Читать книгу: «Fear Street 51 - Schuldig»

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Inhalt

Prolog

Kapitel 1 – Samstagnachmittag

Kapitel 2 – Samstagabend

Kapitel 3 – Montagnachmittag

Kapitel 4 – Später am Montagnachmittag

Kapitel 5 – Montagabend

Kapitel 6 – Dienstagabend

Kapitel 7 – Mittwochabend

Kapitel 8 – Donnerstagabend

Kapitel 9 – Später am Donnerstagabend

Kapitel 10 – Freitagabend

Kapitel 11 – Freitag, nach Mitternacht

Kapitel 12 – Freitag, nach Mitternacht

Kapitel 13 – Sonntagnachmittag

Kapitel 14 – Sonntagnachmittag

Kapitel 15 – Sonntagnachmittag

Kapitel 16 – Montagnachmittag

Kapitel 17 – Montagabend

Kapitel 18 – Montagabend

Kapitel 19 – Samstagabend

Kapitel 20 – Samstagnacht

Kapitel 21 – Samstagnacht

Kapitel 22 – Samstagnacht

Kapitel 23 – Sonntagnachmittag

Alle Einzelbände der Reihe Fear Street als E-Book

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Impressum

Prolog

Wie leicht es ging. Und wie schnell.

Der Schuss krachte, als wäre ein billiger Knallkörper explodiert.

Mach’s gut, Evan.

Träum was Schönes.

Es war so einfach. Und eigentlich gar nicht weiter schlimm. Besonders, wenn man nicht groß darüber nachdachte.

Wenn man die ganze Szene in den hintersten Winkel seines Bewusstseins verbannte – und stattdessen an sie dachte.

Sie war einfach toll.

Wie sollte er sie sonst beschreiben? Er hatte die ganze Zeit nur ihr Gesicht im Kopf. Ständig geisterte sie durch seine Gedanken und verdrängte alles andere. Manchmal hatte er das Gefühl, sie würde ihn noch verrückt machen, völlig verrückt.

Er würde alles für sie tun.

Sie war einfach wundervoll. Er wollte sie an sich drücken, sie ganz fest halten. Er wollte, dass sie bei ihm war, dass sie nur Augen für ihn hatte, dass sie das Gleiche wie er empfand.

Und jetzt war es so weit.

Er wischte den Schaft des Gewehrs an seinem Hemd ab und ging rasch den Pfad zwischen den Bäumen entlang.

Im Wald war es jetzt ruhig, unglaublich ruhig.

Die Bäume wirkten frisch mit ihren jungen Trieben. Alles war so hell und heiter.

Er ging schneller, unter seinen Stiefeln knirschten trockene Zweige und Blätter. Dann drehte er sich um und warf einen letzten Blick auf den reglosen Körper.

Würde er damit durchkommen?

Natürlich würde er das …

1

Samstagnachmittag

Meg Dalton bremste und kam mit ihrem Rad auf dem unbefestigten Weg zum Stehen. Sie atmete tief durch und lächelte. „Es riecht schon richtig nach Frühling“, sagte sie.

Sonnenlicht sickerte durch die hohen Bäume, deren frische, grüne Blätter sich gerade entfalteten. Die Kirschbäume standen bereits in voller Blüte und überzogen ganz Shadyside mit weißen Tupfen.

„Es ist so wunderschön hier im Mai“, dachte Meg. „Als würde man durch eine Märchenwelt fahren.“ Ihre Freunde zogen sie immer auf, wenn sie solche Dinge sagte. Deshalb beschloss sie, ihre schwärmerischen Gedanken lieber für sich zu behalten.

Ihre beiden Begleiter, die langsam hinter ihr hergeradelt waren, holten sie ein. „Hey, Meg, warum hältst du denn an?“, rief Tony.

„Lass uns weiter zum Fluss fahren“, sagte Sue, die ein Stück vor Meg anhielt und sich dann zu ihr umdrehte. „Komm schon, ich will mich bewegen. Ich muss unbedingt ein paar von den lästigen Pfunden loswerden, die ich diesen Winter zugelegt habe.“

Meg starrte ihre Freundin an. Sue hatte kein Gramm zu viel auf den Rippen. Ihre Figur war perfekt. Mit ihrem kupferfarbenen Haar, den blauen Augen und dem Schmollmund sah sie aus wie eine Hollywoodschauspielerin, fand Meg.

„Ich brauche endlich ein neues Rad“, sagte Tony. „Das hier ist die reinste Klapperkiste.“

„Pscht!“, unterbrach ihn Meg und zeigte auf die pink- und lilafarbenen Wildblumen, die am Wegrand wuchsen. „Seht mal. Ein Kolibri.“

„Fahren wir jetzt endlich weiter, oder was?“, fragte Sue ungeduldig. „Wenn ich gewusst hätte, dass das hier eine Naturkunde-Exkursion wird, hätte ich mir was zum Schreiben mitgebracht.“

Sie schwang sich wieder auf den Sattel und radelte davon. Meg musste sich beeilen, um sie einzuholen. „Hey, wartet auf mich!“, rief Tony ihnen nach. „Mit dieser alten Kiste komme ich nicht hinterher.“

Als sie am Sportplatz vorbeifuhren, entdeckten sie mehrere Freunde von der High School in Shadyside. Auf der leicht abfallenden Wiese neben dem Spielfeld sonnten sich Leute, warfen Frisbees und picknickten.

„Es ist, als wären plötzlich alle aus ihren Kokons gekrabbelt, um endlich Spaß zu haben“, dachte Meg. Sie wusste, dass ihre Freunde sie für diesen Gedanken bestimmt wieder ausgelacht hätten.

Meg war klein und hatte zu ihrem großen Bedauern noch keine besonders weibliche Figur. Mit ihrem runden Gesicht, den kurzen blonden Haaren und den großen blauen Augen wurde sie manchmal sogar für ein Kind gehalten.

„Tony scheint ja richtig gute Laune zu haben“, sagte Sue, den Blick vor sich auf den Weg gerichtet.

„Wieso? Er hat doch den ganzen Nachmittag nichts anderes getan, als über sein Rad rumzumeckern“, erwiderte Meg mit einem Seufzer.

„Aber für ihn heißt das schon, dass er gute Laune hat!“, witzelte Sue.

Meg lachte gequält. Sie wusste, dass Sue mit ihrer Bemerkung über Tony recht hatte. Er war den ganzen Winter furchtbar launisch gewesen. Ständig rastete er aus und regte sich wegen irgendwelcher Kleinigkeiten auf. Manchmal auch völlig grundlos.

Zuerst dachte Meg, dass es vielleicht mit ihr zu tun hätte. Dass Tony genug von ihr hatte. Immerhin waren sie jetzt schon über zwei Jahre zusammen. Vielleicht wäre er sie am liebsten losgeworden und wusste nicht wie. Aber jedes Mal, wenn sie versuchte, mit ihm darüber zu reden, machte er ein verletztes Gesicht und schwor ihr, es sei alles in Ordnung.

„Und wie läuft’s mit dir und Dwayne?“, zog Meg Sue auf. Das war immer das Einzige, was ihr einfiel, um ihre Freundin zu necken.

„Dieser Schwachkopf!“, stieß Sue keuchend hervor, weil sie so schnell gefahren war. „Er läuft mir wie ein liebeskrankes Hündchen hinterher und schmachtet mich mit seinen traurigen Augen an. Würg! Und dann diese engen weißen T-Shirts, in denen er immer seine Muskeln zur Schau stellt. So ein Angeber!“

„Na ja, er macht eben viel Bodybuilding. Er hat echt einen super Körper“, sagte Meg.

Sue schaute sie überrascht an. Es sah Meg gar nicht ähnlich, so was zu sagen. „Kann sein, aber er ist trotzdem ein Ekelpaket. Außerdem hängt er immer mit deinem komischen Cousin Brian rum. Die beiden spielen ständig so ein Fantasy-Rollenspiel im Wald – Dungeons and Dragons, glaube ich. Oh …“ Sue merkte plötzlich, was sie gesagt hatte. „Das soll natürlich nicht heißen, dass mit deinem Cousin was nicht stimmt. Ich …“

„Ist schon okay. Brian ist wirklich ein bisschen komisch“, erwiderte Meg und lachte.

Dann radelten sie eine Weile schweigend dahin. Meg fröstelte plötzlich. Sie musste gerade daran denken, dass es heute genau ein Jahr her war. Genau vor einem Jahr hatte Brian Sues Bruder Evan gefunden.

An einem Frühlingstag wie diesem – erschossen im Fear-Street-Wald.

Meg schüttelte heftig den Kopf, als könnte sie dadurch die Erinnerung verscheuchen.

„Wenigstens kann Sue inzwischen wieder lachen“, dachte Meg. „Und sie kann wieder herumwitzeln und mit ihren alten Freunden Radtouren machen.“

War das ein langer Winter gewesen.

Meg fuhr etwas langsamer und ließ Tony aufholen. „Na, wie läuft’s, du alter Trödler?“

„Ich glaube, meine Kette geht gleich ab“, knurrte er, zog sich das braune Sweatshirt über den Kopf und band es sich um die Taille. Darunter kam ein graues T-Shirt zum Vorschein. Trotz des kühlen Winds, der vom Fluss hochwehte, schwitzte er. „Ich brauche dringend ein neues Rad“, sagte er, stieg ab und beugte sich hinunter, um die Kette zu inspizieren.

Sie liebte es, wenn er etwas aufmerksam betrachtete – die Art, wie sich seine dunklen Augenbrauen senkten und sich seine Stirn kräuselte, seine konzentrierte Miene. „In den Ferien jobbst du doch wieder bei deinem Vater“, sagte Meg. „Da kannst du dir bestimmt genug Geld für ein neues Rad zusammensparen.“

„Na klar“, schnaubte er und wischte sich die schmierigen Hände an der Jeans ab. „Ansonsten lässt mein Vater ja auch kaum Geld springen.“ Er stieg wieder auf sein Rad und fuhr weiter.

Sie folgte ihm auf dem gewundenen Pfad. Hinter einem lang gezogenen Feld floss schnell, aber fast geräuschlos der schmale braune Cononka River entlang. Er war leicht über die Ufer getreten, weil es diesen Winter eine Menge geschneit hatte. Meg war überrascht, als sie sah, dass sich Sue unten am Fluss am Ende des Weges mit zwei Fahrradfahrern unterhielt.

Als sie näher kam, erkannte Meg Lisa und Steve. Die ganze High School lachte über die beiden. Sie waren Tür an Tür aufgewachsen und ihr Leben lang die besten Freunde gewesen. Seit letztem Winter gingen sie miteinander – und seitdem hatten sie sich nur noch in der Wolle.

Tony und Meg erreichten die kleine Gruppe. „Wir wollten uns gerade auf den Rückweg machen“, sagte Steve. „Es ist noch ganz schön kalt da unten.“

„Was habt ihr zwei denn heute Abend vor?“, fragte Sue Lisa.

„Keine Ahnung. Steve hat sich noch nichts überlegt“, erwiderte Lisa mit einem abfälligen Grinsen, das in letzter Zeit öfter über ihr Gesicht huschte. „Ich glaube, er hat mal wieder vergessen, dass wir verabredet sind.“

„Ich dachte, wir gammeln einfach ein bisschen rum oder so“, murmelte Steve unbehaglich. Er wollte den Arm um Lisa legen, aber sie wich ihm aus.

„Tony und ich gehen heute auch nicht weg“, sagte Meg. „Ich muss zu Hause bleiben und mit meinem Abschlussreferat für den Psychokurs weitermachen. Ich hänge jetzt schon so weit hinterher, dass …“

„Oh, das hätte ich fast vergessen. Ich habe ja große Neuigkeiten!“, unterbrach Lisa sie. „Ratet mal, wer zurückkommt, um Shadyside einen Besuch abzustatten. Ellen!“

Sue zuckte zusammen und griff hastig nach dem Lenker, als ihr Fahrrad zur Seite kippte. „’tschuldigung“, murmelte sie. Sie sah plötzlich sehr blass aus.

„Ellen wird bei ihrer Tante wohnen“, fügte Lisa hinzu.

Niemand sagte etwas.

Alle dachten an das Gleiche – an das, was vor einem Jahr passiert war, und an Sues Bruder Evan.

Ellen und Evan waren seit der Junior High zusammen gewesen. Und Ellen, Meg und Sue waren sogar schon lange davor unzertrennliche Freundinnen gewesen.

Aber als Evan starb, brach alles auseinander.

Ellen zog kurz darauf weg. Und seitdem hatte niemand mehr etwas von ihr gehört. Bis jetzt.

„Es wird toll sein, sie wiederzusehen“, sagte Meg strahlend und durchbrach die Stille. „Es ist so lange her.“

„Ja, das stimmt“, fügte Lisa hinzu. Sie versuchte, genauso viel Begeisterung aufzubringen wie Meg, aber es gelang ihr nicht. Sie und Ellen hatten nie viel miteinander anfangen können.

Sue sagte überhaupt nichts. Sie starrte nur mit abwesendem Blick über den Fluss.

„Vielleicht sollten wir eine Party für Ellen geben“, schlug Meg vor und sah Tony dabei an. Aber der schaute weg.

„Ja, toll“, meinte Lisa.

„Warum überhaupt?“, fragte Sue scharf.

„Na, um … äh … um sie hier zu begrüßen“, antwortete Meg. Sie war von der Feindseligkeit in Sues Stimme überrascht. „Und um ihr zu zeigen, dass wir sie immer noch mögen.“

„Evan ist tot“, murmelte Sue, ohne jemanden anzusehen.

„Aber wir müssen Ellen zeigen, dass wir sie nicht dafür verantwortlich machen“, sagte Meg, erstaunt über die starken Gefühle, die sie plötzlich überfielen. Ihr war gar nicht klar gewesen, wie sehr sie Ellen das ganze Jahr über vermisst hatte.

„Ich denke nicht …“, begann Sue. In dem böigen Wind war ihre Stimme kaum zu verstehen.

„Also, ich finde die Idee mit der Party cool“, unterbrach Lisa sie und stieg wieder aufs Rad. „Wie wär’s mit einer Überraschungsparty? Ihr kennt Ellen doch. Sie würde wahrscheinlich gar nicht aufkreuzen, wenn sie es vorher wüsste. Ich helfe euch gerne bei den Vorbereitungen. Am besten fange ich gleich an, allen davon zu erzählen!“

„Ich bin dabei“, sagte Steve.

Meg warf einen Blick zu Tony. Er starrte auf den Boden. „Tony, alles in Ordnung?“

„Ja. Klar.“

„Was hältst du von der Idee mit der Party?“

„Find ich gut.“

„Wir müssen jetzt los“, sagte Lisa und fuhr mit ihrem Rad den Weg hoch. „Bis dann!“

Meg, Sue und Tony sahen ihnen nach, bis sie hinter den Bäumen verschwunden waren. „Ich denke, wir sollten uns auch auf die Socken machen“, meinte Sue. Sie sah immer noch bleich und mitgenommen aus.

„Ich glaub’s ja wohl nicht!“, schrie Tony los.

Beide Mädchen zuckten erschrocken zusammen. „Tony, was ist denn?“

„Ich hab einen Platten!“ Er hob das Rad mit beiden Armen in die Luft.

„Tony, nicht …“, sagte Meg.

Einen Moment lang sah es aus, als wollte er das Rad zu Boden schleudern, aber dann überlegte er es sich anders und stellte es langsam wieder ab.

„Tony, es ist doch nur ein platter Reifen. Warum schiebst du nicht nach Hause und …“

„Fahrt schon mal vor“, murmelte er. „Wir sehen uns dann später.“

Da er es anscheinend ernst meinte, stiegen die beiden Mädchen auf ihre Räder und fuhren davon.

„Was ist denn mit dem los?“, fragte Sue.

„Ich weiß auch nicht“, seufzte Meg. „Manchmal rastet er einfach aus.“ Sie hätte zu gerne gewusst, was mit ihm los war. Es war doch nicht normal, wegen einem Platten auszurasten, oder?

An diesem Abend in ihrem Zimmer versuchte Meg, sich auf ihr Referat zu konzentrieren, aber ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Ellen. Der großen, schlaksigen, blonden, gut aussehenden Ellen. Meg fragte sich, ob sie sich wohl verändert hatte.

Die Überraschungsparty war eine tolle Idee. Meg sah Ellens erstaunte Miene schon förmlich vor sich. Wie glücklich würden sie sein, alle wieder vereint.

Das Telefon klingelte.

Dankbar für die Unterbrechung, griff sie zum Hörer.

„Hallo, Meg?“ Ein gedämpftes Flüstern. Als würde der Wind ins Telefon blasen.

„Wer ist da?“, fragte sie, während sich ein merkwürdiges Gefühl in ihrem Bauch breit machte. „Die Verbindung ist furchtbar schlecht.“

„Hier ist ein Freund.“ Wieder dieses Flüstern.

Wer konnte das sein?

„Ich warne dich. Vergiss die Party für Ellen.“

„Hey, Moment mal …“, rief Meg. Sie war verblüfft über den schrillen Klang ihrer Stimme. Über die Angst, die in ihr aufstieg. Und die Wut.

„Es ist mein Ernst. Mein tödlicher Ernst. Keine Party für Ellen! Zwing mich nicht, dir zu beweisen, wie ernst ich es meine.“

„Wer ist denn da? Was für ein blöder Witz …“

Sie hörte ein Klicken. Und dann wieder das Freizeichen.

Wütend legte Meg den Hörer auf. Im Zimmer herrschte nun Stille. Aber die flüsternde Stimme blieb und wiederholte in ihrem Kopf die bedrohliche Nachricht. Das Flüstern wurde lauter und lauter, bis sie beide Hände auf die Ohren presste, um die unheimliche Stimme zum Schweigen zu bringen.

2

Samstagabend

Meg saß an ihrem Schreibtisch und starrte das Telefon an, bis es vor ihren Augen verschwamm. Wie fühlte sie sich?

Erschrocken? Nein.

Wütend? Ja, das schon eher. Wütend und beleidigt.

Hatte der Anrufer wirklich gedacht, er könne ihr mit diesem blöden, heiseren Geflüster Angst einjagen?

„Wer immer es war, er hat wahrscheinlich zu viele schlechte Horrorfilme gesehen“, dachte Meg. Wie bescheuert! Die Mädchen in diesen Filmen waren doch immer nur kreischende Angsthasen. Kaum bekamen sie einen unheimlichen Anruf, waren sie sofort völlig aufgelöst und zu Tode erschrocken.

Aber das hier war das wahre Leben und kein blöder Film. Offensichtlich kannte dieser anonyme Anrufer Meg nicht besonders gut. Okay, sie war vielleicht klein und sah sehr jung aus. Aber sie ließ sich nicht so einfach rumschubsen. Sie war störrisch wie ein Maulesel. Jedenfalls sagte ihre Mutter das immer. Und Meg betrachtete es als Kompliment.

Doch ihr Herz klopfte wie wild. „Okay“, gestand sie sich ein, „vielleicht bin ich ein ganz klein bisschen aufgeregt.“

Meg griff zum Hörer und wählte Tonys Nummer. Bei ihm war besetzt.

So was Blödes. Mit wem telefonierte er denn?

Sie wollte mit jemandem reden. Mit ihren Eltern? Nein. Die würden gleich wieder einen Riesenaufstand machen. Wahrscheinlich würden sie sofort die Polizei rufen und ihr die Party verbieten.

Bestimmt wollte ihr jemand aus der Schule mit diesem Anruf nur einen fiesen Streich spielen.

Wieder wählte sie Tonys Nummer. Es war immer noch besetzt.

Sie legte auf und versuchte es bei Lisa. Die hob nach dem ersten Klingeln ab und fauchte: „Wo bleibst du?“

„Was?“

„Steve?“

„Nein, hier ist Meg.“

„Oh, Meg. Entschuldige. Ich dachte, es wäre Steve. Er ist schon wieder zu spät dran. Ungefähr eine Stunde.“

„Tut mir leid“, sagte Meg.

„Du kannst doch nichts dafür“, beteuerte Lisa hastig. Sie klang mächtig sauer. „Ich versuch’s einfach mal positiv zu sehen. Vielleicht ist er ja von einem Laster überfahren worden und taucht deswegen nicht auf.“

„Stimmt. Nimm’s locker.“ Meg lachte.

„Und was machst du so? Wartest du auf Tony?“

„Nein. Wir gehen doch heute nicht weg. Ich müsste mich dringend an mein Referat für Psycho setzen.“

„Aber …“

„Ich hab eben einen unheimlichen Anruf bekommen.“

„Wirklich?“ Lisa klang plötzlich interessiert. „War es so ein Typ, der ins Telefon gestöhnt hat? Das ist mir mal passiert. Mann, war das widerlich!“

„Nein. Der Kerl hat geflüstert.“ Meg bereute schon, dass sie Lisa von dem Anruf erzählt hatte. Sie würde nur wieder endlos Witze darüber reißen. Mit ihrem lockeren Mundwerk machte sie sich über alles lustig. Nie nahm sie irgendwas ernst.

„Was hat er denn geflüstert?“, fragte Lisa. „Zärtlichkeiten?“

„Nein. Er hat mir gesagt, dass ich die Party für Ellen vergessen soll.“

„Er hat was?“

„Du hast richtig gehört. Er hat mich davor gewarnt, diese Party zu organisieren.“

„Tja … wen kennen wir denn alles, der Partys hasst?“

„Ich weiß nicht. Die Stimme hab ich nicht erkannt. Es war so ein heiseres Flüstern. Ich könnte nicht mal sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war.“

„Ich wette, es war Steve“, sagte Lisa. „Er würde alles tun, um nicht rechtzeitig bei mir sein zu müssen.“

Das sollte natürlich ein Witz sein, aber Meg lachte nicht. Sie war genervt, weil Lisa die Sache nicht ernster nahm. „Es war irgendwie unheimlich“, sagte sie zu ihr. „Wie vielen Leuten hast du eigentlich schon von Ellen und der Party erzählt?“

„Einer Menge“, antwortete Lisa. „Nachdem ich im Park über euch gestolpert war, bin ich ins Einkaufszentrum gefahren. Da hab ich einen Haufen Leute aus der Schule getroffen. Und dann hab ich noch ein paar angerufen, während ich hier rumgesessen und auf du-weißt-schon-wen gewartet habe. Hey! Es hat geklingelt! Das ist er wahrscheinlich. Ich muss mich beeilen. Bis später, Meg.“ Sie legte auf, bevor ihre Freundin sich verabschieden konnte.

Meg musste grinsen. Lisa meckerte immer über Steve und machte ihn ständig runter. Aber wenn es klingelte, flitzte sie los. Sie war total verrückt nach ihm.

Ohne es zu merken, hatte Meg wieder Tonys Nummer gewählt. Diesmal ertönte das Freizeichen. „Hallo?“

„Hi, Tony. Ich bin’s.“

„Oh, hi.“ Er klang merkwürdig, irgendwie zerstreut und ganz durcheinander.

„Ich hab eben einen richtig unheimlichen Anruf bekommen. Irgendjemand hat mich davor gewarnt, die Party für Ellen zu geben.“

„Mich auch!“, rief Tony.

„Was?“

„Ja. Bei mir hat gerade jemand angerufen, der so komisch geflüstert hat. Ich glaube, es war ein Typ. Aber ich kann es nicht genau sagen. Es hätte auch ein Mädchen sein können.“

„Und was hat dieser Jemand gesagt?“

„Ich sollte nicht bei der Party mithelfen. Er meinte, ich könnte sowieso nicht mitfeiern, wenn sie stattfinden würde. Weil ich dann nämlich im Krankenhaus wäre.“

„Da spielt uns doch nur jemand einen dummen Streich, oder?“

„Ich weiß nicht, Meg. Wer immer es war, er klang so, als würde er es ziemlich ernst meinen.“

„Ach, komm schon. Glaubst du wirklich?“ Meg war enttäuscht, weil Tony das Ganze nicht auf die leichte Schulter nahm. Sie hatte mehr Gelassenheit von ihm erwartet. Sie wollte, dass er ihr sagte, es sei nur ein dummer Streich gewesen, dass sie das Ganze einfach vergessen solle. Warum klang er eingeschüchterter als sie?

„Was glaubst du, wer es war, Meg?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht jemand aus der Schule, der Überraschungspartys bescheuert findet.“

„Kann sein.“ Tony klang nicht sehr überzeugt. „Aber wir kennen niemanden, der so was Blödes machen würde. Was wäre, wenn … also, wenn …“

„Wenn was, Tony?“, fragte Meg ungeduldig.

„Ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir die Sache doch ernst nehmen. Du weißt schon, die Polizei anrufen oder so.“

„Was? Spinnst du?“, rief Meg wütend. „Ich würde nie im Leben …“

„Ich mach mir doch bloß Sorgen um dich. Das ist alles“, unterbrach er sie. „Ich möchte nicht, dass dir irgendein Irrer wegen dieser blöden Party was Schreckliches antut.“

„Das ist keine blöde Party“, brüllte Meg. „Es ist eine Überraschungsparty für Ellen. Für meine beste Freundin. Und ich werde mich von so einem widerlichen Anruf nicht davon abhalten lassen, das zu tun, was ich mir vorgenommen habe.“

Nach einer langen Pause stimmte Tony ihr zu. „Okay, du hast recht. Ich war wohl zu ängstlich.“

„Tut mir leid. Ich wollte dich nicht anschreien“, sagte Meg und zwang sich, ihre Lautstärke runterzuschrauben.

„Soll ich … äh … soll ich vielleicht rüberkommen und dich ein bisschen trösten?“, fragte Tony. Es hörte sich eher nach einer Bitte als nach einer Frage an.

Meg lachte. „Nein. Eigentlich dürfte ich nicht mal mit dir telefonieren. Ich müsste dringend an meinem Psychoreferat sitzen.“

„War das ein Ja?“

„Nein. Das war ein eindeutiges Nein.“

„Aber du hast Ja gemeint, stimmt’s?“

Meg lachte wieder. Es war schön, mal wieder mit Tony rumzualbern. „Ich meinte Nein. Wirklich.“

„Du brauchst doch ein bisschen Trost, oder?“

„Nein. Lass mich in Ruhe. Ich brauche ein bisschen Zeit zum Schreiben. Ich …“

„Glaubst du wirklich, dass du dich jetzt auf dein Referat konzentrieren kannst?“

„Ja. Kann ich.“

„Du hast Ja gesagt. Ich hab’s genau gehört!“

Meg lachte. „Ich sagte Nein.“

„Aber du hast Ja gemeint.“

„Na ja … vielleicht.“

„Vielleicht? Ein Vielleicht reicht mir schon“, rief Tony glücklich. „Ich bin gleich bei dir.“

„Okay“, sagte Meg und war genauso glücklich wie er.

3

Montagnachmittag

Meg legte ihr Geschichtsbuch vor sich auf den Tisch und blickte sich in dem großen Stillarbeitsraum um, in dem die Schüler unter Aufsicht ihre Hausaufgaben machen sollten. Was war das für ein Lärm dahinten? Sie stellte fest, dass es nur Steve und sein Freund David aus dem Turnerteam waren, die auf einem der Tische komische Verrenkungen machten.

Ganz vorn im Raum stand ein kleines Pult für die Aufsicht, an dem im Moment niemand saß. Mrs Frankel kam immer zu spät, sodass Steve und David genug Zeit hatten, ihre Späßchen abzuziehen.

„Hi“, sagte Sue und winkte Meg flüchtig zu, während sie zu ihrem Platz in der Reihe hinter ihr ging.

„Hi“, antwortete Meg und durchwühlte auch schon ihre Tasche nach den Einladungskarten, die sie für die Party gekauft hatte.

„Dieser blöde Mathelehrer hat immer noch nicht kapiert, dass das Schuljahr schon fast zu Ende ist“, beschwerte sich Sue. „Er hat heute Morgen noch mal mit einer ganz neuen Unterrichtseinheit angefangen. Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen!“

„So ’n Pech“, murmelte Meg. Eigentlich wusste sie gar nicht, wo Sues Problem lag. Sie wusste nur, dass ihre Freundin die Schule, Mathe und allgemein jede Art von Arbeit hasste. Sue kam nie in den Hausaufgabenraum, ohne über irgendwas zu meckern.

„Wie findest du die?“, fragte Meg und hielt die Packung mit den Einladungskarten hoch.

„Was ist das?“, fragte Sue, während sie dunkelroten Lippenstift auf ihren vollen Lippen verteilte.

„Einladungskarten. Für Ellens Party. – Ist das eine neue Lippenstiftfarbe?“

„Ja, die hab ich in einer Zeitschrift gesehen. Wie findest du sie?“

„Sehr … äh … auffallend.“

„Meg, bist du sicher, dass diese Party eine gute Idee ist?“ Sue ließ den Lippenstift in ihre Tasche fallen und suchte nach einem Taschentuch.

„Keine Ahnung. Ich glaube schon. Es wäre doch nett, Ellen dadurch zu zeigen, dass wir sie immer noch mögen. Schließlich waren wir drei immer die besten Freundinnen. Und Ellen war so lange mit Evan zusammen, dass sie schon fast zu eurer Familie gehört hat.“

Meg bereute ihre Worte sofort. Sue warf ihr einen bitteren Blick zu. Sie tupfte sich mit dem Taschentuch die Lippen ab und sagte keinen Ton. Erst als Meg sich schon wieder umgedreht hatte, meinte sie: „Wie willst du denn Einladungen verschicken, wenn du noch gar nicht weißt, wo die Party stattfinden soll?“

„Ich hatte eine super Idee“, sagte Meg. „Du weißt doch, dass die Firma meines Vaters gerade das alte Halsey Manor Herrenhaus saniert hat. Er meinte, wir könnten dort feiern, wenn wir versprechen, hinterher alles wieder perfekt aufzuräumen.“

„Das alte Herrenhaus im Fear-Street-Wald?“, rief Sue überrascht. „Puh! Es ist aber ganz schön unheimlich da. Warum willst du denn …“

„Das Haus ist fast komplett renoviert worden. Von innen ist es so gut wie neu. Und überleg doch mal, wie cool es ist, wenn keine Erwachsenen in der Nähe sind.“

Ohne Erwachsene zu feiern, fand Sue auch gut. Aber nicht in der Fear Street. Während sie noch protestierte, kam Mrs Frankel in den Raum und forderte alle auf, ruhig zu sein und mit den Hausaufgaben anzufangen.

Meg drehte sich wieder zu ihrem Pult um und öffnete die Packung mit den Einladungskarten. Sie begann, die erste auszufüllen. Die Gespräche über Ellen brachten eine Flut von Erinnerungen zurück. Schöne Erinnerungen. Seit sie sich in der Grundschule kennengelernt hatten, hatten sie viele aufregende und glückliche Stunden miteinander verbracht.

Doch wenn sie jetzt an Ellen dachte, wanderten ihre Gedanken unwillkürlich zu der Tragödie vom letzten Jahr zurück. Ellen und Evan waren schrecklich ineinander verliebt. Und dann war Evan von einem Moment zum anderen tot. Und alles hatte sich geändert.

Sicher, Evan konnte manchmal ganz schön verrückt sein. Eigensinnig und impulsiv wie er war, hatte er sich immer irgendwelchen Ärger eingehandelt. Aber er konnte auch sehr liebenswert sein, voller Spaß und Lebensfreude.

Sein Tod war immer noch unvorstellbar.

Meg sah sich in dem großen Raum um. So ziemlich jeder hier hatte mit dem tragischen Unfall oder mit Evan zu tun gehabt.

Sie sah von Gesicht zu Gesicht. Da war Sue, Evans Schwester. Sie schien einen Teil ihres Lebens verloren zu haben, als Evan starb. Früher hatte sie sich für alles begeistern können, war temperamentvoll und immer für einen Spaß zu haben gewesen. Evans Tod hatte dazu geführt, dass sie sich zurückzog und von ihren Freunden abkapselte. Sue schien sich dazu zu zwingen, niemanden mehr zu brauchen, damit sie durch einen Verlust nicht noch einmal so verletzt werden konnte.

Tony saß ziemlich weit hinten und schrieb eifrig etwas in ein Heft. Er und Evan waren die dicksten Freunde gewesen. Tony hatte Evan bewundert und zu ihm aufgesehen. Wegen Evans draufgängerischer Art, weil es ihm egal war, was die Leute von ihm dachten, und weil er einfach tat, worauf er Lust hatte. Tony wünschte sich, so zu sein wie Evan. Aber er hatte zu viele Komplexe, litt zu sehr darunter, nicht so viel Geld zu haben, und es war ihm viel zu wichtig, von den anderen akzeptiert zu werden. Tony hatte versucht, nach außen hin cool zu wirken, als er von Evans Tod erfahren hatte. Aber beim Begräbnis war er zusammengebrochen und hatte hemmungslos geschluchzt. Seitdem war er unberechenbar und launisch.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums saß ihr Cousin Brian. Mit seinem welligen blonden Haar, den blauen Augen und seinem Grübchenlächeln sah er aus wie ein Unschuldsengel. Aber Meg wusste, dass Brian ein seltsamer Typ war, der meistens für sich allein blieb. Er verbrachte den größten Teil seiner Zeit damit, Dungeons and Dragons zu spielen, mit seinem Freund Dwayne rumzuhängen und über die Krieger und Zauberer der vierten Ebene rumzufaseln. Und dafür interessierte sich Meg nicht die Bohne.

Brian und Evan waren nicht befreundet gewesen. Aber Brian war an diesem schrecklichen Tag auch im Fear-Street-Wald unterwegs gewesen. Er hörte den Schuss und kam angerannt. Hinterher erzählte er allen, er hätte Evan tot auf dem Boden gefunden, neben ihm Ellen, die nur weinte und kein einziges Wort herausbrachte.

Was hatte Brian damals allein im Fear-Street-Wald gemacht? Niemand wusste es. Aber Brian hatte sich durch Evans Tod ebenfalls verändert. Er schien sich noch mehr mit diesen seltsamen Fantasyspielen zu beschäftigen. Seine Noten, die bis dahin hervorragend gewesen waren, begannen sich zu verschlechtern.

„Ein Junge stirbt im Wald, und so viele andere Leben sind davon betroffen“, dachte Meg.

Sie wusste nicht, wen sie am meisten bemitleiden sollte. Vielleicht Ellen. Arme Ellen. Wenn sie Evan doch nur davon hätte abhalten können, in den Fear-Street-Wald zu gehen!

Es wurde gemunkelt, dass er wegen einer Wette die Nacht dort verbringen wollte. Aber mit wem hatte er gewettet? Er wollte es Ellen damals nicht verraten. „Ich brauch mal wieder ein bisschen Nervenkitzel“, sagte er, schnappte sich das Jagdgewehr seines Vaters – nur für alle Fälle – und stürmte los. Ellen bat ihn, das Gewehr nicht mitzunehmen. Doch er hörte nicht auf sie.

Sie ging nach Hause, machte sich aber entsetzlich viele Sorgen. Deswegen kehrte sie zur Fear Street zurück und suchte im Wald nach ihm. Dort hörte sie den Schuss, den tödlichen Schuss, der alles veränderte. Ellen folgte dem Knall, bis sie schließlich Evan fand, der mit dem Gesicht nach unten auf der Erde lag. Sein linker Schuh hatte sich in einer Baumwurzel verfangen.

Er war bereits tot. Offensichtlich war er über die Wurzel gestolpert, und dabei musste das Gewehr losgegangen sein.

Ein paar Minuten später tauchte Brian auf und fand die beiden. Obwohl er selbst unter Schock stand, schaffte er es, Ellen aus dem Wald zu bringen und Hilfe zu holen.

Ein tragischer Unfall. Ellen war nicht in der Lage gewesen, mit irgendjemandem darüber zu reden. Nicht einmal mit ihren besten Freunden. Kurz darauf war ihre Familie weggezogen. Und niemand hatte seitdem etwas von ihr gehört – bis jetzt.

„Vielleicht können wir alle wieder gute Freunde sein“, dachte Meg optimistisch.

„Meg! Meg!“ Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

Sie sah auf. Mrs Frankel hatte sie gerufen. „Das muss ja ein wirklich spannendes Kapitel sein, das du da liest. Ich habe dich schon ein paarmal aufgerufen.“

Meg spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie wusste, dass sie jetzt knallrot anlief. „Entschuldigung.“

„Im Sekretariat liegt eine Nachricht für dich. Das hatte ich ganz vergessen, dir auszurichten.“

Meg ließ die Einladungskarten auf dem Tisch liegen und ging mit hochrotem Gesicht zur Tür. Wer hatte eine Nachricht für sie hinterlassen? Kam sie von ihren Eltern? War jemand krank geworden?

Sie machte die Tür hinter sich zu und joggte den Flur entlang. „Hi, Meg. Hast du schon gehört, dass Gary mit Krista Schluss gemacht hat?“ Das war Lisa, die auf dem Flur herumlungerte.

„’tschuldige, Lisa. Ich ruf dich nachher an“, antwortete Meg. „Ich hab’s ziemlich eilig.“ Lisa schien sich zu wundern, dass sie keine Lust hatte, sich den neuesten Klatsch anzuhören. Aber Meg lief einfach weiter zum Sekretariat.

Als sie außer Atem und mit einem nervösen Gefühl im Bauch eintrat, saß niemand am Empfangstresen. „Ist jemand hier?“, rief sie. Keine Antwort. Schließlich tauchte die Schulsekretärin aus einem der hinteren Büros auf. Sie war erstaunt, Meg dort zu sehen.

„Man hat mir gesagt, hier wäre eine Nachricht für mich“, sagte Meg.

Die Sekretärin schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. Sie sah einen Stapel rosafarbener Mitteilungszettel durch, die auf ihrem Schreibtisch lagen. „Nein. Für dich ist nichts dabei.“

„Sind Sie sicher?“, hakte Meg nach. „Mrs Frankel hat mich hierhergeschickt.“

„Tut mir leid. Da muss es sich wohl um ein Missverständnis handeln.“

„Ein Missverständnis. Ah, ja. Das wird’s wohl sein. Danke“, sagte Meg. Sie drehte sich um und verließ den Raum. Eigentlich war sie erleichtert. Denn wenn im Sekretariat eine Nachricht auf einen wartete, bedeutete das selten etwas Gutes. Aber warum hatte sie jemand dorthin bestellt, wenn es gar keine Nachricht gab?

Meg blieb bei Lisa stehen und unterhielt sich ein paar Minuten mit ihr. Sie hatte es nicht besonders eilig zurückzukommen. Jetzt würde sie sowieso nichts mehr von ihren Hausaufgaben schaffen. Und die Einladungen konnte sie auch nach der Schule schreiben.

„Was machst du heute Nachmittag?“, fragte sie Lisa. „Hast du Lust, rüberzukommen und mir ein bisschen bei den Einladungen zu helfen?“

„Ich kann nicht“, sagte Lisa, während sie einen Stift in die Luft schnipste und wieder auffing. „Wir haben ein Redaktionstreffen für die neueste Ausgabe der Schülerzeitung. Schließlich warten alle schon sehnsüchtig darauf, oder?“ – Aber ich helfe natürlich trotzdem gerne bei den Partyvorbereitungen“, fügte sie hastig hinzu.

„Ellen und ich waren nicht besonders gut befreundet, aber ich hab sie immer gemocht.“

Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten. Dann ging Meg zurück in den Stillarbeitsraum.

Mrs Frankel sah nicht einmal auf. Sie hatte den Kopf tief über die Arbeiten gebeugt, die sie gerade korrigierte. Meg setzte sich auf ihren Platz. Sie blickte sich einen Moment im Raum um, schaute auf ihre Uhr und dann auf den Tisch.

Die Partyeinladungen!

Irgendwer hatte sie in winzige Schnipsel zerschnitten. Wer tat so was Gemeines?

Meg fuhr herum und sah Sue an. Doch die blickte nicht mal von ihrem Buch auf.

„Hey!“

Endlich bemerkte Sue sie. Sie legte einen Papierschnipsel an die Stelle, wo sie aufgehört hatte zu lesen, und klappte das Buch zu.

„Sag mal, hast du gesehen, ob jemand an meinem Pult war?“

„Nein“, flüsterte Sue, den Blick auf Mrs Frankel gerichtet. „Aber ich war auch gar nicht hier. Ich hab mir dieses Buch aus der Bibliothek geholt und bin erst vor einer Minute zurückgekommen.“

Meg schaute sie prüfend an. Natürlich hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Freundin verdächtigte. Sie wusste, dass Sue nicht besonders glücklich über die Party für Ellen war, aber so was würde sie doch nie tun, oder?

Sie wollte Sue gerade die zerschnittenen Einladungskarten zeigen, als ihr plötzlich der seltsame Anruf wieder einfiel, den sie Samstagabend bekommen hatte.

War der komische Anrufer vielleicht hier mit ihr in diesem Raum? War es Sue?

Nein. Natürlich nicht. Was für eine blöde Idee!

Aber wer war es dann?

Sie sammelte die Schnipsel der Einladungskarten ein und schmiss sie in ihre Tasche. Dann suchte sie darin nach ihrem Stift. Noch zehn Minuten bis zum Klingeln. Sie konnte ja schon mal eine Liste all der Dinge machen, die sie noch für die Party besorgen musste.

Irgendwer gähnte lautstark und alle lachten. Als Meg ihr Ringbuch öffnete, klopfte es leise an der Klassentür. Eine Mitarbeiterin der Schulverwaltung kam herein, übergab Mrs Frankel einen Notizzettel und verschwand wieder.

„Meg, komm doch bitte noch mal zu mir nach vorne“, rief Mrs Frankel kurz darauf.

Was war denn jetzt schon wieder?

Sie klappte das Ringbuch zu und ging zu Mrs Frankels Pult. „Für dich scheint noch eine Nachricht im Sekretariat zu liegen“, sagte Mrs Frankel beunruhigt.

„Sind Sie sicher?“, fragte Meg.

„Was diese Schule angeht, kann man nie sicher sein“, erwiderte sie trocken. „Aber du solltest besser mal nachschauen gehen.“

Meg flitzte zum zweiten Mal den Gang hinunter. „Vielleicht hat die Sekretärin die erste Nachricht gefunden“, dachte sie. Und tatsächlich, als sie ins Sekretariat kam, hatte die Schulsekretärin einen langen weißen Umschlag für sie. „Ich nehme an, den hat jemand für dich hinterlassen“, sagte sie. „Ich habe ihn auf dem Empfangstresen gefunden. Aber ich habe nicht gesehen, wer ihn dort hingelegt hat.“

Meg dankte ihr und nahm den Umschlag mit in den Flur. Er war fest zugeklebt, und sie brauchte eine Weile, um ihn aufzureißen. Sie zog ein weißes liniertes Stück Papier heraus und faltete es auseinander.

Die Worte darauf waren in schlampigen Blockbuchstaben mit rotem Buntstift hingeschmiert.

Meg, ich beobachte dich. Vergiss die Party! Ich will dir nicht wehtun – zwing mich nicht dazu.

4

Später am Montagnachmittag

„Hey, Sue, warte mal! Ich muss mit dir reden!“

Sue drehte sich in dem überfüllten Schulflur um und schwang sich ihren vollgestopften Rucksack über die Schulter. „Geht nicht. Ich bin spät dran. Hab einen Zahnarzttermin.“

Meg drängelte sich durch eine Gruppe lachender Schüler und beeilte sich, ihre Freundin einzuholen. Es hatte geklingelt, bevor Meg zur Stillarbeit zurückkehren konnte. Sie war auf der Suche nach Tony, weil sie ihm den Drohbrief zeigen wollte. Aber sie konnte ihn nirgends entdecken.

„Sue, warte doch!“

„Ich kann echt nicht. Ruf mich heute Abend an, okay?“ Sue drehte sich um und verschwand um die Ecke.

„Hey, hast du Sue gesehen?“ Das war Dwayne. Er ragte plötzlich vor Meg auf. Alles, was sie im ersten Moment von ihm sah, war ein blaues T-Shirt, das sich stramm über seine muskulöse Brust spannte.

„Er ist so groß und kräftig, dass er überhaupt nicht mehr wie ein Schüler aussieht“, dachte Meg. Vielleicht war er ja fünf- oder sechsmal sitzen geblieben. All die Stunden, in denen er Hausaufgaben hätte machen sollen, hatte er wahrscheinlich mit Bodybuilding verbracht.

„Du hast sie knapp verpasst“, sagte Meg kühl. Sie mochte Dwayne nicht, und die Vorstellung, dass er und Sue ein Paar werden könnten, mochte sie noch weniger. Sie war froh, dass Sue das genauso sah. Meg hatte sogar etwas dagegen, dass Dwayne mit ihrem Cousin Brian rumhing, aber daran konnte sie nichts ändern.

„Wenn du sie siehst, sag ihr, ich hab was für sie!“, rief Dwayne über den Lärm im Flur hinweg.

„Was denn?“, fragte Meg.

Als Antwort zwinkerte er ihr übertrieben zu und setzte ein breites, schmutziges Grinsen auf. Dann lachte er und trabte davon, als hätte er gerade den besten Witz der Welt gerissen.

„Ist der widerlich!“, dachte Meg. „Sue muss ihm endlich sagen, dass er sich ein für alle Mal vom Acker machen soll.“

Sie holte ihre Sachen aus dem Stillarbeitsraum und lief dann zu ihrem Spind im ersten Stock. „Hey, Tony!“ Er stand neben seinem Spind, stützte sich mit einer Hand gegen die Wand und starrte auf ein Blatt Papier, das er in der anderen Hand hielt.

Als er aufblickte, bemerkte sie seine besorgte Miene. „Oh, hallo Meg.“ Er blickte wieder auf das Blatt.

Sie ließ ihren Rucksack auf den Boden fallen und nahm ihm das Blatt aus der Hand. Die Nachricht darauf war ebenfalls in dicken roten Blockbuchstaben geschrieben. „Du hast auch einen bekommen?“, fragte sie erstaunt. Nachdem sie seinen Brief gelesen hatte, beugte sie sich hinunter, zog ihren aus der Schultasche und zeigte ihn Tony.

Auf seinem stand: Sorg dafür, dass diese Party nicht stattfindet – oder du bist ein toter Mann! Ein Freund.

„Den hab ich in meinem Spind gefunden“, sagte Tony, nachdem er Megs Brief gelesen und ihn ihr zurückgegeben hatte. Er war ziemlich eingeschüchtert. „Wer könnte das getan haben?“

„Keine Ahnung“, sagte Meg und schüttelte den Kopf. „Ich hab keinen blassen Schimmer.“

„Hältst du das immer noch für einen dummen Streich?“, fragte Tony. Er nahm ihr den Brief aus der Hand und knüllte ihn zu einem Ball zusammen.

„Nein, ich glaube nicht. Aber wer sollte diese Party verhindern wollen?“

Tony zuckte die Achseln. Er nahm sein braunes Sweatshirt aus dem Spind und zog es sich über den Kopf. „Wir wissen nicht, wie ernst es diesem Unbekannten tatsächlich ist“, sagte er und fuhr sich mit den Händen durch die Haare.

„Wie meinst du das?“

„Ich meine, wie weit wird er gehen, um uns davon abzuhalten? Will er uns wirklich etwas antun?“

Meg starrte Tony an und sah die Furcht in seinen Augen. „Das ist doch lächerlich“, sagte sie sanft. Aber inzwischen war sie sich nicht mehr so sicher. Bis jetzt hatte sie überhaupt keine Angst gehabt. Sie war nur wütend gewesen, dass ihr jemand so einen blöden Streich gespielt hatte. Doch als sie jetzt die Furcht in Tonys Gesicht sah, wurde auch ihr ein bisschen mulmig.

„Ich denke, wir sollten die Party vergessen. Wir können uns doch auch einfach so mit Ellen treffen und Spaß haben, ohne eine Riesenüberraschungsparty mit hundert Leuten zu veranstalten, oder?“

„Darum geht’s doch gar nicht“, sagte Meg scharf. „Wir können einfach nicht zulassen, dass dieser Idiot uns rumschubst. Wenn wir eine Party feiern wollen, dann werden wir auch eine feiern. Wir leben schließlich in einem freien Land, oder?“

„Aber irgendjemand will unbedingt verhindern, dass diese Party stattfindet“, beharrte Tony. Er hob den zusammengeknüllten Brief auf und warf ihn von einer Hand in die andere.

„Das ist mir egal“, schnaubte Meg. „Das ist mir total egal!“ Sie wurde immer wütender. „Wir werden diese Party feiern! Und wir werden rauskriegen, wer versucht, uns Angst einzujagen!“

„Meg, bitte …“ Er packte sie fest an der Schulter, lockerte seinen Griff dann aber wieder. „Wir sollten beide noch mal gut darüber nachdenken, bevor wir uns entscheiden, was wir machen wollen.“

„Nein, ich habe mich schon entschieden“, sagte Meg stur und machte sich los. Sie war sauer, weil Tony so leicht nachgeben wollte. „Hat er Angst um mich oder um sich selbst?“, fragte sie sich.

Dann kam ihr ein anderer Gedanke. Was war mit Sue? Hatte sie auch irgendwelche komischen Anrufe oder Drohbriefe gekriegt?

Nein.

Das hätte sie ihr bestimmt erzählt.

Aber Sue war doch genauso an der Party beteiligt wie Meg und Tony. Warum wurde sie dann nicht bedroht?

„Jemand hat meine Einladungskarten zerschnitten“, sagte sie nach einer Weile.

„Was?“

„Ich hatte sie mit im Stillarbeitsraum. Dann wurde ich ins Sekretariat gerufen, und als ich zurückkam, waren sie in winzige Fetzen zerlegt.“

„Hat Sue nicht direkt hinter dir gesessen?“

„Doch. Aber sie sagte, sie wäre zwischendurch in die Bibliothek gegangen. Sie hat nicht gesehen, wer es war.“

„Komisch“, murmelte er und dachte angestrengt nach. „Ich hab gar nicht mitgekriegt, dass sie den Raum verlassen hat.“

„Hast du nicht?“

„Nein. Ich war die ganze Zeit da. Und Sue auch.“

„Das ist echt komisch.“ Meg lehnte sich gegen die Spinde. „Tony, du glaubst doch nicht, dass Sue …“

„Ich weiß nicht. Am Anfang war sie doch gegen die Party, oder? Aber ich glaube nicht, dass sie …“

„Nein, natürlich nicht. Sie ist doch meine beste Freundin.“

Nachdenklich griff Meg nach dem Brief und las ihn noch einmal. Sahen die dicken Blockbuchstaben so aus, als wären sie von einem Mädchen geschrieben worden?

Meg spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass sie und Tony beobachtet wurden. Alarmiert blickte sie auf.

Ja. Jemand starrte sie von der anderen Seite des Flurs an.

Ihr Cousin Brian. Und sein Gesichtsausdruck war ziemlich unheimlich. Wie lange beobachtete er sie schon?

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
17 апреля 2022
Объем:
134 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783732014767
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Bookwire
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