Читать книгу: «Wie angelt man sich einen Prinzen?»

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EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EPILOG

THE LIBERTY PRESS

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86506-877-4

© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Originaltitel: How to catch a prince

Erschienen im Mai 2014 bei Zondervan, Grand Rapids, Michigan 49530, USA

Copyright © 2014 by Rachel Hauck

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lerz

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: fotolia: ri./​Rido

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

www.brendow-verlag.de


EINS

Jeden Tag erinnerte sie sich daran, dass sie ein Geheimnis hatte. Bis vor einem halben Jahr hatte sie im Nebel des Todes gelebt. Dann war sie hervorgekrochen und hatte sich nach dem ersten Zipfelchen Leben und Licht ausgestreckt, dem sie in fünf Jahren begegnet war. Es war in Gestalt eines Anrufs gekommen. Einer frischen Brise, einem Angebot.

Aber als der Nebel sich gelichtet hatte, waren die Erinnerungen zum Vorschein gekommen. Solche, die sie schon lange als verloren betrachtet hatte. Jetzt wanderten sie in den leeren Fluren ihres Herzens herum.

Und seit Kurzem reichte schon das leiseste »Kling« oder »Klang«, etwa beim Öffnen der Fahrstuhltüren vor ihrem Büro, um Corina daran zu erinnern, wie sehr sie es liebte, wenn das grandiose, klangvolle Läuten der Glocken der großen Kathedralen durch die frische Morgendämmerung in Cathedral City schallte.

Und es schmerzte sie. Tief in ihrer Seele. Es schmerzte sie eine Sehnsucht, die sie weder erreichen noch entfernen konnte.

Sie atmete lange aus, sackte in ihren Schreibtischstuhl und schloss das Nachrichtenvideo, das sie sich angeschaut hatte. Zwei Mitarbeiter der Beaumont Post betraten mit Fastfood-Tüten in den Händen das Großraumbüro und nickten ihr zu.

Corinas Blick folgte ihnen, als sie den großen, schachtelförmigen Raum durchquerten. Durch die schmutzigen, mit Regentropfen übersäten Fenster fiel das gedämpfte Licht der Nachmittagssonne.

Sie sollte selbst auch Essen gehen. Es war fast zwei. Aber sie wartete darauf, dass ihre Chefin, Gigi Beaumont, aus der Mittagspause zurückkehrte. Corina wollte der Gründerin der Mega-Onlinezeitung, der Beaumont Post, einen Vorschlag machen. Ein gewagtes Unterfangen, selbst für sie, aber sie war sich ihrer Sache sicher.

In der Zwischenzeit gab es Arbeit zu erledigen. Corina arbeitete sich durch ihre Inbox und ordnete die Berichte, die von Mitarbeitern der Post und von freien Korrespondenten aus aller Welt hereinkamen. Gigis Boulevardjournalismusmedienfinger hatten eine große Reichweite.

Corina öffnete eine Story, die letzte Woche fällig gewesen wäre, aber eben erst hereingekommen war, und fing an zu lesen. Aber schon nach dem ersten Satz konnte sie sich nicht mehr konzentrieren.

Was war es denn, das ihr zu schaffen machte? Juni. Natürlich. Es war der dritte Juni. Nachdem sie aus dem Nebel herausgekommen war, hatten Daten und Tage auf einmal wieder eine Bedeutung.

Okay. Schön. Dann war eben der dritte Juni. Also, anerkennen, dass der Tag einmal wichtig gewesen war, und weitermachen. Doch mit allem fertigzuwerden, das sie vor über fünf Jahren begraben hatte, war äußerst herausfordernd.

»Corina, hallo …« Melissa O’Brien setzte sich auf die Kante von Corinas Schreibtisch und warf einen Blick auf den Computerbildschirm. »Was fesselt dich denn gerade so? Eine Geschichte von Chip Allen?« Sie verzog den Mund.

»Ja, ähm … sie ist gut.« Corina räusperte sich, setzte sich aufrecht hin und schaltete wieder auf Business-Modus um – trotz ihrer wirbelnden Gedanken und ihres knurrenden Magens. »Er hat da einen super Artikel über Hollywood und Gewalt.«

»Hast du schon mit Gigi gesprochen?«

»Nein, noch nicht.« Corina sah den langen, breiten Mittelgang des Großraumbüros hinunter, der vor Gigis Büro endete. Durch die Glasscheibe neben der geschlossenen Tür sah sie ihre Chefin mit ihrem Handy am Ohr auf- und abgehen. »Ich dachte, sie wäre noch zu Tisch.«

»Nein, sie ist wieder hier. Mit dem Anhängsel, das sie als ihr Telefon bezeichnet. Das wird eines schönen Tages noch ihre kleinen grauen Zellen abtöten.«

Corina lachte leise. »Die trauen sich doch sowieso nicht, ihr wegzusterben.«

Gigi Beaumont, die sich ihren Weg aus der Armut der Blue Ridge Mountains herausgebahnt hatte und eine Pionierin in der weiten Welt des Onlinejournalismus geworden war, war eine Naturgewalt, mit der man zu rechnen hatte. Weder Tod, Krankheit, Chaos, Anwälte, feindliche Übernahmeversuche, schlampige Reporter, faule Redakteure noch ihre Ehemänner Eins bis Fünf hatten sie überwinden können.

»Willst du damit sagen, dass du dich nicht traust?« Melissa ließ ihre Handtasche von ihrer Schulter auf Corinas Schreibtisch gleiten. »Wir brauchen eine Chefredakteurin. Du machst den Job doch im Grunde schon, seit Carly vor vier Monaten gegangen ist. Und du bist immer noch die Neue. Komm, sei mutig!«

Mutig? Mut war nicht das Problem. Hier ging es um Timing. Alles hing vom Timing ab. »Gigi ist eine Mentorin und eine Freundin. Ich bin ihretwegen hier. Aber wenn sie mich für die Stelle haben will, warum hat sie mich dann nicht gefragt?«

»Das ist eben Gigi.« Melissa zuckte schnaubend mit den Schultern. »Es ist ja schon ein Wunder, dass sie dir überhaupt einen Job angeboten hat. Normalerweise müssen die Leute ja ankommen und betteln.«

»Auch wieder wahr.« Corina stand auf, Bauch rein, Brust raus, und schob ihren Stuhl unter den Schreibtisch.

»Sie ist auf den Beinen, meine Damen und Herren«, zischte Melissa einem imaginären Publikum zu. »Mir scheint, sie geht rein.«

Aber Corina bewegte sich nicht. Als Gigi, seit langem eine Freundin der Del Reys und obendrein Corinas erste Arbeitgeberin nach dem College, sie letztes Jahr nach Thanksgiving mit einem »Komm runter nach Florida und arbeite für mich!« angerufen hatte, hatte Corina angefangen, aus der Lähmung der Trauer aufzuwachen.

Sie war 29 und hatte die letzten fünf Jahre wie in Trauer zugebracht. Am Leben und doch nicht lebendig.

»Also?«

»Ich gehe jetzt.«

»Sieht nicht so aus, als ob du dich bewegst.«

Corina ging im Schritt eines Laufstegmodels auf Gigis Büro zu. »Du siehst doch, dass ich gehe, oder?« Ihre Absätze klangen dumpf auf dem Teppichboden.

»Ja, ja, ich sehe dich.« Die Melodie von Melissas Lachen machte Corina Mut.

Immerhin war sie eine Del Rey, die Tochter einer vermögenden Familie, eine Magnolie aus Stahl, eine ehemalige Miss Georgia, eine College-Absolventin (summa cum laude!), eine Texterin … und eine Zwillingsschwester.

Sie legte sich die Hand aufs Herz, verlangsamte ihre Schritte und atmete tief durch, während sie sich an ihren Bruder erinnerte. Carlos‘ Tod in Afghanistan hatte sie mehr gekostet, als sie sich je hätte vorstellen können.

Als sie an Gigis Tür ankam, sammelte Corina ihre verwirrten Gedanken – vergiss die Vergangenheit – und formulierte noch einmal ihr Anliegen. Gigi, ich erledige die Arbeit einer Chefredakteurin … gib mir die Position auch formell … Wertschätzung im Team …

Corina schaute durch das Fensterglas, klopfte und lächelte, als Gigi sie hereinwinkte. Der Medienmogul war immer noch am Telefon, tigerte auf und ab und sprach lautstark und lebhaft mit seinem Gegenüber.

»Fantastisch, Darling. Ich kann es nicht erwarten. Es wird dir gefallen. Für Familien ist es hier ganz großartig. Ja, wir sind direkt am Atlantik. Und am Indian River. An der berühmten U.S. 1.« Gigi wies Corina mit einer Geste an, sich auf das Sofa aus schokoladenfarbigem Veloursleder zu setzen. »Klar kann er hier Surfen lernen … Ja, aber natürlich. Und obendrein haben wir hier an der Ostküste unsere eigene Ehrenhalle für Surfer … Ganz genau. Hör mal, ich habe hier jemanden im Büro. Wir sehen uns dann nächste Woche! Bis dann!« Gigi beendete das Gespräch, wiegte das Handy in ihrem Schoß und zeigte ihr schneeweißes Lächeln, während sie ihren stets präsenten Kaugummi zerbiss. »Meine zauberhafte Corina Del Rey, was verschafft mir das Vergnügen?« Gigis glänzendes blondes Haar umfloss in sanften Locken ihr Gesicht.

»Ich wollte mit dir über –«

»Ich habe nachgedacht.« Gigi sprang auf, steckte das Telefon in ihre Rocktasche, drehte eine Runde im Raum und schnippte mit den Fingern. Die Flusslandschaft hinter ihr lag in der Sonne, und die Sonnenstrahlen fädelten Diamanten aus Licht in die friedliche Wasseroberfläche. »Wir brauchen einen spektakulären Artikel über einen Prominenten. Du weiß schon, etwas, das unsere Startseiten aufpeppt.« Die Post hatte als eine Reihe von Blogs ihren Anfang genommen, die Gigi zusammengestellt hatte. Insider in Washington, Hollywood-Experten, Klatschkolumnisten und der gelegentliche Ausguck in die Königshäuser lieferten die Inhalte. Sie hatte Leute vor Ort in New York, L.A., Dallas, Miami, Atlanta, Toronto, London, Madrid, Cathedral City … bis ans Ende der Welt.

»Wir haben das Stück über die Gewalt in Hollywood, das Chip Allen geschrieben hat.«

»Stinklangweilig, Corina. Gewalt in Hollywoodfilmen interessiert niemanden, und wenn es sie interessiert, dann sind die Leute sowieso schon Allens Meinung. Ich habe ihm mitgeteilt, dass wir nicht sicher sagen können, ob wir den Artikel bringen.« Dafür, dass es ein »internationales« Medium war, war Gigi ein ziemlich praktischer Typ, der sich einbrachte. Sie betrachtete die ganze Welt als ihren Hinterhof und war der Ansicht, dass das Weitergeben von Nachrichten so einfach war wie ein Plausch mit dem Nachbarn über den Gartenzaun. »Wir brauchen etwas Wow-mäßiges.« Gigi wirbelte ihre Hände lebhaft durch die Luft.

»Warum brauchen wir etwas ‚Wow-mäßiges‘?«

Gigi hörte auf, zwischen den Fenstern und der Sitzecke hin- und herzugehen und fixierte Corina mit ruhigem Blick. »Du weißt, warum ich dich eingestellt habe?«

»Weil ich eine gute Schreiberin bin. Professionell, organisiert. Ich arbeite hart.« Das war die offizielle Version. Aber in Wirklichkeit? Hatte sie keine Ahnung, warum Gigi sie eingestellt hatte. Die letzten fünf Jahre in Corinas Lebenslauf enthielten nämlich eine dicke fette Lücke. Was hatte sie schon getan? Sie war ein professionelles Klageweib geworden. Sie hatte Dad auf Reisen begleitet, wenn er sie darum gebeten hatte. Und lebte ansonsten zu Hause in den Schatten dessen, was einst eine Familie gewesen war.

Aber ja, sie war eine gute Redakteurin und eine tüchtige Arbeiterin. Und Gigi wusste das.

Dass sie eine Erbin – seine Erbin – war, bedeutete Corinas wohlhabendem, aber hart arbeitenden Vater nichts. Er stellte sicher, dass sie und Carlos sich nie alleine auf den Namen und das Vermögen der Familie verließen, um ihren Weg im Leben zu finden. Ihre Freunde auf der Highschool hatten verächtlich geschaut, als Corina im Haus mithelfen und einen Sommerjob annehmen musste, um sich Geld für ein Auto zusammenzusparen. »Aber dein Vater ist doch ein Multimillionär!«

Tja, sagt das mal Donald Del Rey.

»Gut in dem, was du tust?« Gigis skeptische Miene, während sie sich setzte, ließ Zweifel in Corina aufsteigen. »Nun, das bist du natürlich. Und übrigens, super, wie du in die Bresche gesprungen bist, nachdem Carly gegangen ist. Das Büro liebt dich. Wer hätte gedacht, dass du solch ein Händchen für Details hast?«

»Ich.«

»Na, aber natürlich.«

»Deswegen finde ich auch, dass du –«

»Corina, ich habe dich eingestellt, damit du Leben in die Bude bringst.«

»Wie bitte?«

»Süße, du bist früher mit Paris Hilton um die Häuser gezogen, und ich wette, wenn ich dir dein Handy klaue, finde ich ein paar Kardashians in deinem Telefonbuch.«

»Hallo, weißt du vielleicht nicht mehr, wie mein Leben die letzten fünf Jahre ausgesehen hat?«

»Ja doch. Ich weiß schon … all die Trauer.« Gigi legte die Hand auf Corinas Knie. »Es tut mir so leid wegen Carlos. Er war ein wunderbarer junger Mann. Zu schön, um wahr zu sein, und doppelt so nett.« Die Frau in den Fünfzigern zog zwischen den Zähnen Luft ein. »Er erinnert mich an meinen dritten … nein, vierten … ja, an meinen vierten Ehemann. Desi.« Sie schloss die Augen und wurde abwesend. »Ich hätte mich nicht von ihm scheiden lassen sollen.«

»Darüber könnten wir doch was auf der Startseite bringen«, sagte Corina.

Gigi kehrte ruckartig aus ihrem Tagtraum zurück. »Sehr witzig, du Naseweis. Nein, was wir brauchen, ist etwas Exklusives.«

»Exklusiv in welcher Hinsicht?«

»Etwas, über das sonst keiner berichtet. Sprich deine Promi-Freunde an, sieh zu, dass du in irgendeine Insider-Geschichte hineinkommst. Denk dir was aus. Vielleicht könntest du dich ja mal mit Bill Clintons Tochter treffen. Oder mit einer von den Bush-Zwillingen.«

»Gigi«, sagte Corina und stand auf. »Wenn du eine Story über die Tochter eines ehemaligen Präsidenten bringen willst, musst du dir jemand anderen dafür suchen. Ich bin hergekommen, um dich um die Stelle der Chefredakteurin zu bitten. Wenn du dich ernsthaft mit mir unterhalten willst, sag Bescheid.« Sie ging auf die Tür zu. Promi-Freunde, Präsidententöchter, Freunde von der Highschool? Sie hatte seit Carlos‘ Beerdigung praktisch mit keinem von denen zu tun gehabt.

Aber sie nahm es ihnen nicht übel. An dem Tag, als er starb, hatte sich alles geändert. Und dann war mit seiner bitteren Endgültigkeit der Nachmittag gekommen, an dem sie ihrem Vater geholfen hatte, die ersten Schaufeln Erde auf den Sarg ihres Bruders zu werfen. Als Mama weinend in den Armen des Reverend zusammenbrach. Und die liebende, eng zusammenhaltende Familie Del Rey auseinanderfiel. Sie hatte ihren Bruder verloren, eine Konstante in jeder ihrer zärtlichen Kindheitserinnerungen. Und dann hatte sie ihre Eltern »verloren«, die Traditionen der Del Reys, die Nähe und das Lachen.

»Chefredakteurin?« Sie lachte. »Süße, um noch einmal auf meine Frage zurückzukommen, warum ich dich eingestellt habe. Damit du den Reichen und Berühmten hinterhersteigst, dem schlüpfrigen Promi-Tratsch. Damit du um die Welt reist und die armseligen kleinen Leben unserer Leser ein bisschen heller machst mit den Einsichten in die Welt des einen Prozents ganz, ganz oben. Komm schon, du hast doch bestimmt eine Spur, die uns auf eine heiße Story bringt.«

»Nein, und wenn ich eine hätte, würde ich meine Freunde wohl kaum verraten, indem ich sie an dich ausplaudere.«

»Ts, ts.« Gigi schüttelte den Kopf. »Hast du denn gar nichts gelernt, als du damals bei mir gearbeitet hast?«

»Doch, und eben darum schlage ich mich ja für die Stelle vor.« Sie hatte so viel Zeit damit vergeudet, sich zu Hause zu verkriechen und zu versuchen, sich selbst und ihren Eltern wegen Carlos‘ Tod Trost zu spenden. Und dabei immer darauf zu warten, dass das Leben wieder neu anfangen würde. Jetzt, wo sie frei war, wollte sie endlich Bewegung in die Sache bringen.

Obwohl sich Daddy ordentlich Sorgen darüber machte, dass sie nun ganz auf sich gestellt sein wollte. Dabei hatte er sich in der Vergangenheit nie Sorgen in der Richtung gemacht. Corina vermutete, dass es mit dem Verlust seines Sohnes zusammenhing.

»Eine Millionenerbin ohne Sicherheitsdienst? Lass mich jemanden für dich einstellen!«

Aber sie hatte sich geweigert, sie wollte einfach nur sein. Wollte wissen, wie ihr Schicksal aussah und wohin die Reise gehen sollte. Sie fühlte sich nach wie vor arm und schwach, kaputt – weit entfernt von allem, das man so mit einer Millionärstochter verband.

Am Ende hatte sie Daddys Bitte nachgegeben, sich wenigstens ein Apartment in einem sicheren Gebäude zu kaufen. Am Fluss hatte sie eine schöne Wohnung mit gewaltigen Sicherheitsvorkehrungen gefunden.

»Ich habe die Position heute besetzt.« Mit einem Arm auf der Sofalehne lehnte Gigi sich zurück. »Ich habe gerade mit Mark Johnson telefoniert.«

»Mark Johnson?« Corina hielt auf dem Weg zur Bürotür an. »Der Mark Johnson, mit dem ich nach dem College zusammengearbeitet habe? Der Mann, dem wir anderen jeden Tag die Kastanien aus dem Feuer holen mussten, weil er jede Nacht durchgefeiert und die meisten seiner Abgabetermine verpasst hat? Der Mark Johnson?«

»Ja, genau, der Mark Johnson.« Gigis Lachen verhöhnte Corinas Besorgnis. »Der war vielleicht nicht der allerbeste Angestellte, als er jünger war –«

»Und jetzt ist er so viel älter, was? Wie lange ist das her, sieben Jahre?«

»Auf jeden Fall ist er älter und versierter. Er ist verheiratet, hat ein Kind und hat sich einen sehr beachtlichen Lebenslauf zusammengezimmert.«

Corina hörte die subtile Botschaft zwischen den Zeilen. Das hast du nicht geschafft. Nein, weil sie versuchte, die Bruchstücke ihres Lebens zu kitten und sich an ihrer bröckelnden Familie festzuhalten.

»Er hat in London, New York, L.A. gearbeitet und ist derzeit Chefredakteur bei Martin Looper Media.« Gigi hob die Augenbrauen. »Unserem Hauptkonkurrenten.«

»Gigi, du hast mich angerufen. Hast mich gebeten, für dich zu arbeiten. Also lass mich das auch tun. Ich kann das. Ich telefoniere wöchentlich mit New York und London. Ich habe mit unseren Bloggern, freien Korrespondenten und Fotografen geskypt, bin ständig mit ihnen über Facetime und Google Plus in Kontakt. Ich kenne die Leute hier im Büro.«

»Willst du wissen, warum ich dich angerufen habe?«

Gut, der Anruf war ziemlich überraschend gekommen. Corina dachte, dass Gott vielleicht ihre Gebete, er möge »irgendetwas tun« erhört habe. Wie konnte sie ihre Eltern lieben und unterstützen und trotzdem ihr Leben weiterleben? Sie fühlte sich, als würde sie ertrinken, ihren ganz eigenen sonderbaren Tod im Schatten ihres Bruders sterben. Und das hätte Carlos nie gewollt.

»Weil deine Mama sagte, du würdest sie wahnsinnig machen.«

»Wie bitte? Ich würde sie wahnsinnig machen?«

»Sagte, du würdest nie aus dem Haus gehen.«

»Ich?!« Mama! Frustrierende, unbelehrbare Mama. Corina ballte die Hände zu Fäusten und grub sich die Fingernägel in die Handflächen. »Sie ist es doch, die nicht rausgeht.«

»Na, immerhin bist du jetzt hier. Ich fand, es war eine gute Idee, die sie da hatte. Du machst weiter. Freut mich. Aber Chefredakteurin? Süße, bitte.« Gigi stand auf, streckte sich und ging zu ihrem Schreibtisch hinüber. Offenbar war ihre Aufmerksamkeitsspanne für das Gespräch erschöpft. »Ich will, dass du die große Story findest.« Sie bedachte Corina mit einem neckischen Lächeln. »Die größte Geschichte deines Lebens.«

»Ja?« Corina hielt die Bürotür auf. »Und das wäre dann wohl welche?«

Zurück an ihrem Schreibtisch, setzte sich Corina seufzend und schüttelte den Kopf in Richtung Melissa, die die Stirn runzelte und Gigis Tür die Zunge herausstreckte.

Die Geschichte ihres Lebens? Corina hatte eine Story, und was für eine. Die ihres eigenen Lebens. Eine echte Sensation, von der sie aber nie jemandem erzählt hatte. Das war ihr Geheimnis.

Und seines.

An Tagen, an denen der Nebel immer noch ihr Herz und ihre Gedanken umhüllte, stellte sie sich vor, es könnte alles nur ein Traum gewesen sein. Dann hörte sie ein Läuten oder das Klingeln der Fahrstuhltür und wusste wieder, dass alles wirklich war.

Aber das war eine Geschichte, die sie nie würde erzählen können. Nie. Weil es ein unglaubliches Geheimnis war. Obwohl sie beim besten Willen nicht wusste, warum sie ausgerechnet ihm gegenüber loyal war.

Mit einem Seufzen beugte sich Corina vor und besah sich Chip Allens trockenen Hollywood-Bericht.

Warum bewahrte sie denn nun ihr Geheimnis? Ein einziger kleiner Gedanke feuerte prompt eine Antwort zurück. Weil sie ihn möglicherweise irgendwie immer noch ein kleines bisschen liebte.


ZWEI

Königreich Brighton – Cathedral City

LIBERTY PRESS

4. Juni

Prinz Stephen ist der begehrteste Junggeselle der Welt

DER INFORMANT

5. Juni

Die königliche Behörde behauptet, Prinz Stephen suche nicht nach Romantik und sei glücklich mit seiner großen Liebe, dem Rugby

6. Juni

Prinz Stephen, Schirmherr der Jungen Rugby-Liga, soll Sommerturnier eröffnen


Stephen schaltete knurrend den Fernseher aus und fand murmelnd ein paar Worte darüber, was er über die Faxen bei Madeline & Hyacinth Live! dachte. Was meinten die eigentlich, wer sie waren, dass sie ihm jetzt auch noch eine Braut suchen wollten?

Kaum zu glauben, dass er sie als Freunde betrachtet hatte. Aber heute waren sie einfach zu weit gegangen, als sie auf das Trittbrett der medialen Spekulationen über sein Liebesleben aufgesprungen waren. Was hatte das nur ausgelöst? Er war seit Ewigkeiten nicht mehr mit einer Frau ausgegangen. Und sein unglückseliger verletzter Knöchel hatte ihn die letzten drei Monate vom Rugbyfeld und damit aus den Augen der Öffentlichkeit verbannt.

Was ging hier vor?

Denn trotz allem schauten Frauen und Männer im ganzen Königreich Brighton die Show und twitterten zu dem Hashtag #wiemaneinenprinzenangelt. Schönen Dank auch, Maddie und Hy.

Er sollte seine eigene Antwort darauf twittern. Wenn er denn ein Twitterkonto hätte. Lasst ihn in Frieden #wiemaneinenprinzenangelt.

Sein Magen knurrte bei dem Gedanken an Tee und Krapfen, als er aus dem Medienzimmer Richtung Küche humpelte. Er hielt am Fenster im Flur an und sah durch die Schwaden aus Licht und Schatten in die Palastgärten hinunter.

So herrlich grün. Sie verursachten Heimweh nach dem Platz. Aber er steckte hier drin fest, musste warten, bis alles verheilt war. Seine Sprunggelenksverletzung wurde von einer Gehschiene gestützt. Er hatte sich die Verletzung im Frühjahr bei der Seven Nations Championship zugezogen, gerade als seine Karriere einen neuen Höhepunkt erreicht hatte. Die Rugby Union hatte ihn als den besten Außendreiviertel der Liga gelistet.

Er, ein königlicher Prinz, hatte es ganz aus eigener Kraft zu so einer Auszeichnung gebracht.

Und dennoch blieb die Verletzung und heilte nicht so schnell, wie es Stephen sich erhofft hatte. Er spürte Tag für Tag, wie die jüngeren, kühneren Jungs auf seine Position schielten. Die Nummer 14.

In der Küche waren das Teeservice und eine Platte mit Zimtkrapfen bereits für ihn vorbereitet. Guter Mann, Robert. Sein Dienstmann, Butler und Assistent.

Stephen setzte sich an die Kücheninsel, die mit einem Tischtuch, Porzellan und Tafelsilber gedeckt war, einem königlichen Protokoll folgend, das Robert sich aufzugeben weigerte. Stephen goss sich eine dampfende Tasse Tee ein und nahm einen langen, kräftigen Schluck. Dann tunkte er die Spitze des Krapfens ein.

Das leichte, süße Gebäck zerschmolz auf seiner Zunge. Pures Glück.

Stephen starrte durch die Küche aus Stahl und Granit – seine Mutter hatte ein Auge auf die Neugestaltung vor ein paar Jahren gehabt, während er bei der Weltmeisterschaft spielte – und versuchte, seine Gedanken zu ordnen.

Was war es, das ihm wirklich zu schaffen machte? Die Schlagzeilen über sein Liebesleben? Maddie und Hy und das versammelte Twitter-Universum, die ihm Ratschläge geben wollten? Vielleicht war es ja gerade der Mangel an Liebesleben, der ihm zu schaffen machte.

Denn in Wirklichkeit kümmerten ihn Maddie und Hy nur wenig. Der Hashtag war im Grunde ein kluger Schachzug. Die Mädels waren eigentlich gute Kumpels und machten einfach nur ihre Arbeit. Indem sie nämlich die Leute von Brighton jeden Nachmittag der Woche unterhielten.

Nein, nein, was ihm wirklich zu schaffen machte, waren die Albträume. Die Erinnerungen, die plötzlich auftauchten. Genau die Dinge, deretwegen er beim Versuch, sie zu vergessen, tausende Meilen das Rugbyfeld auf und abgerannt war.

All das hinter mir lassen.

Aber jetzt, wo sein Körper und sein Geist nicht länger von dem Spiel vereinnahmt waren, verlangten die selbstsüchtigen Dinger seine Aufmerksamkeit.

Bestimmt würde er vor dem Ende des Sommers wieder Herr der Lage sein. Seit seiner Operation im Frühjahr hatte er sich streng an die Physiotherapie gehalten. Er würde in einer Spitzenverfassung und bereit sein, in der Herbstsaison alles zu geben.

Stephen nahm sich noch einen Krapfen, und eine weitere, fern geglaubte Erinnerung tauchte auf. Warum brachten ihn denn nun Krapfen dazu, an sie zu denken?

Aber er wusste, warum. Sie hatten zusammen Krapfen gegessen, in jener Nacht. In Franklins Bäckerei. Und die war für immer in sein Gedächtnis eingebrannt.

Robert trat mit einem Stapel Geschirrtücher in der Hand ein. »Da sind Sie ja, Sir. Wie war Ihre Therapie?«

»Gut. Haben Sie die heutigen Schlagzeilen gesehen?«

»Grässliche Angelegenheit, dass derart über Ihr Liebesleben spekuliert wird.«

»Hier haben sie aber nicht angerufen, oder?«

Robert zog eine Grimasse und räumte die Geschirrtücher sorgfältig in eine Schublade. »Sie wären schlecht beraten, das zu tun. Reine Zeitverschwendung.«

»Ganz meine Meinung. Ich kann mir nicht vorstellen, was dieses plötzliche Interesse ausgelöst haben könnte.«

»Vielleicht ist einfach sonst nichts los.« Robert lächelte, und Stephen lachte.

»Das verstehe ich als Kompliment.«

»So war es auch gemeint.« Robert eilte geschäftig in der Küche hin und her und traf Vorbereitungen für das Abendessen. »Ich nehme an, Sie werden für die Summer Internationals wieder auf dem Platz sein? Immerhin brauchen die Brighton Eagles ihren Außendreiviertel.« Der ältere, rothaarige Gentleman war schlank und fit und ein brennender Rugbyenthusiast. »Die ganze Stadt steht wegen des anstehenden Turniers unter Strom.«

Als Stephen Robert im Frühjahr eingestellt hatte, war seine Liebe zum Spiel die entscheidende Eigenschaft gewesen, die ihn aus der Menge der königlichen Angestellten hatte hervorstechen lassen. Das und die Tatsache, dass er der Sohn eines Dienstmannes war, der wiederum der Sohn eines Dienstmannes gewesen war. Sein Vater hatte ebenfalls im Palast gedient.

»Für mich wird es keine Summer Internationals geben«, sagte Stephen. Dank dieser vermaledeiten, blöden Verletzung. Er hätte sich besser um seine linke Seite kümmern sollen. Bei den Internationals hätte er gut noch ein paar Länderspiele verbuchen können. Bisher hatte er in 28 Länderspielen gespielt und war auf gutem Wege zu seinen angestrebten 50. »Der Knöchel ist noch nicht so weit.«

»Ein echter Jammer, Sir, wo wir doch das neue Stadion haben und all das. Es heißt, wir könnten eine schöne Auftaktveranstaltung erwarten.«

»Ich werde von der Bank aus Stimmung machen.«

»Ich bin mir sicher, dass die Jungs von der Unterstützung ihres Prinzen und Kapitäns begeistert sein werden.«

Stephen rutschte in seinem Stuhl hin und her und dehnte vorsichtig seinen linken Knöchel. Den Schmerz schluckte er schweigend. Warum nur wurde es nicht besser? Das Pulsieren schien zu einem Dauerbegleiter geworden zu sein. Was ihn noch mehr wunderte war, wie der Schmerz nach oben hin in seine Brust ausstrahlte und sich in sein Herz fraß.

Seitdem er von seinem Einsatz in Afghanistan zurückgekehrt und vom Royal Air Command aus dem Kriegsdienst entlassen worden war, hatte er seine Zeit auf dem Platz verbracht. Er hatte sich ganz von der Gegenwart gefangen nehmen lassen, hatte an der Zukunft gefeilt und war froh um jede Trainingseinheit, jeden Test, der seine dunklen Dämonen, die schmerzvolle Vergangenheit und die Zweifel an einem freundlichen, liebenden Gott verbannte.

Nun gut, es war ja erst Juni. Dann würde er eben die Sommerspiele verpassen, aber Dr. Gaylord hatte prophezeit, dass noch ein weiterer Monat in der Gehschiene samt Physiotherapie notwendig wäre, bis Stephen wieder bei voller Kraft trainieren könnte.

Während er sich seinen sechsten Krapfen in den Mund stopfte und mit Tee nachspülte, schallte das Läuten der Türglocke durch seine Palastwohnung.

Robert wischte sich die Hände an einem Handtuch ab. »Erwarten Sie jemanden, Sir?«

»Vielleicht ist es ja jemand, der herausgefunden hat, wie man sich einen Prinzen angelt?«

Roberts kleines, strahlend weißes Lächeln sprühte Funken in seine Augen. »Soll ich den Besucher hereinbitten?«

»Aber bitte, ich wüsste die Antwort nämlich selbst gerne.«

Stephen schenkte sich eine neue Tasse Tee ein. Wie genau angelte man sich denn einen Prinzen? Eine Amerikanerin, Susanne, hatte seinen Bruder, den König, mit einem einzigen Blick dingfest gemacht.

Und er? Er war bereits gefangen worden. Einmal. Und er war sich sicher, dass er nicht noch einmal geangelt werden wollte, trotz all der wenig dezenten Hinweise seiner Mutter, die sich Enkelkinder von beiden Söhnen wünschte.

»Sir, Ihr Bruder möchte Sie besuchen.«

Stephen wandte sich um und sah Nathaniel hereinkommen, der einen großen weißen Umschlag unter dem Arm trug. »Komm, setz dich zu mir, es gibt Tee und Krapfen. Deine Lieblingssorte.« Stephen machte den Arm lang und schob den zweiten Stuhl von der Kücheninsel zurück, um seinen Bruder einzuladen, sich zu setzen.

»Kann ich dich bitte unter vier Augen sprechen?«, fragte Nathaniel ernst mit seiner tiefen Stimme und ohne die Krapfen auch nur eines Blickes zu würdigen.

»Äh, ja, natürlich, was gibt es denn?« Es war nicht Nathaniels Art, Krapfen links liegen zu lassen. Stephen wies noch einmal auf den Barhocker. »Robert, bitte lassen Sie uns einen Augenblick alleine.«

Der Dienstmann-Butler-Assistent legte ein zweites Gedeck auf und verließ dann ohne ein Wort den Raum, indem er die Küchentüren mit den Buntglasfenstern zuzog.

»Möchtest du nicht wenigstens etwas Tee?« Stephen griff nach der Teekanne und füllte die Tasse, die Robert für den König aufgedeckt hatte.

»Ich glaube, ich könnte ganz gut eine Tasse gebrauchen.« Nathaniel setzte sich. Den Umschlag hielt er immer noch in der Hand.

»Warum bist du so mürrisch? Hatten Susanna und du Streit?«

»Nein, uns geht es gut. Mehr als gut. Wir versuchen, ein Kind zu bekommen.«

Stephen grinste. »Warum machst du denn dann so ein langes Gesicht, Bruderherz?« Dann zeigte er auf den Umschlag. »Bitte sag mir jetzt nicht, du bist schon wieder wegen der Angelegenheit um den Prinzen von Brighton hier.«

Nathaniel legte das Kuvert auf den Tresen und klopfte sacht mit der Handfläche darauf, als wollte er sichergehen, dass es artig an seinem Platz blieb. »Heute nicht, aber der Streit ist sowieso rein akademisch. Ich verstehe nicht, warum du dich so sträubst. Als mein Bruder bist du eben der Prinz von Brighton. Die Krönung macht das nur offiziell.«

»Ganz genau, und wenn dann dadurch das offizielle Protokoll in Kraft tritt, werde ich Schirmherr wovon noch gleich? 15 karitativen Einrichtungen und Organisationen … inklusive des Gedenktages für die Gefallenen.«

»Ich hätte gedacht, dass du es als eine Ehre ansehen würdest, Schirmherr für das Kriegsdenkmal und den Gedenktag für die Gefallenen zu sein. Du hast für dein Land gekämpft und wurdest bei dem Einsatz verwundet.«

»Lass es, Nathaniel. Du weißt ganz genau, warum.«

»Ich weiß, was du mir erzählst, ja, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das alles verstehe.«

»Soll ich dir nochmal meine letzten Tage in Afghanistan zusammenfassen?«

»Nein, ich erinnere mich gut an die tragischen Details und an die Gefallenen – ein Grund mehr, warum ich erwarten würde, dass du diesen Männern die Ehre erweist, indem du ihnen eine Stimme verleihst und das Volk daran erinnerst, welcher Preis für ihre Freiheit bezahlt wurde.«

»Ich gedenke der Jungs auf dem Platz. Ich spiele für sie.«

Stephen verstand den Druck, der auf Nathaniel lastete. Er war ein König mit königlichen Pflichten und Verantwortlichkeiten, es wurden Erwartungen an ihn gestellt. Die Presse hatte schon fast aufgegeben, danach zu fragen, wann der König seinen Bruder ins Amt des Prinzen von Brighton krönen würde.

Die königliche Behörde antwortete immer dasselbe. »Seine sportlichen Interessen im Rugby stehen aktuell im Vordergrund. Wir lassen ihm den Raum, diesen Interessen nachzugehen.«

Der Prinz von Brighton diente als Schutzpatron, Fürsorger und Verteidiger der Schwachen. Der Adelstitel war im Jahre 1850 von König Leopold IV. für seinen Bruder geschaffen worden, den er zum Schirmherren und Fürsprecher der Armen und der alternden Veteranen berufen hatte.

Jeweils der älteste Bruder des Regenten erbte den Titel. Der letzte Prinz von Brighton war ihr Urgroßonkel Prinz Michael gewesen, ebenfalls ein Rugbyspieler und Colonel der Luftwaffe, der am Tag der Landung der Alliierten in der Normandie gefallen war.

»Ich hätte erwartet, dass du Onkel Michael, die Männer, die gefallen sind, und ihre Familien, ehren würdest, indem du Schirmherr für das Kriegsdenkmal wirst. Besonders für diejenigen aus anderen Ländern, die Teil des Internationalen Alliiertenverbandes waren, Männer, die nicht aus Brighton stammten, aber trotzdem ihr Leben für die Truppe gelassen haben. Diese Männer waren deine Kameraden und deine –«

Stephen stieß sich vom Tresen ab und stolperte über seinen Barhocker, weil sich sein geschienter Fuß daran verfangen hatte. »Ich weiß, wer diese Männer waren und wie sie gestorben sind. Ich brauche keine Gardinenpredigt, Nathaniel.« Der Tee und die Krapfen wurden ihm sauer im Magen.

Er konnte das nicht tun. Seine Uniform anziehen, sich mit seinem königlichen Ich-bin-heiliger-als-ihr-Titel vor die Nation, ja, die ganze Welt stellen und so tun, als wäre er jemand, der er einfach nicht war. Jemand Würdiges.

Außerdem hatte er seine eigene Gedenkstätte bei Parrson House geschaffen, wo er seinen Kameraden an jedem Gedenktag Respekt zollte. Oder immer, wenn er aufs Land fuhr.

»Gut, hör zu, ich bin mir sicher, dass ich das nicht verstehe, aber …« Nathaniel nahm den Umschlag zur Hand.

»Nein, du verstehst das nicht. Wirklich nicht. Also lass mich einfach. General Horsch füllt die Rolle des Schirmherren für den Gedenktag und das Kriegsdenkmal sehr gut aus. Er ist ein großartiger Mann, ein verdienter Soldat, und er war der Kommandeur des Internationalen Alliiertenverbandes.«

»Du gibst vor deiner Angst klein bei, Kumpel.«

»Kleinbeigeben?« Ha! »Du glaubst, das sei Kleinbeigeben? Ich habe mir das Recht verdient, eine Entscheidung zu treffen.« Stephen schlug sich die Hand vor die Brust und zügelte seine Ängste. »Aber sag nie, ich hätte nachgegeben. Ich stehe jeden Tag auf, trete dem Leben entgegen und erinnere mich daran, was an jenem Tag in Torcham passiert ist.«

Seine Stimme verstummte, und die Kacheln der Küche warfen das Echo der Stille zurück.

»Es tut mir leid«, sagte Nathaniel nach einem Moment. »Aber ich bin aus einem ganz anderen Grund hier. Über die Krönung können wir ein andermal sprechen.« Nathaniel reichte Stephen das Kuvert. »Das hier müsstest du mir bitte mal erklären.«

Stephen drehte den Umschlag hin und her. »Das ist eine weiße Versandtasche in einem gewöhnlichen DIN-Format. Sowas verwendet man gewöhnlich zum Verschicken von Drucksachen oder vielleicht auch dazu, Akten und Papiere aufzubewahren.«

»Sehr witzig. Mein Bruder, der Spaßvogel. Schau rein. Schau dir an, was da drin ist.« Nathaniel beugte sich vor und schnipste mit dem Finger gegen die Kante des Umschlags. »Ich habe Mama gegenüber kein Wort über die Sache verloren, weil sie das völlig fertigmachen würde.«

In seinen 31 Jahren hatte er seine Mutter schon öfter »völlig fertiggemacht.« Aber das war als junger Mann gewesen. Seit seiner Zeit an der Universität war das nicht mehr vorgekommen. Jedenfalls seines Wissens nach. Er hatte hart daran gearbeitet, seinen Ruf als »Versager-Prinz« auszulöschen. Ein Versuch, bei dem er sich stets bemühte, aber immer wieder scheiterte.

»Fertigmachen? Was redest du da?« Eine unheimliche Vorahnung griff mit eisigen Fingern nach Stephen, als er das Papier aus dem Umschlag zog. Er fluchte kaum hörbar. »Woher kommt das?«

»Also ist es wahr?«

Stephen starrte auf die goldverzierte Urkunde mit den eingeprägten Lettern. »Ein Stück weit. Nicht so richtig. Ich meine, ja, wir sind nach Hessenberg gefahren und … Wo hast du das her?«

Erinnerungen, Gefühle, eine Sehnsucht, die er längst überwunden geglaubt hatte, durchströmten ihn.

»Erzbischof Burkhardt ließ es mir per Spezialkurier zukommen. Er ist äußerst besorgt.« Miles Burkhardt war das aktuelle Oberhaupt der Kirche im Großherzogtum Hessenberg, Brightons verschwisterter Nordseeinselnation. »Ihm ist die Urkunde in seinem Büro in die Hände gefallen. Er fand sie in einem Geheimfach, das Erzbischof Caldwell ihm gegenüber nie erwähnt hatte. Er war dabei, vor einer Umgestaltung des Büros Dinge zu sortieren und auszuräumen, und da war es und zeigte sich.«

»Dann mach dir keine Gedanken darum.« Stephen steckte die Urkunde wieder in den Umschlag. Sein Kopf erinnerte sein Herz daran, dass das hier keine große Sache war. »Ich habe die Papiere nie bei den Ämtern offiziell gemacht. Das hat gar keinen rechtlichen Bestand. Und wir haben die Sache sowieso beendet, als ich von meinem Einsatz zurückkam.«

»Beendet?«

Nathaniels gerunzelte Stirn irritierte Stephen. Verstand er es denn nicht?

»Wie hat das geendet?«

»Ich weiß es nicht.« Aber doch, er wusste es, wusste es ganz genau. Lügner. »Sie ist ihres Weges gegangen, und ich bin meines Weges gegangen.« Er war das Ganze sooft innerlich durchgegangen, um sich davon zu überzeugen, dass er das Richtige getan hatte. Um sich davon zu überzeugen, dass es ihm übrigens auch gar nichts ausmachte. Egal wie, es musste jedenfalls beendet werden. Also hatte er es beendet.

»Stephen«, sagte Nathaniel, stand auf und schnappte sich den Umschlag. »Du bist verheiratet.«

»Nein, bin ich nicht. Ich habe nie den behördlichen Teil des Ganzen abgewickelt.«

»Hast du denn dann die Ehe bei der Kirche aufheben lassen? Diesem Papier hier zufolge …«, Nathaniel schwenkte die Heiratsurkunde, als sei sie eine Art Du-hast-es-einmal-mehr-versemmelt-Flagge, »bist du nämlich immer noch verheiratet.«

»Aufheben lassen? Wie hätte ich das tun sollen? Keiner wusste davon. Das hast du selbst gesagt … Dieses Ding …«, jetzt war es Stephen, der gegen den Umschlag schnipste, »… war in einem Geheimfach versteckt. Die Ehe war nie offiziell.«

»Bist du so schwer von Begriff? Eine Ehe, die von einem Erzbischof geschlossen wird, ist automatisch bei der Kirche aktenkundig. Das ist so gut wie eine behördliche Anerkennung, wenn nicht sogar schwerwiegender.«

»Aber Bischof Caldwell hat die Ehe nie aktenkundig gemacht.« Wie lange wollten sie sich denn noch im Kreise drehen? Stephen war alles klar. Er war nicht verheiratet. Er war aus Afghanistan zurückgekehrt mit dem festen Vorsatz, professionell Rugby zu spielen und die Beziehung zu seiner Ehefrau zu beenden.

»Bist du so naiv? Du bist Mitglied des Königshauses. Wenn diese Urkunde bezeugt, dass du Corina Del Rey am …«, Nathaniel zog die Urkunde wieder aus dem Kuvert und studierte sie, »… am dritten Juni vor sechs Jahren geheiratet hast, dann bist du verheiratet, kleiner Bruder.«

»Unmöglich.« Stephen ging nachdenklich in der Küche auf und ab. Seine Gedanken stießen hart mit den Gefühlen zusammen, die sich in ihm Bahn brachen. »Ich habe sie noch nicht einmal gesehen, seit –«

»Das ändert nichts an dieser unterschriebenen und versiegelten Urkunde. Du bist vor Gott und der Kirche verheiratet. Es sei denn, du hast die Annullierung eingereicht. Hast du das?«

»Nein!« Er zerschnitt die Luft mit einer weiten Armbewegung. »Es war ein Geheimnis. Der Erzbischof versprach, die Urkunde bei sich zu behalten, bis ich sie abholen komme.«

»Nun, da hat er sich also als vertrauenswürdig bewiesen. Leider hat er auch Erzbischof Burkhardt gegenüber keine Silbe darüber verraten. Hat Caldwell dir denn nicht erzählt, dass dieses Zertifikat dich rechtskräftig verheiratet, egal, ob du es bei den Behörden offiziell machst oder nicht?«

Nein. Vielleicht. Ja. Stephen fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Seine zerzausten Locken standen wild in alle Richtungen ab. Ungestüm. Es war eine spontane, ungestüme Entscheidung gewesen. Sie waren verliebt gewesen und er kurz davor, an seinen Einsatzort zu fliegen. Bevor er abreiste, hatten sie vier Wochen, um Mann und Frau zu sein. Sie wollten ihr Geheimnis das halbe Jahr über, das er weg sein würde, bewahren und es dann seiner Familie mitteilen wollen, dann ihrer, und am Ende der ganzen Welt.

Er war gut darin, aus dem Bauch heraus ungestüme Entscheidungen zu treffen. Es waren die Dinge, bei denen er zögerte, die am Ende oft schiefgingen. Wie an jenem Tag in Torcham. Wie an jenem Tag auf dem Spielfeld bei der Seven Nations Championship, als er bei seinem Manöver mit einem Abwehrspieler der England Lions gezögert hatte.

»Hast du sie geliebt?«

»Ich glaube schon, ja …«

Nathaniel atmete aus und strich sich mit der Hand über den Kopf. »Du heiratest die Tochter einer amerikanischen Millionärsdynastie und erzählst keinem etwas davon?« In seinen Augen loderte Feuer auf. Seine Nasenlöcher weiteten sich. Stephen verabscheute seinen Tonfall.

»Ja, ich habe sie geheiratet. Was macht das schon?« Er nahm seinem Bruder das Kuvert wieder weg. Der mochte zwar sein Bruder und sein König sein, aber deswegen war er weder sein Vater noch sein Gewissen noch Gott höchstselbst. »Wenn ich mich recht erinnere, mochtest du sie.«

»Wo ist sie jetzt?« Nathaniel stemmte die Hände in die Hüften und sah sich übertrieben in der Küche um. »Ich sehe keine Fotos. Keine Erinnerungsstücke. Keine Spur davon, dass sie je in deinem Leben war.«

»Weil die Beziehung vorbei ist. Und wo sie jetzt gerade ist, weiß ich nicht. In den Staaten, nehme ich an. Bei ihrer Familie. Sie ist nach Hause gereist, nachdem ihr Bruder gestorben war.« Er wollte seinen Bruder dafür hassen, dass er all das ans Licht zerrte. »Schau, wir zerreißen das Ding einfach und vergessen es. Kein Schaden entstanden, nichts Schlimmes passiert.«

»Der Erzbischof hat eine Kopie angefertigt, und zu Recht. Und wir können nicht einfach eine Heiratsurkunde zerreißen. Corina ist nicht dein Haustier. Sie ist deine Frau.«

»Die ich seit fünf Jahren nicht gesehen habe.« Stephen setzte sich wieder auf seinen Hocker an der Kücheninsel und nahm einen Krapfen, den er dann aber wieder auf den Teller fallen ließ.

»Das wäre mir neu, dass Ehen verjähren können, nur weil man jemanden nicht tatsächlich von Angesicht zu Angesicht sieht. Es sei denn natürlich, sie wäre gestorben. Ist sie das? Gestorben?«

»Sei nicht geschmacklos. Obendrein ist das grob unhöflich, wo du genau weißt, was mit ihrem Zwillingsbruder passiert ist.« Stephen tigerte wieder in der Küche herum. Sein Adrenalin setzte zu neuen Höhenflügen an und machte es ihm unmöglich, still zu sitzen. »Und rede nicht so herablassend mit mir.«

»Du hast recht. Ich entschuldige mich. Diese ganze Angelegenheit ärgert mich einfach so dermaßen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Was hast du dir nur dabei gedacht? Hast du sehenden Auges den Thron von Brighton aufs Spiel gesetzt? Vor sechs Jahren war diese Heirat noch ganz und gar gesetzeswidrig. Einem Anwärter auf den Königsthron war es verboten, eine Ausländerin zu heiraten. Was, wenn mir etwas passiert wäre?« Der Rauch des Zorns kräuselte sich um Nathaniels Worte. »Du bist der Zweite in der Thronfolge.«

»Also bitte, ich war es doch, der sich für den Auslandseinsatz eingeschifft hat. Du, der Kronprinz, durftest doch gar nicht.«

»Ich hätte auch in der Badewanne ausrutschen, hinfallen und mir mein königliches Haupt stoßen können.«

»Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.« Stephen legte einen boshaften Unterton in sein spöttisches Lachen.

»Nein, wohl nicht.« Zum ersten Mal nahm Nathaniel seinen Tee wahr und nahm einen Schluck. Er zog eine Grimasse. »Der ist kalt.«

»Ich mach uns schnell neuen.«

»Lass gut sein, Stephen.« Nathaniel kauerte auf seinem Hocker. »Erzähl mir mal, was da passiert ist. Warum die Geheimniskrämerei? Wie sah denn euer Plan für die Zeit nach deiner Rückkehr aus?«

»Ich weiß es nicht. Du mit deinen wasundzwanzig Fragen. Also schön, ich war verliebt.« Stephen lehnte sich gegen die Anrichte und kreuzte den geschienten Knöchel über seinen gesunden Fuß. Er spürte einen dumpfen Schmerz. »Es war der Abend des Militärballs. Corina und ich waren auf der Spitze des Braithwaite Tower. Sonst war keiner da, nur wir zwei. Wir schauten hinunter auf die Rue du Roi, die von den Lichtern der Stadt umgeben war, und in dem Moment war das Leben einfach perfekt gewesen. Es war neun Uhr am Abend. Die Glocken der Kathedrale hatten gerade begonnen zu läuten.«

Der Wind wehte durch die Avenue und trug den Duft des River Conour mit sich. Stephen fing Corina mit seinen Armen ein, indem er seine Hände fest auf das Geländer des Braithwaite legte.

Ihr Haar strich ihm über die Wange, und er fühlte sich, als würde er im Glück ihrer Gegenwart ertrinken.

Er drehte sie zu sich herum und fuhr sanft mit dem Finger über ihre Wangenknochen. Dann hob er ihr Kinn an und berührte ihre Lippen mit den seinen. So sanft, so süß. Das weckte einen tieferen, stärkeren Hunger. Als er zurückwich, wusste er, dass das, was da seit Monaten in seinem Herzen flüsterte, echt war.

Er liebte sie. Er wollte sie heiraten. Aber schon in vier Wochen würde er mit seiner RAC Staffel zu einem sechsmonatigen Einsatz in Torcham aufbrechen.

Hinter ihm, neben ihm, vor ihm fingen die aufeinander abgestimmten Glocken der Kathedrale an zu läuten.

Eins, zwei, drei …

Dann war sie es, die es zuerst sagte. Die Worte, die sein Herz fast zum Platzen brachten. »Ich liebe dich, Stephen. Du bist mein Prinz.« Ihr sanftes Lachen rankte sich um sein Herz.

Vier, fünf, sechs …

Dann wusste er, was er mehr wollte als alles andere. Er dachte nicht lange nach, zögerte nicht, denn er wusste, dass es richtig war. Er kniete sich hin und sah in ihre haselnussbraunen Augen mit den goldenen Pünktchen.

Sieben, acht …

»Heirate mich, Corina Del Rey. Ich liebe dich so sehr.«

Neun.

»Was? Dich heiraten?« Ihre Stimme klang laut in der Stille. Die Luft des Juniabends duftete nach Geißblatt.

»Ja, heute. Wir können die Fähre nach Hessenberg nehmen.«

»Hessenberg? Aber warum? Wie? Brightons Gesetz verbietet es dir, eine Ausländerin zu heiraten.« Ihre Stimme zitterte, als sie die Wahrheit aussprach.

»Und doch bist du hier, in meinen Armen.«

»Ich liebe dich, und ich kenne mich mit dem Gesetz nicht aus. Aber ich will nicht verantwortlich dafür sein, das Hause Stratton oder eines seiner Mitglieder zu Fall zu bringen.«

»Aber nicht doch. Das schaffe ich schon ganz alleine. Mein lieber Schatz, ich muss in einem Monat in den Krieg. Wenn das keine Bedrohung für das Hause Stratton ist, weiß ich auch nicht. Aber es ist bestimmt keine, wenn ein Prinz die Frau heiratet, die sein Herz für sich gewonnen hat. Also heirate mich! Bitte. Der Erzbischof ist ein feiner Kerl. Ich bin mir sicher, dass er uns trauen wird.« Oder zumindest hoffte er das.

»Du willst mich wirklich heiraten?«

»Ist das ein Ja?«

»Wenn du mich heiraten möchtest, dann …«

»Ja, du wirst mich heiraten.« Er nahm sie in den Arm, wirbelte sie herum und küsste sie zum ersten Mal so richtig. So, wie sie sich noch oft küssen würden.

»Stephen? Hast du mich überhaupt gehört?«

Er kehrte wieder zurück zu seinem Bruder in die Gegenwart. »Was hast du gesagt, bitte?«

Nathaniel schenkte sich eine Tasse Tee ein. »Warum hat es aufgehört?«

»Warum machst du das nur? Rate doch mal. Du weißt, dass ihr Bruder einer der Männer war, die an jenem Tag gefallen sind.« Nathaniel war neben dem Verteidigungsminister, dem Leiter der Rechtsabteilung der Luftwaffe und seinem lieben, verstorbenen Vater der einzige, der die ganze Wahrheit kannte.

»Ah, also hast du die Ehe wegen ihres Bruders beendet.« Nathaniel wusste, dass Stephen und Carlos befreundet gewesen waren. Und er wusste, dass Stephen ziemlich von der Zwillingsschwester seines Kumpels, Corina, angetan gewesen war.

»Sie ist mit ihren Eltern nach Hause zurückgekehrt, als sie die Nachricht … wegen Carlos … bekommen hat.« Stephen schüttelte den Kopf, eine einfache, seichte Geste, die ausdrückte, was er nicht in Worte fassen konnte. »Während dieser fünf Tage, die ich nach der Explosion im Krankenhaus verbrachte, wusste ich, dass ich mich jedes Mal, wenn ich sie ansah, erinnern würde, und –«

»Und dann was? Dann hast du sie angerufen und gesagt, ›das war’s, Liebes‹?«

»Nein … Nach Carlos‘ Beerdigung kam sie wieder nach Brighton. Ich konnte ihr nicht sagen, wie ich ihr abhandengekommen war, warum ich ihre Anrufe und ihre E-Mails nicht beantwortet hatte, warum ich nicht bei der Beerdigung ihres Bruders gewesen war. Weil die Luftwaffe nicht wusste, dass sie meine Frau war, hatten sie sie natürlich auch nicht kontaktiert, als ich verwundet wurde.«

»Und die Familie hat das ebenso wenig übernehmen können. Du meine Güte, Stephen.« Nathaniels Seufzer tat mehr, als ihn nur zu rügen. Er bestätigte ihn. Du hast es vermasselt.

»Für ungefähr zwei Wochen verloren wir den Kontakt zueinander. Zuerst war ich im Krankenhaus und dann … naja, dann musste ich mit der ganzen Sache fertigwerden. Sie wusste nicht, dass Carlos zu meiner Mannschaft überstellt worden war. Sie flog zurück nach Brighton, um herauszufinden, was mit mir passiert war und um mir von der Sache mit Carlos zu berichten, falls ich davon noch nichts gehört haben sollte. Ich war in ihrer Wohnung, um meine Sachen zu holen, als sie ankam. Da haben wir zusammen gewohnt, nachdem wir geheiratet hatten … um die Presse fernzuhalten.«

»Und du hast sie weggeschickt?«

»Ich habe ihr gesagt, dass die Heirat ein Fehler war. Das klang vernünftig, weil es ja tatsächlich gesetzeswidrig war, dass ich eine Ausländerin geheiratet hatte. Ich hatte das Gesetz auf meiner Seite.«

»Also hast du sie gar nicht aufrichtig geliebt, als du sie geheiratet hast?«

Stephen warf seinem Bruder einen Blick zu. »Ich habe sie sehr geliebt.«

Ihre Telefonate, die E-Mails, das waren seine Rettungsleine gewesen. Ihre Care-Pakete mit Keksen und Kuchen, kleinen Zeichnungen und Gedichten hatten sein Herz ebenso in Brand gesetzt wie ihre Küsse. Sie war keine besonders tolle Bäckerin – er und die Jungs hatten ihre Kekse mit großen Schlucken Wasser hinunterspülen müssen–, aber Stephen hatte es geliebt, dass sie es versuchte.

Die Zeit in Torcham war schnell vergangen. Die Einheit war an ein paar intensiven Kampfeshandlungen beteiligt gewesen. Tag für Tag hatte Corinas Liebe ihn auf den Beinen gehalten. Aber die Zeit von Juli bis Januar war dem durstigen Mann, der es in der Wüste aushalten musste, trotzdem wie eine Ewigkeit erschienen.

Und dann hatte, vier Wochen vor Ende des Einsatzes, ein Feind, mit dem niemand gerechnet hatte, das Offizierskasino in die Luft gejagt und sechs Männer aus Stephens Staffel getötet. Einschließlich des Bruders seiner Frau.

Stephen überlebte und hatte eine Woche in einem Feldlazarett verbracht, bevor eine Spezialeinheit ihn an Silvester nach Hause zurückgebracht hatte. Alles undercover.

»Du musst sie am Boden zerstört haben.«

»Am Boden zerstört. Das ist eine harte Formulierung.« In letzter Zeit hatte er nachts manchmal von ihren Tränen geträumt. Ein Grund mehr, möglichst bald zum Rugby zurückzukehren. Um mit seiner körperlichen Kraft über seine emotionale Schwäche zu herrschen.

»Sicher ist es das.« Nathaniel seufzte enttäuscht. »Trotzdem passt es. Hat sie dich gefragt, was passiert ist? Wo du warst? Warum du keinen Kontakt mehr mit ihr hattest? Hast du ihr erzählt, dass du von Carlos wusstest? Dass er bei dir war?«

»Ich konnte ihr ja nicht sagen, warum Carlos bei mir war, oder? Das sind vertrauliche Informationen. Deshalb habe ich alle Details vermieden. So eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine ganz gute Entschuldigung bei solchen Sachen.« Selbst jetzt noch war die Wahrheit so tief begraben, dass es ihn schmerzte, auch nur an sie zu denken. »Also, ich habe ihr erzählt, dass es eine Explosion gab. Weiter nichts. Der ganze andere Kram ist sowieso vertraulich. Ich sagte, mir sei bewusst geworden, dass ich eine Verantwortung der Krone und dem Hause Stratton gegenüber habe. Wenn es herauskäme, dass ich eine Amerikanerin geheiratet habe, würde es Chaos geben. Ich würde aus der Thronfolge ausscheiden müssen, und das konnte ich Dad nun wirklich nicht antun. Oder dir. Gott hab ihn selig.«

König Leopold V., ihr Vater, war vor zwei Jahren an Leukämie verstorben. Und Stephen vermisste ihn heute mehr denn je.

»Du bist wie der Elefant im Porzellanladen.«

»Nathaniel, ich brauche dein Urteil nicht. Ich bin heute noch überzeugt davon, dass es richtig war, was ich getan habe. Von den ganzen rechtlichen Umständen einmal abgesehen, die sich erst änderten, als du Susanna heiraten wolltest, musste ich alles von Afghanistan vergessen und einfach weiterleben. Und dazu gehörte Corina. Wie hätte ich sie ansehen und mich nicht erinnern sollen?«

»Ich kann nicht glauben, dass sie einfach so nachgegeben hat.«

»Sie hat auch nicht nachgegeben. Bis ich ihr sagte, dass ich auf den Thron verzichten müsste. Da hat sie sich dann langsam damit abgefunden, dass es vorbei war.«

»Aber dass du bei Carlos warst, als er starb, hast du ihr nie gesagt?«

»Nein.« Der Schmerz auf ihrem Gesicht, als er ihr sagte, dass er aus ihrer Ehe herauswollte, hatte ihn beinahe umgebracht. Dieser Anblick war für alle Zeiten in sein Herz eingebrannt. Er weigerte sich, dem noch ein Bild davon hinzuzufügen, wie sie darüber weinte, dass Carlos unnötig gestorben war. Dass er seinetwegen gestorben war.

Daher löschte Stephen die Erinnerung an den Tag, an dem er ihre Ehe beendet hatte, aus. Doch das Gespräch mit Nathaniel zerrte ihn durch die Tiefen und die dunkelsten Winkel seines Verstandes und brachte Bruchstücke und Splitter dieses schrecklichen Tages an die Oberfläche.

Sie hatte so bitterlich geweint, gefleht. Ihn an ihrer beider Liebe erinnert. Wie sehr sie ihn nach Carlos Tod brauchte. Stephen hatte beinahe nachgegeben und sie in die Arme geschlossen, um ihr zu sagen, dass alles gut werden würde.

Doch dann hatte er die Explosion wieder gehört, die gellenden Schreie. Hatte das Blut an seinen Händen gesehen. Und so hatte er es nur gerade so geschafft, nicht auf der Stelle aus ihrer Gegenwart zu fliehen.

Stephen presste sich die Finger an die Stirn und schloss energisch die Tür zu diesen Erinnerungen.

»Sag mir noch eins – wie kann es sein, dass Erzbischof Caldwell bei der Hochzeit so einfach mitgemacht hat?«, sagte Nathaniel.

»Zuerst protestierte er, aber dann machte ihm seine Frau eine schöne Tasse Tee, und hinterher schien er ganz umgänglich. Ich nehme an, er glaubte uns, dass wir uns liebten und wussten, was wir taten.« Stephen fasste Nathaniel an den Arm. »Ich habe sie geliebt. Wirklich. Aber Torcham hat alles verändert.«

»Dir ist schon klar, dass du das in Ordnung bringen musst?!« Nathaniel schob ihm den Umschlag zu.

»Es gibt da nichts in Ordnung zu bringen. Sie glaubt, dass es vorbei ist. Und es ist vorbei. Wirf das Ding in den Müll.«

Nathaniel griff in die Hosentasche und brachte ein zusammengefaltetes Stück Papier zum Vorschein. »Ich habe dir doch bereits gesagt, dass wir das nicht tun können. Erzbischof Burkhardt hat der Urkunde diese Notiz beigelegt. Soll ich sie vorlesen?«

»Ich bitte höflichst darum.« Sarkasmus. Er war am Ende seiner Geduld angekommen.

»Er schreibt: ›Ich bin unsicher, was die Bedeutung dieser Urkunde anbetrifft. Prinz Stephen hat meines Wissens nach derzeit keine Ehefrau. Aber egal, was aus dieser Beziehung geworden ist, bete ich doch darum, dass er sie vor Gott und Menschen ehrenvoll behandeln wird. Während ich annehme, dass er sie im Geheimen geheiratet hat, so kann er sie doch nicht auf die gleiche Weise ablegen. Bei der Kirche muss eine ordentliche Aufhebung der Ehe verzeichnet werden.‹«

»Ich habe sie nicht im Geheimen abgelegt. Sie weiß Bescheid. Ich habe persönlich mit ihr gesprochen.«

»Du wirst ein Aufhebungsverfahren anstrengen müssen. Lass uns beten, dass sie in der Zwischenzeit nicht jemand anderes geheiratet hat. In letzter Zeit war nicht viel über sie oder ihre Familie in den Medien, und ich nehme an, es wäre eine Angelegenheit von großem öffentlichen Interesse, wenn Corina Del Rey heiratet.«

»W-was?«, entfuhr es Stephen. Sie konnte nicht wieder geheiratet haben. Würde sie das tun? Wie ein Peitschenhieb traf der Gedanke sein eifersüchtiges Herz.

»Sie ist eine schöne, intelligente Frau. Dir muss doch wohl in den Sinn gekommen sein, dass auch ein anderer Mann sie haben wollen könnte. Dass sie weiterleben, eine Familie gründen möchte.« Nathaniel sah auf seine Armbanduhr. »Tut mir leid, dass ich das hier jetzt unterbrechen muss, aber ich muss zu einem Meeting. Ruf Jonathan morgen früh an. Er wird dir helfen, sie ausfindig zu machen. Dann kannst du mit der Royal Air One hinfliegen und dich mit ihr treffen.«

»Wie bitte? Nathaniel, ich werde mich nicht mit ihr treffen. Wir können ihr die Unterlagen per Kurier schicken.«

»Stephen, sie ist deine Ehefrau und verdient es, mit Respekt und Ehrerbietung behandelt zu werden. Besonders, weil sie die letzten fünf Jahre lang einer Lüge aufgesessen ist und geglaubt hat, sie sei ein freier Mensch, obwohl das gar nicht der Fall war. Mal davon abgesehen, dass sie ausgerechnet mit dem königlichen Prinzen von Brighton verheiratet ist. Ich würde sagen, sie verdient es, so ehrenvoll wie eine Prinzessin behandelt zu werden.« Nathaniel ging durch die Küchentür. »Wenn du weiter so argumentierst, muss ich andere Saiten aufziehen.«

»Das wirst du nicht.«

»Stell mich nicht auf die Probe.«

Er fühlte sich wieder wie zwölf. Unter dem missbilligenden, prüfenden Blick seines Vaters, nachdem er seine Kumpels mit in den Thronsaal genommen und eine Kegelbahn aufgebaut hatte. »Ich hatte vor, mich darum zu kümmern.« Stephen ging mit seinem Bruder zur Eingangstür. »Aber dann habe ich in den Summer Internationals gespielt. Dann wurde mir klar, dass ich die Heiratsurkunde ja auch gar nicht hatte, und da habe ich es dann einfach auf sich beruhen lassen.«

»Hast du den Weg zum Büro des Erbischofs vergessen?« Nathaniel öffnete die Tür, und der Duft des Abendregens drang in die Wohnung. »Bring das in Ordnung, Stephen.«

Herrschaftszeiten. Bisher hatte er noch nicht das Vergnügen mit dem König-Bruder Nathaniel gehabt. Aber er hatte recht. Stephen musste sie sehen. Musste Corina das persönlich sagen. Mit einem riesigen, gewichtigen Seufzer sank er auf den nächstbesten Stuhl und starrte aus dem Fenster.

Der Regen fiel in Strömen und platschte auf den sommerwarmen Gehweg. Und in der Ferne hörte Stephen die ersten aufeinander abgestimmten Töne des abendlichen Sechs-Uhr-Läutens der Stadt.

Eins …

Zwei …

Drei …


DREI

Es war spät. Sie war müde und bereit, nach Hause zu fahren. Aber seitdem Mark Johnson am Montagnachmittag angekommen und mit der Gewichtigkeit eines Wahlkampfkandidaten durch das Büro spaziert war, Hände geschüttelt und Hoffnung und Veränderung in Aussicht gestellt hatte, hatte sich Corinas Arbeitspensum verdoppelt.

Ihr war die Aufgabe erteilt worden, ihn mit den Schreibern und der Arbeitsweise des Büros bekanntzumachen. Sie hatte ihre Tage damit verbracht, ihm sowohl die Mannschaft hier in Melbourne, Florida, als auch – mithilfe des Internets – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf der ganzen Welt verteilt waren, vorzustellen.

Nachdem dann alle anderen Feierabend gemacht hatten, war sie an den Abenden geblieben, um die E-Mails der Korrespondenten zu beantworten, Artikel zu editieren, nach den Bloggern zu sehen und sicherzustellen, dass Abgabetermine eingehalten wurden.

Sie versuchte, Mark das virtuelle Aufgabenbrett der Abteilung zu zeigen, damit er einige der Aufgaben übernehmen konnte, aber er verharrte im Wahlkampfmodus, schleimte sich bei Gigi und den Mitarbeitern ein, war ständig abgelenkt und nahm Anrufe von seinem früheren Arbeitgeber ebenso an wie die von seiner Frau, seinem Immobilienmakler und irgendeinem Typen, der ihm ein maßgeschneidertes Surfbrett baute.

Ja, klar, Gigi. Mark ist einfach perfekt für den Job.

Mit einem Seufzer fiel Corina in ihrem Bürostuhl in sich zusammen und starrte auf die Lichter von Indian Harbor Beach, die sich im Fluss spiegelten.

Heute schmiss Gigi eine Willkommensparty für Mark, und die gesamte Belegschaft war eingeladen. Und das an einem Donnerstag. Morgen würde dann die Hälfte der Leute anrufen und behaupten, sie »arbeiteten von zu Hause aus«. Sie sollte gehen, Teil des Teams sein, aber sie konnte sich nicht dazu motivieren, von ihrem Schreibtisch aufzustehen.

Corina richtete ihre Schreibtischlampe aus und wies die Dunkelheit des Großraumbüros etwas in ihre Schranken. Dann starrte sie auf ihren Bildschirm. 21 Uhr. Sie sollte wirklich nach Hause fahren. Ihre bequemen Klamotten anziehen und eine Mary Tyler Moore-DVD anschauen.

Oder, sollte sie es schaffen, solange wach zu bleiben, könnte sie einfach im Frieden ihrer Wohnung dasitzen und auf Gott warten. Wenn es in den letzten fünfeinhalb Jahren einen Silberstreif am Horizont gegeben hatte, dann war das die Entdeckung der Wahrheit. Trotz ihres Schmerzes und aller Trauer hatte sie Trost in einem Gott der Liebe und des Friedens gefunden, der ihr all das gewesen war, was er versprochen hatte.

Aber die Mitarbeiter, die nicht hier vor Ort waren, brauchten ihre Aufmerksamkeit. Sie warteten auf Aufträge und Antworten. Die wussten nicht, dass Mark bei seiner Willkommensfeier Kontakte knüpfte, und es kümmerte sie auch gar nicht.

Die Wahrheit? Sie tat sich schwer mit dem Gedanken, dass Mark ihr Vorgesetzter sein sollte. Der Kerl, der sich da gerade durch seine erste Arbeitswoche bei der guten alten Beaumont Post feierte.

»Bist du immer noch hier, Süße?«

Corina blinzelte durch das sanfte Licht und sah Gigi, die durch den Mittelgang auf sie zukam. Ihre anmutige Figur war in ein blassblaues Designerkleid gehüllt. Was machte die denn hier? Corina dachte, sie wäre mit dem Rest des Teams gefahren.

»Gehst du denn nicht zu Marks Party?«, fragte Gigi.

»Ich habe diese Woche schon genug Zeit mit Mark verbracht.« Corina schloss ihr E-Mail-Programm und fuhr den Computer herunter, während sich Gigi auf die Schreibtischkante setzte und leise lachte. Sie hatte sich entschieden. Es war Zeit, nach Hause zu fahren.

»Jetzt komm schon, sei ein Teamplayer.«

»Ich bin der Inbegriff eines Teamplayers. Heb dir deine Worte für Mark auf. Noch kannst du es dir anders überlegen«, sagte Corina. »Er ist erst eine Woche hier. Du kannst ihn wieder nach Hause schicken.«

»Ach, jetzt verstehe ich. Das meinst du also? Ich hätte Besseres von dir erwartet, Schätzchen.« Gigi nahm einen Lippenstift und einen Spiegel aus ihrer orangefarbenen Hermes Birkin und zeichnete ihre Lippen in einem dunklen Rot nach. Dann schaltete sie Corinas Schreibtischlampe aus. »Für heute ist die Arbeit getan. Komm, lass uns zu den anderen gehen!«

»Richte ihnen liebe Grüße aus.« Corina nahm ihre Handtasche, eine Prada, die sie schon seit Jahren hatte und immer noch mochte, und ging mit Gigi zur Tür. »Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Meine Wohnung ruft schon nach mir.«

Sie hatte nie wirklich alleine gelebt. Noch nicht einmal im Mutterleib, den sie mit Carlos geteilt hatte. Nach der Highschool war sie aufs College gegangen und hatte sich die gesamten vier Jahre über ein Zimmer mit ihrer besten Freundin Daisy geteilt. Gleich nach dem College hatte sie ein Jahr in Melbourne für Gigi gearbeitet und bei ihrer Freundin Tammy gewohnt. Und Daisy war mindestens einmal im Monat auf ein Mädels-Wochenende vorbeigekommen.

Dann war Carlos den Marines beigetreten und wurde für eine internationale Taskforce in Brighton ausgewählt. Sie war mit ihm nach Brighton gezogen, hatte als freie Mitarbeiterin für Gigi gearbeitet und Kreatives Schreiben an der Universität von Knoxton studiert.

Und dort hatte sie ihn dann getroffen. Ihren Prinzen des Campus.

Corina seufzte.

»Was ist denn da los?« Gigi, aufmerksam wie immer. Immer wachsam. Immer die Ohren gespitzt. »Welch ein Seufzer!«

»Nichts.« Aber es war etwas los. An Stephen zu denken, brachte Corina die unfassbar große Leere in ihrem Herzen in Erinnerung.

Gigi drückte auf den Fahrstuhlknopf. »Mach dir keine Sorgen, wir finden schon eine superheiße Story für dich. Weißt du was, ich habe gar keine verlässliche Korrespondentin in London. In Cathedral City auch nicht, wenn ich genauer drüber nachdenke. Die haben mich alle sitzen lassen, um Kinder zu bekommen. Wie manche Frauen so ticken …«

»Ja, was soll das eigentlich? Dass Frauen Babys wollen, eine Familie gründen …?« Die Fahrstuhltür ging auf, und Corina trat begleitet von Gigis Glucksen ein.

»Was soll ich nur mit dir machen, Corina Del Rey?«

»Mich liebhaben, nehme ich mal an.« Sie lachte und legte eine Hand auf Gigis Arm. »Ich weiß nicht, ob ich das schon gesagt habe, aber: danke. Dein Stellenangebot hat mich gerettet.«

Gigi drückte ihre Hand, während sich die Türen schlossen, und sie fuhren schweigend in die Lobby aus Glas und Fliesen mit den hohen, nackten Stahlträgern hinunter.

Sie winkten dem Nachtwächter, Jones Parker, eine gute Nacht zu. »Gute Nacht, Miss Beaumont. Wiedersehen, Miss Del Rey. Passen Sie gut auf sich auf. Es heißt, ein Tropensturm käme auf uns zu.«

»Und das am zehnten Juni«, sagte Gigi. »Nun, das ist wohl der Preis, den wir für unseren Sonnenschein und die schönen Winter hier in Florida bezahlen.«

»Ja, Ma’am. Es heißt, er bringe massenhaft Wind und Regen. Anna nennen sie den Sturm. Er soll wohl am Wochenende auf die Küste treffen.«

Corina trat hinaus in den warmen, taufeuchten Abend, hinein in die steife Brise, die sich vom Indian River her über die Schneise der U.S. 1 Bahn brach.

»Lass uns vorbereitet sein, Corina. Kann sein, dass wir das Büro morgen früher schließen müssen.«

Corina fing an, über den Parkplatz zu ihrem schwarzen, klassischen ‘67er GTO zu gehen, der unter der bernsteinfarbenen Straßenlampe auf sie wartete. »Vergiss nicht, deinem Chefredakteur Bescheid zu sagen.«

Gigi lachte. »Du lässt nicht locker.« Dann streckte sie die Arme nach Corina aus. »Du weißt, dass ich dir das Allerbeste wünsche. Deine Mutter und ich sind schon so lange befreundet, aber ich –«

»Ist schon okay, Gigi. Das weiß ich doch.«

»Gut.« Gigi machte sich auf den Weg zu ihrem Wagen, der an der anderen Seite des Gebäudes stand. »Dann hör auf, auf der Sache herumzureiten.«

»Niemals. In einem halben Jahr wirst du mir sagen, dass ich von Anfang an recht hatte.« Wenn nicht schon vorher.

»Wie du meinst, Süße, wie du meinst.«

Als sie an ihrem Auto angekommen war, schloss Corina die Tür auf, warf ihre Handtasche über die Fahrersitzbank aus rotem Leder und hielt das Gesicht in den Wind. Sie liebte Stürme. Also, echte, natürliche Stürme, keine emotionalen. Von Letzteren hatte sie für den Rest des Lebens genug.

Ein Tropensturm wäre neu für sie. Neben den Sicherheitseinrichtungen ihres Penthouses hatte der Bauherr garantiert, dass das Gebäude einem Hurrikan der Kategorie 4 standhalten würde.

Corina legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den Himmel. So klar und schön, frisch und windig, ohne einen Hinweis auf einen Tropensturm zwischen den glitzernden Sternen.

»Corina?«

Beim Klang der vertrauten Stimme fuhr sie herum. Ihr Herzschlag ging durch die Decke. Stephen?

Sicher doch. Da drüben, im Licht der Parkplatzbeleuchtung und im Schatten der Königspalmen, stand Stephen Stratton, Prinz von Brighton, mit den Händen in den Taschen seiner Jeans. Über seinen Augen, die glänzten wie Kristalle, zerzauste ihm eine Windböe nach der anderen das ohnehin schon widerspenstige Haar.

»Oh nein …« Sie fiel gegen ihr Auto und versuchte, zu Atem zu kommen. »Was machst du hier?«

»Ich habe es bei der Wohnung versucht, aber dein Rezeptionist hat mir gesagt, du seist noch nicht von der Arbeit zu Hause. Also bin ich hierhergekommen.« Er ging ein paar Schritte auf sie zu. »Wie geht es dir?«

»Wie es mir geht? Du bist viertausend Meilen geflogen, um mich zu fragen, wie es mir geht?«

»Gut schaust du aus.« Der zweite Teil seiner Bemerkung fiel leiser aus, und in seiner Stimme klang ein heiserer Unterton mit. »So schön wie eh und je.«

»Fünfeinhalb Jahre.« Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. »Kein Piep von dir. Kein Anruf, kein Brief, nicht einmal eine SMS oder eine E-Mail.« Sie bemerkte eine Bewegung im Schatten, wo sich ihnen eine breite, stämmige Figur näherte. »Du hast einen Bodyguard?«

»Thomas.« Stephen wies mit der Hand über seine Schulter auf ihn.

»Was machst du hier?« Sie verschränkte die Arme und ging in Kampfstellung gegenüber dem Mann, den sie einst geliebt hatte. Von ganzem Herzen. Vorbehaltlos. Mit einer Leidenschaft, von der sie vorher nicht gewusst hatte, dass sie sie besaß.

»Ich bin wegen einer heiklen privaten Angelegenheit hier.«

»Du bist viertausend Meilen geflogen, um mit mir über eine heikle Angelegenheit zu sprechen? Was ist mit Brightons Telefondiensten los? Verweigert dir der Palast immer noch ein E-Mail-Konto? Hast du vergessen, wie man SMS schreibt?«

»Brightons Telefondienste funktionieren tadellos. Und das ganze Königshaus ist auf dem aktuellsten Stand der Technik. Aber die Angelegenheit, wegen der ich hier bin, ist keine Sache für ein Ferngespräch oder eine E-Mail zwischendurch.« Stephen sah sich um und humpelte näher. Sein linker Fuß steckte in einer Gehschiene. »Wäre es möglich, dass wir uns bei einer Tasse Tee in deiner Wohnung zusammensetzen?«

Corina machte eine Geste zu den Palmen hin. »Ich glaube, der Parkplatz kann ganz gut verkraften, was du mir zu sagen hast. Wenn ich mich recht erinnere, standen wir bei unserem letzten Gespräch vor einem Rugby-Stadion. Du hattest verschwitztes Rugbyzeug an.«

Er seufzte, beugte sich vor, um im dämmrigen Licht seine Finger zu betrachten, und ihre gespielte Selbstsicherheit bröckelte. Ihre Knie wurden weich, ihr Herz ohrfeigte ihren Kopf – rechts und links – und mahnte einen höflicheren Umgangston an.

Er ist hier.

Auf meinem Parkplatz.

Fünfeinhalb Jahre hatte sie darauf gewartet, dass er sich meldete.

Jetzt stand er hier, gerade mal einen Meter von ihr entfernt. Er sah so gut und so selbstbewusst aus wie immer, und wie sehr sie sich auch anstrengen mochte, um ein Fünkchen gerechten Zorn zu verspüren, in seiner Gegenwart fühlte sie sich wie Wachs. Sie wollte ihre Arme um seinen Hals schlingen. Ihn küssen. Ihn lieben mit allem, was sie in ihrem Herzen für ihn aufbewahrt hatte.

Aber er hatte sie fallengelassen. Er war ihrer nicht würdig.

»Ja, ich bin mir sicher, dass der Parkplatz und die Palmen und Büsche unser Gespräch bestimmt wohlwollend aufnehmen werden. Trotzdem bitte ich um ein wenig Gnade. Wir sind heute Abend erst angekommen und stecken ein bisschen im Jetlag. Wenn du mir den Gefallen nicht tun möchtest, dann denk doch bitte an Thomas.« Er zeigte auf seinen geschienten Fuß. »Und mein verletzter Knöchel könnte eine Stütze gebrauchen.«

Corina sah ihn einen Moment lang an, überlegte und besann sich auf das kühne Blut der Del Reys, das durch ihre Adern floss. »Das ist unglaublich. Jahrelang höre ich nichts von dir, und dann kommst du an und besitzt die Dreistigkeit, Forderungen zu stellen. Einmal ein Prinz, immer ein Prinz.«

»Einmal eine amerikanische Millionärstochter, immer eine amerikanische Millionärstochter. Ich appelliere an deine Gnade und an deinen Charme. Und an die Tugenden deines Südstaatenerbes.«

Am liebsten hätte sie über seinen Versuch, sie zu beschwichtigen, gelacht. Aber er war schon immer schlagfertig gewesen, frech und gewitzt. Außer, wenn er in düsterer, mürrischer Stimmung und kampfmüde war.

»Wie hast du mich gefunden?«

»Das war nicht schwer. Du versteckst dich ja nicht gerade.«

»Miss Del Rey?« Jones rief von der Lobby herüber und trat in die Nacht heraus. »Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«

»Ja, Jones, vielen Dank!«

»Sind Sie sicher?«

Corina betrachtete die Konturen von Stephens Gesicht, die vom Licht der Straßenlaternen hervorgehoben wurden. Seine Brust und seine Arme waren dick und breit, weit muskulöser und praller als damals, als sie vor sechs Jahren seinem Heiratsantrag zugestimmt hatte. Sie sammelte ihre Aufmerksamkeit, um Jones zu antworten.

»Ja, ganz sicher.«

Was würde sie nicht darum geben, dass Jones die Polizei anrief. Aber was würde das bringen? Stephen besaß diplomatische Immunität. Und es gab kein Gesetz, das ihm verbot, sich auf einem Parkplatz mit einer Freundin, äh, seiner Exfrau, zu unterhalten.

Stephen schaute zum Beaumont Media Haus hinüber, während Jones wieder zurück ins Gebäude ging, und wandte dann seinen Blick Corina zu.

»Also?«, fragte sie. »Warum bist du hier?«

»Ich nehme an, es bringt nichts, um den heißen Brei herumzureden.« Er atmete lange und tief ein. Das setzte Corinas Nerven unter Strom. Was machte ihm so zu schaffen? »Corina«, sagte er, »wir sind immer noch verheiratet.«

Ihre Arme hingen kraftlos an ihrem Körper. All ihr Mut verflüchtigte sich. »W-wir sind w-was?«

»Wir sind verheiratet. Das Großherzogtum Hessenberg hat einen neuen Erzbischof, und der hat unsere Heiratsurkunde in einem Versteck in seinem Büro gefunden, als er das für eine Renovierung vorbereitet hat. Ich nehme mal an, Erzbischof Caldwell hat sie da zur Sicherheit verwahrt. Na, jedenfalls hat der neue Erzbischof die Urkunde dann an Nathaniel geschickt.«

»Du hast gesagt, die Urkunde, die wir unterschrieben haben, sei nie den Behörden vorgelegt worden und deswegen ungültig. Wir könnten einfach unserer Wege gehen.«

»Ich – ich habe mich geirrt. Weil wir von einem Erzbischof höchstselbst in einer Kirche getraut wurden und ich Mitglied des Königshauses bin, ist offenbar weiter keine Behörde vonnöten. Unser Ehegelöbnis ist rechtens und verbindlich.«

Corina hielt sich am Auto fest. Verheiratet? »Ich habe dich gefragt, weißt du noch? Wie es sein konnte, dass die Heirat in dem Moment rechtens war, wo es darum ging, Flitterwochen zu machen, aber auf einmal nicht mehr gelten sollte, als du wolltest, dass es vorbei war. Du hast gesagt: ›So ist das eben.‹ Du hast mich angelogen? So dreist? Um deinen Willen zu bekommen? Warum?«

»Ich habe nicht gelogen. Ich habe wirklich geglaubt, wir könnten unserer Wege gehen, als wäre nie etwas passiert.«

Nie etwas passiert? Seine Worte gruben sich noch tiefer, schmerzten noch mehr als vor fünf Jahren. »Aber es ist passiert, Stephen.«

Die Erinnerung an die Düfte und Bilder seines romantischen Heiratsantrags überwältigte sie. An die windige Fährüberfahrt. Wie sie den Erzbischof geweckt hatten. An ihre Flitterwochen, in denen sie sich in ihrer Wohnung verschanzt hatten, wo sie sich vor der Welt, ja, sogar vor Carlos, versteckten, immer in dem Wissen, dass ihre gemeinsamen Tage vor seiner Entsendung gezählt waren.

Daran, wie sie sich geliebt hatten. Ihre erste gemeinsame Nacht.

Sie musste nachdenken. Fahren. »Ich muss los.« Corina schwang sich hinter das Lenkrad und warf den Motor an.

»Ich habe die Unterlagen für die Annullierung mitgebracht.« Nüchtern. Ruhig. Als ob nichts an dieser Unterhaltung seine Gefühle berührte. Nun, sie hatte ja schon lange den Verdacht, dass er sein Herz irgendwo in der Wüste Afghanistans zurückgelassen hatte.

»Die Unterlagen hast du mit, ja?« Sie umfasste das Lenkrad. »Na, schönen Dank auch. Wie überaus praktisch.« Sie stieg wieder aus und schlug die Autotür hinter sich zu. Der Motor schnurrte sanft im Leerlauf. »Stephen, was, wenn ich jemand anderes kennengelernt hätte? Geheiratet hätte? Kinder bekommen hätte?«

»Was glaubst du, warum ich jetzt hier stehe? Um dir die Wahrheit zu sagen.«

»Und damit ich die Unterlagen unterzeichne.«

»Es tut mir leid«, sagte er, leise, mit einem Hauch Zärtlichkeit.

Corina sah zu ihm auf und erhaschte einen Blick auf das Weiße in seinen Augen. »Was genau erzählst du mir eigentlich gerade nicht?«

»Ich erzähle dir, dass wir immer noch verheiratet sind und dass ich die Papiere für die Annullierung dabei habe.« Er zeigte mit dem Daumen auf Thomas und den dunklen Wagen, der an der Vorderseite des Gebäudes geparkt war.

»Einfach so?« Corina schnippte in der feuchtwarmen Luft mit den Fingern. »Hey, Corina, dich habe ich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, unterschreibe doch mal den Wisch hier.«

Er ging vom Auto weg. »Ich wollte nicht auf einem Parkplatz mit dir darüber sprechen, aber du wolltest ja nicht woanders hin.«

Sie fühlte sich krank und schwach. »Es geht doch nicht um den Parkplatz. Es geht darum, dass du aus dem Nichts einfach auftauchst und mir mit der Annullierung eins überbrätst. Und dabei weiß ich noch nicht einmal, warum unsere Ehe überhaupt gescheitert ist.«

Corina setzte sich hinters Steuer. Dann legte sie den Rückwärtsgang ein. Aber jetzt konnte sie einfach nicht Gas geben. Mit einem schnellen Blick zu ihm hinauf brachte sie das reuevolle Flüstern in sich zum Schweigen und sagte: »Du weißt, wo ich wohne?«

»Ja.«

»Dann treffen wir uns gleich dort.« Sie schoss aus der Parklücke, öffnete das Verdeck ihres Cabrios und raste die U.S. I hinunter nach Hause, während unter ihr der GTO, ja, ihre ganze Welt, rumpelte.


VIER

Sein Knöchel brachte Stephen beinahe um, als er mit Thomas über den Parkplatz auf den Haupteingang von Harbor’s Edge zuging, dem Luxuskomplex aus Eigentumswohnungen am Flussufer.

Der Türsteher musterte sie zweifelnd von oben bis unten. »Sie wollen zu Miss Del Rey?«

»Ja, sie erwartet uns.«

Mit einem Nicken trat der Mann beiseite. »Oberste Etage. Penthouse. Rechts.«

Im Lift schwieg Stephen. Er rang mit seinen Gedanken und sortierte seine Gefühle. Sie weckte etwas in ihm, von dem er nicht gedacht hatte, dass er es noch besaß.

»Sie ist sehr schön«, sagte Thomas, der unverwandt geradeaus starrte.

»Das stimmt.«

»Auch sehr entschlussfreudig.«

»Ja, doch. Ziemlich.«

»Ich mag sie.«

Stephen sah seinem Sicherheitsoffizier direkt ins Gesicht, während der Aufzug seine Fahrt verlangsamte und sie in der obersten Etage ablieferte. »Wir sind nicht hier, um sie zu mögen.« Während Thomas Angestellter der königlichen Garde gewesen war, war er über die Jahre auch Stephens Freund geworden. Er war ein fast ständiger Begleiter, wenn Stephen mit den Brighton Eagles reiste, bei jedem internationalen Spiel.

»Ich sage nur –«

»Na, dann sag es eben nicht.« Stephen klopfte auf die Umhängetasche, die er über der Schulter trug. »Ich bin hergekommen, um sie zu bitten, die Unterlagen für die Annullierung zu unterzeichnen. Ende der Geschichte.«

»Rein geschäftlich?«

»Ja, rein geschäftlich.«

Aber er log und versuchte nur, sich selbst ein besseres Gefühl zu verschaffen, indem er die Lüge in einen Hauch Wahrheit kleidete. Er war wegen der Annullierung gekommen, aber unter der Oberfläche lauerte noch viel mehr. In dem Augenblick, als er ihren Namen ausgesprochen und sie sich zu ihm umgedreht hatte, waren seine Gefühle für sie wieder erwacht und flatterten wie Schmetterlinge in seiner Brust herum.

Er mochte sie. Immer noch. Sehr. Aber seine Gefühle änderten nichts an dem Grund, aus dem er gekommen war. Und auch nichts an dem Geheimnis über Afghanistan, das er bewahrte.

Er konnte ihr die Wahrheit, warum er ihre Ehe beendet hatte, nicht sagen. Aus Gründen der nationalen Sicherheit, seiner persönlichen Sicherheit und der seiner Familie. Und zum Wohle des Volkes, der Krone und des 460 Jahre alten Hauses Stratton waren die Einzelheiten über den Tag in Torcham auf höchster Geheimhaltungsstufe versiegelt.

Der Lift hielt an, und die Türen öffneten sich. Stephen ging mit Thomas über den Flur auf Corinas Tür zu. Er atmete tief durch, hielt inne, anstatt zu klopfen, und sah Thomas an. »Hör mal, alter Freund, kannst du uns einen Moment unter vier Augen reden lassen? Eine Audienz kommt mir ein bisschen unangebracht vor.«

Mit einem Schulterklopfer zog sich Thomas zurück. »Ich bin gleich hier draußen.« Er zeigte auf ein Plüschsofa an der Wand und hielt sein Smartphone hoch. »Da kann ich solange meine Mails abarbeiten.«

»Danke.« Noch ein, zwei Atemzüge, dann klopfte Stephen leise. Und dann noch einmal etwas energischer, während er auf Geräusche auf der anderen Seite der Tür lauschte.

Gleich nachdem er mit einem Herzen aus Stein aus Afghanistan zurückgekehrt war, hatte er sich selbst davon überzeugt, dass Corina wegmusste. Erstens konnte er ihr sein Herz nicht schenken, denn wenn sie die Wahrheit wüsste, würde sie ihn verabscheuen.

Zweitens würde er sich jedes Mal, wenn er sie sah, an das erinnern, was er doch unbedingt vergessen wollte.

Und drittens konnte man ihr mit der Wahrheit nicht trauen. Das Verteidigungsministerium hatte den Vorfall als eine Frage der nationalen Sicherheit eingestuft. Corina und die Del Reys waren eine mächtige Familie mit Einfluss und Zugang zu allem Möglichen.

Mit der Wahrheit in den Händen hätten sie alles ans Licht bringen können. Und Stephens Plan, seine Dämonen auf dem Rugbyfeld auszutreiben, wäre gescheitert.

Die Tür flog auf. Das erschreckte ihn. »Komm rein«, sagte sie mit einer weiten Armbewegung.

Er zögerte und trat dann ein. »Danke.« Konnte es wirklich sein, dass sie ihm immer noch den Atem nahm? Am liebsten hätte er eine Pause-Taste gedrückt und sie eine Weile lang einfach angesehen. Seinen Kelch wieder randvoll gefüllt mit dem Licht ihrer haselnussbraunen Augen. Es drängte ihn, seine Finger durch den langen, seidigen Fluss ihres dunklen Haares gleiten zu lassen.

Sie war ihm das erste Mal aufgefallen, als sie in Knoxton über den Campus ging. Ihre langen Locken hatten sich hinter ihr im Wind gekräuselt, als wollten sie die Brise necken, ihnen zu folgen.

»Wo ist dein Bodyguard?«

»Der wartet im Flur.« Stephen blieb unter der Tür stehen. Das weitläufige Loft spiegelte Corinas Art, ihren Stil, sehr genau wider. Elegant und klassisch, mit Holzdielen, hohen Decken, gewölbten Torbögen und Stuckverzierungen mit vielen Details. Und dennoch wirkte es sehr bewohnt, gemütlich und heimelig. »Du hast es schön hier, Corina.«

»Danke. Mir gefällt es auch.« Sie betätigte einen Lichtschalter in der Küche, und ein goldener Glanz beleuchtete die Wände. »Kann ich dir eine Flasche Wasser anbieten?«

»Wasser wäre gut, ja.« Stephen entdeckte einen Stapel Zeitungen neben dem Komfortsessel und spürte ein altbekanntes Ziehen in der Brust. Ihr Flitter-Monat war das letzte Mal gewesen, dass er echten Frieden empfunden hatte.

»Bitteschön.« Corina reichte ihm das Wasser und blieb stehen.

Sie würde ihn wohl nicht weiter in ihr Domizil einladen, was? Er zeigte auf die Zeitungen. »Wie ich sehe, magst du nach wie vor gedruckte Neuigkeiten.«

»Richtig«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

Seine Erinnerungen gerannen zu einer sanften Reminiszenz in seinem Herzen, aber es war unklug, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen.

»Was brauchst du nun also von mir?« Ihre kühle, scharfe Stimme schnitt durch seine Gedanken.

Ihre Blicke trafen sich, hielten einen Moment lang aus, und Stephens Entschluss wackelte. Ein klitzekleines Bisschen. Er brach aus ihrem Blick aus, ging hinein und stellte sein Wasser auf den Küchentisch. Dann holte er die Dokumente aus seiner Umhängetasche. »Ich bräuchte bitte hier deine Unterschrift.« Er breitete die Papiere auf dem Tisch aus.

Sie bewegte sich nicht. Starrte ihn nur an. »Es tat mir so leid, als ich hörte, dass dein Vater gestorben ist. Ich wollte noch eine Karte schicken, aber …« Sie pulte an dem Etikett ihrer Wasserflasche herum.

»Nicht der Rede wert. Das verstehe ich doch.« Stephen schob ihr die Seiten zu. Schweiß bildete sich unter seinen Armen und auf seinem Rücken. Er ignorierte den Druck, der sich in seinem Knöchel aufbaute. Er würde sich setzen können, wenn er in seine Unterkunft am Strand zurückgekehrt war. Aber jetzt … »Wir vermissen ihn alle sehr.«

»Ich vermisse Carlos.« Ihre unerwartete Ehrlichkeit zündete ein Inferno in Stephens Innerem, sengte die Regeln für den Umgang miteinander an. Verhalte dich rein geschäftsmäßig. Sei offen, aber sage nichts Intimes oder Persönliches. Kümmere dich nur um deine Aufgabe.

Ihr nussbrauner Blick strich über sein Gesicht und brachte Schweißperlen über Schweißperlen hervor. Er schraubte den Deckel von seiner Flasche und nahm einen langen, wenig eleganten Schluck. Das kalte Getränk kühlte seine heiße, ausgedörrte Seele nur wenig.

»Du wirst sehen, dass die Unterlagen vollständig sind.« Er schob die Annullierungspapiere noch etwas näher an die Tischkante. Sie wollte eine Antwort, nicht wahr? Aber er konnte sich um nichts in der Welt dazu durchringen, in ihrer Gegenwart über ihren Bruder zu sprechen. »Lies sie durch! Überlege, ob du Fragen dazu hast!«

Er lächelte, als wollte er sie davon überzeugen, dass doch alles ganz gut lief. Es lief doch gut, oder? Aber sie bewegte sich keinen Millimeter auf ihn, den Tisch oder die Papiere zu. Er räusperte sich, verlagerte sein Gewicht und atmete sich durch das schmerzhafte Stechen in seinem Fuß. »Wohnst du schon lange hier?« Banal. Oberflächlich. Aber er gab der Versuchung nach, eine Kerbe in ihren Panzer aus Eis zu schlagen.

»Ein halbes Jahr.« Corina führte die Flasche zum Mund. »Aber du bist ja nicht viertausend Meilen weit hierher geflogen, um ein Pläuschchen zu halten.« Sie ging zum Küchentisch, schaltete eine Lampe in der Nähe ein, und besah sich die Dokumente. Stephen wartete. Was ging hinter ihren wunderschönen Augen vor sich? Sie gab ihm keinerlei Anhaltspunkte. Einen Augenblick später sah sie auf. »Wenn ich das hier unterschreiben soll, dann brauche ich vorher etwas von dir.«

Er senkte seine Arme. Versteifte den Rücken. Wie hatte er nicht vorhersehen können, dass ein Gegenangriff auf ihn wartete? Er war ein Sportler, spielte in der Offensive wie in der Defensive. Du hast deine Sinne nicht beieinander, Freundchen. Pass bloß auf.

»Also dann. Was möchtest du? Aber ich kann nichts garantieren.« Geld konnte sie doch wohl nicht wollen. Die Del Reys waren vermutlich reicher als die Strattons. Nein, es war eine Tatsache: Er wusste sicher, dass ihr Vermögen größer war. Er hatte ihr keinen Ring oder andere wertvollen Geschenke geschenkt, also konnte sie auch nicht darum bitten, irgendetwas behalten zu dürfen. Wollte sie den Titel einer Prinzessin? Bei dem Gedanken stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Nathaniel würde von ganzem Herzen Nein sagen.

»Finde heraus, was wirklich mit meinem Bruder geschehen ist.«

»Wie bitte?« Aber er hatte sie gehört. Der Raum verdunkelte sich, und er konnte den Spott seiner Dämonen in seinen Ohren rauschen hören. Sein Blut floss wie geschmolzene Lava und verbrannte ihn von innen heraus. Sein Knöchel feuerte Schüsse reinen Schmerzes durch sein Bein. »Du misst mir mehr Bedeutung bei, als ich habe. Ich – ich habe keinen Zugang zu den Akten deines Bruders. Er war in einer anderen Einheit, die sechs Wochen vor meiner ausgerückt ist. Wie soll ich das herausfinden? Ich bin nur ein kleiner Prinz.« Er konnte das Zittern in seiner Stimme kaum kontrollieren.

»Ein kleiner Prinz?« Ihr Gesichtsausdruck passte zu ihrem scharfen Tonfall. »Du bist der Prinz von Brighton. Oder das solltest du jedenfalls sein. Du hast Zugang zum Verteidigungsministerium, bis hin zur höchsten Geheimhaltungsstufe.«

»Du verwechselst mich mit meinem Bruder.«

»Dann frag deinen Bruder.« Sie trat vom Tisch weg. Ihre Augen sprühten Funken. »Mein Zwillingsbruder, Stephen. Mein bester Freund, mein Carlos, zog aus in den Krieg und kam nicht zurück. Er kommt nie mehr zurück. Die einzige Antwort, die wir aus dem Pentagon erhalten haben, lautete, dass er unter dem Kommando des Internationalen Alliiertenverbandes aus Cathedral City war. Wenn wir Antworten wollten, sollten wir uns bei deinem Verteidigungsministerium erkundigen.«

»Dann erkundigt euch. Dein Vater hat doch sicher Beziehungen.«

»Die treffen auf Stille und Stahltüren. Er bekommt keine Antworten. Uns wurde gesagt, er sei in einem Feuergefecht gestorben. Ein Held, sagen sie, aber wir haben keine Orden von ihm. Keine Auszeichnungen. Keinen Ehrenappell.«

Das Trommeln in seinen Ohren übertönte ihre Worte. Corina … Was verlangst du von mir? »Glaube mir, ich bin in meinen Privilegien wirklich eingeschränkt.«

»Dann finde einen Weg. Sprich mit Nathaniel. Beauftrage einen Privatdetektiv, einen Meisterdieb, der ins Verteidigungsministerium einbrechen kann, egal, was. Finde einfach heraus, was passiert ist. Seitdem er gestorben ist, ist nichts mehr, wie es vorher war. Ich habe alles verloren. Meine Familie. Dich.« Sie biss sich auf die Unterlippe und schwieg.

Am liebsten wäre Stephen herumgelaufen, aber sein Knöchel wehrte sich. Er zog einen Stuhl hervor und setzte sich abrupt hin. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander, und sein Herz wütete. Sag’s ihr. Sag’s ihr einfach. Aber das konnte er nicht. Seine Beichte lag so tief, das nicht einmal das Erdbeben ihrer Bitte sie an die Oberfläche zerren konnte.

Nach einem Moment sah er zu ihr auf. »Und was ist, wenn ich nicht herausfinden kann, was mit ihm passiert ist? Wirst du die Papiere dann einfach nicht unterschreiben? Du willst doch bestimmt auch mit deinem Leben weitermachen, wieder heiraten.«

Ihr Lachen spießte seine Seele auf und provozierte ein höhnisches Kichern seiner inneren Dämonen. Du Narr. Du bist es nicht wert. »Mein Leben endete an dem Tag, als Carlos starb. Meine Eltern trauern immer noch. Sie konnten keinen Schlussstrich ziehen. Unser Haus, das früher so voller Lachen war, ist ganz stickig vor Sorge. Mein Vater hält es keine fünf Minuten mehr darin aus. Meine Mutter dagegen kann das Haus nicht verlassen. Sie weinen um Carlos, als hätten wir gerade erst frische Erde auf sein Grab geschaufelt. In den letzten fünfeinhalb Jahren habe ich mein Herz dazu gezwungen, zwischen den beiden einen Spagat zu machen. Ich habe versucht, eine Brücke zu sein, eine Art Glück zurückzubringen. Ich habe versucht, die Familie wiederherzustellen, die wir einmal waren. Aber wir heilen einfach nicht, Stephen. Sie wollen beide wissen, was mit ihrem wunderschönen Sohn passiert ist, ihrem Stern, dem Erben des Namens Del Rey und der Dynastie, die zu diesem Namen gehört.«

Corina beugte sich zu ihm vor. Indem sie die Hände auf die Armlehnen rechts und links von ihm stemmte, sperrte sie ihn ein. »Wenn das heißt, dass ich mit dir verheiratet bleiben muss, weill ich versuche, meinen Eltern zu helfen, dann bezahle ich den Preis eben. Die Frage ist, ob du den Preis bezahlen willst? Ohne Wahrheit keine Unterschrift.«

Was sah sie aufgeplustert und selbstzufrieden aus. »Du machst Witze«, schoss er zurück und zwang sich zu bissiger Entschlossenheit.

»Lache ich denn?«

»Corina, unsere Beziehung hat nichts mit dem Tod deines Bruders zu tun. Wir können doch nicht in der Schwebe bleiben –«

»Aber sicher können wir das. Wir sind doch seit fünfeinhalb Jahren in der Schwebe. Wir wussten es nur einfach nicht.« Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen, mit zusammengekniffenen Lippen an, und sein Herz bebte. »Seit dem Tag, an dem ich dich nach deiner Rückkehr aus Afghanistan gesehen habe, mit blauen Flecken und sichtbaren und unsichtbaren Verletzungen, schweigend und trotzig und alles, seitdem wusste ich, dass da noch etwas ist. Irgendetwas, von dem du uns nichts gesagt hast. Und ich weiß nicht, was oder warum. Aber du weißt mehr, und ich glaube, du kannst etwas über meinen Bruder herausfinden.«

»Ich habe es dir doch gesagt. Nach der Explosion wurde mir klar, dass ich das Haus Stratton nicht gefährden darf. Ich hätte meine Anrechte auf den Thron aufgeben müssen, wenn unsere Ehe öffentlich bekannt geworden wäre. Ich habe falsch gehandelt, als ich dich heimlich geheiratet habe. Ich habe gegen das Gesetz Brightons verstoßen und das Wohl der Krone riskiert. Nicht mehr als das und nicht weniger.«

»Also warst du während deines ganzen Einsatzes wahnsinnig verliebt in mich, und das ging bis … wann genau nochmal? Ich habe nichts von dir gehört, nachdem Carlos getötet wurde. Ich habe mir unglaubliche Sorgen gemacht und mich gefragt, ob dir etwas zugestoßen ist. Ich habe immer wieder angerufen, bin nach Brighton zurückgeflogen. Ich wollte gerade zur königlichen Behörde, als ich dich am Neujahrstag in meiner Wohnung gefunden habe.«

Er wusste das alles. Warum musste sie das alles noch einmal durchgehen? »Corina, es ist jetzt nicht nötig –«

»Oh doch, es ist nötig. Ich will wissen, ob mich meine Erinnerung nicht irgendwie im Stich lässt.« Sie wanderte in der Küche umher und ging dann ins Wohnzimmer, bevor sie fortfuhr. »Ich bin mit meinem Herzen in den Händen nach Brighton hinübergeflogen, wo ich den Trost und den Zuspruch meines Mannes suchte, nachdem ich gerade meinen Bruder verloren hatte. Ich habe gehofft und gebetet, dass es dir gut geht. Ich wollte einfach bei dir sein und dich auch trösten. Aber wer begrüßte mich? Ein Mann aus Stahl. Und damit meine ich nicht einen von der Superman-Sorte. Kalte, harte Augen wie polierte blaue Steine. Ich gehe auf dich zu, um dich zu küssen, und du schubst mich weg.«

Die Einzelheiten gruben sich in den trockenen, brachen Boden seines Inneren. An jenem Tag hatte er sie wieder in die Arme schließen wollen. Er hatte sie halten wollen, sie lieben, wollte sich wieder lebendig fühlen. Aber alles, was er sehen konnte, waren Blut und Tod.

»Corina …« Stephen erhob sich, die Vergangenheit war ihm gerade entschieden zu gegenwärtig.

»Ich habe dich gefragt, was denn los sei, was in Torcham passiert ist. Du hast etwas von einer Explosion gesagt. Ich berührte die Schnitte in deinem Gesicht, an deinen Händen, deinen Armen, aber du hast dich zurückgezogen und mir ohne Vorwarnung gesagt, dass es mit uns vorbei ist. Dass die ganze Heirat ein Fehler gewesen sei.« Sie packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn. Kräftig. »Ich war unsagbar verliebt in dich. Ich habe dir mein Herz geschenkt, meine Seele und meinen Körper. Und du? Überrollst mich und lässt mich am Boden zerstört zurück.«

Am Boden zerstört. Nathaniels Worte. Ihr Bekenntnis ließ ihn zittern. Er wich ihrem Blick aus, straffte seine breiten Rugby-Schultern und löste sich von ihr. »Es tut mir leid.« Er schluckte seine eigene Offenbarung herunter. »Aber so muss es eben sein.«

»Warum?« Sie beugte sich zu ihm, um ihm ins Gesicht sehen zu können, aber er hatte genug.

»Weil …« Seine Stimme dröhnte durch das weitläufige Loft. »… weil ich es gesagt habe. Genug. Wirst du die Nichtigkeitserklärung unterschreiben oder nicht?« Eine Hand auf den Tisch gestützt, rüstete er sich innerlich für ihre Antwort.

»Du kennst meine Bedingung.«

»Ich akzeptiere diese Bedingung aber nicht.«

»Das ist schlecht. Du kannst nicht immer deinen Willen haben, Stephen. Ich hatte zu viel Zeit, um über das alles nachzudenken. Keine Neuigkeiten, keine Unterschrift. Finde heraus, was mit Carlos passiert ist, und du bist ein freier Mann.«


FÜNF

Noch lange, nachdem Stephen gegangen war, hallte ihr Streit in Corinas Wohnung in ihm nach. Als die Wirkung des Adrenalins endlich nachließ, blieb Corina schwach zurück und schaltete alle Lichter aus – außer denen, die die Glasfronten ihrer Küchenschränke in ein indirektes Licht hüllten.

In ihrem Schlafzimmer schob sie die Balkontüren auf und trat in die Nacht hinaus, hinein in den Gesang der Grillen und in die steife Brise, die vom brackigen Fluss herüberwehte. Lang fielen die Lichtstrahlen von den Wohn- und Geschäftshäusern auf der vorgelagerten Insel auf das Wasser. Ein kleines Segelboot, das mit einer weihnachtlich anmutenden Lichterkette geschmückt war, trieb auf den hohen Bogen der Hebebrücke zu.

Stephen. Er war zu ihr gekommen. Aber nicht, um sie als sein eigen heimzuholen, um ihr seine Liebe zu gestehen, sondern um sie einmal mehr abzuweisen. Corina lehnte sich aufs Geländer und ließ den Kopf hängen. Überwältigende Gefühle fuhren ihr durch Mark und Bein und ließen ihr Tränen über die Wangen strömen.

Ihre Ehe. Carlos. Ihr Familienleben. So viele Verluste. Als sie vorhin nach der Begegnung mit Stephen auf dem Parkplatz zu Hause angekommen war, war sie zuerst fest entschlossen gewesen, die Papiere zu unterzeichnen. Darum war es doch bei dem Umzug nach Melbourne gegangen: um einen Neuanfang, darum, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Oder nicht?

Wie konnte sie neu anfangen, wenn sie nach wie vor an ihn gebunden war? Sie betete um Mut, während sie darauf wartete, dass er anklopfte. Aber als er eintrat, war ihr plötzlich die Idee mit Carlos gekommen, und dann hatte sie nicht mehr davon ablassen können.

Sie wischte sich die Augen mit dem Saum ihres Oberteils. Ihre Bitte bedauerte sie kein bisschen. Ihre kleine Ansprache an Stephen war direkt aus ihrem Herzen gekommen, und es fühlte sich gut an, sich dieser Last entledigt zu haben.

Sie brauchte Stephens Gnade nicht. Er brauchte die ihre. Was war also dabei, wenn ihre Forderung sie noch für ein paar Wochen – oder Monate, oder Jahre – länger mit ihm verband? Ihre Familie würde endlich einen Abschluss finden. Frieden. Die Chance, wieder die Del Reys zu sein. Immer zusammen. Immer lachend.

Corina setzte sich auf den hölzernen Adirondackstuhl. In solchen Momenten vermisste sie den weisen, wenn auch in aller Regel sehr vorwitzigen Rat ihres Bruders. Sie vermisste seine unerschütterliche Zuversicht. Sein dröhnendes Lachen.

Aber heute Abend vermisste sie am meisten das, was mit Stephen hätte werden können. Carlos war immer ihr bester Freund gewesen. Sie hatte sich nie vorstellen können, dass jemand seinen Platz einnehmen könnte. Bis sie Stephen kennengelernt hatte.

Sein mutiges, keckes Selbstvertrauen hatte sie für ihn eingenommen … Nun ja, zumindest so nach und nach. Corina lächelte, als sie daran dachte, wie Stephen in einem Management-Seminar hinter ihr saß und sich andauernd zu ihr vorbeugte, um ihr Fragen ins Ohr zu flüstern. Als ob er tatsächlich ihre Hilfe gebraucht hätte. Aber er war ein Schürzenjäger. Ein unverfrorener, charmanter Schürzenjäger.

Als sie dann seinem ausdauernden Werben nachgab und sich mit ihm verabredete, verlor sie ein Stück ihrer selbst an ihn. Er wurde zu ihrem Seelenverwandten, ihrer wahren Liebe. Weit mehr als ein bester Freund.

Aber das Leben hatte anderes mit ihr vor.

Corina drückte sich aus dem Stuhl hoch, ging hinein und ließ ihre Gedanken auf dem Balkon zurück. Sie fischte ihr Telefon aus der Handtasche und wählte die Nummer von Daisy, ihrer besten Freundin seit der Junior High, die inzwischen verheiratet war und zwei prächtige kleine Mädchen hatte.

Aber sie beendete den Anruf, noch bevor die Verbindung zustande gekommen war. Im Grunde war ihr gar nicht nach Reden zumute. Und Gespräche mit Daisy waren stets mit den Zwischenrufen ihrer Kinder gewürzt.

Corina warf ihr Telefon aufs Bett und ging durch den mysteriösen Duft von Stephens Rasierwasser, der immer noch in der Luft hing, zum Kleiderschrank in der Ecke ihres Schlafzimmers. Oder spielte ihr da ihre Vorstellungskraft einen Streich? Als er im Auslandseinsatz war, hatte sie sein Kopfkissen nicht gewaschen, damit sie seinen Duft beim Einschlafen noch einatmen konnte.

Aber das war lange her. Eine Geschichte aus dem Märchenbuch. Corina stellte sich vor den antiken Kleiderschrank, der einst ihrer Ururgroßmutter mütterlicherseits, Thurman, gehört hatte, gekauft im Jahre 1910 in Frankreich.

Corina knipste die Stehlampe an und öffnete die geschnitzten Türen. Dann schob sie ihre Pullover beiseite und fand den Eisenring an der Rückwand, der ein Geheimfach öffnete. Hatte sie nicht nach ihrer letzten Reise nach Brighton etwas hier hineingelegt? Als Stephen sie abgewiesen hatte?

In dem gedämpften Licht fand sie den Umschlag. Den Umschlag, den sie dort hineingestopft hatte, nachdem sie in diesem verhängnisvollen Januar vor über fünf Jahren aus Brighton zurückgekehrt war.

Noch einen Monat zuvor war sie so glücklich gewesen, hatte sich auf ein freudiges, glückliches Weihnachtsfest zu Hause gefreut. Ihr süßes Geheimnis, eine verheiratete Frau zu sein, hatte nicht gerade wenig zu ihrem ganz eigenen Privatvergnügen beigetragen.

Carlos Geschenke waren lange im Voraus in die Post gegeben worden. Und Corinas private Geschenke waren zu Stephen unterwegs.

Sie hatten vor, in den frühen Stunden des Weihnachtsmorgens miteinander zu skypen. Oh, wie heiter und warm hatte sie sich mit dem großen Schatz ihres Geheimnisses gefühlt. Der Traum einer Liebenden.

Aber der Anruf über Skype blieb unbeantwortet. Ebenso wie die Karte, die die Familie an Carlos geschickt hatte.

Was vielleicht wie eine harmlose Kleinigkeit aussah – immerhin hatten sie sich schon vorher manches Mal verpasst, wenn sie telefonieren wollten – war zu einem abscheulichen Albtraum geworden, von dem Corina glaubte, sie würde nie wieder daraus aufwachen.

Sie griff in das Geheimfach und zog den Umschlag heraus. Dann ging sie auf den Balkon. Vermutlich sollte sie das vermaledeite Ding einfach in den Fluss werfen. Gut, das Ufer war beinahe einen halben Kilometer entfernt. Egal. Das wäre dann eben ein symbolisches Wegwerfen. Eine Metapher dafür, dass sie das letzte Bisschen Stephen aus ihrem Kopf und aus ihrem Herzen tilgte.

Sie zog die Hand zurück und fragte sich, wie weit sie den leichten Umschlag wohl werfen könnte. Bei ihrem Glück würde er vom Wind erfasst und auf Mrs. Davenports Balkon geweht werden.

Corina ging zu ihrem Bett zurück und schüttelte den Inhalt heraus.

Eine Grußkarte. Ein Zeitungsausschnitt. Der Kronkorken einer Limonadenflasche. Und ein dünnes, seidiges rotes Bändchen.

Corina nahm die Karte in die Hand. Mit dem Finger strich sie über die Umrisse einer sittsamen Braut aus dem Jahre 1900, die ein Kleid mit einem hochgeschlossenen Kragen und einen langen, fließenden Schleier trug. Ihre glänzenden Locken kräuselten sich um ihre Porzellanwangen, während sie ihren umwerfenden, dunkelhaarigen Bräutigam mit blauen Augen anstrahlte.

Und sie glitt in die Erinnerung hinein.

»Er sieht aus wie ich«, sagte Stephen, der die Karte aus dem Ständer pflückte.

»Ja, aber sie sieht nicht aus wie ich.«

»Perfekt, die Karte ist genau richtig für dich. Damit du dich an mich erinnerst.« Er zog sie an sich und küsste sie leidenschaftlich und liebevoll. Was der Ladenbesitzer, der die ganze Szene beobachtete, sich dabei dachte, kümmerte ihn nicht. »Ich werde meine eigenen Erinnerungen an dich haben.« Sein durchtriebenes Grinsen zeigten ihr ganz eindeutig, welche Sorte Erinnerungen er in sich wachhalten würde, und sie errötete.

»Stephen, pssst …«

»Was denn? Du bist meine Frau. Meine Erinnerungen werden mich durch meinen Einsatz bringen. Ich bin froh, dass sie meine Erinnerungen sein werden, ganz allein meine. Keiner wird mich fragen können ›Was macht die Werteste?‹ Wenn ich ein dämliches Grinsen im Gesicht trage, werden sie einfach denken, ich hätte zu viel Eintopf gegessen.«

»Na, na, so viel Lob. Da komme ich doch tatsächlich gleichauf mit deiner Vorliebe für Eintopf.« Corina boxte ihn sanft auf die Schulter, lachte, errötete wieder. »Ich werde auch meine privaten Erinnerungen haben. Aber die Karte nehme ich trotzdem. Sie ist so schön. Und ein Souvenir an unsere Hochzeitsnacht in Hessenberg.«

»Es tut mir leid, dass wir nicht mehr machen können, Liebes«, sagte Stephen. »Aber wenn ich von dem Einsatz zurück bin, bringen wir die Heirat mit Dad und dem Parlament in Ordnung. Du suchst dir einen Ring aus den Kronjuwelen aus. Dann machen wir ein ordentliches Fest, das einem Prinzen und seiner Prinzessin angemessen ist.«

»Aus all dem mache ich mir nichts. Das weißt du doch, oder? Solange ich ganz die deine bin.« Sie küsste ihn mit brennender Liebe. »Ist das alles wahr? Du gehörst ganz mir?«

»Sehr wahr. Du hast mein Herz gefangen, Liebes, und wir haben das ganze Leben vor uns, um Erinnerungen zu schaffen.« Er segnete ihre Schläfe mit einer leichten Berührung seiner Lippen. »Aber bis dahin hast du die hier als kleine Gedächtnisstütze.« Stephen hielt die Karte hoch und ging damit zur Kasse.

Sollte der Ladenbesitzer ihn erkannt haben, so sagte er kein Wort. Jetzt öffnete Corina die Karte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie den einfachen Spruch las.

Zu sagen, ich liebe dich, geht weit über Worte hinaus.

‘s ist eine Wahrheit in meinem Herzen.

Ich liebe dich, mein Engel, und du hast mich geheiratet.

Nichts wird uns je trennen.

Darunter hatten sie beide unterschrieben. Ihre Unterschriften symbolisierten ihre endgültige Zusicherung zueinander.

Corina warf die Karte über das Bett weit von sich. Was für ein fieser Schleimer. Alles war eine Lüge. Stephen liebte nur, solange es Spaß machte, solange alles leicht und bequem war. Aber wenn sich irgendein unerwartetes Hindernis zeigte? Peng, weg war er.

Sie griff nach dem Band und wickelte es um ihren Ringfinger. Nachdem sie keine Ringe getauscht hatten, hatte Erzbischof Caldwell Stephen angeboten, das Bändchen um Corinas Finger zu wickeln, während er sein Ehegelübde ablegte.

Stephen hatte sich so sehr dafür entschuldigt, dass er nicht besser auf seinen Heiratsantrag vorbereitet gewesen war. »Aber ich verspreche dir … wenn ich zurückkomme … jeden Edelstein, den du dir wünschst.« Er hatte ihr Gesicht in seinen Händen gehalten und sie wieder und wieder geküsst.

Um die Wahrheit zu sagen, hatte Corina ihre eigenen Familienerbstücke, die sie in ihre Verbindung mit einbrachte. Der diamantene Verlobungsring ihrer Urgroßmutter Del Rey war einmal im Smithsonian ausgestellt worden. Aber wie sehr Corina doch das Band liebte und den zärtlichen, süßen, romantischen Moment, an den es sie erinnerte. Sie hob die Hand hoch und lauschte …

»Ich gelobe dir meine Liebe und Treue, meine Ehre und mein Vertrauen. Ich gelobe, dich zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet.«

Die Erbin und der Prinz. Sie waren füreinander bestimmt. In Liebe. Für immer. Sie würden es gemeinsam schaffen, würden den Tatsachen von Wohlstand und Macht trotzen, die ein Paar in diesen modernen Zeiten auseinander zu zerren drohten.

Ihre beiden Elternpaare führten liebevolle Beziehungen. Nun ja, ihre Eltern hatten jedenfalls eine liebevolle Beziehung geführt, bis Carlos starb.

Corina steckte das Band wieder zurück ins Kuvert. Wie hatte sie sich nur so in ihm täuschen können?

Im Umschlag steckte noch ein drittes Erinnerungsstück. Ein großes Farbfoto von ihnen beiden beim Militärball, am Abend von Stephens Heiratsantrag. Eine von Corinas Freundinnen hatte den Schnappschuss mit ihrem iPhone gemacht und ihr später geschickt. »Schön abspeichern, damit du es deinen Enkeln zeigen kannst: Der Abend, an dem du mit einem Prinzen getanzt hast.« Oh, sie ahnte ja nicht …

Corina hatte das Foto ausgedruckt, gerahmt und an ihr Ehebett in ihrer Wohnung gestellt. Wie sehr sie die Erinnerungen an all das, was sie mit dem Foto verband, schätzte.

Jetzt war das Foto ungerahmt und in Viertel gefaltet. Corina strich es auf dem Bett glatt. Das gefaltete und zerknitterte Bild zeigte sie in Stephens Armen, in ihrem Element. In ihrer beider Element. Die Gefühle ihrer Herzen spiegelten sich auf ihren Gesichtern. Entspannt, lachend, verliebt.

Sie war überrascht, dass die Presse an jenem Abend nicht Lunte gerochen hatte. Aber Stephen hatte eine pfiffige und kluge Art, den Augen der Medien auszuweichen.

Corina ließ es zu, dass ein Teil ihrer Erinnerungen sie noch einmal fühlen ließ, was sie in jener Nacht empfunden hatte.

Stephen sah in seiner Galauniform fabelhaft aus, jedenfalls gut genug, jederzeit in Ohnmacht zu fallen. Sie wirkte frei und glücklich und machte dem weißen, federhaften Kleid von Luciano Diamatia alle Ehre. Mama hatte Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um das Kleid zu Corinas Debüt fertigzubekommen, als sie 18 Jahre alt geworden war und zum ersten Mal an den großen Abendgesellschaften teilnehmen durfte. Sie hatte all ihr Können eingesetzt, um den exklusivsten und öffentlickeitsscheusten Designer der Welt aus seiner Deckung zu zerren, damit er ihrer Tochter ein einfaches kleines Kleidchen schneiderte.

Aber der Designer hatte nicht pünktlich zum Debüt geliefert. Mama war außer sich gewesen. Corina hätte das Kleid beinahe bei der Wahl zur Miss Georgia getragen, aber Mama hatte befürchtet, das würde zu Aufständen unter den anderen Mädchen führen.

Aber fünf Jahre später, als Corina nach Brighton gezogen war, um Carlos Gesellschaft zu leisten, der für die Friedensmission des Internationalen Alliiertenverbands ausgebildet wurde, gehorchte sie der kleinen leisen Stimme ihres Inneren, die sie mahnte, sie könne es vielleicht gebrauchen, und packte das Kleid ein.

Das seltene, wertvolle Kleid war eins von Corinas wertvollsten Besitztümern. Weil sie beim ersten und einzigen Mal, als sie das Kleid trug, ihre wahre Liebe heiratete.

Corina ließ das Foto sinken und starrte zur Decke. Vielleicht waren sie ja wirklich in dem Moment gebannt gewesen, hatten sich von der Romantik treiben lassen, von der dramatischen Größe, heiraten zu können, nur weil sie es wollten.

Sie setzte sich auf. Aber nein, als er auf dem Dach des Braithwaite Towers um ihre Hand angehalten hatte, hatte Corina absolut keine Vorbehalte oder Zweifel gekannt.

»Ja, natürlich werde ich dich heiraten. Ja!«

In jenem Moment hatte es auf der ganzen Welt nur sie beide gegeben. Keine Medien. Keine Regeln. Keine Traditionen. Keine 200 Jahre alten Gesetze. Keine Erwartungen. Keine aristokratische Gefolgschaftstreue auf irgendeiner Seite des Ozeans. Kein Druck. Keine Entsendung. Keinen Krieg. Keine Verpflichtungen.

Sie waren frei, ihren Herzen zu folgen. Und das hatten sie auch getan.

Sie starrte das Foto an. Das Gesicht, das ihr da entgegenlächelte, war ihres. Aber die Gefühle der Corina dort waren ein ganzes Leben entfernt von denen der Corina hier.

Und ihr Prinz? Er sah besser aus denn je, selbstbewusst und voller Stolz, sein Äußeres geprägt von seinen Rugby-Muskeln und seiner Disziplin.

Aber das war nur, was man sehen konnte. Er trug auch immer noch Schmerz in den Augen. Der gleiche Blick, den sie gesehen hatte, als sie an jenem Silvestertag nach Brighton geflogen war.

»Was ist in Torcham passiert, Stephen?«

Seine kristallblauen Augen waren matt gewesen, ihnen fehlte Leben und Frohsinn. Irgendetwas fraß tief in seinem Inneren an ihm. Aber anstatt ihr zu sagen, was das war, hatte er ihre Ehe beendet.

Genug. Ihre Reise in die Vergangenheit barg lauter Gefahren.

Als sie das Foto wieder in den Umschlag steckte, fand Corina die Tickets für die Fähre, die in einer Ecke klemmten. Sie hatten das letzte Schiff nach Hessenberg gerade noch erreicht. Ihre Füße waren an Deck gelandet, als das Boot gerade ablegte.

Lachend waren sie in eine Innenkabine gestolpert.

»Machen wir das?«

»Ja, wir machen das.«

»Bist du sicher, bist du ganz sicher? Ich kann warten –«

Seine Lippen bedeckten ihre, stahlen ihren Atem und ihr Bekenntnis.

»Corina, ich habe dich von dem ersten Moment an, als ich dich auf dem Campus gesehen habe, geliebt.«

Sie drückte ihre Hand an seine Brust. »Und ich habe dir noch nicht einmal die Uhrzeit verraten.«

Was sollte sie nun mit ihrer unerwiderten Liebe anfangen? Der Mann wollte eine Annullierung.

Corina stopfte den Umschlag zurück in das Geheimfach ihres Kleiderschranks und knallte die Tür zu. Wenn und falls sie jemals einen Mann zum Heiraten finden sollte – sollte Gott es denn so gut mit ihr meinen –, würde sie den Mut finden, dieses Kuvert mitsamt all seinen Schätzen in den Fluss zu werfen.


SECHS

Gigi

Schon als kleines Mädchen, das barfuß über die Hügel ihrer Heimat in den Blue Ridge Mountains, Georgia, sauste, hatte Gigi Beaumont ein Näschen für Neuigkeiten gehabt.

Sie hatte den schönsten Klatsch und Tratsch gesammelt, indem sie um die schrumpeligen Bergbewohnerinnen – die die eine oder andere saftige Geschichte zu erzählen wussten – herumgeschlichen war, während diese sich im Gemischtwarenladen unterhielten oder über den Marktplatz schlenderten. Dann hatte Gigi ihre Geschichten aufgeschrieben und sie auf dem Matrizendrucker, den sie im Kirchenkeller gefunden hatte, vervielfältigt. So hatte sie im zarten Alter von zehn Jahren ihre erste Zeitung hergestellt.

Als Mama diese Zeitung gelesen hatte, hatte sie Gigi eine gründliche Abreibung verpasst für das, was sie über die Frau des Bürgermeisters geschrieben hatte. Aber als sich herausstellte, dass es stimmte – »es« war in diesem Falle eine Affäre mit dem Sheriff –, war Mama ihre beste Außendienstlerin und Informantin geworden.

46 Jahre später kroch sie immer noch um die Geschichtenerzähler und Tratschweiber herum und hoffte auf »die« Story. Die Skandalgeschichte, die die Welt aus den Angeln heben würde.

Beaumont Media konnte weiß Gott einen Durchbruch gebrauchen.

Mark Johnson einzustellen war nur ein heimlicher Schachzug, um der stagnierenden Marke ihrer Zeitung neues Leben einzuhauchen.

Vor 20 Jahren war sie Pionierin im großen Spiel der Online-Nachrichten gewesen.

Vor 15 Jahren hatte sie als Leitwölfin im stetig wachsenden Rudel der Nachrichtenportale im Internet gegolten.

Vor zehn Jahren waren dann die größeren alten Print-Köter mit all der Kraft und Macht, die ihnen durch ihre langjährigen Traditionen und gefüllten Bankkonten zur Verfügung standen, von der Veranda gesprungen und an ihr vorbeigezogen.

Letztes Jahr hatten ihre Bücher nur so von roter Tinte getrieft.

Sie ließ nach. Verlor. In so einer Situation war sie in ihrem ganzen erwachsenen Leben noch nie gewesen. Die Dinge standen so schlecht, dass sie heute Morgen fast, fast, gebetet hätte, als sie beim Duschen mit Grauen an das Treffen mit ihrem Finanzvorstand dachte.

Was sie brauchte, war ein Scoop, eine Sensationsnachricht. Eine Riesenstory. Sie musste im Boulevardbusiness unbedingt wieder obenauf kommen. Und das war genau der Punkt, an dem Corina, das It-Girl, ihr Gewicht in Gold wert war.

Das waren Gigis Gedanken, als sie um halb Neun am Freitagmorgen mit einem Café Latte in der einen und einer braunen Papiertüte in der anderen Hand das Beaumont-Gebäude betrat. Es war ziemlich leise. Die Party für Mark gestern Abend hatte lange gedauert. Als Gigi River Rock um Elf verlassen hatte, waren die meisten Angestellten noch dort gewesen.

Ein ruhiger Freitagmorgen kümmerte sie nicht, solange jeder seine Arbeit vor Montag irgendwie erledigt bekam.

Als sie durch die Lobby ging, winkte Jones, der immer noch Schicht hatte, sie mit einem Pssst herüber. Gigi war eigentlich danach, einfach weiterzugehen, aber mit einem Seufzer, der Bände sprach, gab sie doch nach. »Ja, Jones, guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?« Er war zugegebenermaßen eine großartige Quelle für Informationen und Tratsch, was die Mitarbeiterschaft in Melbourne anging. Gigi beugte sich über seinen Tresen und hörte mit scharfen Ohren zu. Sie hatte den Verdacht, dass der Chef ihrer IT-Abteilung sie beklaute. Irgendwie kam es ihr vor, als würde sie in letzter Zeit eine Menge neuer Laptops absegnen.

»Ich dachte, es interessiert Sie bestimmt, dass ein junger Herr Miss Del Rey gestern auf dem Parkplatz abgefangen hat, nachdem Sie gegangen waren.«

Das war es? Seine Pssst-Neuigkeiten? »Was Sie nicht sagen? Was denn für eine Art junger Herr?« Corina war ein artiges Vorzeige-Mädchen mit weißer Weste. Wie? Das würde Gigi wohl nie herausfinden. Das Mädchen war als Teenager mit Paris Hilton und Konsorten unterwegs gewesen und nicht ein einziges Mal wegen Trunkenheit, Rauchen oder Sex in die Schlagzeilen geraten.

Gigi nippte an ihrem Kaffee und war schon gelangweilt von ihrem Gespräch, als es sie plötzlich in der Nase juckte. Ach, schau her.

»Ich weiß nicht, welche Art Gentleman. Er schien soweit ganz sauber, obwohl Miss Del Rey mächtig unter Anspannung zu sein schien. Ich hab zu ihr rüber gerufen, ob auch alles in Ordnung sei. Sie versicherte, es sei alles gut. Aber ich glaube, die haben über was gestritten, Miss Beaumont.«

Gigi schenkte Jones ein ermutigendes Lächeln. »Haben Sie irgendetwas von dem Gespräch mitbekommen?« Also, Corina, was versteckst du?

»Nein, leider nicht, aber ich glaube, das war was Ernstes.«

»Danke, Jones. Sie sind ein guter Mann. Erinnern Sie mich daran, Ihnen bei Gelegenheit eine Gehaltserhöhung zu geben.«

»Ja, Ma’am. Gern geschehen.«

Er nickte auf eine Art und Weise, die Gigi zeigte, dass er sich mehr darüber freute, dass er wusste, wie er in ihrem Spiel mitspielen konnte, als über die Vorstellung einer Gehaltserhöhung.

Als sie sich abwand, um weiterzugehen, lieferte Jones noch ein Apropos nach. »Hab ich erwähnt, dass da noch ein zweiter Mann war? Groß und kräftig, hat mich an meinen Schwager bei den Special Forces erinnert. Er hat am Auto auf den anderen gewartet. Und wo ich doch selber im Sicherheitsdienst arbeite, erkenne ich einen Bodyguard, wenn ich einen sehe.«

»Ein Bodyguard? Sind Sie sicher?«

»Würd die Gehaltserhöhung drauf wetten, die Sie mir versprochen haben.«

»Hmm … Sehen Sie mal, was Sie noch herausfinden können, Jones.«

Er ließ sein breites, weißes Grinsen blitzen. »Sie können sich auf mich verlassen.«

Beim Aufzug drückte Gigi den Pfeil nach oben. Na, na, na, wenn sich da nicht was zusammenbraute. Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, heute Morgen eine Gedankenknobelei zu lösen, aber Jones‘ Neuigkeiten faszinierten sie.

»Dann kamen die Rosen.«

Gigi wirbelte zu Jones herum. »Rosen?«

»Die sind jetzt auf ihrem Schreibtisch. Ein Mann hat sie heute früh um acht geliefert. Können Sie sich das vorstellen? Frühmorgens um acht.«

»Wirklich, Jones?«

»Wetten, da schwärmt jemand ziemlich für sie.«

»Die Wette würden Sie vermutlich gewinnen.« Ein verliebter Mann? Gigi rubbelte sich die Nasenspitze. Jap, Liebe. Sie würde ihr Vermögen darauf setzen. »Haben Sie vielen Dank, Jones.«

»Immer wieder gerne, Miss Beaumont.«

»Ich sage der Buchhaltung, sie sollen sich umgehend um Ihre Gehaltserhöhung kümmern.«

»Ja, dann danke ich schön. Vielen, vielen Dank.«

Auf diese Art und Weise dehnte sie ihr Reich aus. So gewann sie die Leute für sich. Indem sie ihnen bezahlte, was sie ihr wert waren. Indem sie für ihr Wissen, ihre Loyalität und gelegentlich für ihr Schweigen bezahlte.

Sie fuhr in die erste Etage und grübelte über diese Entwicklung nach. Normalerweise würde sie sich keine weiteren Gedanken darüber machen, wenn sich eine der weiblichen Angestellten mit einem Mann auf einem Parkplatz unterhielt. Aber Corina Del Rey war keine normale Frau.

Gigi betrat das Großraumbüro und ging zu Corinas Schreibtisch, wo der schönste Rosenstrauß, den die Welt je gesehen hatte, die Sonnenstrahlen einfing, die durchs Oberlicht fielen. Mindestens zwei Dutzend Stück. Mindestens.

Sie tätschelte Melissas Arm, als sie vorbeischlich. »Wer hat die hier geschickt?«

»Sag du’s mir, Boss. Du bist doch immer schon ihre Freundin.«

»Was weißt du über Corinas Liebesleben?« Gigis Nase juckte wie ein flohgeplagter Hund.

»Ähm, dass sie keins hat?« Melissa beugte sich über den Schreibtisch und schnupperte an den seidigen Blumen. »Ich habe noch nie Rosen in diesem Farbton gesehen.«

»Geh mal auf ihre Facebook-Seite«, ordnete Gigi an und ließ keinen Raum für Widerspruch. »Schau nach, ob sie irgendetwas über eine Verabredung oder über einen ›alten Freund‹, der die Stadt besucht, gepostet hat!«

Melissa wich zurück, versuchte, sich zu verdrücken. »Ich werde ihr nicht hinterherspionieren, Gigi. Nicht einmal für dich.«

»Wenn sie was darüber auf Facebook geschrieben hat, wie soll es denn dann Spionage sein, Schätzchen?« Also wirklich, wenn das so weiterging, würde sie noch kleinbeigeben müssen und sich der Facebook-Generation anschließen. Das hätte sie wohl schon lange gemacht, wenn sie einfach nur selbst auf der Seite unterwegs sein wollte, aber das war nicht ihr Modus Operandi. Sie tickte anders: Indem sie mit anderen Leuten zusammenarbeitete – und diese für sich arbeiten ließ.

Indem sie sie in ihre Mannschaft holte. Gigi schickte Mel mit einer Handbewegung an den Computer. »Lass uns einfach kurz einen Blick drauf werfen. Ist sie bei Instagram? Twitter?«

»Das weiß ich nicht, aber falls es dich interessiert, dann frag sie doch einfach, wenn sie kommt.«

»Mir wird sie nicht die Wahrheit sagen.«

»Dann lass sie in Frieden!« Melissa ließ ihre Tasche auf den Schreibtisch fallen, setzte sich und weckte ihren schlafenden Mac mit einer Mausbewegung auf. »Und übrigens postet sie ganz selten was auf Facebook.«

»Schön, dann wird dir diese kleine Übung hier also keine Schuldgefühle verursachen. Bist du denn gar nicht neugierig?«

»Ein bisschen.«

Gigi linste über Melissas Schulter, als die gerade Corinas Facebook-Profil aufrief.

Sie hatte da so ein Gefühl, einen Instinkt, der ihr sagte, dass sie irgendetwas auf der Spur war. Aber was? Wie groß war die Sache?

Seit dem Tag, an dem Corina ins Großraumbüro gekommen war, spürte Gigi, dass sie eine Geschichte in ihrem Herzen verborgen hielt. Ein Geheimnis. Aber in den letzten sechs Monaten war Corina lediglich eine zuverlässige, langweilige, stetige Schreiberin und Redakteurin gewesen.

Was nutzte es schon, wenn man eine der wohlhabendsten jungen Frauen der Welt einstellte, wenn sie nicht wenigstens ein bisschen Stoff ablieferte?

Oh, vielleicht war der Mann der Freund, oder vielleicht sogar der Ehemann von einer von Corinas Freundinnen? Und die Rosen waren ein Bestechungsversuch. Jetzt hatte Gigi Blut geleckt.

»Nichts«, sagte Melissa und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte, während sie sich zurücklehnte. »Sie hat seit letzter Woche nichts gepostet. Und das war auch nur eine weitergeleitete Meldung über einen Fonds für den Gedenktag im Königreich Brighton.« Melissa klickte auf den Link. Daraufhin öffnete sich ein Artikel der Liberty Press, in dem es um ein neues Kriegsdenkmal ging und um die Pläne des Verteidigungsministers, der im nächsten Frühjahr eine große Gedächtnisfeier plante.

»Danke, dass du’s versucht hast. Erinnere mich mal daran, dass ich dir dein Gehalt erhöhe.« Gigi wandte sich samt Gebäck und Kaffee ihrem Büro zu, an ihrem Arm baumelte die Gucci-Tasche.

»Hat Corina nicht eine Zeit lang an der Knoxton University studiert? In Brighton?«, sagte Melissa fast nebenbei. Gigi hielt an und ging dem Gedanken nach.

»Ja, stimmt. Als ihr Zwillingsbruder Carlos dort für seine militärische Ausbildung stationiert war. Sie hat damals als Freie für mich gearbeitet. Hat über die Kunststage, das Filmfestival und die Modewochen berichtet.«

»Sie hat einen Zwillingsbruder?« Melissa sah zu Gigi auf.

»Hatte. Er ist in Afghanistan gefallen. Anscheinend in einer Wolke aus Geheimnistuereien.« Sein Tod musste der Grund sein, warum Corinas Augen nicht mehr leuchteten. Die Wurzel ihres Geheimnisses.

Gab es eine Verbindung zwischen Carlos und dem Mann vom Vorabend? Vielleicht ein schwuler Liebhaber? Oh, das wäre dann wohl die Mutter aller Schlagzeilen. Gigi stellte sich vor, wie sich die Zahlen in ihren Büchern alle wieder schwarz färbten.

»Mir gegenüber hat sie ihn nie erwähnt.« Melissa scrollte die Facebookseite weiter hinunter. »Sie scheint eine Vorliebe für Cathedral City zu haben. Sie hat ein Foto von König Nathaniel an seinem Hochzeitstag gepostet. Aber das war vor zwei Jahren. Kaum zu glauben, dass er eine Amerikanerin geheiratet hat, was?«

»Könnte das irgendwas bedeuten? Was denkst du?«

Mel klickte Corinas Profil weg. »Nichts, Gigi. Nur, dass die Blumen vielleicht von jemandem aus Brighton sein könnten. Immerhin hat sie da mal gewohnt.«

»Aber warum sollte ihr jemand Blumen schicken? Meinst du, es könnte vielleicht eine alte Flamme sein?« Gigi ging um Corinas Schreibtisch herum, stellte ihren Kaffee ab und betrachtete die Rosen. Da. Sicher doch. Eine Karte. Warum war sie darauf nicht früher gekommen? Sehr sorgfältig stibitzte sie den Umschlag aus dem Strauß. Das Kuvert war weiß. Einfach. Ohne jegliche Information. Nicht mal der Name oder das Logo des Floristen war darauf.

»Du steckst ganz schön viel Energie in die Sache. Es sind doch nur Rosen.«

»Und genau an diesem Punkt liegst du voll daneben, Süße.« Gigi schnappte sich ihren Latte und machte sich auf den Weg zu ihrem Büro. »Diese Rosen sind ein Statement. Und ich will wissen, wofür sie stehen, was sie ausdrücken sollen.«

In ihrem Büro schloss sie die Tür, stellte ihr Frühstück zur Seite und öffnete ihr E-Mail-Programm. Der Kitzel einer Story ließ ihren Puls rasen.

Deanna Robertson war ihre Statthalterin in Brighton. Sie arbeitete beim Informanten, aber Gigi hatte die Karriere der guten Frau ins Rollen gebracht, als sie gleich nach dem College bei der Beaumont Post angekommen und um eine Stelle gebettelt hatte. Deanna war außerdem gut vernetzt.

Dann gab es noch Madeline Stone. Meine Güte, wie hatte sie denn Maddie vergessen können? Sie war eine von zwei Moderatorinnen der Fernsehsendung Madeline & Hyacinth Live! – Gigi schaute sich hin und wieder mal eine Folge bei You Tube an –, aber vor zehn Jahren war Maddie eine Praktikantin bei der Beaumont Post gewesen.

Wenn Deanna und Maddie nichts auftun konnten, würde Gigi ihre Fahndung auf London und New York ausdehnen, aber für den Moment würden es diese beiden sorgfältig ausgewählten, gut bezahlten Informantinnen sehr gut tun. Sie schickte erst Deanna, dann Madeline eine private E-Mail mit ihrer auffällig-unauffälligen Betreffzeile, ihrem Standard-Code.

Betreff: Tolles Rezept, musst du unbedingt ausprobieren!

Vertraulich, muss unbedingt unter uns bleiben. Corina Del Rey, ein internationales It-Girl, arbeitet ebenfalls bei der Beaumont Post. Wie Du vielleicht noch weißt, studierte sie an der Knoxton University und arbeitete in der Zeit als freie Mitarbeiterin für mich.

Ich bin ganz scharf auf Geschichten oder Gerüchte über sie. Wo sie gewohnt hat, mit wem sie Umgang hatte, wie sie sich in der aristokratischen Gesellschaft von Cathedral City zurechtgefunden hat.

Ideen, Verbindungen, Gedanken? Ich glaube, da steckt eine Story dahinter. Ich finde nur noch keinen Angriffspunkt. Ich weiß deine Hilfe sehr zu schätzen und werde sie großzügig honorieren.

Herzlich,

GB


SIEBEN

Am Freitagmorgen ging Stephen am Strand spazieren. Er presste sich das Handy ans Ohr und wartete darauf, dass sein Bruder den Anruf entgegennahm.

Er lehnte sich in die steife Brise und lauschte dem Rauschen der Wellen, die sich an der Küste brachen. Der Sturm – Anna, war das richtig? – machte sich daran, an Land zu gehen.

Er wollte am Nachmittag wieder abreisen, bevor der Sturm sie zum Bleiben zwingen konnte. Deswegen hatte er Thomas ans Telefon gezwungen, damit der mit dem Piloten eine Verabredung traf. Aber er musste auch unbedingt Corinas Unterschrift kriegen, bevor er flog, sonst musste er befürchten, dass gar nichts daraus werden würde.

Corina. Dieser kleine Ausflug nach Amerika sollte eine einfache Angelegenheit mit einer überschaubaren Aufgabe sein. »Bitte unterschreibe diese Nichtigkeitserklärung.« Aber wie war er nur darauf gekommen, dass dies ein einfaches Unterfangen sein könnte? Ohne Komplikationen?

Stephens Füße sanken bei jedem Schritt tief in den kühlen, nassen Sand ein. Er war sich seines empfindlichen Knöchels, dem er eine Auszeit von der Gehschiene gönnte, sehr bewusst, und der Wind presste sein Brighton Eagles-T-Shirt gegen seine Brust. Himmel, Nathaniel, müssen die dich auf dem Klo suchen oder was?

»Stephen?« Endlich!

»Warum brauchst du denn so lange, bis du rangehst?«

»Ich war noch an einem anderen Apparat. Also, wie läuft es mit Corina?«

Stephen fuhr sich mit der Hand durch die Haare und hielt das Gesicht in den Wind. »Im Wetterbericht haben sie einen Tropensturm angekündigt.«

»Ist das eine Art Zeichen? Erwartest du einen Sturm mit Corina?«

»Sie weigert sich, zu unterschreiben.«

»Sie – was? Warum?«

»Sie sagt, sie will, dass ich erst herausfinde, was mit ihrem Bruder passiert ist.« Die Wellen wuschen den weichen Sand unter seinen Füßen weg, und Stephen sank weiter ein.

Nathaniel pfiff. »Was hast du ihr erzählt?«

»Dass ich nichts weiß. Sie hat damit argumentiert, dass mein Bruder der König sei und ich Zugang zum Verteidigungsministerium habe, also sollte ich etwas herausfinden können.«

»Stephen, die Dinge, die an jenem Tag geschehen sind, sind unter Verschluss. Du weißt, was auf dem Spiel steht. Nicht einmal Mutter kennt die Einzelheiten.«

»Das brauchst du mir nicht zu predigen. Ich bringe dich nur auf den neuesten Stand. Mal davon abgesehen, dass die Details eine Frage der nationalen Sicherheit sind und auch meiner Zukunft als Rugbyspieler, will ich ihr das alles auch gar nicht erzählen. Wenn sie mich jetzt schon hasst, wird sie mich erst recht verabscheuen, wenn sie die ganze Wahrheit erfährt.« Und zu Recht. Das glaubte er mit seinem ganzen Sein.

»Ganz zu schweigen davon, dass sie eine von der Journaille ist. Hast du nicht gesagt, dass sie für die Beaumont Post arbeitet?«, fragte Nathaniel.

»Sie würde uns aber nicht hintergehen. So eine ist sie nicht.«

»Vielleicht, aber wir haben es doch schon oft genug erlebt, wie Reporter und Moderatoren, denen wir vertraut haben, uns am Ende doch hintergangen haben. Ob nun absichtlich oder nicht. Sei misstrauisch, Stephen. Bleib auf der Hut, so gut du kannst. Ich will den Palast nicht am Ende in Rauch aufgehen und Menschen sterben sehen.«

»Ob das passieren würde, wissen wir nicht.«

»Wir haben aber auch nicht geglaubt, dass es in Torcham passieren würde. Ein einziger kleiner Hauch der schmutzigen Angelegenheit in der Öffentlichkeit, und wir müssten mit unzähligen Nachahmern rechnen.«

»Was also soll ich machen?« Die Frage war nicht rhetorisch gemeint. Er brauchte den Rat und die Weisheit seines Bruders. »Ich habe noch nicht einmal angedeutet, wie ihr Bruder gestorben ist. Aber sie weigert sich, die Annullierung zu unterschreiben, wenn sie die entsprechenden Informationen nicht bekommt.«

All die Jahre lang hatte Stephen in ruhigen Momenten immer wieder versucht, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, Corina die Wahrheit zu sagen. Aber als er sich ihren Gesichtsausdruck vor Augen führte, das Weinen in ihrer Stimme hörte, die Verachtung in ihren Augen sah, schauderte er jedes Mal und dankte Gott dafür, dass der Vorgang von höchster Stelle abgeschlossen und versiegelt worden war.

Das war die einzige Sache, für die er Gott dieser Tage dankbar war. Ansonsten fehlte ihm jedes Verständnis dafür, wie ein guter Gott Prüfungen und Ungeheuerlichkeiten wie Krieg überhaupt auf der Welt dulden konnte.

»Überzeuge sie! Du hast sie dazu bezirzt, dich zu heiraten, also musst du wohl irgendwie einen Draht zu ihr haben. Bezirze sie, die Dokumente zu unterschreiben.«

»Du hast ja ihr Gesicht nicht gesehen. Resolut. Entschlossen. Sie hat nichts zu verlieren. Sie hat bereits alles verloren.« Das Wehen der salzigen Brise rammte das Geständnis Stephen mitten ins Herz.

Eine weniger starke Frau wäre vielleicht wahnsinnig geworden vor Trauer. Aber nicht Corina. Sie machte weiter. Für sich selbst, für ihre Eltern. Es stand ihm vielleicht nicht zu, sie wieder zu lieben, aber er bewunderte sie.

»Dann finde eine Lösung. Sag ihr, dass dich das Verteidigungsministerium nicht an die Akten lässt!«

»Und aus welchem Grund? Ich war ein entsandter Offizier des RAC. Ich bin der Zweite in der Thronfolge. Mein Bruder ist der König. Warum würden sie mir verweigern, die Akten einzusehen, um einer trauernden Familie Gewissheit und Frieden zu verschaffen? Sie wird das durchschauen, das kann ich dir gleich sagen. Sie ist misstrauisch, Nathaniel. Wenn ein Mann wie ihr Vater, Donald Del Rey, mit seiner Macht und seinem Reichtum nicht die Antworten bekommt, auf die er aus ist, dann ist irgendetwas im Busch. Und ich kann ja auch nicht ewig hierbleiben und sie mürbe machen. Ich habe diesen Monat einen ziemlich vollen Terminkalender.«

»Dann finde eben einen Weg ohne die Information. Überrede sie.«

»Ich werde mein Bestes versuchen, aber ich muss auf jeden Fall am Sonntagmorgen fliegen, wenn nicht sogar vorher. Es sei denn, der Sturm zwingt uns zu bleiben. Außer einem vollen Terminkalender ist da ja auch noch die Physiotherapie, mit der ich weitermachen muss.«

»Dann sieh zu, dass du in die Gänge kommst.«

Stephen legte auf, stopfte das Telefon in die Tasche seiner Shorts und blickte über das aufgewühlte Meer. Der Tag versprach, heiß und stürmisch zu werden. Wie überaus passend.

Auf dem Weg zurück zu ihrer angemieteten Wohnung sah Stephen Thomas, der auf dem Balkon wartete und ihm entgegensah.

»Was haben wir von diesem Sturm zu erwarten?«, fragte Stephen, als er das kühle Foyer betrat. »Starken Wind, Regengüsse, Stromausfälle?«

Brighton, eine Nordseeinsel, bekam auch seinen Anteil an Hochseestürmen ab, aber Stephen hatte sein ganzes Leben lang abseits der größten Unruhen auf einem Hügel in Cathedral City gelebt.

Thomas nickte. »Oder Schlimmeres. Während Sie telefoniert haben, sind Leute hier vorbeigekommen. Wir sollen den Strand und die vorgelagerte Insel verlassen.«

Stephen sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, während der Wind an seinen Hosenbeinen zerrte. »Und dann wohin?«

»Sie haben etwas mit Miss Del Rey zu verhandeln. Warum nicht zu ihr?«

»Mensch, alter Freund, nein. Mit ihr eine Nacht lang unter einem Dach festzusitzen, könnte für uns alle das Ende bedeuten.«

»Oder Sie könnten bekommen, wofür Sie hergekommen sind.«

Stephen zog eine Grimasse und starrte dann über den Atlantik, wo das Wasser zu kochen schien. Von allen Sicherheitsoffizieren musste er natürlich den mit dem besten Durchblick und dem frechsten Mundwerk erwischen.

Die Vorstellung, einen Abend mit Corina zu verbringen, erschütterte ihn bis ins Mark. Er zog vor, Abstand zu halten. Eine Ozeanbreite Abstand. Und gute fünf Jahre dazu.

Stephen sah zu seinem Knöchel und der perfekt gezackten Narbe hinunter. Ein leiser Dialog säuselte sich durch seine Erinnerung.

»Was hast du denn mit deinem Leben so vor, Prinz Stephen?«

»Ich will für die Brighton Eagles spielen.« Er hatte seinen Herzenswunsch gleich bei ihrer ersten Verabredung gebeichtet. Als sie nicht über die Idee lachte, dass ein Prinz professionell Rugby spielen wollte, wusste er, dass sie etwas Besonderes war.

»Dann solltest du daran arbeiten.«

»Mit meinem königlichen Titel und allen Erwartungen, die daran hängen? Ich muss erst einmal meinen Militärdienst absolvieren.« Seinen Zweifeln Ausdruck zu verleihen, betonte die Schatten und Grauzonen seines Lebens.

»Blablabla, Ausreden. Sag doch gleich, wenn du Angst hast. Das nimmt dir schon keiner übel.«

»Wie bitte? Hast du gerade ›blablabla‹ gesagt? Ich habe keine Angst. Also bitte.«

»Na, wir wissen doch beide, dass mit deinen Ohren alles in Ordnung ist.«

Er hatte gelacht, sie in die Arme geschlossen und herumgewirbelt. Und beinahe geküsst. »Amerikaner. Ihr haltet euch für sooo klug.«

Ihre Augen hatten sich zu einem goldenen Speer mit haselnussbrauner Spitze verengt. »Halten? Wir halten uns nicht für klug, mein Bester, wir wissen, dass wir es sind.«

»Stephen. Sir.« Thomas kam zu ihm auf den Balkon. »Ich habe Miss Del Rey angerufen. Sie hat uns die Erlaubnis erteilt, in ihrer Wohnung unterzukommen.«

»Du hast was?« War das eine Verschwörung? »Nein. Finde eine andere Unterkunft.«

Thomas schüttelte den Kopf. »Ich bin verantwortlich für die Sicherheit, und ich tätige die Anrufe. Miss Del Reys Wohngebäude ist sicher und diskret. Ihre Wohnung ist die einfachste und sicherste Lösung.«

Stephen seufzte. Wenn sie gemeinsam reisten, kümmerte sich Thomas um strikte Kontrolle. Selbst wenn sie mit seiner Mannschaft unterwegs waren, konnte es sein, dass Thomas Stephen in ein anderes Hotel bringen ließ, wenn er den Eindruck hatte, es sei nicht hundertprozentig sicher. Seit Torcham verlangte der Palast gewisse Sicherheitsanforderungen. Stephen würde nie »einer von den Jungs« sein können. Aber er machte Abstriche, um das tun zu können, was er liebte.

Er sah Thomas scharf an. »Bist du sicher, dass es ihr nichts ausmacht?«

»Ich habe sie nicht gefragt, ob es ihr etwas ausmacht. Ich habe sie gefragt, ob sie für uns Platz hat. Was sie von der Situation insgesamt hält, ist zweitrangig und muss hinter unserer Sicherheit zurückstehen.«

Stephen seufzte und machte sich auf den Weg zur Treppe. »Wann treffen wir uns mit ihr?«

»Sie ist auf dem Nachhauseweg und macht unterwegs noch einen Zwischenstopp. In einer Stunde treffen wir uns mit ihr an ihrer Wohnung.«

Oben, unter der Dusche, überkam ihn eine Welle aus Panik. Sie tränkte sein Herz, während ihm das warme Wasser über Nacken und Rücken strömte.

Wie konnte er sie nur überzeugen? Er konnte sich wie der letzte Barbar verhalten, was die Annullierung anging, und sie dazu bringen, ihn zu hassen. Aber er war sich nicht sicher, ob er das über sich bringen würde. Oder ob das etwas an ihrem Entschluss ändern würde, dass er herausfinden sollte, was mit ihrem Bruder geschehen war.

Bedauern. Das trug er wie einen Winterschal. Wenn er zurückreisen und irgendetwas an den Ereignissen ändern könnte, die zu dieser Nacht geführt hatten, er würde es tun. Aber das konnte er nicht, und sechs Männer waren gestorben. Für ihn.

Stephen schlug mit den Fäusten gegen die Fliesen der Dusche. Er wusste es nicht. Er wusste es nicht!

Was machte es schon für einen Unterschied, was er ihr erzählte? Er würde einfach etwas erfinden. Denn egal, ob sie die Papiere nun unterschrieb oder nicht, ein freier Mann würde er ohnehin nie sein.

Und das war eine Tatsache, mit der er für den Rest seines Lebens auskommen musste.

¢

Corina verließ zum vertrauten »Ping« den Fahrstuhl in ihrem Wohnkomplex, am einen Arm schwangen Plastiktüten, im anderen hielt sie eine Vase voller roter Rosen.

Gigi hatte ihre Angestellten gerade in den Feierabend geschickt, damit sie sich um ihr Zuhause und ihre Familien kümmern konnten, als Thomas angerufen und sie mit seiner freundlichen Stimme um einen Unterschlupf gebeten hatte.

»Es ist nur so, dass wir niemand anderen hier kennen und eine sichere Zuflucht brauchen.«

»Ja, also, ich weiß nicht …«

»Bitte, Corina, Sie sind unsere schnellste und sicherste Möglichkeit.«

Seufz. »Nur, wenn er sich anständig benimmt.«

Thomas lachte. »Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«

Aber mal im Ernst: Was sollte sie denn tun? Thomas absagen? »Soll der Mistkerl doch ins Meer gespült werden.« Oder: »Dann müssen Sie dem Sturm eben im Sea Joy Motel trotzen.«

Als sie ihren Einkaufswagen durch den überfüllten Supermarkt schob, fand sie den Silberstreif am Horizont. Gute 18 Stunden in ihrer Wohnung festzusitzen, während draußen ein Sturm tobte, könnte genau das Richtige sein, um Stephen die Wahrheit abzupressen.

Sie nickte Captain, dem Türsteher, zu, als sie die Eingangshalle betrat. Stephen und Thomas folgten ihr auf dem Fuße.

»Ich hoffe, wir drängen uns nicht zu sehr auf.«

Sie drehte sich um und sah Stephen, ach so selbstbewusst, mit großen Schritten auf sich zukommen.

Sie balancierte die Rosen und fasste die Griffe ihrer Plastiktüten noch einmal etwas fester. »Ich habe doch ja gesagt, oder?« Sie drückte auf den Fahrstuhlknopf. Ihr Herz schlug einen Trommelwirbel voller Gefühle.

An ihrer Wohnungstür angekommen, lud Corina die Herren ein und zeigte ihnen den Weg zu dem Schlafzimmer am Ende des kurzen, dunklen Flurs. Sie war sich sicher, dass ihr die Rosen gleich aus der Hand rutschen würden. »Im Schrank im Badezimmer sind frische Handtücher.« Sie atmete tief durch, als sie ihre Einkäufe auf der Kücheninsel abstellte.

»Corina, die Krone bedankt sich bei Ihnen«, sagte Thomas mit großer Aufrichtigkeit in seinem tiefen Bariton. »Wir werden Ihnen jegliche Ausgaben erstatten –«

»Also bitte, Ausgaben.« Sie grub eine Tüte Erdnuss-M&Ms aus einer Tasche. »Meinen Sie die extravaganten fünf Dollar, die ich für die hier bezahlt habe?«

»Das ist meine Lieblingssorte«, sagte Stephen mit einer beiläufigen, saloppen Art, die so gar nicht nach ihm klang. »Da kann ich dir die fünf Dollar auch gleich bar geben.«

Sie lachte nicht. Aber nur, weil sie wirklich nicht wusste, was er da gerade tat. Humor? Ein Ablenkungsmanöver? Scham?

Er funkelte sie ebenfalls an. »War nur ein Witz, Core.«

Core. Den Kosenamen hatte er bei ihrer zweiten Verabredung benutzt. Nachdem sie ein Semester lang dreimal die Woche bei dem Management-Seminar Stephens Flirtereien standgehalten hatte – hätte sich auf ihrem Tisch ein Tintenfass befunden, wäre es in seinen Haaren gelandet, die Sorte Flirt –, waren sie Freunde geworden. Kameraden. Als ob sie in benachbarten Häusern aufgewachsen wären. Alles war leicht. Die Gespräche. Das Lachen. Sogar die schweigsamen Momente.

»Ihr könnt euch von allem nehmen. Gratis.« Denn das war schon von jeher die Grundregel in der Küche der Del Reys.

Während Stephen und Thomas sich im Gästezimmer einrichteten, leerte Corina ihre Einkaufstaschen. Oreos, M&Ms, Weintrauben, Kirschen und kandierte Äpfel arrangierte sie auf der Kücheninsel. Das Wasser und die Cola light verstaute sie im Kühlschrank.

In ihrem Schlafzimmer schlüpfte sie in ein paar Shorts und ein Top. Erst jetzt wurde ihr klar, wie ihr Unterbewusstsein sie gesteuert hatte, als sie die Erdnuss-M&Ms in den Einkaufswagen gepackt hatte. Sie selbst bevorzugte die einfachen Schokolinsen. Aber die mit den Erdnüssen waren tatsächlich Stephens Lieblingssorte.

Während sie durch den Supermarkt geschlendert war, hatte sie überhaupt nicht über ihre Wahl nachgedacht.

Während ihres Flitterwochenmonats hatte Stephen pfundweise Erdnuss-M&Ms gegessen. So wirkte es jedenfalls.

»Kann ja sein, dass ich keine mehr bekomme, bis ich wieder zu Hause bin.«

»Ich werde dir jede Woche eine Tüte schicken, Schatz.«

»Versprochen?« Sein Kuss schmeckte nach Schokolade.

»Versprochen.«

Sie hatte Wort gehalten und war jede Woche beim Süßwarenladen vorbeigegangen, hatte eine große Tüte M&Ms gekauft und diese dann direkt zur Post gebracht. Das hatte sie mit solcher Regelmäßigkeit gemacht, dass am Ende die Postangestellte den Karton schon fertig adressiert und frankiert vorbereitet hatte, wenn Corina vorbeigekommen war.

Sie kam gleichzeitig mit Stephen wieder in der großen Wohnküche an. Eine starke Bö traf das Penthouse, als Corina die M&Ms in eine Kristallschale schüttete.

»Ich weiß noch, wie du mir damals jede Woche ein Paket M&Ms geschickt hast.«

»Ja, das hab ich gemacht.«

Stephen warf sich ein paar davon in den Mund und wirkte verloren, unentspannt. »Oh ja, Thomas schläft eine Runde.«

»Der kann bei dem Wind schlafen?«

»Er war bei einer Spezialeinheit in Afghanistan. Er kann bei Raketenlärm, Mörserkrach und Explosionen schlafen. Ich hab mal gesehen, wie er beim Strammstehen geschlafen hat.«

»Da hat er es aber gut.«

Ihre Blicke trafen sich, und Stephens Gebaren war demütig und zerknirscht. »Danke, dass wir kommen durften.«

»Hast du über meine Bitte nachgedacht?« Sie legte ein Schneidebrett bereit und wusch die Äpfel ab. Seine Gegenwart wurde ihr immer bewusster, immer wirklicher.

Sie war verheiratet. Jetzt, in diesem Moment. Mit ihm. Was machte man denn so als Mädchen, nachdem man einen Prinzen geheiratet hatte? Nachdem man der Liebe seines Lebens »Ja, ich will« zugesagt hatte?

In der Nähe der Balkontür gab es einen lauten Knall. Corina lehnte sich an der Spüle nach hinten, um zu entdecken, dass der Adirondackstuhl gegen das Glas geschleudert worden war. »Mist. Ich habe vergessen, die Balkonmöbel reinzuholen.«

Sie trocknete sich die Hände ab, aber Stephen war schon unterwegs, öffnete die Doppeltür zum Balkon und holte die Stühle und den klapprigen Pflanztopf mit dem moribunden Efeu herein.

»Muss sonst noch was in Ordnung gebracht werden?«, fragte er und sah sich suchend im Raum um.

»Das war alles. Danke, Stephen.«

»Das war das Mindeste, was ich tun konnte.«

Ihre Blicke trafen sich. So wie jetzt war es noch nie zwischen ihnen gewesen – förmlich und unbeholfen. Nicht einmal, als er mit ihr geflirtet und sie ihn ignoriert hatte.

Zurück in der Küche, nahm sie sich ein Messer und begann, die Äpfel kleinzuschneiden. Die Aufgabe gab ihr ausreichend Deckung, um sich ihren Prinzen heimlich anzusehen. Sie wollte ihn küssen. Warum liebe ich dich immer noch?

Stephen wanderte mit einer weiteren Handvoll M&Ms in den Wohnbereich und sah aus dem Fenster, wo er im grauen Licht des Sturms stand. »Um deine Frage zu beantworten: Ich habe Nathaniel angerufen. Es gibt nichts zu erzählen. Dein Bruder ist in einem Feuergefecht ums Leben gekommen.«

»In Torcham? Er war in Peschawar stationiert.« Sie rammte das Messer in den süßen, knackigen Apfel. »Was hat er in Torcham gemacht?«

»Truppen werden die ganze Zeit verlegt. Es kann tausend Gründe geben, aus denen es ihn nach Torcham verschlagen hat. Ein Kurzeinsatz.«

»Aber du weißt ganz genau, warum er in Torcham war, stimmt’s?« Sie stöberte. Stocherte. Versuchte, es aus ihm herauszubekommen.

»Was willst du?« Stephen ging durchs Zimmer und lehnte sich an die Kücheninsel. »Soll ich mir etwas ausdenken? Eine großartige Geschichte erfinden, die irgendwie glaubhaft klingt? Er war in Torcham und hat seine Arbeit gemacht. Den Frieden gesichert. Das ist Sinn und Zweck des Alliiertenverbandes.« Er wies auf die Rosen. »Die sind ja schön.«

Corina funkelte ihn an. »Die sind von dir.«

»Von mir?« Er schlug sich die Hand gegen die Brust. »Ich habe sie dir nicht geschickt.«

Jetzt war er einfach grob unhöflich. »Ach ja? Und warum ist die Karte dann mit deinem Namen unterschrieben?« Corina fischte den weißen Umschlag zwischen den Blüten heraus und warf ihn ihm zu. Wenn er früher Blumen geschickt hatte, hatte er fast stündlich angerufen, bis sie endlich angekommen waren. Obwohl sie es schon komisch fand, dass er seine Initialen benutzt hatte. PS. Prinz Stephen.

»Gibt’s was Neues? Irgendwas los?«

»Nein, ich arbeite nur an einem Artikel.«

»Ruf mich an, wenn … du weißt schon. Wenn irgendwas passiert.«

»Zum Beispiel?«

»Na, irgendwas halt, Süße. Ruf mich an.«

Er hielt die Karte hoch und zog eine Show ab, als er den Text las.

»Ich halte unsere gemeinsamen Erinnerungen in Ehren. Herzlichst, PS.« Mit einem Hohnlachen sah er sie an. »Ich halte unsere Erinnerungen in Ehren? PS? Klingt das überhaupt nach mir? Erstmal wären meine Initialen ja SS. Und zweitens hätte ich wohl eher geschrieben, ›Alles Gute, Liebes.‹«

Corina schnappte sich die Karte aus seiner Hand. »Wer hat sie dann geschickt?«

»Ich habe keine Ahnung, das kann ich dir versichern. Vielleicht dein Freund.«

Er flirtete. »Ich habe keinen Freund.«

»Also bist du nicht ausgegangen, seit –«

»Seit du mich abserviert hast?« Corina fuhr mit dem Messer energisch durch einen weiteren Apfel. »Doch, ein paar Mal. Ich dachte, ich wäre Single.«

»Wie bist du zurechtgekommen?«

»Es ging.« Es war nicht wie mit dir und mir. »Es war ein alter Freund aus dem College. Aber er lebt in New York. Immer mal wieder hatte er geschäftlich in Atlanta zu tun.« Warum erzählte sie ihm das? »Er rief dann eben an, und wir trafen uns zum Essen.«

An solchen Abenden legte sie ihre Trauerkleidung ab und tat so, als wäre das Leben voller Glanz und Möglichkeiten. Tod und Herzschmerz waren eine Million Meilen weit weg. Sie war jedes Mal froh um diese Nächte, die ihr wie eine Atempause erschienen.

»Was ist passiert?«

Sie schnitt die geviertelten Äpfel in kleinere Stücke. »Was kümmert’s dich?«

»Ich will mich nur mit dir unterhalten.« Stephen griff nach einem Apfelschnitz, öffnete den Becher mit dem Karamell und stippte das Obst hinein.

»Er lebt in New York, und ich wohne eben hier.«

Stephen streifte sie mit einem schnellen, blauen Blick. »Ich weiß, dass diese Angelegenheit zwischen uns nicht angenehm ist.«

»Nicht angenehm?« Sie rammte das Messer in einen weiteren knackigen Apfel. »Nicht angenehm, das sind Zahnschmerzen. Wenn man sich an Papier schneidet, das ist nicht angenehm. Sein iPhone zu verlieren ist nicht angenehm. Das hier zwischen uns ist absolut furchtbar. Ich wollte dich hassen, weißt du. Übrigens hätte derjenige, der die Rosen geschickt hat, das besser nicht tun sollen. Gigi Beaumont ist den ganzen Morgen über wie ein hungriger Aasgeier um meinen Schreibtisch gekreist und hat sich gefragt, von wem die wohl sind.«

»Sag ihr, sie sind von deinem alten Verehrer.«

»Ich werde sie nicht anlügen. Und ich werde ihr nicht den kleinsten Einblick in mein Privatleben geben. Was glaubst du, wer sie geschickt hat?«

»Ich habe keine Ahnung. Aber ich werde der Sache nachgehen, wenn ich wieder zu Hause bin, das kannst du mir glauben. Es kommen nur wenige Leute dafür infrage.«

»Wann fliegst du?«

»Sonntag.«

Seine Antwort hing zwischen ihnen.

»Meine Bedingung gilt noch«, sagte sie.

»Meine Antwort auch. Ich verstehe nicht, warum du nicht selbst zu der Einsicht kommst …«

»Einsicht? Nichts hat in den letzten fünfeinhalb Jahren auch nur das kleinste Fitzelchen Sinn ergeben. Dass du mich verlassen hast nicht, dass meine Eltern sich auseinandergelebt haben auch nicht. Wenn man so will, ist Carlos‘ Tod das Einzige, dass Sinn ergibt. Er ist in den Krieg gezogen, und im Krieg sterben nun einmal Menschen. Aber wie er starb? Das ergibt auch keinen Sinn. Was soll die Geheimniskrämerei? Und dieses Schachern zwischen uns? Das ist das einzige Pfund, mit dem ich wuchern kann. Die einzige Möglichkeit für mich, herauszufinden, warum ich plötzlich so ganz alleine dastehe.«

Er schluckte und wandte sich stumm ab.

»Manchmal möchte ich heim nach Marietta fahren und sagen: ›Mama, Daddy, euer Sohn ist nicht umsonst gestorben.‹« Corina starrte in die Apfelschüssel. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Draußen trieb der jaulende Wind die ersten Regentropfen des Sturms gegen die Fensterscheiben.

So viele Apfelschnitze würden sie nie essen. Sie öffnete eine Schublade und holte eine Plastiktüte heraus.

Stephen zeigte auf seinen Fuß. »Ich müsste mal meinen Knöchel hochlegen.«

»Brauchst du Eis?«

»Nein, danke. Ich muss ihn nur hochlegen.«

Sie zeigte auf einen der Komfortsessel. »Bitte, bedien dich.«

»Corina«, sagte er langsam, zögernd, seine Gedanken abwägend. »Dein Bruder ist als Held gestorben.«

Sie sah Stephen lange forschend an, wählte ihre Worte sorgfältig. Sie war bereit, mehr Details einzufordern, darauf zu bestehen, dass er mehr wissen musste, als er zugab. Sie fühlte instinktiv, dass das der Fall war. Aber anstatt mehr zu verlangen, drängte ein Bekenntnis aus ihrem Herzen herauf. »Weißt du, worüber ich nachdenke?«

Er schüttelte den Kopf. Immer noch stand er zwischen Küche und Wohnbereich. Sein dunkles Haar wirbelte um den Kopf, seine Augen waren fest, sein Kiefer angespannt.

»Habe ich ihn genug geliebt?«

»Ihn genug geliebt?«, fragte Stephen. »Was meinst du? Ich habe noch nie Geschwister kennengelernt, die sich mehr um einander gekümmert, sich inniger geliebt hätten. Ich würde sagen, du hast ihn mehr als genug geliebt.«

Die Unterhaltung wühlte Corinas verborgene, tiefere Gefühle auf. »Aber hab ich ihn wirklich genug geliebt?«

Der Gedanke, genug zu lieben, war Corina zum ersten Mal gekommen, als sie auf dem Boden einer alten Kapelle vor den Toren Mariettas geweint hatte, gleich nach Carlos‘ Beerdigung, gleich nachdem sie Stephen zum zigsten Mal angerufen und keine Antwort bekommen hatte, als ihr erschüttertes Herz befürchtete, sie hätte auch ihn verloren.

Herr, wie kann ich nur ohne sie leben?

»Da war so ein Abend, kurz bevor er ausschiffte«, fing sie an, bedächtig. Sie wählte ihre Worte vorsichtig und öffnete die Tür zu ihrem Herzen nur einen kleinen Spalt breit für den Prinzen. »Carlos kam bei mir vorbei. Du warst auf dem Stützpunkt und hast da irgendwas gemacht. Natürlich waren wir da noch nicht verheiratet, aber wir waren verliebt.« Sie räusperte sich und atmete tief, um die Tränen zurückzuhalten. »Ich wollte ihm um jeden Preis von uns erzählen, dass es etwas Ernstes war mit uns. Carlos und ich hatten nie Geheimnisse voreinander gehabt. Außerdem wart ihr beide Freunde, also dachte ich, warum sollte ich ihn nicht auf den neuesten Stand bringen? Du warst meine erste wahre Liebe.

Aber irgendwie schien er etwas auf dem Herzen zu haben, also habe ich uns Tee gekocht, Kekse rausgestellt und darauf gewartet, dass er auf den Punkt kommt. Oh, der Bursche brauchte manchmal ewig, um etwas zur Sprache zu bringen, weißt du noch? Also habe ich angefangen, meine Wäsche zu machen, das Geschirr abzuwaschen, eine SMS von einer anderen Reporterin zu beantworten …

Und dann hast du angerufen, um mir zu sagen, dass du fix und fertig seist und nach Hause fahren wolltest, um dich auszuruhen. Ich saß auf dem Fußboden in der Küche, schön in die Ecke gekuschelt, lächelte und hörte mir an, wie du mir erzähltest, dass du mich liebst …« Sie unterbrach sich. Diese Unterhaltung von anno dazumal zu wiederholen führte doch zu nichts. »Als wir auflegten, fragte mich Carlos, wie’s lief. Er mochte dich, weißt du, schon seitdem ihr für den Alliiertenverband ausgebildet wurdet.«

»Hast du es ihm erzählt?«

»Nein, weil mir klar war, dass ihn etwas beschäftigte. Man musste Carlos in Frieden lassen, um ihm die Sachen entlocken zu können. Also schauten wir eine Weile fern, und dann ging er. Er hat mir nie erzählt, warum er gekommen war, ob ihn irgendetwas bekümmerte oder nicht. Zwei Tage später schiffte er aus.«

»Wie soll das denn nicht genug lieben sein? Er war ein großer Junge. Er hätte dir ja sagen können, was ihn beschäftigte, wenn er das gewollt hätte.«

»Verstehst du das nicht? Ich war so sehr mit meinem eigenen Leben beschäftigt und damit, dich zu lieben … Ich glaube, er spürte, dass sich da etwas zwischen uns gedrängt hatte. Und er war sich nicht sicher, wie er danach fragen sollte. Ich hätte es ihm einfach erzählen sollen.« Ihre tränenerfüllte Stimme brach. »Mir kam es so vor, als hätte ich ihn ignoriert, nachdem wir beide angefangen hatten, miteinander auszugehen. Ich glaube, er empfand das genauso. Ich war so eng mit dir, dass ich meine Beziehung zu Carlos vernachlässigt habe. Es war komisch, anders zwischen uns Ende Mai, bevor er abreiste.«

Sie nahm sich eine Serviette aus dem Körbchen auf dem Kühlschrank und putzte sich die Nase, wischte sich die Augen. »Ich erinnere mich, wie er an einem Abend anrief und mich fragte, was ich gerade mache, und ob ich nicht Lust hätte, im Pub was zu essen. Ich sagte nein, weil ich mit dir verabredet war. Aber habe ich Carlos eingeladen, mitzukommen? Nein, weil ich mit dir alleine sein wollte. Ich – ich glaube, er hat mich vermisst, Stephen. Ich bin ihm nach Brighton hinterhergezogen, um mit ihm dort sein, für ihn da zu sein. Aber dann ging es nur um mich und meine Gefühle.« Sie sackte gegen die Theke. In ihrer Brust drängte sich ein Schluchzer an den anderen. »Ich habe nicht bemerkt, dass mein Bruder vielleicht Angst haben könnte oder sogar schon Heimweh, weil er nicht wusste, was ihn in der Wüste in Afghanistan erwarten würde.«

Sie vergrub das Gesicht in den Händen und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Es war Jahre her, dass sie ihrem Herzen erlaubt hatte, diese düstere Straße der Erinnerung entlang zu schleichen.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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443 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783865068774
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