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Rahel Sanzara
Die glückliche Hand
Roman
Saga
I
Krankenschwester Lotte Schuhmacher aus Berlin hatte, wie sie selber sagte, ihre staatliche Prüfung nur mit Ach und Krach bestanden. Einer der examinierenden Ärzte hatte sogar ihre phlegmatischen und wie es ihm schien uninteressierten Bewegungen getadelt und verzweifelt den Kopf geschüttelt, als er sah, wie entschlusslos und beinahe bockig Lotte vor dem Patienten stand, einem allerdings ungewöhnlich großen, breiten Mann, dem sie einen spanischen Mantel – eine besonders komplizierte Ganzpackung – anlegen sollte. „Die armen Kranken, die da hilflos unter Ihre Finger kommen!“, meinte der Doktor ziemlich grob, während der Patient, dem die kleine brünette Lotte mit dem frischen, wenn auch etwas grobzügigen Gesicht und den ein wenig vorquellenden Schwarzkirschenaugen gefiel, ungeachtet seines Fiebers und seiner Schmerzen ihr gutmütig zuraunte: „Knien Sie sich doch einfach zu mir aufs Bett!“ – Dies tat Lotte, vom Blitze der Erleuchtung getroffen, denn auch sofort und brachte nun mit gänzlich unerwarteter Behändigkeit geschickt und kunstgerecht den spanischen Mantel zuwege. Da sie aus dem Lehrgang für Irren- und Nervösenpflege eine besondere Belobung für geduldigen und beruhigenden Umgang mit diesen Kranken vorzuweisen hatte, auch im Theoretischen verhältnismäßig gut abschnitt, war ihre Ausbildung – ein großes Geldopfer für ihre Eltern – also doch nicht umsonst gewesen, und anstatt als Tochter eines Maurerpoliers Dienstmädchen werden zu müssen – da Lotte es sich schrecklich dachte, etwa Büroangestellte oder Verkäuferin zu sein –, erreichte sie nach dem Wunsche der Mutter den Stand einer staatlich geprüften Krankenschwester, trug Häubchen, blaues Kleid und weiße Schürze, die kreuzgezeichnete Brosche einer Organisation.
Wohl freute sich Lotte über die Achtung, die Familie und Bekanntschaft ihr nun deutlich entgegenbrachten, doch war sie immer wieder am frohesten, wenn sie an ihren freien Tagen in ihre Zivilkleider schlüpfen, den unter der Haube straffgezogenen Scheitel lockern und ein wenig toupieren konnte. Ein paar winzige Stirnlöckchen brannte sie sich auch und kaufte sich von ihren ersten ersparten paar Mark eine rosa Seidenbluse, Lackhalbschuhe und Florstrümpfe mit Durchbruch à jour*. – Sie las leidenschaftlich gern Romane und Gedichte, ein stetes Ärgernis für die Mutter, indes der Vater begütigend meinte, dass die Bücher doch nun einmal geschrieben und gedruckt worden seien, um gelesen zu werden. – „Aber nicht von meiner Tochter!“, entschied die Mutter. „Das ist alles nur Satanswerk.“
Obwohl in der Großstadt aufgewachsen – im Gegensatz zu ihrem Manne, der vom Land hereingekommen war und seine Frau sich eigentlich ein bisschen flotter gedacht hatte, wie er einmal nach Jahren der Ehe sich und ihr eingestand –, so war die Mutter doch von strengen moralischen Ansichten und nach wahrer Frömmigkeit bestrebt. Sie hätte es richtig und in einem gewissen Hochmut auch so vornehm gefunden, wenn ihre Tochter einem Orden, und zwar einem möglichst strengen, beigetreten wäre. Aber obgleich die Mutter eine große Autorität über Mann und Kind besaß, konnte sie das von Lotte durchaus nicht erreichen.
„Du wirst dich doch nicht als Angestellte betrachten wollen, die für schlechtes Geld den Leuten die Nachttöpfe fortträgt“, so versuchte sie die Tochter zu überzeugen, „für Gehalt und klingende Münze hast du doch nicht so einen opfervollen Beruf erwählt! Denn das soll er sein, und da kannst du ihn nur um Gottes Lohn und Liebe erfüllen –“
„Wieso?“, widersprach Lotte naiv. „Du willst doch haben, dass ich die Kosten für meine Ausbildung zurückzahle, und man kann auch in einer freien Organisation seine Pflicht tun.“
„Gott kann solche Leiden doch nur geschickt haben, damit die Gesunden ihre Kräfte daran prüfen und das Gebot der Nächstenliebe erfüllen“, antwortete darauf die Mutter wie mehr in eigener Betrachtung, und, der erwähnten Geldfrage ausweichend, sich der Schilderungen Lottes aus der Zeit ihrer Pflege der Gemüts- und Geisteskranken erinnernd, deren Schrecknisse sie sich oft hervorrief, um ihren Glaubensstand daran zu prüfen.
Aber Lotte ging auf diese Abschweifung nicht ein. „Dann hätte ich ja gleich Nonne werden können, und dazu passe ich nun mal ganz bestimmt nicht!“, entschied sie klar und endgültig.
Lotte hatte also weder Begeisterung genug für ihren Beruf, um so weltabgewandt zu leben, wie die Mutter es sich wünschte, noch aber war sie auch besonders umgängig oder gar vergnügungssüchtig. Ihre ehemaligen Schulfreundinnen, dann ihre Kolleginnen in den Ausbildungskursen, alles echte Geschöpfe der Großstadt, fanden sie immer mehr langweilig und spießiger werdend, klagten, sie verderbe jedes Mal die schönsten Späße, weil sie kneife, und bei den übermütigen, oft gewagten Festen, mit denen die angehenden Krankenschwestern sich ihren Anteil an lockerer Lebensfreude gleichsam ihrem späteren, aufreibenden Beruf vorwegnahmen, warf man Lotte vor, sie sitze da wie ein Klotz. Nach und nach zogen sich alle Altersgenossinnen von ihr zurück. Neue Bekanntschaften schloss Lotte nur schwer, und obwohl alles in ihr träumte und auf ein Liebesglück wartete, blieb sie auch da in völliger Verlassenheit. Sei es, dass die dumpfe Schwere und Triebkraft ihrer Natur, wenn sie verspürt wurde, abschreckend wirkte, oder umgekehrt Lottes Schwerfälligkeit für Empfindungsmangel gehalten wurde – die Männer fühlten sich jedenfalls nicht sonderlich von ihr angezogen, und jene, die sich ihr keck oder ihr wahres Wesen verkennend und dem frischen, versprechenden Mädchenleib zustrebend nähern wollten, stießen wiederum Lotte meistens ab. Tanzveranstaltungen mit ihren sinnlichen Erregungen, überhaupt die Freiheiten des großstädtischen Lebens waren ihr widerwärtig, nicht aus Prüderie oder vorsätzlicher Tugend, sondern nur, weil sie ihre gestaltlosen, aber süßen Träumereien störten. Auch Filme und Theatervorstellungen sah sie nicht gern an, denn die Vorgänge waren ihr in den Dramen und Schauspielen entweder zu tragisch und bedrohten das Erfüllung versprechende Gefüge ihrer Welt, oder aber sie waren ihr auf der Leinwand zu deutlich und gegenwärtig im geschilderten Glück und trotz allem Happy End noch immer nicht verheißungsvoll genug. Fast ein Schrecken blieben für Lotte alle anreizenden, anpreisenden Plakate, denen sie doch von Kind an allüberall auf ihren Wegen begegnen musste. Sie kniff mit fast altjüngferlichem, überheblichem Kopfschütteln die Augen bei ihrem bunten Anblick zu, als verstände sie schon jetzt, in ihrer ersten Jugend, die Welt nicht mehr, und als sähe sie am liebsten das ganze regsame Leben um sie her in ein trächtiges Dunkel gehüllt. So verbrachte Lotte Jahre der sehnsüchtigen Leere und Einsamkeit, die sonderbar waren bei ihrer Jugend und im Grunde einfachen Natur.
Dagegen hatte sie über Verdienst Glück in ihrem Beruf. Sie fand ohne viele Mühen sofort Beschäftigung in einer größeren, gut geleiteten Privatklinik, in der berühmte Ärzte arbeiteten. Aber sie blieb im Innersten auch dabei unberührt; die mannigfaltigsten Schicksale, die sich vor ihr erfüllten, die oft so schweren Kämpfe auf Leben und Tod gingen ihr nicht allzu nahe. Schneller als sonst Anfänger in der Krankenpflege lernte es Lotte, nicht so sehr leidende Menschen in den Patienten zu sehen, als mehr klinisch schwerere oder leichtere Fälle, wie sie stolz nachsprach, und ihre Anstrengungen zielten von Anfang an hauptsächlich darauf hin, den Anordnungen der Ärzte gerecht zu werden und deren Zufriedenheit für wichtiger zu nehmen als die der Patienten, denn: War der Arzt zufrieden, mussten es die Kranken doch auch sein, war Lottes Überlegung. Jedoch verfiel sie auch nicht in eine der üblichen, verliebten Schwärmereien für den oder jenen der Ärzte, machte sich keine hoffnungslosen Illusionen, was ihr von der allezeit zu Neid und Eifersucht bereiten Schwesternkollegenschaft hoch angerechnet wurde. So war sie der Reihe nach auf fast allen Stationen der Klinik tätig, erfüllte, ihr seelisches Pfund wenn auch unbewusst für sich behaltend und hütend, überall immer gerade das Notwendige ihrer Pflichten, dieses allerdings tadellos. Zuletzt wurde sie auf ihren Wunsch, vorerst vertretungsweise, dann ständig zur Nachtwache der chirurgischen Abteilung verwendet.
Dieser Posten wurde ihr sehr lieb: Es gab nicht allzu viel zu tun, die ganz schweren Fälle hielten sich meist Privatschwestern, und selten widerfuhr ihr das Pech, wie sie es nannte, dass nachts eine Aufnahme kam. Ihre Gesundheit vertrug das Wachen ausgezeichnet, und ihre Vorgesetzten wussten es mit der Zeit besonders an Schwester Lotte zu schätzen, dass sie mit selten tadelloser Sicherheit entscheiden konnte, wann es wirklich nötig war, den Arzt zu wecken, oder ob dieses Verlangen etwa eines unruhigen Patienten ohne Gefahr zu umgehen und auszureden war. Es passierte ihr nie etwas, und die Oberschwester sowie die Assistenzärzte konnten sicher sein, dass es auch bei besorgten Anlässen in Ordnung war, wenn Lotte sie nicht rief. Man trug ihr also diesen Posten für die Dauer an, und sie willigte gern ein.
So döste sie nun in der Regel Nacht für Nacht und träumte Stunde um Stunde in dem Lehnsessel des kleinen, stillen, mit hellblauer Ölfarbe gestrichenen, nur von einer Nachttischlampe erhellten Wachzimmers vor sich hin, eine Handarbeit oder, weit öfter, ein Buch in den Händen. Sie las durchschnittlich jede Woche einen Band aus der kleinen Bibliothek der Klinik, und es machte ihr keinen Unterschied aus, ob es die Palmblätter von Gerok, die ägyptische Königstochter von Ebers, der Kampf um Rom von Felix Dahn, oder ob es die Gedichte von Mirza Schaffy, die Landgräfin, „Seine zweite Frau“, von Marlitt war: Keines der Themen, der mitgeteilten Gefühle und dargestellten Schicksale erregten ihre tiefere Anteilnahme. Gleichwohl hafteten ganze Absätze, irgendwelche Satzpartien, Gedichte und Verszeilen dessen, was sie da in stumpfer Lesegier verschlang, in ihrem Gedächtnis fest, führten hier eine Art selbstständigen Lebens, ihr Innerstes umkreisend, das nach wie vor nur erfüllt war von einem bald drängenden, bald ziehenden Sehnsuchtsempfinden, von einem saugenden, gierigen Lauern auf etwas, das sie nicht hätte benennen können. Aber sie hatte auch gar kein Verlangen, sich darüber oder über sich selbst klar zu sein.
Ertönte einmal die Glocke, so zog sie nachtwandlerisch in das betreffende Krankenzimmer, setzte den an sie gerichteten Klagen oder Schmerzenslauten meist einen gedämpften, unartikulierten, beruhigenden und wie es schien eingehenden Laut entgegen, ungefähr wie uhjah, – ohhum, – weh-wei, – nililimm –, oder schnalzte bei besonders eindringlich vorgebrachten, vermutlich auch etwas übertriebenen Leidensbeteuerungen mit der Zunge, als vernähme sie da etwas ganz Verwundernswürdiges, und die Patienten mussten oft genug wider Willen über sie lachen. Im Übrigen kam Lotte den Bitten des Kranken mit sicheren, wenn auch etwas langsamen Bewegungen nach, sobald sie es für richtig befand, diese Bitten zu erfüllen. Sie ließ sich eben durch kein noch so beängstigendes Zeichen täuschen oder erschrecken, gab die Morphiumspritze, den Kampher wirklich nur, wenn es nötig war, und behielt in ihrer gewissen Unzugänglichkeit stets und immer recht gegen den aufgeregten, überbesorgten, oft unvernünftigen Patienten. Ihr kaltblütiges Wesen fing nach einer Zeit, in der es eine beinahe ärgerliche Verwunderung erregt hatte, an, Lottes Umgebung zu imponieren. Es wurde ihr lange nicht vergessen und gewissermaßen als Ruhmestat angerechnet, wie sie als Erste den Tobsuchtsanfall eines nach der Operation aus der Narkose zu sich kommenden Alkoholikers richtig erkannte. Sie war in noch ziemlich früher Abendstunde zum Abtransport aus dem Operationssaal zu Hilfe gerufen worden und machte sofort den sich eben entfernen wollenden Assistenzarzt auf ihren Verdacht aufmerksam. Doch man bedeutete ihr, dass der Patient für eine solche Befürchtung viel zu leicht eingeschlafen sei und die Narkose jetzt auch noch anhalten müsse. Mit dieser Beruhigung verschwand der nach einem besonders arbeitsreichen Tage müde Doktor in dem Fahrstuhl. Lotte aber ließ den noch anwesenden Pfleger in die Pförtnerloge um den Arzt telefonieren, als der Tobende gerade erst begann, mit seinen noch festgeschnallten Gliedern zu zucken, allerdings so, dass der ganze Operationstisch in Bewegung geriet. Als Arzt und Wärter den Raum wieder betreten wollten, fanden sie Lotte am Wasserhahn stehen, an dem sie geschwind einen Spülschlauch angebracht hatte, dessen Strahl sie ruhig und zielsicher gegen den Kranken gerichtet hielt, der sich längst von allen Fesseln befreit hatte und mit übermenschlichen Kräften gerade den gläsernen Instrumentenschrank gegen das große Operationsfenster schleuderte. – „Raus, Lotte, raus!“, rief man ihr zu, im Bestreben, fürs Erste das Zimmer mit dem Unbändigen abzusperren. Doch Lotte war anderer Ansicht. – „Der lässt schon nach!“, schrie sie durch das Getöse zurück, und zielte mit ihrem gar nicht so sehr starken Strahl möglichst gegen die Brust und Herzgegend des nackt, in einem Gipsverband um den gebrochenen rechten Unterschenkel, wankend umherstampfenden Patienten, nachdem sie ihm bisher den Kopf begossen hatte. – „Packt ihn doch! Das ganze frische Zuckerbein geht ja kaputt!“ – Unwillkürlich gehorchte man ihr, und mit Unterstützung einiger noch herbeigeeilter Hilfskräfte suchte man den Tobenden zu packen, und triefend vor Nässe allesamt – denn Lotte kam von ihrer Idee, Wasser zu spritzen, nun schwer wieder ab –, konnte der arme Kranke endlich wieder zur Raison gebracht werden. Und während die anderen, halb entsetzt, halb lachend, noch ganz außer sich waren, mahnte Lotte, nur nicht zu vergessen, möglichst zeitig in der Morgenröte nach den durchs Fenster gefeuerten Instrumenten zu suchen, die zwischen den Glassplittern im Klinikgarten liegen mussten, dann kehrte sie in ihre ruhige, dämmerige Wachstube, zu ihren webenden Träumereien zurück. – So tat sie eben doch stets alles, was getan werden musste, sie tat es korrekt und ohne Aufhebens davon zu machen, und ihre geistige und seelische Abwesenheit wurde für disziplinierte Ruhe und immer mehr für Überlegenheit gehalten.
„Schwester Lotte verliert die Ruhe nicht, mag da sein was will, sie ist ein rechtes Vorbild: Sie reibt sich nicht auf, klappt nicht zusammen und hat eine glückliche Hand!“, – so lobte vor allem die gewichtige, im Dienst altersergraute Oberschwester Laura.
Nur einmal war Lotte von Berufs wegen erzittert und erblasst, und das geschah, als man ihr den Fall eines vierjährigen Kindes berichtete, das in diesem zarten Alter bereits an einer Krebsgeschwulst operiert werden musste. – „Gott sei Dank, dass ich da nicht pflegen muss“, sagte sie mit ganz erloschener Stimme, „kranke Kinder, und so krank, das dürfte es überhaupt in der ganzen Welt nicht geben!“ – Es griff wirklich so nach ihrem Innersten, dass sie in einem durch Tage hindurch immer wieder in ihr auflebenden Erbeben sich selbst wie verstärkt existieren fühlte, und dass sie in einer solchen Bewegung für ein paar Minuten lang sogar den Entschluss fasste, mit der Mutter darüber zu sprechen, sie zu fragen, wie sie solches wohl mit ihrem Glauben vereinen könne. Sie tat es zuletzt doch nicht, denn es war ja nur wie eine angstvolle Wissbegierde in ihr, wie eine Sorge um Schutz der Seele in diesem einen Punkte Kinderleid – im Grunde zweifelte Lotte weder, noch glaubte sie in ihrem stillen Hoffen und Harren. – Merkwürdigerweise hatte sie das Glück, während all dieser Zeit nie ein Kind unter ihren Pfleglingen zu haben.
Tagsüber schlief Lotte daheim im elterlichen Schlafzimmer, stand am späten Nachmittag gähnend auf, konnte es aber nie unterlassen, für die zwei Stunden, die ihr noch bis Dienstantritt blieben, sich mit ihren bescheidenen Zivilkleidern anzuputzen und irgendeinen Gang zu tun, eine kleine Besorgung für sich oder die Mutter zu machen, für die sie jedes Mal eine unverhältnismäßig lange Zeit brauchte. Dann legte sie ihre Dienstkleidung an und ging in die Klinik. – Auf diese Weise vergingen zwei Jahre, und der Zwiespalt in Lottes Seele, der sich bis in ihren Beruf hineinzog, dem Beruf, welchem sie ja doch, ohne dass er ihr Freude oder tiefere Befriedigung zurückgab, gerecht wurde und einen großen Teil ihrer Daseinskraft hingab – dieser Zwiespalt, dem sie noch dazu ahnungslos und hilflos gegenüberstand, höhlte sie gleichsam innerlich aus und zeigte sich schließlich auch in einem gewissen Verfall ihrer körperlichen Kräfte an. Lotte wurde blutarm und bleichsüchtig, aß kaum, und ihr Schlafbedürfnis ward derart gesteigert, dass sie nun auch dem Wachposten nicht mehr recht gewachsen schien, sich selbst nicht mehr traute und sich einen Wecker auf den Tisch stellte, dessen Läutewerk sie jede Stunde abschnurren ließ, auf alle Fälle. – Da Lotte nun gerade durch die Passivität ihres Wesens das Interesse gewisser Menschen an sich rege machte, erhielt sie durch Vermittlung der um ihre Gesundheit besorgten Oberschwester Laura eine Privatpflege auf einem Landsitz zugewiesen.
Bei den Vorbereitungen zu dieser Übersiedlung ließ sie sich von der Aufregung der Eltern, die ihr einziges Kind noch nie so weit von sich gelassen hatten, wie die Mutter sich ausdrückte, anstecken. Das dumpf Erwartungsvolle in Lotte erhellte sich zu einer Art Gewissheit der Erfüllung, und in einem zaghaften Übermut meinte die Tochter zu den Eltern: „Passt auf, ich komme überhaupt nicht wieder in eure Steinwüste zurück, mir blüht das Glück auf dem freien Lande!“ – Worauf ihr Vater lachte und meinte, hoffentlich blühe es nicht gerade auf einem saftigen Misthaufen, vor dem die Städter immer gerne die Nase gerümpft hätten, dessen entsinne er sich noch genau, während die Mutter ihre Tochter verwies: „Glück ist erfüllte Pflicht, und die ist überall gleich schwer!“, und Lotte möge sich nur ja recht zusammennehmen, denn dort habe sie, anders als in der Klinik, jede Verantwortung allein zu tragen.
Aber Lotte hatte dort in der Hauptsache nur einen alten, halb blinden Patienten in einem ausgedehnten, herrlichen Park und in den Wäldern spazieren zu führen, die das ihm zugehörende Gut umgaben. Er war ein Mensch, der viel schwieg, der, dem Leben ziemlich abgewandt, dem Geschick dankbar war für sein geschwächtes Gesicht und nun auch möglichst nichts mehr hören wollte von der Welt. Einzig aus den sich mit den Tages- und Jahreszeiten wandelnden Gerüchen und geheimnisvollen, nicht mit plumpen Sinnen aufzunehmenden Lauten der Natur – (Geheimnissen, die allein seiner Meinung nach sich zu enträtseln verlohnen könnten) – empfing der alte Herr noch Lebensfreude und Anregung und durchstreifte darum mit einer fast strengen Gewissenhaftigkeit täglich nach abgemessenen Stunden in Begleitung Lottes Wiese, Wald und Feld. Er hätte keine andere Pflegerin so gut ertragen können wie sie, die ebenso wenig sprach und ebenso wenig an dem Getriebe der Welt interessiert war wie er. Lotte blieb über ein Jahr bei ihm, ihre Gesundheit war bald wieder hergestellt, sie sah blühend aus, und zum Schlusse dieser Zeit stand sie vor ihrer Niederkunft.
Die Geschichte ihrer Verführung gleicht der ihres bisherigen Lebens: Stumpf, unerweckt war Lotte den Weg von einem unberührten Mädchen bis zur gebärenden Frau gegangen. Das Wirtschaftsfräulein vom Gute hatte sie mit auf ein Kirchweihfest gelockt, welches das Fräulein ohne Begleitung nicht hatte besuchen mögen. Lotte hatte, wenn auch unter Gesten der Enttäuschung über einen so vulgären Zweck, von ihrem Patienten frei bekommen, war mitgegangen, hatte mitgetrunken, mitgetanzt – hatte wie alle anderen schwer und heiß, wenn auch ohne die allgemeine Freudigkeit, in den Armen verschiedener Tänzer gelegen, deren gerötete Gesichter sie wie in einer halb quälenden, halb wohligen Benommenheit kaum hatte unterscheiden können. Nur einmal, als sie sich besonders fest in der Taille umpresst fühlte, fiel ihr im wirbligen Drehen eines wilden Galopps ein lockiges Hinterhaupt dicht neben ihrer Wange deutlich auf, doch schnell gingen ihr Blick und klareres Bewusstsein in Gewühl und Dunst des Festes wieder unter. Und so hatte sie sich schließlich mit hinausziehen lassen in eine schwüle, schwarze, dennoch schon frühherbstlich matte Nacht – hatte sich, in einer Art gespannter Erschöpfung auf den Füßen taumelnd und leicht nachgebend, auf die von der Hitze des Tages noch warme Erde niederdrücken lassen, hatte, während sie unter Lachen ihr Gesicht vor einem heißen, fremden Atem wegwendend zu retten suchte, wollüstig-schweren Druck auf ihrer Brust verspürt, ein Aufhämmern in allen ihren Adern, auch einen irgendwie aufstechenden Schmerz in ihrem Leib. Ein leises, dunkles Lachen, das sie fern und fremd ihrer eigenen Kehle entströmen hörte, hielt sie jedoch wie in einem betäubenden Rausch. Zuletzt wollte wohl ein tiefer Schauder sie aufmahnen, sie wie vor einer namenlosen Gefahr aufjagen, aber ehe sie sich noch gegen das Dunkle, sie machtvoll Umschlingende aufbäumen konnte, war alles wieder ruhig, Mahnung, Schauder, Pein und Lachen still, alles war wieder fern und frei, sie allein und sie immer und stets. Verträumter denn je hatte sie sich in dem hellen Saal, unter der schmetternden Musik auf einmal tanzend zwischen den tanzenden Paaren wiedergefunden, und erst auf dem Heimwege mit dem Wirtschaftsfräulein, das mit ihrem Verehrer hinter ihr hergegangen, während Lotte allein vorausgeschritten war, hatte sie von ungefähr empfunden, dass es sich so schön ging auf der Erde wie noch nie und dass das zehrend Lauernde in ihr plötzlich nicht mehr da war.
Von nun ab war Lottes Wesen wie von einem starken Druck befreit, und sie lebte in einer fast leichtsinnigen Zufriedenheit in die nächste Zeit hinein, in der sie heimlich, ohne sich jemandem anzuvertrauen, ihre Schwangerschaft ertrug und verbarg. Erst als sie bereits die Regungen des Kindes verspürte, ward sie bedachter und auf ihre Weise auch aktiv. Sie hatte immer ihr Gehalt fast ohne Abzug über Vereinbarung nach Hause geschickt, wo es die Mutter auf eine Sparkasse trug. Jetzt behielt Lotte über die Hälfte des Geldes zurück, trotz der empörten Fragen und Vorwürfe der Mutter, auf welche die Tochter in ihren Briefen, was sie früher nie gewagt hätte, einfach nicht einging.
II
Lottes Gemüt war völlig ruhig und ausgeglichen, ihre Gestalt nur wenig verändert, sie umwickelte den Leib außerdem noch mit Binden und schaffte sich weite, formlose Kittelschürzen an. Gesundheitlich ertrug sie ihren Zustand ohne jede Beschwerde. Als sie zur herangekommenen Zeit ein erstes, kurzes und schnell vorübergehendes krampfartiges Ziehen im Kreuz verspürte, machte sie sich auf, wanderte nachts eine Stunde weit ins Dorf und vertraute sich der Hebamme an. Diese meinte, es wären mindestens noch vierundzwanzig Stunden Zeit, und versprach Lotte, nachdem diese ihr ein Fünfmarkstück zugesteckt hatte, sich ihrer anzunehmen und auch schleunigst eine Pflegestatt für das Kind zu suchen. Lotte ging wieder zurück, ohne jede Besorgnis vor dem Kommenden, freilich auch ohne jedes Bedenken Vater, Mutter oder denen gegenüber, denen sie verbunden und verpflichtet war. In einem heiligen Egoismus schlief sie den Rest der Nacht gut, doch als sie ihren Patienten am nächsten Vormittag spazieren führte, ward sie sich an einem Zeichen bewusst, dass die Geburt begann. Sie konnte sich nicht anders helfen, als dass sie den alten Herrn zur nächsten Bank führte, ihn sich dort niederzusetzen zwang, um dann trotz seines Murrens unter einer flüchtigen Entschuldigung ins Haus zurückzueilen.
Die Beschwerden der ersten Wehen kamen, gingen vorüber, kamen wieder, vergingen noch einmal, indes Lotte ihren Dienst weiter versehen musste. Nachts endlich schlich sie sich wieder aus dem Haus, weil sie Stöhnen und Schreie kaum noch unterdrücken konnte. Sie hatte sich ein paar Handtücher unter den Arm gedrückt und ihr weites, schwarzes Schwesterncape genommen.
Der Hofhund blaffte auf, als sie aus dem ebenerdigen Fenster der Waschküche ins Freie kletterte, und sie musste ihn unter Krämpfen und unterdrücktem Stöhnen durch Koselaute beruhigen. Sie gelangte noch in das nächste Kornfeld, wo zwischen junigrünen, doch schon beinahe mannshohen Halmen der in Gebärkrämpfen zuckende und arbeitende Leib sie in die Knie zwang. In letzter Überlegung hob Lotte die Kleider von sich ab, um sie möglichst sauber zu halten, und dann, kniend, stöhnend, mit geschulter Hand ihren Leib pressend, gab sie neues Leben von sich. Bald konnte sie das Kind erkennen, erblickte alle Gebilde der Geburt so vollkommen vor sich, wie sie es auf den Lehrtafeln normale Geburt als angehende Krankenschwester gesehen, aber in den Pflegejahren praktisch nie erfahren hatte.
Das Kind schrie sofort kräftig auf – von einem Himmel in lichter Nachtbläue leuchtete auf Mutter und Kind ein Mond herab, abnehmend im ersten Viertel. Erregt flatterten und schrien aufgescheuchte Lerchen durch die Halme, deren Nester in der Nähe waren. – Lotte presste eines der Handtücher gegen den blutenden Leib, das andere warf sie über das Kind, dann sank sie, von Schwäche überwältigt, auf den Rücken, schloss die Augen, und für eine Weile verging ihr das Wimmern des Neugeborenen. Die Nachwehen weckten sie wieder auf, von Neuem massierte und drückte sie ihren Leib, bis sich auch der letzte Akt der Geburt vollzogen hatte. Sie holte aus ihrer Tasche ein Messer hervor, das sie immer bei sich hatte, um für ihren Patienten Blumen oder Reiser abzuschneiden, damit entnabelte sie das Kind, verband die Wunde mit ihrem Taschentuch, hüllte das still gewordene, winzige Wesen fester in das Handtuch ein, klopfte es zart auf Rücken und Gliederchen – und endlich öffnete sie ihre Taille und legte das Neugeborene, entgegen der ihr bekannten Lehre der modernen Säuglingspflege, die das Kind in den ersten vierundzwanzig Stunden so gut wie fasten ließ, an die harte, heiße, längst der Entlastung harrende Brust. Zu ihrem Glück und ihrem Erstaunen begann das Kind auch sofort geschickt und kräftig zu saugen, und nach anfänglichem Schmerz durchzitterte die Mutter ein solches Gefühl der Wonne, die stumpfe und verträumte Seele durchbebte ein solches Glück, den ganzen Menschen durchfuhr ein so seliges Empfinden seiner selbst und seines Daseins, dass Lotte den Kopf zurückbog, und mit Augen, in denen stille Tränen standen, zum Himmel aufblickte, zu den flimmernden Sternen, zu dem schwimmenden Mond.
Der Mond brachte sie wieder zu sich. „Es ist ja abnehmender Mond“, dachte sie erschrocken, und irgendeine uralte Lehre im Blut, hatte sie plötzlich Angst, dass dies kein gutes Zeichen für das Neugeborene sei. Vorsichtig löste sie den saugenden Mund von ihrer Brust, wickelte das Kind aus dem Tuch und besah sich genau und angstvoll forschend den kleinen, blutig verschmierten Leib. Sie erkannte nun, dass das Kind ein Knabe war, zählte Fingerchen und Zehen, bewegte die Gelenke, weichte mit Speichel die verklebten Liderchen auf, Silbernitratlösung zum Einträufeln in das Auge des Neugeborenen habe ich nun einmal nicht, schoss es ihr von ferne durch den Kopf, dann öffnete sie den winzigen Mund und prüfte nach, ob die Zunge locker sei. – Zuletzt schoss Stolz in ihr hoch. „Ein Junge“, dachte sie, „und so kräftig und so schön, gar kein bisschen verdrückt das Köpfchen.“
Sie hüllte das Kind wieder ein, hielt es auf den Armen und blieb so im Kornfeld sitzen, lichte, laue Nacht um sich – die Lerchen waren wieder ruhig geworden, kein Grillengezirp, kein fernes Froschquaken war mehr zu vernehmen. Die Mutter hörte nur ihr Herz aufgeregt und stürmisch klopfen in der Stille, und plötzlich überwältigte sie eine Ahnung von alledem, was sie bisher nie verspürt, was bis zu diesem Tag nicht mitgewachsen war mit ihrem Wachsen: Des Lebens Vielfalt, des Lebens Härte, der Kampf des Daseins, die Wonne des Mutes, des Lebens Glück und Schönheit – alles auf einmal, zu viel, um selbst jetzt wirklich Wurzel in ihr zu fassen, aber genug, um sie aus ihrer Entrückung in eine veränderte, reichere Wirklichkeit zurückzubringen.
Sie wollte aufstehen; vorsichtig erhob sie sich erst auf die Knie, dann kam sie mühsam auf die Füße. Leib und Beine waren noch wie im Krampf, schmerzhaft und ungelenk, hölzern schwankte ihr ganzer Körper. Als sie sich niederbeugte, das Kind aufzuheben, wurde ihr schwarz vor den Augen, und wie blind erfasste sie das kleine Bündel, während sie das Blut in Stößen aus ihrem Leibe fluten fühlte. Aber sie hielt sich aufrecht. – Lange dauerte es, bis sie ihre Kleider geordnet hatte, dann barg sie das schlummernde, sanfte Lebenswärme aushauchende Kind unter dem weiten, schwarzen Cape und setzte sich in Gang. Sie setzte vorsichtig Schritt vor Schritt mit aneinandergepressten Beinen, um nach Möglichkeit das Blut zurückzuhalten. Die jungen weichen Halme umschmiegten und umstreiften sie bis zur Brust, und wehe empfand sie es plötzlich, dass sie unter ihren Füßen einige von ihnen zertrat. Irgendwelches Nachtgetier huschte fliehend vor ihren Schritten weg, ab und zu piepste und schrie es angstvoll auf um sie her, dann war wieder nur das leise Streifen und Rascheln der Halme in der Stille.
Endlich gelangte Lotte auf die Landstraße. Hier fühlte sie sich entblößt und ohne jeden Schutz. Angstvoll um sich spähend, Menschen und Gefahren fürchtend, hastete sie jetzt vorwärts, nicht mehr auf ihren Zustand achtend, eine immer neu einströmende Kraft von der kleinen, warmen Last auf ihren Armen gewinnend. Sie kam ohne Zwischenfälle und ohne, dass sie jemandem begegnete, im Dorf bei der Hebamme an, welche, ohne weiter zu fragen, ihr das Kind abnahm, ihr aus den Kleidern half und sie auf das noch warme Bett legen ließ, dem sie selber eben entstiegen war, neben ihren nach kurzem Aufblinzeln ruhig weiter schnarchenden Mann.
Die weise Frau wollte kaum glauben, dass auch die Nachgeburt schon erfolgt sei, doch vor der sachgemäßen Schilderung der Krankenschwester mussten ihre Zweifel schwinden. Sie verabreichte also der Wöchnerin einen zusammenziehenden Tee, der die zum Glück schon verminderte Blutung fast gänzlich zum Stillstand bringen half; sie badete das Kind, das mit kräftigem Gequäke auf diese Prozedur antwortete, so dass sich der schlafende Mann brummend von der einen Seite auf die andere warf. Um dem Kind den Mund zu stopfen, wurde es an die Brust der Mutter gelegt, und in der augenblicklich eintretenden Stille schlief die erschöpfte Wöchnerin ein.
Als Lotte wieder geweckt wurde, legte sich zwar instinktiv ihre Hand um den winzigen Körper an ihrer Brust, doch sie wusste eine geraume Weile nicht, was mit ihr geschehen war. Sie starrte mit abwesendem Blick ihrer feucht glänzenden Schwarzkirschenaugen der Hebamme ins Gesicht und versuchte sich aufzurichten – doch ihr Kreuz schmerzte, als sei es zerbrochen, und das machte ihr wieder alles klar.
Es ging in die dritte Stunde des Morgens, und die Hebamme fragte, was nun geschehen solle. Die Petroleumlampe war schon verlöscht, dämmriges Licht von einem weißgrauen Himmel drang durch die kleinen Fenster in die von muffiger Luft erfüllte Bauernschlafstube.
Die Wöchnerin war sehr bleich, doch ihr Gesicht war ruhig und fest, nicht so aus den Fugen, wie sonst meist die Züge der Frauen nach Geburten vor der Hebamme erschienen waren. Auch der Knabe war nicht mehr so unmenschlich gerötet, sein Gesichtchen schon sehr fein und glatt. Er schlief, die Fäustchen vor die Augen gepresst, ein unbegreifliches Wunder der Mutter, die ihn hervorgebracht hatte. Trotzdem erhärtete sich in Lotte jetzt nur der eine Gedanke, dass sie fort müsse von da und alles tun, um ihre bürgerliche Existenz zu behaupten. Sie suchte nach ihrer Rocktasche, zog das Portmonee hervor, gab der Hebamme Geld.
„Ich muss aufs Gut zurück, wird es gehen?“
„Warum nicht?“, antwortete die weise Frau gleichmütig, „das ist schon mehr als einmal gegangen. Eure Großmagd hat ein Kind gekriegt, da hat auch keiner was davon gemerkt.“
„Was, unsere Pauline?“, fragte Lotte erstaunt und getröstet zugleich.
„Natürlich! Ist jetzt schon drei Jahre alt, die Göre! Na, Sie werden ja wohl auch den Mund darüber halten. – Geben Sie noch etwas Geld, damit ich Kinderwäsche besorgen kann, das Wurm kann doch nicht immer nur in Laken eingewickelt bleiben.“
Lotte gab von Neuem Geld, sie hatte sich wohlweislich reichlich davon eingesteckt. Daraufhin kramte die Hebamme eine sichtbar schon getragene, ziemlich angeschmutzte Gummileibbinde hervor und passte sie durch Abstecken mit Sicherheitsnadeln Lotte an, nachdem sie ihr vorher das schmerzende, wie gelähmte Kreuz und die Beine mit einem Lebenselixier eingerieben hatte.
„Können Sie neun Mark die Woche zahlen, so weiß ich eine gute Pflegestätte für das Kind“, sagte sie dabei.
„Doch, das kann ich!“, erwiderte Lotte, zu jedem Opfer bereit –, und wenn ich es dem Alten aus der Tasche mause, dachte sie für sich –, „ich muss nur meine Stellung behalten, dann kann ich es zahlen“, fügte sie laut hinzu.
„Na ja, ’ne ganze Weile wird das schon gehen“, meinte die Hebamme, „wir können eben nur das Kind nicht gleich taufen lassen, aber es sieht ja auch so gesund und kräftig aus, wird schon nicht gleich als Heide sterben – das Beste ist ja, es bleibt vorläufig in Ihrer Nähe, da können Sie es auch ab und zu stillen, Sie haben ja Milch wie eine Kuh, steigt Ihnen ja sonst zu Kopf, das Zeug. Dann später können wir das Wurm weiter weg geben und taufen lassen.“
„Ich kann’s doch nicht weit weggeben“, murmelte Lotte schwach, aber voll unerschütterlicher Bestimmtheit vor sich hin.
„Na, dann kommt’s eben heraus“, meinte die weise Frau gleichmütig.
„Ja, wie hat’s denn die Pauline gemacht?“, fragte Lotte, begierig nach einem Ausweg.
„Die hat’s am dritten Tag ihrer Mutter hingebracht“, berichtete die Hebamme, und jetzt war eine gewisse lauernde Neugier in ihrer Stimme.
„Ach, du lieber Gott“, seufzte Lotte schwer, der diese Möglichkeit gerade das Ohr, nicht aber den Sinn streifte, indessen sie sich unter den nachhelfenden Händen der Frau aufrichtete, aus dem Bett stieg und taumelnd auf ihre Füße zu stehen kam. Während die Frau ihr die Kleider wieder überwarf, waren die Augen der Wöchnerin festgesaugt an dem nun in eine ausgewaschene graublaue Barchentwindel gewickelten Kind, dessen tiefrosafarbenes Köpfchen in der Dämmerung leuchtete wie die aufbrechende Knospe einer roten Blume.
Ahnungslos trug Lotte ihr Geschick: Dass niemand teilnahm an dem Glück ihrer Mutterschaft, dass kein Mann dankbar ihren vom Gebären müden Leib umfing, kein Gatte ihr bleiches, hold verwandeltes und belebtes Gesicht betrachtete, kein Vaterblick ihr Neugeborenes umfasste. Sie musste sich von der Hebamme auf- und vorwärtstreiben lassen und wanderte nach ihrem Befehl, um zu üben, zweimal die Stube auf und ab – daraufhin wurde ihr aber so schwach, dass sie sich auf den nächsten Stuhl niedersetzen musste.
„Geben Sie noch eine Mark, dann bringt mein Mann Sie nach Hause“, schlug die Hebamme vor. Lotte gab. Die Frau trat an das Bett des tief schlafenden Mannes, rüttelte ihn an den Schultern, riss an seinen Ohren, bis er mit einem Fluch aufsprang. Er blickte in der grauen Morgendämmerung wild und wütend um sich, als er aber die halb ohnmächtige, in sich zusammengesunkene Gestalt Lottes sah und ihm seine Frau außerdem noch das Markstück vor die noch verschlafenen Augen hielt, um es dann allerdings schleunigst in ihre Schürzentasche verschwinden zu lassen – da besänftigte sich der Zorn des Mannes. Während er sich nun in aller Hast ankleidete, legte die Hebamme das Kind noch einmal an die Brust der Mutter, rüttelte und schüttelte es aus seinem Schlaf auf, bis endlich auch der winzige Mund zu saugen begann; doch nach wenigen Zügen war das kleine Wesen wieder in Schlaf versunken.
Für die Mutter aber war es, als hätte dieses kurze Saugen ihr statt Kraft genommen neue Kraft eingegeben, denn als man das Kind ihr wieder fortnahm, stand sie auf und ging sicher und eilig zur Tür. Sie war plötzlich aufgeregt und sehr besorgt, ungesehen vor dem Morgen nach Hause zu kommen. Die Hebamme steckte ihr schnell noch etwas von dem zusammenziehenden Tee zu, auch Lebensöl, das in Tropfen genommen werden sollte gegen die Schwäche.
In dem Augenblick, als die Mutter über die Schwelle der Tür schritt, schrie das Kind mit jammervollen Quaklauten aus seinem Schlafe auf, und dieser Schrei durchfuhr Lotte bis ins Tiefste: Ihr Herz wurde wie von innen geschlagen, ihr Blut in den Adern wurde getroffen, bis in die Fingerspitzen riss es an ihren Nerven. Alles war Schmerz und Glück zugleich. Glück war es durch die tiefe Gewissheit, dass dieser wimmernde Schrei in der ganzen Welt nur ihr gelten konnte, und Schmerz war es, mit diesem Schrei im Ohr davoneilen zu müssen, als fliehe sie ihn, während doch alles in ihr drängte und dazu trieb, diesen süßen Laut noch mehr und länger in sich aufzunehmen, so lange, bis er nur noch in ihr klang, ihr Kind aber ruhig war, Schutz und Wärme und Nahrung in ihren Armen hatte.
III
Sie wurde hinausgeschoben vor das Haus. Da stand im Dämmern der Mann, einen niedrigen, einräderigen, notdürftig mit einer zusammengelegten Decke gepolsterten Schubkarren in den kräftigen Fäusten. Gehorsam nahm Lotte darauf Platz, und sofort setzte sich der Mann mit ihr in Trab, durchrannte, keuchend mit offenem Munde, in einem Lauf die Strecke vom Dorf bis zum Gutshofe, während Lotte vornübergebeugt dahockte und die Hände fest gegen ihren Leib presste, um ihn vor den Stößen des Karrens zu schützen. Es war ein Wunder und Lottes Glück, dass sie in dieser Sommerfrühe ungesehen an ihrem Ziel anlangten. Überall krähten schon kräftig die Hähne, der Mond und die Sterne, die der Geburt geleuchtet hatten, waren längst hinabgegangen, und kaum war es Lotte gelungen, ganz verwirrt von dem Toben des Hundes an seiner Kette, und mit Hilfe des Mannes, dessen Atem vor Anstrengung pfiff und röchelte, wieder durch das Waschküchenfenster ins Haus zu kommen, und kaum war sie in ihrem Stübchen auf ihr Bett gesunken, als alles um sie her erwachte, und die Arbeit auf dem Hofe begann. Während sie einschlief, quälte sie noch die aufspringende Befürchtung, ob ihr netter alter Herr in der Nacht nicht etwa nach ihr verlangt habe, obwohl das bis jetzt niemals vorgekommen war.
Sie schlief tief, bis man sie mit der Nachricht weckte, der Herr Baron rufe schon lange nach seinem Bad. Es war schwer für Lotte, ihre Gedanken zu ordnen, sich mit Geistesgegenwart zu wappnen und ihren schmerzenden, ruhesüchtigen Körper in Bewegung zu bringen. Aber schließlich gelang ihr alles. Da es ein Regentag war, brauchte sie ihren Patienten nur die kleine Tour spazieren zu führen, sie machte es ihm dann in seinem Lehnstuhl bequem, las ihm die Zeitung vor, worüber der alte Philosoph, die täglichen Dummheiten der Menschen gelangweilt ablehnend, bald eingeschlafen war. Sowie sie dies gewahr geworden, schlüpfte Lotte in ihr Zimmer, und in einer emaillenen tiefen Seifenschale kochte sie sich über dem Zylinder der Petroleumlampe etwas von dem Tee, den ihr die Hebamme mitgegeben hatte, denn er tat ihr gut gegen die ziehenden Schmerzen im Leib und gegen das Stechen im Kreuz.
Um die Mittagszeit, als sie ihre Freistunden hatte, lief sie, nun schon wieder im Besitz ihrer vollen Beweglichkeit, wenn auch nicht Kraft, ins Dorf. Sie sah ihr Kind wieder, als hätte sie bis jetzt nur von ihm geträumt und sähe es nun zum ersten Mal in der Wirklichkeit. Sie riss es an die Brust, die sich eben noch hob und senkte von dem eiligen Lauf, aber wie mit einem Schlag in wollüstige Ruhe und Unbeweglichkeit gebannt war, als der Mund des Säuglings sie berührte. Das Kind war nun in Hemdchen und Jäckchen gekleidet, sauber, wenn auch ärmlich und schmucklos eingebündelt. Zehn Tage lang wollte es die Hebamme noch bei sich behalten, da sie sonst nicht viel zu tun hatte, dann aber sollte es an eine andere Pflegestatt kommen.
Diese zehn Tage waren eine glückliche Zeit für Lotte. Sie brachte es fertig, teils heimlich, teils unter allen erdenklichen Vorwänden, vom frühen, noch dämmernden Morgen an bis zur dunklen Abendstunde gerechnet, dreimal, oft viermal an jedem Tag ins Dorf zu eilen, um das Kind zu sehen und zu nähren. In der Zwischenzeit flößte ihm die Hebamme Zuckerwasser und Mehlsuppe ein, und der kleine Körper rundete sich schnell, wurde glatt und rosig. Manchmal hielt das Kind beim Saugen die Augen schon geöffnet und sah mit unbewegtem und unergründlichem Blick die Mutter an, so dass sie erschauerte.
Am vierten Tag schickte die Hebamme Lotte aus, um das Kind von Amts wegen anzumelden. Der junge Gendarmeriebeamte wurde bei der Personalaufnahme rot für sie, Lotte dagegen war sich ihrer für diese Zeit und Gegend, besonders auch für ihren Stand sehr peinlichen Situation gar nicht bewusst, wurde nur verlegen und hilflos, als sie nach dem Namen gefragt wurde, den sie dem Kind geben wolle. Schließlich stotterte sie den Namen ihres Vaters hervor, und der Beamte trug ein: Hermann Schuhmacher, Sohn der unverehelichten Charlotte Schuhmacher aus Berlin.
Auch danach änderte sich im äußeren Leben von Lotte noch nichts, das Kind blieb noch gewissermaßen Amtsgeheimnis. Sie war nur entsetzt und kam sich vertrieben vor, als der Säugling zur neuen Pflegemutter übersiedelt wurde, denn die Schlafstube der Hebamme war Lotte eine zweite Heimat geworden.
Die Bauersfrau, die nun den Knaben zu sich nahm – eine Altsitzerin, die sich auf das Pflegegeld mehr freute als auf das Kind –, bestand darauf, dass er sofort getauft werde, denn einen Heiden nehme sie nicht unter ihr Dach. Lotte musste also ihr letztes erspartes Geld für ein mit Stickerei verziertes Taufkissen und einen Schleier, sowie für Kuchen und ein paar Flaschen Wein ausgeben, damit die Bauersfrau die Hebamme und auch gleich ein paar Gevatterinnen von sich einladen konnte, und so vor allem einmal zu einer netten kleinen Feier kam. Lotte aber blieb gerade noch so viel, um die Kosten für die kirchliche Zeremonie tragen zu können, nach deren Beendigung sie ja schleunigst zu ihrem Dienst zurückkehren musste.
Der Pfarrer hatte ihr in seiner Stube eine strenge Predigt gehalten, er schalt, dass gerade sie in ihrem Beruf, der doch gewiss ein christlicher und entsagungsvoller sein solle, der allgemeinen Sittenlosigkeit gefrönt habe. Lotte gestand zu, dass sie ihrem Berufe wahrscheinlich viel schuldig geblieben sei, dass sie ihn vielleicht nicht so ernst genommen habe, wie man wohl tun müsse – aber es sei eben stets etwas in ihr gewesen, wie ein Druck, wie eine Schranke, etwas, das sie gehindert habe, die wahre Befriedigung in der Arbeit zu finden, und naiv und treuherzig setzte sie hinzu, sie glaube aber, jetzt würde das besser werden.
Der Pfarrer war auch der erste Mensch, der sie nach dem Vater des Kindes, nach dem gewissenlosen Verführer, wie er ihn nannte, fragte. Lotte erblasste, sah angestrengt vor sich hin, sie forschte in dem Dunkel ihrer Erinnerung, doch nur ihres Kindes winziges, lockig behaartes Hinterhaupt tauchte vor ihr auf, und schließlich zuckte sie resigniert die Schultern und sagte leise: „Ich kann Ihnen da gar nichts sagen.“
„Das ist außerordentlich bedauerlich“, bemerkte der Pfarrer, der trotz aller Strenge und allen Abscheues ihr doch gern geholfen, gern eine Ehe gestiftet und das Kind legitimiert gesehen hätte.
Als Lotte ihr Portmonee unter dem Mantel hervorzog und das für die Taufe erforderliche Geld gleich auf den Tisch niederlegen wollte, war der Pfarrer von der in gewisser Weise unschuldigen und doch dem Notwendigen gegenüber so festen Menschlichkeit dieser jungen Frau gerührt. Er bot ihr an, die Gutsherrschaft von allem zu unterrichten, denn lange könne ja das Dasein des kleinen Wesens doch nicht mehr verborgen bleiben. Lotte war ihm dankbar, doch seine Mission stieß auf Schwierigkeiten.
Die Schwiegertochter von Lottes Patienten, die junge Baronin Elfriede, die eigentliche Herrin des Hauses und selbst kinderlos, verlangte trotz aller Vorstellungen und Ermahnungen des Pfarrers sofortigen Hinauswurf der Betrügerin und Dirne, wie sie Lotte benannte. Und wenn auch ihre Wut und ihr Verlangen schließlich an dem unerschütterlichen Widerstand des alten Barons abprallten, dem alles gleichgültig war bis auf die Wartung und Begleitung der ruhigen vernünftigerweise nicht schwätzenden Schwester, an die er sich so sehr gewöhnt hatte, so musste sich Lotte in Zukunft doch vorsehen, von der Hausfrau auf einem Korridor des Hauses oder in einem Zimmer allein angetroffen zu werden, um sich nicht mit ziemlich ungewählten Schimpfworten überschütten lassen zu müssen. Aber es machte Lotte auch kaum etwas aus, wenn sie solche einmal anhören musste. – „Wenn ich nur die Stellung behalte“, dachte sie, und voller Überlegenheit der glücklichen über die unfruchtbare Mutter dachte sie noch geringschätzig hinzu, „soll die nur immer feste keifen!“ – Den Eltern hatte Lotte nichts geschrieben, und keine noch so dringende Frage der Mutter, was sie denn mit dem Geld mache, von dem sie gar nichts mehr nach Hause schicke, konnte eine Antwort aus ihr herauslocken.
Lotte hatte nur eine Sorge: Das Kind verkam unter der nachlässigen Pflege der alten Bäuerin. Stets lag es, wenn Lotte angehetzt kam, in schmutzigen Windeln, die Haut war wund und durchgerieben, und um das vor Schmerzen schreiende Kind zu beruhigen, stopfte ihm die Alte, statt es trocken zu legen, unaufhörlich in Zucker getauchte Lutscher in den Mund, von denen es zuletzt einen starken Magen- und Darmkatarrh bekam. Vergebens versuchte Lotte gegen das alles anzukämpfen. Sie wusch die Windeln, badete das Kind und pflegte seine Haut, so oft sie nur konnte, sie blieb die Nächte bei ihm, um ihm den Haferschleim einzuflößen, den das mitleidige Wirtschaftsfräulein auf dem Gut ihr kochte und der den Katarrh heilen sollte. Lotte musste dabei nachts mit dem Kind auf der Treppe hocken, denn die Alte wollte in ihrer einzigen Stube Ruhe haben und schlafen. Das Kind nahm ab statt zu, und wurde immer jämmerlicher. Lotte bedrängte die Hebamme mit Bitten, den Kleinen doch wieder zu sich zu nehmen oder wenigstens eine andere Pflegestelle zu besorgen, konnte aber keines von beiden erreichen; alles war mit Erntearbeiten beschäftigt, und für ein fremdes, krankes Kind war nirgends Interesse. In ihrer Verzweiflung ging Lotte sogar ihren Patienten an, ob sie nicht das Kind oben in ihrem Stübchen haben könne, nur so lange, bis es wieder gesund sei. Der alte Herr lächelte liebenswürdig, tätschelte Lottes Hand, meinte aber, er schätze Szenen mit Baronin Elfriede allzuwenig und sei nicht mehr jung genug, um es mit weiblicher Borniertheit aufzunehmen – er konnte sich aber auch nicht enthalten, entsprechend seiner Lebensauffassung die zweifelnde Frage an Lotte zu stellen, ob sich denn überhaupt im Allgemeinen die rührenden Anstrengungen der Mütter lohnten?
Über die Antwort auf diese Frage dachte Lotte keine Sekunde nach, sondern sie tat etwas Feiges und Mutiges zugleich: Sie ließ sich unter dem Vorwand, das Kind in einem Heim unterbringen zu wollen, von dem alten Baron, der aus egoistischen Gründen mit diesem Plan einverstanden war, ihr Gehalt für den kommenden Monat vorausbezahlen – denn immer hatte sie die Vorstellung, dass sie vor allem mit Geld versehen sein müsse –, dann packte sie nur das Nötigste in einen kleinen Koffer zusammen, verließ mit ihm nachts das Haus, hockte sich bei der Bäuerin wie gewöhnlich mit ihrem Kind auf die Treppe, schlich sich aber nach einiger Zeit auch hier davon. Sie wanderte mit Kind und Köfferchen über eine Stunde weit in der mondlosen Dunkelheit bis zur nächstgelegenen Bahnstation, und nach weiteren Stunden des Wartens bestieg sie im Morgendämmer den in Frage kommenden Zug und fuhr heim.
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