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Aphrodite
Pierre Louys
Inhaltsverzeichnis
Aphrodite
I.
Chrysis
II.
Am Strande Alexandriens.
III.
Demetrios
IV.
Die Vorbeigehende.
V.
Der Spiegel, der Kamm und das Halsband.
VI
Die Jungfrauen
VII
Chrysis’ Haare
I.
Die Gärten der Göttin.
II.
Melitta.
III.
Bedenken.
IV.
Mondschein.
V.
Die Einladung.
VI.
Die Rose der Chrysis.
VII.
Das Märchen von der verzauberten Leier.
I.
Die Ankunft.
II.
Das Mahl.
III.
Rhacotis.
IV.
Baccanal bei Bacchis.
V.
Die Gekreuzigte.
VI.
Begeisterung.
I.
Demetrios’ Traum.
II.
Die Menge.
III.
Die Antwort.
IV.
Der Garten des Hermanubis.
V.
Die Purpurmauern.
I.
Die letzte Nacht.
II.
Der Staub kehrt zur Erde zurück.
III.
Chrysis unsterblich.
IV.
Barmherzigkeit.
V.
Pietät.
Impressum
Aphrodite
Selbst die Ruinen der Griechenwelt
lehren uns, wie in unserer modernen
Welt das Leben uns erträglich gemacht
werden könnte.
Richard Wagner.
Der gelehrte Prodicos von Kéos, welcher um das Ende des V. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung blühte, ist der Autor der berühmten Lehrfabel »Herkules auf dem Scheidewege zwischen der Tugend und der Wollust«, welche der heilige Basilius den christlichen Betrachtungen empfahl. Wir wissen, daß Herkules die Tugend wählte, was ihm gestattete, eine gewisse Anzahl großer Verbrechen gegen die Hirschkühe, die Amazonen, die goldenen Äpfel und die Riesen zu begehen.
Hätte Prodicos sich damit begnügt, dann hätte er wohl nur eine Fabel von einem ziemlich leichten Symbolismus geschrieben; allein er war ein gutmüthiger Philosoph und seine Sammlung von Erzählungen »Die Horen«, in drei Abschnitte eingetheilt, stellte die moralischen Wahrheiten unter den verschiedenen Formen dar, welche sie je nach den drei Lebensaltern annehmen. Den kleinen Kindern stellte er die sittenstrenge Wahl des Herkules als Beispiel hin; den jungen Leuten erzählte er die wollüstige Wahl des Paris; den reifen Männern sagte er – wie ich mir vorstellen kann – ungefähr Folgendes:
– Als Ulysses eines Tages am Fuße des delphischen Gebirges jagte, traf er auf seinem Wege zwei Jungfrauen, die sich an der Hand hielten. Die Eine hatte Veilchenhaare, durchsichtige Augen und Lippen von einem ernsten Ausdruck; sie sagte ihm: »Ich bin Arètê«. Die Andere hatte schwache Augenlider, schmale Hände und zarte Brüstchen. Sie sagte: »Ich bin Triphê«. Und Beide fügten hinzu: »Wähle zwischen uns«. Doch der schlaue Ulysses antwortete klug und weise: »Wie könnte ich wählen? Ihr seid unzertrennlich. Die Augen, welche die Eine ohne die Andere von Euch gesehen, haben nur einen hohlen Schatten gesehen. Gleichwie die wahre Tugend sich der ewigen Freuden nicht beraubt, welche die Wollust ihr bietet, würde auch die Weichlichkeit ohne eine gewisse Seelengröße wenig taugen. Ich werde Euch beiden folgen. Zeiget mir den Weg«. Kaum hatte er geendet, als die beiden Erscheinungen ineinanderflossen. Ulysses erkannte, daß er mit der großen Göttin Aphrodite gesprochen. Die Frau, welche den ersten Platz in dem vorliegenden Roman einnimmt, ist eine Courtisane des Alterthums. Zur Beruhigung des Lesers will ich sogleich hinzufügen: sie wird sich nicht bekehren.
Sie wird weder von einem Mönch, nach von einem Propheten, noch von einem Gott geliebt werden. In der Litteratur unserer Tage ist sie eine Originalität.
Sie wird sich als Buhlerin zeigen mit dem Freimuth, dem Eifer und auch mit dem Stolze jedes menschlichen Wesens, welches einen Beruf hat und in der Gesellschaft einen frei gewählten Platz einnimmt. Sie wird den Ehrgeiz haben, sich bis zum höchsten Punkte erheben zu wollen. Sie wird gar nicht auf den Gedanken kommen, daß ihr Leben einer Entschuldigung oder einer Verheimlichung bedürfe. Dies soll erklärt werden.
Die modernen Schriftsteller, die sich an ein Publikum gewendet haben, welches weniger voreingenommen ist als die jungen Mädchen und die jungen Normalschüler, haben sich bis zum heutigen Tage einer mühseligen List bedient, deren Heuchelei mir mißfällt. Sie sagen: »Ich habe die Wollust so geschildert wie sie ist, um die Tugend umso höher zu stellen.« Ich verschmähe es rundweg, an der Spitze eines Romans, dessen Handlung sich in Alexandrien abspielt, mich eines solchen Anachronismus zu bedienen.
Die Liebe mit allen ihren Folgen war für die Griechen das tugendhafteste Gefühl, am fruchtbarsten an großen Thaten. Sie verbanden mit ihr niemals jene Ideen von Unzüchtigkeit und Unbescheidenheit, welche die jüdische Überlieferung mit der christlichen Lehre unter uns gebracht hat. Herodot (I, 10) sagt uns ganz einfach: »Bei einigen barbarischen Völkern ist es eine Schande nackt zu erscheinen.« Wenn die Griechen oder die Lateiner einen Mann beschimpfen wollten, welcher mit Freudendirnen Umgang hatte, nannten sie ihn »Maechus«, was Ehebrecher heißt. Wenn ein Mann und eine Frau, die durch kein anderes Band mit einander verknüpft waren, sich vereinigten, – und selbst wenn es öffentlich geschah und ohne Rücksicht auf ihre Jugend – so ließ man sie ungestört, als Leute, die ja Niemandem schadeten.
Wie man sieht, darf das Leben der Alten nicht nach jenen moralischen Ideen beurtheilt werden, die uns heutzutage aus Genf übermittelt werden.
Ich habe dieses Buch mit jener Einfachheit geschrieben, mit welcher ein Athener ähnliche Begebenheiten erzählt haben würde. Ich wünsche, daß man es in dem nämlichen Geiste lese.
Wollte man die alten Griechen nach den heute angenommenen Ideen beurtheilen, dann dürfte man keine einzige genaue Übersetzung ihrer größten Schriftsteller einem Schüler in die Hände geben. Wenn Herr Mounet-Sully seine Oedipus-Rolle ohne Streichungen spielen sollte, würde die Polizei die Aufführung untersagen. Hätte Herr Leconte de Lisle seine Theokrit-Übersetzung nicht vorsichtigerweise gesäubert, sie wäre am Tage des Erscheinens mit Beschlag belegt worden. Man hält Aristophanes für eine Ausnahme, allein wir besitzen bedeutende Bruchstücke von 1440 Komödien, geschrieben von 132 anderen griechischen Dichtern, deren einige, wie z. B. Alexis, Philetairos, Strattis, Euboulos, Cratinos uns wunderbare Verse hinterlassen haben, und noch hat Niemand es gewagt, diese ebenso herrliche wie unzüchtige Sammlung zu übersetzen.
Um die griechischen Sitten zu vertheidigen, zitirt man immer einige Philosophen, welche die geschlechtlichen Freuden tadelten. Allein, das heißt die Dinge verwirren. Diese wenigen Philosophen verpönten alle sinnlichen Ausschreitungen im Allgemeinen und machten keinen Unterschied zwischen den Ausschweifungen des Bettes und jenen der Tafel. Einer, der heute in einem Pariser Restaurant straflos ein Diner zu sechs Louis für sich allein bestellt, würde von ihnen ebenso strafbar befunden worden sein, wie ein Anderer, der auf offener Straße ein allzu intimes Rendezvous geben und für diese Handlung durch die in Geltung stehenden Gesetze zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt werden würde. Übrigens wurden diese sittenstrengen Philosophen in der alten Welt als kranke und gefährliche Narren betrachtet, auf allen Schaubühnen verhöhnt, in den Straßen geprügelt; die Tyrannen zogen sie als Spaßmacher an ihren Hof, die Bürger verbannten sie, wenn sie sie nicht der Todesstrafe werth erachteten.
Es ist demnach eine bewußte und willkürliche Täuschung, wenn die modernen Erzieher, von der Renaissance angefangen bis auf den heutigen Tag, vorgeben, aus der antiken Moral die Eingebungen für ihre engbrüstigen Tugenden zu schöpfen. Wenn diese Moral groß war und in der That verdient, als Vorbild genommen und befolgt zu werden, so ist es deshalb, weil keine andere es besser verstanden hat, Recht und Unrecht nach dem Kriterium der Schönheit zu unterscheiden und das Recht zu verkünden, welches der Mensch besitzt, sein Glück innerhalb jener Schranken zu suchen, welche das gleiche Recht seiner Nebenmenschen ihm setzt und zu erklären, daß es unter dem Himmel nichts Heiligeres gibt als die physische Liebe und nichts Schöneres, als der menschliche Körper.
Das war die Moral jenes Volkes, welches die Akropolis erbaut hat; und wenn ich hinzufüge, daß diese Moral diejenige aller großen Geister geblieben, so wird dies nur ein Gemeinplatz sein, so sehr ist es erwiesen, daß die überlegenen Geister von Künstlern, Schriftstellern, Heerführern und Staatsmännern die erhabene Duldsamkeit dieser Moral niemals unerlaubt gefunden haben. Aristoteles beginnt sein Leben damit, daß er sein väterliches Erbtheil mit Buhlerinen vergeudet; Sapho gibt einem eigenen Laster den Namen; Caesar ist der »kahle Ehebrecher«; – Racine ist den Theaterdamen nicht abhold und Napoleon übt nichts weniger als die Enthaltsamkeit. Die Romane Mirabeau’s, die griechischen Verse Chénier’s, die Korrespondenz Diderot’s und die Schriften Montesquieu’s kommen an Kühnheit dem Werke eines Catullus gleich. Und Buffon, dieser sittenstrengste und frömmste aller französischen Autoren – durch welche Maxime hat er die Liebes-Intriguen angerathen? »Liebe! Warum bist du das Glück aller Wesen und das Unglück des Menschen? – Weil von dieser Leidenschaft die physische Seite allein gut ist, die moralische aber nichts taugt.«
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Woher kommt das? und wie ist es zu erklären, daß trotz dem Umsturz der Ideen des Alterthums die große Sinnlichkeit der Griechen gleichsam ein Strahl auf den erleuchtetesten Stirnen geblieben ist?
Weil die Sinnlichkeit die mysteriöse aber nothwendige und schöpferische Bedingung der geistigen Entwicklung ist. Jene, welche die Forderungen des Fleisches nicht bis an ihre Grenze empfunden haben, sei es um sie zu lieben, sei es um ihnen zu fluchen, sind schon dadurch unfähig, die Forderungen des Geistes in ihrer vollen Ausdehnung zu begreifen. Gleichwie die Schönheit der Seele das ganze Antlitz erhellt, so vermag die Männlichkeit des Körpers allein das Gehirn zu befruchten; der schmählichste Schimpf, welchen Delacroix Männern zufügen konnte und welchen er thatsächlich den Verhöhnern eines Rubens und den Verleumdern eines Ingres zurief, war das furchtbare Wort: »Eunuchen!«
Ja noch mehr: es scheint, daß das Genie der Völker, wie dasjenige der Individuen, vor Allem sinnlich ist. Alle Städte, welche die Welt beherrscht haben, Babylon, Alexandrien, Athen, Rom, Venedig, Paris waren vermöge eines allgemeinen Gesetzes je ausschweifender desto mächtiger, gleichsam als wäre ihre Zügellosigkeit zu ihrem Glanze nothwendig gewesen. Jene Städte, wo der Gesetzgeber eine künstliche, engbrüstige und unfruchtbare Tugend einzuführen sich bemühte, sahen sich vom ersten Tage angefangen zu vollständigem Tode verurteilt. So war es mit Sparta, welches inmitten des wunderbarsten Aufschwunges des menschlichen Geistes, zwischen Corinth und Alexandrien, zwischen Syrakus und Milet uns keinen Dichter, keinen Maler, keinen Philosophen, keinen Geschichtsschreiber, keinen Gelehrten zurückgelassen, kaum den volksthümlichen Ruhm eines sonderbaren Helden, der sich mit dreihundert Männern in einem Gebirgspaß tödten ließ, ohne auch nur den Erfolg des Sieges für sich zu haben. Und darum können wir noch nach zweitausend Jahren die Nichtigkeit der spartanischen Tugend ermessend, nach der Ermahnung Renan’s »den Boden verfluchen, wo diese Beherrscherin düsterer Irrthümer gestanden, und sie beschimpfen, weil sie nicht mehr ist.«
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Werden wir jemals die Tage von Ephesus und Kyrene wiederkehren sehen? Ach, die moderne Welt geht in einer Überschwemmung des Häßlichen unter. Die Zivilisationen ziehen sich nach dem Norden zurück, in Nebel, Frost und Koth. Welche Nacht! Ein schwarz gekleidetes Volk treibt sich in den schmutzigen Straßen herum. Woran denkt es? Man weiß es nicht mehr. Aber unsere fünfundzwanzig Jahre frösteln in der Verbannung unter Greisen.
So möge denn wenigstens Jenen, die stets bedauern werden jene entzückte Jugend der Erde, die wir das antike Leben nennen, nicht gekannt zu haben, so möge ihnen wenigstens gestattet werden, kraft einer fruchtbaren Illusion jene Zeit von Neuem zu durchleben, wo die menschliche Nacktheit – die vollkommenste Form, die uns zu kennen und zu fassen gegönnt ist, da wir sie nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen glauben – sich unter den Zügen einer geheiligten Buhlerin enthüllen durfte, in Gegenwart von zwanzigtausend Pilgern, welche die Gestade von Eleusis bedeckten; jene Zeit, wo die sinnlichste Liebe, die göttliche Liebe, aus der wir geboren werden, ohne Schmutz, ohne Schande, ohne Sünde war; es möge ihnen gestattet sein, achtzehn barbarische, heuchlerische und häßliche Jahrhunderte zu vergessen, vom Sumpfe zur Quelle, zur ursprünglichen Schönheit zurückzukehren, den großen Tempel beim Klange der bezauberten Flöten wieder zu erbauen und den Heiligthümern des wahren Glaubens mit Begeisterung ihre Herzen zu weihen, die für immer der unsterblichen Aphrodite gehören.
Pierre Louÿs.
I.
Chrysis
Der Länge nach auf der Brust dahingestreckt, mit vorgebeugten Ellenbogen und gespreizten Beinen, die Wange auf die Hand stützend, lag sie da und stach mit einer langen goldenen Nadel kleine, regelmäßig gestellte Löcher in ein Kopfkissen aus grüner Leinwand.
Seitdem sie – zwei Stunden nach des Tages Mitte – erwacht war, ganz erschöpft von dem allzu langen Schlafen, war sie allein auf dem zerwühlten Bette liegen geblieben, nur auf einer Seite durch die reiche Fülle ihrer Haare bedeckt.
Dieses Haar war glänzend und tief, weich wie das Fell eines Raubthiers, länger als Vogelschwingen, geschmeidig, unzählbar, belebt, voll Wärme. Es bedeckte den halben Rücken, breitete sich unter dem nackten Bauche aus und glänzte wieder bei den Knieen in schweren, rundlichen Locken. Das junge Weib war eingehüllt in dieses kostbare Vließ, dessen goldener Glanz fast metallisch war, weßhalb sie von den Hetären Alexandriens den Namen Chrysis (die Goldige) erhalten hatte.
Es waren nicht die glatten Haare der Syrierinen des Hofes, noch die gefärbten Haare der Asiatinen, noch auch die braunen und schwarzen Haare der Töchter Aegyptens. Es waren diejenigen einer arischen Rasse, der Galiläerinen, die jenseits der Sandwüste wohnten.
Chrysis. Sie liebte diesen Namen. Junge Leute, welche sie besuchten, nannten sie Chryse, wie Aphrodite, in den Versen, welche sie, früh morgens, mit Rosen umkränzt, an ihre Thür schrieben. Sie glaubte nicht an Aphrodite, aber sie sah sich gern mit der Göttin verglichen, und ging manchmal in den Tempel, um ihr, wie einer Freundin, Wohlgerüche und blaue Schleier zu schenken.
Sie war an den Ufern des Sees Genezareth geboren, im Lande der Sonne und des Schattens, wo der Oleander duftete. Ihre Mutter ging des Abends auf die Straße von Jeruschalaim und wartete auf die Reisenden und Kaufleute und gab sich ihnen auf dem Grase hin, inmitten der nächtlich-stillen Landschaft. Sie war eine in Galilaea wohlgelittene Frau. Die Priester wandten sich nicht ab von ihrer Pforte, denn sie war mildthätig und fromm; sie bezahlte stets die Opferlämmer und die Gnade des Herrn ruhte auf ihrem Hause. Als sie aber schwanger ward und ihre Schwangerschaft Aergerniß erregte (weil sie keinen Gatten hatte), sagte ein Mann, der im Rufe eines Wahrsagers stand, daß sie eine Tochter gebären würde, welche dereinst »den Reichthum und den Glauben eines Volkes« um ihren Hals tragen werde. Sie verstand nicht recht wie dies geschehen könnte, aber sie nannte ihr Kind Sarah, was hebräisch Fürstin heißt. Und dies brachte die Lästerzungen zum Schweigen.
Chrysis war dies stets verborgen geblieben, da der Wahrsager ihre Mutter gewarnt hatte, wie gefährlich es sei den Leuten die Prophezeiungen zu enthüllen, welche sich auf sie bezogen. Sie wußte nichts von ihrer Zukunft, weßhalb sie oft daran dachte. An ihre Kindheit erinnerte sie sich wenig und sie sprach auch nicht gern davon. Die einzige klare Empfindung, die sie davon behalten hatte, war die Furcht und die Langeweile, welche ihr Tag für Tag die ängstliche Beaufsichtigung ihrer Mutter verursachte. Es war ihr keine Freiheit gegönnt, und wenn die Stunde gekommen war, auf die Straße hinaus zu gehen, sperrte ihre Mutter sie für lange Stunden allein in ihre Kammer. Sie erinnerte sich auch des runden Fensters, von wo aus sie die Gewässer des Sees, die blauenden Felder, den durchsichtigen Himmel mit der klaren Luft des Landes Galilaea sah. Das Haus war von rosigem Flachs und von Tamarisken umgeben. Da und dort reckten Kapernstauden ihre grünen Köpfchen aus dem verschwimmenden Nebel der Wiesen empor. Die kleinen Mädchen badeten in einem klaren Bache und suchten rothe Muscheln unter blühenden Lorbeersträuchern; und Blumen blühten auf dem Wasser, Blumen auf den Wiesen und große Lilien auf den Bergen.
Sie war zwölf Jahre alt, als sie ihrer Mutter davonlief, um einer Schaar junger Reiter zu folgen, welche nach Tyrus zogen, um dort Elfenbein zu verkaufen. Bei einer Zisterne war sie ihnen begegnet. Sie schmückten langgeschwänzte Pferde mit farbigen Troddeln. Chrysis erinnerte sich wohl, wie sie, bleich vor Freude, von den Reitern auf ihren Rossen entführt wurde, wie sie sich dann ein zweites Mal in der Nacht aufhielten, eine Nacht, die so hell war, daß man keinen einzigen Stern sehen konnte.
Auch der Einzug in Tyrus war ihr im Gedächtniß geblieben: sie ritt voran auf dem Korbe eines Lastpferdes, sich mit den Fäusten an der Mähne festhaltend. Stolz ließ sie ihre nackten Beine hängen, um den Frauen der Stadt zu zeigen, daß ihre Waden mit Blut befleckt waren. Doch am selben Abend ging es weiter nach Aegypten und Chrysis folgte den Elfenbeinhändlern bis zum Markte Alexandriens.
Und dort hatten sie das Mädchen, zwei Monate später, in einem weißen Säulenhäuschen zurückgelassen, mit ihrem ehernen Spiegel, Teppichen und neuen Kissen, bedient von einer schönen indischen Sklavin, welche es verstand Hetären zu kämmen. Andere Männer waren am Tage ihres Abzuges gekommen und wieder andere am nächsten Tage.
Da sie im äußersten Osten der Stadt wohnte, wo die jungen Griechen des Brouchion-Stadttheiles zu erscheinen verschmähten, kannte sie lange, ebenso wie ihre Mutter, nur Reisende und Kaufleute. Ihre vorübergehenden Liebhaber sah sie niemals wieder. Sie verstand es, ihnen zu gefallen und sie schnell wieder zu verlassen, bevor sie anfing sie zu lieben. Und doch hatte sie unendliche Leidenschaften entflammt. Man hatte Führer von Karavanen gesehen, welche zu Spottpreisen ihre Waaren verschleuderten, um sich dort aufzuhalten wo sie weilte und in wenigen Nächten ihr Hab und Gut zu vergeuden. Mit dem Vermögen dieser Männer hatte sie sich Schmuck, Bettkissen, seltene Wohlgerüche, blumengestickte Gewänder und vier Sklavinen gekauft.
Sie hatte allmälig viele fremde Sprachen erlernt und sie kannte Märchen aus allen Ländern. Assyrer hatten ihr von der Liebe zwischen Duzi und Ischtar erzählt. Phoenizier von derjenigen zwischen Aschthoreth und Adoni. Griechische Mädchen aus den Inseln hatten ihr die Legende von Iphis erzählt und sie in sonderbaren Liebkosungen unterwiesen, Liebkosungen, welche sie zuerst verwundert und dann in solchem Maße bezaubert hatten, daß sie dieselben nicht mehr einen ganzen Tag hindurch entbehren konnte. Sie kannte auch die Liebesweise Atalantés und wie, nach ihrem Beispiele noch jungfräuliche Flötenspielerinen die stärksten Männer schwächen konnten. Endlich hatte ihre indische Sklavin ihr geduldig, während sieben Jahre, die verwickelte und wollüstige Kunst der Courtisanen von Palibothra, bis in die letzten Einzelheiten gelehrt.
Denn die Liebe ist eine Kunst wie die Musik. Sie verursacht Gemüthsbewegungen gleicher Art, ebenso zart und vibrirend, manchmal vielleicht sogar intensiver; und Chrysis, die alle Rhythmen und alle Feinheiten derselben kannte, hielt sich mit Recht für eine größere Künstlerin als Plango selbst, welche doch Tonkünstlerin des Tempels war.
Sieben Jahre hindurch lebte sie so, ohne ein glücklicheres oder vergnügteres Dasein zu träumen, als das ihrige. Kurze Zeit jedoch vor ihrem zwanzigsten Jahre, als aus dem jungen Mädchen ein Weib wurde und sie unter ihren Brüsten die erste dünne Falte der nahen Reife sah, bekam sie mit einem Male ehrgeizige Pläne.
Und eines Morgens, als sie, zwei Stunden nach des Tages Mitte erwachte, ganz erschöpft von dem allzu langen Schlafe, legte sie sich auf die Brust, quer über das Bett, spreizte die Beine, stützte die Wange auf die Hand und stach, mit einer goldenen Nadel, kleine, regelmäßig gestellte Löcher in ein Kopfkissen aus grüner Leinwand.
Sie war tief in ihre Gedanken versunken.
Zuerst stach sie vier kleine Punkte, welche ein Viereck bildeten, und einen Punkt in der Mitte. Dann vier weitere Punkte, um ein größeres Viereck zu zeichnen. Dann versuchte sie einen Kreis auszuführen. Aber es war ein bischen schwierig. Nun stach sie die Punkte aufs Geradewohl und begann zu rufen:
»Djala! Djala!«
Djala war ihre indische Sklavin, welche Djalantaschtschandratschapala hieß, was »Beweglich-wie-das-Bild-des-Mondes-auf-dem-Wasser« bedeutet. Chrysis war zu träge, um den Namen ganz auszusprechen.
Die Sklavin trat ein und blieb bei der Thür stehen, ohne sie ganz zu schließen.
– Djala, wer ist gestern gekommen?
– Weißt Du es denn nicht?
– Nein, ich habe ihn nicht angeschaut. War er schön? Ich glaube, ich habe die ganze Zeit geschlafen; ich war so müde. Ich erinnere mich an gar nichts mehr. Um wie viel Uhr ist er weggegangen? Früh am Morgen?
– Bei Sonnenaufgang, er hat gesagt…
– Was hat er zurückgelassen? Ist es viel? Nein, sage es mir nicht. Es ist mir gleichgültig. Was hat er gesagt? Und seitdem er fort, ist Niemand gekommen? Wird er wiederkehren? Gib mir meine Armspangen!
Die Sklavin brachte ein Kästchen, aber Chrysis warf keinen Blick darauf. Die Arme so hoch als nur möglich emporhebend sagte sie:
– Ach Djala! Ach, Djala! … Ich verlange nach außerordentlichen Abenteuern.
– Alles ist außerordentlich oder Nichts, sagte Djala. Die Tage gleichen einander.
– Ach nein. Früher war es nicht so. In allen Ländern der Welt sind die Götter zur Erde herabgestiegen und haben sterbliche Weiber geliebt. Ach, auf welchen Betten muß man sie erwarten, in welchen Wäldern muß man sie suchen. Jene, die etwas mehr als Männer sind? Welche Gebete muß man hersagen, damit sie nahen, Diejenigen, die mich etwas lehren oder Alles vergessen lassen würden? Und wenn die Götter nicht mehr herniedersteigen wollen, wenn sie todt oder zu alt sind, Djala, werde ich auch sterben, ohne einen Mann gesehen zu haben, der tragische Erlebnisse in mein Dasein bringen würde?
Sie drehte sich um und legte sich auf den Rücken, wobei sie verzweifelt die Hände rang.
– Wenn Jemand mich anbetete, würde es mir eine so große Freude machen, ihn leiden zu lassen, bis er stürbe. Diejenigen, welche zu mir kommen, sind es nicht werth beweint zu werden. Und dann ist es ja auch meine Schuld: ich selbst rufe sie, wie könnten sie mich lieben?
– Welches Armband legst Du heute an?
– Alle. Aber laß mich. Ich brauche Niemanden. Bleibe auf der Schwelle des Hauses, und wenn Jemand kommt, sage ihm, ich sei mit meinem Geliebten, einem schwarzen Sklaven, den ich bezahle … Geh!
– Willst Du nicht ausgehen?
– Doch. Ich werde allein ausgehen. Ich werde mich allein ankleiden. Ich werde nicht nach Hause kommen. Geh! geh!
Sie ließ ein Bein auf den Teppich gleiten und streckte sich, bis sie aufgerichtet war. Djala war leise hinausgegangen.
Sie ging sehr langsam durch das Zimmer, die Hände auf dem Nacken gefaltet, ganz von der Wollust durchdrungen ihre nackten Füße auf die kalten Steinplatten zu setzen, wo der Schweiß erstarrte. Dann stieg sie in ihr Bad.
Für sie war es ein Genuß, ihren Körper durch das Wasser hindurch zu betrachten. Wie eine große Muschelschale, die offen auf einem Felsen klebt, kam sie sich vor. Ihre Haut wurde glatt und vollkommen; die Linien ihrer Beine dehnten sich in einem blauen Lichte aus; ihre ganze Gestalt war biegsamer; sie erkannte ihre Hände nicht wieder. Die Leichtigkeit ihres Körpers war so groß, daß sie sich auf zwei Fingern in die Höhe heben konnte. So hielt sie sich eine Weile auf dem Wasser, um dann leicht auf den Marmor zurückzufallen, wobei das Wasser ihr Kinn berührte. Mit dem neckischen Kitzel eines Kusses drang das Wasser in ihre Ohren.
Zur Badezeit begann bei Chrysis die Selbstanbetung. Alle Theile ihres Körpers wurden, einer nach dem anderen, der Gegenstand einer zarten Bewunderung oder einer Liebkosung. Mit ihren Haaren und ihren Brüsten gab sie sich tausend reizenden Spielen hin. Manchmal gewährte sie sogar ihren beständigen Begierden eine wirksamere Dienstfertigkeit und keine Ruhestätte schien ihr für die berechnete Langsamkeit dieser delicaten Befriedigung besser geeignet.
Der Tag neigte sich zu Ende; Chrysis richtete sich in ihrem Becken empor, stieg aus dem Wasser und schritt der Thüre zu. Die Spuren ihrer Schritte glänzten auf den Fliesen. Schwankend, gleichsam erschöpft, öffnete sie die Thür, und blieb da stehen, den Arm nach der Klinke ausgestreckt; dann, als Djala sie gesehen, trat sie bis zu ihrem Bette zurück und sagte zu ihrer Sklavin:
– Trockne mich ab!
Die Malabareserin nahm einen großen Schwamm zur Hand und führte ihn durch Chrysis feines Goldhaar, das ganz vom Wasser getränkt war, welches nach hinten abtropfte. Sie trocknete die Haare, streute sie auseinander, bewegte sie langsam und weich; dann tauchte sie den Schwamm in einen Oelkrug, bestrich damit ihre Herrin bis zum Halse und rieb sie endlich mit einem groben Stoffe, der ihre geschmeidige Haut röthete.
Chrysis versenkte sich fröstelnd in die Kühle eines Marmorsitzes und murmelte:
– Kämme mich.
Im horizontal einfallenden Abendlichte glänzte das noch feuchte und schwere Haar wie ein von der Sonne beleuchteter Regenguß. Die Sklavin ergriff es mit vollen Händen und rang es aus. Sie drehte es um sich selbst, als sei es eine dicke Metallschlange, die von Goldnadeln wie von Pfeilen durchstochen war. Dann wand sie grüne Bändchen dreimal gekreuzt um das Haar, um dessen Glanz durch die Seide noch zu erhöhen. Chrysis hielt einen blanken Metallspiegel in einiger Entfernung vor sich hin. Zerstreut betrachtete sie die dunkeln Hände der Sklavin, wie sie sich in der Ueppigkeit der Haare bewegten, hie und da die Büsche abrundend, die ungeberdigen Locken verbergend, das Haar in Formen modellierend, wie man eine Thonmasse bearbeitet. Als Alles vollendet war, kniete Djala vor ihrer Herrin hin und rasierte ihren schwellenden Schamberg glatt, damit das Mädchen in den Augen ihrer Geliebten die volle Reinheit und Glätte einer Statue habe.
Chrysis wurde ernster und sagte mit leiser Stimme:
– Schminke mich.
Eine kleine Büchse aus rosarothem Holze, welche von der Insel Discorides kam, enthielt Schminken in allen Farben. Mit einem Pinsel aus Kameelhaar nahm die Sklavin ein wenig von einer schwarzen Masse und bestrich damit die schönen, lang gebogenen Augenwimpern, um die blaue Farbe der Augen hervorzuheben. Durch zwei feste Striche bekamen diese Augen eine längere und weichere Gestalt; ein bläuliches Pulver verdunkelte die Augenlider; zwei zinoberrothe Flecken verschärften die Winkel, wo sich die Thränen zuerst zeigen. Um die Schminke festzuhalten, mußten Gesicht und Brust mit einer frischen Wachssalbe bestrichen werden; mit dem weichen Flaum einer Feder, welchen sie in Bleiweiß tauchte, malte Djala weiße Striche die Arme entlang und auf dem Halse; mit einem in Carmin getauchten Pinsel wurden der Mund und die Spitzen der Brüste roth gefärbt; ihre Finger, welche auf den Wangen eine leichte Wolke rothen Pulvers verbreitet hatten, markierten auf den Seiten die drei tiefen Falten der Taille und am Hintertheile zwei bewegliche Grübchen; endlich färbte sie mit einem geschminktem Lederballen die Ellbogen und die zehn Fingernägel. Die Toilette war beendet.
Dann lächelte Chrysis und sagte zur Indierin:
– Singe mir etwas.
Zurückgebeugt saß sie in ihrem Marmorsessel. Ihre Nadeln standen wie Goldstrahlen hinter ihrem Kopfe. Ihre Hände waren an die Brust gedrückt und breiteten zwischen den Schultern das rothe Halsband ihrer bemalten Nägel aus; ihre weißen Füße standen eng nebeneinander auf der Steinplatte.
Djala, die an der Wand zusammengekauert saß, erinnerte sich an die Liebesgesänge Indiens:
– Chrysis …
Sie sang mit eintöniger Stimme.
– Chrysis, Deine Haare sind wie ein Bienenschwarm, der an einem Baume hängt. Der Südwind durchdringt sie mit dem Thau der Liebeskämpfe und mit dem feuchten Wohlgeruch der Nachtblumen.
Das Mädchen antwortete mit noch milderer und langsamerer Stimme:
– Meine Haare sind wie ein unendlicher Fluß in der Ebene, wo die flammende Abendsonne dahinfließt.
Sie sangen abwechselnd, die Eine nach der Andern.
*
– Deine Augen sind wie die blauen Wasserlilien ohne Stengel, unbeweglich auf den Teichen.
– Meine Augen sind im Schatten meiner Augenwimpern, wie tiefe Seen unter dunklen Zweigen.
*
– Deine Lippen sind zwei zarte Blumen, auf welche das Blut einer Hirschkuh gefallen ist.
– Meine Lippen sind die Ränder einer brennenden Wunde.
*
– Deine Zunge ist der blutige Dolch, der deinen Mund gespaltet hat.
– Meine Zunge ist mit Edelsteinen besetzt. Vom Widerscheine meiner Lippen ist sie roth.
*
– Deine Arme sind gerundet wie zwei Elfenbeinzähne und deine Achselhöhlen wie zwei Mündchen.
– Meine Arme sind langgestreckt, wie zwei Lilienstengel, woran meine Finger schimmern, gleich fünf Blumenblättern.
*
– Deine Schenkel sind die Rüssel zweier weißen Elephanten und sie tragen Füße gleich zwei rothen Blumen.
– Meine Füße sind zwei Seerosenblätter auf dem Wasser, meine Schenkel sind zwei geschwellte Seerosenknospen.
*
– Deine Brüste sind zwei silberne Schilder, deren Spitzen in Blut getaucht wurden.
– Meine Brüste sind der Mond und der Widerschein des Mondes im Wasser.
*
– Dein Nabel ist ein tiefer Brunnen in einer Wüste voll rosigen Sandes, und dein Unterleib ein junges Zicklein im Schoße der Mutter.
– Mein Nabel ist eine runde Perle auf einer umgestürzten Schale und mein Schoß ist die helle Sichel Phöbes, die durch den Wald schimmert.
*
Es entstand eine Stille. – Die Sklavin hob die Hände empor und verbeugte sich.
Die Hetäre fuhr fort:
»SIE ist wie eine Purpurblume, voll Honig und Wohlgerüche.
»Sie ist wie die Hydra des Meeres, lebendig und weich, offen des Nachts.
»Sie ist die feuchte Grotte, die stets warme Lagerstätte, das Obdach, wo der Mann ausruht auf seinem Gang zum Tode.«
Die niedergebeugte Sklavin murmelte ganz leise:
»Sie ist furchtbar. Es ist das Gesicht der Medusa.«
— — — — —
Chrysis setzte ihren Fuß auf den Nacken der Sklavin und sagte zitternd:
»Djala…«
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Nach und nach war die Nacht herangebrochen; aber der Mond war so hell, daß sich das Gemach mit blauem Lichte füllte.
Chrysis saß nackt da und betrachtete ihren Leib, wo die Lichtreflexe unbeweglich standen und die Schatten tiefschwarz herabfielen.
Plötzlich stand sie auf:
»Djala, an was denken wir? Es ist Nacht und ich bin noch nicht ausgegangen. Ich werde auf dem Heptastadion Auf dem sieben Stadien langen Kai. nur noch schlafende Matrosen finden. Sage mir, Djala, bin ich schön?
»Sage mir Djala, bin ich diese Nacht schöner als je? Ich bin die schönste aller Frauen Alexandriens, Du weißt es? Nicht wahr, er wird mir folgen wie ein Hund, derjenige, der jetzt vor dem schiefen Blick meiner Augen vorbei gehen wird? Nicht wahr, ich werde aus ihm machen können, was mir gefällt, einen Sklaven, wenn dies meine Laune ist? und ich kann von dem ersten Besten den ergebensten Gehorsam erwarten? Kleide mich an, Djala.«
Um ihre Arme wanden sich zwei Silberschlangen. An ihre Füße wurden Sandalen geheftet, welche um ihre braunen Beine mit gekreuzten Lederriemen gebunden waren. Sie schnallte um ihren Bauch einen Jungferngürtel, welcher von der Höhe der Hüfte, der hohlen Linie der Leisten entlang, herunterfiel; in ihre Ohren heftete sie runde Reife, an ihre Finger steckte sie Ringe und Siegel; um ihren Hals legte sie drei Halsketten von goldenen Phallos Männliches Zeugungsglied, welche in Paphos durch Hierodulen ziselirt worden waren.
Sie betrachtete sich einige Zeit, wie sie so nackt da stand, inmitten ihres Schmuckes; dann zog sie aus einem Koffer – wo es zusammengefaltet lag – ein großes Stück durchsichtiger gelber Leinwand, sie drehte es herum und wickelte sich hinein, daß es bis zum Boden reichte. Diagonale Falten durchfurchten den kleinen Theil ihres Körpers, den man durch das leichte Gewebe hindurch sah; einer ihrer Ellenbogen trat unter der eng anhaftenden Tunika hervor, und der andere Arm, den sie nackt gelassen hatte, hielt die lange Schleppe in die Höhe, damit sie nicht im Staub geschleift werde.
Sie nahm ihren Federfächer zur Hand und trat nachläßig hinaus.
Auf der Thürschwelle stehend, die Hand an die weiße Wand gelehnt, sah Djala allein der sich entfernenden Hetäre nach.
Langsam schritt diese vorwärts, den Häusern entlang, in der öden Straße, die das Mondlicht beleuchtete. Ein kleiner, beweglicher Schatten zitterte hinter ihren Schritten.
— — — — —
II.
Am Strande Alexandriens.
Am Strande Alexandriens stand ein Mädchen und sang. Neben ihr saßen zwei Flötenspielerinen auf der weißen Brüstung.
I.
Die Satyren haben in den Wäldern
Die leichte Spur der Orcaden verfolgt.
Sie haben den Bergnymphen nachgejagt
Ihre dunkeln Augen erschreckt,
Ihre lang flatternden Haare ergriffen,
Ihre Jungfrauenbrüste im Laufe gefaßt,
Ihre warmen Körper zurückgelehnt,
Auf den feuchten Rasen hingestreckt,
Und die schönen Körper, die schönen halbgöttlichen Körper
Streckten und reckten sich im Schmerze.
Eure Lippen, ihr Frauen, preisen Eros
In leidvoll süßem Verlangen.
*
Die Flötenspielerinen wiederholten:
»Eros!«
– Eros!« und ihre Klagen schluchzten im doppelten Schilfrohr.
II.
Kybele hat durch die Ebene
Attys, schön wie Apoll verfolgt.
Eros hatte sie in’s Herz getroffen, und für ihn,
O weh! aber nicht für sie.
Um geliebt zu werden, grausamer Gott, böser Eros,
Ist nur der Haß, was Du anräthst…
Durch die Wiesen und die weiten, fernen Felder
Hat Kybele dem Attys nachgejagt,
Und weil sie den liebte, der sie verschmäht’,
Hat sie in seine Adern den mächt’gen Hauch,
Den kalten, den Hauch des Todes geblasen.
Oh schmerzhaft-süßes Verlangen!
*
»Eros!
– Eros!«
Den Flöten entstiegen schrille Töne.
III. Der Satyr hat bis zum Flusse
Syrinx, die Tochter der Quelle verfolgt.
Der bleiche Eros, der den Geschmack der Thränen liebt,
Küßt sie im Fluge, Wange gegen Wange:
Und der flücht’ge Schatten der ertrunkenen Jungfrau
Hat erbebt, wie ein Schilf auf dem Wasser;
Doch Eros besitzt die Welt und die Götter,
Er besitzt sogar den Tod;
Auf dem Wassergrabe pflückt er für uns
Alles Schilfrohr und macht daraus die Flöte…
Eine todte Seele beweint hier, ihr Frauen,
Das schmerzhaft-süße Verlangen!
*
Während die Flöten den langsamen Gesang des letzten Verses fortsetzten, hielt die Sängerin den Zuhörern, welche sich im Kreise um sie versammelt hatten, die Hand hin. Sie sammelte vier Obolen und ließ sie in ihre Schuhe gleiten.
Nach und nach zerstreute sich die Menge, zahllos, neugierig auf sich selbst und auf die Vorbeigehenden. Das Geräusch der Schritte und der Stimmen deckte sogar das Rauschen des Meeres. Matrosen zogen mit vorgebeugtem Leibe Fahrzeuge ans Ufer. Mit vollen Körben auf den Armen gingen Früchteverkäuferinen vorbei. Bettler verlangten mit zitternden Händen ein Almosen. Mit vollen Schläuchen beladene Esel trabten vor den Stöcken der Eseltreiber daher. Aber nun war die Stunde gekommen, wo die Sonne untergeht; und zahlreicher noch als die geschäftige Menge, bedeckte die müßige Menge den Hafendamm. Gruppen bildeten sich hie und da, zwischen welchen die Frauen hin und her gingen. Man hörte bekannte Persönlichkeiten nennen. Die jungen Leute schauten sich die Philosophen an; diese hingegen betrachteten die Hetären.
Und es waren Hetären jeder Gattung und jeden Ranges da, von den berühmtesten angefangen, welche mit lichter Seide bekleidet waren und Schuhe von Goldleder trugen, bis zu den elendesten, die mit bloßen Füßen daher gingen. Die Ärmsten waren nicht minder schön als die anderen, aber weniger glücklich, und die Aufmerksamkeit der Weisen war am liebsten auf diejenigen gerichtet, deren Anmuth nicht durch die Kunstgriffe der Gürtel und die Fülle des Schmuckes entstellt war. Da man am Vorabend der aphrodisischen Feste war, hatten diese Frauen die Freiheit die Kleidung zu wählen, die ihnen am besten saß, und einige der jüngsten waren so weit gegangen, überhaupt keine Kleider zu tragen. Aber ihre Nacktheit erregte bei Niemandem Anstoß, denn sie hätten nicht in dieser Weise jede Einzelheit derselben der Sonne ausgesetzt, wenn sie sich des kleinsten körperlichen Fehlers, der den Spott der verheiratheten Frauen herausgefordert hätte, bewußt gewesen wären.
»Tryphaera! Tryphaera!«
Und mit diesem Ausrufe stieß eine junge Hetäre von fröhlichem Aussehen einige Vorübergehende bei Seite, um eine Freundin, die sie bemerkt hatte, einzuholen.
»Tryphaera? bist Du geladen?
– Wo das, Seso?
– Bei Bacchis.
– Noch nicht. Giebt sie ein Mittagsmahl?
– Ein Mittagsmahl? einen Festschmaus, meine Liebe. Sie will ihrer schönsten Sklavin, Aphrodisia, am zweiten Tage des Festes die Freiheit schenken.
– Endlich hat sie bemerkt, daß man nur noch wegen ihrer Sklavin zu ihr kam.
– Ich glaube, sie hat gar nichts bemerkt. Es ist eine Laune des alten Rheders Cheres. Er wollte das Mädchen für zehn Minen kaufen; Bacchis hat abgelehnt. Er bot zwanzig Minen und sie hat nochmals abgelehnt.
– Sie ist verrückt.
– Sie setzte eben ihren Ehrgeiz daran, eine befreite Sklavin zu haben. Übrigens hat sie recht gethan zu feilschen. Cheres wird gewiß fünf und dreißig Minen geben und für diesen Preis kann sich das Mädchen freimachen.
– Fünf und dreißig Minen? Drei tausend fünf hundert Drachmen? Drei tausend fünf hundert Drachmen für eine Negerin!
– Sie ist die Tochter eines Weißen.
– Aber ihre Mutter ist schwarz.
– Bacchis hat erklärt, daß sie sie nicht billiger hergeben würde, und der alte Cheres ist so verliebt, daß er eingewilligt hat.
– Ist er wenigstens geladen?
– Nein! Aphrodisia wird beim Festmahl als letzter Gang nach den Früchten aufgetragen werden. Jeder wird nach seinem Geschmacke davon kosten und am zweiten Tage erst soll man sie an Cheres abliefern; aber ich fürchte, daß sie dann recht müde sein wird …
– Bemitleide sie nicht! Bei ihm wird sie Zeit haben auszuruhen. Ich kenne ihn, Seso. Ich habe ihn schlafen sehen.
Sie lachten zusammen über Cheres. Dann lobten sie sich gegenseitig.
»Du hast ein hübsches Kleid, sagte Seso. Hast Du es bei dir zu Hause sticken lassen?«
Tryphaeras Kleid war aus dünnem, meergrünem Stoffe, der ganz mit breitblumigen Iris durchwirkt war. Ein in Gold gefaßter Karfunkel heftete dasselbe an der linken Schulter in spindelförmigen Falten fest; das Kleid fiel wie eine Schärpe zwischen den Brüsten hernieder, die ganze rechte Seite des Körpers bis zum Metallgürtel nackt lassend; nur ein enger Spalt, welcher sich bei jedem Schritte öffnete und wieder schloß, enthüllte das weiße Bein.
Seso! sagte eine andere Stimme, Seso und Tryphaera, kommt, wenn ihr nichts Besseres zu thun habt. Ich gehe zur Mauer des Kerameikos, um zu sehen, ob mein Name dort angeschrieben steht.
– Mousarion! woher kommst Du, Kleine?
– Vom Leuchtturm, es ist Niemand dort.
– Was sagst Du da? Man braucht ja nur zu fischen, so voll ist es dort.
– Kein Fang für mich. Deßhalb geh’ ich zur Mauer. Kommt doch!
Unterwegs erzählte Seso wieder vom beabsichtigten Gastmahle bei Bacchis.
»Ach! bei Bacchis! rief Mousarion aus. Erinnerst Du dich des letzten Essens, Tryphaera: und alldessen, was man über Chrysis erzählt hat?
– Sage es nicht wieder, Seso ist ihre Freundin.«
Mousarion biß sich in die Lippen; doch schon fragte Seso ängstlich:
»Wie? was hat man gesagt?
– Oh! nur Bosheiten.
– Sprechen ist leicht, erklärte Seso. Alle drei zusammengenommen wiegen wir Chrysis nicht auf. Am Tage wo es ihr gefallen wird ihr Viertel zu verlassen, um sich im Brouchion zu zeigen, wird so mancher unserer Geliebten uns nicht mehr wiedersehen wollen.
– Oho!
– Gewiß. Ich würde für dieses Weib Tollheiten begehen. Es giebt hier keine schönere, glaub es mir.
Die drei Mädchen waren vor der Mauer des Kerameikos angekommen. Von einem Ende der weißen Wand bis zum andern folgte Inschrift auf Inschrift. Wenn ein Liebhaber sich einer Hetäre vorzustellen wünschte, genügte es ihre beiden Namen mit dem Preise, den er bot, da aufzuschreiben; hatte sie den Mann und das Geld als würdig erachtet, so blieb das Weib unter der Aufschrift stehen und wartete, bis der Verehrer wiederkam.
»Schau mal, Seso! sagte Tryphaera lachend. Wer ist der boßhafte Spaßvogel, der das geschrieben hat?«
Und sie lasen folgende, in plumper Schrift geschriebene Worte:
Bacchis
Thersites
2 Obolen
»Es sollte nicht erlaubt sein Weiber so zum Besten zu haben. Wenn ich der Rhymarch wäre, so hätte ich schon längst eine Untersuchung eröffnet.«
Aber ein Stück weiter blieb Seso vor einer ernster zu nehmenden Inschrift stehen.
Seso von Cnidos
Timon, Lysias Sohn
1 Mine
»Ich bleibe,« sagte Seso erblassend.
Und sie lehnte sich an die Wand, dem neidischen Blicke der vorbeigehenden Hetären ausgesetzt.
Einige Schritte weiter fand Mousarion eine, wenn auch nicht so freigebige, so doch annehmbare Anfrage. Tryphaera kam allein auf den Hafendamm zurück.
Der Abend war vorgeschritten, die Menge weniger dicht. Die drei Musikantinen jedoch fuhren fort zu singen und die Flöte zu blasen.
Auf einen Unbekannten zutretend, dessen Schmeerbauch und dessen Kleidung ziemlich lächerlich aussahen, schlug ihm Tryphaera auf die Schulter:
– Väterchen, ich wette, Du bist nicht von Alexandrien, wie?
– In der That, mein Kind, antwortete der Biedermann. Du hast recht gerathen. Ich bin über Stadt und Leute noch ganz verblüfft.
– Bist Du von Bubaste?
– Nein, von Cabasa. Ich bin hierher gekommen, um Korn zu verkaufen und kehre morgen um zweiundfünfzig Minen reicher heim. Den Göttern sei gedankt, es war ein gutes Jahr.
Tryphaera fühlte plötzlich ihr Interesse für diesen Kaufmann wachsen.
Mein Kind, begann er schüchtern von Neuem, Du kannst mir eine große Freude bereiten. Ich möchte nicht morgen nach Cabasa zurückkehren, ohne meiner Frau und meinen drei Töchtern sagen zu können, ich habe berühmte Männer gesehen. Du mußt sicher berühmte Männer kennen?
– Ich kenne einige, sagte sie lachend.
– Nun wohl! Nenne mir sie, wenn sie hier vorbeigehen. Ich bin sicher, daß ich seit zwei Tagen auf den Straßen die berühmtesten Philosophen und die einflußreichsten Würdenträger getroffen habe. Ich bin trostlos sie nicht zu kennen.
– Du sollst befriedigt werden. Hier ist Naukrates.
– Wer ist Naukrates?
– Ein Philosoph.
– Und was lehrt er?
– Daß man schweigen muß.
– Bei Zeus, das ist eine Lehre, welche nicht viel Genie verlangt und dieser Philosoph gefällt mir nicht.
– Hier kommt Phrasilas.
– Wer ist Phrasilas?
– Ein Thor.
– Warum läßt Du ihn da nicht vorüberziehen?
– Weil Andere ihn für einen ausgezeichneten Mann halten.
– Und was sagt er?
– Er sagt Alles mit einem Lächeln, was ihm gestattet, seine Irrthümer als absichtlich und seine Albernheiten als pfiffig gelten zu lassen. Alle Vortheile sind auf seiner Seite. Die Welt hat sich dadurch irreführen lassen.
– Das ist mir zu hoch und ich verstehe Dich nicht recht. Übrigens hat dieser Phrasilas ein Heuchlergesicht. – Hier kommt Philodem.
– Der Stratege?
– Nein. Ein lateinischer Dichter, der griechisch schreibt.
– Kleine, es ist ein Feind. Ich will ihn nicht gesehen haben.
Jetzt entstand in der Menge eine Bewegung und ein Gemurmel von Stimmen sprach einen und denselben Namen aus.
»Demetrios … Demetrios …«
Tryphaera stieg auf einen Eckstein und sagte dem Kaufmann:
»Demetrios … Hier ist Demetrios. Du wolltest ja einen berühmten Mann sehen.
– Demetrios? der Geliebte der Königin? Ist es möglich?
– Ja, Du kannst von Glück reden. Er geht nie aus. Seitdem ich in Alexandrien bin, ist es das erstemal, daß ich ihn auf dem Strande sehe.
– Wo ist er?
– Es ist der, welcher sich vorbeugt, um den Hafen zu sehen.
– Es sind zwei da, die sich vorbeugen.
– Der, welcher blau gekleidet ist.
– Ich sehe ihn nicht recht. Er wendet uns den Rücken zu.
– Weißt Du, daß es der Bildhauer ist, dem die Königin Modell gestanden hat, als er die Statue der Aphrodite für den Tempel gemacht hat?
– Man sagt, er sei der königliche Geliebte. Man sagt, er sei der Herr Ägyptens.
– Er ist schön wie Apoll!
– Ah! Jetzt dreht er sich um. Ich bin recht froh, gekommen zu sein. Ich werde sagen, daß ich ihn gesehen habe. Man hat mir so Vieles über ihn erzählt. Man sagt, daß ihm niemals eine Frau widerstanden hat. Er hat viele Abenteuer erlebt, nicht wahr? Wie kommt es, daß die Königin sich nicht darüber erkundigt hat?
– Die Königin kennt sie so gut wie wir. Sie liebt ihn zu sehr, um ihm deshalb etwas zu sagen. Sie fürchtet, daß er nach Rhodos, zu seinem Meister Pherecrates zurückkehrt. Er ist so mächtig wie sie und sie ist es, die nach ihm verlangte.
– Er sieht nicht glücklich aus. Warum hat er eine so traurige Miene? Es scheint mir, ich würde glücklich sein, wenn ich an seiner Stelle wäre. Ich möchte gern an seinem Platze sein, sei es auch nur einen Abend…
Die Sonne war untergegangen. Die Frauen schauten diesen Mann an, der ihr gemeinsamer Traum war. Scheinbar ohne das Bewußtsein von der Neugierde zu haben, welche er hervorrief, stand er den Flötenspielerinen zuhörend an der Brüstung angelehnt.
Die kleinen Spielmädchen machten nochmals die Runde, um zu sammeln; dann warfen sie ihre leichten Flöten auf den Rücken; die Sängerin faßte sie um den Hals und alle drei wandten sich der Stadt zu.
Als es finstere Nacht war, kehrten die anderen Frauen in kleinen Gruppen nach dem ungeheueren Alexandrien zurück und die Heerde der Männer folgte ihnen nach; doch unterwegs drehten sich alle nach Demetrios zurück. Die letzte, die vorbei kam, warf ihm mit leichter Grazie ihre gelbe Blume zu und lachte dabei. Der Strand lag jetzt in völliger Stille da.
III.
Demetrios
An der Stelle, wo die Spielmädchen gestanden, war Demetrios allein angelehnt geblieben. Er hörte dem Brausen des Meeres zu, dem knarrenden Geräusch der langsam fahrenden Schiffe und dem Winde, der unter den Sternen dahinstrich. Die ganze Stadt war von einer kleinen blendenden Wolke, welche vor dem Monde Halt gemacht, beleuchtet und der Himmel wölbte sich in milder Klarheit.
Der Jüngling schaute neben sich hin. Die Tuniken der Flötenspielerinen hatte zwei Eindrücke in dem Staube zurückgelassen. Er erinnerte sich ihrer Gesichter. Es waren zwei Epheserinen. Die Ältere hatte ihm hübsch geschienen, die Jüngere hingegen war reizlos, und da ihm Häßlichkeit weh that, vermied er es daran zu denken.
Zu seinen Füßen glänzte ein Elfenbeingegenstand. Er hob ihn auf. Es war eine Schreibtafel, woran ein silberner Griffel hing. Das Wachs war fast abgenützt, aber man hatte darauf wohl dasselbe Wort mehrere Male überschrieben und zuletzt sogar in’s Elfenbein eingegraben.
Es standen darauf nur drei Worte geschrieben:
Rhodis liebt Myrtocleia
Und er fragte sich, welcher der beiden Frauen dies gehören mochte und ob die Andere die Geliebte wäre, oder irgend eine junge Unbekannte, welche sie in Ephesus zurückgelassen hatte. Dann dachte er einen Augenblick daran, den beiden Spielerinen nachzueilen, um ihnen den Gegenstand zurückzugeben, der vielleicht ein Andenken an eine geliebte Todte war; aber es wäre für ihn schwierig gewesen sie wiederzufinden, und, da er schon aufhörte sich für sie zu interessiren, drehte er sich nachlässig um und warf das kleine Ding in’s Meer.
Es fiel schnell, wie ein weißer Vogel niedergleitend und er hörte das Plätschern des fernen und schwarzen Wassers. Dieses schwache Geräusch brachte ihm die gewaltige Stille des Hafens deutlicher zum Bewußtsein.
An die kalte Brüstung gelehnt versuchte er jeden Gedanken zu bannen und sich in die Betrachtung der Gegenstände zu vertiefen.
Das Leben war ihm ein Ekel. Er verließ sein Haus nur zur Stunde, wo das Leben aufhörte und er kehrte erst heim, wenn der Anbruch des Tages die Fischer und Gemüsehändler nach der Stadt zog. Das Vergnügen, in der Welt nur den Schatten der Stadt und seine eigene Gestalt zu sehen, wurde bei ihm zu einer solchen Wollust, daß er sich nicht erinnerte seit Monaten die Mittagssonne gesehen zu haben.
Er langweilte sich. Die Königin war ihm überdrüssig.
In dieser Nacht konnte er kaum mehr die Freude und den Stolz begreifen, welche ihn erfüllt hatten, als drei Jahre vorher die Königin, vielleicht mehr durch den Ruf seiner Schönheit als durch den Ruhm seines Genie’s verlockt, ihn nach dem Palaste hatte rufen und am westlichen Thore durch Trompetensignale hatte ankündigen lassen.
Dieser Eintritt in den Palast erleuchtete manchmal sein Gedächtniß mit einer jener Erinnerungen, welche aus lauter Süßigkeit in der Seele nach und nach so bitter werden, daß sie schier unerträglich sind … Die Königin hatte ihn allein in ihren Privatgemächern empfangen, welche aus drei kleinen, wollüstig-verschwiegenen Zimmern bestanden. Sie lag auf der linken Seite dahingestreckt, in grüner Seide wie vergraben, deren Widerschein ihre schwarzen Haarlocken in purpurnem Lichte badete. Ihr junger Körper war mit einem schamlos durchbrochenem Kostüm bekleidet, welches sie unter ihrer Aufsicht durch eine Hetäre aus Phrygien hatte anfertigen lassen. Es ließ jene zweiundzwanzig Stellen des Körpers entblößt, wo die Liebkosungen unwiderstehlich sind, so daß man eine ganze Nacht hindurch die scharfsinnigsten Lüste der Liebe auskosten konnte, ohne dieses Kleid ablegen zu müssen.
Demetrios hatte, respektvoll niederknieend, den kleinen nackten Fuß der Königin Berenike, wie einen kostbaren zarten Gegenstand, in die Hand genommen und geküßt.
Dann hatte sie sich erhoben.
Ganz einfach, wie eine schöne Sklavin, welche als Modell dient, hatte sie Mieder, Bänder und ihre geschlitzten Höschen gelöst, hatte sie sogar die Spangen ihrer Arme und die Ringe ihrer Fußzehen abgelegt, und so war sie aufrecht vor ihm erschienen, die Hände vor den Schultern geöffnet, den Kopf hoch unter einer Korallenhaube, welche die Wangen entlang zitterte.
Sie war die Tochter eines Ptolemäers und einer syrischen Prinzessin, die durch Astarte, welche die Griechen Aphrodite nennen, von allen Göttern abstammte. Demetrios wußte das und auch, daß sie auf ihr olympisches Geschlecht stolz war. Er kam denn auch nicht in Verwirrung, als die Königin, ohne sich zu rühren, ihm sagte: »Ich bin Astarte. Nimm ein Stück Marmor und deinen Meißel und zeige mich den Männern Ägyptens. Ich will, daß man mein Bild anbete.«
Demetrios blickte sie an und, die einfache und neue Sinnlichkeit errathend, welche diesen Jungfrauenkörper belebte, sagte er: »Ich bete es als Erster an,« und damit schloß er sie in seine Arme. Die Königin zürnte nicht ob dieses ungestümen Wesens, aber sie fragte zurücktretend: »Glaubst Du Adonis zu sein, daß Du die Göttin berührst?« Er antwortete »Ja.« Sie schaute ihn an, lächelte ein wenig und schloß mit den Worten: »Du hast Recht.«
Dies war der Grund, weshalb er unerträglich geworden, daß seine besten Freunde sich von ihm lossagten, während er alle Frauenherzen bethörte.
Wenn er einen Saal des Palastes durchschritt, blieben die Sklavinen stehen, die Frauen des Hofes schwiegen still, auch die Fremden hörten ihm zu, denn der Klang seiner Stimme war zum Entzücken. Zog er sich zur Königin zurück, so wurde er, unter immer neuen Vorwänden, selbst da noch belästigt. Wanderte er durch die Straßen, so füllten sich die Falten seines Kleides mit kleinen Papyrusstreifen, wo die vorbeigehenden Frauen ihre Namen mit schmerzhaften Worten niedergeschrieben hatten, die er aber gelangweilt zerknitterte, ohne sie zu lesen. Als im Tempel der Göttin Aphrodite sein Werk aufgestellt worden, wurde der Raum zu jeder Stunde der Nacht von der Menge der Anbeterinen belagert. Sie kamen um seinen Namen auf dem Steine zu lesen und ihrem lebendigen Gotte alle Tauben und alle Rosen darzubieten.
Bald wurde sein Haus von Geschenken überfüllt. Zuerst nahm er dieselben aus Nachlässigkeit an, später wies er sie zurück, als er begriff, was man von ihm erwartete und daß man ihn wie eine Prostituirte behandelte. Selbst seine Sklavinen boten sich dar. Er ließ sie peitschen und verkaufte sie an das Freudenhaus von Rhacotis. Dann aber öffneten seine Sklaven, durch Geschenke bestochen, unbekannten Frauen die Thüre, und er fand sie, wenn er nach Hause kam, vor seinem Bette, in einer Haltung, welche keinen Zweifel über ihre verliebten Absichten übrig ließ. Die kleinen Gegenstände seiner Toilette und sein Tischgeräthe verschwanden nach einander. Mehr als eine Frau der Stadt hatte eine Sandale oder einen Riemen, welche ihm gehört hatten, einen Becher, woraus er getrunken hatte, und selbst die Kerne der Früchte, die er gegessen hatte. Ließ er im Gehen eine Blume fallen, so fand er sie hinter sich nicht wieder. Sie wären im Stande gewesen, selbst den Staub aufzulesen, den er mit seinen Schuhen zertreten hatte.
Diese Verfolgung wurde nachgerade gefährlich und drohte in ihm seine ganze Empfindsamkeit zu tödten. Er war überdies bei jenem Abschnitt seiner Jugend angekommen, wo der denkende Mann es für nöthig hält, sein Leben in zwei Theile zu sondern, und die Sachen des Geistes nicht länger mit den Bedürfnissen der Sinne zu vermengen. Die Statue der Aphrodite-Astarte war für ihn der erhabene Vorwand dieser moralischen Bekehrung. Alles was die Königin an Schönheit besaß, alles Ideale, das man um die weichen Linien ihres Körpers erfinden konnte, hatte Demetrios aus dem Marmor geholt und von diesem Tage an bildete er sich ein, daß kein anderes Weib auf Erden je wieder die Höhe seines Traumes erreichen würde. Seine Statue wurde der Gegenstand seines Verlangens. Sie allein betete er noch an und wahnwitzig trennte er von dem Fleische die erhabene Idee der Göttin, welche nur um so unkörperlicher gewesen wäre, wenn er sie an das Leben gebunden hätte.
Wenn er die Königin selbst wiedersah, fand er sie alldessen bar, was ihren Reiz ausgemacht hatte. Sie genügte ihm noch eine Zeit lang, um sein zielloses Verlangen zu täuschen, aber sie war von der Anderen zu verschieden und zugleich ihr zu sehr ähnlich. Wenn sie nach seinen Umarmungen erschöpft hinsank und an derselben Stelle einschlafend, betrachtete er sie als ob eine Fremde als Eindringling die Gestalt der Geliebten annehmend, sein Bett erschlichen hätte. Ihre Arme waren schlanker, ihre Brust spitziger, ihre Hüfte enger als diejenigen der Wirklichen. Sie hatte in den Weichen nicht jene drei Falten, so fein wie Linien, die er in den Marmor gegraben hatte. Er ward ihrer endlich müde.
Seine Anbeterinen erfuhren es, und obwohl er seine täglichen Besuche fortsetzte, wußte man, daß er aufgehört habe, in Berenike verliebt zu sein. Und man drängte sich mit verdoppelter Zudringlichkeit an ihn heran. Er legte keinen Werth darauf. In der That hatte die Abwechselung, deren er bedurfte, eine ganz andere Bedeutung.
Es ist selten, daß ein Mann zwischen zwei Verhältnissen nicht einen Zwischenraum in seinem Leben habe, wo ihn die grobe Wollust anzieht und befriedigt. Demetrios gab sich derselben hin. Wenn ihm der Zwang in den Palast zu gehen mehr als gewöhnlich lästig war, ging er Nachts zum Garten der heiligen Hetären, welcher von allen Seiten den Tempel umgab.
Die Weiber, welche dort hausten, kannten ihn nicht. Uebrigens waren sie durch so viele überflüssige Liebe derart ermüdet, daß sie nicht schrieen, noch weinten, und so war die Befriedigung, welche er suchte, dort wenigstens nicht durch das Gejammer eines verliebten Kätzchens gestört, das ihn bei der Königin nervös machte.
Das Gespräch, welches er mit diesen ruhigen Weibern führte, war lässig und alltäglich. Die Besuche von heute, das Wetter des nächsten Tages, die Weichheit des Grases und die Milde der Nacht: das waren reizende Unterhaltungsgegenstände. Sie baten ihn nicht seine Theorien über die Bildhauerkunst vorzutragen und gaben über den Achilleus des Scopas keine Meinung ab. Wenn es geschah, daß sie dem Liebhaber, der sie wählte, dankten, oder daß sie ihn wohl gewachsen fanden und es ihm sagten, so hatte er das Recht, nicht an ihre Uneigennützigkeit zu glauben.
Wenn er aus ihren heiligen Armen kam, stieg er die Stufen des Tempels empor und überließ sich vor der Statue seinem Entzücken.
Zwischen den schlanken, von ionischen Voluten gekrönten Säulen erschien die Göttin wie lebendig auf ihrem Postamente von rosarothem Steine, mit Kleinodien beladen. Sie war nackt und geschlechtlich dargestellt, leicht nach den Farben des Weibes gefärbt; in einer Hand hielt sie einen Spiegel, dessen Griff einen Priapus vorstellte; die andere Hand schmückte ihre Schönheit mit einem Halsbande aus sieben Perlenreihen. Eine silberne und längliche Perle, welche größer war als die anderen, glänzte zwischen ihren beiden Brüsten, wie eine Mondsichel zwischen zwei runden Wolken.
Zärtlich betrachtete sie Demetrios und, wie das Volk, wollte er glauben, es seien die wahren heiligen Perlen, aus den Wassertropfen geboren, welche in der Muschelschale Anadyomene’s gerollt.
»Oh göttliche Schwester, sagte er, oh Blühende, Verklärte! Du bist nicht mehr die kleine Asiatin, die ich für Dich als unwürdiges Modell benützte. Du bist ihr unsterbliches Sinnbild, die irdische Seele der Astarte, welche die Erzeugerin ihrer Rasse wurde. Du glänztest in ihren feurigen Augen. Du branntest auf ihren dunkeln Lippen, Du erstarbst in ihren weichen Händen, Du keuchtest in ihren großen Brüsten, Du strecktest Dich in ihren umschlingenden Beinen, ehemals, vor Deiner Geburt; und was die Tochter eines Fischers befriedigte, streckte auch Dich, Göttin, hin, die Du die Mutter der Götter und der Menschen bist, Lust und Leid der Welt. Aber ich habe Dich gesehen, hervorgezaubert, ergriffen, oh wunderbare Cythereia! Ich habe Dich der Erde geoffenbaret. Dein Bild ist es nicht, Du selbst bist es, der ich den Spiegel gegeben habe, die ich mit Perlen bedeckt habe, ganz wie an dem Tage, wo Du aus dem blutigen Himmel und dem schäumenden Lächeln der Wasser geboren wurdest, thauige Morgenröthe, bis zu den Ufern Cyperns von einer Schaar blauer Tritonen bejubelt.«
— — — — —
Er hatte sie eben in dieser Weise angebetet, als er auf den Strand kam, zur Stunde wo sich die Menge verlief, und er hörte den schluchzenden Gesang der Flötenspielerinen. Aber an diesem Abende hatte er die Hetären des Tempels zurückgewiesen; ein umschlungenes Paar, das er flüchtig zwischen den Zweigen gesehen, hatte ihn mit Ekel erfüllt und in der Seele empört.
Nach und nach bemächtigte sich seiner der milde Einfluß der Nacht. Er drehte sein Gesicht dem Winde zu, welcher über das Meer herüber wehte und den Duft der Rosen von Amathont nach Aegypten zu bringen schien.
Schöne weibliche Formen erstanden in seinem Geiste. Man hatte bei ihm für den Garten der Göttin eine Gruppe der drei umschlungenen Charitinen bestellt; aber es widerstrebte seiner Jugend, althergebrachte Formen zu copieren und er träumte davon die drei anmuthigen Bewegungen des Weibes auf einem und demselben Marmorblock zu vereinen: zwei der Charitinen wären bekleidet, die eine einen Fächer haltend und die Augenlider im Hauche der bewegten Federn halb schließend; die andere im faltigen Rocke tanzend. Die dritte würde nackt hinter ihren Schwestern stehen, und mit emporgehobenen Armen die Fülle ihrer Haare zu einem Knoten winden.
Seine Gedanken gingen noch manchen anderen Entwürfen nach; so wollte er auf die Felsen des Leuchtthurms eine Andromeda aus schwarzem Marmor vor dem wogenden Ungeheuer des Meeres festbinden, die Agora das Brouchion zwischen den vier Rossen der aufgehenden Sonne, wie zwischen zornigen Pegasen einschließen; und welcher Rausch frohlockte nicht in ihm, wenn er an einen, bei dem Herannahen der Titanen von Furcht ergriffenen Zagreus dachte! Ha! wie war er von all’ dieser Schönheit neu ergriffen! wie er sich der Liebe entriß! wie er »von dem Fleische die höchste Idee der Göttin trennte!« wie er sich endlich frei fühlte!
Doch er wandte den Kopf dem Ufer zu, und in der Ferne sah er den gelben Schleier einer dahin schreitenden Frau schimmern.
IV.
Die Vorbeigehende.
Sie kam langsam, den Kopf etwas nach der Schulter geneigt, auf dem öden Strande daher, welchen das Mondlicht erhellte. Ein kleiner, beweglicher Schatten zitterte vor ihren Schritten dahin.
Demetrios sah sie näher kommen.
Diagonale Falten durchfurchten den kleinen Theil ihres Körpers, den man durch den leichten Stoff hindurch sah; einer ihrer Ellenbogen trat unter der fest anliegenden Tunika hervor; der andere Arm, den sie nackt gelassen hatte, hob die lange Schleppe in die Höhe, damit sie nicht den Staub fege.
Er erkannte an ihrem Schmucke, daß sie eine Hetäre sei; um einen Gruß von ihr zu vermeiden, ging er schnell über die Straße.
Er wollte sie nicht anschauen. Absichtlich beschäftigte er seine Gedanken mit dem großen Entwurfe des Zagreus. Und dennoch wandten sich seine Augen nach der Vorbeigehenden.
Da sah er, daß sie nicht stehen blieb, daß sie sich nicht um ihn bekümmerte, daß sie sich nicht einmal den Anschein gab das Meer zu betrachten, noch ihren Schleier nach vorn aufzuheben, noch in ihre Gedanken versunken zu sein; sondern, daß sie ganz einfach allein spazieren ging, hier nichts Anderes suchend als die Kühle des Windes, die Einsamkeit, die Stille.
Ohne sich zu rühren ließ Demetrios sie nicht aus den Augen und versenkte sich in ein sonderbares Verwundern.
Sie schritt immer weiter wie ein ferner gelber Schatten, nachlässig und von dem kleinen schwarzen Schatten, der vor ihr her ging, gleichsam geführt.
Er hörte bei jedem Schritte das leise Knirschen ihrer Schuhe im Staube des Weges.
Sie ging bis zur Insel des Leuchtturmes und stieg die Felsen hinan.
Plötzlich, als hätte er seit langer Zeit die Unbekannte geliebt, lief Demetrios ihren Spuren nach, dann hielt er inne, ging wieder zurück, zitterte, erzürnte sich, versuchte den Strand zu verlassen; aber er hatte stets seinen Willen nur seinem eigenen Vergnügen dienstbar gemacht, und wenn es sich darum handelte ihn zum Heile seines Charakters und zur Ordnung seines Lebens in Thätigkeit zu setzen, fühlte er sich von Unvermögen ergriffen und an die Stelle genagelt, wo die Last seiner Füße ruhte.
Da er nicht mehr aufhören konnte an diese Frau zu denken, suchte er sich selbst wegen des Gedankens, welcher seinen Geist so sehr im Banne hielt, zu entschuldigen. Er glaubte den Reiz ihrer Erscheinung durch ein rein ästhetisches Gefühl zu erklären und dachte, daß sie das geträumte Modell für die Charitin mit dem Fächer wäre, welche er den nächsten Tag entwerfen wollte.
Dann geriethen plötzlich alle seine Gedanken in Unordnung und eine Menge von ängstigenden Fragen strömte wegen dieses gelb gekleideten Weibes in seinem Geiste zusammen.
Was machte sie zu dieser nächtlichen Stunde auf der Insel? Warum, um wessen Willen ging sie so spät aus? Warum hatte sie ihn nicht angeredet? Sie hatte ihn gesehen, sicher hatte sie ihn, während er über den Weg schritt, gesehen. Warum hatte sie ihren Gang fortgesetzt, ohne ein Wort der Begrüßung an ihn zu richten? Es ging das Gerücht, daß manche Weiber die kühlen Stunden vor Tagesanbruch wählten, um im Meere zu baden. Aber man badete nicht bei dem Leuchtthurme. Dort war das Meer zu tief. Uebrigens war es unwahrscheinlich, daß ein Weib sich so mit Schmuck bedeckt hätte um zum Bade zu gehen? … Was war es dann, was sie so weit von Rhacotis anzog? Vielleicht ein Stelldichein? Irgend ein junger Lebemann, der die Abwechselung liebte, und der für einen Augenblick die großen, von den Wogen geglätteten Felsen zum Lager wählte.
Demetrios wollte sich darüber Gewißheit verschaffen. Doch schon kam das junge Weib zurück, mit demselben ruhigen, weichen Schritte, von der milden Klarheit des Mondes voll beleuchtet, mit dem Ende ihres Fächers den Staub der Brüstung fegend.
V.
Der Spiegel, der Kamm und das Halsband.
Sie besaß eine eigenartige Schönheit. Ihre Haare schienen zwei Goldmassen zu sein, aber sie waren zu reichlich und überragten ihre niedere Stirne wie zwei tiefe, schattige Wogen, unter welchen die Ohren verschwanden und welche in Windungen auf dem Nacken lagen. Die Nase war fein und die ausdrucksvollen Nasenlöcher zuckten manchmal über einem vollen, bemalten Munde mit abgerundeten, beweglichen Ecken. Die weiche Linie des Körpers wiegte sich bei jedem Schritte, durch die Schwingungen der freien Brüste oder das Schaukeln der schönen Hüften unter der biegsamen Taille belebt.
Als sie nur mehr zehn Schritte von dem Jüngling entfernt war, wandte sie ihren Blick nach ihm. Demetrios erbebte. Es waren wunderbare Augen; blau aber dunkel und glänzend zugleich, feucht, müde, schluchzend und lodernd, unter der Last der langen Augenlider und Wimpern fast geschlossen. Diese Augen schauten wie die Sirenen singen. Wer durch ihren Lichtkreis ging, war unwiderstehlich gefangen. Sie wußte es wohl und nützte geschickt den Eindruck, den sie hervorriefen; aber sie rechnete mehr noch auf die geheuchelte Gleichgültigkeit gegen den, welchen so viel wahre Liebe nicht hatte wahrhaft rühren können.
Die Seefahrer, welche die purpurnen Meere weit über den Ganges hinaus durchschifft haben, erzählen, daß sie unter den Wassern Felsen gesehen haben, welche Magnetsteine sind. Wenn ein Schiff bei ihnen vorbeifährt, fallen Nägel und Eisenbeschläge davon ab, von der unterirdischen Klippe auf immer angezogen. Und was ein schnelles Fahrzeug gewesen, ein Wohnort, ein lebendes Wesen, ist dann nur mehr eine lose Brettermenge, die vom Winde zerstreut auf den Fluthen treibt. So verlor sich Demetrios in sich selbst vor zwei großen anziehenden Augen, und seine ganze Kraft verließ ihn.
Sie senkte die Augenlider und ging an ihm vorbei.
Er hätte vor Ungeduld aufschreien mögen. Seine Fäuste ballten sich zusammen: er fürchtete sich keine ruhige Haltung mehr annehmen zu können, denn er mußte mit ihr reden. Dach sprach er sie mit den üblichen Worten an:
– Sei mir gegrüßt, sagte er.
– Sei auch Du gegrüßt, antwortete die Vorbeigehende.
Demetrios fuhr fort:
– Wohin gehst Du, mit so wenig Eile?
– Ich gehe nach Hause.
– Ganz allein?
– Ganz allein.
Und sie machte eine Bewegung, um ihren Spaziergang fortzusetzen.
Da dachte Demetrios, er habe sich vielleicht getäuscht, als er sie für eine Dirne hielt. Seit einiger Zeit kleideten und schminkten sich die Gattinen der Richter und Beamten wie Freudenmädchen. Diese war wohl eine in sehr gutem Rufe stehende Frau, und ohne Ironie fuhr er in seiner Frage also fort:
– Zu Deinem Gatten?
Sie lehnte sich mit beiden Händen zurück und sagte lachend:
– Heute Abend hab’ ich keinen Gatten.
Demetrios biß sich in die Lippen und sagte fast schüchtern:
– Suche ihn nicht. Du hast Dich zu spät daran gemacht. Es ist Niemand mehr da.
– Wer hat Dir gesagt, daß ich auf der Suche bin? Ich gehe allein spazieren und suche nichts.
– Woher bist Du denn gekommen? All’ den Schmuck hast Du doch nicht für Dich allein angelegt, und Du hast hier einen seidenen Schleier …
– Muthest Du mir zu nackt auszugehen, oder mit Wolle bekleidet wie eine Sklavin? Ich schmücke mich nur zu meinem Vergnügen; es ist mir lieb zu wissen, daß ich schön bin und im Gehen betrachte ich meine Finger, um alle meine Ringe kennen zu lernen.
– Du solltest einen Spiegel in der Hand haben und nur Deine Augen anschauen. Diese Augen sind nicht in Alexandrien geboren worden. Du bist Jüdin, ich höre es an Deiner Stimme, welche milder ist als die unsrigen.
– Nein, ich bin nicht Jüdin, ich bin Galiläerin.
– Wie heißest Du, Miriam oder Noemi?
– Mein Name ist syrisch und Du wirst ihn nicht erfahren. Es ist ein königlicher Name, den man hier nicht trägt. Meine Freunde nennen mich Chrysis, und es ist ein Compliment, das Du mir hättest machen können.
Er legte ihr die Hand auf den Arm.
»Ach! nein, nein, sagte sie mit höhnischer Stimme. Es ist viel zu spät für derlei Scherze. Laß’ mich schnell nach Hause gehen. Ich bin schon seit fast drei Stunden aufgestanden, ich sterbe vor Müdigkeit.«
Und, sich niederbeugend, nahm sie einen Fuß in die Hand und fuhr fort:
»Schau, wie meine Schuhbänder mir weh thun! Sie sind viel zu straff gebunden worden. Wenn ich sie nicht löse, werde ich die Spur davon am Fuße behalten und Das wäre schön, wenn man mich umarmen wird! Laß’ mich schnell! Ach, welche Mühe! Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich nicht stehen geblieben. Mein gelber Schleier ist an der Taille ganz zerknüllt, schau nur!«
Demetrios strich mit der Hand über die Stirne; dann murmelte er mit dem leichten Tone eines Mannes, der sich zu entschließen geruht:
»Zeige mir den Weg!«
– Aber ich will nicht! sagte Chrysis mit erstaunter Miene. Du fragst mich nicht einmal, ob es mir Vergnügen macht. »Zeige mir den Weg!« Wie er das sagt! Hältst Du mich für eine Metze des Dirnenviertels, die sich für drei Obolen auf den Rücken legt, ohne auch nur zu schauen, wer sie in den Armen hält? Weißt Du auch nur, ob ich frei bin? Kennst Du die Bedingungen meiner Zusammenkünfte? Bist Du meinen Spaziergängen gefolgt? Hast Du die Thüren, welche sich für mich öffnen, bezeichnet? Hast Du die Männer gezählt, welche sich von Chrysis geliebt wähnen? »Zeige mir den Weg!« Ich werde ihn Dir nicht zeigen, wenn es Dir beliebt. Bleibe hier oder geh fort, aber anderswo hin, nicht zu mir!
– Du weißt nicht, wer ich bin …
– Du? Ach was! Du bist Demetrios von Saïs; Du hast das Standbild meiner Göttin gemacht, Du bist der Geliebte meiner Königin und der Gebieter meiner Stadt. Aber für mich bist Du nur ein schöner Sklave, weil Du mich gesehen hast und weil Du mich liebst.«
Sie näherte sich ihm und fuhr mit schmeichlerischer Stimme fort:
»Ja, Du liebst mich. Oh sage nichts! – ich weiß, was Du mir sagen willst: Du liebst Niemanden, Du wirst geliebt. Du bist der Liebling, der Heißgeliebte, der Abgott. Du hast Glycera zurückgewiesen, die selbst dem Antiochos sich geweigert hat. Demonassa, die Lesbierin, welche geschworen hatte als Jungfrau zu sterben, hat sich während Deines Schlafes in Dein Bett gelegt und sie hätte Dich mit Gewalt genommen, wenn Deine beiden lybischen Sklaven sie nicht nackt vor die Thür gesetzt hätten. Callistion, die Wohlgenannte, hat, nachdem sie alle Hoffnung verloren hatte Dir zu nahen, das Haus, das dem Deinigen gegenüber liegt, angekauft und jeden Morgen zeigt sie sich in der Fensteröffnung, so wenig bekleidet wie Artemis im Bade. Glaubst Du denn, daß ich Alldas nicht weiß? Man erzählt sich ja Alles unter Hetären. In der Nacht Deiner Ankunft in Alexandrien hat man mir von Dir gesprochen; und seitdem ist kein Tag verflossen, ohne daß man Deinen Namen vor mir ausgesprochen hätte. Ich weiß sogar Dinge, die Du vergessen hast. Ich weiß sogar Dinge, die Du noch nicht kennst. Die arme kleine Phyllis hat sich vorgestern am Riegel Deiner Thür erhängt, nicht wahr? Nun, es ist eine Mode, die anfängt sich zu verbreiten. Lydé hat es ebenso wie Phyllis gemacht: ich habe sie heute Abend im Vorbeigehen gesehen; sie war ganz blau, aber die Thränen ihrer Augen waren noch nicht trocken. Du weißt nicht, wer das ist, Lydé? Ein Kind, eine kleine Buhlerin von fünfzehn Jahren, von ihrer Mutter im vergangenen Monat an einem Rheder von Samos verkauft, der eine Nacht in Alexandrien verbrachte, bevor er den Fluß bis nach Theben hinauffuhr. Sie hatte die Gewohnheit zu mir zu kommen. Ich gab ihr gute Rathschläge; sie wußte absolut nichts, nicht einmal Würfel spielen kannte sie. Ich lud sie oft in mein Bett ein, weil sie, wenn sie keinen Geliebten hatte, nicht wußte wo sie schlafen sollte. Und sie liebte Dich! Wenn Du gesehen hättest, wie sie mich an sich zog, indem sie Deinen Namen nannte! … Sie wollte Dir schreiben. Versteht Du? Ich habe ihr gesagt, daß es nicht der Mühe werth sei …«
Demetrios blickte sie an, ohne zu hören.
»Ja, das Alles ist Dir ganz gleichgültig, nicht wahr? fuhr Chrysis fort. Denn Du liebtest sie nicht. Mich liebst Du. Du hast nicht einmal angehört, was ich Dir soeben sagte. Ich bin sicher, daß Du nicht ein einziges Wort wiederholen könntest. Du bist sehr beschäftigt zu erfahren, wie meine Augenlider beschaffen sind, wie mein Mund köstlich, und mein Haar lieblich zu berühren sein muß. Ach! wie viele Andere giebt es, die das wissen! Alle, Alle die, welche Verlangen nach mir hatten, haben es auf mir gestillt: Männer, Jünglinge, Greise, Kinder, Frauen, Mädchen. Ich habe Niemanden zurückgewiesen, hörst Du wohl? Seit sieben Jahren, Demetrios, habe ich nur drei Nächte allein geschlafen. Rechne aus, wie viel Liebhaber das macht? Zweitausend fünfhundert, und mehr, denn ich spreche nicht von denjenigen, die ich des Tages hatte. Im vorigen Jahr habe ich nackt vor zwanzigtausend Personen getanzt, und ich weiß, daß Du nicht dabei warst. Glaubst Du, daß ich mich verberge? Ach, weßhalb denn? Alle Frauen haben mich im Bade gesehen. Alle Männer haben mich im Bett gesehen. Du allein wirst mich nie sehen. Ich weise Dich zurück, ich weise Dich zurück! Von dem was ich bin, von dem was ich fühle, von meiner Schönheit, von meiner Liebe wirst Du niemals, niemals Etwas wissen! Du bist ein abscheulicher Mensch, Du bist dünkelhaft, grausam, gefühllos und feig! Ich weiß nicht, warum nicht Eine von uns genügenden Hasses fähig war, um Euch beide zu tödten, den Einen auf der Anderen: Dich zuerst und dann Deine Königin.«
Demetrios nahm ihr ruhig die beiden Arme, und ohne ein Wort zu erwidern, beugte er sie mit Gewalt zurück.
Einen Augenblick wurde es ihr bange; aber plötzlich drückte sie die Kniee zusammen und preßte die Ellenbogen an einander und mit dem Oberkörper zurückweichend sagte sie:
»Ha! das fürchte ich nicht, Demetrios! Du wirst mich nie mit Gewalt bekommen, wäre ich auch schwach wie eine verliebte Jungfrau und Du stark wie ein Atlas. Du suchst nicht nur Deinen eigenen Genuß, Du willst besonders den meinen. Du willst mich auch sehen, mich ganz sehen, weil Du mich für schön hältst und ich bin es thatsächlich. Und der Mond erleuchtet weniger als meine zwölf Wachskerzen. Hier ist es fast dunkle Nacht. Es ist auch nicht üblich, sich am Strande zu entkleiden. Ich könnte mich nicht wieder ankleiden, wenn ich meine Sklavin nicht da hätte. Laß mich los, Du thust mir am Arme weh.«
Sie schwiegen einige Augenblicke, dann begann Demetrios von Neuem:
»Wir müssen ein Ende machen, Chrysis. Du weißt es wohl, ich werde Dich nicht zwingen. Aber laß mich Dir folgen. So hochmüthig Du auch seist, es ist ein Ruhm, den Du theuer bezahlen wirst, Demetrios zurückzuweisen.«
Chrysis schwieg immer noch.
Sanfter begann er von Neuem:
»Was fürchtest Du?
– Du bist an die Liebe der Anderen gewöhnt. Weißt Du, was man einer Hetäre geben soll, die nicht liebt?
Er wurde ungeduldig.
»Ich verlange nicht, daß Du mich liebst. Ich bin es müde geliebt zu werden. Ich will nicht geliebt werden. Ich verlange nur, daß Du dich hingibst. Dafür werde ich Dir alles Gold der Welt geben. Ich habe es in Aegypten.
– Ich habe es in meinem Haar. Ich bin des Goldes überdrüssig. Ich will kein Gold. Ich will nur drei Dinge. Wirst Du mir sie geben?«
Demetrios fühlte, daß sie das Unmögliche verlangen würde. Er schaute sie beklommen an. Doch sie begann zu lächeln und sagte langsam:
»Ich will einen Silberspiegel, um meine Augen in meinen Augen zu betrachten.
– Du wirst ihn haben. Was willst Du mehr? Sage schnell.
– Ich will einen Kamm aus geschnitztem Elfenbein, um ihn in mein Haar zu tauchen, wie ein Netz in das Wasser bei Sonnenschein.
– Dann?
– Du wirst mir den Kamm geben?
– Natürlich ja. Sprich zu Ende.
– Ich will ein Halsband aus Perlen, um es auf meiner Brust auszubreiten, wenn ich für Dich, in meinem Gemache die Hochzeitstänze meines Landes tanzen werde.
Er hob die Augenbrauen:
– Ist das Alles?
– Wirst Du mir das Halsband geben?
– Dasjenige, welches Dir gefallen wird.
Sie nahm eine sehr zärtliche Stimme an.
– Welches mir gefallen wird? Ha! das ist es gerade, was ich von Dir verlangen wollte. Wirst Du mich meine Geschenke wählen lassen?
– Versteht sich.
– Schwörst Du es?
– Ich schwöre.
– Welchen Schwur leistest Du?
– Schreibe mir ihn vor.
– Bei der Aphrodite, die Du gemeißelt hast.
– Ich schwöre bei der Aphrodite. Aber weßhalb diese Vorsicht?
– Nun… Ich war nicht ruhig… Jetzt bin ich es.
Sie hob den Kopf und sagte:
– Ich habe meine Geschenke gewählt.
Demetrios wurde wieder unruhig und fragte:
– Schon?
– Ja… Glaubst Du, ich würde irgend welchen Silberspiegel annehmen, den Du von einem Händler aus Smyrna oder von einer unbekannten Hetäre kaufen würdest? Ich will denjenigen meiner Freundin Bacchis, welche mir vergangene Woche meinen Geliebten genommen hat und in einem kleinen Gelage, das sie mit Tryphaera, Mousarion und einigen jungen Gecken hielt, die mir Alles wieder erzählt haben, mich boshaft ausgelacht hat. Es ist ein Spiegel, der ihr sehr theuer ist, weil er Rhodopis gehört hat, Rhodopis, die mit Aesop Sklavin war und durch den Bruder der Sappho freigekauft wurde. Du weißt, daß sie eine berühmte Hetäre ist. Ihr Spiegel ist herrlich. Man sagt, daß Sappho sich darin beschaut hat, und darum ist er Bacchis so theuer. Sie hat nichts Kostbareres in der Welt, aber ich weiß, wo Du ihn finden wirst. Sie hat es mir in einer Nacht gesagt, als sie trunken war. Er liegt unter dem dritten Stein des Haus-Altars. Dort verbirgt sie ihn jeden Abend, wenn sie bei Sonnenuntergang ausgeht. Gehe morgen zu dieser Stunde hin und sei unbesorgt: sie führt ihre Sklavinen mit.
– Das ist ja Wahnsinn! rief Demetrios aus. Soll ich denn stehlen?
– Liebst Du mich nicht? Ich glaubte, daß Du mich liebest. Und dann, hast Du nicht geschworen? Ich glaubte, Du hättest geschworen. Wenn ich mich geirrt habe, sprechen wir nicht weiter davon.«
Er begriff, daß sie ihn ins Verderben trieb, aber er ließ sich kampflos, fast willig fortreißen.
»Was Du willst, werde ich thun«, antwortete er.
– Oh! ich weiß wohl, daß Du es thun wirst. Aber Du zögerst noch. Ich begreife, daß Du zögerst. Es ist kein gewöhnliches Geschenk; von einem Philosophen würde ich es nicht verlangen. Aber von Dir verlange ich es. Ich weiß wohl, daß Du es mir geben wirst.
Sie spielte einen Augenblick mit den Pfauenfedern ihres runden Fächers und sagte dann plötzlich:
»Ha! … ich will auch keinen gewöhnlichen Elfenbeinkamm, der bei einem Verkäufer der Stadt zu kaufen ist. Du hast mir gesagt, ich könne wählen, nicht wahr? Nun, ich will … ich will den Kamm aus geschnitztem Elfenbein, der in den Haaren der Gattin des Hohenpriesters steckt. Der ist noch viel kostbarer, als der Spiegel der Rhodopis. Er kommt von einer Königin Aegyptens, welche vor langer, langer Zeit gelebt hat und deren Name so schwer ist, daß ich ihn nicht aussprechen kann. Das Elfenbein ist denn auch sehr alt, und so gelb als wäre es vergoldet. Es ist ein junges Mädchen hineinziseliert worden, das einen Tümpel mit Lotosblumen durchwatet. Die Lotosblumen sind größer als das Mädchen und es geht auf den Zehen, um nicht naß zu werden … Es ist wirklich ein schöner Kamm … ich bin froh, daß Du mir ihn giebst. Ich habe mich auch ein wenig gegen die Besitzerin des Kammes zu beschweren. Vorigen Monat habe ich der Aphrodite einen blauen Schleier dargebracht; und am nächsten Tage habe ich ihn auf dem Kopfe dieser Frau gesehen. Das ist etwas schnell gegangen und ich grollte ihr deshalb. Ihr Kamm wird mich für meinen Schleier rächen.
– Und wie werde ich ihn bekommen? fragte Demetrios.
– Ach! Das wird ein wenig schwieriger sein. Du weißt, daß sie eine Aegypterin ist; sie sticht ihre zweihundert Zöpfchen nur ein Mal im Jahr, wie die anderen Frauen ihrer Rasse. Aber ich will meinen Kamm morgen haben, und Du wirst sie tödten, um ihn zu erhalten. Du hast einen Schwur geleistet.
Sie machte Demetrios ein Mäulchen, weil dieser zur Erde schaute. Dann schloß sie sehr schnell:
»Ich habe auch mein Halsband gewählt. Ich will das Halsband mit sieben Perlenreihen, das den Hals der Aphrodite schmückt.«
Demetrios fuhr auf.
»Ha! das ist zu viel! Du wirst mich nicht bis zu Ende zum Besten haben! Nichts, hörst Du, nichts! weder Spiegel, noch Kamm, noch Halsband sollst Du haben …«
Doch sie schloß ihm den Mund mit der Hand und fuhr mit ihrer einschmeichelnden Stimme fort:
»Sage das nicht. Du weißt wohl, daß Du mir auch das Halsband geben wirst. Ich bin dessen ganz sicher. Ich werde die drei Geschenke erhalten … Du wirst morgen Abend zu mir kommen, und übermorgen, wenn Du willst, und jeden Abend. Zu Deiner Stunde werde ich da sein, in dem Kostüm, das Du liebst, nach Deinem Geschmacke geschminkt, nach Deinem Belieben gekämmt, zu allen Deinen Launen bereit. Wenn Du nur Zärtlichkeit willst, werde ich Dich wie ein Kind lieben. Wenn Du seltene Sinneslüste suchst, werde ich Dir selbst die schmerzhaftesten nicht verweigern. Wenn Du Schweigen verlangst, werde ich still sein … Wenn Du mich singen hören willst, ha! Du wirst sehen, Geliebter! ich kenne Lieder aus allen Ländern. Ich weiß solche, die lieblich sind wie das Plätschern der Quelle, andere, die furchtbar sind, wie das Herannahen des Donners. Ich weiß so naive und frische, daß ein junges Mädchen sie ihrer Mutter singen würde und ich weiß solche, die man nicht in Lampsach singen würde; ich weiß solche, welche Elephantis zum Erröthen gebracht hätten und welche ich nur ganz leise zu singen wagen würde. In den Nächten, wo Du wünschen wirst, daß ich tanze, werde ich bis zum Morgen tanzen. Ich werde angekleidet tanzen, mit meiner schleppenden Tunika, oder unter durchsichtigen Schleiern, oder mit durchbrochenen Beinkleidern und einem Leibchen mit zwei Öffnungen, um die Brüste durchzulassen. Doch ich habe Dir versprochen nackt zu tanzen? Ich werde nackt tanzen, wenn Du es lieber siehst. Nackt und mit Blumen in den Haaren, oder nackt, mit wallendem Haar, und bemalt wie ein heiliges Bild. Ich verstehe es die Hände zu wiegen, die Arme abzurunden, die Brust zu schütteln, den Bauch zu bewegen. Ich tanze auf den Fußspitzen, oder auf dem Teppich liegend. Ich kenne alle Tänze der Aphrodite, solche, die man vor der Urania tanzt, und solche, die man vor der Astarte tanzt. Ich kenne sogar solche, die man sich nicht zu tanzen getraut … Ich werde Dir alle Liebestänze vorführen … Wenn ich damit zu Ende bin, wird Alles von Neuem beginnen. Du wirst sehen. Die Königin ist reicher als ich, aber im ganzen Palaste ist kein Gemach, welches so von Liebe erfüllt ist, wie das meine. Ich sage Dir nicht, was Du dort finden wirst. Es giebt dort Dinge, welche zu schön sind, als daß ich Dir eine Vorstellung davon geben könnte, und andere, die so schmählich sind, daß ich keine Worte finde, um sie zu sagen. Und dann, weißt Du, was Du noch sehen wirst, und was alles Andere übertrifft? Du wirst Chrysis sehen, Chrysis, die Du liebst, und die Du noch nicht kennst. Ja, Du hast nur mein Gesicht gesehen. Du weißt nicht, wie schön ich bin. Ha! Ha! … Ha! Ha! Du wirst Überraschungen erleben! … Ha! wie Du mit den Spitzen meiner Brüste spielen wirst, wie sich meine Taille in Deinem Arme biegen wird, wie Du in der Pressung meiner Kniee zittern wirst, wie Du auf meinem bewegten Körper hinsterben wirst. Und wie süß wird mein Mund Dir sein! Ach! meine Küsse …«
Demetrios warf ihr einen trostlosen Blick zu.
Zärtlich begann sie von Neuem:
»Wie, Du willst mir nicht einmal einen armseligen alten Silberspiegel geben. Du, der all mein Haar, wie einen Wald von Gold, in den Händen haben wird?«
Demetrios wollte sie berühren … Sie trat zurück und sagte:
»Morgen!«
– Du wirst ihn erhalten, murmelte er.
– Und Du willst nicht einen kleinen Elfenbeinkamm für mich stehlen, der mir gefällt? Du, der meine beiden Arme wie zwei Elfenbeinzweige um Deinen Hals haben wird?«
Er versuchte sie zu liebkosen … sie zog sie zurück, und wiederholte:
»Morgen!
– Ich werde Dir ihn bringen, sagte er sehr leise.
– Ha! ich wußte es wohl, rief die Hetäre, und Du wirst mir auch das Halsband mit sieben Reihen Perlen geben, das am Halse der Aphrodite hängt, und dafür werde ich Dir meinen ganzen Körper verkaufen, der wie eine halbgeöffnete Perlenmuschel ist, und mehr Küsse in Deinen Mund, als es Perlen im Meere giebt!«
Demetrios neigte flehend sein Haupt zu ihr … Sie beherrschte seinen Blick und bot ihm ihre wollüstigen Lippen …
Als er die Augen wieder öffnete, war sie schon weit fort.
Ein kleiner, fahler Schatten eilte hinter ihrem wallenden Schleier einher.
Schwankend schlug er den Weg zur Stadt ein, die Stirne unter einer unaussprechlichen Schmach beugend.
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