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DENEN, DIE IN UND FÜR NES AMMIM

LEBEN UND ARBEITEN

INHALT

1  GELEITWORT

2  VORWORT

3  1. ZWISCHEN JÜDINNEN UND JUDEN Von Juden lernen – Das Programm Nes Ammims Weihnachten in Nes Ammim Trost und Tatkraft – Eine streitbare Israelin aus Großbritannien Erlösung aus Feindbildern – Erfahrungen mit Haredim Aufwachen und das Schweigen brechen – Ein mutiger Soldat Manche schämen sich einfach – Beherzte Frauen Patriotinnen oder Vaterlandsverräter? Versöhnung ist harte Arbeit – Erfahrungen eines Sechzehnjährigen Nicht den leichtesten Weg wählen! – Kritischer Umgang mit jüdischer Tradition Sichtbares und unsichtbares Judentum Einer, der seine Feindbilder bestätigt finden möchte

4  2. ZWISCHEN VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT Das Wunder, dialogfähig zu werden Am Leiden der anderen teilnehmen Wenn ein Palästinenser in Israel der „Kristallnacht” gedenkt Deutscher Volkstrauertag in Israel Ein KZ auf Israels Boden?

5  3. ZWISCHEN CHRISTINNEN UND CHRISTEN Weihnachten in Nazaret und Me’ilya Weihnachten in Bethlehem Haben oder Sehnsucht haben? „Hinauf nach Jerusalem!” – Alternative Pilgererfahrung Erdöl aus Israel „Messianisches Judentum“ in Israel Die Jesaja-19-Autobahn

6  4. ZWISCHEN JUDEN UND PALÄSTINENSISCHEN CHRISTEN Palmsonntagsprozession – re-politisiert „Christus am Kontrollpunkt“ Wenn Juden und Christen in Jerusalem gemeinsam die gleiche Bibel studieren

7  5. ZWISCHEN ANDEREN RELIGIONEN Die Völker werden kommen – der Name „Nes Ammim“ Der barmherzige Gott und die unbarmherzigen Religiösen Verschiedene Religionen – ein und derselbe Gott

8  6. ZWISCHEN JÜDISCHEN UND PALÄSTINENSISCHEN ISRAELI Mein Fels und meine Burg – Wer findet hier Zuflucht? Gastfreundschaft Dem Fremden vertrauen lernen Wandern in Galiläa – ein Politikum Wie sich die linke mit der rechten Seite verbindet Ein palästinensisch-israelischer Zitronenbaum

9  7. ZWISCHEN ISRAELI UND PALÄSTINENSERN Zuflucht finden, ohne andere zu bedrücken Und was sagt das Völkerrecht? Wem gehört das Land? – Biblische Antworten Haben die Palästinenser verspielt oder sind sie beraubt worden? „Palästina gab es nie – und wird es niemals geben“? Andere von der anderen Seite sehen Raum für neue Erfahrungen – ein gemeinsames Seminar in Nes Ammim Arznei gegen den Kummer – „Die Kämpfer für den Frieden“ Trauer teilen und verarbeiten – Gemeinsames Totengedenken Wenn der Schmerz fruchtbar wird – Verwaiste Eltern in Palästina und Israel B D S – Blindheit – Dummheit – Schwachsinn? Im Kampf gegen Sodom und Gomorrha In Palästina gehen die Uhren anders Für Palästinenser eintreten, ohne zu Gegnern Israels zu werden Endet der Rechtsstaat Israel an der Green Line? Die Täter zur Rede stellen Kollektivstrafe – Welch eine Torheit! „… aber wir können Menschen verändern“ Der Tag wird kommen!

10  8. ZWISCHEN ISRAEL UND SEINEN NACHBARN IM KRIEG Israel ist nicht der Aggressor Israels Regierung – Urheber der Eskalation der Gewalt Raketen-Alarm in Nes Ammim … … und wie darüber in Deutschland berichtet wird Gegen-Erfahrungen zum Krieg Der Gaza-Krieg ist kein Krieg gegen das palästinensische Volk Alternativen zum Gaza-Krieg? Kommt nach Israel und Palästina!

11  9. ZWISCHEN DEN „FREUNDEN ISRAELS“ UND DEN „FREUNDEN PALÄSTINAS“ „Falsche Freunde“ Ein Prominenter unter den Freunden Palästinas Drei israelische Opfer und unbekannte Täter – und was die Freunde Israels daraus machen … und dann geschah ein vierter Mord Die Schlacht um Gaza zwischen den deutschen Sympathisanten Wie die „Freunde Palästinas“ ihr Feindbild „Israel“ pflegen Latenter und offener Antisemitismus in der Israel-Kritik Bin ich ein Antisemit? Wieder etwas gelernt

12  ANHANG Vom Nutzen des jüdischen Neins zum Messias Jesus Predigt über Römer 11, 25-32 Von Juden lernen – das aktuelle Studienprogramm Nes Ammims

13  BILDTEIL

GELEITWORT

In Nes Ammim materialisiert sich, was wir theologisch erarbeitet haben und vertreten: Das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum bedarf der Erneuerung. Dieser Prozess steht nach beinahe zweitausend Jahren Entfremdung, Überlegenheitsansprüchen und auch Feindschaft immer noch am Anfang. Vor allem aber sind wir in der Erneuerung unseres Verhältnisses zum Judentum Lernende und nicht Lehrende. Rainer Stuhlmann redet nicht über solche notwendigen Erneuerungen, er lebt vielmehr in ihnen. Er lebt diese erneuerte Haltung und lässt auch uns daran teilhaben durch die Begegnungen und Erlebnisse, von denen er erzählt.

Eine solche Haltung des Lernens, die wir als Kirche mit Blick auf das Judentum immer neu einzuüben haben, überträgt sich auch auf andere Fragen: Im Streit um das „Heilige Land“, im Nahostkonflikt sitzen wir mit Rainer Stuhlmann oft „zwischen den Stühlen“. Dabei gibt dieses Buch keine einfachen Antworten, sondern lässt uns vielmehr teilhaben an den Fragen der Menschen vor Ort. Es gibt keine Reduzierung auf Schwarz-Weiß-Bilder, auch wenn viele aus der Distanz gerne durch klare und eindeutige Parteinahmen Stellung beziehen möchten. Das Buch mutet uns Bilder mit Farbnuancen und Schattierungen zu. Es bezieht uns als Fragende und Antworten Suchende ein. Und das ist, wie ich finde, die angemessene Haltung!

„Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt [...]. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes!“ (4. Mose 13,17ff) – Rainer Stuhlmann nimmt uns mit in seine alltäglichen Erfahrungen, teilt mit uns Früchte seiner aufmerksamen Beobachtungen. Wie ein Kundschafter erzählt er und gewährt Einblicke in Begegnungen mit jüdischen Israeli, palästinensischen Israeli, christlichen Palästinensern, Muslimen, Christinnen und Christen aus Europa, die nach Israel und Palästina kommen.

Rainer Stuhlmann wünsche ich Gottes Segen für seine wichtige Arbeit und seinen weiteren Weg. Dem Buch möge es gelingen, festgefahrene Bilder zu erneuern und Perspektiven zu eröffnen – als Bereicherung für seine möglichst vielen Leserinnen und Leser.

Dr. h.c. Nikolaus Schneider,

Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

VORWORT

Ein großes Geschenk war es für mich nach fast vierzig Jahren als Pastor im Rheinland, für einige Jahre meines Ruhestandes im „Land der Bibel“ leben zu können. Seit August 2011 plane und gestalte ich für die Freiwilligen in dem internationalen ökumenischen Dorf Nes Ammim die Studienarbeit. Dabei komme ich viel herum in Israel und Palästina. Je mehr ich sah und hörte, desto mehr wich die Illusion, in diesem verwirrenden Land den Überblick oder gar den Durchblick zu bekommen. Als Kinder spielten wir mit Glaskästchen, in denen farbige Scherben eingeschlossen waren, die ein buntes Bild ergaben. Mit jedem Klick an das Kästchen entstand ein neues Bild. So fühlte ich mich in meiner neuen Heimat. Beinahe jede Woche zerbrach ein Bild, das ich meinte gewonnen zu haben, und machte einer neuen Erfahrung Platz. Meine Irritationen feuerten mich an, weiter zu suchen und zu fragen. Allmählich entstand – kein Film, sondern eine aufregende Kette spannungsvoller Momentaufnahmen.

Nach einigen Monaten hatte ich das Bedürfnis, für meine Verwandten, meine Freundinnen und Freunde aufzuschreiben, was ich erlebt habe. Ich war überrascht, welch großes Interesse meine Geschichten fanden. Mehr und mehr Menschen baten mich, meinen Rundbrief zu bekommen. Ich lernte, ein Blog im Internet und eine damit verlinkte Facebook-Seite zu errichten, auf denen ich meine Geschichten und Überlegungen publizierte. Seit ich in Israel lebe, ergaben sich die Themen für die verschiedenen Radio-Sendungen bei DeutschlandRadio Kultur und beim WDR, an denen ich seit Jahren mitwirke, wie von selbst aus dem, was ich täglich erlebte. Schließlich erreichte mich eine Anfrage des Neukirchener Verlags, daraus ein Buch zu machen. Dafür habe ich die Texte aus meinem Blog gekürzt und überarbeitet. Die chronologische ist zu einer thematischen Ordnung geworden. Das mit dem Wort „zwischen“ angedeutete vielfältige Spannungsfeld ist jetzt systematisch geordnet.

„Zwischen den Stühlen“ fühlte ich mich von Anfang an in Israel und Palästina. Das heißt nicht, dass ich zu beiden Seiten gleichen Abstand halte. Ich bin nicht neutral. Das kann ich nicht sein, denn ich bin als Europäer, als Deutscher und als Christ längst Teil der Konflikte. Ich bin ein Freund von Jüdinnen und Juden und von Palästinenserinnen und Palästinensern, ein Freund Israels und Palästinas. Ich bemühe mich um eine „doppelte Solidarität“. Und darum stehe ich in bestimmten Situationen des Konfliktes an der Seite von Palästinensern zum Ärger der unbeweglichen „Freunde Israels“. Und in anderen Situationen ergreife ich die Partei von Juden zum Ärger der unbeweglichen „Freunde Palästinas“. Ich bin hin und her gerissen und versuche, die Freundschaft zu den einen nicht zur Feindschaft gegen die anderen werden zu lassen. Das ist ziemlich unbequem, aber für mich die einzig mögliche Haltung, in diesem Lande als Christ und Deutscher zu leben.

Die Bibel war es einst, die mich 1962 als Siebzehnjährigen das erste Mal ins „Land der Bibel“ brachte. Die Bibel ist es heute, die sich mir durch meine Erfahrungen hier neu aufschließt und die mir hilft, dieses Land und seine beiden Völker besser zu verstehen. Auch davon lassen meine Geschichten etwas erkennen - und davon, dass ich die Bibel anders lese als viele andere Christinnen und Christen in diesem Land - auch aus Deutschland.

Nicht die Formulierung, wohl aber die Sichtweise „Zwischen den Stühlen“ verdanke ich der jahrzehntelangen Freundschaft mit Katja und Dr. Tobias Kriener, die früher und öfter als ich in diesem Land gelebt haben. Oberkirchenrätin Barbara Rudolph und Landespfarrer Dr. Volker Haarmann haben mich ermutigt, mich im Alter noch einmal auf dieses Abenteuer einzulassen und mich bei meiner nicht immer leichten Aufgabe in Nes Ammim in jeder Weise unermüdlich unterstützt. Ihnen gebührt mein Dank.

Die Namen derer, die keine Personen des Öffentlichen Lebens sind, habe ich anonymisiert. Gewidmet ist das Buch denen, die in und für Nes Ammim leben und arbeiten.

Nes Ammim, im August 2014

Rainer Stuhlmann

1. ZWISCHEN JÜDINNEN UND JUDEN
Von Juden lernen – Das Programm Nes Ammims

Sie war ein Abenteuer – die Gründung von Nes Ammim, dem christlichen Dorf im Norden Israels, im Jahr 1963. Angefangen hat es damals in den Köpfen einiger Menschen in Holland, Deutschland und der Schweiz. Der massenhafte Mord an den Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg hatte sie erschreckt. Und sie fragten sich: Wie konnte es dazu kommen? Wo liegen die Wurzeln für die Schoah, den Holocaust?

Eine Wurzel des modernen Antisemitismus und damit der Schoah ist der christliche Antijudaismus. Fast zweitausend Jahre lang erstrahlte das Christentum umso heller, je mehr es sich vom Judentum abhob, das es in schwärzesten Farben malte. Die Christen meinten, sie wüssten mehr als die Juden, sie wüssten es besser und hätten deshalb das Recht, ja die Pflicht, Juden zu belehren, zu missionieren und, wenn es gelingt, zu Christen zu machen. Im Mittelalter wurde diese Sichtweise von Christentum und Judentum symbolisch durch zwei einander gegenüber angeordnete Figuren dargestellt (siehe Bildteil). Die triumphierende Kirche als Königin mit Zepter und Krone, den Insignien der Macht, schaute herab auf die gedemütigte Synagoge als Magd mit zerbrochenem Stab und verbundenen Augen. Dieses christliche Überlegenheitsgefühl muss gründlich zerstört werden, damit es nicht noch einmal zu einer solchen Katastrophe kommen kann, sagten sich die Gründer von Nes Ammim. Eine radikale Umkehr war nötig.

„Kehrt nun um von euren bösen Wegen! Warum wollt ihr sterben?“, heißt es beim Propheten Ezechiel in der Bibel. (Ezechiel 33,11) Die Gründer Nes Ammims waren davon überzeugt, dass das christliche Überlegenheitsgefühl gegenüber den Juden nicht nur korrigiert, sondern um 180 Grad gewendet werden musste. Von jetzt an hieß das Programm: „Von Juden lernen“. Mit diesem Lernprogramm ging eine radikale Absage an jede Form der Judenmission einher.

Nes Ammim ist ein Lernort inmitten der jüdischen Welt. Hier sind die Juden in der Mehrheit und die Christen Minderheit und wir Gäste. Und so lebe ich dort in anderen Rhythmen, als in der christlich geprägten deutschen Gesellschaft. Der freie Tag ist der Schabbat, der am Freitagabend beginnt und bis zum Einbruch der Dunkelheit am Samstag dauert. Am Sonntagmorgen beginnt der harte Alltag einer geschäftigen Arbeitswoche, an dem die Straßen verstopft sind, weil alle aus dem Wochenende kommen. Nicht Weihnachten und Ostern bestimmen, wann Ferien sind, sondern Pessach und Sukkot. Die koschere Küche ist der Normalfall. Schweinefleisch sucht man vergeblich.

Wir Christinnen und Christen in Nes Ammim lernen von Juden, um unsere eigene Religion, das Christentum, besser zu verstehen. Denn das meiste in der christlichen Religion ist Judentum: der Glaube an den einen Gott, der uns in allem zuvorkommt, der gnädig und barmherzig ist, der Gerechtigkeit will. Von den Juden haben wir die Zehn Gebote, das Liebesgebot, das Gebot der Feindesliebe. Mit den Juden warten wir auf das Kommen des Messias. Die Frage, wer der Messias ist, der Retter der Welt aus Not und Leid, ist zwischen Juden und Christen strittig. Christen warten auf den Messias Jesus, auf sein Wiederkommen, Juden auf einen Messias, der noch nicht hier war. Aber darum streiten wir heute nicht mehr.

Wir warten ab – Juden und Christen. Ich bin als Christ ja auch darauf angewiesen, dass Jesus sich am Ende aller Tage tatsächlich als der erweist, als den ich an ihn glaube. Wenn ich das weiß, muss ich nicht streiten, sondern kann in souveräner Gelassenheit sagen: Soll der Messias doch selber sagen, wer er ist! Der jüdische Gelehrte Franz Rosenzweig hat noch eins drauf gesetzt und gesagt: „Wenn der Messias kommt, dann möchte ich ganz in seiner Nähe stehen, und noch bevor er irgendetwas sagen kann, möchte ich ihm ins Ohr flüstern: ‚Verrate es nicht!‘“ Auch am Ende soll nicht eine Religion über die andere triumphieren. Der einzige, der hier triumphieren soll, ist der Messias selbst – nicht die, die an ihn glauben und ihn erwarten.

Die Geschichte von Nes Ammim ist seit über fünfzig Jahren ein Weg der Umkehr und Erneuerung und des Lernens der Menschen unterschiedlicher Religionen.

Weihnachten in Nes Ammim

Selbst für das Verständnis dessen, was Christen zu Weihnachten feiern, können wir von Juden lernen. Zum Studienprogramm gehört auch ein Abend unter der Frage, was Christen von Juden für das Weihnachtsfest lernen können. Dabei werden manche irrigen Vorstellungen ausgeräumt. Ist Gott mit der Geburt Jesu „zur Welt gekommen“? Ja, aber er ist schon vorher in Israel zur Welt gekommen und darum auch an Weihnachten in Israel zur Welt gekommen. Ist Weihnachten die „Erfüllung“ von Gottes Verheißungen? Nein. Es ist die Bekräftigung von Gottes Verheißungen, die nach wie vor auf Erfüllung warten. Ist Gott Mensch geworden? Nein. Gottes Wort ist Fleisch geworden, der Messias ist Mensch geworden. Das meint etwas anderes1. In den Nuancen kommt das Wesentliche zum Ausdruck, was wir von Juden lernen können und hier in Nes Ammim wird deutlich, dass es wirklich wesentlich ist.

Höhepunkt des Weihnachtsgottesdienstes war in diesem Jahr die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium, die abschnittweise in allen in Nes Ammim zur Zeit gesprochenen Sprachen gelesen wurde: Holländisch, Deutsch, Ungarisch, Litauisch und Italienisch. Schöne Verfremdungseffekte in einer internationalen Lebensgemeinschaft, wenn ich dabei von Maria, Guiseppe und Bambino höre!

Trost und Tatkraft – Eine streitbare Israelin aus Großbritannien

„Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.“ (Psalm 139, 3) In diesen Worten finden Menschen Trost. Auch in Situationen, in denen sie sich fragen: Warum lässt Gott dem Bösen seinen Lauf? Dass Gott das Unrecht wenigstens sieht, nährt die Hoffnung, dass er ihm irgendwann ein Ende setzen und Recht schaffen wird. Und gleichzeitig motiviert mich dieser Gedanke, dass Gott meine Wege sieht, dann auch dazu, das mir Mögliche zu tun.

Vor kurzem traf ich Ruth, eine jüdische Israelin, Jahrgang 1945, in deren Lebensgeschichte ich beides entdecken konnte: die Kraft der Hoffnung, dass es am Ende gut wird, und die Tatkraft, das ihr Mögliche zu tun.

Ruth ist eine unermüdliche Aktivistin, die für die Rechte der Palästinenser in Israel und den von Israel besetzten Gebieten in einem Maße eintritt, das manches europäische Engagement für Palästinenser in den Schatten stellt. Woher kommt diese Tatkraft?

Ruth ist in Großbritannien aufgewachsen. Sie war die einzige Jüdin in ihrer Schule. Mit elf Jahren wurde sie von ihrer Lehrerin vor die Klasse gestellt, und sollte erklären, warum die Juden den Heiland gekreuzigt haben. Noch heute spürt sie die beiden Stellen auf ihrer Stirn, die ihre Mitschülerinnen ständig befühlten, um zu spüren, ob ihr schon Hörner wachsen. Als sie mit achtzehn in London ein Zimmer suchte, scheiterte sie lange an der Regel der Vermieter „Keine Hunde, keine Schwarzen, keine Juden“. Sie entstellte ihren Zunamen, um nicht als Jüdin erkannt zu werden, bis sie das nicht länger aushielt und zwei Jahre später nach Israel auswanderte.

Das war in den fünfziger und sechziger Jahren des 20., nicht des 19. Jahrhunderts. Das war nicht in Nazi-Deutschland. Wenn Juden und Jüdinnen solche Erfahrungen in unseren Tagen schon in einem westeuropäischen Rechtsstaat machen, wie viel mehr in Staaten und Gesellschaften der ehemaligen Sowjetunion, Osteuropas oder der arabischen und muslimischen Welt.

Mir wurde einmal mehr klar, warum es den Staat Israel geben muss. Nicht nur die Erfahrung der Schoah, des Holocausts, sondern auch der banale alltägliche Antisemitismus treibt Juden aus aller Welt nach Israel. Wie Ruth sind Millionen nach Palästina gekommen, um wenigstens an einem Platz dieser Erde geschützt und ungestört einfach jüdisch leben zu können.

Nur hier ist Judentum Leitkultur. Nur hier kann man unkompliziert koscher essen, alle jüdischen Feiertage und den Schabbat halten. Nur hier ist die Landessprache Hebräisch. Nur hier können Jungen Kippa und Schläfenlocken tragen, ohne gehänselt zu werden. Nur hier können sie sicher sein, dass nicht über Nacht der Ritus der Beschneidung männlicher Säuglinge zum Straftatbestand der Körperverletzung erklärt wird.

Angesichts der vielfachen Leidensgeschichten können die Verfolgten heute schon darin, dass sie in diesem säkularen Rechtsstaat Zuflucht gefunden haben, ein Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk Israel sehen. Und in der Hoffnung, dass Gott es am Ende für alle gut machen wird, setzen viele wie Ruth alles daran, dass in diesem Staat Völkerrecht und Menschenrechte eingehalten werden.

Erlösung aus Feindbildern – Erfahrungen mit Haredim

An einem Samstagnachmittag eilte ich zu Fuß durch Jerusalem zum Busbahnhof. Die Sonne stand schon ziemlich tief. Ich wollte den ersten Bus nehmen, um noch nach Hause in den Norden Israels zu kommen. Der startet kurz nach Sonnenuntergang.

In ganz Israel fahren am Schabbat, von Freitagabend bis Samstagabend, weder Busse noch Bahnen. Das haben vor Jahrzehnten die Haredim, die Ultraorthodoxen, durchgesetzt, obwohl sie nur eine Minderheit sind. Die säkulare Mehrheit bedauert das und nutzt am Schabbat umso mehr Taxis und Privatwagen.

Ich nahm die Prophetenstraße, eine der auch am Schabbat vielbefahrenen Straßen in Jerusalem, die den palästinensischen Teil mit dem Zentrum des jüdischen Teils verbindet. An einer Kreuzung bot sich mir ein bizarres Bild: Eine Traube von circa hundert Teenagern und einige erwachsene Männer; die Jungen und Männer sämtlich mit weißen Hemden, schwarzen Anzügen und großen schwarzen Hüten auf dem Kopf, unter denen die Schläfenlocken herausquollen, die Mädchen in knöchellangen Kleidern.

Die Jungen, angefeuert von den Mädchen, warfen ziegelsteingroße Steine auf die vorbeifahrenden Autos. Zwischendrin querten einzelne Übermütige die Straße und schlugen palästinensische Familien, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite gingen, mit Steinen und Stockhieben in die Flucht. Die Erwachsenen applaudierten ihnen. Das war ihre Art, den Schabbat zu heiligen.

Mir blieb der Mund offen stehen. Ich spürte, wie in mir, ja, mein Antisemitismus aufstieg. Da bemerkte ich, dass um mich herum andere standen, die nicht weniger entsetzt waren als ich: eine Gruppe jüdischer Israeli. Einer holte gerade per Handy die Polizei herbei.

Ich schämte mich, dass mein Abscheu gegen die Untaten der extremen Eiferer einen Moment lang zum Abscheu gegen Juden geworden war. Als ob es nicht ähnliche Phänomene in jeder Religion gäbe. Wenn extreme Christen gegen Schwule und Lesben zu Felde ziehen zum Beispiel. Und gerade eine Woche vorher hatten muslimische Palästinenser in der Jerusalemer Altstadt Juden mit Steinen und Stöcken malträtiert.

„Gott wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.“ (Psalm 130,8) heißt es in der Bibel. Die Haredim denken bei „Israels Sünden“ an die, die am Schabbat Auto fahren. Ich denke eher an sie, die andere mit Steinen und Stöcken traktieren.

Dieser 130. Psalm war übrigens einer von Martin Luthers Lieblingspsalmen. Luther hat sich hier mit Israel identifiziert, um sich seine eigenen Sünden vor Augen zu führen. Der Balken im eigenen Auge macht bescheiden, die Splitter in den Augen der anderen zu kritisieren. Und stärkt die Sehnsucht, dass Gott nicht nur Israel, sondern alle Welt erlösen wird vom Zwang zum Bösen. Diese Sehnsucht kann helfen, das Böse zu meiden und das Gute zu suchen.

1 090,78 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
25 июня 2025
Объем:
220 стр. 18 иллюстраций
ISBN:
9783761561805
Правообладатель:
Bookwire
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