Читать книгу: «Rundgang nur mit Korb»
Peter Schmidt
RUNDGANG NUR MIT KORB
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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www.engelsdorfer-verlag.de
WIDMUNG
Früher freuten wir uns über das,
was wir beschaffen konnten.
Heute ärgern wir uns darüber,
wenn es etwas nicht zu kaufen gibt.
Für meine deutsche Familie zur Erinnerung
Für meine italienische Familie zum Verständnis
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Man muss sich erst einmal dran gewöhnen
Wie kommt man zu einem Garten?
Werkzeug
Geräteschuppen oder Gartenlaube
Gasbetonsteine
Zement für einen Sockel
Wasser Marsch
Ein neuer Versuch
Sockelmauer und Fenster
Rosen kaufen
Eine Überraschung folgt der nächsten
Einsatz für die Gartensparte
Herbstmarkt
Ein Haus voller Möglichkeiten
Abbau für den Aufbau
Eine neue Hoffnung
Auf Abwegen zum Ziel
Ein vorläufig gutes Ende
Wie aus dem Nichts
Eine unverhoffte Möglichkeit
Die Laube wächst
Das erste Fenster
Ein erneutes Hindernis
Umwege
Licht und Schatten
1. Mai
Ein Licht geht auf
Der Durchbruch
Die neue Gartenhecke
Gartenfest
Nachtrag
1984
1. Kapitel
MAN MUSS SICH ERST EINMAL DRAN GEWÖHNEN
Freitagnachmittag. Sechzehn Uhr zehn. Axel Weber saß auf seiner dunkelblauen Simson und fuhr durch die Straßen der Stadt. Unter seinem schwarzen Ledersitz explodierte es unzählige Male. Motorengedröhn. Zwei rollende Gummireifen drückten die Stirn gegen den rauen Straßenbelag. ›Feierabend‹ dachte er. ›Endlich nach Hause‹. Er hatte sich gar nicht mehr umgezogen sondern ließ seine Arbeitssachen gleich an. Auf seiner Hose saßen ein paar ausgetrocknete Ölflecken. Sein kariertes Arbeitshemd roch nach Maschinenschmiere und hatte an den Seiten wie immer zwei schwarze Dreckstellen, die sich einstellten, wenn er die Hände in die Hüfte stemmte. Die Hände hatte er noch schnell mit Kernseife gewaschen und dann ging es nach Hause. ›In Neubrandenburg war das schlimmer mit dem Schmutz - wenigstens ein Vorteil‹. Er dachte zurück an die Zeit in Mecklenburg. Seine Heimat. Die Heimat seiner Frau Gerda. Die Kinderstube von Heiko und Jana.
Zuerst war er ein normaler Mitarbeiter gewesen, unauffällig in einem Korridor zwischen Lob und Tadel. Dann kamen sie zu ihm. »Genosse Weber, wir schlagen dich vor zum Mitarbeiter des Monats«. Er fühlte sich geehrt. Endlich hatten sie seinen wahren Wert erkannt. Den Wert des kleinen Montagearbeiters Axel Weber. Er wurde zum Mitarbeiter des Monats Januar. Er wurde zum Mitarbeiter des Monats Februar. Er hatte sein Arbeitsverhalten nicht verändert, aber auf einmal war er jemand. Er wurde gegrüßt und bekam zu spüren, dass er für den Betrieb wichtig war. Als er zum Mitarbeiter des Monats März gekürt wurde, kippte die Stimmung in der Jugendbrigade. »Was kann denn der Besonderes« fragten sich die Kollegen hinter vorgehaltener Hand. Er wurde ausgeschlossen von Pausenrunden, in denen die Arbeitskameraden mitgebrachte Bouletten und Brötchen verteilten und sie genüsslich und mit viel Senf zu sich nahmen. Auf Fragen wurden die Kameraden zunehmend einsilbig und zeigten ihm, was man von einem Mitarbeiter des Monats zu halten hatte. ›Undank ist der Welten Lohn‹ dachte er. Dann rief ihn die Kombinatsleitung zu sich. »Genosse Weber, du wirst gebraucht. Ein Mann mit deiner Qualifikation.
Ein Mann mit deinem Können. Brigadeleiter. VEB1 Werkzeugmaschinenkombinat. Die benötigen dort einen ausgebildeten Montageschlosser mit besonderen Fähigkeiten. Ein sensibles Schlüsselstück unserer sozialistischen Produktion. Eine Chance für deine Karriere. Ein Schleudersitz nach oben. Da gibt es eigentlich gar nicht viel zu überlegen.« Er überlegte nicht lange. Er handelte. Sachsen. Das neue Familienheim. Weg von den Freunden. Aber eben ein Schleudersitz ganz nach oben.
Auf dem Betriebsparkplatz war bereits gähnende Leere. Am Freitag war die sozialistische Produktion eher erledigt als in der Woche. Und er, das Schlüsselstück? Wurde er hier wirklich gebraucht wie die Milch im Kaffee? Scheinbar konnte man hier auch ohne ihn und seine sensible Schlüsselstelle Feierabend machen.
Der Fahrtwind tat gut und wehte ihm die Sorgen der lauten und staubigen Produktionshalle aus seinen Gedanken. ›Man muss sich erst einmal dran gewöhnen‹.
Er musste ein paar Schlaglöchern ausweichen, als er in die Gustav-Adolf-Straße bog. Zu Beginn der Woche hatte er sich hier einmal verfahren. ›Umwege erhöhen die Ortskenntnis‹ hatte er zu sich gesagt. Jetzt fuhr er noch schnell an der Kaufhalle vorbei. Keine Schlange vor dem Eingang. Dann gab es auch nichts Besonderes. Darauf konnte er sich verlassen. Keine Menschenansammlung, keine Sonderangebote. Wenigstens das war so wie in Neubrandenburg. Wenn man höflich fragte, wann es Kasslerbraten oder frischen Hering gab, bekam er zur Antwort: »Das wüssten wir selber gern.« In Neubrandenburg kannten sie diesen und jenen und so purzelten wertvolle Informationen über den Ladentisch, die hin und wieder die Anstehzeit verkürzten. Hier kannten sie noch niemanden und auf freundliches Grüßen reagierten die Verkäuferinnen anders, als man in den Wald hineinrief. Man muss sich erst einmal dran gewöhnen.
Sein Blick fiel auf das Fahrradschloss unterhalb des Lenkers. Dort hatte sich Heiko festgehalten, als er ihn in Neubrandenburg in den Kindergarten gebracht hatte. Ein Sicherheitsgriff. Seine Erfindung. Er setzte den Blinker und fuhr in die Schmiedeberger Straße ein. Gleichmäßig leuchtete am Ende des Lenkers ein orangefarbenes Licht auf und ging wieder aus.
Auf dem Fußweg spazierte eine Familie. In weiße Wochenendklamotten geschlüpft lief der Kombinatsleiter Liedke mit seiner Frau und seinen Kinder über die staubigen Gehwegplatten. Genosse Liedke hatte am Freitag für gewöhnlich Außentermine. Das war im Kombinat bekannt. Ein Treffen mit dem Bürgermeister. Empfänge in den anderen sozialistischen Kombinatsleitern in der näheren und ferneren Umgebung. Auftritte zum Tag der NVA. Konferenzen. Parteitage. Immer freitags. Freitag haben wir sturmfrei. So wurde er von den neuen Kollegen begrüßt. ›Und der Kombinatsleiter hat sturmfrei von seiner Belegschaft‹ dachte er.
Auf Höhe des Kombinatsleiters drückte er auf die Hupe. Ein klägliches, gedrücktes und unnatürliches Geräusch löste sich irgendwo im Innern der Simson, schwappte aus und ergriff die Ohren des Kombinatsleiters Liedke. Der blickte sich um, hob zuerst mechanisch seine Hand zum Gruß. Er wurde wahrscheinlich viel gegrüßt, denn der Genosse Liedke war ja ein Jemand. Dann erkannte er den neuen Brigadeleiter Weber und sein unverbindlicher Gruß wurde durch ein erfreutes Lächeln persönlich.
Es tat gut zu zeigen, dass man bis Feierabend gearbeitet hat. Er hatte das Gefühl, einen guten Eindruck gemacht zu haben. Und der Kombinatsleiter? Hatte er nicht das Ziel vorgegeben, die Arbeitszeit voll auszunutzen? Zur Verteidigung des Sozialismus gegen die westlichen Imperialisten? ›Der schnellste Mann der Welt‹ dachte Axel. ›Um 16 Uhr Feierabend und um 15 Uhr schon zu Hause‹. Irgendwie läuft hier so einiges ganz anders. War seine Beförderung tatsächlich ein Aufstieg oder nur eine Umbuchung? Oder muss man sich vielleicht erst einmal dran gewöhnen?
*
Er fuhr in die Wohnsiedlung ein. Drei Blöcke. Baujahr 1975. Jeweils fünf Eingänge. Pro Aufgang zehn Familien. Zwischen den Wohnblöcken ein Kinderspielplatz mit Klettergerüst, Sandkasten, Schaukel und ein Platz zum Wäschetrocknen.
Er dachte an die Begrüßung des Kombinatsleiters. »Herzlich Willkommen Genosse Weber. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Gute Leute sind bei uns immer willkommen«. Waren die guten Leute deswegen willkommen, weil er sich dann von der Sonne des Erfolges bescheinen lassen konnte? Er, der Neue, lebte nach den Regeln, die der Leiter ausgab, aber selber nicht einhielt? Wie ein Bienenschwarm summten die Gedanken um seinen Kopf. ›Wasser predigen und Wein trinken‹. ›Wenn zwei Leute das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.‹ Er verschluckte seine Gedanken, denn es war Wochenende. Er steuerte in eine Mopedparklücke vor dem Haus und drehte den Zündschlüssel zurück. Die Simson beruhigte sich, die gebogene Plastikfrontscheibe hörte auf zu vibrieren und der Motorenlärm verschwand in der azurblauen Atmosphäre des Nachmittags.
Sein Blick wanderte den Wohnblock hinauf. Fünfter Stock rechts. Ein kleines Vogelnest. Nicht gerade gemütlich, aber mit Fernheizung, Küche, eigenem Bad und Aussicht auf ein Telefon. »Wichtig ist, was man draus macht.« Hatte seine Frau Gerda gesagt, als sie sich die Wohnung gemeinsam anschauten.
An der überdachten Eingangstür hing eine Lampe: 13 c. Das war die Hausnummer. Immer wenn jemand nachts nach der Nummer 13 c suchte, brauchte er dazu keine Taschenlampe. Die Haustür stand weit offen. Er putzte sich die Schuhe am Stahlrost ab, das in den Türsockel eingelassen war. Er wollte keinen unnötigen Straßendreck in das Treppenhaus schleppen. Ordnung muss sein. Und wenn alle mitmachen, geht es allen besser. Eine Errungenschaft des Sozialismus. Alle ziehen am gleichen Strang. Er schloss die Tür hinter sich, denn auch das bedeutete Ordnung. Flüchtig überlas er das Schild am Informationsbrett. »Tür bitte nicht offen stehen lassen. Ab 20 Uhr bitte abschließen!« Er nickte zu sich selbst. Richtig gemacht. Ordnung muss nun mal sein. Das gefiel ihm.
Der Hausflur war von der Decke bis zur Höhe des Treppengeländers weiß gestrichen. Darunter hellblau mit weißer Wickeltechnik. In Neubrandenburg hatte er gesehen, wie die Wickeltechnik angewandt wurde. Man taucht einen Waschlappen in weiße Farbe wickelt ihn zusammen und rollt ihn von unten nach oben aus. So entstanden die Schönwetterwolken auf einem stahlblauen Frühlingshimmel. Im ersten Stock las er die Namensschilder. »Lange«; »Heinrich«. Nüchtern und anonym verrieten sie nicht, was sich dahinter verbarg. Aber man wird sich kennenlernen. Der Hausvertrauensmann stellt sie in der nächsten Woche allen Bewohnern vor.
Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie zu der Wohnung gekommen waren. Umständlich aber erfolgreich. Die Anfrage beim städtischen Wohnungsamt lief ins Leere. »Wir haben keine freien Wohnungen. Sie können aber gern jederzeit wieder nachfragen«. Die Telefonstimme der Dame war ihm damals abwesend und scheinfreundlich vorgekommen. Das Werkzeugmaschinenkombinat hatte keine Beziehungen und niemand kannte jemanden, der von einer freien Wohnung wusste. ›Scheinbar traf sich der Kombinatsleiter Liedke freitags eher selten mit den Vorsitzenden des Wohnungsamtes‹, dachte er öfter.
Er und seine Frau Gerda setzten eine Annonce in die Leipziger Zeitung. »Wir suchen eine Neubauwohnung. Mindestens zwei Zimmer, Küche, Bad. Wir bieten eine Einraumwohung in Neubrandenburg. Küche, kleines Bad.« Über zwei Monate gab es keine Resonanz. Dann kam der Brief. Frau Heller, eine ältere Dame mit einer vornehmen Handschrift, wollte zu ihren Kindern ziehen. Sie las die Anzeige in der Leipziger Zeitung im Zugabteil auf dem Weg nach Neubrandenburg. Auf dem Hauptbahnhof in Berlin hatte sie 35 Minuten Aufenthalt, bis der Zug nach Stralsund einfuhr und in der Vier-Tore-Stadt haltmachte. Sie wickelte ihre Brote aus, die sie in Zeitungspapier gepackt hatte. Dann kam der Zug und sie aß während der Fahrt weiter. Halb interessiert überflog sie die Gesuche. »Wir suchen eine Neubauwohnung. Mindestens zwei Zimmer, Küche, Bad. Wir bieten eine Einraumwohnung in Neubrandenburg. Küche, kleines Bad«, stach es ihr in die Augen.
Alles das schrieb sie in einem Brief und verschickte ihn an die Familie Axel Weber. »Ich habe eine Zweizimmerwohnung nach ihren Wünschen zum Tausch gegen eine Einzimmerwohnung in der Oststadt. Familie Weber wohnte aber nicht in der Oststadt, sondern auf dem Datzeberg. Dies war der erste Kontakt zu Frau Heller. Ein Teilerfolg. Daran musste festgehalten werden.
In der zweiten Etage las er interessiert »Pietsch«; »Müller«. Müller ist der Hausvertrauensmann. So viel wusste er schon.
Sie schrieben Frau Heller zurück an ihre jetzige Adresse. Sie würden sich um eine Wohnung in der Oststadt bemühen und einen Tauschpartner für eine Wohnung auf dem Datzeberg finden. Sie gaben eine Anzeige in der Neubrandenburger Zeitung auf. »Suchen Einzimmerwohnung mit Bad und Küche in der Oststadt und bieten Wohnung mit gleicher Ausstattung auf dem Datzeberg«. Dabei suchten sie nicht wirklich eine Wohnung in der Oststadt. Das kam den Interessenten merkwürdig, aber nicht außergewöhnlich vor.
Dritte Etage: »Hofmayer«; »Ullrich«.
Es gab Komplikationen wie bei einer schwierigen Geburt. Die Terminvorstellungen passten nicht zusammen. Sie räumten die Wohnung. Frau Heller räumte ihre Wohnung erst, als die Wohnung in der Oststadt frei wurde. Das war 14 Tage später. ›Wohin mit den Möbeln und mit der Familie?‹ Er wollte seine neue Arbeitsstelle pünktlich beginnen. Dann gab es eine Lösung: Im Aufgang 9 b gab es eine Gastwohnung. Probleme dieser Art waren bekannt und das Wohnungsamt konnte zumindest hier flexibel unterstützen. Die Möbel konnten in der Schule abgestellt werden. Es waren Ferien. Gerda ging jeden zweiten Tag in den Klassenraum 306 und goss die Blumen.
Vierte Etage: »Seifert«; »Knorrich«. Bei Knorrich sprang die Tür auf. Eine Frau mit roten Haaren und Kittelschürze tat so als putze sie den Türrahmen und grüßte freundlich: »Sie sind wohl da oben eingezogen?«
»Ja.«
»Das ist aber schön. Wenn Sie was brauchen, einfach klingeln.«
»Danke.« Er nahm gleich drei Treppenstufen auf einmal ›Neugier oder Hilfsbereitschaft? Vielleicht ein bisschen von beidem. Durch Hilfsbereitschaft getarnte Neugier‹, dachte er.
Die Möbelträger meckerten über unmögliche Arbeitsbedingungen. »Die einen Möbel rauf und die anderen Möbel runter. Und dann noch bis ganz nach oben.« Das war die Idee von Frau Heller gewesen. »Wir können uns doch die Kosten für die Umzugshelfer teilen.« Das gefiel allen außer den Möbelträgern. Aber die hatten noch genug Puste um etwas wie ›Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sei ein für allemal abgeschafft‹ zu schimpfen. »Wir haben es uns fast gedacht, dass diese beiden Fuhren für euch zu viel sind. Das nächste Mal engagieren wir richtige Profis.« setzte Axel entgegen und schon liefen sie so gleichmäßig wie die Zahnrädchen in einem Uhrengehäuse aus Ruhla. Treppauf. Treppab. Wenn man den Handwerker an seiner Ehre packt, dann läuft er zu Fuß bis zum Nordpol, um seinen angezweifelten Ruf zu retten.
Fünfte Etage: »Schäfer«; »Weber«. Ihr neues Familienwappen bestand aus einem altgelben Klebestreifen, der mit einem roten Filzstift beschrieben war. Gerda muss es im Laufe des Tages zusammen mit den Kindern angebracht haben. Nur ein Provisorium. Das richtige Namensschild war noch in irgendwelchen Kisten verschollen.
Er klingelte und Jana machte die Tür auf. »Papa.« Sie klammerte sich um sein rechtes Bein. Er konnte sich nur noch schwer vorwärts bewegen. »Lass mich doch erst mal reinkommen.« Er zog sich seine Schuhe aus, stellte sie auf den zweiten Fußabtreter, machte einen großen Schritt in die Wohnung und zog die Tür hinter sich ran.
Gerda saß vor ein paar Umzugskartons und räumte zusammen mit Heiko die Sachen für das Kinderzimmer in die Schränke. »Heute Abend gibt es Erbsensuppe mit Brot.«
»Mit frischem Brot?«
»Nein, das Brot ist von gestern. Frisches Brot gibt es in der Kaufhalle nur um 13 Uhr. Sonst ist nur noch Brot vom Vortag übrig.« hatte Gerda herausgefunden. Warum ist das frische von gestern übrig? Wo konnte denn das frische Brot über Nacht ungestört alt werden? Warum legte man nicht alles Brot raus? Wenn du Brot von heute haben willst, musst du morgen wiederkommen. Auch wenn es sich ihnen jetzt noch nicht richtig erschloss: Es gab sicherlich wie für alles einen einfachen und nachvollziehbaren Grund. Und auch daran musste man sich erst einmal gewöhnen.
*
Das Radio knirschte, als wenn beim Umzug Sand in die Boxen geraten wäre. Schlechter Empfang. Es wurde eine Musiksendung aus dem Leipziger Funkhaus abgespielt. »Wie geht es Dir?« fragte er seine Frau Gerda, die gerade einen leeren Pappkarton zusammenfaltete und die geringelte Kugelschreiberhandschrift ihrer Mutter ›Heiko – Kinderzimmer‹ auf dem Deckel las. Diese Frage war fast überflüssig und er erwartete auch keine ehrliche Antwort, denn er konnte in ihren Augen lesen, dass sie vor Heimweh fast verbrannte. Sie hatte sich dem Wohl der Familie untergeordnet und ihr fiel es sichtlich schwer, die Chancen zu erkennen und mit gleichem Gewicht auf die Waage des Für und Wider zu legen. »Ich komme mir vor, als ob ich eine fremde Wohnung mit unseren Sachen einrichte.« quälte sie sich heraus und versuchte dabei die fließbereiten Tränen hinter ihren Staumauern zurückzuhalten. Nicht vor den Kindern. Er hatte sie aus einer Landwirtschaftsfamilie herausgeheiratet. Eine Familie, die mit ihren Äckern seit Urzeiten Stalldung gegen Kartoffeln, Rüben und Getreide tauschte. Nach dem Eintritt in die LPG2 war seinen Schwiegereltern ein Stückchen eigenes Land geblieben. Seit er Gerda kannte, hatte auch sie auf diesem Fleckchen Erdekruste gehackt, gesät, gegossen und geerntet. Es steckte in ihr drin, war ihr angeboren. Nun hoffte er darauf, dass sie in der Umgebung aus Betonplatten – einer Industriestadt mittleren Ranges - neue Wurzeln schlagen würde. Er hatte aus einem Nesthocker einen Zugvogel gemacht. Und bisher glich ihr Flug in die neue Heimat eher einer Bruchlandung. Die gemeinsame Wohnung in Neubrandenburg war wenigstens umzingelt von Grün. Unverbrauchte Natur, Wiesen, Bäume, ein See. Diese ausschweifende Landschaft war nun zu einer Aussicht auf eines der modernsten Hauskomplexe der Neubaugeneration und 45 Quadratmeter senkrechte Wände mit braunem Streublumenmuster zusammengeschrumpft. Der Umzug in die Schmiedeberger Straße 13 c stellte in viele Richtungen einen Bruch dar.
»Habt ihr schon neue Freunde auf dem Spielplatz gefunden?« Er wandte sich seinen Kindern zu. »Wir haben schon Verstecken gespielt und morgen soll ich zu Katja kommen. Die wohnt da drüben im Querblock und kommt auch in zwei Jahren in die Schule.« Er strich Jana über ihre blonden glatten Haare. Und du Heiko? »Ich habe Fußball gespielt und dann hat uns ein Mann von den Wäscheleinen weggejagt und dann haben wir im Sandkasten Burgen gebaut.« Das ist doch etwas. Kinder tun sich nicht so schwer mit Veränderungen. Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Einen jungen Baum kann man umsetzen und er treibt wie vorher einfach weiter. Kleine Wurzeln sind nicht so tief. Und wie bekamen sie Gerdas Triebe wieder zum Grünen? Er musste ihr etwas bieten. Aber was? Warum kümmerten sie sich nicht um eine Gartenparzelle? In Neubrandenburg hatten sie ihr eigenes Gemüse angebaut. Sie waren Selbstversorger mit Rosenkohl, Salat und Kartoffeln. Wäre das eine Aufmunterung? »Was hältst du von einem Garten?«, fragte er Gerda. In ihr lebte die Bauerntochter auf und kurzzeitig verzogen sich die Gewitterwolken aus ihrem Gesicht und ließen einen kurzen Moment Sonnenschein zu. An manchen Regentagen ist ein kleiner Sonnenstrahl die einzige Hoffnung auf besseres Wetter. »Wir könnten dann wieder unser eigenes Gemüse anbauen. Das wäre gesünder und wir wären nicht andauernd vom Wohlwollen der Kaufhallendamen angewiesen, die dir nur dann was verkaufen, wenn sie selber Vorteile haben.« Er hatte sie mit seiner Idee angesteckt. »Die Kinder könnten ein eigenes Beet bekommen und so schon mal Verantwortung für Radieschen oder Möhren übernehmen. Wir könnten im Sommer grillen. Und im Garten lernt man viele neue Leute kennen, die einem hier und da weiterhelfen können.« Sie redeten sich in einen kleinen Rausch. »Von meinem Vater könnten wir Gartenwerkzeug aus der LPG bekommen.«
»Und wenn die Erdbeeren reif sind, dann können wir unser Überangebot gegen andere Dinge tauschen. Vielleicht bekommen wir dann die Kaufhallenfrauen weich gekocht.«
»Spargel, Erbsen, Kirschen und Blumenkohl. Das wäre schon eine Erleichterung.«
»Dann machen wir uns unsere eigene kleine LPG.« An diesem Tag sprach sie nicht mehr von Heimweh. Er hatte im Fechtkampf gegen ihre Sehnsucht nach Heimat und Vertrautheit den ersten Treffer gesetzt. Nun muss die Zeit für ihn arbeiten.
Sie packten ihre Sachen aus den Kisten in die Schränke ein und sie träumten von langen warmen Sommertagen, an denen sie unter dem Sonnenschirm eine Erdbeertorte mit Erdbeeren aus eigener Ernte zum Kaffee genießen würden.
Ein Kleingarten. Das wäre ein Versuch. Aber wo beantragt man eine Gartenparzelle? Gleich am Montag würde er dazu die Kollegen im Betrieb befragen. Vielleicht hält man es besser aus, wenn man sich auf seine eigene grüne Insel zurückziehen kann. Und an die anderen Umstände wird man sich dann sicherlich auch noch gewöhnen.
2. Kapitel
WIE KOMMT MAN ZU EINEM GARTEN?
Am Montagmorgen war die Stimmung im Kombinat nicht gerade auf dem Siedepunkt. Lang gezogene Wochenanfangsgesichter streckten sich Axel entgegen, marschierten wie eine Trauergesellschaft im Gänsemarsch in die Umkleidekabinen und zeigten deutlich an, dass sie überall lieber wären als hier bei der Arbeit. Aus den großen und schlecht belüfteten Werkshallen schwamm der Geruch nach Maschinenöl bis in die Pausenräume. Bis dann die einzelnen Produktionsabschnitte als ein Ensemble zusammenspielten, dauerte es noch eine ganze Weile und so erzeugten erst einzelne Sägen und Bohrer ein paar falsche Töne. Dieses morgendliche Durcheinander nutzte Axel noch schnell aus, um im Büro des Kombinatsleiters vorzusprechen. Er huschte die Treppen hinauf. Ein paar Arbeiter in sauber gewaschenen blauen Anzügen taumelten ihm gemütlich in Richtung Arbeitsplatz entgegen und werteten das Heimspiel von Lok Leipzig aus. Dann stand er vor dem Büro von Herrn Liedke. Durchatmen. Einmal Anklopfen. Auf ›Herein!‹ warten.
»Herein!«, klang es militärisch durch das Schlüsselloch und unter dem Türspalt hindurch. Axel drückte auf die Klinke und trat ein. »Guten Morgen!« Der Kombinatsleiter entgegnete ein kameradschaftliches Kopfnicken. Er klemmte zwischen den Armlehnen seines Stuhls fest wie eine Glühbirne in ihrer Fassung und schien sich in dieser Position recht wohlzufühlen. »Nehmen Sie Platz, Genosse Weber. Wo drückt denn der Schuh?« Sein Gesichtsausdruck blieb so unverändert, als würde er eine Maske tragen. »Herr Kombinatsleiter Liedke, Sie haben mir zu meiner Einstellung gesagt, dass ich mit Problemen jederzeit zu Ihnen kommen kann.«
»Jederzeit, außer freitags.« Das sagte er so dahin. Es sollte sicherlich kein Versuch sein, sich für die Begegnung am Freitagnachmittag zu rechtfertigen. Das hatte er nicht nötig. »Deshalb komme ich ja auch jetzt zu Ihnen«, lenkte er ein. »Wie kann ich behilflich sein, Genosse Weber?« Er lehnte sich zurück und sah ihn interessiert an. »Nun, meine Frau kommt aus einer Bauernfamilie. Ihre Vorfahren haben seit Menschengedenken den Erdboden durchpflügt und sich mit allem versorgt, was sie zum Überleben benötigten. Und jetzt ist uns die Idee gekommen, dass wir uns selber einen kleinen Garten anschaffen sollten. Nur haben wir beide keine Ahnung, wo wir hier eine Parzelle bekommen könnten.« Der Kombinatsleiter wirkte angestrengt. Es entstand eine Denkpause, in der Axel das Büro begutachtete. Blick aus dem Fenster auf die Flusswiesen. Dunkelrote Stoffvorhänge. Ein Schraubenbaum neben dem Schreibtisch. Ein Bild von Erich Honecker an der Wand. »Fragen Sie beim Genossen Krugmann nach. Jürgen Krugmann. Er ist Montageleiter in der Halle fünf. Der hat einen Garten und muss ja demzufolge da irgendwie rangekommen sein. Also sonst fällt mir niemand anders ein.«
»Montageleiter Jürgen Krugmann, Halle fünf«, wiederholte er halblaut um zu zeigen, dass er alles richtig verstanden hatte. »Danke!«
»Keine Ursache, ich fühle mich auch für das allgemeine Wohlbefinden meiner Mitarbeiter verantwortlich.« ›Außer freitags‹ dachte er. »Apropos, wie kommen Sie denn eigentlich in ihrer neuen Heimat zurecht?«
»Nun«, er war sich nicht sicher, wie weit er das Heimweh von Gerda ausschmücken sollte. »es geht schon. Am Anfang dauert es seine Zeit, bis alles rund läuft, aber wir sind tapfer.«
»Hat Ihre Frau schon eine Arbeit gefunden?«
»Nein, sie hat bisher in Neubrandenburg beim Kreisgutachter im Gesundheitswesen gearbeitet und so etwas gibt es hier nicht.«
»Was hat sie denn gelernt?«
»Kinderkrippenerzieherin und dann ein Fernstudium zur Fürsorgerin.«
»Soll ich mal meine Fühler ausstrecken? Ich habe ein paar Verbindungen.«
»Gern, vielen Dank.« Schon wieder ein Erfolg. Wenn Gerda hier arbeiten kann, dann lernt sie viele neue Leute kennen und das hilft ihr auch ein bisschen über ihr Heimweh hinweg. Der zweite Treffer im Fechtkampf gegen ihre Sehnsucht nach der mecklenburgischen Heimat stand bevor. Er verließ das Büro, pustete die angestaute Luft aus und fühlte sich wie der kleine Sieger einer großen Schlacht.
*
Mittagspause. Axel Weber hatte sich schmutzig gearbeitet und Schmierfette und Öltropfen hatten sich schon größere Gebiete seiner frisch gewaschenen Arbeitskleidung wieder zurückerobert. Er hatte keine Zeit zum Händewachen. Er hielt das Pausenbrot mit dem Butterbrotpapier fest, in das es Gerda heute früh eingewickelt hatte. ›Käse und Salami‹ schmeckte er schon beim ersten Biss. ›Lecker.‹ »Wo ist denn die Werkhalle Nummer fünf?« Die Kollegen zeigten einstimmig in Richtung des Notausgangs und aßen dann selber gemütlich weiter.
Die Halle fünf war nicht viel größer als seine Werkhalle. Es standen fast die gleichen Geräte herum und die Menschen, die hier arbeiteten, waren ihm noch genauso fremd wie die Mitarbeiter seiner Jugendbrigade. »Wo finde ich denn den Genossen Krugmann?« fragte er in den Pausenraum, in der das Heimspiel von Lok immer noch nicht bis zu Ende ausgewertet war. Ein schwarzhaariger kleiner Fast-Rentner fühlte sich zuständig: »Jürgen oder Wolfgang? Wir haben hier zwei Krugmänner.«
»Jürgen Krugmann.«
»Der ist mal an der frischen Luft und kommt so in einer Stunde wieder.«
»Danke. Ich komme dann später noch mal wieder.«
»Schon gut.« Auf dem Rückweg überlegte er, dass die Mittagspause nur eine halbe Stunde betrug. Wo war er denn? Und was bedeutet frische Luft? Man kann sich an diese Arbeitseinstellung gewöhnen und heute störte es ihn schon weniger als am Freitag. ›Immer schön mit dem Strom schwimmen, dann gehst du nicht unter‹ dachte er und musste dabei sogar ein wenig schmunzeln.
Nach einer guten Stunde kam ein unscheinbarer Mann mit Brille auf ihn zu, dessen helles Haar dazu neigte, sich zu locken, wenn es länger wächst. Er strahle eine freundliche Ruhe aus, als er Axel selbstsicher begrüßte: »Guten Tag Axel Weber«
»Ja?«
»Jürgen Krugmann. Kennst du mich noch?« Grübeln. Wann sollten sich ihre Wege denn schon einmal gekreuzt haben? Er wühlte die Schubladen seiner Erinnerung durch und kramte nach einem Gesicht das so aussah wie jenes, das er gerade vor sich hatte. »Fernlehrgang Schweißen. Berlin Grünau 1980.« Jetzt dämmerte es. Er war zum Schweißerlehrgang nach Berlin delegiert worden. Und das war auch 1980. Aber Jürgen Krugmann kannte er nicht mehr. »Ich habe schon gehört, dass jemand aus Neubrandenburg hier angefangen hat. Das passiert eher selten. Warst du denn so gut?«
»Das haben andere entschieden.« sagte er unverfänglich. »Du hast mich gesucht«, lenkte er zum eigentlichen Thema. »Ich war an der frischen Luft aber die Kollegen haben mir Bescheid gesagt, dass der neue Montageleiter nach mir gesucht hat.«
»Ja, das stimmt, der Genosse Liedke hat mich an dich verwiesen.«
»Was wollte er denn?«
»Meine Familie wünscht sich einen Garten. Weißt du, wo man einen beantragen kann?« Er strengte sichtbar seine Gedanken an und was als Ergebnis seiner Anstrengungen herauskam waren zwei Worte: »Wolfgang Blume.« Dann entstand einen Augenblick Stille, der im Hintergrund nur von den Maschinengeräuschen bedrängt wurde.
»Wolfgang Blume ist der Vorsitzende unserer Gartensparte Karl Liebknecht und verwaltet auch die Gartengesuche. Am besten ist es, wenn du mal heute nach der Arbeit bei ihm im Garten vorbeifährst und dich persönlich vorstellst.«
*
Im Garten Nummer 31 goss ein kleinwüchsiger Mann, der in einem gelben Sporthemd steckte, mit der Gießkanne das Zwiebelbeet. »Herr Blume?« die Frage kroch zögernd aus ihm heraus und übertönte nur minimal das Regengeräusch. »Ja.« Der Mann stoppte den Niederschlag, stellte die Gießkanne auf den Plattenweg und kam zum Gartenzaun. »Was gibt’s?« versuchte er neugierig aber freundlich zu erkunden. Seine scharfen Blicke tasteten ihn von oben nach unten ab. »Ich soll Ihnen einen schönen Gruß von Jürgen Krugmann bestellen. Er hat gesagt, dass ich bei Ihnen einen Garten beantragen kann.«
»Hat er das gesagt?« Er schmunzelte dabei zu sich selbst und hob die Augenbrauen. Auf seiner Stirn zogen drei Etagen Falten in parallelen Linien auf. »Dann kommen Sie doch bitte mal mit.« Als er zu seiner Laube ging, pfiff er ein Lied, das er sich aller Wahrscheinlichkeit nach gerade selber ausgedacht hatte. Es gab weder eine klare Klangfolge noch so etwas wie einen Refrain. ›Ein fröhlicher und zufriedener Mensch hat den ganzen Tag ein Lied auf den Lippen‹, dachte Axel Weber zuversichtlich und folgte dem Spartenvorsitzenden auf die Terrasse. »Nehmen Sie bitte Platz.« Herr Blume trug einen Hut, der sein Gesicht beschattete. Seine Oberlippe glich einem abgemähten Getreidefeld. Und jene blonden Stoppelhaare wippten beim Reden immer auf und nieder. »Woher kennen Sie denn den Genossen Krugmann.«
»Mein neuer Kollege.«, rechtfertigte er sich »Wir sind von Neubrandenburg hergezogen wegen der Arbeit. Die haben hier einen Montageleiter gesucht und ich bin dafür ausgesucht worden.« Er nickte interessiert und wurde dann förmlich: »Also aktuell haben wir keinen freien Garten und auch noch ein paar offene Anträge, die vorrangig bedient werden müssen, aber ich nehme ihre Daten natürlich gern auf und sobald sich etwas ergeben sollte, dann werde ich mich bei Ihnen melden.« Er beschrieb mit seinem Kugelschreiber einen ausgerissenen Zettel kariertes Blockpapier und legte es gewissenhaft unter den Berg von anderen Anträgen. ›Wie kommen wir nur ganz nach oben?‹ fragte er sich und dann fragte er den Spartenvorsitzenden »Wann können wir dann in etwa mit einer Zusage rechnen?« Dieser überschlug im Kopf seine Rechnung und veröffentlichte dann seine Mutmaßungen: »Sie sind jetzt auf Platz dreizehn. Erfahrungsgemäß springen immer ein paar Leute ab, wenn wir uns melden. Aber ich denke, wenn der sechste oder siebente Garten frei wird, dann könnte es was werden.«
»Wie lange wird das dauern?«
»Na so Pi mal Daumen etwa zwei bis drei Jahre. Wenn nicht gerade ein Wunder geschieht, brauchen Sie vorher nicht mit einer Zusage rechnen.« Er wirkt mitfühlend »Ich habe fünf Jahre gewartet.«
»Vielen Dank.« Die Enttäuschung war ihm anzumerken. Was sagte er jetzt zu Hause? Er wollte das zarte Gewächs der Euphorie doch nicht mit den realen Tatsachen wieder vernichten. Er lief mit summenden Gedanken aus dem Garten Nummer 31 und der Vorsitzende spielte wieder Regenwolke auf dem Zwiebelbeet und für die Blumen war es wohl so, als ob zwischen zwei Schauern kurzzeitig die Sonne durchgeblickt hatte.
*
»Macht ihr Überstunden?«, fragte Gerda, als er die Wohnungstür aufschloss und war sichtlich erleichtert. »Nein, ich war in der Gartensparte und habe eine Parzelle beantragt.«
»Das ging ja schnell. Wann bekommen wir denn den Zuschlag?«
»Wir sind auf Platz Nummer dreizehn. Also im schlechtesten Fall müssen noch dreizehn Gärten frei werden und dann haben wir sicher einen. Wenn jemand abspringt, sind wir schon eher dran.« Gerda nahm ihm seinen gespielten Optimismus nicht ab. »Zumindest haben wir jetzt einen Antrag laufen.« Sie nickte gedankenverloren. »Gab es sonst noch was Besonderes?«
»Der Kombinatsleiter kümmert sich um eine Arbeit für Dich. Er hat gute Kontakte.«
»Kontakte, die er freitags immer pflegt?« Ihre Laune hob sich etwas und das erleichterte ihn ungemein. »Wo sind die Kinder?«
»Auf dem Spielplatz. Heiko hat seine Klassenkameraden und Jana spielt mit ihren Freundinnen aus dem Kindergarten. Ich habe heute frisches Brot in der Kaufhalle bekommen.«
»Warst du um 13 Uhr da?«
»Nein, schon eher. Ich habe Frau Heinrich von ganz unten im Hausflur getroffen und die hat mir den Tipp gegeben, schon zwanzig Minuten eher hinzugehen. Denn wenn es um 13 Uhr frisches Brot gibt, dann sind vorher die Körbe alle weg. Und ohne Korb darf man nicht in die Kaufhalle.« Er freute sich und strich ihr über ihr müdes Gesicht. »Rundgang nur mit Korb!« sagte er spöttisch und drückte sie schmunzelnd an sich.
*
Die Sonne beschien den Parkplatz vor dem Kombinat, der sich nach und nach mit Autos und Mopeds füllte. Eine Amsel sang aus dem Pappelwald. Axel Weber stellte seine Simson neben dem Fahrradständer ab. Lautes Motorengeheul überschwemmte den Parkplatz und kam direkt auf ihn zu. Eine große silberne ETZ ließ sich ausrollen und steuerte den Stellplatz neben ihm an. Der Fahrer winkte ihm zu, war aber durch das abgedunkelte Visier seines Integralhelms nicht zu erkennen. ›Er sieht die Welt, aber die Welt sieht ihn nicht‹, dachte Axel und war gespannt wer unter dem Helm hervorkriechen würde. Als sich der Motor des Motorrades beruhigt hatte, sprang sein Fahrer ab und lüftete das Geheimnis um seine Person. Aus einem anonymen Verkehrsteilnehmer wurde eine ihm vertraute Person: Jürgen Krugmann. »Na warst du gestern beim Genossen Blume?« Er tarnte seine Neugier durch Hilfsbereitschaft. »Ja, aber so erfolgreich war ich nicht.« Krugmann verzog sein Gesicht, sodass er keine weitere Frage zu stellen brauchte. »Wir sind auf Platz dreizehn gelandet. Wenn wir Glück haben, springt noch jemand ab und wir kommen eher dran.«
»Soll ich mal mit ihm sprechen?« Er wirkte fürsorglich und war scheinbar wirklich daran interessiert, ihm weiterzuhelfen.« Das machte Eindruck. ›Irgendwie kommt man hier leichter mit den Leuten in Kontakt als in Mecklenburg.‹ Er wertete das als einen neuen kleinen Fortschritt. »Glaubst du, dass man da noch an der einen oder anderen Schraube drehen kann, um die Zuteilung zu beschleunigen?«
»Was du machen kannst, ist noch mal hingehen und ihm Folgendes sagen: du hast zwei Kinder, würdest auch einen verwilderten Garten nehmen und bist bereit, die allgemeinen Anlagen mit zu pflegen.«
»Die allgemeinen Anlagen pflegen?«
»Ja, dazu werden sowieso alle verpflichtet. Du musst 40 Stunden im Jahr allgemeine Arbeiten rund um das Pumpenhaus arbeiten. Umgraben oder harken. Möglicherweise kannst du auch zum Rasenmähen auf den gemeinschaftlichen Flächen herangezogen werden.«
»Und warum soll ich ihm das dann extra sagen?«
»Dann sieht er, dass du dich auskennst. Das kommt gut an. Ein Mann, der die Arbeit liegen sieht und nicht wartet, bis sie die anderen machen.« Das war wieder Auftrieb. Er fühlte sich wie die Kohlensäure in einer Limonadenflasche. »Ach ja, und wenn du auf Nummer sicher gehen willst, dann habe ich noch einen Tipp für dich: Er trinkt gern Rosenthaler Kadarka.«
»Danke. Solche Leute wie du sind rar gesät.« Er winkte ab. »Schon gut, für einen alten Schweißerkollegen …« Könnte der Morgen besser beginnen als mit dem Blick über eine Wand, die bis vorhin noch ein unüberwindbares Hindernis war? ›Beziehungen schaden nur dem, der keine hat.‹ dachte er und lachte zufrieden in sich hinein.
*
»Haben wir noch eine Flasche Rosenthaler Kadarka?« Gerda war überfragt. »Ich glaube nicht. Warum?«
»Wir könnten sonst eher an einen Garten kommen. Der Spartenvorsitzende trinkt gern Rotwein und das soll wohl so etwas wie Schmierseife sein, damit er sich eher für uns entscheidet.« Sie wurde enthusiastisch und überlegte. »Hier in der Kaufhalle brauchen wir wohl erst gar nicht nachfragen. Die haben bestimmt ein paar Flaschen hinten stehen, aber wieso sollte sie die gerade an uns verkaufen, wenn sie von anderen Leuten irgendwelche Vorteile erlangen können.«
»Wir brauchen etwas zum Anbieten, zum Beispiel frisches Gemüse aus dem Garten oder Erdbeeren. Dann läuft es bestimmt besser.«
»Das ist ein klassisches Paradoxon: Wir benötigen eine Flasche Rotwein, um möglicherweise einen Garten zu bekommen. Und die Flasche könnten wir wohl eher bekommen, wenn wir etwas aus dem Garten zum Tausch hätten.« Beide schüttelten den Kopf. Dann hatte er eine Idee. »Kann nicht deine Mutter in Neubrandenburg mal losziehen und bei Bärbel in der Kaufhalle in Monckeshof nachfragen?«
»Wir können Bärbel auch direkt schreiben, denn sie wollte sowieso mal gern wissen, wie es uns hier gefällt.«
Eine Stunde später warfen sie einen Brief an Bärbel Kolley in Neubrandenburg in den gelben Briefkasten an der Schmiedeberger Straße ein, der im Nachmittagsschatten vor sich hindöste und geduldig auf eingehende Postsendungen wartete.
*
Nach einer Woche hatten sie einen Paketzettel in der Post. »Abholung ab morgen. Nicht jedoch vor 14 Uhr.« befahl eine strenge Handschrift. Am darauffolgenden Tag betrat Axel Weber um 16 Uhr und 10 Minuten das Postamt in der Torgauer Straße. Die Postangestellte bemühte sich erst gar nicht, zu lächeln. Dafür wurde sie nicht bezahlt. Er tauschte einen Paketzettel gegen ein Paket und erkannte sofort die Handschrift ihrer alten Freundin Bärbel aus der Kaufhalle in Monckeshof. ›Die alten Seilschaften funktionieren auch über die Entfernung.‹ Behutsam lud er das Paket auf seine Simson und fuhr so vorsichtig wie bei Glatteis nach Hause. Gerda wartete und beide öffneten sie zusammen den Pappkarton. Ein Brief, zerknüllte Zeitungen als Dämmmaterial und zwei Flaschen Rotwein. Gerda öffnete das Briefkuvert und ließ einen schweren Seufzer. Unter Tränen begann sie zu lesen. »Ihr geht es gut und die zweite Flasche sollen wir auf unseren Garten trinken. Wenn wir wieder in Neubrandenburg sind, dann müssen wir bei ihr vorbeikommen. Viele Grüße an die Kinder.«
»Jetzt kann ich zum Genossen Blume gehen. Krugmann hat bestimmt schon mit ihm gesprochen. Ich nehme Heiko mit. Mal sehen, was jetzt rauskommt.«
*
Die Abendsonne senkte sich und die Schatten der Häuser und Bäume zogen sich in die Länge. Der Gartenspartenvorsitzende im Garten Nummer 31 zupfte am Unkraut auf dem Kohlrabibeet. Das Fehlen eines Hutes legte den Blick auf seine Glatze frei. Kein einziges Haar sollte darüber hinwegtäuschen, dass seine Kopfhaut ebenso glatt war wie seine Beete. »Guten Abend Herr Blume.« sagte er aufgemuntert. »Guten Abend Herr Blume.« schallte die Stimme von Heiko wie ein Echo hinterher. »Genosse Weber.« er tat verwundert. »Und dann auch noch mit Verstärkung.«
»Ja, das ist mein Sohn Heiko und seine Schwester Jana ist bei der Mutter zu Hause.« Heiko hatte die Flasche Rosenthaler Kadarka in der Hand und streckte die über das Gartentor. »Einen schönen Gruß von der Mutti soll ich ausrichten und das ist für Sie.« Diesen Satz hatten sie auf der Fahrt einstudiert. Das Gesicht des Spartenvorsitzenden leuchtete als wenn es von einem Scheinwerfer bestrahlt wurde »Kommt rein. Dein Kollege Krugmann hat mir schon alles berichtet.« Jetzt wechselte er vom distanzierten Sie zum du, wie das unter Gartenkollegen so üblich war. Ein gutes Zeichen. »Ich habe noch ein Stückchen wilden Garten. Den wollte bisher keiner haben. Alle haben abgelehnt. Deswegen biete ich ihn niemandem mehr an. Aber wenn du willst, dann zeige ich ihn dir.« ›Ein Stückchen wilder Garten.‹ dachte er. ›Egal, Garten ist Garten. Welches Fleckchen Erde ist von sich aus schon kultiviert? Überall bedarf es der Intelligenz und Kraft des Menschen, den Boden fruchtbar zu machen.‹ Die Spannung knisterte wie in einem Kriminalfilm.
Genosse Blume schaukelte so gemütlich über die Spartenwege aus Schottersteinen wie ein Kamel über den Wüstensand. »Da hinten, das Stückchen könnt ihr haben.« Er zeigte mit dem Finger auf ein Stückchen unberührte Natur. Garten Nummer 14 lag im Licht der untergehenden Sonne und träumte vor sich hin. Verwildert standen ein paar nutzlose Sträucher. Keine Beete. Kieshaufen vom Vorgänger. Ungezähmte Erde wartete darauf, urbar gemacht zu werden. ›Ein gewaltiges Stückchen Arbeit‹ dachte Axel Weber und atmete tief ein. ›Aber ein guter Start wäre es allemal. Und man kann den Garten nach seinen Vorstellungen entwerfen und formen. Schlimmer wäre ein fertiges Stückchen Land, was uns nicht gefallen würde. Man muss die Vorteile erkennen‹. Dann stellte er so etwas wie eine Bilanz auf. Verwachsene Kirschenbäume. Ausgeruhter Boden. Ein Brunnen. Zwei schiefe Rosenstöcke. Er nickte genügsam. Seine Zweifel ertranken in der Vorfreude. Eine schön gewachsene Hecke. Ein Plattenweg spaliert von Rosen. Eine Terrasse. Ein Stückchen Wiese für die Kinder zum Spielen. Erbsen, Blumenkohl, Bohnen, Spinat aus eigener Produktion. Und vielleicht, vielleicht sogar ein kleines Gartenhäuschen. »Wann können wir anfangen?« befragte er den Spartenvorsitzenden. »Heute, wenn ihr wollt.« Zwei Hände fielen ineinander, zwei Gesichter grinsten sich freundlich an. Über ihnen flogen ein paar kreischende Schwalben durcheinander und flochten einen unsichtbaren Knoten in den dämmernden Abendhimmel. Kurz darauf fuhr eine blaue Simson durch die leeren Straßen der Stadt, die zwei Fahrer und eine frohe Nachricht beförderte.
3. Kapitel
WERKZEUG
Das angerostete Tor stand offen und gab den Schotterweg frei. Links Gärten. Rechts Gärten. Geradeaus der Weg. Die Sonne drückte. Windstille. Irgendwo sang eine Amsel. Sie hoben ihre Füße beim Laufen, damit die Schottersteine keinen Staub aufwirbelten. »Dort hinten, der verwachsene Garten, das ist unserer.« Seine Worte waren von Stolz und Entschlossenheit getragen, die jeden Zweifel im Keim ersticken sollten. Garten Nummer 14. Eine wilde Hecke. Ödes Durcheinander. Ein mit Kieselsteinen übersätes Stückchen Erdkruste. Gerda wirkte enttäuscht. Das Samenkorn der Euphorie war in ihr noch nicht aufgekeimt. Sie sah skeptisch über die Halde, die vor ihnen lag wie ein geplatzter Sack, aus dem alle Zuversicht entwichen war. »Kein Wunder, dass er den Garten niemand anderem angeboten hat. Dafür muss man sich ja fast schämen.«
»Wir können ihn doch so aufbauen wie er uns gefällt« versuchte Axel zu beruhigen. »Dafür brauchst du doch eine Ewigkeit.«
»Wir haben doch Zeit und in diesem Jahr wird es ja sowieso nichts mehr werden.«
»Mama, ich habe einen Hühnergott gefunden. Schau mal wie groß das Loch ist.«
»Kein Wunder, dass bei den vielen Steinen auch einer mit einem Loch zu finden ist«, flüsterte sie müde und lächelte Heiko zu, der gerade über einen Haufen Wackersteine kletterte. »Den Kindern gefällt es.« Axel versuchte Heiko und Jana mit ins Spiel zu bringen, um sie von den Vorzügen und der Notwendigkeit ihres eigenen Stückchens Land zu überzeugen. »Gib mir einfach noch ein bisschen Zeit. Ich hatte mit einem Garten und nicht mit einem Schlachtfeld gerechnet. Wenn wir Hilfe von meiner Mutter bekommen, dann werden wir uns hier schon was Schönes hinzaubern.«
»Deine Mutter ist doch vom Fach und die kann uns bestimmt den einen oder anderen Tipp geben.«
»Es wird schon werden.«, sagte Gerda versöhnlich, obwohl es ihr sichtlich schwerfiel. »Kann ich diese Steine mit nach Hause nehmen.« Jana hatte ihre Hosentasche voller Kieselsteine gesammelt und holte sie jetzt heraus. Gerda streichelte ihr über das Haar. »Na klar, dann sind es schon mal ein paar weniger, die uns ärgern können.« Sie lachte Axel an und gab ihm das Zeichen, dass sie wieder auf Frieden eingestellt war.
*
»Wir benötigen einen Plan.« Er hatte seinen Optimismus nicht vergraben und die Zweifel seiner Frau bestärkten nur seinen Tatendrang. ›Man kann erst zur Höchstform auflaufen, wenn man auf Widerstände stößt‹, hatte er als Jugendlicher in einer Zeitung gelesen. Diese Worte waren für ihn zu einem Kompass durch sein Leben geworden. Hier fanden sie wiederum einen guten Platz, um zu wirken. Sein Ziel war es, ein Fleckchen Gartenland so zu zähmen, dass es bereitwillig vervielfältigt, was man ihm anvertraut. »Wie bekommen wir die Erde fruchtbar?« Gerda entgegnete nüchtern: »Zuerst müssen die Steine und der Wildwuchs weg, dann sollten wir umgraben und ein paar Beete anlegen.«
»Mit dem Steine Sammeln haben die Kinder ja schon begonnen.«
»Und woher bekommen wir das Werkzeug zum Umgraben? Wir brauchen doch mindestens einen oder zwei Spaten, eine Schippe, eine Hacke und eine Harke.«
»Ich frage Krugmann morgen früh. Der kennt sich ja aus.«
*
Genosse Krugmann war schon vor ihm im Betrieb. Seine ETZ stand auf dem Parkplatz neben den Fahrradständern. Aber vor der Arbeit wollte Axel ihn auch nicht schon wieder mit seinen persönlichen Problemen belagern. Er begann seine Arbeit und nahm sich vor, seinen Gartenkollegen in der Frühstückspause aufzusuchen.
Sie begegneten sich schon auf dem Gang. »Hey Axel, Glückwunsch zu eurem Garten. Ich habe es vom Genossen Blume erfahren. Ihr seid recht mutig hat er gemeint.«
»Ja, der Garten ist nicht unbedingt in einem optimalen Zustand, aber wir können ja alles so herrichten, wie es uns gefällt.«
»Das denke ich auch. Und einen Eindruck hast du schon gemacht. Blume hat gesagt, wer sich an so ein Stückchen Erde herantraut, der beweist Charakter.«
»Ja, aber um sich an das Land heranzutrauen, brauchen wir doch wenigstens ein bisschen Werkzeug, einen Spaten und eine Hacke. Du weißt nicht zufällig, wo man so etwas herbekommt?« Er kratzte sich am Kopf. »Keine Ahnung. Du kannst es bei der BHG3 versuchen. Dort ist die Chance zwar klein, aber immer noch größer als woanders. Nur dummerweise kenne ich dort niemanden, den man mal persönlich ansprechen könnte.«
»Wo ist denn die BHG?«
»Gleich hinter der Brücke rechts. Dann siehst du es schon.« Er sprach es für sich selber noch einmal nach: »Hinter der Brücke rechts.«
»Aber wenn du willst, können wir auch mal schnell zusammen hinfahren. Ich habe nämlich vor einiger Zeit einen Sack Zement bestellt und soll in Abständen immer mal nachfragen, wie weit die Bearbeitung ist. Ich will mir nämlich einen massiven Grill neben die Laube mauern. Die Steine habe ich schon, aber irgendwie müssen die ja noch zusammenhalten.«
»Wann hast du denn mal Zeit?«
»Eigentlich nie, aber du weißt ja: die einzige Möglichkeit Zeit zu haben ist sich welche zu nehmen. Also fahren wir gleich.«
»Aber wir haben doch gar nicht so lange Pause.«
»Dann sage einfach deinen Kollegen, dass du noch ein bisschen an der frischen Luft bist, dann wissen alle bescheid.«
»An der frischen Luft?«
»Ja, dann fragt niemand nach Dir, weil jeder mal was benötigt und solange man es nicht übertreibt ist alles in bester Ordnung.«
»Und was ist, wenn Genosse Liedke davon Wind bekommt?«
»Du kannst dich beliebt machen, wenn du ihm berichtest, was es an Besonderheiten in der BHG gibt und sonst ist er doch freitags immer an der frischen Luft.« Zehn Minuten später saßen sie beide auf der ETZ vom Genossen Krugmann und waren auf dem Weg zur BHG.
*
Die Löcher im Putz des BHG – Gebäudes legten den Blick auf das Mauerwerk aus roten Ziegelsteinen frei. ›Läuferverband‹ dachte Axel, als er von der ETZ stieg, seinen Helm abnahm und sich die Haare vom morgenfrischen Wind umwehen ließ. Unter dem verwitterten Dachvorsprung klebten ein paar Schwalbennester. Zwischen den Treppenstufen machten sich Hirtenstängel und Spitzwegerich breit. Am Eingang hing eine verrostete Laterne. Er bezweifelte, dass sie überhaupt noch funktionierte. Doch ob sie nachts leuchtete, war ihm jetzt egal, denn es war bereits 10 Uhr und die Morgensonne erwärmte und erhellte die ganze Umgebung. Die Eingangstür war abgeschlossen. Hinter einem Türspalt aus Fensterglas baumelte ein selbst geschriebenes Schild aus Pappkarton, das in der Lage war, allen Lesern Respekt einzuflößen: Wegen Warenannahme bis 14:00 Uhr geschlossen! wehrte es alle kaufwilligen Kunden ab. Krugmann schüttelte niedergeschlagen den Kopf. Seine Enttäuschung dauerte allerdings nicht besonders lang, denn er hatte sich schnell wieder aufgerappelt. »Dann müssen wir gleich um zwei wieder hier sein, vielleicht haben die heute etwas bekommen, was wir gebrauchen können.« Sie waren zwar noch nicht weiter gekommen und hatten doch einen Informationsvorsprung vor allen denen, die nicht wussten, dass heute neue Ware gekommen war. Und wie oft entscheidet der richtige Ort zur richtigen Zeit über Erfolg oder Misserfolg. »Lass uns lieber zehn Minuten eher hier sein, damit wir in der Schlange ganz vorn stehen.« Krugmann nickte. »Frühzeitiges Erscheinen sichert die besten Plätze.« Und das traf nicht nur auf die Abendveranstaltungen im Kino oder im Kulturhaus zu.
*
Um 13:50 Uhr warfen die Lindenbäume schon die ersten Schatten auf den ausgetretenen Vorplatz aus Sand und Steinen. Das Befahren und Betreten drängte das Gras zurück und übrig blieb ein vertrocknetes und staubiges Niemandsland zwischen ausgeblühten Fliederbüschen und rissigem Straßenasphalt. Sie waren nicht die ersten Interessenten. Vor der Treppe der kleinen BHG wartete schon eine Traube von zehn bis fünfzehn Menschen, die nicht miteinander sprachen, in unterschiedliche Richtungen starrten und sich abwechselnd immer wieder mithilfe ihrer Armbanduhren über die aktuelle Uhrzeit informierten. Jürgen Krugmann und Axel Weber vergrößerten die Schlange um zwei weitere Personen. Sie ließen sich von der verriegelten Eingangstür aufhalten wie der strömende Fluss von einer Schleuse. Krugmann zwinkerte: »Wir bekommen noch einen Korb.« Dann verstummte auch er, ließ sich von der drückenden Stimmung voller Hoffnungen und Vorahnungen anstecken und starrte wie Axel Weber geduldig auf das Pappschild hinter dem gläsernen Türspalt, dass sich pünktlich um 14:00 Uhr bewegte, ein Schlüsselklappern im Türschloss nach sich zog und die Menschenmenge vor der BHG in einen langsam fließenden und seufzenden Strom verwandelte.
Hinter dem Eingang, der nach Holz und Linoleum roch, standen etwa zwanzig Handkörbe aus Drahtgeflecht. Über dem Tisch war ein Schild an die Wand angebracht: Rundgang nur mit Korb. »Nimm dir auch einen Korb, Axel.« riet ihm Krugmann. »Dann kommen weniger andere Leute in den Laden. Und wenn du keinen Korb in den Händen hältst, macht die Leiterin wieder ein Riesentheater. Die kann ein ganz schöner Besen sein. Wenn du es bei ihr verspielt hast, dann bekommst du nicht mal einen rostigen Nagel zu kaufen. Dafür sorgt sie schon.« Axel nickte »Ordnung muss sein« und zog an dem Bügel eines Korbes, drückte mit der anderen Hand die restlichen Körbe zurück und begann seinen Einkauf, indem er durch die Gänge mit überwiegend leeren Regalen schlenderte. Mausefallen. Friedhofsvasen. Tüten mit Sämereien. Hier gab es einen Überfluss an Dingen, die man nicht benötigte.
»Sagen Sie bitte, was für Waren haben Sie denn den ganzen Vormittag angenommen, wenn das Geschäft immer noch genauso ausgefegt ist, wie gestern Abend?« Die erboste Stimme eines Kunden, der seine Enttäuschung immer noch versuchte freundlich zu verpacken schallte durch das kleine Geschäft und sprach genau das aus, was alle anderen Besucher der BHG dachten. Sie liefen durch die hohlen Gänge und suchten nach den besondern Waren wie die schnüffelnden Polizeihunde nach einer heißen Spur.
Eine scharfe Frauenstimme heulte wie eine Kreissäge zurück: »Das geht Sie überhaupt nichts an, mein Herr. Wenn Sie bei uns nicht einkaufen wollen, dann brauchen Sie diesen Laden ja nicht zu betreten.«
»Ich würde ja gerne ein paar Holzbretter kaufen.« entgegnete die energische Männerstimme. Die Verkäuferin war beleidigt und ließ sich entnervt zu einer Antwort hinreißen: »Das tut mir leid, junger Mann. Diesen Artikel führen wir momentan nicht in unserem Sortiment. Sie können aber jederzeit immer wieder nachfragen.«
Krugmann tauchte mit leerem Korb auf: »Das kannst du heute vergessen.« Er winkte in die Richtung, aus der das Gespräch gekommen war: »Die Alte hat heute wieder schlechte Laune. Da ist es besser, gar nicht erst in ihre Schussbahn zu geraten.«
»Wir haben es doch noch gar nicht probiert.«
»Ein Hoch auf deinen Optimismus, Axel, aber spare dir den Ärger.«
»Vielleicht freut sie sich ja über eine nette Anfrage.« Jürgen winkte ab. »Du kannst ja machen, was du willst. Ich warte draußen auf Dich.« Axel sah Jürgen Krugmann verwundert hinterher. Was hatte das zu bedeuten? Er war es doch, der ihm Mut machte. Und jetzt gab er sich hier so kampflos geschlagen? Ein wenig komisch kam ihm das schnelle Einlenken schon vor. Trotzdem entschied er sich, nicht unverrichteter Dinge verschwinden. Es musste vorwärts gehen mit dem Garten, sonst wäre Gerda enttäuscht. Und Gerdas Enttäuschung rief sofort wieder ihr Heimweh auf die Tagesordnung. Er atmete tief durch, wie er das neulich auch vor dem Büro des Kombinatsleiters Liedke getan hatte, und ging durch die Gänge, bis er die Kasse sah. Dort lehnte eine ältere Verkäuferin auf dem Ladentisch und langweilte sich. ›Diese Frau ist es, die zwischen mir und meinem Gartenwerkzeug steht.‹ »Entschuldigen Sie bitte.« Er legte alle Freundlichkeit in diese Worte und gab sich Mühe, trotzdem natürlich und bescheiden zu wirken. »Ich bin hier neu hergezogen und habe für meine Familie einen Garten gepachtet und jetzt wollte ich einmal anfragen, ob man bei Ihnen einen Spaten und eine Schippe anmelden kann.« Die Frau in der rosafarbenen Kittelschürze verarbeitete die Worte langsam und ohne Regung. Sie schien zu überlegen. »Sagen Sie, sind sie nicht in die Schmiedeberger Str. 13 c eingezogen?« Das brachte ihn aus dem Konzept und alle seine zurechtgelegten Worte waren auf einmal verschwunden. »Ja, wir wohnen ganz oben in der fünften Etage.« Die Frau lächelte: »Ich weiß, neben Schäfer. Wir wohnen in der zweiten Etage rechts.« Er ging in Gedanken den Hausgang bis in dien zweite Etage rechts hinauf: »Frau Müller?«
»Ja, mein Mann ist der Hausvertrauensmann und hat Sie überall vorgestellt, außer bei seiner eigenen Frau.« Er nickte: »Das haben wir ja jetzt nachgeholt.«
»Ich habe Sie schon ein paar Mal mit dem Moped kommen sehen. Und ihre Kinder grüßen immer so nett im Treppenhaus, dass das immer eine rechte Freude ist, ihnen zu begegnen.«
»Das freut mich, dass sie zu Ihnen nett sind und wir sagen ihnen immer, lieber einmal zu viel grüßen als einmal zu wenig.«
»Ihr Sohn hat mich neulich dreimal an einem Tag gegrüßt. Und Sie und Ihre Frau haben mir auch schon Guten Tag gesagt, aber wenn man neu ist, dann stürzt alles auf einen ein.«
»Beim nächsten Mal weiß ich ganz bestimmt, wer Sie sind, versprochen.« Frau Müller lehnte sich zu ihm, damit sie nicht so laut sprechen musste: »Was brauchen Sie denn für Ihren Garten?«
»Er flüsterte zurück: »Wenn wir dürfen, dann hätten wir gern zwei Spaten, eine Schippe, eine Harke, eine Hacke und einen Sack Zement.« Sie nickte. »Kommen Sie heute Abend kurz nach sechs mit einem Anhänger.«
*
Um fünf Minuten vor sechs fuhr Axel mit seinem Trabant und dem geliehenen Anhänger von Jürgen Krugmann auf den wilden Parkplatz vor der BHG. Die Schatten waren länger geworden. Er wartete. Im Radio wurden schon die Nachrichten verlesen. Kurz darauf erschien Frau Müller vor der Eingangstür und gab ihm ein Zeichen, dass er an den Hintereingang kommen sollte. Sie kassierte 13,50 Mark und deutete auf einen 50-Kilo-Sack mit frisch abgefülltem Zement, der neben der Laderampe lag. An der Wand lehnten ein Spaten und eine Hacke. Ein kleines Häufchen glückliche Fügung. »Den Rest habe ich aufgeschrieben. Vielleicht bekommen wir ja nächste Woche wieder was. Aber versprechen kann ich nichts.«
»Vielen Dank, Frau Müller. Wie kann ich das nur wieder gut machen?«
»Wo haben Sie ihren Garten?«
»Die Anlage heißt Karl Liebknecht und liegt am Schleifbach.«
»Dann könnten Sie mich nach Hause fahren. Das liegt doch so gut wie auf dem Weg.« Er lud den Zement und das Werkzeug auf den Hänger. Sie holte ihre Jacke aus dem Aufenthaltsraum. »Schönen Feierabend rief sie in den Verkaufsraum.«
»Schönen Feierabend.« klang es wie ein Echo zurück.
*
Jürgen Krugmann saß vor seiner Gartenlaube in einem Campingstuhl und trank eine Flasche Bier. »Ach Axel, da bist du ja.«
»Hilfst du mit anfassen.«
»Na klar doch.« Sie trugen den Sack in seinen Schuppen. »Möchtest du auch einen Schluck Bier?«
»Nein danke, ich bin doch mit dem Auto.«
»Vielleicht das nächste Mal. Als Dankeschön für deine Mithilfe.«
»Ach, ich habe noch viel mehr offen bei Dir.«
»Wann fängst du mit dem Umgraben an?«
»Morgen nach der Arbeit. Irgendwie habe ich das Gefühl, das es jetzt richtig losgehen kann.«
*
Am nächsten Morgen begrüßte ihn der Kollege Krisch in der Umkleidekabine: »Genosse Liedke hatte gestern Nachmittag mal nach dir gefragt. Vielleicht ist es nicht verkehrt, wenn du dich mal blicken lässt.« Zuerst durchzuckten ihn Gewitterblitze, dann wurde ihm kalt und gleichzeitig heiß. Er litt augenblicklich unter einer besonderen Art von Polarfieber, das nur ein schlechtes Gewissen hervorrufen kann. Er war aufgeflogen. Er, der neue Kollege. Der Brigadeleiter. Ein Vorbild für seine Jugendbrigade. »Was hat er denn gewollt?« Kollege Krisch schüttelte den Kopf: »hat er nicht gesagt.«
»Und was hast du gesagt?« Axel spürte, wie unsicher seine Stimme klang. »Ich habe gesagt, du wärst unterwegs und dann ist er wieder gegangen.«
Wie ein Dampfkessel stieg er die Treppen zum Direktorat hinauf. Ein Dampfkessel, ohne Ventil. Er fühlte, wie er neben sich stand. Und dieser Mensch an seiner Seite klopfte an die Tür und von weit her aus dem Inneren des Büros schallte ihm ein »Herein« entgegen. Mechanisch öffnete er die Tür und das gewohnte Bild des am Schreibtisch sitzenden Kombinatsleiters wirkte wieder auf ihn ein.
»Ah Genosse Weber, treten Sie doch näher.« Wie sollte er seine Freundlichkeit deuten? Spielte er seinen Triumph aus? Dann begann er, sachlich zu werden: »Ich habe mich umgehört und in Erfahrung gebracht, dass der Thälmannkindergarten in der Straße des Friedens eine stundenweise Aushilfe benötigen kann. Vielleicht wäre das was für Ihre Frau.« Es ging also gar nicht um gestern. Es ging um Gerda. Doppelt gut. Er fühlte, wie der Druck nachließ. Und dieser Druckabfall brachte ihm jene Erleichterung wie ein Dammbruch dem aufgestauten Flusswasser. Außerdem kann Gerda arbeiten gehen und kommt so unter Leute. Ein großer Schritt in die richtige Richtung. »Danke für Ihre Bemühungen, Herr Liedke.«
»Keine Ursache, das Wohlergehen meiner Mitarbeiter liegt mir persönlich am Herzen.« Er sparte wie gewöhnlich mit Mimik und Gestik jeder Art. »Sie soll einfach mal vorsprechen und alles Weitere vor Ort klären.« Als er die Treppe hinunterlief, war ihm nach Singen zumute und das Gefühl der Schwerelosigkeit zog sich bis zum Feierabend hin.
*
»Du kannst im Kindergarten aushilfsweise arbeiten, wenn du willst.« Seine Begeisterung war ansteckend. Gerda hob beide Hände vor ihren Mund und ihre Augen signalisierten Freude. »Der Kombinatsleiter hat es für dich in Erfahrung gebracht. Wenn du willst, kannst du mal hingehen und mit denen sprechen.«
»Das klingt gut, Axel. Dankeschön. Manchmal fällt mir schon die Decke auf den Kopf.« Sie drückte ihn. »Du musst dich nicht beim Postboten bedanken, wenn du hundert Mark im Brief hast, sondern beim Absender.«
»Mir steht aber gerade nur der Überbringer der Nachricht zur Verfügung.«
»Na dann geht ausnahmsweise auch der Bote.«
Es klingelte. Er öffnete die Tür. »Guten Abend Frau Müller, kommen Sie doch bitte herein.« Sie winkte bescheiden ab: »Nein, nein, ich will Sie nicht stören. Ich wollte nur sagen, dass ich heute noch eine Schippe, eine Harke und noch einen Spaten zurückgelegt habe. Unser Hauptlager hatte noch einen kleinen Vorrat und den habe ich ihnen abgeschwatzt. Also können Sie am besten Montagabend kurz nach um sechs einfach wieder vorbeikommen.« Sie lächelte stolz und zufrieden. Gerda lachte zurück: »Danke Frau Müller. Aber wie können wir das wieder gut machen?« Sie winkte erneut ab: »Das ist schon gut. Sie haben so nette Kinder, da gibt man lieber denen etwas, die gut erzogen sind.« Dankeschön Frau Müller und noch einen schönen Abend und viele Grüße an ihren Mann.«
»Der ist heute Abend beim Fußball und ich genieße deshalb gerade die Ruhe.«
»Eine nette Frau.« sagte Gerda, als die Schritte von Frau Müller immer noch im Treppenhaus schallten.
*
»Wie sollen wir das schaffen?« Gerda wirkte überfordert, als sie am Samstag Mittag wieder an der Gartenhecke standen. Ihr Land war überwuchert von Unkräutern und nutzlosen Gewächsen jeder Art. Ein grüner Schrottplatz. »Ganz einfach. Wir fangen am Anfang an und hören am Ende auf. Denn eine Sache erledigt sich nicht dadurch schneller, wenn man lange drüber redet.« Dann begannen sie damit, die wuchernden Sträucher zu entfernen und auf einen großen Haufen zu legen. Er zog an den halbhoch gewachsenen Büschen und half mit dem Spaten nach, wenn sich die Wurzeln zu fest im Boden verankert hatten. Gerda zupfte am Unkraut, das sich nach Kräften wehrte, indem es sich in der Erde festklammerte. Heiko und Jana sammelten Kieselsteine in einen Drahtkorb.
Aus dem Garten auf der anderen Seite des Schotterweges sah ihnen ein Mann zu. Er blickte durch eine Hornbrille in die Welt. Der Zigarrenrauch verhüllte zeitweilig sein Gesicht. »Ihr seid wohl die mutigen Optimisten, die es mit dem Garten aufnehmen wollen?« Gerda unterbrach ihre Arbeit nicht ungern und entgegnete: »Wir lassen uns nicht so leicht unterkriegen.« Der Mann nahm dies als Einladung zu einem Gespräch entgegen und kam an die Gartenhecke. Der lockere Rauch seiner Zigarre folgte ihm wie der Dampf einer davon eilenden Lokomotive. »Da habt ihr euch aber was vorgenommen. Eure Vorgänger haben ziemlich schnell das Handtuch geschmissen.« Jetzt mischte sich auch Axel mit ein. Er drückte Knie und Rücken durch und kam an die Grenzbepflanzung gelaufen: »Wir sind ja nicht wie unsere Vorgänger. Und erst wenn es kompliziert wird, zeigt sich der Charakter.« Diese Worte zauberten ein Lächeln in das Gesicht des fremden Mannes in roter Sporthose aus Baumwolle. »Axel Weber.« sagte er freundlich und reichte die Hand über die vertrockneten Heckenbüsche, die auf seiner Kniehöhe das Wachsen eingestellt hatten. »Das ist meine Frau Gerda und die fleißigen Steinesammler da hinten sind unsere Kinder Heiko und Jana.«
»Schmidt. Dietmar Schmidt.« erwiderte er ebenso freundlich und drückte mit seiner Hand die Finger von Axel Webers rechter Hand zusammen. »Meine Frau Waltraud ist gerade in der Laube und kocht Mittag. Wir wohnen im Sommer das ganze Wochenende immer hier draußen. Das ist schöner als die staubige Neubaublockluft.« Axel stieg auf seine Worte ein: »Ja das ist eine echte Erleichterung.«
»Auf gute Nachbarschaft, Kollege Weber.«
»Auf gute Nachbarschaft, Kollege Schmidt.« Er runzelte die Stirn: »Und was wollt ihr denn jetzt eigentlich mit dem Garten anstellen?«
»Ein paar Beete und ein bisschen Rasen für die Kinder zum Spielen.«
»Und wo wollt ihr euer Werkzeug unterstellen?« Das war eine gute Frage. Denn jeden Tag immer alles mit dem Trabant nach Hause zu transportieren, das wäre ja aufwändig. »Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht. Aber einen Geräteschuppen brauchen wir dann wohl auch noch.«
»Zuerst könnt ihr eure Sachen mal bei mir unterstellen, wenn ihr wollt.«
»Das ist aber nett.« sagte er zu seinem neuen Gartennachbarn und nickte dann aufmunternd seiner Frau Gerda zu. »Wenn ihr eine Schubkarre braucht, kann ich euch gern meine ausborgen. Ich denke, sie wird momentan bei euch mehr Nutzen stiften als bei mir.«
»Nochmals danke.«
»Keine Ursache. Unter Gartenkollegen gibt es ein ständiges Geben und Nehmen zum Nutzen für alle Beteiligten.« ›Wie hieß diese Lebensform noch in der Biologie?‹ Axel grübelte und stieg tief in seine Gedanken an die Schulzeit hinab, bis es ihm endlich in den Kopf schoss: ›Eine Symbiose. Eine Lebensgemeinschaft zum gegenseitigen Vorteil.‹ Ihn umgab das wohlige Empfinden, auf einmal ein Element einer gut funktionierenden Symbiose geworden zu sein.
4. Kapitel
GERÄTESCHUPPEN ODER GARTENLAUBE
Am Montagabend kurz vor 18 Uhr betrat Axel die BHG und suchte zwischen den Verkaufsgängen nach der Verkäuferin Frau Müller. Der Geruch nach Linoleum und Holz machte sich wieder in seiner Nase breit und drängte die anderen Empfindungen zurück. Leere Regale. Neonlicht. Der Schall seiner Schritte auf dem Boden.
»Guten Abend Herr Weber.« Frau Müller hatte sich schon umgezogen und winkte ihn ins Lager hinter dem Ladentisch. »Da hinten stehen die Sachen für Sie.« Sie zeigte auf die kleine Ansammlung von Gartenwerkzeugen. Sonst war die Lagerhalle fast leer. Auf dem Boden stapelten sich ein paar Holzbretter und etwa zehn Säcke mit Gips. In den Wandregalen lagen Schraubenzieher und Tapezierbürsten. »Wir haben heute überraschend noch mal eine Lieferung von dicken Holzbrettern bekommen. Die hatten wir zwar gar nicht bestellt, aber umso mehr freut man sich über die unverhofften Sendungen aus dem Hauptlager.«
»Was machen Sie jetzt damit Frau Müller?«
»Ein paar Bretter haben wir schon in den Verkaufsraum gestellt und der Rest ist reserviert für die Bestellungen.«
»Wie lange warten denn die Leute schon darauf?«
»Vielleicht ein halbes Jahr.«
»Kann ich mich denn dann auch für so ein paar Bretter anmelden? Wir brauchen doch einen Schuppen für unser Werkzeug.«
»Also ... » sie überlegte » ... wenn wir die Bestellungen einfach nicht ausführen und auf die nächste Lieferung vertrösten, dann können Sie fünf Bretter sofort mitnehmen. Den Rest brauchen die Kollegen für ihre Verwandtschaft. Sie müssen sich die dann allerdings noch zurechtsägen, denn für einen Schuppen sind sie dann wohl doch ein bisschen zu dick.«
»Wenn das gehen würde, dann würden Sie gleich vier Menschen gleichzeitig glücklich machen.«
»Keine Ursache, unsere Kunden sind Kummer gewöhnt.«
»Ich nehme Sie gleich wieder mit nach Hause, wenn Sie wollen.«
»Gern, an Ihre Chauffeurdienste kann man sich leicht gewöhnen.« *
»In der BHG gab es gestern Holzbretter?« Jürgen Krugmann verzog schmerzvoll das Gesicht und trank den letzten Schluck seines Pausenkaffees. »Warum hast du denn nichts gesagt?«
»Ich war doch selber erst nach Ladenschluss dort.«
»Wollen wir gleich noch mal hinfahren und versuchen, was zu bekommen?«
»Ich befürchte, dass das aussichtslos sein wird. Es lagen nur noch ein paar Bretter da. Und die sollen vor allem dazu dienen, die teueren Beziehungen zu Verwandten und Freunden zu pflegen. Wozu brauchst du denn welche?«
»Eigentlich zurzeit gar nicht. Aber was man hat, das hat man eben.«
»Dann musst du dich nicht kümmern, wenn du welche brauchst.«
»Genau. Ich habe zum Beispiel neulich drei Trabantauspuffe gekauft. Die liegen jetzt bei mir im Keller.«
»Aber du hast doch gar keinen Trabant.«
»Das stimmt. Aber vielleicht bekommen wir in vier Jahren ja den Trabant, den Karin angemeldet hat. Und im Notfall kann man damit schnell klingende Münze machen, denn der eine oder andere benötigt immer mal einen Auspuff.«
»Und der hat dann wieder Sachen, die du benötigst.«
»Du hast es erfasst, Axel. Das Leben funktioniert doch frei nach der Devise: Sei zur Zeit am rechten Ort, sonst sind alle Sachen fort.«
»Ich werde in Zukunft wachsamer sein.« Jürgen Krugmann lächelte und ging wieder an seine Arbeit. Axel musste an Frau Müller und ihre selbstlose Art zu Helfen denken. Dann überlegte er, welche Tätigkeiten im Garten nach Dienstschluss heute anstanden. Er freute sich darauf, seine Erde zu pflügen und mithilfe seiner neuen Werkzeuge nutzbar zu machen.
Dietmar Schmidt saß auf der erhöhten Terrasse vor seiner Laube und schaute auf den grünen Wuchs seiner sauber angelegten Beete hinab. Der Hauch eines königlichen Throns wehte um seinen ausgesessenen Campingstuhl. Er produzierte mit seiner Zigarre Schönwetterwolken für die ganze Umgebung. »Grüß dich Axel.«
»Hallo Dietmar, kann ich mir mal mein Werkzeug holen.«
»Willst du unbedingt noch arbeiten? Na wenn das dein Wille ist, dann sollte ich mal nicht im Weg stehen.«
»Ich habe gestern fünf dicke Bretter in der BHG bekommen. So langsam könnten wir über einen eigenen Geräteschuppen nachdenken.«
»Glückwunsch, aber warum baut ihr euch denn nicht gleich eine ganze Gartenlaube? Da kann man doch die Geräte auch abstellen.«
»Woher sollen wir denn die Zutaten bekommen?«
»Ach weißt du …« er zeigte auf seine Laube » … wenn wir uns das nicht zugetraut hätten, dann stände hier auch nichts. Du musst nur immer hellwach sein und mit ein bisschen Glück, bekommst du nach und nach fast alles zusammen.«
»Aber ich habe doch noch niemals eine Maurerkelle in der Hand gehalten. Ich bin weder Tischler noch Fliesenleger oder gar ein Dachdecker.« Dietmar winkte ab und besah sich sein Gartenhaus. »Sieht man diesem Gebäude an, dass es von zwei Bürohänden errichtet wurde?«
»Nein, ehrlich nicht. Hast du das Ding allein gebaut?«
»Fast alleine und diese Hütte steht schon seit zwei Jahren, also können wir wohl nicht alles falsch gemacht haben, oder?« Nun war es Zeit für ein Lob und ein bisschen Bewunderung »Ich denke, ihr habt sogar vieles richtig gemacht.« Dietmar Schmidt räkelte sich auf seinem Thron und er wirkte in diesem Moment als ein noch mächtigeres Oberhaupt über sein Pachtland.
»Wenn ihr für das nächste Frühjahr Saatkartoffeln braucht, dann meldet euch einfach bei mir. Ich kann welche besorgen.«
»Dankeschön. Und was können wir für euch tun? Ihr könnt ja nicht immer nur uns behilflich sein.«
»Macht einfach euren Garten schön. Wir sehen lieber auf Kulturpflanzen als auf einen Dschungel. Außerdem wehen die Samen vom Löwenzahn immer zu uns rüber und gehen dann auf unseren Bohnenbeeten auf. Das sieht zwar schön aus, aber ein Gärtner erfreut sich an so einer Blume lieber, wenn sie auf einer Wildwiese weit weg von seinem Grundstück wächst.«
*
Die höheren Büsche und Sträucher hatte Axel schon besiegt. Jetzt stand er vor einer größeren Herausforderung. Er hatte sich vorgenommen, jeden Quadratzentimeter Gartenerde vom Unkraut zu befreien. Das wuchernde Durcheinander aus Disteln, Giersch, Löwenzahn und Winden systematisch auszutilgen. Er stieß mit der Grabegabel in die Erde am äußersten Gartenende. Als er den ersten Erdbatzen anhob, knackten die Wurzeln. Der Boden war ausgetrocknet und die wilden Gewächse konnten sich problemlos im Boden halten. Axel musste tiefer graben, um an die Wurzelspitzen heranzukommen. Das Tauziehen dauerte länger als gedacht. Mühsam arbeitete er sich Stück für Stück voran. Dann blickte er auf den großen Haufen Wackersteine. Sollte er die lieber mit der Schubkarre fortbringen und auf Regen warten? Eine gute Idee. Im Handumdrehen hatte er die ersten Steine mit einem leisen Knacken in die Schubkarre gelegt. Dann kam es ihm merkwürdig vor. Als er die Steine zur Seite schob, raschelte eine Plastiktüte. Die Tüte war mit einem Faden verschnürt und schützte das Ende eines schwarzen Elektrokabels gegen Witterungen. Was hatte das zu bedeuten? Er wischte mit seinen Händen die Erde rund um das Kabel weg. Es interessierte ihn, wohin es führte. Dann stieß er auf einen rauen Untergrund. Er grub weiter und legte in der Manier eines Archäologen einen festen Gegenstand frei. Eine Betonplatte. Es hatten also schon Bauarbeiten in ihrem Garten stattgefunden. Axel beförderte mit der Schippe Quadratmeter für Quadratmeter des betonierten Untergrunds an die Oberfläche. Und eine halbe Stunde später waren die Ausmaße der Bautätigkeit sichtbar. Ein gegossenes Fundament. Sechs Meter lang. Vier Meter breit. Das Erdgeschoss einer Gartenlaube. Versunken im Mutterboden. Eine neue Überraschung.
*
»Hast du gewusst, dass bei uns im Garten eine erschlossene Bodenplatte vergraben war?« Axel sah in das fragende Gesicht seines Gartenkameraden Dietmar Schmidt. »Nein, wusste ich nicht. Als wir den Garten übernommen hatten, sah er schon so aus wie vor einer Woche.«
»Wozu hatten die denn die Steine dort gelagert?«
»Die wollten bestimmt auch eine Laube bauen und die Steine für den Sockel verwenden.«
»Das klingt logisch.« Dietmar Schmidt zog an seiner Zigarre und pustete nicht nur den kräuselnden Rauch, sondern auch ein paar aufmunternde Worte hinaus:«Also Axel, wenn ihr schon die Grundplatte habt, dann braucht ihr doch bloß noch in die Höhe bauen.«
»Das ist so einfach gesagt.«
»Also, junger Freund …« Dietmar Schmidt hustete erst einmal seine Stimme frei, bevor er ein schelmisches Lächeln auflegte »… wir hatten keine Grundplatte und somit einen schlechteren Start als ihr. Und wenn wir das geschafft haben, dann ist das für euch doch ein Kinderspiel.«
»Ein Kinderspiel ist zwar leicht übertrieben.« entgegnete Axel, aber irgendwie gefiel ihm dieser Gedanke an ein eigenes Gartenhäuschen trotzdem gut.
*
»Ich habe im Garten gerade die Grundplatte für eine Laube freigelegt.« Axel sah in Gerdas fragendes Gesicht. »Willst du etwa eine Laube bauen?«
»Na wenn der Grundstein schon liegt.«
»Kannst du auf einmal mauern, ein Dach decken und Wände verputzen?«
»Natürlich nicht. Aber das kann man doch lernen.«
»Und hast du dir denn überhaupt einmal Gedanken gemacht, wo wir die ganzen Materialien herbekommen sollen?«
»Dietmar Schmidt hat mir eher zugeraten. Irgendwie wird sich das mit der Materialbeschaffung schon ergeben. Bei ihm hat es ja auch geklappt.« Gerda lief rot an. Ihre Bedenken wehten wie ein Herbststurm über ihn hinweg. »Jetzt bleib mal auf dem Teppich. Dein neuer Freund Dietmar Schmidt ist hier wahrscheinlich aufgewachsen, hat hier die Schule besucht und kennt die Leute. Und du? Du kennst mal deine Kollegen aus der Jugendbrigade und zwei, drei Gartennachbarn. Und wenn du in irgendein Geschäft läufst und nett nach diesem oder jenem fragst, werden sie dich am langen Arm verhungern lassen. Selbst wenn sich unter dem Ladentisch ein Jahresvorrat stapelt.«
»Aber wir haben doch Frau Müller. Die hilft uns schon, wo sie kann.« Gerda schüttelte den Kopf. »Nein Axel, da mache ich nicht mit. Ich habe keine Lust auf die Rennerei. Denke an deine Kinder. Die wollen was von dir haben.«
»Na gerade weil ich an Heiko und Jana denke bin ich der Überzeugung, dass sie sich in einer Gartenlaube wohlfühlen würden.«
»Also, meine Meinung kennst du. Ein Stückchen Garten zu bewirtschaften ist in Ordnung und ich bin dir dankbar, dass du dich so ins Zeug gelegt hast. Aber lass uns doch erst einmal das Unkraut austilgen. Damit haben wir genug zu tun.« Axel biss sich auf die Zunge, um Gerdas Skepsis nicht noch mehr Futter zu geben. Er musste es diplomatisch angehen. Er brauchte neue Erfolge. Er musste Material besorgen. Dann würde sie sich beruhigen. Denn momentan rollten ihre Vorstellungen über ein kleines Gartenhäuschen noch auseinander wie zwei Fernzüge in einem Durchgangsbahnhof.
*
»Ich habe eine fertig gegossene Bodenplatte im Garten gefunden.« Axel sah in die freudigen Augen seines Arbeitskollegen Jürgen Krugmann. »Welche Maße hat denn das Fundament?«
»Sechs mal vier Meter.«
»Perfekt.«
»Wieso denn perfekt?«
»Da haben eure Vorgänger aber gut mitgedacht. Denn bis einschließlich vierundzwanzig Quadratmetern Grundriss benötigt man in einer Gartensparte keine Baugenehmigung.«
»Es scheint so, als ob die vorherigen Besitzer einen genauen Plan hatten.«
»Sieht danach aus. Es freut mich, dass ihr euch dazu durchgerungen habt, eine Laube zu bauen.«
»Eigentlich habe nur ich mich dazu durchgerungen. Gerda ist alles andere als begeistert von der Idee.«
»Aber wieso? Ihr habt dadurch viel mehr Freude an eurem Garten. Wenn es regnet, könnt ihr trotzdem dableiben. Ihr könnt dort übernachten und richtige Gartenfeste feiern. Eigentlich ist ein Garten erst dann vollständig, wenn er ein kleines Häuschen hat.«
»Das hat unser Gartennachbar auch gesagt. Er hat mir die Steilvorlage gegeben, aber Gerda ist der Meinung, wir übernehmen uns.«
»Euer Gartennachbar? Wen meinst du?«
»Dietmar Schmidt von gegenüber, die anderen kennen wir noch nicht.«
»Ach Zigarren-Schmidt.«
»Nennt ihr den so in der Gartensparte?«
»Ja, aber das weiß er selber auch. Denn bei Schmidt ist das so eine Sache mit der Unterscheidung.«
»Ein bisschen weiter zu mir hinter gibt es nämlich noch einen Schmidt und der ist bei der Feuerwehr und deswegen heißt der Feuerwehr-Schmidt.«
»Also haben wir den Garten nicht einfach nur neben Schmidt, sondern neben Zigarren-Schmidt.«
»Jawohl und wenn über der Gartensparte Rauch aufsteigt, dann brennt entweder eine Laube oder Zigarren-Schmidt ist da.«
»Weißt du, woher wir Mauerziegel, Fenster und ein Dach bekommen? Ich denke, wenn ich Gerda zeige, dass wir alle Materialien bekommen können, dann lässt sie sich bestimmt leichter umstimmen.« Genosse Krugmann war sichtlich überfordert: »Also wir haben die Mauerziegel damals über den Mann von Karins Kollegin bekommen. Aber der ist jetzt in Rente. Die Fenster und Türen haben wir aus der BHG in Wittenberg geholt. Da hatten wir ein bisschen Glück gehabt. So wie es heißt, gibt es dort mehr Auswahl als bei uns.«
»Wieso denn das?«
»Es ist ein anderer Bezirk und außerdem näher an Berlin dran. Da fahren viele lieber nach Berlin und besorgen sich dort ihre Sachen.«
»Also sollten wir mal nach Wittenberg fahren?«
»Da haben wir mehr geholt als in unserer BHG.«
»Und wo habt ihr das Dach her?«
»Wir haben uns ganz normal im Herbst angemeldet und haben im Frühjahr tatsächlich Wellasbest zu kaufen bekommen.«
»Also lohnt es sich, solche Sachen anzumelden?«
»Auf jeden Fall. Dabei fällt mir ein, dass wir sogar noch ein paar Quadratmeter übrig haben. Die sind zwar eigentlich für Reparaturmaßnahmen gedacht, aber Neubau geht vor Reparatur.«
»Und wie habt ihr das Dach befestigt?«
»Wir haben sieben Dachbalken auf den Mauersteinen angebracht und darauf das Dach geschraubt.«
»Und wo habt ihr die gekauft?«
»Die hatte mein Vater noch in der Garage. Aber darum braucht ihr euch doch nicht mehr kümmern.«
»Wieso denn das?«
»Na wenn du eine Laube bauen willst, dann brauchst du doch keinen Geräteschuppen und dementsprechend hast du deine Holzbretter doch schon für den Dachstuhl übrig.« Axel traf es wie ein Blitz. »Na klar! Das stimmt auffällig, Herr Kollege. Wir haben ja schon fünf Dachbalken. Die sind zwar vielleicht etwas zu dünn, aber sie könnten erst einmal für den Dachstuhl herhalten.«
»Nur so lange, bis ihr was Stabileres gefunden habt. Und wenn ihr nicht sieben sondern nur sechs habt, hält das Dach auch.« Also hatte er die Bodenplatte und einen fast vollständigen Dachstuhl. Und der Raum dazwischen würde sich auch noch irgendwie füllen lassen.
»Hast du deinen Grill schon gemauert?«
»Ich fange in dieser Woche an.«
»Wenn du Hilfe brauchst, dann sage einfach Bescheid. Ich bin sowieso da und kämpfe mit dem Unkraut.«
*
»Gerda, wir können die Holzbalken als Dachauflage benutzen und woher wir den größten Teil der Materialien bekommen, hat mir Krugmann auch schon verraten.«
»Ich halte davon immer noch nicht sonderlich viel. Aber lass´ uns nicht heute Abend darüber sprechen.« Er sah in ihre müden aber zufriedenen Augen. »Wie war es denn im Kindergarten?«
»Ich sollte gleich dableiben und für drei Stunden aushelfen.«
»Das ist doch super.«
»Und Jana kann ich auch gleich dort anmelden. So kann ich sie früh hinbringen und gleich dort bleiben.«
»Und wann sollst du wieder hinkommen?«
»Morgen früh. Und so wie es aussieht bis zum Ende der Woche immer vormittags.«
»Macht es Spaß?« Sie lächelte stolz: »Ja, aber es ist ungewohnt. Zu Hause habe ich zwei Kinder zu betreuen und im Kindergarten laufen gleich fünfzehn um mich herum und rufen ständig: ›Frau Weber hier und Frau Weber da‹ aber der Mensch ist doch ein Gewohnheitstier.«
»Und wie sind die Kollegen?«
»Nett und sehr hilfsbereit. Die Leiterin ist so Mitte fünfzig und sehr ruhig. Sie sagt kein Wort mehr als nötig. Aber die Kinder mögen sie gern. Sie leitet das Frauenturnen am Donnerstagabend. Das findet immer in der Turnhalle statt, in der Heiko Schulsport hat.«
»Dann gehst du also donnerstags jetzt immer aus und lässt uns drei allein?«
»Aber doch nur für zwei Stunden. Und außerdem hat die moderne Frau von heute auch schon mehr Ansprüche und die Gleichstellung ermöglicht es ihr, diesen Bedürfnissen auch nachzugehen.«
»Das war doch Spaß. Und eigentlich freue ich mich ja darüber, dass du unter Leute kommst.«
»Ich weiß und ich bin dir ja auch nicht böse. Aber um mich sorgenfrei dem Sport hingeben zu können, könntest du mir heute gleich mal beweisen, dass du die Kinder ins Bett bekommst, mit Heiko die Schultasche packst und seine Brote schmierst.«
»Wo sind denn die Kinder?«
»Noch auf dem Spielplatz, aber sie kommen gleich hoch.«
*
»Papa, Papa ich gehe morgen mit Mama in einen anderen Kindergarten. Da ist Mama nämlich Erzieherin.«
»Ich habe schon gehört. Und darfst du dann auch mit ihr nach Hause gehen oder musst du noch Mittagsschlaf machen?«
»Mama hat gesagt, wenn ich mich mit den neuen Kindern vertrage, kann ich auch zu Hause Mittagsschlaf machen.«
»Das ist ja schön, kleines Fräulein, aber trotzdem geht es jetzt erst einmal ab in die Badewanne.«
»Kommt Heiko auch mit, denn sonst ist es immer so langweilig.«
»Da kommt er schon. Und wie war es bei dir in der Schule?«
»Die Pausenmilch war sauer und wir durften die dann nicht weitertrinken.«
»Aber saure Milch schmeckt doch sowieso nicht. Stefan hat gesagt, die schmeckt, wie wenn man in eine Zitrone beißt.« Heiko und Jana lachten und planschten im Badewasser. »Wenn ihr was braucht, dann ruft einfach.«
»Geht in Ordnung Käpt´n.« rief Heiko im Ton des folgsamen Schiffsjungen, den er neulich in einem Piratenfilm gesehen hatte. Er würgte das Gekicher ab, indem er die Badezimmertür schloss. Gerda wartete auf dem Flur. »Heiko nimmt zwei Stullen mit Käse in die Schule. Die Brotbüchse liegt in seinem Schulranzen.«
Eine halbe Stunde später hatte er die Kinder abgetrocknet, ihnen das Abendbrot zubereitet, abgeräumt, Jana ins Bett gebracht und saß jetzt mit Heiko vor seinem Schulschrank. »Was habt ihr morgen für Fächer?«
»Zwei Stunden Mathematik, eine Stunde Deutsch und in der vierten Stunde Heimatkunde.«
»Wo hast du deine Bücher?«
»Hier liegen sie.«
»Und deine Hefte?«
»Die habe ich schon eingepackt.«
»Hast du für morgen Hausaufgaben auf?«
»Wir mussten zehnmal das ›G‹ schreiben und eine Seite in der Fibel lesen.«
»Hast du alles gemacht?«
»Ja.«
»Na dann ab in die Tasche mit deinen Büchern und husch ins Bett.«
»Mama fragt mich immer noch mal ab, was in der Fibel stand.«
»Das machen wir dann am Donnerstag. Da haben wir viel Zeit zusammen.« Unter der Aufsicht von Gerda verließ er das Kinderzimmer und ging in die Küche. »Jetzt noch abwaschen und dann habe ich meinen Dienst für heute erledigt.«
»Mit Bravour erledigt.« ergänzte Gerda.
»Mama.« Janas Stimme drang durch die geschlossene Kinderzimmertür in die Küche. »Was hast du denn?«
»Kann ich mir noch ein Gute-Nacht-Lied singen?«
»Ja, aber nur eins und dann schläfst du, versprochen?«
»Versprochen. Gute Nacht.«
»Gute Nacht mein Schatz.« Axel spülte die Gläser vom Abendbrot, Gerda trocknete ab. Dabei lauschten sie dem Gute-Nacht-Lied ihrer Tochter:
»Kommt ein kleiner Teddybär aus dem Spielzeuglande her …«
*
»Guten Morgen Axel.«
»Guten Morgen Jürgen.« Sie kamen gleichzeitig auf dem Parkplatz an. Kannst du mir am Donnerstag mal eine Stunde helfen, die Steine für den Grill abzubürsten?«
»Am Donnerstag ist schlecht. Ich muss auf die Kinder aufpassen, weil Gerda am Donnerstagabend jetzt zum Frauenturnen gehen will.«
»Ach das ist ja ein Ding. Karin geht da auch immer hin.«
»Die Leiterin ist ihre Chefin im Kindergarten.«
»Ja, Isolde Richter.«
»Ich weiß nicht, ob sie so heißt, aber Gerda versteht sich gut mit ihr.«
»Arbeitet deine Frau jetzt im Kindergarten?«
»Erst einmal nur stundenweise, aber sie freut sich, mal rauszukommen.«
»Das klingt doch immer besser bei euch. Kannst du denn dann am Wochenende mal eine Stunde für mich opfern?«
»Ich denke, das lässt sich einrichten, wenn wir bei der Einweihung des Grills einen Platz in der ersten Reihe bekommen.«
»Ich bin ziemlich sicher, dass wir euch diesen Wunsch erfüllen können. Ich habe übrigens mit Karin gesprochen. Die kennt noch jemanden, der in dem Betrieb arbeitet, wo die Gasbetonsteine hergestellt werden.«
»Kann sie dort mal für uns nachfragen?«
»Ich denke, dass du das selber machen kannst. Es ist nämlich der Mann von Frau Dechsler, der Sekretärin vom Genossen Liedke.«
»Unsere Frau Petersohn?«
»Ja, versuche mal dein Glück.«
»Das werde ich tun.«
*
Das Büro von Frau Petersohn lag gleich neben dem Dienstzimmer des Kombinatsleiters Liedke. Hier war es ruhig und der helle Gang strahlte mehr Gemütlichkeit aus als die verstaubten Werkhallen. Ein schwerer Duft nach Fliederparfüm lag in der Luft. Axel hatte sich extra das Gesicht und die Hände gewaschen, um einen sauberen Eindruck zu machen. Wie sollte er Frau Petersohn fragen? Eher freundlich und diplomatisch? Große Umwege über das Wetter und den gestrigen Fernsehfilm gehen oder direkt auf die Arbeit ihres Mannes ansprechen. Eigentlich war sie bei der Begrüßung nett und hilfsbereit gewesen. Aber da wollte er ja auch nichts Persönliches von ihr.
»Genosse Weber.« Frau Petersohn trat gerade aus dem Büro des Kombinatsleiters und schob ihre Brille gerade. »Wollen Sie zum Chef oder zu mir?« Jetzt blieb keine Zeit mehr, um sich eine Strategie zu überlegen. »Zu Ihnen, wenn es Recht ist.«
»Ich komme geflogen.« Sie deutete einen Laufschritt an und schloss die Tür zu ihrem Büro auf. »Wie kann ich Ihnen denn behilflich sein?«
»Frau Petersohn …« er zögerte » … Ihr Mann arbeitet doch im Betonwerk.«
»Ja.« entgegnete Sie immer noch freundlich. »Wir haben einen Garten gepachtet und würden jetzt gern eine Laube bauen. Aber dafür benötigen wir ein paar Gasbetonsteine.« Ihr interessierter Gesichtsausdruck wich einem mitteilungsbedürftigen Blick: »Das mit dem Garten hat sich schon bis hier oben rumgesprochen. Nur die Idee mit der Laube ist neu.«
»Naja, unsere Entscheidung steht noch auf wackligen Füßen. Meine Frau ist noch nicht restlos von meinem Einfall überzeugt.« Frau Petersohn winkte aufmunternd ab. »Ach Herr Weber, das wird schon. Lassen Sie ihr Zeit. Und wenn Sie dann sieht, wie die Laube wächst, dann wird sie sich schon freuen.«
»Wenn ich ihr zeigen kann, dass ich das Zubehör besorgt bekomme, hilft das?« »Natürlich. Und das mit den Steinen dürfte kein Problem sein. Neue Steine sind allerdings schlecht zu bekommen und kosten zu viel. Die Kombinatsangehörigen können Bruchsteine mit kleinen oder größeren Schönheitsfehlern zu einem Zehntel des normalen Preises bekommen.«
»Aha.«
»Besorgen sie einen Anhänger und ich besorge den Rest.«
»Bekommt Ihr Mann keinen Ärger, wenn er die Steine gar nicht für sich benutzt?«
»Ach Genosse Weber. Erstens müssten die wertlosen Steine zur Müllhalde gebracht werden. Zweitens haben die anderen Kollegen auch viele Freunde und Bekannte. Und drittens könnten wir schon ein Hochhaus mit den Abfallsteinen bauen, die wir alleine in diesem Jahr vom Betonwerk bezogen haben.«
»So einfach geht das?« Er wirkte ungläubig. »Ja genau so einfach kommt man manchmal zu ein paar Gasbetonsteinen.« begegnete sie seinen Bedenken. »Danke Frau Petersohn. Wir sind Ihnen etwas schuldig.«
»Keine Ursache, Genosse Weber. Das machen wir gern. Und für nette Kollegen noch viel lieber.« Er schloss die Tür. Sollte er jetzt etwa bis auf ein bis zwei Holzbalken, etwas Wellasbest und diverse Türen und Fenster das Gröbste für ein eigenes Gartenhaus zusammen haben? Damit müsste sich Gerda doch restlos überzeugen lassen. Es würde langsam Zeit werden, genauere Baupläne abzustecken.
5. Kapitel
GASBETONSTEINE
»Wie wollen wir denn die Räume in der Laube aufteilen?« fragte Axel seine Frau Gerda beim Abendbrot. Sie trank einen Schluck Brause und spülte die verbliebenen Brotkrümel hinunter. »Vielleicht solltest du darüber reden, wenn du alle Materialien zusammen hast.«
»Aber wenn wir einen großen Anhänger bekommen, können wir die Steine abholen und der Rest ergibt sich irgendwie.«
»Du sollst das Fell des Bären erst verkaufen, wenn du ihn erlegt hast.«
»Natürlich hast du recht Gerda, aber wenn wir die Steine haben, dann können wir gleich anfangen.«
»Woher bekommen wir denn einen großen Anhänger?«
»Ich weiß es nicht. Aber wenn wir schon die Steine bekommen können, dann wird es wohl nicht am Transport scheitern.«
»Du kannst ja notfalls mal die Frau Petersohn fragen, wie die anderen Bekannten die Steine befördert haben.«
»Gute Idee. Aber morgen früh gehe ich in den Garten und helfe Krugmann beim Putzen der Feldsteine für seinen Grill. Vielleicht hat der einen Einfall. Der kennt ja überall jemanden.«
»Was machen wir denn mit den Feldsteinen, die wir noch im Garten liegen haben?«
»Also wie Zigarren-Schmidt vermutet, wollten unsere Vorgänger einen Sockel bauen, um dann darauf die Mauer zu errichten.«
»Das könnten wir doch auch so tun, oder?«
»Grundsätzlich ja, aber ich habe gar keine Ahnung, wie man das macht.«
»Wenn wir uns deinen Optimismus zu Herzen nehmen, dann finden wir auch dafür eine akzeptable Lösung.«
»Ich arbeite dran.«
*
Der Samstagmorgen zog sich schon in den Vormittag, als Axel den Garten seines Kollegen Jürgen Krugmann betrat. »Guten Morgen Axel, schön dass du Zeit gefunden hast.«
»Guten Morgen Jürgen, keine Ursache.«
»Ich habe schon mal angefangen und es geht ganz gut. Wenn die Steine alle einmal sauber sind, lassen sie sich doch viel leichter vermauern.« Er nahm einen Stein in die Hand und verhalf ihm mit der Bürste zu einer sauberen Oberfläche. »Siehst du, so schön können die Dinger aussehen.«
»Und welche Form soll der Grill nachher haben?«
»So wie bei Filkerts.«
»Kenne ich nicht.« Jürgen Krugmann fasste sich an den Kopf. »Ach ja, ich habe gar nicht mehr dran gedacht, dass du hier neu bist. Wahrscheinlich, weil wir uns schon so lange kennen.«
»Obwohl wir uns nach dem Lehrgang aus den Augen verloren haben.«
»Das spielt keine Rolle. Lass uns mal rübergehen. Christoph Filkert ist mein Nachbar. Er hatte noch ein paar Steine übrig und hat mich auf die Idee mit einem eigenen Grill gebracht.«
*
Christoph Filkert goss sein Blumenbeet mit einer angerosteten Gießkanne. Er hatte nur noch über den Ohren ein paar schwarze Haarbüschel. Den Rest hatten die wehenden Stürme entwurzelt. Sein Bauch drückte von innen gegen das befleckte Gartenhemd und setzte die Knopfleiste unter Dauerspannung.
»Morgen Jürgen.«
»Morgen Herr Nachbar. Das hier ist mein Kollege Axel Weber. Den kenne ich schon von meinem Schweißerlehrgang in Berlin. Er hat jetzt im Werkzeugmaschinenkombinat angefangen und hat den verwilderten Garten bei Zigarren-Schmidt übernommen.« Filkert lächelte freundlich: »Stimmt. Kollege Blume hat bereits davon erzählt. Du bist also der Mutige, der es mit dem Stückchen unberührter Natur aufnehmen will?«
»So haben wir es uns zumindest vorgenommen.« entgegnete Axel ebenfalls freundlich. »Hier drüben ist der Grill.« Jürgen Krugmann winkte ihn zur Terrasse herüber. »Siehst du, diese Flaschenform soll er bekommen. Unten breiter für den Grillrost und oben der schmale Schornstein.«
»Sieht toll aus und was ihr hier so an Wurst und Fleisch reinlegt, schmeckt bestimmt auch ganz gut oder?« Christoph Filkert nickte selbstgefällig und strich sich über den Bauch.«Seit der Einweihung des Grills im Frühjahr habe ich schon drei Kilo zugelegt. Reicht das als Beweis?« Axel nickte und lachte: »Hast du den selber gemauert?«
»Nein, mein Schwiegersohn ist Maurerlehrling und der hat sich daran versucht. Ich habe ihm damals versprochen, dass er immer zum Grillen kommen kann, wenn er möchte. Und jetzt haben wir die beiden fast jedes Wochenende zu Besuch, obwohl er sich für den Garten nicht besonders interessiert.«
»Dafür umso mehr für die eine heiße Stelle gleich neben der Terrasse.«
»Volltreffer.« Jürgen Krugmann mischte sich ein: »Kommen die beiden heute Abend auch wieder?«
»Sieht so aus. Christine legt schon Fleisch ein. Gestern gab es Nackensteaks in der Kaufhalle. Gar nicht so fettig wie sonst. Schön durchwachsen. Genau richtig zum Grillen.«
»Kann ich ihn dann notfalls mal um fachmännischen Rat fragen, wenn ich beim Mauern Schwierigkeiten haben sollte?«
»Ich schicke ihn am besten gleich mal zu dir rüber, wenn er kommt. Erstens geht er mir sonst nicht von der Seite, wenn ich in Ruhe grillen möchte und zweitens wird er immer träge, wenn er sich vollgestopft hat.«
»Kennt ihr jemanden, der einen großen Anhänger hat, mit dem man Gasbetonsteine transportieren kann?« Axel fragte in die Runde. Krugmann schüttelte den Kopf: »Unsere Steine hat ein Fahrer aus dem Betonwerk direkt vorbeigebracht.« Christoph Filkert überlegte: »Hast du dir auch Bruchsteine organisiert?«
»Ja, der Mann unserer Chefsekretärin arbeitet dort.«
»Und die verkaufen immer noch nur an Mitarbeiter?«
»So wie es aussieht schon. Und jeder Mitarbeiter könnte sich mit den Steinen für den Eigenbedarf ein Hochhaus bauen.«
»Dann ist ja alles wie immer.«
»Alles wie immer.«
»Pass mal auf Axel. Wir fahren morgen früh mal aufs Land. Ich kenne einen alten Kartoffelbauern, der hat einen Traktor plus Anhänger. Er heißt Summke, ist schon ein bisschen schrumplig aber ein guter Kerl. Er hat noch was offen bei mir, weil ich ihm mal mit einem Korb Erdbeeren eine Kühltruhe besorgt habe. Die Damen im Hauhaltsgeräteladen haben ihn ganz nach oben auf die Anmeldeliste gesetzt. So ging es relativ schnell.«
»Soll ich dann hierher kommen.«
»Ja komme mal so um neun in den Garten. Dann sehen wir weiter.«
*
Die Sonne stand schon über den Feldern und schickte wärmendes Licht auf die Erde. Die Singvögel fühlten sich ermutigt, Musik zu machen. Axel stand vor dem Gartentor von Christoph Filkerts Garten. Es regte sich nichts. War er noch gar nicht da? Was sollte er tun? Er entschied sich, zu rufen. »Christoph?« Es verging eine Minute, bis die Laubentür von innen geöffnet wurde. Christoph Filkert sah etwas zerknittert aus. »Guten Morgen, Axel.«
»Guten Morgen. Na, hat dein Schwiegersohn gestern wieder ordentlich zugelangt?«
»Der hat uns wieder mal die Haare vom Kopf gefuttert. Nicht ein Fetzen Fleisch ist übrig geblieben. Aber wenigstens hat er vorher noch bei Jürgen drüben geholfen. Der Grill ist fertig und deshalb hat er eine Flasche Goldkrone springen lassen. Mir ist immer noch nicht richtig gut im Kopf.«
»Sollen wir dann irgendwann später mal fahren?«
»Nein, nein, das kommt nicht in Frage. Wer feiern kann, der kann gewiss auch arbeiten.«
»Und Beifahrer sein.«
»Und Beifahrer sein.«
»Seit wann bist du denn hier?«
»Ich habe hier geschlafen. Christine ist nach Hause gegangen, aber ich konnte nicht mehr. Mein Schwiegersohn ist wahrscheinlich auch einiges gewöhnt. Der schüttelt sich dreimal und dann ist er wieder nüchtern. Naja, ich bin eben auch nicht mehr richtig im Training.«
Sie fuhren aus der Stadt ins Freie. Die Sonne war über den Waldsaum weitergezogen, der weit am Horizont die Felder der LPG begrenzte. Christoph Filkert hatte das Fenster der Beifahrertür offen und ließ sich den frischen Fahrtwind ins Gesicht wehen. »Wir sind gleich da.« sagte er gequält. »Wir müssen da vorn links abbiegen und die Straße bis zum Ende fahren. Dort ist es dann.«
»Woher kennst du den Mann?«
»Ach schon ganz lange. Ich habe dem alten Summke schon als junger Kerl im Herbst immer bei der Kartoffellese geholfen. Und auch wenn er die Landwirtschaft schon lange aufgegeben hat, haben wir uns irgendwie nicht mehr aus den Augen verloren.«
*
»Grüß dich Christoph.« Ein älterer Mann mit einem krummen, abgearbeiteten Rücken lehnte aus dem Fenster des verfallenen Backsteinhauses. Seine grauen Kopfhaare kamen fast ausnahmslos unter dem Kinn zusammen. »Hallo Ernst.«
»Wie kommt es denn, das du den Weg hierher gefunden hast?«
»Wir haben uns verfahren und keine Möglichkeit gefunden, umzudrehen.«
»Der gleiche Spaß wie immer.«
»Das da drüben ist mein Gartenkollege Axel Weber. Der braucht mal deinen Traktor und den Anhänger. Er muss vom Betonwerk ein paar Gasbetonsteine abholen.«
»Na, ob das olle Ding überhaupt noch fährt das kann ich nicht garantieren.«
»Du darfst nicht vergessen, ihn zu betanken. Dann fährt er auch wieder.«
»Ach so einfach ist das. Und warum sagst du mir das jetzt erst?«
»Du hast ja niemals vorher gefragt.«
»Ich komme mal runter.«
Eine Minute später schnappte das Schloss zur verwilderten Scheune. Die Türen öffneten sich knarrend. Licht viel ein und holte aus der Dämmerung die Umrisse eines alternden Traktors, dessen Karosse an der Rostbeulenkrankheit litt. »Kann man damit überhaupt noch fahren?«
»Ja, aber das muss ich selber machen. Du hast doch dafür gar keinen Führerschein.«
»Wann können Sie denn mal zum Betonwerk mitkommen.«
»Weißt du, eigentlich habe ich so ziemlich immer Zeit.«
»Das hört sich gut an. Kann ich mich dann mal bei Ihnen melden, wenn ich weiß, wann ich die Steine bekomme?«
»Du kannst immer vorbeikommen. Auch einfach mal so. Ich habe nämlich gern Besuch. Und der …« er verdrehte seinen Kopf in Richtung seines Gartenkollegen » … der verspricht mir immer, mich zu besuchen und dann hat er immer wichtigere Dinge zu tun.«
»Ich werde mich bessern.« versprach Christoph Filkert und seine Worte klangen so feierlich wie ein Schwur.
*
»Guten Morgen Frau Petersohn.« Axel fing sie auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Kombinat ab. »Ich habe einen Traktor mit Anhänger und Fahrer organisiert. Wann kann ich denn mal zu Ihrem Mann kommen?«
»Am besten wäre wohl heute Abend. Da kann ich ihm heute noch Bescheid geben. Und für den Fall, dass es nicht klappen sollte, sage ich Ihnen im Laufe des Tages einfach wieder ab, ok?«
»Dankeschön. Aber so schnell habe ich gar nicht damit gerechnet.«
»Keine Ursache. Ich hoffe, Sie haben jetzt deswegen keinen Stress?«
»Das wird schon gehen.« Frau Petersohn lief die Treppen in die staubfreien Bereiche des Kombinats hinauf und zog eine unsichtbare Wolke aus Fliederduft hinter sich her. Er ging in den Pausenraum seiner Brigade und zog sich seine Arbeitssachen an. Noch vor Schichtbeginn suchte und fand er Krugmann: »Jürgen, kannst du mir heute Abend beim Abladen der Steine helfen?«
»Na klar, ich frage Filkert noch, ob er mitmacht, dann geht das schneller.«
*
»Genosse Weber, Sie haben nachher einen Termin mit meinem Mann. Sechzehn Uhr zehn am Haupttor.«
»Danke Genossin Petersohn.«
»Fragen Sie beim Pförtner nach dem Genossen Petersohn. Da im Betonwerk gibt es keine Kollegen, sondern nur Genossen.«
»Na wenn das so ist, dann werde ich das beherzigen.« Sie kramte in ihrer Handtasche: »Hier ist der Bezugsschein. Bringen Sie mir das Geld einfach morgen ins Büro.«
In der Frühstückspause sprach er mit seinem Kollegen Krisch: »Ich muss heute um vierzehn Uhr Feierabend machen. Ich habe noch einen wichtigen Termin.«
»Keine Sorge, Chef. Wir halten die Stellung.«
*
»Herr Summke? Hallo Herr Summke.« Axel Weber stand auf dem verwucherten Hof und suchte die Klingel zum Wohnhaus. Die Hof säumenden Pappeln raschelten gemütlich im Nachmittagswind. »Was gibt es denn?«
»Ich bin es, Axel Weber, der Kollege von Christoph Filkert.«
»Ach ja, mein Freund. Wann sollen wir denn fahren?«
»Na ich kann in gut einer Stunde die Steine holen.«
»Dann erscheint es wohl sinnvoll, dass ich mich mal schön mache.«
»Keine Eile Herr Summke, lassen Sie sich Zeit.«
Zehn Minuten später heulte der Traktor in der Bretterscheune auf. Zuerst gab es ein paar Fehlzündungen dann stotterte der Motor und letztendlich tuckerte er gleichmäßig, wie eine Heuschrecke auf einer Sommerwiese. Blauer Dunst verließ den Auspuff und besiegte den lieblichen Heuduft. »Steig ein. Es geht los.« Sie legten die ersten Meter im Schritttempo zurück. Als sie die asphaltierte Straße erreichten, gab Summke mehr Gas und ihre Fahrt beschleunigte sich. Getose hob an. Ihre Sitze schaukelten wie zwei Boote bei Wellengang. Summke überschrie den Traktorenlärm: »Weißt du, früher war irgendwie alles leichter. Da waren die Feste noch richtige Feste. Die jungen Kerle haben sich um die Mädchen geprügelt und die Kinder waren noch erzogen. Was man heutzutage so alles zu Gesicht bekommt. Da weiß man nicht mehr, ob das ein Junge oder ein Mädchen ist. Die Haare lang und struppig, die Hosen drei Nummern zu eng und dafür die Jacke drei Nummern zu groß.«
»Und kein Respekt mehr vor dem Alter.« Summke nickte zustimmend, obwohl er kein Wort verstanden hatte. Er holte erneut aus: »Und weißt du was das Schlimme ist, denen fehlt jede Achtung vor den älteren Menschen. Dabei waren es gerade die, die das alles hier aufgebaut haben. Unseren Kindern soll es mal besser gehen. Dafür haben wir gearbeitet. Aber wenn man die sieht: sinnloses Betrinken, Randalieren. Die wissen nicht wohin mit ihrer überschüssigen Energie. Wenn die den ganzen Tag auf dem Feld wären, dann würden die erst gar nicht solche Flausen in den Kopf bekommen. Die wären abends froh, wenn sie ihre Ruhe hätten.«
*
Das Pförtnerhäuschen zum Betonwerk wurde von einem älteren Herrn in blauer Uniform besetzt, dessen verlängerter Zeigefinger eine rot und weiß gestreifte Schranke war. Die Schranke war geschlossen und verdeutlichte, dass es für Unbefugte keinen Zutritt gab. Axel sprang vom Traktor. Der Pförtner öffnete sein Sprechfenster und hielt das Ohr an die Scheibe. »Guten Tag.«
»Guten Tag.« schallte es teilnahmslos zurück. »Mein Name ist Weber. Ich habe einen Termin mit dem Genossen Petersohn.« Der Pförtner verzog keine Miene. Er schloss das Sprechfenster, hob das Telefon ab, bediente die Wählscheibe und unterhielt sich mit der Sprechmuschel. Als er aufgelegt hatte, öffnete er das Sprechfenster erneut und wies ihn an: »Warten Sie bitte hier, der Genosse Petersohn kommt gleich.«
*
Aus der Werkhalle kam ein groß gewachsener Mann mit kräftigen Schultern. Er deutete ihm an, dass sie mit dem Traktor einfahren sollten. Der Pförtner bekam das Zeichen, die Schranke zu öffnen. Langsam rollten die Traktorenreifen über die Betonplatten bis zur Werkhalle, aus der der Mann gekommen war.
Axel stieg vom Traktorsitz. »Genosse Petersohn?«
»Ja, Genosse Weber?«
»Genau der bin ich. Hier ist der Bezugsschein.«
»Das klappt ja super. Na auf die Leute aus dem Werkzeugmaschinenkombinat ist eben Verlass, sagt meine Frau immer.«
»Ja, vielen Dank für die Unterstützung.«
»Kein Problem. Wenn man an der Quelle sitzt, dann kann man ja auch ruhig mal ein bisschen mit Wasser spritzen, oder?«
»Da haben Sie ganz recht.«
»Kommen Sie hier herüber, da können wir die Steine gleich aufladen.« Sie traten in die Werkhalle wie in eine andere Welt. Große Neonröhren sorgten für Tageslichtersatz. Lärm sprang ihnen entgegen. In einer Ecke standen abholbereite Paletten mit Gasbetonsteinen. Ein handgeschriebener Zettel verdeutlichte die Eigentumsverhältnisse. Bruchsteine Petersohn. Nebenan lagen Paletten mit Gehwegplatten. »Kann man die bei Ihnen auch beziehen?«
»Nein Genosse Weber, die sind nur zur Auslieferung bestimmt.«
»Schade, aber nicht zu ändern. Ich bräuchte nämlich welche für eine Terrasse und einen Gartenweg.«
»Nun, da kann ich Ihnen nur folgenden Vorschlag machen: Ich kann in Erfahrung bringen, wohin die Auslieferung erfolgt. Wenn mal in der Nähe was ausgefahren wird, sage ich meiner Frau Bescheid, ok?«
»Das ist sehr nett von Ihnen.« Genosse Petersohn lenkte auf die reservierten Paletten: »Die Steine sind zum Vermauern noch ganz gut, aber Sie müssen beim Verfugen aufpassen, dass keine Zwischenräume bleiben.«
»Und Sie bekommen da keinen Ärger?« Genosse Petersohn lachte: »Dann hätte ich ihn schon vor Jahren bekommen.«
*
Wie bekommen wir denn die Steine jetzt in den Garten?« Axel verzog das Gesicht und auch seine Kollegen Krugmann und Filkert bemerkten, dass der Gartenweg für den Traktor ein wenig zu schmal war. »Wir brauchen Schubkarren. Dann können wir die Steine aufladen und in den Garten fahren.« Axel pustete aus. »Also, wenn ihr mich fragt, ist das eine gute Idee, denn ich habe ja schon beim Aufladen geholfen. Soll ich mal Zigarren-Schmidt fragen, ob wir seine Schubkarre haben können?«
»Vielleicht hilft er sogar beim Transport mit.«
»Ich gehe mal hin.«
*
Dietmar Schmidt saß in gewohnter Pose rauchend in seinem Gartenstuhl und genoss die frische Abendluft. »Mensch Axel, macht ihr da vorne so einen Lärm?« Er lächelte und sprach im ironischen Ton weiter: »Da kann man ja gar nicht abschalten.«
»Wir können schon dafür sorgen, dass du deinen Arbeitstag vergisst. Hilfst du beim Abladen der Gasbetonsteine für unsere Laube? Wir könnten auch deine Schubkarre gebrauchen.«
»Aktive Erholung ist gesund.«
»Das wollte ich als Überzeugungsargument jetzt auch gerade anbringen.«
»Na dann wollen wir mal. Wie viele Leute sind wir denn?«
»Eigentlich schon vier, aber der eine ist nur der Traktorfahrer. Der soll nicht mit anfassen.«
»Wenn wir mit mir dann vier sind, die anpacken können, wäre eine zweite Schubkarre vorteilhaft.«
»Verstehe, einer läd auf, einer läd ab und zwei fahren die Schubkarren.« Zwischen den Bäumen des Nachbargartens tauchte ein Mann in blauer Arbeitskleidung auf. Er zog einen Gartenschlauch hinter sich her und goss damit die Blumen. »Entschuldigen Sie bitte, mein Name ist Axel Weber. Wir haben den Garten neben Ihnen gepachtet.« Der Mann sah in seine Richtung und nickte selbstgefällig. »Kann ich Sie mal fragen, ob ich mir eine Schubkarre von Ihnen ausborgen darf, damit wir die Steine für unsere Laube leichter transportieren können?«
»Ich habe keine Schubkarre.« fauchte der Mann giftig zurück.
»Was ist denn mit dem los?« Axel wandte sich unsicher um. »Da brauchst du dir nichts draus machen, der alte Mitschorin hat sie nicht mehr alle. Das ist eine richtige mürrische Miesmuschel. Der mault alle immer nur blöd an und wundert sich, dass ihn keiner ernst nimmt.«
»Und das macht ihn dann noch verbitterter.«
»So sieht es wohl aus.«
Das Transportkommando lehnte am Traktor und sonnte sich. »Hat einer von euch noch eine Schubkarre im Garten, dann können zwei Leute fahren, während die anderen beiden auf- und abladen?«
»Ich hole schnell meine.« Jürgen Krugmann versetzte seinen Körper vom Ruhezustand in eine mittelschnelle Laufbewegung.
Einige Zeit später hatten sie die Steine von Anhänger auf die Schubkarren und von den Schubkarren auf die Grundplatte geladen. ›Ein freundlicher Anblick‹ dachte Axel, als er die Steine mit einer Wetterfolie aus dem Betonwerk überzog. Das musste Gerda doch überzeugen.
*
»Ich habe noch Bier drüben.« rief Dietmar Schmidt und winkte die Kameraden zu sich in den Garten. Auf das Zischen der Kronkorken folgten das Klirren der Flaschen und die seufzenden Laute der Erleichterung aus fünf Männerkehlen. »Wie kann ich das wieder gut machen?« Axel sah zufrieden in die Runde und ließ sein schlechtes Gewissen sprechen. »Also« begann Jürgen Krugmann. »Gut machen kannst du es wohl gar nicht. Aber du kannst dich revanchieren. Ich habe eine gute Idee: Wie wäre es, wenn wir am Samstag meinen neuen Grill ausprobieren.«
»Und ich besorge das Bier und die Würstchen?« Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Nur Axel zögerte: »Keine schlechte Idee, aber woher soll ich denn die Würstchen bekommen?« Christopf Filkert besänftige ihn: »Wir werden sehen. Das Beste wird sein, wenn wir alle die Augen nach Grillbarem aufhalten, oder?« Allgemeine Zustimmung. »Notfalls trinken wir uns eben satt.« fügte Axel hinzu. Der Abendstern ging auf und der Westhimmel war damit beschäftigt, die letzten Strahlen Tageslicht zu verdauen.
*
Das Scheinwerferlicht des Traktors riss ein kegelförmiges Loch in die Dunkelheit. Die gestrichelte Straßenmarkierung verschwand meterweise zwischen den großen Reifen. Ernst Summkes rauchige Raspelstimme erhob sich über den Motorenkrach: »Braucht ihr für den Garten eigentlich noch ein bisschen Mist? Ich kann welchen besorgen.«
»Im Herbst sehr gern. Dann wachsen die Erbsen im neuen Jahr besser.«
»Melde dich einfach bei mir.«
Sie fuhren auf den Hof. Ernst Summke brachte mit einer kurzen Handumdrehung den dröhnenden Traktor zum Schweigen.
»Was bekommen Sie denn jetzt für die Fahrt?«
»Gar nichts. Ist schon gut. Ich habe meinem Freund Christoph einen Gefallen getan. Wenn, dann musst du es mit ihm ausmachen.«
»Dann erst einmal vielen Dank.«
»Ich hatte auch meine Freude gehabt. Denn ich war schon lange nicht mehr unterwegs. Das tat auch gut.«
»Kommen Sie eigentlich am Samstag auch zum Grillen?«
»Also direkt eingeladen hat mich dein Kollege nicht.«
»Dann mache ich das hiermit. Samstagabend im Garten.«
»Samstagabend im Garten« wiederholte Summke. »Geht seinen sozialistischen Gang. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Als er seinen Trabant aufschloss erinnerte er sich, dass er eine Flasche Bier getrunken hatte. ›Hoffentlich passiert nichts. Das wäre ein Ding. Am Abend eines so guten Tages kann man doch schlecht in der Ausnüchterungszelle landen.‹ Er hatte etwas Großes geleistet. Und auch wenn auf dem Weg zu einer Laube mit einem schönen Garten ringsherum noch viele Untiefen lauern, war es doch zumindest ein Etappensieg. Er verwischte die Gedanken an die bevorstehenden Aufgaben wie ein Tafelschwamm die Kreide, stieg ins Auto und startete den Motor.
*
»Wo kommst du denn jetzt her? Hast du mal auf die Uhr gesehen?« Gerda war wütend und erleichtert zugleich. »Wir haben die Steine abgeladen und noch eine Flasche Bier getrunken.«
»Und dann bist du noch gefahren?«
»Ich hatte vor Aufregung vergessen, dass ich das Auto noch beim alten Summke stehen hatte.«
»Na es ist ja alles gut gegangen.« Er umarmte sie und hob sie in die Luft: »Wir haben Gasbetonsteine für eine ganze Laube.«
»Ich freue mich, aber versprich mir bitte, dass du mich nicht mehr so lange alleine lässt. Ich habe mir Sorgen gemacht und wusste nicht mal, wo ich dich suchen sollte.«
»Versprochen.«
»Großes Pionierehrenwort?« Er nahm militärische Haltung an und hob die senkrechte Handfläche über seinen Kopf: »Pionierehrenwort.«
»Lass uns ins Bett gehen, ich bin hundemüde und morgen warten wieder zwanzig Kinder auf mich.«
»Lass mich noch schnell die Flasche Rosenthaler Kadarka holen. Die will ich Frau Petersohn morgen als Dankeschön mitnehmen. Sie hat Sachen für uns geregelt, die sie nicht hätte regeln müssen.«
6. Kapitel
ZEMENT FÜR EINEN SOCKEL
Samstag. Später Nachmittag. Aus dem Grill von Jürgen Krugmann stieg Rauch auf, verteilte sich in der Luft, wurde zusehends dünner und ging schließlich mit den rauschenden Windböen über Dächer und Baumkronen auf Reisen. Am unruhigen Wolkenhimmel stauten sich die vorhergesagten Regengüsse. Die Gartenterrasse wurde von Getümmel und Gelächter beherrscht. »Wenn es anfängt zu regnen, dann gehen wir einfach rein.« Jürgen Krugmann beruhigte seine Gäste, die ab und zu verlegen aufschauten und die Wetterlage taxierten. »Ein Glück, dass du einen überdachten Grill gemauert hast, dann kann uns gar nichts mehr passieren.« Axel packte ein paar Scheiben Kassler aus dem Wurstpapier aus und hielt sie Jürgen hin. »Halt, die Kohlen glühen noch nicht. Jetzt würde das Fleisch verbrennen. Wo hast du es denn überhaupt bekommen?« Axel pustete in das Grillfeuer und kniff die tränenden Augen zusammen.
»Gerda hat von jemandem aus dem Haus erfahren, dass es in der Kaufhalle Grillscheiben zu kaufen gibt. Da hat sie alles Stehen und Liegen lassen und ist schnell mit dem Fahrrad hingefahren.«
»Und so wie es aussieht, kam sie nicht zu spät.« Axel lächelte stolz: »Es stand zwar schon eine lange Schlange, aber bis zu ihr hat das Fleisch gereicht.«
»Wie viele Scheiben hat sie denn bekommen?«
»Also, die Verkäuferin hat sie gefragt, wie groß ihre Familie sei. Gerda war so verdutzt, dass sie wahrheitsgemäß geantwortet hat. Vier Personen. Die Verkäuferin legte also vier Scheiben ins Papier und dann kam Gerdas Galaauftritt: Sie hätte gern noch zwei Scheiben mehr, weil ihre Eltern gerade bei ihr zu Besuch wären und die auch Hunger hätten.«
»Und hat es die Verkäuferin geglaubt.«
»Irgendwie nicht. Sie war wohl sehr genervt, hat ihr trotzdem noch zwei Scheiben mehr mitgegeben. Super oder?«
»Reife Leistung.«
»Dann hat sie noch gemurmelt, dass die Eltern dann das nächste Mal mitkommen sollten. Und Gerda war so schlagfertig, dass ich immer noch schmunzeln muss.«
»Was hat sie denn geantwortet.«
»Meine Eltern können nur noch am Stock gehen und jeder Schritt tut ihnen weh.«
»Und dann hat die Verkäuferin Ruhe gegeben?«
»Irgendwie schon.«
»Von euch kann man wirklich noch viel lernen.«
»Und wo habt ihr die Würstchen her?«
»Karin war unten in der Stadt beim Fleischer. Der Eigentümer ist mit ihr früher in einer Klasse gewesen.«
»Ach und diese alten Seilschaften existieren noch?«
»Na ich glaube, sie lässt sich bis heute gut dafür bezahlen, dass sie den Fleischermeister hat abschreiben lassen. So wie Karin erzählt, hätte der ohne ihre Hilfe die Schule bestimmt nicht so schnell beendet.«
»Na dann habt ihr ja immer eine gut gefüllte Speisekammer.«
»Na ganz so ist das auch nicht. Oftmals wird er ja auch nur schlecht beliefert. Aber wenn wir unseren neuen Grill einweihen wollen, ist das schon ein Grund, mal ein paar Würstchen für die Rückzahlung von schulischen Gefälligkeitsdiensten zur Seite zu legen.«
»Das ist schon ein kleiner Luxus, wenn man ab und zu eine Aussicht auf frisches Fleisch hat.«
»Das ist nicht das große Problem. Du kannst nur nicht planen. Es gibt schon genug Fleisch und Wurst. Nur eben nicht zu der Zeit, wo du einen Grillabend veranstalten möchtest.«
»Da muss man also flexibel bleiben.«
»Genau. Aber noch wichtiger als das Fleisch ist ein Grill. Verstehst du Axel, was nützt dir das beste Fleisch, wenn du es nicht grillen kannst.«
»Und woher soll ich jetzt noch einen Grill bekommen?«
»Da brauchst du gar nicht so weit Ausschau zu halten.«
»Wieso?«
»Na ich habe zum Beispiel einen Grill der Marke Eigenbau. Den haben mir die Kollegen aus deiner Brigade mal unter der Hand zusammengeschweißt.«
»Stimmt. Schweißgeräte haben wir ja zur Genüge.«
»Und Materialreste ebenfalls.«
»Na dann muss ich mich in der nächsten Woche gleich mal darum kümmern.«
»Deine Kollegen werden sich freuen, ihrem Chef einen Gefallen tun zu können.«
»Bier gefällig?« Christoph Filkert kam mit drei Bierflaschen aus der Laube.
»Die hat Zigarren-Schmidt organisiert.«
»Dann schmecken sie besonders gut.« Axel öffnete eine Flasche mit einer zweiten, indem er sie senkrecht unter dem Kronkorken ansetzte und mit der Hebelwirkung zischend den Verschluss vom Flaschenhals drückte. »Prost meine Herren!«
»Bevor du dich den nicht zu kalkulierenden Untiefen des Alkoholkonsums aussetzt, lieber neuer Kollege, kannst du mir jetzt mal das Fleisch reichen, die Kohlen sind soweit.«
»Jawohl, Genosse Krugmann, wird prompt erledigt.« Die Glut zischte auf und der Rauch, der jetzt aus dem Grill emporstieg, roch würzig und machte Appetit.
*
»Wann können wir anfangen zu essen? Der Salat ist schon fertig.« Karin Krugmann richtete erkundigend den Blick in die Männerrunde, die hin und wieder im Grillrauch verschwanden. »In zwei Minuten sind die ersten Würstchen gut.« erklärte Jürgen Krugmann und klapperte mit der Grillzange. »Dann bringe ich mal einen Teller.« Sie verschwand hinter dem bunten Lamellenvorhang, der die Fliegen abhalten sollte. »Eigentlich müssen wir dir danken Axel, dass wir heute hier zusammen stehen dürfen, denn wenn ich keinen Zement bekommen hätte, dann lägen die Steine noch irgendwo unsortiert auf einem großen Haufen.« Krugmann hob seine Bierflasche in Axels Richtung. »Ich verstehe nur eins nicht. Ich säusele den Damen schon seit Wochen die süßesten Verse ins Ohr, aber zur Abgabe eines Zementsacks konnten sie meine Worte noch nicht überzeugen.«
»Man muss beim Singen aufpassen, dass man den richtigen Ton trifft. Der macht bekanntlich die Musik. Aber jetzt musst du ja gar nicht mehr singen können, denn wenn ich in dieser Richtung was für dich tun kann, dann mache ich das gern.«
»Na warte es mal ab, Frau Müllers Quelle wird auch nicht unendlich sprudeln.« Wieder spürte Axel, dass sich Jürgens Unterton verschärfte, als er von Frau Müller sprach. »Aber wenn es was gibt, denke ich an dich.«
»Danke. Allerdings dürfen wir Christophs Schwiegersohn nicht vergessen, denn der hat mir ja auch mit fachmännischem Rat zur Seite gestanden …« » … und uns die gesamte Fleischration vernichtet und darüber noch eine ganze Flasche Goldkrone ausgekippt.« Christoph Filkert winkte ab und schmunzelte. Axel kam eine Idee. »Bei der Gelegenheit wollte ich dich mal fragen, ob dein Schwiegersohn bei uns auch mauern kann. Wir haben genügend Feldsteine für einen Sockel zusammen.«
»Da kann ich mal mit ihm reden. Ich weiß, dass er hier und da schon seine Baustellen hat. Und wenn ich was herausgefunden habe, dann gebe ich dir bescheid.«
»Die Würstchen sind gut.« Jürgen Krugmann befreite fünf goldbraune Bratwürste aus dem Grillrauch, legte sie auf den bereitstehenden Teller, trug den vollen Teller auf die Terrasse, wünschte lautstark einen Guten Appetit und erntete vielstimmiges Lob.
*
Am Montagmorgen stand Axel in der Umkleidekabine seiner Brigade. Müde und verschlafen zogen sich die Kollegen um. »Wer von euch schweißt für den Eigenbedarf Gartengrills zusammen?« Sekundenlang stand die Frage regungslos im Raum. Angespannte Stille wie bei einem Verhör. Niemand zeigte eine Reaktion. Sollte sich Krugmann vertan haben? Er nahm einen neuen Anlauf. »Ich bräuchte nämlich selber einen.« Axel spürte, wie die Anspannung von seinen Kollegen entwich. »Na, wenn das so ist, Chef, das macht so ziemlich jeder hier.« Genosse Krisch wagte sich aus der Deckung. »Na dann könnt ihr mir einen Gefallen tun.« Genosse Krisch nickte. »Wird umgehend erledigt. Nächste Woche ist der Grill einsatzbereit. Wir hatten schon Angst, dass Sie uns das Schweißen für den privaten Eigenbedarf verbieten wollten.«
*
Nach der Arbeit war Axel sofort in den Garten gefahren, um mit dem Umgraben voranzukommen. Der Boden war vom letzten Regenguss aufgeweicht. Zwar lag die Erde jetzt schwerer auf dem Spaten, aber die Wurzeln ließen sich leichter ausziehen. Axel war in eine Ecke seines Gartenstücks geraten, in dem es sich der Giersch gemütlich gemacht hatte. Er konnte sich über die Jahre hinweg ungestört ausbreiten und das Wurzelgeflecht bis auf anderthalbfache Spatentiefe ausstrecken. Die Arbeit ging langsam voran und jeder Quadratzentimeter musste aufwendig erobert werden. Der Rücken tat ihm weh und an den Händen kündigten sich die ersten Blasen an. Als er aufstand und seinen Buckel durchstreckte, sah er wie ein junger Mann mit welligem schwarzen Haar und einem interessierten Blick in alle Richtungen quietschend die Gartenpforte öffnete und direkt auf ihn zuging.
»Hallo.«
»Hallo.«
»Mein Schwiegervater schickt mich, ich kann was für dich mauern, hat er gesagt.« Er streckte ihm die Hand entgegen, deren raue Beschaffenheit Axel sofort einer schweren Maurertätigkeit zuschrieb. »Freut mich, dass Christoph dran gedacht hat.« Axel ergriff die Maurerhand und fühlte sich, als würde er Schleifpapier anfassen. »Axel Weber, wir sind neu hier und haben den Garten erst vor Kurzem erworben.«
»Freut mich.« Er deutete eine Verbeugung nach fernöstlichem Vorbild an. »Ja, und der alte Filkert ist mein Schwiegervater, eigentlich ein netter Zeitgenosse, er kauft nur immer zu wenig Grillfleisch ein und zu trinken hat er auch niemals ausreichend. Verstehst du, die Zementluft ist so trocken und wenn die sich in der Lunge absetzt …« er winkte ab » … ich darf gar nicht dran denken. Ich bin sowieso dafür, dass jeder Maurer pro Woche mindestens eine Flasche Schluck auf Rezept bekommen müsste. Aber ich weiß nicht, wohin ich mich mit meinem Neuerervorschlag wenden muss.« Mechanisch belächelte er seine Worte und Axel dachte, dass er nicht der Erste war, der diesen Spaß zu hören bekam.
»Schön, dass du gekommen bist, obwohl ich bis auf eine Flasche Selters gar keine Flüssigkeit hier habe.«
»Ich habe ja auch noch nicht mit meiner staubigen Arbeit angefangen. Aber wenn wir schon bei dem Thema sind, mein Schwiegervater hat was von einem Sockel aus Feldsteinen gesagt.«
»Ja ganz richtig. Also hinter diesen Bruchsteinen liegt ein Haufen Feldsteine, die der Vorbesitzer hier liegen gelassen hat. Wahrscheinlich wollte er einen Sockel hochmauern und darauf die Hauswand setzen.« Der Schwiegersohn ging mit prüfendem Blick auf das Fundament zu und ertastete zuerst die Gasbetonsteine. »Hast du die aus dem Betonwerk?«
»Ja, der Mann unserer Sekretärin arbeitet dort.«
»Da kannst du mal sehen, wie weit der Begriff Kombinatsangehöriger zu fassen ist, oder?«
»Na es scheint ja gängige Praxis zu sein, dass die Lieferungen für Freundschaften und Familie inklusive sind.«
»So sieht es aus. Ich hätte dir auch welche besorgen können, über meinen Chef. Der kennt jedes Staubkörnchen auf dem Gelände.«
»Kann der auch Gehwegplatten besorgen?« Er überlegte kurz. »Das ist eher schlecht. Die müssen ausgeliefert werden aber mit den kaputten Bruchsteinen kann man nicht so viel anfangen.« Um seinen Worten noch mehr Ausdruck zu verleihen, schüttelte er nochmals mit dem Kopf. »Aber ich halte mal meine Ohren offen, ok?«
»Danke.« Jetzt hatte er den Haufen Feldsteine entdeckt, betastete sie so vorsichtig wie eine Packung rohe Eier und hob einen Stein in die Höhe. »Glatt und schwer. Erste Qualität. Lassen sich gut verarbeiten. Und die lagen hier einfach so rum?«
»Ja, einfach so. Und ich wollte sie erst mit der Schubkarre abtransportieren.«
»Um Gottes willen, weißt du, wie schwierig die zu bekommen sind?«
›Glück gehabt‹ dachte Axel ›wie schon so oft in der letzten Zeit.‹ »Kannst du die für uns als Sockel vermauern?«
»Vom Prinzip schon …« er schob die Unterlippe vor und schien zu rechnen. »Aber fünfzehn bis zwanzig Säcke Zement brauchen wir mindestens dazu. Und die musst du selber besorgen. Mein Chef steht schon oft genug vor dem Silo und verhandelt und verhandelt, wenn er für sich selber was benötigt. Selbst das Argument sozialistischer Aufbau funktioniert nicht mehr so gut.«
»Wohin muss ich mich denn da wenden?«
»Fahre mal zum Hauptlager der BHG. Das ist gleich hinter dem Bahnhof. Dort wird der Zement angeliefert und verteilt.«
»Wenn du schon mal ein paar Säcke zusammen hast, können wir ja anfangen. Du musst nur mal festlegen, wo die Tür hinkommen soll, damit ich den Sockel dort aussparen kann. Wie Christoph gesagt hat, ist das mit dem Sand für die Betonmischung wohl kein Problem. Vor der Gartenanlage liegen noch von dem und von dem überwucherte Sandreste, die wir wohl erst einmal aufbrauchen können. Mal sehen wie weit wir noch kommen. Ich nehme 8,00 Mark in der Stunde und eine Flasche Goldkrone, wegen der trockenen Zementluft.« Er klopfte sich mit der offenen Handfläche gegen seinen Brustkorb und hustete gekünstelt.
Nach einer höflichen Verabschiedung war das Gespräch beendet. Die rostige Gartenpforte quietschte und schlug scheppernd ins Schloss.
Im nächsten Moment lief Axel vor den Eingang der Gartensparte Karl Liebknecht und suchte nach den versunkenen Sandbänken seiner Gartenkollegen. Es waren in der Tat hier und da ein paar kleinere Erderhöhungen, die mit Gräsern und Quecken überwuchert waren. Er grub mit seinen Händen zwischen dem Grünbewuchs der ersten Anhöhe und fand körnigen und goldgelben Sand, der sich wunderbar zum Vermauern eignen würde. Dieser Selbstbedienungsladen ließ ihn die erste Hürde mühelos überspringen, aber die andere? ›Wie komme ich an so viele Zementsäcke? Mit der Lösung eines Problems wird sofort ein neues aufgerissen.‹ dachte Axel, als er auf der Simson nach Hause fuhr und ihm der Fahrtwind ins Gesicht blies.
*
Axel war fest entschlossen, den benötigten Zement zu besorgen. Ein paar Minuten vor sechzehn Uhr hatte er auf Katzenpfötchen das Werkzeugmaschinenkombinat verlassen und war auf seine Simson geklettert. Kurz vor dem Bahnhof teilte sich die Straße an einer Kreuzung. Ein Weg führte zum Ort hinaus und der andere machte eine Biegung und was sich dahinter verbarg, war für Axel Neuland, dass er noch nie vorher betreten oder befahren hatte. Er entschied sich für die Rechtsabbiegung, legte sich mit seiner Simson in die Kurve und vergaß dabei den Blinker anzustellen. ›Zum Glück ist die Polizei oft genug nur dann da, wenn man sie braucht.‹ dachte er und seine Gedanken blieben auf der Stelle stehen, während sich das Moped weiter in unbekanntes Gelände voranarbeitete. ›Da hinten muss es irgendwo sein.‹ Links neben der Straße standen Baubaracken, an deren Ende sich ein freier mit gegossenen Betonplatten ausgelegter Platz anschloss. Dort schoss ein großes orangefarbenes Hochsilo in die Höhen des wolkenverhangenen Frühabendhimmels, das weithin wie ein Riesenrad über alles andere hinausragte.
Ein Mann mit halber Glatze und Hasenzähnen stand wie ein Aufseher vor dem Silo. Er kam, obwohl er auf dem Fleck festgewurzelt war, ein wenig gedanken- und hüftsteif daher. Sein ausgewaschener Blaumann war verstaubt. Axel nahm dies als Zeichen, dass er heute schon Zement ausgeschenkt hatte. Er holte Luft, um betont freundlich zu wirken. »Hallo mein Herr, kann ich bei Ihnen Zement bekommen.« Der Mann rührte sich nicht. Er erinnerte Axel noch mehr an einen Wachsoldaten. »Entschuldigen Sie, ich hätte gern Zement gekauft.« Der zweite Anlauf war ebenfalls freundlich formuliert, obwohl sich in Axel schon jetzt ein gewisser Widerstand regte. Der Wachmann ließ sich zu einer Reaktion hinreißen: »Ach wissen Sie, wir wollen doch alle was.« Die Schärfe seines Tons erhöhte Axels Widerstand. ›Bleib ruhig, sonst bekommst du gar nichts.‹ sagte er zu sich selbst. Immer noch freundlich und scheinbar gut gelaunt versuchte er es ein drittes Mal: »Wo kann ich denn Zement anmelden, wenn ich welchen benötige?« Der Mann mit den Hasenzähnen schien zu überlegen, welchen Stein er Axel in den Weg rollen konnte. »Beim Chef am besten, ohne sein Kopfnicken geht hier kein Hebel runter.«
»Wo finde ich den denn?«
»In seinem Büro …« er deutete mit einer sparsamen Kopfbewegung in Richtung Hauptgebäude » … Aber der ist jetzt nicht da.«
»Wann kommt er denn wieder?« Der Wachmann wurde zunehmend gereizter. Er riss wütend seine Augen auf. »Junger Mann, sehe ich so wichtig aus, als dass sich mein Kombinatsleiter bei mir abmeldet und mich um Erlaubnis bittet, auf der nächsten SED – Kreistagssitzung eine Rede halten zu dürfen?« Er drehte sich weg. Für ihn war die Unterredung abgeschlossen.
*
Axel spürte wieder den Sommerwind über seine Wangen und sein Kinn streichen. Was sollte denn jetzt werden? Ohne Zement könnten sie bestimmt keine Laube bauen. Woher sollen sie denn alles bekommen? Sie bräuchten noch so viel. War er zu blauäugig? Sie kannten hier niemanden. Andere waren hier groß geworden und hatten Kontakte und sie? Er kam hier her und dachte, dass alles auf ihn wartete. Vielleicht waren die Erfolge ja nur Glückstreffer. Dabei wollte er doch Gerda nur etwas bieten, damit sie ihr Heimweh verlor.
Er fühlte einen Druck in der Magengrube. Den Druck, zu versagen. Sein grenzenloser Optimismus war zerschollen an den Klippen der rauen Wirklichkeit.
*
»An dem kam man einfach nicht vorbei. Der wollte nicht und deshalb war da nichts zu machen. Der stand da wie ein Polizist und hat sein blödes Silo bewacht, als wenn dort die gesamten Goldschätze aus dem Grünen Gewölbe lagern würden.« Axel wedelte mit den Armen und Gerda erkannte ihren Mann nicht wieder. Sie versuchte, beruhigend auf ihn einzureden. »Wir haben doch schon eine ganze Menge erreicht. Sieh mal, vor einiger Zeit war der Garten noch kein Garten, sondern ein Unkrautbeet. Und wie sieht er jetzt schon aus?« Axel winkte ab. »Glückstreffer.« Gerda lächelte und gab sich Mühe, besonders einfühlsam zu sein: »Wir brauchen doch nicht unbedingt morgen eine fertige Laube. Und wenn es zwei oder drei Jahre dauert, wen kümmert es denn? Wir haben uns. Für mich würde es auch ganz ohne Laube gehen. Die Kinder fühlen sich wohl. Mir gefällt es schon viel besser. Und die Radieschen, die wir im nächsten Jahr ernten können, schmecken auch ohne Laube gut.« Er fuhr auf wie ein gescheuchter Hahn: »Hast du denn schon das kleinste Samenkörnchen für die Radieschen, die du im nächsten Jahr zu ernten gedenkst?«
»Ach Axel, du machst so viel für uns. Ärgere dich nicht über den Zementabzapfer.« Über den Zementabzapfer musste er lachen. Er konnte seine Mauer nicht mehr aufrechterhalten. Sie nahm ihn in den Arm. Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter und atmete tief durch. Sie streichelte ihm über die Wangen: »Ach Axel, wir haben eine Schlacht, aber nicht den Krieg verloren. Was denkst du, wie viele Niederlagen wir noch einstecken müssen. Aber dabei darf man die errungenen Erfolge nicht außer Acht lassen.«
Am Donnerstagabend saß Axel allein im Wohnzimmer. Gerda war beim Sport, die Kinder lagen im Bett und schliefen. Er zeichnete auf Millimeterpapier die Draufsicht der Laube. ›Wir haben genügend Steine, um eine kleine Küche abzutrennen. Dann können wir in der Laube Mittagessen kochen.‹ Er radierte die Linien und damit seine Gedanken weg. ›Wir brauchen doch einen Geräteschuppen. Steine hätten wir auch dafür genug, aber dann brauchen wir eine zweite Tür. Und wir haben noch nicht einmal eine für den Eingang.‹ Jetzt trennte er sowohl eine kleine Küche als auch einen Teil Geräteschuppen ab. ›Wenn wir nur eine Tür bekommen, dann bauen wir sie hier zum Eingang ein. Dann mauern wir von außen zu und machen einen Zugang zum Schuppen vom Wohnzimmer aus. Wenn wir eine zweite Tür bekommen, mauern wir von innen zu und lassen in der Außenmauer Platz für eine zweite Zugangstür. Und wir brauchen vor allem Zement.‹ Bei diesem Gedanken erstarrte er und sah nichts weiter als ein großes schwarzes Loch vor sich.
Im Treppenhaus erklangen Frauenstimmen. Axel erkannte die Stimme von Gerda und einer weiteren Frau. Sie waren gut gelaunt. Die Stimmen wurden deutlicher. »Machs gut, Christa. Wir sehen uns allerspätestens am nächsten Donnerstag wieder.«
»Es war schön und von mir aus sehr gerne bis spätestens nächste Woche.« In der vierten Etage wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt. Eine Tür öffnete sich und ging wieder zu. Jetzt hallten nur noch Gerdas Schritte durch den Hausflur und einen Augenblick später drehte sich ein Schlüssel und das Türschloss sprang auf.
»Hallo Axel?« Er war vom Sessel aufgestanden und ging zur Eingangstür. »Hallo Gerda. War es schön?« Sie strahlte über das ganze Gesicht. »Das hat so viel Spaß gemacht. Die Frau Richter kann richtig gute Übungen.«
»Und das Austauschen von Fraueninteressen kam sicherlich auch nicht zu kurz, oder?«
»Sogar bis nach Hause. Die Frau Knorrich, die direkt unter uns wohnt, die geht da auch hin. Ich habe sie gleich an ihren roten Haaren erkannt.«
»Können wir morgen mal nach Wittenberg fahren und dort nach Gartentüren sehen. Krugmann hat sich seine Eingangstüren für die Laube auch dort besorgt.«
»Von mir aus gerne. Wenn wir rechtzeitig loskommen, dann können wir uns ja in der Stadt auch noch mal umsehen.«
»Vielleicht kann ich ein bisschen zeitiger Feierabend machen.«
*
Sie fuhren durch Wälder und blühende Wiesenlandschaften. Hinter ihrem Trabant schaukelte ein Anhänger, den sie sich von Jürgen Krugmann ausgeborgt hatten. Die Straße war schlecht und der Mittelstreifen kaum noch sichtbar. Die Kinder schliefen. ›Endlich ein bisschen Ruhe.‹ dachte Axel. Aus der Radiobox, die unterm Handschuhfach auf der Beifahrerseite angebracht war, dudelte Musik.
»Wir müssen noch über die Elbebrücke und ab da fängt der Plan an, den Jürgen für uns gezeichnet hat. Meinst du, dass wir heute mehr Glück haben werden?« Er wirkte immer noch niedergeschlagen und Gerda legte ihre Hand auf seine Schulter. »Das werden wir gleich wissen.« Sie bogen ein paar Mal links und rechts ab, holperten über die ausgewellte Fahrbahn und kamen schließlich vor der BHG zum Stehen. Jürgen Krugmann hatte die Fahrtbeschreibung mit einem eingekreisten Punkt beendet. Darunter hatte er geschrieben: »Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt, seid ihr da.« Es knallten zwei Türen und der Trabant wurde abgeschlossen. Die BHG wirkte von außen bedeutend größer und Axel hatte die geheime Hoffnung, dass sie auch mehr Nützliches beherbergen würde. Am Eingang stand ein Schild: »Rundgang nur mit Korb.« Er hielt sich an die Verordnung, nahm einen Korb und begann im Stile eines Streifensoldaten seinen Rundgang, ohne weiter auf seine Umgebung zu achten.
Es gab zwar mehr Gänge und mehr Regale in dieser BHG, aber Axel fand sich gleich zurecht. Er registrierte ein paar nützliche Dinge: Wasserhähne, Gartenschläuche, Wassertonnen, Nägel, Grabegabeln, Rosendünger, Absperrband. In einer Ecke lehnten junge, verwachsene Obstbäume an der Wand. Türen und Fenster waren allerdings nicht zu sehen. Er lief durch die Gänge und strengte seinen Blick an. Nichts. Er ging noch eine Runde. Wieder nichts.
»Entschuldigen Sie bitte, wir suchen eine Eingangstür für unsere Gartenlaube.« Er hörte Gerdas Stimme. Eine weiche und gutmütig klingende Männerstimme antwortete: »Tut mir leid. Zurzeit haben wir keine Türen.« Jetzt sah Axel seine Frau und den Verkäufer am Ladentisch stehen. Der etwa fünfzig Jahre alte Mann mit hellen Locken machte ein mitfühlendes Gesicht. »Wir bekommen aber regelmäßig Ware und wenn wir Glück haben, sind da sowohl Türen als auch Fenster dabei.« Sein Blick ergriff jetzt auch Axel und er bemerkte, dass die beiden zusammengehören. »Denn wenn Sie eine Laube bauen wollen, dann sollten Sie ja auch ein paar Fenster einbauen, damit sie rausgucken können.« Alle drei nickten. »Soll ich Sie aufschreiben und bei der nächsten Lieferung ihre Bestellung zurücklegen?« Axel grübelte für einen Moment: »Von uns aus schon, aber wie lang ist denn Ihre Liste der noch nicht gelieferten Türen? Denn es nützt ja nichts, wenn wir noch zwanzig Leute vor uns haben.« Der Mann lächelte: »Wir haben keine offenen Wünsche von Türen und Fenstern, weil wir regelmäßig direkt vom Werk die Waren bekommen und die Leute lange Strecken fahren, um bei uns einzukaufen.«
»Und wann erwarten Sie die nächste Lieferung?« erkundigte sich Gerda interessiert. Der Mann verzog sein Gesicht und dachte über eine salomonische Antwort nach: »Also, für gewöhnlich kommt der Laster einmal im Monat. Da er vor zwei Wochen da war, müsste er nach dem normalen Lauf der Dinge in zwei Wochen wiederkommen. Es kann aber auch sein, dass Unregelmäßigkeiten auftreten und er später kommt. Ich sage mal in drei bis vier Wochen dürften wir wieder Türen und Fenster haben.« Gerda und Axel nickten synchron. »Können Sie uns dann aufschreiben?«
»Wie viele Türen und Fenster brauchen Sie denn?« Axel hatte sich die Antwort schon zurechtgelegt: »Zwei Türen und ein einfaches und ein doppeltes Fenster.« Er hatte es so bei Krugmann, Zigarren-Schmidt und Filkert gesehen. »Auf welchen Namen soll ich das aufschreiben?«
»Weber, Familie Axel Weber.«
»Ist notiert …« entgegnete der Verkäufer feierlich » … und wenn Sie wollen, können Sie auch vorher mal anrufen, ob die Lieferung eingegangen ist. Hier ist unsere Telefonnummer.« Er reichte Gerda einen Zettel, der mit einer Kolonne von Bleistiftzahlen beschrieben war. »Damit Sie nicht umsonst kommen müssen.«
»Papa, Papa da gibt es Mausefallen. Kann ich eine haben?«
»Ach Heiko, was willst du denn mit einer Mausefalle?«
»Na im Keller aufstellen. Gregor Müller hat auch welche.« Er streichelte Heiko über den Kopf: »Freu dich mal lieber, dass wir keine Mäuse im Keller haben.« Heiko gab sich damit zufrieden.
Sie kauften eine Grabegabel und verließen mit fast leeren Händen aber einem guten Gefühl die BHG. »Glaubst du, dass er unseren nordischen Dialekt erkannt hat?« Gerda freute sich. »Vielleicht hat er gedacht, dass wir extra aus Neubrandenburg gekommen sind.«
»Wer weiß, wer weiß.« Axel befestigte die Grabegabel im Anhänger. Dann fuhren sie über die ausgewellten Straßen nach der Zeichnung von Jürgen Krugmann wieder nach Hause.
*
»Wir können die Grabegabel ja gleich in den Garten bringen und bei Zigarren– Schmidt unterstellen.« Gerdas Achselzucken bedeutete Gleichgültigkeit. Er steuerte den Trabant links von der befestigten Fahrbahn auf einen ausgewaschenen Sandweg mit Kieselsteinbelag. Der beladene Anhänger folgte ihnen. Als die vor der eingezäunten Gartenanlage anhielten, befreite er die Grabegabel aus den Fängen der Befestigung und gab Gerda zu verstehen, dass er gleich wieder da sein werde.
Auf dem Schotterweg lag schon die erste Dämmerung und am Westhimmel ging die Sonne in dramatischen Leuchtfarben hinter den groß aufgeschossenen Pappelbäumen unter.
»Dietmar?« Keine Antwort. Kein Rauch, der sich in der Höhe über seiner Laube auflöste. »Dietmar?« fragte Axel noch einmal lauter, um für sich selber Sicherheit zu haben. Das Grundstück lag träge wie ein Stillleben vor ihm.
›Soll ich jetzt die Gabel einfach so im Garten liegenlassen, damit sie jeder sehen kann?« Axel beschlich bei diesem Gedanken ein ungutes Gefühl. Er beschloss nachzusehen, ob Krugmann oder Filkert da waren und die Gabel dort in Sicherheit zu bringen.
Er beschritt den Schotterweg und die Gartenhecken links und rechts waren mal größer mal kleiner mal weiter mal dichter. Die Tür zu Filkerts Gartenlaube war aufschlossen, lehnte in ihrer Hakenverankerung und ein paar Streifen des bunten Lamellenvorhangs lagen über der Türklinke.
»Christoph?«
»Ja?«
»Ich bin es Axel.«
»Ah, komm rein.« Er ging der Richtung nach, aus der die Rufe kamen. Christoph Filkert drehte ihm den Rücken zu und grub seinen Kompost um. »Immer fleißig Herr Kollege.« Filkert hatte gerade einen großen Klumpen Erde auf seinem Spaten, den er mit Wucht in die Kompostecke verfrachtete. Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn: »Tja, ohne Fleiß kein Preis.«
»Christoph, kann ich bei dir meine Grabegabel unterstellen? Die haben wir gerade in Wittenberg gekauft und ich wollte sie nicht bei uns im Garten so frei rumliegen lassen.«
»Na klar, kein Problem. Gab es was besonderes in Wittenberg?« Er überlegte: »Na, Grabegabeln, Wasserhähne, Schläuche, Obstbäume …« »Obstbäume?« Christoph Filkert war wie aus dem Häuschen. »Gab es Obstbäume? Ich fasse es nicht. Wie viele standen denn noch da?« Axel versuchte sich das Bild der Ladenecke wieder vor sein Auge zu holen, um dann nachzuzählen. »Na ich denke, dass es noch so zwanzig Stück waren. Aber die sahen nach nichts aus. Klein und krüpplig.« Er schaute hektisch auf die Uhr und schüttelte dann den Kopf. »Jetzt ist es schon zu spät. Aber am Montag müssen wir hinfahren. Ich denke, dass du auch welche brauchst. Denn selbst solche verwachsenen Bäume sind Mangelware und außerdem immer dann nicht vorrätig, wenn du nach ihnen suchst.«
»Daran habe ich irgendwie gar nicht gedacht.« entgegnete Axel verdutzt. »Das merke ich schon. Du musst die Augen immer in alle Richtungen offen halten. Denn auch wenn du nur wegen Fenstern und Türen unterwegs bist, darfst du den Blick für die anderen Sachen nicht verlieren. Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass du auch einen Gartenschlauch und einen Wasserhahn brauchst. Oder willst du die Blumen mit dem Brunnenwasser gießen? Na dann viel Spaß im Juli und August, wenn es dreißig Grad im Schatten sind und dafür auch kein Regentropfen von oben kommt, um dich zu entlasten.« Jetzt ärgerte sich Axel über sich selbst und war gleichzeitig froh, mit Christoph geredet zu haben: »Wir fahren am Montag noch mal hin.«
*
Am Abend lief Axel in Hausschuhen die Treppen hinunter und blieb in der zweiten Etage stehen. Müller las er auf dem Namensschild. Er kannte die Leute, die hinter dieser Tür wohnten. Das Schild war ihm nicht mehr fremd, wie am Anfang. Zwei hilfsbereite freundliche Menschen. Gute Genossen. Er holte tief Luft und klingelte. Der Klingelton verteilte sich in der Wohnung. Ruhe. Keine Reaktion. Sollte er es noch einmal versuchen? Er beschloss, noch einen Moment zu warten. Dann hörte er ein Knistern. Ein Klappern. Schritte steuerten zur Tür hin und wurden deutlicher. Die Tür öffnete sich. »Guten Abend, Herr Weber.«
»Guten Abend, Frau Müller. Entschuldigen Sie die Störung.« Sie winkte ab: »Sie haben gar nicht gestört. Wollten Sie zu meinem Mann oder zu mir?«
»Eigentlich gern zu Ihnen, wenn wir Ihre Hilfe noch einmal in Anspruch nehmen können.«
»Na dann ist es ja gut. Mein Mann ist mal wieder beim Fußball. Schiedsrichter. Und immer beschäftigt. Was kann ich denn für Sie tun?«
»Wir haben jetzt fast alles zusammen um unseren Sockel zu mauern. Nur keinen Zement. Ich war schon im Hauptlager am Bahnhof, dort wo das große Silo steht, nur der Genosse, der dafür zuständig ist, hatte für uns keinen Zement übrig.« Sie wurde neugierig: »Wie sah der denn aus?«
»Na groß, wenig Haare und sehr wichtig.«
»Ach der alte Bunge. Ach so, na das wundert mich nicht. Aber den können wir bestimmt übergehen.«
»Wirklich? Und wie?«
»Also, ich mache mal Folgendes: Ich bestelle dem Genossen Schulze, Hans Schulze so beiläufig einen schönen Gruß und erzähle von Ihnen. Wenn der ein bisschen Zement übrig hat, dann stellt er was für Sie zur Seite. Lassen Sie mir mal eine Woche Zeit und versuchen Sie es dann noch mal.«
»Sie sind ein Engel, Frau Müller, vielen Dank.« Sie kam nah zu ihm und flüsterte: »Das mit dem Engel erklären Sie mal meinem Mann.«
»Mache ich gern. Sie helfen uns ja wirklich mehr als genug.«
»Schon gut. Aber eine Garantie kann ich Ihnen auch nicht geben. In Berlin bauen die gerade so viel, dass der Zement bei uns nur noch kleckerweise ankommt. Das Silo ist nach der Füllung oftmals auch nur halb voll. Sie brauchen also wie überall Geduld und einen langen Atem.«
»Wir versuchen unser Glück.« entgegnete Axel entschlossen und fasste wieder neuen Mut.
7. Kapitel
WASSER MARSCH
Sie fuhren nach Wittenberg. Diesmal hatte Axel statt seiner Familie seinen Gartenfreund Christoph Filkert geladen. Der leere Anhänger tanzte wieder hinter dem Trabant her. Es entstanden die gleichen Bilder wie am Freitagnachmittag. Zwei Männer besetzten die vorderen Sitze. Zwei Männer in ungewisser Erwartung. Die Spannung knisterte und die Radiobox unterhalb des Handschuhfachs spielte die Musik nur für sich selber. Die Männer waren zu konzentriert, um sich den Melodien zu widmen.
»Hast du eine Idee, wo die Wasserleitung bei uns liegen kann? Ich habe nämlich schon mal nachgesehen und bisher nichts gefunden.« Axel sah kurz zu Christoph Filkert rüber. »Na, normalerweise sind die Leitungen an der Grundstücksgrenze in Richtung Haupteingang verlegt worden. Also müsste die bei euch zum Garten von Mitschorin liegen. So in etwa in der Mitte.«
»So weit bin ich mit dem Umgraben noch nicht.«
»Du würdest wahrscheinlich auch nur ein zugeschraubtes Rohrende in der Erde finden. Aber gelegt wurde es überall.«
»Dann werde ich beim nächsten Mal mit dem Spaten auf die Suchen gehen.«
*
Der Trabant hielt an der gleichen Stelle wie am letzten Freitag. Die beiden Männer stiegen aus, betraten die BHG und nahmen sich einen Drahtkorb vom aufgetürmten Stapel weg. »Na, dann wollen wir mal sehen.« Mit diesen Worten verschwand Christoph Filkert zwischen den Regalen. Axel folgte ihm und einen Augenblick später standen sie vor den letzten fünf gekrümmten und fast astlosen Obstbäumen, die die BHG noch zum Verkauf anbot. »Da kannst du mal sehen, wie schnell die Botschaft von eingetroffenen Ostgehölzen die Runde macht.«
»Sollen wir die jetzt trotzdem mitnehmen, auch wenn sie nicht so toll aussehen?« Axel war unsicher und ärgerte sich über sich selbst, dass er nicht schon am letzten Freitag die Bäume gekauft hatte. »Wie viele Bäume benötigst du denn?« Christoph dachte nach: »Fünf durch zwei geht nicht genau auf, oder?«
»Da hat ja jemand gut in Mathe aufgepasst. Aber ich denke, dass ich ja schon ein paar Kirschbäume stehen habe. Also kannst du alle haben.«
»Na, du bist ja mutig, wenn du das, was du in deinem Garten hast, als Bäume bezeichnest. Wie viele Kirschen haben sie denn getragen?«
»Na gar nichts. Aber wenn man sie gut schneidet?«
»Dann kann mal wieder was draus werden. Aber Axel, Obstbäume kann man niemals genug haben. Du kannst das Obst erntefrisch essen oder für den Winter einwecken. Also nimm wenigstens zwei von diesen Besenstielen. Denn ob die was bringen, kann noch niemand sagen.«
»Kannst du erkennen, was das überhaupt für eine Sorte ist?« Christoph schlich um die Stiele herum: »Apfelbäume vermutlich, oder Birnen. Aber das ist ja fast egal. Sie müssen nur anwachsen, dann kann man sie sowieso noch veredeln.«
Sie gingen noch eine Runde. Axel kaufte einen Wasserhahn und legte einen Gartenschlauch und eine Wassertonne zur Seite. »Das hätten wir. Dann lass uns fahren. Fenster und Türen sind nämlich noch nicht da. Kein Wunder, wir haben ja am Freitag erst eine Bestellung aufgegeben.« Christoph Filkert bremste: »Moment noch. Ich überlege gerade, wie du den Wasserhahn anbringen kannst, dass er in die Wassertonne tropft. Aber ich glaube, ein Stückchen Rohr mit Gewinde und Hanf zum Abdichten habe ich noch im Schuppen.«
»Siehst du, das hätte ich auch schon wieder vergessen.«
»Und wie willst du deine Gasbetonsteine eigentlich vermauern?« Axel war überrascht: »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«
»Da hinten liegt nämlich säckeweise Porenbetonkleber, mit dem man Gasbetonsteine verkleben kann. Das hält gut zusammen. Und du musst dir um die Fugenhöhe keine Gedanken machen, denn der Kleber wird ganz dünn aufgetragen. Nimm mal noch sechs Säcke mit, dann hast du genug. Eigentlich reichen fünf, aber sicher ist sicher.« Axel war schon wieder verblüfft: »Ich werde zukünftig nur noch mit dir einkaufen gehen.«
*
»Wo können wir denn das ganze Zeug lassen?« Axel schaltete in den vierten Gang und gab wieder Gas, als sie das Ortsausgangsschild von Wittenberg passiert hatten. »Also die Bäume sollten am besten sofort in die Erde, damit sie noch zügig ein paar Wurzeln ansetzen. Die Wassertonne kannst du zu uns legen und die Säcke …« Christoph grübelte » … die Säcke sind ganz schön sperrig. Und wo willst du denn mit den Fenstern und den Türen hin?«
»Das ist eine gute Frage.« Christoph Filkert hatte einen Einfall: »Wir fahren beim alten Summke vorbei. Der hat genug Platz und über Besuch freut der sich doch auch immer.«
»Können wir das einfach so machen?«
»Wir können ja mal gucken, ob er da ist.«
*
»Ernst?« Die Stimme von Christoph Filkert verhallte an der Eingangstür. Die Gardinen hinter dem Küchenfenster bewegten sich. Ernst Summkes Gesicht zeichnete sich ab. Ein Lächeln wuchs auf seinen Lippen: »Wer hat euch denn hierher geschickt?«
»Wir kommen aus freien Stücken.« Christoph Filkert hob die Hand zum Gruß und nach ein paar Augenblicken öffnete sich die Eingangstür. Sie traten ins Haus und kamen schließlich in der Küche zum Sitzen. »Können wir bei dir ein paar Sachen für Axels Laube unterstellen. Er hat noch keinen Platz und unser Geräteschuppen ist übervoll.« Der Alte wippte mit seinem Kopf, was wohl so etwas wie Zustimmung bedeuten sollte: »Ich habe dir gleich gesagt, dass ihr größer bauen sollt.«
»Aber glaubst du wirklich, dass wir dann mehr Platz hätten?«
»Das stimmt auch wieder, je kleiner das Haus, desto weniger Zeug schleppt man da rein. Also von mir aus geht das alles in Ordnung. Ich freue mich ja über Besuch und wenn dein Freund nicht wäre, hätte ich dich wahrscheinlich erst zu Weihnachten wieder zu Gesicht bekommen. Du hättest ein schmerzverzerrtes Gesicht angedeutet und Besserung gelobt.« Er wendete sich Axel zu: »Eigentlich muss ich dir danken, dass du eine Laube baust.«
»Wenn das der positive Nebeneffekt ist, dann haben wir ja alle gewonnen.«
Christoph drängelte ein bisschen: »Los, lass und wenigstens die Bäume noch einpflanzen bevor es dunkel wird.« Axel gab sich einen Ruck. Sie bedankten sich, schüttelten dem alten, aufgewühlten Summke die Hände und fuhren mit halber Last weiter in die Gartensparte Karl Liebknecht.
*
Die neuen Bäume standen gerade wie zwei Zinnsoldaten bei der Wachablösung. Das war eine Freude. Die erste Freude des heutigen Feierabends. Weniger erfreulich war der verunkrautete Boden. Er lag schwer wie Blei auf dem Spaten und wollte sich nicht umgraben lassen. Das Unkraut ließ sich nicht ziehen. Axel sortierte mit den Händen aus jedem gegrabenen Erdklumpen das unerwünschte Wurzelwerk. Die größeren Kieselsteine warf er auf das Fundament. Er war müde, denn die Arbeit im Kombinat hatte ihn heute geschafft. Konferenz. Parteiversammlung. Und am Nachmittag wieder in der dröhnenden Werkhalle. Er hatte sich heute fehl am Platz gefühlt. Die kleinen warums und wozus zwickten ihn wie eine zu enge Hose. Hatte er die richtige Arbeit ergriffen? Warum war er nicht Lehrer geworden? Oder beim Militär geblieben? Warum musste er unbedingt ins Werkzeugmaschinenkombinat? Seine Gedanken kräuselten sich wie der Rauch aus einem Schornstein. Was wäre, wenn sie ihn in Neubrandenburg behalten hätten? Das wäre was. Oder erschien es jetzt nur so gut, weil es abgeschlossen und weit entfernt war? Seine Hände waren kalt und dreckig. Er hatte keine Lust mehr. Sollte er nach Hause gehen? Dann würde er hier nicht vorankommen. Und die Arbeit an der frischen Luft war besser, als tatenlos in der Stube zu hocken. Die frische Luft vertrieb die dunklen Gedanken. Gerade heute. Er beschloss, weiterzumachen. Aber etwas leichter musste er sich die Arbeit schon gestalten. Vielleicht ging es mit der Grabegabel besser. Er entschied sich, zu Christoph Filkert zu gehen. Ein Gespräch unter Gartenkollegen würde ihm neuen Auftrieb geben. Dann wüsste er wieder, dass er nicht umsonst hierher gekommen war.
*
Christoph Filkert goss mit einer großen Gießkanne flüssigen Dünger über seine Beete. »Grüß dich Axel.« Er freute sich über den Besuch. »Hallo mein Freund.« Christoph schüttelte den Kopf: »Irgendwie ist das heute ein komischer Tag. Mir ist so, als ob ich krank werden würde, aber mir tut nichts weh, außer der Kopf. Und das bei solch einem schönem Wetter.« Das tat Axel gut: »Wem sagst du das. Ich weiß es auch nicht. Ein seltsamer Tag.« Christoph stellte die leere Kanne ab: »Vielleicht ist es das Wetter.« Axel stimmte mit einem Kopfnicken zu. »Kann ich mir mal meine Grabegabel ausborgen? Vielleicht komme ich dann besser mit einem verwilderten Unkrautboden zurecht.«
»Sie liegt noch da, wo wir sie neulich hingelegt haben. Du kannst sie dir holen.« »Danke.«
»Ach Axel, weißt du was? Soll ich mal nach meinem Stückchen Rohrleitung sehen? Dann könnten wir dir eine Wasserzapfstelle einrichten.«
»Irgendwie wäre mir das auch lieber als weiter umzugraben.« Christoph holte mit seinen Armen Schwung: »Na dann geht es jetzt los.«
Ein paar Minuten später hatten sie das Leitungsrohr gefunden und alle übrigen Werkzeuge und Baumaterialien in Christophs Schubkarre gelegt. Dann verschwand Christoph noch einmal in der Laube und kam mit zwei Flaschen Bier zurück. Er legte die Flaschen auf den Hanfbeutel, damit sie bei einem möglichen Zusammenstoß nicht zerplatzen konnten. »Erfolgsprämie!« fügte Christoph mit einem breiten Lächeln hinzu. »Der Mensch braucht einen Anreiz, damit er Leistung bringt.«
*
Sie suchten nach der Wasserleitung. Christoph stand an der Grundstücksgrenze und stach mit dem Spaten in die Erde. »Hier irgendwo müsste sie sein.«
»Wahrscheinlich ist sie tief eingelassen, dass wir sie nicht einfach so finden können.«
»Lass es uns mal in der Mitte versuchen, denn da stehen bei allen die Wassertonnen, also muss dort auch das Ende sein.«
»Und das sollte ja möglichst überirdisch liegen.« Christoph freute sich: »Ich komme mir vor wie ein Archäologe.«
»Tja, in Pompeji haben sie auch Wasserleitungen gefunden.«
»Allerdings diese sind von weltgeschichtlichem Interesse.«
»Aber wir haben doch viel mehr davon, wenn bei uns das Wasser fließt. Was können wir uns denn dafür kaufen, wenn die alten Römer dort unten das Wasser gebändigt hatten?«
»Hier, Axel, hier ist es.« Christoph Filkert grub mit den Händen die Erde um das Ende eines beschmutzten und mit einem Abschluss verschraubten Stücken Wasserrohr. »Das Abschlussteil haben sie drumgeschraubt, damit kein Sand in die Öffnung kommt.«
Axel schippte mit dem Spaten eine kleine Grube, sodass das Rohr jetzt frei in der Luft hing. »Steht die Leitung eigentlich unter Druck?«
»Und wie. Wenn wir dir einen Wasserzugang anbringen wollen, muss ich erst mal im Pumpenhaus das Wasser abstellen.«
Christoph Filkert verschwand in Richtung Pumpenhaus. Nach fünf Minuten standen sie vor der Öffnung und Axel schraubte die Abdeckung ab. Es tropfte nur noch eine kleine Pfütze in die Grube. Sie umwickelten das Gewinde mit Hanf und schraubten das Rohr, das senkrecht in die Höhe zeigte, fest. Dann drehte Christoph den Wasserhahn um die eigene Achse und zog ihn an. »Unter den Wasserhahn kannst du dann mal deine Wassertonne stellen.«
»Aber nicht mehr heute. Wenn das jetzt mit dem Wasser klappen sollte, dann haben wir für heute genug erreicht.«
Christoph verschwand in Richtung Pumpenhaus und als er wieder da war, entstand die feierliche Spannung wie bei einer Schiffstaufe. »Links um!« kommandierte Christoph und Axel drehte am senkrechten Stift auf dem Wasserhahn.
»Wasser Marsch!« setzte er hinzu. In der Wasserleitung gab es ein großes Poltern. Der Wasserhahn spuckte Luft und Wasser aus. Als er sich beruhigt hatte, lief das Wasser gleichmäßig wie aus einer Quelle in einem feinen Strahl auf den ausgetretenen Erdboden und machte die Fußabdrücke der beiden Männer unkenntlich.
»Stapellauf geglückt!« Christoph holte die zwei Bierflaschen aus der Schubkarre. »Ay ay Käpt`n!« Axel führte seine rechte Handfläche an die Schläfe und stand stramm wie ein Marinesoldat.
Die Bierflaschen stießen aneinander und die beiden Männer tranken auf das erfolgreiche Ende eines Tages, der für beide bis dahin wenig zufriedenstellend verlaufen war.
»Wo kommst du denn jetzt her?« Gerdas scharfe Stimme durchdrang ihn bis ins Knochenmark. »Du gehst nach der Arbeit nur mal für zwei Stunden umgraben. Hast du mal auf die Uhr geschaut? Die zwei Stunden sind bald dreimal um.« Er trat näher und bemerkte ihre roten Augen. Sie hatte geweint. »Axel, so geht das nicht. Ich habe auch meine Arbeit und brauche am Abend ein wenig Entspannung.«
»Ich habe mit Filkert unsere Wasseranlage aufgebaut. Wir haben jetzt fließend Wasser im Garten.« Sie war zu einer Versöhnung bereit als sie auf ihn zukam. Dann bemerkte sie seinen Bierdunst. »Ach ja, dass ich mich hier um den Haushalt kümmere muss ich nicht extra erwähnen, oder? Aber dass der Herr noch genügend Zeit findet, um Bier zu trinken, während seine treu sorgende Ehefrau mit den Kindern spielt, Hausaufgaben kontrolliert und sie in den Schlaf wiegt, das hat keine Relevanz.« Er wollte sie beruhigen und gab sich Mühe, besonders weich zu reden. »Ich mache das doch nicht nur für mich. Irgendwie möchte ich dir auch gern etwas bieten, damit du hier einen schönen Garten bekommst. Und das geht jetzt nun mal nur, wenn ich da bin und schufte.«
»Und das Biertrinken ist auch harte Arbeit?«
»Nein.« Er machte einen Schritt zurück. »Nein, das ist keine harte Arbeit gewesen. Aber Christoph hat mir echt gut geholfen uns das nicht zum ersten Mal. Wir wären lange noch nicht soweit, wenn wir ihn und die anderen Gartenkollegen nicht hätten.« Sie antwortete nicht und zeigte auch keine anderweitige Reaktion. »Außerdem habe ich mit meiner Arbeit auch genug zu tun. Und immer wieder mal abhauen, um in der BHG nach irgendwelchen Materialien zu sehen ist auch kein Kinderspiel. Und zusätzlich tut mir vom vielen Umgraben auch der Rücken weh. Und letztendlich möchte ich nur, dass wir es hier schön haben.« Jetzt gab sie ihre Anspannung auf. Sie drückte ihn fest an sich und strich ihn über das Haar. »Du kannst mal nachsehen, ob Heiko noch wach ist. Er hat heute im Diktat eine Eins bekommen. Er war den ganzen Abend aufgewühlt, rannte mit dem Heft durch die Wohnung und hat immerzu nach dir gefragt. Er wollte die Freude unbedingt mit seinem Vater teilen.« Axel öffnete die Tür zu Heikos Kinderzimmer. Das Licht der Korridorbeleuchtung holte einen kleinen Ausschnitt vom Kleiderschrank aus der Dunkelheit. Heiko schlief. Er atmete in tiefen Zügen und die Bettdecke hob und senkte sich gleichmäßig. Neben dem Kopfkissen lag sein aufgeschlagenes Diktatheft. Axel küsste ihn auf seine warme Stirn. »Schlaf gut, mein Held. Ich bin stolz auf dich.«
*
Die Werkhalle war heute leerer und leiser. Es wurde weniger Staub durch die Umgebung gewirbelt. Ein paar Kollegen hatten sich krank gemeldet und es entstanden Leerläufe in der Fertigungskette. In das Getriebe der sozialistischen Produktion waren einige Sandkörner geraten. Der Motor stotterte, aber er lief.
Als Axel sein Büro betrat, fand er einen Gartengrill der Marke Eigenbau vor. Er begutachtete die Schweißnähte und stellte fest, dass seine Kollegen gute Arbeit geleistet hatten. Dieser Anblick erfreute ihn doppelt. Erstens hatte er sich einen guten Stand bei seinen Mitarbeitern erarbeitet und zweitens konnten sie jetzt immer grillen, sobald sich etwas Fleisch oder Wurst auftreiben ließ.
Er setzte sich an seinem Schreibtisch und bearbeitete ein paar Unterlagen. Danach wollte er wieder zu seinen Kollegen gehen und die Schwachstellen überbrücken. Er lehnte sich einen Moment zurück. Er dachte nach. Heute fand er seine Position gar nicht mehr so schlecht. Es ging doch. Es machte ihm Freude, zu organisieren, Berichte zu schreiben und trotzdem bei der Arbeit dabei zu sein. Ein Bindeglied zwischen Betriebsleitung und Basis. Zwischen oben und unten. Er dachte an Gerda und die Kinder. Wenn es Winter wird, wird er sich mehr um seine Familie kümmern können. Er würde zwar hier und da etwas beschaffen müssen, aber sonst könnte er zu Hause sein. Das würde allen gut tun. Aber jetzt wird er noch was tun können, tun müssen. Und wenn Gerda dann die ersten Radieschen geerntet hat, wird sie ihm für seine Zielstrebigkeit schon dankbar sein.
Es klopfte an der Tür. Axel hatte nicht bemerkt, dass jemand an seinem großen Bürofenster vorbeilief. Er zuckte zusammen und beschloss so sitzen zu bleiben, wie die ganze Zeit. Er hatte die letzte Monatsauswertung noch vor sich liegen. Er konnte den Eindruck machen, als ob er über eine Zahl oder eine Angabe nachdachte.
»Herein.« Er hörte seine eigene Stimme als gestresst. »Genosse Weber?« Die Tür öffnete sich und die Sekretärin Frau Petersohn stand in der Tür. Langsam kroch der Fliederduft in Axels Nase. »Ja Frau Petersohn, nehmen Sie doch Platz. Ich brauche noch einen kleinen Moment.« Er tat so, als schließe er seine Begutachtung ab und riss sich dann von dem Papier los. »Entschuldigung, aber ich hatte die Auswertung gerade in den letzten Zügen bearbeitet.« Sie lächelte: »Sie sahen auch sehr konzentriert aus.«
»Immer im Dienst und immer bereit für die gute Sache.«
»Dann habe ich vielleicht auch was Gutes für Sie.« Er lehnte sich nach vorn »Jetzt bin ich gespannt.«
»Ich soll Ihnen liebe Grüße von meinem Mann bestellen. Als Sie damals die Gasbetonsteine abgeholt hatten, hat er Ihnen was versprochen.« Axel durchforstete seine Gedanken. Es fehlte ihm die Erinnerung. Sie war wie fortgeblasen. »Versprochen?«
»Ja, und zwar wollte er Ihnen mitteilen, wann ein Transport Gehwegplatten in die nähere Umgebung geliefert wird. Sie brauchen doch noch einen schönen Gartenweg, oder?« Die Erinnerung schlug ein wie ein Blitz. Er klatschte sich mit dem Handballen gegen die Stirn. »Natürlich, die Platten. Wir hatten drüber gesprochen. Aber es ist momentan so viel zu erledigen und an so viel zu denken, dass ich die Geschichte mit den Gehwegplatten fast verdrängt hatte.« Frau Petersohn entgegnete stolz: »Dafür haben Sie ja meinen Mann. Der denkt für Sie mit.«
»Wann und wo können wir denn unser Glück versuchen?«
»Morgen Vormittag fährt ein LKW nach Eilenburg. So bis zum Nachmittag haben die Kollegen ausgeladen und ab 16 Uhr wird die BHG wieder geöffnet sein.«
»Also sollte ich jemanden um halb vier dorthin schicken, damit er noch einen Korb für den Rundgang bekommt?«
»Sie können doch auch selber um drei hier Feierabend machen und hinfahren.« War das jetzt ein Test, wie er zu seiner Arbeit stand? Er konnte aus ihrem Gesicht keine Reaktion ablesen. Frau Petersohn war immerhin die Sekretärin des Kombinatsleiters. Und wenn er bei dem erst einmal als Faulenzer bekannt war, dann würde er es schwer haben. Er entschied sich, lieber vorsichtig zu sein: »Aber wir müssen doch bis um vier arbeiten. Ich kann doch nicht schon um drei gehen.« Frau Petersohn schüttelte den Kopf: »Also Herr Weber, Ihre Motivation in allen Ehren, aber jeder braucht doch mal was und die besten Gelegenheiten bieten sich doch sowieso immer in der Arbeitszeit.« Er täuschte Widerstand gegen ihre Aussage vor: »Aber Frau Petersohn, es fehlen doch sowieso schon so viele Leute in meiner Halle. Da kann doch der Montageleiter nicht noch blau machen.«
»Ach glauben Sie es mir Genosse Weber, die Kollegen der Brigade freuen sich auch mal über ein bisschen Windstille.« Er beschloss, noch einen Versuch zu starten: »Und die Produktion?«
»Privat geht doch vor Katastrophe, oder?« Er seufzte tief und Frau Petersohn sollte spüren, wie sehr er mit sich rang. »Also gut, aber nur mit schlechtem Gewissen.«
»Machen Sie sich in die Spur. So eine Möglichkeit kommt vielleicht nicht so schnell wieder?«
Als Frau Petersohn gegangen war, resümierte er den Dialog. ›Ob sie mir die Zurückhaltung abgekauft hat?‹ Er bewertete seinen Auftritt als überzeugend. Jetzt musste er Krugmann finden.
*
»Kann ich mir morgen deinen Anhänger ausborgen?« Er schüttelte den Kopf und sagte mitfühlend: »Den habe ich meinem Vater ausgeliehen. Er muss sich auch was besorgen. Tut mir wirklich leid, alter Freund.«
»Weißt du, ob Filkert einen Anhänger hat?«
»Der borgt sich den auch immer bei mir.«
»Naja, dann muss ich mal so weiterschauen.«
*
Axel beschloss, in der Mittagspause zu Gerda in den Kindergarten zu fahren. Er brauchte ihre Mithilfe bei der Beschaffung eines Anhängers. Seine blaue Simson rollte durch die Stadt und er fühlte sich frei. Als ob die Sorgen dem Tempo der Straße nicht folgen konnten. Er und das Moped. Eine gute Verbindung. Das Motorengeheul war das einzige Geräusch, was seine Ohren erreichte. Er rollte die Simson auf den Fußgängerweg und parkte direkt vor dem Kindergarten. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Die Mittagspause war kurz.
»Hallo Papa.« Jana lief die Treppen und ihm direkt in die Arme. »Mama hat gesagt, ich muss heute keinen Mittagsschlaf im Kindergarten machen. Ich darf mit nach Hause kommen.« Er kniete sich zu ihr hinunter: »Na, das ist ja eine tolle Nachricht. Hast du denn schön gespielt?«
»Ja, erst haben wir uns versteckt und dann eine Sonne gebastelt.«
»Und kann ich die denn mal sehen?«
»Nein, die ist noch nicht fertig.«
»Na dann warte ich eben, bis du sie mit nach Hause bringst.«
»Ich muss der Sonne nur noch ein Gesicht malen.«
»Ach so, na dann bin ich mal gespannt.«
»Das kannst du auch sein.«
»Wo ist denn die Mama?« Jana drehte sich um und zeigte auf die Eingangstür:
»Die ist noch da drin. Sie muss noch mit Frau Richter sprechen. Aber dann gehen wir nach Hause.«
»Wollen wir denn auch noch mal reingehen?«
»Aber meine Sonne zeige ich dir noch nicht. Sonst ist es doch keine Überraschung mehr.«
»Na gut.« Er nahm sie auf den Arm. Ihre blonden Zöpfe schaukelten. Er öffnete die Tür und beide betraten eine andere Welt. Ein Paradies für die Kinder. Spielsachen. Kinderbilder an der Wand. Kleine Schuhe. Kleine Jacken. Bunt bemalte Türen und Fenster.
»Was machst du denn hier?« Gerda löste sich aus der Unterredung mit einer etwas älteren Dame, die dem Anschein nach die Leiterin Frau Richter sein musste. »Ja, ich wollte euch mal besuchen und Jana hat mir verraten, dass du noch hier drin bist.«
»Darf ich dir Frau Richter vorstellen. Das ist mein Mann.« Frau Richter, eine kleine, kinderliebe und über die Maßen mitreißende Frau ergriff seine Hand.
»Sie haben eine nette Frau und eine nette Tochter, Herr Weber.«
»Das ist alles eine Sache der Erziehung.« antwortete er belustigend und Frau Richter verstand es richtig. »Ihre Frau ist gut aufgehoben in unserer Sportgruppe und sie erzählt immer mit ganzem Stolz, wie gut ihr Mann auf die Kinder aufpassen kann. Vielleicht ist das ja auch eine Sache der richtigen Erziehung.« Jetzt lachten alle drei.
Auf dem Weg nach draußen zog Gerda Axel am Arm: »Ich bekomme eine Festanstellung. Ich kann ab dem nächsten Monat immer vormittags kommen.«
»Glückwunsch. Aber was ändert sich denn jetzt eigentlich? Du bist doch sowieso immer da.«
»Ja schon, aber jetzt hat es Frau Richter durchgesetzt, dass ich offiziell angestellt bin und nicht nur eine Daueraushilfe.«
»Da hast du aber wirklich eine nette Chefin abgekriegt.«
»Ich kann mich nicht beklagen.«
Sein Blick wurde verbindlich: »Gerda, ich habe heute erfahren, dass morgen eine Lieferung Steinplatten nach Eilenburg in die BHG geht. Mit denen könnten wir uns einen Gehweg pflastern. Und wenn wir genug haben sogar noch eine Terrasse vor die Laube.« Gerda war bemüht, einen freundlichen Ton anzuschlagen. Sie hatte aus der gestrigen Auseinandersetzung auch gelernt: »Das klingt ja auch gut.«
»Wir haben nur ein Problem: Krugmann hat seinen Anhänger verborgt und wenn ich morgen Glück haben sollte, kann ich die Platten nicht transportieren.«
»Ach Axel, ich kümmere mich darum. Ich frage gleich noch mal Frau Richter. Vielleicht hat die eine Idee. Und du machst dich jetzt wieder auf den Weg. Sonst überziehst du die Mittagspause.«
Er setzte sich auf die Simson. »Papa, kommst du nicht mit nach Hause?«
»Nein mein Schatz, Papa muss noch mal auf die Arbeit fahren.«
»Aber bleib nicht mehr so lange.« Er nickte, zündete den Motor, stieß eine graue Rauchwolke aus dem Auspuffrohr, rollte auf die Straße und fuhr davon.
*
Am Abend erwartete ihn Gerda schon aufgeregt an der Tür. »Du kannst den Anhänger von Knorrichs haben. Frau Richter wusste gleich, dass sie einen haben. Ich habe auch schon geklingelt und mit Herrn Knorrich ausgemacht, dass du ihn morgen früh an seiner Garage abholen kannst. Er wartet zehn nach halb sieben vor dem Haus auf dich. Dann könnt ihr gemeinsam zur Garage fahren.«
»Du bist ein Schatz, Gerda.« Sie war stolz über das Lob: »Wir müssen doch zusammenhalten.« Das Laubenbaufieber hatte offensichtlich auch sie gepackt.
*
Axel saß in seinem Büro und sah auf die Uhr. Halb drei. Noch war Zeit. Er würde etwa 20 Minuten bis nach Eilenburg brauchen. Den Weg hatte ihm Karl Knorrich heute früh erklärt, als sie den Anhänger geholt hatten. ›Sieh dich mal um, was es sonst noch gibt.‹ hatte er ihm mit auf den Weg gegeben. Er hoffte, dass niemand mehr was von ihm wollte. Dann hätte er sich überlegen müssen, ob er hier bliebe und seine Arbeit machte oder weiter seinen Garten verschönerte. Aber bis jetzt kam niemand. Wenn er seinen Kollegen Bescheid gibt, dann schirmen die ihn schon jetzt ab. Er hatte irgendwie kein richtig gutes Gefühl. Mit Krugmann zusammen an die frische Luft zu gehen, das war für ihn kein Problem. Dann wären es Krugmann und er gewesen. Und Krugmann kannte die Leute. Er saß fest im Sattel. Aber er? Er war ja immer noch der Neue. Solange bis jemand noch Neueres kam. Dann wusste er besser Bescheid, wie die Dinge hier laufen. Sollte er die Platten einfach sausen lassen? Vielleicht gab es ja auch gar keine mehr, wenn er ankam. Wann kam denn schon mal jemand zu ihm? Wer wollte denn etwas, dass nur er beantworten konnte? Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Und wenn er zu spät kam? Er hatte sich festgedacht. Er vertrieb die Hirngespinste, indem er aufstand, den Kollegen Krisch informierte, dass er an der frischen Luft sei und erst morgen wiederkomme. Der Kollege Krisch nickte aufmunternd. ›War doch gar nicht so schwer‹, dachte er, als er auf dem Parkplatz stand. Ein frischer Wind verwehte die nachmittägliche Schwüle. Die Pappeläste spielten mit ihren Blättern. Er stieg in den Trabant und fuhr los.
*
Vor der BHG stand eine lange Schlange. Es warteten mindestens fünfunddreißig Männer mit versteinerten Minen hier, die wie er nach Glück fischten. ›Zumindest der Informationsfluss funktioniert‹ dachte Axel. Er rechnete nach, wie viele Platten auf einen LKW passten und wie viele Platten jeder mitnehmen dürfte. Er rechnete auch schon den Bestand ab, der hinter dem Ladentisch verschwinden würde. ›Es dürfte reichen. Und wenn es nur die Hälfte wäre, dann hat sich der Weg trotzdem gelohnt.‹ Er konnte erahnen, was auf dem Schild in der Eingangstür stand: »Wegen Warenannahme geschlossen.« Das hieß immer was Gutes. Es lohnte sich, anzustehen.
Er dachte über die Leute nach, die sich hinter ihm eingefunden hatten. ›Die haben noch schlechtere Karten als ich.‹ Er sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde war bereits vergangen. Er hatte keine Lust mit irgendjemandem zu erzählen und sich so die Zeit zu vertreiben. Niemand redete in der Schlange. Jeder sah nach vorn und hoffte darauf, dass das Schild umgedreht wurde. Die Erlösung. Die Lüftung des Geheimnisses. Und wenn es nichts gab, dann hatte man es wenigstens versucht. Und alle die, die heute was kriegen, die stehen beim nächsten Mal nicht wieder hier an.
Unruhe kam auf. Das Schild wurde abgenommen. Die Tür öffnete sich und die Menschenschlange drängte in die kleine Hausöffnung. ›Jetzt kommt es drauf an.‹ Eine Weile rührte sich nichts. Alle Körbe waren in Benutzung. Nach zehn Minuten entstand eine Gegenbewegung. Die ersten Männer kamen raus. Mit leeren Händen. Jetzt entstand doch Gerede. »So ein Blödsinn.« regte sich ein Mann auf, der einen ganz roten Kopf bekam. »Die lassen uns hier anstehen und in dem Glauben, sie hätten hier Ware angenommen, aber die ist ja nur für Bestellungen draufgegangen. Ich sag euch was, die behalten die Platten alle für sich.« Andere Stimmen wurden laut: »Angeblich war der LKW nur halbvoll. In Berlin braucht man die Platten jetzt eher als hier – im Niemandsland. Als ob wir hier Nichts zu bedeuten hätten.« Die Schlange vor dem Eingang blieb stehen. Jeder wollte sich selber davon überzeugen, dass es keine Platten gab. Allerdings dauerte es nicht mehr so lange, bis die Leute wieder herauskamen. Dann war Axel an der Reihe. Er griff nach einem leeren Korb, den ihm jemand am Ausgang mit den Worten »Kannst du vergessen« hinstreckte. Er lief durch die Reihen. Sie waren wie leergefegt. Das Neonlicht versendete eine kühle Atmosphäre. Die Luft war gesättigt mit Adrenalin. Einige Verkäuferinnen bellten die verzweifelten Kundengesuche zurück. ›Heute gibt es hier keinen Blumentopf zu gewinnen‹ dachte er und verließ das Geschäft. Er stellte seinen Korb auf die fünf anderen Körbe, die jetzt schon niemand mehr haben wollte.
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