend um. »Wie geht’s denn jetzt weiter? Wann komm ich hier raus?«

»Na ja, wir werden noch ein paar Untersuchungen machen müssen. Wenn die nichts ergeben – nun, dann kannst du in einer Woche nach Hause.« Und schon war er verschwunden.

Ich blickte zu Sonja. Sie begutachtete noch immer einen Fleck am Boden, als wäre er das Interessanteste, was die Welt zu bieten hatte.

»Hast du wirklich die ganze Zeit gewartet? Hier? Bei mir?«, fragte ich leise. Plötzlich tat mein Hals gar nicht mehr weh.

Sie nickte, sah aber noch immer zu Boden. Ich hingegen konnte meinen Blick nicht mehr von ihr wenden. »Wow.« Das war das Einzige, was ich sagen konnte. Schließlich blickte sie zögernd auf. Drehte den Kopf zu mir. Lächelte schüchtern. Ich lächelte zurück. Und dann beugte sie sich langsam zu mir herunter und küsste mich.

Mein Herz blieb stehen. Keine Saltos mehr. Keine Luftsprünge. Nichts. Es hing einfach nur regungslos in meiner Brust und genoss den Augenblick. Ich spürte, dass dies hier reines Glück war. Pure Magie. Mein Flug im Traum war ein Witz dagegen. Das hier war echt. Das hier war das Leben.

Ich schloss die Augen und genoss den Augenblick, der mir wie eine Ewigkeit vorkam.

Notizen

Ich glaube, dass ich zu viele Konsekutivsätze verwende.

18. Dezember 2009, 15:05 Uhr

»Mmmm … Das Zitroneneis hier ist echt am besten.«

»Quatsch, Zitrone ist doch viel zu sauer! Es geht nichts über Schokolade, so viel ist sicher!«

Sonja sah mich an, als hätte ich gerade bezweifelt, dass der Papst an Gott glaube. Ohne das geringste Verständnis. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf und gab mir einen kurzen Kuss. Ihre Lippen schmeckten nach Zitroneneis (wonach sonst?!) und plötzlich mochte ich den Geschmack. »Du hast ja keine Ahnung!«, meinte sie gespielt hochmütig.

»Wieso, weil ich Schokolade besser als Zitronen finde?«

»Genau!«

»Gerade eben fand ich Zitronen tatsächlich sehr geschmackvoll!«

»Gerade eben?«, fragte sie erstaunt. Dann trat in ihre Augen das Lächeln der Erkenntnis, welches ich so sehr an ihr liebte. Sie beugte sich zu mir und küsste mich noch mal, diesmal länger.

»Immer noch lecker?«, fragte sie, als sie sich von mir löste.

»Klar. Es wird von Mal zu Mal besser!« Sie lächelte wieder und mein Herz sprang in meinen Hals, wo es sich an der Aorta festklammerte.

Ich liebte Sonja. Nein, ich war nicht verliebt, ich liebte sie. Anfang dieser Woche war ich aus dem Krankenhaus entlassen worden und hatte bisher jeden Tag mit ihr verbracht. Und immer war ich traurig, wenn der Tag vorbei war. Und glücklich, weil ich mir sicher war, dass der nächste genauso schön, wenn nicht gar schöner werden würde.

Heute war Freitag. Ein perfekter Dezemberfreitag, mit allem, was dazu gehört: Eis, Schnee und Sonja.

Nach dem Eis essen gingen wir ins Kino. Eine Weihnachtsgeschichte. Natürlich in 3-D. Sonja sah mit ihrer Brille wunderschön aus. Wir saßen in der letzten Reihe, alberten herum, schossen mit unseren Handys Fotos von uns mit den 3-D-Brillen und lachten so laut, dass sich die Leute vor uns genervt umdrehten und uns ein kleiner Junge aus Rache mit Popcorn bewarf. Wir warfen zurück, trafen dabei weitere Menschen am Kopf, zettelten ein wahres Popcorngemetzel an und wurden schließlich rausgeworfen, weil sich irgendein Spießer über uns beschwert hatte. Ich bin noch nie aus einem Kino geschmissen worden. Trotzdem war der Tag perfekt. Sonja war perfekt. Wie immer. Mit ihr würde ich mir sogar das Weihnachtsfest der Volksmusik anschauen und es wäre in diesem Moment der schönste Augenblick auf Erden. Wie jeder mit ihr.

Über meinen Traum als Engel haben wir nicht mehr gesprochen. Er war mir egal geworden. Denn ich glaubte erkannt zu haben, dass die wahre Schönheit des Lebens direkt vor mir lag. Dass Sonja sie verkörperte. Wozu brauchte ich Flügel, wenn jeder Tag mit ihr mich direkt in den siebten Himmel trug? Wozu brauchte ich Adrenalin, wenn ein einziger Blick von ihr mein Herz zum Aussetzen brachte? Und wozu brauchte ich die Vogelperspektive, wenn ich mit ihr zusammen die gesamte Welt in warmen, leuchtenden Farben sah? Nein, ich brauchte keinen Engel in mir. Ich brauchte nur Sonja.

Und so lebten wir glücklich und zufrieden bis an unser Lebensende. Und hier ist die Geschichte vorbei.

Wie oft habe ich mir gewünscht, dass es so gelaufen wäre. Wie oft habe ich mir gewünscht, in einem Märchen zu leben. Doch leider lebe ich in der Realität. Und die verlief anders.

In Wahrheit lebten wir tatsächlich glücklich und zufrieden. Wenn man das so sagen kann. Die Formulierung fand ich schon immer ein wenig eigenartig.

Für uns existierten nur wir zwei, alles andere war uns egal, alles und jeder. Luft und Liebe – es stimmt tatsächlich, mehr brauchten wir nicht.

Ja, wir waren glücklich. Bis zu jenem Tag.

11. Juni 2010, 14:01 Uhr

Es war ein Freitag. Ausgerechnet. Ein schöner, warmer, sonniger Freitag.

Ich saß auf unserem flachen Garagendach, ließ die Beine baumeln und starrte in den wolkenlos blauen Himmel. Vor mir erstreckten sich die Hochhäuser Frankfurts dreckig, grau und drohend. Deshalb starrte ich nach oben. Meine Mutter hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und mich hysterisch angebrüllt, ich solle runterkommen, das Dach würde einbrechen oder ich würde das Gleichgewicht verlieren, ich sei lebensmüde. Ich musste lächeln. Lebensmüde. Im Moment gab es für mich nichts Schöneres als das Leben. Das Leben mit Sonja. Außer heute.

Meine Eltern waren nicht da. Auf Geschäftsreise. Wo auch sonst? Ich erwähnte ja bereits: Sie werden in dieser Geschichte keine Rolle spielen.

Aber dass sie weg waren, fand ich nicht schlimm. Dass Sonja weg war, umso schlimmer. »Mädelstag«. Toll. Ich konnte es ja verstehen. Irgendwie. Seitdem wir zusammen waren, hatte sie immer weniger Zeit mit ihren Freundinnen verbracht. Und das wollte sie jetzt nachholen. An einem Tag. Gutes Gelingen!

Ich glaube, ihre Freundinnen mochten mich nicht besonders. Die Art, wie sie mich ansahen, wenn ich mit Sonja über den Pausenhof ging. Wie sie tuschelten, sobald wir vorbei waren und dachten, wir merkten es nicht. Mir war das egal. Sonja, glaube ich, nicht. Aber sie redete nie darüber. Und ich wollte es auch nicht tun.

Ich hatte keine Freunde. Scheiße, wie abgedroschen mitleiderregend dieser Satz klingt. Soll er aber nicht. Ich hatte keine und auch nie das Verlangen, welche zu brauchen. Seit letztem Dezember erst recht nicht. Und im Moment war ich sogar ganz froh drum.

Jedenfalls saß ich auf dem Dach, dachte an Sonja und wurde trotz des schönen Tages immer trübsinniger, als plötzlich mein Nacken schmerzte. Ich ließ den Blick also nach unten schweifen, sah die dreckige Stadt, die Häuser – und einen Mann. Er stand auf einem Häuserdach, ein paar Straßen entfernt. Gefährlich nah am Rand. Als gehorchte ich einem fremden Impuls, beugte ich mich weiter nach vorne, um ihn besser sehen zu können – und verlor das Gleichgewicht. Unter mir war nur noch Luft, dicke, schwere Luft, so dick, dass sie mich eigentlich hätte auffangen müssen. Aber sie tat es nicht.

Ich fiel. Mein Herz lag reglos irgendwo in meiner Magengegend. Bilder schossen an meinen Gedanken vorbei, die versuchten, sie festzuhalten, es aber nicht schafften. Ich wollte sie ordnen, meine Gedanken ordnen, es gelang mir nicht. Sie purzelten übereinander und es entstand das reinste Chaos, ein großer, unorganisierter Berg aus Gedankenchromatin. Der Boden kam näher. Na ja, immerhin hatte ich ein schönes Leben!, meldete sich ein Gedanke, der es scheinbar geschafft hatte, sich aus dem Gewirr zu befreien. Ich schloss die Augen und wartete auf mein Ende.

Es kam nicht. Eine gefühlte Ewigkeit lang hatte ich gewartet. Waren es Sekunden? Minuten? Stunden? Ich hätte es nicht sagen können. Als ich die Augen wieder öffnete, saß ich auf dem Dach. Unbewegt. Wie zuvor. Was war passiert? Träumte ich? Hatte ich geträumt? Ich blickte zu dem Haus ein paar Straßen weiter. Der Mann stand noch immer da. Unbewegt. Starrte in den Abgrund. Dann sprang er. Mein Herz zog sich tiefer in Richtung Magen zurück.

Bevor ich wusste, was ich tat, sprang auch ich vom Dach, breitete meine Flügel aus und schwebte lautlos hinüber. Packte den Mann unter den Armen und flog mit ihm auf sein Dach zurück, ohne meine neue Kraft zu bemerken. Ließ ihn los und setzte mich. Im Schneidersitz beobachtete ich, wie der Mann ein wenig torkelte, aber ein paar Meter weit vom Rand entfernt blieb. Ein paar Meter Sicherheit.

»Wie heißt du?«, fragte ich ruhig.

»Was?« Sein Gesicht hatte eine ungesund grünliche Farbe angenommen.

»Wie du heißt.«

Zuckend wandte er den Kopf. Blickte mir unsicher in die Augen. »Marc.« Seine Stimme schwankte.

Ich bemühte mich um ein beruhigendes Lächeln, was mir merkwürdigerweise auch recht gut gelang.

»Marc. Kannst du mir einen Gefallen tun? Kannst du dich zu mir setzen und mir erzählen, was passiert ist? Warum du dich umbringen wolltest?« Aufmunternd klopfte ich neben mir auf den Boden. Entschuldige, ich meinte, auf das Dach.

Marc reagierte nicht. Wie in Trance sah er zum Rand des Daches, zu der Leere, die sich dahinter erstreckte. Dann wieder zu mir.

»Ich träume«, nuschelte er kopfschüttelnd. »Ich träume.« Trotzdem ging er die paar Schritte in meine Richtung und setzte sich neben mich. Ich reichte ihm die Hand. »Ich bin Gabriel. Schön, dich kennenzulernen.« Als Marc nach einigem weiteren Zögern endlich meine Hand ergriff, schien er fast überrascht, sie berühren zu können. Ich übrigens auch.

»Also, Marc. Was ist geschehen?«, fragte ich, als er auch nach ein paar Minuten keine Anstalten machte zu sprechen.

»Ich … Es war gestern.« Seine Stimme stockte. »Meine Freundin, sie war … sie war schwanger. Aber vor einer Woche, da gab es Komplikationen. Sie hat das Kind verloren.« Er zuckte. »Sie hat mein Kind verloren. Vorgestern ist sie …« Seine Lippen zitterten und eine einzelne Träne löste sich aus dem linken Auge. Ich beobachtete, wie sie über seine Wange glitt. Langsam. Lautlos. »Vorgestern ist sie gesprungen. Hier.«

Mir stockte der Atem. Ich erinnerte mich an die Zeitungsmeldung, die ich noch heute Morgen eilig überflogen hatte, und schluckte.

»Tut mir leid«, flüsterte ich traurig.

Marc nickte nur heftig. »Wer bist du?«, fragte er leise.

»Gabriel.« Ich bemühte mich noch mal um ein leichtes Lächeln, doch jetzt gelang es mir nicht mehr; mein Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Grimasse. Marc schien es nicht zu bemerken. Er starrte wieder gedankenverloren zum Abgrund vor uns.

»Marc. Du brauchst Hilfe«, begann ich vorsichtig.

Er lachte verzweifelt. »Klar brauch ich Hilfe! Ich sitze auf einem Dach und rede mit dem Erzengel Gabriel!«

»Der bin ich nicht!«, unterbrach ich ihn sofort. Er schüttelte nur resignierend den Kopf und begann, mit dem Oberkörper leicht vor und zurück zu wippen. Erst jetzt fiel mir auf, wie jung er war. Wahrscheinlich um die fünfundzwanzig.

»Marc. Du machst einen Fehler. Was dir passiert ist, ist schrecklich, keine Frage. Aber das ist nicht das Ende. Ich weiß, es fällt nicht schwer das zu sagen, aber ich … Ich kenne einen guten Psychiater. Wenn du willst, bringe ich dich gleich hin.«

Marc lachte wieder. Es klang schrecklich traurig. »Nach diesem Gespräch hier brauche ich wirklich einen.«

Ich stimmte in sein Lachen ein und hoffte, es ein wenig aufhellen zu können, aber es klang nur wie das kehlige Gelächter zweier Wahnsinniger. Er drehte langsam den Kopf. »Der beste Psychiater ist der Tod«, sagte er ruhig. Dann stand er blitzschnell auf, rannte die paar Schritte zum Dach und sprang.

Ich sah alles in Zeitlupe. Plötzlich war ich hinter ihm. Schlang meine Arme um seinen schmalen Körper. Und fiel, eng an ihn gepresst, mit in den Abgrund.

Wieder ging alles ganz schnell, wieder dachte ich nicht nach. Ich breitete meine Flügel aus, flog steil nach oben. »Du bringst dich nicht um!«, schrie ich gegen den Wind. »Hörst du? Du bringst dich nicht um!« Als Marc nichts erwiderte, schüttelte ich ihn und rief: »Versprich es mir!«

»Ja …«, kam endlich die leise Antwort. Fast trug der Wind sie davon. »Ich verspreche es.«

»Gut.« Ich nahm wieder Kurs auf den Boden, landete vor einem kleinen Backsteinhaus. Das weiße Metallschild blitzte so hell, dass es in meinen Augen schmerzte. Praxis Dr. Ludwig Finke, Psychiater. Daneben der kleine, runde Klingelknopf. Marc blinzelte. Die grüne Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und hatte einem fahlen Grauton Platz gemacht. Er sah plötzlich um zehn Jahre gealtert aus. Aber er lächelte. Zwar nur ganz leicht und nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber ich hatte es gesehen. Sicher.

»Danke«, sagte er ruhig, dann drückte er die Klingel.

Ich hatte einem Menschen das Leben gerettet. Natürlich weiß ich, wie abgedroschen sich das anhören muss. Ich als der große, coole Held, der alles weiß und den nichts und niemand aufhalten kann. Der immer bereit ist, das Gute zu tun. Dessen moralische Werte über allem stehen. Dem alles gelingt, obwohl er fast nichts dafür tut. Doch so ist es leider nicht.

Ich weiß nicht, was mit mir passiert ist, als ich damals Marc rettete. Ich stand irgendwie neben mir und alles, was ich tat, tat ich nicht bewusst. Ich sah mir nur dabei zu, wie ich es tat. Es ging alles so schnell. Vielleicht hat »Es« die Kontrolle übernommen, das große Unbekannte (nein, nicht Stephen Kings Clown!). Oder einfach mein Unterbewusstsein. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich kein Superheld oder so was bin. Einfach, weil ich dafür zu feige wäre. Weil ich kein übergeordnetes moralisches Wertesystem habe. Weil ich die Bösen in Filmen und Büchern schon immer interessanter fand als die Guten. Es ist nur so: Wenn du eine ungerechte Situation siehst und weißt, dass das Leben eines Menschen in deiner Hand liegt, nur in deiner, und dass es dir ein Leichtes wäre, diese Hand auszustrecken und das Leben zu retten – würdest du es dann nicht tun?

Ich glaube und hoffe nicht, dass ich ein Held bin. Ich bin einfach nur ein Mensch wie du. Mit einem kleinen Zusatz. Über den ich in der folgenden Nacht viel nachgedacht habe.

12. Juni 2010, 02:13 Uhr

Ich lag in meinem Bett, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, und konnte nicht schlafen. Wollte nicht schlafen. Starrte an die andere Decke, die über mir. Sah, wie eine große Spinne langsam zwei kleinere fraß. Ein ekelhafter, kalter Schauer kroch über meinen Rücken, stagnierte in meinem Nacken und ich wandte den Blick ab.

Ich war also ein Engel. Der Traum im Krankenhaus hatte mir die Wahrheit offenbart. Deshalb hatte ich keinen Puls. Aber ein Herz. Gut. Schön. Aber wie war das möglich? Es gab keine genmanipulierte Spinne, die mich gebissen, keinen Zaubertrank, den ich getrunken hatte, nichts. Warum ich? Warum ausgerechnet jetzt? Was hatte sich verändert?

Ich war doch ein ganz normaler Mensch. Ich hatte Eltern, wie jeder … Meine Eltern. Ich war adoptiert. Wer waren meine leiblichen Eltern? Und warum hatten sie mir den Namen Gabriel gegeben?

Moment … Engel sind doch tot, oder?!

Und plötzlich wusste ich es. Ich konnte nicht sagen, woher ich es wusste, es war einfach so da. Das Wissen um die Wahrheit. Und die Gewissheit, dass diese auch wirklich wahr war. So sicher, wie sich die Erde um die Sonne dreht. Oder wie die Welt ohne Liebe trostlos wäre. Oder wie der Papst an Gott glaubt. Oder wie ich Sonjas Küsse am liebsten mag, wenn sie nach Zitrone schmecken. Ich wusste es einfach.

Ich wusste jetzt, dass ich tot war. Irgendwann einmal musste ich gestorben sein. War ein Engel geworden. Und dann kam ich zurück auf die Erde. In der Gestalt eines Menschen. Wurde sozusagen wiedergeboren. Ohne Gedächtnis. Doch meine Fähigkeiten behielt ich bei. Vielleicht waren sie jetzt ausgebrochen, weil ich ursprünglich mit fünfzehn gestorben war. Vielleicht auch nur einfach so. Weil die Zeit reif war. Weil ein bestimmter Moment sie ausgelöst hatte. Letztendlich ist es egal. Wichtig ist, dass ich diese Fähigkeiten habe. Und darum weiß.

Heute Nachmittag auf dem Dach war ich wahrscheinlich, als ich fiel, unwillkürlich zurückgeflogen. Zu irritiert, um es zu merken. Einfach nach Instinkt. Klingt bescheuert, ich weiß, aber wie soll es sonst gewesen sein?

Die Frage ist: Wenn ich schon tot bin – kann ich noch mal sterben? Den Unfall im Dezember hatte ich unbeschadet überlebt. Den Sturz vom Dach ebenso. Ich wollte Gewissheit. Ich brauchte sie. Bevor ich wusste, wie mir geschah, stand ich erneut auf dem Dach und sprang. Im Schlafanzug. Kontrollierte meinen Körper, um nicht wieder automatisch meinen Sturz abzufangen. Ich sagte ja, dass ich feige bin. Ich weiß auch nicht, woher ich plötzlich den Mut nahm. Vielleicht bekam ich ihn gratis zu meinen Flügeln. Vielleicht war ich auch einfach nur wahnsinnig.

Ich kam auf dem Boden an und wurde ohnmächtig, noch bevor ich den Schmerz wahrnehmen konnte. Diesmal begleitete kein Traum meine Besinnungslosigkeit.

Der Schmerz holte mich ins Leben zurück. Er war überall. Meine Beine, meine Hände, mein gesamter Körper. Alles war ein einziger, brennender – Fleck. Ein Fleck namens Körper. Scheiße, was hatte ich mir nur dabei gedacht? Nichts. Warum dachte ich neuerdings nicht mehr? Ich versuchte, meine Beine zu bewegen. Es ging nicht. Ging einfach nicht. Scheiße, wahrscheinlich waren beide gebrochen. Der Schmerz war überwältigend. Ich hob die Hand vor meine Augen und erschrak. Sie war vollkommen mit Blut bedeckt. Über und über. Mir wurde schlecht und ich verlor endlich wieder die Besinnung.

Als ich erneut zu mir kam, sah ich den Sternenhimmel. Er war wunderschön. Ich lag auf dem Rücken und betrachtete einen Moment lang die Sterne, die Welt um mich herum vergessend, einfach nur so daliegend und den Augenblick genießend. Glaubte den Nordstern zu erkennen. Den großen Wagen. Aber vielleicht war es auch etwas vollkommen anderes. Kann man nicht alle Sterne irgendwie zu einer Art Wagen verbinden, wenn man unbedingt will?

Moment – was war passiert? War ich tot? Ich musste unwillkürlich lächeln. Natürlich war ich tot. Erst jetzt fiel mir auf, dass etwas fehlte. Der Schmerz fehlte. Ruckartig richtete ich mich auf, blickte an mir herab. Alles heil. Ein paar Kratzer und blaue Flecken hatte ich noch. Das war alles. Beinahe konnte ich zusehen, wie auch diese verschwanden. Als hätte jemand die Zeit beschleunigt. Nur für mich. Meine eigene kleine, beschleunigte Zeit. Die alle Schmerzen vergehen ließ, bevor ich mir sicher sein konnte, sie gefühlt zu haben.

So schmerzhaft diese Erfahrung auch gewesen sein mochte, ich hatte eines herausgefunden – ich konnte nicht noch mal sterben. Mein Körper heilte in Sekundenschnelle. Schmerzen hingegen empfand ich sehr wohl. Wie musste sich erst der Schmerz anfühlen, wenn ich eigentlich schon längst hätte tot sein müssen? Wenn ich mich zum Beispiel erschießen würde. Mir wurde wieder schlecht und ich beschloss, den Gedanken zu verdrängen. Ich war nicht unverwundbar. Nur unsterblich.

Wie war es mit dem Altern? Würde ich auch ewig jung bleiben? Oder würde ich altern, ganz normal, nur niemals sterben? Oder würde ich tatsächlich sterben, aber erst, wenn die Zeit reif war? Aber können Tote überhaupt sterben? Die erste Möglichkeit gefiel mir irgendwie am besten, obwohl sie mich an einen dieser neumodischen, theatralischen Vampirfilme erinnerte. Aber wie dem auch sei, ich würde es mit der Zeit herausfinden. Zeit hatte ich ja jetzt genug.

Plötzlich wusste ich, dass mir die ganze Welt offenstand. Dass ich die große Freiheit hatte, von der andere nur träumten. Dass ich genug Zeit hatte, herauszufinden, was ich wollte. Wahrhaft alle Zeit der Welt.

Notizen

Puzzle

Das Puzzle hat 5.000 Teile. Ich weiß nicht, wie lange ich daran gesessen habe – es kommt mir vor wie mindestens ein Jahr, vielleicht war es auch nur eine Woche. Oder ein Tag? Eine Stunde? Kann sein, theoretisch; praktisch wohl eher nicht.

Jedenfalls hatte ich es geschafft, 4.999 Teile mehr oder weniger passend zusammenzufügen, es entstand ein Bild. Ich bin kein Typ der rohen Gewalt, soll heißen: Ja, die Teile passten tatsächlich zusammen, ich hatte sie nicht verbogen oder brutal ineinander verkantet.

Deutlich war nun zu erkennen, dass ein Bild entstanden war, doch was es genau darstellen sollte – keine Ahnung. Nur noch ein Teil fehlte, trotzdem war das Motiv nicht zu erkennen, es hätte alles sein können, alles und nichts. Eine Windmühle? Eine Stadt? New York vielleicht? Oder ein Dorf? Ein Meer, das Meer? Abstrakte Farben? Ich wusste es nicht. Müsste ich die Farbe des Puzzles beschreiben, ich hätte es nicht gekonnt.

Nein, auf der Packung war es nicht vollständig abgebildet. Nein, ich habe die Packung nicht mehr, ich kann mich nicht mehr an sie erinnern, wahrscheinlich hat sie nie existiert.

Wo das letzte Teil ist? Hier in meiner Hand. Warum ich es nicht endlich einfüge? Nun, ich habe es versucht. Schon seit einer Stunde versuche ich es, vielleicht auch schon seit einem Jahr. Ich habe rumtelefoniert und niemanden erreicht. Das Puzzle ist ausverkauft, ich kann es nicht mehr bekommen, vielleicht hat es ebenfalls nie existiert. Ein Puzzle, eine Schachtel – was macht das für einen Unterschied?

Es passt nicht. 4.999 Teile passen, eines nicht. War denn alles umsonst? Sind alle 4.999 anderen Teile nichts wert ohne das eine, letzte? Ich könnte eine Ecke abschneiden, dann würde es halbwegs passen und wenigstens nicht verloren in meiner Hand liegen. Aber wozu?

Egal, wie ich es drehe und wende; es passt nicht.

Produktionsfehler.

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