Читать книгу: «Wie funktioniert Wirtschaft?»

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© 2013 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

Lektorat: Gregor Kneussel

Cover: Gisela Scheubmayr


ISBN: 978-3-85371-816-2


(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-362-4)

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Inhalt

Die Autoren

Einleitung

1. Woher wir wissen, was sieben Milliarden Menschen brauchen oder zumindest kaufen wollen

Markt

Homo œconomicus

Externalitäten

Konkurrenz

Transparenz und asymmetrische Information

Soziale Gerechtigkeit

Der Wohlfahrtsstaat

Freiheit und Unternehmertum

Informationsdefizit der Planwirtschaft

Principal-Agent-Probleme

Und? Wer koordiniert jetzt die Wirtschaft?

2. Geld sind Zahlen in Büchern von Banken und die Schulden von jemand anderem

Geld als Recheneinheit

Geld als Mittel zum Konsumtransfer über die Zeit

Der Zusammenhang zwischen Zins und Geld

Zinskritik

Die Neutralität des Geldes

Inflation und Deflation

Oder ist Geld doch nicht neutral?

Das Geld auf unserem Konto sind die Schulden von jemand anderem: Geldbasis und Kreditschöpfung

Der Goldstandard

3. Finanzmärkte verteilen Kapital und Einkommen und werden manchmal gerettet

Kreditvergabe und Bankensystem

Geldmarkt

Kapitalmarkt

Von Credit Default Swaps, Optionen und Verbriefungen

Hochfrequenzhandel und Cross-Border-Leasing

Die Effizientmarkthypothese

Liberalisierung der Finanzmärkte

Amoklauf

4. Warum die Wirtschaft wächst und wer etwas davon hat

Was wächst?

Die Wachstumsrate

Seit wann gibt es Wirtschaftswachstum?

Wachstumstheorie

Wachstumspfad

Muss die Wirtschaft wachsen?

Wachstum und Verteilung

5. Warum die Wirtschaft manchmal schrumpft

Der klassische Liberalismus und das saysche Gesetz

Arbeitslosigkeit, Lohnhöhen und flexible Arbeitsmärkte

Krise als Strafe für das Abweichen vom freien Markt

Keynes und die Gesamtnachfrage

Zu viel gespart: Die Wirtschaft aus dem Gleichgewicht

Stabilität schafft Risiko: Ein Bürohaus in Warschau

Konjunkturpolitik

Der keynesianische Multiplikator

»Crowding out« und »ricardianische Äquivalenz« – liberale Kritik

Staatsschulden, Überschuldung, und warum sich Deutschland praktisch unbegrenzt Geld leihen kann

Wenn Staatsschulden reduziert werden müssen

Die Zentralbank: Konjunktur und Geldpolitik

Rezession und Deflationsgefahr

Deflation und Schuldendeflation

Möglichkeiten der Notenbank – kurzfristige Zinssätze und die Notenbank als »Kreditgeber letzter Instanz«

Und wenn das nicht reicht? Langfristige Zinsen und »Quantitative Easing«

Und wenn das auch nicht reicht? Die Grenzen der Geldpolitik in einer Wirtschaftskrise

Nicht nur der Zinssatz zählt: Geldpolitik und staatliche Regulierung

Wachstumsschwäche seit den 1970er Jahren

Krise seit 2007

6. Warum internationaler Handel notwendig ist und welche Gefahren damit verbunden sind

Ein Tal in Tirol

Freihandel und Protektionismus

Handel und die Vorteile der Massenproduktion

Agglomerationseffekte

Kostenvorteile und Entwicklungssackgassen

Wie Handelsströme lenken? Methoden des Protektionismus

Probleme beim Eingreifen des Staates

Freier Handel – hohes Wachstum?

7. Wie ein Wechselkurs entsteht, welche Auswirkungen das hat und warum Zahlungsbilanzkrisen hin und wieder die Wirtschaft zerstören

Die Zahlungsbilanz

Die Zahlungsbilanz und der Wechselkurs

Sparen und Investieren

Wodurch wird ein Wechselkurs bestimmt?

Auswirkungen von Auf- und Abwertungen

»Never find a raw material« – die holländische Krankheit

Fixe und flexible Wechselkurse

Also fixe Wechselkurse? Das ist auch nicht so einfach

Fallbeispiel Eurozone

Zahlungsbilanzkrisen

»Our money – your problem« – die Weltreservewährung

8. So klein die Welt, so groß die Unterschiede

Globalisierung und Konvergenz – kleinere Welt, kleinere Unterschiede?

Sinkende Masseneinkommen

Marktmacht

Verteilung und Krise

Staat, Steuern und Verteilung

Die Verteilung von Vermögen

Verteilung und Demokratie

Auswahlbibliografie

Weitere E-Books von Promedia

Die Autoren

Pirmin Fessler, geboren 1980 in Bregenz, Vorarlberg. Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien, arbeitet als Ökonom in der Abteilung für volkswirtschaftliche Analysen der Österreichischen Nationalbank und ist Mitglied des Household Finance and Consumption Network der Europäischen Zentralbank.

Die in dem Buch vertretenen Meinungen sind ausschließlich jene der Autoren und nicht jene der Österreichischen Nationalbank bzw. des Eurosystems.

Stefan Hinsch, geboren 1976 in Wien, Studium der Geografie und Wirtschaftskunde, sowie der Geschichte, arbeitet als Mittelschullehrer in Wien, langjährige Erfahrung in der Erwachsenenbildung.

Einleitung

Warum ein Buch Wie funktioniert Wirtschaft? Über Wirtschaft und ihre Grundlagen gibt es bereits unzählige Bücher: tonnenweise Betriebswirtschaft, hunderte Meter Steuerspartipps und ultimative Management-Modelle. Seit 2008 sind zahlreiche Bücher über die Finanz- und Wirtschaftskrise erschienen, einige davon mit durchaus guten Analysen.

Natürlich gibt es auch Einführungen in die Volkswirtschaftslehre zur Genüge. Diese zeichnen sich allerdings meist dadurch aus, dass VWL-Studierenden volkswirtschaftliche Theorie und Modellbildung im Telefonbuchformat vermittelt wird. Für die Frage »Wie funktioniert Wirtschaft?« ist aber nicht alles davon notwendig und manches wahrscheinlich sogar hinderlich. Viele potenzielle Leserinnen und Leser werden auch durch den mathematischen Apparat abgeschreckt, der volkswirtschaftliche Theorie häufig begleitet.

Nach dem Beginn der Krise 2007/2008 wurden eine Reihe von Darstellungen der Volkswirtschaftslehre in allgemein verständlicher Form veröffentlicht. Den meisten fehlt dabei allerdings der kritische Blickwinkel, oder sie schreiben eine »Geschichte der Volkswirtschaftslehre« oder der »großen Ökonomen«, anstatt zu erklären, »wie Wirtschaft funktioniert«. Genau diesem Mangel soll dieses Buch abhelfen. Es wird dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, aber doch auf einen umfassenden Überblick. Wir hoffen, dass dieser Text sich als unmittelbar nützlich erweist, etwa für Studierende der Geschichte, die eine Einführung in die Konjunkturtheorie benötigen, wenn sie sich mit der Zwischenkriegszeit beschäftigen, oder für LehrerInnen der Geografie und Wirtschaftskunde, welche die Zusammenhänge der Außenwirtschaft nachlesen möchten. Wir glauben aber auch, dass Grundlagen der Wirtschaftskunde gesellschaftlich relevant sind.

Heute ist der öffentliche Diskurs über Wirtschaft nämlich merkwürdig verzerrt: Auf der einen Seite erscheint das Funktionieren von Wirtschaft ausschließlich dem Reich der Expertinnen und Experten zugehörig. Ihre Entscheidungen sind für die Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar, müssen aber befolgt werden, sonst droht – wie uns gesagt wird – Schlimmes. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe trivialer Stehsätze einer neoliberal ausgerichteten Volkswirtschaftslehre. Diese sind griffig, aber häufig problematisch. Geboten werden etwa Maximen wie »Der Staat kann nicht wirtschaften«, »Liberalisierungen verbessern das Marktergebnis« oder »Wir dürfen nicht mehr ausgeben als wir einnehmen, denn Schulden gehen auf Kosten künftiger Generationen«. Solche Aussagen sind nicht notwendigerweise falsch, immer aber zu einfach und lassen sich im Allgemeinen auch nicht aus volkswirtschaftlicher Theorie herleiten.

»Wie funktioniert Wirtschaft?« liefert Erklärungen, mit denen die herrschende Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik besser verstanden und hinterfragt werden können. Das Buch liefert Argumente, mit denen Leserinnen und Leser diesen trivialen Stehsätzen begegnen können.

Wir beschäftigen uns dabei nicht mit neuen Formeln zu den Problemen der Weltwirtschaft. Dieser Text nennt sich »kritische Einführung«, bleibt aber immer an den so genannten Mainstream der Volkswirtschaftslehre und damit an den vorherrschenden Diskurs über Wirtschaft anschlussfähig – auch und gerade wenn wir dessen Argumente und Positionen angreifen. Wir verwenden auch oft seine Sprache und seine Beispiele. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe alternativer Strömungen der Wirtschaftswissenschaft, aber sie sind alle in Nischen zurückgedrängt. Nach der weit gehenden Selbstauflösung marxistischer Theorie ist der Mainstream das einzige umfassende und kohärente Theoriegebäude über das Funktionieren von Wirtschaft; an diesem muss man sich abarbeiten, sonst droht die Gefahr, in esoterischen Geheimlehren zu versinken.

Dieses Buch ist kein wissenschaftliches. Wir verzichten auf detaillierte Quellenangaben und sind uns dessen bewusst, dass die hier referierten und nicht strikt voneinander getrennten Fakten, Ideen, Ansichten und Meinungen nicht allein die unseren sind. Im Gegenteil beinhaltet dieses Buch ein breites Spektrum aus volkswirtschaftlicher Theorie, ist aber auch versetzt mit Erkenntnissen anderer Sozialwissenschaften und durchwegs auch mit persönlichen Meinungen. Alles ist der Maxime untergeordnet, daraus ein einfach verständliches Substrat zu bilden.

Mit der Weltwirtschaft ändert sich auch die Wirtschaftskunde und es wechseln die Themen, die faszinieren. Die große Weltwirtschaftskrise, die 2007 begonnen hat, gebietet einen relativ großen Teil zur Krisentheorie sowie zum Funktionieren des Kreditsystems und des Bankwesens. Auch bei den gewählten Beispielen versuchen wir, neue und jüngste Entwicklungen zu berücksichtigen.

Pirmin Fessler und Stefan Hinsch
Wien, im April 2013

1. Woher wir wissen, was sieben Milliarden Menschen brauchen oder zumindest kaufen wollen

Um ein altes Beispiel der Volkswirtschaftslehre hervorzukramen: Wir wollen Robinson Crusoe auf seiner Insel bemühen. Robinson Crusoe geht fischen, weil er etwas zu essen braucht. Er baut ein Haus, um sich vor der Kälte und vor wilden Tieren zu schützen. Er stellt Werkzeuge her, um seine übrigen Arbeiten effizienter zu gestalten. Robinson Crusoe würde nicht auf die Idee kommen, tonnenweise Fische zu fangen, die er weder essen noch konservieren kann. Er erzeugt auch nicht zwanzig Hämmer, wenn er nur drei benötigt. Er arbeitet mit knappen Ressourcen – sein Arbeitstag ist begrenzt – und wird immer genau das herstellen, was ihm im Augenblick dringlich erscheint.

Es ist unmittelbar nachvollziehbar, dass das in einer Weltwirtschaft, an der mehr als sieben Milliarden Menschen teilnehmen, nicht ganz so einfach sein kann. Warum erzeugt ein Stahlwerk in Südkorea die richtige Menge an Stahlträgern, die dann am Persischen Golf in Hochhäuser hineinbetoniert werden? Wie kann bestimmt werden, wie viele Becher Erdbeerjogurt gebraucht werden, wie viele Paar Herrenschuhe und wie viele Krankenhäuser? Warum produzieren sieben Milliarden Menschen, was andere sieben Milliarden brauchen? Wie wird das koordiniert?

Um eine erste Einschränkung zu treffen: Sehr oft wird eben nicht produziert, was gebraucht wird – oder es wird zwar produziert, aber jene, welche die Dinge brauchen, bekommen sie nicht. Ein Beispiel: Etwa eine Milliarde Menschen auf der Welt leiden an akuter Unterernährung. Diese bräuchten eigentlich zusätzliche Lebensmittel, bekommen sie jedoch nicht – und das, obwohl die weltweite Agrarproduktion völlig ausreichend wäre, um alle zu ernähren. Noch ein Beispiel: Tatsächlich wurden in den letzten Jahren zwar nicht zu viele Stahlträger erzeugt, wohl aber zu viele Hochhäuser am Persischen Golf. In jeder Wirtschaftskrise bleiben Waren liegen, die nicht mehr abgesetzt werden können, und in der Folge wird dann die Produktion eingeschränkt und Menschen verlieren ihre Arbeit.

Dennoch ist es offensichtlich, dass die Weltwirtschaft nicht ununterbrochen in totalem Chaos auseinanderfällt. In der bisher schwersten Wirtschaftskrise seit der industriellen Revolution, der »Großen Depression« mit ihrem Höhepunkt 1931 war vielleicht ein Drittel der Menschen arbeitslos. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass selbst in dieser Situation zwei Drittel immer noch beschäftigt waren. Es geht keineswegs darum, die Bedeutung von Krisen zu relativieren, denn die Rate der Arbeitslosigkeit in den 1930er Jahren hat ausgereicht, um die Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern. Dennoch muss es Mechanismen geben, die Ordnung in ein völliges Chaos bringen, zumal die Arbeitslosigkeit für gewöhnlich auch nicht dreißig Prozent beträgt.

Das Problem der Koordinierung der Wirtschaft beginnt nicht in der Steinzeit. Das Robinson-Crusoe-Beispiel zeigt, dass diese Schwierigkeiten offensichtlich mit Arbeitsteilung und Austausch von Gütern zusammenhängen. Obwohl es Handel schon sehr lange gibt, ist zu bemerken, dass die Produktion von Gütern für den Austausch bis in die Neuzeit nur einen kleinen Teil der wirtschaftlichen Aktivitäten der Menschen abgedeckt hat. Die Gesellschaft wurde von der »Subsistenzwirtschaft« oder »Hauswirtschaft« dominiert, der Leistungsproduktion von Familiengemeinschaften und von diesen Familiengemeinschaften abhängigen Personen für den Eigenbedarf. Damit beschäftigten sich auch die VorläuferInnen der Wirtschaftswissenschaft: Das Wort Ökonomie kommt vom griechischen oîkos, dem Haus, und die oikonomía des Aristoteles meint die gute Bestellung des Hauses (mit vielen praktischen Tipps, etwa wie SklavInnen zu behandeln sind oder was bei der Aussaat zu beachten ist). Die europäische Landwirtschaft – und das ist der ganz überwiegende Teil der Wirtschaft Europas bis in das 19. Jahrhundert – beginnt (mit Ausnahmen, etwa im Weinbau) frühestens im 16. Jahrhundert mit Produktion, die nicht mehr in erster Linie auf die Selbstversorgung ausgerichtet ist. In vielen Ländern der Erde ist die Subsistenzwirtschaft bis heute die Lebensgrundlage eines großen Teils der Bevölkerung. Der Trend zur Ausweitung der Arbeitsteilung ist dabei bis heute ungebrochen. Das zeigt sich nicht nur an der Vertiefung der Integration der Weltwirtschaft und der Zunahme des Welthandels, sondern auch an der weiteren Zurückdrängung der Hauswirtschaft. Aus jener abgegeben wurden etwa erst in jüngster Zeit die Betreuung von Kleinkindern in Kindergärten oder weite Teile der Nahrungszubereitung. Beim Verarbeiten von Lebensmitteln erledigen wir heute nur mehr die allerletzten Schritte: Selbst wer keine Mikrowellen-Gerichte isst, bäckt sein Brot nicht mehr selbst und knetet auch keinen Nudelteig.

Die entstehende Wirtschaftswissenschaft entdeckt das Koordinierungsproblem gerade zu dem Zeitpunkt, als die Koordinierung schwieriger wird. Das liegt an der fortschreitenden Arbeitsteilung, der Ausweitung der Geldwirtschaft und der Möglichkeit, Geld zu sparen oder Kredite zu bekommen. Im Laufe der Neuzeit treten langsam neue Typen von Krisen auf. Zuvor ist eine Wirtschaftskrise meist eine Krise der Subsistenz und damit eine Krise der Landwirtschaft. Der Grund kann eine relative Überbevölkerung sein (relativ zu den Produktionsmöglichkeiten der Landwirtschaft) oder der Zusammenbruch von landwirtschaftlichen Produktionsarrangements, etwa politische Wirren, die Bewässerungssysteme verfallen lassen. Eine derartige Krise ist eine Krise des »zu wenig«, in der Seuchen eine vom Hunger geschwächte Bevölkerung heimsuchen. Solche traditionellen Gesellschaften kennen aber auch keine Arbeitslosen.

Im Laufe der Neuzeit entwickeln sich neue Krisen, die mit der einsetzenden Modernisierung einhergehen. Die Modernisierung der englischen Landwirtschaft im 17. Jahrhundert führt zur Vertreibung der Bauernschaft von ihrem Land und zur Entstehung von Armeen von BettlerInnen. In den 1840er Jahren besingt Gerhart Hauptmann die schlesischen Weber, die von den Dampfwebstühlen in Elend und Arbeitslosigkeit getrieben werden. Im selben Jahrzehnt kommt es erstmals zu Absatzkrisen der Industrieproduktion und zu staatlichen Arbeitsprogrammen (etwa in Frankreich), um die politischen Auswirkungen des Elends in Grenzen zu halten.

Diese Krisen sehen anders aus als jene traditioneller Gesellschaften. Nun gibt es Menschen, die in Not leben, weil sie keine Arbeit haben, und gleichzeitig Betriebe, die ihre Produktion drosseln, weil der Absatz schwierig wird. Solche Krisen werden von unterschiedlichen Schulen der Volkswirtschaftslehre unterschiedlich interpretiert, aber es entsteht eine Debatte darüber, wie die Koordinierung der Wirtschaft möglich ist und warum sie zeitweise zusammenbricht.

In den letzten gut zweihundert Jahren hat die Volkswirtschaftslehre mehrere Mechanismen wirtschaftlicher Koordinierung aufs Tapet gebracht. Da wäre einmal die spontane Ordnung des Marktes, die sich unabhängig vom einzelnen menschlichen Willen vollziehen soll. Außerdem hätten wir da das bewusste, auf ein Ziel gerichtete Eingreifen des Staates oder anderer Institutionen, welches als »Planung« bezeichnet werden kann. Es gibt Vorstellungen, welche die Ordnung der Wirtschaft als weder unmittelbar geplant noch als völlig spontan begreifen, sondern als abhängig von institutionellen Arrangements, etwa von der Art des Zusammenwirkens von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden bei der Festsetzung von Löhnen oder von der Stellung der Zentralbank.

Es gibt kaum jemanden, der das gleichzeitige Auftreten aller drei Faktoren bestreiten würde. Über die Gewichtung kann freilich gestritten werden, denn – so viel sei vorausgeschickt – das Problem lässt sich nicht mit mathematischer Sicherheit lösen. Letztlich bleibt es eine politische und eine ethische Frage, was aber die Begründung der einzelnen Positionen keineswegs unbedeutend macht.

Gerade in den letzten Jahrzehnten wurde – ob zu Recht oder nicht – im Allgemeinen der Markt als wichtigste und beste Instanz wirtschaftlicher Koordinierung betrachtet.


Markt

Ein Markt wird definiert als Ort des Aufeinandertreffens von Kauf- und Verkaufsinteresse, von Angebot und Nachfrage. Auf Märkten werden Preise gefordert und bezahlt. Wir wollen nicht zu lange mit Trivialitäten langweilen, aber tatsächlich fallen Preise, wenn die Nachfrage gleich bleibt und das Angebot steigt, und Preise steigen, wenn ein geringes Angebot auf hohe Nachfrage trifft; und die Angebots- und Nachfrageentscheidungen reagieren ihrerseits auf diese Preise. Der Markt vermag dadurch, individuelle Angebots- und Nachfrageentscheidungen über die sich bildenden Marktpreise aufeinander abzustimmen. Die Sache ist dabei nicht immer ganz so einfach. Industrieprodukte können bei sinkender Nachfrage auch teurer werden, weil die Produktionskosten pro Stück steigen, wenn weniger abgesetzt werden kann. (Mehr dazu weiter unten.)

Der schottische Aufklärer Adam Smith war der Erste, der von der »unsichtbaren Hand« des Marktes gesprochen hat, welche die Wirtschaft lenkt. Tatsächlich sagte Smith viele Dinge, die zum Teil nicht mit dem ihm nachgesagten Marktliberalismus zu vereinbaren sind; aber oft geht es nicht darum, was gesagt wurde, sondern wie Menschen das Gesagte verstehen wollen. Es ist kein Wunder, dass die Idee des Marktes in der Traditionslinie der Aufklärung steht. Diese etablierte das Individuum und dessen Freiheit in der Philosophie. Das Denken des Mittelalters war nicht auf einzelne Individuen, sondern auf Korporationen, auf menschliche Verbände und Gemeinschaften gerichtet. Smith propagierte die über den Markt koordinierten Individuen als Gegensatz zum absolutistischen Zwangsstaat.

Wir bauen uns ein ganz einfaches Modell einer Wirtschaft, um die Funktion des Marktes zu erklären: Produziert werden nur zwei Waren – sagen wir Nahrungsmittel und Werkzeuge –, die in gleicher Menge benötigt werden (alle möchten Nahrung und Werkzeuge in gleicher Menge) und die auch bei der Herstellung den gleichen Aufwand an Arbeit verursachen. Idealerweise stellt dabei auch jeweils die Hälfte der WirtschaftsteilnehmerInnen eine der beiden Waren her. Die AkteurInnen treffen ihre Produktionsentscheidungen allerdings völlig autonom.

Es ist also durchaus möglich, dass in einer ersten Phase z. B. zu viele Nahrungsmittel und zu wenige Werkzeuge hergestellt werden. Beim Austausch (es entsteht ein Markt) wird ein relativer Mangel an Werkzeugen und ein Überangebot an Nahrungsmitteln festgestellt. Der Markt reagiert: Die relativen Preise verschieben sich, es müssen nun mehr Lebensmittel geboten werden, um ein Werkzeug zu erhalten. In der nächsten Periode wird der festgestellte Marktpreis die Angebotsentscheidungen ändern: Um die höheren Preise zu nutzen, werden einige Bauern auf die Produktion von Werkzeugen umsteigen.

Wir analysieren das nun etwas genauer: Über den Markt kommen die Hämmer, Sägen und Schaufeln aus unserem Beispiel jenen zu, die bereit sind, den relativ hohen Preis zu bezahlen. Das werden jene sein, die sich vom Einsatz der Werkzeuge den höchsten Nutzen erwarten – einen Nutzen, der über dem Preis der Werkzeuge liegt. Wenn eine Bäuerin in unserem Modell unbedingt sofort einen Hammer braucht, um einen Zaun zu bauen – andernfalls laufen ihre Schafe davon – dann wird sie bereit sein, auch höchste Preise zu bezahlen, da ihr Verdienstausfall ohne Hammer noch höher wäre. Ein anderer Bauer, der den Hammer für das Renovieren seiner Veranda wollte, verschiebt den Kauf vielleicht auf das nächste Jahr – so wichtig ist die Veranda auch nicht. Dem Bauern mit der ausbruchfreudigen Schafherde mag der hohe Werkzeugpreis ungerecht erscheinen, aber er wäre noch viel schlechter dran, wenn sich die Preise nicht nach oben anpassen würden: Wäre der Hammerpreis aus irgendwelchen Gründen fix, dann bekämen die knappen Hämmer einfach jene, die früher aufstehen. Unter Umständen würde dann die Veranda fertig, aber die Schafe wären davongelaufen und insgesamt wäre hoher Schaden entstanden. Der Markt teilt die knappen Ressourcen konkurrierenden Zielen zu: Veranda oder Schafherde, beides ist nicht möglich.

In unserem Beispiel ist aber noch mehr passiert: Der Marktpreis für Nahrungsmittel und Werkzeuge hat Investitionsentscheidungen beeinflusst; der relativ höhere Preis für Werkzeuge hat einige Bauern dazu bewogen, Werkzeuge herzustellen, was wiederum den Preis der Werkzeuge gesenkt hat. Im Prinzip ist das eine Variation des Themas: Der Markt teilt knappe Ressourcen konkurrierenden Zielen zu. Arbeit ist knapp. Ebenso begrenzt ist Kapital (etwa Maschinen), wenn auch die Produktion in unserem Beispiel relativ wenig kapitalintensiv ist, sonst könnten die Bauern nicht so einfach den Beruf wechseln. Alles gleichzeitig produzieren geht sich nicht aus. Entweder Nahrungsmittel pflanzen oder Werkzeuge bauen – was davon gerade zweckmäßig ist, kann durch den Markt geregelt werden.

Das Funktionieren des Marktmechanismus erwartet dabei von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern kein soziales Gewissen, christliche Nächstenliebe oder Stolz auf den Beruf des Vaters. Ganz im Gegenteil: Am besten funktioniert alles, wenn jeder seinen eigenen unmittelbaren Vorteil verfolgt. In der Volkswirtschaftslehre wird das als »Nutzenmaximierung« bezeichnet. Für das Funktionieren des Marktes ist dies in jedem Fall von Vorteil. Unser einfaches Modell würde in jedem Fall schlechter funktionieren, wenn es einen Eingriff von außen gäbe. Ein Staat, der Preise festlegt, mittelalterliche Handwerkszünfte, die den Wechsel des Berufs verhindern – all das ist nicht notwendig. Der Markt regelt sich selbst. Ganz im Gegenteil, jede Staatsintervention würde ein Ergebnis bringen, das – gemessen am möglichen gesamten Output unserer Wirtschaft – hinter den Ergebnissen eines »freien Marktes« zurückbleibt.

Es ist nicht besonders schwierig, unser Modell der Bauern und Werkzeugmacherinnen auszuweiten. Wir könnten statt der zwei Berufsgruppen auch hundert oder tausend setzen, ohne dass sich das Funktionieren des Marktes verändern würde.

Im Wesentlichen können wir auf diese Art mit ein paar Bauern und Handwerkerinnen scheinbar die Überlegenheit der freien Marktwirtschaft zeigen. Ganz so leicht ist es allerdings nicht.

Die Neoklassik hat aus dem Marktmodell die »Allgemeine Gleichgewichtstheorie« gemacht. Diese versucht, die Bildung von Preisen etwas genauer zu erklären, und beschreibt ein allgemeines Gleichgewicht zwischen dem gesamten Angebot und der gesamten Nachfrage.

Dabei sorgen die Kalküle der Individuen dafür, dass sie ihren Nutzen anhand ihrer eigenen Güter und jener, die sie eintauschen können, maximieren. Dieser Tauschprozess führt – so die Allgemeine Gleichgewichtstheorie – zu einem Gleichgewicht, bei dem niemand mehr weiter tauschen will, also niemand mehr durch Tausch bessergestellt werden kann, ohne dass ein anderer schlechtergestellt werden würde, der deswegen auch gar nicht mehr tauschen will. In diesem Sinne sind die Güter optimal verteilt, was in der Volkswirtschaftslehre nach Vilfredo Pareto als »Pareto-optimal« bezeichnet wird. In unserem Beispiel mit Bauern und Handwerkerinnen könnte das etwa so aussehen: Ein Bauer produziert 100 Lebensmittel, eine Werkzeugmacherin 40 Werkzeuge. Der Bauer benötigt 20 Lebensmittel zum Überleben und würde gern die übrigen Lebensmittel gegen Werkzeuge tauschen. Die Werkzeugmacherin benötigt 20 Werkzeuge, um weiteres Werkzeug erstellen zu können, und würde gerne die übrigen Werkzeuge gegen Lebensmittel tauschen. Also stehen nun 80 Lebensmittel auf dem Markt 20 Werkzeugen gegenüber. Bedeutet das nun, dass 80 Lebensmittel gegen 20 Werkzeuge getauscht werden und damit der Preis von Lebensmittel zu Werkzeugen 4:1 wäre, also 4 Lebensmittel für 1 Werkzeug bezahlt werden müssten? Nicht unbedingt. Das hängt von den so genannten Präferenzen der zwei Marktteilnehmer ab.

Die Volkswirtschaftslehre stellt einige Annahmen auf, damit ein Tausch zustande kommen kann. Erst einmal können beide, Bauer und Werkzeugmacherin, einschätzen, was ihnen lieber ist, hätten sie noch nichts davon: Werkzeuge oder Lebensmittel. Zudem sinkt der zusätzliche Nutzen einer weiteren Einheit eines Gutes mit der jeweiligen Menge, die sie von diesem Gut schon haben. Das erste Lebensmittel ist mehr wert als das zehnte. Der Bauer braucht in unserem Beispiel 20 Lebensmittel, um zu überleben, das zwanzigste wird ihm also deutlich wichtiger sein als das einundzwanzigste, aber das einundzwanzigste noch wichtiger als das zweiundzwanzigste usw.

Je nach den Präferenzen der beiden wird also am Ende eine Tauschrelation zustande kommen. Nehmen wir an, die Werkzeugmacherin ist mit dem Angebot einer Tauschrelation von 3:1 konfrontiert, d. h. der Bauer will nicht mehr als 3 Lebensmittel für 1 Werkzeug ausgeben. Mit dieser Tauschrelation konfrontiert beginnt die Werkzeugmacherin, zu tauschen. Am Beginn des Tausches werden die ersten Lebensmittel, die sie kauft, ihr noch deutlich mehr wert sein, da sie noch nichts zu essen hat. Aber je mehr Essen schon eingetauscht ist, desto weniger wird ihr ein zusätzliches Lebensmittel wert sein.

Aus diesem Grund wird sie genau so lange tauschen, bis ihr zusätzlicher Nutzen gleich der Tauschrelation ist, zu der sie tauschen kann. Sobald ihr ein zusätzliches Lebensmittel nicht mehr mindestens ein Drittel des Nutzens eines Werkzeugs bringt, wird sie nicht mehr bereit sein, 1 Werkzeug gegen 3 Lebensmittel zu tauschen. In der Modellwelt stellen alle Individuen gleichzeitig diese Überlegungen an und so entstehen Tauschrelationen für alle Güter. Die Tauschrelation ist eigentlich nicht viel anderes als ein Preis beziehungsweise bestimmt den Preis.

Tatsächlich gibt es aber weit mehr als zwei Güter und in der Folge sehr viele unterschiedliche Tauschrelationen. Wie kann es sein, dass eine gigantische Anzahl an relativen Preisen abgesprochen wird, deren Grundlage die Nutzenmaximierungskalküle aller Individuen sind, wovon jedes einzelne den Preis jedoch gar nicht beeinflussen kann? In unserem Beispiel von vorhin war das noch einfach, da nur zwei Individuen, Bauer und Werkzeugmacherin, beteiligt waren und der Bauer von vornherein nur je 3 Lebensmittel gegen 1 Werkzeug tauschen wollte. Da es gar kein anderes Angebot gab, kann auch kaum von einem freien Markt gesprochen werden. Die Werkzeugmacherin benötigte Lebensmittel und musste den Preis, den der Bauer bestimmte, einfach akzeptieren – schließlich muss sie doch etwas essen.

Bei einer großen Anzahl Menschen und Güter sollte sich das recht schwierig lösen lassen, da der Bauer durch andere Bauern Konkurrenz hat, die ihn unterbieten können, sodass am Ende kein einzelner mehr Preise bestimmen kann. Die Frage, die sich stellt, ist aber dann: Wer bestimmt die Preise und wie kann es sein, dass sie dann genau den Preisen entsprechen, die sich durch die einzelnen Nutzenkalküle ergeben?

In der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie löst dieses Koordinierungsproblem ein Gedankenexperiment, der so genannte »Auktionator«. Zunächst tauscht keiner, denn die Preise werden erst durch die Offenbarung der Nutzenkalküle der Einzelnen durch ihre Bereitschaft zu tauschen offengelegt. Der »Auktionator« ruft nun allen bestimmte relative Preise zu bis eine Kombination von relativen Preisen die Tauschbedürfnisse so erfüllt, dass die Märkte geräumt sind, also Angebot und Nachfrage übereinstimmen und niemand mehr tauschen wollen würde. Erst zu diesen Preisen wird dann tatsächlich getauscht. Dass die Märkte zu diesen Preisen geräumt sind, heißt nicht, dass es nicht in einzelnen Märkten noch ein Überangebot geben kann. Es kann also durchaus sein, dass Menschen noch gern Lebensmittel gegen Werkzeuge tauschen würden, aber nur mehr Lebensmittel angeboten werden. Das würde bedeuten, dass auf dem Markt für Werkzeuge ein Nachfrageüberschuss besteht und auf dem Markt für Lebensmittel ein Überangebot.

Das Gleichgewicht kennzeichnet sich dadurch, dass die überschüssige Nachfragemenge an Werkzeugen zu den Gleichgewichtspreisen denselben Tauschwert hat, wie das Überangebot an Lebensmittel. Anders gesagt, die Summe der Überschussnachfrage (die »aggregierte Überschussnachfrage«) muss immer null sein.

Unsere Bauern und Handwerkerinnen sind ein Modell, reale Märkte sehen anders aus. Und bei der Erstellung des Modells wurden wahrhaft heroische Annahmen getroffen: Alle handeln immer rational und haben nur ihren eigenen Vorteil im Kopf. Alle haben alle relevanten Informationen. Es herrscht vollständige Konkurrenz. Es gibt keine Zeit und kein Geld. Die Menschen sind völlig vereinzelte Individuen. Und noch ein paar mehr. KritikerInnen der Neoklassik gemahnen deren Modelle an »Steinzeitmenschen, die am Rande des Waldes Wurzeln und Beeren tauschen.« Wir versuchen nun, diese Annahmen ein wenig zu hinterfragen.

Homo œconomicus

Die erste Anmerkung betrifft die »Natur« des Menschen. Dieser ist kein rein egoistischer Nutzenmaximierer, kein »Homo œconomicus«.

Es gibt etwa einen tiefen Sinn für Fairness, sodass wir davon ausgehen können, dass einige Bauern nicht bereit sind, einen Marktpreis für Hämmer zu bezahlen, den sie als ungerecht und zu hoch empfinden – selbst wenn der Verzicht auf einen Hammer größere Kosten verursacht. In dieser Richtung gibt es eine Reihe von Untersuchungen und Gedankenexperimenten. Allen voran können Ergebnisse ökonomischer Experimente genannt werden. Das so genannte Ultimatum-Spiel funktioniert einfach: Ein Spieler bekommt, sagen wir, 100 Euro. Die kann er oder sie nun zwischen sich und einem anderen Spieler aufteilen. Ist der andere Spieler mit der Aufteilung einverstanden, bekommen beide ihren Anteil. Ist er oder sie es nicht, bekommen beide gar nichts. Wäre der andere Spieler ein Homo œconomicus, würde er sich mit jeder Aufteilung abfinden. Ein Euro ist schließlich besser als keiner – ganz rational betrachtet. Selbst dann, wenn es bedeutet, dass der andere Spieler sich selbst 99 zukommen lässt. In den Experimenten kann aber festgestellt werden, dass sich SpielerInnen nicht so billig abspeisen lassen und im Zweifelsfall lieber gar nichts haben. Die Bestrafung des Spielers, der so ungerecht aufgeteilt hat, scheint ihnen wichtiger zu sein. Gleichzeitig wird auch beobachtet, dass jene SpielerInnen, welche die Anteile bestimmen, dem Gegenüber meist höhere Anteile zukommen lassen als nur einen Euro, also gar nicht damit rechnen, dass sie es mit einem Homo œconomicus zu tun haben. Auch in der realen Welt beobachten wir vom Homo œconomicus abweichendes Verhalten. ArbeitnehmerInnen, die eine Entwertung ihrer Löhne durch Inflation murrend akzeptieren, aber gegen eine Kürzung des Nominallohnes (der Zahl, die auf dem Lohnzettel steht) streiken würden.

Es gilt auch die einfache Beobachtung, dass Menschen im Allgemeinen nicht nur auf Basis unmittelbarer materieller Vorteile handeln. In Österreich ist es etwa für den Verdienst eines Lehrers de facto unbedeutend, wie gut er unterrichtet oder wie lange er sich vorbereitet. Dennoch gibt es sehr viele engagierte PädagogInnen. Einstein hat die Relativitätstheorie nicht wegen eines Versprechens auf Gewinnbeteiligung an Atomkraftwerken entwickelt. Wir sind uns sicher, dass die Londoner InvestmentbankerInnen genauso verbissen arbeiten würden, wenn ihre Boni nur die Hälfte betragen würden – vorausgesetzt natürlich, die anderen InvestmentbankerInnen bekommen auch nicht mehr Geld und die Boni waren nie höher. Wäre das der Fall, würden sie sich ungerecht behandelt fühlen.

Ebenso wenig handeln Menschen in allen Situationen immer rational – weder allein und schon gar nicht in Gruppen. Finanzmärkte weisen etwa ein ausgeprägtes Herdenverhalten auf. Phasen des Booms wechseln sich ab mit Phasen der Panik, und oft laufen viele Investoren in die gleiche Richtung. Selbst Alan Greenspan, damals Chef der amerikanischen Notenbank und ein wirklich marktfreundlicher Wirtschaftsliberaler, bezichtigte die Finanzmärkte in den 1990er Jahren des irrationalen Überschwangs. Da hat er Recht gehabt, könnte angemerkt werden. Solche Beobachtungen stimmen nicht nur für den Aktienmarkt: Anfang des neuen Jahrtausends wurden Hauspreissteigerungen in Ländern wie Spanien, Irland, Großbritannien oder den USA über lange Zeiträume hinweg fortgeschrieben. Die entstandene spekulative Blase trug dann zur größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg bei. Über einige Rohstoffmärkte ließe sich Ähnliches sagen, oder über die Schwankungen von freien Währungskursen, die oft erst in die eine, dann in die andere Richtung überziehen.

Zusammengefasst: Menschen sind weder reine NutzenmaximiererInnen, noch handeln sie immer rational. Menschen sind auch nicht nur Individuen, sondern soziale Wesen. Sie sorgen sich um ihre Nächsten. Sie machen sich Gedanken über den Sinn des Lebens, ohne bis jetzt zu einem definitiven Ergebnis gekommen zu sein, aber oft mit der Vorstellung, dass jener nicht nur im Geldverdienen liegt. Kurz gesagt: Den »Homo œconomicus« gibt es nicht.

Die Kritik am Homo œconomicus muss jedoch darauf achten, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Auf welcher Grundlage kann vom »irrationalen Überschwang« des Aktienmarktes gesprochen werden? Warum konnten viele BeobachterInnen schon im Jahr 2005 oder 2006 sagen, dass die Hauspreise in Spanien oder Irland zu hoch angestiegen wären und wieder fallen müssten? Zu hoch im Vergleich wozu? Der rationale Homo œconomicus dient also als »Benchmark«, als Referenzpunkt für reale Märkte. Und an der Tatsache, dass sowohl der Aktienmarkt der 1990er als auch der spanische Häusermarkt schließlich nach unten korrigiert haben, zeigt sich auch, dass reale Märkte sich nicht völlig von rationalen Grundlagen entkoppeln können. Wenn der Häuser- oder Aktienmarkt eine völlig irrationale Angelegenheit wäre, dann könnten Preise nicht »zu hoch« sein, sie wären je nach Stimmung einfach irgendwo.

Das Gleiche gilt grundsätzlich für alle Preise. Würden die Menschen Kauf- und Verkaufsentscheidungen treffen, die ausschließlich an wechselnden, nicht rationalen Motiven hängen, könnte sich kein auch nur halbwegs stabiler Preis bilden. Stabile Preise wären allerdings auch schon egal, da Angebot und Nachfrage ohnehin nicht auf Preissignale reagieren würden. Die Wirtschaft fiele in totalem Chaos einfach auseinander. Wir bemerken, dass so etwas nicht vorkommt oder wenigstens nicht ununterbrochen.

Der rationale Homo œconomicus ist dabei eine Abstraktion, aber keine völlig absurde. Mit der Neuzeit beginnt sich in Europa die Logik des Kapitalismus durchzusetzen und diese lautet: investieren, aus Geld mehr Geld machen.

Die Profitmaximierung ist keineswegs die einzige Logik, die der Mensch verfolgt, und die persönliche Bereicherung nicht seine einzige Ethik, aber beide sind wichtig. Für viele Menschen ist Geld nicht das einzige Motiv, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen. Viele Menschen streben etwa auch nach gesellschaftlicher Anerkennung. Allerdings wird gesellschaftliche Anerkennung oft in Geld ausgedrückt. Wer nichts verdient, verdient auch keine Anerkennung.

Stellen wir einer beliebigen Gruppe von Menschen die Frage: »Angenommen, ich schenke Ihnen 500 Millionen Euro. Was würden Sie tun?« Ganz wenige würden so viel Geld nicht wollen oder das meiste spenden. Einige würden sich auf eine Insel zurückziehen und nie wieder arbeiten. Der weitaus größte Teil würde nach der Befriedigung von Konsumwünschen wie riesigen Autos und ebensolchen Häusern »investieren, damit sich das Geld weiter vermehrt«. Auf den Einwand, warum noch mehr Geld eigentlich erstrebenswert sei, wenn ohnehin schon alles erschwinglich ist und die Bedürfnisse nach Häusern und riesigen Autos längst befriedigt sind, gibt es üblicherweise keine Antwort. Es wird jedoch eine Antwort impliziert: Geld an sich stellt einen Wert dar; möglicherweise, weil mehr Vermögen auch mehr Macht bedeutet.

Das ist die Ethik des Kapitalismus, ob das nun bedauert oder begrüßt wird. Wir wollen hier nicht behaupten, dass eine solche Ethik ewig sein muss, für den Augenblick halten wir aber die Hinweise für ausreichend, um den Homo œconomicus und den freien Markt als Referenzpunkte annehmen zu können. Das bedeutet allerdings nicht »Der Markt hat immer Recht«, der Slogan des neoliberalen Umbaus, der vor allem in den 1980er Jahren populär war. Märkte irren häufig.

Wir kehren zu unserem Modell einer freien Marktwirtschaft aus Bauern und Werkzeugmacherinnen zurück und gestatten diesen, sich ausreichend rational zu betragen, damit das ganze Modell weiterhin Gültigkeit hat. Doch selbst wenn der Rahmen der Neoklassik akzeptiert wird, können wir nicht automatisch davon ausgehen, dass der Markt alles regeln kann. Es gibt Situationen – auch über ihre Anzahl lässt sich streiten –, die den freien Markt überfordern.

Externalitäten

Externalitäten sind Nutzen oder Kosten, die in einem Markt verursacht werden, sich aber nicht im Marktpreis wiederfinden. Das möglicherweise einfachste Beispiel ist Umweltverschmutzung. In unserem Beispiel ist es durchaus möglich, dass Abwässer der Werkzeugproduktion ebenso wie Gülle aus der Tierhaltung die Wasserversorgung des Dorfes belasten. Es ergibt sich also ein Verlust an Lebensqualität und Gesundheit, der mit etwas Mühe auch in Geld bewertet werden könnte. Das Problem: Die Aufbereitung der Abwässer verursacht Kosten, die durch die einzelnen Betriebe getragen werden müssen, während die Kosten der Umweltverschmutzung der Allgemeinheit untergeschoben werden. Wenn alle Bauern und Werkzeugmacherinnen ihre Abwässer klären, profitieren alle davon, aber jedes Individuum für sich betrachtet hat einen Anreiz, die Umwelt weiter zu verschmutzen.

Externalitäten können nicht nur negativ sein – wie in unserem Beispiel, wenn anfallende Kosten von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Es gibt auch positive Externalitäten, etwa wenn ein Betrieb Lehrlinge ausbildet oder Kinder lesen und schreiben lernen, statt Teppiche zu knüpfen. Der Grund: Das höhere Ausbildungsniveau kommt nicht allein jenen zugute, die dafür bezahlen; zu den Nutznießern gehören Betriebe, die fertige Lehrlinge bei einem Arbeitsplatzwechsel einstellen oder auch die gesamte Gesellschaft, die von höherer Alphabetisierung durch einen höheren Wachstumspfad oder niedrigere Kriminalität profitiert.

Ein weiteres klassisches Beispiel für Externalitäten ist die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Eigentumsrechten, die auch die überzeugtesten Marktliberalen lieber dem staatlichen Apparat als einem Markt anvertrauen.

Grundsätzlich sind Externalitäten aber nicht auf die genannten Bereiche beschränkt. Siedelt sich ein Industriebetrieb im relativ armen Südburgenland an, dann hilft das der ganzen Region. Wenn in einer Region ein paar Softwareunternehmen aufmachen, die mit Bildungsinstitutionen verbunden sind, dann kann Silicon Valley herauskommen. Muss Anfang der 1980er Jahre die Schwerindustrie dichtmachen, weil die staatliche Unterstützung wegfällt, brechen ganze Regionen zusammen – etwa Nordengland oder das Ruhrgebiet. Das bedeutet nicht, dass automatisch alle Unternehmen mit staatlicher Förderung durchzufüttern sind, aber auch nicht, dass ein Streichen von Subventionen keine Kosten verursacht.

Der Nutzen eines Bahntunnels durch die Koralm – die direkte Verbindung zwischen Kärnten und der Steiermark – ist sicher nicht allein an höheren Fahrkartenverkäufen durch die Bundesbahnen zu messen, sondern auch am Entwicklungsimpuls für das gesamte südliche Österreich, was nicht bedeutet, dass die Kosten nicht dennoch zu hoch sein können. Eine schlechte Wasserversorgung führt zu Seuchengefahr, ebenso ein schlechtes Gesundheitssystem. Fehlende soziale Sicherheitsnetze oder soziale Ungleichheit können zu Kriminalität führen. Eine zu hohe Kreditvergabe durch das Bankensystem kann gewaltige Kosten verursachen, falls die Banken aufgefangen werden müssen, weil sie sich verrechnet haben und die eingegangen Risiken letztlich nicht mehr selbst tragen konnten. Sie kann aber auch gewaltige Kosten verursachen, wenn zusammenbrechende Banken nicht aufgefangen werden, weil dann der Absturz der gesamten Volkswirtschaft schlimmer ausfallen könnte als bei einer Rettung.

Kurz gesagt: Externalitäten finden sich überall; grundsätzlich ist wohl kaum ein Markt zu finden, in dem sie gar keine Rolle spielen.

Konkurrenz

Der Markt der Neoklassik liefert nur bei vollständiger Konkurrenz optimale Ergebnisse. Kommt es zu Monopol- oder Oligopolstellungen (ein oder mehrere große Anbieter oder Nachfrager), dann können die MonopolistInnen die Preise zu ihren Gunsten beeinflussen. Die theoretische Forderung geht sogar in Richtung unendlich vieler AnbieterInnen und NachfragerInnen, die aufgrund ihrer großen Zahl die Marktpreise als Einzelne nicht beeinflussen können. Dem Einzelnen erscheinen die Preise daher als gegeben; er kann sich lediglich entscheiden, ob er zu diesem Preis anbietet oder nachfragt – oder auch nicht. Ohne diese vollständige Konkurrenz ergibt sich tatsächlich keine spontane Koordination. Die großen Firmen beginnen, Preise und Angebotsentwicklung im Vorhinein zu planen und zu beeinflussen.

Gegen diese Vorstellung vollständiger Konkurrenz gibt es einige Vorbehalte. Die Ikone des Marktliberalismus, Friedrich von Hayek, hat einmal festgestellt, dass der von der Neoklassik geforderte Zustand der »vollständigen Konkurrenz« keinen Platz für das Wirken des Wettbewerbs lässt. Die Argumentation ist recht einfach: Aufgrund des Wirkens des Wettbewerbs wird der Marktwirtschaft im Allgemeinen Dynamik zugeschrieben wird. Der Versuch, Technologieführerschaft zu erreichen (und mittels Patent abzusichern), oder der Versuch, über Werbung ein Produkt als einzigartig zu verkaufen oder durch Preiskämpfe die Konkurrenten zu ruinieren – immer geht es darum, eine Stellung zu erreichen, die einem Monopolisten zumindest ähnelt.

Wettbewerb tendiert dazu, sich selbst auszuschalten. Ist er »vollständig«, gibt es keine Chance, einen Monopolstatus zu erlangen. Dieser ist aber Ziel der Unternehmen, weil sie so am meisten Profite erzielen können. Wäre er erreicht, handelt es sich nicht mehr um vollständigen Wettbewerb. Während in der Volkswirtschaftslehre »Marktmacht« (die Möglichkeit, Preise zu beeinflussen) kritisch gesehen wird, beschäftigt sich die Betriebswirtschaftslehre mit Methoden, »Preissetzungsmacht« zu erreichen. Marktmacht und Preissetzungsmacht sind das Gleiche.

Es stellt sich dabei auch die Frage, inwiefern die Forderung nach vollständiger Konkurrenz für alle Märkte sinnvoll sein kann bzw. ob Marktmacht immer und automatisch schlecht ist: Die ideale Anzahl der WettbewerberInnen in einem Markt ist von der eingesetzten Technologie abhängig und von der Höhe der notwendigen Investitionen in Anlagen und Maschinen. Überall dort, wo Vorteile der Massenproduktion zu erwarten sind, wo also mit der Stückzahl die Stückkosten sinken, wird die Anzahl der WettbewerberInnen in der einen oder anderen Form begrenzt sein. Solche Vorteile der Massenproduktion (oder economies of scale – Skaleneffekte) sind praktisch überall zu finden.

Auch ein Wirtshaus hat höhere Kosten, wenn es nur für zwei Gäste ausgelegt ist statt für fünfzig. Allerdings ist es unmittelbar nachzuvollziehen, dass ein Wirtshaus für hunderttausend Gäste nicht mehr mit sinkenden Stückkosten verbunden sein wird, weil mögliche Kostenvorteile im Einkauf (ein Vorteil der Massenproduktion) dadurch ausgeglichen werden, dass die KellnerInnen bei jeder Bestellung einen weiten Weg zurücklegen müssten, um ein Bier auszutragen. Die spanische Landwirtschaft kann durch Investitionen (Bewässerung, Hochleistungssorten, Dünger etc.) den Ertrag steigern, aber wenn ein Feld schon gut gedüngt ist, wird eine zusätzliche Tonne Dünger wenig bewirken (und möglicherweise sogar schädlich sein). Ein einzelner Bauernhof kann die Nachbarhöfe übernehmen und durch größere Flächen und intensiveren, Maschineneinsatz den Ertrag pro ArbeiterIn steigern – aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Mehr als 150 Hektar kann ein Landwirt oder eine Landwirtin auch mit den modernsten Maschinen nicht bearbeiten.

In der Folge gibt es auf dem Markt für Mais und Mittagessen auch eine große Zahl von WettbewerberInnen – wenngleich einige von ihnen von größeren Ketten organisiert werden (etwa McDonalds) und daher Skaleneffekte bei Einkauf und Marketing ausnützen können.

Auch für die Anfertigung einfacher Industriegüter wie Textilien sind Skaleneffekte relativ begrenzt, weshalb es auch eine Unzahl kleiner Nähereien in Bangladesch, Vietnam oder China gibt, die ihre Produkte dann an große Handelshäuser verkaufen.

In anderen Sektoren hingegen, und oft bei sehr kapitalintensiver Produktion, kann mit gewaltigen Skaleneffekten gerechnet werden. Wenn wir uns die Produktion von kommerziellen Großraumflugzeugen ansehen, stellen wir fest, dass teilweise hunderte Flieger verkauft werden müssen, damit sich die gewaltigen Investitionen in Entwicklung und Spezialmaschinen lohnen. Der Weltmarkt für solche Flugzeuge würde wohl mehr als die jetzigen zwei Anbieter (Boeing und Airbus) vertragen, aber sicher keine 150.

In anderen Fällen werden die internen Skaleneffekte durch externe ergänzt: Um ein Computerbetriebssystem zu entwickeln, ist eine große Zahl von ProgrammiererInnen jahrelang beschäftigt. Ist das Ding aber erst einmal fertig entwickelt, steigen die Gesamtkosten kaum, egal, ob 20 oder 200 Millionen verkauft werden. Dadurch sinkt der Anteil an den Gesamtkosten bei jeder einzelnen Kopie. Soweit zu den internen Skaleneffekten; für Computerprogramme kommen aber noch externe Skaleneffekte dazu – so genannte Netzwerkeffekte, weil durch einfachere Kommunikation der Nutzen für alle AnwenderInnen steigt, wenn ihre ArbeitskollegInnen das gleiche Produkt verwenden. In der Folge muss sich Microsoft nicht mit Dutzenden WettbewerberInnen herumschlagen.

Solche monopolistischen Märkte können relativ instabil sein. Falls die Profite hoch sind, können zusätzliche WettbewerberInnen auf den Markt drängen (üblicherweise nur solche, die in der Lage sind, die hohen Anfangsinvestitionen zu schultern) und die Preise sinken. Es ist aber nicht gesagt, dass die sinkenden Preise zu geringerem Angebot führen – im Gegenteil: Wenn mit steigender Produktionsmenge die Stückkosten sinken, können die MarktteilnehmerInnen auch mit einer Ausweitung des Angebots reagieren, um die gesunkenen Preise durch einen höheren Marktanteil zu kompensieren. Tun das alle, gibt es einen Preiskampf. Das gleiche Phänomen kann eintreten, wenn durch einen externen Schock die Nachfrage zurückgeht.

Dazu ein kurzer Ausflug in die Betriebswirtschaftslehre: Dort lernen wir in der Preiskalkulation, dass ein Unternehmen beim Verkauf eines Produktes sowohl die fixen Kosten (für die erfolgten Investitionen, die Kredite und die fix Beschäftigten) als auch die variablen Kosten (für einen Teil der Löhne und Dinge wie Energie) decken muss.

Was aber, wenn zu wenige Aufträge vorhanden sind, um die Maschinen voll einzusetzen? Dann kann es sinnvoll sein, den Preis unter ein Niveau zu senken, dass zur langfristigen Kostendeckung benötigt wird, um zusätzliche Aufträge zu erhalten. Es wird versucht, den KonkurrentInnen Marktanteile abzujagen, was aber kaum funktionieren kann, wenn alle gleich handeln. In einem solchen Fall können die Preise auf das Niveau der variablen Kosten sinken, und je kapitalintensiver ein Sektor ist, desto weniger wird ein solches Preisniveau ausreichen, um die Kapitalkosten zu verdienen. Für die beteiligten Unternehmen ist das verheerend, ebenso wie für die KreditgeberInnen.

Sind solche Vorgänge halbwegs begrenzt, so kann eine Art evolutionärer Wettbewerb begrüßt werden, bei dem die Schwächeren vom Markt verdrängt werden und sich die Technologie- und Kostenführer durchsetzen. Solch eine Form des Wettbewerbs entspricht den Vorstellungen eines Joseph Schumpeter; aber zumindest bei einem allgemeinen Nachfrageschock (einer Rezession) gibt es in jedem Fall ein Zuviel des Guten.

In einer modernen kapitalintensiven Volkswirtschaft wird die Forderung der Neoklassik in der Praxis geradezu umgekehrt: Nicht vollständige Konkurrenz ist gut, sondern ausreichende Marktmacht der führenden Unternehmen, damit diese auch in schwierigen Situationen die Preise hoch genug halten können, um ihre Kapitalkosten zu verdienen. Ohne diese Voraussetzung wären größere Investitionen sehr riskant, weil über kapitalintensiver Produktion immer die Gefahr einer Pleite schweben würde. Wer nicht über genug Marktmacht verfügt, schafft auch keine Finanzierung – sei es über den Kapitalmarkt oder einen Bankkredit. Damit wäre eine moderne industrielle Wirtschaft nur schwer möglich.

Wird Marktmacht als notwendig akzeptiert, lässt sich der oligopolistische Normalzustand der Wirtschaft auch deutlich besser erklären. Die meisten Märkte kennen nur eine begrenzte Zahl von AnbieterInnen, die durchaus in der Lage sind, ihre Preise zu verteidigen. Wenn durch einen Konjunktureinbruch die Nachfrage nach Gasturbinen sinkt, dann bedeutet das noch lange nicht, dass Siemens den Verkaufspreis senkt.

Allerdings: Nur weil Marktmacht notwendig ist, bedeutet das nicht, dass sie nicht verwendet wird, um KundInnen oder Angestellte auszunehmen und zusätzlichen Profit zu machen. Wenn in den Jahren vor 2007 Sektoren wie das Investmentbanking eine jährliche Rendite von 25 Prozent auf das eingesetzte Eigenkapital gefordert haben und gleichzeitig in der Lage waren, gigantische Boni auszuschütten, dann kann nicht von besonders viel Wettbewerb die Rede sein. Funktioniert Wettbewerb, dann sollten die Profite aufgrund der Konkurrenz eigentlich recht klein sein. Schließlich versucht jedes Unternehmen, dasselbe noch billiger und besser zu produzieren, um besser verkaufen und mehr Profite machen zu können.

Ein besonderer Fall sind »natürliche Monopole«, wo ohne staatliche Regulierung überhaupt kein Wettbewerb stattfinden kann. Betrachten wir etwa die Elektrizitätsversorgung, bei der ein großer Teil der Kosten bei der Errichtung der Leitungen anfällt. In einem völlig unregulierten Markt für Elektrizität müssten alle WettbewerberInnen ihre eigenen Leitungen verlegen, was zu teuer wäre. Im Endeffekt würde sich eine Reihe von regionalen Monopolen herausbilden, die jedes für sich die Stromrechnung der KonsumentInnen in die Höhe trieben.

Die Lösung: entweder öffentliche AnbieterInnen, deren Preise nicht nach dem Prinzip eines maximalen Gewinns gesetzt werden, oder eine öffentliche Kontrolle über das Elektrizitätsnetz. Diese muss nicht in öffentlichem Eigentum bestehen, aber es muss gesichert werden, dass alle WettbewerberInnen Zugang zu den Leitungen haben. In der EU ist eine solche Regulierung des Strommarktes im Allgemeinen vorhanden, bei Telefonleitungen gilt Ähnliches.

Zu einem Albtraum haben sich dagegen Privatisierungen von Eisenbahnen mitsamt dem Schienennetz entwickelt: Wettbewerb unterschiedlicher AnbieterInnen im Zugverkehr ist wohl grundsätzlich möglich, wenn auch aufgrund der gewaltigen Externalitäten mit Problemen behaftet (etwa in Bezug auf Faktoren wie regionale Entwicklung und Umweltschutz). Allerdings muss die Nutzung des Schienennetzes allen WettbewerberInnen offen stehen. Werden einfach Eisenbahngesellschaften mitsamt dem Schienennetz privatisiert, entsteht statt eines öffentlichen Monopols (das seine Preisentscheidungen unter politischem Druck trifft) ein privates, denn es gibt wohl kaum AnbieterInnen, die neben der existierenden Strecke Hamburg–Berlin noch einmal neue Gleise verlegen möchten – abgesehen davon, dass eine solche Ressourcenverschwendung volkswirtschaftlichen Unsinn darstellen würde. Ein privates Monopol kann dann die Preise nach Belieben gestalten und gleichzeitig die Investitionen in die Betriebssicherheit auf ein Minimum reduzieren.

Transparenz und asymmetrische Information

Es ist unmittelbar nachvollziehbar, dass Märkte nicht funktionieren können, wenn entweder KäuferInnen oder VerkäuferInnen nicht wirklich wissen, was gekauft wird. Märkte müssen transparent sein, Information relativ gleich verteilt.

Das Problem mag auf den ersten Blick ein wenig esoterisch erscheinen, auf den zweiten Blick ist es gar nicht so selten. Popcorn in einem Kino ist grundsätzlich ein perfektes Beispiel für einen funktionierenden Markt. Es gibt keine Externalitäten, weil der Verkauf von Popcorn weder Umweltschäden noch sonstige Kosten für die Gesellschaft verursacht. Es gibt zahlreiche AnbieterInnen. Die KäuferInnen wissen, was sie bekommen, und werden auch im Vorhinein darüber informiert, was es kostet. In einem Bereich fehlt die Transparenz: Ohne Chemiebaukasten können die KundInnen nicht bestimmen, welche möglicherweise giftigen Geschmacksverstärker ihren Weg in sein Popcorn gefunden haben. Um diese asymmetrische Information auszugleichen, benötigt es eine Institution, die regulierend eingreift und die Qualität sicherstellt. Das mag ein staatliches Gesundheitsamt sein, samt einem gesetzgebenden und wissenschaftlichen Apparat, der gesundheitsschädliche Geschmacksverstärker ausforscht und schließlich verbietet.

Andere Beispiele: Bis vor relativ kurzer Zeit waren Mobilfunktarife so kompliziert, dass es fast unmöglich war, den billigsten zu bestimmen. Ein ernstes Problem gibt es dabei im Gesundheitsbereich. Im Wesentlichen müssen sich PatientInnen auf das Wort der Ärztin oder des Arztes verlassen, wenn diese ihnen eine Behandlung verschreiben. Nun wollen wir nicht vermuten, dass ÄrztInnen tatsächlich in betrügerischer Absicht sinnlose Untersuchungen verordnen und sich dafür bezahlen lassen. Dennoch gibt es einen gewaltigen Anreiz für ÄrztInnen oder Krankenhäuser – die in der Regel nicht für die erreichten Resultate, sondern für die durchgeführten Leistungen bezahlt werden –, das »Notwendige« ein bisschen breiter auszulegen. Eine gewisse Kontrolle scheint also angebracht.

Das dürfte ein zentrales Problem des amerikanischen Gesundheitswesens sein: Die Krankenhäuser sind allesamt privat und es gibt keine Aufsicht über die erbrachten Leistungen. Die einzelnen PatientInnen haben kaum Möglichkeiten – aber grundsätzlich auch wenig Interesse –, die Kosten unter Kontrolle zu halten. Sofern sie versichert sind, zahlen sie die Behandlung ohnehin nicht selbst. In der Folge wird das Ganze recht teuer für die privaten Krankenversicherungen und deren Versicherte, welche die Kosten über sehr hohe Beiträge bezahlen müssen, aber ebenso für die Öffentlichkeit, denn im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Meinung kommt auch in den USA der Löwenanteil dieser Gelder vom Staat. Die USA geben 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus – einsame Spitze unter den Industriestaaten. Österreich und Deutschland liegen etwa bei 10 Prozent und Großbritannien bei 8 Prozent. Für so viele Dollar gibt es dafür eine etwas mittelmäßige Leistung, denn in verschiedenen Vergleichsstudien schneidet das US-Gesundheitssystem relativ schlecht ab.

Soziale Gerechtigkeit

Märkte fördern keine gleichmäßige Verteilung von Einkommen. Sie sichern auch keine Mindestversorgung mit Nahrung oder Wohnraum zu.

Als im Sommer 2008 der Ölpreis auf knapp 150 Dollar pro Fass gestiegen war, wurde es interessant, Mais zu Treibstoff zu verarbeiten und in die Tanks zu füllen. Das hat natürlich den Preis für Lebensmittel nach oben getrieben, was in einigen Staaten zu Hungerrevolten führte. Der Getreidemarkt hat kein Gewissen. Es ist ihm egal, ob die Maisnachfrage von hungrigen Kindern oder von AutofahrerInnen kommt. Wir erinnern uns: Der Markt teilt knappe Ressourcen konkurrierenden Zielen zu – welches dieser Ziele verfolgt wird, hängt nicht an politischen oder moralischen Erwägungen, sondern an der Frage, wer mehr bezahlt. Das Marktmodell verspricht lediglich Effizienz. Die Annahme ist, dass es bei gegebenem technischem Apparat insgesamt billiger und effizienter ist, Mais zu tanken, statt weniger Auto zu fahren. Kinder in Haiti sind nur insofern auf der Rechnung, als sie über Kaufkraft verfügen.

Auch überzeugte Marktliberale würde hier zustimmen: Wer eine andere Einkommensverteilung möchte oder ein Menschenrecht auf Nahrung, muss sich um Möglichkeiten jenseits des Marktes bemühen, wobei die liberale Wirtschaftstheorie eine Sozialpolitik fordert, die den Markt möglichst wenig stört, also etwa keine Höchstpreise für Mais, sondern eher direkte Transfers, damit die Armen nicht verhungern.

Der Wohlfahrtsstaat

Wie frei sollen Märkte sein? Wie viel Staat und Regulierung sind notwendig? Wird das Funktionieren von Märkten mit den Methoden der Neoklassik untersucht, dann ist ein abschließender Befund nicht möglich. Das mathematische Modell funktionierender Märkte bringt kein eindeutiges Ergebnis, sobald die einfache Tauschwirtschaft verlassen wird. Und ehrlich gesagt: Für die einfache Tauschwirtschaft ist der theoretische Apparat ein wenig überzüchtet, denn diese hat ob ihrer Einfachheit kein Koordinierungsproblem. Der Bauer und die Werkzeugmacherin müssten sich im Wesentlichen nicht über den Markt koordinieren, dafür wäre ein Wirtshaus ausreichend.

Eigentlich herrscht in der Wirtschaftskunde Einigkeit: Wenn keine vollständige Konkurrenz vorhanden ist, wenn große Externalitäten vorliegen oder die Transparenz nicht gegeben ist, dann braucht es einen regulierenden Eingriff. Nur: Bei etwas genauerem Hinsehen ist es gar nicht so einfach, einen Markt zu finden, wo tatsächlich so etwas wie vollständige Konkurrenz herrscht, und Externalitäten können praktisch überall beobachtet werden.

Vom Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre wurden aufgrund des theoretischen Apparats der Neoklassik (und der Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise) eine sehr große Zahl staatlicher Eingriffe und Regulierungen gefordert und durchgeführt. Als Schlussfolgerung des allgemeinen Marktversagens wurde der Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit errichtet: Sozialstaat, um die Armut zu bekämpfen; ein großer öffentlicher Sektor, um Leistungen zur Verfügung zu stellen, bei denen mit großen positiven Externalitäten gerechnet wird (Bildung, Gesundheit, Eisenbahn …); Industriepolitik, etwa in Frankreich oder in Asien, welche die Modernisierung der Wirtschaft planmäßig vorantreibt, teilweise ergänzt um einen Sektor verstaatlichter Industrie (wie in Österreich); eine Regulierung des Arbeitsmarktes über zentrale Lohnverhandlungen und langfristige Verträge; Eingriffe in die freie Preissetzung, etwa bei Wohnungsmieten; eine strenge Regulierung des Finanzwesens, um zu riskante Kreditvergaben zu verhindern.

Seit Mitte der 1970er kommt es zu einer Ablehnung staatlicher Eingriffe, wobei der freie Markt auf den Fahnen geführt wird und sich die ProponentInnen ebenfalls auf das Marktmodell berufen. Letztlich gibt es für beide Seiten keine mathematische Gewissheit, allein die politische und ideologische Überzeugung ist ausschlaggebend.

Die wirksamsten Argumente gegen den staatlichen Eingriff werden in der Folge auch nicht mit einem mathematischen Marktmodell begründet.

Freiheit und Unternehmertum

Auf der Ebene öffentlicher Wahrnehmung waren die Freiheit und der freie Unternehmer möglicherweise das wirksamste Argument gegen staatliche Eingriffe. Die überzeugtesten VerfechterInnen kommen aus der »Österreichischen Schule«; der wichtigste von ihnen ist wohl Friedrich von Hayek. Die Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit ist bei Hayek grundlegend philosophisch. Er glaubt, dass jeder staatliche Eingriff in Richtung autoritärer Staat führt, sein »Weg in die Knechtschaft« richtet sich gleichermaßen gegen Sozialismus wie Nationalsozialismus (denen relative Nähe unterstellt wird). Hayek geht es nicht allein um Effizienz, denn er verteidigt freie Märkte auch dort, wo sie weniger Wachstum bringen – um der Freiheit willen.

Allgemein wird heute den freien UnternehmerInnen höherer Einsatz unterstellt, während überall bekannt ist, dass »der Staat nicht wirtschaften kann«. Dem gegenüber müssten zwei Dinge festgestellt werden:

Erstens: Die Reduktion der Freiheit auf wirtschaftliche Freiheit scheint sehr verengt. Hat ein allgemeiner Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Mobilität oder Nahrungsmitteln nichts mit Freiheit in der Gestaltung des Lebens zu tun? Auch ist »der freie Unternehmer« nicht grundsätzlich mit einem schwachen Staat und auch nicht notwendigerweise mit der Demokratie verbunden. Die liberalen Wirtschaftsreformen in Chile in den 1970er Jahren waren auf der Grundlage einer Militärdiktatur möglich, die politische GegnerInnen in Fußballstadien folterte und dreitausend von ihnen ermordete.

Zweitens: »Der Staat kann nicht wirtschaften.« – Das ist eine Art Trivial-Volkswirtschaftslehre, basierend auf Anekdoten, deren allgemeine Aussagekraft zweifelhaft ist. Die Geschichten über unfähige und schwerfällige staatliche BürokratInnen sind bekannt, aber es können genauso gut gegenteilige Anekdoten präsentiert werden: Singapurs Staatsfonds Temasek gehört zu den erfolgreichsten Finanzinvestoren der Welt; POSCO, der weltweit zweitgrößte Stahlkonzern und Asiens profitabelster, war bis zum Jahr 2000 im Eigentum des südkoreanischen Staates – ohne deswegen besonders unfähig zu sein; die weltgrößten Banken nach Börsenwert befanden sich 2009 in China, und zahlreiche ausländische InvestorInnen stehen Schlange, um Minderheitsanteile zu kaufen – ohne sich daran zu stoßen, dass der chinesische Staat die Kontrolle besitzt. Die Sache ist offensichtlich nicht ganz so einfach.

Die Aussage »Der Staat kann nicht wirtschaften« wird dabei einerseits an einer falschen Anreizstruktur festgemacht (nur der freie Unternehmer sei ausreichend motiviert), aber es werden auch andere Argumente vorgebracht.

Informationsdefizit der Planwirtschaft

Das Informationsdefizit einer zentralen Stelle ist das entscheidende wissenschaftliche Argument (im Gegensatz zum philosophischen rund um die Freiheit), das Hayek vorbringt. Während der Markt eine dezentrale Koordinierung ermöglicht – die MarktteilnehmerInnen müssen nur auf Preissignale reagieren –, muss eine zentrale Planung Informationen aus der gesamten Volkswirtschaft richtig verarbeiten, weil die einzelnen Produktionsprozesse aufeinander abgestimmt werden müssen.

Gegen eine Planwirtschaft sowjetischer Prägung sitzt der Vorwurf. Obwohl ursprünglich viele davon ausgegangen waren, dass die Planwirtschaft in der Koordinierung der Wirtschaft überlegen sei, hat es sich als unmöglich herausgestellt, eine gesamte Volkswirtschaft von einem Planungsministerium in Moskau aus im Detail zu steuern.

Daraus abzuleiten, dass jede staatliche Planvorgabe unmöglich sei, ist allerdings etwas verwegen, zumal die reale »Marktwirtschaft« voll von Planung ist, und einiges funktioniert ganz gut: Planung durch den Staat (etwa wenn er den Verlauf von Eisenbahntrassen oder den Standort von Schulen festlegt) und durch die großen oligopolistischen Unternehmen. Ein Konzern wie Siemens plant für die nächsten Jahre, manchmal Jahrzehnte. Technologieentscheidungen werden getroffen ebenso wie Standortentscheidungen. Es wird versucht, langfristige Lieferverträge abzuschließen, damit sich die Planung in einem stabileren Rahmen bewegt und nicht von wechselnden Marktpreisen durcheinandergeworfen wird. Beispielsweise führt Anfang 2013 der französische Stromkonzern EDF Verhandlungen mit der britischen Regierung über die Errichtung von zwei Atomkraftwerken für 14 Milliarden Pfund (wobei solche Projekte ihren Kostenrahmen noch nie eingehalten haben). Dabei beginnt EDF nur dann zu bauen, wenn ein entsprechender Strompreis garantiert wird. Man möchte eben Planungssicherheit; auf dem freien Markt ist das unternehmerische Risiko zu hoch.

Warum eine staatliche Stelle schlechter in der Lage sein soll, Zukunftstechnologien zu erkennen, als der Vorstand von Siemens oder EDF, ist nicht nachvollziehbar. Natürlich gibt es ein Problem von Informationsdefiziten, das findet sich allerdings auch bei jedem internationalen Großkonzern. Selbstverständlich gibt es auch Strategien, diese Informationsdefizite auszugleichen, etwa überzogene Zentralisierung zu vermeiden. Unternehmensführung und Controlling sind zentrale Bestandteile eines Betriebswirtschaftslehre-Studiums.

Im Endeffekt gibt es Probleme, die jenseits kollektiver Planung schlicht unlösbar sind. Betrachten wir etwa ein Problem wie den Treibhauseffekt (die Mutter aller Externalitäten): Welche Lösung soll hier gefunden werden, wenn keine weit in die Zukunft gerichteten Politikvorgaben vorkommen dürfen? Es ist kein Zufall, dass der Ultraliberalismus die Speerspitze der »Klimaskeptiker« bildet, welche die Klimaerwärmung für eine Verschwörung halten, weil nicht sein darf, was der Markt nicht lösen kann.

Principal-Agent-Probleme

Die seriöseste Argumentationslinie gegen staatliche Intervention sind die Principal-Agent-Ansätze der 1970er Jahre. Die Frage lautet: »Wer ist eigentlich der Chef und wer führt seine Anweisungen aus?« Passend zum damals vorherrschenden technokratischen Modernismus hat die welfare economy der Nachkriegszeit den Staat als eine Art unkorrumpierbaren Engel über der Gesellschaft verstanden, als Ausdruck eines Allgemeininteresses oder zumindest des Mehrheitswillens. Der Staat als »Agent« seines »Principal«, der Öffentlichkeit.

In den 1970er Jahren kam diese Vorstellung zunehmend in die Kritik: einmal durch den Wirtschaftsliberalismus, der statt Marktversagen Staatsversagen ausmachte. Der »Agent« hat eigene Interessen, die mit jenen des »Principal« nicht übereinstimmen müssen. Aber auch durch den in der »Neuen Linken« erstarkten akademischen Marxismus geraten die etwas naiven Vorstellungen vom Wohlfahrtsstaat unter Druck. Staatsapparate vertreten Eigeninteressen oder sie machen Politik für bestimmte Interessengruppen.

Der Wirtschaftsliberalismus hielt den Staatsapparat für eine Geisel der Gewerkschaften, aber das Problem ist durchaus breiter zu fassen – nicht nur Gewerkschaften können politischen Druck ausüben: Der amerikanische Präsident Eisenhower bezeichnete die Verflechtung von wirtschaftlichen Interessen und den politischen und militärischen Apparaten als »militärisch-industriellen Komplex«. Der Marxismus spricht (wohl etwas vereinfachend) vom Staat als dem Instrument der »herrschenden Klasse«. James K. Galbraith – wahrlich kein Liberaler unter den ÖkonomInnen – sieht den Staat als Selbstbedienungsladen für »räuberische« Eliten.

Es reicht, heutige intensive Lobbyingaktivitäten zu betrachten oder die Verflechtungen aus Politik und Finanzwirtschaft, um festzustellen, dass der Staat kein unparteiischer Schiedsrichter über der Gesellschaft ist, sondern Interessen verfolgt.

Es bleibt aber die Frage, ob deswegen staatliche Eingriffe automatisch zum Scheitern verurteilt sind. Wenn es auch stimmt, dass Staatsapparate und gesellschaftliche Gruppen Eigeninteressen verfolgen, so sind diese nicht mit einfacher Korruption gleichzusetzen – zumindest nicht immer. Die französische Bürokratie verfolgte bis in die 1980er Jahre ein Modell eines staatlich gelenkten Kapitalismus, der etwa die Kreditvergabe der Banken in bestimmte vorgegebene Richtungen kanalisierte.

Diese Tradition hat der staatlichen Bürokratie bis heute eine Sonderstellung in der französischen Gesellschaft und einen besonderen Platz unter den Eliten verschafft – es kann also festgehalten werden, dass der dirigisme sich für seine VerwalterInnen durchaus bezahlt gemacht hat. Dennoch war das Ziel dieser staatlichen Eliten nicht nur einfache Bereicherung, sondern auch die Modernisierung Frankreichs, natürlich gemäß bestimmter politischer Vorstellungen.

Außerdem muss festgehalten werden, dass Principal-Agent-Probleme nicht auf den Staatsapparat beschränkt sind. Wenn das Management einer Bank im Fall eines Gewinns mit dicken Boni rechnen darf, für Verluste aber nicht geradestehen muss, dann wird es die Geschäfte ein wenig riskanter anlegen, als es im langfristigen Interesse der EigentümerInnen wäre.

Allgemein tauchen Principal-Agent-Probleme immer dann auf, wenn EigentümerInnen oder AuftraggeberInnen von den Ausführenden getrennt sind. Aus diesen Schwierigkeiten wird aber nicht die Schlussfolgerung getroffen, Aktiengesellschaften sofort aufzulösen, sondern es wird nach Wegen gesucht, das Management zu kontrollieren. Principal-Agent-Probleme sind eine echte Schwierigkeit bei staatlichen Eingriffen, aber möglicherweise ist Demokratisierung die bessere Antwort als völlige Abstinenz des Staates in wirtschaftlichen Fragen.

In der real existieren kapitalistischen Wirtschaft ist der Staat nämlich nicht wegzudenken. Er garantiert Rahmenbedingungen wie den Schutz von Privateigentum, Rechtssicherheit, Patentrechten und vieles mehr. Kapitalismus bedeutet seit fünfhundert Jahren immer auch Riesenkonzerne, von der britischen Ostindien-Kompanie zu den japanischen Zaibatsu der Vorkriegszeit und den heutigen Multis. Konzerne haben wiederum die Möglichkeit, ihre wirtschaftliche Stellung in politische Macht umzusetzen, etwa um Staatshilfen zu erhalten oder Konkurrenten auszuschalten. Auf der Grundlage unvollständigen Wettbewerbes (große Konzerne statt vieler kleiner AnbieterInnen) ist eine Trennung von »Staat« und »Wirtschaft« kaum möglich. Wer vor diesem Hintergrund einen Rückzug des Staates fordert, meint daher in der Regel das Zurückdrängen bestimmter Interessengruppen – während andere weiterhin Einfluss ausüben können. So ist es auch kein Wunder, dass es sich dabei meist um jene politischen Gruppierungen handelt, die ein besonderes Naheverhältnis zu Unternehmerverbänden aufweisen.

Und? Wer koordiniert jetzt die Wirtschaft?

Wir kommen auf den Beginn des Kapitels zurück und wiederholen: die spontane Ordnung des Marktes; die Planung des Staates und der großen Oligopole; institutionelle Arrangements, etwa das Zusammenspiel von Gewerkschaften und Unternehmerverbänden auf dem Arbeitsmarkt. Alle drei spielen eine Rolle. Der Versuch, Märkte völlig abzuschaffen – der in der Sowjetunion unternommen wurde –, ist gescheitert. Eine zentrale Detailplanung über eine gesamte Volkswirtschaft ist mit großen Effizienzverlusten verbunden; in der entstehenden Mangelwirtschaft ist der Markt als Schwarzmarkt über die Hintertür zurückgekehrt.

Der Versuch, den Staat völlig auf die Seite zu schieben, ist eigentlich seit den 1980er Jahren wissenschaftlich wieder auf dem Rückzug und spätestens seit der aktuellen Weltwirtschaftskrise politisch überholt. Für das richtige Verhältnis zwischen Staat und Markt, für die Frage, wie Marktversagen festgestellt und der Staat kontrolliert werden kann, gibt es keine mathematische Lösung, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Antworten. Und was für den Staat und eine Aktiengesellschaft gilt, gilt auch für die Wissenschaft. Keine dieser Antworten ist völlig frei von »Principal-Agent-Problemen« – auch in jeder wissenschaftlichen Antwort finden sich unterschiedliche Interessen in einer Gesellschaft, die niemals frei von Konflikten war.

Die Frage »Wie wird die Wirtschaft koordiniert und warum fällt sie nicht beständig auseinander?« ist berechtigt. In diesem Kapitel haben wir versucht, Hinweise zu ihrer Beantwortung zu geben. Bei der in diesem Zusammenhang ebenfalls geführten Debatte »Wer koordiniert besser – Staat oder Markt?« muss man jedoch ein wenig aufpassen. Teilweise führt sie am Wesentlichen vorbei, denn beide – Staat und Markt – spielen immer eine Rolle.

Selbst ein vorgeblich enthaltsamer Staat verschwindet nicht. Auch die Entscheidung, Marktkräften freien Lauf zu lassen, benötigt politisches Eingreifen. Als etwa die britische Regierung unter Margaret Thatcher Anfang der 1980er Jahre die britische Bergbauindustrie zusammenbrechen ließ, musste sie sich doch mit den Auswirkungen dieser Entscheidung auseinandersetzen und Polizeikräfte gegen die streikenden Kumpels losschicken. Unter dem neoliberalen US-Präsidenten Ronald Reagan wurden die Militärausgaben verdoppelt – nicht gerade ein Zeichen für einen schwachen Staat.

Es ist außerdem keineswegs so, dass solche Entscheidungen dann in einem Raum getroffen werden, in dem Interessen und Interessengruppen keine Rolle spielen. Die Finanzwirtschaft im Südosten Englands war die Gewinnerin der marktliberalen Reformen und hat diese auch nach Kräften gefördert. Die Rüstungsindustrie hat ein Interesse an Rüstungsprogrammen. Es stellt sich also nicht die Frage, ob staatliche Eingriffe abgelehnt oder befürwortet werden, sondern eher, was für einen staatlichen Eingriff eine Gesellschaft wünscht und wem dieser helfen soll. Bei der Frage »Wer wirtschaftet (reguliert) besser – Staat oder Markt?« sollte beachtet werden, was »besser« bedeutet. Ist damit einfach ein mehr an Wirtschaftswachstum gemeint, die Fähigkeit, mehr herzustellen als in der Periode davor?

Ohne umfangreiche Belege vorlegen zu können: Wir würden davon ausgehen, dass seit dem Zweiten Weltkrieg jene Staaten das höchste Wachstum aufgewiesen haben, die staatliche Eingriffe und eine vorsichtige zentrale Planung mit einer Orientierung auf den Weltmarkt und einem relativ autoritären Staat kombiniert haben; zumindest scheint das für relativ arme Länder der Fall zu sein, etwa Südkorea (rechtsgerichtete Militärdiktatur bis in die 1980er Jahre) oder China seit der wirtschaftlichen Öffnung ab Ende der 1970er. Für das rasche Wachstum kann es natürlich auch andere Gründe geben, aber selbst wenn nicht: Es stellt sich die Frage, ob eine gerechtere Einkommensverteilung und legale Gewerkschaften nicht zwei Prozentpunkte weniger Wachstum pro Jahr wert sind.

2. Geld sind Zahlen in Büchern von Banken und die Schulden von jemand anderem

Fast immer, wenn über Wirtschaft gesprochen wird, geht es gleichzeitig auch um Geld. Geld als Mittel zum Konsum, Geld zum Sparen, Geld zum Verteilen, Geld, das an Wert verliert oder an Wert gewinnt, Geld, dessen Wechselkurs zu anderem Geld steigt oder fällt, Geld als Schulden. Der Diskurs über Wirtschaft und Wirtschaftspolitik ist geprägt von Geld.

Das Geld zu verstehen ist wohl wichtig, um zu verstehen, wie Wirtschaft funktioniert – so scheint es zumindest. Zur großen Überraschung spielt es aber in der herrschenden Theorie der Volkswirtschaftslehre eigentlich so gut wie keine Rolle. Das wohl einflussreichste Modell der Volkswirtschaftslehre, das den Grundstein für den gesamten Mainstream und insbesondere für die Neoklassik bildet, kennt kein Geld. Die im 19. Jahrhundert von Léon Walras entwickelte und von Kenneth Arrow und Gérard Debreu in den 1950er Jahren in ihre heutige mathematisierte Form gegossene Allgemeine Gleichgewichtstheorie basiert tatsächlich auf einer Tauschwirtschaft. Geld kommt darin keines vor und spielt daher auch keine Rolle. Natürlich gibt es Modelle, die auf der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie basieren und in denen Geld vorkommt, ja eine ganze neoklassische Geldtheorie. Diese begreift sich selbst aber immer als eine Theorie des Tausches.

Menschen wollen also, laut herrschender volkswirtschaftlicher Lehre, Güter und Dienstleistungen tauschen. Tauschen, das machen sie auf einem Markt. Wo zwei sich treffen und etwas tauschen wollen, da ist ein Markt. Dazu braucht es natürlich zunächst kein Geld. Wenn zwei Steinzeitmenschen tauschen oder wenn die Bauern und Handwerkerinnen aus dem Beispiel im vorherigen Kapitel ihre Lebensmittel und Werkzeuge tauschen, können sie das genauso gut ohne Geld. Die Volkswirtschaftslehre behauptet im Grunde, dass dieses Tauschparadigma immer schon gegolten hat, auch vor dem Gebrauch des Geldes. Es sei daher unabhängig vom Geld gültig. Konsum, Sparen, Schulden, Preise und selbst Zinsen lassen sich durchaus auch ohne Geld erklären. Gespart werden könne schließlich auch in Werkzeugen.

Ein Bauer, der einige Lebensmittel nicht konsumieren will, kann sie in Werkzeuge umtauschen und diese aufbewahren, um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder in Lebensmittel umzutauschen und aufzuessen. Werden die Werkzeuge in dieser Zeit eventuell von jemand anderem benötigt, der sie nützlicher einsetzen kann, aber selbst keine hat, könnte der Bauer sie verleihen. Derjenige, der sie ausleiht, wäre dann wahrscheinlich bereit, einen kleinen Anteil des damit erwirtschafteten Ertrags etwa in Lebensmitteln an den Bauern zu bezahlen. Damit wäre dann der Zins geboren. Wie also leicht zu sehen ist: Für all diese Operationen benötigt die Volkswirtschaftslehre nicht notwendigerweise Geld als Erklärung. Ganz im Gegenteil ist Geld eher ein störender Faktor, der sich in die Modelle gar nicht so gut einfügen lässt. Wozu also Geld?

Geld als Recheneinheit

Wie wir schon an anderer Stelle besprochen haben, basiert Wirtschaft, sobald sie einmal über die Subsistenzwirtschaft – also dem bloßen Produzieren der Individuen oder Haushalte für den Eigenbedarf – hinausgeht, auf Tausch. Dieser Tauschprozess führt, so die Allgemeine Gleichgewichtstheorie, zu einem Gleichgewicht, bei dem niemand mehr weiter tauschen will, weil niemand mehr durch Tausch bessergestellt werden kann, ohne dass ein anderer schlechtergestellt werden würde. Dabei kann dann in unserem Beispiel von Bauern und Werkzeugmacherinnen zum Beispiel eine Tauschrelation von drei Lebensmitteln zu einem Werkzeug herauskommen.

Nehmen wir an, die Bauern verhandeln über Preise und bezahlen in Euro. Dann würde für 1 Lebensmittel eben 1 Euro bezahlt werden und für 1 Werkzeug 3 Euro; 1 Werkzeug könnte so wiederum in 3 Lebensmittel getauscht werden, über den »Umweg« des Geldes eben. Hier würde es sich tatsächlich um einen Umweg handeln, wäre es doch viel einfacher, direkt Lebensmittel gegen Werkzeuge zu tauschen. In der realen Welt allerdings wird schnell klar, dass es wohl nicht so leicht wäre, etwa als FahrradhändlerIn Fahrräder gegen Lebensmittel im Supermarkt zu tauschen oder als FriseurIn das Haarschneiden gegen Benzin an der Tankstelle.

Je spezialisierter und arbeitsteiliger die Gesellschaft, desto schwieriger ist es, in einer Tauschwirtschaft ohne Geld zu leben. Es ist auch kaum vorstellbar, dass sich alle Wirtschaftsteilnehmer die entstandenen Tauschrelationen zwischen den Gütern merken könnten. Während es bei zwei Gütern nur eine Tauschrelation gibt, gibt es bei 3 Gütern schon 3, bei 4 schon 6, bei 10 schon 45 und bei 10 000, wie sie etwa in einem Supermarkt vorkommen, bereits 49 995 000 Tauschrelationen. Ein Supermarkt, der die jeweiligen Preise der Güter anstatt in Euro in jeweils allen anderen Gütern anschreiben wollte, wäre wohl sehr unübersichtlich: 1 Liter Milch kostet 2 Schokoriegel, 50 Gramm Wurst, 30 Gramm Käse, 3 Jogurts, ¾ Packungen Cornflakes, ⅓ Tiefkühlpizza, usw. Wird hingegen eines der Güter als Recheneinheit verwendet, vereinfacht sich das Ganze dramatisch. Dafür brauchen wir dann das Geld, das in der Volkswirtschaftslehre als »numéraire-Gut« bezeichnet wird.

Bei all diesen Überlegungen wird Geld nur als Recheneinheit benötigt. In der Volkswirtschaftslehre und auch in unserem alltäglichen Leben hat Geld aber noch eine weitere wichtige Funktion: Geld ist das Medium, mit dem Konsum über die Zeit transferiert werden kann. Dabei spielt auch der Zins eine Rolle, der zuallererst aber – wie oben beschrieben – auch schon ohne Geld existieren kann.

Geld als Mittel zum Konsumtransfer über die Zeit

Wenn Menschen durch ihre Arbeitskraft Güter produzieren, erzielen sie dadurch Einkommen: der Bauer in unserem Beispiel in Form von Lebensmitteln, die Werkzeugmacherin in Form von Werkzeugen. Wenn der Bauer andere Menschen anstellt, die ihre Arbeitskraft anbieten, weil sie selbst kein Land besitzen, muss der Bauer sie dafür bezahlen, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können und so auch ihre Arbeitskraft weiter anbieten können. Er könnte sie in Lebensmitteln bezahlen, die sie dann wieder in andere Güter tauschen können. Wenn sie aber nicht alle Lebensmittel sofort aufessen wollen und auch keinen Bedarf an anderen Gütern mehr haben, wäre es klug, die Lebensmittel in ein Gut zu tauschen, dessen Wert über die Zeit länger erhalten bleibt. Lebensmittel würden sich dazu nicht eignen, sie werden recht schnell ungenießbar und verlieren damit auch ihren Tauschwert. Wer will schon Werkzeuge oder genießbare Lebensmittel gegen faules Obst tauschen?

Die Volkswirtschaftslehre geht davon aus, dass sich mit der Zeit ein Gut, das sich hierfür besonders gut eignet, durchsetzt und zur allgemeinen Recheneinheit und Mittel zum Konsumtransfer über die Zeit wird, das so genannte numéraire-Gut. Das waren zuerst bestimmte langlebige Güter, oder auch einzelne Metalle und dann Münzen, also bereits standardisierte Mengen an Metallen.

Heute ist Geld so genanntes »fiat money« (»Es werde Geld«). Weder die Münzen und schon gar nicht die Scheine sind physisch das wert, was ihnen aufgeprägt oder aufgedruckt ist, aber es sind Schuldtitel, die in Geschäften, Banken und in allen Bereichen, in denen sie angenommen werden, gegen eine bestimmte Menge an Gütern und Dienstleistungen getauscht werden können.

Wie viel für eine gewisse Geldeinheit zu bekommen ist, bestimmt der Markt, der die Tauschverhältnisse festlegt und die dadurch resultierenden Preise in Einheiten des numéraire-Gutes – dem Geld – ausdrückt.

Wenn Menschen heute nicht alles, was sie als Einkommen durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft verdienen, für den Konsum ausgeben, dann sparen sie den Rest in irgendeiner Form von Geld- oder Sachvermögen. Das Sparen bedeutet dabei nichts anderes, als den Konsum über die Zeit zu verschieben. »Nichts anderes« bezieht sich in diesem Kapitel erst einmal auf die volkswirtschaftliche Theorie. Aber tatsächlich ist es so, dass Menschen sparen, um im Alter versorgt zu sein (und dabei Konsum in einen anderen Lebensabschnitt verschieben), für größere Anschaffungen (ich konsumiere jetzt weniger und dafür in zwei Jahren ein Auto) oder für die zukünftige Ausbildung ihrer Kinder.

Geld (und im weiteren Sinne Vermögen) wird manchmal aber auch aus anderen Gründen als dem zukünftigen Konsum angespart. Denken wir an Statussymbole, Anerkennung oder aber ab bestimmten Summen an Macht und Einflussmöglichkeiten. Vorerst bleiben wir aber bei der wohl häufigsten Form, dem Sparen für zukünftigen Konsum oder dem zukünftigen Konsum der Kinder.

Je nachdem, wie viele Menschen sparen können und wie lange sie ihren Konsum verschieben wollen, nutzen sie dazu unterschiedliche Aufbewahrungsformen. Das geschieht deswegen, weil verschiedene Formen des gesparten Vermögens einerseits unterschiedlich schnell wieder in Waren umgetauscht werden können. Andererseits sind diese Aufbewahrungsformen meist mit einem Leihen des Geldes in der Zeit des Konsumverzichts und damit mit einer bestimmten Bezahlung verbunden: dem Zins.

Der Zusammenhang zwischen Zins und Geld

Wie schon erwähnt, kann es auch ohne Geld Zins geben. Die Funktion von Zinsen entspricht einem Transfer von Konsum über die Zeit – dafür wird heute Geld verwendet, und nur darum ist Geld mit Zins verbunden. Zinsen repräsentieren immer eine Zahlung in der Zukunft für einen Transfer von Geld heute oder in der Vergangenheit. Menschen, die ihr Einkommen heute nicht in Güter umwandeln und konsumieren wollen, sparen. Sie transferieren damit ihren Konsum in die Zukunft. Das äußert sich in unserem Wirtschaftssystem im Allgemeinen so, dass sie ihr Geld zu einer Bank bringen. Andere Menschen, die gerade Geld benötigen, leihen es sich bei der Bank aus, beispielsweise um zu konsumieren oder, wenn es sich um ein Unternehmen handelt, um zu investieren. Transferiert werden demnach reale Ressourcen. Die SparerInnen verzichten tatsächlich auf realen Konsum, etwa ein zusätzliches Butterbrot, während die SchuldnerInnen das Geld leihen, um es wieder in reale Ressourcen zu tauschen. Auch hier ist Geld demnach eine Recheneinheit, die dazu dient, den Tausch realer Ressourcen einfacher bewerkstelligen zu können.

Der Zins kommt nun durch zwei Dinge zustande. Einerseits werden damit die Menschen, die auf ihren Konsum heute verzichten, für ihren Verzicht entschädigt, andererseits wird ein Teil davon verwendet, um die Dienstleistung der Finanzintermediäre zu bezahlen.

Dieser Transfer muss nicht zustande kommen. Er geschieht eben dann und nur dann, wenn es auf der einen Seite Menschen gibt, die auf eine bestimmte Menge Geld zu einem dafür angebotenen Preis (Sparzins) verzichten wollen, und es auf der anderen Seite Menschen oder Unternehmen gibt, die bereit sind, etwas dafür extra zu zahlen (Kreditzins), damit ihnen heute Geld zur Verfügung gestellt wird, das sie erst später verdienen werden.

Bei Menschen in unseren Gesellschaften ist es etwa häufig so, dass Menschen am Beginn ihres Lebens eher wenig Einkommen haben, sie aber davon ausgehen, dass es in Zukunft steigen wird. Trotzdem wollen sie häufig eine Familie gründen oder Eigentum an Immobilien erwerben, wenn sie jung sind. Sie sind daher bereit etwas extra dafür zu bezahlen, damit sie das früher tun können. Verdienen sie später mehr, können sie dieses Geld leichter aufbringen und zurückzahlen. Manchmal ist es auch einfach billiger, eine Wohnung auf Kredit zu kaufen als ewig Miete zu bezahlen. Dasselbe gilt für Unternehmen. Sie nehmen dann einen Kredit auf, wenn sie erwarten mit dem zusätzlichen Geld mehr erwirtschaften zu können, als der Kreditzins Kosten verursacht.

Zinsen müssen also letztlich immer in Form von Einkommen erwirtschaftet werden und werden damit aus einem Teil des Ertrags der Unternehmen bezahlt. Zinsen können bezahlt werden, weil Kredite in Projekte investiert werden, deren Rendite über dem Zinssatz liegt. Zinsen sind der Preis dafür, dass mit geliehenem Geld gearbeitet werden kann.

Zinskritik

Zu verschiedensten Zeiten und insbesondere zu Krisenzeiten treten immer wieder Gruppen mit verschiedenster politischer Überzeugung von links bis rechts auf den Plan und erklären, dass die Zinsen an allem Schuld sind: Zinsen würden – so das Argument – dazu führen, dass Menschen, die Geld haben, ohne etwas dafür zu tun, noch mehr Geld daraus machen könnten. Dazu käme noch, dass die mit dem Geld verbunden Schulden durch ihr exponentielles Wachstum nie zurückbezahlt werden könnten. Zinsen sollten somit abgeschafft werden und stattdessen so genanntes »Schwundgeld«, oder »Freigeld«, oder auch »Tauschkreise« eingeführt werden, die dann ohne die Zinsen auskämen.

Was ist dran an diesen Argumenten? Sind Zinsen das Problem? Sind Freigeld oder Tauschkreise die Lösung? Zu den Argumenten. Meistens gehen sie – manchmal über einige Ecken – auf die Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell zurück. Gesell entwickelte die Freiwirtschaftslehre Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie basiert auf der Idee, das Hauptproblem des Kapitalismus bestünde darin, dass jene, die das einzig unverderbliche Gut horten – das Geld – alle anderen schamlos ausnutzen können. Alle anderen brauchen das Geld nämlich zum Tausch und um sich dieses Geld zu leihen, müssen sie nun den GeldbesitzerInnen Zins bezahlen. Aus dieser Vorstellung heraus forderte er das »zinsfreie Geld«, das laufend an Wert verlieren und so immer im Wirtschaftskreislauf gehalten werden sollte. Geld horten würde schlicht keinen Sinn mehr machen. Statt des Verleihens von Geld würden die KapitalbesitzerInnen in Investitionen in die Realwirtschaft (etwa in neue Produktionsstätten) getrieben werden.

Diese Vorstellung wurde in der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren zum ersten Mal populär. In etwas anderer Form blüht die Freiwirtschaftslehre in verschiedenen oftmals ökologisch motivierten Gruppen seit den 1980er Jahren wieder auf. Im Mittelpunkt stehen lokale Tauschkreise oder lokales Freigeld. Zusammenfassend meinen diese Gruppen, dass Markt, Geld und Kapitalismus dann gut seien, wenn sie klein sind und ohne Zins auskommen. Der Zins, meinen sie, sei schuld am so genannten Wachstumszwang. Je höher die Zinsen, desto stärker müssten Unternehmen wachsen, um die aufgenommen Kredite zurückzahlen zu können. Dieser zwangsweise Wachstumswettlauf führe zu Krisen und ökologischen Katastrophen. Ohne Zinsen auch kein Wachstumszwang.

So einfach sich das anhört, so problematisch ist es. Wir brauchen dazu noch nicht einmal allzu tief in die Theorie einzutauchen, um das zu erkennen. Wenn die Wirtschaftspolitik das Wachstum fördern will, wie etwa in der 2007 ausgebrochenen Krise, dann erhöht sie die Zinsen nicht, sondern senkt sie. Warum? Geld wird billiger, es wird mehr ausgegeben, die Unternehmen können es billiger leihen und geben es risikoreicher aus. Das Wachstum wird also durch niedrige Zinsen angeheizt, und durch negative Zinsen, wie sie die ZinskritikerInnen beim Freigeld vorsehen, erst recht. Wachstumszwang, wie ihn die ZinskritikerInnen nennen, entsteht keineswegs durch den Zins. Das ist ein fundamentales Missverständnis der kapitalistischen Wirtschaftsform. Zwar stimmt es, dass zur Begleichung des Kreditzinses bestimmte Erträge beziehungsweise Einkommen notwendig sind, muss er doch letztlich aus real erwirtschaftetem Profit bezahlt werden.

Aber die eigentliche Triebkraft des Wachstums im Kapitalismus ist die Konkurrenz. Jene Unternehmen, die schneller wachsen, können mehr investieren, können zusätzlich an ihre AktionärInnen ausbezahlen, steigen schneller im Wert und verdrängen letztlich die anderen Unternehmen. Der Einsatz von Fremdkapital verschafft beim Wachstum einen entscheidenden Vorteil. Dafür wird der Zins bezahlt.

Ein weiterer Grund für das Wachstum: Der technische Fortschritt setzt laufend Arbeitskräfte frei, die irgendwo anders beschäftigt werden müssen und damit natürlich insgesamt mehr herstellen, sollen sie nicht die Zahl der Arbeitslosen erhöhen. Ebenso benötigt der staatlich-politische Apparat im Kapitalismus das Wachstum. Die Ungleichheit der Individuen im Kapitalismus wird nur auf Dauer akzeptiert, wenn es zumindest für alle immer besser wird. Das Wachstumsversprechen des Kapitalismus ist notwendig für seinen Bestand.

Das fundamentale Missverständnis, dem die AnhängerInnen von Freigeld und Tauschkreisen aufsitzen, ist die Vorstellung, dass der Zins einfach ein Preisaufschlag wäre, den die GeldbesitzerInnen verlangen können, weil die anderen das Geld zum Tauschen brauchen. Der Zins aber ist nichts anderes als ein Anteil am Profit desjenigen, dem das Geld geliehen wurde. Das ist nicht immer leicht zu überschauen, da eine Vielzahl von unterschiedlichen Kapitalanlagemöglichkeiten unterschiedlichen Zins bringt. Und Kapital auf Finanzmärkten manchmal den Eindruck erweckt, es würde sich selbstständig vermehren.

Letztlich ist aber jeder Zins Teil eines real erwirtschafteten Profits. Werden Schulden aufgenommen und es stellt sich heraus, dass der versprochene Profit nicht real erwirtschaftet wird, kommt es zur Krise, zu Preisverfall und Wertverfall und auch zu keinen Zinsen im entsprechenden Ausmaß.

Kapital vermehrt sich also nie von selbst – auch wenn das heute manchmal so scheinen mag, weil nicht mehr direkt beobachtbar ist, wo und wie das veranlagte Kapital zum Einsatz kommt. Irgendwo wird aber produziert, investiert oder stehen Produktionsmittel im Eigentum. Kapitalvermehrung ist immer Ausdruck einer (möglicherweise zukünftigen) Produktion oder einer veränderten Bewertung von Produktionsmitteln.

Auch für die Einkommens- und Vermögenskonzentration, die im Kapitalismus beobachtet werden kann, ist Zins nicht die alleinige Ursache. Klar, höheres Einkommen führt bei gleicher Sparquote langfristig zu einer immer ungleicheren Vermögensverteilung. Jeden Monat kann einer mehr weglegen als ein anderer, der absolute Abstand wächst, und die Zinsen und Zinseszinsen beschleunigen dieses. Aber auch ohne Zins würde Ähnliches stattfinden. Warum? Wie gesagt, ist der Zins als Anteil eines Profits zu verstehen. Profite, die eher reinvestiert werden, führen zu höheren Profiten. Während Lohn aus Arbeit vorrangig verkonsumiert wird. Ungleichheit beruht also nicht nur auf dem Zinssystem.

Der Denkfehler der Freigeld-AnhängerInnen ist einfach zu sehen. Sie hätten gern freien Kapitalismus, aber ohne Zins, wo Geld reines Tauschmittel ist und nicht mehr mit Zins verliehen werden kann. Dabei übersehen sie, dass Profit und Zins zwei Seiten derselben Medaille sind. Der Profit des einen ist der Zins des anderen. Zins ist nur Anrecht auf einen Teil des Profits. Ohne Profit aber gibt es auch keinen Kapitalismus.

All das bedeutet nicht, dass es nicht Situationen gibt, in denen das Ausmaß der Schulden zu hoch ist – eben, weil die Profite und Einkommen niedriger sind als angenommen wurde und daher auch die Zinsen nicht bezahlt werden können. Geschieht das einem einzelnen Unternehmen, gibt es eine Insolvenz, und die GläubigerInnen fallen um ihr Geld um. Das kann Regierungen betreffen, wenn die Staatsverschuldung zu hoch wird, oder auch ganze Volkswirtschaften, wenn die Verschuldung des Staates, der Unternehmen und der privaten Haushalte nicht mehr tragbar ist. In solchen Situationen kann die Verschuldung die Wirtschaft erdrücken. Es gibt durchaus Argumente für eine Versorgung mit möglichst billigem Geld und für möglichst niedrige Zinsen. Ähnlich dem »Schwundgeld« wären manchmal auch negative Zinsen günstig – was in der technischen Durchführung aber Probleme macht.

Genauso gibt es Situationen, in denen die Geldwirtschaft zusammenbricht und sich Tauschkreise bilden, etwa in Argentinien nach der Finanzkrise von 2001. Das mag in manchen Situationen vernünftig sein, bedeutet aber nicht, dass damit der Zins abgeschafft wäre oder der Kapitalismus grundlegend verändert. Die argentinischen Tauschkreise sind kollabiert, weil Leute entdeckten, dass man die Tauschgutscheine, über die der Handel abgewickelt wurde, in Farbkopiergeräten vervielfältigen kann.

Aber nehmen wir einmal an, sie wären fälschungssicher gewesen: Was, wenn jemand eine größere Investition tätigen wollte? Hätte er dann nicht versucht, sich solche Gutscheine zu leihen? Und wären nicht andere bereit gewesen, zu verleihen? Für eine kleine Entschädigung natürlich – sagen wir vier Prozent pro Jahr?

Die Neutralität des Geldes

Mit der Vorstellung, dass Geld lediglich eine Recheneinheit ist, die den Gütertausch erleichtert, weil sie die Transaktionskosten verringert, geht auch die so genannte Neutralität des Geldes einher.

Laut klassischer und neoklassischer Volkswirtschaftslehre gibt es einen monetären und einen realen Sektor der Volkswirtschaft. Im realen Sektor werden nach Angebot und Nachfrage die Austauschverhältnisse zwischen den Gütern bestimmt. Auch die Verteilung der Produktionsfaktoren auf die Produktion verschiedener Güter und deren Mengen bestimmen sich allesamt im so genannten realen Sektor einer Volkswirtschaft.

Im monetären Sektor hingegen wird nur bestimmt, welchen Wert die Recheneinheit, also das Geld, in Bezug zu den Gütern im realen Sektor hat. Dieser Wert der Recheneinheit bestimmt dann die Preise in Geld, hat jedoch auf die tatsächlichen Austauschverhältnisse zwischen den Gütern keinerlei Auswirkungen. Damit hat der monetäre Sektor insgesamt keinerlei Auswirkungen auf den realen Sektor. Die realen Werte, seien es nun die eines Werkzeugs oder des ganzen Bruttoinlandsprodukts, werden durch deren Bepreisung in Geldeinheiten nicht verändert. Auch ihr Tauschwert in Bezug auf andere Güter des realen Sektors ändert sich nicht.

Diese Hypothese der Neutralität des Geldes setzt einerseits funktionierende Preismechanismen auf Märkten und andererseits das Fehlen der so genannten Geldwertillusion voraus. Eine Geldwertillusion wäre es, wenn sich Leute darüber aufregen, dass sich die Preise im Supermarkt in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt haben, sie selbst aber auch das Doppelte verdienen. Oder wenn ArbeiterInnen gegen eine Kürzung ihres Geldlohnes um fünf Prozent streiken, aber einen unveränderten Lohn noch akzeptieren, wenn rundherum alles um fünf Prozent teurer wird. Mit den Worten der Neoklassik: Neutralität des Geldes bedeutet, dass das Geld nichts als ein »Schleier« ist, der sich über den realen Sektor der Wirtschaft legt, dabei aber nicht verändert, was er bedeckt.

Inflation und Deflation

Wenn langfristig die Geldpreise steigen, wird von Inflation gesprochen. Das heißt, das Geld verliert an Kaufkraft. Wenn in den Medien, oder sonst wo von Inflation die Rede ist, wird diese am so genannten Verbraucherpreisindex gemessen. Dabei wird, meistens von den statistischen Ämtern eines Landes, ein Warenkorb bestimmt, der von einem typischen Haushalt in einem Jahr konsumiert wird. Da finden sich Lebensmittel, Wohnkosten, Transportkosten, anteilmäßig auch Kosten für langlebige Konsumgüter wie Autos und Ähnliches. Die Preise dieses umfangreichen Warenkorbes werden laufend beobachtet und die Preisänderungen aufgezeichnet. So kann festgestellt werden, um wie viel das Geld, die Recheneinheit, das numéraire-Gut – wie immer es nun genannt wird –, an Kaufkraft verloren oder auch gewonnen hat. Falls es an Kaufkraft gewonnen hat, sind die Geldpreise der Güter gesunken, was dann Deflation statt Inflation genannt wird.

Aber wodurch werden Änderungen des Preisniveaus ausgelöst? Aus der »Neutralität des Geldes« ergibt sich die »Quantitätstheorie des Geldes«, die sich bis heute in jedem Wirtschaftskunde-Schulbuch findet. Danach ist das Preisniveau abhängig von der Geldmenge, die im Umlauf ist: Wir nehmen wieder die Werkzeugmacherinnen und Bauern und nehmen an eine Einheit Lebensmittel kostet 1 Euro, ein Werkzeug 3 Euro. Wir behaupten weiter, ein Bauer produziert 6 Lebensmittel zum Verkauf, eine Werkzeugmacherin kann jeden Monat 2 Werkzeuge auf den Markt bringen. Damit verdient jeder und jede von ihnen 6 Euro, mit denen sie einkaufen können.

Und dann wird die Geldmenge erhöht, etwa weil die Notenbank Geldscheine druckt und an die Bevölkerung verteilt (warum auch immer). In jedem Fall behaupten wir weiter, dass alle WirtschaftsteilnehmerInnen plötzlich am Anfang des Monats zu ihrem Einkommen von 6 Euro weitere 6 dazubekommen. Was wird geschehen? Die Haushalte stellen jetzt fest, dass sie so viel Geld nicht benötigen, und gehen zusätzlich einkaufen. Aber unsere Wirtschaft befindet sich in einem Gleichgewicht der Vollbeschäftigung, das zusätzliche Geld findet also keine zusätzlichen Waren. Die Nachfrage übersteigt also das Angebot, die Preise werden deswegen steigen. Bei einer Verdoppelung der Geldmenge werden sie sich ebenfalls verdoppeln.

Die relativen Preise von Lebensmitteln und Werkzeugen haben sich dabei in diesem Beispiel nicht geändert, weil die höhere Geldmenge die Nachfrage nach Lebensmitteln und Werkzeugen gleichmäßig hat steigen lassen: Bauern wollen immer noch Werkzeuge kaufen, Werkzeugmacherinnen Lebensmittel – haben sie mehr Geld, dann wollen sie mehr davon, aber die relative Nachfrage zwischen Werkzeugen und Lebensmitteln verschiebt sich nicht. Ein Bauer konnte ursprünglich 6 Lebensmittel in 6 Geldeinheiten tauschen und diese wiederum in 2 Werkzeuge. Das Tauschverhältnis war also 3 Lebensmittel zu 1 Werkzeug. Nach der Inflationsphase, in der das Geld die Hälfte seiner Kaufkraft eingebüßt hat, könnte eine Werkzeugmacherin ihre 2 Werkzeuge umtauschen in 12 Geldeinheiten. Mit diesen 12 Geldeinheiten lassen sich nun 6 Lebensmittel kaufen, so viel wie auch vor der Geldentwertung schon. Das reale Tauschverhältnis bleibt mit 1 Werkzeug zu 3 Lebensmitteln stabil. In diesem Beispiel ist Geld also neutral und Inflation oder Deflation ausschließlich abhängig von der Veränderung der Geldmenge.

Dieser Vorgang sollte keinesfalls verwechselt werden mit anderen Arten von Preissteigerungen, die etwa durch Knappheit in einigen Sektoren entstehen und somit die realen Austauschverhältnisse direkt beeinflussen. So würde in unserem Fall eine schlechte Ernte wahrscheinlich zu einer Aufwertung des Tauschverhältnisses zu Gunsten der Lebensmittel führen, schlichtweg, weil sie knapper geworden sind, also ein geringeres Angebot besteht.

Oder ist Geld doch nicht neutral?

An eine völlige Neutralität des Geldes glaubt tatsächlich niemand, einige aber doch an den oben beschriebenen fixen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau – der aus der Neutralität des Geldes abgeleitet wird. So etwa Teile des Wirtschaftsliberalismus, wie der in den 1970er und 1980er Jahren einflussreiche »Monetarismus« Milton Friedmans. Seine »Neoquantitätstheorie« ist im Prinzip eine Neuauflage der alten Quantitätstheorie vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Allerdings ist der Wirtschaftsliberalismus (und besonders Friedman) davon überzeugt, dass schon leicht erhöhte Inflationsraten schädlich sind. Wenn aber Inflation eine Gefahr ist, dann kann Geld nicht neutral sein. Wäre Geld neutral, wären Inflation oder Deflation bedeutungslos.

Gegen die Neutralität des Geldes gibt es ein Argument, dem praktisch alle zustimmen: Preise und auch Löhne werden eben nicht unverzüglich angepasst, sollte die allgemeine Inflationsrate höher werden oder die Geldmenge größer. Sowohl Preise als auch Löhne sind »sticky«, also klebrig, wie es die Neukeynesianer bezeichnen. Warum sollte das der Fall sein? Ist plötzlich doppelt so viel Geld im Umlauf, warum sollten nicht sofort alle Preise und Löhne sich verdoppeln? Schließlich entstehen laut neoklassischem Modell die realen Tauschverhältnisse im realen Sektor, und Geld dient nur als Recheneinheit.

Die Antwort ist nicht schwer zu finden: Informationen brauchen Zeit, bis sie sich verbreiten, es entstehen Kosten, wenn Preise angepasst werden müssen, ja selbst das Anbringen neuer Preisschilder braucht Zeit und wird nicht überall gleich schnell vonstattengehen. Bei den Löhnen gilt Ähnliches. Es gibt Verträge, die erst auslaufen müssen, bis neu verhandelt werden kann. Eine Weile lang werden fehlende Informationen, Suchkosten auf dem Arbeitsmarkt und im Allgemeinen die Geldwertillusion für Verzögerungen sorgen. Für manche Produkte wird das länger dauern, für andere wird es schneller gehen, für Preise vielleicht schneller als für Löhne und Ähnliches. So wird es zumindest zeitweilig zu tatsächlichen Auswirkungen der monetären Größen auf die realen kommen. Wie stark diese Effekte sind, ist unklar und mag auch auf verschiedenen Märkten und in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich schnell vonstattengehen.

Aus den besprochenen Gründen wird es jedenfalls nie genau so sein wie in unserem einfachen Beispiel mit Werkzeugen und Lebensmitteln, in dem sich beide Preise gleichzeitig und perfekt anpassen und es damit zu keinerlei Veränderungen der Tauschverhältnisse zwischen den Gütern kommt.

Kurzfristig führen Inflation und Deflation immer zu Verzerrungen in den realen Tauschverhältnissen zwischen Gütern. Je transparenter und anpassungsfähiger die Märkte sind, desto schneller wird dieser Prozess vonstattengehen und die Verzerrungen behoben sein. Ohne Zeitverzögerung und vollständig – wie in den klassischen und neoklassischen Theorien – wird dies aber realistischerweise weder heute noch irgendwann in Zukunft funktionieren können.

Die »klebrigen Preise« und die verzerrten Märkte erklären die Ablehnung des Wirtschaftsliberalismus gegenüber erhöhten Inflationsraten. Wenn man davon überzeugt ist, dass die Wirtschaft über Märkte gesteuert wird und gesteuert werden soll, dann ist es wichtig, dass diese Märkte die richtigen Preissignale bekommen. Wenn das Geld reale Austauschverhältnisse ändert, dann kann höhere Inflation die Wirtschaft durcheinanderbringen.

Noch ein weiteres Problem hängt mit klebrigen Preisen zusammen, ein Problem, das unmittelbar die Verteilung von Vermögen und Einkommen beeinflusst. Der Preis des Geldes ist nämlich besonders klebrig: Zinsen passen sich nicht automatisch der Inflationsrate an. Wenn Zinsen zwischen SchuldnerInnen und GläubigerInnen vereinbart werden, dann sind diese oft variabel. Der Zinssatz für einen Kredit ändert sich dann mit den Marktzinsen – und diese steigen oft (aber nicht immer) mit der Inflationsrate. Andere Zinssätze sind allerdings fixiert. Wer am 20. Dezember 2010 der US-amerikanischen Regierung für zehn Jahre Geld geliehen hat, bekommt dafür jedes Jahr 3,27 Prozent, unabhängig davon, wie sich die Inflationsrate entwickelt. Sinkt diese oder es gibt gar eine Deflation, dann kann gut verdient werden – und der US-amerikanische Steuerzahler bekommt eine relativ hohe Last umgehängt.

Was aber, wenn zwei Jahre nach Abschluss des Geschäfts die Inflation bei 10 oder 15 Prozent liegt? Dann bleibt nach zehn Jahren nicht mehr viel übrig. Das kann man jetzt unterschiedlich beurteilen: Der amerikanische Ex-Präsident Reagan hat die Inflation einen »mugger in the dark« genannt, einen Straßenräuber, der sich die Vermögen der Sparsamen aneignet. John Maynard Keynes hat stattdessen eher zufrieden von der »Euthanasie des Rentiers« gesprochen, wegen der Tendenz der Inflation, die Geldvermögen zu entwerten.

Den Vermögenden selbst ist das natürlich nicht entgangen: Die Bereitschaft, Geld zu fixen Zinsen zu verleihen, sinkt, wenn mit der Möglichkeit gerechnet wird, dass die Inflation steigt. Dadurch verschlechtert sich die Berechenbarkeit der Zinsbelastung für Unternehmen und Haushalte.

Noch ein weiteres Problem ergibt sich durch Schulden, auch wenn sich Zinsen immer perfekt an die Inflation anpassen würden, und der Realzinssatz immer gleich bliebe: Wir stellen uns vor, jemand möchte einen 100 000-Euro-Kredit, um sich damit eine Wohnung zu kaufen. Die Inflationsrate liegt bei 2 Prozent, und der Zinssatz beträgt 4 Prozent. Das bedeutet, dass der Kreditnehmer im ersten Monat nach Kreditaufnahme 333 Euro Zinsen bezahlen muss. Dazu kommt noch die eigentliche Rückzahlung des Darlehens, aber das lassen wir der Einfachheit halber weg. Auch ohne jegliche Rückzahlung wäre der Wert des 100 000-Euro-Kredits am Ende des ersten Jahres aufgrund der Inflation 2 Prozent geringer – einfach weil 100 000 Euro um 2 Prozent weniger Waren kaufen können und auch die Geldeinkommen gestiegen sind.

Jetzt lassen wir die Inflation auf 10 Prozent steigen. Sollen die Realzinsen (Zinsen abzüglich Inflation) gleich bleiben, beträgt der Zinssatz jetzt 12 Prozent. Der Kreditnehmer oder die Kreditnehmerin muss eine monatliche Zinsbelastung von 1 000 Euro verdauen, aber dafür ist auch ohne jede Tilgung das Darlehen am Ende des Jahres 10 Prozent weniger wert. Steigt die Inflation auf 30 Prozent, bekommen wir bei 2 Prozent Realzinsen eine Zinszahlung von 2 666 Euro im ersten Monat, über ein Jahr müssen 32 000 Euro für Zinsen bezahlt werden. Dafür sinkt der Wert des Kredits nach einem Jahr auch fast um ein Drittel, nach zwei Jahren ist nur mehr knapp die Hälfte übrig – die Inflation frisst das Darlehen auf. Die Bankkundin oder der Bankkunde wäre bald schuldenfrei, müsste aber tatsächlich über ein sehr hohes Einkommen verfügen, um die Zinszahlungen in der allerersten Phase zu bewältigen. Wir sehen: Höhere Inflationsraten machen langfristige und hohe Verschuldung schwierig, niedrige Inflationsraten erleichtern sie. Lange Phasen niedriger Inflation (und niedriger Zinsen) können zu einem hohen Verschuldungsgrad einer Wirtschaft führen.

Als weiteres Argument gegen die Neutralität des Geldes bringt John Maynard Keynes die spekulative Geldhaltung. In Zeiten wirtschaftlicher Einbrüche können Menschen versuchen, ihr Vermögen zu beschützen, indem sie es als Bargeld halten. Das Geld wird gehortet und de facto aus dem Umlauf genommen.

»Klebrige Preise« und die spekulative Geldhaltung zeigen, dass Geld nicht neutral ist. Sie zeigen auch, dass ein Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation zumindest nicht unmittelbar gegeben sein muss.

Muss eine Erhöhung der Geldmenge immer früher oder später zu Inflation führen? Nach den einfachen Regeln, wie wir sie kennen gelernt haben, wäre die Antwort ja. Geld ist nur Recheneinheit; ist mehr vorhanden, steigen die Preise in Geld bei gleich bleibenden Austauschverhältnissen zwischen den Gütern – wenn auch nicht immer sofort und nicht immer, ohne währenddessen für Probleme zu sorgen.

Das muss aber nicht so sein. Tatsächlich wird die Inflation über die bereits angesprochenen Warenkörbe gemessen. Nur dann, wenn also die Preise der Güter innerhalb dieser Warenkörbe steigen, steigt auch die so gemessene Inflation an. Das muss aber nicht immer der Fall sein: Wenn es einen festen Zusammenhang zwischen Inflation und Geldmenge gäbe, dann müsste die Geldmenge genauso schnell steigen, wie die gesamte Leistung der Wirtschaft, plus der Inflationsrate – tut sie aber nicht. Für die Eurozone stieg die Wirtschaftsleistung zu Marktpreisen (also Wirtschaftswachstum plus Inflation) von 2001 bis 2008 um ziemlich genau 30 Prozent. Die Geldmenge m3 (Geld kann unterschiedlich definiert werden, m3 ist dabei die wichtigste Maßzahl) legte aber um 74 Prozent zu. (Quellen: Eurostat und EZB). In einem ähnlichen Zeitraum wuchs in den USA vom Januar 2000 bis zum Januar 2006 die Geldmenge m3 um 54 Prozent, die Wirtschaftsleistung zu Marktpreisen aber nur um 35 Prozent. (Quelle: Federal Reserve). Danach gab die amerikanische Notenbank es auf, die Geldmenge m3 zu messen. Wir bemerken: Die Geldmenge stieg viel schneller als die Menge der vorhandenen Waren – von hoher Inflation weit und breit keine Spur.

Als weiteres Beispiel können wir uns die Liquiditätsspritzen der US Notenbank FED (Federal Reserve), der EZB (Europäische Zentralbank), der Schweizer oder der britischen Notenbank ansehen. Auch hier wurden bestimmte Abgrenzungen der Geldmenge in den Jahren seit Beginn der Finanzkrise 2007 dramatisch erhöht (allerdings nicht alle Abgrenzungen; die oben erwähnte Geldmenge M3 etwa ist unauffällig). In der Eurozone: Von Januar 2008 bis Januar 2013 stieg M1 (umlaufendes Bargeld und sofort fällige Bankeinlagen) um 38,9 Prozent, die Wirtschaftsleistung zu Marktpreisen hingegen nur um drei Prozent. (Abzüglich der Inflation schrumpfte die Wirtschaft der Eurozone in diesem Zeitraum). Um der kränkelnden Wirtschaft billiges Geld zur Verfügung zu stellen, können sich Banken bei der Zentralbank teilweise mit Geld zu null Prozent Zinsen versorgen. Zudem wurde in den USA und in Großbritannien so genanntes Quantitative Easing betrieben. Das heißt, dass die Zentralbank selbst in großem Umfang Wertpapiere aufkaufte und für diese Käufe Dollar druckte (bzw. in Computersystemen schuf). So kamen hunderte Milliarden Dollar zusätzlich in den Wirtschaftskreislauf. Das hat aber bis jetzt nicht dazu geführt, dass die gemessene Inflation dramatisch gestiegen wäre. Warum?

Das hängt damit zusammen, dass das neue Geld einfach in andere Bereiche fließt, die nicht direkt Auswirkungen auf die Warenkörbe haben. Und das hängt auch an der Verteilung des Reichtums. Wenn die Bauern aus unserem Beispiel zusätzliches Geld bekommen, dann kaufen sie Lebensmittel. Wenn Personen aus der unteren Mittelschicht zusätzliches Geld bekommen, zahlen sie Miete, kaufen Autos oder Fernseher. Wenn Leute, die ohnehin schon viel Geld haben, mehr Geld bekommen, kaufen Sie keine Dinge aus dem Warenkorb des Verbraucherpreisindex, oder nicht in erster Linie. Sie tätigen Finanzanlagen, kaufen Aktien oder andere Vermögenswerte.

Obwohl sich die Erhöhung der Geldmenge also nicht direkt auf die Inflation auswirken muss, kann sie dabei doch problematisch sein und vor allem zu einer höheren Schwankungsanfälligkeit der Wirtschaft führen. Manchmal ermöglicht eine höhere Geldmenge auch ein höheres Wachstum, aber dieses wird im Allgemeinen durch ein mehr an Unsicherheit bezahlt. Geld, das billiger ist, fließt in risikoreichere Projekte. Mehr Risiko führt zu mehr Volatilität, also stärkeren Schwankungen. Es besteht die Gefahr, dass sich Blasen von Vermögenspreisen bilden. Was bedeutet das?

Der Preis von Vermögenswerten (Aktien, Immobilien …) richtet sich nach dem langfristigen Einkommen, das damit zu erzielen ist. Der Besitz einer Aktie sichert einen Anteil am Profit eines Unternehmens – und wenn dieser Profit stabil ist, oder wächst, ist es logisch, dass auch die Aktie ihren Wert hat. In einer Vermögenspreisblase steigen die Preise von Aktien (oder Immobilien oder Schuldtiteln) weit über ihren realistischen langfristigen Wert – entweder, weil sich die AnlegerInnen kollektive Illusionen über die mögliche Profitentwicklung machen, oder aber, weil Geld sehr billig ist. In der Regel ist beides im Spiel.

Wenn wir uns noch einmal die Liquiditätsspritzen der Notenbanken in der großen Finanzkrise ansehen: Ein Teil des Aktienaufschwungs seit Mitte 2009 lässt sich sicher auf das viele neue Geld der Zentralbanken zurückführen. Zudem fließt sehr viel dieses Geldes direkt ins Ausland und verbleibt nicht in dem Land, dessen Zentralbank es als Liquiditätsspritze in die Märkte pumpt. Sehr viel des Geldes fließt direkt dorthin, wo es das höchste Wachstum gibt, also auch am meisten Profite zu holen sind. Das sind 2012 China, Brasilien, der Immobilienmarkt in Singapur und Hongkong und ähnliche Kandidaten.

Die wiederum freuen sich nicht allzu sehr über das viele Geld. Schließlich kann es bei ihnen zur Überhitzung der Wirtschaft – also zu Blasenbildung und Inflation – führen. In China führen die Geldzuflüsse zu schlecht kontrollierbarer Überschussliquidität in einem Sektor von Schattenbanken, die unregulierte Kredite vergeben. In Brasilien gibt es steigende Privatverschuldung, eine Immobilienblase und eine zu rasche Aufwertung der Währung – das schadet der Exportindustrie. Das schwächt natürlich gleichzeitig den Dollar im Vergleich zu den anderen Währungen, verhilft so den USA zu mehr Exporten und führt auch zu einer leichten Entschuldung. Ein schwächerer Dollar verringert direkt die Summe, die etwa China als Gläubiger der USA zurückbekommen wird, da US-Staatsanleihen in Dollar denominiert sind. Klarerweise wird Inflation aber früher oder später wieder reimportiert. Steigen die Preise in China, werden auch die Importe aus China teurer und damit die Produkte, die importiert werden, oder auf Basis von Importgütern produziert werden. Dagegen wirkt, dass weniger importiert wird, eben weil es teurer ist. So können regelrechte Währungskriege entstehen. Länder versuchen, ihre Währung abzuwerten, um einerseits ihren Export zu stützen und so konkurrenzfähiger zu werden und andererseits ihre Schulden teilweise mit einer sinkenden Währung weg zu inflationieren.

Auch die Immobilienblase vor der großen Krise von 2007 war schon zu einem bestimmten Teil Ergebnis der Niedrigzinspolitik der FED, die zur Jahrtausendwende die Antwort auf die damals geplatzte Dot-com-Blase war. Auch nach der Finanzkrise bilden sich neue Blasen, neben diversen Immobilienblasen jedenfalls eine Anleihenblase in den westlichen Industrieländern. Auch das ist eine Art der Inflation. Preise steigen, aber eben von Anleihen oder Immobilien, anstatt von den Produkten, die in den Warenkörben der statistischen Institute zur Inflationsmessung ausschlaggebend sind. Aus diesem Grund gibt es auch schon lang anhaltende Diskussionen, ob sich Zentralbanken auch die Inflation von anderen Produkten wie Immobilien, Aktien, oder Anleihen ansehen, und wenn nötig dagegen vorgehen sollten. Immerhin spielten Blasen auf diesen Märkten eine nicht zu übersehende Rolle in den Krisen der letzten Jahrzehnte.

Wovon ist Inflation also im Endeffekt abhängig? Das ist nicht für jede Situation mit Sicherheit zu beantworten. Der Zins und die Geldmenge spielen eine Rolle. Niedrigere Zinsen und mehr Geld bringen höhere Preise. Die wirtschaftliche Gesamtsituation spielt eine Rolle: Wenn die Menschen aus Angst auf ihrem Geld sitzen und viele arbeitslos sind und Betriebe nur halb ausgelastet sind, muss auch eine deutliche Ausweitung der Geldmenge keine Inflation auslösen. Wenn Menschen aber einen Wertverlust des Geldes befürchten, werden sie versuchen, alles, was sie verdienen, sofort auszugeben. Dann wechselt ein Euro innerhalb eines Jahres viel häufiger die Besitzerin oder den Besitzer als zuvor – und auch bei gleich bleibender Geldmenge kann die Inflation steigen. Die Verteilung zwischen Einkommensgruppen und die Verwendung des Geldes hat eine Auswirkung. Dient eine steigende Geldmenge zum Kauf von Immobilien, dann bekommen wir keine allgemeine Inflation, sondern eine Immobilienblase. Landet eine steigende Geldmenge bei sehr vermögenden Personen, dann tätigen diese damit Finanzanlagen und es steigt der Preis von Aktien.

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18+
Дата выхода на Литрес:
23 января 2025
Объем:
362 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783853718162
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