Читать книгу: «Ich möchte Dir ein Liebes schenken»
Über den Autor
RAINER MARIA RILKE
wurde 1875 in Prag geboren und ist 1926 in der Schweiz gestorben. Schon zu seinen Lebzeiten setzte ein Rilke-Kult ein und erreichte auch auf internationaler Ebene Generationen von Dichtern. Sein Leben lang strebt der deutsche Lyriker die Verbindung von Leben und Schaffen an: so offenbart sich ganz bewusst Rilkes Person in seiner Dichtung.
ADRIENNE SCHNEIDER
war 33 Jahre Veranstaltungs-Organisatorin des Suhrkamp-Verlags. Seit 2010 leitet sie ihre eigene Agentur —„Adrienne Schneider‘s Literaturbetrieb“. Sie ist u.a. verantwortlich für das literarische Programm des Literaturhauses Darmstadt und Mitglied der Jury „Stadtschreiber von Bergen-Enkheim“.
Zum Buch
Rilke verzaubert mit Sensibilität und Einfühlsamkeit, mit seinen sanftmütigen, musikalischen und bildhaften Versen zur Liebe, die für ihn nicht bloß ein idealisierter Gefühlszustand zwischen zwei Menschen ist, sondern auch Vergänglichkeit, Einsamkeit und Unerreichbarkeit bedeutet. Er beschreibt Gefühlszustände, die Spuren hinterlassen und zu Erfahrungen werden.
Herausgegeben von
Adrienne Schneider
Marie von Thurn und Taxis, eine Freundin und Gönnerin Rilkes, beklagte sich einmal über seine blumige Sprache: „Ständig kommen Blumen in deinen Gedichtenvor, hier eine Narzisse, da eine Kamelie, dort eine Rose. Oh Rainer! Widerspruch lege ich dagegen ein!“ Mag seine Sprache blumig und sanft sein — er vermag durch sie eindrucksvoll Unsagbares auszudrücken und zu vermitteln. In dieser Auswahl von Liebeslyrik bedichtet der Poet intensiv das menschliche Gefühlsleben und greift alle Stimmungen und Facetten dessen auf, was wir als Liebe bezeichnen.
Rainer Maria Rilke
Ich möchte Dir ein Liebes schenken
Rainer Maria Rilke
Ich möchte
Dir ein
Liebes schenken
Ausgesuchte Liebesgedichte
Herausgegeben von
Adrienne Schneider

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Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH
Bildnachweis: Der Kuss, Gemälde von Gustav Klimt, 1908
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0409-7
www.marixverlag.de
Inhalt
Gedichte, die keine Überschrift haben, wurden mit ihrer ersten Verszeile in das Inhaltsverzeichnis aufgenommen.
Liebes-Lied
Warst Du’s, die ich im starken Traum umfing
Das Lied der Witwe
Zum Einschlafen zu sagen
Die Stille
Du wirst nur mit der Tat erfasst
Das Volkslied
Nein, ich vergesse Dich nicht
Graue Liebesschlangen
Lass mich nicht an Deinen Lippen trinken
Aus der Trübe müder Überdrüsse
Oh wie fühl ich still zu Dir hinüber
So wie eine Türe, die nicht zubleibt
Dein Herz sei wie ein Nest im Unerreichten
Vergiss, vergiss und lass uns jetzt nur dies
Ein junges Mädchen: das ist wie ein Stern
Du duftest aus Dir hinaus
Der Duft
Ehe
Initiale
Die Braut
Ich bin, Du Ängstlicher
Du siehst, ich will viel
Oft sehn sich unsre Seelen tagelang nicht
Deine Stube mit den kühlen Rosen
Ich möchte Dir ein Liebes schenken
Weißt Du, dass ich Dir müde Rosen flechte
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust
Wir, in den ringenden Nächten
Einmal noch kam zu dem Ausgesetzten
Einmal kam die Frau, die reiche, reife
Weißt Du noch: auf Deinem Wiesenplatze
Liebesanfang
Heute will ich
Ich geh Dir nach
Das Land ist licht
Nicht, wie Du ihn nennst
Der Tod der Geliebten
Lösch mir die Augen aus
Siehe, da rief ich die Liebende
Ein Frauen-Schicksal
Opfer
Liebende könnten, verstünden sie’s
Die Liebende
Dass ich die Früchte beschrieb
Und Dein Haar, das niederglitt
Du bist die Zukunft, großes Morgenrot
Da seh ich Dich
Du, der ichs nicht sage
Dich aber will ich nun
Welt war in dem Antlitz der Geliebten
Sehnsüchte irren, wenn sie weinen
Initiale
Mach mich zum Wächter Deiner Weiten
Oh Du bist schön. Wenn auch nicht mir
Tagelied
La Dame à la Licorne
Was, Geliebte
Dich aufdenkend wird mein Wesen erglühter
Einmal nahm ich zwischen meine Hände Dein Gesicht
Gib mir Liebe
Leise ruft der Buchenwald
Schlaflied
Die Getrennten
Die Liebende
Erinnerung
Alle, welche Dich suchen, versuchen Dich
Ich finde Dich in allen diesen Dingen
Geliebte,
Dein Garten wollt ich sein zuerst
Östliches Taglied
Das Bett
In dem Raume, den ich in mich schaute
Dich zu fühlen bin ich
Oh wie schälst Du mein Herz aus den Schalen des Elends
Ich bin auf der Welt zu allein
So lernen wir am Hiesigen Gefühle
Und wenn wir uns einander zuempfanden
Der Freundin
Durch den plötzlich schönen Garten trägst Du
Sind wirs, Lulu, sind wirs?
Sehet ein Ding, das vielfach umwunden
Wie der Wasser Oberflächen schweigend
Oft bricht in eine leistende Entfaltung
Du nur, einzig Du bist
Wo die Wurzeln ihrer Liebe ringen
Du aber warst schon da
Schwindende, Du kennst die Türme nicht
Wie rief ich Dich
Du Prüferin, Du nimmst es so genau
O Funkenglück aus dem Herzfeuerstein
Da rauscht das Herz
Nicht dass uns, da wir (plötzlich) erwachsen sind
Was Kühnheit war in unserem Geschlecht
Da vieles fiel
Was Du auch immer empfingst: des Momentes gedenke
Wie ist doch alles weit ins Bild gerückt
Mädchen, reift Dich der Sommertag?
Dass ich Deiner dächte am Kamine?
Lass mich sanft in Deinem Tagebuche
Manchmal noch empfind ich
Was nun wieder aus den reinen Scheiten
Wunderliches Wort
Sieh, der Tag verlangsamt sich
Du, die ich zeitig schon begann zu feiern
Heut sah ichs früh, das Graue an den Schläfen
Dies überstanden haben, auch das Glück
Was für Vorgefühle in Dir schliefen
Schöne Aglaja, Freundin meiner Gefühle
Gegen-Strophen
Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen
Du, der mit dem Aufschlag
Die zehnte Elegie
Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen
Ein Gott vermags. Wie aber, sag mir
O ihr Zärtlichen, tretet zuweilen
Heil dem Geist, der uns verbinden mag
Mehr nicht sollst Du wissen als die Stele
Wir hören seit lange die Brunnen mit
Wir sind nur Mund. Wer singt das ferne Herz
Wie, für die Jungfrau, dem, der vor ihr kniet, die Namen
Gib Deinem Herzen ein Zeichen
Erfahren in den flutenden Verkehren
Nichts blieb so schön
Dies ist Besitz: dass uns vorüberflog
Alles ist mir lieb, die Sommersprossen
Auch dies ist möglich: zu sagen: Nein
Wie geschah es? Es gelang zu lieben
Oh so war es damals schon genossen
Ach, sie versank, sie versank
Berühre ruhig mit dem Zauberstabe
Weißt Du noch: fallende Sterne
An der sonngewohnten Straße
Zweite Antwort für E. M.
Du hast aus jenem Sein Dich mir entzogen
Die Liebenden (Erika und Melitta)
Ach, wie bist Du dennoch, Wunderbare
Wie viel Abschied ward uns beigebracht
Einmal nachts
Und womit willst Du Glück und Leid ermessen
Dein Laut klingt auf wie ein Schritt
Wär es möglich, und Du gingest neben
Nein, Du sollst mir nicht verfallen sein
Wenn ich mich gleich bewahre
Ich will mein Herz mit beiden Händen halten
An Erika
Bereites Herz: und wenn ich Dich belüde
Begreifst Du, wie ich rätseln muss
Oh erhöhe mich nicht
Da ich Dir schrieb, sprang Saft
Dialog
Aus unbeschreiblicher Verwandlung stammen
Nachthimmel und Sternenfall
Eine Furche in meinem Hirn
Mausoleum
Für Fräulein Marga Wertheimer
Heb mich aus meines Abfalls Finsternissen
O schöner Glanz des scheuen Spiegelbilds
Ach, an ihr und ihrem Spiegelbilde
Immer wieder aus dem Spiegelglase
So lass uns Abschied nehmen wie zwei Sterne
Mehr nicht, als das Warmsein eines Rings
Aber versuchtest Du dies: Hand in der Hand mir zu sein
Ankunft
Als Du mich einst gefunden hast
Elegie an Marina Zwetajewa-Efron
Ihr Mädchen seid wie die Kähne
Noch ahnst Du nichts vom Herbst des Haines
Die Mädchen am Gartenhange
Wie kam, wie kam aus Deinem Schoß
Auch Du hast es einmal erlebt, ich weiß
Ihr Mund ist wie der Mund an einer Büste
Sinnend von Legende zu Legende
Liebende und Leidende verwehten
Wir sind ja. Doch kaum anders als den Lämmern
Noch ruf ich nicht. Die Nacht ist lang und kühl
Die Münze
Wie wenn ich, unter Hundertem, mein Herz
Der Dich liebte, mit verlegner Pflege
Nun schließe Deine Augen
Sterne hinter Oliven
Griechisches Liebesgespräch
Der Sänger singt vor einem Fürstenkind
ICH MÖCHTE DIR EIN
LIEBES SCHENKEN
AUSGESUCHTE
LIEBESGEDICHTE
LIEBES-LIED
Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an Deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über Dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn Deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, Dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.
WARST DU’S, DIE ICH IM STARKEN TRAUM UMFING
Warst Du’s, die ich im starken Traum umfing
und an mich hielt – und der ich mit dem Munde
ablöste von der linken Brust ein Ding,
ein braunes Glasaug wie von einem Hunde,
womit die Kinder spielen …, oder Reh,
wie es als Spielzeug dient? – Ich nahm es mir
erschrocken von den Lippen. Und ich seh,
wie ich Dir’s zeige und es dann verlier.
Du aber, die das alles nicht erschreckte,
hobst Dein Gesicht, als sagte das genug.
Und es schien schauender, seit die entdeckte
geküsste Brust das Auge nicht mehr trug.
DAS LIED DER WITWE
Am Anfang war mir das Leben gut.
Es hielt mich warm, es machte mir Mut.
Dass es das allen Jungen tut,
wie konnt ich das damals wissen.
Ich wusste nicht, was das Leben war –,
auf einmal war es nur Jahr und Jahr,
nicht mehr gut, nicht mehr neu, nicht mehr wunderbar,
wie mitten entzwei gerissen.
Das war nicht Seine, nicht meine Schuld;
wir hatten beide nichts als Geduld,
aber der Tod hat keine.
Ich sah ihn kommen (wie schlecht er kam),
und ich schaute ihm zu wie er nahm und nahm:
es war ja gar nicht das Meine.
Was war denn das Meine; Meines, Mein?
War mir nicht selbst mein Elendsein
nur vom Schicksal geliehn?
Das Schicksal will nicht nur das Glück,
es will die Pein und das Schrein zurück
und es kauft für alt den Ruin.
Das Schicksal war da und erwarb für ein Nichts
jeden Ausdruck meines Gesichts
bis auf die Art zu gehn.
Das war ein täglicher Ausverkauf
und als ich leer war, gab es mich auf
und ließ mich offen stehn.
ZUM EINSCHLAFEN ZU SAGEN
Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte Dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüsste: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in Dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf Dich gelegt;
und sie halten Dich sanft und lassen Dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.
DIE STILLE
Hörst Du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst Du: es rauscht …
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst Du, Geliebte, ich schließe die Lider,
und auch das ist Geräusch bis zu Dir.
Hörst Du, Geliebte, ich hebe sie wieder …
… aber warum bist Du nicht hier.
Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Atemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.
DU WIRST NUR MIT DER TAT ERFASST
Du wirst nur mit der Tat erfasst,
mit Händen nur erhellt;
ein jeder Sinn ist nur ein Gast
und sehnt sich aus der Welt.
Ersonnen ist ein jeder Sinn,
man fühlt den feinen Saum darin
und dass ihn einer spann:
Du aber kommst und gibst Dich hin
und fällst den Flüchtling an.
Ich will nicht wissen, wo Du bist,
sprich mir aus überall.
Dein williger Evangelist
verzeichnet alles und vergisst
zu schauen nach dem Schall.
Ich geh doch immer auf Dich zu
mit meinem ganzen Gehn;
denn wer bin ich und wer bist Du,
wenn wir uns nicht verstehn?
DAS VOLKSLIED
Es legt dem Burschen auf die Stirne
die Hand der Genius so lind,
dass mit des Liedes Silberzwirne
er seiner Liebsten Herz umspinnt.
Da mag der Bursch sich süß erinnern,
was aus der Mutter Mund ihm scholl,
und mit dem Klang aus seinem Innern
füllt er sich seine Fiedel voll.
Die Liebe und der Heimat Schöne
drückt ihm den Bogen in die Hand,
und leise rieseln seine Töne
wie Blütenregen in das Land.
Und große Dichter, ruhmberauschte,
dem schlichten Liede lauschen sie,
so gläubig wie das Volk einst lauschte
dem Gotteswort des Sinai.
NEIN, ICH VERGESSE DICH NICHT
Nein, ich vergesse Dich nicht,
was ich auch werde,
liebliches zeitiges Licht,
Erstling der Erde.
Alles, was Du versprachst,
hat sie gehalten,
seit Du das Herz mir erbrachst
ohne Gewalten.
Flüchtigste frühste Figur,
die ich gewahrte:
nur weil ich Stärke erfuhr,
rühm ich das Zarte.
GRAUE LIEBESSCHLANGEN
Graue Liebesschlangen hab ich aus Deinen
Achselhöhlen gescheucht. Wie auf heißen Steinen
liegen sie jetzt auf mir und verdauen
Lust-Klumpen
LASS MICH NICHT AN DEINEN LIPPEN TRINKEN
Lass mich nicht an Deinen Lippen trinken,
denn an Munden trank ich mir Verzicht.
Lass mich nicht in Deine Arme sinken,
denn mich fassen Arme nicht.
AUS DER TRÜBE MÜDER ÜBERDRÜSSE
Aus der Trübe müder Überdrüsse
reißt, die wir einander bebend bringen,
uns die Botschaft. Welche? Wir vergingen –
Ach wann waren Worte diese Küsse?
Diese Küsse waren einmal Worte;
stark gesprochen an der Tür ins Freie
zwangen sie die Pforte.
Oder waren diese Küsse Schreie …
Schreie auf so schönen Hügeln, wie sie
Deine Brüste sind. Der Himmel schrie sie
in den Jugendjahren seiner Stürme.
OH WIE FÜHL ICH STILL ZU DIR HINÜBER
Oh wie fühl ich still zu Dir hinüber,
oh wie gehen mir von Deinem Bild
steigende Gefühle flutend über.
Ungeheuer ist mein Herz gewillt.
In dem Raume, den ich in mich schaute
aus dem Weltraum und dem Wind am Meer,
gehst Du, unbegreifliche Vertraute,
wie sein eigenstes Geschöpf umher.
Nun erst schließ ich, ach nach wie viel Zeiten
meine Augen über mir; nun mag
keine Sehnsucht mehr mich überschreiten;
denn vollendeter wird Nacht und Tag.
Schau ich aber leise auf, so heilt
mir die Welt am milderen Gesichte –,
oh so war ja doch: dass ich verzichte,
allen Engeln noch nicht mitgeteilt.
SO WIE EINE TÜRE, DIE NICHT ZUBLEIBT
So wie eine Türe, die nicht zubleibt,
geht im Schlaf mir immer wieder stöhnend
die Umarmung auf. Oh wehe Nächte.
Draußen wird der Garten weich im Mondschein
und die Blüten trüben mir das Fenster
und die Nachtigall ist nicht vergebens.
DEIN HERZ SEI WIE EIN NEST IM UNERREICHTEN
Dein Herz sei wie ein Nest im Unerreichten.
Hilf keinem zu der Wildnis Deines Baus,
doch manchmal wirf am Morgen einen leichten
neuflüggen Engel in die Himmel aus.
VERGISS, VERGISS UND LASS UNS JETZT NUR DIES
Vergiss, vergiss und lass uns jetzt nur dies
erleben, wie die Sterne durch geklärten
Nachthimmel dringen; wie der Mond die Gärten
voll übersteigt. Wir fühlten längst schon, wies
spiegelnder wird im Dunkel; wie ein Schein
entsteht, ein weißer Schatten in dem Glanz
der Dunkelheit. Nun aber lass uns ganz
hinübertreten in die Welt hinein
die monden ist –
EIN JUNGES MÄDCHEN: DAS IST WIE EIN STERN
Ein junges Mädchen: das ist wie ein Stern:
die ganze Erde dunkelt ihm entgegen
und ist ihm aufgetan wie einem Regen,
und niemals trank sie einen seligern.
Ein junges Mädchen: das ist wie ein Schatz,
vergraben neben einer alten Linde;
da sollen Ringe sein und Goldgewinde,
doch keiner ist erwählt, dass er sie finde:
nur eine Sage geht und sagt den Platz.
Ein junges Mädchen: dass wir’s niemals sind.
So wenig hat das Sein zu uns Vertrauen.
Am Anfang scheinen wir fast gleich, als Kind,
und später sind wir manchmal beinah Frauen
für einen Augenblick; doch wie verrinnt
das fern von uns, was Mädchen sind und schauen.
Mädchen gewesen sein: dass es das gibt.
Als sagte Eine: einmal war ich dies
und zeigte Dir ein Halsband von Türkis
auf welkem Sammte; und man sieht noch, wie’s
getragen war, verloren und geliebt.
DU DUFTEST AUS DIR HINAUS
Du duftest aus Dir hinaus,
schon schwindelt von Dir den Sternen.
Heute lass mich die Fernen
weghalten und wie ein Haus
warm sein um Dich und zu.
[Wohn in mir diese Nacht
wach in mir und gib acht]
DER DUFT
Wer bist Du, Unbegreiflicher: Du Geist,
wie weißt Du mich von wo und wann zu finden,
der Du das Innere (wie ein Erblinden)
so innig machst, dass es sich schließt und kreist.
Der Liebende, der eine an sich reißt,
hat sie nicht nah; nur Du allein bist Nähe.
Wen hast Du nicht durchtränkt als ob Du jähe
die Farbe seiner Augen seist.
Ach, wer Musik in einem Spiegel sähe,
der sähe Dich und wüsste, wie Du heißt.
EHE
Sie ist traurig, lautlos und allein.
Sieh, sie leidet. Deine Nächte legten
sich auf ihre leisen leicht erregten
Nächte wie ein stürzendes Gestein.
Hundertmal in Deiner dumpfen Gier
warst Du ihr Vergeuder und Vergifter;
aber dass Du einmal wie ein Stifter
still und dunkel knietest neben ihr
macht Dich männlich und geht aus von Dir.
INITIALE
Aus unendlichen Sehnsüchten steigen
endliche Taten wie schwache Fontänen,
die sich zeitig und zitternd neigen.
Aber, die sich uns sonst verschweigen,
unsere fröhlichen Kräfte – zeigen
sich in diesen tanzenden Tränen.
DIE BRAUT
Ruf mich, Geliebter, ruf mich laut!
Lass Deine Braut nicht so lange am Fenster stehn.
In den alten Platanenalleen
wacht der Abend nicht mehr:
sie sind leer.
Und kommst Du mich nicht in das nächtliche Haus
mit Deiner Stimme verschließen,
so muss ich mich aus meinen Händen hinaus
in die Gärten des Dunkelblaus
ergießen …
ICH BIN, DU ÄNGSTLICHER
Ich bin, Du Ängstlicher. Hörst Du mich nicht
mit allen meinen Sinnen an Dir branden?
Meine Gefühle, welche Flügel fanden,
umkreisen weiß Dein Angesicht.
Siehst Du nicht meine Seele, wie sie dicht
vor Dir in einem Kleid aus Stille steht?
Reift nicht mein mailiches Gebet
an Deinem Blicke wie an einem Baum?
Wenn Du der Träumer bist, bin ich Dein Traum.
Doch wenn Du wachen willst, bin ich Dein Wille
und werde mächtig aller Herrlichkeit
und ründe mich wie eine Sternenstille
über der wunderlichen Stadt der Zeit.
DU SIEHST, ICH WILL VIEL
Du siehst, ich will viel.
Vielleicht will ich Alles:
das Dunkel jedes unendlichen Falles
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.
Es leben so viele und wollen nichts,
und sind durch ihres leichten Gerichts
glatte Gefühle gefürstet.
Aber Du freust Dich jedes Gesichts,
das dient und dürstet.
Du freust Dich Aller, die Dich gebrauchen
wie ein Gerät.
Noch bist Du nicht kalt, und es ist nicht zu spät,
in Deine werdenden Tiefen zu tauchen,
wo sich das Leben ruhig verrät.
OFT SEHN SICH UNSRE SEELEN TAGELANG NICHT
… Oft sehn sich unsre Seelen tagelang nicht.
Und meine, dürstend, Deine zu entdecken,
will ihre Arme aus dem Alltag strecken,
schaut hinter Deines Lachens Rosenhecken
und lugt und lauscht und findet ihren Klang nicht.
DEINE STUBE MIT DEN KÜHLEN ROSEN
Deine Stube mit den kühlen
Rosen in den vielen Vasen,
drinnen wir in tiefen Stühlen
lehnten, leise Lieder lasen –
und mein Auge sehnte zag:
ist die einsame Kapelle,
welche Zuflucht mir bedeutet;
warten will ich an der Schwelle,
bis mir Deine Stimme läutet
meinen Lebensfeiertag.
ICH MÖCHTE DIR EIN LIEBES SCHENKEN
Ich möchte Dir ein Liebes schenken,
das Dich mir zur Vertrauten macht:
aus meinem Tag ein Deingedenken
und einen Traum aus meiner Nacht.
Mir ist, dass wir uns selig fänden
und dass Du dann wie ein Geschmeid
mir löstest aus den müden Händen
die niebegehrte Zärtlichkeit.
WEISST DU, DASS ICH DIR MÜDE ROSEN FLECHTE
Weißt Du, dass ich Dir müde Rosen flechte
ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt –
Siehst Du den Mond, wie eine silberechte
Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt:
ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt –
Das ist das Zeichen toter Liebesnächte.
Fühlst Du die Rosen auf der Stirne sterben?
Und jede lässt die Schwester schauernd los
und muss allein verdarben und verderben,
und alle fallen fahl in Deinen Schoß.
Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß.
Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.
ROSE, OH REINER WIDERSPRUCH, LUST
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter so viel
Lidern.
WIR, IN DEN RINGENDEN NÄCHTEN
Wir, in den ringenden Nächten,
wir fallen von Nähe zu Nähe;
und wo die Liebende taut,
sind wir ein stürzender Stein.
EINMAL NOCH KAM ZU DEM AUSGESETZTEN
Einmal noch kam zu dem Ausgesetzten,
der auf seines Herzens Bergen ringt,
Duft der Täler. Und er trank den letzten
Atem wie die Nacht die Winde trinkt.
Stand und trank den Duft, und trank und kniete
noch ein Mal.
Über seinem steinigen Gebiete
war des Himmels atemloses Tal
ausgestürzt. Die Sterne pflücken nicht
Fülle, die die Menschenhände tragen,
schreiten schweigend, wie durch Hörensagen
durch ein weinendes Gesicht.
EINMAL KAM DIE FRAU, DIE REICHE, REIFE
Einmal kam die Frau, die reiche, reife
die zerstreut den Jüngling unterwies,
wenn er störend, noch mit Knabensteife,
an die blumige Geliebte stieß.
Dann erschienen reizende Gestalten,
traten ins gesteigerte Bereich
wo sich Menschen aneinanderhalten
zum vergöttlichten Vergleich.
Kann es sein dass er, wenn er sie lobte
aus ursprünglicher Natur
jene nie Erfahrene erprobte
an den Seligen, die er erfuhr?
WEISST DU NOCH: AUF DEINEM WIESENPLATZE
Weißt Du noch: auf Deinem Wiesenplatze
las ich Dir am schönen Vormittage,
(jenem ersten, den ich aus dem Schatze
einer wunderschönen Zeit gehoben)
las das Lied der Rühmung und der Klage.
Und mir schien Dein Leben wie von oben
zuzuhören; wie von jeder Seite
kam es näher; aus dem sanften Rasen
stieg es in die Räume meiner Stimme.
Aber plötzlich, da wir nicht mehr lasen
gab ich Dich aus Nachbarschaft und Weite
Dir zurück in Dein gefühltes Wesen.
Fernesein ist nur ein Lauschen: höre.
Und jetzt bist Du diese ganze Stille.
Doch mein Aufblick wird Dich immer wieder
sammeln in den lieben: Deinen Körper.
LIEBESANFANG
O Lächeln, erstes Lächeln, unser Lächeln.
Wie war das Eines: Duft der Linden atmen,
Parkstille hören –, plötzlich in einander
aufschaun und staunen bis heran ans Lächeln.
In diesem Lächeln war Erinnerung
an einen Hasen, der da eben drüben
im Rasen spielte; dieses war die Kindheit
des Lächelns. Ernster schon war ihm des Schwanes
Bewegung eingegeben, den wir später
den Weiher teilen sahen in zwei Hälften
lautlosen Abends. – Und der Wipfel Ränder
gegen den reinen, freien, ganz schon künftig
nächtigen Himmel hatten diesem Lächeln
Ränder gezogen gegen die entzückte
Zukunft im Antlitz.
HEUTE WILL ICH
Heute will ich Dir zu Liebe Rosen
fühlen, Rosen fühlen Dir zu Liebe,
Dir zu Liebe heute lange lange
nicht gefühlte Rosen fühlen: Rosen.
Alle Schalen sind gefüllt; sie liegen
in sich selber, jede hundert Male, –
wie von Talen angefüllte Tale
liegen sie in sich und überwiegen.
So unsäglich wie die Nacht
überwiegen sie den Hingegebnen,
wie die Sterne über Ebnen
überstürzen sie mit Pracht.
Rosennacht, Rosennacht.
Nacht aus Rosen, Nacht aus vielen vielen
hellen Rosen, helle Nacht aus Rosen,
Schlaf der tausend Rosenaugenlider:
heller Rosen-Schlaf, ich bin Dein Schläfer.
Heller Schläfer Deiner Düfte; tiefer
Schläfer Deiner kühlen Innigkeiten.
Wie ich mich Dir schwindend überliefer
hast Du jetzt mein Wesen zu bestreiten;
sei mein Schicksal aufgelöst
in das unbegreifliche Beruhen,
und der Trieb, sich aufzutuen,
wirke, der sich nirgends stößt.
Rosenraum, geboren in den Rosen,
in den Rosen heimlich auferzogen,
und aus offnen Rosen zugegeben
groß wie Herzraum: dass wir auch nach draußen
fühlen dürfen in dem Raum der Rosen.
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