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Peter Seeberg

Der Junge ohne Namen

aus dem Dänischen

von Lothar Schneider

Saga

Ebook-Kolophon

Peter Seeberg: Der Junge ohne Namen. aus dem Dänischen von Lothar Schneider. © 1990 Peter Seeberg. Originaltitel: Uden et navn. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016

All rights reserved.

ISBN: 9788711512623

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

Diese Geschichte spielt vor 1700 Jahren, zu einer Zeit, die man die römische Eisenzeit nennt. Die Gegend, die geschildert wird, ist die Halbinsel Jütland im heutigen Dänemark.

Damals war das Land längst von germanischen Stämmen besiedelt, von Bauern, die in Dörfern wohnten und Eisenwerkzeuge benutzten. Immer, wenn der Boden erschöpft war und die Ernten kleiner wurden, zogen sie weiter, rodeten anderswo die riesigen Wälder und errichteten neue Dörfer, und jedesmal wurden die Waldflächen und mit ihnen die Wildbestände kleiner.

Doch in den Wäldern und entlegeneren, unfruchtbaren Gegenden des Landes lebten noch andere Menschen, Jäger und Fischer, die sich nach wie vor ihrer alten Steinwerkzeuge bedienten. Sie waren die Verlierer der Geschichte, weil sie sich der «neuen Zeit» nicht anpassen wollten. Sie verhungerten allmählich, denn die Tiere, die sie jagten, wurden mit der Rodung der Wälder immer seltener, und Bauern werden wollten sie nicht.

Was dem «Jungen ohne Namen» widerfahren ist, ist kein einmaliges Ereignis. In ähnlicher Weise hat sich seine Geschichte durch die Jahrhunderte und auf allen Kontinenten tausendfach wiederholt: überall dort, wo Jäger und Bauern mit einer technisch überlegenen Zivilisation aufeinandertrafen. Wir begegnen ihr in anderer Form noch heute: im Gebiet der Amazonasindianer, in Indien zum Beispiel. Denn das Denken jener, die von der Natur nur nehmen, was sie brauchen, und der anderen, die raffen und horten, scheint unvereinbar.

November 1989

1

Die Welt war klein, flach und platt.

Der Winter hielt noch immer seine Hand über dem See. Das erste dicke Eis war zwar vor einem Mondwechsel aufgebrochen und hatte die trügerische Hoffnung geweckt nach offenem Wasser und Vogelschwärmen. Der Magen begann schon, von Krickenten und Wildgänsen zu träumen. Aber der Wind hatte gedreht, wehte aus der kalten Ecke, ein trockener, schlimmer Wind, der über den See blies und eine feste, schwarze Eisschicht bildete, die immer dicker wurde, dabei aber so durchsichtig blieb und in der Sonne blitzte und blinkte, daß man die Augen zukneifen mußte. Die Tage wurden länger, doch es wurde kälter, und mit dem Wind kamen die Laute der Tiere aus dem Wald, das Brüllen der Kühe und das Blöken der Schafe aus dem Dorf der Bauern.

Die Mutter kauerte bei der Feuerstelle und sang leise von dem Jahr, das nur aus Sommer bestand und das doch wiederkehren könne, sie verschob die Zweige und Scheiter, wärmte sich die Hände und blickte sich um, durch die Hütte, hinauf zu den Ästen, die das Dach bildeten, hinaus durch die halbgeöffnete Tür. Das grelle Licht blendete, und sie kniff die Augen zusammen, als sie auf dem Eis nach dem Vater Ausschau hielt.

Jetzt fing sie mit ihm zu reden an, die eine Hand lag unter Wange und Kinn, die andere bewegte sie langsam durch die Luft, beschrieb Wellen und Schlangenlinien in immer gleichbleibenden Bewegungen.

Der Junge, der noch keinen Namen hatte, sondern nur Mutters Junge war, ein Welpe, ein Junges, schob das Wandreisig beiseite und guckte hinaus. Weit draußen auf dem See erkannte er die Gestalt des Vaters, klein neben dem langen Fischspeer, von dem er gerade einen Aal ablöste, der so groß zu sein schien wie er selber. Er hielt ihn fest im Griff, legte ihn behutsam in den Korb und machte sich auf den Heimweg, leicht hinkend, der Kältedunst stand ihm vor Mund und Nase.

Die Mutter lachte zufrieden und stand auf. Sie ging hinaus, wo der Hund saß und die ferne Gestalt im Auge behielt, hechelnd in der Vorfreude auf das Fressen.

«Steh auf, kleiner Mann», sagte die Mutter, «wenn du deinen Vater sehen willst, wie er mit dem Aal heimkommt.»

Aber der Junge wollte nicht aufstehen. Er hatte es warm in dem Moosbett unter der alten Decke aus Fuchsfell. Er konnte warten, bis der Vater zu Hause war.

Die kleine Schwester wand sich schlaftrunken aus dem warmen Lager, setzte sich auf, bibberte ein wenig, rieb sich die Augen und die Nase. Sie stand auf, ging hinaus, guckte und kraulte den Hund im Nacken.

Der Vater setzte den Korb ab, und die Mutter öffnete ihn. Sie knieten nebeneinander und schauten in den Korb. Die Kleine kam heran und wollte auch sehen, und der Hund strich hinter dem Vater herum.

«So ein schöner Aal», sagte die Mutter zum Vater.

«Ein prächtiger Bursche», sagte der Vater und lächelte.

«Tüchtiger Aalfänger», sagte die Mutter und fuhr ihm mit den Fingern durch sein schwarzes Haar.

«Die Aale sind sehr treu», sagte der Vater.

«Wirklich treu», sagte die Mutter, «was sollten wir um diese Zeit und bei dieser Kälte ohne die Aale anfangen?»

«Die Wildgänse kehren bald zurück», sagte der Vater, «aber sie fliegen hinaus zum Fjord, wo das offene Wasser ist.»

«Ach, die Wildgänse», sagte die Mutter, «sie sind uns nicht treu.»

«Vielleicht sind sie in diesem Jahr creu», sagte der Vater, «vielleicht ist uns das Eis freundlich gesonnen und bricht rechtzeitig auf, vielleicht werde ich dir nächstes Mal Wildgänse bringen.»

«Ja», sagte die Mutter, «dann wären wir wieder schön wie der Sommer.»

Sie nahm ihr Brett und ihr Schneidemesser, die Fischköpfe warf sie dem Hund zu, das Fleisch und die Häute wurden zur Seite gelegt, gab es etwas Zäheres als Aalhaut, und sie schnitt das Fleisch in Stücke, richtete sie auf dem sauber geschabten Brett an. Sie holte getrocknete Kräuter, zerrieb sie zwischen den Händen und streute sie darüber, damit die Aale an Land kommen konnten, wie sie sagte.

Der Vater war auf die Anhöhe hinter der Hütte gegangen und hatte über das Land und in alle Himmelsrichtungen geschaut. Als er zurückkam, setzten sie sich ans Feuer und verzehrten den Aal, und während sie aßen, sangen sie Loblieder auf den guten, treuen Aal, der sie noch in keinem Jahr im Stich gelassen hatte.

Nach der Mahlzeit rülpsten sie kräftig, und der Vater schlüpfte in sein Moosbett, unter das Wolfsfell seines Urgroßvaters. Viele Geschichten hatte der Sohn über das Fell gehört, Geschichten vom Anfang der Welt, vom ersten Morgen und der Zeit danach: von Aalmutter und Aalvater, von den Sternen, die einst frei herumschwirrten wie Libellen, vom Eis, das die Erde bedeckt hatte, bis eine kleine Menschenmutter auf einem Berggipfel ein Feuer entzündet hatte, und von ihrem eigenen Clan, der von dem klugen Baummarder abstammte. Damals gab es genug Tiere auf der Erde.

Die Mutter stocherte im Feuer und redete mit sich selbst, bis der Vater schlief und schnarchte. Dann ging sie hinaus und nahm ihren Korb. Die Kleine folgte ihr, und auch der Hund trottete hinterdrein. Gemeinsam verschwanden sie Richtung Mittag im niedrigen Eichen- und Kieferngehölz des Waldrandes, um zu schauen, ob vielleicht irgendein eßbarer Pilz aus einem Baumstumpf oder einer abgerissenen Rinde gewachsen war.

Mutters Junge, wie er immer noch hieß, nahm den langen Fischspeer des Vaters, prüfend umfaßte er den glatten Schaft aus Eibe, und er fand den Speer nicht zu lang und nicht zu schwer. Obwohl er einen Kopf kleiner als der Vater war, reichten seine Arme hoch genug hinauf, um den Schaft so zu halten, daß er gezielt zustoßen konnte. Er holte sich den kleinen Spitzhammer aus Feuerstein, den sein Vater, der Vater seines Vaters und auch dessen Vater immer benutzt hatten und der ein so großes Loch ins Eis machte, wie es für Speer und Schaft nötig war. Das Loch wurde wie ein Mund, wie eine Führung, die beim Zielen half.

Der Junge beugte sich zur Türöffnung und flüsterte: «Vater, ich geh hinaus und versuche, einen Aal zu stechen.»

Der Vater drehte sich schwerfällig um. Das Schnarchen brach kurz ab, dann fiel er wieder in tiefen Schlaf. Seine dunklen Augen waren für einen winzigen Moment offen gewesen.

Den Aalstecher in der linken und den Hammer in der rechten Hand, lief der Junge hinunter zum Seeufer, wo das alte, rissige Boot umgekippt lag und darauf die geflochtene Reuse.

Obwohl kein Wind blies, raschelte es im Schilfwald, stets hatten die Schilfrohre etwas zu erzählen, bei Nacht und Tag, während die dichten, grünen Grasbüschel unter dem Eis schwiegen.

Zwischen dem Röhricht war das Eis weiß und spröde, übersät mit gefrorenen Schilfstengeln. Doch dahinter lag das See-Eis dunkel und klar. Hier stiegen sie im Sommer immer ins Boot. Weiter draußen gab es viele Risse, die nach allen Richtungen verliefen, sie bildeten sich mitten in der Nacht, unter lautem Krachen, das einen aus dem Schlaf riß. Sonst war das Eis spiegelglatt bis auf einige Luftblasen hier und dort, Stellen, vor denen er sich in acht nehmen mußte.

Er ging in die Richtung, wo der Vater morgens gefischt hatte. Wo ein Aal ist, sind viele Aale, und wo sie liegen und träumen, steigen Luftblasen auf und legen sich unters Eis. Wo die Luftblase klein, rund und lebendig war, da wollte er sein Loch hacken, da wollte er seinen Aal fangen.

Wo die Sonne stand, war der Himmel bleich. Ein Adler flog mit ausgebreiteten Schwingen am Ufer entlang, er würde sich vermutlich den Hasen holen, der sonst in eine von Vaters Schlingen gegangen wäre. Und Hasen waren rar.

Der Junge blieb stehen. Vor sich sah er eine Luftblase unter dem Eis. Er ging näher heran. Er wartete, und kurz darauf stieg ein kleines Bläschen auf und legte sich zu der großen unterm Eis, und dann kam noch eines. Hier schlief und träumte der Aal.

Er legte den Fischspeer beiseite, schätzte die Größe der Luftblase ab. Er ging in die Hocke und schlug mit dem Spitzhammer. Es dröhnte, das war nicht zu vermeiden, aber der Aal floh noch nicht, vielleicht dachte er, daß es ihn nichts anginge.

Ein Loch war entstanden, Wasser schwappte auf das Eis. Der Junge säuberte die kleine Öffnung von Eissplittern. Er stand auf und nahm den Speer. Er spürte Angst in der Brust und schaute sich um.

Der Adler schwebte über dem gefrorenen Gras des Uferstreifens und flog dann in niedriger Höhe hinüber zum Wald, wo er aufstieg. Er hatte nichts zwischen den Klauen, er hatte sein Ziel verfehlt. Ach ja, lieber Adler, sagte er zu sich, nun bist du wohl enttäuscht.

Er wurde auf einmal froh. Gut, daß es Fehlschläge gab, auch für Adler.

Dann stand er ganz still. Den langen Speer hatte er mit beiden Händen umfaßt, die Spitze zeigte auf das Loch. Er stieß zu. Seine ganze Kraft legte er hinein, und er fühlte, wie seine Seele ein Stück mit hinunterging in die Tiefe des Sees.

So blieb er, sein ganzes Gewicht nach vorne gelegt, still stehen. Er holte tief Luft, bewegte den Speer ein bißchen und meinte, den Widerstand des Aals zu spüren.

«Danke, kleiner Aal», sagte er, «danke, daß du so treu bist.» Es konnte nicht anders sein. Da steckte ein Aal an der Harpune. Er zog den Speer ein, noch war es zu früh, stolz zu sein.

Er sah den gelbgrünen Rücken unter dem Loch. Er hatte ihn in den Nacken getroffen, das Tier zappelte heftig, und er mußte sich bücken und mit der Hand zupacken, um es zu beruhigen, bevor er es durch das Loch ziehen konnte.

Ein Riesenaal. Hoffentlich war es nicht der Aalvater selbst. Das Eis dröhnte. Wollte es aufbrechen und ihn verschlingen?

Ein Aalriese. Wie würde sich seine Mutter freuen, sie war ja so hungrig, ständig saß sie da und schälte die Rinde von den Scheitern, um vielleicht ein flaches, kleines Lebewesen zu finden, das sie zerbeißen konnte, um den Hunger ein wenig zu stillen.

Der Aal schlängelte sich am Speer und auf dem Eis, und er wußte plötzlich nicht mehr, was er tun sollte. Er hatte Vaters Messer und den Korb vergessen. Er mußte den Aal am Speer oder mit den Händen nach Hause tragen. Dumm.

Während er noch überlegte, befreite sich der Aal. Der Junge sah, wie der Aal über das Eis schlängelte, rutschend und wieder Halt findend, in rasender Geschwindigkeit, der Junge stürzte hinterher, warf sich auf das Tier und packte es mit beiden Händen. In dem Aal steckte eine unglaubliche Kraft und eine unglaubliche Geschmeidigkeit.

«Du großer Riesenaal», sagte er, «sei doch treu. Komm heim mit mir zu meiner Mutter, die solchen Hunger hat.»

Und der Aal zögerte wirklich einen Augenblick und noch einen. Vielleicht waren es die Luft und die Kälte, vielleicht war es das Flehen des Jungen.

Der Aal hatte ihn verstanden. Das Tier zuckte nur noch ein paarmal, er konnte es in Ruhe betrachten. Er hielt es in einer Hand, direkt hinter dem Nacken.

Mit Speer und Hammer in der linken und dem Aal in der rechten Hand machte er sich auf den Heimweg. Als er in Sichtweite der Hütte war, sah er, wie der Vater aus der Tür trat, um die Ecke bog und ihn schließlich erblickte. Der Vater stand unten am Ufer neben dem Boot, als der Junge an Land kam. Der Vater nahm ihm den Aal ab und nickte.

«Aale sind sehr treu», sagte er, und gemeinsam gingen sie hinauf zu ihrer Hütte.

Und als sie oben standen und der Aal im Korb lag, lachten sie, zuerst ein bißchen, dann richtig, zuerst der Vater, dann der Sohn, und sie umarmten sich und lachten und rieben sich gegenseitig die Arme.

«Jetzt wird sich die Mutter freuen», sagte der Vater.

Das würde sie wohl.

Der Junge lehnte den langen Aalstecher gegen die Dachtraufe der Hütte.

Sie setzten sich ans Feuer, der Vater stocherte in der Glut und legte Brennholz auf, bis die kleinen Flammen emporzüngelten und dünner Rauch am Boden entlang zur Tür hinaus kroch. Sie schliefen nicht, aber sie träumten ein bißchen, bis sie die Stimmen von Mutter und Tochter aus der Ferne hörten. Jetzt kamen sie aus dem Wald, und sie redeten die ganze Zeit, die Tochter eifrig, die Mutter erklärend. Jetzt waren sie bei der großen Eiche, die beiden am Feuer hörten es, und jetzt stiegen sie zur Hütte hinunter, ständig redend, die Mutter ging voran, dahinter die Tochter, als letzter der Hund.

Jetzt waren sie schon ganz nahe, und der Vater erhob sich und ging hinaus, um sie zu begrüßen. Der Junge, der noch keinen Namen hatte und nur Mutters Junge genannt wurde, blieb sitzen und lächelte bei dem Gedanken, was die Mutter und die Schwester wohl sagen würden.

Die Stimme der Mutter war so laut und schrill. Das verhieß nichts Gutes. Sie hatten wohl nichts gefunden. War wirklich kein einziger Pilz aus dem morschen Baumstumpf oder einem gespaltenen Stamm gewachsen? Hatten nirgends ein paar gefrorene Beeren unter dem Schnee überwintert, nur Haut mit ein bißchen Saft, der nach süßem Herbst schmeckte? Oder eine Handvoll guter Grassamen, die man zwischen zwei Steinen zermahlen konnte und damit den Mund füllen? Oder einige lange Streifen rötlicher Weidenrinde, auf denen man kauen konnte? Hatten sie nichts davon mit heimgebracht?

Die Mutter und die Schwester unterbrachen ihr Gespräch, als sie den Vater vor der Tür stehen sahen. Der Vater sah so verschmitzt aus, und der Junge hörte, wie die Mutter auf einmal mit der Schwester wisperte und tuschelte. Sie schlichen auf leisen Sohlen näher, der Hund umkreiste sie schnüffelnd, und der Junge stellte sich vor, wie der Vater den Korb öffnete, in dem sich der Aal wand, und alle standen da und freuten sich über den herrlichen Anblick des dicken, langen Aals.

Die Mutter schaute den Vater an, und der deutete zur Feuerstelle, wo der Junge sich abwandte, sich nicht regte, bis er spürte, daß die Mutter ihn lächelnd anblickte. Da lachte er, und sie lachte, und sie lachten alle zusammen. Der Vater hielt den Aal in die Höhe, und der Junge trat heraus, und in diesem Augenblick sah er, wie der Adler nach unten stieß.

«Jetzt nimmt er sich den Hasen», rief er, und der Vater schaute in dieselbe Richtung, und sie sahen den Adler mit mächtigen Flügelschlägen aufsteigen, einen Hasen in den Klauen, vielleicht war es ihrer.

«So ist es, wenn man einen Adler zum Nachbarn hat», sagte die Mutter.

Hasen schmecken besser als Aale, sie spürte es im Magen und auf der Zunge, schon lange hatten sie kein Fleisch mehr gegessen. Die Fallen waren leer, wenn sie nachsahen, vielleicht, weil sich die Hasen in den Äkkern der Bauern aufhielten oder weil irgendeiner der Siedler glaubte, man könne sich ruhig einen Hasen aus ihren Fallen mitnehmen. Mitten in ihrer Freude über den Aal wurden sie traurig.

Die Mutter zeigte, was sie gesammelt hatte. An allem klebte grünes Moos, aber sie hatte nasse, gelbe Schwämme und bläulich-weiße Pilze gefunden. In einer Ecke des Korbes lagen einige Handvoll gefleckter Moosbeeren aus den Waldniederungen, in denen auch in den trockensten Sommern das Wasser stand. Die Mutter teilte sie sofort aus, und sie schmeckten den kalten, bitteren Saft.

Ach, wie geschickt die Mutter doch war, jedesmal fand sie etwas. Sogar im tiefsten Winter scharrte sie an bestimmten Stellen, die sie genau kannte, den Schnee weg und fand irgendwelche Beeren. Sie war so geschickt, und die Schwester stand hinter ihr und sagte nichts, denn was hatte sie gefunden?

Sie hatte unter der Kiefernrinde sieben flache Käfer gefunden.

«Aber die habe ich gleich gegessen», sagte die Mutter und lachte breit. Doch dann wurde sie aufgeregt.

Sie hatten Hirschspuren entdeckt. Es mußte ein großer Hirsch sein, denn die Spuren waren tief und breit.

Der Vater hörte zu und wandte sich ab.

«Hirsche sind zu groß», sagte er, als die Mutter drängte. «Viele Tagemärsche gehen sie, quer über die Felder der Bauern, der Hirsch kann laufen, wo er will, wir nicht mehr.»

Unsicher schaute er den Jungen an, und der Junge sah die Trauer in seinem Blick.

«Kleine Hasen», sagte der Vater, «kleine Hasen in Schlingen und Fallen, und Vögel, aber Hirsche ...»

Er wandte sich ab.

Sie waren auch auf Menschenspuren gestoßen, waren ihnen unauffällig gefolgt bis zu einem Acker, wo sie einen Bauern gesehen hatten, eingehüllt in sein Wams und mit der Kapuze auf dem Kopf war er auf dem Weg zum Dorf, wo der Rauch aus allen Dächern aufstieg. Er hatte sie nicht gehört. Es war so einfach, einen Bauern zu überlisten.

«Sie haben Ohren wie wir», sagte die Schwester, «aber sie hören nichts.»

«Sie verlieren von dem Gebrüll ihrer Tiere das Gehör», sagte der Vater, «sie riechen nicht mehr den Duft der Blumen und erkennen nicht den Geruch des Wilds, weil sie in Rauch- und Mistgestank leben. Keiner von ihnen versteht es, mit einem Vogel zu sprechen, keiner kann einen Fisch anrufen. Für Brot und Käse mühen sie sich ab und lassen einander schuften und wissen nicht, was die Welt ist.»

Sie schauten den Vater an und wollten mehr hören.

«Sie haben uns aus unseren Jagdgründen vertrieben. Sie brennen den Wald ab um des Brotes willen und vermehren sich und zeugen und schaffen riesige Sippen. Und wo bleiben wir? Wo haben wir Verwandte, wo sind die anderen von unserem Volk? Zur Zeit meiner Eltern waren wir viele, zur Zeit meiner Großeltern gab es noch dichte Wälder, und die Hirsche tranken im Sommer in den Waldniederungen. Früher, als unser Clan entstand, waren wir hier die Menschen. Aber die Bauern lassen uns nicht leben. Welche Absprachen wir auch treffen, sie brechen alle. Sie brennen die Wälder nieder, und für die Nester der Vögel gibt es bald keinen Zweig mehr. Legen wir ihnen einen fetten Aal oder eine der ersten Schnepfen als Geschenk an den Waldrand, geben sie uns dafür nur Schund und gebrauchtes Zeug, zum Schein und aus Angst, wir könnten einen ihrer Männer beim Pflügen oder Säen auf dem Acker mit Pfeilen beschießen, oder wir könnten in einer ihrer Töchter den Rausch der Liebe wecken, sie mit zu unseren Wohnplätzen nehmen und sie verstecken, bis sie nicht mehr zurückkehren will. Diese Schmach fürchten sie am meisten.»

«Unser Unglück ist groß», sagte die Mutter, und Tränen standen in ihren Augen, «aber nun wollen wir uns über den feinen Aal und die guten Pilze freuen, die so treu zu uns halten.»

Der Vater brach auf, um nach den Schlingen zu sehen. Die Mutter setzte sich ans Feuer, um ein bißchen zu singen. Der Junge und seine Schwester gingen hinunter zu der kleinen Quelle, die am Fuße des Hügels plätscherte. Am Rande war dünnes, sprödes Eis, das sie sich auf die Zunge legten und schmelzen ließen. Unter dem gefrorenen Grassaum schwammen manchmal winzige Fische. Das Wasser strömte schnell den kurzen Weg hin zum See, an der Mündung verschwand das offene, dunkle Wasser hinter Weidenbüschen, wo im Sommer die Singvögel in den Ästen saßen. Sie schöpften Wasser, wo der Grund sandig und hell war, schlürften es und ließen es durch die Finger laufen. Das machten sie, bis es lauwarm war. Sie machten ihre Gesichter naß, ihre Augenbrauen und ihre Ohren, sie genossen es, so naß und erfrischt zu sein. Sie schnieften das Wasser in die Nasenlöcher und prusteten es wieder aus, sie gurgelten damit im Mund und spuckten es in weitem Bogen aus. Man konnte Wasser für so vieles benützen. War Wasser nicht etwas Einzigartiges?

Der Hund gesellte sich zu ihnen, er stellte sich mit den Vorderbeinen ins Wasser und schlabberte und schlabberte.

«Mutter sagt, daß bald Neumond ist», sagte die Schwester, «dann wirst du uns wohl verlassen?»

Der Junge schaute sie an und schwieg.

«Du bist noch so klein, sagt Mutter, aber jetzt ist es Zeit für dich, sagt sie, sie spürt, daß du einen Namen brauchst, und deshalb mußt du für einige Zeit weggehen.»

Er fuhr mit den Fingern durchs Wasser. Er dachte nach. Er begann, mit beiden Händen aufs Wasser zu klatschen, da entstanden Laute, hohle Plätscherlaute, und die Schwester machte es ihm nach. Wasser war wirklich etwas Einzigartiges.

Der Hund schaute ihnen zu, und das Wasser troff ihm aus den Mundwinkeln. Sie klatschten und sangen, es wurde schon dunkel, als sie heimgingen.

2

Die Dämmerung kam jetzt langsamer, die Tagundnachtgleiche war vorüber. Noch lange nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, leuchtete der graue Himmel rosa und rot. Der Wind schlief ein, und in der Stille vernahm man nur das Dröhnen des aufreißenden Eises, das leise Rieseln der Quelle und die Schreie der Eulen in der hohen Eiche.

Die Mutter schürte das Feuer. Sie hatte die Haut des Aals am Nacken aufgeschnitten, hatte sie vorsichtig abgezogen, jetzt wickelte sie das Fleisch des Fisches in Kräuter. Dann streifte sie die Haut vorsichtig wieder über den Aal. Sie legte ihn in die heiße Asche, und wenn der Vater heimkam, würden sie ihn essen, tropfend und warm. Die Mutter redete leise mit sich selbst und sang, und sie horchte, ob sie schon Schritte vom Seeufer her hörte, denn von dort mußte er kommen.

«Vater wird sicher ein niedliches Hasentier mit heimbringen», sagte sie, oder: «Bestimmt bringt er uns einen Hoppelmann, mit Fett am Rücken und Fett an den Läufen. Mmm.»

Sie hatte solchen Hunger, ihr Magen war so leer.

«Schaut mich an, wie wintermager ich bin», sagte sie, «und wie ihr ausseht, nur Haut und Knochen. Wenn wir doch heute und morgen einen Hasen essen könnten.»

Mit der Dämmerung kam jedesmal eine kleine Maus. Mit gespitzten Ohren und blitzenden kleinen Augen saß sie da und guckte den Jungen an, bis er ihr die Hand hinstreckte. Dann sprang sie in seine Hand, schnüffelte prüfend und lief rasch seinen Arm hinauf bis zur Schulter, wo sie sich hinsetzte und ihm in die Augen schaute. Sie machte Männchen, wackelte mit den Vorderbeinen, und ihre Barthaare zitterten. Jeden Tag erzählte sie über das, was sie erlebt hatte, erzählte von anderen Feldmäusen, die in die Dörfer gelaufen waren und in großen, mit Getreide gefüllten Tontöpfen lebten und die so schreckliche Angst vor dem Sterben hatten.

«Mich kann höchstens eine Eule oder ein Fuchs erwischen», sagte sie, «das soll gar nicht weiter schlimm sein. Sterben, was ist schon Schlimmes dabei? Meine Mutter sagt, man soll schreien, so laut man kann, wenn man von einem Fuchs oder einer Eule gepackt wird. Ganz laut, hat sie gesagt. Dann tut es überhaupt nicht weh.»

Der Junge streichelte die Maus und nahm sie behutsam in seine Hand, ihr langer Schwanz hing nach unten, und ihre spitze, lebhafte Schnauze reckte sie nach vorne.

Durch den leichten Rauch des Feuers sah er die Augen der Schwester. Sie verfolgten jede seiner Bewegungen, und er bemerkte, daß in ihrem Blick viel Traurigkeit lag.

«Jetzt kommt Vater», sagte die Mutter, sie kratzte die glühenden Holzscheiter auseinander, legte den Aal in die Asche, häufte Glut und Asche darüber und klatschte in die Hände, bis sie sauber waren.

Das Gesicht des Vaters erschien in der Türöffnung. Er hielt drei Hasen, die er zusammengebunden hatte, in den Schein des Feuers. Der Junge setzte die Maus neben sich auf den Boden, aber sie folgte dem Jungen und seiner Schwester, die die Beute aus der Nähe betrachteten, und sie lachten, zuerst die Mutter und dann der Vater, sie lachten über den Fang, und sie hängten ihn an den Dachbalken. Der Hund beäugte sie neidisch von draußen und schnüffelte verhungert.

Jetzt litten sie keine Not mehr.

Während sie den tropfenden, warmen Aal verspeisten, der nach Thymian und Petersilie schmeckte, erzählte der Vater von den Funken, die man aus den Feuersteinen schlägt, und davon, wie man die kleinen Funken in dem weichen Baumschwamm hütet, wie man sie durch Blasen zum Leben erweckt, damit sie wachsen und zu einer mächtigen Flamme werden.

Später am Abend ging der Vater hinaus, und durch die geöffnete Tür sahen sie, daß der Himmel sich geöffnet hatte. Die Wolkenschicht lag wie ein leichter Nebel über dem See, am Himmel hingen die Sterne, hell zukkend, als wollten sie sich losreißen, zur Erde stürzen oder auf und davon fliegen.

Nachts konnte es noch ziemlich kalt werden, aber wenn der Himmel klar blieb, würde die Sonne tagsüber wärmen, und sie konnten an der Hüttenwand sitzen und den Frühling erwarten.

Die Maus piepste in ihrem Loch, als wollte sie etwas erzählen. Die Holzscheiter im Feuer zischten, draußen auf dem See krachte das Eis. Sie waren gesättigt und gähnten vor Müdigkeit.

«Vater wird bald kommen», sagte die Mutter, «er hält Ausschau nach Frühlingszeichen.»

Und gleich darauf erschien er, beinahe lautlos, und öffnete die knarrende Tür. Die Schwester sah die schmale Mondsichel über See und Wald. Sie schaute den Bruder an, und er schaute sie an. Er wußte, woran sie dachte. Er holte tief Atem und blickte weg, dorthin, wo die Hütte dunkel war.

Vater und Mutter schwiegen. An den Schatten erkannte er, daß die Mutter unter die Felle des elterlichen Schlafplatzes kroch und daß der Vater sitzen blieb, die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf nachdenklich gesenkt.

Das Eis krachte. Die Maus piepste in ihrem Loch, und im Schilfdach raschelte es, wenn der Bruder der Maus, der Zaunkönig, sich im Schlaf bewegte. Bald begann die Mutter leise zu schnarchen, und vom Bett der kleinen Schwester hörte er leichte Atemzüge. Seine zarte, zerbrechliche Schwester.

Er spürte, wie der Schatten des Vaters die ganze Hütte ausfüllte, als er das Feuer verließ und zur Mutter unter die Felle schlüpfte. Er hörte ihn einmal tief seufzen, ehe er einschlief und leise zu schnarchen anfing.

Ab und zu knisterte das Feuer, die kleinen Flämmchen züngelten um die Scheiter, versteckten sich in den langen Rissen und kamen am Rücken oder unter dem Bauch des Holzes wieder zum Vorschein. Im Laufe der Nacht würden sie sich schlafen legen, tief drinnen im Holz, bis ihnen die Mutter am Morgen neues Leben einblies. Zuerst würde das Holz aufglühen, dann kämen die Funken und schließlich die Flamme, und dann würde die Mutter ihre Hände wärmen und der Tag beginnen.

Wenn der Vater irgendwelche Zeichen am Himmel oder auf der Erde entdeckt hatte, war die Zeit für ihn gekommen, dann würde der Junge aufbrechen müssen, um seinen Namen zu finden. Ein bißchen fürchtete er sich davor, aber nur ein bißchen. Er mußte allein losziehen, doch sie würden ja auf ihn warten. Sie würden von ihm reden und ihn mit ihren besten Wünschen begleiten. Dann war es nicht so schlimm. Er lächelte vor sich hin. Hatte er nicht heute ganz allein einen Aal gefangen? Die Aale waren wirklich treu. Ob er sich auf die Vögel und Hasen auch verlassen konnte?

Er war nicht zaghaft, er hatte nur Angst, es zu werden. Auf einmal ist man wie gelähmt und fürchtet sich vor jeder Bewegung.

«Hast du manchmal Angst?» hatte er seine Mutter einmal gefragt.

Und ob sie Angst hatte.

«Ich singe für meine kleine Angst», sagte sie, «sie wohnt in mir und möchte, daß ich für sie singe, dann schläft sie ein.»

Er konnte das nicht. Er hätte gar nicht gewußt, was er hätte singen sollen. Er mußte still sein und singen lernen.

Er war müde, aber er konnte nicht einschlafen. Bis in die Morgenstunden wälzte er sich unter seinen Fellen hin und her.

Da erschallten hoch oben über dem Dach Vogelrufe.

Der Vater drehte sich im Schlaf um. Die Rufe erklangen dreimal, und sie tönten jedesmal neu. Es war wohl ein ganz neuer Vogelschwarm, der in größeren Abständen flog. Es war Zeit, vielleicht auch seine Zeit.

Er schlief ein und erwachte erst, als es längst hell war und der Zaunkönig zwitschernd durch die geöffnete Tür hinaushuschte.

Er merkte, daß er allein in der Hütte war, und stützte sich auf, um hinauszuschauen. Er hörte die Stimmen der kleinen Schwester und der Mutter, ehe er ihre langen Schatten sah. Sie saßen an der Sonnenseite der Hütte und wärmten sich, wie lange hatten sie alle davon geträumt.

Er stand auf, er ging hinaus. Sie mußten ihn gehört haben: Mutters Gesicht erschien hinter der Giebelwand und schaute ihm entgegen.

«Ah», sagte sie, «kleiner Mann, komm und setz dich zu uns, hier ist es warm, herrlich warm.»

Er setzte sich zu ihnen und ließ sich wärmen und ließ sie reden, als wäre er nicht da. Einmal redete die eine, einmal die andere. Nun konnten sie bald frische Wurzeln aus der Seewiese ausgraben, überall im Wald würden gute Pilze wachsen, die Schnepfen würden durch die Farne laufen und die Enten im Schilf schnattern, sie würden Eier aus den Nestern holen und die Dotter voller Leben und Kraft verschlingen, sie würden dick werden, prall und schön wie der Sommer. Vielleicht würde es neue Felle von Fuchs und Reh geben, und sie konnten sich neue, weiche Kleider nähen.

Vielleicht, vielleicht.

Wer wußte das schon.

Der Junge schaute nach dem Vater aus, aber auf der glatten Eisfläche war niemand. Er streifte wahrscheinlich bloß herum oder saß still bei einem Busch oder am Waldrand und lauschte, wie das Gras wuchs und ob sich etwas Lebendiges regte. Auf diese Weise würde er erfahren, wann die ersten Schnepfen auftauchten und wohin er mit Bogen und Pfeil zu gehen hatte.

Wenig später tauchte der Vater bei der großen Eiche auf. Er ging ganz langsam, schaute immer wieder hinaus auf einen entfernten Punkt über dem See. Er schien fest davon überzeugt, daß von dort etwas kommen müsse.

Schließlich erblickten auch sie den Vogelschwarm, bald gesammelt, bald einzeln kamen sie über den See geflogen. Sie hörten ihre Schreie und sahen die Vögel, wie sie mit kräftigen Flügelschlägen, die Beine nach hinten und den silbergrauen Kopf mit dem roten Scheitel vorgestreckt, durch die Luft brausten. Sie sahen ihre Augen, die im Fieber des Fliegens nach vorn gerichtet waren, hin zu dem Ort, zu dem sie zurückkehren wollten, um dort im Frühsommer zu jagen und zu brüten.

Der Vater stieg den Hügel hinauf und setzte sich zu ihnen.

«Du hast gesehen, wohin sie geflogen sind», sagte er zu seinem Sohn.

Der Junge nickte.

«Es wird das beste sein, wenn du dich in diesem Sommer auf den Weg machst», sagte der Vater, «finde drei rote Kranichfedern für deine Mutter, sie wird die Federn in ihrem Brustbeutel aufbewahren. Dann wirst du einen Namen bekommen, damit dich alle kennen und du alles kennenlernen kannst.»

Der Sohn bemerkte, wie sich Mutter und Schwester anschauten. Er wandte sich ab, blickte über den See und hinunter zur Quelle und zu der großen Eiche, er entdeckte den Zaunkönig, der auf einem Grashügel saß und sich noch kleiner machte. Dann sah er den Vater an und sagte:

«Ich glaube auch, daß es gut ist, wenn ich in diesem Sommer drei rote Nackenfedern von den Kranichen hole.»

Er zögerte ein bißchen und blickte zum Zaunkönig hinüber.

«Vielleicht wird er mir helfen, vielleicht wird auch die Maus alle ihre Mäuseschwestern bitten, mir zu helfen. Die kleinen Wesen können den großen helfen, das habe ich erfahren. Meinst du, ich soll heute gehen?»

Der Vater nickte.

«Es dauert viele Tage, den Sommerplatz der Kraniche zu finden», sagte er, «es dauert den ganzen Sommer, fortzugehen und wieder heimzukehren. Laß dir Zeit, sonst kommst du nie ans Ziel.»

Der Junge, der noch keinen Namen hatte, blickte die Mutter und die Schwester an, die dasaßen und sangen und so taten, als ob sie gar nicht zuhörten. Die Schwester schaute in eine ganz andere Richtung, und die Mutter schaute ihn erst an, als er aufstand, um dem Vater in die Hütte zu folgen. Der Hund wollte hinterhertrotten, legte sich dann aber wieder an die warme Giebelwand.

Der Vater hatte einen kleinen Beutel aus festem Leder für ihn, mit Feuerstein und Baumschwamm, er hatte ein Messer mit einem Knochengriff, auf den die Geschichte des Clans mit Zeichen eingeritzt war, und er hatte eine Angelschnur und einen Haken.

«Mehr brauchst du nicht», sagte der Vater.

«Und reize die Baummarder nicht, von ihnen stammt unser Clan ab, laufe nicht über die Felder der Bauern, bleibe an den Waldrändern und den Ufern der Gewässer. Wirst du von Fremden überrascht, sprich kein Wort. Wenn es sich nicht vermeiden läßt, gebärde dich wie ein Verrückter, lache, singe, sonst locken sie dich zu sich und machen dich zu einem der Ihren, und du bist nicht mehr du selber. Es ist schon passiert, daß Knaben erst als alte Männer zurückkehrten, in gewebte Kleider gehüllt, und sich vor ihrer Sippe entschuldigten, von Brot, Grütze und Milch erzählten. Vor ihnen fliehen in Zorn und Enttäuschung alle Waldtiere, sie sprechen nicht zu ihnen und raten ihnen nicht, was sie tun sollen.»

Die Mutter und die kleine Schwester kamen in die Hütte, das Feuer wurde angefacht, die Mutter zog einem der Hasen das Fell ab, weidete ihn aus, verwahrte Leber und Herz und warf dem Hund die Eingeweide hin. Dann erwärmte sie den flachen Stein, legte das Fleisch darauf, wendete es in weißer Asche und reichte dann dem Sohn Herz und Leber. Das sollte ihm guttun, und sie sahen zu, wie es ihm schmeckte.

«Mmm», sagte die Mutter, «Herz und Leber vom Hasen, das macht einen kleinen Mann munter, er wird wie ein springender Hase im saftigen Gras, er vergißt jeden Kummer, und nichts macht ihn traurig.»

Danach aßen sie gemeinsam den Hasen.

Sie legten sich auf ihre weichen Moosbetten und waren gleich eingeschlafen. Auch der Junge, der noch keinen Namen hatte, schlief. Ganz rasch schlief er ein, und er träumte nichts, bis er als erster am Nachmittag erwachte, an dem er aufbrechen wollte.

3

Der Junge, der noch keinen Namen besaß, hatte sich von seiner kleinen Schwester und vom Hund am Waldrand verabschiedet. Er hatte gesehen, wie die Schwester auf dem Trampelpfad heimwärts ging, wie sie sich umdrehte und winkte und wie der Hund ihm fragend nachschaute; er war ihnen mit den Augen gefolgt, bis sie beinahe die Hütte erreicht hatten, erst dann folgte er dem schmalen Weg in den Wald, der sich bald verlieren wird, der zwischen den Bäumen fast verschwindet, wenn er erst ein Stück gegangen sein wird.

Die dicken Wurzeln der Eichen schlängelten sich über den Waldboden, zwischen den Bäumen wucherte Dornengestrüpp, das im Sommer weiß blühte, und ein paar einzelne hohe Buchen überragten sogar die mächtigen Eichen.

Überall wuchs mageres Gras, kleine Waldsenken waren mit blankem Eis überzogen und umgeben von froststarren Grasbüscheln und Schilfrohren, an denen Libellen hingen und sich an den warmen Tagen ausruhten.

Er ging an dem höchsten Baum, der im Wald stand, vorbei, einem gewaltigen Riesen mit blaugrüner Krone, in der sich ein Adlernest befand, das noch unbewohnt war. Was sollte ein Adler auch mit einem Nest, wenn das Weibchen keine Eier ausbrütete. So saß er nahe beim Stamm auf seinem Ast und schlief mit offenen Augen.

Der Junge bewegte sich zögernd, bei jedem Laut, den er hörte, blieb er stehen, nicht aus Angst, sondern nur, um den Wald kennenzulernen: das Knacken der Zweige, die Schreie des Spechts, wenn er aufflog, das Tschilpen der Spatzen. Die Sonne schien bis zum Abend, das Licht lag in den Baumkronen, aber zwischen den Bäumen hindurch sah er die Felder der Bauern, groß und ausgedehnt und voller Sonne.

Er wollte nicht zu weit gehen, er hatte die Tage vor sich, wollte bloß bis dorthin, wo der Vater und er schon einige Male gewesen waren, wo es aber anfing, fremd und ein bißchen unheimlich zu werden. Vor ihm lag eine lange und bitterkalte Nacht.

Er erreichte den schmalen Wasserlauf, dem folgte er bis zu der Quelle am Fuße der Anhöhe im Wald. Der Grund war sandig, und im Schutze der Böschung standen dunkle Forellen, bewegten sich nur leicht in der Strömung. Er konnte sie mit bloßen Händen fangen, eine nach der andern, es waren drei, und das reichte für sein Abendessen. Forellen waren eben treu. Er kniete neben der Quelle; an vielen Stellen im Wald stieg Wasser auf, plötzlich war es da, direkt aus der Erde. Die Mutter sagte, es sei ein großer Frosch, der all das Wasser gebäre. Die Erde konnte es nicht sein, die Erde war nicht fähig, Wasser zu gebären. Es mußte ein Frosch sein, kein Fisch, denn ein Fisch hielt sich nur im Wasser auf und nie an Land, und an Land mußte man sich aufhalten können, wenn man die Gewässer gebären wollte. Es war ein Frosch, aber er zeigte sich nicht. Sogar bei einem langen Gewitter konnte er das Wasser der Quelle gebären. Das nannte die Mutter einen Segen.

Als er die Fische mit seinem Feuersteinmesser in dünne Scheiben geschnitten und gegessen hatte, ging er am Bach entlang zurück zum Pfad. Er wollte den Bach überqueren, aber die Ufer waren lehmig, er stieg hinunter und wieder hinauf und mußte schließlich zum Pfad zurückkehren, der sich nun weiterschlängelte hin zu den sonnenbeschienenen Feldern der Bauern.

Er blieb stehen, als er zwischen den Bäumen drei magere Kühe sah, die mit schlenkernden Schwänzen hintereinander herliefen, gefolgt von einer Frau in einem langen, gewebten Kleid und einem um den Kopf gebundenen Tuch. Sie hatte einen Stock in der Hand, mit dem sie ab und zu auf die hinterste Kuh einschlug. Er ging langsam hinterher, aber sie hörte ihn nicht, obwohl unter seinen Füßen ein Zweig zerbrach. Als sie sich dem Waldrand näherten, wurde die Frau von der Sonne geblendet, und sie beschattete mit der freien Hand ihre Augen, um den Weg zwischen den Bäumen zu sehen. Sie trat hinaus auf das sonnige Feld, die Kühe blieben stehen und drehten sich zu ihr um. Da hob sie beide Hände und rief, den Stock hoch in der Luft schwenkend, «hoja, hoja, hoja», so klang es. Da drehten sich die Kühe wieder um und liefen wieder in der alten Reihe, es schien, als würden sie gerne das tun, was die Frau wollte.

Erst als sie aus dem Wald heraustrat, blickte sich die Frau um, und vielleicht sah sie ihn, vielleicht auch bloß seinen Blick, denn er sah den ihren, einen gespannten Blick in einem ängstlichen Gesicht. Sie schaute sich noch mehrmals um, während sie über die Felder auf das Dorf zuging, wo der Rauch wie hohe Bäume über den Dächern stand. Jetzt würden sie vielleicht aus ihren Häusern kommen und miteinander darüber reden, was sie gesehen hatte, und sie würde zum Waldrand deuten, daß es da und da gewesen sei, und ihre Stimmen würden sehr laut werden, bis die Bauern schließlich wieder in den Häusern verschwanden.

So hatten er und der Vater es im vorigen Sommer erlebt.

Der Junge wartete. Er hörte ihre Rufe, «hoja, hoja», während sie die Kühe in die geflochtene Umzäunung trieb, dann hörte er eine Männerstimme, ihre Stimme wurde scharf und schrill, andere Stimmen kamen hinzu. Es wurden viele Stimmen, auch von Frauen, ein kurzes Schweigen, bis sie erneut anfingen. Er verstand nichts von dem, was sie sagten, erkannte aber am Tonfall, daß die Männer keine Lust hatten, jetzt, in der Dämmerung, aufzubrechen, um aufzustöbern, was immer sie gesehen hatte. Sie sagten offenbar, daß die Frau sich getäuscht und gar nichts gesehen habe. Er hörte den Spott in ihren Stimmen und als letztes die keifende Stimme der Frau.

Dann trat Stille ein. Eine Tür ging, Kinder kamen heraus, schrien und johlten, dann Mütter, die sie wieder hereinriefen, ein Lamm, das blökte, ein bellender Hund.

Der Junge kehrte in den Wald zurück. Er sah noch genug im Halbdunkel. Er lief weiter, wollte bald an der Stelle sein, die ein bißchen fremd war. Der Weg führte leicht aufwärts auf einen Hügel. Hier war er vor einigen Wintern mit dem Vater auf ein Wildschwein gestoßen, das sich mit Eicheln vollstopfte. Der Vater hatte zwei oder drei Pfeile abgeschossen, hatte gut getroffen, aber der Eber war zum Angriff übergegangen. Der Junge hatte sich auf einen Baum geflüchtet, und der Vater hatte mit dem Speer zugestoßen und Glück gehabt. Gemeinsam hatten sie das Tier auf langen Ästen nach Hause getragen. Da hatte die Mutter endlich genügend Fleisch bekommen.

Auf der anderen Seite des Hügels fiel das Gelände zu einer Talsenke ab, in der ein Flüßchen floß. Er suchte im Halbdunkel nach einer Stelle, wo er ans andere Ufer gelangen konnte, tastete mit dem Fuß nach der Sandbank, die er kannte und die schräg von einem Ufer zum andern verlief. Jenseits der Sandbank war die Strömung stark und tief. Dieses letzte Stück mußte er überspringen. Er landete auf der anderen Seite im gefrorenen Gras und stieg den bewaldeten Hang hinauf. Es war inzwischen dunkel geworden, und er beschloß, sich einen Schlafplatz zu suchen. Es gab genug Astgabeln, wo er die Nacht über sitzen konnte, aber sie sollten mindestens in Mannshöhe über dem Boden liegen und breit genug sein, damit er sich nicht anklammern mußte und sich gegen den Stamm lehnen konnte.

Er ging von Baum zu Baum, fand schließlich einen, schwang sich hinauf in die Astgabel. Er schaukelte ein wenig und stellte fest, daß es gut war. Wenn er jede Nacht so einen Schlafplatz fand, konnte er zufrieden sein.

Unter ihm raschelten die Mäuse im dürren Laub und knabberten Eicheln. Wenn eine von ihnen piepste, klang es wie daheim. Es kamen immer mehr, offenbar war es eine nahrhafte Stelle. Plötzlich bemerkte er, daß ihn zwei runde, leuchtende Augen vom Nachbarbaum aus beobachteten, eine Waldohreule, die nur auf ihre Zeit wartete. Er hörte, wie sie fast geräuschlos durch die Zweige nach unten glitt und sich eine Maus holte. Kurz darauf flog sie auf ihren Baum zurück und wartete, bis die Mäuse sich wieder auf ihrem Platz eingefunden hatten.

Er schlief nicht, da ihn trotz des wärmenden Fellwamses fröstelte. Schlafen konnte er tagsüber, er döste nur und dachte an Mutter und Vater und die kleine Schwester daheim in der Hütte. Obwohl sie schliefen, würden sie an ihn denken, besonders die kleine Schwester würde viel an ihn denken. Es war ein schönes Gefühl, daß sie an ihn dachten, gute Gedanken dachten, und ihm wurde richtig warm.

Wieder schwebte die Eule zu Boden, stillte ihren Hunger und kehrte auf ihren Baum zurück. Er hörte es im Halbschlaf, er hörte auch, daß sie gegen Mitternacht wegflog und im Wald verschwand. Er sah den gedrungenen Körper mit den kurzen, breiten Flügeln vor sich und hörte das Sausen der Luft, als sie davonflatterte.

Es wurde kalt. Spät in der Nacht, wenn die Sterne hell leuchteten, und gegen Morgen war es am kältesten. Das kannte er von der Hütte. Das Feuer ging fast aus, der Rauch hing unter dem Dach, es qualmte, und jeder wälzte sich zitternd im Bett. Man sehnte sich nach dem Morgen und gleichzeitig nach mehr Schlaf, nach tieferem Schlaf.

Er sah die Äste und Stämme im Dunkeln, ahnte die Bäume des Waldes. Allmählich sah er alles deutlicher, hoch am Himmel wurde es hell, es tagte, und während er ungeduldig darauf wartete, daß das Licht wuchs, war es wie immer mit einem Mal hell. Es war Tag. Er sprang vom Baum und lief auf und ab, um warm zu werden. Die Spatzen zwitscherten in den Baumkronen, und einige Meisen flogen in aufgeregter Flucht durch den Wald.

Er zog los. Es wurde immer hügeliger. Ständig ging es auf und ab, immer wieder mußte er durch Bäche waten, die in steilen Rinnen auf einen See zuschossen, den er weiter unten vermutete. Hier beginne das Land der Seen, hatte ihm der Vater erzählt, und in diesen Seen würden die Fische doppelt so groß wie anderswo, weil die Seen so tief waren.

Von dort hatte der Vater Lachs mitgebracht, große Lachse mit krebsrotem Fleisch, und sie hatten sich damit vollgestopft. Nie waren sie miteinander in diese Richtung gegangen. Im Sommer zogen sie gewöhnlich zum Fjord, um Muscheln zu sammeln und Seehunde zu jagen. Sie durchquerten auf der anderen Seite des Sees den weiten, locker stehenden Wald, wo die Multebeeren im Moos wuchsen, wenn sie im Herbst heimwärts wanderten. Gab es etwas Besseres auf der Welt als Multebeeren: gelbrot und dick. Aber verläßlich waren sie nicht, sie waren treulos. Ein Jahr wuchsen sie reichlich und üppig, im nächsten, wenn er sich besonders danach gesehnt und ständig mit der kleinen Schwester davon gesprochen hatte, während sie dösend in der Sommersonne am Fjord lagen, gab es keine. Selbst eine starke Blüte versprach nichts. Multebeeren waren das Treuloseste, was es gab, aber sie schmeckten am besten. Nüsse waren auch gut. Er bekam Lust auf Nüsse, und er sah sich nach einem Nußstrauch um. Vielleicht würde er unter den dürren Blättern noch welche entdecken. Selbst die Mäuse fraßen nie alles auf, sogar die Eichhörnchen ließen in ihrem Eifer etwas liegen. Sie standen auf der einen Nuß, während sie die andere fraßen.

Er mußte ein paar Nüsse finden.

Er ging in die Richtung, in der die Felder der Bauern lagen, Haselnußsträucher standen meist in den helleren Teilen des Waldes, er fand einen Strauch mit leuchtendgelben Kätzchen. Bald, wenn die Sonne genug Kraft hatte, wird goldener Staub herausrieseln. Er fand leere Schalen, wurmige Nüsse, aber keine eßbaren. Der Winter hatte verzehrt, was dagewesen war.

Die Sonne ging auf. Die Wärme tat seinem Körper gut. Inzwischen war er weit weg vom Dorf der Bauern, die Felder waren mit kleinen Bäumchen überwuchert, zwischen denen das braune Heidekraut wuchs, das den Bauern überall folgte, wo sie das Land urbar gemacht hatten. Hier sah er plötzlich die blinzelnden Augen eines Auerhahnweibchens aus dem Heidekraut starren. Er blieb stehen und gurrte, es reckte sich aus dem Heidekraut, schaute ihn an, und er balzte, wie er es vom Vater gelernt hatte. Es kam zwischen den Bäumen hervor, legte den Kopf schräg und blinzelte. Er sah, daß es fett war, es müßte herrlich sein, sein Fleisch auf der Zunge zu schmecken. Aber es war nicht die richtige Zeit. Das Weibchen würde bald Eier legen, am Waldrand würde es wimmeln von Auerhahnküken, die bei der geringsten Gefahr zur Mutter liefen, um sich zu verstecken. Wenn es doch bloß das Männchen wäre. Vermutlich war es nicht weit weg.

Aber er hatte kein Glück. Vielleicht hatten die Bauern den Auerhahn in ihren Fallen gefangen und sich damit gemästet. Das Auerhahnweibchen folgte ihm mit kleinen Trippelschritten, streckte den Hals und legte den Kopf schief, offenbar wollte es, daß er mit ihm redete.

Er verstand nicht alle Vogelsprachen, aber den Zaunkönig daheim in der Hütte, den verstand er, wenn er mit ihm sprach. Es war unglaublich, wieviel der Vogel wußte, von dem er selber keine Ahnung hatte.

Er ging wieder tiefer in den Wald hinein, das Gelände fiel leicht ab, und das bedeutete, daß er sich dem großen Seenland näherte, wo gewaltige Eichen die Ufer säumten, in denen Fischadler ihre Nester bauten und wo die Bäche durch tiefe Schluchten herunterbrausten. So hatte es der Vater erzählt. Die Hochflächen oberhalb der Seen aber hatten die Bauern gerodet, und überall in den Wäldern grasten ihre Kühe.

Der Vater hatte erzählt, daß sich dort manchmal viele Leute versammelten; sie kamen von weit her und brachten Waren mit, die sie tauschten.

Natürlich hatte er auf den Wegen, die von Dorf zu Dorf führten, Bauern gehen sehen, aber er war nie selbst dort gegangen, und er hatte nie verstanden, daß Leute weite Strecken laufen, nur um anderen Geschenke zu bringen und mit ihnen zu feiern. Doch als sein Vater und seine Mutter noch Kinder gewesen waren und der Clan verschiedene Wohnplätze an anderen Seen hatte, da hatten sich auch die Menschen aus seinem Volk getroffen. Die Mutter hatte erzählt, daß manche aus Ländern gekommen waren, in denen die Sonne immer scheint, und er hatte nie verstanden, warum sie von dort weggegangen waren.

Er hätte gerne gesehen, wie sich die Bauern versammelten, obwohl der Vater gesagt hatte, er solle sich in acht nehmen. Man könnte ihn fangen und verschleppen, und er müßte sein Leben lang mit dem Geruch von Milch und Jauche leben und vielleicht jeden Tag die Erde aufhacken. Er hatte sich immer, wenn er in der Ferne einen Bauern seine Hacke schwingen sah, vorgestellt, die Erde müsse schreien. Er wollte schon sehr vorsichtig sein.

Als er den Abhang hinunterlief, entdeckte er noch einen Nußstrauch, und er fand eine ganze Handvoll Nüsse. Die Schalen waren zwar dick, aber wenn er sie mit den Zähnen geknackt hatte, lagen da die feinen Kerne, voller Leben und Kraft.

Das blieb nicht die einzige Stelle. Er stieß noch auf mehrere Sträucher, wo er solche dickschaligen, aber guten Nüsse fand. Die länglichen mit den dünnen Schalen waren zwar einfacher zu knacken, aber sie schmeckten nicht so gut.

Sobald er den Talgrund erreicht hatte, wurde es sumpfig, ein Schilfwald zog sich einem Bach entlang, der offenbar zwei Seen verband. Er tastete sich vorsichtig von Baum zu Baum, schob das Schilf zur Seite und sah das tiefe, rasch strömende Wasser. Nirgendwo konnte er einen Wirbel entdecken, unter dem sich vielleicht eine Sandbank befand. Der Bach schlängelte sich dahin, und je mehr Biegungen er machte, um so wahrscheinlicher war es, daß sich eine Sandbank gebildet hatte, über die er das andere Ufer erreichen konnte.

Er mußte einem Sumpfloch ausweichen, der Bach änderte hier seine Richtung und hinterließ diesen toten Arm, er mußte den Hang hinauf, und dauernd hörte er das laute Gelächter des Grünspechts. Es klang, als sollte er verspottet werden.

Er sah die Fische springen, schöne Bachforellen, eine einzige hätte ihm gereicht, aber er kam nicht nahe genug an den Bach heran. Die Forellen standen tief unten auf dem Kieselgrund, mit jedem Flossenschlag bekamen sie neue Nahrung, es mußte wunderbar sein, eine Bachforelle zu sein.

Plötzlich blieb er stehen. Sein Vater hatte davon erzählt, jetzt sah er es selbst:

Das Wasser schoß zwischen Steilhängen in einer engen Schlucht dahin und verschwand in einem gewaltigen Damm aus Ästen und Zweigen. Es konnte nichts anderes sein als das, von dem der Vater erzählt hatte.

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