Читать книгу: «Fear Street 46 - Besessen»

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Inhalt

Kapitel 1 – Nancy kommt zurück …

Kapitel 2 – Emily starrte hinab …

Kapitel 3 – Jessie öffnete die …

Kapitel 4 – Nancy hob das …

Kapitel 5 – Emily schrie auf …

Kapitel 6 – Emily stöhnte leise …

Kapitel 7 – Voller Panik brüllte …

Kapitel 8 – Emily traute ihren …

Kapitel 9 – Emily schlug mit …

Kapitel 10 – Die Frau in dem …

Kapitel 11 – Emily hatte den …

Kapitel 12 – Emily war nicht …

Kapitel 13 – Am folgenden Tag …

Kapitel 14 – Voller Panik schrie …

Kapitel 15 – Emily tastete nach …

Kapitel 16 – Jessie blickte Emily …

Kapitel 17 – „Nein! Bitte nicht!“ …

Kapitel 18 – Emily hatte erst …

Kapitel 19 – Emily öffnete den …

Kapitel 20 – Jessie schnappte nach …

Kapitel 21 – Plötzlich trat Mr …

Kapitel 22 – Emily schauderte. „Es …

Kapitel 23 – Klopf klopf klopf …

Kapitel 24 – Emily ließ einen …

Kapitel 25 – Panik ergriff Emily …

Kapitel 26 – Das Messer durchschnitt …

Alle Einzelbände der Reihe „Fear Street“ als eBook

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Impressum

1

Nancy kommt zurück.

Emily Casey lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sooft sie diesen Satz auch in Gedanken wiederholte – er machte sie nervös, regte sie auf, jagte ihr Angst ein.

„Ich fürchte mich vor Nancy“, stellte sie fest. Mit fest verschränkten Armen starrte sie zum Fenster ihres Zimmers hinaus. „Ich fürchte mich vor meiner eigenen Schwester. Dabei kann ich es nicht erwarten, sie wieder zu sehen.“

Emily blickte auf die kahlen Bäume des Vorgartens. Die dunklen Äste waren dünn mit Schnee bedeckt. Das helle Sonnenlicht des späten Vormittags legte ein Schimmern auf die verschneite Erde. Das Licht war kalt.

Ein weißer Kombi voll mit Kindern rollte langsam vorbei. Der Wagen schlitterte, als er an der Ecke anhielt.

„Ist es wirklich ein ganzes Jahr her, dass ich meine Schwester zuletzt gesehen habe?“, dachte Emily. Sie fror, obwohl sie gerade heiß geduscht hatte und die Sonne warm durchs Fenster schien.

Emily versuchte sich auszumalen, wie wohl Nancy dieses Jahr verbracht hatte. Ein Jahr in einer psychiatrischen Klinik. Ein Jahr fern von zu Hause, fern von ihrer Familie. Ein Jahr mit Ärzten und psychologischen Tests und …

Emily konnte es sich nicht vorstellen.

Sie hatte ja schon genug damit zu tun, mit ihren eigenen Gefühlen klarzukommen. Schließlich hatte Nancy versucht, sie umzubringen. Vor einem Jahr hatte Emilys eigene Schwester versucht, sie zu töten.

Emily wandte sich vom Fenster ab und schaute auf die Uhr. Es war Zeit, sich anzuziehen. Nancy würde bald da sein. Emilys Mutter und Stiefvater waren losgefahren, um sie aus der Klinik abzuholen und zurück nach Shadyside zu bringen.

„So viel Schmerz, so viel Unglück“, dachte Emily seufzend.

Alles hatte damit angefangen, dass Emilys und Nancys Vater bei einem Bootsunglück gestorben war. Emily hatte keine Ahnung gehabt, dass Nancy ihr die Schuld an dem Unfall gab.

Die Mutter heiratete bald darauf Hugh Wallner. Und Nancy und Emily bekamen eine Stiefschwester in ihrem Alter und einen Stiefbruder – Jessie und Rich Wallner.

Eine große, glückliche Familie. Abgesehen davon, dass der vierzehnjährige Rich sich merkwürdig verhielt und ständig missmutig war. Dass Emily glaubte, Jessie sei boshaft und falsch. Und dass Nancy, Emilys eigene ältere Schwester und ihr größtes Vorbild … dass Nancy versucht hatte, sie umzubringen.

Eine große, glückliche Familie.

So viel hatte sich in einem Jahr verändert.

Seit Nancy fortgeschickt wurde, war Rich noch missmutiger geworden und noch verschlossener als je zuvor. Aber Emily hatte gemerkt, dass sie sich von Jessie ein falsches Bild gemacht hatte – ein völlig falsches Bild. Inzwischen waren sich die beiden näher gekommen, so nah wie richtige Schwestern.

„Und wie ist meine richtige Schwester jetzt“, fragte sich Emily, „jetzt, nachdem sie ein Jahr fort war? Ist sie jetzt vollkommen anders? Wird sie mich immer noch hassen? Wird sie noch daran denken, dass sie mich umbringen wollte?“

„Hier bin ich wieder!“, rief eine Stimme zur Tür herein.

Erschrocken wirbelte Emily herum. „Jessie …!“

Jessie zog einen großen Karton in Emilys Zimmer. Sie stöhnte. „Ich kann’s nicht fassen, dass ich jetzt wieder bei dir einziehe – nachdem ich ein ganzes Jahr lang ein eigenes Zimmer gehabt habe.“

„Und ich kann’s nicht fassen, dass du so viel Zeug hast!“, rief Emily.

Schon seit dem frühen Morgen war Jessie damit beschäftigt, ihre Sachen aus Nancys Zimmer zu räumen. „Mach eine Schublade in der Kommode für mich frei, okay?“

Ehrlich gesagt war Emily froh, dass Jessie wieder bei ihr einzog. Irgendwie fühlte sie sich dadurch sicherer.

„Sicher vor meiner eigenen Schwester“, dachte sie niedergeschlagen.

Emily zog sich das Handtuch vom Kopf, das sie sich nach dem Duschen um die nassen Haare gewickelt hatte. Sie schüttelte ihr Haar, wie es die Models im Fernsehen taten.

Doch wenn die Models das machten, legte sich ihr langes, seidiges Haar auf magische Weise wieder in die richtige Form. Emilys dickes, gelocktes, braunes Haar dagegen fiel feucht und wirr herunter. Sie blickte in den Spiegel. „Na toll“, murmelte sie stirnrunzelnd.

Emily war eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Aussehen. Sie wünschte bloß, sie könnte etwas an ihren wilden, verrückten Haaren ändern. Und sie wünschte sich, dünner und zierlicher zu sein. „Du hast eben einen schweren Knochenbau“, so nannte es ihre Mutter.

Neben der zierlichen, schmalen, perfekt aussehenden Jessie kam sie sich immer vor wie eine Kuh.

Jessies hübsches, herzförmiges Gesicht war von gewelltem, strohblondem Haar umrahmt. Ihre blauen Augen glänzten, sie hatte eine wunderbar hohe Stirn und zarte, helle Haut. Wenn Emily sie ansah, musste sie an einen Engel aus einem alten Gemälde denken.

Emily bürstete ihr Haar, kämmte es zurück und band es zusammen. „Ich muss mich anziehen“, sagte sie laut. „Nancy kann jeden Augenblick hier sein.“ Emily blickte zu Jessie hinüber, die gerade versuchte, einen Stapel Modezeitschriften unten in ein Bücherregal zu stopfen. Jessie trug ein ausgeleiertes graues Sweatshirt und eine viel zu weite graue Jogginghose. „Was soll’s“, dachte Emily. „Jessie würde sogar in einem Müllsack gut aussehen!“

Emily zog noch einmal ihr Haar zurecht und ging zum Kleiderschrank hinüber, der nun schon von Jessies Klamotten überquoll. Sie zog ein beigefarbenes Kleid heraus, das kittelähnlich geschnitten war.

„Das willst du anziehen?“, fragte Jessie in schrillem Tonfall.

Emily ließ das Kleid wie ein Zelt über ihren Körper fallen. „Das ist mein bestes Stück“, erwiderte sie. Sie hatte es im Sonderangebot erstanden und seitdem ständig getragen. Das Kittelkleid war ungefähr fünf Nummern zu groß. Aber sie fühlte sich einfach so wohl darin.

So sicher.

Als könnte sie sich darin verstecken.

Von draußen hörte sie das Knirschen von Autoreifen auf dem Schnee. Emily blickte aus dem Fenster und sah einen blauen Honda vorbeirollen. Nicht ihre Eltern. Das grelle Sonnenlicht spiegelte sich auf der vereisten Straße.

Sie schloss die Augen und stellte sich Nancy vor. Nancys langes, seidiges, kupferrotes Haar, ihre dünne, knabenhafte Gestalt, ihre grünen Augen. Sie versuchte, sich die ältere Schwester in glücklicheren Zeiten vorzustellen. Die Nancy, mit der sie aufgewachsen war. Die Nancy, der sie vertraut hatte, auf die sie sich jederzeit verlassen konnte.

Ein ganzes Jahr ohne ihre Schwester. Keine Briefe. Keine Anrufe.

Emily versuchte, sich an Nancys Lachen zu erinnern.

„Hast du Angst?“ Jessies Stimme unterbrach ihre Gedanken.

Emily öffnete die Augen und schüttelte den Kopf. „Nein, keine Angst. Ich meine … Nancy hatte einen Nervenzusammenbruch, stimmt’s? Jetzt ist sie wieder gesund. Sonst würden die Ärzte sie nicht aus der Klinik entlassen und nach Hause schicken.“

„Genau“, stimmte Jessie zu. Sie ließ sich auf den Rand ihres Bettes fallen. „Du, Em, ich hab deine Mutter noch nie so nervös gesehen.“

„Ja. Sie war die ganze Nacht auf und hat geputzt“, sagte Emily.

„Ich hab sie auch gehört“, murmelte Jessie.

Emily blickte Jessie in die Augen. „Du warst wach? Warum? Schon wieder der Albtraum?“

Jessie nickte.

Mitfühlend schüttelte Emily den Kopf. Die arme Jessie hatte wieder von Jolie geträumt.

„Jessie hat auch ihre Probleme“, dachte Emily. „Ihre schlimmen Erinnerungen. Ihre Albträume.“

Jolie war Jessies Freundin an ihrer alten Schule gewesen. Sie war bei einem Campingausflug ums Leben gekommen. Jessie hatte sie gefunden. Und manche, die bei dem Ausflug dabei gewesen waren, beschuldigten Jessie, sie umgebracht zu haben.

„Ich dachte, ich wäre über die Sache mit Jolie hinweg“, sagte Jessie mit erstickter Stimme. „Keine Ahnung, warum ich wieder von ihr geträumt habe.“

Emily ging zu ihrer Stiefschwester hinüber und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. „Bestimmt wegen Nancy“, sagte sie leise. „Wir sind alle so nervös, weil Nancy nach Hause kommt. Deshalb kriegen wir Albträume.“

Die beiden umarmten sich.

Dann ging Jessie zur Kommode hinüber. Sie nahm eine schlanke, gläserne Parfümflasche zur Hand und besprühte sich Hals und Handgelenke. Ein süßer Duft von Pfirsichen und Rosen durchströmte den Raum.

„Hey, nicht so viel!“, schimpfte Emily. „Das Zeug war teuer!“

Eigentlich war es Emily egal, wie viel das Parfüm gekostet hatte. Aber ihr Freund Josh hatte es ihr geschenkt, und deshalb wünschte sie sich, dass die Flasche niemals leer wurde.

Josh hatte seine Eltern beauftragt, es von einer Parisreise für Emily mitzubringen. Das war das wunderbarste Geschenk, das sie jemals von ihm bekommen hatte. Ma chérie stand in einem zarten Schriftzug auf der Flasche.

„Das bedeutet Mein Liebling“, hatte Josh auf seiner Karte dazugeschrieben.

Jessie sprühte sich noch einmal ein. „Das nennt man Baden auf Französisch“, sagte sie und grinste Emily durch den Spiegel zu. „Man hüllt sich in eine Parfümwolke, statt zu duschen.“

Emily ballte ganz kurz die Faust zusammen. Jessie brauchte die halbe Flasche auf!

Plötzlich erinnerte sie sich, dass es nicht gerade die einfachste Sache der Welt gewesen war, sich mit Jessie ein Zimmer zu teilen. Aber sie biss sich auf die Zunge und sagte lieber nichts. So kurz vor Nancys Ankunft wollte sie keinen Streit vom Zaun brechen.

„Hast du schon alles aus Nancys Zimmer geräumt?“, fragte Emily und atmete den süßen Parfümduft ein.

Endlich stellte Jessie die Flasche zurück. „Ich geh noch mal nachsehen.“

Einen Augenblick später kam sie mit einem Schwan aus Bleikristall wieder. „Schau mal, was ich vergessen hatte: Grace.“

Der gläserne Schwan war das Liebste, was Jessie besaß. Sie hing sehr daran, weil er sie an glückliche Zeiten erinnerte. Vor vier Jahren hatte sie ihn von ihrer Mutter geschenkt bekommen, zu ihrem dreizehnten Geburtstag.

Vor der Scheidung ihrer Eltern. Vor Jolies Tod.

Jessie hatte den Schwan Grace getauft. „Weil er das graziöseste Geschöpf ist, das ich je gesehen habe“, erklärte sie.

„Dieser gläserne Schwan ist wirklich wunderschön“, dachte Emily. Das Kristall fing das Licht der Wintersonne ein und warf es in den Farben des Regenbogens auf den Teppich.

„Wo soll ich Grace hinstellen?“, fragte Jessie und ließ ihren Blick durch das voll gestopfte Zimmer schweifen.

„Vielleicht auf die Kommode“, schlug Emily vor. „Sie sieht bestimmt wunderschön aus neben der Parfümflasche.“

„Genau“, stimmte Jessie zu. Vorsichtig und mit beiden Händen trug sie den Schwan zur Kommode hinüber.

Auf einmal drang ein Schrei aus dem Hausflur hinauf. Jessies Hände flogen in die Luft.

Emily sah, wie der Schwan zu Boden fiel und ihm der Kopf abbrach.

Sie sah, wie der zarte, gläserne Körper zersprang, während der schrille Schrei immer lauter wurde.

2

Emily starrte hinab auf die glitzernden Scherben zu Jessies Füßen. „Rühr dich nicht von der Stelle!“, rief sie. „Du bist barfuß!“

Mit einem Mal platzte Rich herein. „Du bist so widerlich!“, brüllte er Emily an.

Emily starrte ihren Stiefbruder an. Normalerweise hatte er die gleiche helle Haut wie Jessie. Doch jetzt war er hochrot vor lauter Wut und Schmerz. Er ließ einen weiteren frustrierten Schrei los, ein lautes, tierisches Gebrüll.

„Du miese Kröte! Du verdammte, miese Kröte!“, fuhr er Emily an.

„Ich?“, rief Emily. „Was hab ich denn getan?“

„Du Kröte – du hast gepetzt!“

„Gepetzt?“

Emily wandte sich Hilfe suchend an Jessie. Sie hatte sich hingekniet und sammelte vorsichtig die Bruchstücke des gläsernen Schwans vom Boden auf. „Du bist ein Vollidiot, Rich“, knurrte Jessie verärgert. „Schau, was du angerichtet hast!“

Rich beachtete sie nicht. Er stürmte auf Emily zu. „Dad hat mir Hausarrest gegeben wegen der Party ges-tern Abend. Das hab ich dir zu verdanken.“ Er zeigte mit dem Finger auf Emily.

Die Party. Bei Steve Arnold. Steves Eltern waren übers Wochenende weggefahren. Deshalb hatte er ein paar Freunde eingeladen. Und diese Freunde hatten ein paar von ihren Freunden mitgebracht und … Das Ganze hatte sich rasch zu einer ziemlich wilden und lautstarken Party entwickelt.

Emily und Josh waren auch eine Weile dort gewesen. Aber als bis um zehn Uhr keiner von ihren Freunden aufgetaucht war, hatte Emily Josh überredet zu gehen.

Auf dem Weg zur Tür hatten sie Rich und ein paar seiner Freunde in der Küche gesehen. Einer von ihnen hatte im Kühlschrank eine Sechserpackung Bier entdeckt und eine Dose an Rich weitergereicht. Emily hatte nicht erkennen können, ob Rich sie ausgetrunken hatte oder nicht.

„Ich hab dich nicht verraten“, antwortete sie. „Keine Ahnung, wie Dad herausgefunden hat …“

„Ach, komm!“ Rich schnitt ihr das Wort ab. „Lüg doch nicht! Du warst schließlich dort. Du hast mich gesehen. Und das Nächste, was passierte, war, dass Dad mir Hausarrest gegeben hat. Ich kann doch eins und eins zusammenzählen.“

„Wie erstaunlich!“, mischte sich Jessie ein. „Mathe muss dein stärkstes Fach sein!“ Sie warf die Glasscherben in den Papierkorb unter Emilys Schreibtisch.

„Vielleicht kannst du den Schwan wieder zusammenkleben“, sagte Emily zu ihr.

„Nein. Es sind zu viele Teile“, erwiderte Jessie und blickte zu ihrem Bruder hinüber.

„Rich, ich schwör’s dir“, sagte Emily, „ich hab deinem Vater kein Wort erzählt.“

„Du Lügnerin!“, entgegnete Rich heftig. „Es ist unglaublich. Ich hab Hausarrest! Ich sitze fest!“

„Oh, wie entsetzlich!“, antwortete Jessie. „Jetzt kannst du einen Abend mal nicht mit deinen dämlichen Freunden weggehen.“

„Einen Abend?“ Rich stieß ein schrilles Lachen aus. „Das denkst du! Dad hat mir sechs Wochen Hausarrest gegeben. Weißt du, was das bedeutet? Meine Freunde und ich können Die Nacht der tanzenden Augäpfel nicht zu Ende drehen!“

„Oh Schreck, welch ein Verlust!“, rief Jessie sarkastisch.

Rich wirbelte herum. „Halt die Klappe, du Miststück!“

Emily fand, dass Jessie Recht hatte. Der Horrorfilm, den Rich und seine Freunde drehten, war wirklich ziemlich blöd. Emily hatte eine Szene daraus gesehen, die sie vor ihrem Haus aufgenommen hatten. Aber Rich war förmlich besessen davon.

Emily versuchte, ihren Ärger zu unterdrücken. „Es tut mir Leid, Rich. Aber ich hab keine Ahnung, wer es deinem Vater erzählt hat.“

„Hör mal zu, Rich“, sagte Jessie, „statt dir den Kopf darüber zu zerbrechen, wer es herumposaunt hat, solltest du dich lieber ein bisschen zusammenreißen. Benimm dich doch nicht wie ein Kleinkind. Dann wird Dad dich auch nicht so lange einsperren.“

Rich beachtete seine Schwester nicht. Drohend ging er noch einen Schritt auf Emily zu und starrte sie wütend an.

Instinktiv wich Emily zurück und ging in Habachtstellung. Sie war sehr empfindlich geworden nach allem, was letztes Jahr geschehen war.

„Das zahl ich dir heim“, knurrte Rich mit bebender Stimme. „Das zahl ich dir heim, Emily! Ich hab diese dämliche Familie nie gewollt. Ich zahl dir heim, dass du mir mein Leben verpfuscht hast!“

Er stapfte davon und knallte die Tür hinter sich zu.

Emily ließ sich auf den Rand ihres Bettes fallen. Jessie hockte sich neben sie.

Keine von beiden sagte ein Wort. „Der Tag fängt ja gut an“, dachte Emily. „Ausgerechnet dieser Tag.“

„Ich hab ihn nicht verpetzt“, sagte sie.

„Ich weiß.“

„Du weißt es?“ Emily schaute Jessie überrascht an. Plötzlich machte sich ein quälender Verdacht in ihr breit. „Woher?“, fragte sie stirnrunzelnd.

Jessie wurde rot. „Weil … Immer wenn Rich sich einer Sache völlig sicher ist, dann ist er garantiert auf dem Holzweg.“

„Dein Bruder ist wirklich seltsam“, murmelte Emily und starrte zu Boden.

„Alle Vierzehnjährigen sind seltsam“, erwiderte Jessie.

Emily blickte zur Tür hinüber. Mit gedämpfter Stimme fragte sie: „Hast du mal die Videos gesehen, die er sich ausleiht? Diese Clive-Barker-Filme? Wenn ich mir die anschauen würde, könnte ich nachts nicht mehr schlafen.“

„Er schläft ja auch nicht“, meinte Jessie. „Er hockt immer im Fernsehzimmer und schaut in die Röhre.“

„Und dieser merkwürdige Cyberpunk-Kram, den er immer liest“, fügte Emily hinzu. „Der macht ihn total verrückt.“

Jessie grinste sie an, doch Emily war immer noch ganz außer sich.

„Was ist denn?“, fragte Jessie.

„Ich weiß nicht. Ich hab das Gefühl, er fängt jetzt an zu überlegen, wie er mich umbringen kann oder so. Du hast ja gehört, was er gesagt hat: , Das zahl ich dir heim!‘ Ich kann das nicht ertragen, Jess. Wirklich nicht.“

„Keine Sorge, das meint er nicht so“, versicherte ihr Jessie. „Er ist eben auch ziemlich angespannt. Du weißt schon, wegen Nancy.“

„Vielleicht hat sie Recht“, dachte Emily. „Vielleicht rege ich mich deshalb so sehr über Richs Drohungen auf. Weil Nancy nach Hause kommt.“

Jessie stand auf.

„Moment – ich glaub, da ist noch Glas“, warnte Emily. Sie zog ein Paar Turnschuhe aus ihrem Schrank und warf sie Jessie zu. „Ich hol den Staubsauger.“

„Nein, das mach ich schon“, widersprach Jessie.

Emily lächelte. Das war die neue Jessie. Vor einem Jahr war Jessie nur dann nett gewesen, wenn die Eltern gerade in der Nähe waren.

Emily hörte ein metallenes Klimpern und das Geräusch winziger Pfoten auf dem Holzfußboden des Flurs. Sie öffnete die Zimmertür und musste grinsen. Ihr Langhaardackel Butch steckte seine lange, schmale Schnauze zur Tür herein. Mit sanften, fragenden braunen Augen blickte er zu Emily empor.

„Butch!“, sagte sie leise und beugte sich zu ihm hinab. „Du Süßer. Du kommst, um mich zu trösten, stimmt’s? Komm her, mein Kleiner.“

Sie streckte die Arme nach dem kleinen braunen Hund aus.

Doch Butch sprang an ihr vorbei und trottete zu Jessies Bett hinüber.

„Oh nein!“, rief Jessie und sprang auf. „Verschwinde, Butch. Geh zu Frauchen. Jessie kann dich nicht ausstehen.“

„Sag doch so was nicht zu ihm“, protestierte Emily lachend. „Das tut ihm weh.“

„Okay“, rief Jessie. „Sitz!“

Butch beachtete ihren Befehl nicht. Er sprang auf ihr Bett und legte sich auf ihrer Tagesdecke auf den Rücken.

„Neiiiin!“, jaulte Jessie. „Gleich ist das ganze Bett mit Hundehaaren übersät. Und es wird Stunden dauern, bis ich die Dinger von meinen Kleidern abgebürstet habe. Wahrscheinlich bekomme ich auch noch irgendeine seltsame Dackelkrankheit.“

„Er mag dich“, sagte Emily, „der kleine Verräter. Butch, wie kommt es, dass du Jessie so viel lieber magst als mich, hm?“

Noch bevor Butch antworten konnte, klingelte es an der Haustür.

Emily blieb das Lachen im Halse stecken. Sie starrte Jessie an.

„Das ist Nancy!“, rief Jessie. „Sie ist wieder da!“

Emilys Herz klopfte laut.

„Ich glaube, ich hab wirklich Angst“, stellte sie fest. Sie bekam weiche Knie. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Gummi.

Jessie ging los, um die Tür zu öffnen. Emily folgte ihr. Um ein Haar wäre sie über Butch gestolpert, der gerade aus dem Zimmer raste.

Butch hopste als Erster die Treppe hinunter. Er sauste zur Eingangstür und bellte wütend.

Jessie nahm zwei Stufen auf einmal und streckte die Hand nach dem Türknauf aus.

Emily blieb mitten auf der Treppe stehen.

Wie hypnotisiert starrte sie zur Haustür.

Wie würde Nancy jetzt aussehen?

3

Jessie öffnete die Tür und ließ einen eisigen Luftzug hinein.

„Cora-Ann!“, rief sie.

Emily lächelte. Sie ging die Treppe hinunter und hob Butch hoch, der immer noch laut bellte. Ihr fiel ein Stein vom Herzen – und im selben Moment schämte sie sich dafür.

Emily mochte Cora-Ann. Sie und Jessie waren dicke Freundinnen. Manchmal war Emily direkt neidisch darauf, wie viel Zeit Cora-Ann mit Jessie verbrachte. Aber meistens fand sie es schön, wenn Jessies Freundin da war.

„Stör ich gerade?“, fragte Cora-Ann und blickte mit einem irritierten Grinsen von Emily zu Jessie.

„Nein“, erwiderte Jessie verlegen. „Wir dachten bloß, es wäre … jemand anderer.“

Cora-Ann schien sich zu fragen, was los war. Dann schlug sie sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Moment – es ist Samstag. Der Tag … Ihr dachtet, ich wäre … Oh nein, bin ich blöd! Emilys Schwester kommt heute nach Hause, stimmt’s? Mann! Und ausgerechnet jetzt platze ich hier herein.“

„Was heißt hier hereinplatzen“, entgegnete Jessie. Und dann fügte sie mit scherzhaftem Flüstern hinzu: „Wir brauchen dich. Du musst uns beschützen!“

„Jessie!“, schimpfte Emily.

Als Nancy ins Krankenhaus gekommen war, hatten Emilys Eltern der ganzen Familie befohlen, niemandem ein Wort über ihren Nervenzusammenbruch zu erzählen. Sie sollten allen sagen, Nancy besuche Verwandte in Kalifornien.

„Toll“, hatte Emily danach gedacht. „Als ob das jemand glauben würde.“

Aber als ein Monat nach dem anderen verstrich, hatten sie immer mehr Leuten die Wahrheit gesagt. Emily bezweifelte, dass es in ganz Shadyside noch irgendjemanden gab, der nicht von der ganzen traurigen Geschichte erfahren hatte.

„Seid ihr sicher, dass ich nicht lieber gehen soll?“, fragte Cora-Ann. „Ehrlich, ihr braucht es bloß zu sagen.“

Emily nahm sie bei der Hand. „Los, komm schon“, sagte sie und führte das Mädchen die Treppe hoch.

Oben angekommen, warf Emily einen Blick durch den Flur zu Richs Zimmer. Die Tür war geschlossen. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter.

Er hasst mich.

„Hey!“, rief Cora-Ann, als sie in Emilys voll gestopftes Zimmer kam. „Ihr seid euch wohl ganz schön nahe gekommen!“

„Das ist schon okay“, antwortete Jessie rasch und blickte zu Emily hinüber. „Komm, ich häng deine Jakke auf.“ Sie nahm Cora-Ann den blauen Parka ab – und ließ ihn auf den Boden fallen.

„Danke, sehr freundlich“, sagte Cora-Ann. Was Jessie auch tat, sie wurde niemals wütend. Kein Wunder, dass Jessie sie so mochte!

Emily hängte die Jacke auf. „Da wir nun schon im selben Zimmer wohnen, will ich dir zeigen, wo der Schrank ist, Jessie. Hier, siehst du?“

„Bloß weil ich nicht so ein Ordnungsfanatiker bin wie du und deine Mom ...“, begann Jessie.

„Ihr werdet euch doch nicht ernsthaft streiten, oder?“, fragte Cora-Ann.

„Ach, Quatsch“, versicherte Emily. „Wenn wir streiten, wird dir das nicht entgehen. Dann fangen wir an, uns zu schlagen.“

Cora-Ann wurde rot, und Jessie warf Emily einen scharfen Blick zu.

Das war ein schlechter Scherz, bemerkte Emily. Cora-Anns Eltern schlugen sich immer, wenn sie Streit hatten. Das war der Grund, weshalb das Mädchen sich so viel bei den Wallners aufhielt.

Cora-Ann hockte sich auf Emilys Bettkante. „Ihr seid wirklich ganz sicher, dass ich nicht störe?“

Emily wünschte, Cora-Ann wäre nicht immer so sehr darauf aus, anderen zu gefallen. Sie sah hübsch aus mit ihrem kurzen, rotbraunen Haar und ihrer Brille. Und es machte Spaß, mit ihr zusammen zu sein. Aber sie tat so, als ob jeder, der gern seine Zeit mit ihr verbrachte, ihr einen großen Gefallen damit täte.

„Cora-Ann“, erwiderte Jessie, „hör auf mit der Fragerei. Du kannst immer zu uns kommen. Immer.“

„Na ja, vielleicht nicht immer“, dachte Emily.

„Oh, ich muss dir was erzählen, Jess!“, verkündete Cora-Ann. „Rate, mit wem Annette Holloway gestern im Einkaufszentrum an der Division Street war?“

„Mit wem denn?“, fragten Emily und Jessie wie aus einem Munde.

Cora-Ann lächelte und hielt die beiden noch einen Moment lang hin. „Mit Teddy Miller. Ist das nicht unglaublich?“

Jessie schnappte nach Luft. „Nein! Was ist denn jetzt los?“

„Keine Ahnung. Mir hat sie erzählt, dass sie immer noch mit Pete Goodwin zusammen ist.“

Emily hatte sich an ihren Schreibtisch gesetzt und zog die oberste Schublade auf. „Hey, wo sind meine Süßigkeiten?“

„Ach, ich hab dein Zeug in die untere Schublade geräumt. Schließlich hast du das obere Regalbrett. Das ist nur gerecht.“

„Na ja, in Ordnung“, sagte Emily. Eigentlich war es ihr egal. Das war zwar typisch Jessie, aber wen kümmerte das? Emily war plötzlich richtig gut gelaunt. „Mach es dir doch bequem“, sagte sie zu Cora-Ann. „Du siehst so angespannt aus. Das macht mich ganz nervös.“

„Wie? Oh – ja, okay.“ Cora-Ann lehnte sich zurück, aber eine Sekunde später setzte sie sich schon wieder auf.

Emily fand eine Tüte mit Schokoladenkeksen in der unteren Schublade. Einen davon warf sie Cora-Ann zu.

„Oh, danke!“, rief Cora-Ann.

„Für jede Kleinigkeit ist sie so dankbar“, dachte Emily. „Es ist beinahe rührend.“

„Mmmm“, machte Cora-Ann. Sie hielt die Hand unter den Keks, um die Krümel aufzufangen. „Hey, soll ich runtergehen und Saft oder Milch holen?“

„Du bist doch nicht das Dienstmädchen“, antwortete Jessie barsch. „Emily, geh Milch holen.“

Alle drei lachten.

„Also, was ist jetzt mit Teddy Miller?“, fragte Emily.

„Immer mit der Ruhe. Gestern Abend war Annette zu einer Party bei Steve Arnold eingeladen.“

„Emily war auch auf dieser Party“, unterbrach Jessie.

„Wirklich?“, fragte Cora-Ann mit großen Augen. „Ich hab gehört, um Mitternacht ist die Polizei gekommen!“

„Ich hab’s geahnt“, dachte Emily. „Bloß gut, dass Josh und ich so früh gegangen sind.“

„Kommst du jetzt endlich zu der Sache mit Teddy Miller?“, drängelte Jessie.

„Moment. Pete war auch dort, und zwar mit einer von Annettes Freundinnen.“

Jessie untersuchte eine ihrer Haarsträhnen auf Spliss. „Pete ist solch ein Loser“, murmelte sie. „Ein Wunder, dass er noch nicht mit mir gegangen ist.“

„Da fällt mir etwas ein!“, rief Cora-Ann und klatschte in die Hände. „Ich glaub, ich hab einen Typen gefunden, der am Samstagabend mit dir ausgeht!“

„Hey, warte mal!“, rief Emily. „Du hast uns immer noch nicht erzählt, wie das mit Teddy war!“

„Moment, Moment“, sagte Cora-Ann. Alle drei bogen sich vor Lachen. Cora-Ann brauchte immer eine Ewigkeit, selbst wenn sie die einfachste Geschichte erzählte.

„Mach mal das Fenster auf, ja, Emily?“, sagte Jessie. „Es ist wie in der Sauna hier drin.“

„Bin ich etwa deine Sklavin?“, fragte Emily. Trotzdem sprang sie auf und öffnete das Fenster. Der eisige Luftzug tat ihr gut, obwohl er durch das dünne Baumwollgewebe ihres Kleides drang.

„Jedenfalls“, nahm Cora-Ann den Faden wieder auf, „jedenfalls war Annette stocksauer auf Pete. Und als Teddy sie daraufhin zum hunderttausendsten Mal einlud, mit ihm auszugehen, sagte sie Ja. Lisa Blume behauptet, sie hätte die beiden auf dem Parkplatz beim Einkaufszentrum gesehen. Sie hätten wie wild herumgeknutscht.“

Jessie tat, als wollte sie sich übergeben. „Wie abartig! Lieber würde ich Emilys Hund abküssen.“

„Also bitte“, protestierte Emily. „Butch ist gar nicht so übel.“

Die Mädchen kicherten und prusteten.

Doch das Lachen verstummte, als plötzlich das Knirschen der Reifen von Mr Wallners Auto in der verschneiten Einfahrt laut wurde.

Emily hörte, wie Butch über die Holzdielen im Flur lief und die Treppe hinuntersprang.

Sie drehte sich um und blickte auf die Einfahrt hinunter. Ihre Mutter öffnete gerade die hintere Seitentür des Autos. Jetzt erblickte Emily auch Nancy. Zwei Köpfe mit dem gleichen kupferfarbenen, glänzenden Haar. Wunderschön. Wie Feuer.

„Sie ist da!“, flüsterte Emily.

„Soll ich hier oben bleiben?“, fragte Cora-Ann.

Emily schüttelte den Kopf. „Ach was. Komm schon. Du gehörst doch sowieso inzwischen zur Familie. Ich möchte dich Nancy vorstellen.“

Emily verließ als Erste das Zimmer und ging zur Treppe.

Die Haustür öffnete sich.

Wie angewurzelt blieb Emily stehen. Jessie und Cora-Ann prallten von hinten auf sie drauf.

„Hallo!“ Mrs Wallner schaute mit einem breiten Lächeln zu ihnen hoch. Mit einem zu breiten Lächeln. „Hallo, Emily, hallo, Jessie, hallo – oh, hallo, Cora-Ann … wie schön, dass du vorbeigekommen bist.“

Emily merkte immer genau, wenn ihre Mutter nervös war. Sie wurde dann so außerordentlich höflich.

Mr Wallner kam hinter ihr herein und zog sich die Skimütze von seinem kahlen Kopf. „Der Zaun wackel schon wieder“, knurrte er. „Ständig sage ich den Kindern, sie sollen sich nicht draufsetzen. Und was machen sie?“ Er blickte zu den Mädchen hinauf. „Oh, hallo.“

Emily, Jessie und Cora-Ann kamen nach unten. Emily versuchte, an Mr Wallner vorbeizuschauen. „Wo ist Nancy?“, rief sie.

Mr Wallner hatte die Tür hinter sich offen gelassen.

Jetzt trat Nancy herein.

Emily erstarrte.

Nancy kam ihr so fremd vor, so benommen.

Sie taumelte ins Haus, die Augen weit aufgerissen.

„Nein!“ Emily stieß einen Schrei aus und starrte auf das blutverschmierte Messer in Nancys Hand.

4

Nancy hob das Messer.

Emily verschlug es den Atem. Sie wich zurück und prallte auf Jessie.

„Das habe ich an der Hecke gefunden“, sagte Nancy stirnrunzelnd und blickte hinter sich durch die offene Tür. „Was hat es dort zu suchen?“

„An der Hecke?“, rief Mr Wallner und streckte die Hand nach dem Messer aus. „Zeig her.“

Emily schlug die Hand vor den Mund. Es war ihr peinlich, dass sie geschrien hatte. Ihre Ohren glühten.

Cora-Ann blickte Mr Wallner über die Schulter. Plötzlich begann sie zu lachen. „Ich weiß, was das ist. Es gehört zu den Requisiten von Die Nacht der tanzenden Augäpfel.“

„Von was?“, fragte Mr Wallner und betrachtete das Messer.

„Das ist Richs Horrorfilm“, erklärte Jessie. „Der Film, den er mit seinen Freunden für die Schule dreht.“

„Gedreht hat“, korrigierte Mr Wallner. „Dieser Junge … Glaub mir, Nancy, ich werde dafür sorgen, dass das aufhört. Tut mir sehr Leid. Was für eine Begrüßung.“

Ein kleines, schiefes Lächeln erschien auf Nancys Gesicht. „Das braucht dir nicht Leid zu tun. Jedenfalls nicht wegen mir. Es ist nicht schlimm, wirklich.“

„Sie spricht leiser als früher“, dachte Emily. Das Herz wurde ihr schwer. Und Nancy war dünner geworden. Sie wirkte verloren in ihrer blauen Daunenjacke.

Emily schob sich an ihrem Stiefvater vorbei. „Nancy!“ Sie breitete die Hände aus und umarmte sie.

Nancy erwiderte ihre Umarmung nicht. Sie stand bloß da und ließ es geschehen.

„Ich hab dich so vermisst“, flüsterte Emily ihr ins Ohr.

Nancy lächelte, sagte aber nichts. „Was haben sie dort nur mit ihr angestellt?“, fragte sich Emily entsetzt.

„Hallo, Nance“, sagte Jessie und winkte ihr zu. Sie streckte die Hand aus, aber dann überlegte sie es sich anders und umarmte Nancy ebenfalls.

Auch ihre Mutter schloss Nancy in die Arme.

„Mom“, sagte Nancy leise, „das haben wir doch schon in der Klinik gemacht, erinnerst du dich?“

Alle lachten.

Emilys Stiefvater hielt immer noch das blutbefleckte Messer in der Hand.

„Ach, Hugh, schmeiß dieses Ding doch endlich weg“, sagte Mrs Wallner zu ihm.

„Gute Idee.“ Kopfschüttelnd ging er zur Haustür hinaus. Als er wiederkam, schleppte er zwei große Koffer und Nancys weiße Stoffreisetasche in der Hand.

„Nance“, sagte Jessie. „Ich möchte dir Cora-Ann Haver vorstellen.“

Cora-Ann trat einen Schritt vor und errötete schüchtern. „Tut mir Leid“, entschuldigte sie sich. „Ich bin nicht mit Absicht ausgerechnet zu deiner Rückkehr hier hereingeplatzt. Es ist nur – ich hab einfach vergessen, dass heute der Tag ist, und ...“

Nancy lächelte. „Ist doch in Ordnung“, erwiderte sie. „So bekomme ich eine größere Begrüßungsparty.“

„Oh“, sagte Cora-Ann. „Nett, dass du das sagst. Du hast Recht, Em“, sagte sie zu Emily, „deine Schwester ist Klasse!“

Emily konnte sich nicht erinnern, so etwas zu Cora-Ann gesagt zu haben. Trotzdem war sie froh, dass Cora-Ann es behauptet hatte.

Nancy reagierte jedoch nicht. Sie starrte mit ausdruckslosem Gesicht vor sich hin. „Vielleicht ist so viel Aufmerksamkeit anstrengend für sie“, dachte Emily.

„Was für schöne Ohrringe du hast, Nancy!“, rief Cora-Ann.

Nancy strich ihr glattes, kupferrotes Haar zur Seite und zeigte einen kleinen, muschelförmigen Ohrring. „Ich hab sie selbst gemacht“, sagte sie stolz.

Doch dann wurde ihre Miene wieder ausdruckslos.

Emily war am Boden zerstört. Ihre Mutter hatte doch gesagt, dass es Nancy besser ginge.

Natürlich hatte sie Emily auch gewarnt – immer wieder und immer wieder: Sie solle von Nancy am Anfang nicht zu viel erwarten.

„Lass ihr Zeit“, hatte Mrs Wallner so oft gesagt.

Und trotzdem …

Es schien, als täte Nancy alles bloß mechanisch. Als wäre ihre Freundlichkeit bloß vorgetäuscht. Sie wirkte so blass, so leblos, so in sich zurückgezogen.

Schließlich bemerkte Nancy Butch, der zu ihren Füßen saß und fiepte. Sie beugte sich zu ihm herab und streichelte ihn. Augenblicklich ließ er sich auf den Rücken fallen, streckte die Pfoten in die Luft und wartete darauf, dass sie ihm den Bauch kraulte.

„Das ist Butch“, erklärte Emily. „Ich glaube, er mag dich.“

Nancy lächelte. „Das beruht auf Gegenseitigkeit.“

Zum ersten Mal schaute Nancy Emily an. „Hallo, Em“, sagte sie leise.

Emilys Vorbehalte schmolzen dahin. Plötzlich war Nancy wieder da. Emily grinste. „Hallo!“

Noch einmal umarmten sie sich. Dann wandten sie sich Arm in Arm den anderen zu.

„Na, das sieht man gern!“ Mr Wallner strahlte. „Eine glückliche Familie.“

Emily hörte ihre Mutter schluchzen. Überrascht drehten sich alle zu ihr um. „Tut mir Leid“, sagte Mrs Wallner und durchsuchte ihre Handtasche nach einem Taschentuch: „Ich bin nur ...“

„Tja“, sagte Jessie und schaute auf die Uhr, „sie hat genau zwei Minuten und neunundzwanzig Sekunden nicht geweint. Du hast die Wette gewonnen, Emily.“

Alle lachten, einschließlich Mrs Wallner, die sich gleichzeitig die Nase putzte.

„Wo ist Rich?“, fragte Hugh Wallner und runzelte die Stirn. „Er soll auch herunterkommen.“ Er blickte die Stufen hinauf.

„Hugh!“ Mrs Wallner legte ihrem Mann die Hand auf den Arm. „Fang nicht wieder damit an.“

„Also, wo ist er?“

„Er sitzt in seinem Zimmer und schmollt“, sagte Jessie. „Du hast ihm Hausarrest gegeben, erinnerst du dich?“

„Ich werde noch etwas ganz anderes tun, wenn er nicht sofort herunterkommt. Nach einem Jahr kehrt seine Stiefschwester zurück, und er bleibt einfach in seinem Zimmer hocken.“ Mr Wallner schüttelte den Kopf. „Es lässt ihn völlig kalt.“

„Hugh ...“, warnte ihn Emilys Mutter.

„Keine Sorge. Ich werde nicht wieder damit anfangen. Rich!“, rief er. „Nancy ist hier. Komm runter, Pfadfinder.“

„Dad“, stöhnte Jessie, „er ist vierzehn!“

„Na und?“

„Du hast ihn Pfadfinder genannt, als er sieben Jahre und bei den Wölflingen war.“

„Tja, genauso hat er sich auch eben erst verhalten“, murmelte Mr Wallner. Er ging zur Treppe hinüber und legte die Hand aufs Geländer. „Rich, komm augenblicklich herunter, oder du bekommst zwölf Wochen Hausarrest. Hast du mich verstanden? Ich zähle: vier, fünf ...“

Oben knallte eine Tür. Einen Moment später erschien Rich am Treppenabsatz. Mit den Händen in den Hosentaschen kam er herabgeschlurft, schob sich an Emily vorbei und stieß sie dabei absichtlich an.

„Hey!“, protestierte sie.

Er drehte sich um und grinste Emily breit an. Für sie sah es eher so aus, als zeigte er ihr die Zähne.

„Hallo“, sagte er zu Nancy und nahm zum Gruß eine Hand aus der Hosentasche. „Wie geht’s?“

„Ganz gut“, antwortete Nancy mit dem gleichen halbherzigen Lächeln, das sie allen geschenkt hatte.

Dann trat eine peinliche Stille ein. Rich warf Emily noch einen wütenden Blick zu. Dann drehte er sich um und ging wieder zurück zur Treppe.

Mr Wallner hielt ihn an der Schulter fest. „Wo willst du hin?“, fragte er.

„In mein Zimmer“, antwortete Rich.

„Bist du verrückt? Deine Schwester ist gerade heimgekommen.“

Emily zuckte zusammen. „Verrückt. Das ist ja besonders passend formuliert“, dachte sie.

Mr Wallner bemerkte, wie ihn alle anstarrten. „Was ist?“, fragte er.

„Hey, Rich“, sagte Cora-Ann. „Mir fällt gerade ein: Ich hab gestern Abend einen Film im Fernsehen gesehen. Über Riesenratten. Er hieß Gnaw. Ich wollte dich fragen, ob du ihn kennst.“

„Weiter so, Cora-Ann!“, dachte Emily dankbar. Jessies Freundin hatte wieder die Situation gerettet.

Rich staunte. „Du magst Horror?“, fragte er Cora-Ann misstrauisch.

„Ich bin ganz wild darauf“, schwärmte Cora-Ann.

Rich nickte. „Welcher ist dein Lieblings-Horrorfilm?“

„Uff!“, dachte Emily. „Er stellt sie auf die Probe.“ Sie hoffte, dass Cora-Ann nicht nur aus Höflichkeit gesagt hatte, sie sei ein Horror-Fan, denn sonst …

„Äh … Shining, denke ich“, erwiderte Cora-Ann. „Hast du das Buch gelesen? Es ist noch grausiger als der Film.“

„Hey, cool.“ Rich grinste. Sie hatte den Test bestanden.

„Vielleicht sollte ich Jessie sagen, sie soll Cora-Ann bei uns einziehen lassen“, dachte Emily. „Für immer und nicht nur für die Nächte, in denen ihre Eltern sich fetzen.“

„Hey, Nance“, sagte sie. „Staunst du nicht über mein tolles Outfit?“

Sie hob den Saum ihres riesigen Kleides, drehte sich im Kreis wie ein Model und wartete auf eine spitze Bemerkung von Nancy. Der alten Nancy wäre sofort eine eingefallen.

Doch alles, was ihre Schwester sagte, war: „Sehr schön.“

Emily blieb wie angewurzelt stehen und tauschte einen besorgten Blick mit Jessie.

„Tja“, sagte Nancy und bückte sich nach ihrer Reisetasche, „ich geh jetzt mal meine Sachen auspacken.“

Sofort machten alle einen Schritt vorwärts und strekkten die Hand nach der Tasche aus, um sie ihr hochzutragen.

Nancy lachte. „Ist schon okay. Das kann ich gut allein.“

Sie stieg die Stufen hinauf. Die ganze Familie blickte ihr nach. Auf halbem Weg drehte sie sich um und lächelte.

„Macht euch keine Sorgen“, sagte sie. „Es ist alles in Ordnung. Die ganze Aufregung hat mich angestrengt, das ist alles. Das Heimkommen, wisst ihr? Ich glaube, ich muss mich jetzt in meinem Zimmer einrichten. Auspacken. Ich komm schon zurecht. Versprochen.“

Wieder stimmten alle zu. Jeder von ihnen überschlug sich fast mit beifälligen Äußerungen. „Wir stellen uns wirklich zu dumm an“, dachte Emily.

Nancy zeigte ihr halbherziges Lächeln, dann drehte sie sich um und ging weiter die Treppe hinauf. Allein. Unter den Augen der anderen.

„Gut“, sagte Mr Wallner laut, nachdem sie verschwunden war. „Das ging wirklich gut.“ Er lächelte glücklich.

„Wie kann er sich nur so irren?“, fragte sich Emily. „Ich glaube, er ist der unsensibelste Mensch des ganzen Universums!“

Mr Wallner klatschte in die Hände. „Okay, ich geh mir jetzt den Rest des Footballspiels anschauen. Und ihr ...“

„Wir wissen schon selbst, was wir machen, Hugh“, unterbrach ihn Mrs Wallner. „Mach dir über uns keine Gedanken.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich mach mir keine Gedanken. Du bist diejenige, die sich Gedanken macht. Wo gehst du hin?“

„Euer Abendessen vorbereiten, was sonst?“, antwortete sie seufzend und ging ins Esszimmer. Mr Wallner machte sich auf den Weg ins Fernsehzimmer.

„Es nimmt sie mehr mit, als ich dachte“, stellte Emily in Gedanken fest.

Rich warf ihr einen letzten drohenden Blick zu. Dann lief er, zwei Stufen auf einmal nehmend, hoch in sein Zimmer.

„Hey, Cora-Ann“, sagte Jessie und zupfte ihre Freundin am Ärmel. „Komm, ich zeig dir eine neue Methode, Eyeliner aufzutragen.“ Dann ging sie mit ihrer Freundin die Treppe hinauf.

„Sie behandelt Cora-Ann wie ihre Puppe“, dachte Emily. „Aber vielleicht bin ich auch bloß eifersüchtig darauf, wie eng ihre Freundschaft ist.“

Emily blieb allein im Hausflur zurück. Sie hielt sich am Treppengeländer fest und versuchte, die neue Situation zu verarbeiten. Damit klarzukommen, dass Nancy wieder zu Hause war.

Sie fühlte sich ein bisschen enttäuscht. Wie lange hatte sie sich über diesen Augenblick Gedanken gemacht – sich davor gefürchtet und ihn gleichzeitig herbeigesehnt. Und nun war er einfach so vergangen.

Sie hörte, wie Nancy oben in ihrem Zimmer umherging. Emilys Herz machte einen Sprung. Nancy! Nancy war zu Hause! Sie wollte zu ihr hinaufrennen, sich auf sie stürzen und sie durchkitzeln, sie in den Arm nehmen.

„Aber vielleicht sollte ich sie lieber eine Weile allein lassen“, dachte Emily. „Wenn sie es so will.“

Also ging sie stattdessen in die Küche. Mrs Wallner stand mit dem Rücken zu Emily an der Spüle.

„Hallo“, sagte Emily.

Ihre Mutter drehte sich um, die Augen waren vom Weinen gerötet. Sie riss sich ein Stück von der Küchenrolle ab und putzte sich mit dem harten Papiertuch lautstark die Nase.

„Nimm nicht das da“, sagte Emily. „Ich hol dir Taschentücher.“

„Entschuldigung.“ Mrs Wallner trocknete sich die Augen.

„Ach was. Wofür entschuldigst du dich?“

„Es ist nur – ich bin so froh, dass sie wieder zu Hause ist!“

„Ah, ja. Du siehst wirklich froh aus.“ Emily verdrehte die Augen. „Ich bin auch froh“, fügte sie hinzu. Sie wusste, dass sie ihrer Mutter damit eine Freude machte.

„Oh, mein Schatz ...“ Mrs Wallner kam zu ihr und nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Meinst du das wirklich so?“

Warum gelang es ihr nie, ihre Mutter zu beruhigen? Warum konnte ihre Mutter ihr niemals glauben?

„Nein, ich lüg dich an, wie immer“, erwiderte Emily und grinste dann schief. „Ach was – natürlich meine ich das so, Mom.“

Mrs Wallner schniefte. „Em, ich weiß, dass es hart ist für dich. Aber ...“

„Aber wir müssen alles tun, damit Nancy sich wohl und heimisch fühlt“, vollendete Emily den Satz. Sie hatte ihn in den vergangenen Wochen oft genug gehört.

„Genau“, stimmte Mrs Wallner zu.

„Mom, es wird dich nicht beruhigen – aber mach dir keine Sorgen, okay? Es geht ihr besser. Sie ist wieder da. Wir sind wieder eine Familie.“ Emily küsste ihre Mutter auf die Wange. „Alles wird gut. Das verspreche ich dir.“

Mrs Wallner verzog das Gesicht zu einem Lächeln und wischte sich über die Augen.

Emily ging zurück in den Flur. Sie hörte, wie ihr Stiefvater den Footballspielern im Fernsehen etwas zubrüllte. Es klang, als ob seine Lieblingsmannschaft am Verlieren war.

Sie ging die Treppe hinauf. Richs Zimmertür war geschlossen, wie immer. Vom hinteren Ende des Flurs, aus dem Elternschlafzimmer, hörte Emily Jessie und Cora-Ann kichern. Die beiden standen vor Mrs Wallners Kosmetikspiegel.

Emily schnüffelte. Ein vertrauter, intensiver Geruch erfüllte die Luft. Ein Geruch nach Pfirsichen und Rosen.

Seltsam. Hatte Jessie …?

Emily ging auf die offene Tür ihres Zimmers zu.

Der Duft wurde stärker.

Im Türrahmen blieb sie stehen – und schnappte nach Luft.

Ihre Parfümflasche.

Ihr heiß geliebtes Ma-chérie-Parfüm.

Die Flasche war umgefallen. Sie war offen.

Das Parfüm lief an der Kommode hinunter und bildete auf dem Teppich eine dunkle Pfütze.

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0+
Дата выхода на Литрес:
17 апреля 2022
Объем:
114 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783732014958
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Bookwire
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