Читать книгу: «Ihr mich auch»
Originalcopyright © 2019 Südpol Verlag, Grevenbroich
Autorin: Pia Herzog
Titelillustration: Corinna Böckmann
E-Book Umsetzung: Leon H. Böckmann, Bergheim
ISBN: 978-3-96594-002-4
Alle Rechte vorbehalten.
Unbefugte Nutzung, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
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Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
1
Vor dem Drogeriemarkt hielt ich an und holte tief Luft. Ich würde da jetzt reingehen, mir die Farbe greifen, sie unter meinem T-Shirt verstecken und kackendreist wieder rausmarschieren. War doch nichts dabei, oder?
Zugegeben, das wäre Diebstahl. Egal. Ich musste das Zeug haben. Nicht wegen des Nervenkitzels, sondern weil ich es haben wollte. Also fasste ich mir ein Herz, betrat den Laden und zog das Ding durch.
Wo die Farbe stand, wusste ich genau. Schließlich war ich schon neunmal dran vorbeigeschlichen, an drei verschiedenen Tagen. Heute griff ich zu.
Aber irgendwie war die Packung größer, als ich in Erinnerung hatte. Wenn ich sie unter mein T-Shirt steckte, sah ich vermutlich aus, als sei ich mit einem Schuhkarton schwanger.
Ich zögerte – einen Moment zu lang. Plötzlich war der Gang voll mit Menschen. Die wollten sich doch nicht alle die Haare färben?
Ich wich einen Schritt zurück. Und noch einen. Vor so vielen Zuschauern konnte ich unmöglich etwas klauen. Verdammt. Am besten brach ich die ganze Sache ab. Kurzentschlossen drehte ich um und steuerte auf den Ausgang zu. Dabei musste ich mich zwingen, nicht zu rennen.
Fünf Meter vor der Tür fiel mir auf, dass ich die Farbe noch in der Hand hielt. Das durfte doch nicht wahr sein!
Aber wenn bisher niemand was gemerkt hatte, konnte ich sie eigentlich auch mitgehen lassen. Ohne weiter drüber nachzudenken, klemmte ich mir die Packung unter die Achsel und machte, dass ich rauskam.
Sobald ich mit meiner Beute auf der Straße stand, atmete ich aus. Und dann erwischte mich die Adrenalinwelle mit voller Wucht. Mein Herz raste und ich keuchte wie nach einem Boxkampf. Mit beiden Armen hielt ich meinen Körper umklammert und presste das Haarfärbemittel fest an meinen Bauch.
Da landete eine Hand auf meiner Schulter. „Wen haben wir denn hier?“
Ohne mich umzudrehen, riss ich mich los und rannte. Der andere immer hinterher. Ich hörte das Geräusch seiner Schritte auf dem Asphalt und warf den Turbo an. Schnell vergrößerte sich mein Abstand zum Tatort. Trotzdem blieb der Kerl mir auf den Fersen. Im Zickzack hetzte ich durch die Gassen der Innenstadt und betete, dass ihm irgendwann die Luft ausging. Doch das passierte nicht. Stattdessen merkte ich, wie ich selbst an die Grenzen meiner Puste kam.
Als ich nicht mehr konnte, bog ich in einen Hinterhof ein und quetschte mich in den nächstbesten Hauseingang. Da stand ich nun und bemühte mich, so leise wie möglich zu japsen. Aber mein Verfolger hatte mich gesehen. Schon hörte ich seine Schritte auf mich zukommen. Ich saß in der Falle und er wusste es.
Ach ja, nur um eins klarzustellen: Dass ich geklaut hatte, war keine Mutprobe oder so was. Falls das vielleicht einer gedacht haben sollte und enttäuscht ist, dass niemand kam, um mich zu beglückwünschen oder mir auf die Schulter zu klopfen. Wegen dieser Aktion würde ich nicht in irgendeine angesagte Clique aufgenommen werden. Dieser Diebstahl war reine Notwendigkeit. Mutproben hatte ich nicht nötig. Und eine Clique erst recht nicht.
Ich drückte mich noch tiefer in die Nische und presste die Augen fest zu, als ob ich dadurch unsichtbar wurde. Die Schritte hielten genau vor mir. Gleich würde der Typ mich packen und zur Polizei schleifen. Und dann würde ich so lange auf der Wache festgehalten werden, bis meine Mutter mich abholen kam.
Doch nichts dergleichen geschah, obwohl mein Verfolger mich auf keinen Fall übersehen haben konnte. Misstrauisch wagte ich einen Blick.
„Rhys!“ Die Erleichterung schoss durch meinen Körper wie vorhin das Adrenalin.
Rhys war mein für den Rest der Welt unsichtbarer Freund und ich war höllisch froh, ihn zu sehen. Doch die Freude währte nicht lange. Diese Moralapostel-Schnute, die er inzwischen aufgesetzt hatte, kannte ich nämlich nur zu gut. Rhys war imstande und brachte mich dazu, das Diebesgut zurückzubringen und mich freiwillig der Polizei zu stellen. Darauf war ich im Moment nicht besonders scharf, deshalb stieß ich mich von der Hauswand ab und machte, dass ich wegkam.
Mit wenigen Schritten holte er mich ein. „Mann, Lu, was soll der Scheiß? Wirst du jetzt ’ne Diebin oder was?“
Ich presste die Lippen fest aufeinander und tat so, als sei er Luft. Doch Rhys ließ nicht locker. „Such dir lieber ein paar anständige Freundinnen, damit du nicht immer so hirnverbrannte Alleingänge startest!“
„Ich brauche keine Freundinnen.“
„Ha, ha, ha. Dann wenigstens einen Freund. Aber einen richtigen. Einen zum Knuuutschen!“ Demonstrativ schmatzte er Küsschen ins Weltall.
Zum Dank für diesen geistreichen Wortbeitrag bekam er von mir den Mittelfinger gezeigt. Ich hatte mir abgewöhnt, lange zu reden, wenn sich die Dinge auch auf diese Art klären ließen.
Taten sie aber nicht. Rhys lästerte weiter. Also trat ich ihn vors Schienbein. Er jaulte auf und krümmte sich – nur um eine Sekunde später aufzuspringen und mich auszulachen. „Ich bin ein Phan-tooom, schon vergessen?“
Er war kein Phantom. Er war mein zweites Ich, mein Alter Ego. Bloß dass niemand außer mir ihn sehen oder hören konnte.
Vielleicht ist Alter Ego nicht ganz das richtige Wort, aber mir fällt kein besseres ein. Manche Leute verwandelten sich nämlich in ihr Alter Ego. Superman zum Beispiel. Das konnte ich nicht. Das heißt, ich lief nicht plötzlich rum wie Rhys oder so. Obwohl ich das ziemlich cool gefunden hätte, denn manchmal war er viel mehr Ich als ich selbst.
Mittlerweile befanden wir uns auf dem Weg zur Bushaltestelle und weit genug weg von der Drogerie, sodass ich es wagen konnte, Rhys meine Beute zu zeigen.
„Pink?“ Zweifelnd sah er von dem Etikett zu mir und zurück und schüttelte den Kopf. Dann grinste er.
Ich grinste ebenfalls. Rhys hatte mal pinke Haare gehabt. Früher, als wir uns kennenlernten. Wegen einer Wette. Damals ging es darum, wie lange er es durchhielt, jeden Tag etwas Pinkes anzuziehen. Die gefärbten Haare hatten ihm mehrere Monate gebracht und die Chucks auch. Letztere waren meine Idee gewesen. Inzwischen sahen sie allerdings mehr grau aus als pink.
Bisher hatte ich noch nie versucht, meine Haare zu färben. Sie fielen mir bis auf den Rücken, waren aber struppig und widerspenstig. Und blond. Blond ist was für brave Mädchen. Dieser Gattung gehörte ich schon seit dem Kindergarten nicht mehr an.
Im Bus war es heiß und stickig, aber zum Glück nicht voll. Rhys lümmelte sich auf dem Sitz neben mir. In meiner Vorstellung war er größer als ich und ein bis zwei Jahre älter. Natürlich hatte er leuchtend grüne Augen. Die waren so umwerfend grün, als hätte er in Chlorophyll gebadet. Er war nicht der erste Freund, den ich erfunden hatte, aber bei Weitem der aufregendste.
Das mit den erfundenen Freunden fing an, als ich noch mit meiner Mutter in Ghetto-Neustadt wohnte. Einem Stadtteil, wo jede Menge Hochhäuser aus dem Asphalt wuchsen. Damals wollte meine Mutter mir nicht erlauben, allein auf den zwei Blocks entfernten Spielplatz zu gehen. Also behauptete ich, dass ich gar nicht allein sei. Selma war doch dabei.
In Wirklichkeit gab es keine Selma. Doch nachdem ich sie an jenem Nachmittag erfunden hatte, konnte ich draußen tun und lassen, was ich wollte.
Seitdem trafen Selma und ich uns öfter. Bald kannte ich sie in- und auswendig. Und meine Mutter auch, denn ich erzählte zu Hause ständig von ihr. Mit der Zeit wurde Selma für uns beide immer echter. Ich wusste, was sie anzog, wo sie wohnte und wie sie tickte.
Als sie ein halbes Jahr später zu meiner Geburtstagsfeier kommen sollte, flog auf, dass sie gar nicht wirklich existierte. Da war sie aber schon meine beste Freundin.
Wahrscheinlich ist meine Mutter nur mit mir aufs Land gezogen, um sie loszuwerden. Selma wohnte ja in Ghetto-Neustadt und einfach mitnehmen konnte ich sie nicht. Ich habe dann auch tatsächlich angefangen, mich mit den Kindern in meiner neuen Klasse zu verabreden. Doch irgendwie war das nicht dasselbe.
Meine nächste selbsterfundene Freundin hieß Aurelie. Sie war total hübsch, zog immer Mädchenkleider an und machte sich nie schmutzig. Nach ein paar Monaten verboten ihre Eltern ihr allerdings, mit mir durch die Pfützen auf den Feldwegen zu rennen oder im Müll nach brauchbaren Dingen für unsere Bude zu wühlen.
Da war Daphne schon besser. Allerdings guckte sie lieber Fernsehen, als dass sie mit mir durch die Gegend zog und Straßenlaternen austrat.
Nacheinander erfand ich noch drei oder vier andere beste Freundinnen, bis ich eines Tages Rhys kennenlernte. Damals lehnte er im Bus am Entwerterkasten. Mit seinen grünen Augen zwinkerte er mir zu und baumelte wenig später kopfüber zwischen den Halteschlaufen von der Querstange. Ganz egal, dass ihm dabei die Jacke über die Ohren rutschte. „Wetten, dass ich durchhalte, bis du aussteigen musst?“
„Wetten nicht?“
Er hielt durch. Auch wenn sein Kopf hinterher genauso pink leuchtete wie seine Haare.
Heute benahm er sich im Bus wesentlich zivilisierter als damals. Außer, dass er gerade mit den Fingerknöcheln einen Beat gegen die Rücklehne seines Vordermannes trommelte. Aber mich störte das nicht. Ich hatte sowieso nur meine neue Haarfarbe im Sinn.
Zu Hause angekommen rannte ich die Treppe hoch, die wie eine Sammlung alter Schiffsplanken knarzte. Meine Mutter war noch nicht da, also schloss ich die Tür auf und schob Rhys rein. Da unsere Wohnung unterm Dach lag, war es hier noch viel heißer und stickiger als im Bus. Ich ließ mich auf mein Bett fallen, um mir in aller Ruhe die Gebrauchsanweisung der Packung durchzulesen. Dabei warf ich versehentlich mein Handy vom Nachttisch, das dort am Ladekabel hing. Automatisch hob ich es auf und guckte aufs Display: keine neuen Nachrichten, keine verpassten Anrufe. Hätte mich auch gewundert, mich versuchte nie jemand zu erreichen. Also legte ich es wieder weg. Während ich den Beipackzettel auseinanderfaltete, hängte sich Rhys an den dicken Holzbalken unterm Dach und machte Klimmzüge.
Fürs Haarefärben brauchte ich ein altes Handtuch. Nichts leichter als das. Alte Handtücher hatten wir massenweise. Großzügig entschied ich mich für das hässlichste.
Und dann ein altes Hemd. Auch damit konnte ich dienen. Sämtliche meiner Klamotten erbte ich von meinem Cousin. Der gute Cedric war zwei Jahre älter als ich. Außerdem schien er in letzter Zeit massiv in die Breite gegangen zu sein. Die meisten der Erbstücke hätte ich bequem als Zelt benutzen können. Doch mit Hilfe einer scharfen Schere und meiner Uralt-Nähmaschine hatte ich noch jedes Teil in Form gebracht. Dass die ursprünglichen Designer bei meinem Anblick Bauchschmerzen bekommen würden, war so gut wie sicher.
Während die pinke Farbe einwirkte, verzockten Rhys und ich die Zeit. Er gewann ein Computerrennen nach dem anderen und grinste wie ein Gummibärchenmilliardär. Den Rechner hatte ich übrigens auch von meinem Cousin geerbt. Sogar ins Internet kam ich mit der Kiste.
Schließlich beschloss ich, dass wir lange genug gewartet hatten. Unter kaltem Wasser wusch ich die getrocknete Farbe aus meinen Haaren. Danach rubbelte ich alles mit dem hässlichen Handtuch trocken. Das Ergebnis war perfekt.
„Wow“, staunte Rhys und fuhr mir mit beiden Händen durch die pinken Zotteln. Auch ich war zufrieden und machte mich ans Auskämmen.
Als ich zur Hälfte durch war, hörte ich den Schlüssel im Schloss unserer Wohnungstür. Hektisch griff ich nach dem Handtuch und wickelte es mir um den Kopf. Keine Sekunde zu früh.
Meine Mutter erschien im Flur, stürzte auf mich zu und riss mich in ihre Arme, sodass ich fast keine Luft mehr bekam.
„Ich hab einen Job!“, kreischte sie mir ins Ohr.
Halb taub wich ich zurück. Sie ließ mich los und tanzte durch den Flur. „Ich hab einen Job! Ich hab einen Job!“
Rhys und ich sahen uns gegenseitig an. Job klang nach Geld. Und Geld konnten wir gut gebrauchen.
„Was für ein Job ist das denn?“
Anstelle einer Antwort packte sie mich an den Händen und walzte mit mir durch die Wohnung. Wir fegten etliche Papiere vom Tisch, rissen den alten Kerzenständer um und brachten die Büchereibücher durcheinander, die im Flur gestapelt waren. Derweil bemühte sich Rhys, nicht im Weg rumzustehen.
Lachend und keuchend landeten wir schließlich auf meinem Bett. Dabei rutschte mir das Handtuch vom Kopf. Als meine Mutter die pinken Haare sah, bekam sie einen Schreikrampf. Hatte ich es nicht geahnt?
„Soll ich uns vielleicht einen Tee kochen?“ Was Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Mit etwas Glück funktionierte es trotzdem, denn meine Mutter gehörte zu den Leuten, für die Tee das Allheilmittel schlechthin ist.
Tatsächlich ging ihr Schreien in ein Röcheln über und hörte irgendwann ganz auf. Sie erhob sich, schnaubte vor sich hin und wankte in die Küche. Wahrscheinlich wollte sie mal wieder von einer höheren Macht wissen, womit sie so eine missratene Tochter wie mich verdient hätte.
Ich unterdrückte ein Stöhnen, folgte ihr und setzte schon mal den Kessel auf. Anschließend durchwühlte ich sämtliche Schränke auf der Suche nach Keksen. Ich fand keine.
„Frag sie nach ihrem Job“, raunte Rhys mir zu. „Sonst versucht sie gleich wieder, ihren Psychologie-Mist auf dich anzuwenden.“
Nach ihrer Ausbildung zur technischen Zeichnerin hatte meine Mutter angefangen, Sozialpädagogik zu studieren, und hätte sie nicht jedes Mal vor dem Examen kalte Füße bekommen, wäre sie mit dem Studium schon seit Jahren fertig. Dass sich das Ganze so lange hinzog, konnte aber auch daran liegen, dass sie sich ständig Freisemester nahm, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Psychologie war eins ihrer Hobbys und sie ließ keine Gelegenheit aus, an praktischen Beispielen zu üben. Meistens an mir. Das ging selten gut, deshalb tat ich, was Rhys mir geraten hatte, und fragte sie: „Was ist denn das für eine Stelle?“
„Jemand hat sich auf den Aushang im Supermarkt gemeldet. Ein Herr Kunzendorff. Ich habe heute mit ihm telefoniert. Nette Studentin sucht Nebenjob, weißt du noch?“
Ich wusste nicht mehr. Ich nickte trotzdem. Währenddessen hängte ich die Teebeutel in die Kanne.
Rhys schnitt eine Grimasse. Nette Studentin!
Dabei sah er dermaßen komisch aus, dass ich nur mit Mühe ein Kichern unterdrücken konnte.
Der Job bestände darin, tagsüber auf Kunzendorffs Tochter aufzupassen, berichtete meine Mutter. Das Mädchen hatte einen schweren Autounfall hinter sich und war lange im Krankenhaus gewesen. Da ihr Vater nicht wollte, dass sein Töchterchen allein zu Hause war, während er im Büro saß, sollte meine Mutter ihr Gesellschaft leisten. Er hatte nicht mal etwas dagegen, dass sie während der Arbeitszeit lernte. Hauptsache, sie war körperlich anwesend.
„Klingt das nicht fantastisch?“ Das Leuchten kam zurück in ihre Augen.
In der Tat klang das fantastisch. Ein bisschen zu fantastisch, ehrlich gesagt. „Wie viel zahlt er dir?“
„Hundertzwanzig Euro am Tag.“
Wow.
„Das sind 2400 Euro im Monat! Wochenenden nicht mitgerechnet.“ Rhys konnte es kaum fassen. Damit wären auf einen Schlag sämtliche offenen Rechnungen bezahlt. Inklusive der Miete für die nächsten Monate. Der Kessel pfiff. Ich beeilte mich, das Wasser aufzugießen.
„Wo ist der Haken?“
„Kein Haken.“ Meine Mutter lachte.
Das war unmöglich. Niemand bezahlte einem Babysitter fünfzehn Euro in der Stunde. „Was musst du noch alles machen? Putzen? Kochen? Bügeln?“
„Dafür gibt es eine Haushälterin.“
Ihr Glück. Meine Mutter war eine ziemliche Niete in solchen Dingen. Meistens musste ich mich darum kümmern, alles, was aussah, als entwickelte es in nächster Zeit ein Eigenleben, aus der Küche in die Biotonne zu verbannen. Andernfalls wurden wir wahrscheinlich irgendwann von unserem eigenen mutierten Müll gefressen.
Kopfschüttelnd stellte ich zwei große Tassen auf den Tisch. Bei der einen fehlte der Henkel und die andere war so ausgeblichen, dass das ursprüngliche Motiv schon nicht mehr zu erkennen war.
Ich gab Rhys zu verstehen, dass er mit aus meiner Tasse trinken müsse. Wenn ich Geschirr für ihn deckte, regte sich meine Mutter immer so auf und das konnte ich gerade nicht gebrauchen.
Warum gerieten Erwachsene auch so leicht in Panik, wenn ein Mädchen in meinem Alter einen Fantasiefreund hatte? Andere erfanden einen Vater. Dem schrieben sie sogar Briefe. Das war doch noch viel schlimmer.
Obwohl mir ein erfundener Vater auch nicht geschadet hätte. Besser als gar keiner. Oder vielmehr einer, der sich schon vor Jahren verkrümelt hatte und anscheinend weder mit meiner Mutter noch mit mir je wieder etwas zu tun haben wollte.
„Was sind das für Leute?“ Der Name Kunzendorff sagte mir nichts. „Kenne ich die?“
Meine Mutter zuckte die Schultern. „Glaube ich nicht. Bisher war das Mädchen irgendwo in der Schweiz im Internat.“
Rhys pfiff durch die Zähne. Sowohl Schweiz als auch Internat bedeuteten Geld. Umso seltsamer, dass der Mann eine Studentin anheuern wollte und keine professionelle Kinderpflegerin. Aber meine Mutter war manchmal ein bisschen naiv, was solche Dinge anging. Das war nicht der erste Job, dem sie so begeistert entgegensah, und es würde nicht der letzte sein, den sie nach ein paar Tagen wieder hinschmiss. Demnach war hier Vorsicht geboten.
Mit einem Kopfnicken wies Rhys mich darauf hin, dass der Tee lange genug gezogen hatte. Ich warf die Teebeutel in den Ausguss und schenkte uns ein. Meine Mutter griff nach ihrer Tasse und pustete versonnen auf die Oberfläche, sodass ihre Brille vom Wasserdampf beschlug. Nachdem sie ein paarmal genippt hatte, lehnte sie sich zurück, streckte die Beine aus und sagte: „So, und jetzt zu dir. Wo hast du diese abartige Farbe her?“
Ich wusste, dass sie mir nicht glauben würde, wenn ich ihr vorschwindelte, dass das Zeug ein Werbegeschenk war und ich es im Briefkasten gefunden hatte. Deshalb versuchte ich auch gar nicht, irgendwas zu beschönigen. Mit ziemlich schlechtem Gewissen berichtete ich von dem Diebstahl. Die ganze Aktion war echt locker gewesen, solange nur Rhys und ich davon wussten. Aber einen Erwachsenen einzuweihen, machte alles hochoffiziell und viel ernster als nötig.
Kaum hatte ich geendet, fragte mich meine Mutter: „Hast du die Packung aufbewahrt?“
Mit gesenktem Kopf nickte ich.
„Sehr gut. Sobald ich mein erstes Geld in der neuen Stellung verdient habe, gehst du zur Drogerie zurück, gestehst deine Tat und bezahlst das Färbemittel.“
2
Nachdem meine Mutter ihren Tee ausgetrunken hatte, erzählte sie mir, wo die Kunzendorffs wohnten. Das Haus lag zwei Kilometer außerhalb unseres Örtchens, also gar nicht weit von hier. Komisch, dass wir die Familie nicht kannten.
„Heute Abend um halb neun bin ich mit ihm verabredet, um die Formalitäten zu erledigen und seine Tochter schon mal kennenzulernen.“
„Können wir mitkommen?“, fragte ich und berichtigte mich im selben Atemzug: „Kann ich mitkommen?“
Rhys zielte mit dem Zeigefinger auf mich und drückte ab. Ich verdrehte die Augen.
„Dich soll ich mitnehmen?“ Meine Mutter schnaubte.
Ich nickte kräftig. Einer musste schließlich aufpassen, dass sie es nicht vermasselte.
„Dich? Mit pinken Haaren?“ Entschieden schüttelte sie den Kopf.
„Dann warte ich eben draußen vorm Haus.“
„Du bist echt neugierig, weißt du das?“
Ich grinste nur.
„Außerdem wird es bestimmt spät. Und morgen ist Schule.“
„Egal. Ich hab in den ersten beiden Stunden frei.“
Meine Mutter seufzte. „Na schön, wenn’s unbedingt sein muss …“ Sie goss sich Tee nach und verzog sich mit der Tasse in ihr Allerheiligstes. Ganz früher war das mal unser Wohnzimmer gewesen. Mittlerweile war es jedoch in ein Arbeits- und Schlafbüro mutiert. Überall lagen Papierstapel, lebenswichtige Notizen und jede Menge Bücher herum. Nichts davon durfte von Unwissenden berührt oder womöglich verändert werden.
Für das Vorstellungsgespräch am Abend zog meine Mutter ihre Stöckelschuhe an und schminkte sich sogar. Darüber lachte Rhys sich halb tot. „Meine Güte, sieht das affig aus!“
Leider musste ich ihm zustimmen. Umso wichtiger, dass wir mitkamen.
Im Gänsemarsch überquerten wir den Hof, um unsere Fahrräder aus dem Schuppen zu holen. Meins quietschte und eierte und die Gangschaltung war Schrott. Übertroffen wurde es bloß noch von dem Drahtesel meiner Mutter, auf dem sie hockte, als hätte sie einen Stock verschluckt. Ich konnte nur beten, dass ihr neuer Arbeitgeber nicht aus dem Fenster guckte und uns kommen sah.
Die Adresse war nicht schwer zu finden. Hinter dem Ortsausgangsschild ging es nur noch geradeaus die Landstraße entlang. Das riesige Grundstück lag mitten zwischen Feldern und Weiden. Es wurde von einer Mauer begrenzt, die gerade so hoch war, dass sich alles, was sich dahinter befand, neugierigen Blicken entzog.
Auf der Einfahrt stellte meine Mutter ihr Fahrrad neben einem angeberischen Audi ab. Sie zupfte ihre Klamotten zurecht und klingelte am Tor. Ich wünschte ihr viel Glück. Dankbar lächelte sie mich an.
Wenig später ertönte ein Türsummer und sie trat ein. Rhys und ich spähten durch den Eingang, konnten aber außer einem riesigen Garten nichts erkennen.
Als meine Mutter verschwunden war, versteckten wir unsere Drahtesel ein Stück abseits im Graben. Dann huschten wir die Mauer entlang, bis wir einmal herum waren. Nirgends befand sich eine Stelle, an der wir uns durch die Mauer hätten zwängen können. Deshalb beschlossen wir drüberzuklettern, und zwar an der Hinterseite. Dort konnte uns wenigstens niemand von der Straße aus beobachten.
Die Mauer war nicht gerade niedrig, doch Rhys gelang es, sich daran hochzuziehen und auf der anderen Seite wieder runtergleiten zu lassen.
„Siehst du was?“, flüsterte ich neugierig.
„Komm rüber, Lu“, flüsterte er zurück.
War klar, dass mir das nicht erspart blieb. Fluchend und mit Abstrichen in der B-Note zog ich mich ebenfalls an der Mauer hoch. Oben angekommen machte ich mich erst mal platt wie ein Schnitzel und orientierte mich.
Das Haus stand vielleicht zehn Meter von der Mauer entfernt. Ein moderner Bau mit vielen Fenstern, die bis zum Boden gingen. Im hinteren Bereich des Gartens wuchsen höhere Bäume und einige Büsche. Wie dafür gemacht, um sich dahinter zu verstecken und anzupirschen. Rhys hockte in einem Ginster und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Also sprang ich von der Mauer und rannte geduckt zu dem Busch. Unter seiner Führung schlichen wir uns näher.
Es war noch hell genug, um ins Haus zu sehen. Die breite Fensterfront, auf die wir zusteuerten, gehörte offenbar zum Wohnzimmer. Davor lag eine Terrasse mit einigen zusammengeklappten Gartenmöbeln. Drinnen konnte ich eine Sitzgruppe erkennen. Weißes Leder. Der Boden war schwarz gefliest und glänzte wie in der Putzmittelwerbung.
Kunzendorff und meine Mutter waren tatsächlich hier. Von einem Mädchen war allerdings weit und breit nichts zu sehen.
Meine Mutter hockte auf einem der weißen Sessel, aber auf höchstens zwei ihrer vier Buchstaben. In der Hand hatte sie ein zerbrechlich wirkendes Sektglas, das schon halb leer war. Der Mann stand und redete. Meine Mutter nickte dazu. Hoffentlich erzählte er ihr nicht seine ganze Lebensgeschichte!
Er besaß ein ziemlich sympathisches Lächeln, wie ich zugeben musste. Ein Lächeln, dem man sofort Vertrauen schenken wollte. Trotzdem sah er irgendwie müde aus.
Ansonsten war er korrekt gekleidet, um nicht zu sagen: spießig. Er trug sogar Pantoffeln. Ich ahnte schon, dass seine Schweizer-Internats-Tochter nicht mit pinken Haaren und geerbten Jungen-Klamotten herumlief.
„Eins der Fenster steht auf Kipp. Wenn wir uns flach auf die Terrasse legen, können wir vielleicht hören, was sie sagen“, wisperte Rhys in mein Ohr. Es kitzelte und ich unterdrückte ein Kichern. Anstelle einer Antwort kroch ich los, er immer dicht hinter mir.
Im weiten Bogen bewegten wir uns auf die Terrasse zu und hielten in regelmäßigen Abständen an, um zu lauschen. Dabei blieb ich ständig an irgendwelchen Ästen oder Wurzeln hängen. Nicht selten war mein T-Shirt klüger als der Busch und gab nach. Ich hatte keine blasse Ahnung, wie ich meiner Mutter die ganzen Risse erklären sollte, geschweige denn auf welche Weise ich beim Warten vor dem Tor nur so schmutzig geworden sein konnte. Aber mit ein bisschen Glück war sie noch so aufgeregt von dem Gespräch, dass sie darüber hinwegsah.
Vor dem gekippten Fenster blieben wir liegen und schoben uns so nah wie möglich an die Hauswand. Jetzt fand ich es auf einmal gar nicht mehr so praktisch, dass die Scheibe bis zum Boden ging. Ich hoffte, dass keiner der beiden plötzlich auf die Idee käme, das Fenster ganz zu öffnen, um die Abendluft hineinzulassen.
Rhys, der sich genauso platt an die Wand drückte wie ich, legte seinen Finger auf die Lippen und zwinkerte mir zu. Sein Gesicht war schmutzverschmiert und die Haare waren total zerzaust. Ich boxte ihm gegen die Schulter, froh, dass er bei mir war.
„Ich geh sie mal holen“, hörte ich Kunzendorff drinnen sagen. Vermutlich meinte er seine Tochter. Er redete anders als die Leute von hier. Städtischer. Dennoch passte die Stimme zu seinem Lächeln.
Meine Mutter murmelte irgendwas Zustimmendes. Ich hörte, wie sich seine Schritte entfernten. Es dauerte einen Augenblick, bis ich von weiter weg ein Klopfen vernahm. „Viola? Viola, komm bitte. Die Sigrid möchte dich kennenlernen.“
Viola? Ach du heilige Schande! Auf diese Prinzessin war ich jetzt echt gespannt!
Mutig hob ich den Kopf und linste durch die Scheibe. Genau diesen Moment suchte sich meine Mutter aus, um aufzustehen und mit ihrem Sektglas in der Hand ans Fenster zu treten. Blitzschnell drückte Rhys meine Nase zurück in den Dreck. Ich presste mich an die Hauswand, kniff die Augen zusammen und hielt die Luft an. Zu hören war nur das Scharren der Stöckelschuhe meiner Mutter. Keinen halben Meter neben meinem Ohr.
Jahrzehnte später kam der Hausherr zurück. Seine Tochter sei unpässlich und könne ihr Zimmer nicht verlassen.
Unpässlich? Was sollte das denn heißen? Hier war doch etwas oberfaul! Aber die Schritte meiner Mutter entfernten sich vom Fenster und endlich traute ich mich wieder zu atmen.
„Wie schade. Was hat sie denn?“
„Das ist nur der posttraumatische Stress.“
„Ach so.“ Meine Mutter klang, als wisse sie genau, worum es ging.
„Tja …“
„Tja …“
„Dann sehen wir uns also morgen früh um halb acht?“
Ich zuckte zusammen. Kamen die etwa so schnell schon zum Ende?
Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Nichts wie weg. Hektisch kroch ich rückwärts. Sobald ich den ersten dickeren Busch erreicht hatte, wagte ich, mich aufzurichten. Rhys war nicht mehr hinter mir, sondern schlich ums Haus und guckte neugierig durch die anderen Fenster hinein. Vielleicht, um einen Blick auf Prinzessin Viola die Unpässliche zu werfen.
„Rhys!“, zischte ich.
Er hörte mich nicht. Aber auf ihn konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Ich schaute mich um, ob ich irgendetwas fand, was mir beim Klettern half. Da sprangen mir die Mülltonnen ins Auge, die in einem Verschlag direkt neben der Mauer standen. Gebückt rannte ich quer über das Grundstück.
Als ich bei dem Verschlag ankam, traten meine Mutter und Kunzendorff aus der Haustür. Gerade noch rechtzeitig duckte ich mich in den Schatten eines Baumes. Die Erwachsenen schlenderten Richtung Tor und plauderten. Ich nutzte die Gelegenheit und hievte mich auf eine der Tonnen. Von dort wälzte ich mich über die Mauer. Zu schwungvoll, wie sich herausstellte. Auf der einen Seite fiel die Tonne, von der ich mich abgestoßen hatte, mit Getöse um und auf der anderen Seite plumpste ich mit nicht viel weniger Getöse in ein Gebüsch.
Obwohl mir nach dem Sturz alles wehtat, rappelte ich mich auf und rannte los. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Kunzendorff eine Mülltonne, die scheinbar grundlos umgefallen war, nicht überprüfen würde. Dieses unbeabsichtigte Ablenkungsmanöver verschaffte mir jedoch so viel Zeit, dass ich es bis zur Straße schaffte. Sogar meine Rostlaube konnte ich noch aus dem Graben ziehen, bevor meine Mutter in der Einfahrt auftauchte. Damit sie nicht merkte, dass ich vom Rennen noch ganz außer Atem war, hustete ich übertrieben.
„Lu!“, rief sie erschrocken. „Was ist denn mit dir passiert?“
„Hast du den Lastwagen nicht gehört?“, krächzte ich. „Der ist mit 180 Sachen so dicht an mir vorbeigerast, dass ich samt Fahrrad im Graben gelandet bin!“
Meine Mutter sah die Landstraße entlang, auf der sich weit und breit kein Auto blicken ließ. Dann betrachtete sie mich noch einmal von oben bis unten. Sie glaubte mir nicht, das war klar. Doch sie hatte viel zu wenig Fantasie, um sich auszumalen, was wirklich geschehen war. Kopfschüttelnd stieg sie auf ihren Drahtesel und fuhr nach Hause.
Erst am nächsten Tag sahen Rhys und ich uns wieder. Da er nicht auf meine Schule ging, mussten wir bis nach dem Unterricht warten, bis wir uns treffen konnten. Heute trug er zur Abwechslung ein pinkes T-Shirt mit der Aufschrift YES, I’M REAL. Zusammen schlenderten wir durch die Fußgängerzone. Ich strich mir die pinken Strähnen aus dem Gesicht und wollte von ihm wissen, ob er am vorigen Abend noch irgendwas Interessantes hatte herausfinden können.
„Prinzessin Viola habe ich nicht gesehen, falls du das meinst“, sagte er. „Nur ihren Vater, der geflucht hat wie ein Fußballtrainer, dessen Team in der Nachspielzeit den Ausgleich kassiert. Und das bloß, weil er die Mülltonne wieder einräumen musste, die irgendwelche Randalierer umgeworfen haben.“
Ich musste lachen. Doch schnell wurde ich wieder ernst. „Was hältst du von der ganzen Angelegenheit?“
Rhys zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Aber so ganz koscher sind die nicht.“
„Nein. Die Sache stinkt zum Himmel.“
Wir gingen weiter und überlegten, was wir tun konnten. Ich war dafür, meiner Mutter den neuen Job so schnell wie möglich auszureden. Bestimmt hatte sie mit Kunzendorff eine Art Probezeit vereinbart. Wenn sie heute Abend kündigte, war das hoffentlich noch nicht zu spät.
Rhys dagegen fand, wir sollten erst einmal die nächsten Tage abwarten und gucken, wie sich alles entwickelte. Vielleicht gab es für das Verhalten der Kunzendorffs eine ganz simple Erklärung. Ich zeigte ihm einen Vogel. Das glaubte er doch wohl selbst nicht!
„Hey, Pinky!“ Drei Jungs aus der Parallelklasse drängelten sich an uns vorbei. Einer der Spinner blieb stehen und zog an meinen Haaren.
„Geile Farbe, Alter!“, tönte er. Seine Kumpels lachten.
Ich fuhr herum und wäre ihm fast ins Gesicht gesprungen. Da schob Rhys sich vor mich und nahm den Idioten ins Visier. Seine Augen sprühten Funken. „Lass Lu in Ruhe!“
Mann, war ich in dem Moment stolz auf ihn!
Der Parallelo wich zurück. „Man wird doch wohl mal testen dürfen, ob die Löckchen echt sind.“
„Verpiss dich“, zischte ich und das tat er dann auch. Finster starrte ich ihm und seinen Kumpanen hinterher, während Rhys beschwichtigend den Arm um meine Schultern legte. Erst als sie verschwunden waren, hatte ich mich so weit beruhigt, dass ich weitergehen konnte. Gemeinsam beschlossen wir, zu mir nach Hause zu fahren, um dort auf meine Mutter zu warten.
Diese kam bedeutend früher heim, als wir gedacht hätten. Rhys und ich saßen gerade rittlings auf dem Dachgiebel unseres Hauses und versuchten, mit den Vorjahreskastanien in den Schornstein des Nachbarhauses zu werfen. In dem Augenblick, als ich meinen dritten Treffer landete, sah Rhys sie auf ihrem Fahrrad um die Ecke biegen.
Meine Mutter wirkte aufgelöst. Siebzig Prozent der Haarsträhnen waren aus ihrem Zopf gerutscht. So wagte sie sich normalerweise nicht unter Leute. Irgendetwas musste passiert sein und ich ahnte, dass sich ihre Laune nicht bessern würde, wenn sie Rhys und mich auf dem Dach erwischte. In Windeseile rutschten wir runter und landeten in meinem Zimmer.
„Hier“, sagte Rhys und drückte mir eine krumpelige Kastanie in die Hand. Danach hauchte er mir ein Küsschen auf die Wange und verschwand in den Flur. Zuerst war ich wie vom Donner gerührt, aber dann lächelte ich und ließ die Kastanie in meine Hosentasche gleiten.
Im nächsten Moment erschien meine Mutter im Flur. Nicht nur ihre Frisur war wirr, sondern auch ihr Blick.
„Was ist los, Mama?“
Sie ignorierte mich, lief in die Küche und riss erst einmal alle Schränke auf. Verständnislos guckten Rhys und ich uns an.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“
Daraufhin brach sie zusammen. Sie ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken, verbarg das Gesicht in beiden Händen und fing an zu heulen. Dabei stammelte sie völlig unzusammenhängendes Zeug. „Polizei“, „blutüberströmt“ und „alles vermasselt“. Ihr Gestammel trug nicht dazu bei, dass ich ruhiger wurde. Im Gegenteil.
Ich packte sie an den Schultern und schüttelte sie. „Mama! Jetzt erzähl endlich, was passiert ist!“ Fast klang meine Stimme genauso hysterisch wie ihre.
Rhys legte mir seine Hand auf den Arm. „Bleib locker, Lu.“
Er hatte recht. Deshalb ließ ich mich ebenfalls auf einem Küchenstuhl nieder, atmete dreimal tief durch und zählte bis dreiundfünfzig. Danach erhob ich mich und setzte Wasser auf.
Viele Tassen Tee und einen Gang zum Klo später hatten wir sie endlich so weit, dass sie uns die ganze Geschichte erzählen konnte.
Viola Kunzendorff schien etwa in meinem Alter zu sein und hatte sich von Anfang an als Albtraum eines jeden Babysitters geoutet. Von der Kunzendorffschen Haushälterin, die sich klugerweise aus allen Erziehungsfragen raushielt, hatte meine Mutter erfahren, dass sie bereits die neunte Gouvernante im Hause Kunzendorff sei. Und zwar innerhalb der letzten vier Wochen.
„Krass. Das macht einen Verschleiß von gut einem Drittel Kindermädchen pro Tag“, rechnete Rhys aus. Kein Wunder, dass der Vater inzwischen verzweifelt genug war, eine Studentin anzuheuern und ihr auch noch 120 Euro am Tag für den Job zu bieten!
Viola habe sich von Anfang an allem verweigert, berichtete meine Mutter weiter. Das Mädchen wollte weder Frühstück noch Mittagessen und ließ sich auch nicht für Gesellschaftsspiele oder einen Spaziergang begeistern. Stattdessen habe sie sich im Badezimmer eingeschlossen. Als sie nach über einer Stunde noch immer da drin hockte, brachen meine Mutter und die Haushälterin die Tür auf. Weit und breit keine Viola. Dafür ein sperrangelweit offenes Fenster.
In Panik rannte meine Mutter einmal ums ganze Haus. Nichts. Von Viola fehlte jede Spur. Sie durchkämmten die nähere Umgebung, guckten unter jeden Busch – ohne Erfolg. In dem Augenblick, als meine Mutter sich völlig aufgelöst dazu durchgerungen hatte, Kunzendorff anzurufen, klingelte es am Tor. Draußen standen zwei Polizisten mit Viola am Schlafittchen. Violas Gesicht war blutüberströmt. Meine Mutter bekam fast einen Herzinfarkt.
Das Mädchen sei dabei aufgegriffen worden, auf dem Friedhof randaliert und einen Grabstein umgeworfen zu haben, erfuhr sie. Und im Übrigen sähe die Platzwunde an der Stirn, wo sie den Stein gerammt hatte, so aus, als müsse sie dringend genäht werden. Mit diesen Worten tippten die Polizisten sich an die Mütze und verschwanden.
Ich explodierte. „Mit dem Kopf einen Grabstein umgeworfen? Die hat doch ’ne Vollmeise!“
„Du musst sie verstehen. Sie hat einen schweren Unfall hinter sich.“
„Na, toll! Und da haben sie ihr gleich das Hirn amputiert oder was?“
„Nein, aber –“
„Du hast hoffentlich gleich gekündigt!“
Das schlechte Gewissen stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich hab erst mal den Krankenwagen gerufen.“
Und der war auch sofort angerauscht. Ohne großes Tamtam hatten die Sanitäter die tobende Viola eingesammelt und abtransportiert.
Danach war meine Mutter geflohen.
3
Wie eine Raubkatze im Käfig tigerte ich durch unsere Küche. Diese blöde Zicke hatte das bestimmt mit Absicht gemacht, nur um meine Mutter gleich am ersten Tag wieder loszuwerden.
„Warum kümmert sich nicht ihre eigene Mutter um diese Tussi?“
„Weil sie bei dem Unfall ums Leben gekommen ist.“
Ich hielt inne.
„Autsch“, sagte Rhys. Er saß auf dem E-Herd und ließ die Beine baumeln.
„Aha“, war das Einzige, was mir dazu einfiel, doch es machte mich nachdenklich. Blöde Sache, wenn die eigene Mutter bei einem Unfall stirbt, den man selbst überlebt hat. Allerdings war das noch lange kein Grund, sich so aufzuführen.
„Ihr Vater hätte sie lieber zurück ins Internat schicken sollen“, knurrte ich.
„Geht nicht. Zuerst muss der Arzt das Okay für die Ersatzteile geben.“
Ich warf meine Stirn in Falten. „Ersatzteile?“
„Bei dem Autounfall hat Viola einen Arm und ein Auge verloren.“
Und das erzählte sie uns jetzt erst? Mit offenem Mund starrte ich meine Mutter an. Halbwaise und nur noch ein Arm und ein Auge – vorausgesetzt, dass Viola vorher von beidem zwei besessen hatte –, das war ganz sicher nicht lustig.
„Trotzdem“, knurrte ich, nachdem ich mich von dem Schock erholt hatte, „trotzdem rufst du Kunzendorff an und sagst ihm, dass er in Zukunft auf deine körperliche Anwesenheit verzichten muss.“
Sie tat es. Sogar, ohne dass ich danebenstand und ihr auf die Finger guckte. Das hatte zur Folge, dass der gute Mann zwanzig Minuten später mit einem riesigen Blumenstrauß in der Hand bei uns vor der Tür stand. Zufällig hatten Rhys und ich seinen Audi in unseren Hof einbiegen sehen und waren vorbereitet. Kaum klingelte er, riss ich die Tür auf. „Und tschüss!“
Ich wollte sie gleich wieder zuschmeißen, doch der Typ musste Vertreter sein oder so was. Schneller, als ich gucken konnte, schob er seinen Fuß in den Spalt. Mit aller Kraft stemmten Rhys und ich uns gegen die Tür, damit er nicht reinkam.
„Hallo Luisa. Mein Name ist Kunzendorff. Ich würde gerne mit deiner Mutter sprechen. Darf ich …?“ Es klang nicht so, als wolle er ihr wegen unterlassener Hilfeleistung an den Kragen.
„Nein, die duscht grad“, behauptete Rhys.
„Was machst du denn da?!“ Das war meine Mutter, die ausgerechnet in diesem Moment nachgucken kam, was los war. Entschieden bestand sie darauf, dass ich Kunzendorff hereinließ.
Unter tausend hektischen Entschuldigungen, was zum einen mein Verhalten und zum andern die Unordnung betraf, bat sie ihn in die Küche. Die Tür drückte sie fest hinter sich zu. Keine Sekunde später klebten Rhys und ich unsere Ohren dran.
Drinnen überließ Kunzendorff nichts dem Zufall. Er fing sofort an zu reden. Für das Chaos, das seine Tochter angerichtet hatte, entschuldigte er sich mindestens ebenso wortreich wie meine Mutter zuvor für die unaufgeräumte Küche. Er erhöhte sein Angebot auf hundertfünfzig Euro am Tag. Selbstverständlich vergaß er auch nicht, den Blumenstrauß zu überreichen. Als kleine Versöhnung. Er wisse, dass nichts den Schock wiedergutmachen könne, den meine Mutter erlitten hatte. Bla, bla, bla.
Rhys und ich kriegten das Kotzen. Wenn das so weiterging, machte meine Mutter ihre Entscheidung womöglich wieder rückgängig. Das durfte nicht passieren. Schließlich hatte ich keine Lust, jeden Abend ein seelisches Wrack wieder aufzubauen!
Eine halbe Stunde später ging er. Voll des Triumphes. An der Wohnungstür verabschiedeten sie sich mit „Bis Freitag“ und meine Mutter stand, ein belämmertes Grinsen im Gesicht, so lange auf der Treppe und starrte ihm hinterher, bis der angeberische Audi vom Hof gefahren war.
Ich tobte. In der Küche riss ich die Blumen aus der Kaffeekanne und schleuderte sie auf den Boden. Dabei kippte die Kanne um und das Blumenwasser ergoss sich über den ganzen Tisch.
„Bist du jetzt verknallt oder bloß korrupt?!“
Die Gesichtszüge meiner Mutter verhärteten sich. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: „Pack deine Sachen, sonst kommst du zu spät zum Boxen.“
Ich fauchte nur und drängte mich an ihr vorbei in mein Zimmer. Dort suchte ich ein paar Klamotten zusammen, warf sie in meine Sporttasche und stürmte damit aus dem Haus.
Mit Willis Mutter war verabredet, dass sie mich zum Boxtraining mitnahm, aber nur wenn ich pünktlich an der Landstraße stand. Rhys und ich schafften es auf den letzten Drücker. Da Willi vorne saß, hatten wir hinten genug Platz.
Willi Lorenz war kein Boxer und würde nie einer werden. Er war ein Wiesel ohne Rückgrat, aber dafür mit einer Vorliebe für schmieriges Haargel. Aus verständlichen Gründen hielt seine Mutter es für nötig, dass er sich zu verteidigen lernte. Deshalb fuhr sie ihn unermüdlich an zwei Abenden in der Woche in die Stadt. Was sie während des Trainings tat, wusste niemand. Jedenfalls hatte sie es noch nie übers Herz gebracht, ihrem Sohn beim Boxen zuzugucken.
Überflüssig zu erwähnen, dass in der Halle heute eine brutale Hitze und eine Luft zum Schneiden herrschten. Der Trainer spürte meine schlechte Laune und nahm mich hart ran. Hinterher war ich klatschnass geschwitzt. Sowohl der Schweiß als auch meine neue Haarfarbe liefen mir in Strömen den Nacken runter. Zumindest fühlte es sich so an.
Rhys hatte in der Zwischenzeit Seilspringen geübt. Außerdem zählte er mit, wie oft Willi den Punchingball ins Gesicht bekam.
Als Rhys damals davon erfahren hatte, dass ich boxe, hatte er mir einen Vogel gezeigt. Und überall herumposaunt, dass er dann zum Ausgleich Ballettstunden nehmen wolle. Das zog er auch tatsächlich ein paar Wochen lang durch, bis er eines Tages mit verknoteten Beinen nach Hause kam und die ganze Sache hinschmiss. Da half selbst das pinke Tutu nichts mehr.
Kurz nach unserem Umzug aus Ghetto-Neustadt hatte mich meine Mutter auch mal zum Ballettunterricht geschleppt. Allerdings dauerte es nicht lange, bis sie einsah, dass Pirouetten und Pas-de-deux’ nicht ausreichten, um mich richtig auszupowern. Für sie lag der Sinn von Sport schließlich darin, dass ich meine überschüssige Energie loswurde, weshalb sie es auch so hasste, wenn ich mein Boxtraining verpasste.
Während wir draußen standen und darauf warteten, abgeholt zu werden, bemerkte ich, dass Willi sich bei seinem Tête-à-Tête mit dem Punchingball ein blaues Auge zugezogen hatte. Das brachte ihm vermutlich auf Wochen das Mitgefühl seiner Mutter ein, der er weismachen würde, dass er diese Verletzung im Ring errungen hatte. Ob die sich aber dadurch erweichen ließ, ihm in Zukunft das Boxtraining zu erlassen?
Ein Dröhnen näherte sich und wenig später rollte ein schweres Motorrad auf den Parkplatz. Der im Vergleich zu der Maschine eher schmächtige Fahrer bockte sie mit einiger Mühe auf, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in die Tasche seiner Jeans. Dann schob er sein Visier hoch. Als er mich sah, stutzte er. Langsam und vor Coolness strotzend kam er zu uns rüber.
Es war der Parallelo von heute Morgen. Unbewusst wich ich zurück, wo ich gegen Rhys prallte, der direkt hinter mir stand.
„War ja klar, dass du hier rumhängst“, spottete der Typ. Sein Lispeln irritierte mich.
„Ich kann rumhängen, wo ich will!“
Er lachte. „Chill, Baby!“
Das hätte er nicht sagen dürfen. Niemand nannte mich ungestraft Baby. Ich tickte aus und stürzte mich auf ihn, doch Rhys und Willi hielten mich zurück.
Der Parallelo pfiff durch die Zähne und wies mit dem Daumen auf Willi. „Ist das etwa dein Freund?“
Der ließ mich los, spuckte in den Dreck vor seinen Füßen und sagte: „Luisa hat keine Freunde.“
Dafür bekam er von Rhys eine Kopfnuss.
Trotzdem saß die Bemerkung. Ich knirschte mit den Zähnen. Schließlich war Willi auch kein Kandidat für den Titel des beliebtesten Knaben im Universum. Die Jungs mochten ihn nicht, weil er eine Petze war, und die Mädchen ignorierten ihn, weil er die glitschige Anziehungskraft eines Stücks Seife besaß.
Der Parallelo musterte Willi von oben bis unten und in seinem Blick konnte ich erkennen, dass das Bild, das er sich von ihm machte, den Nagel auf den Kopf traf. Anscheinend beschloss er, dass Willi es nicht wert sei, sich weiter mit ihm zu beschäftigen. Stattdessen widmete er sich wieder mir. „Boxt du hier?“
„Nein, ich lecke da unten nur den Schweiß von den Wänden.“
Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse und er machte ein angewidertes Geräusch. Dennoch hätte ich schwören können, dass er von meiner Schlagfertigkeit beeindruckt war.
„Mein großer Bruder trainiert hier“, informierte er mich.
War das ’ne Drohung oder ein Smalltalk-Versuch? Er erwartete doch nicht von mir, dass ich seinen Bruder kannte. Dachte er, ich hätte massenhaft Zeit, nach den Namen und Verwandtschaftsverhältnissen zu fragen, während ich die Angriffe meines Sparringpartners abwehrte?
Wie auf Kommando ging die Tür der Boxschule auf und drei ältere Typen kamen heraus. Wenn man von den kurzgeschorenen Haaren mal absah, bestanden sie nur aus Muskeln und Tattoos.
Die drei kannte ich tatsächlich. Wo deren Fäuste hinschlugen, sprudelten Blut und Tränen. Auf einmal fühlte ich mich merkwürdig unterwürfig.
Unter Gelächter verabschiedeten sich die Kerle voneinander. Der Größte von ihnen steuerte auf das Motorrad zu. Auf dem Weg dahin kam er an uns vorbei und schlug seinem kleinen Bruder mit der Pranke auf die Schulter, sodass der in die Knie ging und nach Luft schnappte.
„Hör auf zu flirten, Kleiner, und komm endlich.“
Flirten? Jeden anderen hätte ich für diesen Kommentar gekillt!
Der Parallelo trottete brav hinterher und gab seinem Bruder die Schlüssel.
„Ey, warum ist denn der Motor so heiß? Bist du etwa damit gefahren, du Penner?“
„Was kann ich dafür, wenn du deine Kiste in der prallen Sonne abstellst?“
Sein Bruder knurrte nur unwillig und schwang sich in den Sattel, woraufhin der Parallelo sich hinter ihn klemmte. Der Motor heulte auf und die Maschine röhrte vom Parkplatz. Irgendwie kam sie mir jetzt lange nicht mehr so groß und schwer vor. Bestimmt hatte der Kerl sie bloß frisiert, um anzugeben.
„Flirten! Ausgerechnet mit dir!“ Wiesel Willi schlug sich auf die Schenkel und wollte sich totlachen, doch ich verhinderte das, indem ich ihm aus meinen Augen eine Reihe Giftpfeile in den Schädel schoss. Sein Lachen erstickte. Stattdessen machte er einen Schritt zurück, stolperte und landete rücklings auf der Erde.
Im nächsten Augenblick bremste der Wagen seiner Mutter vor uns. Entsetzt stürzte sie auf ihren Sohn zu und wollte wissen, was um Himmels willen passiert sei.
„Kreislaufschwäche“, sagte Rhys trocken.
Ich presste meine Faust in den Mund, um nicht laut loszulachen.
Das Ende vom Lied war, dass Willi die Rückbank für sich allein bekam und Rhys und ich uns auf den Beifahrersitz quetschen mussten.
4
Nach ihrem Ausflug auf den Friedhof verbrachte Viola Kunzendorff zwei volle Tage in der Klinik. Am Abend vor ihrer Entlassung verbannten ihr Vater und meine Mutter sämtliche Schlüssel aus dem Kunzendorffschen Haushalt und sperrten sie in den Tresor.
Freitagmorgen stürzte sich meine Mutter mit frischem Elan in die neue Aufgabe.
Ich erklärte sie für durchgeknallt. „Und zwar total.“
„Du willst ja bloß nicht, dass ich Geld verdiene, weil du Angst davor hast, die pinke Farbe in der Drogerie bezahlen zu gehen.“
Darauf fiel mir nichts mehr ein. Beim besten Willen nicht.
Den Nachmittag verbrachten Rhys und ich damit, im Schuppen einen Sandsack zu bauen. Ich ahnte, dass ich ihn brauchen würde. Insgeheim warteten wir auf meine Mutter, doch die gab sich diesmal nicht die Blöße, frühzeitig zu Hause aufzutauchen.
Der Schuppen war das baufälligste Gebäude im ganzen Dorf. Er hatte ein Tor, das nur noch zur Hälfte aufging. Drinnen verstaubten Tonnen von Sperrmüll, angefangen bei einem kaputten Puppenwagen bis zum ausrangierten Moped.
Ich hatte ein paar alte Plastiktüten organisiert, mit denen ich von einer zweihundert Meter entfernten Baustelle den Sand besorgte. Für solche Unternehmungen war es reichlich unpraktisch, einen unsichtbaren Freund zu haben. Ich musste den ganzen Sand selbst schleppen. Zuversichtlich redete ich mir ein, dass das ein super Training sei, doch mein Rücken und meine Arme waren ziemlich bald anderer Meinung.
Stöhnend ließ ich mich auf einer mottenzerfressenen Matratze nieder und beobachtete Rhys dabei, wie er einarmige Liegestütze trainierte. Währenddessen dachte er angestrengt darüber nach, wie wir den Sandsack an der Schuppendecke befestigen sollten. Keine einfache Aufgabe, denn das Ding wurde garantiert höllenschwer.
Mit zwei leeren Plastiktüten bewaffnet marschierte ich erneut los und überließ ihm die Denkarbeit. Als ich zurückkam, hatte er einen Flaschenzug in den Staub gezeichnet und als ich von der nächsten Tour wiederkam, war er bereits dabei, die Räder von dem alten Puppenwagen abzumontieren. Ich ließ ihn machen und schleppte.
Den Sand schaufelte ich später in einen großen Plastiksack. Als der voll war, war er so schwer, dass ich ihn nicht mehr hochheben konnte.
Rhys drückte mir eine Wäscheleine in die Hand, die er in dem Gerümpel gefunden hatte. Damit sollte ich den Sack zubinden. Dann mussten wir nur noch das andere Ende der Leine über den Querbalken unter der Decke werfen und den Flaschenzug einbauen.
Wer schon mal versucht hat, ein steifes Tauende über einen Balken in dreieinhalb Meter Höhe zu werfen, weiß, wie unmöglich das ist. Nach meinem dritten Fehlversuch, bei dem mir nur jede Menge Dreck und Staub auf den Kopf rieselten, griff Rhys sich die Leine und band das Ende um einen halben Ziegelstein. Damit zielten wir nun abwechselnd, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg – von der laut klirrenden Fensterscheibe abgesehen.
Also musste ich hochklettern und die Wäscheleine per Hand über den Balken fädeln. Dazu stapelten Rhys und ich Schrott an der Wand auf. Zuunterst einen kaputten Röhrenfernseher, dann einen Stuhl, dem ein Bein fehlte, und oben drauf eine Schublade, hochkant, die wir aus einer kotzbraun gestrichenen Kommode zerrten. Obwohl die ganze Angelegenheit ziemlich wackelig war, schaffte ich es, bis oben auf die Schublade zu steigen. Von dort konnte ich nun die Schnur über den Balken schieben. Ich schob so viel nach, bis Rhys unten das Ende greifen konnte, wobei ich mich zum Glück an dem Balken festhielt.
Ich sage zum Glück, weil im nächsten Moment der Schrottstapel unter mir zusammenbrach und ich in der Luft hing. Wenn ich jetzt losließ, würde ich nicht nur nicht auf dem Boden des Schuppens landen, sondern auch noch auf einem Fernseher, einem Stuhl und einer kotzbraunen Schublade. Das versprach Schmerzen, die ich ernsthaft gewillt war zu umgehen.
„Hangele dich rüber“, schlug Rhys vor, der selbst zu substanzlos war, um mich aufzufangen. Er zeigte auf die andere Seite des Schuppens, wo die mottenzerfressene Matratze lag.
„Können vor Lachen.“ Mit zusammengebissenen Zähnen begann ich zu hangeln. Meine Arme, die heute schon mehrere Tonnen Sand durch die Gegend geschleppt hatten, protestierten. Mein Kopf und vor allem mein Hintern, der bei einem Sturz die Hauptlast würde tragen müssen, befahlen ihnen, die Klappe zu halten.
Meine Hände fingen an zu schwitzen. In dem Holzbalken steckten tausend rostige Nägel und ich betete, dass mein Tetanusschutz noch hielt. Mehr mit Willens- als mit Muskelkraft hangelte ich mich quer durch den Schuppen. Am anderen Ende des Balkens ließ ich mich fix und fertig auf die Matratze fallen.
Rhys war sofort bei mir und tastete mich von oben bis unten ab, um festzustellen, ob womöglich irgendwelche Knochen gebrochen waren. Wenn ich ehrlich sein soll, tat mir alles weh, doch das sagte ich ihm nicht. Stattdessen lehnte ich mich auf der Matratze zurück und behauptete, ich würde ihm von hier mit Genuss beim Bauen des Flaschenzugs zusehen.
Ich musste eingenickt sein, denn als ich das nächste Mal hochsah, war der Flaschenzug fertig.
„Tä-däää!“
Ich sprang auf und betrachtete das Kunstwerk. Zugegeben, es sah ziemlich instabil aus, aber Hauptsache, es funktionierte. Rhys und ich packten das lose Ende der Wäscheleine und zogen probehalber. Mit dem Erfolg, dass die Leine vom zugebundenen Ende des Plastiksackes abrutschte und in die Höhe schnellte.
Wir fingen sie wieder ein und befestigten sie mit allen Seemannsknoten, die unsere Fantasie hergab.
Erneut begannen wir zu ziehen. Diesmal hielt die Leine. Langsam richtete sich der Sandsack aus seiner liegenden Position auf, mit jedem Ruck ein bisschen mehr. Von der Anstrengung brannten meine Arme wie Desinfektionsmittel auf einer Schürfwunde. Ich presste die Lippen fest aufeinander und atmete nur noch stoßweise.
„Hau-ruck! Hau-ruck!“, trieb Rhys uns an.
Ich zog. Und er zog. Inzwischen stand der Sack aufrecht. Ich schwitzte am ganzen Körper. Die Wäscheleine schnitt in meine Finger. Ich schlang sie mir einmal um die Hand, damit ich nicht abrutschten konnte. Nachdem ich meine Kraft gesammelt hatte, zogen wir weiter.
Der Sandsack hob sich vom Boden. Die Leine hielt. Wie im Rausch packten wir erneut zu. Doch im nächsten Moment platzte der Plastiksack von dem Gewicht seines Inhalts und der ganze Sand klatschte auf den Boden. Gleichzeitig landeten Rhys und ich auf unseren vier Buchstaben, von wo wir einen erstklassigen Ausblick auf die Bescherung hatten.
Der kaputte Müllsack und die Wäscheleine lagen auf einem Sandhaufen mitten im Schuppen. Die Kinderwagenräder rollten in alle Himmelsrichtungen davon.
„Scheiße!“
Rhys legte mir seinen Arm um die Schulter. „Mach dir nichts draus, Lu.“
Ich schüttelte ihn ab. Fast hätte ich geheult.
Nur weil er dabei war, riss ich mich zusammen.
Stattdessen rappelte ich mich auf, griff nach der geplatzten Plastiktüte, wickelte die Wäscheleine drum und stürmte aus dem Schuppen.
Draußen pfefferte ich die unzuverlässigen Utensilien in eine Mülltonne. Der Sandhügel konnte bleiben. Im Laufe der Zeit würde er sich platttreten. Ich hatte jedenfalls keine Lust, ihn wegzuräumen.
Jetzt gab es nur eine Sache, die ich tun wollte, die ich immer tat, wenn ich mit meinen Gedanken allein sein musste. Ich kletterte auf den Kastanienbaum. Obwohl meine Arme sich beschwerten, kletterte ich so hoch ich konnte und setzte mich oben in eine Astgabel. Zuerst zögerte Rhys, doch dann folgte er mir und hockte sich irgendwo gegenüber hin. Durch das dichte Blätterwerk konnte ich ihn kaum sehen, was ganz gut war. Wir schwiegen lange.
Mir kam etwas in den Sinn. Ein Zitat von Henry Ford, einem Amerikaner, der Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt und eine Fabrik gegründet hatte, in der die ersten Autos am Fließband hergestellt wurden. Der Mann hatte einmal gesagt, es gäbe mehr Leute, die aufgaben, als solche, die scheiterten.
Gerade hatten wir, Rhys und ich, in der Sandsack-Sache aufgegeben und das ärgerte mich maßlos. Ich nahm mir vor, nie mehr so leicht zu kapitulieren. Nie mehr.
„Aber wo hört aufgeben auf?“, gab Rhys zu bedenken.
Manchmal ließ ich ihn meine Gedanken erraten. Das war das Privileg eines unsichtbaren Freundes. Dennoch runzelte ich die Stirn. Was meinte er?
„Naja, wo hört aufgeben auf und wo fängt scheitern an? Bei zehn Fehlversuchen? Bei hundert? Bei tausend?“
Hm. Berechtigte Frage: Wie oft musste man etwas versuchen, bis man definitiv gescheitert war?
Ich fand keine Antwort darauf und Rhys auch nicht. Außer der Erkenntnis, dass Lebensweisheiten, die auf den ersten Blick wirklich clever klangen, einer näheren Betrachtung nicht unbedingt standhielten.
Wir blieben so lange da oben, bis in den meisten Wohnzimmern die Fernseher angingen. Als Rhys und ich die Treppe ins Dachgeschoss hochtrampelten, war meine Mutter längst zu Hause. Ich fragte sie nicht, wie es heute mit Prinzessin Viola gelaufen war. Ihrem Gesicht konnte ich ansehen, dass sie mich sowieso nur anlügen würde. Das – plus meine noch immer schwelende Sandsack-Frustration – und ich beschloss, heute lieber ohne Abendbrot ins Bett zu gehen.
5
Das Erste, was meine Mutter mir am nächsten Morgen an den Kopf knallte, war, dass wir zum Abendessen bei Kunzendorffs eingeladen waren.
Ich flippte aus. „Wenn du dich unbedingt mit diesen Geisteskranken verbrüdern willst, meinetwegen. Aber lass mich dabei gefälligst aus dem Spiel!“
Nach diesem Statement stürmte ich aus der Wohnung. Das war voreilig, zugegeben. Zu kein Abendbrot gesellte sich jetzt nämlich auch noch kein Frühstück. Spätestens gegen Mittag würde ich meine übereilte Flucht bereuen.
Rastlos irrte ich durch die Gegend. Bald konnte ich nur noch an eins denken: Hunger. Aus einem Garten ergatterte ich heimlich eine Handvoll Erdbeeren. Aber nachdem ich sie verschlungen hatte, war ich hungriger als vorher.
Ich rannte los, querfeldein. Marathonläufer trainierten auch auf nüchternen Magen. Doch der Hunger verfolgte mich. Und er war schneller als ich. Es hatte keinen Zweck. Ich wurde langsamer und blieb schließlich stehen. Mitten auf einem Acker.
Hoffnungsvoll durchwühlte ich sämtliche meiner Cargohosentaschen nach vergessenen Geldstücken. Alles, was ich fand, war die krumpelige Kastanie, die Rhys mir geschenkt hatte. Perplex starrte ich sie an.
Aber dann schloss ich meine Hand und meine Augen. Obwohl sie verschrumpelt war, fühlte die Kastanie sich glatt an. Und warm.
Ich wünsche mir, dachte ich, ich wünsche mir, dass gleich eine dick belegte Salamipizza vor mir auftaucht.
Zuerst traute ich mich kaum zu blinzeln und schnupperte nur. War das nicht tatsächlich der Geruch von geschmolzenem Käse? Und von kross gebackenem Teig? Mir lief das Wasser im Mund zusammen und ich riss die Augen auf.
Fehlanzeige. Das Einzige, was vor mir auftauchte, war Rhys. Ihm war anzusehen, dass er genauso schlecht gelaunt war wie ich.
„Mann, Lu“, spottete er kopfschüttelnd. „Du hast doch nicht im Ernst gedacht, dass das eine magische Kastanie ist? Eine, die Wünsche erfüllt?“ Er legte seine flache Hand auf meine Stirn, als wolle er testen, ob ich Fieber hatte. Gleich darauf zog er sie wieder zurück und wedelte damit durch die Luft.
„Ich hab halt Hunger“, murmelte ich, als sei das eine zufriedenstellende Erklärung für mein kindisches Verhalten.
Verlegen stopfte ich die krumpelige Kastanie zurück in meine Hosentasche und meine Hände gleich hinterher. Dann setzte ich mich wieder in Bewegung, quer über den Acker. Rhys folgte mir. Klar, dass er schlechte Laune hatte. Schließlich war er mein Spiegelbild. Meine einzige Hoffnung bestand darin, dass ihm etwas einfiel, das mich auf andere Gedanken brachte. Und dieser Einfall ließ glücklicherweise nicht lange auf sich warten.
Hinter dem Acker kam eine Weide. Um die Weide herum befand sich ein Graben. Rhys nahm Anlauf und sprang drüber.
„Nachmachen“, forderte er mich von der anderen Seite auf. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Der Graben war ziemlich breit, doch das war mir egal. Ich nahm Maß und sprang. Es reichte nicht. Ich landete schräg und rutschte ab. PLATSCH.
Rhys zog mich aus der Brühe. Mist, verdammter! Doch ich hatte mir schließlich gestern geschworen, nicht mehr so leicht die Flinte ins Korn zu werfen.
Also probierte ich so lange, bis ich es endlich schaffte. Dafür brauchte ich siebzehn Versuche. Meine Füße und Schuhe waren hinterher klatschnass, meine Knie aufgeschürft und verdreckt, aber ich hatte nicht aufgegeben. So komisch das klingt – danach ging es mir besser.
Zum Trocknen legte ich mich auf die nächste Wiese. Dort schlief ich ein, und das war dumm, weil mein Magen so nicht merkte, dass wir das Mittagessen jetzt ebenfalls verpassten.
Gegen Abend kamen Rhys und ich wieder nach Hause. Von Kratzern übersät, mit schlammverkrusteten Beinen und mörderisch hungrig. Meine Mutter schien nicht da zu sein. Wahrscheinlich war sie ohne mich zu Kunzendorffs gefahren. Umso besser.
Wir durchwühlten die Küche nach etwas Essbarem. Doch die Regale waren so leer wie ein Supermarktparkplatz am Sonntag. Nur mein Bauch war leerer.
Das änderte sich allerdings schnell. Er füllte sich mit Wut. Wut auf meine Mutter. Und es hatte nichts mit Nachgeben oder Schwäche zu tun, wenn ich ihr jetzt folgte, sondern ausschließlich mit Überlebenswillen. Deshalb stürzte ich aus der Wohnung und schwang mich auf die ratternde Rostlaube. Rhys joggte nebenher und hatte Mühe, mit mir Schritt zu halten.
Meine Mutter und Kunzendorff erwarteten mich schon. Damit, dass ich an ihnen vorbei ins Haus stürmte, schienen sie jedoch nicht gerechnet zu haben. Die Entsetzensschreie meiner Mutter wegen der Schlammspritzer in meinen pinken Haaren ignorierte ich großzügig.
Vor dem gedeckten Tisch blieb ich stehen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Am liebsten hätte ich mich gleich auf die Köstlichkeiten gestürzt, doch Rhys wies mich darauf hin, dass Viola fehlte.
Im nächsten Moment hörten wir ein Klirren aus dem Nachbarzimmer. An Kunzendorffs gequältem Gesichtsausdruck konnte ich ablesen, dass dort niemand anders als Prinzessin Viola ihr Unwesen trieb.
Бесплатный фрагмент закончился.
