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Philippe Wampfler

Digitales Schreiben

Blogs & Co. im Unterricht

Reclam

2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2020

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961742-8

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014032-1

www.reclam.de

Inhalt

  Einleitung

 GrundlagenDigitales SchreibenEbenen des digitalen SchreibensFunktionen digitaler SchreibprozesseExperimentelle Medienkompetenz

  Schreibdidaktische Aspekte des digitalen Schreibens Schreiben als Prozess Interaktionsorientiertes Schreiben Materialgestütztes Schreiben Kollaboratives Schreiben Produktionsorientierter Literaturunterricht Einwände, Risiken – und ein Ausblick

  Digitale Schreibprojekte konzipieren Agile Deutschdidaktik Die 4K-Kompetenzen im Schreibunterricht Projektlernen Peer-Feedback Digitale Schreibprojekte bewerten

  Praktische Voraussetzungen digitaler Schreibprojekte Rechtliche Rahmenbedingungen Technische und wirtschaftliche Voraussetzungen

  Typologie digitaler Schreibumgebungen Blogs Kollaborative Schreibumgebungen Schreiben in sozialen Netzwerken Kommentare Messenger und Chats Wikis und Wikipedia

  Fazit: Ein Blick in die Zukunft des Schreibens

[7]Einleitung

In einem längeren Essay hat die Schweizer Autorin Meral Kureyshi erklärt, wie sie schreibt. Darin findet man ein Zitat, das auf den ersten Blick nichts mit digitalen Formen des Schreibens zu tun hat, aber viel darüber sagt, wie Schreibprozesse im 21. Jahrhundert ablaufen:

Es ist schön, eine Geschichte zu erzählen, plötzlich wird sie wahr. Allein dadurch, dass sie jemand liest, und eine weitere Person vielleicht, und darüber spricht, sie weiterdenkt und etwas mitnimmt, sich erkennt darin – oder auch nur ein Gefühl wiederfindet, etwas, was sie berührt.1

Kureyshi beschreibt einen Schreibprozess, der nicht spezifisch digital ist.2 Ihre Perspektive auf das eigene Schreiben lässt sich aber auf digitale Schreibverfahren übertragen: Was etwas Geschriebenes bedeuten mag, erfahren Menschen erst, wenn andere es lesen.3 Einfacher als im Internet war es nie, Texte zu veröffentlichen und Reaktionen wahrnehmen zu können. Auf [8]digitalen Plattformen wird über die Praktiken der Likes, über Kommentare und andere Reaktionen sichtbar, wer einen Text wahrgenommen und wer darauf reagiert hat. Diese Mess- und Sichtbarkeit der Rezeption beeinflusst Schreibsettings. Möglicherweise führt also digitales Schreiben zu etwas, was Kureyshi als Umschlag in die Wahrheit wertet. Zumindest findet es in anderen – genauso realen – Kontexten statt, als wenn nur ein Blatt Papier beschrieben würde, das dann lediglich eine Lehrerin oder ein Lehrer liest und beurteilt.

Das vorliegende Buch basiert auf einem kulturpragmatischen Ansatz. Dirk von Gehlen versteht darunter die Haltung, Praktiken zuerst zu verstehen und erst dann zu bewerten.4 Die Empfehlung an alle Neugierigen, aber auch an Kritiker und Skeptiker der Digitalisierung des Lernens lautet: erst ausprobieren, dann beurteilen. Das Prinzip der experimentellen Medienkompetenz setzt Medienpraxis vor Reflexion und Wissenserwerb über das Funktionieren von Medien. Wer Schreiberfahrungen macht, kann darüber nachdenken, was sie für einen selbst bedeuten – wie das Kureyshi tut. Und wer erfährt, wie digitale Schreibprozesse funktionieren und Resonanz erzeugen, kann sich gezielt über ihre Funktions- und Wirkungsweise informieren.

Dieses Buch soll Mut machen, mit digitalen Hilfsmitteln zu schreiben und darüber nachzudenken, was dabei passiert. Es richtet sich insbesondere an Lehrkräfte und zeigt Wege, mit Schülerinnen und Schülern im Netz zu schreiben und sie dabei [9]zu begleiten, wie sie experimentelle Medienkompetenz aufbauen.

Zunächst werden Grundlagen des digitalen Schreibens vorgestellt. Es folgt eine Übersicht über schreibdidaktische Aspekte digitaler Schreibverfahren. Davon ausgehend werden didaktische, technische und rechtliche Bedingungen formuliert, unter denen im Unterricht digitales Schreiben funktioniert. Innerhalb dieser Voraussetzungen sind Typologien digitaler Schreibumgebungen angesiedelt: Schreibverfahren in Blogs, in Messenger-Programmen, in Wikis und anderen Settings werden hier vor- und mit didaktischen Hinweisen so dargestellt, dass eine einfache Umsetzung im Unterricht möglich ist.

Zu den rechtlichen Rahmenbedingungen der Nutzung von Online-Tools und -Datenbanken finden sich einige Anmerkungen im Band. Grundsätzlich gilt aber: Wer das jeweilige Programm im Rahmen des Unterrichts einsetzt, muss selbst prüfen, ob es rechtlich zulässig ist. Es ist immer empfehlenswert, die Datenschutzerklärungen der Anbieter sorgfältig zu lesen. Stets müssen Urheberrechtsfragen und Persönlichkeitsrechte beachtet werden.

Den Transfer vom Buch in ihren Unterricht müssen Lehrerinnen und Lehrer leisten. Fertig geplante Stundenkonzepte können nicht präsentiert werden. Nur wer die spezifischen Klassen, Lehrpläne und die technischen Möglichkeiten einer Schule kennt, kann Unterricht wirksam planen. Dieses Buch soll dazu inspirieren.5

[11]Grundlagen
Digitales Schreiben

»Fast alles, was wir heute schreiben, ist digital, und fast alles, was wir heute lesen, entstand in einer digitalen Arbeitsumgebung«, schreiben Christa Dürscheid und Karina Frick in der Einleitung zu Schreiben digital.6 Im vorliegenden Kontext bezieht sich »digitales Schreiben« entsprechend auf schulische Schreibanlässe unter Einbezug digitaler Endgeräte, digitaler Software und digitaler Plattformen im Netz.7

Ein Einwand muss aber angesprochen werden: die Kritik an der Verwendung des Adjektivs »digital«.8 Sie impliziert einen Gegensatz zwischen »analogem« und »digitalem« Schreiben, den es so nicht gibt. »Digital« bezieht sich etymologisch auf unsere Finger und bezeichnet so eine Perspektive auf die Realität, in der klar Abgegrenztes kombiniert wird, als würde ein Kind mit den Fingern zählen.9 Die einfachsten [12]Computerbauteile können entweder Strom leiten oder keinen Strom leiten. So können sie die Zahlen 0 und 1 abbilden – sie funktionieren digital. Analog hingegen ist eine graduelle Abstufung, wie wir sie etwa bei der Lautstärke unserer Stimme finden.

Schreiben ist eine Kulturtechnik, die weder rein digital noch rein analog funktioniert, sondern beide Funktionsweisen verschränkt: Das lateinische Alphabet etwa ist ein digitales System, es wird aber analog geschrieben: Es gibt zwischen Buchstaben keine Übergänge, beim Schreiben wählen wir jeden Buchstaben eindeutig aus – das ist ein digitales Verfahren. Wenn wir die Buchstaben aber schreiben, dann drücken wir unterschiedlich stark auf die Tasten unserer Tastaturen und führen unsere Schreibinstrumente immer wieder leicht anders. Die Schrift entsteht deshalb in einem analogen Prozess. Auch die psychologischen Prozesse, die mit der Kulturtechnik Schreiben verbunden sind, sind meist analoge. Schreiben erfolgt als Mischung von analogem und digitalem Verfahren.

In genauerer Begrifflichkeit muss man also von Schreibprozessen unter den Bedingungen von elektronischen Endgeräten, Textverarbeitungssoftware und Netzkommunikation sprechen. Dadurch können zwei falsche Vorstellungen vermieden werden: Erstens wird »digital« oft mit »virtuell« in Verbindung gebracht. Es gibt aber keinen kategorischen Gegensatz zwischen einer virtuell-digitalen Sphäre und einer realen analogen. Menschen verbinden in ihrem Denken und ihrer Wahrnehmung immer virtuelle Konzepte mit physisch präsenten Gegenständen: Benennt ein Kind einen Stuhl als »Stuhl«, so ordnet es einen realen Gegenstand in eine virtuelle Kategorie ein. Die als »digitaler Dualismus« bekannte Trennung von Analogem und Digitalem ist verbreitet, aber nicht zutreffend, weil sie ausblendet, wie viele Verbindungen es zwischen den Bereichen gibt. Zweitens ist digitales Schreiben nicht eine Sonderform eines eigentlichen Schreibens, von [13]dem es durch den Zusatz eines Adjektivs abgegrenzt werden muss. Es bezeichnet lediglich eine Kombination von Schreibwerkzeugen und Schreibumgebungen, die auch in der Schule an Bedeutung gewinnt.

Der Titel dieses Bandes ist also keine präzise Formulierung, sondern eine pragmatische Verkürzung. Für das Festhalten am Ausdruck gibt es zwei Gründe: Es ist sinnvoll und gebräuchlich, »digital« als Synonym für »unter den Bedingungen einer Kultur der Digitalität« zu verwenden, zumindest in Formulierungen wie »digitales Schreiben« oder »digitale Bildung«. Das ist auch Ausdruck der Hoffnung, problematische Gegenüberstellungen würden bald an Bedeutung verlieren. Zudem ist digitales Schreiben als Prozessbeschreibung mittlerweile in der Sprachwissenschaft wie auch in der Fachdidaktik10 als Begriff etabliert.

Ebenen des digitalen Schreibens

Digitales Schreiben umfasst eine große Spannbreite. Es kann beispielsweise auf Social-Media-Plattformen stattfinden und dient dort der Interaktion von digitalen Profilen. Das ist eine prototypische Art des digitalen Schreibens. Daneben kann aber eine grundlegendere und noch stärker verbreitete Art des digitalen Schreibens betrachtet werden, nämlich das Schreiben mit digitaler Software, also Textverarbeitungsprogrammen. Dieses Buch ist beispielsweise in Scrivener entstanden, einem Programm für Autorinnen und Autoren. Das Manuskript war zunächst weder auf Social-Media-Plattformen publiziert noch war es im Netz öffentlich einsehbar.

[14]Es wäre nun naheliegend anzunehmen, dass digitales Schreiben primär von veränderten Werkzeugen bestimmt ist: Eine Schreibmaschine wurde durch ein Computerprogramm ersetzt. Doch die Transformation ist einschneidender. Um das zu verstehen, hilft Felix Stalders Konzept der »Kultur der Digitalität«.11 Er identifiziert drei wesentliche Merkmale der »Digitalität«: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität.

Hinsichtlich des Textes dieses Buchs bedeutet Referentialität, dass er sich auf Vorarbeiten bezieht. Er verweist auf Texte im Netz (im E-Book sind sie verlinkt), er enthält digital kopierte Zitate und Bilder (die im E-Book als Dateien eingebettet sind).

Gemeinschaftlichkeit bedeutet, dass mehrere Personen in Online-Editoren das digitale Manuskript redigiert und korrigiert, Passagen darin gestrichen oder kommentiert haben. Auch wenn der Text unter einem Namen erscheint, ist er insgesamt betrachtet das Werk einer Gruppe von Personen.

Gleichzeitig wurden im Schreibprozess Algorithmen oder Programmskripte herangezogen, etwa wenn es darum ging, Wörter zu suchen oder zu ersetzen, orthografische Fehler sichtbar zu machen und zu korrigieren, Wörter und Zeichen zu zählen, Texte miteinander zu verlinken, Anmerkungen einzufügen und so weiter.

Auf einer noch elementareren Ebene waren digitale Endgeräte die Schreibwerkzeuge: Tastaturen und Touchscreens. Das ist nicht belanglos: Einen Text von Hand zu schreiben unterscheidet sich in der kognitiven Aktivität vom Tippen auf einer Tastatur oder einem Touchscreen. Wo liegt der Unterschied? Entscheidend ist die Geschwindigkeit. Kinder, die auf einer [15]Tastatur schneller schreiben können, schreiben auch genauere, strukturiertere und längere Texte als Kinder, die langsamer schreiben.12 Die Qualität eines Textes korreliert mit der Geschwindigkeit, bei der im Schreibprozess Gedanken in Wörter übersetzt werden. Hier bieten digitale Schreibverfahren einen Vorteil, weil sie höhere Geschwindigkeiten zulassen – ein Aspekt, warum Kinder möglichst früh möglichst schnell tippen lernen sollten.

Geht es aber darum, sich Notizen zu machen – etwa bei einem Gespräch, in einer Vorlesung oder als Reaktion auf einen Text – dann gelingt das laut empirischen Studien von Hand besser. Das langsamere Verfahren führt hier zu einer Verdichtung, die eine tiefere und präzisere Verarbeitung erlaubt. Wer bei solchen Schreibanlässen tippt, gibt schnell der Versuchung nach, so viel wie möglich wörtlich mitzuschreiben. Dabei entsteht aber nur ein oberflächliches Verständnis des Inhalts. Clive Thompson hat dazu eine Art Merksatz formuliert: »Tipp so schnell du kannst – und bring immer einen Bleistift mit.«13

Wir können also drei Ebenen von digitalem Schreiben unterscheiden:

 Schreiben im Netz, auf digitalen Plattformen oder Webseiten, beispielsweise als Blog

 Schreiben mit Schreibsoftware unter den Bedingungen einer Kultur der Digitalität

 Schreiben mit digitalen Endgeräten

[16]Die Reihenfolge spiegelt die Bedeutung der Schreibarten für diesen Band: Besondere und ganz neue Potenziale bieten Schreibprozesse, wenn sie auf interaktiven Netzplattformen stattfinden – Software und Schreibgeräte für sich führen zu einer weniger starken Veränderung. Der Schwerpunkt dieses Bandes liegt daher bei der Frage: Welche didaktischen Möglichkeiten eröffnen Texte, die im Netz erscheinen?

Funktionen digitaler Schreibprozesse

Wer schreibt, verfolgt damit Zwecke. Im Folgenden werden die Funktionen von Schreibprozessen im Allgemeinen vorgestellt. Daraus lassen sich Einsichten über Schreibprozesse in einer Kultur der Digitalität ableiten.

Jakob Ossner14 unterscheidet drei Schreibfunktionen, die sich auch auf digitale Schreibprozesse übertragen lassen:

1. Die psychische Funktion: Die Person, die schreibt, ist auch Adressat des Geschriebenen. Deshalb werden häufig eigene Emotionen und Gedanken beschrieben. Der Schreibprozess schafft eine Distanz: Implizit Gefühltes oder Gedachtes wird bewusst und sichtbar. Die psychische Funktion spielt auch auf einer Metaebene, immer dann, wenn der Schreibprozess thematisch wird (wenn Schreibende etwa mit einer Schreibblockade ringen). Digitales Beispiel: Auf der Notiz-App des Smartphones auf dem Weg zur Schule festhalten, worauf man sich an diesem Tag freut oder wovor man Angst hat.

[17]2. Die soziale Funktion: Mit dem Geschriebenen richtet sich ein Autor oder eine Autorin an eine andere Person (oder mehrere Personen). Der Text übernimmt so eine im klassischen Sinn kommunikative Funktion. Dabei können unterschiedliche Absichten wie auch Wirkungen unterschieden werden. Digitales Beispiel: Eine Schülerorganisation informiert mit ihrem Instagram-Kanal Schülerinnen und Schüler über geplante Aktivitäten.

3. Die kognitive Funktion: Das Schreiben dient dem Erkenntnisgewinn oder der Entlastung des Gedächtnisses. Klassische Formen reichen von Notizen über Brainstorming bis hin zu wissenschaftlichen Arbeiten. Letztere haben meist stärker eine kognitive Funktion als eine soziale. Digitales Beispiel: Auf einem Blog ein Thema längerfristig gezielt bearbeiten, indem Erkenntnisse dazu notiert, Verweise auf wichtige Texte zum Thema vorgenommen und Verknüpfungen zwischen diesen Texten und wichtigen Profilen hergestellt werden.

Diese Funktionen können – anders als die im Kapitel zuvor beschriebenen Ebenen – in diesem Buch nicht getrennt werden, weil viele Schreibaufgaben alle drei Funktionen des Schreibens verbinden. Durch sie entstehen Angebote, die erst in der konkreten Umsetzung einer Funktion zugeordnet werden können. Ein Blog als Schreibmodus oder Textsorte gibt nicht vor, ob er benutzt wird, um ein privates Tagebuch zu führen (psychische Funktion), um Eltern über den Verlauf einer Studienreise zu informieren (soziale Funktion) oder um ein Lektüretagebuch zu führen (kognitive Funktion).

Die Schreibfunktionen werden durch die Verwendung digitaler Schreibgeräte, von Schreibsoftware und die Publikation im Netz modifiziert. Diese Veränderung darf aber nicht monokausal oder generell unterkomplex gedacht werden: Das Vorurteil, Netzkommunikation mache Menschen narzisstisch, ist ein gutes Beispiel für eine eindimensionale Vorstellung der [18]Wirkungen eines Mediums. Menschen unterscheiden sich in Bezug auf Narzissmus, schon bevor sie im Netz kommunizieren. Narzissmus kann Teil eines Motivs sein, digitale Plattformen zu benutzen. Die Nutzung wirkt aber wiederum in unterschiedlichen Weisen auf Menschen zurück. Social Media sind für stark narzisstisch veranlagte Personen etwa kein lohnendes Umfeld, sie erhalten relativ wenig Bestätigung – wohl weil ihr Narzissmus deutlich erkennbar ist.15 Netzkommunikation kann also den Narzissmus bei Menschen mit mittlerer Tendenz verstärken, nicht jedoch bei starkem Narzissmus. Dieses Beispiel zeigt die Komplexität dieser Wirkungen.

Auf Schreibprozesse des digitalen Schreibens übertragen heißt das, dass die psychische, die soziale und die kognitive Funktion des Schreibens auch modifiziert werden. Wie im Beispiel Thompsons in Bezug auf das Tippen (s. S. 15) können auch hier Erkenntnisse nur situationsspezifisch und differenziert formuliert werden. Das wird im Kapitel »Schreibdidaktische Aspekte für digitales Schreiben« genauer dargestellt.

Experimentelle Medienkompetenz

Kontrollierende Medienkompetenz geht davon aus, dass zuerst Medienwissen aufgebaut werden muss. Dieses Wissen ist die Grundlage für eine spätere Anwendung. Über das Wissen wird die Anwendung kontrolliert. Dieses Buch empfiehlt experimentelle Medienkompetenz. Sie kann wie folgt definiert werden: Mit Medien in realen Kontexten handeln, dabei interaktiv Erfahrungen sammeln und diese so reflektieren, dass Können entsteht.

[19]Ein Einstieg ist schnell gefunden: Welche Frage beschäftigt Sie im Moment, so dass Sie an einer Antwort interessiert sind, die Sie nicht durch Nachschlagen in wenigen Minuten ermitteln können? Schreiben Sie Ihre Frage auf und veröffentlichen Sie sie an einem geeigneten Ort im Netz. Dies könnte zum Beispiel das Intranet Ihrer Schule, eine Chat-Gruppe, ein Twitter-Profil, eine Facebook-Gruppe oder ein Instagram-Account sein. Achten Sie darauf, dass Ihre Frage prägnant formuliert ist und zugleich klar wird, welche Art von Antwort für Sie hilfreich ist und welche nicht.


Abb. 1: Tweets von Userin @heikeflemming, 9. Juli 2019. – Mit Genehmigung der Autorin

Abb. 1 zeigt ein Beispiel für eine solche Frage: Eine Mutter und Lehrerin hat im Juli 2019 auf Twitter danach gefragt, [20]welche Erwartungen andere Eltern an eine gute Schule haben und welchen Aufwand sie betreiben würden, damit ihre Kinder eine gute Schule besuchen könnten. Die Publikation der Frage im Netz erlaubt der Twitter-Userin @heikeflemming zu verfolgen, wie intensiv sie gelesen wird und wer darauf antwortet. Der Text ist Teil des Netzes geworden.

Das bedeutet im Wesentlichen zwei Dinge: Er ist erstens ein doppelter Text, da er neben der sicht- und lesbaren Oberflächenstruktur auch eine Tiefenstruktur besitzt, in der eine Programmsprache festlegt, wie Computer diesen Text darstellen sollen. Obwohl Sie beim Schreiben vermutlich nicht an diesen Code gedacht haben, ist er da. Zweitens ist der Text mit anderen Texten verlinkt. Die drei Teile der hier abgebildeten Frage sind miteinander verbunden, sie beziehen sich aufeinander. Wer den einen aufruft, sieht auch die beiden anderen. Weitere Texte im Netz können sich über Links auf Ihren Text beziehen, Menschen können ihren Text über Suchmaschinen finden, auch noch in mehreren Jahren. Sie können auf unberechenbare Weise darauf reagieren.

Beide Vorstellungen – dass digitale Texte zusätzlich eine programmierte Tiefenstruktur aufweisen, die für Programme geschrieben ist und dass sie in ein Netz von Verlinkungen und Reaktionen eingebunden werden – sind für viele Personen ungewohnt. Sie erleben im Umgang mit digitalen Texten eine Art Kontrollverlust, eine Verunsicherung. Nach der Jahrtausendwende hat Marc Prensky den Begriff der »digital natives« geprägt und damit die Hypothese geäußert, das Alter von Menschen entscheide darüber, wie wohl sie sich im Netz fühlen.16 Diese Hypothese gilt heute als widerlegt: [21]Erfahrungen, Bildung, Beruf und Persönlichkeitsmerkmale sind Faktoren, die für die Wahrnehmung und Einschätzung von digitalem Schreiben und Lesen bedeutsam sind. Wer viel im Netz schreibt, etwas extrovertiert ist und berufliche Erfolge mit digitalen Praktiken erzielen kann, wird zu sehr wohlwollenden Einschätzungen gelangen. Anders geht es Menschen, die kaum Erfahrungen mit Schreibprozessen auf digitalen Plattformen haben, sich nicht wohlfühlen, wenn sie in der Öffentlichkeit kommunizieren oder schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Wenn Sie noch einmal über Ihre Gefühle nachdenken, die Sie beim Veröffentlichen Ihrer Frage im Netz hatten, können Sie nachvollziehen, zu welcher Gruppe Sie eher gehören.

Im Rest des Buches stehen keine expliziten Aufforderungen an die Leserinnen und Leser, im Netz aktiv zu schreiben. Alle Beispiele und Beschreibungen von Möglichkeiten sind aber als Einladung zu verstehen, eigene Schreibideen zu entwickeln und im Netz zu veröffentlichen – um zu erproben, welche Effekte diese Schreibformen haben. Wer verstehen will, wie Schreibprozesse im Netz verlaufen, schreibt am besten selbst im Netz. Wer z. B. kompetent über Memes sprechen will, versucht selber, Memes zu schaffen.17


Abb. 2: Beispiel für ein Meme auf der Basis des Wikipedia-Logos. – CC BY-SA 4.0 Wikimedia Commons / That’s Pretty Good

Abb. 2 zeigt ein Meme. Die Bedeutung von »Meme« ist komplex,18 in Bezug auf Netzkommunikation wird der Begriff so verwendet: »Meme« bezeichnet eine Bild-Text-Kombination, die sich auf digitalen Plattformen viral verbreitet hat oder [22]verbreiten könnte. Die Aufgabe, ein gutes Meme zu kreieren, erfordert eine Reihe von Kompetenzen:

 die Kenntnis einer Sammlung etablierter Meme-Formen, wie sie etwa auf knowyourmeme.com gesammelt werden

 die Fähigkeit, visuell und sprachlich stilistische Verfahren passend zu kombinieren.

 die Kombination aktueller oder relevanter Inhalte mit bei der Zielgruppe bekannten memetischen Ausdrucksweisen

 die Publikation der Memes zum richtigen Zeitpunkt auf gut sichtbaren Konten auf einschlägigen Plattformen

 die kreative Erfindung oder Variation von Memes.

[23]Wenn Sie nun überlegen, wer Ihnen bei dieser Aufgabe wie helfen könnte, dann bemerken Sie, dass experimentelle Medienkompetenz für den Unterricht ein verändertes Rollenverständnis zur Folge hat. Lehrende können – und müssen! – nicht davon ausgehen, dass sie jede der von den Schülerinnen und Schülern zu erwerbenden Kompetenzen bereits besitzen. Sie sollten sich von der Vorstellung lösen, Schülerinnen und Schüler in jeder Situation anzuleiten. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, die Lernenden darauf vorzubereiten, Schreibaufgaben strukturiert zu planen und auszuwerten. Das hat auch mit den Eigenschaften digitaler Schreibaufträge zu tun – und mit den didaktischen Settings, in die sie eingebettet sind.

imgflip.com/memegenerator

 Website für einfache und individuelle Meme-Erstellung

 Empfehlung: Einstellung »Private« (mit Download) wegen Urheberrechten

[24]Schreibdidaktische Aspekte des digitalen Schreibens

Computer, Schreibprogramme und Netz-Plattformen haben die Bedingungen, unter denen Texte verfasst werden, radikal verändert. Das gilt auch für die Schule. Doch die Szenarien, in denen im Unterricht heute geschrieben wird, haben sich in den letzten Jahren kaum geändert: Klassische Aufsätze sind weiterhin weit verbreitet.19

Das ist aus medienpädagogischer Sicht erstaunlich – aber insbesondere auch aus schreibdidaktischer: In den letzten zwanzig Jahren haben sich Einsichten durchgesetzt, die Schreiben als eine Auseinandersetzung mit Textvorlagen verstehen, den Fokus von Schreibprodukten auf Schreibprozesse verlagern und insbesondere auch Interaktionen als wesentliche Bedingungen von Schreibkompetenz nennen. Verfahren wie das digitale Kopieren und Einfügen von Textpassagen oder die Möglichkeit, Texte permanent überarbeiten zu können, weil sie nicht gedruckt oder handschriftlich auf Papier fixiert werden müssen, spielen hier eine wichtige Rolle. Aus medienhistorischer wie auch aus schreibdidaktischer Sicht muss also im Unterricht anders geschrieben werden, wenn die Schule diese Aufgabe weiterhin kompetent wahrnehmen soll. Im Folgenden sind die wesentlichen schreibdidaktischen Aspekte für die Nutzung digitaler Endgeräte, digitaler Schreibprogramme und digitaler Plattformen im Netz zusammengestellt.

[25]Schreiben als Prozess

Schreiben ist ein komplexer Prozess. Das gilt in mehrfacher Hinsicht: 1. Ein Schreibprodukt entsteht in einem Schreibprozess, der aus verschiedenen Schreibphasen besteht. Diese Phasen bewegen sich entlang der Einsichten der klassischen Rhetorik und trennen somit Ideen- und Materialfindung, Strukturierung des Materials, Planung eines Schreibprozesses, Niederschrift eines Textentwurfs sowie Redaktion und Überarbeitung dieses Entwurfs. 2. Schreiben ist als kognitive Tätigkeit ein komplexer Prozess. Verschiedene Formen von Wissen und Kompetenz spielen auf unterschiedlichen Ebenen eines Textes zusammen. 3. Schreiben ist in einen psychisch-sozialen Prozess eingebunden, eine Schreibaufgabe entsteht in einem gesellschaftlichen Kontext, in dem Schreibende eine bestimmte Aufgabe durch die Niederschrift eines Textes so zu lösen versuchen, dass der Text ihre Handlungsabsichten unterstützt. Einfacher gesagt: Schreiben ist eine Handlung und deshalb auch in einen Handlungsprozess eingebunden.

Schulisches Schreiben wurde lange Zeit im Hinblick auf Schreibprodukte geplant und beurteilt. Schreibdidaktische Instruktionen wie auch Beurteilungen bezogen sich auf ein Endprodukt, meist auf einen Aufsatz, der in einer bestimmten, meist recht kurzen Zeit, verfasst werden musste. Die prozessorientierte Schreibdidaktik hat den Fokus verschoben.20 Diese prozessorientierte Schreibdidaktik beachtet 1. die verschiedenen Phasen des Schreibprozesses und räumt Zeit für jeden Schritt ein. Zudem entwickelt die Lehrperson mit den Schülerinnen und Schülern zusammen zielführende Arbeitsformen, zu denen insbesondere auch [26]Feedback-Verfahren sowie Planungs- und Überarbeitungsstrategien gehören. 2. Der prozessorientierte Unterricht regt zum Aufbau aller nötigen Kompetenzen an und zeigt, wie sich orthografisches, lexikalisches, textuelles und pragmatisches Wissen aufbauen und anwenden lassen. 3. Weiter resultiert aus dieser didaktischen Herangehensweise die Einsicht, Schreibaufgaben als Lösung von echten, alltagsnahen Problemen zu gestalten, so dass Texte auch für reale Leserinnen und Leser geschrieben werden sollten.

Wer von diesen Einsichten ausgeht und versucht, Schreibsettings zu schaffen, in denen Schülerinnen und Schüler fokussiert und prozessorientiert lernen können, wird digitale Hilfsmittel in Betracht ziehen.

Im Folgenden können nicht alle Facetten digitaler Schreibarrangements dargestellt werden, aber es werden die zentralen Aspekte zusammengestellt, die individuell an die Lernsituation angepasst werden müssen: Digitale Schreibwerkzeuge (Smartphone, digitale Stifte, Tastaturen, Diktierprogramme) erweitern und ergänzen die bisher zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Es ist heute denkbar, für jede Phase eines Schreibprozesses das kognitiv und physisch passende Werkzeug zu verwenden. Wie bereits erwähnt, bieten sich für Planungs- und Strukturierungsarbeiten Papier und Bleistift an (allenfalls digitales Papier und digitaler Bleistift). Für eine erste Niederschrift eines Entwurfes eignet sich hingegen eine Tastatur, auf der schnell getippt werden kann. Fürs Überarbeiten scheinen Tablets ideal, auf denen Passagen markiert und mit Kommentaren versehen werden können. Die einzelnen Phasen des Schreibens werden so auch medial sichtbar getrennt, die Affordanzen21 der entsprechenden Schreibumgebungen unterstützen die in einer Phase relevanten Prozesse.

[27]Was Schreibumgebungen leisten können, kann am Beispiel eines Texteditors deutlich gemacht werden. Der iA Writer ist ein Programm, das für verschiedene Betriebssysteme zur Verfügung steht. Grundsätzlich ist es minimalistisch eingerichtet: Es bietet wenig Menüs und Knöpfe, dafür primär eine leere Seite, die beschrieben werden kann. Beim Schreiben können verschiedene Modi gewählt werden: Ein Fokus-Modus färbt beispielsweise den gesamten Text grau ein und hebt den aktuellen Satz schwarz hervor, damit der Schreibprozess auf einen Satz fokussiert wird. Das Programm kann aber auch einzelne Wortarten farbig hervorheben, um beispielsweise syntaktische Strukturen zu zeigen (s. Abb. 3). Das sind zwei Funktionen, die z. B. beim Schreiben auf Papier nicht verfügbar sind.


Abb. 3: Screenshot des iA Writer mit Fokusmodus (aktueller Satz schwarz) und Hervorhebung des Verbs (»haben … geholt«, im Original blau)

iA Writer (ia.net/de/writer)

 Textverarbeitungsprogramm zum Download in minimalistischer Ausstattung mit Fokusmodus

 Verfügbar für Windows, Mac und mobile Geräte, Trial-Download kostenlos

[28]Als digitale Dateien vorliegende Textentwürfe laden generell dazu ein, überarbeitet zu werden. Digitale Texte sind immer in einen Prozess der Überarbeitung eingebunden, weil sie nicht grafisch auf Papier fixiert werden. Sie verdeutlichen das Angebot, an Texten zu feilen, sie neu zu strukturieren oder an neue Kommunikationszusammenhänge anzupassen. Technische Möglichkeiten wie Copy & Paste oder eine automatische Rechtschreibkorrektur vereinfachen wesentliche Schritte beim Überarbeitungsprozess. Noch deutlicher wird das Überarbeitungspotenzial, wenn die kollaborativen Möglichkeiten der Textproduktion in den Blick genommen werden: Dateien in Textverarbeitungsprogrammen können heute von mehreren Personen gleichzeitig bearbeitet und kommentiert werden. Die Prozesshaftigkeit des Schreibens wird sichtbar, wenn kollaborative Text- oder Redaktionsarbeit mit Peer-Feedback22 verbunden erfolgt. Das gilt in zweierlei Hinsicht: Erstens müssen in einen sozialen Kontext die einzelnen Phasen in der Interaktion mit anderen Schreibenden abgestimmt werden, zweitens können Veränderungen an Texten in den entsprechenden Programmen sichtbar gemacht werden. Viele Textverarbeitungsprogramme bieten Ansichten an, in denen Überarbeitungsprozesse rekonstruierbar werden.

[29]Auch digitale Plattformen wie Twitter, Instagram oder Facebook stützen prozessbezogenes Schreiben. Texte, die im Netz publiziert werden, sind in Kommunikationssettings eingebunden. Sie werden gelesen (nicht nur von einer Lehrperson oder Peers) – und kommentiert. Digitale Medien haben die Publikation von Texten radikal vereinfacht. Daraus ergeben sich für den Schreibunterricht neue Möglichkeiten, Schreibarbeit in einen Kommunikationsprozess einzubinden.

Lindauer und Senn schreiben über die Prozesshaftigkeit des Schreibens:

»Der Aufbau der dafür nötigen Schreibkompetenzen ist grundsätzlich nur möglich, wenn die Schülerinnen und Schüler lernen, diese Prozesse selbstständig zu steuern. Dies bedingt, dass sie während des Schreibens laufend ihre Arbeit überwachen und beurteilen: Ist das Wichtigste aufgeschrieben? Habe ich genügend verständlich formuliert?«23

Schreiben wird in der Schreibdidaktik als Verfahren betrachtet, mit dem prozesshaft Probleme gelöst werden. Ein Bewusstsein für die Bedeutung der nötigen Schritte und Kompetenzen kann nicht an Software übertragen werden. Programme und insbesondere digitale Plattformen können aber das Einüben und Erkennen dieser Schritte und Kompetenzen unterstützen und erleichtern.

[30]Interaktionsorientiertes Schreiben

Die Linguistin Angelika Storrer hat in ihren Arbeiten zu Schreibprozessen im Internet das Konzept des interaktionsorientierten Schreibens ausgearbeitet. Sie definiert es in Abgrenzung zu textorientiertem Schreiben: Führt das textorientierte Schreiben zu einem Text, der »ohne unmittelbare Interaktion zwischen Schreiber und Leser zu verstehen« ist, bezieht sich interaktionsorientiertes Schreiben »auf einen Kommunikationsverlauf in einer digitalen Interaktionsumgebung, bei der die Möglichkeit besteht, Verstehensprobleme interaktiv zu bearbeiten.«24 Das Ziel des Schreibens besteht darin, die Interaktion aufrechtzuerhalten und von anderen daran beteiligten Personen verstanden zu werden. Aus diesen Gründen kann Reaktionsgeschwindigkeit eine größere Bedeutung einnehmen als formale Korrektheit; Gesprächsnormen erhalten Priorität vor anderen sprachlichen Normen.

Interaktionsorientiertes Schreiben lässt sich als spezielle Ausprägung der prozessorientierten Schreibdidaktik betrachten. Allerdings gibt es gravierende Unterschiede zwischen einem interaktionsorientierten und einem textorientierten Prozess: Storrer erwähnt die Bereitschaft, Kompromisse hinsichtlich sprachlicher und formaler Genauigkeit zu machen, um auf der Handlungsebene schnell genug und adäquat reagieren zu können. Das muss bei der Beurteilung des Schreibprozesses berücksichtigt werden.

[31]Storrer arbeitet mit Verweis auf den Linguisten Hennig Lobin25 zentrale Tendenzen heraus, die bedeutsam für interaktionsorientierte Schreibformen sind:

 Digitale Vernetzung führt zu einer »schnelle[n] Rückkopplung«26 zwischen Personen. Fast alle Personen sind über digitale Nachrichten schnell erreichbar.

 Datenintegration verbindet unterschiedliche mediale Formen: Text- und Sprachnachrichten sind, wie auch bewegte und unbewegte Bilder, auf denselben Kanälen zu finden.

 Automatisierung zeigt sich darin, dass auch sogenannte Bots an Interaktionen beteiligt sind. Auf den Webseiten von vielen Dienstleistern erscheinen Chatfenster, in denen Besucherinnen und Besucher Anliegen formulieren können. Diese werden dann von Programmen beantwortet.

Im Unterricht interaktionsorientierte Schreibanlässe zu schaffen, ist von großer Bedeutung, weil Menschen beruflich und privat die Kompetenz brauchen, auf digitalen Plattformen angemessen und wirkungsvoll schreiben zu können. Zwei Beispiele mögen das verdeutlichen: Immer mehr Firmen ersetzen den E-Mail-Verkehr durch Chat-Tools wie Slack oder Microsoft Teams. Die Belastung durch E-Mails soll durch interaktivere Kommunikationsformen reduziert werden. Das bedeutet aber, dass von Mitarbeitenden effizientes und professionelles Chatten verlangt wird. Im privaten Bereich lässt sich das am Stellenwert von Partnervermittlungsplattformen zeigen: Gemäß einer soziologischen Studie lernen sich in den USA rund 40 % [32]der heterosexuellen Paare online kennen – im Jahr 2000 waren das erst rund 5 %.27 Eine ähnliche Tendenz lässt sich auch im deutschsprachigen Raum feststellen. Die Fähigkeit, sich in Chats als interessante Person präsentieren zu können, wird so wichtiger.

Die digitale Transformation hat also dazu geführt, dass die Fähigkeit, interaktionsorientiert zu schreiben, neben dem textorientierten Schreiben eine eigenständige Bedeutung erhalten hat. Storrer hält fest: »[K]ompetente Schreiber [sind] durchaus dazu in der Lage, ihren Schreibstil an die jeweiligen Gegebenheiten zu adaptieren und zwischen verschiedenen Schreibhaltungen zu wechseln. Die Nutzer passen ihren Sprachstil bewusst oder unbewusst an den kommunikativen Kontext an und gehen […] mit den zur Kommunikation verfügbaren Ressourcen oft sehr kreativ um.«28

Für den Unterricht ist das jedoch eine Herausforderung: Texte und Schreibprozesse müssen unterschiedlich beurteilt werden, je nachdem, in welches Setting sie eingebunden sind. Wer einen formal sorgfältigen Brief in einem Chat veröffentlicht, wird damit seine Ziele nicht erreichen können. Andererseits ist ein interaktionsorientiert geschriebenes Bewerbungsschreiben nutzlos. Die Verbreitung zweier unterschiedlicher Schreibmodi verlangt nach Unterrichtsszenarien, in denen beide geübt, verbessert und auch bewertet werden können. Textsortenkompetenz und Kommunikationskompetenz überlagern und ergänzen sich dabei.

[33]Materialgestütztes Schreiben

Materialgestütztes Schreiben bezieht sich auf die Aufgabe, »auf der Grundlage von Materialien (Grafiken, Tabellen, Bildern, weiteren medialen Angeboten) sowie Texten unterschiedlicher Art einen längeren eigenen informierenden oder argumentierenden Text zu einem Sachthema [zu] verfassen«.29

Auf diese Definition in einem Artikel der Deutschdidaktiker Abraham, Baurmann und Feilke folgt ein Beispiel: Eine Klasse erstellt vor einer Studienreise gemeinsam einen Reiseführer für Berlin, der spezifisch für die Reise der Klasse geschrieben ist. Anders als die von Verlagen publizierten Texte ist er im besten Fall aktuell und auf die konkrete Reise der Klasse zugeschnitten. Um einen solchen Reiseführer schreiben zu können, recherchiert die Klasse in Gruppen und entnimmt die relevanten Informationen verschiedenen Materialien, die sie auch kuratiert und mit eigenen Texten zusammen im Reiseführer arrangiert.

Betrachtet man dieses Beispiel, wird deutlich, dass digitale Arbeitsformen materialgestütztes Schreiben erleichtern: Anders als von Abraham, Baurmann und Feilke in Bezug auf Prüfungssituationen beschrieben, ist es nicht zwingend nötig, dass Lehrpersonen das Material selbst vorgängig auswählen – Bilder, Daten, Karten, Öffnungszeiten und andere relevante Informationen finden die Schülerinnen und Schüler im Netz. Sie können – sofern das urheberrechtlich unbedenklich ist – digitale Materialien auch leicht in eigene Dokumente als Quellen einfügen oder zumindest Informationen daraus entnehmen und selbst neu formulieren.

[34]Diese Schreibform hat, so betonen auch die Autoren, für verschiedene Handlungsfelder eine praktische Bedeutung. In schulischen oder universitären Kontexten kommt dem Schreiben informierender Texte, die sich auf verschiedene Formen von Vorlagen beziehen, eine wichtige Bedeutung zu. Aber das gilt auch später für viele berufliche Tätigkeiten.

Ein weiterer Aspekt des materialgestützten Schreibens: Es »sollte in für Schüler sinnvolle Handlungskontexte eingebettet werden«.30 Hier zeigt sich noch einmal die schon in Bezug auf Schreibprozess- und Interaktionsorientierung erwähnte Forderung, Schreibprozesse so anzulegen, dass Leserinnen und Leser erreicht werden, die auf den Text auch reagieren. Damit ist eine zweite Brücke vom materialgestützten Schreiben zum digitalen Schreiben geschlagen: Nicht nur erleichtern Netzrecherche und digitale Verarbeitung den Zugriff und Umgang mit informativen Vorlagen, die Publikation von Texten im Netz macht es auch möglich, mit wenig Aufwand Handlungskontexte in schulische Schreibsettings einzubinden.

Kollaboratives Schreiben

Das Beispiel des Reiseführers, den eine Klasse vor einem Ausflug nach Berlin schreibt, lässt bereits erkennen, was mit kollaborativem Schreiben gemeint ist. Kathrin Passig spricht von »gemeinsamem Schreiben«. Sie hat in einem Google-Docs-Dokument Möglichkeiten dargestellt, die sich durch die gleichzeitige Arbeit mehrerer Personen an einem Text eröffnen. Jenes Dokument ist als kollaborativer Text entstanden – Passig setzt also die Methode des sogenannten »pädagogischen [35]Doppeldeckers«31 ein, bei der angehende Lehrkräfte eine Lernmethode kennenlernen, indem sie damit lernen.

Die Autorin geht in ihrer Empfehlungssammlung von der Einsicht aus, dass kollaboratives Schreiben durch entsprechende Software enorm einfach geworden ist, aber viele Menschen noch keine konkreten Erfahrungen damit gesammelt haben. Das dürfte auch für die Schule und Lehrerinnen und Lehrer zutreffen. Die grundlegenden Einsichten, die Passig notiert:

»Anwesenheit am selben Ort ist fürs gemeinsame Schreiben nicht mehr erforderlich. […] Man kann gleichzeitig (statt abwechselnd) am selben Text schreiben. […] Weil das gemeinsame Schreiben technisch einfacher geworden ist, wird es öfter praktiziert.«32

Obschon Kooperation im Unterricht eine verbreitete Methode ist, wird sie selten für die Redaktion von Texten im Schulkontext angewandt. Im heutigen Berufsleben dagegen ist es bereits üblich. Entsprechend wichtig sind Erfahrungen mit gemeinsamem Schreiben und Kompetenzen im Umgang mit kollaborativen Schreibprozessen.

Vorschläge für sinnvolle gemeinschaftliche Schreibanlässe lassen sich leicht zusammenstellen: gemeinsame Notizen machen, einen Text übersetzen (und schwierige Passagen in den Kommentaren diskutieren), gemeinsam eine Textsammlung anlegen (wie z. B. einen Reiseführer), journalistische Texte kollaborativ verfassen und redigieren.33

[36]Aus didaktischer Sicht ist beim gemeinsamen Schreiben das co-konstruktive Lernsetting von großer Bedeutung: Der Schreibprozess wird von unterschiedlichen Wahrnehmungen auf Absichten, Wirkungen und Sprache eines Textes beeinflusst. Schreibende sprechen miteinander über ihre Schreiberfahrungen und handeln wesentliche Entscheidungen aus – statt sie unbewusst und alleine fällen zu müssen.

Ein Online-Editor für interaktive und nicht-lineare Texte, die kollaborativ entstehen, ist z. B. Twine. Er eignet sich für eine große Spannbreite von Aufgaben, z. B. für Geschichten, die Bearbeitung von Sachthemen und Anleitungen. Beiläufig erwerben die Lernenden auch Grundkenntnisse in HTML, ohne programmieren zu müssen. Wer Twine-Texte liest, bestimmt an Verzweigungen mit, wie die Lektüre verläuft.

Twine (twinery.org)

 Online-Editor für interaktive und nicht-lineare Texte

 Einführung von Nele Hirsch: ebildungslabor.github.io/twinetutorial

Produktionsorientierter Literaturunterricht

Schreiben ist im Deutsch- und Fremdsprachenunterricht auch eine Auseinandersetzung mit literarischen Vorlagen. Unter dem Paradigma des produktionsorientierten Literaturunterrichts entstand in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Vorschlägen, wie Schülerinnen und Schüler in aktiver Auseinandersetzung mit Texten eigene Lernprodukte entwickeln können. Produktionsorientierter Literaturunterricht hat ein mehrfaches Ziel: »das Verstehen des Textes und die Aneignung von reflektierbaren Erschließungsverfahren«, »die [37]Entwicklung der inneren Vorstellungskraft« wie auch den »Aufbau von Lesemotivation«.34

Ein anregendes Beispiel für ein produktionsorientiertes Verfahren ist »Blackout Poetry«. Das Verfahren erzeugt aus einer Textvorlage – in der Regel einer Seite eines literarischen Buches – eine Text-Bild-Komposition, die aus ausgewählten Wörtern der Vorlage gebildet wird.35 Es ist nicht erstaunlich, dass das Verfahren in einer Kultur der Digitalität an Popularität gewonnen hat und auch für den Deutschunterricht fruchtbar gemacht worden ist.36 Blackout Poetry ist eine Technik, welche die eigene Produktion an eine Textvorlage anbindet – ganz im Sinne von Stalders Referentialitäts-Merkmal. Sie löscht die physische Textvorlage teilweise aus und schafft ein neues physisches Artefakt, das aber wiederum Buch- und Bastelkultur für ein Netzpublikum zelebriert (vermutlich, weil der Text auch digital vorliegt oder zumindest digital reproduzierbar ist). Blackout Poetry wird auf Pinterest- und Padlet-Boards im Netz geteilt.37


Abb. 4: Blackout Poetry zu einer Seite aus Hesses Steppenwolf. – © Maike Bonsen.

Blackout Poetry ist nicht nur symbolisch auf den Leitmedienwechsel bezogen: Hilfsprogramme ermöglichen, digitale [38]Formen zu erstellen oder das Format sogar weiterzudenken.38 Die Webseite »Versteckte Verse«39 ermöglicht es, einen Text digital zu schwärzen und so nach Wortmaterial zu suchen, aus dem ein Gedicht entstehen kann. Dieses Vorgehen ersetzt eine künstlerische Bearbeitung einer Buchseite (vgl. Abb. 4) nicht, kann jedoch als Entwurf den Schreibprozess unterstützen. Mit digitalen Verfahren können Buchseiten durch Augmented-Reality-Inhalte ergänzt werden: Hält man beispielsweise auf einem Smartphone die Lego-App über eine Seite des Lego-Katalogs, sieht man die abgebildeten Modelle aufgebaut, die Figuren spielen zudem kleine Szenen darauf. Mit einfachen Hilfsmitteln können solche AR-Ergänzungen auch für Buchseiten eines Romans erstellt werden.40

Versteckte Verse (versteckteverse.glitch.me)

 Webseite, auf der Blackout Poetry mit eigenen (digitalen) Texten erstellt werden kann

 Produkte lassen sich herunterladen und speichern bzw. ausdrucken

[40]Blackout Poetry zeigt, dass produktionsorientierter Literaturunterricht zu attraktiven und multimedialen Schreibaufträgen führen kann – es handelt sich um eine Art kreative Form materialgestützten Schreibens. Digitale Hilfsmittel erweitern einerseits die Handlungsmöglichkeiten bei der Bearbeitung solcher Schreibaufträge, andererseits ermöglichen sie eine Reflexion des Leitmedienwechsels. Eine Buchseite ist in Zeiten von Augmented Reality mehr als eine physische Seite: Sie kann auch ein Code sein, mit dem Inhalte im Netz abgerufen und auf einem Display sichtbar gemacht werden.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
23 сентября 2024
Объем:
127 стр. 12 иллюстраций
ISBN:
9783159617428
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Правообладатель:
Bookwire
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