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Peter Schmidt
Aus dem Rahmen gefallen
Praktische Autismuskunde von einem, der es wissen muss
Patmos Verlag
Inhalt
Auftakt
Vorwort von Prof. Dr. Dr. Kai Vogeley
Der aus dem Rahmen fällt
Was isn das, Autismus?
Die zerrissene Jeans – Bug oder Feature
Eine knappe, knackige Antwort
Die mysteriöse, unsichtbare Mauer – wie ich Autismus als Kind fühlte
Inseln und Kontinente – ein Autismus-Modell
Das Muster, das Autismus charakterisiert
Autistische Begleitsymptome wie Reizüberflutung, Prosopagnosie und andere
Autismus-Folgen – Depressionen, soziale und andere Phobien
Wie ich Kommunikation erlebe – wenn Grau Rot oder Grün sein kann
Finden Sie die Swimming-Pools! – was Kompensation bedeutet
Die plattgebügelte Katze – Autisten haben alle Gefühle, die es gibt
Strukturen geben Halt – Ordnungen, Pläne, Rituale, Stereotypien
Stereotypien sind keine Zwänge
Wenn es tilt macht – Overload, Meltdown und Shutdown
Der AH-Effekt, intensive Gefühle und andere Wahrnehmungen
Wenn aus normal-unangenehm unerträglich-schmerzvoll wird
Anders geboren – allein unter Kindern
Die tollen Tapeten und die tolle Tante
Die Reise nach Jerusalem
Der Arm, der nicht brechen wollte
Die Mautstelle im Supermarkt
Die unteilbaren Süßigkeiten
Mensch-ärgere-dich-nicht!
Der Weihnachtsliedersingplan, die Autonummernbücher und weitere Tabellen
Im Land der blauen Freunde – Das Lied vom Anderssein
Merkmale einer autistenfreundlichen Schule
Der Zuckertütentag – aus meiner Sicht
Keine zweite Chance für den ersten Eindruck – die Lehrersicht
Eine Schule voller Straßen
Das Autochen-Ritual
Der Junge, der nur Einsen oder Vieren schrieb
Blue or black? – das Erreichen des Lernziels ist nicht nach Schema F prüfbar
Bilder haben eine Aussage
U wie United – über Sitzordnungen und reizarme Räume
Der Unterricht ist Erholung – die Pause ist Stress
Konflikte und Mobbing – Brennendes Fett in der Pfanne
Opfer und Täter bei Störungen durch Mitschüler
Die gegenseitige Angst vor dem Unbekannten
Steif wie ein Brett? – Auch Bretter biegen sich! – Sport gehört dazu
Bad und Bus – auf Jugendfreizeiten und Klassenfahrten
Autisten lernen anders – konkurrierende Erlasse und die ideale Schule
Gesetze für den Take-Off ins Leben – die geplante Flexibilität
Der autistenfreundliche Arbeitsplatz
Die Kantine und der Achtstundentag
»Stell dich nicht so an!« – im ersten Job als Werkstudent
Widerstand oder Kapazität – Die Wirkung des polarisierten Fähigkeitenprofils
Bärendienste und andere unverstandene Spielchen – Alltag im Berufsleben
Konflikte und Mobbing – Die Gratwanderung der Gerechtigkeit
Einzelbüro statt Kommunikationslandschaften
Kontaktalarm und Gelassenheit
Was mir hilft und was ich brauche, um abzuliefern
Als Autist erfolgreich im Team – so kann es gehen!
Konkurrierende Sehnsüchte – Partnerschaft und Liebe
Allein, aber nicht einsam
Pubertät jenseits von Cliquen und Disco
Innere Konflikte – selbstverletzendes Verhalten
Gewaltfreie Kommunikation
Von Checklisten, Tests und der Liebe im Koordinatensystem
Herausforderndes Verhalten – die Mohnbrötchengeschichte
Voraussetzungen beim nicht-autistischen Partner
Geplante Gefühle und sexuelle Leidenschaften
Was ich mit meinen Kindern (nicht) anfangen konnte
Vulkanisches Fazit
Auch das noch!
Die Störung als System der Stärke
Innen- und Außensichten – Autismus durch das JOHARI-Fenster
Vor- und Nachteile einer frühen oder späten Diagnose
City – Stadt – Großraum
Abgrenzung zu anderen Störungen und Mischformen: ADHS, schizoide und narzisstische Persönlichkeitsstörung
MASC und mehr – über Sozialverhalten und Empathie
Outing? Jein, bitte! – Von klinischer Relevanz und vermeintlicher Gewissheit
Training statt Therapie – Lebenshilfe versus Psychofolter – ABA bitte mit Sahne!
Schlussakkord – die Nimm-Mits
Was Inklusion ist – von Schnittmengen, Integration und Extrawürsten
Fazit – Ein Autist kann aufblühen, wenn …
Who is Who
Disclaimer
Danksagung
Weiterführende Literaturhinweise
Über den Autor
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
»Du kannst einen Menschen nichts lehren;
du kannst ihm nur helfen, es in sich zu finden.«
GALILEO GALILEI
Für alle, die im Bizarren zuallererst
das bewundernswert Besondere sehen und
mir damit helfen, meinen Weg zu gehen.
Auftakt
Vorwort von Prof. Dr. Dr. Kai Vogeley
Das Phänomen Autismus ist mindestens seit dem letzten Jahrzehnt in der Öffentlichkeit sehr prominent geworden. Besondere Beachtung haben dabei insbesondere erwachsene Personen mit Autismus bekommen. Dies kann daran liegen, dass das Konzept des Autismus 1981 durch die britische Psychiaterin Lorna Wing wiederbelebt wurde und die Kinder, die zu dieser Zeit eine Autismus-Diagnose erhielten, nun das Erwachsenenalter erreicht haben. Autismus aus der Perspektive von erwachsenen Betroffenen zu betrachten, ist aus zwei Gründen besonders wichtig. Zum einen bringt Autismus im Erwachsenenalter ganz neue Herausforderungen mit sich, etwa die Gestaltung von Partnerschaften oder den Einstieg ins Berufsleben. Zum anderen sind erwachsene Menschen mit Autismus natürlich in einer ganz besonderen Weise in der Lage, über charakteristische Eigenschaften von Menschen mit Autismus zu berichten und zu informieren.
Eine solche, hochinformative Lebensbeschreibung aus der Innenansicht eines Menschen mit Autismus wird in der vorliegenden »Autismuskunde« von Herrn Dr. Peter Schmidt mit den Lebenserfahrungen des autistischen Jungen in seiner Schulzeit, seinem Einstieg in den Beruf, der Teilhabe am Arbeitsleben als junger Erwachsener und der Gestaltung von Partnerschaft und Familie vorgelegt. Sämtliche Lebensphasen und Alltagswelten werden sorgfältig analysiert. Diese Beschreibung ist auch ein interessanter Einblick in gelungene Inklusion und das gesamte Bedingungsgefüge dahinter: die vielen verschiedenen wechselnden Kontexte von Peergroup, Arbeitskollegen und Familie. Eine wichtige Besonderheit an dem vorliegenden Buch ist, dass sich Peter Schmidt in einer sehr differenzierten und reflektierten Weise über sein eigenes Leben im jeweiligen Umfeld seiner Lebenswelt äußert, so dass wir nicht nur über die äußerliche Entwicklung informiert werden, sondern vor allem auch darüber, wie es sich anfühlt, immer nur wie hinter einer »Glasmauer« mit anderen zu kommunizieren oder auf einer von den »Kontinenten« abgegrenzten »Insel« zu leben oder eine Partnerin mit der »Checkliste Ehefrau« zu suchen.
Die vielen Beispiele machen den Zugang zu den Besonderheiten des autistischen Erlebens leicht nachvollziehbar und ermöglichen auch dem Leser, Empfehlungen für den Umgang mit autistischen Menschen abzuleiten, sei es in der Gestaltung von Schule oder Arbeitsplatz. Damit ist es ein sehr praktisches Buch. Obwohl das Buch das Thema Autismus inhaltlich auf hohem Niveau bearbeitet, ist es dennoch sehr kurzweilig und unterhaltsam geschrieben, so dass man es, einmal in die Hand genommen, kaum wieder weglegen kann.
Dabei werden in den Ausführungen von Peter Schmidt drei übergeordnete Aspekte immer wieder deutlich. Erstens: Das Leben eines autistischen Menschen in einer nicht-autistischen Umwelt ist mit enormen Anstrengungen verbunden. Zweitens: Auch wenn Autismus allgemeine Merkmale aufweist, die Grundlage der Diagnosestellung sind oder die eine Einschränkung am gesellschaftlichen Leben im Sinn einer Schwerbehinderung definieren, ist Autismus zugleich auch immer als Folge der jeweiligen Lebensgeschichte der einzelnen Personen ganz individuell ausgestaltet; das bedeutet auch, dass Menschen mit Autismus auch Eigenschaften besitzen, die gar nichts mit Autismus zu tun haben. Drittens: Autismus beschreibt Eigenschaften einer inneren Verfassung, die lebenslang besteht und nicht durch einfache Maßnahmen »korrigiert« werden kann, wenngleich von der Frühförderung junger Kinder bis zur therapeutischen Begleitung von Erwachsenen auch substantielle Hilfe bereitgestellt werden kann.
Das wiederum bedeutet, dass sich nicht nur Menschen mit Autismus auf die oft unverständliche Welt von Nicht-Autisten einstellen müssen. Vielmehr müssen wir alle offen und neugierig für andere Menschen bleiben, insbesondere für die, die in mancherlei Hinsicht vielleicht anders wahrnehmen, erleben, fühlen, denken oder handeln als wir selbst. Nur dann wird es uns gelingen, Menschen, die »anders« sind, nicht auszugrenzen, sondern an unserem eigenen Leben teilhaben zu lassen. Dieses »Anderssein« schließt natürlich nicht nur die vermeintlichen Schwächen von autistischen Menschen ein, sondern mindestens genauso ihre Stärken, beide Seiten sind in diesem Buch als »bug« versus »feature« oder – in eine physikalische Metapher gewendet – als »Kapazität« versus »Widerstand« sehr eindrucksvoll dargestellt. Damit ist auch die Leserschaft definiert. Profitieren werden von diesem Buch nicht nur autistische Personen selbst, die einer anderen autistischen Person bei ihrem Lebensvollzug zuschauen und aus ihren Erfahrungen für sich selbst lernen können, sondern auch alle nicht-autistischen Personen, die offengeblieben sind, sich mit Anders-Denkenden und Anders-Erlebenden auseinanderzusetzen, unabhängig davon, ob sie in einem therapeutischen Kontext tätig sind oder nicht.
Ich persönlich wünsche dem Buch eine breite Leserschaft und hoffe, dass dieses Buch Diskussionen anregen kann, besonders zwischen den sogenannten Autisten und Nicht-Autisten.
Kai Vogeley, Köln, im Oktober 2019
Der aus dem Rahmen fällt
Liebe Leserin, lieber Leser!
Stellen Sie sich vor, Sie seien als Blinder auf einem Gehweg unterwegs, ohne zu wissen, was »Sehen« wirklich ist. Am laufenden Band kommt es zu Kollisionen mit anderen Menschen. Immer wieder fragen diese Sie vorwurfsvoll: »Können Sie bitte mal genauer hingucken, wo Sie hintreten?« Und Sie wundern sich dann und kontern: »Was soll das sein, sehen, hingucken? Wie muss ich mir das vorstellen? Wenn Sie das können, dann gehen Sie mir doch einfach aus dem Weg!«
Wenn meine Tochter wissen wollte, ob ihr Kleid gut aussieht, antwortete meine Frau: »Geh zu Papa, wenn der dir sagt, dass es gut aussieht, dann kannst du davon ausgehen, dass das stimmt!« Meine Antwort war stets ehrlich und aufrichtig, aber mitunter auch unpassend und schmerzvoll. Es sind gerade diese sozialen Situationen, die Autisten ins Abseits bringen, weil hier oft nicht die Wahrheit, sondern eine Höflichkeitslüge, zumindest aber eine höfliche, ausweichende Antwort erwartet wird. Denn Wahrheit kann schwer verletzen.
Wenn man zu mir als Schulkind gesagt hätte: »Solange du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast, darfst du nicht spielen gehen!«, wäre ein ewiger Aufstand die Folge gewesen. Aus Sicht meiner Eltern, die mich möglicherweise gar als unerziehbar hingestellt hätten, hätte ich »herausforderndes Verhalten« gezeigt. Dabei wären sie es gewesen, die sich mir gegenüber vollkommen danebenbenommen hätten, wenn sie strikt auf der Einhaltung dieser aus meiner Sicht völlig willkürlichen Regel bestanden hätten. Für mich war es nicht die Frage, dass ich die Hausaufgaben machen will oder muss, sondern wann und wie! Denn ich war motiviert, hatte aber ein großes Erholungsbedürfnis. Erst musste der »Kommunikationskater«, auch gerne als »Sozialkater« bezeichnet, abgebaut werden, dann war ich bereit. Punkt 17 Uhr begann ich, meine Hausaufgaben zu machen!
Drei Beispiele, die charakterisieren, wie Autismus auf Außenstehende wirken kann. Autisten können die Beziehungsebene einer Kommunikation nicht intuitiv erkennen, sie verhalten sich in sozialen Situationen anders als erwartet und bestehen auf Rituale und Regeln, die ihnen guttun. Alle verbindlichen Vorgaben, die mein Gefühlsleben und meine Wahrnehmung infrage stellten, blockier(t)en meine Weiterentwicklung! So ließen meine Eltern mich letztendlich, wenn auch zunächst mit Widerstand, stets meinen eigenen Weg zum Ziel gehen. Wer neue Wege gehen will, muss ohne Wegweiser auskommen.
Ich war, bin und werde lebenslang ein Mensch bleiben, der aus dem Rahmen fällt. Im Jahr 2007, im Alter von 41 Jahren, war ich geschockt und erleichtert zugleich, als mich ohne Vorwarnung »wie ein Blitz aus heiterem Himmel« die Diagnose erreichte, dass ich lebenslänglich ein Autist mit einem lehrbuchartig ausgeprägten Asperger-Syndrom gewesen sei, ohne das zu wissen. Das Leben bekam durch das, wofür dieses Wort »Autismus« steht, eine generalschlüssige Erklärung. Der mittlerweile großkronig verzweigte, dick- und hochstämmig gewachsene Warum-Baum verzweifelter, unbeantworteter Fragen wurde mit einem Schlag gefällt.
Auf der Suche nach Hilfe fanden es andere Menschen interessant, wenn ich erzählte, was ich erlebt habe, wie ich meinen Weg gegangen bin. Dies führte auf einen Weg, der mich als Autor und Referent für Autismus in die breite Öffentlichkeit führte. Immer öfter fragten mich die Menschen, wo sie denn das nachlesen könnten, was ich über das Phänomen Autismus erzähle. So kam es schließlich zu diesem Buch!
Das vorliegende Buch veranschaulicht, was Autismus ist und dass eine andersartige Wahrnehmungsverarbeitung Grundlage aller autistischen Verhaltensweisen ist.
Konkrete Beispiele zeigen, wie ich als Kind und Jugendlicher die Schulzeit (üb)erlebt habe, wie ich mich als Erwachsener durch die Untiefen der Arbeitswelt navigierte und wie ich die himmelhohen Hürden auf dem Weg zur eigenen Familie überwand. Strategien, die mich weitergebracht haben, zeigen grundsätzlich, wie Autisten und ihr Umfeld besser miteinander klarkommen können. So wird deutlich, was ein Leben als Autist und ein Leben mit Autisten ausmacht, welche Herausforderungen bestehen und welche Lösungen es dafür geben kann.
Dieses Buch ist ein Beitrag für Außenstehende, Bedürfnisse autistischer Menschen zu erkennen, zu verstehen und zu akzeptieren. Autisten können inspiriert werden, indem sie die Analyse meiner Lebenserfahrungen auf die eigene Situation übertragen. Das hilft Autisten, sich selbst besser zu verstehen, um daraus Rückschlüsse für die Gestaltung ihres weiteren Lebensweges zu ziehen und ein fruchtbares Zusammenleben mit anderen Menschen zu ermöglichen. Dabei zeigt sich grundsätzlich, was Energie kostet und was Energie liefern kann.
Die konkrete Ausprägung allgemeiner autistischer Verhaltensmuster ist verschieden. Daher gibt es kein allgemeingültiges Rezept, wie man mit Autisten umgehen kann! Es sind immer individuelle Lösungen! Das Buch liefert auch keine Anleitung, wie man aus einem Autisten einen normalen Menschen macht! Denn das geht nicht!
Stattdessen wird herausgearbeitet, was helfen kann, den Alltag zu bewältigen, ohne dass eine wie auch immer geartete Therapie dabei die Persönlichkeit verändert.
Ein autistischer Mensch entwickelt sich am besten, wenn man seine Stärken fördert und ihm hilft, damit aufblühen zu dürfen. Denn das ist das Einzige, womit er es schaffen kann, sich nutzbringend in die Gesellschaft einzubringen, was mit weiterer motivierender Anerkennung und Teilhabe verbunden ist.
Vor Ihnen liegt nun meine kleine Autismuskunde für eine autistenfreundlichere Welt.
Mit diesem Werk, dessen Inhalt auf eigenen Beobachtungen, auf Austausch in vielen Diskussionen und Selbsthilfegruppen und natürlich auch auf Inhalten in der Literatur beruht, übergebe ich meine brücken- und tunnelreiche Autobahn durch das ansonsten nur schwer zugängliche, bizarr geformte autistische Gebirge dem Verkehr. Viel Spaß beim Entdecken einer anderen, bereichernden Weltsicht!
Was isn das, Autismus?
Die zerrissene Jeans – Bug oder Feature
Für die einen ist es eine Krankheit, eine Störung oder eine Behinderung. Für die anderen ist es eine Form des Andersseins, der Neurodiversität. Und wenn man genauer nachfragt, stellt man fest, dass keiner ganz genau sagen kann, was Autismus wirklich ist. Oder alle wissen es! Autismus ist zu verschieden. Autismus ist in aller Munde. Viele Menschen fragen sich mittlerweile, ob überall, wo Autismus draufsteht, auch wirklich sinnvoll definierter Autismus drin ist. Denn Autismus ist »in«.
Autismus ist umstritten! Besonders bizarr ist die Diskussion, ob es sich bei Autismus um eine bloße Form des Andersseins handelt oder ob dieses Wort für eine klinisch relevante Diagnose steht. Ein Anderssein kann durchaus attraktiv sein; klinisch auffällig sein, das möchte eigentlich niemand, und es wirkt sich auf das Leben eher nachteilig aus.
Ist Autismus nun ein Bug oder ein Feature? Bug steht negativ konnotiert für Störung und Feature positiv konnotiert für Merkmal. Die Antworten sind dieselben, die man auf die Frage »Ist eine zerrissene Jeans ein Bug oder ein Feature?« geben kann!
Ob eine zerrissene Jeans kaputt oder ein modisches Accessoire ist, hängt davon ab, in welchem Kontext die Hose getragen wird, wie sie ganz konkret aussieht und welchen Geschmack der Betrachter hat. Weiterhin spielt es eine ganz wichtige Rolle, wie die Löcher aussehen, wo sie sich genau befinden und wie groß sie sind. Eine Jeans, die man löchrig gerissen im Laden kaufen kann, gilt sicherlich als schickes Feature. Eine beim Bücken geplatzte Hose, die den blanken Po freilegt, dürfte als Bug einzustufen sein. Ob die zerrissene Jeans oder Autismus als Bug oder Feature wahrgenommen wird, hängt somit von der Einstellung, Perspektive und Erwartungshaltung ab.
Eine knappe, knackige Antwort
Wenn sich mir ein noch unbekanntes Wort präsentierte, nervte ich als kleiner Junge alle meine Mitmenschen mit der Frage: »Was isn das?« Und nicht immer war die Antwort leicht. Bei komplexen Dingen muss man ganz einfach anfangen. So war das auch mit der Antwort auf die Frage »Wat is en Dampfmaschin« aus dem Film »Die Feuerzangenbowle«: »Da stelle mer uns janz dumm.«
Wer so gar keine Ahnung von irgendwas hat, der zog in internetlosen Zeiten ein dickes graues Buch aus dem Regal, das alle Wörter wohlgeordnet listete. Und darin wurde auch ich, sobald ich endlich lesen konnte, oft kurz und bündig fündig.
In der Ausgabe des Dudens, den ich zu Hause habe, wird das Wort »Autismus« ganz schlicht wie folgt definiert: »angeborene Entwicklungsstörung, die sich durch extreme Selbstbezogenheit und soziale Kontaktunfähigkeit ausdrückt«. Ergänzend wird erläutert, dass das Wort »autos« aus dem Griechischen stammt und schlicht »selbst« bedeutet. Autismus ist also knapp und knackig »Selbstismus«.
Im Bedeutungswörterbuch von »Google« im Internet war 2018 zu lesen: »Autismus (Substantiv, maskulin; Medizin, Psychologie) – Entwicklungsstörung, die sich u. a. in (gravierenden) Schwierigkeiten im Umgang mit Mitmenschen, in der Kommunikation und in sich wiederholenden und stereotypen Verhaltensweisen äußert.«
Sowohl die »alte« Duden-Definition als auch die »neue« Internet-Definition bringen die Bedeutung von »Autismus« knapp, aber sehr prägnant auf den Punkt. Beide Definitionen beschreiben das Muster, das Menschen, die »Autismus haben«, die »Autisten sind« oder wie man es heute ganz genau nennt, »im autistischen Spektrum« liegen, verbindet und wie dieses Muster auf andere wirkt.
Autismus, der »Selbstismus«, ist dabei von Egoismus, dem bewussten Streben auf Kosten anderer, zu unterscheiden! Indem ich mich damit auseinandersetze, wodurch diese von Autisten gar nicht gewollte Fremdwahrnehmung zustande kommt, wird deutlich, was schließlich Autismus ausmacht, was damit in Zusammenhang steht und auch was damit wohl eher nichts zu tun hat und vielfach anderweitig erklärbar ist.
Das Phänomen Autismus zeigt sich durch verschiedene Symptome, die die Medizin in einem »Katalog der Krankheiten«, dem International Catalogue of Diseases (ICD), listet. Sie sind der Versuch, das Unbeschreibbare, aber augenscheinlich dennoch Vorhandene zu beschreiben.
Hans Asperger, Leo Kanner und andere prägten den Begriff Autismus medizinisch, doch die verblichenen Wissenschaftler helfen hier nicht mehr wirklich weiter. Denn die Klarheiten, die diese Menschen einst zu verbreiten schienen, indem sie unter anderem Begriffe wie Asperger-Syndrom und Kanner-Syndrom prägten, sind Geschichte. Zu viele Menschen gibt es, die nicht eindeutig in diese Strukturen passen und Mischformen darstellen. Und überdies gibt es mittlerweile verwirrende und zum Teil sich gar widersprechende Auffassungen unter Forschern und Ärzten darüber, was denn zum Beispiel speziell ein Asperger-Syndrom und ganz allgemein Autismus sein soll und was nicht. Die Wissenschaft spricht vom »autistischen Spektrum«, ohne jedoch klar zu umreißen, was denn Teil dieses Spektrums sein soll und was nicht.
Das Phänomen Autismus geht mit einer spezifischen Wahrnehmung einher. Diese manifestiert sich in erster Näherung als Kontaktstörung auf der Beziehungsebene, was sich wiederum durch charakteristische Symptome im Alltag äußert. Allgemeine autistische Verhaltensmuster sind individuell verschieden ausgeprägt.
Begabungen und Talente autistischer Menschen bleiben oft ungenutzt, weil sie nicht selten hinter der autistischen Fassade, die auf andere Menschen meist abstoßend wirkt, verborgen bleiben.
Sämtliche in diesem Buch vorgestellten Beispiele, aus denen Anregungen, Strategien und Wege zur Gestaltung des Lebens von und mit autistischen Menschen abgeleitet werden, orientieren sich an der grundlegenden Bedeutung des Wortes »Autismus«. Dabei ist es völlig unerheblich, ob Autismus aus der Innensicht heraus nun als Störung, Krankheit, Behinderung oder nur als eine andere Seinsform gesehen wird.
Die mysteriöse, unsichtbare Mauer – wie ich Autismus als Kind fühlte
Als Kind und Jugendlicher habe ich, ohne über das Phänomen Autismus Bescheid zu wissen, mein Sein unter Menschen so gefühlt, wie ich es in meinem ersten Buch Ein Kaktus zum Valentinstag beschrieben habe: »Es ist alles wie Glas, das man durchschauen kann, das zwischen dem Innen und dem Außen liegt. Unsichtbar. Ich erinnere mich an einen Vogel, der am Fenster sterben musste. Der wollte da einfach nur langfliegen, aber plötzlich gefror die Luft. Beständig fliege ich gegen etwas, das unsichtbar da ist. Ich begreife es nicht, genauso wenig wie dieser Vogel.«
Als ich im Alter von 41 Jahren, ohne danach zu suchen, herausfand, dass ich ein Autist sein soll und beim diesbezüglichen Aufarbeiten meines Lebens in der Literatur Bilder entdeckte, die Autismus durch ein Kind unter einer Glasglocke illustrierten, fühlte ich mich in meinem Gefühl voll bestätigt. Voller Wiedererkennungswert. Ja, das Modell zeigt einen Aspekt dessen auf, was Autismus ausmacht. Ein Merkmal von Autismus ist ja, dass er wie das trennende Glas als unsichtbar gilt. Die Unsichtbarkeit besteht in der Undeutbarkeit von Auffälligkeiten und Abweichungen.
Und bei genauerem, reflektierendem Denken wurde mir auch klar, warum das Glas ein sogar noch weitreichenderes Modell für Autismus ist: Man kann alles da draußen durch das Glas von innen heraus sehen, aber von außen nach innen ist es schon schwieriger zu erkennen, was hinter der Glasscheibe ist. Man bleibt im Innen für die Außenstehenden so gut verborgen wie Menschen hinter einer Fensterscheibe, die im Winter das warme Drinnen vom kalten Draußen trennt.
Und noch etwas illustriert dieses Modell: Ich bleibe im Innen für die im Draußen erst recht gefühlsmäßig unverstanden. Im Innen kann ich nicht das Wetter da draußen spüren. Nicht die Hitze oder Kälte, nicht die Nässe oder Trockenheit, nicht den Wind oder den Duft der Blumen und Blüten. Ich lebe sozusagen abgeschottet vom Außen im eigenen Raumklima. Und das hat bizarre Konsequenzen für Sozialverhalten und Kommunikation.
Denn die Menschen da draußen geben mir beständig Tipps, wie ich mich anziehen soll, damit ich in der Kälte überleben kann. Ich brauche innen aber keine Winterjacke. Und erst recht keinen juckenden und kratzenden Schal oder gar einen halswürgenden Wollkragenpullover. Stattdessen empfehle ich denen da draußen, endlich in T-Shirt und Shorts rumzulaufen. Das ist doch viel angenehmer! Und die da draußen meinen, ich spinne ja wohl!
Das Modell veranschaulicht ein grundlegendes autistisches Problem: Jeder kennt die Gefühlswelt, hier dargestellt durch die Umgebungsbedingungen, des anderen nicht. Weil sie durch eine mysteriöse, unsichtbare, undeutbare Mauer getrennt sind und dadurch andere Dinge fühlen. Genau deshalb passt das Glasmauermodell so gut zum Autismusthema. Es zeigt auf, welcher Verlust an Informationen vorliegt und was das für Konsequenzen hat. Für beide Seiten. Dass man sich nur rational, aber nicht intuitiv ineinander hineinversetzen kann. Und weil die da draußen in der Mehrheit sind, heißt es, Autisten hätten keine Empathie. Was in Bezug auf die da draußen stimmt. Aber umgekehrt gilt dies auch! Was schnell übersehen wird! Die da draußen haben allesamt auch keine Empathie für die im Innen, die Autisten. Jedenfalls nicht intuitiv. So hält sich übrigens das weit verbreitete Vorurteil, dass Autisten überhaupt keine Gefühle hätten. Was falsch ist. Autisten haben alle Gefühle, die es gibt!
Inseln und Kontinente – ein Autismus-Modell
Autisten sind wie Inseln, wenn Gesellschaften die zusammenhängenden Kontinente darstellen. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist ihre Eigenschaft als Insel. Dieses Modell dient dem Zweck, die grundsätzliche Problematik autistischer Menschen im gesellschaftlichen Kontext zu beschreiben. Auf zusammenhängenden Landmassen, Kontinenten und Inseln herrscht gegenseitige Empathie. Dabei verstehen einander auf der Beziehungsebene alle Menschen, die auf derselben Landmasse leben, also deren Wohnorte auf dem Landweg verbunden sind. Und das völlig unabhängig von der gelebten Kultur und der gesprochenen Sprache. Zwischen Menschen ist in diesem Modell wechselseitige Empathie möglich. Dabei leben die meisten Menschen auf den kontinentalen Landmassen. Diese bestimmen mit ihrer Mehrheit die weltweit gültigen gesellschaftlichen Regeln. Es gibt eine wechselseitige Empathie zwischen zwei Orten in ganz Afreurasien, jener Landmasse, die aus Afrika, Europa und Asien besteht. Man kann von Berlin nach Shanghai über Land fahren, jedoch nicht nach Mallorca.
Eine wechselseitige Empathie ist jedoch nicht mehr möglich, sobald sich Wasser zwischen zwei Orten befindet! Das eine Insel vom Kontinent trennende Wasser unterbricht in diesem Modell die intuitive Kommunikation auf der Beziehungsebene. Um die nonverbale Kommunikation von einer Insel zum Festland oder einer anderen Insel zu ermöglichen, muss das Wasser überbrückt werden. Das geht zum Beispiel mit einem Schiff oder einem Flugzeug. Auf jeden Fall ist damit erheblicher Aufwand notwendig, um die Verbindung herzustellen.
Für festlandsnahe Inseln geht es vielleicht sogar noch sportlich schwimmend oder es reicht eine lange Brücke. Diese Hilfen entsprechen in diesem Modell dann dem Training oder einer Therapie, wenn es darum geht, Autisten Teil der globalen Gesellschaft sein zu lassen. Die Verbindung ist von beiden Seiten zu wollen und zu bauen.
Das Insel-Modell für Autismus illustriert ganz nebenbei, dass auch zwischen den Inseln die Kommunikation auf der Beziehungsebene blockiert wird. Wahre Empathie unter Inselbewohnern funktioniert also nur unter Einwohnern gleicher Inseln.
Da die Menschen auf den Kontinenten in der Überzahl sind und diejenigen, die auf Inseln leben, deutlich in Unterzahl sind, behaupten sozusagen die Kontinentalen, dass die Insulaner keine Empathie hätten. Umgekehrt meinen die Insulaner, dass die Kontinentalen keine Empathie für sie hätten. Es besteht intuitiv keine gegenseitige Empathie. Allen Inseln ist bei aller Verschiedenheit genau eine Sache gemeinsam. Sie sind ein Stück Land, das vollständig von Wasser umgeben ist. Genau das definiert sie als Inseln. Denn es gibt auch Halbinseln, die aussehen wie Inseln, aber keine sind, weil das entscheidende Kriterium fehlt.
Nun gibt es große, kleine, bergige und flache, kalte und heiße, trockene und feuchte, festlandsnahe und festlandsferne Inseln, die die verschiedenen Ausprägungen von Autismus darstellen sollen. Es gibt Gegenden, da ist unmittelbar klar, dass man sich auf einer Insel befindet, sei es durch die Größe, die Form oder die Perspektive. Und es gibt Gegenden, da ist es nicht gleich offensichtlich. Zum Beispiel wenn man in der Caldera einer Vulkaninsel steht. Da sieht man nur den gewaltigen, mondartigen Vulkan vor sich. Erst wenn man auf seinem Kraterrand steht, sieht man, dass man auf einer idealtypischen Insel steht.
Indem ich Ihnen nun mit Beispielen und Erfahrungen aus dem eigenen Leben meine Insel vorstelle, hilft Ihnen dieses Buch, die Eigenschaften einer Insel zu verstehen, um mit ihr zu kommunizieren. Dazu sind die hinter meinen konkreten Ausprägungen stehenden, alle Autisten verbindenden Muster auf die eigene Situation zu übertragen.
Als kleiner Junge bezeichnete ich mich selbst als »Tomai«, gründete mit vier Jahren meinen eigenen Staat, Ausdruck einer eigenen Identität, ein Rückzugsgebiet, in dem ich weitestgehend nach meinen Regeln leben und mich entfalten konnte. Ich galt als einzigartig und eigenartig. Mein Verhalten, das mich auszeichnete und von vielen Menschen beobachtet, bedauert und zugleich bewundert wurde, hatte keinen Namen außer den eigenen.
Ich hatte und habe das »Tomai-Syndrom«, nach 41 Jahren des Daseins auf der Erde, als Autismus verstanden. Mein Leben ist dabei natürlich eine konkrete Ausprägung allgemeiner Muster autistischen Verhaltens, die auf allen (autistischen) Inseln zu finden sind.
Das Muster, das Autismus charakterisiert
So verschieden autistische Menschen in der Ausprägung ihrer Persönlichkeit auch sind, es gibt allgemein verbindende Muster in Wahrnehmung und Verhalten, die bei allen Autisten in der einen oder anderen Form individuell ausgeprägt vorhanden sind.
Den Film »Rain Man« kennt eigentlich jeder. Statt diesen Film als zu klischeelastig zu verdammen, lässt sich an ihm wunderbar das autistische Spektrum erklären, indem man auf das hinweist, was Autisten verbindet und nicht auf das, was Autisten trennt.
Wenn ich irgendwo aufgetreten bin, bekam ich nicht selten sich auf den ersten Blick widersprechende Feedbacks wie »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich in bestimmten Situationen genauso wie Rain Man verhalten« und »Ich habe mir einen Autisten immer wie Rain Man vorgestellt, aber so sind Sie ja gar nicht«. Die einen sahen also einen Rain Man in mir und andere dagegen gar nicht. Das liegt an der subjektiven Voreinstellung, der selektiven Wahrnehmung.
Diejenigen, die in mir den Rain Man sahen, stellten auf gewisse Muster ab, die alle Autisten zeigen. Diejenigen, die in mir keinen Rain Man sahen, stellten dagegen auf die konkrete Ausprägung der gesamten Person ab. Beides ist nicht zielführend.
Es gibt Eigenschaften an mir und Rain Man, die nichts mit Autismus zu tun haben. Unreflektiert bedeutet dies, dass die große Gefahr besteht, Verhaltensweisen einem Autismus zuzuschreiben, die damit letztendlich nichts zu tun haben. Bei Rain Man sind es die Savant-Fähigkeiten, dass er Streichhölzer zählen kann, bei mir sind es andere Merkfähigkeiten wie ein eidetisches Gedächtnis oder die Hochbegabung. Beides kommt auch völlig ohne Autismus vor. Sowohl an Rain Man als auch an mir sind die uns beide verbindenden, klinisch leitenden Merkmale von Autismus zu finden, wobei die Ausprägung dieser Merkmale fundamental verschieden ist.
Das Muster des wörtlichen Verstehens zeigt sich individuell verschieden wie folgt:
Rain Man bleibt mitten auf der Straße stehen, als die Fußgängerampel auf »Nicht gehen« umspringt. Ich biss meine Mitschüler, weil ich mich mehr durchbeißen müsse. Oder ich suchte die rostigen Ketten im Schnee, mit denen die Bürgersteige eines entlegenen Ortes hochgeklappt werden. Das Muster repetitiver Verhaltensweisen kann sich so zeigen:
Rain Man kann seine Unterhosen nur in Cincinnati kaufen. Ich musste auf meiner ersten USA-Reise mit meiner Frau unbedingt im K-Mart einkaufen und fahre, um einen solchen zu finden, zwei Stunden aus Los Angeles heraus bis Bakersfield, weil auf der geplanten Strecke erst hier einer in mein Blickfeld rückte und ich nur diese Kette als Lebensmittel- und Gemischtwarenladen kannte.
Die Fachwelt sieht heute wie bereits zum Zeitpunkt meiner Diagnose 2007 eine sogenannte »Trias«. Drei wesentliche Säulen. Das Basis-ABC-Muster, das autistisches Verhalten und Wahrnehmen charakterisiert. So wie man auch genau drei Punkte braucht, um ein Objekt auf der Erdoberfläche sicher stehend zu verankern.
Kommunikation ohne Beziehungsebene (Säule A)
Es gibt eine kommunikative Andersartigkeit und damit verbundene Probleme im zwischenmenschlichen Bereich, weil Autisten die nonverbale Kommunikation nicht intuitiv verstehen. Dies lässt sich mit dem Nichtwahrnehmen der Beziehungsebene in einer Kommunikation erklären. Sie kann weder gesendet noch empfangen werden. Autisten können überdies die eigenen Gefühle nicht zuverlässig senden und erst recht nicht die Gefühle anderer aus dem, was Sprache und Kommunikation über die bloßen Worte hinaus sonst noch so transportiert, erkennen. Die Mimik im Gesicht anderer kann nicht gedeutet werden. Und die Mimik im Gesicht des Autisten kann nicht intuitiv mit dem Schema anderer Menschen dechiffriert werden.
Sozialverhalten ohne gegenseitige Empathie (Säule B)
Darüber hinaus gibt es charakteristische Probleme im Sozialverhalten, das abweichend sein kann. Dies liegt daran, dass die Empathie zum Gefühlsleben der meisten Menschen fehlt, wobei die Sache mit der Empathie allerdings in beide Richtungen gilt. Autisten fehlt sie in Bezug auf die sie umgebenden Menschen und den anderen Menschen fehlt sie in Bezug auf den Autisten. Es mangelt gegenseitig an Empathie. Beide Seiten können sich emotional intuitiv nicht in die jeweils andere Seite hineinversetzen. Ein Autist fühlt nur bezogen auf sich selbst. Um mit jemandem mitfühlen zu können, muss er die emotionale Situation, um die es geht, bereits selber einmal durchlebt haben. Außerdem interessieren sich Autisten grundsätzlich nicht für die Alltagsbelange anderer Menschen.
Rigiditäten und Stereotypien (Säule C)
Und last but not least gibt es im Alltag jede Menge haltgebende Rituale und Rigiditäten, die von anderen Menschen nicht gestört werden dürfen, weil sonst je nach charakterlicher Veranlagung totaler Rückzug oder Panik droht. Diese Eigenschaft macht den Betroffenen bereits im Wortsinne zum Autisten. Weil er dadurch zum einen isoliert ist und zum anderen es immer »nach seiner Nase« gehen muss, damit er sich wohlfühlen kann. Auch stereotype und idiosynkratische Beschäftigungen, die unbedingt von einem intensiv betriebenen Hobby zu unterscheiden sind, gehören zu dieser Kategorie, zum Beispiel das Auswendiglernen und Aufmalen von U-Bahn-Netzplänen.
Alle diese drei ABC-Eigenschaften können in unterschiedlichster individueller Ausprägung daherkommen, das macht das »autistische Spektrum« aus. Aber allen Autisten gleich ist das übergeordnete Muster. Autismus im klinisch-relevanten Sinne liegt bei Auftreten dieser drei Merkmale aber nur dann vor, wenn dieses Verhalten ab frühester Kindheit charakteristisch ist. Denn die dem Autismus zugeschriebene Wahrnehmung muss angeboren und nicht durch Umwelt- oder Erziehungseinflüsse im Laufe des Lebens geprägt worden sein. Außerdem muss sich die durch diese Trias beschriebene autistische Symptomatik grundsätzlich persistent zeigen. Das bedeutet, sie tritt lebenslänglich auf und zeigt sich unabhängig von der gegebenen Situation oder den Reizen, denen der Betroffene gerade ausgesetzt ist.
Alle drei Eigenschaften führen dazu, dass zum einen soziale Erwartungshaltungen anderer unerfüllt bleiben und zum anderen Betroffene aus Sicht anderer zuerst »nur an sich denken«. Das führt zu der Fremdwahrnehmung, dass ein »Autist« ein »Selbstist« im griechischen Wortsinn ist. Autisten sind somit in gewisser Weise per definitionem egozentrisch, allerdings im gutartigen Sinne, weil sie die Sicht anderer nicht intuitiv verstehen. Sie sind aber, darauf sei an dieser Stelle ausdrücklich hingewiesen, per se NICHT egoistisch im bösartigen Sinne, womit das bewusste Übervorteilen anderer gemeint ist. Autisten leben grundsätzlich nicht bewusst auf Kosten anderer, indem sie diese betrügen oder übervorteilen.
Ein Autist kreist aufgrund seiner Wahrnehmung aus Sicht anderer um sich selbst, in sozialen Situationen wirkt er unbeholfen, dabei scheint er keine Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen (wie denn auch, wenn er sie nicht sehen, geschweige denn sich in sie hineinversetzen kann) und last but not least, ist das Leben für ihn und andere, die mit ihm leben (müssen), nur dann erträglich, wenn seine bisweilen bizarr anmutenden Bedürfnisse zumindest so weit berücksichtigt sind, dass er Halt im Leben finden kann. Autismus wirkt auch ohne Zutun anderer Menschen behindernd.
Neben den bereits genannten Autismus-Formen, dem »Asperger-Syndrom« und dem »Kanner-Syndrom«, auch als »frühkindlicher Autismus« bezeichnet, diagnostizierten die Ärzte bei Patienten, die nicht in eine dieser beiden »Schubladen« passten, aber dennoch irgendwie »autistisch« wirkten, den atypischen Autismus. Hinzu kam später der Ausdruck »Hochfunktionaler Autismus«. Damit sollten im Allgemeinen Personen beschrieben werden, deren Symptomatik zum einen dem frühkindlichen Autismus entspricht, die aber zum anderen auch als Asperger beschrieben werden können. Nach Professor Dr. Dr. Vogeley können beide Begriffe insbesondere in der rückwirkenden Erwachsenendiagnostik synonym verwendet werden.
Mittlerweile spricht man ganz allgemein von einer »Autismus-Spektrum-Störung«, auch kurz »autistisches Spektrum« genannt. Inwieweit es sich dabei wirklich um eine Störung im Wortsinn handelt, bleibt umstritten. Das hängt sicherlich vom Einzelfall ab. Das autistische Spektrum stellt auf die vielfältige, individuelle Ausprägung der Kernmerkmale ABC ab. So liegt im Unterschied zum frühkindlichen Autismus beim Asperger-Syndrom keine allgemeine Verzögerung der Entwicklung, insbesondere keine Verzögerung der Sprachentwicklung, vor.
Folgende Ausprägungen des ABC-Musters charakterisieren das Autismus-Spektrum. Sie können für unkundige Außenstehende unsichtbar sein. Diese Unsichtbarkeit ist dabei eine für Außenstehende undeutbare beobachtbare Auffälligkeit. Menschen mit diesen Merkmalen, sofern sie intelligent waren, haben vor allem bis 2010 die Diagnose Asperger-Syndrom erhalten.
Für alle Autisten ist die Kommunikation auf der Beziehungsebene sehr schwierig bis unmöglich. Beispielsweise werden daher Ironie und Wortwitze selbst bei allgemein als intelligent einzustufenden Betroffenen insbesondere bei erstmaligem Hören oft nicht verstanden, ebenso werden Redewendungen und Metaphern vielfach nicht ad hoc erkannt, sie müssen wie Satzvokabeln gelernt werden.
Betroffene sind nicht multitaskingfähig. Ihre Aufmerksamkeit kann sich nur auf eine Sache zu einer Zeit richten. Außerdem gehen sie gerne idiosynkratischen Beschäftigungen nach, einer speziellen Form von Stereotypien, den sogenannten Spezialinteressen. Darüber hinausgehende Interessen und darauf aufbauende Begabungen sind meist inselartig auf bestimmte Sachgebiete fokussiert. Das inselartige Wirken der Begabung entsteht dabei durch den Umstand, dass sie großen Schwächen gegenübersteht, die man so nicht erwarten würde.
Betroffene können sich nicht intuitiv emotional in andere hineinversetzen, geschweige denn gar anderen im Umgang mit deren Gefühlen helfen, zum Beispiel trösten. Zwar gilt dies auch umgekehrt, aber die meisten Menschen »wohnen« auf den Kontinenten, die wenigsten auf den Inseln, was begründet, dass die Reaktionen der Menschen auf den Kontinenten für die Menschen auf den Inseln rätselhaft und merkwürdig erscheint und umgekehrt. Gefühle der jeweils anderen Seite können nicht nachvollzogen werden.
Betroffene haben darüber hinaus erhebliche Schwierigkeiten, die Gefühle anderer zu erkennen. Die Mimik anderer ist für sie ein »Buch mit sieben Siegeln«. Eigene Gestik und Mimik wirkt auf andere irgendwarum seltsam, mitunter starr, besonders bei Kindern: »Du guckst wie ein Auto!«, sagte man mir früher oft, außerdem fehlt Gestik entweder vollkommen oder sieht zumindest irgendwarum zeitweise komisch aus. Die Satzmelodik folgt nicht dem üblichen Sprechschema.
Freundschaften oder gar Partnerschaften zu knüpfen und zu erhalten, fällt Autisten sehr schwer. Small Talk ist für Betroffene unmöglich.
Rituale und für Außenstehende zwanghaft erscheinende Handlungen, die aber von echten Zwängen zu unterscheiden sind, kennzeichnen ihr Leben.
Stereotype Bewegungen sind ein weiteres Charakteristikum autistischer Menschen. Sie sind Ausdruck erlebter Emotionen, sie fungieren als Blitzableiter bei Stress oder dienen dem Ausleben und Verarbeiten intensiv erlebter Gefühle.
Betroffene sind oft motorisch erheblich ungeschickter als die meisten übrigen Menschen. Sie wirken mitunter hölzern in ihren Bewegungen. Eine mögliche Ausprägung ist ein seltsam anmutender Zehenspitzengang.
Menschen mit Asperger-Syndrom fällt es vergleichsweise leicht, selbstständig zu arbeiten. Teamwork hingegen ist äußerst schwierig und nur möglich bei klaren Aufgaben und Abgrenzungen.
Last but not least zeichnet viele Autisten eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Berührungen und anderen Reizen aus.
Autisten verfügen nicht ad hoc über den (emotionalen) Autopiloten, den die meisten Menschen haben, um Dinge des Alltags zu erledigen. Sie müssen sich über ihre zu tätigenden Handlungen lange Zeit aktiv und bewusst Gedanken machen. Irgendwann, je nach Intelligenz und innerer Resonanz, kann das bewusste Handeln auch bei Autisten in das Unterbewusstsein eindringen, sodass für bestimmte Tätigkeiten auch ein Autopilot möglich wird.
Über die drei genannten ABC-Merkmale hinaus, die wie beschrieben seit frühester Kindheit unabhängig von Umwelteinflüssen und Erziehung und persistent vorliegen müssen, sind unter Autisten noch eine Reihe weiterer Merkmale verbreitet, die allerdings für sich allein genommen keine Merkmale von Autismus im Sinne der Definition der Selbstbezogenheit darstellen. Sie eignen sich bestenfalls als Hinweis auf das mögliche Vorliegen von Autismus, können aber auch ganz andere Ursachen haben oder für sich alleine stehen.
Autistische Begleitsymptome wie Reizüberflutung, Prosopagnosie und andere
Typisch für Autisten, aber keinen eindeutigen Rückschluss auf Autismus zulassend, sind über das ABC-Muster hinaus unter anderem die folgenden, weit verbreiteten Begleitsymptome:
D. Reizempfindlichkeit – sensorische Besonderheiten
E. Prosopagnosie – Gesichtsblindheit
F. Alexithymie – Blindheit für eigene Gefühle
G. Nerdig und geekig sein
H. Wörtliches Verstehen
Diese Symptome können sowohl unabhängig vom eigentlichen Autismus, aber auch als Teil des Autismus auftreten. Symptome, die auch durch den Autismus im Verlauf des Lebens als erworbene Eigenschaften auftreten, werden im nächsten Kapitel angesprochen. Es folgt eine Betrachtung der wichtigsten autistischen Begleitsymptome im Einzelnen.
D. Reizempfindlichkeit – sensorische Besonderheiten
Reizempfindlichkeit bedeutet, Probleme bei der Verarbeitung eingehender Reize zu haben. Diese kann sowohl eine Reizfilterschwäche als auch eine stressverursachende andere Form der Reizverarbeitung sein. Betroffene können Lärm, grelles Licht oder eine Vielzahl auf sie einwirkender Reize nicht ausblenden, weil die Filterfunktion fehlt oder nicht so funktioniert wie bei den meisten anderen Menschen.
Zudem haben die meisten Autisten weitere sensorische Besonderheiten. Sie sehen, hören, riechen und fühlen mitunter intensiver als andere Menschen. Sie verarbeiten die auftretenden Reize nicht nebeneinander, sondern nacheinander. Wenn zu viele Eindrücke eintreffen, kommt es zu einem Verarbeitungsstau. Wenn klare Kriterien für einen Filter fehlen, kommt es zur Reizüberflutung.
Der Betroffene ist dann in der Regel sehr schnell geistig erschöpft. Seine »Central Processing Unit«, kurz »CPU«, ist überlastet, weil das Verarbeiten der ungefilterten Reize viel Kraft im Hirn kostet, die ihm woanders hinterher fehlt.
Es gibt intelligente Autisten, die als Kompensation eine Form von Tunnelblick entwickeln. Dies wäre dann ein sehr stark wirkender Filter, der es ihnen ermöglicht, wenigstens das Relevante für eine aktuelle Handlung zu erkennen. Dies geschieht dann aber auf Kosten des bewussten Erkennens und Begreifens anderer Dinge, die vorab nicht im Fokus stehen und die dann übersehen werden. Informationen, die sozusagen unangemeldet auf Autisten treffen, also nicht Teil des aktuellen Filters sind, werden nicht mehr berücksichtigt.
Autisten sind demzufolge nicht per se »ohne Filter«, sondern ihr Filter ist sozusagen nicht ausgewogen, mit der Folge erschöpfender Reizüberflutungen oder zu stark einseitigen Tunnelblicks. Deshalb sind Autisten auch grundsätzlich nicht multitaskingfähig. Ihr Verhalten kommt rigide und stereotyp rüber, weil anstehende Aufgaben sequenziell abgearbeitet werden müssen und nicht parallel abgearbeitet werden können. Manchmal muss ein Gedanke erst zu Ende gedacht werden, bevor man als Autist ansprechbar ist. Man ignoriert dann Ansprachen bewusst oder unbewusst, um den laufenden Prozess im Hirn nicht zu torpedieren.
Im schlimmsten Fall treten durch die Unterbrechung Gedankenschleifen auf, die der Verzweiflung geschuldet sind, sich wieder an das zu erinnern, was vor der Unterbrechung von außen gerade aktuell lief. Im günstigsten Fall kommt es zu einer Verzögerung der Bearbeitung, so wie bei einem ICE, dessen Fahrzeit mit Halten sich gegenüber Fahrten ohne Halt verdoppeln kann.
Für einen Autisten treten bei der Verarbeitung einer hohen Anzahl eingehender Reize demzufolge immer extreme Belastungen auf, was ihn dann unter permanenten Stress setzt. Ein Autist versucht stets aus reinem Überlebenstrieb, möglichst gar nicht erst in solche Situationen zu kommen, diese zu strukturieren, um die Kontrolle zu gewinnen, oder sich denen so bald als möglich zu entziehen.
So kann ein beruflich vor allem geistig tätiger Autist zum Beispiel nicht in einem Großraumbüro arbeiten, weil er die ihn dort umgebenden Reize nicht dauerhaft ausblenden kann, um sich auf hochwertige Arbeit zu konzentrieren. Im Flughafen passiert mitunter das Gegenteil. Dort kommt es zum Tunnelblick. Um den Flugsteig zu finden, wird nur die relevante Beschilderung wahrgenommen, die diesem Ziel dient. Die dringend benötigte Toilette wird nicht sofort gefunden, weil das vergleichsweise meist klein gehaltene WC-Schild im nicht ad hoc verarbeitbaren Sammelsurium anderer Schilder, die als relevant eingestufte Wege weisen, untergeht. Beim Autofahren bin ich zum Beispiel in der Lage, alles, was für das sichere Fahren und die Orientierung relevant ist, zu erkennen, um unfallfrei und zielgerichtet durch den Verkehr zu kommen. Ich kann aber nicht mehr verarbeiten, was auf der für die Verkehrsregelung nicht relevanten Litfaßsäule steht oder wer mich vielleicht gerade auf dem Fußweg grüßt, der dann vergeblich auf mein beantwortendes Nicken durch die Windschutzscheibe wartet.
So typisch Reizüberflutungen für Autisten auch sind, sie können nicht herangezogen werden, um Autisten zu identifizieren. Reizempfindlichkeit ist auch bekannt unter dem Namen Hypersensibilität, ohne dass Außenstehende eine Selbstbezogenheit (Autismus) beobachten können. Außerdem treten Reizüberflutungen üblicherweise auch bei ADHS, ADS oder akuten und chronischen Depressionen auf.
Last but not least, und das sei hier ausdrücklich angemerkt, leiden alle Menschen mehr oder weniger an Reizüberflutung durch die zunehmende Informationsflut. Immer mehr in immer kürzeren Zeitabschnitten will aufgenommen, sortiert und verarbeitet werden. Dieses Problem betrifft alle Menschen gleichermaßen. Die einen kommen damit gut klar, die anderen weniger.
Eine Reizüberflutung, die im Zusammenhang mit einer immer informativeren und schnelllebigeren Welt steht, als eigenständige Diagnose auszusprechen, wäre sinnvoll. Und zwar als eine Art allergische Reaktion auf die immer größer werdende »Informationsverschmutzung«.
An dieser Stelle sei noch auf die Intense World Theory hingewiesen, nach der eine Flut von Reizen autistisches Verhalten auslöst. Allerdings gibt es auch Autisten, die die ABC-Kriterien erfüllen und keine Reizfilterschwäche und auch keine sonstigen großen Probleme mit der Reizverarbeitung haben. Begleitsymptome potenzieren die Auswirkungen auf die Alltagstauglichkeit. Dies kann zu einem hohen Leidensdruck führen.
Symptome von Reizüberflutungen, die auf eine Reizfilterschwäche oder andere Probleme in der Reizverarbeitung zurückgehen, können jedoch nur dann als Teil einer autistischen Symptomatik angesehen werden, wenn diese zusätzlich zu den bereits gelisteten Kriterien A, B und C auftreten. Autistische Menschen zeigen die als A, B und C gelisteten Verhaltensmuster dabei auch dann, wenn sie akut nicht unter einer Reizüberflutung, die durch eine Reizfilterschwäche oder eine andere Form der abweichenden Reizverarbeitung ausgelöst wird, leiden. Die autismustypischen Auffälligkeiten im Kommunikations- und Sozialverhalten zeigen sich also auch dann, wenn gerade keine akute Reizüberflutung vorliegt. Sie treten unabhängig davon auf, ob grelles Licht vorhanden ist oder ein abgedunkelter Raum, ob viele oder nur wenige Menschen zugegen sind, ob viele oder wenige Informationen zu verarbeiten sind. Je mehr Reize da sind, desto stärker sind die Symptome allerdings ausgeprägt.
Es könnte ein Hinweis auf Autismus sein, wenn die Reizüberflutung Blockaden auslöst. Dies gilt aber nur dann, wenn als Komorbidität keine akute Depression im Spiel ist, weil Depressionen ebenfalls zu Rückzügen und Blockaden führen können. Es könnte dagegen ein Hinweis auf ADHS sein, wenn durch die Reizüberflutung ein aufgedrehtes, chaotisches Handeln ausgelöst wird. Doch derartige Zusammenhänge sind nicht abschließend geklärt, sondern basieren auf empirischen Beobachtungen. Unabhängig von der Frage, ob eine Reizfilterschwäche oder ein Leiden unter einer Reizüberflutung durch eine andere Form der Reizverarbeitung autistisches Verhalten darstellt oder nicht, kann es sein, dass allein das Symptom der Reizfilterschwäche zu schwerwiegenden Einschränkungen führen kann, auch dann, wenn kein Autismus im eigentlichen Sinne der Symptome A, B und C vorliegt.
E. Prosopagnosie – Gesichtsblindheit
Prosopagnosie bezeichnet die Unfähigkeit, Menschen am Gesicht wiederzuerkennen. Diese Eigenschaft verstärkt die Wirkung als Autist auf andere, kommt aber kurioserweise in der Wissenschaft nicht als ein mögliches Diagnosekriterium vor. Dabei ist sie unter Autisten weit verbreitet. Betroffene sind zum Beispiel nicht in der Lage, Menschen zuverlässig wiederzuerkennen, die sie bereits kennengelernt, aber noch nicht oft genug wiedergesehen haben.
Prosopagnosie ist nicht zu verwechseln mit der Unfähigkeit, Mimik in den Gesichtern zu deuten, welches als kommunikativ relevantes Diagnosekriterium für Autismus gilt.
Prosopagnosie hat zum Beispiel zur Folge, dass ich Menschen, die ich eigentlich kenne und gerne grüßen würde, nicht grüße, weil ich die Menschen schlicht nicht erkenne. Dann heißt es: »Der kann auch nicht grüßen!« oder »Der könnte auch mal grüßen!« Auch wenn diese Feststellungen nacktfaktisch wahr sind, es wird auf diese Weise angeprangert, dass man mal wieder eine soziale Erwartungshaltung nicht erfüllt hat und man so auf der Beliebtheitsskala gesunken ist.
Wenn mir zum Beispiel ein Kollege, der ansonsten im Büro in Jeans oder Anzughose unterwegs ist, im Fitnessstudio in seinen Sportklamotten begegnet, ist er für mich zunächst eine unbekannte Person. Besonders dann, wenn ich ihn noch nicht öfter gesehen und erfolgreich erkannt habe. Er wird dann nicht gegrüßt, obwohl er dies erwarten könnte. Und ich gelte aus seiner Sicht als selbstbezogen und damit per definitionem als autistisch und obendrein auch noch als unfreundlich.
Weiterhin ist es vorgekommen, dass ich meine eigene Frau nicht erkannt habe, als sie mich als freudige Überraschung nach einer Dienstreise vom Flughafen abholen wollte. Ich lief an ihr vorbei, zielstrebig den Schildern folgend, um das öffentliche Verkehrsmittel zu finden. Und als sie mich dann abfing, dauerte es eine Weile, mich auf die neue, im Grunde doch sehr freudige Situation einzustellen, denn ich reagierte ruppig mit der Frage: »Was machst DU denn hier?« Denn das war nicht geplant!
F. Alexithymie – Blindheit für eigene Gefühle
Autisten haben sowohl Schwierigkeiten, die Gefühle anderer Menschen aus der Beziehungsebene einer Kommunikation abzuleiten, als auch die Gefühle anderer Menschen so wie diese nachzufühlen. Völlig unabhängig gibt es darüber hinaus noch die Unfähigkeit, eigene Gefühle adäquat wahrzunehmen und gegenüber anderen Menschen zu beschreiben. Alexithymie ist unter Autisten nicht selten. Wie oft dies vorkommt, ist jedoch unbekannt.
Fragt man Menschen mit Alexithymie zum Beispiel »Was fühlen Sie in dieser Situation gerade?«, dann kann es sein, dass sie nach Antworten ringen. Ich litt beispielsweise nach wenigen Semestern an der Uni unter einer chronischen Tachykardie, die konsultierten Ärzte untersuchten Herz und Kreislauf. Sie konnten keinerlei Krankheiten finden. »Es muss psychischen Ursprungs sein!«, lautete die Diagnose. Niemand dachte seinerzeit an die Überforderung durch die sozialen und organisatorischen Abläufe im Unibetrieb, unter denen ich latent litt, was rückblickend eine Folge der autistischen Symptomatik ist. Nicht selten sind körperliche Beschwerden die Folge nicht spezifizierbarer seelischer Probleme. In dieser Situation waren mir selbst aber meine eigenen damit zusammenhängenden Gefühle und ihre Auswirkung völlig unbewusst und nicht zugänglich.
G. Nerdig und geekig sein
Nicht jeder Nerd oder Geek ist ein Autist. Und nicht jeder Autist ist ein Nerd oder Geek. Freakiges Benehmen, Abgehobenheit, sich in Hobbys vertiefen, das alles weist auf eine einseitige Interessensausprägung und gegebenenfalls auch auf eine Hochbegabung hin. Nerdsein und Autismus können zusammenkommen, sind aber zwei verschiedene Dinge. Aber wenn diese Dinge gemeinsames Merkmal einer Person sind, wirkt sie sehr bizarr. »Wer so schlau ist wie du, Peter, dem glaube ich nicht, dass er … nicht können soll!« Wenn solche Sätze immer wieder im Umfeld eines Betroffenen zu hören sind, weist das auf ein unebenes Stärke-Schwächen-Profil hin, was typisch ist für hochbegabte Autisten.
H. Wörtliches Verstehen
Autisten nehmen die Dinge wörtlich, so heißt es. Ja, das tun sie vor allem dann, wenn sie eine Aneinanderreihung von Wörtern zum ersten Male hören und ihnen niemand erklärt, dass aus einer Aneinanderreihung von Wörtern eine neue Gesamtbedeutung resultieren kann. Je jünger der Betroffene ist, desto mehr Missverständnisse dieser Art können auftreten. Mit mehr oder weniger fatalen Folgen – für den Betroffenen und sein Umfeld gleichermaßen. »Da musst du dich mehr durchbeißen!« ist eine »Satzvokabel« und heißt übersetzt: »Sei stark, setz dich da nächstes Mal besser durch!« Das muss ein Autist, der sich bereits immer wieder durch Beißen verteidigt hat, erst mal verstehen!
Dieses Verhalten ist aber auch gegeben, wenn jemand einen niedrigen IQ hat oder aus anderen Gründen wenig bis gar nicht an der Kommunikation mit seinen Mitmenschen teilnimmt, dann fehlt ihm schlicht das Wissen. Wörtliches Verstehen kommt somit auch bei einem Menschen mit niedrigem IQ vor und ist dann kein Hinweis auf Autismus.
Missverständnisse durch wörtliches Verstehen passieren, wenn mindestens einer der Beteiligten wenig kommunikative Erfahrungen mit der Gegenseite hat. Wer wenig oder unzureichend kommuniziert, wird bildhafte Bedeutungen nicht erkennen können. Ein niedriger IQ kann sekundär autistisch wirkendes Verhalten genauso verursachen wie Mängel und Abweichungen in der Kommunikation eines Hochintelligenten oder anders kulturell Geprägten.
Wörtliches Verstehen ist somit ein sehr starker Hinweis auf Autismus bei einem Menschen mit hohem IQ. Weil es sehr merkwürdig erscheint, dass ein offenkundig intelligenter und schlauer Mensch nicht begreifen können will, dass er nicht seine Mitschüler beißen soll, wenn der Lehrer dem Einser-Schüler sagt: »Du muss dich da mehr durchbeißen!«
Wenn sich also eine Hochbegabung und das wörtliche Verstehen treffen, die sich ja eigentlich gegenseitig ausschließen sollten und im Übrigen Tests auf Hochbegabung bei autistischen Menschen weniger aussagekräftig machen im Hinblick auf sprachlich orientierte Testelemente, dann könnte und sollte man auch mal an Autismus denken.
Autismus-Folgen – Depressionen, soziale
und andere Phobien
Während die Begleitsymptome D bis H angeborene Eigenschaften sind, können weitere für Autisten typische Probleme im Laufe des Lebens erworben werden. Dazu gehören insbesondere Depressionen, soziale und andere Phobien sowie zum Teil auch die posttraumatische Belastungsstörung.
Ein Mensch, der wiederholt abgelehnt wird, weil er aus seiner Sicht nur »anders« ist, aus der Sicht Außenstehender dagegen »krank« oder »behindert«, wird nicht selten früher oder später depressiv. Eine solche Depression ist dann sekundär und von der primären Depression, die unabhängig vom Autismus ebenfalls vorliegen kann, zu unterscheiden. Es ist irgendwie so wie Diabetes Typ 1 und Typ 2, das eine wird im Laufe des Lebens durch Fehlernährung oder Fehlbehandlung erworben, das andere ist genetisch veranlagt.
Eine besondere Problematik intelligenter Autisten ist, dass sie aufgrund ihrer erheblichen Defizite in der Kommunikation auf der Beziehungsebene von wichtigen Entscheidungsprozessen ausgenommen sind, obwohl sie nicht selten einen Sachverstand mitbringen, der die Gesellschaft direkt um große Schritte weiterbringen könnte. Vielleicht gerade weil der emotionale Bezug zu Entscheidungen fehlt.
So wird die Entscheidungen fällende Politik maßgeblich von Menschen dominiert, die mit anderen Menschen umgehen und reden können. Auch und besonders in einer Demokratie wird gewählt, wer sympathisch rüberkommt, wer beliebt ist. Wer nur eine emotionsbefreite sachliche Weitsicht hat, wird selten bei der Besetzung von Schlüsselpositionen berücksichtigt. Auch das führt bei vielen hochintelligenten Autisten zu Frust und mitunter zu schweren Depressionen, weil sie ihr fachliches Potenzial nicht ausleben können und dürfen.
Viele Autisten entwickeln auch eine soziale Phobie, weil sie wiederholt abgelehnt werden. Sie weichen dem Stress, den ihnen andere Menschen machen, einfach aus, indem sie als »Selbstschutz« sich dem sozialen Miteinander gar nicht erst mehr aussetzen. Sie vermeiden das Sein unter anderen Menschen oder gar ganzer Menschenmassen. Mitunter wird eine regelrechte Angst vor Menschen geprägt. Die soziale Phobie ist ein eigenständiges Merkmal und kommt völlig ohne Autismus aus. Allerdings entwickeln viele Autisten im Laufe ihres Lebens früher oder später durch die immer wieder gespürte Ablehnung und Nichtanerkennung emotionaler Schmerzen, ausgedrückt durch Killerphrasen wie »Da könnte ja jeder kommen!« oder Kommentare wie »Stell dich nicht so an!« oder »Reiß dich mal zusammen!«, eine soziale Phobie. Daher ist dieses Merkmal unter Autisten weit verbreitet. Dieses bilden Autisten nicht selten aus, weil sie wiederholt erfahren müssen, nicht nur nicht akzeptiert zu werden, sondern gerne geärgert und bekämpft zu werden. Die Folge: Sie umgehen Menschen oder weichen ihnen immer öfter aus. Ein Teufelskreis, denn das verhindert die Entwicklung von Kenntnissen in der Kommunikation.
Viele soziale Situationen bereiten Autisten unheimlichen Stress, der sich in körperlichen Symptomen manifestieren kann. Wenn es um solche Situationen keine Umgehung gibt, wie zum Beispiel die Schule wegen der Schulbesuchspflicht, dann bilden Autisten Stereotypien aus, die dem Stressabbau dienen. Eine davon ist Bruxismus. Sie beißen wortwörtlich die Zähne zusammen, um bestimmte Situationen, die für andere problemlos sind, zu bewältigen. Auch wiederkehrende Verspannungen von Hals und Wirbelsäule sind keine Seltenheit. Ich kenne beides, und ich habe von beidem in Selbsthilfegruppen erfahren. Es macht hier keinen Sinn, dem Autisten dieses Verhalten »auszutreiben«, es muss vielmehr darauf geachtet werden, dass Situationen, die vermeidbar sind, auch vermieden werden sollten. Denn dann bleiben immer noch genügend Situationen, die leider nicht abzustellen sind, da muss man dann als Autist durch: Man muss auch mal aushalten können, wenn man was erreichen will!
Da das Verhalten autistischer Menschen sich mitunter nicht mit kulturell etablierten Regeln innerhalb der Familie, der Schule oder was auch immer ohne weiteres Zutun vereinbaren lässt, kommt es vor allem in der frühkindlichen Phase der Erziehung mitunter zu Erfahrungen, die ein autistischer Mensch macht, unter denen er dann lebenslänglich zusätzlich zu seinem Autismus leiden muss. Dazu gehört das Ausbilden von Phobien aller Art, je nachdem was im Leben Angst gemacht hat und nicht weiter behandelt worden ist.
Angst und Panik sind bekanntermaßen schlechte Ratgeber, wie man sich in welchen Situationen verhalten sollte. Fritz Riemann stellt in seinem Evergreen-Bestseller Grundformen der Angst vier verschiedene Grundtypen von Menschen vor. Je nachdem, ob man eher eine schizoide, depressive, zwanghafte oder hysterische Persönlichkeit ist, unterscheiden sich die individuellen Merkmale und Ausprägungen von Angst. Es kann sich dabei zeigen, dass autismusähnliches Verhalten als Folge einer Angststörung vorliegt. Umgekehrt kann angeborenes autistisches Verhalten in schweren Fällen auch zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Dies droht dann, wenn wiederholt insbesondere autoritäre Erziehungsmethoden angewendet worden sind, die versuchten, das Kind zu »verbiegen«. Bei einem autistischen Kind kann das fatal enden, es bewirkt oft das genaue Gegenteil von dem, was bezweckt worden ist.
Das autistische Spektrum ergibt sich zum einen aus der unterschiedlichen Ausprägung des allgemeinen alle Autisten verbindenden Musters in Verhalten und Wahrnehmungen, bestehend aus den Merkmalen A, B und C sowie aus den Begleitsymptomen D, E , F , G, H und andere mehr. Autist ist, wer mindestens A, B und C hat, wobei A für die Probleme in der Kommunikation auf der Beziehungsebene steht, B für die abweichende Gefühlswahrnehmung und C für die repetitiven Verhaltensmuster.
Es gibt mittlerweile aber auch Ansätze, zu sagen, wer A, C, D und E hat, liegt im autistischen Spektrum. Ob das Sinn macht, ist vor dem Hintergrund, dass Autismus in erster Linie eine Kontaktstörung auf der Beziehungsebene ist, zu hinterfragen. Zielführend im Sinne des Verstehens von Autismus ist es sicherlich nicht. Weil man damit die Kernsymptomatik des Inseldaseins, die »Trias«, als definierendes Element aufhebt.
Von den gelisteten Merkmalen sind bei mir A, B und C als Kernkriterien und D bis H als sekundäre Merkmale mehr oder weniger stark ausgeprägt. Depressionen und eine soziale oder andere Phobie habe ich dagegen nicht entwickelt.
Es fällt mir leicht, auf Menschen zuzugehen, sie nach irgendwas zu fragen, was ich wissen will. Allerdings ist meine Kontaktaufnahme frei von Small Talk, frei von Floskeln und kommt daher aus Sicht anderer hölzern und klotzig daher, sobald ein Gespräch nicht mehr um ein Thema oder eine Sache geht. Das lässt sich leider nur in gewissen Grenzen ändern.
Noch schwieriger wird es, wenn ich irgendwo etwas durchsetzen möchte, den richtigen Moment abzupassen und die richtigen Worte zu finden, falls ich mit Totschlagargumenten vorzeitig abgefertigt oder abgewimmelt werden soll.
Über die Zeit habe ich mir entsprechende Gegenstrategien erarbeitet, ein »Was-sagst-du-wenn-Plan«. Denn für die Menschen ist es immer einfacher, Gründe zu finden, warum etwas nicht gehen soll, anstatt nach Lösungen zu suchen, damit etwas geht. Und damit man hier vorwärtskommt, darf man keine soziale Phobie entwickeln. Das habe ich früh erkannt. Wer schweigt, wird übersehen. Wer seinen Mund aufmacht, wird zumindest gehört.
Wie ich Kommunikation erlebe – wenn Grau
Rot oder Grün sein kann
Als Geophysiker habe ich im Wissenschaftsbetrieb weder von der Universität noch vom Arbeitgeber Unterstützung bei der Weiterentwicklung meiner Softskills erhalten. Offiziell wurde dies damit begründet, dass der Arbeitsvertrag ja befristet sei. Dies änderte sich erst, als ich als IT-Experte meinen ersten unbefristeten Arbeitsvertrag erhielt. Ich lieferte fachlich mehr ab als das, was man von mir erwartete. Mein Arbeitgeber schätzte meine Fähigkeiten, erkannte aber auch meine Defizite. Er hatte ein nachhaltiges Interesse, mich bei meiner menschlichen Weiterentwicklung zu unterstützen, um mein Potenzial noch besser nutzen zu können. So durchlief ich über etliche Jahre hinweg das volle verfügbare Programm an Seminaren rund um das Thema Führung und Zusammenarbeit unter besonderer Berücksichtigung von Kommunikation und dem Arbeiten im Team, das der Arbeitgeber im Angebot hatte.
Mein allererstes Seminar, das ich im Rahmen der personellen Weiterentwicklung zur Vorbereitung auf eine Karriere erhielt, hieß »Kundenorientiertes Verhalten«. In diesem Seminar behauptete der Seminarleiter, dass Kommunikation zu mindestens 80 Prozent auf einer Beziehungsebene und zu höchstens 20 Prozent, nach Meinung einiger Forscher sogar nur zu 7 Prozent, auf der Sachebene stattfinden würde. Als ich das hörte, schnellte mein Finger in die Höhe: »Einspruch! Das kann nicht stimmen. Weil, wenn das stimmt, dann wäre ich kommunikationsblind! Aber wir reden doch gerade miteinander. Außerdem kenne ich kein einziges Gericht, das nach so einer ominösen Beziehungsebene Urteile fällen würde! Da geht es so gut wie möglich immer um Fakten! Ohne Beweise keine Verurteilungen!«
»Herr Dr. Schmidt, das ist wie bei einem Eisberg. Das, was an der Wasseroberfläche sichtbar ist, entspricht der Sachebene, ZDF: Zahlen, Daten, Fakten. Der Großteil des Eisberges, das Wichtigste an der Kommunikation, das ist die Beziehungsebene, die liegt verborgen unter der Wasseroberfläche! Und die macht die Musik! Das können Sie mir glauben!«
So erhielt ich erschreckend erhellende Erkenntnisse zum Thema Kommunikation, ohne zu diesem Zeitpunkt zu ahnen, was in meinem Fall ganz genau dahintersteckt. Ja, es wurde im Jahr 2000 in einem Seminar sogar behauptet, ich sei dann wohl ein Autist. Aber diese Aussage kam nicht wirklich an mich ran, weil Autisten für mich zur damaligen Zeit Menschen waren, die nicht kommunizieren, was ich schlicht mit »reden« gleichsetzte. Heute weiß ich, wenn geschrieben wird, dass Autisten nicht kommunizieren können, dann meinen die Schreiber damit die Kommunikation auf der Beziehungsebene. Autisten können nicht so kommunizieren, wie dies von der Mehrheit der Menschen erwartet wird!
Als ich viele Jahre später die Autismus-Diagnose erhielt, wurde damit rückwirkend bestätigt, dass es diese Beziehungsebene tatsächlich gibt, ich diese aber nicht wahrnehmen kann und dass das damit genau eines meiner Kernprobleme in diesem Leben auf der Erde ist.
Ich fragte mich fortan, wie ich anderen Menschen plakativ erklären kann, worin ich mich kommunikativ von ihnen unterscheide. So begab ich mich auf die Suche nach einer Illustration, wie die für Autisten intuitiv unsichtbare Beziehungsebene auf Autisten wirkt. Schließlich entwickelte ich ein Modell für die Kommunikation, welches aufzeigt, was genau mein Problem ist und warum ich so autistisch, also selbstbezogen, auf andere Menschen wirke. Es verdeutlicht, wie sich die Kommunikation mit einem Autisten darstellt, welche Missverständnisse dabei drohen, die oftmals zu völlig unnötigen Konflikten führen.
Kommunikation sei ein Spektrum bunter Farben. Jeder Farbton entspreche einer Emotion, die nonverbal kommuniziert wird. Dieses farbige Spektrum, welches dann die auf der Beziehungsebene kommunizierten Inhalte wiedergibt, nehme ich in diesem Modell dann nur in »Schwarz-Weiß« wahr. Das bedeutet, dass ich die in einer nonverbalen Kommunikation verborgenen, aber dennoch gesendeten, farbigen Emotionen in verschiedenen Grautönen empfange. Ich erkenne zwar, dass es da verschiedene Emotionen, also verschiedene Gesichtsausdrücke gibt, aber ich kann sie nicht eindeutig so dechiffrieren, wie sie gesendet werden. Im Umkehrschluss sende ich nonverbale Informationen durch meine Mimik und Körpersprache, die nicht notwendigerweise nach dem Schema von anderen dekodiert werden können, welches die meisten anderen Menschen anwenden. Bei der Transformation von Farbe nach Graustufen findet ein Informationsverlust statt, bei der Transformation aus Graustufen in die Farbskala werden Dinge interpretiert, die so nie gesendet worden sind.
In diesem Modell werden viele bunte Farben auf denselben Grauton projiziert. So kann ich zum Beispiel nicht erkennen, ob jemand gelangweilt oder genervt ist, ob Ironie vorliegt oder nicht, ich kann andere Leute nicht trösten, selbst wenn ich es könnte und wollte, weil ich deren Angst oder Trauer gar nicht erkenne. Nur deutlich überzeichnet ausgelebte Emotionen erreichen mich. Trauer, die mit großen Tränenflüssen einhergeht, Wut, die durch großes Gebrüll gezeigt wird, und so weiter.
Ein Rot erscheint in Schwarz-Weiß genauso wie ein Grün. Wenn jetzt zum Beispiel Rot für Wut steht und Grün für Freude, dann kann es demzufolge sein, dass ein Mensch wütend auf mich ist, ich aber denke, dass er sich über mich freut. So verhalte ich mich dann auch, und mein Gegenüber interpretiert dann eine Provokation, die ihn erreicht, obwohl ich eine solche nie ausgesendet habe.
In vertiefenden, der Forschung dienenden Tests auf Autismus (unter anderem der Movie for the Assessment of Social Cognition (MASC), ein Filmtest) hat sich beispielsweise herausgestellt, dass ich die Emotion »Angst« kaum bei anderen Menschen identifizieren kann. Und übrigens können andere Menschen auch nicht erkennen, wann und wovor ich Angst habe, wenn ich mich nicht verbal mitteile.
Menschen setzen voraus, dass ich die farblichen Anteile, die ja mindestens 80 Prozent einer Kommunikation ausmachen sollen, erkenne und sind dann irritiert, wenn ich deren diesbezügliche Erwartungshaltungen nicht erfülle (»Der merkt aber auch gar nicht, was andere fühlen! Sieht nur immer sich selbst!«, »Sag mal, Peter, das musst du doch gesehen haben«, …). Die Folge ist eine aus fremder Sicht interpretierte »krankhafte Selbstbezogenheit«, womit wir wieder beim Autismus wären.
Es ist also ganz wichtig, dass mir andere Menschen ihre Emotionen verbal mitteilen, wenn sie sicherstellen wollen, dass ich ihren emotionalen Zustand verstanden habe. Nur dann ist gewährleistet, dass ich solche Informationen in meinem Verhalten berücksichtigen und auf andere entsprechend eingehen kann.
Finden Sie die Swimming-Pools! – was
Kompensation bedeutet
Liebe Leserin, lieber Leser, damit Sie ganz konkret nachfühlen können, wie sich das anfühlt und was passieren kann, wenn ein Autist für alle anderen sichtbare Informationen nicht sieht, habe ich für Sie nachfolgend ein Farbfoto als Schwarz-Weiß-Foto aufbereitet.

Das Bild zeigt den südtürkischen Badeort Ölüdeniz, wie er sich mir beim Paragliding tief unter meinen Füßen präsentierte. Das Bild illustriert, wie groß der Informationsverlust ist, wenn man die Farben, die die Inhalte nonverbaler Kommunikation repräsentieren, also die Beziehungsebene, nicht sauber dechiffrieren kann. Was das bedeutet, das spüren und verstehen Sie sofort, wenn Sie versuchen, folgende Aufgabe mit der Schwarz-Weiß-Aufnahme zu lösen: Finden Sie die Swimming-Pools! Wo liegen sie? Wie viele gibt es? Welche Form haben die? Welche Größe?
Und nun stellen Sie sich vor, liebe Leser(innen), während Sie sich die Schwarz-Weiß-Aufnahme anschauen, beobachten Sie mehrere Menschen, die sich auch dieses Motiv, allerdings in Farbe, anschauen und sich über die Zahl und das Aussehen der vielen Swimming-Pools unterhalten, die die einzelnen Hotels so haben. Und Sie fragen sich, hey, wo bitte schön sehen die da alle irgendwelche Pools? Wie machen die das bloß? In der Schwarz-Weiß-Aufnahme lassen sich immerhin Straßen, Häuser und Strand, also Strukturen, zügig ausmachen. Aber Pools? Fehlanzeige! Jedenfalls auf den ersten Blick!
Auf dem Schwarz-Weiß-Foto dominieren die Details der Strukturen des Straßenlayouts der Stadt, man erkennt auch die Lage von Gebäuden. Auf dem Farbfoto konkurrieren die Details mit dem Ganzen. Und die farblich auffälligen Merkmale, dazu gehören auch die blauen Pools, sind deutlich zu Lasten anderer Merkmale zu erkennen. Die Farben seien ein Ausdruck für die Informationen über das Gefühlsleben der gezeigten Gegend. Die Strukturen seien die nackten Fakten. Um die eigentlich blauen, aber in dieser Weltsicht eingegrauten Pools zu finden, braucht es viel Geduld und Erfahrung. Und selbst wenn man die hat, bleibt eine Fehlerquote beim Erkennen.
Das Finden der blauen Pools, ohne die Farbe Blau zu sehen, das ist eine Fähigkeit, die eine Kompensationsleistung erforderlich macht. Kompensation heißt, man muss auf alternativem Weg vorgehen, um das wahrnehmen zu können, was andere direkt sehen können. Wie Blinde, die mit den Ohren »sehen«. Kompensation bedeutet, durch verstärkte Nutzung und Ausprägung einer alternativen, verfügbaren Fähigkeit etwas anderes Defizitäres im Ergebnis so gut wie möglich auszugleichen.
Dies ist unbedingt zu unterscheiden von den Rollenspielen, denen die Menschen im Alltag ausgesetzt sind. Alle Menschen, so möchte ich behaupten, zeigen im Berufsleben unter Kollegen oder im privaten Leben, im Verein oder in der Familie, mitunter ein anderes Verhalten als das, was sie eigentlich auszeichnet oder was sie tun würden, wenn sie ganz allein wären. Sie passen sich an oder maskieren ihre wahre Identität, indem sie in eine Rolle schlüpfen. In Reinkultur trifft dies auf Schauspieler zu. Eine Rolle im Alltagsleben spielen, meint, eine Maske aufzusetzen und damit etwas vorzugeben, was man im Innersten eigentlich gar nicht ist, um Teil des Systems oder einer Gruppe sein zu können. Diese viele Menschen bereits erschöpfenden Rollenspiele sind jedoch streng zu unterscheiden von einer echten, zu leistenden Kompensation.
Kompensation ist im Gegensatz zu einem Rollenspiel oder einer Anpassung eine Ersatzhandlung für etwas, was man nicht leisten kann. Ich gehe davon aus, dass es Ihnen schwerfiel, auf dem Schwarz-Weiß-Bild Pools zu finden, geschweige denn alle und dann diese auch noch zu beschreiben. So bekommen Sie eine Ahnung von der geistigen Leistung eines Autisten bei der Emotionserkennung, wenn er vorgibt, dies zu können. Denn dann kompensiert er, was ihm aber eine deutlich erhöhte Prozessorleistung im Gehirn abverlangt, die dann an anderer Stelle nicht mehr verfügbar ist. Während man die Pools enträtselt, steht man für andere Aufgaben geistig nicht mehr zur Verfügung. Man ist mehr als ausgelastet.
Mit viel Therapie und Training kann also ein Autist rational durch Anwendung von Kompensation unter Einsatz von Intelligenz lernen, was andere emotional intuitiv erfassen. Aber der Autist wird nie selber das farbige Bild der Kommunikation sehen, also die Beziehungsebene wahrnehmen, sondern immer nur die Schwarz-Weiß-Aufnahme und sich daraus mühsam manuell das errechnen oder steuern müssen, was andere sofort sehen oder per Autopilot erledigen. Es ist und bleibt trotz aller Therapien oder Trainings eine zeitraubende Technik, die es kaum erlaubt, als Autist zwischenmenschlich stets zeitnah erwartungsgemäß und angemessen zu reagieren.
Ich betone noch einmal ausdrücklich, dies ist ein Modell für das Handicap in der Kommunikation, das als Muster allen Autisten gemein ist, welches sich in der einen oder anderen Ausprägung im Spektrum zeigt und manifestiert, je nach Intelligenz und sonstigen Persönlichkeitsmerkmalen individuell verschiedenartig.
Das Modell bedeutet nicht, dass ich als Autist keine Farben sehen kann! Ganz im Gegenteil! Ich sehe alle Farben, die es gibt, nur nicht in der Kommunikation! Da bin ich vollkommen farbenblind! Und das hat Folgen in einem als autistisch eingestuften Verhalten! Die Wirkung auf andere ist eine Ignoranz der Gefühle anderer und damit eine Ich-Bezogenheit, die ungewollt ist. Es handelt sich hierbei insofern um eine Form der Egozentrik, als dass ein Autist aus der Sicht anderer »um sich selbst kreist«. Dieses Verhalten ist eine direkte Folge der Symptomatik. Fälschlicherweise sehen andere auch eine Form von Egoismus. Dieser setzt jedoch voraus, dass der Betroffene sich in die Gefühlswelten anderer sehr gut hineinversetzen kann, um diesen bewusst zu schaden. Das charakterisiert egoistisches Verhalten. Egoismus bedeutet, bewusst auf Kosten anderer zu leben, indem deren Absichten ausgenutzt werden, um diese zu übervorteilen. Dies hat jedoch mit dem »Selbstismus«, wofür das Wort Autismus steht, nichts zu tun.
Die plattgebügelte Katze – Autisten haben alle Gefühle, die es gibt
Ich hätte keine Empathie, sagte man mir wiederholt – in der Schule, an der Uni, bei der Arbeit. »Autisten haben keine Empathie!«, heißt es auch aus der Sicht der meisten Menschen. Sie meinen damit das intuitive Einfühlungsvermögen aus einer sozialen Situation heraus. Genau diese Menschen haben aber auch keine Empathie für Autisten! So wie der Autist eine soziale Situation nicht so versteht wie sein Umfeld, ahnt das Umfeld nicht, was in dem Autisten aufgrund seiner Wahrnehmung vorgeht. »Autisten haben doch gar keine Gefühle!«, so lautet ein weit verbreitetes Vorurteil. Woher dieses Vorurteil letztendlich im Alltag kommt und dass Autisten sehr wohl alle Gefühle haben, die es gibt, das bringt die folgende Geschichte aus dem Leben auf den Punkt. Eine Anmerkung vorweg: Es geht dabei um das beschriebene Muster im Verhalten, um das Wie, um die soziale Interaktion. Es geht jedoch nicht darum, ob Autisten etwas für Katzen empfinden oder nicht. Das ist natürlich individuell verschieden! Es geht nicht um das Was!
Ein Mädchen und ein Junge, beide neun Jahre jung, gehen zusammen zur Schule. Die beiden warten dann an einer Straße, die sie auf dem Weg zur Schule queren müssen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich hinter dem dortigen Bürgersteig eine Hecke. Aus dieser kommt diesmal eine Katze geschlichen. Und die läuft plötzlich, ohne zu zögern, auf die Straße.
Ein kurzes, knappes Geräusch ertönt: Bubumm. Die Katze ist briefmarkenplatt an den Asphalt gebügelt. Von den Reifen des Autos, das genau in diesem Moment vorbeikommt, das die beiden Kinder abgewartet haben. Und das kleine Mädchen plärrt sofort laut weinend und gesichtsregnend los: »Die arme Katze! Neeeeeiiiiiinnnn. Jetzt ist sie toooooot!«
Das kommentiert der kleine Junge trostlos trocken: »Was haste denn, das war doch nur eine Katze. Die hat selber schuld. Die hat nicht links gekuckt, nicht rechts gekuckt, sonst wäre das nicht passiert! Geschieht ihr also recht! Wer so doof ist, wird eben aus dem Verkehr gezogen! Die Strafe Gottes kam prompt und hart!«
Diese Antwort quittiert das kleine Mädchen vorwurfsvoll an den kleinen Jungen gerichtet mit den kurzen, knappen Worten: »Sag mal, spinnst du? Du hast ja wohl überhaupt keine Gefühle!«
Bingo! Ganz genau da kommt es her, das Vorurteil, dass Autisten ja keine Gefühle hätten! Eine Situation aus dem Alltag, die vom Muster her typisch ist, denn der Junge ist ein Autist. Soziale Erwartungshaltungen des Mädchens bleiben unerfüllt! Dafür müsste der Junge entweder so fühlen wie sie oder sich zumindest in sie spontan hineinversetzen können. Das kann er nicht, geschweige denn sie gar noch von Herzen kommend trösten. Trösten könnte er sie vielleicht, wenn, dann nur rational, wenn er erkannt hat, dass sie traurig ist und er weiß, dass erwartet wird, dass man Menschen tröstet, die traurig sind. Auch tut es ihm natürlich in gewisser Weise leid, dass die Katze tot ist, aber das Geplärr des Mädchens ist für ihn noch viel unangenehmer und soll baldmöglichst abgestellt werden.
Die aus der Sicht des Mädchens zunächst naheliegende Feststellung, dass der Junge ja gar keine Gefühle habe, ist jedoch eine fehlerhafte Schlussfolgerung. Sein Verhalten hat nichts damit zu tun, ob er Gefühle hat oder nicht. Doch die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende!
Zwei Wochen später. Das kleine Mädchen ist beim kleinen Jungen zu Hause zu Gast. Stolz zeigt er ihr sein Lieblingsbuch, den Atlas. Beim Blättern rutscht dieser vom Tisch. Und beim Versuch, ihn am Fallen zum Boden zu hindern, packt sie ihn noch an einer Seite. Doch der Fall des schweren Atlas lässt sich nicht aufhalten, das Gewicht des Buches reißt diese Seite beim Fallen raus. Das Mädchen steht mit der ausgerissenen Seite in der Hand da, während der Atlas seinen Weg zum Fußboden fortsetzt und dort hartkantig aufschlägt. Und dann plärrt der kleine Junge laut weinerlich los: »Du hast meinen Atlas kaputt gemacht!«
Das quittiert das kleine Mädchen mit der Aufforderung: »Was haste denn, jetzt stell dich nicht so an, das ist doch nur ein Atlas.«
Liebe Leserin, lieber Leser, Sie brauchen nur die »Katze« aus dem ersten Teil der Geschichte durch den »Atlas« aus dem zweiten Teil austauschen, um zu erkennen, dass der Junge nun genau die gleichen Gefühle zeigt, die das Mädchen vorher an der Straße beim Anblick der gebügelten Katze zeigte. Damit hat der Junge genauso wie das Mädchen die Gefühle wie Trauer, Wut und Frust. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er nicht auch alle anderen Gefühle wie Freude und so weiter kennen sollte. Den Jungen übermannt ein Gefühlscocktail aus Trauer, Wut, Frust und Verzweiflung. Er wird von seinen Gefühlen regelrecht beherrscht. Seine Emotionen gehen mit ihm durch. Er erlebt den Verlust seines Buches offenbar sogar intensiver als das Mädchen den Tod der Katze. Zum einen ist er völlig fertig, zum anderen braucht er lange, um die Situation zu verarbeiten.
Was ist die Moral von der Geschichte? Der autistische Junge gilt als gefühllos, weil er selbst keine Trauer fühlte, als die Katze überfahren worden ist und überdies auch das Mädchen nicht getröstet hat. Die Situation wäre auf jeden Fall emotional für ihn eine andere gewesen, wenn es SEINE Katze gewesen wäre oder ihm die Katze aus welchen Gründen auch immer etwas bedeutet hätte. Aber dieser Ich-Bezug zum Geschehen fehlte.
Im weiteren Verlauf der Geschichte zeigt sich deutlich, dass der Junge selbst auch das Gefühl der Trauer kennt. Aber es wird anders getriggert als von vielen erwartet. Von SEINEM kaputten Atlas. Autisten kennen nach meinem empirischen Wissensstand alle Gefühle, die es gibt. Aber sie werden zum einen anders getriggert als bei den meisten Menschen und zum anderen in der emotionalen Kommunikation auch oft nicht zuverlässig erkannt. Außerdem spielt es für einen Autisten in der Regel keine Rolle, dass die Katze ein Lebewesen ist und der Atlas ein Gegenstand.
Wer nur glaubt, der Autist habe keine Empathie für die Gefühle des Mädchens, das Mädchen dagegen Empathie für die Gefühle des Jungen, irrt. Die Feststellung »Stell dich nicht so an!« weist daraufhin, dass sie den Schmerz des Autisten genauso nicht nachvollziehen kann, wie der Autist nicht mitfühlen konnte, was sie beim Anblick der briefmarkenplatten Katze empfand. Das mit der Empathie ist keine Einbahnstraße! Empathie zu haben oder nicht, beruht auf Gegenseitigkeit. Es besteht demzufolge immer Empathie in beide Richtungen oder keine! Wenn jemandem gesagt wird, er habe keine Empathie, bedeutet das immer, dass derjenige, der diesen Vorwurf ausspricht, selbst keine Empathie für sein Gegenüber hat!
Da die meisten Menschen die Form der Empathie so empfinden wie das Mädchen, gilt man als Autist aus Sicht der Mehrheit als empathielos und damit im Sinne der Duden-Definition aus der Sicht der anderen als selbstbezogen.
Im Gegensatz zum Autisten wäre das Mädchen nun aber in der Lage, den Jungen zu trösten, falls gewünscht und erforderlich. Ein Autist kann dagegen nur das nachfühlen, was er selbst bereits emotional in gleicher Konstellation durchlebt hat. Wenn er tröstet, obwohl er die Situation nicht nachfühlen kann, dann hat er rational einen emotionalen Zugang zur Situation erlernt.
Strukturen geben Halt – Ordnungen, Pläne,
Rituale, Stereotypien
Autisten wirken oft rigide. Es muss sozusagen »immer alles nach ihrer Nase gehen«, damit sie sich wohlfühlen. Stereotypien, Ordnungen und Pläne bieten besonders autistischen Menschen Beständigkeit und Routine in einer sich ewig verändernden Welt. Sie wirken insbesondere vor dem Hintergrund, die zwischenmenschliche Kommunikation nicht nutzen zu können, wie ein lebenswichtiger Anker: »Wenn ich auch die Menschen nicht verstehe, so habe ich wenigstens mein Leben unter Kontrolle!«
Das ganze Leben enthält viele Bereiche, in denen ein Mensch Teil eines Systems ist. Die Familie, der Kindergarten, die Schule, der Arbeitsplatz und viele andere Gruppen mehr. Um Teil solcher Einheiten zu sein, ist man als Individuum Regeln unterworfen, die diese Gruppen selbst bestimmt haben und an die sich jeder anpassen soll. Fremdbestimmung ist jedoch der größte Feind autistischer Menschen. Um mit dieser klarzukommen, ist es unbedingt erforderlich, dem Autisten seinen eigenen Bereich zu lassen, in dem er sich stets vom Stress des Alltags unter Menschen auf seine Weise erholen kann. Und dazu gehören nicht nur Rückzugsräume, sondern auch und ganz besonders die Stereotypien, Pläne, Ordnungen und Rituale. Diese müssen mit dem Regelwerk der Gruppen, zu denen der Autist gehören will oder soll, zusammengeführt werden. Idealerweise sind sie Teil der Regeln, gegebenenfalls als Ausnahme.
Wie bei einem Felsen oder an einer Kletterwand sind es Stereotypien und vor allem die Strukturen, die es ermöglichen, sich dort zu verankern. Diese Strukturen geben den nötigen Halt, um sich im Leben zurechtzufinden. Sie dürfen somit nicht ohne weiteres entfernt werden. Daher werden Autisten ungehalten, wenn man sie beim Ausüben von Spezialinteressen stört oder deren Ausüben gar verhindern möchte.
Autistische Ordnungen und Rituale sind zum Teil für Außenstehende oft unsichtbar, und wenn sie doch erkannt werden, dann erscheinen sie aus Sicht vieler Menschen ungewöhnlich, wenn nicht sogar unsinnig. Dies kann zur Folge haben, dass die anderen Menschen, weil sie nicht wissen, wie der Autist wahrnimmt, welche Bedeutung etwas für ihn warum hat, gerne versuchen, ihm die Relevanz einer selbst definierten Struktur auszureden. Mit manchmal katastrophalen Folgen! Die wichtigste Botschaft ist zu diesem Thema: Man sollte niemals versuchen, einem Autisten etwas abzugewöhnen, was ihm Halt geben könnte, wenn dies weder ihn noch andere stört oder gar gefährdet.
Autisten sortieren zum Beispiel gerne Sachen, um Sicherheit und Kontrolle zu erhalten. Oder bestimmte Gegenstände müssen an bestimmten Stellen stehen. Als Kind stellte ich Matchbox-Autos nach bestimmten Kriterien auf. Und ich brachte immer ein violettes Matchbox-Auto mit in die Schule. Auch verbuddelte ich gerne Rohre im Sandkasten nach einem bestimmten System. Wehe, diese Systeme machte jemand anders kaputt! Dann ging zeitweise nichts mehr. Totaler Rückzug in mich selbst oder große Wut waren die Sofortfolgen. Weil ich eine Gedankenschleife hatte, wie ich wieder zu einer Ordnung kommen kann, die mich verankert.
Im Sortieren und anderen Strukturen allein ist jedoch noch kein autistisches Verhalten begründet! Denn das machen andere Menschen auch gerne. Erst bei einer Störung der durch einen Autisten geschaffenen Ordnung durch andere Menschen zeigt sich das autistische Verhalten. Wenn also eine Ordnung gestört wird und ein Mensch in Panik, Wut oder totalen Rückzug verfällt, dann könnte Autismus dahinterstecken!
Pläne dürfen ebenfalls nach Möglichkeit nicht abrupt gestört werden. Denn sie sind eine Ordnung zeitlicher Abläufe. Autisten mögen keine Überraschungen. Alles muss geplant sein. Und wehe, der Plan A geht schief! Wenn dann keine Ersatzpläne B, C, D, E oder F greifen können, meine im Laufe des Lebens entwickelte Gegenstrategie, geschieht das Gleiche wie beim Stören einer Sortierung: Wut, Frust, Chaos, totaler Rückzug, Schweigen können die Folgen sein.
Ein allzu rigides Festhalten an Strukturen kann aber dazu führen, dass der Autist sich selbst im Weg steht und seine eigene Weiterentwicklung so blockiert. Meistens ist ihm dies nicht einmal bewusst. Um sich hier zu öffnen, braucht es Zeit, Geduld und Verständnis. Jede Form von Druck verstärkt die Angst vorm Loslassen.
Stereotypien sind keine Zwänge
Eine bizarre Form autistischer Strukturen sind Stereotypien. Sie geben Halt auf der emotionalen Ebene. Bei jedem Autisten ist dieses Merkmal in der einen oder anderen Ausprägung zu finden. Autisten drücken ihre Gefühle nicht nur wie bei den meisten Menschen üblich durch Augen und Gesichtsmimik aus, sondern zum Beispiel mitunter ganzkörperlich bizarr. Weit verbreitet sind Jaktationen von Kopf und Körper, Zappeln, Manierismen und viele andere Ausprägungen mehr. Sie alle haben, auch wenn es auf den ersten Blick nicht diesen Anschein hat, eine Funktion. Durch diese Stereotypien werden Gefühle und Gedanken verarbeitet. Freude kann sich dabei zum Beispiel in bizarren Tanzfiguren und wilden Zappeleien manifestieren.
Körperliche Stereotypien, sogenanntes »Stimming«, können verschiedene Formen annehmen, je nach Emotion, die sie darstellen.
Bei mir gibt es das »Abzappeln« als ein »Stimming«, als körperliche Stereotypie. Bizarre Bewegungen des ganzen Körpers. »Der flattert wie ein Vogel«, nannten es andere, die es sahen, wenn ich mich freute. Und als die Putzfrau eines Tages unangeklopft mein Büro betrat, kommentierte sie das Gesehene mit der Frage: »Soll ich einen Arzt holen?« Dabei habe ich nur auf meine Weise abgefeiert, dass ich eine schwere dienstliche Aufgabe ganz gut gelöst hatte. Ich zeigte die Emotion der ekstatischen Freude. Nicht nur über das Gesicht, sondern ganzkörperlich hochfrequent. Entspannung pur! Vor allem körperliche Stereotypien zur Entspannung sind unter Autisten weit verbreitet. Manch einem mag dieses Verhalten gar nicht bewusst sein, das fällt dann zum Beispiel anderen Menschen erst auf.
Übrigens, früher machte ich den gleichen Fehler wie die Menschen, die meinen, Autisten hätten keine Gefühle. Weil ich nie jemanden sah, der wie ich selbst Freude ganzkörperlich ausdrückte, dachte ich, dass sich die armen Kreaturen, unter denen ich hier lebe, anscheinend nicht wirklich richtig freuen könnten, dass die Menschen also das Gefühl der ekstatischen Freude nicht kennen.
Stereotypien, die weder den Autisten noch andere stören oder gar gefährden, sind somit Teil des positiven Gefühlslebens. Jede Therapie, die zum Ziel hat, diese abzugewöhnen, gleicht einer Kastration der Persönlichkeit. Das hieße, dem Autisten das Ausleben eigener Gefühle zu beschneiden. Es wäre etwa damit zu vergleichen, einem Menschen bei Schmerz das Schreien oder angesichts einer lustigen Situation oder einem Witz das Lachen und damit seine Freude am Leben zu verbieten.
Macht man es dennoch, kann das Folgen haben, die man gar nicht haben wollte. Denn dann suchen sich die Gefühle andere Wege, die vielleicht noch weniger üblich und damit noch weniger gewollt sind. Denn Wasser, das sich von der Quelle den Weg zum Meer sucht, kann man nicht daran hindern. Baut man einen Damm, läuft irgendwann der Stausee über oder das Wasser findet einen anderen Weg.
In der Literatur und besonders in verschiedenen Medien ist im Zusammenhang von Stereotypien und Ordnungen immer wieder von einem »zwanghaften Verhalten« zu lesen. Autistische Stereotypien haben jedoch mit Zwängen oder Zwangsstörungen nichts zu tun. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge, die allerdings im Ergebnis für Außenstehende ziemlich ähnlich, wenn nicht sogar identisch aussehen können. Der Unterschied liegt im Innen, nicht im Außen. Bei einem Zwang leidet der Betroffene. Beim Ausleben einer Stereotypie erholt er sich zumindest, oft genießt er es sogar! Er sucht dabei die mit der Stereotypie einhergehenden, positiven Wohlgefühle. Das Befolgen eines Zwanges dagegen dient der Vermeidung negativer Gefühle, die man beim Nichtbefolgen des Zwanges ertragen müsste.
Beispiele für Stereotypien sind wiederkehrende Handlungen, die der Schaffung von Freude, Sicherheit oder dem Stressabbau dienen, zum Beispiel körperliche, bizarre Bewegungen, Ordnungen von Gegenständen oder das Abreißen von Fingernägeln zur stillen Stressbewältigung, zum Beispiel im Bahnhof beim Warten auf einen Zug, der immer mehr Verspätung hat, sodass der Zusammenbruch des Reiseplans droht. Zwänge sind dagegen Handlungen, die krankhaft wiederholt werden müssen, zum Beispiel das mehrfache Überprüfen, ob eine Tür wirklich zu oder der Herd wirklich aus ist.
Eine weitere verbreitete Form der Stereotypien sind Spezialinteressen. Hierbei handelt es sich nicht, wie vielfach fälschlicherweise angenommen, um ein oder mehrere intensiv betriebene Hobbys oder Interessen, sondern um idiosynkratische, nonfunktionale, stereotype Beschäftigungen. Das bedeutet, dass die Details der Beschäftigung in keinerlei Sinnzusammenhang mit dem Ganzen stehen, sondern »nutzenfrei« allein dem Erlebnis und der Befriedigung und Verarbeitung von Gefühlen dienen.
Beispiele für autistische Spezialinteressen sind: Jemand hat Spaß daran, immer wieder alle Bahnhofsansagen zu wiederholen, ohne sich für den Bahnverkehr an sich zu interessieren. Oder jemand, der sich für die Statistik der Fußball-Bundesliga begeistert, ohne sich für Fußball zu interessieren. Oder jemand, der alle Fahrpläne auswendig kennt, ohne dass dies einen konkreten Zweck zur Nutzung hat. In all diesen Fällen gilt das Interesse allein der Befriedigung aus sich selbst.
Man findet im Internet eine Vielzahl von Beschreibungen von Beschäftigungen, die als Merkmale von Autismus »verkauft« werden. Aber es gibt sehr viele Menschen, die ihren Interessen intensiv nachgehen oder ihre Hobbys intensiv betreiben, ohne dass sie autistisch sind.
Wenn es tilt macht – Overload, Meltdown
und Shutdown
Blockierend wirkende Verhaltensmuster, die man im Zusammenhang mit der Beschreibung von Autismus-Spektrum-Störungen häufig findet, sind sogenannte Overloads, Meltdowns und Shutdowns. Sie sind eine direkte Folge der spezifischen Wahrnehmung autistischer Menschen, die in einem auf die Schnelle nicht lösbaren Konflikt mit der Verarbeitung des Geschehens in der Umgebung steht. Alle drei Muster können sowohl als Folge ihrer Wahrnehmung als auch im Zusammenhang mit den Herausforderungen auftreten, die sich ergeben, wenn erkennbare Erwartungen anderer im Widerspruch zu eigenen inneren Ansprüchen stehen und daher nicht oder nur mit erheblichem Stress erfüllt werden können.
Auch wenn Autismus keine Entschuldigung für »unangemessenes Verhalten« sein kann, gibt es doch einige Verhaltensweisen, die typisch und unangenehm sind. Es wird diskutiert, ob diese Teil des Autismus sind. Sie sind es per se nicht, aber sie sind oft eine direkte Folge der autistischen Wahrnehmung. Dass das so ist, zeigt die Vielzahl der Literatur, die auf dem Markt ist, die sich im Zusammenhang von Autismus dem »herausfordernden Verhalten« widmet.
Ein Overload ist eine Überflutung mit Informationen, die zum Beispiel als Folge einer Reizfilterschwäche auftreten kann, oder eine Konfrontation mit Anforderungen, die nicht zur Natur des Autisten passen. Hierbei geht es nicht um eine Überforderung in dem Sinn, dass eine übertragene Aufgabe zu anspruchsvoll sein könnte, sondern um eine Fehlforderung. So sind Autisten beispielsweise grundsätzlich nicht multitaskingfähig. Eine derartige, vom Autisten erkannte Erwartungshaltung anderer setzt ihn massiv unter Stress.
Auch ein Gequirl aus den unterschiedlichsten eigenen Gefühlen, die nicht sortiert werden können, löst einen emotionalen Reizstau aus, der als Overload gefühlt wird. Ein Overload stört das interne Gleichgewicht. Viele der typischen, über die Beziehungsproblematik hinausgehenden Alltagsprobleme autistischer Menschen hängen daher damit zusammen.
Ein Overload kann nur dann mit der Zeit enden, wenn man den Autisten, der sich in diesem Zustand befindet, schlicht und ergreifend so lange in Ruhe lässt, bis er wieder aufnahmefähig ist. Es kann sein, dass dafür einige Minuten reichen, es können aber auch Stunden und in besonders schweren Fällen sogar Tage sein, die das braucht!
So charakteristisch Overloads für Autisten sind, es muss ausdrücklich festgestellt werden, dass nicht jeder Mensch, der unter Overloads leidet, ein Autist sein muss. Der Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Overloads und dem Sein als Autist ist nicht bijektiv.
Ein Meltdown, das Dahinschmelzen, auch »Kernschmelze« genannt, ist ein verzweifelter Hilfeschrei infolge eines Seelenschmerzes, weil der Druck so groß ist, dass eine angemessene Kommunikation nicht mehr möglich ist. Es tritt ein Zustand emotionaler Überforderung ein, weil tiefgreifende Bedürfnisse akut bedroht sind. Dann kommt Panik auf. Die Kontrolle über das eigene Verhalten geht verloren.
Auslöser für Meltdowns sind beispielsweise nicht mehr kompensierbare Reizüberflutung, weil alles gleichzeitig einprasselt oder alle Menschen gleichzeitig was wollen, Frust, weil etwas nicht klappt, oder ein simples, aber strenges »Nein«, das willkürlich wirkt und auch noch im Widerspruch zu einer vom Autisten selbst gesteckten, mitunter unsichtbaren Regel steht.
Ein richtungsloser Wutausbruch ist eine Form, wie sich ein Meltdown zeigen kann. Er drückt in der Regel tiefe Hilflosigkeit und Verzweiflung aus, weil niemand eine gegebene Situation als problematisch für den Autisten begreifen will. Im günstigsten Fall schreit der Autist laut rum, gibt unschöne Worte von sich, im ungünstigsten Fall wirft er möglicherweise mit den Gegenständen um sich, die ihn umgeben oder sogar schon immer irgendwie mal genervt haben. Das Ausrasten infolge eines Meltdowns ist von einem zielgerichteten, manipulativen Wutanfall, der schlagartig aufhört, sobald ein konkretes Bedürfnis (z. B. »Ich will jetzt aber ein Eis!«) erfüllt wird, unbedingt zu unterscheiden.
Zum Spektrum der Meltdown-Folgen gehört auch selbstverletzendes Verhalten. Weit verbreitet ist das Schlagen mit dem Kopf gegen eine Wand. Letztendlich soll damit ein Schmerz ausgelöst werden, der alle anderen Schmerzen verzwergt und damit unfühlbar macht. Dies kann auch als eine Form von »Stimming« gedeutet werden, mit dem Ziel, sich selbst körperlich wahrzunehmen.
Der Anlass für einen Meltdown muss nicht eine Sache sein, die gerade eben passiert ist. Ganz im Gegenteil, oft handelt es sich um ein Aufstauen, ein stetiger Stresslevelanstieg, bis das »Stressfass« durch eine klitzekleine weitere Belastung überläuft. So wie ein Vulkan, der immer mehr unter Druck steht, bis er plötzlich und scheinbar unerwartet ausbricht oder kollabiert. So ein Zusammenbruch kommt dann für Außenstehende aus dem Nichts. Eben war die Welt noch vollkommen in Ordnung, plötzlich herrscht Chaos! Doch es waren in der Regel genug Anzeichen da. Diese werden jedoch in Unkenntnis des Umfeldes über die Zusammenhänge ignoriert oder fehlgedeutet. Meltdowns und Overloads, die plötzlich eintreten, kann man auch mit der Titration aus der Maßanalyse in der Chemie vergleichen. Da reicht ein einziger Tropfen, um die Farbe der Maßflüssigkeit ganz plötzlich von einer Farbe in eine andere Farbe umschlagen zu lassen. Wenn zum Beispiel morgens schon der Kamm nicht an der richtigen Stelle war, dann der Zug Verspätung hat, im weiteren Verlauf des Tages noch der PC spinnt, weil er hängt, dann reicht eine weitere Kleinigkeit, um den Stressvulkan zum Ausbrechen zu bringen. Impulskontrolle, so heißt hier das Zauberwort, ist aber nicht immer ganz einfach. Am besten weiß das Umfeld, wann es sich nicht noch stresssteigernd einmischen sollte, dann lassen sich viele Ausraster vermeiden. Meltdowns sind im Umfeld des Autisten gefürchtete Zwischenfälle. Solche Ausraster werden für andere zur Belastungsprobe. Aber anstatt deeskalierend tätig zu werden, mindestens aber neutral zu bleiben, reagiert das Umfeld oft kontraproduktiv.
Hier hilft es wenig, es macht es im Gegenteil nur noch schlimmer, wenn man als Außenstehender nach dem Motto »Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder raus« verfährt und damit weiter eskalierend einwirkt. Allein passive Hilfe, Deeskalation, hilft hier weiter. Man muss als Außenstehender bereit sein, etwas zu geben, ohne eine konkrete Gegenleistung zu erwarten. Und das Beste, was man geben kann, ist Ruhe. Auf keinen Fall sollte man den Autisten in dieser Situation anfassen und schon gar nicht fragen, was denn los sei, wenn man die Antwort anschließend mit den Worten »Das ist doch nicht schlimm, nun stell dich mal nicht so an« oder ähnlich quittiert! Denn das ist absolut kontraproduktiv, bedeutet es aus Sicht des Autisten doch, dass der Außenstehende den Schmerz des Autisten nicht anerkennt und damit auch hier keinerlei Empathie für den Autisten zeigt. Das Allerbeste ist, abzuwarten.
Nur dann, wenn Gefahr für den Autisten selbst oder andere im Verzuge sein sollte, muss sofort eingegriffen werden. Als Notlösung käme ein Medikament zur Beruhigung infrage, aber das darf auf keinen Fall zur Dauerlösung in schwierigen Situationen werden. Denn mit einem Medikament schaltet man streng genommen nur die nervende Warnleuchte im Armaturenbrett aus, man beseitigt damit lediglich eine aktuelle Wirkung, aber nicht die eigentliche Ursache.
Während die Wahrnehmung an sich nicht therapierbar ist, kann man allerdings daran arbeiten, wie man mit der Wahrnehmung des Autisten umgeht. Dies muss allerdings präventiv geschehen, es ist sozusagen »zu spät« in einer bereits laufenden, konkreten Situation, wenn beispielsweise der »Wutvulkan« bereits ausgebrochen ist.
Auf keinen Fall darf man einen Autisten noch während des Meltdowns zu einem klärenden Gespräch zwingen, um erzieherisch über den Grund des Meltdowns zu sprechen. Das wäre ungefähr so, als wenn man jemandem, dem bereits kotzübel vor Essen ist, noch zwingt, etwas Vernünftiges zu essen. Das würde den Ablauf des Meltdowns nur verschlimmern. Man kann und sollte allerdings im Nachhinein die Situation aufarbeiten. Aber dann muss der Meltdown bereits überwunden sein.
Stimming kann während eines Overloads zur Selbstregulation eingesetzt werden, um einen Meltdown zu verhindern. Jeder kennt das, wenn er nervös ist, tut er irgendetwas, um die Nervosität zu beherrschen. Die einen füllen die Os in einem Text, andere wippen mit dem Stuhl oder spielen mit dem Bleistift. Die Stimming-Aktivitäten von Autisten sind mitunter bizarrer und intensiver als bei normalen Menschen. Typisches Stimming als eine Form von Stereotypien sind das Flattern mit den Händen, Wälzen des Körpers beim Einschlafen, Wackeln des Kopfes, wiederkehrende Laute von sich geben, in der Nase bohren und viele andere mehr.
Um eine Flut von Informationen und Sinnesreizen besser zu verarbeiten, könnte eine sensorische Integrationstherapie helfen. Hierbei wird der Patient mit verschiedensten Sinneswahrnehmungen konfrontiert und übt, diese harmonisch in sein Erleben zu integrieren. Außerdem hilfreich ist sicherlich eine Wut- und Frustrationstherapie, in der anhand praktischer Situationen Gelassenheit gelehrt wird. Dies darf dann aber nicht mit der klassischen Wahrnehmung anderer Menschen geschehen, sondern muss spezifisch auf die autistische Wahrnehmung abgestimmt werden. Verhaltensweisen, die zwar unüblich, aber nicht störend oder gar gefährlich sind, die aber dem Autisten helfen, Meltdowns zu verhindern, dürfen nicht wegtherapiert werden.
Ein Shutdown ist eine alternative Reaktion auf einen Overload. Er kann auch einem Meltdown folgen. Bei einem Shutdown macht der Autist sozusagen zu und lässt nichts mehr an sich ran. Der Autist ist nicht mehr ansprechbar. Sein Hirn hat sich unter der Last des Inputs sozusagen aufgehängt wie ein Computer, bei dem man alle möglichen Tasten drücken kann, der Bildschirm bleibt eingefroren. Da hilft nur noch ein Neustart, denn der Autist hat sich sozusagen abgeschaltet. Dieses Abschalten kann sich zum Beispiel durch Schaukeln oder stilles Sitzen in einer Ecke zeigen. Nicht enden wollendes »Stimming« kann ein Signal für diesen Zustand sein.
Wenn das Abschalten als passives Zeichen einer erdrückenden Fehlforderung deutbar ist, dann hilft warten, bis sich die Situation durch zeitliche Distanz entschärft hat.
In solchen Situationen ist die beste Hilfe instantan erst mal gar keine Hilfe, denn jede unüberlegte, spontane aktive Hilfe kann nur ein Verhelfen sein. Die einzige Hilfe ist passiv: abwarten, bis sich die Situation wieder beruhigt. Wenn man das beschleunigen will, hilft allein Deeskalation durch Verständnisbekundungen und dem echten Willen zu akzeptieren, was passiert ist.
Aggressiv und laut »Was ist denn los?« zu fragen, ist gar kontraproduktiv, wenn man nicht bereit ist oder in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen nicht in der Lage war, die gegebenen Antworten zu akzeptieren. Dann ist das Vertrauen erst mal zerstört, dass jemand wirklich helfen will und nicht eigene (manipulative) Interessen verfolgt.
Ein Abschalten kann auch heißen, dass das Hirn des Autisten mit einer Gedankenschleife vollständig belegt ist, sozusagen eine Endlosschleife läuft. In diesem Falle hilft kein Abwarten, keine Nacht der Ruhe und des Abschaltens (»Morgen ist ein neuer Tag«), hier ist es angesagt, den Grund zu verstehen, um sie abbrechen zu können. Ansonsten droht tagelanges, mitunter wochenlanges nicht mehr Reden und so weiter. Wie bereits geschrieben, Autisten sind grundsätzlich nicht multitaskingfähig. Alles muss immer schön geordnet der Reihe nach gehen. Sequenzielles Verarbeiten von Informationen und sequenzielles Abarbeiten von anstehenden Aufgaben ist angesagt, unstrukturiertes, paralleles Arbeiten funktioniert in der Regel nicht, zumindest nicht dauerhaft.
Wenn mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt werden sollen und andere sich dann auch noch einmischen bei der eigenen Entscheidungsfindung, was denn davon nun dringend und wichtig ist und was ich gegebenenfalls aus Zeitmangel auch weglassen kann und muss, entsteht ein Stau in der Abarbeitung der eintreffenden, als relevant klassifizierten Informationen. Und je schlechter der eigene Schutzfilter dann ist, desto schneller kommt es zum Shutdown, »zu viele Tabs offen« oder »zu viele Fenster offen«, würde man am PC sagen.
Viele Autisten haben jedoch einen funktionierenden Filter, um dem zu entkommen. Sie praktizieren den Tunnelblick. Das wiederum hat dann aber zur Folge, dass mitunter relevante Informationen nicht erkannt werden. Bei mir sind es zum Beispiel die Toilettenschilder auf Flughäfen, die ich nicht schnell genug finde. Dann beklage ich mich nicht selten über die vielen Geschäfte, die da meiner Meinung nach nicht hingehören, die mir den Blick für das für mich Relevante erschweren und die an mir damit auch kein Geld verdienen können.
Im Zusammenhang mit Overloads, Meltdowns und Shutdowns kommt besonders den Stereotypien und dem Stimming eine große Bedeutung zu, um als Autist zu überleben. Denn sie sind Blitzableiter, um Extremreaktionen abzuwehren. Sie erden und schützen damit den Autisten vor den Folgen des Overloads. Schaukeln und Singen, das für Außenstehende scheinbar sinnlose Drehen von Spielzeugautorädern sind nur Beispiele. In meinem Fall gehört auch das Abreißen der Fingernägel dazu. Es mir abzugewöhnen oder gar von außen zu verbieten, hatte stets unerwünschte Folgen an anderer Stelle.
Beispielsweise habe ich mich einmal auf Anraten meiner Eltern extrem darauf konzentriert, für eine anstehende Bewerbung meine Fingernägel »ordentlich« aussehen zu lassen. Leider wachsen die Dinger nur mit mikroskopischer Geschwindigkeit. In dieser Zeit, und das waren einige Wochen, war ich leider nicht wirklich effektiv arbeitsfähig. Der Grund: Ich musste meine ganze Energie darauf ver(sch)wenden, mich jedes Mal aktiv aufzufordern, die Nägel bitte ausnahmsweise nicht abzureißen, wenn ich einen Blitzableiter suchte. Die verwendete Konzentrationsenergie, sich bewusst immer wieder zu sagen, »Nein, jetzt nicht bitte!«, ging dem eigentlich vorgesehenen Arbeiten verloren!
Es empfiehlt sich für das Umfeld des Autisten, einige kleine Regeln zu beachten, damit es erst gar nicht zu dem Eintreten kritischer Situationen wie Overload, Meltdown oder Shutdown kommt. Vorbeugend wirken stets klare Strukturen und Transparenz im Handeln. Willkür zerstört vieles. Der Autist muss sich im Alltag orientieren können und ahnen können, was auf ihn zukommt. Auch braucht er meistens deutlich mehr Pausen als andere Menschen, weil die Verarbeitung sozialer Reize deutlich mehr »CPU« in seinem Gehirn beansprucht als bei anderen Menschen.
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