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Waldführer für Neugierige
300 Fragen und Antworten über Wälder, Bäume und Tiere
Texte von Philippe Domont
Illustrationen von Nikola Zaric
Herausgegeben vom Verband Schweizer Förster VSF
Aus dem Französischen übersetzt von Revitext
Dieses Buch zum 100-Jahr-Jubiläum des Verbands Schweizer Förster VSF erschien mit finanzieller Unterstützung folgender Institutionen und Firmen: Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal)/Eidgenössische Forstdirektion Bundesamt für Kultur (Bak)
SGS International Certification Services AG
Verschiedene Spender zum 100-Jahr-Jubiläum des
Verbands Schweizer Förster VSF
Bürgis Forstbaumschulen
Vontobel-Stiftung
Basler & Hofmann AG
MIGROS Kulturprozent
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 1999 Werd & Weber Verlag AG, CH-3645 Thun / Gwatt
7. Auflage 2016
Übersetzung: Revitext, Hans-Peter Marti, Grenchen
Foto Umschlag: Verena Eggmann /Internationales Baumarchiv, Winterthur
Foto von Philippe Domont: Susanne Keller
Layout: Manuela Krebs, Werd & Weber Verlag AG
Korrektorat / Lektorat: Michael Borter, Werd & Weber Verlag AG
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
E-Book ISBN 978-3-03922-050-2
www.werdverlag.ch
www.weberverlag.ch

Inhalt
Vorwort
Der Wald, Treffpunkt von Natur und Zivilisation
Waldführer für Neugierige
Vom Detail zum globalen Verständnis
Der Baum im Wald
Die Wurzeln
Der Stamm und das Holz
Alter und Grösse der Bäume
Abgebrochene und entwurzelte Bäume, Totholz
Rinde
Äste
Knospen
Blüten, Früchte und Samen
Blätter
Begleitende Waldpflanzen
Pilze und Flechten
Moose, Schachtelhalme, Farne und Frühblüher des Unterholzes
Exzetrische Holzpflanzen
Waldtiere
Säugetiere, Vögel, Amphibien
Insekten, Schnecken & Co.
Der Lebensraum des Baumes
Das Klima
Der Waldboden
Der Wald
Der Wald ohne menschlichen Einfluss
Erscheinungsbild und Entwicklung
Wald und Mensch
Geschichte einer Beziehung
Der Wald und seine Funktionen
Naturnaher Waldbau
Holzernte
Berufe im Wald
Neugier in der Praxis
Verwendung dieses Waldführers
Wie auf «Warum»-Fragen antworten?
Und wenn man die Antwort nicht kennt?
Suchaufträge im Wald
10 Regeln im Umgang mit Gruppen im Freien
Wald- und Baumrätsel
Sprichwörter ergänzen
Rücksichtsvolles Verhalten im Wald
Anhang
Bestimmungsschlüssel
Bibliografie
Interessante Internetseiten
Stichwortverzeichnis
Vorwort Der Wald, Treffpunkt von Natur und Zivilisation
Das angenehme Gefühl, «in der Natur» zu sein, genügt heute Vielen nicht mehr. Sie möchten ihre Beziehung zur Umwelt durch eine Vertiefung ihrer Kenntnisse bereichern. Ein Beweis dafür sind die zahlreichen Fragen, die von Wissbegierigen jeden Alters immer wieder im Wald oder über den Wald gestellt werden. Es sind diese Fragen, die den vorliegenden Waldführer entstehen liessen. Er soll Spaziergänger, Pädagogen und alle Waldliebhaber bei ihrer Entdeckungsreise durch die Wälder begleiten, die eine weite, in ständiger Wandlung befindliche Kulturlandschaft darstellen, wo sich Natur und Zivilisation begegnen. Dieses Werk soll eine Orientierungshilfe nicht nur im Wald selbst, sondern auch bei den sich daraus ergebenden Diskussionen sein.
Schon in den siebziger Jahren hat Jean-Louis Loutan, ein Genfer Lehrer und leidenschaftlicher Waldfreund, erkannt, dass Lernen eine Beziehung schaffen heisst. So hat er während Jahren unzählige Wald-Workshops für Schulklassen durchgeführt. Zudem hat er viele der von seinen Schülern gestellten Fragen in einer heute vergriffenen pädagogischen Broschüre gesammelt, die nun für das vorliegende Buch verwendet und ergänzt wurde. Die Fragen verraten eine ausgeprägte Neugier und eine auf dem direkten Kontakt mit dem Wald beruhende Beobachtungsgabe. Darüber hinaus haben der Wissensdurst der Erwachsenen, verstärkt durch die Diskussionen über das Waldsterben in Europa oder die Abholzung der Tropenwälder und das Prinzip der Nachhaltigkeit, zu neuen Fragen geführt, die einen grossen Teil dieses Buches einnehmen.
Der Wald, welche Fragen er auch immer aufwerfen mag, bleibt indes ein Sinnbild für Natur und Lebenskraft und darüber hinaus eine lebendige Realität mit erstaunlichem Reichtum. Die Tatsache, dass sich die europäischen Wälder heute in beispiellosem Ausmass ausdehnen, dürfte für Viele überraschend sein. Ebenso die Entdeckung, dass die Wälder manchmal trotz, oft hingegen dank des Einflusses des Menschen ein Lebensraum mit grossem biologischem Reichtum bleiben.
Unter den Werken, die von Natur, von Fauna und Flora reden, behandeln nur wenige die heutige oder vergangene Beziehung zwischen der Natur und dem Menschen. Noch seltener sind Werke, die anschaulich aufzeigen, wie sich die Natur und die Zivili-sation gegenseitig bereichern können. Denn auch wenn der Mensch in seiner (aufgezwungenen) Rolle als «Räuber an der Natur» Fehler an seiner Umwelt begangen hat, so hat er doch auch oft Wege gefunden, seinen Platz zu behaupten, ohne den eigenen Lebensraum zu zerstören. Hier bietet die moderne Waldbewirtschaftung durch naturnahen Waldbau bemerkenswerte Beispiele eines gelungenen Gleichgewichts zwischen den menschlichen Bedürfnissen und den Ressourcen der Natur. Diese Modelle nachhaltiger Entwicklung verdienen es, in allen Bereichen der Wirtschaft Schule zu machen.
Wir alle sind trotz der Komplexität des Waldes in der Lage, ihn sowohl unter dem Gesichtspunkt der Natur als auch der Bewirtschaftung zu beobachten und zu verstehen. Eine solche Kenntnis des Waldes in all seinen Aspekten ist in dem Masse wichtig, als die modernen Methoden der forstlichen Planung eine vermehrte Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den Diskussionen erfordern.
Möge dieser Waldführer dazu beitragen, das Auge zu schärfen und die Diskussionen zu bereichern.
Philippe Domont
Waldführer für Neugierige Vom Detail zum globalen Verständnis
Ein Waldführer für Neugierige mit und ohne Vorkenntnisse
Dieses Buch soll diejenigen begleiten, welche die Welt der Bäume und des Waldes besser beobachten und verstehen möchten. Der Leser geht von einer Beobachtung im Wald oder einer Frage aus, die er sich stellt. Dann kann er über das Stichwortverzeichnis, die Zeichnungen oder die behandelten Fragen tiefer in die Problematik eindringen.
Ein Mittel zum Beobachten und zum Gedankenaustausch
Dieses Buch regt auch zum Gedankenaustausch an, sei es im Familienkreis, in der Schule oder unter Freunden (siehe Kapitel «Neugier in der Praxis»). Es erweitert nicht nur die Kenntnisse über die Bäume, sondern ermöglicht es auch, den Blick zu schärfen, Vorgänge aufzudecken, Veränderungen zu verstehen, in eine Dynamik einzudringen, bei der aus jeder Entdeckung wieder eine andere hervorgeht. So trägt es schliesslich zu fundierten Kenntnissen über so verschiedene Themen wie Tropenwälder, Wachstum der Bäume, Waldsterben oder Holzernte bei.
Eine Sammlung von Fragen, kein Lexikon
Es sind Fragen des Publikums, welche den Aufbau und den Inhalt des Buches bestimmt haben. Dieses ist keineswegs ein erschöpfendes Werk. Es soll vielmehr dazu anregen, neugierig zu werden oder zu bleiben, und es ist diese Neugier, die zur Fachliteratur oder zum Kontakt mit Spezialisten führen wird.
Gültig für die meisten Baumarten und Waldtypen
Die gestellten Fragen könnten sich auf irgendeinen Baum oder auf irgendeinen Wald in Mittel- oder Westeuropa beziehen. Oft ist ihre Tragweite sogar unbegrenzt, vor allem, wenn sie den Lebensablauf der Bäume oder das Ökosystem des Waldes betreffen.
Vom wahrgenommenen Detail zum globalen Verständnis führend
Der Wissensdurst der Fragesteller zeigt nicht nur das momentane Erscheinungsbild des Waldes mit einer Fülle von Details auf, sondern auch seine Dynamik über längere Zeiträume. Dieser weit reichende Überblick über Jahrhunderte hinweg ist nötig, um über den Lebensraum Wald sprechen zu können. Ein solches Vorgehen, welches die Wahrnehmung des Details mit der Gesamtsicht verbindet, gehört zum beruflichen Alltag der Forstleute. Darüber hinaus sind diese Grundsätze wegweisend für all jene, die um einen für kommende Generationen bewohnbaren Planeten besorgt sind.
Der Baum im Wald
Wäre der Baumstamm im Verlauf der Entwicklungsgeschichte nicht entstanden, so könnte sich die Vegetation lediglich zu ebener Erde ausbreiten. Ohne diese solide Transportverbindung zwischen den Blättern und den Wurzeln der Bäume müssten wir einen der schönsten Lebensräume, den die Natur eingerichtet hat, entbehren: den Wald. Die Wurzeln, die Stämme und die Kronen sind das Fundament, die Säulen und das Dach dieses forstlichen Bauwerks. In einem Wald bilden die Bäume zwischen dem Kronendach und dem Boden einen geschützten Lebensraum, reich an einer besonderen Tier- und Pflanzenwelt.
Unter dem Schutzdach der Bäume, ob Laub- oder Nadelholz, gedeiht eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt mit Zehntausenden von Arten. Trotz ihrer dominierenden Erscheinung sind die grossen Bäume von den kleinen Pflanzen abhängig. Zu denken ist etwa an die Tierwelt im Boden und an die Pilze, welche die Blätter und das Totholz abbauen und in Humus überführen, der wiederum die Nahrungsgrundlage für den Baum bildet. Oder an die Bedeutung der Insekten für die Befruchtung der Blüten und die Verbreitung der Samen. Oder schliesslich an die unverzichtbare Symbiose mit den «Wurzelpilzen», welche dem Baum die Wasseraufnahme aus dem Boden erleichtern.
Ein erwachsener Baum ist einer von wenigen Überlebenden aus einer Vielzahl kleiner Bäume, die im Verlauf der Jahrzehnte verschwunden sind. Wenn auf einem Waldstück hundert grosse Bäume übrig geblieben sind, heisst das, dass dort einst Millionen von Samen ausgestreut wurden, dass daraus dicht beisammen Hunderttausende von Keimlingen und schliesslich Tausende kleiner Bäume gewachsen sind. Nur diejenigen Bäume werden also erwachsen, die sich rascher entwickeln als ihre Nachbarn und die ihren Platz an der Sonne behaupten können. Dieses Streben nach Licht, eine Lebensnotwendigkeit, lässt sich gut an den glatten, früher aber beasteten Stämmen im Innern des Waldes erkennen: Nicht nur die Bäume, auch die Äste sterben ab, wenn sie zu wenig Licht bekommen.
Der Baum, der weder flüchten noch sein verletztes Gewebe ersetzen kann, ist das getreue Archiv all der Ereignisse, die er in seiner unmittelbaren Umgebung erlebt hat. Er trägt die Spuren seines Wachstums und seines Daseinskampfes, was unendlich viele Beobachtungsthemen für alle Wissensdurstigen bietet.
Der Baum im Wald Die Wurzeln
Die Wurzeln stützen den Baum und ernähren ihn zugleich. Man kann sich ihre enorme Widerstandskraft vorstellen, wenn man bedenkt, dass ein grosser Baum, der einige zehn Tonnen wiegt, wie auf einem Hebelarm von 40 Metern balanciert. Das Schauspiel der sich unter den Windstössen wiegenden Baumkronen ist faszinierend. Die physiologische Rolle der Wurzeln ist nicht minder eindrücklich, wenn man sich vorstellt, dass ein einzelner Baum während eines warmen Tages einige hundert Liter Wasser aus dem Boden pumpt und durch seine Krone verdunstet.
Für die Gesundheit des Baumes und des Waldes selbst ist also die Gesundheit der Wurzeln von grösster Bedeutung. Weil sie aus praktischen Gründen schwierig zu erforschen sind, weiss man über die Wurzeln noch wenig.
1 Wie dringen die Wurzeln in den Boden vor?
Die Wurzeln enden in feinen, zarten Wurzelspitzen. Diese vermehren die Zellen an ihren Enden durch Zellteilung und dringen so durch die Erdpartikel vor (→ 7).
Pfahlwurzeln und Flachwurzeln
Gewisse Baumarten wie die Eiche und die Weisstanne treiben solide Pfahlwurzeln, auch wenn der Boden schwer und schlecht durchlüftet ist. Die Fichte und die Espe besitzen Flachwurzeln, die eher an der Oberfläche bleiben. Die Buche und der Ahorn bilden Wurzeln, die zwischen den beiden Formen liegen.

2 Bis in welche Tiefe reichen die Wurzeln?
Die Mehrzahl der Feinwurzeln entwickelt sich in einer Schicht von 0 bis 60 (80) cm, da sie Sauerstoff benötigen (→ 99, 187). Wenn der Boden gut gelockert, nährstoffreich und durchlüftet ist, können gewisse Wurzeln bis zu zwei und mehr Meter hinunterwachsen. Ist der Boden zu wenig durchlüftet, etwa zu feucht, kann es vorkommen, dass alle Wurzeln in den obersten 20 cm konzentriert sind. Dies ist für die Standhaftigkeit des Baumes ungünstig. Betrachtet einen durch den Sturm entwurzelten Baum: Der herausgerissene Wurzelteller ist oft flach und oberflächig!

3 Ist es wahr, dass das Wurz elwerk den gleichen Raum einnimmt wie die Krone?
Nein, denn die Wurzeln sind relativ nahe an der Oberfläche. Ihr Volumen ist daher sehr viel geringer als das der Krone, die sich über zehn bis zwanzig Meter erhebt. Im Wald ist die von den Wurzeln eingenommene Fläche etwa gleich gross wie die Projektion der Krone auf den Boden. Genau wie die Äste sich um das Licht streiten, kämpfen die Wurzeln um das Wasser und die Nährstoffe. Die Wurzeln eines freistehenden Baumes hingegen können ohne weiteres über seine äussersten Äste hinausreichen.

4 Wie holen die Wurzeln die Nahrung aus dem Boden?
Die Wurzeln versorgen den Baum dank ihren Feinwurzeln mit rohem Saft (→ 9, 208). Diese «saugen» das Wasser und die gelösten Stoffe durch die Wände ihrer jungen Zellen, wobei sie von den sie überziehenden Wurzelpilzen wirksam unterstützt werden (→ 127). Die Wurzel selbst ernährt sich von dem in den Blättern aufbereiteten Saft, der durch die Rinde transportiert wird (→ 93). Die Wurzeln gewisser Bäume können den Stickstoff der Luft mit Hilfe von Knöllchenbakterien (Erle) oder mit Hilfe von Pilzen (Robinie) binden.



Mykorrhiza
(aus dem Griechischen = «Wurzelpilz»)
Unsere Waldbäume leben alle in einer engen Beziehung mit Pilzen, wie Knollenblätterpilze, Täublinge, Röhrlinge, Milchlinge, Trüffeln. Die Feinwurzeln der Bäume, welche nur wenige aufnahmefähige Wurzelhaare besitzen, sind vom unterirdischen Pilzgeflecht umgeben. Sie profitieren von diesem Filz, der ihre Austauschfläche gewaltig erhöht. Als Gegenleistung wird der Pilz durch seinen hölzernen Verbündeten mit Kohlehydraten versorgt. Man spricht von einer Symbiose, weil jeder Partner auf den andern angewiesen ist.
Dank dieser verborgenen und ausgeklügelten Verbindung findet man den Hohlfuss-Röhrling unter der Lärche, den Grünen Knollenblätterpilz vor allem unter der Eiche und der Buche sowie den Eierschwamm vor allem unter der Fichte. Einige Pilze sind sowohl Parasiten wie auch Partner: Während der Hallimasch bei den Wurzeln und den Stämmen der Nadelbäume schwere Fäulnis auslöst, ist er für diverse Orchideenarten eine Mykorrhiza.
5 Warum ist dieser Baum auf solchen «Stelzen» gewachsen?
Könnte es nicht einen verfaulten Baumstumpf unter diesen stelzenartigen Wurzeln gegeben haben? Eine kleine Fichte ist auf einem nun verschwundenen Wurzelstock gewachsen, wobei ihre Wurzeln das verrottende Holz nach und nach durchdrungen haben.
Fichtensamen keimen oft auf verrottenden Wurzelstöcken oder Baumstämmen. Die auf solchen Erhöhungen wachsenden Keimlinge haben bessere Überlebenschancen, vor allem im Gebirge (→ 196).

6 Warum sind die Wurzeln auf dieser Böschung an der Oberfläche gewachsen?
Früher waren sie im Boden, sind dann aber nach und nach infolge des abfliessenden Wassers, das die Erde wegschwemmte, an die Oberfläche getreten.

Der Baum im Wald Der Stamm und das Holz
In der Entwicklungsgeschichte der Pflanzen ist das Dickenwachstum des Stammes eine recht neue Erscheinung. So konnten die «Stämme» der Baumfarne noch nicht in die Dicke wachsen, wie dies bei den ersten Nadelbäumen, vor 300 Millionen Jahren, dann der Fall war.
Diese Zunahme in der Dicke ist dank einer feinen, zwischen dem Holz und der Rinde eingebetteten Gewebeschicht, dem Kambium, möglich. Durch die Zunahme in der Dicke gelang es den Bäumen, sich in die Höhe zu entwickeln, die anderen Pflanzen zu überragen und so das Sonnenlicht in Anspruch zu nehmen und sich über den grössten Teil der Erdoberfläche auszubreiten.
Jedes Jahr entsteht unter der Rinde ein weiterer Wachstumsring. Im Monat Mai noch ganz weich, verhärtet er sich während des Sommers und umhüllt schliesslich alle verholzten Teile des Baumes mit einer neuen Holzschicht. Da dieses Wachstum je nach Klima, Alter, Parasitenbefall und anderen Lebensumständen des Baumes verschieden ist, kann man aus den Jahrringen wie aus einem privaten Archiv die Geschichte des Baumes herauslesen. Beobachtet die am Wegrand gelagerten Stämme. Zahlreiche Geheimnisse verstecken sich unter der rauen Rinde!
7 Welcher Faktor bewirkt, dass «es wächst»?
Die Pflanzen wachsen, indem sich ihre Zellen während der Vegetationsperiode teilen. Die Bäume haben die Eigenheit, sowohl in die Länge als auch in die Dicke zu wachsen.

Längenwachstum
Der Baum wächst an seinen Endpunkten, wo sich teilungsfähige Zellen befinden (Meristeme). Unter der Erde sind es die Wurzelspitzen, die sich verlängern (→ 1). Die oberirdischen Teile wachsen bei den an den Ästen und am Wipfel sitzenden Knospen (→ Rätsel C, D).

Dickenwachstum
Der Baum nimmt an seiner gesamten Oberfläche zu, auch bei den Wurzeln und den Zweigen! Das Dickenwachstum erfolgt durch das Kambium, eine feine, aktive Zellschicht zwischen Holz und Rinde. Diese Zellen vermehren sich sowohl nach innen (Holz) als auch gegen aussen (Rinde). Darum besitzt auch die Rinde Jahrringe (→ 47, 48, 139, 215).
8 In welcher Jahreszeit wachsen die Bäume am meisten?
Die Jahrringe bestehen aus Frühholz (Anfangszone) mit einer hellen Farbe, das von April bis Juni gebildet wird, und Spätholz (Endzone) mit dunkler Farbe, das von Juli bis Oktober entsteht. Vergleicht die Breite von Früh- und Spätholz oder messt die Länge der neuen Triebe Ende Juni und Ende Oktober! Der Baum wächst im Frühling schnell. Während des Sommers festigt er die neuen Triebe und den neuen Jahrring. Im Winter befindet er sich im Ruhezustand.

9 Wo fliesst der Saft hindurch?
Von den Wurzeln steigt der rohe Saft im Splintholz, der äusseren und noch lebenden Holzschicht, aufwärts in den Baum, wobei vor allem die jüngsten Jahrringe benützt werden.
Der in den Blättern gebildete aufbereitete Saft wird durch den Bast, die innere Schicht der Rinde, in alle lebenden Teile des Baumes, bis hinunter zu den Wurzeln, transportiert (→ 4, 43, 47, Rätsel B).

Splintholz und Kernholz
Das Splintholz, das aus den frischen Jahrringen besteht, enthält Reservestoffe sowie die Leitgefässe, durch welche das Wasser und die Nährstoffe bis zu den Blättern geführt werden. Das Kernholz in der Mitte des Stammes dagegen ist völlig verschlossen. Am Stammquerschnitt gewisser Laubbaumarten (Eiche, Esche, Robinie, Ulme, Edelkastanie) sind die Leitgefässe von blossem Auge sichtbar.
Bei der Föhre, Lärche, Eiche, Edelkastanie und dem Nussbaum ist das Kernholz gefärbt und unterscheidet sich sichtbar vom Splintholz. Wenn das Splintholz der Luft ausgesetzt ist, wird es manchmal von Pilzen besiedelt, die von den darin enthaltenen Nährstoffen profitieren und dem Splintholz eine schwärzliche Farbe verleihen.

Der Saft wird gepumpt und angesaugt
Die enormen Kräfte, welche die Wassersäulen bis in eine Höhe von 50, ja sogar 100 Meter hinaufpumpen, resultieren aus verschiedenen Vorgängen. Während die Wurzeln mithelfen, die Säfte einige Meter weit durch die Leitgefässe zu drücken, ist es vor allem der Unterdruck infolge der Verdunstung in den Blättern, welcher den Saft, unter anderem in Verbindung mit den Kapillarkräften, nach oben saugt.
10 Ist es wahr, dass man den Fluss des Saftes im Stamm hören kann?
Versucht es … Die Autoren des Buches haben es bisher nicht fertig gebracht, auch mit einem Stethoskop nicht. Einige behaupten, es sei möglich. Dagegen können die Naturforscher das im Holz erzeugte Bruchgeräusch hören, wenn eine zur Baumkrone aufsteigende feine Wassersäule infolge des enormen, im Leitgefäss herrschenden Drucks unterbrochen wird (→ 7).
11 Schlafen die Bäume?
Während der Nacht ist die Fotosynthese eingestellt, weil dazu Licht erforderlich ist. Die Bäume setzen die Atmung fort, indem sie Sauerstoff aufnehmen und Kohlendioxid abgeben. Die am Tag erzeugte Nahrung wird überall im Baum verteilt und gelagert, so «verdaut» dieser während der Nacht das, was er am Tag aufgenommen hat. Wenn man den Stammumfang auf den Zehntelmillimeter genau misst, kann dieses nächtliche Wachstum festgestellt werden. Am Morgen beginnt wieder der Assimilationsvorgang (→ 7).
12 Warum sind diese Jahrringe so breit?
Schaut, ob sich diese Jahrringe nicht an der Stelle befinden, wo der Stamm in den Wurzelstock übergeht und sich verbreitert, um so die Stabilität des Baumes zu verbessern. Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters: Wenn ein Baum unter guten Bedingungen gewachsen ist, sind die zur Zeit der Jugend gebildeten Jahrringe im Zentrum des Stammes breiter. Es kann sich auch um Reaktionsholz handeln, das ein Baum bildet, wenn sein Gewicht nicht regelmässig auf den ganzen Stamm verteilt ist.

Reaktionsholz
Bei einem geneigten Baum ist der Druck im Innern des Stammes nicht gleichmässig verteilt. Auf der Unterseite wirkt ein gewaltiger Druck, auf der oberen Hälfte dagegen wirkt ein ebenso starker Zug. Um dem besser widerstehen zu können und den aufrechten Wuchs wieder zu erlangen, produzieren die Nadelbäume dort, wo der Druck wirkt, mehr Holz und verbreitern sich somit auf der Druckseite, während die Laubbäume genau dasselbe auf der Zugseite tun.
13 Weisen schmale Jahrringe auf eine schlechte Gesundheit hin?
Nicht unbedingt. Es ist ähnlich wie bei den Menschen: Ein geringes Gewicht ist nicht unbedingt ein Zeichen von Krankheit. Dagegen deutet eine geringere Breite der Jahrringe, wie ein Gewichtsverlust, oft auf ein Problem hin.
Ein einzelner schmaler Jahrring lässt sich durch ein trockenes oder kaltes Jahr, einen Frühlingsfrost oder Parasitenbefall erklären. Zahlreiche schmale Jahrringe sind ein Hinweis auf ein raues Klima, Lichtmangel, fortgeschrittenes Alter des Baumes, mageren oder trockenen Boden, Luftverschmutzung (→ 282, 286).

14 Warum sind die Jahrringe im Zentrum so nahe beieinander?
Im Schatten grosser Bäume bleiben Tanne und Buche schwächlich und wachsen weder in die Länge noch in die Dicke. Es sind natürliche Bonsais, die auch nach 50 Jahren weniger als einen Meter hoch sind und erst richtig zu wachsen anfangen, wenn ihr Nachbarbaum umstürzt oder gefällt wird, so dass eine Lücke entsteht, durch die Licht einfallen kann (→ 198, 287).

15 Was ist im Innern des Stammes zu sehen?

Das Innere des Stammes ist wie ein Archiv des Baumes. Es enthält die Geheimnisse seiner Jugend. Der in Rundholzstücke oder Bretter zerschnittene Stamm offenbart Spuren einst sichtbarer Dinge, die im Verlauf des Wachstums überdeckt wurden: Äste, Verletzungen, Rindenstücke (→ Rätsel C, D). Bäume an Weiderändern enthalten oft Drahtreste. Stämme aus ehemaligen Schlachtfeldern sind mit Metallsplittern durchsetzt und müssen auch heute noch in der Sägerei durch Metalldetektoren geprüft werden, damit die Sägeblätter nicht zerstört werden. Bäume aus der Umgebung von Waffenplätzen stellen ähnliche Probleme.

Spuren früherer Verletzungen, Rindenstücke
Die Stellen, wo die Rinde früher verletzt wurde (beim Holzen, durch Wildfrass oder durch das Aneinanderreiben zweier Stämme), bleiben im Holz sichtbar. Man kann an den Jahrringen erkennen, wie der Baum Jahr um Jahr die Wunde überdeckt hat (→ 50).
Ausfallende und verwachsene Äste (Knorren, «Knörze»)
Wenn ein Stamm aufgesägt oder gehobelt wird, erscheinen die alten Äste im Innern als Knorren. Wenn ein Knorren ausgetrocknet ist, spricht der Schreiner von einem ausfallenden Ast. Wenn er im Stamm gut eingelegt ist, handelt es sich um einen verwachsenen Ast (→ 264).

Harzgallen
Harz ist nicht gleich Saft. Das in einem speziellen Leitungsnetz im Holz und in der Rinde der meisten Nadelbaumarten enthaltene Harz überdeckt nackte Stellen, ertränkt Parasiten, lagert Abfallstoffe ein. Die Weisstanne besitzt kein Harz im Holz, sondern nur in der Rinde. Die Eibe hat überhaupt kein Harz.
Ein Wort zum Bernstein
Bernstein ist ein fossiles Harz, das von verschiedenen Nadelbäumen stammt, darunter Föhren, Zedern und Araukarien. Allein im Baltikum hat man dank der im Harz eingeschlossenen Nadeln acht Föhrenarten entdeckt, die sich von den heutigen Arten unterscheiden. Die Bernsteinwälder reichen 40 bis 50 Millionen Jahre zurück (→ 216).

Klangholz: ein Holz ohne Fehler
Geigenbauer wählen Holz mit regelmässigen Jahrringen, ohne eingewachsene Äste, ohne Harztaschen, ohne Drehwuchs, ohne Verletzungen … deshalb ist es so schwierig, Fichten-Klangholz zu finden. Es wird nicht nur für Geigendecken verwendet, sondern auch für Gitarren, Klaviere, Flügel, Harfen, Cembalos u. a. Man findet Klangholz ausschliesslich im Gebirge – nur dort können Bäume über lange Zeiträume regelmässig wachsen.
16 Warum sind die unteren Äste meist abgestorben?
Der Baum stösst die Äste ab, welche mehr «konsumieren als produzieren». Dies ist der Fall, wenn die Blätter oder Nadeln infolge Lichtmangels nicht genug Zucker produzieren (→ 93). Wenn diese Äste vom Baum nicht mehr ernährt werden, fallen die Blätter ab und die Äste trocknen aus.
17 Warum neigt sich dieser Baum dermassen?
Ein Baum ist geneigt, wenn er umgedrückt wurde, als er jung war (Schneedruck, Nachbarbaum, der sich auf ihn abstützte, vorherrschender Wind). Falls mehrere Bäume geneigt sind, ist oft ein Erdrutsch die Ursache. Gewisse Bäume wachsen schräg, weil sie dem Licht zustreben (Laubbäume, Föhre).

18 Warum hat dieser Baum mehrere Wipfel?
Dass die Bäume im Allgemeinen nur einen Wipfel haben, kommt daher, dass der Trieb an der Spitze ein «dominantes» Hormon produziert, das seitliche Äste nicht in die Höhe wachsen lässt. Dieses Phänomen ist besonders bei Nadelbäumen deutlich sichtbar. Bei sehr alten Bäumen ist diese Kontrolle nicht mehr so ausgeprägt. Wenn der Wipfel abbricht, vermögen untere Äste manchmal die Unterdrückung durch das Hormon zu durchbrechen und wachsen in die Höhe.

19 Warum ist dieser Baum abgewinkelt gewachsen?
Ein seitlicher Ast hat die Rolle des Stammes übernommen, weil der Wipfel durch Schneedruck, Wind oder Rindenfrass von Nagetieren zerstört wurde. Wenn zwei Äste die Ablösung übernehmen, spricht man von einem Harfenbaum, weil die Form an die beiden Arme des Instruments erinnert.

20 Woher stammt diese Beule am Stamm?
Solche Beulen, die je nach Ursache als Auswüchse, Maserknollen oder Krebsgeschwülste bezeichnet werden, lassen sich oft durch das Eindringen eines fremden Organismus (Pilz, Virus) erklären. Um sich dagegen zu wehren, produziert der Baum zusätzliches Gewebe.


Manchmal eine Zierde, oft aber problematisch
Auswüchse und Maserknollen sind aus gesundem Holz gewachsen und werden gerne für dekorative Objekte benutzt (Maserung). Krebsgeschwulst oder eine flaschenförmige Stammbasis hingegen weisen auf aufgerissenes Holz oder Fäulnis hin. Bei der Weisstanne sind Krebsgeschwülste an Ästen (Hexenbesen → 66) oder am Stamm (Rädertanne) häufig anzutreffen. Letzteres kann sogar zum Bruch des Stammes führen.
Aufblähungen an der Basis der Stämme
Unregelmässigkeiten im Wachstum finden sich häufig auch an der Basis von Laubbäumen: Mehrere zusammengewachsene Stämme deuten auf Stockausschläge hin, die gross geworden sind und mehr und mehr eingeengt wurden (→ 275). Wenn nur ein Stockausschlag überlebt hat, ist der Stamm an der Basis aufgebläht oder verwachsen.
21 Was hat diesen Stamm spiralförmig gedreht?
Er muss durch eine andere Pflanze umschlungen gewesen sein. Vielleicht findet ihr in der Umgebung ein Geissblatt. Der Stamm konnte nur zwischen den eingeschnürten Stellen wachsen (→ 150).

Der Baum im Wald Alter und Grösse der Bäume
Während wir Menschen ein Alter von einigen Jahrzehnten erreichen, geht dasjenige der Bäume in die Jahrhunderte. Mit zehn oder zwanzig Jahren stecken sie noch in der «Kindheit» und erreichen die «Jugendzeit» in den fünfziger Jahren. Eine Eiche, eine Lärche oder eine Tanne ist mit 120 Jahren «im besten Alter» und kann dies noch weitere hundert Jahre sein. Man kann bei Tannen, Eichen, Kastanien oder Eiben kaum von alten Bäumen sprechen, bevor sie nicht einige hundert Jahre alt sind und sich Zeichen des Absterbens erkennen lassen. Baumarten wie die Birke und die Schwarzerle haben im Vergleich geradezu ein kurzes Leben, werden sie doch «nur» hundert Jahre alt.
Der Zeitraum der Bäume und des Waldes übersteigt daher die Erfahrungen einer einzelnen Menschengeneration. Wir erleben nur einen Abschnitt ihres Lebens. Dies ist ein Grund dafür, dass unsere hölzernen Zeitgenossen als besonderes kulturelles Sinnbild für Kraft und Unsterblichkeit gelten. Durch diesen Umstand wird den Förstern bei der Arbeit, die sie im Interesse einer späteren Generation ausführen, deren Urgrosseltern soeben erst geboren sind, eine ganz besondere Verantwortung übertragen.
22 Wie bestimmt man das Alter eines dicken Baumes?
Wenn der Baum im Zentrum nicht verfault ist, kann man am gefällten Baum, auf einem Bohrkern, den man dem Stamm in Richtung Zentrum entnommen hat, oder auf einem Röntgenbild die Jahrringe zählen (→ 7).
Eine andere Möglichkeit bieten Dokumente (Datum der Pflanzung oder der Aufgabe eines Weidegebietes) oder der Vergleich mit benachbarten Wurzelstöcken. Ein erfahrener Förster kann das ungefähre Alter eines Baumes anhand des Bodens, des Klimas und des Wachstums abschätzen. Bei einem Alter über 200 Jahre wird dies allerdings schwierig.
Alte Bäume sind verschwiegen
Das Alter der ganz alten Bäume ist nicht einfach zu bestimmen. Ihr Stamm ist unten oft ausgehöhlt, und somit kann man die Jahrringe nicht mehr bis ins Mark zurückverfolgen. Es bleibt dann nur das Archiv in der Gemeinde, das noch weiterhelfen kann.
23 Wie alt ist diese Tanne?
Man kann das Alter anhand der Anzahl der Astquirle schätzen. Die Nadelbäume fügen jedes Jahr einen Astquirl hinzu. Beginnt ganz oben, mit dem letzten Jahrwuchs, ohne die kleinen Zwischenäste mitzuzählen. Wenn ihr bei 50 cm über dem Boden angekommen seid, müsst ihr noch etwa 5 bis 10 Jahre dazuzählen, manchmal auch mehr (→ 14). Auf diese Weise kann man das Alter bis etwa 50 Jahre leicht ermitteln, dann wird es allerdings schwieriger. Das Alter eines Astes kann man auf dieselbe Art bestimmen (→ 97).

24 Wie alt ist dieser Laubbaum?
Bei den Laubbäumen ist das Alter weniger leicht zu bestimmen als bei den Nadelbäumen. Bei jungen Laubbäumen kann man versuchen, das Alter folgendermassen zu schätzen: Zählt von der Endknospe aus die Anzahl der Gruppen von «jährlichen Narben», die jedes Jahr von den Schuppen der Endknospe auf dem Stamm oder den Ästen zurückgelassen werden.
Der Ahorn und die Esche bilden regelmässige Etagen, die während einigen Jahren deutlich zu sehen sind (gegenständige Äste).

25 Bis zu welchem Alter wächst ein Baum?
In die Dicke wächst ein Baum bis zu seinem Lebensende. Von einem gewissen Alter an wird das Längenwachstum jedoch praktisch unbedeutend. Ganz alte Bäume werden wieder kleiner, da der Wipfel und gewisse Äste am Ende abbrechen.
26 Welches Alter haben die ältesten Bäume in Europa?
Die ältesten Bäume in Europa sind wahrscheinlich die Eiben, welche 2000 Jahre erreichen können, gefolgt von den Kastanien mit 1500 Jahren. Eichen und Linden haben eine Lebenserwartung von 1000 Jahren. Lärchen können 800 Jahre erreichen, Fichten und Weisstannen 600 Jahre. Sucht den grössten Baum in eurer Region! Welches Alter hat diese monumentale Tanne oder Eiche? Vielleicht könnt ihr zusammen mit dem Förster eine Hinweistafel aufstellen!
27 Wie alt sind die ältesten Bäume auf der Erde?
Man spricht von mindestens 4900 Jahren bei Pinien (Pinus longaeva) in trockenen Gegenden Nordamerikas. Die Mammutbäume (Sequoiadendron) in der Sierra Nevada Kaliforniens, deren Stammdurchmesser zehn Meter übersteigt, erreichen 4000 Jahre (→ 31). Die Steineiche, die Libanon-Zeder oder die Eibe sollen 2000 Jahre alt werden. Gewisse Straucharten können altersmässig die Bäume sogar übertreffen: 12 000 Jahre schätzt man beim Kreosoten (Larrea divaricata), der auch in Wüstenregionen Nordamerikas anzutreffen ist.
28 Ist es wahr, dass die Jahrringe das Klima über Jahrhunderte verraten können?
Ja, unter der Voraussetzung, dass die Jahrringe in normalen Linien verlaufen und nicht durch die Verbreiterung zum Wurzelstock, durch Asteinschlüsse oder infolge von Vernarbungen verfälscht sind. Die guten, warmen und feuchten Jahre bilden breite, die anderen schmale Ringe (→ 13). Der Baum ist wie eine biologische «Zeitmaschine», in welcher das Klima der vergangenen Jahre aufgezeichnet ist. Die Dendroklimatologie (griechisch «dendron» = Baum) befasst sich mit dem Studium dieser Zusammenhänge (→ 232).

Dendrochronologie
Die Dendrochronologie befasst sich mit der Datierung von Holz (archäologische Funde, Musikinstrumente usw.). Dank der Aufeinanderfolge der Jahrringe kann man heute das Alter eines über 6000 Jahre alten Holzstückes aufs Jahr genau bestimmen. Dabei ist es nicht die Breite der Jahrringe an sich, sondern die Aufeinanderfolge breiter und schmaler Jahrringe, deren Erscheinungsbild etwa einem Fingerabdruck gleicht, welche einen Jahrring chronologisch richtig datieren lässt.
29 Können wir das Jahr unserer Geburt ausfindig machen?
Klar, auch das eurer Eltern oder Grosseltern … und der Französischen Revolution und der gesamten neueren Zeit. Im Flachland findet man mit Leichtigkeit Wurzelstöcke von Bäumen, die im Alter von 120 bis 150 Jahren gefällt wurden, im Gebirge solche von 150 bis 300 Jahre alten Bäumen.
Wählt den Wurzelstock eines kürzlich gefällten Baumes und zählt die Jahrringe vom Rand in Richtung Zentrum. Steckt kleine Schildchen an die Stellen der gewählten Ereignisse!

30 Welche Höhe hat dieser Baum?
Es gibt zwei einfache Methoden, um die Höhe eines Baumes zu bestimmen (siehe Zeichnung).
1 Ein einfacher Baumhöhenmesser:
• Legt zwei kleine, gleich lange Stöcke rechtwinklig aufeinander, den einen (A) in der Mitte des andern (B).
• Stellt euch möglichst auf die gleiche Höhe wie der Fuss des Baumes, so dass der Stock A auf Augenhöhe auf den Baum gerichtet ist. Entfernt oder nähert euch dem Baum, bis die Verlängerung der Endpunkte von B sich mit der Baumspitze bzw. dem Baumfuss deckt.
• Messt die Distanz zum Baum, diese entspricht ungefähr seiner Höhe (praktisch ähnliche Dreiecke).
2 Den Baum «ablegen»:
Mit ausgestreckten Armen einen Stock so halten, dass er mit der Höhe des Baumes zusammentrifft, dann den Stock bis auf die Horizontale drehen. Eine zweite Person schreitet nun diese «abgelegte Höhe» vom Baumstamm aus ab.


31 Welches ist der höchste Baum der Welt?
Momentan wird der Rekord von einer Küstensequoia (Immergrüne Sequoia) mit über 111 Metern im Redwood-Nationalpark in Kalifornien gehalten. Diese Sequoia ist «nur» 600 Jahre alt, wenig für eine Baumart, die 1000 bis 2000 Jahre alt werden kann. Im letzten Jahrhundert soll ein australischer Eukalyptus 130 Meter hoch geworden sein (→ 27, 240).
Der höchste in der Schweiz gemessene Baum war eine 57 Meter hohe Weisstanne im Emmental (Dürsrütitanne). Sie wurde 1974 vom Blitz getroffen und musste im Alter von 377 Jahren gefällt werden. Der höchste Baum in Deutschland ist eine ca. 60 Meter hohe Douglasie im Forstbezirk Emmendingen (Südbaden).
32 Wie gross ist das Holzvolumen dieses Baumes?
Um das Volumen eines Stammes rasch zu schätzen, setzt man den auf 1,3 Meter über dem Boden gemessenen Durchmesser ins Quadrat und teilt durch 1000.
Beispiel für 70 cm Durchmesser:
702 : 100 0 = 4,9 m3.
Der Durchmesser kann mit einer Messkluppe ermittelt werden. Eine einfache Ausführung besteht aus zwei Stöcken und einer Schnur (siehe Zeichnung). Man kann auch mit Hilfe einer Schnur den Umfang messen. Den genauen Durchmesser erhält man sodann, indem der Umfang durch 3,14 geteilt wird.
Beispiel:
Wenn der Umfang des Stammes 240 cm beträgt, ist der Durchmesser ungefähr 240:3 = 80 cm.

33 Wie viel wiegt dieses Stammstück?
Man muss sein Volumen mit seinem spezifischen Gewicht multiplizieren.
Das Volumen ist gegeben durch Q × L (Q = Querschnittfläche in der Mitte des Holzstücks, L = Länge). Die Querschnittfläche lässt sich aus dem Durchmesser errechnen (siehe oben):
Q = 1/4 D2×3,14. Das spezifische Gewicht ist der folgenden Tabelle (siehe S. 32) zu entnehmen. Beachtet, dass grünes Holz bis doppelt so schwer ist wie trockenes.
Beispiel: Ein Stück grünes Weisstannenholz von 14 m Länge und 36 cm Durchmesser, in der Mitte gemessen, wiegt etwa 1320 kg.

| Spezifisches Gewicht (kg/m3) | grün | trocken |
| Lärche | 800 | 590 |
| Föhre | 850 | 520 |
| Fichte | 840 | 470 |
| Weisstanne | 940 | 450 |
| Hagebuche | 1000 | 830 |
| Buche | 1000 | 720 |
| Eiche | 1000 | 690 |
| Pappel | 850 | 450 |
34 Wie schwer ist ein ganzer Baum?
Zum Gewicht des Stammes muss man noch dasjenige der Äste, Zweige und Blätter hinzufügen: Je nach Volumen der Krone und Dicke der Äste kann man 20 bis 40 % hinzurechnen, dazu noch etwa 10 bis 15 % für die Wurzeln!
Der Baum im Wald Abgebrochene und entwurzelte Bäume, Totholz
Ein neuzeitlicher Umstand taucht zunehmend in unseren Wäldern auf und gibt zu Diskussionen Anlass: Immer mehr Holz wird am Boden liegen gelassen. Tote, noch stehende Bäume, abgebrochene Stämme oder zerstreut herumliegende Äste haben jeden wirtschaftlichen Wert verloren. Öl- und Gasheizung sind praktisch und (noch?) sehr billig. Es lohnt sich nicht mehr, die kleineren Holzstücke aufzulesen.
Was die Luftqualität und die Energiesparmassnahmen betrifft, so ist diese Entwicklung nicht unbedingt günstig: Selbst wenn es zum Heizen verbrannt wird, ist Holz nämlich viel ökologischer als Heizöl. Dagegen bietet das liegen gelassene Totholz zahlreichen Arten einen Lebensraum und fördert so die Erhaltung einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt.
35 Woran stirbt ein Baum, wenn er nicht gefällt wird?
Bei einem ganzen noch stehenden Baum sind die häufigsten Gründe für sein Absterben oder seine Schwächung: Trockenheit, Frost, Blitz, Pilz- und Insektenschädlinge, Feuer, Bodenverdichtung und Nahimmissionen (Fluor, Schwefeldioxid).
Wenn der Stamm abgebrochen oder der Baum umgeworfen ist, können folgende Ursachen angenommen werden: Sturm, Schneedruck, Raureifdruck, Verfaulen der Wurzeln oder des Stammes, Krebs (→ 37 f., 51, 63, 116, 127).

Schwächung und Tod der Bäume
Bevor ein Baum völlig abstirbt, wird er mit der Zeit langsam schwächer, ausser er erleidet durch Blitz, Feuer oder eine Lawine einen «gewaltsamen Tod». Die Schwächung kann nach und nach (Alter, falscher Standort, Umweltverschmutzung) oder plötzlich (Trockenheit, Frost) eintreten. Sie begünstigt den Befall durch pflanzliche und tierische Schädlinge (Pilze, Viren, Insekten), die dann den Tod herbeiführen.
Der Vorgang verläuft ähnlich wie beim Menschen: Für einen geschwächten Organismus (Alter, Unterernährung) kann eine harmlose Grippe oder eine Infektion fatale Folgen haben (→ 282).
instabile, durch den Wind zerstörte Monokultur
36 Stimmt es, dass Sturmschäden in einer Monokultur schlimmer ausfallen?
Ja. Auch wenn die Naturgewalten wie Sturm und Lawinen keinen Wald verschonen, sind die Schäden in einem durchmischten und im Hinblick auf eine bessere Stabilität gepflegten Wald geringer als in einem Monokulturwald, der überall die gleiche Struktur besitzt. Die Sturmschäden sind besonders in schlecht durchforsteten Nadelholz-Monokulturen ausgeprägt: Diese stürzen manchmal wie ein Kartenhaus zusammen (→ 272, 275).

37 Wie sieht man, ob eine Lichtung eine Schlagfläche oder eine Windwurffläche ist?
Ein orkanartiger Sturm bricht Bäume oder entwurzelt sie. Auf einer Windwurffläche bleiben die durch umgekippte Wurzelstöcke hervorgerufenen Kuppen noch lange, nachdem das Holz entfernt wurde, erkennbar. Ausserdem sind solche Schäden in der ganzen Region zu beobachten (→ 266, 287).

38 Wie erkennt man, ob ein Blitz einen Baum zum Absterben gebracht hat?
Im Allgemeinen trifft der Blitz den Wipfel eines grossen Baumes und folgt dem Stamm hinunter bis zum Boden. Der Blitz löst entlang seiner Bahn ein Rindenband ab, Rindenstücke werden rundherum verstreut. Der Stamm wird manchmal gespalten bzw. aufgesprengt, oder er weist Brandspuren auf. Der Baum trocknet meist innerhalb eines Jahres aus (→ 51, Rätsel B).
39 In welche Bäume schlägt der Blitz am meisten ein?
Der Blitz wird von den höchsten, spitzesten und feuchtesten Bäumen am meisten angezogen. So wird ein grosser, alter Nadelbaum eher getroffen als ein benachbarter kleinerer Laubbaum. Hinweis für Wanderer: Bei starkem Wind oder Schneefall wegen der Gefahr herunterfallender Äste im Wald vorsichtig sein und sich auf keinen Fall während eines Gewitters unter allein stehende Bäume stellen.

40 Kann Schneelast die Bäume gefährden?
Gefahr besteht hauptsächlich bei Nadelbäumen, da diese im Winter ihre Nadeln nicht abwerfen. Laubbäume sind durch nassen und schweren Schnee im Frühling, wenn die Bäume bereits das neue Laub bilden, am meisten gefährdet. Schnee ist auch im Spätherbst gefährlich, wenn gewisse Bäume ihr Laub noch nicht abgeworfen haben. Das Forstpersonal muss hin und wieder zu Hilfe eilen, um die sich bedrohlich neigenden Stämme junger Eichen im Stangenholzalter vom Schnee zu befreien.

41 Wer hat diese Bäume am Fluss gefällt?
Umgelegte Stämme am Ufer eines Wasserlaufes können die Anwesenheit von Bibern verraten: abgenagte Rinde, Nagespuren auf dem Holz, zugespitzte Stämme. Das Vorkommen dieser Tiere erkennt man ebenfalls an zahlreichen kurzen Rutenstücken, die der Biber mit wenigen Bissen durchnagt und säuberlich entrindet hat (→ 65).

42 Schaden liegen gelassene und verfaulende Stämme und Äste nicht dem Wald?
Die Natur hat es so eingerichtet, dass alle toten Organismen wieder abgebaut werden. Für den Wald bedeutet dies, dass Holz, Rinde, Blätter und Tiere wieder in Humus zurückgeführt werden (→ 191, 208 ff.). Natürlich ist es schade, einen so wertvollen und ökologischen Rohstoff wie Holz zu vergeuden, aber für den Wald bringt dies nur in ganz besonderen Fällen gesundheitliche Probleme mit sich (z.B. Massenvermehrung der Borkenkäfer). In solchen Fällen müssen die Äste und Rinden, in denen sich die Parasiten fortpflanzen, verbrannt oder geerntet werden (→ 53, 54).

Je teurer das Erdöl, desto weniger bleibt das Holz liegen
Während Jahrzehnten hat das im Wald liegen gelassene Holz gezeigt, dass Brennholz für die Bevölkerung wenig attraktiv ist. Erdöl, Steinkohle und Erdgas lieferten billige Energie und erfordern vom Verbraucher keinen Arbeitsaufwand. Mit der starken Zunahme der Energiepreise hat sich aber die Konkurrenzfähigkeit des Brennholzes verbessert. Sowohl Energie- als auch Bauholz können nun etwas teurer verkauft werden, sodass die Waldbesitzer in vielen Wäldern keine rote Zahlen schreiben müssen. Die technischen Innovationen bei den automatischen Feuerungen haben auch den Bedienungskomfort erhöht und dazu beigetragen, dass wieder mehr Brennholz im Wald genutzt wird (→ 205, 249, 254).
43 Warum «blutet» dieser Wurzelstock nur am Rand?
Die äusseren Schichten des Baumstammes enthalten die Leitgefässe für den rohen Saft (→ 9). Bevor sie sterben, pumpen die Wurzeln noch etwas Wasser aus dem Boden, wodurch das Splintholz gut sichtbar wird. Es kommt auch vor, dass sich der Saft mit austretendem Harz vermischt und einen festen oder klebrigen Wulst bildet.

44 Warum verfault der Stamm zuerst im Innern?
Das Zentrum ist der älteste Teil des Stammes. Es entstehen darin feine Spalten, durch die trotz Abwehrstoffen wie der Gerbsäure (Tannin) Feuchtigkeit und Fäulnis eindringen können. Übrigens fault der untere Teil des Stammes oft, bevor der Baum gefällt wird, vor allem wenn die Wurzeln oder der Stamm verletzt sind (→ 127).
Die Äste sind härter als der Stamm
Manchmal trifft man auf durch Fäulnis völlig ausgehöhlte Baumstämme, in denen die Äste noch vorhanden sind. Dies deshalb, weil das Holz der Äste härter und somit widerstandsfähiger gegen Fäulnis ist als das Holz des Stammes.

45 Warum ist dieser Wurzelstock ganz rot (oder ganz weiss)?
Die Fäulnis ist das Werk von Pilzen, welche sich vom Holz ernähren. Dieses ist chemisch gesehen mit armiertem Beton vergleichbar. Die «Armierung» ist aus Zellulose und von weisser Farbe, der «Zement» aus rotbraunem Lignin. Wenn die Pilze die Zellulose abbauen, wird der Stock rot, weil das Lignin übrig bleibt. Wenn sie sich vom Lignin ernähren, wird der Stock weiss, weil die Zellulose übrig bleibt. Beachtet den Duft der Pilze auf faulendem Holz (→ 127, 273).
46 Was sind das für Zeich nungen im Holz?
Wenn gewisse Insekten ihre Gänge durch die Rinde graben, dringen sie auch ein wenig ins Holz ein. Andere dringen direkt ins Innere des Stammes ein (→ 53, 54).

Der Baum im Wald Rinde
Die Rinde ist die Haut des Baumes, gleichzeitig Schutzschild und Verteilungssystem. Sie schützt die inneren Gewebeteile der Pflanze gegen alle möglichen Angriffe: Verletzungen, Austrocknung, Befall durch Pilze, Insekten und andere Parasiten, welche sich im Innern des Baumes vermehren. Die Rinde enthält und schützt zudem das Verteilungssystem für den in den Blättern produzierten aufbereiteten Saft. Dieser Nährsaft fliesst in der Bastschicht, einer feinen, dem Holz angelehnten Zellschicht, und versorgt alle Teile des Baumes: Äste, Blüten, Früchte, Stamm, Wurzeln.
Jede Baumart hat ihre eigene Rindenform, welche sich im Verlauf der Zeit ändert. In jungen Jahren ist sie noch relativ glatt, mit fortschreitendem Alter wird sie rissig, springt auf oder blättert ab. Gute Beobachter können die Bäume anhand ihrer Rinde bestimmen.
47 Wie bildet sich die Rinde?
Die Gewebe bildenden Zellen des zwischen Holz und Rinde befindlichen Kambiums erzeugen sowohl nach innen im Holz als auch nach aussen in der Rinde frische Jahrringe. Die neue Schicht in der Rinde bezeichnet man als Bast. Während ein bis zwei Jahren führt diese Bastschicht den aufbereiteten Saft zu allen lebenden Teilen des Baumes. Durch die Bildung neuer Bastschichten wird die junge Rinde jedes Jahr ein wenig mehr vom Kambium weggedrückt, wird fest, trocknet aus, springt auf und wird zur äusseren Rinde. Die der Witterung ausgesetzte Schicht beginnt abzublättern (→ 7, Rätsel D).

48 Wie kann man das Alter der Rinde bestimmen?
Es genügt, die Jahrringe an einem mit einem Messer sauber abgeschnittenen Rindenstück zu zählen. Wie bei den Jahrringen im Holz beginnt man mit der Schicht am Rand zum Holz. Es kommt eine erste noch feuchte Schicht, dann folgt eine zweite Schicht usw. Selbst feine Rinden (Ahorn, Buche) erreichen ohne weiteres mehr als 20 Jahre. Bei der dicken Rindenschicht der Lärche kann man einige Jahrzehnte zählen (→ 7).

49 Warum gibt es glatte, rissige, gesprungene, abblätternde … Rinde?
Dies ist eines der vielen Geheimnisse der Natur und ihrer Entwicklung. Im Verlauf der Zeit hat sich jede Art auf ihre Weise, nach ihren spezifischen Erbanlagen, an die Umwelt angepasst (→ 67).
Wachstum und Alterung der Rinde
Der Baum bildet jedes Jahr eine neue Rindenschicht. Die alte Rinde wird somit ständig nach aussen gedrückt. Da der Umfang des Baumes zunimmt und die Rinde nach aussen nicht geschützt ist, trocknet sie aus, springt auf, blättert ab und fällt schliesslich zu Boden. Sie wird nach und nach durch neue Schichten ersetzt.

Oberfläche der alten Rinde
| glatt | Buche, Hagebuche |
| abblätternd | Ahorn, Platane |
| schuppig | Fichte, Weisstanne |
| fein der Länge nach aufgerissen | Linde, Esche |
| lang und tief aufgerissen | Lärche, Eiche |
50 Woher kommen diese Zeichen am Stamm?
Meist handelt es sich um frühere Astansätze. Während der Stamm wächst, «verschluckt» er die Überreste von Ästen. Während einigen Jahren bleibt eine Narbe, dann verschwinden die äusseren Zeichen vollständig. Was bleibt, ist die Spur im Innern des Holzes (→ 15).

51 Woher stammt diese Narbe dem ganzen Stamm entlang?
Wenn ein Blitz in einen Baum einschlägt, kann er den Stamm aufsprengen oder die Rinde und das Holz mehr oder weniger tief aufschlitzen. Bei kürzeren Rissen kann es sich auch um einen Frostschaden handeln, bei dem der Stamm auf Grund sehr grosser Kälte aufgesprengt wird. Dieser Vorgang ist mit einem lauten Knall verbunden (→ 38).

52 Warum wächst dieser Stamm hier verdreht?
Wenn die Fasern stark spiralförmig wachsen, spricht man von Drehwuchs. Diese Erscheinung ist vor allem bei der Rosskastanie und dem Birnbaum deutlich zu beobachten. Obwohl weniger ausgeprägt, ist diese Tendenz auch bei Waldbäumen vorhanden. Bretter mit gedrehtem Faserverlauf verbiegen sich bei der Trocknung. Die Gründe für dieses spiralförmige Wachstum sind weitgehend unbekannt.

53 Wer hat all diese kleinen Löcher in die Rinde gebohrt?
Oft sind sie von Borkenkäfern oder verwandten Arten verursacht, welche die Rinde nach ihrem Larvenleben verlassen. Die Föhre und die Fichte scheinen besonders bevorzugt zu werden, beherbergt Erstere doch 49 und Letztere 37 verschiedene Borkenkäferarten. Man muss schon ein Spezialist sein, um sich in dieser eindrücklichen Vielfalt nicht zu verlieren.

54 Welches Insekt hat diese «Labyrinthe» unter der Rinde eingegraben?
Hier tauchen wir in die Eigenheiten der Familie der Borkenkäfer ein, einer Käferart, die in den Nadelwäldern einige Probleme verursacht. Die zentralen Gänge sind das Werk der erwachsenen Borkenkäfer. Hier legt das Borkenkäferweibchen seine Eier. Daraus schlüpfen gefrässige Larven, die sich durch die Rinde durchfressen und seitliche Gänge anlegen. An den breiter werdenden Gängen sieht man, wie die Larven immer dicker werden. Sobald die Larven ihre endgültige Grösse erreicht haben, verpuppen sie sich zum Käfer, durchdringen die Rinde (kleines Loch) und fliegen aus, um einen neuen Baum zu befallen (→ Rätsel B).
Gefährlicher Borkenkäfer
Borkenkäfer profitieren von einem wärmeren Klima und werden immer öfter zwei bis drei Mal Eier pro Jahr legen anstatt ein bis zweimal wie bisher. Sie gehören damit zu den grossen Landschaftsgestaltern. Egal ob Fichten in tieferen Lagen wachsen oder in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet im Gebirge: Der Schädling wird in den kommenden Jahrzehnten grosse Löcher in Waldökosystemen schaffen und so gleichzeitig Artenvielfalt, Gefährdung der Schutzfunktion und wirtschaftlichen Schäden mit sich bringen (→ 35, 245).

55 Warum löst sich die Rinde so leicht von diesen alten Stämmen?
Beim lebenden Baum ist die Verbindungsschicht zwischen Holz und Rinde von Saft durchtränkt. Pilze befallen als Erste diese an Zucker reiche Gewebeschicht. Danach besiedelt eine ganze Mikrofauna den feuchten, dunklen und geschützten Lebensraum (→ 9).
56 Woher kommt diese Höhle im Stamm?
Die Spechte höhlen das weiche oder verfaulte Holz aus, um ihre Nester darin anzulegen. Wenn sie den Baum verlassen, werden die Höhlen oft von Kleibern, Meisen, Siebenschläfern oder Haselmäusen, ja sogar von Eichhörnchen besetzt (→ 163, 167).

57 Und diese Löcher in einer Reihe rund um den Stamm?
Diese Erscheinung wird ebenfalls vom Specht, vor allem vom Buntspecht verursacht, der ein Liebhaber des rohen Frühlingssaftes ist. Der durch das Splintholz in die Baumkrone fliessende Saft enthält in dieser Zeit zucker- und eiweisshaltige Stoffe, welche während des Winters im Stamm und in den Wurzeln als Reserve eingelagert wurden (→ 9).
Wenn der Specht Jahr um Jahr an der gleichen Stelle in die Rinde oder ins Holz hackt, reagiert der Baum, indem er ein Wundgewebe erzeugt, welches anschwillt und «Spechtringe» bildet. Die bekanntesten sind jene bei der Föhre.

58 Diese Rinde ist aufgerollt, warum?
Durch das Trocknen nimmt das Volumen ab. Beim lebenden Baum ist die Rinde aussen bereits trocken, im Innern noch feucht. Beim Austrocknen der losgelösten Rinde schrumpfen die inneren Gewebeteile, und die Ränder ziehen sich zusammen. Man kann den umgekehrten Vorgang prüfen: Legt ein Stück Rinde auf eine Pfanne mit heissem Wasser!

59 Können die Bäume ihre Narben heilen?
Die Bäume können ihre Verletzungen nicht wie die Tiere heilen, indem sie das verletzte Gewebe ersetzen. Sie vermögen das abgestorbene Gewebe nur abzustossen oder zu isolieren. Dabei bildet sich im verletzten Holz Gewebe, welches das gesunde von dem durch parasitische Pilze oder Bakterien befallenen Holz trennt (→ 295).


Die Rinde, eine empfindliche Haut
Wenn ein Baumstamm verletzt wird, schliesst sich die Rinde langsam über der Verletzung und deckt sie schliesslich ganz zu, ausser wenn diese zu gross ist. Oft gelingt es einem Krankheitserreger, während dieser Zeit ins Holz einzudringen. Dann kann sich eine Fäulnis im Stamm ausbreiten, auch wenn die Verletzung mit den Jahren von der Rinde überwachsen wird. Wenn die ganze Rinde rund um den Stamm abgelöst wird, ist der Baum zum Sterben verurteilt (→ Rätsel B).
60 Was bedeuten solche Markierungen und farbige Ziffern am Stamm?
Sie werden vom Forstpersonal angebracht, um die verschiedenen Parzellen zu bestimmen. Manchmal bezeichnen sie auch Waldeigentumsgrenzen. Wenn ein Stück Rinde entfernt wurde, bedeutet dies, dass der Baum in der kommenden Schlagperiode gefällt werden muss (→ 279, 288).


61 Warum entrindet man die Tannen nach dem Fällen?
Dies ist eine vorbeugende biologische Massnahme gegen den Befall durch Insekten, welche die Rinde für ihre Fortpflanzung aufsuchen. Wenn die Rinde am Boden abgebaut wird, bereichert sie ausserdem den Wald mit Nährstoffen (→ 53, 116, 214).
Der Baum im Wald Äste
Wenn die Baumstämme die Tragpfeiler des Waldes sind, dann sind die Äste das Dachgebälk. Sie nehmen einen beträchtlichen Raum ein und geben dem Baum seine unverkennbare Silhouette. Die Äste werden durch Jahrestriebe abgeschlossen und tragen Blätter oder Nadeln, die gleichzeitig als Sonnenkollektoren und als «Zuckerfabriken» fungieren. Das geschlossene Astwerk grenzt einen geschützten Raum ab, in dem jenes besondere Klima und jene besondere Stimmung herrschen, welche den Wald ausmachen, und wo man vor Lärm und Staub, vor der uns umgebenden Hektik abgeschirmt ist.
62 Warum hat dieser Baum auf der einen Seite gar keine Äste?
Er hatte wahrscheinlich früher einen Nachbarbaum. Während des Wachstums fehlte den seitlichen Ästen zwischen den beiden zu dicht stehenden Bäumen das Licht und sie trockneten aus. Auf der anderen Seite haben sich die Äste dagegen stark entwickelt (→ 93, 264).

63 Warum diese vielen dürren Äste in der Baumkrone?
Bei Nadelbäumen kann eine grosse Anzahl abgedorrter Äste auf das Werk von schädlichen Insekten oder Pilzen hinweisen. Bei einem Laubbaum ist es ein typisches Symptom für zwei von Pilzen übertragene gefährliche Krankheiten, den Kastanienkrebs und die Ulmenkrankheit (→ 127).

Kastanienkrebs
Die Kastanien haben den Krebs gut überstanden. Anfang der sechziger Jahre sind Tausende Kastanien wegen eines Pilzes, der sich unter der Rinde eingenistet hat, abgestorben. Glücklicherweise wurde dieser Pilz durch Viren geschwächt, und die Kastanie wird nicht aussterben, wie man es während der Epidemie befürchtet hatte. Zur Zeit ist die Kastanie aus anderen Gründen mehr gefährdet (→ 275).

Ulmensterben
Seit 1920, vor allem aber in den letzten Jahrzehnten, sterben ausgewachsene Ulmen in grosser Zahl. Der Verursacher ist ein Pilz, dessen Fadengeflecht die Leitgefässe verstopft; indirekt ist ein kleines Insekt dafür verantwortlich (der Ulmensplintkäfer), weil es die Pilzsporen verbreitet. Früher war dieser Pilz ungefährlich, aber es entwickelten sich aggressive Stämme. Es ist zu hoffen, dass sich widerstandsfähige Ulmenbäume entwickeln und vermehren werden. Um das Erbgut der Ulmen zu sichern, sind Programme zur Samenkonservierung geschaffen worden.
64 Warum ist dieser Ast hohl?
Es handelt sich um einen Holunderzweig. Das im Zentrum befindliche Mark ist rasch verschwunden, als der Ast verdorrte. Vielleicht findet ihr in der Nähe einen Holunderstrauch. Falls das Mark weiss ist, handelt es sich um den Schwarzen Holunder, wenn es rötlich ist, um Roten Holunder (→ Bestimmung).

65 Wer hat diese Äste abgenagt?
Erkennt man Frassspuren? Falls die Frassspuren fein sind, handelt es sich um kleine Nagetiere wie die Wald- oder die Feldmaus. Breitere Spuren stammen von Reh, Hase und Eichhörnchen. Am Ufer eines Gewässers kann auch ein Biber der Grund sein (→ 41, 86).


66 Da oben auf dem Ast, ist dies ein Nest?
Nein, das ist ein Hexenbesen. Man erzählt, dass die Hexen auf Besen zu ihren nächtlichen Tänzen reiten … In Wirklichkeit handelt es sich um eine Wucherung von Zweigen als Reaktion des Astes auf einen Pilzbefall oder gelegentlich um eine Veränderung in den Erbanlagen der Knospen (→ 75).
Die Lieblingsbäume der Hexen
Weisstanne, Birke, Föhre und Süsskirsche weisen diese Anomalie häufig auf, Schwarzerle, Hagebuche und Fichte gelegentlich, Buche, Ahorn und Lärche seltener. Der Pilz, der die Entwicklung eines Hexenbesens an den Ästen der Weisstanne verursacht, führt auch zu schlimmen Wachstumsstörungen des Stammes (→ 20).

67 Warum haben gewisse Pflanzen Dornen?
Der tatsächliche Ursprung dieser Einrichtung bleibt eines der Geheimnisse in der Entwicklung der Lebewesen. Über Generationen hinweg entstehen neue Erbanlagen (Mutationen). Einige setzen sich durch, weil sie der Pflanze Vorteile bringen (→ 49, 68). Andere genetische Änderungen verschwinden, weil sie nichts bringen oder weil die Träger dieser Anlage nicht überleben.
Dornen und Stacheln
Die Heckenrose, die Himbeere und die Brombeere tragen unverholzte Stacheln. Der Schwarzdorn, der Weissdorn und der Kreuzdorn tragen gerade und spitze Dornen, die aus dem Holz der Zweige herauswachsen. Dornen und Stacheln haben sich im Verlauf der Entwicklung aus den Blättern und Zweigen gebildet.

68 Warum gibt es bei uns keine Bäume mit Dornen wie in der Savanne?
Die Bäume haben sich auf jedem Kontinent den lokalen Bedingungen angepasst. In der Savanne sind die mit Dornen versehenen Bäume besser vor grossen Pflanzenfressern wie den Antilopen geschützt. Die Bildung von Dornen stellt ausserdem eine Anpassung an die Trockenheit dar, weil dadurch die Verdunstung verringert wird.
Eine europäische «Akazie»
In Europa kommt eine dornige «Akazie» vor, die heute sehr verbreitet ist: die Robinie oder Falsche Akazie. Sie stammt aus Nordamerika und wurde von einem gewissen Robin, Gärtner am französischen Königshof, in Europa eingeführt. Das um 1601 gesäte Exemplar wurde 1632 in den «Jardin des Plantes» in Paris verpflanzt, wo es heute noch wächst. Die Robinie, die oft als Zierbaum und auf unbebautem Boden (Zu- und Aufschüttungen) gepflanzt wird, ist heute als wild wachsende Pflanze überall, vor allem aber an Strassen- und Bahnböschungen, anzutreffen.

69 Was ist das für ein seltsames Gebilde an diesem Ast?
Dies ist eine Galle, eine Reaktion der Pflanze auf den Befall durch Insekten, Spinnen, Viren oder Pilze. Der junge Stamm, der Ast, das Blatt oder die Knospe bilden ein Gewebe, welches dem Parasiten oder dessen Nachkommenschaft als Unterkunft und Nahrung dient. Die Larve ist darin geschützt und kann sich von den Säften und dem Gewebe der Gallenwand ernähren (→ 108, 109).
Individuelle pflanzliche Behausungen
Fast alle Pflanzen tragen Gallen, von denen die meisten unscheinbar sind und nicht beachtet werden. Die an einem Blatt, einer Knospe, einer Blüte oder an einem Stiel sitzenden Gallen können die unterschiedlichsten Formen aufweisen: Spitzen, glatte oder behaarte Kugeln, Plättchen oder Knöpfe … Jeder Parasit hat seine eigene Gallenform, sodass die «Behausung» oft das einfachste Merkmal darstellt, um ihn zu bestimmen.


Der Baum im Wald Knospen
Die Knospen sind wahre Wunderwerke der Miniaturisierung, die einiges mehr an Informationen enthalten als der leistungsfähigste Elektronikchip! Blätter, Blüten, Zweige sind bereits im Sommer des vorhergehenden Jahres im unentwickelten Zustand in den Knospen angelegt, um so den Winter zu überdauern. Im Frühling kommt das Wunder zum Vorschein: Durch den Siebröhrensaft aufgebläht, öffnen sich die Schuppen, und die neuen Teile des Baumes entwickeln sich während der folgenden Tage.
70 Enthält diese Knospe Blüten oder einen ganzen Trieb?
Dies ist nicht so einfach zu beantworten. Die sicherste Methode, um es herauszufinden, ist, die Knospe mit einem Stoffband zu markieren und zu beobachten, was sich im Frühling daraus entwickelt. Gewisse Arten besitzen spezialisierte Knospen, die nur die Anlagen für eine Blüte enthalten und dicker sind als die andern: Kornelkirsche, Süsskirsche, Birne, Wolliger Schneeball …

71 Wann werden die Knospen gebildet?
Holzige Pflanzen haben praktisch das ganze Jahr hindurch Knospen, mit Ausnahme des Frühlingsanfangs, wenn sich die Knospen öffnen. Sobald die neuen Triebe und die Blätter ein wenig verholzt sind, erscheinen bereits die neuen Knospen. Diese für das kommende Jahr entwickelten Knospen an der Basis des Blattstiels sind vom Sommer an gut sichtbar (→ 106).
72 Welcher Baum trägt welche Knospen?
Wie die Blätter, sind auch die Knospen sehr unterschiedlich, und es ist nützlich, sie zu kennen, um die Baum- und Straucharten auch im Winter bestimmen zu können. Einige Beispiele:
• Schwarz und fein wie Samt: Esche.
Kontrolle: die gegenständigen Seitenknospen sind wie kleine schwarze Kugeln am Zweig.
• Dick, braun, klebrig: Rosskastanie.
Kontrolle: Harz, das nur schwer zu entfernen ist.
• Lang und spitz: Buche.
Kontrolle: Abgefallene, stachelborstige Fruchtbecher der Buchecker am Boden.
• Grün, eiförmig spitz: Bergahorn.
Kontrolle: Gegenständige, kleine, eiförmig spitze Knospen.
• Kleine Büschel von eiförmig spitzen Knospen am Triebende: Eiche.
Kontrolle: Blätter am Fuss des Stammes.

73 Warum gefrieren die Knospen im Winter nicht?
Die lebenden Zellen der Knospen enthalten eine hoch konzentrierte Flüssigkeit, welche den Gefrierpunkt senkt. Dazu sind sie durch Schuppen vor dem Austrocknen geschützt (→ 194).

74 Warum trifft man so viele abgefressene Knospen an?
Dies ist das Werk der Rehe. Sie bevorzugen als Nahrung Knospen und Triebe von Weisstannen, Eiben, Lärchen, Douglasien und sämtlichen Laubbäumen, vor allem von Esche, Ahorn, Süsskirsche und Eiche (→ 65, 155, 269).

75 Gibt es wirklich Knospen unter der Rinde?
Man findet tatsächlich unter der Rinde des Stammes, der Äste und der Wurzeln den Knospen entsprechende Gewebeteile, die fähig sind, einen neuen Spross zu bilden. Sie werden als schlafende Knospen bezeichnet.
Schlafende Knospen
Die in grosser Zahl vorhandenen schlafenden Knospen erwachen beispielsweise zum Leben, wenn bei einem astlosen Stamm die Rinde plötzlich dem Licht ausgesetzt wird, weil Nachbarbäume gefällt wurden. Dadurch entstehen sogenannte Klebäste, die bei gewissen Arten (Eiche, Tanne …) in grosser Zahl auftreten können.
Stockausschläge wachsen aus schlafenden Knospen sowie aus im Wundgewebe spontan gebildeten Knospen, wenn ein Baum gefällt wird oder abbricht (vor allem Laubgehölze wie Eiche, Hagebuche, Buche, Ahorn …, aber auch Eibe) (→ 20, 275).
Wurzelbrut: Gewisse Baumarten haben die Eigenschaft, aus Oberflächenwurzeln neue Triebe zu bilden (Espe, Erle, Birke, Robinie, Fruchtbäume …).

Der Baum im Wald Blüten, Früchte und Samen
In den gemässigten Zonen sind die Blüten der Waldbäume meist unscheinbar. Einige von ihnen machen sich jedoch durch weiträumige Nebenwirkungen bemerkbar. Unter Heuschnupfen leidende Personen können ein Lied davon singen, was die ersten Blütenpollen im Frühling bedeuten.
Die männlichen und weiblichen Blüten sind oft getrennt, entweder auf dem gleichen Baum (Föhre, Fichte, Eiche, Birke …) oder auf verschiedenen Bäumen (Stechpalme, Weide, Pappel, Eibe …). Die männlichen Blüten wie die Hasel- oder Birkenkätzchen sind gut sichtbar, während die weiblichen Blüten oft übersehen werden. Und trotzdem sind sie reizend! Wenn die Buschwindröschen und Primeln als Frühlingsboten im Unterholz erscheinen, lohnt es sich, die Aufmerksamkeit auch auf die Enden der Zweige zu richten, wo sich die Blüten entfalten.
Mit Früchten und Samen, Erscheinungen der jüngsten pflanzlichen Entwicklungsgeschichte, sichern sich die Bäume ihre Nachkommenschaft. Diese Fortpflanzungsorgane können durch Wind, Wasserläufe und Tiere über Hunderte, ja Tausende von Kilometern verbreitet werden.
Die Samen sind eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten, Vögel und Säugetiere. Bis in die jüngste Vergangenheit lieferten Eicheln, Kastanien, Buchecker (Buchnüsse) und kleine Früchte auch einen wichtigen Nahrungsbeitrag für das Überleben von Mensch und Vieh.
Die auf dem Waldboden spontan keimenden Samen bilden die Grundlage für die im naturnahen Waldbau übliche Naturverjüngung.
76 Haben alle Waldbäume Blüten?
Ja, ausnahmslos alle, auch dann, wenn sie nicht so gut sichtbar sind wie die weissen Blüten der Süsskirsche oder die gelben Kätzchen des Haselstrauches.
Die Laubbäume haben eine vollständige Blütenanlage mit Kelch- und Kronblättern, die Nadelbäume besitzen einfachere Blütenformen. Bei näherer Betrachtung entdeckt man prachtvolle Beispiele (Föhre, Lärche, Haselstrauch …).
Pollenkorn der Fichte (2400 × vergrössert)

77 Was bedeutet diese gelbe Staubwolke?
Es handelt sich um Blütenstaub der männlichen Blüten. Die Nadelbäume produzieren manchmal solche Mengen davon, dass der Wind gewaltige Staubwolken über die Nadelwälder verfrachtet. Dies sieht aus wie ein Schwefelregen. Die Staubwolke kann grosse Flächen bedecken und ist vor allem auf Seen oder Flüssen gut sichtbar (→ 232).

78 Wie werden die Blüten befruchtet?
Der durch die Staubblätter (männliche Geschlechtsorgane) produzierte Blütenstaub gelangt durch den Wind oder durch Insekten auf die Narbe des Stempels, d. h. des weiblichen Geschlechtsteils der Blüte. Ein oder mehrere im Staubkorn enthaltene Zellkerne dringen durch den Griffel in den Fruchtknoten hinab. Der Zellkern des Blütenstaubes trägt die männlichen, die Samenanlage die weiblichen Erbanlagen. Beide verschmelzen zu einer neuen Genkombination, aus der neues Leben entsteht.

79 Ist es normal, dass die Haselsträucher bereits im Januar blühen?
Ja, sobald die Temperatur im Januar oder Februar steigt, wird der Blütenstaub der männlichen Blüten (Kätzchen) in der Natur verstreut, während die weiblichen Blüten nur diskret blinzeln. Bald beginnen auch andere Pflanzenarten zu blühen. Von Januar bis März blühen der Haselstrauch und der Ahorn, von April bis Mai die Eiche, Buche und Lärche, und von Mai bis Juli ist Blütezeit der Föhre, Fichte und Linde.

80 Stammt dieser Tannenzapfen von einer Weisstanne oder von einer Fichte?
Wenn man am Boden einen ganzen Zapfen findet, stammt er von einer Fichte. Unter der Weisstanne findet man nur Schuppen, da bei ihr die Zapfen bereits am Baum zerfallen. Ein anderer Unterschied: Am Baum erkennt man die Fichtenzapfen, weil sie hängen, wogegen die Zapfen der Weisstanne aufrecht stehen.

81 Ist der Tannenzapfen der Samen oder die Frucht?
Schaut im Herbst unter die Schuppen eines Zapfens oder schneidet diesen der Länge nach auf. Ihr könnt ihn auch auf den Ofen legen, so dass sich die Schuppen öffnen. Unter jeder Schuppe befindet sich ein mit einem Flügelchen versehener Samen. Der Zapfen entspricht also der Frucht, welche die Samen enthält.

Fichtensamen auf dem Schnee
Die Samen der Weisstanne fliegen im Herbst, während die der Fichte die ersten trockenen Wintertage abwarten. Samen, die man auf dem Schnee antrifft, stammen folglich von der Fichte! Diejenigen der Weisstanne liegen unter dem Schnee, wo sie teilweise bereits zu keimen beginnen.
82 Warum sind die Haselnüsse nicht an einem Stiel angewachsen wie die Kätzchen?
Die Haselnüsse entwickeln sich wie alle Früchte aus dem weiblichen Organ, dem Fruchtknoten. Die beiden Geschlechter befinden sich beim Haselstrauch auf getrennten Blütenständen. Das Kätzchen ist die männliche Blüte und bildet Blütenstaub. Die weibliche Blüte besteht aus einem kleinen, purpurroten Fadenbüschel am Ende einer grünen Knospe. Dies erklärt, warum die Haselnüsse direkt am Zweig angewachsen sind (→ 78).

83 Warum hat der Ahornsamen Flügel?
Es handelt sich um eine Transportvorrichtung, die für die Verbreitung der Samen sehr nützlich ist. Lasst einen herunterfallen … er ist wie ein Propeller. Er entfernt sich im Wind drehend und oft recht weit vom Mutterbaum. Die drei häufigsten Ahornarten unterscheiden sich durch den Winkel zwischen den beiden Samenflügeln: Beim Bergahorn bilden diese einen spitzen Winkel, beim Spitzahorn stehen sie stumpfwinklig und beim Feldahorn waagrecht zueinander (→ 149).

84 Was bedeuten diese kl einen Zäpfchen?
Dies sind die Fruchtstände der Erle, einer Laubbaumart, welche Zapfen trägt: Diejenigen der Schwarzerle messen zwischen 1 und 3 cm, jene der Weisserle und der Grünerle sind kleiner. Im Herbst sind drei Generationen von Fortpflanzungsorganen zu beobachten: verholzte Zäpfchen, deren Samen bereits ausgeflogen sind, noch nicht reife, grüne Zäpfchen und ganz kleine Kätzchen, welche so den Winter überdauern, bevor sie sich im Frühling zu den künftigen weiblichen Blüten entwickeln.

85 Wie können sich die Arven bergaufwärts ausbreiten?
Der Tannenhäher, eine dem Eichelhäher oder der Elster verwandte Vogelart, ist im Gebirge ein Verbündeter der Arven. Die dicken, ölhaltigen Samen naschend, versteckt dieser Raben(hamster)vogel die Körner als Wintervorrat im Boden. Auf diese Weise legt er in einem Umkreis von bis zu 15 km Tausende von Vorratskammern an, wobei er fast 80 % seiner Verstecke wieder findet. Dank der 20 % verlorener Samen ist die Naturverjüngung der Arve bis an die äusserste Waldgrenze gesichert. So hilft der Tannenhäher dem Wald, das in den letzten Jahrhunderten durch Abholzung und Überweidung in der Höhe verlorene Terrain wieder zurückzugewinnen (→ 231).

86 Wer hat diese Samenkerne und Früchte angenagt?
Haselnüsse und Fichtenzapfen bieten für jeden Naturfreund einen vorzüglichen Einstieg in das Thema (→ 155).


Haselnüsse
• Die kleinen Nagetiere (z. B. Waldmaus, Rötelmaus) nagen die harte Schale langsam und sauber auf.
• Der Specht hackt darauf herum, so gut er kann, aber ziemlich «unordentlich».
• Das Eichhörnchen ist das perfekteste: Indem es seine Schneidezähne an Spitze und Basis ansetzt, spaltet es die Schale sauber in zwei Hälften.
Fichtenzapfen
• Das Eichhörnchen reisst die Schuppen eher ab, als dass es sie abnagt. Die äusserste Spitze, wo weniger Samen enthalten sind, wird nicht angerührt.
• Die kleinen Nager (z.B. die Waldmaus) beweisen auch hier ihre Ausdauer und arbeiten sauber.
• Der Fichtenkreuzschnabel nimmt es am genausten: Jede Schuppe wird sehr exakt in zwei Hälften gespalten und der Samen herausgepickt.
• Der Specht scheint planlos auf die Zapfen zu picken.

87 Wer hat dieses kleine Loch in die Haselnuss gebohrt?
Es handelt sich um die Larve eines Rüsselkäfers, des Haselnussbohrers, welche die Nuss im Herbst verlassen hat, um den Winter im Boden zu verbringen, wo sie sich im Frühling zum Käfer verpuppt. Solche kleine Löcher sind auch bei den Schalen anderer Früchte häufig zu beobachten, etwa bei den Kastanien, Eicheln und Bucheckern. Schneidet eine entzwei, um die Frassgänge der Larve sehen zu können.

88 Wie können diese Samen wegspicken?
Bei gewissen Arten wie zum Beispiel dem Besenginster spannen sich die Wände der Samenschoten beim Austrocknen. Bei der leisesten Berührung durch einen Passanten oder durch den Wind springt die gespannte Schale auf und schleudert die Samen heraus. Man findet solche Springfrüchte ebenso beim Springschaumkraut (auch Rührmichnichtan genannt). Die Samen des Waldveilchens werden durch den Aufprall von Regentropfen fortgeschleudert und dann von Ameisen fortgetragen.

89 Wie lösen sich im Herbst die Früchte vom Baum?
Es bildet sich eine dünne Korkschicht im Stiel zwischen dem Zweig und der Frucht. Das Gewicht der Frucht oder der Wind genügen dann, um diese vom Baum zu lösen. Der gleiche Vorgang ist auch für den Blattfall verantwortlich (→ 94).
90 Stimmt es, dass die Früchte der Eibe essbar sind?
Nicht die ganze Frucht, sondern nur das rote, süsse Fruchtfleisch. Den Kern muss man ausspucken, da er, wie der ganze Rest der Pflanze, giftig ist.
Die Nadeln werden zwar von Pferd und Esel sehr geschätzt, ihr Verzehr ist aber für sie lebensgefährlich. Dies ist der Grund, warum Hirten und Waldarbeiter, welche mit Pferden arbeiteten, die Eiben mieden und sie vorsorglich entfernten (→ 235, 252).

91 Kann man die Früchte dieses Strauches essen?
Es gilt das Gleiche wie bei den Pilzen und allen anderen Pflanzen auch: Man soll nichts essen, das man nicht kennt. Es gibt keine Merkmale, mit denen man giftige Früchte von Sträuchern und Bäumen erkennen kann.
Essbare Früchte in allen Farben
• Rot: Mehlbeere, Weissdorn, Süsskirsche, Kornelkirsche, Heckenrose, Berberitze, Himbeere, Johannisbeere, Vogelbeere, Roter Holunder (gekocht).
• Schwarz: Schwarzer Holunder, Brombeere.
• Bläulich bis blauschwarz: Schwarzdorn, blaue Brombeere, Heidelbeere, Wacholder.
• Braun oder gelbgrün: Elsbeere, Edelkastanie, Eiche, Buche, Speierling.

Giftige Früchte in allen Farben
• Rot: Gemeiner Seidelbast, Windendes Geissblatt, Alpen-Heckenkirsche, Rote Heckenkirsche, Stechpalme, Gemeiner Schneeball.
• Schwarz: Roter Hartriegel, Schwarze Heckenkirsche, Traubenkirsche, Liguster.
• Rot oder schwarz: Wolliger Schneeball, Faulbaum.
• Bläulich bis blauschwarz: Blaue Heckenkirsche, Efeu, Kreuzdorn.
• Rosa mit orangem Samenmantel: Pfaffenhütchen.
Auch kleine Pflanzenarten können giftige Früchte tragen, die von Kindern leider manchmal gegessen werden und zu Vergiftungen führen: Gelber Eisenhut, Tollkirsche, Gelber Fingerhut, Aronstab, Maiglöckchen, Einbeere, Salomonssiegel.

92 Können Walderdbeeren bedenkenlosgegessen werden, wenn man sie nicht wäscht?
Die Gefahr, vom Fuchsbandwurm befallen zu werden besteht tatsächlich, ist aber sehr gering (10 Fälle pro Jahr in der Schweiz). Die Wahrscheinlichkeit, durch die Berührung des Fells eines toten Fuchses infiziert zu werden, ist viel grösser, als wenn man Beeren isst.
Wenn man die Einnahme von mit Bandwurmeiern infizierten Esswaren vermeiden will, müssen diese gewaschen oder (noch sicherer) gekocht werden.
Vom Kleinnager zum Fuchs
Die Eier des Bandwurms, welcher als Parasit im Darm von Füchsen lebt (gelegentlich auch von Katzen und Hunden, wenn diese Mäuse jagen), werden mit dem Kot ausgesondert und haften an Gräsern, Beeren, aber auch an Fallobst oder an Gartengemüse. Wenn kleine Nagetiere (oder Menschen) diese Eier aufnehmen, entwickelt sich die Wurmlarve in deren Organismus, hauptsächlich in der Leber. Die Larve löst die alveoläre Echinokkokose aus, eine gefährliche, meist tödliche Krankheit (→ 175).

Der Baum im Wald Blätter
Die Blätter bilden die Grundlage für das Leben auf der Erde. Weder Insekten noch Säugetiere, Pilze oder grosse Bäume könnten irgendwo auf der Erde ohne die von den Blättern produzierten organischen Stoffe existieren.
Dank dem Chlorophyll, ihrem grünen Farbstoff, können die Blätter das Sonnenlicht, das Wasser und die Nährstoffe aus dem Boden sowie das Kohlendioxid aus der Luft umwandeln. Sie erzeugen daraus die Grundstoffe für den Aufbau der Lebewesen. Dieser Vorgang, Fotosynthese genannt, ist eines der grossartigsten und ökologischsten Produktionsmodelle: Die Blätter «arbeiten» ausschliesslich mit erneuerbarer Energie, und ihre Abfallprodukte sind Sauerstoff und Wasserdampf, die sich in den natürlichen biochemischen Kreislauf einfügen! Tausende von Tier- und Pflanzenarten benutzen die Blätter als Nahrung. Sie hinterlassen darauf ihre unscheinbaren oder zerstörerischen Frassspuren, aber auch die Spuren ihrer Fortpflanzung (z.B. Gallen).
93 Wozu dienen die Blätter?
Sie spielen eine wesentliche Rolle, indem sie den rohen Saft (Wasser und Nährstoffe aus dem Boden) in den zuckerhaltigen, aufbereiteten Saft umwandeln. Aus anorganischen (d. h. nicht von Lebewesen stammenden) Substanzen bilden sie organische Verbindungen, die von der grossen Mehrzahl der Pflanzen- und Tierarten aufgenommen werden können. Zudem produzieren die Blätter den zum Atmen notwendigen Sauerstoff und binden gleichzeitig Kohlenstoff (→ 100, 101, 205).

Leben dank Fotosynthese
Wir Menschen können uns nicht vom Kohlendioxid der Luft, von Sonnenenergie, Wasser und Nährstoffen aus dem Boden ernähren. Das Chlorophyll der Blätter dagegen ist, durch Fotosynthese, in der Lage, diese verschiedenen Elemente zu Kohlehydraten (Zucker) umzuwandeln, welche die Grundstoffe für die Synthese der Fette und Eiweisse bilden. Ohne diesen Assimilierungsprozess durch das Chlorophyll gäbe es auf der Erde keine Wälder, keine Vögel, keine Pilze, keine Säugetiere, keine Fische, keine Menschen.

94 Warum fallen im Herbst die Blätter vom Baum?
Der Blattfall ist eine Schutzeinrichtung gegen den Frost (oder gegen die Trockenheit in heissen Regionen). Die Bäume bereiten den Blattfall schon vor dem Frost vor, sobald die Tage kürzer werden und die Temperatur sinkt. Dazu bildet das Blatt eine Trennschicht zwischen dem Stiel und dem Zweig. So ist die Wunde bereits vernarbt, wenn der Wind das Blatt vom Baum löst (→ 89).

95 Warum verlieren gewisse Bäume ihre Blätter früher als andere?
Jede Baumart hat ihre artspezifischen Merkmale und jede einzelne Pflanze ihren eigenen Rhythmus. Die Esche zum Beispiel ist im Frühling die Letzte, die ihre Blätter entfaltet, und im Herbst die Erste, die sie abwirft. Aber auch unter den Eschen selbst gibt es solche, die immer die Ersten, und solche, die immer die Letzten sind. Dieses Verhalten wird durch die Erbanlagen und den Lebensraum der einzelnen Bäume bestimmt. So verlieren gestresste Bäume (Trockenheit, Bäume in der Stadt) ihre Blätter früher als die andern.
96 Warum verlieren die Nadelbäume ihre Nadeln nicht?

Schaut auf den Boden: Er ist mit Nadeln bedeckt. Im Gegensatz zu den Laubbäumen tragen die Nadelbäume mehrere Generationen von Nadeln, von denen nur die ältesten im Herbst abgestossen werden.
Das Blattwerk behalten oder abwerfen ist eine Frage der Strategie!
Es gibt zwei grundsätzliche Strategien zum Überleben während der kalten Jahreszeit (oder der Trockenzeit in warmen Ländern):
• Abstossen … und wieder von vorne beginnen:
Der Baum wirft seine Blätter, welche gegenüber Kälte oder Trockenheit empfindlich sind, ab und muss sie daher nicht schützen. Dies bedeutet Energieaufwand bei der Produktion eines neuen Blattwerks zu Beginn der günstigen Jahreszeit. Die meisten Laubbäume und die Lärche funktionieren nach dieser Strategie.
• Behalten und schützen:
Der Baum schützt seine Blätter gegen Kälte und Trockenheit und behält sie während mehrerer Jahre. Dazu ist ein «Frostschutz» oder ein «Verdunstungsschutz» nötig (Wachsschicht auf Nadeln oder Blättern). Diese Strategie wenden die meisten Nadelbäume sowie gewisse Laubbäume wie die Stechpalme, der Buchs, der Efeu und einige Eichenarten an (→ 193).

97 Welches Alter haben die Nadeln?
Die Nadeln haben das gleiche Alter wie der Zweigabschnitt, an dem sie wachsen. Die Föhre trägt zwei bis drei Nadeljahrgänge, die Fichte und die Weisstanne fünf bis zwölf.
Die Nadeln der Lärche leben nur einige Monate, da sie, wie die Blätter der meisten Laubbäume, jedes Jahr erneuert werden (→ 23).

98 Ist es wahr, dass die Bäume schwitzen?
Ja, aus kleinen Öffnungen (Spaltöffnungen, Stomata) auf der Unterseite der Blätter und Nadeln entweicht Wasserdampf. Schaut die Nadeln von Weisstannen, Fichten oder Föhren unter der Lupe an!
Beweis für die Ausdunstung der Bäume
Steckt einen Zweig in einen durchsichtigen Plastiksack. Die Feuchtigkeit wird schon nach einer halben Stunde sichtbar. «Stoma» kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Mund». Durch diese Öffnungen treten Sauerstoff, Kohlendioxid und Wasserdampf ein und aus.

99 Wie atmen die Bäume?
Sie atmen sowohl am Tag als auch während der Nacht, vor allem durch die Blätter (Spaltöffnungen), aber auch durch die Rinde und die Wurzeln. Der Sauerstoff der Luft ist für die Bäume genauso wichtig wie für den Menschen (→ 93, 195).
100 Welche Wälder pro duzieren am meisten Sauerstoff?
Es sind die Wälder, die bewirtschaftet werden. Ein wachsender Baum – ein Baum, der Holz produziert – bildet mehr Sauerstoff, als er verbraucht. In seiner organischen Substanz (Stamm, Äste, Wurzeln) wird der dem Kohlendioxid (CO2) der Luft entnommene Kohlenstoff eingelagert und die entsprechende Menge Sauerstoff an die Luft abgegeben (→ 205).
Urwälder und Sauerstoff
Ein Baum, der verrottet oder verbrannt wird, verbraucht genau die Menge Sauerstoff, die er während seines Lebens produziert hat. Gleichzeitig gibt er ebenso viel CO2 ab, wie er während seines Wachstums eingelagert hat. Die wichtigsten Ökosysteme, die Sauerstoffüberschuss produzieren, sind die Wälder und die Algenbestände des Meeres, sofern ihre «Produkte» erhalten bleiben (Holz, Torf, Erdöl, Kohle, Erdgas).
Im Urwald ist die im Aufbau befindliche Holzmenge praktisch gleich gross wie die im Abbau befindliche. Die produzierte Sauerstoff menge ist also die gleiche, wie jene, welche durch die am Boden abgebaute Holz- und Blattmasse verbraucht wird. Daraus ergibt sich folglich keine Sauerstoffzunahme.
101 Wie viele Personen können mit dem von einem Baum produzierten Sauerstoff atmen?
Ein erwachsener Baum gibt in der Regel pro Jahr 15 bis 30 kg überschüssigen Sauerstoff ab (→ 100). Eine erwachsene Person atmet jährlich etwa 200 bis 300 kg Sauerstoff ein, was der Produktion von etwa 12 Bäumen entspricht.
Im Vergleich dazu verbraucht ein Auto 2,8 kg Sauerstoff pro Liter Treibstoff, d. h. 15 bis 20 kg Sauerstoff für 100 km. Dies entspricht der Jahresproduktion eines Baumes.

102 Warum sind die Blätter grün?
Wir sehen nur diejenigen Farben aus dem Farbspektrum, die von der Materie nicht absorbiert werden. Weil das Chlorophyll für seine Funktion nur die roten und blauen Farbanteile des Sonnenlichts aufnimmt, wird die komplementäre Farbe (Grün) reflektiert und von uns wahrgenommen.
103 Warum werden die Blätter im Herbst gelb?
Sobald die Tage kürzer werden und die Temperatur sinkt, legt der Baum die in den Blättern enthaltenen wertvollen Substanzen in der Rinde und im Holz an. Das grüne Chlorophyll macht anderen, gelben, roten und braunen Farbstoffen Platz. Die umgelagerten Vorräte (Zucker, Eiweisse) werden im kommenden Frühling, wenn die Blätter noch nicht funktionstüchtig sind, zur Einleitung des Wachstums gebraucht.
104 Wie viele Blätter (oder Nadeln) hat es an einem Baum?
Man muss eine Überschlagsrechnung machen. Nehmen wir an, ein Zweig trage ungefähr 50 Blätter und ein Ast rund 15 Zweige, und es gebe 15 dicke Äste in der Baumkrone mit je rund 12 kleineren Ästen. Dies könnte etwa 135 000 Blätter ergeben, was der Einwohnerzahl einer mittleren Stadt entspricht (→ 253).

Blattzahl, Gesamt-Blattfäche
Bei den Laubbäumen ist die Gesamt-Blattfäche etwa 6- bis 10-mal grösser als die Projektion der Baumkrone auf den Boden. Bei den Nadelbäumen beträgt dieses Verhältnis sogar 15 bis 20. Wenn die Kreisfläche einer Eichenkrone zum Beispiel 80 m2 beträgt (3-Zimmer-Wohnung), erreicht die gesamte Oberfläche der Blätter 480 bis 800 m2.
Diese Zahl muss man alsdann durch die mittlere Blattfläche teilen, um die Blattzahl zu errechnen.
105 Warum hat dieses Pflänzchen zwei Arten Blätter?
Die ersten zwei Blätter eines Keimlings, die Keimblätter, sind oft anders als die nachfolgenden Blätter. Beobachtet im Frühling die Keimlinge von Buche, Ahorn und Esche!

106 Ist dies ein einfaches oder ein zusammengesetztes Blatt?
Um zu wissen, ob ein Blatt einfach oder zusammengesetzt ist, schaut man, ob eine Knospe in der Blattachsel befestigt ist oder nicht. Ist dies nicht der Fall, handelt es sich um das Blättchen eines zusammengesetzten Blattes (Esche, Heckenrose, Holunder …). Die Regel heisst also: Ein Blatt – eine Knospe (→ 71)!

107 Wieso kratzt das Ulmenblatt?
Streicht mit einem Ulmenblatt über die Wange oder die Zunge. Es ist mit winzigen Haken übersät. So könnt ihr das Ulmenblatt ohne Schwierigkeiten erkennen, ohne es mit demjenigen einer anderen Baumart wie zum Beispiel dem behaarten Haselblatt oder dem glatten Lindenblatt zu verwechseln.

108 Was sind das für Kugeln auf diesem Eichenblatt?
Eine kleine Wespenart (Gallwespe) hat ein Ei in das Blatt gelegt und so eine Galle erzeugt. Schneidet eine solche entzwei, so werdet ihr deren Bewohner kennen lernen (→ 69, 109).

109 Und diese spitzen Warzen auf diesem Buchenblatt?
Auch das sind Gallen. Öffnet eine! Seht ihr ein winziges Ei oder eine kleine Larve? Dieser Bewohner wird sich zu einer kleinen, harmlosen Mücke, der Buchenblatt-Gallmücke, entwickeln. Die dicken roten Gallen sind von einer weiblichen Larve bewohnt, die kleinen grünen von einer männlichen. Die Galle löst sich im Herbst vom Blatt los und fällt auf die Erde, wo das Insekt dann den Winter verbringt. Im Frühling schlüpft eine junge Mücke aus der Galle und sucht sich ein neues Buchenblatt (→ 69).

110 Ist das ein Nest auf dieser Föhre?
Es ist ein Nest der Prozessionsspinnerraupen. Sie heissen so, weil sie ihr Nest Anfang Frühling in einer langen «Prozession» verlassen und sich in die Erde vergraben. Hier, in 5 bis 20 cm Tiefe, entwickeln sich die Puppen zu einer kurzen Lebensdauer als Falter. Deren Flugzeit ist nachts im Monat Juli oder August.
Raupen des Prozessionsspinners nicht berühren!
Die Prozessionsspinnerraupen befallen vor allem Föhren und Zedern, manchmal in verheerendem Ausmass. In gewissen Fällen kann man sie mit Hilfe von Ameisen bekämpfen. Berührt keine Raupen, denn ihre brennenden Haare können schmerzhafte Juckreize verursachen.

111 Wer hat dieses Spitzenmuster ausgeschnitten?
Dieses in der Streuschicht liegende Blatt ist fast durchsichtig. Kleine wirbellose Tiere und Bakterien haben die weichen Teile bereits gefressen, so dass es nur noch aus seinen «Rippen», das heisst den Blattnerven, den Leitungen für Wasser und Saft, besteht. Die zähen Leitbahnen widerstehen dem Werk der Kompostierer länger.
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