Читать книгу: «achtsam, ruhig und gelassen»

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Inhalt

Vorwort

Achtsam sein

In sich selbst hineinhorchen

Kenne ich mich eigentlich selbst? Eigene Stärken und Schwächen

Aufmerksam sein – Was tut mir gut, und wo muss ich mein Verhalten auf den Prüfstand stellen

Streicheleinheiten für Geist, Seele und Körper – Wie kann ich mir selbst Gutes tun

Erfrischung für den Geist

Seelenbalsam

Den Körper fordern

Fingerspitzengefühl im Umgang mit anderen

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte – Wie begegne ich den Mitmenschen

Beziehungen müssen wachsen können

Zu-hören und hin-hören – Den anderen Beachtung schenken

An-hören statt weg-hören im Sinne des heiligen Benedikt – Jedem immer wieder Chancen geben

Verzeihen können

Von sich hören lassen und in Kontakt bleiben – Die Mitmenschen nicht aus den Augen verlieren

Aufgehoben sein

Freundschaften – Ein echter Lebenswert

In der Ruhe liegt die Kraft

Durchatmen – Momente und Orte zum Abtauchen

Jeder Mensch braucht „Andersorte“

Momente zum Abtauchen

Oasen für die Seele

Schweigen können – Die Stille als Kraftquelle

Weniger ist mehr – Worte mit Bedacht wählen

Schnelles Urteilen vermeiden

Hin und wieder zu Papier und Stift greifen

Bauchgefühl oder kopfgesteuert? Auf die innere Stimme lauschen

Gedanken und Gefühle bestimmen unser Leben

Sich einen inneren Raum bewahren – Die wesentlichen Dinge im Lärm des Alltags nicht untergehen lassen

Reise in unseren inneren Raum der Stille

Gelassenheit üben

Ballast erkennen und abwerfen

In Balance sein – Wie finde ich das rechte Maß in meinem Leben

Im Rhythmus der Mönche – Die heilsame Wirkung des „ora et labora“

Gemeinsamkeit schaffen – Die Kraft des „ora“

Der Wert der Arbeit

Die klösterliche Tagesstruktur

Stopps im Alltag: Lektüre, Meditation, Rituale

Meditation – Ein Weg zu mehr Achtsamkeit

Lektüre bereichert das Leben

Rituale können heilsam sein

Mit allen Sinnen wahrnehmen: Ein offenes Ohr, ein kluges Auge, ein weites Herz, ein sensibles Gespür

Ein offenes Ohr

Ein kluges Auge

Ein weites Herz – ein sensibles Gespür

Geduldig mit sich sein

Echt sein – Der Weg zu einem authentischen Leben

Quellenhinweise

Ergänzende Sekundärliteratur

Zur Autorin

Publikationen

Vorwort
Ein erfülltes Leben führen

Was ist wichtig für mein Leben? Worin kann ich Erfüllung finden? Wie finde ich das Rüstzeug, um die Hürden des Lebens zu meistern? Welche Richtung soll mein Leben nehmen? Diese Fragen haben mich immer wieder einmal bewegt. So geht es wohl vielen von uns.

Manchmal gibt es Ereignisse im Leben, die uns zum Innehalten zwingen. Ein besonderer Schicksalsschlag, Verluste, Unsicherheiten. Dann kommen wir zum Nachdenken darüber, ob wir die richtigen Wege eingeschlagen haben oder doch Korrekturen vornehmen müssen. Doch es sollte nicht nur ein gravierendes Ereignis sein, das uns dazu führt, Bilanz zu ziehen. Immer wieder sollten wir uns besinnen, zur Ruhe kommen und Einkehr halten bei uns selbst.

Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es einige Eckpfeiler gibt, die wichtig sind für ein erfülltes Leben, nämlich achtsam, ruhig und gelassen zu sein. Dies sind wesentliche Voraussetzungen für Ausgeglichenheit, Glück und Zufriedenheit.

Achtsamkeit bedeutet, zunächst auf mich selbst zu achten. Darauf, wie behutsam ich mit mir umgehe, wie ich meine Verhaltensweisen einordne.

Nur wenn ich achtsam mit mir selbst bin, kann ich auch anderen mit Achtsamkeit begegnen.

Ruhe und Ausgeglichenheit sorgen dafür, dass ich mich nicht verrenne. Sie sind Rettungsringe, damit im Lärm des Alltags die wesentlichen Dinge nicht untergehen.

Und die Gelassenheit schließlich ist ein Zeichen dafür, dass ich als Mensch mit mir im Einklang bin. Wer gelassen ist, ruht in sich selbst. Getragen von einem Gefühl der Sicherheit, das hilft, auch schwierige Lebenssituationen zu meistern.

Die Lebensgeschichten und Lebenserfahrungen in diesem Buch drehen sich um all das, was uns im Alltag beschäftigt: Beziehungen, die rechten Worte, den richtigen Ton, Rückzugsmöglichkeiten, Balance zu gewinnen, authentisch zu sein. Eben um die Dinge, die wichtig sind, um achtsam, ruhig und gelassen zu werden.

Viel Erfolg auf diesem Weg wünscht Ihnen

Petra Altmann


Wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denke also daran: „Gönne Dich Dir selbst.“

Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153)


Achtsam sein

Kenne ich mich eigentlich selbst? Eigene Stärken und Schwächen

In Studentenzeiten haben wir manchmal im Kreis von Kommilitonen ein Gesellschaftsspiel gemacht. Ein Teil der Gruppe musste in einen anderen Raum gehen und sich eine Person heraussuchen, die im ersten Zimmer geblieben war. Die anderen mussten mit ihren Fragen versuchen herauszubekommen, wer die oder der Betreffende war.

Es begann dann meist mit harmlosen Fragen, beispielsweise zu Haar- oder Augenfarbe. Je länger nachgefragt werden musste, umso mehr ging es dann um Charaktereigenschaften der zu ratenden Person. „Mit welchem Tier würdest du die betreffende Person vergleichen“, konnte zum Beispiel eine solche Frage sein, oder: „Ist sie sehr verschlossen und schottet sich von anderen ab?“ Auch: „Ist sie eitel oder eher locker?“ Je mehr Fragen man stellen musste, umso tiefgründiger wurden diese. Besonders, wenn der Kreis groß war, konnte es manchmal ganz schön lange dauern, bis man das Rätsel gelöst hatte. Nicht selten benannte die Fragegruppe zunächst einmal eine falsche Person.

Ich erinnere mich, dass ich manchmal völlig überrascht war, wie meine Freunde die ausgewählte Person charakterisierten. Ich hatte sie ganz anders gesehen. Oft fühlte ich mich in den Angaben, die die anderen machten, aber auch bestätigt. Hin und wieder war man selbst die Person, die erraten werden musste, und wusste es nicht. Man gehörte dann zur Gruppe der Fragesteller und kam oft nicht dahinter, dass man mit den Beschreibungen der anderen selbst gemeint war. Wenn das Geheimnis dann gelüftet war, war man manchmal sehr überrascht, wie die anderen einen einschätzten. Häufig gab es Charakterisierungen, die einem schmeichelten. Aber manchmal hatte man an einer Aussage auch ganz schön zu knabbern.

Ich erinnere mich an einen solchen Abend, an dem die Frage kam: „Mit welcher Pflanze würdest du die betreffende Person vergleichen?“ „Mit einem Kaktus“, war die spontane Antwort. Die Kommilitonin, um die es sich handelte, war tief getroffen, als herauskam, dass sie gemeint war. Es schloss sich eine lange Diskussion an. Bis in die Nacht verteidigte sich die Betroffene und versuchte das Bild, das einige der anderen von ihr hatten, zurechtzurücken.

Wie kommt es eigentlich, dass man sich manchmal völlig anders sieht als die anderen? Zuweilen kann es daran liegen, dass man versucht, etwas darzustellen, das der eigenen Persönlichkeit gar nicht entspricht. Bei oberflächlichen Kontakten mag das funktionieren. Bei tiefer gehenden Verbindungen, zumal bei Freundschaften, bekommt eine solche Fassade ziemlich schnell Risse. Wer über eine gewisse Menschenkenntnis und Lebenserfahrung verfügt, bemerkt sehr schnell, wenn der andere einem etwas vormacht. Und es ist gut so, dass es sich rasch bemerkbar macht, wenn jemand nicht authentisch ist. Sonst könnte sich ja jeder hinter einer Fassade verstecken.

Manchmal hat eine falsche Selbsteinschätzung aber auch ganz andere Ursachen. Meine Bekannte Charlotte erzählte mir kürzlich, dass sie eine neue Kollegin in ihrer Abteilung einarbeiten musste. Eigentlich wäre es ihr lieber gewesen, jemand anderes hätte diese Aufgabe übernommen. „Ich weiß gar nicht, ob ich alles so rüberbringen kann, dass es die neue Kollegin versteht“, sagte sie mir. Nach ein paar Tagen bekam Charlotte jedoch von mehreren Seiten positives Feedback. Die neue Kollegin konnte alles sehr gut nachvollziehen und sich deshalb rasch in die Arbeitsabläufe einarbeiten. Die Abteilungsleiterin lobte Charlotte, weil sie ihr Wissen so gut und für das Unternehmen nutzbringend eingesetzt hatte. Und die anderen Kollegen waren ihr dankbar, dass sie ihnen die Einarbeitung der neuen Mitarbeiterin abgenommen hatte. „Da wurde mir erst einmal klar, was ich eigentlich alles weiß“, erzählte mir Charlotte nach einigen Tagen. „Ich dachte immer, dass ich kein großes Wissen habe.“ Dass Charlotte von ihren Kenntnissen nach 20 Jahren Mitarbeit in derselben Firma so wenig hielt und ihren Wissensstand so schlecht bewertete, ist schon erstaunlich.

Aber wer ihren familiären Hintergrund kennt, kann daraus schon seine Schlüsse ziehen. „Wir waren zu Hause drei Schwestern und wurden sehr streng erzogen. Viele Freiheiten hatten wir nicht. Wenn ich am Nachmittag nach den Hausaufgaben mal raus wollte, um mich mit meinen Freundinnen zu treffen, fragte meine Mutter: ‚Hast du schon die Treppe geputzt und die anderen Hausarbeiten erledigt, die ich dir aufgetragen habe?‘ So musste ich dann meist im Haus bleiben. Mein Vater ließ immer wieder einmal durchblicken, dass wir ja ‚nur‘ Mädchen waren. Wir durften unsere Meinung nicht ungefragt äußern und hatten zu befolgen, was er uns vorgab.“ So wuchs Charlotte in dem Bewusstsein auf, nicht gleichwertig zu sein. Sie wurde zu Hause immer kleingehalten. „Ich weiß noch, dass ich als junges Mädchen gar nicht wusste, wie ich reagieren sollte, wenn mir mal jemand ein Kompliment über mein Aussehen gemacht hat. Ich dachte dann immer gleich: ‚Was will der von mir?‘“ Dass man jemanden einfach so lobte, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, war sie nicht gewohnt. Erst nach langer Zeit brachte sie es fertig, sich für ein Kompliment zu bedanken. „Die Worte: ‚Danke, das freut mich!‘ haben mich ganz schön viel Mühe gekostet.“

Charlotte ist ein Beispiel für anerzogene, überzogene Bescheidenheit. Sie kann sich an ein einziges Lob des Vaters erinnern, das er aussprach, als sie bereits 20 Jahre alt war. Ihrem damaligen Freund erklärte sie im Beisein ihres Vaters, wie er ein Regal einbauen solle. Der Freund war zunächst skeptisch, aber dann kam der Ausspruch des Vaters, der Charlotte bis heute unvergessen ist: „Wenn Charlotte so was sagt, kannst du ihr glauben!“ Der Vater war nie in der Lage gewesen, ihr direkt ein Lob auszusprechen. Auch in diesem Fall transportierte er diese positive Aussage über den zukünftigen Schwiegersohn. Aber immerhin machte er sie.

Nach vielen Jahren ist Charlotte heute in der Lage, auch mal zu erwähnen, wenn ihr etwas besonders gut gelingt. Und sie freut sich ohne schlechtes Gewissen über ein Lob.

Bei manchen Menschen ist es genau umgekehrt. Sie haben ein überzogenes Selbstbewusstsein und glauben sich immer im Recht. Kritik ertragen und akzeptieren sie nicht. Dadurch isolieren sie sich selbst, denn der Umgang mit einem selbstgerechten Menschen ist nicht einfach.

Wenn man nur um sich selbst kreist und sich selbst zum Mittelpunkt allen Denkens und Handelns macht, verliert man den Kontakt zur Außenwelt.

„Die Selbsterkenntnis ist die Bedingung praktischer Tüchtigkeit“, ist von dem griechischen Philosophen Sokrates überliefert. In der Tat, wer sich selbst kennt, weiß auch, wo seine Stärken liegen, und kann sie nutzbringend einsetzen. Er ist sich aber auch im Klaren über seine Schwächen und versucht nicht, sie zu vertuschen, sondern daran zu arbeiten. Aber sind wir mal ehrlich, sich selbst mit allen Eigenheiten wahrzunehmen, ist nicht ganz einfach. Ein arabisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Das Schwerste für den Menschen ist die Selbsterkenntnis.“

Viele Menschen sehen Kritik als etwas Abwertendes. Und so manch einer glaubt, die Welt habe sich gegen ihn verschworen, wenn er eine kritische Rückmeldung erhält. So ist es aber nicht immer gemeint. Statt die Schuld dem anderen zuzuschieben, wenn er auf zwischenmenschliche Probleme zu sprechen kommt, ist es doch vielleicht eine bessere Idee, erst einmal zu hinterfragen, ob es nicht auch an einem selbst liegt, wenn Sand im Getriebe ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich in der Regel bewährt, ein offenes Gespräch zu führen, wenn es zwischenmenschliche Probleme gibt. Dann hat jeder die Chance, seine Sicht der Dinge darzulegen. Manchmal habe ich in solchen Gesprächen festgestellt, dass ich etwas missverständlich gedeutet habe. Und so manche wirklich existierende Schwierigkeit ließ sich im Gespräch leicht aus der Welt schaffen. Ein offenes Gespräch bewährt sich übrigens in allen Lebensbereichen, sei es im beruflichen oder privaten Umfeld. So kann man die Energien, die das Problemewälzen bindet, viel besser nutzen. Das ist übrigens eine Erfahrung, die sich gerade Führungskräfte zu eigen machen sollten. Denn Mitarbeiter sind doch mit einem offenen Gespräch, in dem sie sich und ihre Probleme ernst genommen fühlen, viel besser zu motivieren als mit einer unkommentierten Anordnung.

Um sich die eigenen Verhaltensweisen immer mal wieder bewusst zu machen, empfehle ich Ihnen, gute Freunde hin und wieder zu fragen, wie sie Sie einschätzen. Regelmäßige Rückmeldung von Menschen, die einem nahestehen und von denen man weiß, dass sie einem nichts Böses wollen, kann jeder von uns brauchen. Eine ehrliche, ungeschminkte Meinung von diesen Menschen ist Gold wert, auch wenn sie vielleicht auf den ersten Blick nicht immer angenehm ist. Ich würde mich auch nicht postwendend rechtfertigen, wenn mal ein negatives Feedback kommt, sondern darüber nachdenken. Denn ein guter Rat ist bekanntlich teuer, also wertvoll, und hat es verdient, ernst genommen zu werden. Er hilft, sich selbst mit seinen Schwächen und Stärken besser kennenzulernen.

„Auch Geben und Nehmen liefern Anzeichen für die Selbsterkenntnis der Seele. Ob sie voll Gemeinschaftssinn schenkt und gewährt, als wolle sie unter den Menschen Gleichheit erreichen, oder – wie es heißt – aus Traurigkeit oder aus Zwang oder doch, indem sie nach Lohn fragt bei Empfängern und Hörern. Aber auch beim Nehmen muss die Seele zu ihrer Selbsterkenntnis fragen, ob sie gleichmütig ansieht, was sie erhält, oder sich darüber wie über ein Gut von Herzen freuen kann.“

Origines (185–254)

Aufmerksam sein – Was tut mir gut, und wo muss ich mein Verhalten auf den Prüfstand stellen

Ich habe die ganze Nacht durchgefeiert und so abgetanzt, wie ich das seit Langem nicht mehr gemacht habe. Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt“, erzählte neulich eine Bekannte, die am Wochenende vorher auf einer Geburtstagsparty gewesen war. Während sie erzählte, strahlte sie noch so, als ob das Fest gerade erst zu Ende gegangen wäre. Dieses positive Erlebnis hat sie geradezu beflügelt.

Manchmal kann es auch genau umgekehrt sein. Zum Beispiel in Situationen, in denen Streit aufkommt. Wenn dann ein Wort das andere gibt, die Emotionen sich hochschaukeln, kann es schon mal vorkommen, dass jemand sich selbst vergisst. „Ich geriet so außer mir, dass ich mich selbst nicht wiedererkannte“, habe ich zuweilen von Streithähnen gehört, wenn die Gemüter sich wieder beruhigt hatten. Im Gegensatz zu dem freudigen Rückblick auf die durchtanzte Partynacht ist die Erinnerung an eine Auseinandersetzung, in der man vor Wut seinen Kopf verlor, eher ein Schock. Beide Situationen können jedoch durchaus heilsame Wirkungen haben.

Die Partynacht kann einem zeigen, wie gut es tut, sich einfach einmal Spaß zu gönnen, sich zu freuen, ausgelassen zu sein. Natürlich ist dies kein Event für jeden Tag. Dann würde es ja auch „all“-täglich und damit vermutlich langweilig. Aber sicherlich hat jeder von uns schon die Erfahrung gemacht, dass solche Stunden, in denen alle Sorgen und Verpflichtungen in den Hintergrund rücken, gut und notwendig sind, um die Batterien aufzuladen.

Der Streit hingegen kann uns klarmachen, dass es Situationen geben kann, in denen man sich nicht mehr im Griff hat. Das kann jedem von uns passieren, aber in solchen Fällen ist erhöhte Achtsamkeit angesagt. Wenn Emotionen hochkochen, ist es besser, die Auseinandersetzung abzubrechen. Denn sonst könnte sie eskalieren. Ein Rückzug in sich selbst und in die Stille ist dann die richtige Maßnahme. Nach meiner Erfahrung hat es sich bewährt, die Diskussion – wenn notwendig – erst dann fortzusetzen, wenn die Gemüter wieder abgekühlt sind.

Wer häufiger in Situationen gerät, in denen er den Kopf verliert, muss verstärkte Aufmerksamkeit walten lassen.

Aufmerksam sein heißt „aufmerken“, wenn etwas nicht stimmt. Erhöhte Wachsamkeit ist dann vonnöten. Damit man „bemerkt“, wenn das eigene Verhalten aus der Spur gerät. Aufmerksam sein bedeutet auch „anzumerken“, wie und an was sich die eigenen Emotionen hochschaukeln können. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Gerade, wenn man in einer sehr angespannten Lage ist. Deshalb ist es wichtig, immer wieder innezuhalten, die Stille zu suchen und in sich zu gehen.

Es gibt Menschen, die mit ihrem Verhalten und ihren Äußerungen immer wieder bei anderen anecken. Ich habe dies vor einer Weile bei einem Seminar erlebt. Einer der Teilnehmer, nennen wir ihn Helmut, hatte gravierende Eheprobleme und erzählte jedem anderen in jeder freien Minute sehr detailliert davon. Unabhängig davon, ob es gerade passte oder nicht. Ich kannte Helmut bereits von zwei früheren Seminaren und wusste von seinen Eheschwierigkeiten. Er dominierte die Gruppe merklich mit seinem Problem. In den ersten Tagen hörte ihm jeder zu. Viele von uns versuchten, sich in seine Lage zu versetzen, gaben ihm Hinweise oder konkrete Tipps, wie er weiterkommen könne. Wir wollten Helmut wirklich helfen. Als dieser jedoch nach einigen Tagen immer wieder in gleicher Weise seine Probleme auf den Tisch legte und dieselben Argumente wiederholte, war klar, dass unsere Impulse bei ihm auf taube Ohren gestoßen waren. Er wiederholte einfach immer nur seine Sicht der Dinge. Das Wohlwollen, das Helmut anfangs entgegengebracht worden war, schlug dann in Unmut um. Helmut bekam die Rückmeldung, dass er einigen in der Gruppe massiv auf die Nerven ging.

Natürlich ist eine solche Rückmeldung in dem Moment ärgerlich und frustrierend. Aber es bringt niemanden weiter, sich dann in einen Schmollwinkel zurückzuziehen und die Schuld bei den anderen zu suchen. Für einen achtsamen Menschen ist es viel hilfreicher, erst einmal das eigene Verhalten unter die Lupe zu nehmen. Sinnvoll ist es beispielsweise, sich am Abend einmal in Ruhe hinzusetzen und zu überlegen, welche Ursachen ein negatives Feedback haben könnte. Mir bringt es manchmal etwas, einzelne Situationen schriftlich zu skizzieren, so kann ich mir eigene Verhaltensmuster und auch diejenigen der anderen besser vor Augen führen.

Manchmal wird dann deutlich, dass man sich vielleicht einfach nur missverständlich ausgedrückt und deshalb eine negative Reaktion erhalten hat. Ich erinnere mich da an eine ganz persönliche Erfahrung. Eine Cousine hatte sich verpflichtet, ein Familienfest zu organisieren, erkrankte dann aber schwer. Ich bot ihr daraufhin an, die Organisation in die Hand zu nehmen. Und wurde von ihr brüsk abgewiesen. Ehrlich gesagt war ich ein wenig konsterniert, denn schließlich hatte ich es nur gut gemeint. In einem langen Telefonat machte mir die Cousine dann aber klar: „Weißt du, die Organisation des Festes ist für mich sehr wichtig. Ich sehe sie als eine Art Meilenstein auf dem Weg zur Genesung. Wenn ich das alleine schaffe, dann wissen meine Familie und ich, dass es mit mir bergauf geht.“ Das hatte ich so nicht gesehen. Aber in dem Gespräch konnte ich die Argumente der Cousine absolut nachvollziehen und ihr abwehrendes Verhalten auf mein Hilfsangebot verstehen. Dies hat mir wieder einmal deutlich gemacht, wie wichtig offene Gespräche sind, damit menschliches Zusammenleben funktionieren kann.

Wenn jemand immer wieder aneckt, ist es auch möglich, dass er sich mit Menschen umgibt, die nicht zu ihm passen. Vielleicht haben sie eine andere Lebensorientierung. Dann ist es klar, dass man mit seinen Einstellungen an Grenzen stößt, die auch mit noch so vielen Worten nicht zu überwinden sind.

Manche Menschen erfahren auch Ablehnung, weil sie sehr auf sich selbst bezogen sind und ihre Interessen in den Vordergrund stellen. Helmut, von dem ich vorher erzählte, ist so ein Fall. Dies kommt bei den meisten Mitmenschen natürlich nicht gut an. „Individualismus heißt, einfach das eigene Ding zu machen, auf die eigene Weise und ohne Rücksicht auf andere Menschen. Individualität dagegen bedeutet, den eigenen Beitrag in das Gemeinschaftsleben einzubringen.“1 Niemand von uns lebt auf einer einsamen Insel, auf der er tun und lassen kann, was er will. Wir alle gehören Gemeinschaften an – Lebensgemeinschaften, Bürogemeinschaften, Bürgergemeinschaften, Freizeitgemeinschaften. Gemeinschaftsleben kann aber nur funktionieren, wenn jeder bereit ist, auf die anderen zuzugehen. Dazu gehört auch, sein eigenes Verhalten immer wieder einmal auf den Prüfstand zu stellen und bereit zu sein, sich zu ändern. Diese Bereitschaft muss ein Leben lang anhalten. Eine mütterliche Freundin beeindruckt mich immer wieder, weil sie mit ihren 92 Jahren noch lernfähig ist: „Ich bin so gerne mit jungen Leuten zusammen, weil ich von ihnen so viel Neues erfahre und lernen kann“, höre ich oft von ihr.

Jeder von uns strebt dauerhafte Beziehungen an. Sie geben uns Halt, sie bestätigen und stärken uns. Am erfüllendsten sind solche Beziehungen, bei denen man sich quasi „ohne Worte“ versteht. Ein Blick genügt, und man weiß, was der andere in diesem Moment denkt. Dies ist in der Regel nur der Fall, wenn man sich schon sehr lange kennt. Hin und wieder ist es mir aber auch passiert, dass ich ein solches Erlebnis mit einem unbekannten Menschen hatte. Neulich in der U-Bahn beispielsweise. Ich beobachtete eine amüsante Szene und schaute rein zufällig einem anderen Fahrgast, der mir gegenübersaß, in die Augen. Plötzlich mussten wir beide schmunzeln und wussten, was der andere dachte – ohne uns vorher jemals gesprochen oder gesehen zu haben. Wir brauchten keine Worte oder Gesten, ein Blick genügte. Dann ging jeder wieder seines Wegs. Sprache des Herzens könnte man das nennen.

Die Sprache des Herzens hört man nur in der Stille – der äußeren und der inneren. Wenn wir innerlich einen anderen Menschen ständig bewerten und eine Flut von Worten die äußere Stille unmöglich macht, können wir die Sprache des Herzens nicht hören.

Wer aber aufmerksam ist und sein Verhalten immer wieder einmal hinterfragt, wird auch die leisen Töne erkennen. Hilfreich ist es, sich zuweilen mit einem vertrauten Menschen auszutauschen, wenn man bezüglich des eigenen Verhaltens im Zweifel ist. „Ein gutes Gespräch erfordert nicht nur gutes Reden, sondern auch gutes Hinhören. Die Schweigsamkeit … ist also die notwendige Ergänzung zum guten Sprechen, nicht ihr Gegensatz“, stellte der Kapuzinerpater Thomas Dienberg fest.2 Im Gespräch erkennt man die Beweggründe des anderen. Man kann ihn motivieren, ihn fördern, auch korrigieren. Nur so kann Gemeinschaftsleben, das geprägt ist durch einen achtsamen Umgang miteinander, funktionieren.

„Wir machen uns so viele Gedanken um unsere Identität, dass wir nur noch mit unserer Einzigartigkeit beschäftigt sind … Gleichzeitig erahnen wir aber auch, dass das Leben vielleicht mehr ist, als einfach nur zu leben. Solche Entdeckungen erinnern uns an unseren bescheidenen Platz im Plan und Lauf der Dinge. Sie bewahren uns vor Selbstüberschätzung. Vielleicht ist die Notwendigkeit, das Leben nicht krampfhaft, sondern am losen Zügel zu halten, nirgends deutlicher zu erkennen als in unseren ganz alltäglichen Beziehungen.“

Henri Nouwen (1932–1996)3

Streicheleinheiten für Geist, Seele und Körper – Wie kann ich mir selbst Gutes tun

Schon seit Jahren schießen überall Wellnesscenter aus dem Boden. Was früher eine klassische Sauna war, wird heute als Wohlfühloase beworben. Eine Vielzahl noch so kleiner Hotels und Pensionen bieten „Wellnesswochenenden“ an und verwöhnen den Gast nicht nur mit Übernachtung und Verpflegung, sondern zusätzlich beispielsweise mit Yogastunden, Heubädern oder Kräuterwanderungen.

Selbst der örtliche Friseur, bisher nur bekannt für klassische Haarbehandlungen, bietet dem Kunden Wohlfühlstunden. Kopf- und Nackenmassage, Duftlampe, Entspannungsmusik und Fruchtcocktail inklusive.

Der Begriff „Wellness“ wird inzwischen fast inflationär verwendet und vermarktet. Die Sehnsucht nach ein paar Stunden Abstand vom Alltag wächst, da die Anforderungen an viele von uns immer größer werden. Und hinter dem Run auf Wellnessangebote steckt der Wunsch, wenigstens für ein paar Stunden dem Hamsterrad zu entkommen. Jenseits aller Geschäftemacherei ist es wichtig, sich selbst immer wieder einmal bewusst Gutes zu tun.

Diese Erkenntnis ist übrigens nicht neu. Bereits im 12. Jahrhundert empfahl der Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux seinen Mitmenschen: „Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal.“

Es gibt kein für jeden passendes Standardrezept, wie man sich selbst Gutes tun kann. Jeder hat seine eigenen Vorlieben. Der eine möchte körperlich aktiv sein, Berggipfel erklimmen oder Radtouren unternehmen. Der andere bevorzugt Gartenarbeit und der dritte möglicherweise Lesestunden auf dem Sofa. Möglichkeiten gibt es ja viele.

Dennoch gibt es ein paar Grundprinzipien. In jedem Fall bedeutet, sich selbst gut zu sein, innezuhalten und durchzuatmen, sonst verliert man das Gefühl für das, was einem guttut.

Grundprinzip Nummer zwei: Planen Sie die Wohlfühlstunden im Voraus. Das bedeutet, den Tag und die Zeitphase festzulegen und sich Gedanken darüber zu machen, wie man diese besondere Zeit gestalten möchte. Dann profitieren Sie nämlich noch mehr von dieser Auszeit, indem Sie sich im Vorfeld darauf freuen können.

Grundprinzip Nummer drei: Machen Sie nur das, was Ihnen Freude bereitet. An Ihrem Wohlfühltag gibt es keine leidigen Verpflichtungen. Sie sollten übrigens auch Ihren Lieben deutlich machen, dass diese Zeit nur Ihnen gehört.

Grundprinzip Nummer vier: Verschieben Sie den geplanten Wohlfühltag oder die Stunden nicht. Er sollte unverrückbar sein, sonst wird er womöglich gar nicht stattfinden.

Grundprinzip Nummer fünf: Ein Wellnesstag sollte keine einmalige Sache sein. Am besten blockieren Sie sich gleich im Kalender für die nächsten Monate entsprechende „Auszeiten“. So werden sie zu einer festen Einrichtung und geraten nicht in Vergessenheit.

Erfrischung für den Geist

Gerade für Menschen, die tagein, tagaus das Gleiche tun, ist geistige Inspiration besonders wichtig. Ein Buch kann in andere Welten entführen, die Phantasie anregen und Neues erschließen. Deshalb sind Lesestunden besonders kostbar. Und, ehrlich gesagt, wer von uns hat während der Woche Zeit, einmal ausgiebig in Büchern zu schmökern, die nicht zur Fachliteratur zählen. Meist ist die Unterhaltungslektüre den Ferien vorbehalten. Deshalb sind ein paar Lesestunden, die Sie sich regelmäßig gönnen, Ferienstunden mitten im Alltag. Was Lesen für Sie bedeuten kann, schildere ich in einem späteren Kapitel „Lektüre bereichert den Alltag“.

Suchen Sie sich ein ruhiges Plätzchen und schaffen Sie sich ein gemütliches Ambiente, vielleicht mit einer Kanne Tee und einer Duftlampe. Ich habe mir am vergangenen Samstag solche „Ferienstunden“ gegönnt und mich auf den Liegestuhl in eine hintere Ecke des Gartens verzogen. Neben mir das Plätschern des Gartenteichs, rings um mich das satte Grün der Sträucher und die bunten Farben der Blüten. Es gab zwar noch viel im Haus zu tun, aber ich brauchte dieses Atemholen einfach. Und habe es genossen wie zwei Wochen Urlaub. Am späten Nachmittag habe ich mich voller Elan wieder an die Arbeit gemacht.

Auch ein Kinoabend ist ein kleiner Ausflug aus dem Alltag. Da kann man lachen, sich unterhalten, Spannung spüren und Neues erfahren. Ich kenne einen Kreis von Leuten, der sich jeden Freitag zum Kinobesuch verabredet. In einer Großstadt ist es kein Problem, immer wieder neue Filme anzuschauen. Aber auch in ländlichen Regionen bieten die Kinos häufig wechselnde Programme. Und der Kinobesuch muss ja auch nicht wöchentlich stattfinden. Einmal im Monat beispielsweise kann man sich mit Freunden verabreden und das Ganze auch noch mit einem Restaurantbesuch oder einem Drink nach der Kinovorführung verbinden.

Für mich sind Ausstellungsbesuche immer eine faszinierende Möglichkeit, Abstand vom Alltag zu bekommen. Ich spüre dann förmlich, wie Gemälde, Skulpturen oder Fotografien meine Phantasie beflügeln und mir viele Anregungen geben. Das sind Erlebnisse, von denen ich lange zehre. Wichtig ist für mich auch, mich mit anderen Menschen darüber auszutauschen. Denn jeder bewertet die Exponate doch unterschiedlich und bringt interessante Argumente ein.

All diese Dinge, die wir uns in solchen Stunden außerhalb der Alltagsroutine gönnen, sind für unseren Geist ganz wichtige Anregungen. Sie eröffnen neue Perspektiven. So läuft man kaum Gefahr, mit Scheuklappen durch die Welt zu gehen, sondern kann den Blickwinkel wechseln, erhält neue Sichtweisen und erweitert den eigenen Horizont.

Für neue Impulse und Anregungen sorgen auch Kontakte mit Menschen aus einem anderen Lebensumfeld oder unterschiedlichen Kulturkreisen. Im Austausch lernt man, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und unsere Lebensprinzipien nicht als die allein gültigen zu bewerten. Ich selbst habe viele ausländische Freunde und finde gerade diese Kontakte sehr bereichernd. Neulich waren wir bei einer türkischen Familie zu Gast, die wir erst vor Kurzem kennengelernt hatten. Eigentlich gingen wir davon aus, dass wir nur eine Tasse Kaffee zusammen trinken würden. Tatsächlich hatte die Gastgeberin aber ein fürstliches Mahl aufgetischt, dessen Vorbereitung sie Stunden gekostet haben muss. Wir waren völlig überrascht und kaum in der Lage, von allen Speisen zu kosten. Für die türkische Familie war das selbstverständlich: „Dies ist unsere Art zu zeigen, dass wir uns freuen, Sie kennengelernt zu haben“, sagte der Gastgeber.

Es sind solche Erlebnisse, die uns zeigen, wie bereichernd Gastfreundschaft und die Offenheit gegenüber anderen Kulturen sind. Wer ausländische Freunde hat, wird dies sicherlich häufig feststellen. Und wie schön ist es doch, bei einem Urlaub im Ausland nicht nur die Kulturstätten oder Strände besucht zu haben, sondern vielleicht auch einmal von Einheimischen nach Hause eingeladen zu werden. Das sind doch Höhepunkte einer Reise, von denen jeder gerne erzählt.

Seelenbalsam

Gastfreundschaft, der Austausch mit anderen Menschen, die einem guttun, regt nicht nur den Geist an, sondern beflügelt auch die Seele. Ebenso wie alle anderen geschilderten Dinge, die Sie sich in Ihren Wohlfühlstunden gönnen.

Nach Tagen der An-spannung, in denen Sie gefordert werden, braucht jeder eben auch Stunden der Ent-spannung. Ein guter Weg dorthin ist beispielsweise die Meditation. Sie kostet nicht viel Zeit und kann im Tagesablauf fest installiert werden. Mittels der Meditation kann man sich auch im tiefsten Winter Sonnenstrahlen ins Herz lenken. Indem man sich in der Phantasie an den Ort seiner Träume begibt.

Für mich ist dies ein menschenleerer breiter Strand, an dem ich sitze und aufs Meer hinausblicke: Mit geschlossenen Augen atme ich ganz tief ein und doppelt so lange wieder aus, bis ich merke, dass ich zur Ruhe komme. Ich befinde mich jetzt gedanklich bei Sonnenaufgang an „meinem“ Strand und spüre, wie die Sonne langsam höher steigt und mich wärmt. Diese Wärme durchströmt meinen ganzen Körper. Ich lausche dem imaginären Geräusch der Wellen und spüre einen leichten Lufthauch. Der Wellenschlag bestimmt den Rhythmus meines Atems. Ich höre, wie das Wasser am Strand aufschlägt und über mir Möwen fliegen. Je mehr ich mich dem Atemrhythmus überlasse, desto mehr kann ich entspannen. Die Sonnenstrahlen wärmen Körper und Seele. Wenn ich merke, dass ich ruhig bin und erfüllt von Wärme, beende ich allmählich meinen „Strandausflug“.

Da ich diese Meditation regelmäßig mache, kann ich mir immer wieder einmal „Strandminuten“ gönnen und mich innerlich sehr rasch an diesen Platz zurückziehen. Dies ist gerade in angespannten Situationen sehr hilfreich. Man kann diese Meditation übrigens auch ohne Weiteres in Bus, Zug oder U-Bahn ausüben, ohne dass die anderen Fahrgäste dies bemerken.

Diese Meditation ist ein Beispiel dafür, wie heilsam die Bilder der Natur sind. Der heilige Antonius wurde einmal von einem Philosophen gefragt: „Wie schaffst du es nur, Vater, ein solches Leben zu führen, wo du doch nicht einmal Trost in den Büchern schöpfen kannst?“ Seine Antwort: „Mein Buch, verehrter Philosoph, ist die Natur der geschaffenen Dinge, und dieses Buch liegt immer vor mir, wenn ich mich in Gottes Wort vertiefen möchte.“4

In die Natur zu gehen, die Umgebung zu wechseln, damit der Blick weit schweifen kann, ist etwas Heilsames. Wir können beobachten, wie alles wächst und gedeiht. Wie die Pflanzen nebeneinander wachsen, ohne sich zu verdrängen, und den Tieren Lebensraum geben. Jedes Gewächs hat seinen Platz, seine Wachstumsphase, seine Funktion. Bestechend ist zu beobachten, wie die Farben der Natur miteinander harmonieren. Wie jedes auch noch so kleine Pflänzchen sich seinen Ort sucht.

Auch die Vögel zu beobachten, gerade im Frühjahr, ist eine Freude. Zu sehen, wie die Jungen von ihren Eltern gefüttert und versorgt werden, wie sie dann allmählich flügge werden und ihre eigenen Ausflüge unternehmen, erinnert uns an unsere eigenen, manchmal unsicheren Schritte.

Hildegard von Bingen sprach von der „veriditas“, der „Grünkraft“, die die Natur uns Menschen schenkt. Und in der Tat, in der Natur können wir auftanken, sie stärkt unsere Abwehrkräfte. Sie erweitert unseren Horizont und öffnet uns die Augen. So können wir Farben sehen und Düfte einatmen, die wir in geschlossenen Räumen nicht wahrnehmen.

Ein Spaziergang in der Natur kann wie eine Meditation sein und die Seele von Lasten befreien.

Ein kleines Stück Natur kann sich jeder von uns nach Hause holen. Kräuter in der Küche, Pflanzen auf dem Balkon und Gemüse im Garten. Manchmal genügt auch ein Strauß frischer Blumen. Ich kann mir ein Haus ohne Blumen nicht vorstellen.

Den Körper fordern

Die Natur ist auch heilsam für unseren Körper. Die Bewegung an der frischen Luft macht den Kopf frei und bringt einen auf neue Gedanken.

Computerarbeitsplätze, Kommunikation und Bestellungen via Internet haben zur Folge, dass wir uns kaum noch von der Stelle bewegen müssen. Wir können uns alles ins Haus liefern lassen, mit unseren Freunden chatten, ohne sie zu treffen, und unsere Arbeit am Bildschirm erledigen. Das Schwätzchen mit dem Nachbarn über den Gartenzaun, die Einkäufe, die man zu Fuß erledigte, der körperliche Einsatz insgesamt ist in den Hintergrund getreten. Natürlich kann man dies nicht pauschalisieren. Es gibt nach wie vor Menschen, die Besorgungen bewusst zu Fuß erledigen und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Aber vielfach ist die Bewegung so zurückgegangen, dass wir uns in Fitnesscenter begeben und in geschlossenen Räumen unserem Bewegungsdrang nachgehen. Eigentlich eine absurde Sache. Früher waren die Menschen am Abend müde von der körperlichen Arbeit.

Ich kann dem Körper Gutes tun, indem ich ihn fordere, aber nicht unter- oder überfordere. Viele Menschen leiden heute an Ver-spannung, die durch ständige An-spannung entsteht. Oft merkt man die Verspannung, kann aber nicht genau definieren, wo sie sitzt. Ein hilfreiches Mittel dagegen ist die Eutonie, die sogenannte „Leibarbeit“. Zu den Übungen gehört es, dass man sich Tennisbälle unter jede Schulter und rechts und links unter das Becken legt. Der Körper wird auf diesen punktuellen Druck zunächst mit Schmerzen reagieren, aber allmählich lösen sich diese Schmerzpunkte, und Entspannung macht sich breit. Bei einer anderen Übung liegt man ebenfalls auf dem Rücken, streckt Arme und Beine von sich und gähnt bewusst und kräftig. Am Anfang kommt man sich etwas merkwürdig vor, aber allmählich kommt das Gähnen wie von selbst, und mit diesen kräftigen Luftstößen befördert man quasi Blockaden im Bauchbereich aus dem Körper heraus.

Eutonieübungen sollte man unbedingt unter Anleitung lernen, dann kann man sie später auch alleine zu Hause anwenden.

Bewusste Bewegung sollte zum Tagesplan gehören. Wer den Tag mit Bewegung an der frischen Luft beendet, schläft besser.

Dem Körper Gutes zu tun bedeutet aber auch, sich ausgewogen zu ernähren und regelmäßige Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Und zwar dreimal täglich zu festgelegten Zeiten, wobei das Abendbrot nicht zu spät stattfinden sollte. Wenigstens einmal täglich sollte auch die ganze Familie sich zu einer gemeinsamen Mahlzeit zusammensetzen. Der Austausch bei Tisch tut auch Geist und Seele gut.

Körper, Geist und Seele sind eben nicht isoliert zu betrachten, sondern bilden eine Einheit.

Wer sich mit sich selbst beschäftigt und sich Gutes tut, wird Körperempfindungen wahrnehmen, die er sonst ignoriert hat. Er wird seine körperliche, geistige und seelische Befindlichkeit spüren, die sonst meist durch hektischen Aktivismus verdeckt ist. Er wird erkennen, dass diese Momente der Beschäftigung mit sich selbst ungeheuer wichtig sind, denn sie gehören nur ihm persönlich.

Achtsam sein

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte – Wie begegne ich den Mitmenschen

Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance“, heißt es im Volksmund. In diesem Spruch steckt viel Wahrheit. Wohl jeder kennt die Situation, wenn man einen Menschen zum ersten Mal trifft, ohne Informationen über ihn zu haben. Unwillkürlich bildet man sich eine erste Meinung über ihn: sympathische oder weniger sympathische Ausstrahlung, starker Typ oder eher Softie, angenehmes oder weniger angenehmes Äußeres, ausgezeichnete oder etwas nachlässige Manieren. Eine Vielzahl von Attributen schießt einem durch den Kopf. Ohne dass es uns vielleicht bewusst ist, bringen wir unserem Gegenüber gleich zu Anfang Sympathie oder eher Skepsis entgegen. Und wenn unsere neue Bekanntschaft aufmerksam ist, kann sie möglicherweise schon an unserem freundlichen Lächeln oder dem distanzierten Blick ablesen, welchen ersten Eindruck sie macht. Manchmal können wir es nicht abwarten und geben dem Menschen keine Zeit, sich zu zeigen, wie er wirklich ist.

Diese erste Bewertung setzt sich zunächst einmal im Kopf fest. Für den eben kennengelernten Menschen, der davon ja gar nichts weiß oder höchstens etwas spürt, ist es unter Umständen gar nicht so einfach, Vorbehalte aus dem Weg zu räumen. Mögen sie nun gerechtfertigt sein oder nicht.

Ich selbst habe diesbezüglich immer wieder einmal interessante Erlebnisse bei Schweigeexerzitien gemacht. Im Rahmen solcher Tage spielt die Körpersprache eine enorme Rolle. Die Teilnehmer können ihr Bild bei den anderen ja nicht durch Worte beeinflussen. Es sind alleine Blicke, Mimik, Gestik, Bewegungen, die uns einen Eindruck von der Persönlichkeit vermitteln. „Ohne Worte“ ist ein Mensch in der Regel authentischer, denn er kann seine Ausstrahlung nicht durch eine Flut von Äußerungen zu korrigieren versuchen. Natürlich kann man auch Bewegungen und Gestik einstudieren, aber über mehrere Tage wird man dies nicht durchhalten und sich irgendwann selbst entlarven.

Es ist hochinteressant, wenn am Ende der Exerzitien das Schweigen gebrochen wird. Dann kann man nämlich feststellen, ob sich das Bild, das man sich vom anderen machte, verfestigt oder eher völlig anders darstellt. Es kann einem auch zeigen, wie sehr man bei der Beurteilung eines Menschen danebenliegen kann.

Ich selbst habe im Verlauf und am Ende solcher Schweigetage schon überraschende Erlebnisse gehabt. Beispielsweise erinnere ich mich an einen Teilnehmer, der während der gemeinsamen Stunden sehr ernst wirkte und sich nach den Treffen immer sofort auf sein Zimmer zurückzog. Nie sah ich ihn draußen bei Spaziergängen, auf denen ich durchaus anderen Teilnehmern begegnete, die mir freundlich zunickten, wenn sie mich sahen. Er zog sich vollkommen zurück. Und ich nahm an, dass er ein sehr stiller, in sich gekehrter Mensch sein würde. Als wir dann das Schweigen brachen und uns zum ersten Mal verbal austauschten, entpuppte sich dieser Mensch als sehr lustig und unterhaltsam. Er stand vor einer wichtigen Lebensentscheidung und hatte sich daher in sich selbst zurückgezogen. Nachdem er sich darüber klar geworden war, welchen Weg er gehen würde, konnte er sich uns wieder zuwenden. Und brachte sich beim Abschlussgespräch sehr in die Gruppe ein. So kann man sich täuschen.

„Hab’ die Menschen gern, die kleinen, die großen, die schönen, die hässlichen, die lustigen, die trockenen, die geschickten, die ungeschickten, die gelungenen, die missglückten. Deine Liebe wird ihnen guttun. Du merkst ja selber auch gleich, ob einer, der mit dir zu tun hat, dich mag oder nicht“, schrieb der belgische Ordenspriester Phil Bosmans.5 Ein wichtiger Appell, offen und ohne Vorbehalte auf jeden Menschen zuzugehen, und mag dieser auf den ersten Blick auch noch so wenig meinen Vorstellungen von einer sympathischen Persönlichkeit entsprechen. Und sind wir doch mal ehrlich: Ist es nicht jedem von uns schon passiert, dass jemand uns von oben bis unten abcheckte, als wir ihm das erste Mal die Hand reichten? Und wenn man nach der ersten „optischen Prüfung“ dann skeptische, desinteressierte oder gar abweisende Blicke erntete, fand man dies doch auch ungerecht.

Wie schnell sind wir manchmal mit Vorurteilen bei der Hand. In dem Begriff „Vor-urteil“ steckt das Wort „Urteil“. Wir begutachten unser Gegenüber und fällen dann unsere Entscheidung. Das ist doch eigentlich ein ziemlich drastisches Vorgehen, das wir bei neuen Bekanntschaften manchmal anwenden.

Mit den Vor-Urteilen halten wir uns immer auch selbst den Spiegel vor. Denn darin zeigen sich unsere Eigenheiten, unsere Erfahrungen, unsere Vorbehalte, die immer mit im Spiel sind, wenn wir andere Menschen einordnen. Unwillkürlich vergleichen wir uns mit unserem Gegenüber und haken eine imaginäre Checkliste ab: Sieht sie/er vielleicht besser aus? Ist sie/er möglicherweise intelligenter? Wirkt sie/er eloquenter? Kann sie/er mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Wer zu schnellem Urteil neigt, sollte ein Auge auf sich selbst haben. Dann wird er sehr rasch feststellen, dass er auch nicht ohne Fehler ist. Menschen, die sich ständig mit anderen vergleichen und über sie urteilen, werden keine innere Ruhe finden, denn sie werden entweder etwas an sich selbst oder an den anderen auszusetzen haben.

Neulich habe ich diese sehr schöne Geschichte eines unbekannten Autors gefunden:

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte. Sie hingen von den Enden einer Stange, die sie über ihren Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll. Zwei Jahre lang geschah dies täglich: Die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, und die Schüssel mit dem Sprung schämte sich. Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sagte sie zu der alten Frau: „Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.“ Die alte Frau lächelte: „Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht? Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genau so wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.“6 Welch ein schönes Beispiel für verborgene Qualitäten, die auf den ersten Blick überhaupt nicht erkennbar sind. Deshalb: Bevor man mit kritischem Auge die Fehler und Mängel bei Mitmenschen herauszupicken versucht, sollte man lieber auf deren Vorzüge achten.

„Wer Fehler finden will, findet sie auch im Paradies“, sagte der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau. Möglicherweise hat schon jeder von uns einmal jemanden kennengelernt, der jeden und alles negativ bewertete. Der ständig rumnörgelte und quengelte. Solche Menschen verbreiten Unzufriedenheit. Man kann sie oft nicht ändern, sich aber von ihnen abgrenzen, damit man stimmungsmäßig nicht heruntergezogen wird.

Wenn man aufhört, sich mit anderen zu vergleichen, und nicht die Dinge, die der Mitmensch besitzt, höher bewertet als das, was man sein Eigen nennt, wird man dankbarer. Und man entwickelt mehr Achtsamkeit für die positiven Dinge, die einem täglich so über den Weg laufen.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
06 марта 2025
Объем:
134 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783863347116
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Bookwire
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