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Bilingue
Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.
Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016-2020 unterstützt.
Mit weiteren Beiträgen haben das Buchprojekt unterstützt:
Stadt Biel
Ville de Fribourg
Oertli-Stiftung
Verein O.S.K.A.R
Kultur Natur Deutschfreiburg

Lektorat:
Rachel Camina, Hier und Jetzt
Gestaltung und Satz:
Aude Lehmann, Zürich Simone Farner, Naima Schalcher, Zürich
Bildbearbeitung:
Benjamin Roffler, Hier und Jetzt
ISBN Druckausgabe 978-3-03919-460-5
ISBN E-Book 978-3-03919-939-6
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
© 2019 Hier und Jetzt,
Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz
www.hierundjetzt.ch
Inhalt
Vorwort
Einführung von Christophe Büchi
Schweiz, wie hast Du’s mit der Mehrsprachigkeit?
Alltagssprache
Das Bieler und das Freiburger Modell
Politik
«Biel/Bienne» vs. «Ville de Fribourg»
Sprachgeschichte
Zyklische Entwicklung und Kontinuität
Zweisprachige Beschilderung
Politikum in Freiburg, Selbstverständlichkeit in Biel
Beziehung der Sprachgemeinschaften
Reibungen vs. Verbesserungswille
Neuste Entwicklungen
Revolutionen in Freiburg und Spaltung in Biel
Bernjurassier und Welschbieler
Ihre besondere Stellung im Kanton Bern
Sprachliche Herausforderungen
Urs Schwaller und die Romandie-Diskussion
Nachwort
Anmerkungen
Vorwort
In der Schweiz gibt es zahlreiche mittelgrosse Städte, doch nur zwei sind zweisprachig: Biel und Freiburg. Biel zählt gut 56 000 Einwohner, ist die grösste zweisprachige Ortschaft in der Schweiz und landesweit bekannt für diese Besonderheit. Die Behörden streichen den Bilinguismus in den Auftritten Biels hervor und verkaufen ihn als Trumpf. «Willkommen in Biel/Bienne – grösste zweisprachige Stadt der Schweiz und Uhrenweltmetropole»: Das liest man als Erstes, wenn man die offizielle Webseite der zwischen 1225 und 1230 gegründeten Stadt am Jurasüdfuss aufruft.
Anders Freiburg: Obwohl die Zähringerstadt seit ihrer Gründung im Jahr 1157 stets zweisprachig war, ist ihr amtlicher Name nach wie vor «Ville de Fribourg». Denn die Freiburger Behörden haben bisher – anders als jene in Biel – Freiburg nicht formell zweisprachig erklärt. Zwar lebt man in der 42 000 Einwohner zählenden Stadt die Zweisprachigkeit durchaus und die Regierung bekennt sich seit ein paar Jahren zum zweisprachigen Charakter Freiburgs. Doch die Stadtregierung setzt auf eine «pragmatische Zweisprachigkeit», wie sie sagt. Dabei ist Freiburgs Bilinguismus laut dem Historiker Ernst Tremp eine europäische Besonderheit: Tremp sagt, der Kanton Freiburg sei das einzige Staatsgebilde in Europa, das auf eine seit Beginn zweisprachige Stadt zurückgehe.1
Weshalb ist der Stellenwert der Zweisprachigkeit in Biel und in Freiburg verschieden? Und wie wirkt sich dies in der Lokalpolitik aus? Wie unterscheidet sich das Sprachverhalten von Freiburgern und Bielern im Alltag, und wie zeigt sich die Verschiedenheit beispielsweise in Strassennamen und Beschriftungen des Bahnhofs? Dieses Buch geht diesen Fragen nach:
Welche Unterschiede existieren zwischen Freiburg und Biel und welche Gemeinsamkeiten gibt es?
Die Stadt Freiburg ist Hauptstadt des zweisprachigen Kantons Freiburg. Spricht man über die Zweisprachigkeit Freiburgs, ist es deshalb sinnvoll, einen Blick über die Stadtgrenzen hinaus auf die neusten Entwicklungen der Zweisprachigkeit im ganzen Kanton zu werfen. Beispielsweise ist in diesem Buch die Rede vom Fusionsverfahren, in dem sich die Stadt Freiburg befindet. Es könnte sein, dass bei einer Fusion Freiburgs mit Agglomerationsgemeinden die Kantonshauptstadt noch stärker französisch geprägt wird. Es ist aber auch möglich, dass genau diese allfällige Fusion der Stadt die offizielle Zweisprachigkeit einbringt.
Wie die Stadt Freiburg für den Kanton Freiburg, so hat auch die Stadt Biel eine grosse Bedeutung für die Zweisprachigkeit des Kantons Bern: Biel mit seinen rund 26 000 Welschbielern ist die Ortschaft mit den meisten französischsprachigen Einwohnern im Kanton. Der Kanton Bern gewährt dem französischsprachigen Berner Jura und den Welschbielern besondere Rechte. Darauf und auf die Folgen für den Kanton Bern, die sich aus dem in der Schwebe befindenden Abgang Moutiers zum Kanton Jura ergeben würden, fokussiert dieses Buch ebenfalls.
Eine Herausforderung ist die Zweisprachigkeit nicht nur in den Kantonen Bern und Freiburg selbst, auch Auswärtige tun sich oft schwer mit der Besonderheit Freiburgs und Biels. Schreibe ich nun «Freiburg-Gottéron» oder «Fribourg-Gottéron»?, fragen sich beispielsweise Deutschschweizer Journalisten. Darf ich «Neuenstadt» schreiben oder sollte ich den Namen «La Neuveville» für das Bielerseestädtchen verwenden? Sind Freiburger Romands oder nicht? Diesen und weiteren Fragen widmet sich das Schlusskapitel.
Als Deutschfreiburger bin ich mit der Zweisprachigkeit aufgewachsen. Sie war selbstverständlich und war es doch nicht ganz, denn als Deutschsprachiger gehört man in Freiburg zur Minderheit. Als ich als Journalist der Nachrichtenagentur SDA (heute: Keystone-SDA) häufig mit respektive in Biel zu tun hatte, nahm ich wahr, wie unterschiedlich in den beiden Städten mit dem Thema umgegangen wird. Es reizte mich, genauer hinzusehen, den Ursachen und Auswirkungen vertiefter nachzugehen. So ist dieses Buch entstanden.
Mein Anspruch ist es nicht, einen umfassenden Überblick zu allen Aspekten von Biels und Freiburgs Zweisprachigkeit zu liefern. Beispielsweise listet dieses Buch nicht auf, wie viele Initiativen es in den beiden Städten – und in den Kantonen Freiburg und Bern – schon zur Förderung der Zweisprachigkeit in den Schulen gegeben hat. Ich hebe vielmehr gewisse aussagekräftige Aspekte hervor, zum Beispiel eben den alltäglichen Sprachgebrauch in Biel und in Freiburg und die unterschiedliche Beschilderung von Strassen und Plätzen.
Dieses Buch stützt sich auf zahlreiche Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern Biels und Freiburgs, die beiden Stadtpräsidenten inklusive. Weitere Quellen sind eigene Erlebnisse, zahlreiche Publikationen über die beiden Städte und ihren Bilinguismus sowie mein eigenes umfangreiches Archiv zum Thema.
Mein Ziel ist es, den Leserinnen und Lesern die beiden Städte Biel und Freiburg mit ihrer faszinierenden Besonderheit, der Zweisprachigkeit, näherzubringen. Das Buch soll auch aufzeigen, welche Stellung die zwei Städte innerhalb ihrer Kantone haben. Wer sich für Sprache, Sprachpolitik und Sprachgeschichte interessiert, soll auf seine Kosten kommen. Das Buch selbst ist in einer Sprache geschrieben, die für alle gut verständlich sein soll.

Freiburg ist eine Brückenstadt – im eigentlichen und im übertragenen Sinn. Einerseits weist die auf einem Plateau hoch über der Saane erbaute Zähringerstadt tatsächlich viele Brücken auf (im Bild die 2014 eingeweihte Poyabrücke). Andererseits schlagen Stadt und Kanton Freiburg Brücken von der Deutschschweiz in die Romandie und umgekehrt. (Bild: Charles Ellena)

Die Bieler Altstadt, die sich ziemlich weit vom Bahnhof entfernt am Fuss einer Jurafalte befindet, bleibt Biel-Besuchern, die sich nur im Stadtzentrum bewegen, verborgen. Aus der Vogelperspektive zeigt sich ihr Charme. Im Vordergrund die Stadtkirche, hinten rechts die Französische Kirche, dahinter der Bielersee mit der St. Petersinsel. (Bild: Matthias Käser/Bieler Tagblatt)
Einführung
Von Christophe Büchi
Schweiz, wie hast Du’s mit der Mehrsprachigkeit?
Ausländische Gäste, welche die Schweiz bereisen und sich für die Sprachensituation unseres Landes interessieren, sind oft überrascht. Wissend, dass sie in ein offiziell viersprachiges Land gekommen sind, meinen sie, dass auch die meisten Schweizerinnen und Schweizer viersprachig oder zumindest mehrsprachig sind. Sie erwarten, dass sie sich in der Schweiz ein lustiges Sprachengemisch anhören können und stellen dann überrascht fest, dass sich dieser viersprachige Staat aus vier weitgehend einsprachigen Sprachregionen zusammensetzt; dass die Mehrzahl der Bewohner dieses Landes, wie das auch in den umgebenden Staaten der Fall ist, im Alltag meist nur eine einzige Sprache spricht; und dass die Zahl der Schweizer, die sich fliessend in mehr als einer Landessprache ausdrücken kann, weit weniger gross ist, als dies in der Ferne oft angenommen wird.
Natürlich ist dieser Befund zu nuancieren. Er trifft vor allem für die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden grössten Sprachregionen zu, also für die Deutschschweizer und die Romands. Tatsächlich wird in der Deutschschweiz an den meisten Orten fast durchwegs Deutsch – oder genauer: Schweizerdeutsch – gesprochen, in der französischen Schweiz fast durchwegs Französisch (die Dialekte wurden hier seit Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgreich ausgejätet). Daneben hört man auf den Strassen und den Bauplätzen der Deutschschweiz und der Romandie eine Vielzahl von Immigrationssprachen, und in den Büros mehr und mehr auch Englisch.
Die anderen Landessprachen dagegen fristen eher ein Mauerblümchendasein. Italienisch hört man in der Deutschschweiz und in der französischen Schweiz immer weniger, nicht zuletzt deshalb, weil die Kinder und Grosskinder der italienischen Gastarbeiter längst Schweizerdeutsch oder Französisch sprechen, und weil die Einwanderer aus Italien, die in den 1960er-Jahren den fremdenfeindlichen Bewegungen als rotes Tuch dienten, längst von Menschen aus weit exotischeren Ländern abgelöst wurden. Die französische Sprache, die in der deutschen Schweiz einst als chic galt, ist dort im Rückzug, weil der weltweite Siegeszug des angloamerikanisch dominierten Way of Life zum Niedergang des Prestiges der französischen Kultur geführt hat.
Die Stellung der deutschen Kultur und Sprache in der welschen Schweiz schliesslich war – hélas! – schon immer eine prekäre, zwei Weltkriege und die nationalsozialistische Barbarei haben sie noch zusätzlich und dauerhaft beschädigt. Dass Deutschland und vor allem Swinging Berlin in den letzten Jahren bei der welschen Jugend im Schwange war, hat den historischen Niedergang nicht dauerhaft gebremst. Und die welschen Abwehrreaktionen gegen die Deutschschweizer Mehrheit sowie die alemannische Liebe zu den schweizerdeutschen Dialekten tragen das Ihre dazu bei, den meisten Romands allein schon die Idee auszutreiben, dass man Deutsch wirklich lernen könnte. Versuchen Sie, in der internationalen Stadt Genf eine Auskunft in deutscher Sprache zu bekommen: Sie können es ebenso gut auf Finnisch versuchen! Dass alle Genfer Schülerinnen und Schüler flächendeckend während der obligatorischen Schulzeit mehrere Jahre Deutschunterricht verabreicht bekommen, ändert überhaupt nichts daran, im Gegenteil. Wer sich nach den Gründen für die Unkenntnis erkundigt, bekommt von Romands oft die erbauende Auskunft: «Ich kann nicht Deutsch, ich habe es in der Schule gelernt». Damit ist auch schon alles gesagt. Arme Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Sisyphus im Klassenzimmer …
Mit anderen Worten: In der französischen Schweiz ist Französisch im Alltag fast so beherrschend wie in Frankreich, in der Deutschschweiz ist Deutsch fast so dominant wie in Deutschland. Eine Ausnahme bilden allerdings die Agglomerationen Freiburg und Biel/Bienne, die an der «Sprachgrenze» – oder um es sympathischer zu sagen: entlang der deutsch-französischen «Kontaktzone» – gelegen sind. Hier durchmischen sich Deutsch und Französisch in einem gewissen Mass, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise, wie der Autor der vorliegenden Darstellung im Detail nachweist. Aber selbst in diesen beiden Agglomerationen kann, so scheint mir, von einem flächendeckenden Bilinguismus nicht gesprochen werden. Und noch weniger ist dies an der Walliser Sprachkontaktzone um Sierre (Siders) der Fall, wo sich der Bilinguismus im Verlauf der Jahrzehnte eher noch zurückentwickelt hat.
Etwas anders sieht es dagegen bei den «Hyper-Minoritären» aus, will sagen: bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der italienischsprachigen und erst recht der rätoromanischen Schweiz. Hier ist die Anzahl der Personen, die regelmässig zwischen ihrer Muttersprache und einer anderen Landessprache «switchen» und auch mehrere Landessprachen wirklich beherrschen, bemerkenswert hoch; bei den Schweizer Sprachminderheiten zeigt es sich eben – wie in anderen Ländern auch –, dass es keine bessere Sprachlehrerin gibt als die pure Notwendigkeit.
Wenn die Mehrsprachigkeit ein Identifikationsmerkmal der Swissness darstellt, kann man mit Fug und Recht sagen, dass die Angehörigen der kleinen Sprachminderheiten die besten und eigentlich die einzigen typischen Schweizer sind. Übrigens trifft dies auch auf viele Menschen mit Migrationshintergrund zu, die oft von ihrer Biografie her zur Mehrsprachigkeit «verdammt» sind. Nur wer sesshaft ist, kann es sich leisten, einsprachig zu sein.
Viersprachiger Staat, weitgehend einsprachiger Alltag? Eine weitere Einschränkung dieses etwas plakativen Befunds ist angebracht. Natürlich gibt es in der Schweiz mehr als in offiziell einsprachigen Staaten eine ganze Reihe von staatlichen, parastaatlichen und privaten Organisationen, in denen mehrere Landessprachen gesprochen und geschrieben werden. Dies gilt in der Schweiz besonders für all jene nationalen – «eidgenössischen» – Institutionen, die an das in der Bundesverfassung festgeschriebene Prinzip der Viersprachigkeit gebunden sind. Allerdings ist es eine altbekannte Tatsache, dass die vier Landessprachen, von denen drei (Deutsch, Französisch und Italienisch) als vollberechtigte Amtssprachen und eine weitere (Rätoromanisch) als «fast vollberechtigte» Amtssprache anerkannt sind, zwar im Prinzip gleich sind, einige aber etwas gleicher als andere. Konkret: In der Bundesverwaltung, aber auch im Bundesparlament und in vielen anderen eidgenössischen Instanzen, wird eine Art temperierte Mehrsprachigkeit gepflegt, bei der Deutsch dominiert und Französisch zumindest respektiert wird. Italienisch als terza lingua spielt aber eine nur sehr untergeordnete Rolle, vom Rätoromanischen gar nicht zu sprechen. Die Eidgenossenschaft ist viersprachig in ihrem Prinzip. In der Realität ist Mutter Helvetia eher zweieinhalbsprachig.
Die Feststellung, dass die Schweiz zwar ein offiziell viersprachiger Staat ist, die meisten Schweizerinnen und Schweizer aber im besten Fall zwei Landessprachen regelmässig verwenden, soll nun aber nicht bedeuten, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes nicht um Mehrsprachigkeit bemühen würden. Gerade die jungen Schweizerinnen und Schweizer, ob «AOC» oder mit Migrationshintergrund, reisen viel. Sie sprechen im Durchschnitt besser Englisch als ihre Eltern und Grosseltern, und immer häufiger beherrschen sie Spanisch, Russisch, Chinesisch und Japanisch. Studien haben gezeigt, dass viele Bewohnerinnen und Bewohner unseres Landes regelmässig mehrere Sprachen benutzen. Nur: Es sind eben nicht unbedingt unsere Landessprachen. Die Globalisierung führt zu einer sprachlichen Vielfalt, wobei immer mehr Sprachen unsere nationalen Landessprachen konkurrenzieren. Natürlich unternehmen die öffentlichen Schulen nach wie vor grosse Anstrengungen, um den Schülerinnen und Schülern die Kenntnis einer zweiten Landessprache und wenn möglich sogar einer dritten zu vermitteln. Aber der Erfolg dieser Anstrengungen ist ein beschränkter. Denn sie reiben sich an der soziologischen Tatsache, dass immer mehr Menschen sich weniger für die nationalen Sprachnachbarn interessieren als für die ferneren Kulturen dieser Welt.
Soll man dies bedauern? Ja und nein. Natürlich wäre es ein Jammer, wenn immer weniger Schweizerinnen und Schweizer sich für die anderen Sprachregionen des Landes interessieren würden. Aber gleichzeitig ist es auch gut, dass die Fenster zur Welt weit aufgemacht werden, auch in sprachlicher Hinsicht. Und selbst die viel beklagte Tendenz, sogar im Kontakt zwischen Schweizern verschiedener Sprache auf Englisch auszuweichen, muss ja nicht gleich das Ende einläuten. A tout prendre ist es besser, die Schweizer verständigen sich in Englisch als überhaupt nicht.
Aber damit es nicht so weit kommt, dass sich die viersprachige Schweiz nur noch dank einer fünften Sprache verständigen kann, sollte man sich in den an der Nahtstelle zwischen Deutschschweiz und Romandie gelegenen Agglomerationen Freiburg und Biel umsehen, wo Deutsch und Französisch in meist friedlicher Koexistenz zusammenwohnen. Diese Agglomerationen sind Labors, die zeigen, wie Schweizer Mehrsprachigkeit auch in Zukunft funktionieren könnte. Deshalb kommt das vorliegende Buch gerade zur rechten Zeit.
Alltagssprache
Das Bieler und das Freiburger Modell
In Biel ist es üblich, dass man auf der Strasse oder in einem Restaurant in der Muttersprache des Gegenübers angesprochen wird. Meistens passt man sich sprachlich an. Nicht so in Freiburg: Dort ist Französisch Trumpf. In den Läden geht das Personal davon aus, dass auch Deutschsprachige Französisch verstehen und sprechen.
April 2018 in Biel, in einem Warenhaus: «Bonjour», sagt die Verkäuferin zum Kunden. Dieser antwortet in Schweizerdeutsch, er suche einen Schreibblock. Die Verkäuferin antwortet in Hochdeutsch, Papeterieartikel befänden sich etwas weiter hinten im Laden, ungefähr dort, bei den weissen Regalen. Sie zeigt mit dem Finger in jene Richtung. Der Kunde geht hin, wählt einen Schreibblock und zahlt an der Kasse.
September 2018 in Freiburg, ebenfalls in einem Warenhaus: Ein Kunde fragt im Sensler Dialekt – das Senslerdeutsche ist die in und um Freiburg geläufige Variante des Schweizerdeutschen und hat seinen Namen vom Sensebezirk, der früher grösstenteils zur Stadt Freiburg gehörte – eine junge Verkäuferin, ob sie Deutsch verstehe. Die Frau schaut den Kunden entgeistert an und antwortet nicht. Sie hat offensichtlich nichts verstanden. Der Kunde nimmt einen zweiten Anlauf und formuliert sein Anliegen in Französisch, er suche ein Hemd mit kurzen Ärmeln. Ob es das zu dieser Jahreszeit noch gebe?
Diese kleinen Szenen sind auf den ersten Blick unbedeutende Ereignisse im Alltag der beiden Städte Biel und Freiburg. Doch sie sind für das Verhältnis von Deutsch und Französisch aussagekräftig. Sie zeigen nämlich auf, dass in Biel allgemein akzeptiert wird, dass es zwei Sprachen gibt, und dass es für die Kundin, den Kunden grundsätzlich möglich ist, in einem Laden in ihrer Muttersprache zu sprechen. In Freiburg hingegen wird vorausgesetzt, dass Deutschsprachige Französisch sprechen und fähig sind, ihren Wunsch in der Sprache Molières auszudrücken. Schafft der deutschsprachige Kunde das nicht, steht er vor einem Problem.
Wie die Verständigung in den zweisprachigen Städten Biel und Freiburg genau funktioniert, analysierte ein Team von Linguisten rund um die Professoren Bernard Py (Neuenburg) und Iwar Werlen (Bern) in den Nullerjahren dieses Jahrhunderts mithilfe von angehenden Sprachwissenschaftlern.
Im Auftrag der Linguisten führten die Studierenden zuerst in Biel siebzig Gespräche durch. Sie fragten beispielsweise Passanten nach dem Weg oder liessen sich von Verkäuferinnen und Verkäufern zu einem Produkt beraten. Alle Gespräche wurden aufgezeichnet, fünfzig wurden ausgewertet. Die meisten Gespräche wurden in Französisch initiiert, denn man wollte wissen, wie im mehrheitlich deutschsprachigen Biel auf die Minderheitensprache reagiert wird und ob sie gegenüber dem Deutschen benachteiligt ist.
Wie im 2010 erschienenen Werk «Leben und Reden in Biel/Bienne»2 nachzulesen ist, bestätigten die Untersuchungen ein Verhalten, das in den 1980er-Jahren bereits der Sprachwissenschaftler Gottfried Kolde beobachtet und das er als «Bieler Modell» bezeichnet hatte. Gemeint ist, dass in Biel in der Regel jene Person die Sprache festlegt, die das Gespräch eröffnet: Unabhängig davon, welche Erstsprache die zweite am Gespräch beteiligte Person spricht, das Gespräch wird in der initiierten Sprache fortgesetzt.
Auf ihre Fragen auf Bieler Strassen und in Geschäften erhielten die Studierenden in 46 von 50 Fällen eine Antwort in jener Sprache, in der sie gefragt hatten. In 32 dieser 46 Fälle passte sich der oder die Befragte ans Französische an, in 11 Fällen an das Schweizerdeutsche und in 3 Fällen ans Hochdeutsche. Nur in 4 Fällen erfolgte also keine Anpassung. 20 Gespräche wurden nicht näher untersucht, weil sie zwischen Gleichsprachigen erfolgten: Die Studierenden stiessen auf Passanten oder Verkaufspersonal gleicher Muttersprache.
Die Sprachwissenschaftlerin und Philosophin Sarah-Jane Conrad schreibt zu diesem Resultat im erwähnten Werk, mit ihrer aktiven Verwendung beider Sprachen gestünden alle erwähnten 46 Personen ihrem Gegenüber immer auch das Recht auf die eigene Sprache oder gar auf Einsprachigkeit zu. «Denn mit der eigenen Anpassung zeigen sie, dass sie weder erwarten noch fordern, dass ihr Gesprächspartner die Partnersprache kennt.» Indem anderen das Recht auf Einsprachigkeit eingeräumt werde, untermauere man die prinzipielle Gleichbehandlung beider Sprachen zusätzlich und verankere sie beide wirksam und emblematisch im öffentlichen Raum.
Bei den Gesprächen in Bieler Läden galt als Initialsprache jene, welche die beziehungsweise der Studierende verwendete, also nicht jene, in der sie oder er von der Verkäuferin beziehungsweise dem Verkäufer angesprochen wurde: Eine Studentin betrat beispielsweise einen Laden und wurde von einem Verkäufer mit «Grüessech wou» begrüsst. Reagierte sie mit «Bonjour», quittierte dies der Verkäufer mit «Bonjour» – und weiter ging das Gespräch in Französisch.

Zwei Bielerinnen üben in einem «Sprachtandem» ihr Deutsch respektive Französisch mit der Hilfe des Gegenübers, das die fremde Sprache als Muttersprache spricht. So lernen beide. (Bild: Adrian Streun/Bieler Tagblatt)
Conrad folgert, das Bieler Modell setze voraus, dass Personen, die in Biel eine Dienstleistung anbieten, zweisprachig sein müssten: «Nur dann können sie sich wie beschrieben sprachlich anpassen.» Perfekte Sprachkenntnisse würden aber nicht vorausgesetzt. Es herrsche Toleranz und Pragmatismus.
Mit Pragmatismus ist etwa auch gemeint, dass es laut den Befragten in Biel gang und gäbe ist, mitten in einem Satz die Sprache zu wechseln, wenn jemand dazukommt, von dem man weiss, dass er oder sie Deutsch oder Französisch nicht beherrscht. «Sich bielerisch zu verhalten, heisst demnach nicht nur, sich im Gespräch mit Unbekannten diesen sprachlich anzupassen und so die Kommunikation überhaupt einmal zu ermöglichen», schreibt Conrad. Es gehe auch darum, im Alltag jene Sprache zu wählen, in der man ein Gespräch möglichst problemlos führen könne. Die Sprachwahl werde nur in den seltensten Fällen ausdrücklich thematisiert.
Die Linguistin spricht auch von einem «Bieler Sozialvertrag», der wie folgt lautet: «Jede Sprachgruppe akzeptiert und toleriert auf individueller wie kollektiver Basis die andere Sprachgruppe und macht für sich selber den gleichen Anspruch geltend.» Der Bieler Sozialvertrag besage also nicht, welche Sprache jemand zu sprechen habe, sondern mit welcher Haltung die Sprache gesprochen werden solle und wie sich die Beteiligten zu begegnen hätten: geprägt von gegenseitigem Respekt, gegenseitiger Akzeptanz und Toleranz. «Diese drei Aspekte bilden den Kernpunkt der Bieler Kommunikation», so Conrad.
Der Welschbieler Journalist Jean-Philippe Rutz sagt, er beginne in Biel ein Gespräch, etwa wenn er im Restaurant etwas bestelle, grundsätzlich in Französisch. Schliesslich gelte es zu demonstrieren, dass Biel auch französischsprachig sei und dass Französischsprachige das Recht hätten, in ihrer Sprache bedient zu werden. Wenn sich erweise, dass das Gegenüber das Französische nicht beherrsche, sei er aber überhaupt nicht irritiert und wechsle ohne Umschweife auf Hoch- oder Schweizerdeutsch. Meistens wird Rutz, in Biel aufgewachsen, auf Französisch bedient.
Ich habe 2018 in Biel getestet, ob das Bieler Modell auch wirklich zur Anwendung kommt: Neun Mal betrat ich ein Geschäft oder eine Gaststätte und sprach jene Sprache, welcher sich die Verkäuferin oder der Kellner nicht bediente. In einem Warenhaus wurde ich mit «Grüessech, bonjour» begrüsst. Ich wählte nach der zweisprachigen Begrüssung Deutsch, was wir in der weiteren Unterhaltung fortführten. Resultat: In acht von neun Fällen passten sich die Gesprächspartnerinnen und -partner meiner Initialsprache an.
Nicht in meiner Sprache wurde ich einzig in einem Kiosk am Guisan-Platz bedient. Obwohl ich auf Französisch gesagt hatte, ich wolle diese Packung Kaugummi kaufen, sagte die Verkäuferin: «Drüsächzg» – das mache 3.60 Franken. Auch als ich mit einem Zögern eine zweite Aussage provozierte, wiederholte sie «Drüsächzg». Vielleicht missachtete sie das Bieler Modell, weil sie gerade in ein intensives Gespräch mit der deutschsprachigen Kollegin involviert war, als ich den Kiosk betrat. Und passte sich mir, dem Kunden, deshalb nicht an.
In Anlehnung an den Begriff «Bieler Modell» kann man von einem «Schweizer Modell» sprechen. Dies dann, wenn beispielsweise ein Italienischsprachiger auf einen Deutschsprachigen trifft, beide die andere Sprache mindestens passiv beherrschen und deshalb jeder in seiner Sprache sprechen kann. Auch dieser Begriff ist in der Linguistik eingeführt; ihn hat laut Conrad ebenfalls der Sprachwissenschaftler Gottfried Kolde in den 1980er-Jahren geprägt. Dieses Modell wird in den Eidgenössischen Räten verwendet oder in Sitzungen von überregionalen Unternehmen, die mehrsprachige Angestellte beschäftigen. Conrad sagt, das Schweizer Modell komme in Biel durchaus auch zur Anwendung. Sie zitiert etwa eine Informantin, die ihr berichtete, in ihrem Büro rede sie Deutsch, die Kollegin Französisch.
Geringere sprachliche Anpassung in Freiburg
Die Berner und Neuenburger Linguisten wollten in den Jahren 2000 bis 2004 eigentlich nur den Sprachgebrauch in Biel erforschen. Sie erhielten aber von etlichen Bieler Auskunftspersonen den Hinweis, in Freiburg unterscheide sich die Situation stark von jener in Biel. Das liess die Wissenschaftler aufhorchen und sie beschlossen, in der Saanestadt ebenfalls siebzig Gespräche durchzuführen. In Freiburg wurden die Interviews eher in Deutsch durchgeführt, um wie in Biel die Akzeptanz der Minderheitensprache zu testen.
Resultat: Erstens verweigerten in Freiburg mehr Personen das Gespräch als in Biel. Die Studierenden führten die Interviews jeweils mit einem versteckten Mikrofon durch – sowohl in Biel als auch in Freiburg –, waren aber aus rechtlichen Gründen gezwungen, unmittelbar nach dem Gespräch die Befragten darauf hinzuweisen und zu fragen, ob die Aufnahme verwendet werden dürfe.
Zweitens passten sich die Befragten in Freiburg nur in 22 der 70 durchgeführten Interviews der von den Studierenden gewählten Initialsprache an. Es kam somit in nur rund halb so vielen Gesprächen (in Freiburg 22; in Biel 46) zu einer Anpassung. Zahlreich waren die Situationen, in denen die Studierenden Deutsch sprachen, aber eine französische Antwort erhielten. «Nicht selten wurden unsere Mitarbeitenden auch direkt aufgefordert, ihre Kenntnisse des Französischen aktiv einzubringen und die Sprache zu wechseln. Die Anzahl Aufnahmen, in denen unsere Mitarbeitenden gebeten wurden, die Sprache zu wechseln, ist mit elf mehr als doppelt so hoch wie in Biel», schreibt Conrad.
Die Auswertung der Befragungen in Freiburg zeige, fährt Conrad fort, dass Französisch in Freiburg häufig unverzichtbar sei und französischsprachige Personen «ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass die deutschsprachige Kundschaft oder ein deutschsprachiger Passant Französisch spricht oder dieses zumindest versteht». Anders als in Biel verweigere die französischsprachige Mehrheit in Freiburg somit der deutschsprachigen Minderheit das Recht auf Deutsch und folglich das Recht auf Einsprachigkeit – unabhängig davon, ob nun das Schweizer Modell verwendet oder der Kunde aufgefordert werde, die Sprache zu wechseln. «Hingegen fordert die französische Mehrheit dieses Recht für sich selber ein, wenn sie ein Deutsch redendes Gegenüber bittet, die Sprache zu wechseln. Die sprachlichen Rechte und Pflichten innerhalb der beiden Freiburger Sprachgruppen sind damit unterschiedlich verteilt.»

Die St. Michaelsgasse (Rue St-Michel) in Freiburg. In dieser Gasse, die zum Kollegium St. Michael und zur Universitäts- und Kantonsbibliothek führt, halten sich stets viele Schülerinnen und Schüler sowie Studentinnen und Studenten auf. Entsprechend zweisprachig ist das Ambiente. (Bild: Charles Ellena)
In Anlehnung an das Bieler und das Schweizer Modell könnte man also von einem «Freiburger Modell» sprechen: Nicht die Initialsprache der Kundin, des Kunden ist entscheidend für die Fortführung des Gesprächs, Umgangssprache ist prinzipiell die lokale Mehrheitssprache.
Auch in Freiburg habe ich die aus den frühen Nullerjahren dieses Jahrhunderts stammenden Forschungsergebnisse stichprobenartig überprüft. In zehn Läden respektive Restaurants sprach ich das Personal in Senslerdeutsch an. Das Resultat dieser Stichproben ist natürlich nicht repräsentativ, es stimmt aber ziemlich gut mit den Erkenntnissen der Neuenburger und Berner Linguisten überein: In mehreren Fällen reagierte das Personal gar nicht auf mein Deutsch und forderte das Geld in Französisch ein. Allerdings beklagte sich niemand über mein Deutsch und niemand forderte mich auf, Französisch zu reden. Es ist aber ganz klar, dass man es sich in Freiburg einfacher macht, wenn man von Beginn an Französisch spricht. Ein Verkaufsgespräch ist meist eine Situation, in der nicht viel Zeit vorhanden ist. Es muss rasch gehen. Also traute ich mich beispielsweise nicht, in einer Bäckerei, wo Punkt zwölf Uhr mittags alle ein Sandwich wollten, den Deutschtest zu machen. Ich verlangte mein Brot auf Französisch.
Indem die Deutschsprachigen in Freiburg selbst stets Französisch sprächen, bestätigten sie die Stärke des Französischen in der Stadt noch, merkt Conrad an. Ihr ist im Übrigen aufgefallen, dass häufig weder die Aussprache noch das Vokabular oder die Syntax sonderlich deutsch geprägt sind, wenn Deutschsprachige in Freiburg Französisch parlieren. Mit anderen Worten: Sie sprechen im Allgemeinen gut Französisch.
Nicht selten merkt ein Französisch sprechender Deutschfreiburger im Gesprächsverlauf in einem Freiburger Laden aufgrund einer kleinen sprachlichen Unsicherheit oder anhand des Akzents, dass das Gegenüber deutschsprachig ist. Dann lacht man und setzt den Dialog in Deutsch fort.
André Perler, ein junger Deutschfreiburger Dialekt-Experte und Radiomacher, sagt, er spreche in Freiburg das Personal in Läden und Restaurants grundsätzlich in Deutsch an. Er signalisiere so, dass er als Deutschfreiburger in Freiburg das Recht habe, Deutsch zu sprechen. Sein Kollege Marco Koller, Lokaljournalist und Student, sagt meistens «Guettag, Bonjour» – und drückt damit aus, dass er deutschsprachig ist, signalisiert aber gleichzeitig Flexibilität. Es komme eben auch auf die Situation an, sind sich Perler, Koller und ein weiterer junger Freiburger, der Student Matthias Schafer, in einem Gespräch zu diesem Buch einig. In einer kleinen, von Französisch sprechenden Portugiesen betriebenen Bäckerei beispielsweise sei es nicht sinnvoll, auf Deutsch zu pochen. Verlangen könne man aber beispielsweise Deutschkenntnisse des Personals in einer grossen Institution wie der Post.
Koller und Schafer haben festgestellt, dass in Freiburg hin und wieder das Englische verwendet wird, wenn beispielsweise jemand mit französischer Muttersprache, der nicht gut Deutsch spricht, auf einen Deutschsprachigen trifft – doch das geschehe eher selten, sagt Koller. Er erzählt, ein Kellner in einer Freiburger Bar habe beispielsweise auf Englisch gewechselt, als dieser bemerkte, dass er das Gespräch für seine Deutschschweizer Kollegen von Französisch auf Deutsch übersetzte. Auch informiere die Verwalterin seines Mietshauses die Bewohner in Französisch und Englisch über gewisse Hausregeln, nicht aber in Deutsch.
Evelyne Zbinden, eine 36-jährige in Freiburg aufgewachsene Biotechnologin, erzählt, sie sei zusammen mit französischsprachigen Kindern aufgewachsen. Sie habe sich nicht daran gestört, dass sie sich sprachlich anpassen musste. Im Gegenteil, sie habe von der Zweisprachigkeit profitiert: Auf diese Weise habe sie kostenlos Französisch gelernt. Auffallend in Freiburg sei, dass in einer zehnköpfigen Gruppe mit einem Französischsprachigen alle zehn Personen Französisch sprächen, sagt sie. Die neun Deutschsprachigen passen sich an.
Florence Lagger, eine 39-jährige Restauratorin französischer Muttersprache, stammt aus dem Kanton Wallis und spricht sehr gut Deutsch. Sie hat in Freiburg einen Job gefunden. Auf die Frage, ob sie die Stadt zweisprachig wahrnehme, sagt sie, Freiburg sei für sie ganz klar französisch geprägt mit einer deutschsprachigen Minderheit.
Munteres Hin und Her in Biel und Freiburg
In Biel und Freiburg wird nicht nur Deutsch und Französisch respektive Deutsch oder Französisch gesprochen. Manchmal reden beide Sprachen beherrschende Bieler und Freiburger auch wild durcheinander Deutsch und Französisch. Der Welschbieler Journalist Jean-Philippe Rutz sagt, Sätze wie etwa «on schwenze» («wir schwänzen») oder «il s’est fait schlaguer» seien in der Schule früher gang und gäbe gewesen. Noch heute würden solche Sätze kreiert.
In Freiburg ist dieses Hin-und-her-Wechseln zwischen den Sprachen als «Bolz» bekannt. Ursprünglich galt es als «Sprache der Freiburger Unterstadt», es ist aber keine Sprache und auch kein Dialekt, sondern einfach ein Mix aus Senslerdeutsch und Französisch. Die dort lebenden Deutschsprachigen waren darauf angewiesen, gut Französisch zu sprechen, sie wuchsen in gemischtsprachigen Familien auf oder spielten in der Freizeit mit französischsprachigen Kindern. Sie waren – respektive sind – dermassen in beiden Sprachen «zu Hause», dass sie beide verwenden.
Die Freiburgerin Fränzi Kern-Egger hat das Bolz in zwei Büchern verewigt. Sie heissen «Üsa Faanen isch as Drapùù» («Unsere Fahne ist ein ‹drapeau›»; von frz. le drapeau, die Fahne) und «D Sùnenerschyy vam ‹Soleil Blang›» («Die Sonnenenergie des ‹Soleil Blanc›» – das «Soleil Blanc» ist ein Restaurant in der Freiburger Unterstadt).3
Kern-Eggers Geschichte «De Foppalmatsch» im erstgenannten Buch beginnt wie folgt: «Lösch Sùnntig bǜn i so gäg di öufi anni i ds ‹Tannöör› yy, bǜ det im en a Eggeli ùf en as Tabure ghocket ù han as Ggaaffi ù Le bschtöut. A Blätz wyt va mier syna zwee Ùnderstettler zäme ghocket. Bǜm ena Baalong Wyyssa hii si ùber e Foppalmatsch dysggüttiert, wa sich am Samschtig am Aabe zwǜschen ‹Etuaal-Spoor› ù ‹Ssangtral› ùf ùm Terraingj hinder de Gäärte derulii het.»
Fränzi Kern-Egger besuchte also an einem Sonntag gegen elf Uhr morgens das Restaurant Les Tanneurs in der Freiburger Unterstadt. In einer Ecke setzte sie sich auf einen Hocker (auf ein «tabouret», frz.) und bestellte einen Milchkaffee (Café au lait). Ein Stück weit entfernt von ihr sassen zwei Unterstädtler beieinander. Bei einem kleinen Glas («un ballon») Weisswein diskutierten sie über das Fussballspiel, das am Samstagabend zwischen Etoile-Sport und Central Freiburg – zwei Fussballklubs der Freiburger Unterstadt – ausgetragen worden war. Fränzi Kern-Egger spricht vom «Foppalmatsch», da für Fussball das französische Wort «le football» verwendet wird. Und das ü im Wort «dysggüttiert» steht da, weil Kern-Egger damit die französische Aussprache des Verbs diskutieren benützt. Der Match «s’est déroulé»; er fand statt, und zwar auf dem «Terraingj», also dem Fussballfeld mit dem Namen «Hinter den Gärten» an der Saane.
Das Bolz ist letztlich das, was Linguisten Code-Switching nennen und was etwa Secondos aus Italien praktizieren. Sie wechseln ja auch fliessend und innerhalb eines Satzes von Italienisch auf Schweizerdeutsch und zurück. Allerdings gibt es laut Fränzi Kern-Egger einige Bezeichnungen, welche man in der Freiburger Variante des Code-Switching nie je in Deutsch verwenden würde, etwa Eislaufen. Dafür wird der Begriff patiniere (von frz. patiner) verwendet. Für den Freiburger Germanisten Walter Haas überwindet dieser Umgang mit den zwei Sprachen die Sprachgrenze, oder besser: Er lässt die Grenze verschwinden.
«Biels Zweisprachigkeit schadet der Sprache!»
In den 1920er-Jahren wurde eine öffentliche Diskussion darüber geführt, ob die Zweisprachigkeit in Biel dem guten Deutsch oder dem guten Französisch schaden würde. Lanciert wurde die Debatte von den Redaktoren des Bieler Jahrbuchs im Jahr 1927. Das Bieler Jahrbuch ist ein Werk, in welchem seit gut hundert Jahren mehrere Autorinnen und Autoren Artikel zu aktuellen Themen publizieren. Die Jahrbücher enthalten jeweils auch die «Bieler Chronik», welche stichwortartig die wichtigsten Ereignisse chronologisch wiedergibt.
Grundtenor der Beiträge von Heinrich Emil Baumgartner (dem deutschsprachigen Redaktor der Ausgabe 1927) und Adolphe Kuenzi (dem französischsprachigen Redaktor) war, dass die Qualität der Sprache leidet, wenn Deutsch ständig auf Französisch trifft und umgekehrt.4 Bieler gingen in der Regel unbefangen mit Sprache um, mischten sorglos Deutsch und Französisch, so Baumgartner. «Das trägt die Hauptschuld, dass wir heute in Biel weder eine bodenständige Mundart, noch ein anständiges Schriftdeutsch und Französisch hören.»
Das französische Wort suche heute «unsere Bieler Sprache geradezu heim», fährt Baumgartner fort und bringt Beispiele für «deutsch-französische Redensarten» wie «es Faible ha» und «mach doch nit gäng söttigi Sottise» («Mach doch nicht immer solche Dummheiten»). In behördlichen Erlassen zeige sich «die starke Durchdringung des Schriftdeutschen mit französischen Wörtern» ebenfalls: «Die gemachten Bemerkungen sind zu notieren», «Er war wegen Indisposition ersetzt worden.»
Kuenzi bringt Beispiele für die schlechte, vom Deutschen beeinflusste Verwendung des Französischen, etwa «il veut pleuvoir» (berndeutsch: «es wott cho rägne», auf gut Französisch etwa «il semble qu’il va pleuvoir») oder «Tu m’es au chemin» («Du bist mir im Weg»). Kuenzi sieht durchaus auch Vorteile der Zweisprachigkeit, verteufelt sie keineswegs, verlangt aber – wie Baumgartner – nach einem besonderen Effort der Bieler bei der Pflege ihrer Sprache.
Der Einfluss der Zweisprachigkeit auf die Sprache der Bielerinnen und Bieler wird auch in Bieler Jahrbüchern späterer Jahre hin und wieder thematisiert, so etwa im Jahr 1981. In einem Beitrag dieses Jahrgangs ist die Rede von Übersetzungen wie «Entrée défendue» (für «Betreten verboten», auf Französisch eigentlich «Défense d’entrer» – «Entrée defendue» meint eher «Eintreten wird bekämpft»), «Danger de vie!» («Lebensgefahr»; auf Französisch üblicherweise «Danger de mort!»).5
«Mit tollkühner Selbstverständlichkeit» setzten Stadtangestellte deutscher Muttersprache immer wieder «die lustigsten französischen Sprachgebilde» in die Welt, schreibt der damalige städtische Übersetzer Jacques Lefert im Bieler Jahrbuch von 1992.6 Er stelle aber mit Befriedigung fest, so Lefert weiter, dass dies in Biel zu keinen wilden Auseinandersetzungen führe. «Toleranz […] wird am Jurasüdfuss gross geschrieben.»
Politik
«Biel/Bienne» vs. «Ville de Fribourg»
Die Stadt Biel ist seit 1952 offiziell zweisprachig.7 Sie bietet sämtliche Dienstleistungen in beiden Sprachen an und lässt sich das pro Jahr mehrere Millionen Franken kosten. Die Stadt Freiburg hingegen heisst nach wie vor «Ville de Fribourg» und setzt auf kostengünstige, pragmatische Lösungen.
Die Freiburger Behörden haben die Zähringerstadt bis heute nicht offiziell für zweisprachig erklärt, obwohl in ihr laut den Historikern seit der Gründung im Jahr 1157 stets zwei Sprachen gesprochen wurden und der Anteil Deutschsprachiger an der Gesamtbevölkerung bis in die 1970er-Jahre hinein über 30 Prozent ausmachte. In den letzten Jahren nahm dieser Anteil stark ab und liegt heute bei 16,3 Prozent. Nur Deutsch- und Französischsprachige betrachtet, beträgt das Verhältnis aber immerhin noch 21,7 zu 78,3 Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz mit ihren drei Amtssprachen leben 62,8 Prozent Deutsch-, 22,9 Prozent Französisch- und 8,2 Prozent Italienischsprachige.8 Nur Deutsch- und Französischsprachige betrachtet, ist die deutschsprachige Minderheit in der Stadt Freiburg also noch heute nur unwesentlich schwächer als die französischsprachige Minderheit in der gesamten Schweiz.
Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung in der Stadt Freiburg in absoluten Zahlen
| Jahr | Ende13. Jh. | 1798 | 1888 | 1930 | 1970 | 2000 | 2017 |
| EinwohnerInnen | 2000–3000 | 5 117 | 12 195 | 21 557 | 39 695 | 35 547 | 41 660 |
| Sprache | |||||||
| Französisch | 7 556 | 13 524 | 22 437 | 22 603 | ca. 20 330* | ||
| Deutsch | 4 523 | 7 176 | 11 114 | 7 520 | ca. 5 620* | ||
| Italienisch | 94 | 464 | 3 407 | 1 359 | ca. 1 580* | ||
| Andere | 22 | 393 | 2 737 | 4 065 | ca. 14 120* | ||
Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz, Stichwort Freiburg (Gemeinde); Geschäftsbericht der Stadt Freiburg 2017. *Extrapoliert aus Prozentzahlen in Tabelle 2 (absolute Zahlen sind im Geschäftsbericht der Stadt Freiburg 2017 nicht aufzufinden).
Tabelle 2: Bevölkerungs- und Sprachentwicklung in der Stadt Freiburg in Prozent
| Jahr | 1888 | 1930 | 1970 | 2000 | 2017 | 2017 | 2017 |
| Muttersprache | Korrespondenzsprache (d.h. nur frz. oder dt.)* | Nur Französisch- und Deutschsprachige (Muttersprache) betrachtet | |||||
| Französisch | 62 | 62,7 | 56,5 | 63,6 | 48,8 | 83,7 | 78,3 |
| Deutsch | 37,1 | 33,3 | 28 | 21,2 | 13,5 | 16,3 | 21,7 |
| Italienisch | 0,6 | 2,2 | 8,6 | 3,8 | 3,8 | ||
| Andere | 0,1 | 1,8 | 6,9 | 11,4 | 33,9 |
Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz, Stichwort Freiburg (Gemeinde); Geschäftsbericht der Stadt Freiburg 2017. *Niedergelassene und Wochenaufenthalter.
Freiburgs Webseite ist seit einigen Jahren auch in Deutsch aufgeschaltet. Seit Neuestem ist sie nun komplett und konsequent zweisprachig, doch prangt immer noch das einsprachige Logo «Ville de Fribourg» auf der deutschsprachigen Version. Und ein klares Bekenntnis zur Zweisprachigkeit wie in Biel findet man nirgends.
Im fünfköpfigen Freiburger Gemeinderat wird Französisch gesprochen – ausser es geht um Informelles. In der aktuellen Freiburger Stadtregierung sitzen drei Französischsprachige, mit Stadtammann Thierry Steiert ein Zweisprachiger sowie eine Deutschsprachige, Andrea Burgener Woeffray.
Freiburgs Generalrätinnen und Generalräte – also die Mitglieder des Stadtparlaments – halten ihre Voten meistens in Französisch. Das gilt auch für die Deutschsprachigen. Wendet sich ein Generalratsmitglied doch in Deutsch ans Plenum, dann wechselt es meist für einen Teil des Votums ins Französische. Wichtige Parlamentsunterlagen werden mit einer deutschen Zusammenfassung versehen – allerdings nicht immer.

Das Stadthaus, der Sitz der Stadtregierung von Freiburg, ist aussen einsprachig in Französisch angeschrieben. Betritt man aber das Gebäude, sieht man die Plakette mit Freiburgs Stadtwappen und dem Städtenamen in Französisch und Deutsch (unten). (Bilder: Charles Ellena)
In Freiburgs Stadtverwaltung wird fast ausschliesslich in Französisch kommuniziert. Nur gerade sieben Prozent der gut 800 Stadtangestellten gaben 2017 Deutsch als Muttersprache an.9 Die rund 60 deutschsprachigen Stadtangestellten arbeiten in französischer Sprache – ausser sie treten mit deutschsprachigen Kollegen oder Bürgern in Kontakt. Im obersten Kader finden sich keine Personen mit deutscher Muttersprache.
Wie das Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg 2018 in einem Bericht10 festgehalten hat, kommt in Freiburg oft ein «système de débrouille» zur Anwendung. Gemeint ist: Man sucht pragmatische Lösungen. Das heisst beispielsweise, dass im Sozialdienst deutschsprachige Klientinnen und Klienten deutsch- oder zweisprachigen Angestellten zugewiesen werden. Und wenn ein deutschsprachiger Einwohner eine Auskunft in Deutsch wünscht, dann wird entsprechend jemand gesucht. Der Bericht hält auch fest, dass in Freiburg das, was Deutschsprachige wirklich wissen müssen, übersetzt wird: Informationen zu Baustellen, zur Abfallentsorgung und zum Verhalten bei Hochwasser et cetera. Auch das Abstimmungsbüchlein liegt zweisprachig vor. Wenn hingegen in der Stadtverwaltung ein Apéro stattfindet, wird das nur in Französisch kommuniziert. In der Stadtverwaltung sprechen ja ohnehin alle Französisch. Wichtige Reglemente wie etwa das Personalreglement oder die Statuten der städtischen Pensionskasse liegen allerdings zweisprachig vor.
Freiburgs Mitteilungsblatt «1700» – benannt nach der Postleitzahl der Stadt – war lange Zeit ausschliesslich in Französisch erhältlich, heute wird es in beiden Sprachen publiziert. Die Stadt Freiburg hat kein eigenes Übersetzungsbüro, sondern vergibt externe Aufträge im Wert von rund 50 000 Franken pro Jahr. Das ist die einzige Summe, die das Institut für Mehrsprachigkeit in seiner Untersuchung der Freiburger Verhältnisse im Zusammenhang mit der Zweisprachigkeit erwähnt. Häufig springen auch deutschsprachige Stadtangestellte ein, wenn irgendwo eine Übersetzung benötigt wird. Laut Personalreglement der Stadt Freiburg muss der Gemeinderat dafür sorgen, dass die Stadtverwaltung qualitativ gute Leistungen sowohl in Französisch als auch in Deutsch erbringt.
Zweisprachigkeit kostet Biel fünf Millionen Franken
In Biel mit seinen rund 42 Prozent Französisch- und 58 Prozent Deutschsprachigen läuft der Politikbetrieb vollumfänglich zweisprachig ab. Der zweisprachige Betrieb kostet die Stadt nach neuesten Schätzungen rund fünf Millionen Franken, wie Stadtpräsident Erich Fehr in einem Gespräch zu diesem Buch sagte. Das entspricht bei einem Totalaufwand im Jahr 2016 von 371,1 Millionen Franken 1,3 Prozent.
Tabelle 3: Bevölkerungsentwicklung in der Stadt Biel in absoluten Zahlen
| Jahr | 1417 | 1770 | 1880 | 1930 | 1970 | 1990 | 2017 |
| EinwohnerInnen | ca.500 | 1700–2200* | 16 579 | 37 726 | 64 333 | 51 893 | 55 755 |
| Sprache | |||||||
| Deutsch | 13 253 | 24 946 | 36 354 | 27 510 | 32 278 | ||
| Französisch | 3 207 | 11 673 | 17 396 | 15 906 | 23 315 | ||
| Italienisch | 98 | 949 | 8 322 | 3 927 | k. A. | ||
| Andere | 24 | 158 | 2 261 | 4 550 | k. A. |
Quelle: Bieler Geschichte (BG), hrsg. von der Stadt Biel. Baden 2013. S. 124; Historisches Lexikon der Schweiz, Stichwort Biel (BE, Gemeinde); Bourquin, Werner und Marcus: Biel, stadtgeschichtliches Lexikon. Biel 1999. S. 470. *Diskrepanz aufgrund unterschiedlicher Quellenangaben.
Tabelle 4: Bevölkerungs- und Sprachentwicklung in der Stadt Biel in Prozent
| Jahr | 1880 | 1930 | 1970 | 1990 | 2015 | 2017 | 2015 |
| Hauptsprache (Mehrfachnennungen möglich) | Amts- resp. Korrespondenzsprache (nur dt. oder frz.) | Nur Deutsch- und Französischsprachige | |||||
| Deutsch | 79,9 | 66,1 | 56,5 | 53 | 56,3 | 57,9 (32 278) | k. A.* |
| Französisch | 19,3 | 30,9 | 27 | 30,7 | 36,4 | 42,1 (23 315) | k. A.* |
| Italienisch | 0,6 | 2,5 | 12,9 | 7,6 | 9 | ||
| Andere | 0,1 | 0,4 | 3,5 | 8,8 | 31 |
Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz, Stichwort Biel (BE, Gemeinde); Statistisches Fact Sheet Stadt Biel von Mai 2018. *Die Stadt Biel erhebt im Einwohnerregister die ständige und nichtständige Wohnbevölkerung nach Amts- resp. Korrespondenzsprache und nicht nach Muttersprache, wie es auf Anfrage heisst.
Im Bieler Gemeinderat wird Schweizerdeutsch oder Französisch gesprochen. Der fünfköpfige Bieler Gemeinderat setzt sich in der aktuellen Legislatur aus zwei französisch- und drei deutschsprachigen Mitgliedern zusammen, er repräsentiert also die sprachliche Zusammensetzung der Bevölkerung gut.
Biels Stadträtinnen und Stadträte halten ihre Voten in Französisch, Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. Laut Stadtpräsident Fehr kommt je länger, je mehr Hochdeutsch zum Zug. Dies deshalb, weil zugezogene Romands Bern- oder Schweizerdeutsch in der Regel weniger gut beherrschen als alteingesessene Welschbieler. Deutschbieler kommen auf diese Weise den Zugezogenen entgegen. Die Parlamentsunterlagen sind zweisprachig gehalten, die Abstimmungsbüchlein sowieso.
Der Sprachgebrauch im Bieler Stadtparlament zeigt auf, wieso Biel oft als Dreisprachenstadt bezeichnet wird: Verwendet wird Hochdeutsch, Schweizerdeutsch und Französisch. In Freiburg hingegen ist es für Deutschsprachige selbstverständlich, dass sie im Umgang mit Französischsprachigen die Standardsprache benutzen. Niemand würde im Stadtparlament Schweizerdeutsch reden. In Biel hört man oft, dass Französischsprachige auch das Berndeutsche einigermassen verstehen sollten, während in Freiburg niemand erwartet, dass Französischsprachige Schweizer Dialekt verstehen.

In Biels Stadtratssaal sprechen die Votanten Deutsch, Französisch und Dialekt – wie es ihnen beliebt. Immer mehr Deutschsprachige wählen allerdings das Hochdeutsche und kommen damit den zugezogenen Französischsprachigen, die Mühe haben mit dem Berndeutschen, entgegen. (Bild: Anne-Camille Vaucher/ Bieler Tagblatt)
Wie die Stadt Freiburg verzichtete auch die Stadt Biel darauf, in ihren Erlassen und Reglementen Bestimmungen zum Schutz der sprachlichen Minderheit zu verankern. Es gibt keine Quoten. Stadtpräsident Fehr sagt dazu, bei einem Verhältnis von 42 Prozent Französisch- und 58 Prozent Deutschsprachigen sei ja die Minderheit auch keine kleine. Allerdings steht in der Bieler Stadtordnung, dass Behörden, Parteien und Organisationen für eine angemessene Vertretung der zwei Amtssprachen und Geschlechter sorgen sollen.
Die Stadt Biel will nicht nur keine Quoten, sie berechnet laut Fehr beispielsweise auch nicht, welchen Anteil der Kulturgelder gestützt auf den französischsprachigen Bevölkerungsanteil die französischsprachigen Kulturanbieter zugute hätten und welchen Anteil die deutschsprachigen. Jeder Sprachgruppe werde das zugestanden, was sie zur Bewahrung ihrer Identität brauche, sagt Fehr.
In Biel sprechen keineswegs sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner sowohl deutsch als auch französisch. Es gibt Leute, die lediglich eine Sprache beherrschen – und damit auch durchkommen. Das bestätigen sowohl Linguisten als auch der Stadtpräsident. In Freiburg leben ebenfalls viele Menschen, die nicht zweisprachig sind. Es dürfte aber nur wenige Deutschsprachige geben, die einzig Deutsch sprechen – und einsprachige Deutschfreiburger müsste man wohl mit der Lupe suchen.
Seit Langem kritisieren Welschbieler, in den Führungsetagen der Stadtverwaltung gebe es deutlich mehr Deutschals Französischsprachige. Auf diese Kritik reagierte der Bieler Gemeinderat im April 2019. Er beauftragte die Abteilung Personelles der Stadtverwaltung, Änderungen im Rekrutierungsprozess von Kaderleuten vorzunehmen. Dies mit dem Ziel, bis Ende 2024 den Anteil Französischsprachiger im Kader auf 45 Prozent zu erhöhen. Derzeit macht dieser Anteil 31 Prozent aus und entspricht damit nicht dem Anteil Französischsprachiger an der Gesamtbevölkerung.
Wie das Bieler Tagblatt berichtete, soll künftig bei der Rekrutierung von Kaderleuten explizit darauf hingewiesen werden, dass Französischsprachige bevorzugt werden. Auch will die Stadt Biel künftig Stellenausschreibungen in Publikationen oder auf Plattformen publizieren, die von Französischsprachigen gelesen werden. Vorstellbar ist für den Bieler Gemeinderat, dass sogenannte Headhunter gezielt nach französischsprachigen Führungskräften suchen.
Bei gleicher Qualifikation pflegte der Bieler Gemeinderat bereits seit mehreren Jahren, französischsprachige Bewerber einzustellen, wenn sich eine Vakanz im obersten Kader ergab. «Da dieses Prinzip in Konkurrenz tritt mit der Vorgabe, dass bei gleicher Qualifikation eine Frau angestellt wird, ist immer die welsche Frau gefragt», sagte Fehr im Mai 2018 in einem Gespräch zu diesem Buch lachend.
Wenn Biels Stadtpräsident an öffentlichen Anlässen auftritt, spricht er selbstverständlich beide Sprachen, manchmal sogar nur Französisch. Bei Medienkonferenzen in Freiburg hingegen dominiert das Französische. Pressemitteilungen verschickt Biel in beiden Sprachen. Freiburgs Communiqués werden erst seit Kurzem nicht nur in Französisch, sondern auch in Deutsch verfasst.
Amtliche Zweisprachigkeit Freiburgs geprüft – und verworfen
Die Freiburger Stadtregierung liess im Jahr 2018 prüfen, was es für die Stadt bedeuten würde, wenn sie sich für offiziell zweisprachig erklärte. Auslöser war ein im Stadtparlament mit sehr klarer Mehrheit überwiesener Vorstoss. Die Postulanten wollten wissen, wie sich die Einführung der zweiten Amtssprache in sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht auswirken würde. Der Freiburger Gemeinderat liess in der Folge vom Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg ein Gutachten erstellen, das im Herbst 2018 vorgestellt wurde.11
Es war nicht das erste Mal, dass das Freiburger Stadtparlament in Sachen Zweisprachigkeit Druck ausübte. Ein deutliches Zeichen hatte der Freiburger Generalrat bereits 2013 gesetzt. Damals wurde ihm vom Gemeinderat ein neues Logo der Stadt präsentiert: Es war einsprachig, das heisst französisch. Nachdem Stadtparlamentarier protestiert und in einer Resolution ein zweisprachiges Logo gefordert hatten, entsorgte die Freiburger Stadtregierung das einsprachige Erkennungszeichen. Ein neues Logo existiert bis heute nicht.
Dass die Stadt Freiburg «faktisch zweisprachig» ist, hielt der Freiburger Staatsrat, genau mit diesen Worten, bereits 1992 fest. Damals hiess die Kantonsregierung eine Beschwerde der Grünen Partei der Stadt Freiburg gut. Sie hatte in deutscher Sprache beim Freiburger Oberamtmann (= Regierungsstatthalter) einen Rekurs gegen die Nichtberücksichtigung eines grünen Generalrats (= Stadtparlamentariers) bei einer Kommissionswahl eingereicht. Der Oberamtmann wollte die Beschwerde nur in Französisch entgegennehmen; er wurde vom Staatsrat zurechtgewiesen.
Auch der Freiburger Stadtammann Thierry Steiert sagte 2018 in einem Gespräch zu diesem Buch, Freiburg sei faktisch zweisprachig. Das Schulsystem sei beispielsweise vollständig in beiden Sprachen organisiert.
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