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Ralph Dutli

Das Gold der Träume

Kulturgeschichte eines göttlichen und verteufelten Metalls

Wallstein Verlag

Für Catherine, Boris, Olivier, Jacqueline

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2020

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf,

© SG-Image unter Verwendung des Gemäldes »Fortuna und

der Bettler« (1836) von Alexej Tarassowitsch Markow

ISBN (Print) 978-3-8353-3834-0

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4566-9

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4567-6

Inhalt

Relikt von sterbenden Sonnen

Der Kaiser von Kalifornien

Krisengeld gegen Krypto-Gold

Götterhaut oder: Tanzen für die Einzige

Goldenes Widderfell & das Gold der Toten

Törichter Krösus, ein fatales Geschenk

Gold und Kot!

Das goldene Kalb & Teufelsglanz

Die Hölle im Hochgebirge

Dreiste Diebe und eine kleine Betrügerin

Indiens goldzahnige Götter

Alles für Buddha

Spirituelles Gold, die göttliche Proportion

Der Götze der Sonnenlosen

Ein Menschenfeind und Goldjubel

Alchemistenträume: Goldmacher auf dem Holzweg

Das Narrenschiff oder mystische Küsse

Dichter sind Erben der Alchemisten

Der Mann mit dem Goldhirn

Märchenmetall glänzt am hellsten

Das Gold der Gedichte

Archilochos: Mich kümmert es nicht

Sappho: Gold-Fragmente

Vergil: Goldene Äpfel auf Eichenbäumen

Horaz: Sorge folgt auf wachsenden Besitz

Chrétien de Troyes: Der Gral

Anonym: Fatrasie 15

Francesco Petrarca: Sonett 90

Michelangelo Buonarroti: So wie in Glut

Joachim Du Bellay: Traum

Pierre de Ronsard: Gold-Hymne (Auszug)

Luis de Góngora: Solang noch Gold

William Shakespeare: Sonett 55

John Donne: Herbstliche Schönheit

Paul Fleming: An Chrysillen

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau: Vergänglichkeit der Schönheit

Jean de La Fontaine: Das Huhn mit den goldenen Eiern

Angelus Silesius: Der Cherubinische Wandersmann

Johann Christian Günther: Als er der Phillis einen Ring mit einem Totenkopfe überreichte

Johann Wolfgang von Goethe: Der König in Thule

William Blake: Eine Kapelle ganz aus Gold

Friedrich Hölderlin: Der Ruhm

Novalis: An Agathon

Joseph von Eichendorff: Ein Wunderland

Heinrich Heine: Die Lore-Ley

Heinrich Heine: Das goldne Kalb

Eduard Mörike: September-Morgen

Gottfried Keller: Abendlied

Theodor Fontane: Glück

Charles Baudelaire: Alchimie des Schmerzes

Conrad Ferdinand Meyer: Traumbesitz

Emily Dickinson: Ich spiele Reichsein

Paul Verlaine: Beams

Arthur Rimbaud: Alchimie des Wortes

Richard Dehmel: Ein Goldgräber

Else Lasker-Schüler: An den Ritter aus Gold

Christian Morgenstern: Herbst

Robert Frost: Kein Gold zu bleiben

Rainer Maria Rilke: Das Gold

Rainer Maria Rilke: Sonette an Orpheus II,19

Rainer Maria Rilke: Der Goldschmied

Joachim Ringelnatz: Gold

Welimir Chlebnikow: Grashüpferchen

Hugo Ball: Der grüne König (Schizophrene Sonette, 1)

Wladislaw Chodassewitsch: Gold

Georg Trakl: An den Knaben Elis

Anna Achmatowa: Venedig

Ossip Mandelstam: Goldstück

Marina Zwetajewa: Jugend

Erich Fried: Goldmacher

Jan Skácel: Fährgeld für Charon

Ingeborg Bachmann: Lieder auf der Flucht, VII

Christoph Meckel: Goldfisch

Arne Rautenberg: goldwind

Monika Rinck: Exklusiv: Goldsamen jetzt viel günstiger

Jan Wagner: kalifornische sonette III

Literatur

Nachweise

Dank

Namenregister

Gold liebt es, mitten durch die Leibwächter zu gehen

und, stärker als ein Blitzstrahl, Steinwände zu brechen

Horaz

Sag nie, das Gold sei nichtig, gar nichts wert,

Weil es für sich allein die ganze Menschheit nährt

Pierre de Ronsard

Wo kommst du her? – Aus den Klüften,

versetzte die Schlange, in denen das Gold wohnt.

– Was ist herrlicher als Gold? fragte der König.

– Das Licht, antwortete die Schlange.

– Was ist erquicklicher als Licht? fragte jener.

– Das Gespräch, antwortete diese.

J. W. Goethe

Weinend sah ich Gold – und konnte nicht trinken –

Arthur Rimbaud

Was soll ich in diesem Haufen?

Wie bloß kam ich her, mein Gott?

Hab ich Rechte hier, ich brauch es –

Wechseln Sie mir doch mein Gold!

Ossip Mandelstam

Relikt von sterbenden Sonnen

Gold ist ein Fremdling auf der Erde. Es gehört nicht ursprünglich hierher, es ist ein Einsprengsel, das von fernen Himmelskörpern stammt. Es entstand beim Zusammenprall von Neutronensternen, es ist ein Relikt von sterbenden Sonnen. Durch Meteoriten schlug es in die Erdrinde ein. Gold ist also eine glänzende Frucht katastrophaler Kollisionen. Im Juni 2013 beobachteten Astronomen in einer 3,9 Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie einen Gammablitz, der vermutlich von zwei zusammenkrachenden Neutronensternen verursacht wurde. Sie berechneten, dass dabei bis zu zehn Mondmassen (735 Trilliarden Kilogramm) Gold entstanden sein könnten und ins All geschleudert wurden. Auch unser irdisches Gold ist vor unvorstellbar langer Zeit so entstanden. Als himmlische Verschleuderung kam es in den Erdkern und in die Erdrinde, durch eine phänomenale Weltallslotterie.

In ihrer Frühphase wurde die Erde von zahllosen Himmelskörpern bombardiert, die sie mit Edelmetallen anreicherten. Zeitpunkt: vor ungefähr 4,5 Milliarden Jahren. Wie Forscher des Southwest Research Institute in Colorado darlegen, sollen Dutzende von Impaktereignissen – von Urkörpern, die zum Teil mehr als 3000 Kilometer Durchmesser aufwiesen – die Erdmasse vergrößert haben. Sie haben also gleichsam etwas liegen lassen und zur endgültigen Gestalt der Erde beigetragen. Zu der Zeit hatte sie längst ihren Kern gebildet, die schweren Metalle sanken ins Zentrum ab. Die Forscher vermuten, dass sich dort der Löwenanteil der irdischen Edelmetalle befindet.

Woraus der Kern genau besteht, wissen wir Erdbewohner trotz aller Wissenschaft noch immer nicht genau, wir wissen nicht, was uns im Innern zusammenhält. Metallisch soll er sein, aus Eisen und Nickel bestehen, aber nicht homogen. Jedenfalls ist ein rein goldenes Herz der Erde unwahrscheinlich, obwohl dort die vermutlich größten Goldvorkommen liegen. Auch was wir wissen, wissen wir nicht seit langem, noch nicht einmal seit hundert Jahren.

Der Kern hat einen Durchmesser von 6942 Kilometern, sein Volumen beträgt ein Sechstel der ganzen Erde, aber er ist von hoher Dichte, macht ein Drittel der Erdmasse aus, also wiegt unser Zentrum sehr schwer. Die dänische Erdbebenforscherin Inge Lehmann fand 1936 die Grenze zwischen dem festen inneren und dem flüssigen äußeren Kern. Die Kern-Mantel-Grenze liegt in 2900 Kilometern Tiefe, Erdbebenwellen haben auf deren Spur geführt. Anbohren nicht empfohlen. Keine Sorge: Die tiefste, auf der russischen Halbinsel Kola bewerkstelligte Bohrung erreichte 1989 eine maximale Tiefe von »nur« 12,262 Kilometern.

Aber als Traum existiert das Vordringen zum Kern eben doch, Jules Verne hat ihm in seinem Roman Reise zum Mittelpunkt der Erde 1864 Ausdruck verliehen. Dort steigt das Team um den Hamburger Professor Otto Lidenbrock in den isländischen Vulkan Snaefellsjökull, gelangt zu einem unterirdischen Meer und findet monströse Pilze und urzeitliche Pflanzen, gerät in einen gewaltigen Sturm und findet durch den Krater des Stromboli bei Sizilien wieder auf die Erdoberfläche zurück. Wohl eher ein phantastisches Höhlenerlebnis als eine erfolgreiche Gold-Expedition: Eine verwirrte Kompassnadel war schuld. Aber Jules Verne träumte insgeheim weiter vom Goldbauch der Erde. In seinem Nachlass fand sich ein Roman mit dem Titel Der Goldvulkan, der 1906 postum veröffentlicht wurde. Die Gold ausspuckende vulkanische Kraft aus dem Innern der Erde war Vernes beharrliches Phantasma. Summy und Ben, zwei Goldschürfer in Dawson City, wollen natürlich reich werden, doch der mysteriöse Vulkan, dessen Ausbruch sie mit einer gewaltigen Explosion künstlich auslösen, spuckt am Ende sein ganzes Gold zurück ins Meer. Wieder nichts. Die Erde hat sich ausgespuckt, doch nicht zum Vorteil der Goldgierigen.

Einschläge in späteren Wachstumsphasen waren dann für die Edelmetalle in den äußeren Erdschichten verantwortlich. Durch die Relikte des Zusammenstoßes von fernsten Himmelskörpern wurde der Erdmantel mit Gold gleichsam veredelt. Auch das gehört zu seinem Mythos. Gold ist nicht von hier, es ist selten und wird selten bleiben. Nach den gewaltigen Aufprallereignissen ruht es als Berggold in Gesteinsschichten, als Waschgold in Flüssen. Sein Anteil in der festen Erdkruste beträgt ungefähr vier Gramm auf tausend Tonnen Gestein. Goldkörner oder Goldklumpen sind die Ausnahme, meist steckt Gold in Legierungen mit anderen Metallen.

Der Abbau ist deshalb ungeheuer mühsam und aufwendig – und für die Umwelt ein Desaster, mit gewaltigen Eingriffen in gewachsene Landschaften, in das gesamte Ökosystem. Tausende Tonnen bewegtes Gestein – und das ist nur der Anfang. Zwanzig Tonnen Gestein müssen zermahlen werden, um eine einzige Unze Gold (31,1 Gramm) zu gewinnen. Die Goldminen in Südafrika gehen bis in viertausend Meter Tiefe, die Minenarbeiter wühlen bei extremer Hitze in Stollen unter der südafrikanischen Savanne in den Eingeweiden der Erde. Weitere Minen liegen über die Welt verstreut, in China, Australien, Russland, Kanada, Peru, Indonesien. Keine Industrie hinterlässt so tiefe Wunden in der Landschaft wie der Goldabbau.

Für ein Kilogramm gewonnenes Gold fallen zehn bis zwanzig Tonnen Kohlendioxid an. Das Edelmetall wird mit hochgiftigem Zyanid herausgelöst, Verbindungen der Blausäure. Kleinschürfer setzen Quecksilber ein, vergiften die Umwelt – und sich selbst. Für ein paar Krümel Gold. Gold selbst ist nicht giftig, es spiegelt Unschuld vor, aber denkt man an seinen Abbau – eine phänomenale Giftschleuder.

Das Problem wird immer bestehen: Um Gold zu gewinnen, nimmt man enorme Umweltschäden in Kauf. Die illegalen Grabungen im Amazonas-Gebiet, etwa in der Region Madre de Dios (übersetzt: Muttergottes!), wo der Goldabbau mit großflächigen Abholzungen des Regenwaldes einhergeht, sind nur ein Beispiel. Die Lungen der Erde werden auch durch Goldgrabungen durchlöchert.

Zwar gibt es auch Scheideanstalten, die nur Gold recyceln, d. h. aus hochwertigem Goldschrott gleichsam »neues Gold« machen. Mehr als zwei Drittel der Goldgewinnung stammen aus Bergwerken, es ist »Primärgold«, der Rest kommt aus der Wiederverwertung. Die Ökobilanz fällt dabei natürlich besser aus als beim Bergbau. Dank seiner Leitfähigkeit und chemischen Unveränderlichkeit ist Gold in Elektronik und Computertechnik, im Herzen der Prozessoren und in USB-Sticks unersetzlich. Keine Informatik, keine Raumfahrt ohne Gold. Auch das süße Handy will Gold in seinen Innereien …

Ein konkretes Beispiel für überzeugendes Recycling: die olympischen Sommerspiele 2021 in Japan. Hier wurden im Vorfeld aus vielen Tonnen Elektroschrott, den die Japaner in großen, im ganzen Land verteilten Sammelboxen gespendet hatten, 32 Kilogramm Gold, 4100 Kilogramm Silber und 2700 Kilogramm Bronze gewonnen und daraus insgesamt 5000 olympische Medaillen im Wert von drei Millionen Euro hergestellt. Selbst Olympia lernt sparen und recyceln. Auch dafür sollte es eine Goldmedaille geben.

Die bisher in der Gesamtgeschichte der Menschheit geförderte Goldmenge beträgt ungefähr 200.000 Tonnen. Ein verblüffend schlicht anmutender Würfel von nur einundzwanzig Metern Seitenlänge könnte aus dem gesamten Gold der Menschheit geformt werden. Als imaginäres Monument seiner Seltenheit. Zwei Drittel davon wurden jedoch seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gewonnen, sie verraten also einen besonderen Goldhunger unserer Zeit, neben gesteigerten industriellen Fertigkeiten.

Das lateinische Wort aurum hat sich in die romanischen Sprachen fortgesetzt (or, auro), das deutsche »Gold« geht auf die indogermanische Wurzel ghel zurück, die »gelb« und »glänzend« bedeutet. Das Visuelle, der helle gelbe Glanz also hat hier das Wort bestimmt. Aber Vorsicht: Gold ist bei aller lautlichen Nähe zum »Geld« wortgeschichtlich nicht damit verwandt, Letzteres stammt aus dem althochdeutschen gelt, das noch in »Vergeltung« und »Entgelt« hörbar ist. Gold beharrt auf seinem eigenen Ursprung, seiner eigenen Wortgeschichte.

Das chemische Element Nr. 79 im Periodensystem ist weich, aber schwer. Von hoher Dichte, leicht dehnbar und formbar, sein Schmelzpunkt nicht einmal besonders hoch: 1064,18 Grad. Gold ist schon in seiner chemischen Anlage ein Paradox. Weich und formbar, aber ohne chemische Reaktion: Es reagiert nicht auf den Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen, rostet nicht, zersetzt sich nicht. Es reagiert überhaupt nicht, es ruht in sich selbst, eignet sich ideal für Schmuck, Statuen, Münzprägungen, Grabbeigaben. Schwer und weich und unzerstörbar: Jeder Verwitterung trotzend, ist es ein permanenter Widerstand gegen alle Vergänglichkeit, eine goldene Verkörperung der Ewigkeit.

Die Maßeinheit für den Feingehalt oder die Reinheit des Goldes wird in Karat gemessen: 24 Karat bedeutet die höchste Reinheit, tritt Gold vermischt mit anderen Metallen auf (Silber, Kupfer), nimmt diese Reinheit naturgemäß ab, 18 Karat meint: Dreiviertel Gold, das andere Viertel besteht aus einem anderen Metall. Es ist praktisch unmöglich, alle Verunreinigungen zu eliminieren, deshalb steht auf Feingoldbarren die ominöse Zahl »999,9«, die eine größtmögliche Annäherung an höchste Reinheit bezeichnet. Reinheit und Unreinheit auch im moralischen Sinne – sie liefern sich in der Kulturgeschichte des Goldes einen unerbittlichen Kampf.

Gold ist das Metall der Superlative, es scheint die Superlative anzuziehen wie ein Magnet. Platon (428 bis 347 v. Chr.) gibt in seinem späten Dialog Timaios das Muster vor: »Von allen Körpern ist das aus den feinsten und gleichmäßigsten Teilen entstandene, dichteste, einzigartige, in glänzend gelber Farbe leuchtende, köstlichste Besitztum: das Gold.« Aber schon aus der Antike kommen warnende Stimmen. Gold ist ein Prüfstein für den Menschen, zeigt seine gelassene Souveränität oder die Gefährdung durch die Gier. Es ist ein Metall, das an ihm zehrt, das ihn verzehrt. Der griechische Dichter Pindar (520 bis 446 v. Chr.) bezeichnet zwar Gold als »Götterkind«, aber es ist ein Spross mit Zersetzungspotential: »Gold ist ein Kind des Zeus; weder Motten noch Rost verzehren es – aber der Geist des Menschen wird von diesem kostbarsten Stoff verzehrt.«

Gold trägt die Geschichte eines merkwürdigen Außerirdischen in sich. Geschenk oder Überbleibsel einer himmlischen Verschleuderung. Der größte bekannte Goldnugget übrigens wurde 1869 in Australien gefunden und wog siebenundneunzig Kilogramm. Er bekam einen sprechenden Namen verpasst: Welcome Stranger. Willkommen, Fremdling!

Der Kaiser von Kalifornien

Ein karges Bündel auf dem Rücken, mit verbeultem Frack und elegantem Spazierstöckchen, obligater Krawatte und schwarzer Melone, trippelt er durch eine Eiswüste. Wo sind wir hingeraten? Eine Schrifttafel verkündet: »Drei Tage von Irgendwo«. Wir sind im hohen Norden des amerikanischen Kontinents, zur Zeit des Goldrauschs von 1897 am Klondike River in Yukon, wo Städte über Nacht entstehen und jeden Tag neue Horden von Goldschürfern herangespült werden. Bald hat er gegen Schneegestöber, eisige Kälte und quälenden Hunger anzukämpfen und wird in eine lottrige Holzhütte geweht. Dort muss er sich gegen den vor Hunger fast wahnsinnigen, bärengleichen Goldschürfer Big Jim wehren, der ihn für ein Huhn hält und ihn verspeisen will. Er weiß sich zu helfen, kocht seinen rechten Schuh, verspeist mit stoischer Miene und gelegentlichem Schluckauf die Sohle, leckt als vermeintlicher Gourmet die Nägel ab und rollt die Schnürsenkel auf seine Gabel, als wären es Spaghetti – während der verdrießlich dreinschauende Big Jim das üppigere Leder-Oberteil des Schuhs abbekommt. Vorerst glücklos, aber einfallsreich, wird er seinen Weg gehen.

Richtig geraten: Wir sind in Charlie Chaplins hinreißendem Stummfilm Goldrausch von 1925, einem wahren Goldstück der Filmgeschichte. Wer könnte die verblüffende Szene vergessen, in welcher der einsame Goldschürfer im Traum die appetitlichen Brötchen an zwei Gabeln tanzen lässt? Und keine Angst: Es wird alles gut. Charlie wird mit seinem linkischen Charme den Aufschneider im prächtigen Pelzmantel ausstechen und doch noch die Tänzerin Georgia, die ihn zuerst übersehen und dann aus Langeweile versetzt hat, für sich gewinnen. Als Teilhaber von Big Jims riesigem Goldberg wird er gleichsam über Nacht Multimillionär. Auf dem Rückfahrerschiff mit dem bezeichnenden Namen Success wird er von einem Reporter gebeten, für ein Foto noch einmal seine Landstreicherkleider anzuziehen, posiert kokett darin und purzelt dann eine Treppe hinunter genau vor die Füße seiner schönen Georgia. Der Kapitän schimpft den vermeintlichen blinden Passagier heftig aus, die Angebetete will für dessen Fahrkarte bezahlen und ahnt nicht, dass der Tramp inzwischen ein gemachter Mann ist. Das Missverständnis ist rasch aufgeklärt. Der von der Kamera des Reporters eingefangene Kuss beendet rasant jedes schlimme Missgeschick und alles erlittene Unglück.

Nicht jedes Goldschürferdrama ging in Wirklichkeit so heiter aus. Das Unglück kennt verschlungene Wege. Was haben Sägespäne mit Goldnuggets zu tun? Eine Sägemühle in Kalifornien spielte eine gewichtige Rolle in der Geschichte des Goldrauschs. Der Zimmermann James Wilson Marshall sollte für den Schweizer Auswanderer und Großgrundbesitzer Johann August Suter (1803 bis 1880) in dessen rasch aufgeblühter Kolonie mit dem malerischen Namen »Neu-Helvetien« eine Sägemühle am American River bei Coloma errichten. Der Ort lag hundertfünfzig Kilometer nordöstlich eines elenden, damals noch mexikanischen Fischerdorfes namens San Francisco. Am Morgen des 24. Januar 1848 sah er im Sand der Baugrube unter seiner Schaufel etwas aufblitzen, das er vielleicht besser nicht gesehen hätte.

Er stieß auf einen – nicht einmal besonders spektakulären – Goldnugget. Der unglückliche Marshall wird damit völlig unerwartet einen historischen Wirbelsturm auslösen, den großen kalifornischen Gold Rush. Suter, sein Arbeitgeber und schwerreicher Herrscher über »Neu-Helvetien«, hatte bereits erstaunliche Höhen und Tiefen erlebt. Nach dem Konkurs seines Tuchwarenhandels in Burgdorf in der Schweiz wurde er von den bernischen Behörden wegen Betrugs steckbrieflich gesucht und hatte es eilig, vom Horizont zu verschwinden, wobei er seine Frau und seine fünf Kinder als lästiges Gepäck zurückließ. Mit einunddreißig Jahren war er 1834 über Paris und Le Havre, wo er sich auf dem Dampfer mit dem hoffnungsfrohen Namen Espérance einschiffte, nach New York ausgewandert, schlug sich mehr schlecht als recht durch und brach schließlich ins noch unerforschte Kalifornien auf. Nach unermesslichen Strapazen und Kämpfen gegen die indianischen Ureinwohner schaffte er es, sich dort weiträumige Ländereien zur Bewirtschaftung überschreiben zu lassen. »Neu-Helvetien« florierte rasch auf dem fruchtbaren Boden, geschützt von einer soliden Festung, dem »Fort Suter«, und einer privaten Söldnertruppe. Aus dem gesuchten Betrüger und stolzen Kolonisten, der schon bald als »Kaiser von Kalifornien« betitelt wurde und als reichster Mann der Welt galt, wurde allerdings recht schnell ein tragischer Pechvogel.

Statt Sägespänen sollten dem Vorarbeiter und seinem Patron bald die Schreckensnachrichten um die Ohren fliegen. Suter beschwor seine Arbeiter, den unverhofften Fund nur ja nicht auszuplaudern. Leider – und vorhersehbar – ohne Erfolg. Die Nachricht vom Goldfund verbreitete sich wie ein Lauffeuer, »Telegraphen sprühen die goldene Verheißung über Länder und Meere«, wie der Schriftsteller Stefan Zweig es ausdrückte. Glücksucher und Hasardeure aus der ganzen Welt brachen nach Kalifornien auf, um dort vermeintlich zu immensem Reichtum zu gelangen. Schiffseigner warben in den verarmten europäischen Ländern für Reisen zum Goldrausch nach Kalifornien. Kein Weg war zu weit, die Schiffe kamen von überall her. Ganze Siedlerströme, tausend und ein langer Tross von Planwagen machte sich von der Ostküste Amerikas nach Kalifornien auf, ins trügerische Eldorado aller Träume, nach Kalifornien, das noch heute den Ehrentitel Golden State trägt. Die Zeit drängte. Wer zuerst seinen Claim absteckte, sein Schürfrecht beanspruchte, war schneller im erhofften Himmel unermesslichen Wohlstands angekommen, der allerdings mit Blut und Wahnsinn bezahlt werden wollte.

Das Wort rush bedeutet »Hast« und »Hetze«, die lautliche Nähe zum deutschen Wort »Rausch« ist ein nach dem Wortsinn falscher, aber passender Goldnugget. Denn der Rausch, der Abertausende von Menschen ergriff, ruinierte Abertausende von fanatischen, mit Spitzhacke, Schaufel und Goldwaschpfanne bewehrten Goldschürfern, die oft nicht einmal mehr Zeit fanden, ihr eigenes Grab zu schaufeln. Nur die wenigsten wurden reich, der Goldrausch stürzte die meisten in abgrundtiefes Elend.

Scharen von Goldschürfern drangen auf Suters weitläufige Ländereien vor, der sich gegen den Ansturm schlicht nicht wehren konnte. »Neu-Helvetien« versank in Gier und Gewalt, es wurde zu einer Zone, in der es kein Recht und keine Ordnung mehr gab. Die goldgierigen Menschenschwärme ruinierten Suters Imperium in Windeseile, der »Kaiser von Kalifornien« verlor seinen riesigen Grundbesitz und starb verarmt. Ein amerikanisches Drama, geradezu die Verkehrung des amerikanischen Traums vom glänzenden sozialen Aufstieg.

So erging es den meisten kalifornischen Glücksrittern. Was sie erwartete, war Schmutz, Elend, Erschöpfung, Krankheit, Gewalt und Verbrechen – und in Ausnahmefällen ein paar Körnchen des glänzenden Metalls. Die in kürzester Zeit gewachsene Stadt San Francisco brannte mehrmals, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, Ratten und Ungeziefer vermehrten sich rasch, die Cholera brach aus. Das bei der Goldgewinnung freigesetzte Quecksilber vergiftete zudem Seen und Flüsse. Schon 1854, sechs Jahre nach Marshalls Fund, wurde der Goldabbau industriell betrieben, das Goldfieber der kleinen privaten Goldschürfer flackerte ein letztes Mal auf und erlosch. Wer heute Blue Jeans als Beinkleidung mag, trägt meist ohne es zu wissen ein Relikt des Goldrauschs, denn Levi Strauss aus dem oberfränkischen Buttenheim bei Bamberg erfand die blaue strapazierfähige Hose ausdrücklich für Goldsucher. Ihm wenigstens brachte die Auswanderung ins fiebrige San Francisco Glück. Besser als Gold war – die Hose.

Die idyllische Sutter’s Mill ist heute ein Nationalheiligtum, trägt den stolzen Namen Marshall Gold Discovery State Historic Park und gehört zu den gehätschelten staatlichen Parks Kaliforniens. Schließlich hat die bescheidene, vom Zimmermann Marshall errichtete Sägemühle Geschichte geschrieben. Goldgier gehört zur Geschichte des amerikanischen Kontinents, sie ist Teil des Gründungsmythos der Vereinigten Staaten wie jene Passage vom »Streben nach Glück«, pursuit of happiness, das die amerikanische Verfassung jedem Bürger zuerkennt.

Johann August Suter erlitt als gedemütigter Kaiser von Kalifornien einen spektakulären Ruin, doch fand er als tragische Figur Eingang in die Werke erstrangiger Schriftsteller. Stefan Zweig setzte ihm in der Erzählung Die Entdeckung Eldorados ein Denkmal, das er 1929 in die berühmte zwölfteilige Sammlung Sternstunden der Menschheit aufnahm. Zweig verhehlt weder die euphorischen Aufschwünge noch den tragischen Abstieg, die das Schicksal des berühmten Kolonisten bestimmten. Vom »Kaiser« zum »enttäuschtesten Bettler dieser Erde«, wie Zweig ihn nennt, der vor Drastik nicht zurückschreckt: »Der Rush, der menschliche Heuschreckenschwarm, die Goldgräber. Eine zügellose, brutale Horde, die kein Gesetz kennt als das der Faust, kein Gebot als das ihres Revolvers, ergießt sich über die blühende Kolonie.«

Ein eindrucksvolles Monument für Suter schuf auch dessen Schweizer Landsmann, der 1887 in La Chaux-de-Fonds geborene, 1961 in Paris verstorbene Dichter Blaise Cendrars, indem er ihm 1925 einen ganzen Roman widmete, der zu einem Welterfolg wurde. Der Dichter Yvan Goll übersetzte ihn und machte ihn auch im deutschen Sprachraum berühmt: Gold. Die fabelhafte Geschichte des Generals Johann August Suter. Cendrars, unter seinem richtigen Namen Frédéric-Louis Sauser, war ein helvetischer Weltenbummler und Abenteurer. Im Ersten Weltkrieg verlor er seine rechte Hand, als er als Fremdenlegionär auf französischer Seite kämpfte. In »General Suter« muss er einen lohnenden tragischen Abenteurer gewittert haben. In seinem Gold-Roman gibt es einen Brief Suters, in dem er die Katastrophe, die auf ihn niederbrach, zu verstehen versucht: »Nach diesem Spatenstich verließ mich alles … Das Gold aber ist verflucht und alle, die herkommen, um es zu suchen, sind verflucht, denn die meisten verschwinden, niemand weiß wie. Alle diese letzten Jahre war das Leben hier eine Hölle. Nur noch Mord, Totschlag und Diebstahl. Es gab niemanden, der sich nicht auf Räuberei verlegt hätte. Viele sind verrückt geworden oder haben Selbstmord verübt. Und das alles für Gold, dasselbe Gold, das sich nachher in Schnaps verwandelt und Gott weiß in was nachher … Das Tier der Apokalypse geht im Lande um und jedermann ist voller Erregung … Ich war der reichste Mann der Welt, das Gold hat mich ruiniert.«

Das Tier der Apokalypse – eine wahrlich dramatische Bezeichnung des Goldfiebers. Am Schluss in religiösen Wahn verfallend, lallt in Cendrars’ Roman der bald sterbende Schweizer Kolonist, der alles verloren hat, aufreibende Prozesse führen muss und schließlich nur noch die umstehenden Straßenkinder beschenken will, die Worte: »Wenn ich gewinne … gebe ich euch all das Gold, das mir zukommt, ein gerechtes, ein gereinigtes Gold. Gottes Gold.« Und Blaise Cendrars’ Roman endet mit den Worten: »Wer will Gold? WER WILL GOLD?«

Am kalifornischen Gold klebten so viel Schmutz und die Spuren roher Gewalt, dass der Traum vom »gerechten« und »gereinigten« Gold wie ein tiefer Wahn anmuten muss. »Gottes Gold«? Wie könnte das götzenhaft verehrte und begehrte Gold je wieder neu und rein werden nach dem kalifornischen Inferno? Was bleibt, sind die literarischen Spuren bei Zweig und Cendrars – beide fasziniert vom Phänomen des Goldrauschs, bei dem der Mensch dem Menschen als gieriger Wolf erscheint.

Aber lassen wir einen Schriftsteller nicht unerwähnt, der tatsächlich bei einem Goldrausch dabei war. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er immerhin der meistgelesene Autor der Welt, seine Abenteuerromane Ruf der Wildnis (1903) und Wolfsblut (1906) erreichten Millionen lesehungrige Jugendliche und vom Aufbruch in die Wildnis träumende Erwachsene: Jack London (1876 bis 1916). In San Francisco geboren, in bitterer Armut aufgewachsen, schuftete er schon als Kind für zehn Cent die Stunde in einer Konservenfabrik, war Austernpirat, Robbenjäger, Kohlenschaufler. London nahm 1897 am gewaltigen Goldrausch am Klondike River teil, er litt schwer an den Strapazen der Goldschürferexistenz, erkrankte an Skorbut und musste völlig mittellos nach Kalifornien zurückkehren. Der von ihm ergatterte Goldstaub erbrachte ganze vier Dollar fünfzig. Die einzige Goldmine, die er fortan ausbeuten konnte, waren seine eigenen Erlebnisse in den autobiographisch grundierten Romanen Lockruf des Goldes (1910) – sein erfolgreichstes Buch – und Alaska-Kid (1912).

Aber wer hätte sich ausmalen können, dass das Thema des kalifornischen Goldrauschs noch bis in die Gegenwartsliteratur gelangen könnte? Der Büchner-Preisträger Jan Wagner feierte am 26. Juni 2017 eine Premiere. Sein Hörspiel Gold. Eine Revue wurde auf der Bühne eines Frankfurter Theaters uraufgeführt, danach mehrmals in Rundfunkanstalten ausgestrahlt und als Hörbuch veröffentlicht. Es ist ein »lyrisches Stimmenspiel« mit packenden Musikeinlagen à la Dreigroschenoper zwischen Goldgräbern und Glücksrittern in einem der über Nacht entstehenden Städtchen in Kalifornien zur Zeit des Goldrauschs. Wagners Stimmenspiel ist die »Revue zum Rausch«, in der »die Lebenden und auch die längst vergessenen Toten, verscharrt in der Erde, ein letztes Mal reden dürfen, so wie auch das Gold, das bleibt, während die, die es suchten, vergingen«. Und auf den Punkt gebracht vom Dichter selbst in einem kompakten klassischen Vers: »Wo nichts von Dauer ist, bin ich noch da und bleibe.« Es ist das Gold, das spricht.

Der Goldrausch ist also radiophonisch bis in die Gegenwartsliteratur vorgedrungen, weil sich in ihm Menschliches-Allzumenschliches kristallisiert und bricht, Lust und Gier und Verderben und Verfall. Goldrausch als repräsentatives Phänomen der Menschheit. Warum aber steht er zu Beginn dieser Umschau in der Kulturgeschichte des Goldes? Weil das irrationale Element in seinem Wesen – Maßlosigkeit, Gier, Fieber, Rausch und Wahn – nicht zu leugnen, nicht zu verdrängen ist. Weil Gold menschliche Abgründe offenbart, eine unwiderstehliche Lockung darstellt, die zu Abstieg, Verkommenheit, Verelendung führen kann. Ein Gang durch die Kulturgeschichte des Goldes bedeutet immer eine doppelte Geschichte – von Glanz und Gier, Höhenflug und Absturz.

Krisengeld gegen Krypto-Gold

Gold ist ein ganz realer Stoff, sichtbar, betastbar, eher geschmacklos, sicher geruchlos. Das ist natürlich ironisch gemeint, denn in einer Epoche der digitalen Kryptowährungen scheint die Bemerkung nicht überflüssig. Von ihren Adepten werden sie als »digitales Gold« bezeichnet, was wohl eher eine Majestätsbeleidigung für das göttliche Metall sein dürfte. Auch sprachlich ist es eine Flunkerei. Aber ist nicht auch die Bezeichnung »Betongold« für Immobilienbesitz ein irres Paradox? Beton ist Beton. Doch Gold scheint sich auch als patent gebräuchliche Metapher in diversen Bereichen anzubieten. Schwarzes Gold (Erdöl, Kaviar, Trüffel), weißes Gold (Salz, Lithium, Porzellan), grünes Gold (Olivenöl), blaues Gold (Solarzellen), rotes Gold (Safran) usw.

Die Verächter der Kryptowährungen betrachten sie als bloßes Spielgeld ohne inneren Wert oder Wertbeständigkeit, ungedeckt und schwindsüchtig. Als einen aus dem Nichts geschaffenen, puren Wahn. Von hoher Volatilität, bei der immerzu der endgültige Absturz drohe. Die kopflose »Krypto-Vergottung«, sagen sie, werde in die Hölle alias den Totalverlust führen. Tatsächlich scheint ihnen nicht einmal religiöses Vokabular abwegig. Ein bloßer Spuk, der vorbeigehen werde. Sie seien kein Wertaufbewahrungsmittel, kein Wertspeicher wie das gute alte Gold. Als »Rattengift hoch zwei« bezeichnet der amerikanische Großinvestor Warren Buffett die Kryptowährungen. Das neue Phänomen scheint auch die Metaphernprägungen zu beflügeln.

Ist das der neue Goldrausch, der Goldrausch unserer Zeit? Ein neues Kalifornien, ein neuer Klondike? Oder wird es am Ende des Spuks auch hier nur sterbende Sonnen geben? Es sind unvorstellbare Mengen von künstlich geschaffenem »elektronischem Geld« weltweit in der Luft. Die Loopings der Kryptowährungen bedeuten eine neue Etappe nach den sogenannten Fiatwährungen, den deckungsfreien Papierwährungen, die ein als Tauschmittel eingesetztes Objekt ohne inneren Substanzwert bezeichnen. »Nur Gold ist Geld. Alles andere ist Kredit!«, verkündete der amerikanische Bankier John Pierpont Morgan im Jahr 1912. Es bleibt bis heute das Credo der Gold-Verehrer in der von Kryptowährungen betörten, zuweilen sturmgepeitschten Finanzwelt.

Am 15. August 1971 stoppte der damalige US-Präsident Richard Nixon die im Jahr 1944 mit dem Bretton-Woods-Abkommen festgelegte Goldbindung des Dollars. Eine kapitale historische Wende. Der »Nixon-Schock« erschütterte die Welt – Amerika brauchte viel neues Geld für den Vietnamkrieg. Im Jahr 1972 empfahl der Internationale Währungsfonds seinen Mitgliedern die Aufhebung der Golddeckung der Währungen, der »Goldstandard« wurde abgeschafft. Währungen und Wechselkurse waren gleichsam von der Leine gelassen, seither erfüllt das Geräusch der Notenpresse die Luft eines zitternden Systems.

Gold ist das Gegenteil von Fiatgeld, es hat neben dem äußeren Tauschwert auch einen unbestreitbaren inneren Wert. Und das seit Jahrtausenden. Aber auch der Wert des Goldes beruht auf Konvention. Es hat immer nur den Wert, den die Menschen ihm zu geben bereit sind, und er ist keine absolute Größe.

Als arabische Karawanen im Mittelalter von Nordafrika aus mit ihren Kamelen die Sahara durchquerten und über dreitausend Kilometer zurücklegten, um das begehrte Metall aus den westafrikanischen Minen einzuhandeln, waren sie schwer bepackt mit einem lebensnotwendigen Gut, das dort so geschätzt wurde, dass die Einwohner Guineas bereit waren, es mit Gold aufzuwiegen: Salz, das »weiße Gold«. Der als »Goldküste« bekannte Landstrich, der heute zu Ghana gehört, hatte jedoch noch ein anderes Tauschmittel anzubieten. Die Kamelkarawanen brachten auch das zurück, was unter dem zynischen Ausdruck »schwarzes Gold« bekannt wurde: Sklaven. Eine verstörende Assoziation von Mensch und Metall – der Mensch als bloße Ware, die anderen Menschen Gold einbringen soll. Weißes Gold gegen schwarzes Gold, und immer ist als abgründige Metapher das glänzende Metall im Spiel.

Als holländische Händler Ende des 15. Jahrhunderts in den Häfen große Säcke ausluden, wollten sie auch dieses wertvolle Gut zeitweise nur gegen das Gewicht in Gold aufwiegen: Pfefferkörner. So ändert sich die Skala der Wertzuschreibungen durch die Zeiten. Uns mutet es sonderbar an, dass Salz und Pfeffer, die wir heutzutage im Supermarkt für ein paar lächerliche Cents einkaufen, in gewissen Momenten und an bestimmten Orten des Erdballs nur gegen Gold aufgewogen werden wollten. Salz und Pfeffer!

Gold gaukelt Wertbeständigkeit und solide Wertaufbewahrung vor und ist doch den Hochs und Tiefs des Unzenpreises unterworfen. Und es gibt auch heute eingefleischte Gold-Skeptiker. In den Gazetten diverser Länder ebben die Diskussionen um das »Krisengeld« Gold in Zeiten wirtschaftlicher Rückschläge und erhöhter Inflation nicht ab. Der Streit zwischen Goldadepten und Goldverächtern scheint unversöhnlich, die Spekulationen um den angeblich manipulierten Goldpreis nähren wirtschaftspolitische Verschwörungstheorien. Die Schlagzeilen haben eine verblüffende Spannweite: »Die einzige echte Währung: Gold« bis zu »Vermögensvernichtung mit Gold«. Ist Gold noch immer das altbewährte »Krisengeld« oder ein trügerischer Notgroschen? Das seltene Metall ist noch nie in der Geschichte so kontrovers diskutiert worden. Es zeigt die Verhaltensweisen der Menschen zwischen Angst und Euphorie.

Geopolitische Konflikte und Krisenherde, ob sie Syrien, Iran oder Nordkorea heißen, schüren die Nachfrage nach Gold. Inflationsängste beflügeln Preisphantasien. Jeder neue Atomtest Nordkoreas, mit dem der Machthaber Kim Jong-Un die Welt provozierte, ließ den Preis für das gelbe Metall steigen. Aber auch Ängste sind instabil, beruhigen sich zuweilen rasch. Das ist so menschlich … Rasche Erregung, Angstreaktion und allmähliche Beruhigung durch den Anschein wiederhergestellter Ordnung.

Gold gilt als »sicherer Hafen« in turbulenten Zeiten und als Schutz gegen Inflation. Nicht nur Individuen steuern ihn an, auch Staatslenker haben Reflexe. Wenn die Währungen ihrer Länder rapide an Wert verlieren, flüchten sie sich gerne ins edle Metall, um den Absturz abzufedern. Im November 2017 titelte eine deutsche Tageszeitung: »Putin und Erdogan im Goldrausch«. Als Rubel und Lira stark abwerteten, waren die Notenbanken Russlands und der Türkei die größten Goldkäufer unter den Staaten der Welt. Von Allmacht träumende verspätete Sultane und neue Zaren flüchten ins Goldrefugium, nehmen beim traditionellen Krisengeld Zuflucht.

Dass sich die Nachfrage nach Gold seit dem Jahrhundertwendejahr 2000 verzehnfacht hat, deutet scheinbar auf große Begehrtheit. Doch immer wieder gibt es Einbrüche, Rückschläge. Seit dem Rekordhoch im Jahr 2011 befand sich das Metall im Abwärtstrend oder dann ab 2016 auf einem holprigen Seitwärtskurs. Obwohl es eigentlich genug Krisen gegeben hätte. Nicht einmal auf die Krisen war Verlass.

Aber dann kamen der Juni 2019 und weltweite Rezessionsängste, befeuert von Trumps Handelskrieg mit China, Irankrise, Brexit, zermürbenden Null- und Negativzinsen oder sogar Furcht vor einem Kollaps des Finanzsystems. Der Goldpreis brach nach oben aus und hielt sich, zusammen mit Goldminenaktien, bis zum Jahresende in aussichtsreichen Höhenlagen. Dann säte das weltweit auftretende Coronavirus und eine unheimliche Lungenkrankheit Panik und Börsen-Albträume und ließ Gold zeitweilig noch begehrter werden. Selbst Viren also können die Wertschätzung des Goldes beeinflussen. Aber: Höhenrausch und Absturzängste sind oft die beiden Seiten derselben (Gold-)Medaille. Hinauf, hinunter. Das edle Metall nimmt es gelassen hin. Gold ist schwindelfrei.

Gewinnen, verlieren, gewinnen, verlieren – der ewige Rhythmus ist vorgegeben, aber seine Ausschläge sind unvorhersehbar. Das symbolische Gemälde Fortuna und der Bettler (1836) des russischen Malers Alexej Markow auf unserem Buchumschlag zeigt die Schicksalsgöttin mit einem Füllhorn, das sich in den zerschlissenen Beutel eines Bettlers ergießt. Den überraschten Empfänger trifft es unverhofft, doch durch ein Loch entweichen die Goldmünzen auch schon wieder. In zahlreichen Abbildungen wird die unstete Fortuna mit verbundenen Augen auf einem Rad oder einer Kugel balancierend dargestellt. Die blinde Göttin teilt aus und nimmt gern rasch wieder weg.

Gold war und ist aber gar nicht unbedingt das seltenste, teuerste, wertvollste Metall. Momentan können in der Geschichte ganz andere Prioritäten entstehen. Durch erhöhte Nachfrage aus der Autoindustrie waren im Moment der Niederschrift dieses Buches die Edelmetalle Rhodium und Palladium heiß begehrt, weil sie in Autokatalysatoren zur Reduktion von Stickstoffmonoxid zum Einsatz kommen. Der Aufschwung ist auch dem Diesel-Skandal geschuldet. Aber schon 2008 kostete eine Feinunze Rhodium – oft »das edelste der Edelmetalle« genannt – zehnmal so viel wie eine Feinunze Gold, mehr als 10.000 Dollar, so viel wie nie zuvor. Mit der Verschärfung von Abgasvorschriften in vielen Ländern steigt die Nachfrage nach wirksamen Katalysatoren. Das Klima gibt den Ausschlag.

Das Beispiel soll nur zeigen: Der Wert des Goldes ist ein relativer, kein absoluter. Mal sind Salz und Pfeffer, mal Rhodium und Palladium die Vergleichsstoffe und Wertmesser. Aber keines der erwähnten seltenen Edelmetalle hat auch nur annähernd die kulturelle Aura von Gold, die seit Jahrtausenden im Menschheitsgedächtnis gespeichert ist. Es ist schlicht das magischste und attraktivste der Edelmetalle.

Keine Angst, die vorliegenden Seiten sind keine Anlageberatung, sie folgen nicht der Fieberkurve oder dem Puls des Tages, sondern erkunden ein kulturelles Fundament – das seinerseits von einer gewissen Dramatik nicht verschont bleibt. Der ökonomisch-pragmatische Zugang erhellt nicht den »mythischen« Hintergrund des Metalls. Ist Kultur nicht die beste Anlage und das ultimative Kapital, auf dem auch unsere Gegenwart ruht? Die jahrtausendealte Faszination des »ewigen«, unzerstörbaren Metalls ist eine anthropologische Konstante. In nahezu jedem Abschnitt der Menschheitsgeschichte wurde Gold begehrt und verehrt, gesucht und bewahrt, gehortet und zu Kunstwerken verarbeitet.

Die Reduktion seiner Bedeutung auf das bloße »Krisengeld« ist eine irreführende Verengung. Die Unversehrbarkeit durch Rost, durch die zerstörerische Macht des Sauerstoffs, die allen Dingen zusetzt, bleibt ein gewichtiger Teil des Faszinosums. Denn das Menschenleben ist vielfachen Gefährdungen ausgesetzt und von entmutigender Kürze, das verführerische »weiche« Metall Gold jedoch scheint Dauer und Ewigkeit zu gewähren.

Dass das glänzende Metall eine beträchtliche mythische Aura aufweist, dass es in der Kulturgeschichte der Menschheit eine ungeheure Ausstrahlung zeigt, ist schwer zu bezweifeln. Es ist Symbol für Macht, Reichtum und Ansehen, aber auch Ansporn zu höchster Veredelung, zu reichen Mythen, religiösen Riten, magischen Praktiken und tiefgründigen Geschichten voller Weisheit, zu kunsthandwerklichen Spitzenleistungen, hervorragenden Kunstwerken.

Gold strahlt in Mythen und Märchen, Gold blitzt im Schatz der Sprichwörter vieler Völker. Gold ist »in aller Munde«. Vielleicht hat gerade der deutsche Volksmund eine geheime Vorliebe für das blendende Metall, es gibt Dutzende von Sprichwörtern, in denen Gold vorkommt. Für eingefleischte Frühaufsteher, die anderen mögen dieses Sprichwort wirklich nicht: »Morgenstund’ hat Gold im Mund.« Nicht erbaulich für ungebremste Plaudertaschen: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.« Für Geistesarbeiter gelinde gesagt demoralisierend: »Handwerk hat goldenen Boden.« Gold ist im Sprichwort immer positiv besetzt, aber auch in simplen Redensarten, die hervorragende Qualitäten im Menschen bedeuten wollen. »Sie hat ein Herz aus Gold« – das Gegenteil von hartherziger Mitleidlosigkeit. Wer hat noch Neil Youngs größten Hit von 1971 im Ohr: Heart of Gold? »I’ve been a miner for a heart of gold« … Gerade den Ohrwurm nochmals auf YouTube angehört.

»Gold ist warm und hat ein Wesen wie die Sonne«, schrieb Hildegard von Bingen (1098 bis 1179). Es ist warmer Glanz schöner Gegenstände und kaltes Objekt des zählbaren, stapelbaren Reichtums. Im Umgang mit ihm zeigt sich der Mensch mit seinen Widersprüchen, seinen erstaunlichen Fähigkeiten und Fehlern, seinen geistigen Höchstleistungen und Träumen – und den Abgründen zerstörerischer Leidenschaften.

Gold scheint das Metall der Extreme zu sein. Aber es wurde in der Kulturgeschichte auch mit Maß und Mittelweg assoziiert. Aristoteles preist in seiner Nikomachischen Ethik die »Mitte« (mesotes), die sich gegen »Übermaß« und »Mangel« behaupten muss. Das Gute wie auch das Glück liegen für ihn zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig. Erst der römische Dichter Horaz (65 bis 8 v. Chr.) verpasste der Mitte jedoch das Eigenschaftswort »golden«: aurea mediocritas (Oden II, 10,5). Wer den goldenen Mittelweg wähle, komme am ehesten ans Ziel: Gold ist also nicht nur das Metall der Extreme, golden ist auch die Ferne von den Extremen, golden sind Maß und Ausgeglichenheit.

In der Geschichte der Verehrung und der Verdammung des Goldes gibt es immer einen unerklärlichen Rest, es gibt Paradoxe und Widersprüche, die über das ökonomische Tagesgeschäft weit hinausreichen. Gold leuchtet in den Kulten und Religionen, in der Kunst, in der Literatur. Es ist mit Mythos, Macht und Magie verbunden. Es ist Lichtquelle und dunkler Abgrund.

Götterhaut oder: Tanzen für die Einzige

Eine Menschheit ohne Sorgen und Nöte. Es gibt Nahrung genug für alle, Milch und Honig fließen. Keinerlei Anlass zu Streit und Krieg, keine Feindschaft, keine Gewalt. Es gibt kein Alter, keine Gebrechlichkeit, keine Krankheit. Den utopischen Traum von der sorgenfreien Menschheit haben mehrere Autoren der Antike geträumt, der erste, der ihn festhielt, ist der um 700 v. Chr. in Böotien geborene Ackerbauer und Dichter Hesiod. In seinem Lehrgedicht Werke und Tage schildert er das bäuerliche Alltagsleben, Ethik und Moral, die sich daraus ableiten lassen. Es ist eine an seinen liederlichen Bruder Perses gerichtete Ermahnung, der sein Erbteil verprasst hat und nun auch die andere Hälfte, Hesiods Anteil, für sich haben will. Hesiod ruft ihn zur Besinnung, preist redliche Arbeit und ehrliche Anstrengung, warnt vor Falschheit und Anmaßung im »Eisernen Zeitalter« der Gegenwart, das von Rücksichtslosigkeit und Verrohung geprägt sei. Als notwendige Kontrastfolie braucht er jenes heitere »Goldene Menschengeschlecht«, das er begeistert schildert: »Golden war zuerst das Geschlecht der sprechenden Menschen«, so beginnt er die goldene Story. »Sie lebten wie Götter«, »das Herz ohne Kummer«, »sie freuten sich am üppigen Mahl und kannten kein Unheil.« Als Sinnbild für alles Positive, Helle, Angst- und Sorgenfreie bot sich kein besseres Metall an als das Gold.

Hesiods berühmter römischer Nachfahr Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.) schildert das mythische Goldene Zeitalter im ersten Buch seiner Verwandlungsgeschichten, der Metamorphosen, einem außerordentlich einflussreichen Werk der abendländischen Literatur. »Als erstes entstand das Goldene Zeitalter«, verkündet er triumphierend in seinem Bericht vom Anfang der Welt. Es ist alles in bester, paradiesischer Ordnung: »In behaglicher Muße vergingen, ohne Krieger zu brauchen, die Tage sicher den Völkern.« Gold im Zusammenklang mit Zeitbegriffen verweist immer auf ideale Zustände, auf eine kulturelle Blütezeit oder auf einen besonders aufregenden Zeitabschnitt voller Intensität. Goldenes Zeitalter, Goldenes Jahrhundert (Spaniens Siglo de Oro), die Golden Twenties.

Als Hesiod und Ovid von ihrem Goldenen Zeitalter schwärmten, hatten ältere Völker längst ihre Verehrung und Vergöttlichung des edelsten Metalls gepflegt. Zum Beispiel Mesopotamien: Es brachte die ersten städtischen Hochkulturen hervor, schenkte uns die Erfindung der Schrift, weitreichendes astronomisches, mathematisches und medizinisches Wissen, wichtige Anregungen für Zahlensystem und Zeitteilung, erste Rechtssammlungen. Da ist nur ein Problem: Mesopotamien, das außerordentlich fruchtbare Schwemmland zwischen Euphrat und Tigris, jedoch ohne Gebirge, die Erze hätten spenden können, kannte keinen eigenen Goldabbau.

Ein Café in der Altstadt von Heidelberg, wo ich heute lebe. Ich treffe einen der renommiertesten Assyriologen der Welt zum Gespräch, den hier an der Universität lehrenden Professor Stefan Maul, der nicht nur das Gilgamesch-Epos glanzvoll ins Deutsche übersetzt, sondern auch ein Standardwerk über die Wahrsagekunst im Alten Orient verfasst hat. Geduldig und freundlich beantwortet er meine Fragen nach der Bedeutung des Goldes für die mesopotamische Kultur.

Gold kam nur über den Handel ins Land – oder über die zahlreichen Kriegs- und Beutezüge, für die die Assyrer bei den Völkern berüchtigt waren. Das fehlende eigene Gold machte das glänzende fremde Metall für die Könige Mesopotamiens noch begehrter. Einer uralten Überlieferung zufolge wurde das Gold, das ins Zweistromland gelangte, in einem fernen sagenhaften Gebirge im iranischen Osten gefunden, das den Namen Arallu trug, der auch die Unterwelt bezeichnete. Gold aus dem Jenseits also? Der Bezug des göttlichen Metalls zum Totenreich wird in der Kulturgeschichte des Goldes keine geringe Rolle spielen. Hauptumschlagplatz für Gold war Ägypten. Babylonier und Assyrer hatten kostbare Textilien anzubieten, Pferde, den aus den afghanischen Gebirgen stammenden Lapislazuli, nach dem die Ägypter begierig waren.

Natürlich interessiert mich das berühmte, erst Mitte des 19. Jahrhunderts wiederentdeckte Epos von Gilgamesch, dem sumerischen König von Uruk. Es ist das älteste literarische Zeugnis der Welt: die in die altbabylonische Zeit (1800 bis 1595 v. Chr.) zurückreichende, auf elf Tontafeln in Keilschrift festgehaltene, von vielen Wechselfällen geprägte Geschichte einer Suche nach der Unsterblichkeit, die Gilgamesch, nach dem schmerzlichen Tod seines Gefährten Enkidu, erlangen möchte. Die achte Tafel, die allerdings nicht vollständig überliefert ist in diesem mesopotamischen Puzzle-Spiel der Tonscherben: Der um Enkidu trauernde Gilgamesch ruft laut nach Steinschneider, Kupfer- und Goldschmied, damit sie das »Bild«, die Statue seines Freundes, herstellen können. »Die Gliedmaßen meines Freundes sind aus Silber, die Augenbrauen aus Lapislazuli, deine Brust ist aus Gold, dein Körper ist aus Zedernholz.«

Gilgamesch erbricht das Siegel seines Schatzhauses, entnimmt Schmuck und legt ihn zum aufgebahrten Enkidu. Natürlich und immer wieder: Gold. Schmuckstücke »in dreißig Minen Gold gefasst«, einen Köcher, »ein ganzes Talent Gold der zugehörige Griff«, und viele andere Gaben, die aber nicht nur zur Ausstattung des toten Freundes bestimmt waren, sondern auch ein Mitbringsel für die Götter der Unterwelt darstellten. Es war eine Art glorreiche Bestechung oder Umwerbung jedes einzelnen der dortigen Götter, die das glänzende Metall lieben. Durch die Gaben aus Gold besänftigt, sollten sie das neue Mitglied des Totenreiches freundlich aufnehmen, »an seiner Seite gehen«.

Natürlich schmückten die mesopotamischen Könige auch im Diesseits ihre Tempel, die ein Abbild des Kosmos sein sollten, über und über mit Gold. Davon berichtet der assyrische König Assurbanipal (668 bis 631 v. Chr.): »Das Haus des Gottes Assur, meines Herrn, vollendete ich. Ich verkleidete seine Wände mit Gold und Silber. Den Assur ließ ich in sein Haus ›Großer Berg‹ einziehen und ein ewiges Heiligtum beziehen.« Könige und Götterstatuen trugen eine goldene Tiara. Gold stimmte die Götter freundlich, machte ihre Gesichter leuchten.

Die Babylonier waren berühmt für ihre Wahrsagekunst und deshalb auch bei ausländischen Königen und Fürsten sehr begehrt. Ihr Exportartikel: das Orakel. Der römische Naturforscher Plinius der Ältere (23 bis 79 n. Chr.) weiß zu berichten, dass die Athener dem Berossos, einem babylonischen Marduk-Priester, der im 3. Jahrhundert v. Chr. auf der griechischen Insel Kos eine Sterndeuterschule aufgebaut hatte, auf Staatskosten ein Denkmal errichteten. Zum Zeichen ihrer dankbaren Erinnerung an die Präzision und Zuverlässigkeit seiner Vorhersagen hatten sie das Standbild mit einer vergoldeten Zunge versehen. Nicht nur Morgenstund’ hat Gold im Mund, sondern auch die Propheten und Sterndeuter mit ihrer Wahrsagerzunge.

Inmitten klappernder Tassen und summenden Café-Geplauders schreibt Stefan Maul zum Abschluss mit flinker Hand in Keilschrift das Wort für »Gold« auf ein weißes Karteikärtchen, ku-si auf Sumerisch, und auf Akkadisch (Babylonisch / Assyrisch): hurasu. Das kleine Kärtchen habe ich gleichsam als Amulett sorgsam aufbewahrt: Wenn es nicht aus Gold ist, so ist es doch von Bedeutung. Eine Visitenkarte aus Babylonien. Mesopotamisches Keilschriftgold.

Ägypten also war der Hauptbezugsort für das kostbare Metall. Auch die gottgleichen Pharaonen waren schon im Alten Reich des 3. Jahrtausends v. Chr. versessen auf das Metall der Göttlichkeit, das »Fleisch der Götter«, wie sie es nannten. Es sollte im Diesseits wie im Jenseits leuchten, als blitzender unzerstörbarer Beweis höchster Macht, Würde und Gottgleichheit. Der Bezug zur strahlenden Sonne, zum alles nährenden Sonnenlicht, war schon visuell gegeben. Sonnengleicher Glanz war das Attribut der Göttlichkeit. In den Kulttexten sagt der Sonnengott Ra von sich: »Meine Haut ist aus reinem Gold.« Auch die vergoldeten Statuen und Kultgegenstände hatten folglich »Götterhaut«, aus Gold bestand die göttliche Haut-Hülle.

Die Pharaonen hatten erheblichen Goldbedarf, also wollten sie ihr Herrschaftsgebiet auf jene Landstriche ausdehnen, in denen der begehrte Stoff abgebaut werden konnte. Die Hieroglyphe für »Gold« lautete nub, doch die Ägypter hatten eine Vielzahl von Zeichen, die Gold nach Färbung, Reinheitsgrad oder geographischer Herkunft differenzierten. Das wichtigste Vorkommen gab es in Nubien, das die Ägypter das Goldland Kusch nannten. Heute ist das der nördliche Sudan. In diversen Beutezügen und Expeditionen wurde das kostbare Metall herbeigeschafft, in bestimmten Epochen jedoch, ab der 18. Dynastie, konnte Nubien dem ägyptischen Herrschaftsbereich einverleibt, konnten die Goldminen zu eigener Ausbeutung genutzt werden.

Eine legendäre Gold- und Weihrauch-Expedition – zwei unabdingbare Stoffe für den Götterkult – fiel in das neunte Regierungsjahr des weiblichen Pharaos Hatschepsut, die von 1479 bis 1458 v. Chr. für ihren noch minderjährigen Stiefsohn Thutmosis III. regierte. Es ist das glorreichste Ereignis ihrer Karriere: die Expedition in das sagenhafte Land Punt – vermutet wird ein Landstrich am Horn von Afrika, im heutigen Somalia. In ihrem weitläufigen Totentempel in Deir El-Bahari, ihrem »Haus der Millionen von Jahren« auf dem Westufer des Nils nördlich von Theben, ist die famose »Expedition nach Punt« in einer eigenen Halle auf zweiundzwanzig Pfeilern und in Wandreliefs verewigt. Eine bilderreiche Reportage über einen Goldtransport. Vor Jahren stand ich davor, noch nicht ahnend, dass ich einmal in einer bescheidenen Expedition schreibend ein Goldland erkunden würde. Gleich daneben die Hathor-Kapelle, gewidmet der Göttin Hathor, deren auffälligstes Merkmal die Kuhohren sind. Sie ist die Göttin der Liebe, der Schönheit, der Musik, des Tanzes – gleichsam die weiblichste aller Göttinnen, sowohl göttliche »Mutter« als auch Identifikationsfigur der Pharaonin Hatschepsut.

Hathor wird in Hymnen und Huldigungen als die »Einzige« und die »Goldene« bezeichnet. So wird sie in den Liebesgedichten des Neuen Reiches angerufen, etwa in den Sprüchen der großen Herzensfreude des im British Museum in London aufbewahrten Papyrus Chester Beatty I, einer wichtigen Quelle aus der Ramessidenzeit (um 1300 bis 1100 v. Chr.): »Einzig ist die Geliebte, ohnegleichen, / schöner als jede Frau. / Strahlend ist sie, wie der aufgehende Stern, / der dem guten Jahr voranzieht. […] Sieht man sie hinausgehen, / gleicht sie jener Göttin (Hathor), der Einzigen. / […] Ich bete die ›Goldene‹ an und preise ihre Majestät, / ich rühme die Herrin des Himmels, / […] Die ›Goldene‹ ist voller Freude, / hell wird die Erde durch ihre Schönheit« (deutsch von Erik Hornung).

Ihre Assoziation mit dem göttlichen und gleichsam ewigen Metall gewinnt eine besondere Symbolik. Es ist das Gold der Anmut und der dauerhaften Liebe, das die Göttin Hathor verkörpert und ausstrahlt. Jeder Liebende, jede Liebende tanzt für die goldene »Einzige«, für die graziöse Göttin mit den Kuhohren.

Die Faszination des Goldes prägt die Werke der ältesten bekannten Dichter. Gilgameschs Gold war das erste. Die ägyptischen Hathor-Gesänge und Liebesgedichte der 18. Dynastie um 1300 v. Chr. strahlten vom Gold der »Einzigen«. Homer im 8. Jahrhundert v. Chr. streut schon im ersten Gesang der Ilias ein Gold-Aroma, wenn er das griechische Wort für Gold, chrysos, in den Eigennamen aufblitzen lässt: im Apollon-Priester Chryses (»Goldmann«) mit seinem »goldenen Stab«, in dessen Tochter Chryseis (»Goldmädchen«) und in Chrysa, der »goldenen« Stadt an der Küste, nicht weit von Troja. Doch alles Gold läuft auf die eine Göttin zu: die »goldene Aphrodite« und ihre »Gaben« im 3. Gesang der Ilias (Vers 64), die erotischen Reiz oder geradezu sexuelle Anziehungskraft verkörpernde Liebesgöttin.

Sie versprach bei einem Schönheitswettbewerb Paris, dem Sohn des Trojanerkönigs Priamos, die schönste Frau der Welt, wenn er ihr den goldenen Apfel mit der Aufschrift »Der Schönsten« zugestehen würde. Die schönste Sterbliche aber, Helena, war mit Menelaos, dem König von Sparta, verheiratet, Paris muss sie entführen – und Aphrodite hatte im Vorbeigehen mit ihren Machenschaften den verheerenden Trojanischen Krieg ausgelöst. Nur vordergründig geht es um Krieg, im Untergrund wütet die erotische Leidenschaft. Und die »goldene Aphrodite« zieht die Fäden. Sie begünstigt selbstherrlich den Ehebruch und den kriegerischen Konflikt. In den nur wenig später, im 6. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Homerischen Götterhymnen ist Aphrodite, »die das Lächeln liebt«, immerzu von Goldattributen gekennzeichnet, trägt einen goldenen Kranz, Ohrschmuck aus Gold, Armreifen, Halsketten aus selbstverständlich demselben, erotisch aufgeladenen Material.

Von der Dichterin Sappho (um 630 bis 570 v. Chr.), die auf der Insel Lesbos lebte, ist nur ein zarter Scherbenhaufen von Fragmenten erhalten geblieben, selten genug ein Gedicht, dort ein paar Verse, hier ein paar Wörter, auf eine Tonscherbe eingekritzt, auf einem fragilen Papyrusstreifen fixiert. Sappho spiegelt sich gerne in der Liebesgöttin und ihrem unbezwingbaren erotischen Reiz. Aphrodite, die das »goldene Haus des Vaters verlassen« hat, ist »goldbekränzt«, schenkt aus »goldglänzenden Schalen« zum Trinken und Feiern großzügig Nektar aus. Die Göttin der Morgenröte, Eos, trägt »goldene Sandalen«, ist sozusagen golden beschuht. Das Fragment stammt vielleicht aus Sapphos Hochzeitsliedern. Und dann ein anderes, das einen sogenannten »Supra-Superlativ« vorführt: »… Selbst noch den Harfenklang süß überklingend, / goldener noch als Gold …« Gold ist also das erotische Edelmetall, das die Macht in sich hat, noch sich selbst zu übertreffen.

Der Dichter Pindar (520 bis 446 v. Chr.), der in »gottgegebenen Gesängen« Preislieder auf die Sieger in sportlichen Wettkämpfen schuf – Olympische, Pythische, Nemeische, Isthmische Oden, je nach dem Austragungsort der Spiele –, geht besonders freigebig mit dem Beiwort »golden« um, um das ewig glänzende Metall der Göttlichkeit auch in seinen Lobes-Oden aufleuchten zu lassen, um auch ihnen Glanz zu verleihen. Bei Pindar meint »golden« immer auch »auf das Göttliche verweisend«, das Edelmetall schlägt eine Brücke zwischen der Sphäre der Götter und jener der Sterblichen.

Was ist nicht alles »golden« bei ihm, unmöglich, alles aufzuzählen: goldene Olive, goldene Stuten, goldene Wagen, goldgekrönte Musen, goldgelockter Apoll, goldene Siegesgöttin Nike, goldene Spindel, und – besonders verblüffend, in der 7. Isthmischen Ode – »goldener Schnee«: »Als du um Mitternacht in goldenem Schnee empfingst den höchsten der Götter«. Angesprochen werden das »selige Theben« und die Episode, als Zeus die Frau des Amphitryon besuchte, Alkmene, um mit ihr Herakles zu zeugen. Der »goldene Schnee« bedeutet also Zeus’ göttlichen Samen.

In der ersten Olympischen Ode, für Hieron den Syrakuser, den Sieger beim Wettkampf mit dem Rennpferd, liefert Pindar gleich auch noch einen Werbespot für die Olympischen Spiele: »Am köstlichsten ist Wasser, und Gold sticht hervor / wie brennendes Feuer bei Nacht aus dem Reichtum, der Männer beflügelt; / wenn du aber Wettkämpfe besingen willst, mein Herz, / spähe nicht neben der Sonne nach einem anderen Gestirn, das wärmer leuchten / würde bei Tag durch den einsamen Äther – / einen herrlicheren Wettstreit als den von Olympia gibt es nicht zu preisen!«

Und was ist mit der olympischen Goldmedaille? Fehlanzeige, die war eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, sie besteht im Übrigen zu 92,5 Prozent aus Silber, hat einzig einen goldenen Überzug, der nur sechs Gramm Gold enthält. Aber die »goldene Aura« hat sie dennoch, auch wenn sie nur wenig von dem Stoff enthält. Pindars Olympiasieger erhielten als Preis einen Kranz aus Olivenzweigen um das Siegerhaupt und Amphoren voll kostbaren Olivenöls aus Athenas heiligen Hainen.

Gold war lange vor seiner »Vermünzung« zumeist tragbares Gold, das ein König oder Pharao auf oder an seinem Körper trug in Kronen, Armreifen, Halsketten, Fingerringen usw. Es hatte eine ursprüngliche Talisman-Funktion, sollte den Körper vor bösen Kräften schützen, und eine schmückende Funktion, die dem Träger Bedeutung und Würde, aber auch Schönheit und Anmut verleihen sollte. Ohne Gold keine gelassene Fahrt durch das Jenseits. Vielleicht sogar: kein Jenseits überhaupt.

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23 июля 2025
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9783835345676
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