Читать книгу: «Wie ich den Sex erfand»
Zum Buch
Eine Weltstadt mit Herz, ein fast noch dörfliches Viertel, eine sehr katholische Familie und Franz Josef Strauß – schöner ist von einer Jugend in den 70er Jahren selten erzählt worden. Sprich, Erinnerung, sprich!
Seit einigen Wochen sammelt der zwölfjährige Peter in einem Heft geheimnisvolle Worte. „Unbefleckt“ und „Hingabe“ und „Empfängnis“. Er ist Ministrant und so fromm wie seine Eltern, die er nicht fragen kann, was diese Worte bedeuten. Und schon gar nicht solche wie „Unzucht“, „Beischlaf“ oder „Prono“, die er bei manchen Erwachsenen aufschnappt oder bei Schulkameraden, die über mehr Wissen verfügen als er. Das muss sich ändern, beschließt er, er muss das Rätsel lösen. Gott sei Dank hängt ein Plakat von Franz Josef Strauß über seinem Bett, der ihm wichtige Ratschläge fürs Leben gibt.
Peter Probst erzählt liebevoll und mit großem Witz von den Zumutungen der Pubertät und davon, wie die Revolte der Jugend in den 70er Jahren in ein konservatives Milieu einbricht - zum Entsetzen der Erwachsenen, zu unserem Lesevergnügen.
Über den Autor
Peter Probst ist 1957 in München geboren. Er studierte Deutsche und Italienische Literatur sowie Katholische Theologie. Bald begann er mit dem Schreiben von Drehbüchern, etwa für Tatort. Für seine Fernsehspiele erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Ab 2006 schrieb Probst erst Kinderkrimis, dann Kriminalromane wie Blinde Flecken oder Im Namen des Kreuzes. Bei dem Sachbuch Verliebt, verlobt… verrückt? arbeitete er mit seiner Frau Amelie Fried zusammen, mit der er in München lebt.

für Amelie und Arthur
1
Schuld war die Muttergottes.
Wegen ihr und ihren Wundern fröstelte ich sogar unter der schweren Wintersteppdecke, die mein Vater bei der Bundeswehr abgestaubt hatte.
Meine Mutter erzählte immer von der kleinen Bernadette, der in Lourdes eine wunderschöne Frau im weißen Kleid mit blauer Schärpe erschienen war. Achtzehn Mal insgesamt. Erst beim sechzehnten Mal hatte Bernadette den Mut gehabt, sie nach ihrem Namen zu fragen.
»Ich bin die unbefleckte Empfängnis.«
Was die Wörter unbefleckt und Empfängnis bedeuteten, wusste ich nicht. Ich war noch keine zwölf und der Sohn sehr gläubiger Eltern. Besonders Empfängnis klang gruselig, fand ich.
Ich war genauso fromm wie Bernadette, betete morgens und abends und vergaß es nie. Ich ministrierte bei Hochämtern, Trauungen und Beerdigungen, am liebsten aber bei Marienandachten und sang mit Inbrunst:
»Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn.
in Freuden und Leiden ihr Diener ich bin.«
Dann gab es noch die Kinder von Fátima: Jacinta, Francisco und Lúcia. Ihnen hatte die Muttergottes drei Geheimnisse anvertraut, von denen das dritte so schrecklich gewesen war, dass es niemand erfahren durfte. »Die Menschen würden sonst aus Angst glatt tot umfallen«, sagte meine Mutter. Ich traute mich nicht zu fragen, wieso die drei Kinder überlebt hatten – vielleicht waren sie außergewöhnlich kernig gewesen oder hatten die Botschaft der Muttergottes gar nicht richtig verstanden. So oder so wollte ich auf keinen Fall zu den Auserwählten gehören, denen die Muttergottes etwas weissagte.
»Heilige Maria, Muttergottes, ich bitte dich: Erscheine mir nicht!«
Lourdes 1858, Fátima 1917, München-Untermenzing 1970. Die Reihe erschien mir logisch. Bernadette, Francisco, Jacinta, Lúcia, Peter. Auch diese Aufzählung klang in meinen Ohren so selbstverständlich, als wäre meine Marienerscheinung beschlossene Sache.
Es gab eine Hoffnung: die Muttergottes bevorzugte offenbar arme Müllers- und Hirtenkinder. Ich war ein Arztkind, sogar eines von zwei Ärzten. Wir aßen zwar Scheibletten, Corned Beef und Hering in Tomatencreme aus der Dose, aber so richtig arm waren wir nicht.
Andererseits gab es in Untermenzing keinen Müller und keine Hirten mehr, nur den komischen alten Schäfer, der zweimal im Jahr hinter unserem Haus über die Wiesen zog und seine Herde absichtlich über den Bolzplatz lenkte, damit sie ihn komplett zuschiss. Er hatte aber keine Kinder. Weil er auch noch Junggeselle war, hatte unser Vater uns verboten, ihn in seinem Schäferkarren zu besuchen. Dabei hätte ich ihn so gern gefragt, wieso er seine Herde nicht woanders kacken ließ.
»Heilige Muttergottes, kannst du dir nicht einfach ein anderes
Kind aussuchen?«
Tagelang zerbrach ich mir den Kopf darüber, wen ich ihr an meiner Stelle vorschlagen könnte. Aber mir fiel niemand ein, der infrage kam. Alle anderen Kinder benutzen unanständige Wörter, manche logen, manche stahlen, viele naschten. Alle waren Sünder, nur ich blöderweise nicht.
In meiner Verzweiflung zog ich mir, sobald ich im Bett lag, die Decke über den Kopf, obwohl ich kaum Luft bekam und mir klar war, dass die Muttergottes mit Leichtigkeit hindurchstrahlen konnte, wenn sie wollte.
Ich sah sie schon über meinem Bett schweben, die unbefleckte Empfängnis, wie einen riesigen weißen Falter mit blauer Schärpe. Sie würde mir womöglich ein Geheimnis anvertrauen, das noch viel schrecklicher war als das dritte von Fátima, und ich würde zur Salzsäule erstarren wie die Frau Lot, die sich auf der Flucht nur noch mal kurz nach dem brennenden Sodom umblicken wollte – immerhin war es ihre Heimatstadt.
Von der Angst, die mich Nacht für Nacht heimsuchte und viele Stunden wach hielt, erzählte ich keinem Menschen. Ich war verschwiegen wie meine Vorgänger in Lourdes und Fátima, die ihr Geheimnis so lange wie möglich für sich behalten hatten.
Bald hatte ich wegen des Schlafmangels solche Augenringe, dass meine Arzteltern mir eine Sanostol-Kur verordneten. Sie verrieten mir nicht, dass es sich um Lebertran handelte, weil ich Leber so hasste, dass mir allein das Wort Übelkeit bereitete. Sanostol schmeckte nach sehr süßer Orange und fühlte sich wunderbar klebrig auf der Zunge an. Nach dem Zähneputzen wartete ich ungeduldig auf den Moment, da meine Mutter mit der braunen Flasche und dem Suppenlöffel an mein Bett trat. Ich achtete darauf, dass sie nicht sparte, und behielt den Sirup so lange im Mund, dass ich ihn noch am nächsten Morgen schmecken konnte.
Sanostol war mein Zaubertrank und beherrschte meine Gedanken in manchen Nächten beinahe so sehr wie die Muttergottes. Das lag auch an einer Zeitungswerbung, die mich vor Jahren bei meinen ersten Leseübungen in den Bann gezogen hatte.
Sanostol macht kernig und feit gegen Krankheiten.
Wie vermutlich die meisten Kinder hatte ich nicht gewusst, was feien bedeutet, aber ab da dringend kernig werden wollen. Kernig, wie die Waden der Burschen beim Menzinger Trachtenumzug, die Politiker im Bayerischen Fernsehen, die mit der Faust auf den Tisch hauten, kernig, wie die Sprüche am Stammtisch im Alten Wirt gegen die Preußen und alle anderen Fremden.
Meine Augenringe verschwanden dank der Sanostol-Kur allmählich, von echter Kernigkeit war ich aber weit entfernt. Ich stand auf Steckerlbeinen und redete aus Schüchternheit sehr leise.
Trotzdem glaubte ich eines Abends, in mir eine Veränderung wahrzunehmen – meine Angst vor der Muttergottes war auf einmal nicht mehr ganz so schrecklich.
»Dann erschein mir halt, heilige Muttergottes, wenn du einfach kein anderes Kind findest.«
Ich hatte noch nicht zu Ende gebetet, da wusste ich, dass das der falsche Ton gewesen war. So redete man nicht mit einer unbefleckten Empfängnis. Wahrscheinlich war mein Gebet sogar eine Sünde. Und Sünden wurden bestraft. Meistens mit dem, was dem Sünder am wehsten tut, sagte mein Vater. Das konnte in meinem Fall nur eine Marienerscheinung sein.
Ich wartete zwei Nächte, ohne dass etwas geschah. In der dritten sah ich das Licht. Es tanzte vor der Wand hin und her, als müsste die Muttergottes erst noch in ihr weißes Kleid schlüpfen. Wo war denn die blaue Schärpe? Das Licht wurde kreisrund. Hatte sie sich doch gegen die Lourdes- und für die Fátima-Version entschieden?
»Da hat die Sonne sich plötzlich wie verrückt um sich selbst gedreht«, hatte meine Mutter erzählt, »und es hat so ausgesehen, als würde sie gleich auf die Erde stürzen. Dreißigtausend Gläubige haben vor Angst geschrien und sind zitternd auf die Knie gefallen!«
Ich wollte ebenfalls auf die Knie fallen, aber mein Körper war bleischwer. Unmöglich, ihn aus dem Bett zu heben. Hätte meine Mutter die Sanostol-Flasche auf dem Nachttisch vergessen, ich hätte sie zur Kräftigung in einem Zug geleert. Aber sie vergaß sie nie. Mein Zimmer erstrahlte im Licht der Muttergottes.
Wenn mir der Kniefall schon nicht gelang, musste ich irgendwie anders reagieren, sonst dachte die Muttergottes womöglich, sie habe einen Unwürdigen für ihre Erscheinung ausgesucht. Das wollte ich auf keinen Fall. Unser Pfarrer fiel mir ein, der in seinen Predigten gern von Hingabe sprach. Vielleicht war das die Lösung. Aber wie genau ging Hingabe? Vielleicht so? Ich streckte meine Arme dem Licht entgegen.
»Heilige Muttergottes, ich gebe mich dir hin.«
Ich stellte mir vor, dass die Muttergottes mit ihrem Lichtfeuer erst die Steppdecke verbrennen würde, die, obwohl schon öfter gewaschen, immer noch stark nach Soldat roch. Dann würde sie sich wie ein leichtes, warmes Tuch auf mich legen und mich ganz einhüllen. Ich würde mit ihr ein paar Zentimeter über dem Bett schweben, und sie würde mir mit ihrer sanftesten Stimme ihre Geheimnisse ins Ohr flüstern. Vielleicht waren sie gar nicht so schlimm, weil die Muttergottes es nett mit mir fand. Vielleicht vertraute sie dem Untermenzinger Kind, das sie sich für ihre Erscheinung ausgesucht hatte, ausnahmsweise sogar gute Nachrichten an.
»Ich werde die Welt retten« zum Beispiel oder: »Mach dir keine Sorgen, Peter, es gibt gar kein Fegefeuer.«
Ich hauchte noch einmal, dass ich bereit sei, da hustete sie. Wo war sie denn jetzt hingeflogen? Ich riss den Kopf herum und musste geblendet die Augen schließen.
Da war es also: mein Sonnenwunder.
München-Untermenzing, 7. Oktober 1970. Die Muttergottes erscheint dem Arztsohn Peter Gillitzer und verkündet ihm und der Welt …
Wieder hustete die Muttergottes, räusperte sich und spuckte aus.
Aber …? So war sie nicht! Nicht die Muttergottes, zu der ich, seit ich denken konnte, betete. Oder wollte sie mich auf die Probe stellen, die Unerschütterlichkeit meines Glaubens testen? Mit einem so ekelhaften Nasehochziehen und Ausspucken? Nein! Das war für eine unbefleckte Empfängnis eindeutig zu unheilig.
Das Licht wurde schwächer, ich öffnete vorsichtig die Augen. Da sah ich vor meinem Fenster, halb verdeckt von der großen Eibe, einen Schatten. Es war unser Nachbar zur Linken, der Professor. Gewöhnlich jagte er mit einer Taschenlampe, aber an diesem Tag hatte er sich einen Handscheinwerfer ausgeliehen. Er jagte auch noch im Herbst, obwohl mein Vater ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass seine Beute bald von selber sterben würde. Die große Schneiderschere, mit der er die Schnecken zerschnitt, blitzte auf. Wieder zog er die Nase hoch und spuckte aus. Später erklärte mein Vater mir, dass der Professor diese Angewohnheit aus der Kriegsgefangenschaft in Russland mitgebracht hatte. Die Russen hätten den deutschen Soldaten nämlich absichtlich keine Taschentücher gegeben. Um sie zu demütigen!
Andere, nicht so heilige Kinder hätten jetzt gelacht – ich musste weinen. Nicht wegen der Schnecken, die waren eine echte Plage, und auch nicht, weil es für meine Marienerscheinung eine so irdische Erklärung gab. Meine Trauer wurde durch ein Zeichen ausgelöst, das die Muttergottes mir offenbar im Vorbeischweben hinterlassen hatte. Ich verstand es nicht, und es passte überhaupt nicht zu den Wundern von Lourdes und Fátima. Ich weinte und schämte mich und tastete noch einmal. Es bestand kein Zweifel: die Muttergottes hatte mir ein bisschen was von dem Schleim, der aus den zerschnittenen Schnecken quoll, in meine Unterhose gezaubert.
Sie war meine erste intime Beziehung gewesen. In manchen Momenten hatte ich sie mehr geliebt als meine Mutter, meinen Vater und das Sanostol zusammen. Der Muttergottes hatte ich alles anvertrauen können und sie beschützte mich – immer. Nun war das geheime Band zwischen uns zerschnitten. Mit einer großen, blitzenden Schneiderschere.
2
Meine Oma mütterlicherseits, die wir Gymnastik-Oma nannten, hatte, schon als ich sieben oder acht war, angefangen, mir regelmäßig aus dem Neuen Universum vorzulesen. Weil die Bände eigentlich für die reifere Jugend gedacht waren, hatte ich vieles nicht verstanden, aber dass im Leben berühmter Erfinder die Eltern eine wichtige Rolle spielten, war klar. Sie können sehr arm sein, Hirten zum Beispiel, dann erfinden die Erfinder meistens etwas, was sie reich macht. Oder etwas, was Reichtum überflüssig macht. Erfindereltern können auch früh sterben, dann erfinden ihre Kinder eine Medizin gegen Pocken oder Pest. Oder die Eltern trennen sich und fügen ihrem Kind Leid zu, dann erfindet es vielleicht ein nicht nachweisbares Gift für den Elternmord.
Die Eltern des Erfinders, der den Sex erfinden sollte – also meine –, waren, wie schon erwähnt, Ärzte. Beide. Er Augenarzt, sie praktische Ärztin. Er sah so gut aus, dass sie immer seufzte: »Wenn der Beppo bloß nicht so schön wär, dass ihn mir jede Frau am liebsten wegschnappen würde!« Seine Freunde nannten ihn Italiano. Seine Haare waren sehr schwarz und seine Nase sehr prominent.
Sie besaß dafür ein Honiglächeln und Grübchen und Lachfältchen. Wer sie sah, wollte sie sofort in den Arm nehmen. Sie roch nach Babypuder, er immer ein bisschen modrig.
Mein Vater war stolz darauf, dass er seine Kindheit und Jugend ohne Badezimmer verbracht und sich wie seine Eltern und Schwestern nur einmal pro Woche in einem städtischen Brausen- und Wannenbad gereinigt hatte. Diese Gewohnheit habe er beibehalten, erklärte er, weil er, anders als die meisten Menschen, nicht schwitzte. Nur eben leicht moderte. Aber das traute sich ihm keiner zu sagen.
Vor allem beim Abendessen war mein Vater das unumstrittene Familienoberhaupt. Dann sagte er uns, wie viele Millimeter Corned Beef wir abschneiden durften und welcher seiner drei Söhne neben ihm sitzen sollte. Ich war der älteste und kam grundsätzlich nicht zum Zug. Weshalb, hat mein Vater mir nie erklärt. Vielleicht war er gekränkt, weil ich mir nicht von ihm den Nacken kraulen lassen wollte. Für uns Kinder, fand ich, müsste er sich schon andere Zärtlichkeiten ausdenken als für unsere Schäferhündin Britta. Nie neben dem Vater sitzen zu dürfen, machte mich traurig, obwohl es auch seine guten Seiten hatte. Vor seinem Teller lag nämlich ein Kochlöffel. Den benutzte er nicht zum Kochen und nicht zum Essen. Er schlug damit auch nicht zu, aber oft beinahe. Für meine Brüder war der Kochlöffel ein Drohlöffel. Ich war durch meinen Randplatz außerhalb seiner Reichweite.
Wenn wir Ausflüge machten – meistens zu einer weit entfernten Bauernwirtschaft, weil dort der Schweinebraten eine Mark billiger war –, fuhr er unseren blauen VW 411.
Sie war nur an den Tagen das Familienoberhaupt, an denen sie ihre Migräne hatte. Dann mussten wir im Auto ganz still sein und steuerten eine bessere Wirtschaft an, wo es Wild gab. Meine Mutter bekam zwar feuchte Augen, wenn sie beim Rehgulasch Essen an Bambi denken musste, bestellte es sich aber trotzdem immer wieder. War die Migräne nach dem Genuss einer Wildspezialität nicht verschwunden, besichtigten wir noch eine Kirche und lobten die schönen Fresken und Skulpturen – vor allem die der Muttergottes, wenn es eine gab.
Auf der Rückfahrt redete er gern über die Unfehlbarkeit von unserem Papst, und ich stellte mir vor, wie Paul VI. in der vatikanischen Mannschaft einen Elfer nach dem anderen im gegnerischen Tor versenkte. Mein Vater fand es auch gut, dass der Stellvertreter Christi die Empfängnisverhütung verbot. Er wurde wütend, wenn ich aus Langeweile meinen zweijährigen Bruder Sigi zwickte oder mit meinem Bruder Berti schwätzte, weil wir keine Ahnung hatten, was eine Empfängnis war oder eine Verhütung. Noch wütender wurde er, als ich einmal fragte, ob es auch eine unbefleckte Empfängnisverhütung gab.
Sie sagte, dass man auch moderne Bilder schön finden dürfe, wenn sie nicht unanständig seien, er sagte: »Geh, Traudi, das ist doch wirklich wissenschaftlich erwiesen, dass alle modernen Künstler verrückt sind.«
Wenn bei unserer verfressenen Britta mal wieder ein Knochen quer im Hals steckte und sie sich vor Schmerzen in einen brüllenden Wolf verwandelte, hielt er todesmutig mit einer Hand ihren Unterkiefer fest und griff mit der anderen beherzt in ihren Rachen. Nach solchen Heldentaten nahm er gern unseren Applaus entgegen. Auch Britta bellte jedes Mal dankbar mit. Vom Krieg erzählte mein Vater höchstens in Andeutungen, die unserer Fantasie viel Raum ließen. Berti, der erst zehn war, aber schon ziemlich schlau, und ich waren uneins, ob unser Papa im Krieg genauso heldenhaft gewesen war wie bei unserem Hund. Mein Bruder fand, bei Britta könne er leicht tapfer sein, da er wisse, dass sie in Wirklichkeit lammfromm sei. Bei einem Russen hätte unser Vater es sich sicher zweimal überlegt, ob er ihm ins Maul griff.
Mein Held war er auf jeden Fall – bis ich mich nach meiner missglückten Marienerscheinung allmählich für etwas interessierte, das es bei uns zu Hause nicht gab.
»Wir haben drei Mal zum lieben Gott gebetet, dass er uns Kinder schenkt«, sagte meine Mutter oft, »und drei Mal hat er unser Gebet erhört.« Sie sagte nie: »Dein Papa und ich, wir haben halt so Sachen gemacht, und irgendwann bin ich dick geworden.«
Das Wort Sex kam im Wortschatz unserer Familie gar nicht vor. Einmal belauschte ich ein Gespräch zwischen meinem Vater und meiner Mutter, die sich nach drei Buben dringend noch eine Tochter wünschte. Da sagte mein Vater nicht: »Wir müssen ein viertes Mal beten«, sondern: »Am zu seltenen Beischlaf kann’s ja wohl nicht liegen, Traudi«. Ich versuchte mir vorzustellen, dass Kinder wuchsen, wenn eine Frau sich im Schlaf ganz fest an ihren Mann kuschelte. Ich schaffte es nicht. Aber als Wort gefiel Beischlaf mir gut. Deswegen schrieb ich es in das Heft, in dem ich seit einigen Wochen alle geheimnisvollen Wörter sammelte: unbefleckt und Hingabe, Empfängnis und feien, Unfehlbarkeit und so weiter.
Ich war mir nicht sicher, ob einer sich Erfinder nennen darf, der etwas erfindet, was es außerhalb der ihm bekannten Welt möglicherweise schon gibt.
Dann fragte unser Religionslehrer, Herr Habermann, uns, ob einer, zum Beispiel ein Südseeinsulaner, der noch nie von der Bibel und Jesus gehört hat, ein guter Christ sein könne.
Wie immer in diesem Fach meldete ich mich als Erster.
»Nein, ganz bestimmt nicht.«
»Auch nicht, wenn er trotzdem so lebt, wie Jesus es von uns verlangt hat?«
»Warum sollte er das tun?«
»Weil seine innere Stimme ihm sagt, was gut und was böse ist.«
Herr Habermann erklärte uns, dass man so einen Menschen einen »anonymen Christen« nennen dürfe. Da begriff ich, dass ich ein anonymer Erfinder war. Ich wusste nicht, ob es noch irgendwo anders auf der Welt Menschen gab, die vor Marienerscheinungen Angst hatten und auch sonst so dachten und fühlten wie ich und ähnliche Pläne hatten. Ich machte einfach das, was meine innere Stimme mir sagte. Und erfand den Sex, von dem ich im November 1970 noch nicht einmal das Wort kannte. Sonst hätte es ja in meinem Heft der geheimnisvollen Wörter gestanden.
3
An meiner Schule, einem altsprachlichen Gymnasium, besuchte ich die Klasse 6 A, die letzte mit ausschließlich katholischen Knaben. Die beiden Parallelklassen und der Jahrgang unter uns waren bereits gemischt. Einige ältere Lehrer, vor allem der Biologielehrer mit Schmiss und der einarmige Geschichtslehrer, rieten, uns als Elite zu fühlen, der Rest der Schule bedauerte uns.
Am ersten Tag nach den Herbstferien starteten die Mädchen der unteren Klassen, angeregt durch die Lektüre der in meinem Elternhaus streng verbotenen und deswegen von mir brav ignorierten Zeitschrift Bravo, eine Abstimmung.
Mit welchem Jungen würdest du am liebsten gehen?
Gleich mehrere meiner Klassenkameraden rechneten sich gute Chancen auf den ersten Platz aus. Die geheime Wahl mit Namenslisten zum Ankreuzen zog sich über drei Tage hin, sodass ich genug Zeit hatte, meine Attraktivität im von mir noch kaum benutzten Spiegel zu überprüfen. Meine Nase war zu groß, der Mund leicht schief, die Haare waren seit meiner Trennung von der Muttergottes gewachsen, aber zu ordentlich von rechts nach links gescheitelt, die Segelohren durch jahrelanges, nächtliches Ankleben mit Heftpflaster im Normbereich, die Schultern im Vergleich zum übrigen Körper zu ausgeprägt, der gelbe Rollkragenpulli sah genauso peinlich aus wie die Jeans – ich gehörte zu den wenigen in meiner Klasse, die ausschließlich bei C & A eingekleidet wurden. Ganz nett waren nur meine Augen, fand ich.
Ich verstand zwar nicht, wieso ein normaler Bub drauf scharf sein sollte, mit einem Mädchen zu gehen – ich stellte mir einsame Spaziergänge vor, bei denen ich langweiligen Geschichten zuhören musste. Aber verlieren wollte ich bei der Wahl auch nicht. Meine geheime Hoffnung war ein unauffälliger Platz im Mittelfeld.
Noch bevor das Ergebnis der Abstimmung verkündet wurde, suchte ich Kontakt zu Sanne, der Wahlleiterin.
»Und?«
»Was, und?«
»Vielleicht …«
»Was?«
»Vielleicht magst du es mir ja schon verraten …«
»Was denn, Peter?«
»Auf welchem Platz ich bin, halt.«
Sanne starrte mich an, als hätte sie mich noch nie gesehen.
»Ach, Mist«, sagte sie, »du warst überhaupt nicht auf unserer Vorschlagsliste.«
Sie hatten mich vergessen. Glatt vergessen. Und es war keinem einzigen Mädchen in allen fünften und sechsten Klassen aufgefallen. Nicht mal den hässlichsten.
Als Sanne im Pausenhof die Namen der Buben vom letzten bis zum ersten Platz feierlich vorlas, hörten alle, dass ich nicht dabei war.
Da ging es los.
»Auf welchem Platz bist du denn, Gillitzer? – Auf gar keinem? Heißt das, die Weiber denken, du bist ein Mädchen? Wieso hast du dann nicht mit abstimmen dürfen? Hättest du mit mir gehen wollen, Gillitzer?«
Ich stand reglos da und ließ den Spott über mich ergehen. Mir fiel kein lässiger Spruch ein, und eine Prügelei hätte ich mit Sicherheit verloren. Die meisten meiner Mitschüler waren in den letzten Monaten ein ganzes Stück gewachsen, nur ich nicht. Als Thomas aus der letzten Bank mich »Petra« nannte und mich unter dem Gejohle der anderen zu küssen versuchte, traf ich einen Entschluss: ab sofort wollte ich auffällig werden – auch außerhalb des Religionsunterrichts.
Im Haus meiner Eltern gab es einen Kellerraum, den wir Arzneimittelkeller nannten. Alle Zimmer hatten bei uns Namen, was sie fast zu Lebewesen werden ließ. Es gab freundliche, abweisende, einladende und verbotene Zimmer. Dazu gehörte der zwischen Vorrats- und Hobbykeller gelegene Arzneimittelkeller. Eigentlich sollte er immer abgeschlossen sein, aber meine Mutter vergaß das regelmäßig, weil sie gestresst war. In den drei Wände bedeckenden Regalen verstauten meine Eltern die Wein-, Sekt- und Schnapsflaschen, die Patienten in die Praxis brachten, weil sie hofften, dann weniger lang warten zu müssen. Dazwischen lagerten, nach Krankheiten sortiert, die sogenannten Ärztemuster, die uns der Postbote täglich brachte. Gleich neben der Abteilung Erkältungen/Grippe gab es ein staubiges Eck mit Medikamenten für Psychische Erkrankungen. Sie hießen zum Beispiel Tavor oder Haldol. Ich wusste, dass es auf der Welt viele Irre gab, einigermaßen harmlose wie den alten Schäfer und teuflisch gefährliche wie Hitler, bei dem ich immer Angst hatte, er könnte doch noch leben. Ich wusste nicht, wer besser welche Arznei bekommen hätte. Deswegen ließ ich eine größere Auswahl an Tablettenröllchen, Fläschchen und Packungen in meinem Schulranzen verschwinden. Trotz eingehender Gewissenserforschung fühlte ich mich nicht als Sünder. Erstens war es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet jetzt ein Mitglied unserer Familie psychisch krank wurde und behandelt werden musste. Zweitens lieh ich die Medikamente ja nur aus.
Der Flur zwischen Heizungs- und Vorratskeller war mein Probenraum. Ich übte mit geschultertem Schulranzen das natürliche Stolpern. Ich ging ein paar Schritte, blieb an einer imaginären Wurzel hängen, verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen, zog mit einem Ruck meine breiten Schultern hoch und schleuderte den Inhalt meines offenen Schulranzens über den Kopf. Ich trainierte stundenlang, bis mir der perfekte Wurf gelang, mit Pervitin und Ritalin auf dem Lateinbuch.
Henriette Kurz, die alle Hetti nannten, war in der 6 B. Mein und ihr Vater waren Todfeinde, trotzdem hatte ich sie ausgesucht. Sie war nämlich ebenfalls ein Arztkind, und damit bestand eine gute Chance, dass sie wenigstens eine der Arzneien und ihre Bestimmung kannte. Ich wusste, aus welchem Schulbus Hetti stieg – fast immer als Letzte – und dass sie grundsätzlich links an der alten Kastanie vor dem Schulhaus vorbeiging.
Hetti blickte sich zweimal verunsichert um, als sie merkte, dass ich ihr folgte. Beim dritten Mal lächelte sie einladend, was mir beinahe so rätselhaft vorkam wie das Wort Empfängnisverhütung. Ich ging aber erst schneller, als sie hinter dem dicken Stamm der Kastanie verschwand.
Mein Stolpern war perfekt. Der Schleuderwurf über den Kopf ebenfalls. Allerdings hatte es nachts geregnet und meine Schulbücher landeten in einer Pfütze. Aber das war egal. Wichtig war, dass Hetti die Aufschrift auf dem braunen Fläschchen erkannte, das zwischen Tablettenschachteln und Büchern schwamm.
»Cannabis?«, sagte sie.
»Cannabis indica, um genau zu sein.«
Sie starrte mich entsetzt an.
»Heißt das, du bist ein Hascher?«
Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte mich für verrückt und gefährlich gehalten, aber ein zweiter Wurf wäre unglaubwürdig gewesen. Es gab kein Zurück mehr. Ich setzte das Gesicht auf, das ich lange geübt hatte. Mein Vorbild war ein Bild mit dem Titel »Der arme Sünder schaut das Fegefeuer«, das bei meiner Gymnastik-Oma hing. Nachdem ich im Rahmen meiner Vorbereitung auch dem Sanostol abgeschworen hatte, waren meine Augenringe zurückgekehrt und verstärkten den Eindruck.
Hetti schrie: »Mein Gott, Peter« und riss mich in ihre Arme. Sie atmete sehr schnell und laut und flüsterte: »Oh, wie schlimm. Ich verrat’ keinem was. Ich schwör’s!«
Weil mein Ohr von ihrer nassen Aussprache feucht wurde, schob ich sie von mir weg.
»Du kannst mich gern verraten.«
»Nein, auf keinen Fall.«
»Doch, mach ruhig!«
Mein Plan war es ja, dass Hetti meine Botschafterin wurde und allen erzählte, in welcher Gefahr ich schwebte, damit ich die Zone der Unauffälligkeit für immer verlassen konnte. Und nie mehr bei der Wahl zum Buben, mit dem Mädchen gern gehen wollten, übersehen wurde.
Dann tat Hetti etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Sie stopfte eilig meine Medikamente in ihren Schulranzen und stürzte davon.
Am Schultor drehte sie sich noch mal um.
»Ich werde dich retten, Peter.«
»Bitte nicht«, murmelte ich und musste an die Muttergottes denken, die mir unbedingt hatte erscheinen wollen.
Leider war Hetti nicht nur verschwiegen, sondern auch sehr hartnäckig. Nach dem Vorfall an der Kastanie und der Beschlagnahmung meiner Medikamente steckte sie mir täglich kleine Zettel zu, die mich retten sollten. Auf ihnen stand zum Beispiel: Mens sana in corpore sano oder Frisch, fromm, fröhlich, frei oder Es ist so mit Tabak und Rum. Erst ist man froh, dann fällt man um.
Diese Sprüche hatte Hetti, wie ich später erfuhr, von ihrem Großvater, dem im Krieg wegen eines Granatenbeschusses beide Trommelfelle zerplatzt waren. Deswegen redete er immer zu laut, konnte aber immerhin perfekt Lippen lesen.
Wenn ich meiner selbst ernannten Retterin im Schulhaus über den Weg lief, tat ich so, als würde ich sie nicht kennen. Das stachelte Hetti erst richtig an. Plötzlich war sie nicht mehr die Letzte, die aus dem Schulbus stieg, sondern die Erste und stellte sich mir an der Kastanie in den Weg. Sie reichte mir mit ernster Miene Birnen oder Äpfel oder Nüsse und sagte: »Auch gut und kein Hasch.«
Obwohl sie das immer nur flüsterte, bekam ein Schüler aus der Fünften etwas mit und verbreitete das Gerücht, an der Kastanie würde mit Rauschgift gehandelt. Hetti wollte selbstverständlich keine Drogenhändlerin sein und änderte ihre Strategie. Sie schickte mir anonyme Briefe mit kleinen Zeichnungen. Sie zeigten immer dasselbe magere Männlein mit schnurgeradem Seitenscheitel und übertrieben breiten Schultern. Manchmal erbrach das Männlein sich, manchmal war es schon tot. Darunter stand zum Beispiel: Wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!
Meine Eltern hatten das Fehlen der Medikamente noch nicht bemerkt, und ich fing in meiner Not doch wieder zu beten an.
»Bitte, heilige Maria Muttergottes, mach, dass Mama und
Papa und Berti und Sigi nicht psychisch krank werden, und Hetti mich nicht mehr retten will!«
Dass sie mich nicht erhörte, begriff ich, als mein Vater mich beim Abendessen mit der Frage überraschte, was der Satz Die Drogen werden dich töten, Peter! zu bedeuten habe. Meine Mutter hatte aus Versehen einen von Hettis Briefen geöffnet.
»Was für Drogen denn?«, sagte Berti, und Sigi krähte wie meistens: »Ich auch!«
Während ich verzweifelt nach einer rettenden Erklärung suchte, begann mein Vater mit dem Kochlöffel auf den Tisch zu klopfen. Sehr langsam und sehr regelmäßig.
Ich hätte sagen können, dass ich viel zu jung für Rauschgift war, oder dass der anonyme Brief von einem fiesen Klassenkameraden stamme, der mir eins auswischen wolle. Aber es gab das 8. Gebot in der Kinderbibel, das Du sollst nicht lügen hieß. Obwohl die Muttergottes und ich uns getrennt hatten, war ich ja nach wie vor sehr fromm. Vielleicht nicht mehr ganz so fromm wie Bernadette, aber doch fast.
Deswegen sagte ich: »Die mir das geschrieben hat, meint, ich wär ein Hascher.«
»Den Merkur, Traudi!«, sagte mein Vater. »Die ganze letzte Woche.«
Während meine Mutter in den Keller eilte, wo wir die alten Zeitungen aufhoben, klopfte mein Vater weiter.
»Von wem kriegst du das Rauschgift? Wer ist der Dealer?«
Er sagte »De-aler«, weil er Englisch gern so aussprach, wie man es schrieb.
»Ich weiß nicht, was ein De-aler ist, Papa.«
»Du wirst auch noch frech!«
Er holte mit dem Kochlöffel aus, meine Brüder gingen in Deckung.
Da kehrte zum Glück meine Mutter mit einem Packen Zeitungen zurück.
Mein Vater war ein gewissenhafter Leser und fand sofort, was er suchte.
»Neunjährige stirbt an einer Überdosis Marihuana. Eine Neunjährige! In Böblingen!«
»Schrecklich. Allein, wenn ich an die Eltern denke«, sagte meine Mutter.
»Die Eltern«, raunzte mein Vater. »Sind doch keine Eltern, wenn sie so was nicht von Anfang an unterbinden.«
Er griff zur Wochenendausgabe seiner Hauszeitung.
»Hier, das habe ich gesucht: Haschisch, bald die beliebteste Droge unter deutschen Volksschülern?«
»Schrecklich«, sagte meine Mutter wieder, und mein Vater stand auf.
»Ich will jetzt sofort wissen, wer dich verführt hat, Peter?«
Ich weiß nicht, warum ich Hetti nannte. Ich wollte nicht lügen, aber angesichts des Kochlöffels hatte ich nicht den Mut, mich zur Lücke im Arzneimittelkeller zu bekennen.
Es rutschte mir einfach so raus.
»Hetti sagen sie zur Tochter vom Kurz«, warf meine Mutter ein.
»Vom roten Kurz?«, sagte mein Vater. Nein, er schrie es, und beim Namen Kurz machte seine Stimme einen gefährlichen Sprung nach oben.
Meine Mutter nickte so schuldbewusst, als wäre sie die Dealerin. Oder die eineiige Zwillingsschwester vom roten Kurz.
»Die Tochter von diesem Menschen treibt unseren Sohn in die Rauschgiftsucht?«
»Ich glaub nicht, dass ich schon süchtig bin, Papa.«
Aber das interessierte ihn nicht. Sein Kollege Kurz, ein Internist, war, bevor er ein Roter wurde, einer seiner besten Freunde gewesen. Dann hatten sie sich furchtbar wegen Willy Brandt gestritten, den mein Vater immer Herbert Frahm oder einfach den Deserteur nannte, und danach hatten sie nie mehr ein Wort miteinander geredet.
Meine Mutter schlug vor, dass er Hettis Vater anrief, um die Sache mit ihm zu besprechen. Aber mein Vater war nicht der Typ, der sich wegen einem rauschgiftsüchtigen Sohn versöhnte. Abgesehen davon telefonierte er nie. Er hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen unser schwarzes Bakelit-Telefon, war aber gleichzeitig magisch von ihm angezogen. Wenn es klingelte, rannte er in den Flur zum Apparat, blieb daneben stehen und rief: »Traudi, Telefon! Telefon! Jetzt beeil dich schon! Gertraud!«
Meine Mutter antwortete immer mit: »Dr. Gillitzer, grüß Gott.« Bevor sie fragen konnte, mit wem sie sprach, flüsterte er schon aufgeregt: »Wer? Wer ist dran?« Dann deckte sie die Sprechmuschel ab und sagte den Namen. Und er sagte, egal, wer es war: »Ich bin nicht da.«
Eigentlich hätte auch meine Mutter, die eine entspannte Beziehung zum Telefon pflegte, Dr. Kurz anrufen können, aber mein Vater traute ihr nicht zu, ein Problem mit einem Roten zu klären. Er hielt sie für politisch anfällig und bestellte deswegen immer Briefwahlunterlagen, um für sie abzustimmen. Sie protestierte zwar, das sei nicht demokratisch, aber er erklärte, an der Demokratie sei bekanntlich auch nicht alles perfekt. Er persönlich würde zum Beispiel halbe, Drittel- und Viertelstimmen für politisch weniger Informierte einführen.
»Aha, und wie viel Stimme würdest du mir zugestehen?«
Auf diese Frage bekam meine Mutter nie eine Antwort.
Dr. Kurz wurde also nicht angerufen, und mein Vater setzte sich wieder. Er legte den Kochlöffel vor seinen Teller und presste beim Nachdenken die Lippen so zusammen, dass sie blau wurden. Er konnte es auf keinen Fall zulassen, dass sein Sohn weiter vergiftet wurde, schon gar nicht vom politischen Gegner.
»Wir stecken ihn ins Internat.«
»Was? Er ist noch keine zwölf!«, rief meine Mutter.
»Wie sie mich in den Krieg geschickt haben, war ich auch erst neunzehn.«
Sie fand das keinen guten Vergleich. Ich sagte nichts, weil ich mir sicher war, dass er bluffte. Ich hatte gehört, dass Internate eine Menge kosteten. Ein Vater, der das Corned Beef so streng rationierte, würde sein Geld nie für die Kindererziehung verschwenden.
4
Die Mutter meiner Mutter hieß Gymnastik-Oma, weil sie uns Kinder bei jedem Besuch mit der Frage empfing, ob wir auch brav unsere Leibesübungen machten. Sie selbst sei nur deswegen noch so beweglich, weil sie den Tag immer mit Gymnastik beginne. Allerdings hatten wir sie nie turnen sehen, und auch unsere Mutter war sich nicht sicher, ob sie je Sport gemacht hatte.
»Freilich, Oma, kein Tag ohne Gymnastik«, sagten Berti und ich und bekamen jeder eine Tafel harte Vollmilchschokolade.
»Ich auch«, sagte Sigi. Sie gab ihm einen Lutscher, weil seine Zähne noch wackelig waren.
Mein Vater mochte seine Schwiegermutter nicht, und sie war froh, dass er sich nach dem Sonntagsbraten bei ihr schnell in einen Lehnstuhl zurückzog und einschlief.
»Das Problem mit den beiden hat schon angefangen, als dein Vater um meine Hand angehalten hat«, verriet meine Mutter mir einmal.
»Da hat der Beppo gedacht, er muss besonders lustig sein, und deine Oma hat ja leider keinen besonders ausgeprägten Humor.«
Dafür konnte sie spannende Geschichten über ihre Familie erzählen.
An diesem Sonntag schlief mein Vater nicht und fragte die Gymnastik-Oma über St. Ottilien aus. Dort nämlich war ihr vor drei Jahren verstorbener Mann, mein Opa Hammerl, einst Internatsschüler gewesen.
»Eine ganz fabelhafte Schule«, sagte sie. »Und die Rettung für meinen Josef. Er ist ja aus so einfachen Verhältnissen gekommen. Seine Leute haben nur eine Kuh, eine Ziege und drei Hühner besessen. Im Winter hat die ganze Familie in den Stall umziehen müssen, weil es der einzige warme Ort in ihrer Bruchbude war.«
»Mama, jetzt übertreibst du aber!«, griff meine Mutter ein.
»Wenn ich’s dir sage: der Josef wäre garantiert verhungert, weil das Essen für den Jüngsten von zwölf Kindern nicht gereicht hätte.«
»Von acht«, sagte meine Mutter.
»Wäre da nicht der Pfarrer von Engelschalling gewesen. Der hat gemerkt, wie blitzgescheit der kleine Seppi war.«
»Er hätte Pfarrer werden sollen, hast du mal erzählt«, sagte mein Vater.
»Missionar. Aber das war nicht seine Bestimmung. Weil er der geborene Lehrer war.«
Meine Oma betonte noch einmal, wie arm die Hammerls gewesen waren, wie sie überhaupt gern etwas zweimal sagte. Das war ihr deswegen so wichtig, weil sie selbst aus »besserem Hause« stammte. Ihr Vater hatte eine Gerberei besessen, und Gerber waren, auch wenn es bei ihnen schlimmer als im schmutzigsten Stall roch, angesehene Leute. Die Bayern mussten schließlich mit Lederhosen versorgt werden.
»Ohne Schuhe, den ganzen Weg von Engelschalling aus! Hundertfünfzig Kilometer! Mutterseelenallein!«, rief meine Oma und schlug die Hand vor den Mund, als wäre mein Opa gerade erst barfuß in St. Ottilien angekommen.
»Weißt du, ob die Pädagogik dort noch die alte ist?«, erkundigte sich mein Vater.
»Ganz bestimmt«, sagte meine Oma. »Die Mönche legen ja großen Wert auf die Tradition.«
Als er ihr verriet, dass er darüber nachdächte, mich ebenfalls nach St. Ottilien zu schicken, erklärte sie, sie habe immer schon davon geträumt, dass einer ihrer Enkel Missionar würde.
»Dann bin ich ja ganz allein«, protestierte Berti.
Ich wartete darauf, dass Sigi »ich auch« sagte, aber der hatte sich mit einem geklauten Lutscher unter den Tisch verzogen.
»Aber«, sagte meine Mutter, »so jung darf man doch kein Kind aus dem Nest stoßen.«
»Alt wird er von selber«, sagte mein Vater.
Ich war mir sicher, dass er nur Theater spielte, damit ich vom Rauschgift abließ. Seine Sparsamkeit würde mich auf jeden Fall vor dem Internat beschützen.
Doch dann erwähnte er den Bundesbruder. So hießen die Mitglieder seiner Studentenverbindung Unitas, die, wie er stets versicherte, »nichtschlagend, nicht farbentragend und selbstverständlich katholisch« war.
»Ich habe einen in St. Ottilien.«
Das änderte alles. Die Bundesbrüder machten Dinge möglich, die eigentlich unmöglich waren. Wahrscheinlich konnten sie sogar dafür sorgen, dass er einen teuren Internatsplatz zum Schnäppchenpreis bekam.
Ich war verloren.
5
»Mein Vater«, sagte meine Mutter zu dem Pater, der ein Bundesbruder war, »ist auch hier gewesen.«
Sie zeigte auf den neugotischen Kirchturm von St. Ottilien, meinte aber das angrenzende Internat.
»Tatsächlich? Wie schön!«
»Hammerl hat er geheißen.«
»Hammerl?«
Ich weiß nicht, ob der Pater deswegen schmunzelte oder ihm dieser Ausdruck von Haus aus ins Gesicht geschnitzt war.
»Wir können gern später im Schülerarchiv nachschauen, wie er sich bei uns gemacht hat.«
Er zwinkerte mir zu, als wollte er sagen, dass meine Enkel da später auch mal was über mich lesen könnten.
»Aber jetzt schauen wir uns erst mal ein bisschen um, damit der Peter sieht, ob unser Laden was für ihn ist.«
Ich fand es gemein, dass er so tat, als wäre es meine Entscheidung, ob ich ins Internat kam oder nicht.
»Als Erstes gehen wir in unser Missionsmuseum. Weil, das ist wirklich unser Schmankerl.«
Ich hatte es während der ganzen Fahrt geschafft, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten und so zu tun, als wäre der Besuch in St. Ottilien ein harmloser Familienausflug. Bei dieser Strategie wollte ich auch bleiben. Weder meine Eltern noch der Pater sollten erkennen, ob ich mich mit einer Zukunft als Internatsschüler bereits abgefunden oder einen Rettungsplan entwickelt hatte.
Das Missionsmuseum war alles andere als ein Schmankerl, wenn man Schmankerl wie Kaiserschmarrn oder Zwetschgendatschi zum Maßstab nahm. Es gab ausgestopfte Tiere aus Afrika mit Glasaugen, die man im Tierpark Hellabrunn lebendig sehen konnte oder in Ein Platz für Tiere von Bernhard Grzimek. Es gab Schmuck, Waffen und Masken. Aber die vergaß ich gleich wieder, als ich das Foto einer Gruppe von Missionaren entdeckte. Sie starrten erschrocken in die Kamera, als wüssten sie schon, dass sie bald nach der Aufnahme aufgehängt werden oder in einem koreanischen Lager am Hungertod sterben sollten. Das stand auf einer Tafel neben dem Foto.
»Natürlich wieder die Kommunisten«, sagte mein Vater.
Der Pater schmunzelte. Es war also sein Gesicht, nicht der Name Hammerl.
Ich hatte mich noch nicht von den ermordeten Missionaren erholt, da stand ich vor Hunderten aufgespießter Schmetterlinge. Einer, über dessen weiße Flügel sich ein zartes, blaues Band spannte, sah in Klein exakt so aus, wie ich mir die Muttergottes von Lourdes in Groß vorgestellt hatte. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich, falls ich wirklich Internatsschüler in St. Ottilien mit dem Berufsziel Missionar werden sollte, wieder mit einer Marienerscheinung zu rechnen hatte.
Ich sank, wie ich es im Kellerflur lange geübt hatte, leblos zu Boden. Meine Mutter stürzte mit einem Aufschrei zu mir.
»Peter, was ist los? Was hast du denn?«
Ich riss die Augen auf und tat so, als könnte ich nicht reden. Meine Mutter nahm mich in die Arme, mein Vater klopfte mir auf die Backen und tastete nach meinem Puls. Ich schluckte, holte tief Luft, schluckte noch einmal und flüsterte: »Ich … ich lauf weg.«
»Was sagt er, Gertraud?«
»Er …«
»Wenn ich ins Internat komme …«
»Jetzt red doch mal so laut, dass man dich hört!«
»Er sagt …«
Ich unterbrach meine Mutter und sagte es selbst.
»Wenn ich ins Internat komme, laufe ich weg. Und wenn sie mich einfangen, laufe ich noch mal weg. Immer wieder.«
Ich war so gerührt von mir selbst, dass ich zu schluchzen anfing.
»Und wohin willst du laufen?«, knurrte mein Vater.
»Ja, zu euch.«
Ich konnte sehen, dass in den Augenwinkeln meiner Mutter Tränen schimmerten. Als ich mir das mit dem Heimlaufen ausgedacht hatte, wusste ich, dass sie an dieser Stelle weinen würde.
»Du fällst doch nicht auf das Theater rein?«, sagte mein Vater. Meine Mutter warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und fragte mich, was sie für mich tun könne, damit es mir wieder besser ging.
»Mich nach Hause bringen«, hauchte ich.
»Du schaust dir jetzt das Internat an, Herrschaftszeiten!«, sagte mein Vater. »Wir sind nicht zur Gaudi hergefahren.«
»Dann Kaba«, sagte ich.
So gelang mir wenigstens die Befreiung aus dem Schmankerl-Museum. Kaba gab es laut dem Pater im Speisesaal des Internats. Der Kaba war aber kein Nesquik wie bei uns zu Hause, sondern Ovomaltine. Ich ließ den Becher nach einem Schluck stehen.
Mein Vater hasste es, wenn wir nicht aufaßen oder austranken, aber diesmal beherrschte er sich.
Als der Pater mir den Schlafsaal zeigte, sagte er: »Zu uns kommen immer wieder Zöglinge, die am Anfang furchtbar Heimweh haben, aber nach ein paar Wochen wollen sie gar nicht mehr weg.«
In einem Bett lag so ein Zögling. Er hatte einen roten Kopf und wimmerte. Wenn ich Fieber hatte, saß meine Mama bei mir oder machte mir Wadenwickel. Der Zögling war allein.
Ich überlegte kurz, ob ich jetzt schon den Asthmaanfall, den ich ebenfalls geprobt hatte, bekommen sollte. Ich hatte kein Asthma, deswegen musste mein erster Anfall sehr überzeugend sein. Ich holte tief Luft, da kündigte der Pater schon die nächste Station an, den Fußballplatz. Mir war klar, dass er mich damit nach dem Reinfall im Missionsmuseum ködern wollte. Alle Buben, außer den dicken, die nicht ins Tor wollten, spielten gern Fußball. Aber unser Bolzplatz direkt hinterm Haus war besser als alle Fußballplätze der Welt – wenn die Schafe ihn nicht gerade zugeschissen hatten.
»Ich möchte lieber erst ins Archiv, nach meinem Opa Hammerl schauen.«
Die Schülerakten lagerten im Dachboden, den wir über eine schmale Hintertreppe erreichten. Weil hier auch Tauben nisteten, waren die Schränke mit den Dokumenten und ein Lesetisch mit Bettlaken abgedeckt. Meine Mutter wusste, dass ihr Vater im Jahr 1887 geboren war, zehn Jahre später musste er in St. Ottilien angekommen sein.
»Barfuß angeblich«, sagte sie.
»Dann war er ja bei den allerersten Zöglingen hier«, sagte der Pater und zog ein Tuch weg. Staub flog auf, getrocknete Taubenscheiße rieselte auf den Boden. Er musste länger suchen, mein Vater schaute schon auf die Uhr. Er war es gewohnt, pünktlich um 13.00 Uhr am Mittagstisch zu sitzen, und hatte eine Empfehlung für eine Wirtschaft mit besonders günstigem Schweinebraten.
»Hammerl Josef«, sagte der Pater endlich, »geboren in Engelschalling.«
»Das ist er.« Die Stimme meiner Mutter zitterte leicht.
Der Pater breitete die Zeugnisse auf dem Tisch aus. Ich sah nur Einser und Zweier. Wahrscheinlich hat es damals nur zwei Noten gegeben, dachte ich.
»Seltsam, sein Abiturzeugnis fehlt, aber da ist ja der Schülerbogen.«
Ich konnte die Schrift nicht entziffern, aber meine Mutter las mir vor, dass mein Großvater strebsam, artig und sehr fromm gewesen war. Und, dass ihm der Unterricht an der Querflöte viel Freude bereitet hatte.
»Merkwürdig«, sagte der Pater, »wieso hat er die Schule denn so kurz vor dem Abitur verlassen?«
»Heißt das Unzucht?«, sagte mein Vater und deutete auf ein Wort.
Meine Mutter schlug die Hand vor den Mund, der Pater klappte den Schülerbogen schnell zu, und mein Vater verbesserte sich.
»Blödsinn, Unfall. Ja, er hat einen Unfall gehabt.«
»Richtig!«, rief meine Mutter. »Daran erinnere ich mich dunkel.«
»Ja, das hat er erzählt, als ich zum ersten Mal bei euch zu Besuch war. Der Unfall bei der Apfelernte. Wie er von der Leiter gefallen ist.«
»Gott, der Arme«, sagte der Pater.
Die drei schauten zu mir, ob die Geschichte gewirkt hatte. Um sie zu beruhigen, sagte ich auch: »Der Arme.«
Unzucht war eindeutig ein Fall für mein Heft. Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutete, aber ich mochte das Wort sehr, weil es dazu führte, dass wir das Kloster St. Ottilien fluchtartig verließen. Und nicht nur das, mit der Unzucht war das ganze Internatsthema vom Tisch. Ich musste meinen Eltern nur versprechen, nie mehr Rauschgift zu nehmen und den Kontakt zu Hetti vollständig abzubrechen.
»Ich schwöre es hoch und heilig«, sagte ich vor unserem Auto und kreuzte die Finger hinter dem Rücken. Einmal musste ich auf jeden Fall noch mit Hetti reden, bevor ich sie für immer aus meinem Leben entfernte.
Hetti war in der ganzen Unterstufe dafür bekannt, dass sie griechische Götternamen runterbeten konnte wie ich den Rosenkranz. Eine, die wusste, dass Lachesis eine der drei Moiren war, die die Länge des Lebensfadens maß, den ihre Schwester Klotho gesponnen hatte und der von Atropos durchtrennt wurde, hatte sicher auch eine Erklärung für das Wort Unzucht.
Am nächsten Morgen, kurz vor der Kastanie, zupfte ich sie am Ärmel ihres verfilzten Norwegerpullis, den sie zu der Zeit immer trug. Ich konnte mir ja hinterher die Hände waschen.
»He, Hetti.«
»Peter!«
Sie schaute mich an wie jemand, der auf ein erlösendes Wort wartet. Sicher wollte sie hören, dass ich dank ihr endlich von den Drogen losgekommen war.
»Ich …«
Sie nickte mir aufmunternd zu.
»Du weißt doch garantiert, was Unzucht ist?«
»Was?«
»Unzucht.«
Ihre Augen wurden schmal und ihr Blick so starr, dass sie mir wie eines der ausgestopften Tiere mit den Glasaugen im Missionsmuseum vorkam.
»Wieso fragst du mich das?«
»Weil es mich interessiert.«
Hetti hörte nicht auf, mich anzustarren.
»Ich nehme kein Rauschgift mehr, ehrlich«, sagte ich.
Aber das war ihr egal.
»Wieso mich?«, sagte sie noch mal.
»Na ja, ich denke, du kennst dich mit solchen Sachen aus.«
Einen Augenblick lang dachte ich, sie würde zuschlagen oder mir ins Gesicht spucken. Dann sagte sie nur: »Schwein« und lief weg.
Nach dieser Begegnung wollte Hetti mich nicht mehr retten. Dafür hielt sie mich unter ständiger Beobachtung. Wenn ich mich im Pausenhof aus Versehen irgendeinem einzelnen Mädchen näherte, zog sie es schnell weg. Ich hatte den Eindruck, dass sie sämtliche Schülerinnen der fünften und sechsten Klasse vor mir warnte, denn alle wichen plötzlich angewidert oder verängstigt vor mir zurück.
6
»Die Sozis werden von den Kommunisten aus der DDR finanziert, weil die Roten heimlich zusammenhalten, verstehst du? Ihr größter Feind sind wir, die Katholiken, weil wir nicht an einen Willy Brandt oder Herbert Wehner glauben, sondern allein an unseren Herrgott. Hast du das verstanden, Peter?«
»Hab ich.«
Er saß an meinem Bett und nickte zufrieden.
»Gute Nacht, Papa.«
»Halt, eines noch: Welche Partei kämpft für uns?«
»Die Schwarzen.«
»Die CSU. Bist ein gescheiter Bub«, sagte er und hätte mich aus Versehen beinahe gestreichelt, obwohl er eigentlich nur kraulte, was ich ja nicht mochte.
»Soll ich das Licht ausmachen?«
»Ja, bitte.«
Ich wohnte als Einziger im Erdgeschoss, warum, hatte mir nie jemand erklärt. Aber meine jüngeren Brüder durften ja auch am Tisch näher beim Vater sitzen. Da war es logisch, dass sie auch näher am Elternschlafzimmer im ersten Stock schliefen. Es gab Nächte, da hatte ich das Gefühl, dass ich in einem anderen Land lebte als der Rest der Familie, so groß war die Entfernung zwischen Berti, Sigi, meinen Eltern und mir. Dann drückte ich mich in meinem Bett ganz nah an die Wand. Trotzdem überfielen mich manchmal Gespenster oder ich hörte Einbrecher tuscheln und bekam so eine Panik, dass ich bis zum Morgengrauen wach lag.
Doch jetzt hatte der Wahlkampf um den Bayerischen Landtag begonnen, und ich musste unbedingt mutiger werden. Während meine Eltern im Wohnzimmer nebenan das ZDF-Magazin von Gerhard Löwenthal sahen, dachte ich an den jungen Märtyrer Tarzisius, den ich in einem Theaterstück für Ministranten gespielt hatte. Ihn hatten Heidenbuben erschlagen, weil er geweihte Hostien nicht rausrücken wollte. Sicher hatte er noch mehr Angst gehabt als ich in manchen Nächten, als ihm sein Pfarrer sagte: »Bring mal schnell die Hostien zu den Katakomben rüber.« Jetzt war er weltberühmt. Gut, das hatte vor allem damit zu tun, dass die Heidenbuben ihn totgeschlagen hatten. Ich wollte eigentlich gern noch ein paar Jahre leben. Aber Mission war Mission.
Ich wartete, bis meine Eltern endlich ins Bett gegangen waren, dann kletterte ich aus dem Fenster. Es war November geworden, die Nacht war bitterkalt.
Willi Lucke kannte ich aus der Sonntagsmesse. Er hatte wie mein Vater eine große Nase, aber nur am Hinterkopf Haare, ein eckiges Kinn und spitze Ohren. Er saß immer in der vordersten Kirchenbank, schließlich sollten die Leute ihn sehen, damit er wieder in den Landtag gewählt wurde. Das Plakat von Willi Lucke mit den Buchstaben CSU hing überall. Sogar in Allach. Aber da traute ich mich nachts nicht hin. Allach war ein Arbeiterviertel, und wenn ich der moderne Tarzisius war, waren die Arbeiterbuben womöglich die Heiden von heute.
Ich rannte am Bolzplatz vorbei über feuchte Wiesen, huschte über die nachts kaum befahrene Hauptstraße und erreichte eine große Plakatwand. Als ich mich keine zwei Minuten später wieder davonschlich, hatten unser Ministerpräsident Alfons Goppel und Willi Lucke die Wand für sich alleine. Ihre Konkurrenz lag im Gras. Die Plakate der Roten hatte ich zur Sicherheit zerfetzt.
Zurück im Bett, zitterte ich wie die Nadel unserer Singer-Nähmaschine, und mein Herz schlug so laut, dass ich befürchtete, meine Eltern im ersten Stock zu wecken. Trotzdem zog ich in der nächsten Nacht wieder los und in der übernächsten auch. Ich traute mich immer weiter von unserem Haus weg, einmal sogar bis nach Allach. Dort verfolgte mich ein Rottweiler – zum Glück ohne sonderlichen Ehrgeiz –, in Obermenzing sogar eine Funkstreife. Ich musste mich im Müll des Alten Wirts verstecken und roch, weil meine Mutter uns nur alle zwei Wochen die Haare wusch, noch tagelang nach verfaultem Gemüse und Blut.
Der Einzige, dem das auffiel, war Sigi, obwohl er in der Familie mit Abstand die kleinste Nase hatte. Er riefjedes Mal »bäh«, wenn ich ihm zu nahe kam. Das passierte nicht oft, denn ich interessierte mich nicht für seine Welt aus Bauklötzen und Matchbox-Autos, und er ging mir und Berti möglichst aus dem Weg. Wahrscheinlich hatten wir ihn zu lange als lebendes Spielzeug betrachtet und ihn durch unsere Experimente mit ihm verstört. Am spannendsten war die Zeit gewesen, als er laufen lernte. Wir freuten uns, wenn Hertha – unser Dienstmädchen, das wir neuerdings Hausangestellte nennen mussten – freihatte und wir ihn beaufsichtigen durften. Sigi war unheimlich stolz, als er endlich selbstständig stehen konnte. Er zog sich am Gitter des Laufstalls hoch und gluckste vor Vergnügen. Wir wurden Zeugen, wie er taumelnd seine ersten Schritte wagte. Er plumpste auf sein Windelpaket, zog sich wieder hoch und versuchte es erneut. Er war unermüdlich und schaffte es bald ohne Sturz von der einen auf die andere Seite des Laufstalls und wieder zurück. Wir lobten ihn und applaudierten, bis uns das Hin und Her langweilig wurde. Unsere Mutter hätte uns längst ablösen sollen, nur deswegen knoteten wir die Beine von Sigis Strumpfhose zusammen und stellten ihn wieder auf. Er lief los und fiel ungebremst aufs Gesicht. Er versuchte es sofort noch einmal – mit demselben Ergebnis. Aber Sigi war nicht der Typ, der schnell aufgab. Seine Stürze wurden immer übler, er heulte vor Verzweiflung und blutete aus der Nase. Da tat er uns leid, wir erlösten ihn und wischten ihm die Nase ab. Als unsere Mutter endlich nach Hause kam, entdeckte sie trotzdem, dass Sigi Nasenbluten gehabt hatte.
»Er weiß noch nicht, dass man nicht so tief bohren darf«, sagte ich, und Berti meinte: »Das musst du ihm beibringen, sonst verblutet er noch mal.«
Beim gemeinsamen Frühstück am Wochenende erschreckte unser Vater uns manchmal damit, dass er bei seiner Zeitungslektüre plötzlich eine Zeile laut las. Das passierte meistens, wenn er wütend wurde. Fast immer war Willy Brandt, also der Deserteur Herbert Frahm, der Anlass, weil er sich zum Beispiel mit dem stellvertretenden Staatsratsvorsitzenden der DDR getroffen hatte oder zusammen mit seinem »nützlichen Idioten« Walter Scheel den Moskauer Vertrag unterschreiben wollte. Zu diesem Ritual gehörte, dass ich empört den Kopf schüttelte und »die verkaufen uns doch alle für dumm« sagte. Mein Vater freute sich, dass ich so ein gelehriger Schüler war, und vertiefte sich wieder in den Münchner Merkur.
Mein letzter nächtlicher Ausflug, der im Müll des Alten Wirts geendet hatte, lag fünf Tage zurück und ich stank kaum noch. Da las er eine Schlagzeile vor, die nichts mit Willy Brandt zu tun hatte.
»Aufregung im Plakatwahlkampf. Oppositionsparteien beklagen Vandalismus.«
Ich wusste zwar nicht, was Vandalismus bedeutete, hatte aber so eine Vermutung und schwieg zur Sicherheit. Mein Vater war es nicht gewohnt, dass ich nicht reagierte, und schaute fragend hinter der Zeitung hervor. Unsere Blicke trafen sich. Ich versuchte noch schnell, ein unschuldiges Gesicht aufzusetzen, aber da wusste er es schon. Jetzt komme ich doch nach St. Ottilien, schoss es mir durch den Kopf. Vandalismus klang so schlimm, dass es keine Rolle mehr spielen würde, ob mein Großvater im Jahr 1905 irgendetwas ausgefressen hatte, was in einem Klosterinternat zum Rauswurf führte. Meinen Eltern blieb gar keine andere Wahl, als mich, nachdem ich nun auch noch zum Vandalen geworden war, ins Internat zu stecken. Mein Vater brummte hinter seiner Zeitung wie ein gereizter alter Bär. Danach war es in unserem Esszimmer so still, dass ich meine Kommunionsuhr ticken hörte.
Drei Tage lang geschah nichts. Wieso ließen meine Eltern mich so schmoren? Es war doch klar, dass einer, der als Vandale in der Zeitung gestanden hatte, nicht länger zu Hause leben durfte. Ich war so zermürbt, dass ich beinahe von mir aus vorgeschlagen hätte, nach St. Ottilien gebracht zu werden, da rief mein Vater mich in den Raum, der Arbeitszimmer hieß und den wir nur betreten durften, wenn die Lage sehr ernst war. Anders als der Arzneimittelkeller war das Arbeitszimmer konsequent abgeschlossen, wenn unser Vater nicht zu Hause war. Nicht mal meine Mutter besaß einen Schlüssel.
»Weil er sich wegen seinem Verhau schämt«, sagte sie.
Aber das war nicht der Grund. Zwar stapelte mein Vater auf seinem Schreibtisch, dem Cordsofa, zwei Stühlen und einem Sessel die Vertraulichen Mitteilungen aus Politik und Wirtschaft, die Deutsche Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur und Werbeprospekte mit Schnäppchenangeboten aller Art, aber doch nur, weil er immer auf dem neuesten Stand sein musste. Schließlich konnte der Warschauer Pakt, den er gern als »Warschauer Pack« bezeichnete, jederzeit angreifen. Es war verständlich, dass er angesichts der Bedrohungslage keine Zeit mit Aufräumen vergeuden wollte. Auch die Schnäppchen interessierten ihn weniger aus Sparsamkeit als aus politischen Gründen. Er musste doch für den Fall, dass der Dritte Weltkrieg ausbrach – was mehr als wahrscheinlich war –, vorsorgen. Deswegen waren die Regale im Vorratskeller immer gut gefüllt. Tante Afra, die Schwester meines Vaters, hatte für den Notfall sogar Soleier eingelegt. Das fand er allerdings altmodisch, wo es doch diese wunderbaren »Büchsen« gab, mit Ananas, Ravioli, Leberwurst, Bismarckhering und Hühnerragout.
Er saß auf seinem Schreibtischstuhl, rollte ein Stück vor und zurück und wieder vor und blickte mich dabei mit unbewegter Miene an. Ich stand an der Tür und wartete auf die Urteilsverkündung. Weil er nichts sagte, schaute ich mich unauffällig um. Mein Blick schweifte von einem Ölbild mit einem Karwendel-Gipfel über Haufen mit ausgerissenen Zeitungsartikeln bis zu dem die ganze Wand einnehmenden Bücherregal.
Plötzlich wusste ich, warum er sein Arbeitszimmer so streng bewachte. Hier, in einem tiefen Regalfach, das sonst immer hinter einer Klappe verborgen war, befand sich sein Allerheiligstes.
Das Altarbild war dreigeteilt wie in unserer Kirche. Das Zentrum bildete ein vergrößertes, schwarz-weißes Foto. Es zeigte unsere Familie, kurz nachdem Sigi geboren und meine Mutter seltsam pausbäckig gewesen war. Links daneben hatte mein Vater ein Foto von sich aus dem Krieg aufgestellt. Er trug eine Uniform, die an Armen und Beinen viel zu kurz war, und blickte mit großem Ernst in die Kamera. Der rechte Altarflügel bestand aus einer Urkunde. Mein Vater war kurz nach meiner Geburt noch einmal für ein paar Jahre als Arzt zum Militär gegangen, hatte dort offenbar aber keine guten Erfahrungen gemacht. Jedenfalls wurde er sehr schweigsam, wenn man ihn nach dieser Zeit fragte. Auf den dritten Platz im Kleinkaliberschießen seiner Einheit war er dennoch stolz.
Vor dem Altar standen eine Schnapsflasche und ein Glas mit einem Edelweiß drauf. Daneben lag eine Art Wurst aus speckigem Leder mit einer Schlaufe an einem Ende und einer Kugel am anderen. Ich ahnte, was das war. Mein Klassenkamerad Thomas hatte mal von seinem Großvater erzählt, der im Krieg einen Bosniaken mit einem einzigen Hieb getötet hatte – mit einem Totschläger. Während ich noch überlegte, was wohl ein Bosniake war und wen mein Vater totschlagen wollte, stieß er sich mit einem Fuß vom Schreibtisch ab und schoss mit seinem Stuhl auf mich zu. Auf halber Strecke bremste er ab, sprang auf, schlug die Klappe vor seinem Allerheiligsten zu und sagte: »Also …«
Ich senkte den Blick. Bestimmt hatten sie meinen Umzug ins Internat schon organisiert. Dort würde ich bis zum Abitur eingesperrt bleiben, falls ich es bis zur dreizehnten Klasse schaffte. Anders als mein Opa Hammerl war ich ja nicht so strebsam, dafür aber wenigstens noch nicht wegen Unzucht aufgefallen.
»Ich weiß von nichts«, sagte mein Vater und grinste seltsam schräg. »Deswegen ist das auch keine Belohnung.«
Er hielt mir eine Papierrolle hin. Wahrscheinlich ein Poster von St. Ottilien, dachte ich, damit ich mich schon mal an den Anblick gewöhnen kann. Ich wollte das Gummiband abstreifen, doch mein Vater schob mich ungeduldig zur Tür. Er ertrug keine längeren Besuche in seinem Arbeitszimmer. Ich spähte durchs Schlüsselloch, sah aber nur seinen Schreibtisch. Zu gern hätte ich gewusst, ob er sich jetzt ein Gläschen genehmigte oder doch lieber mit dem Totschläger übte.
7
Ich kannte viele Fotos von ihm, aber das war mit Abstand das schönste. Er blickte einen so direkt und ehrlich an, dass kein vernünftiger Mensch an ihm zweifeln konnte. Er verheimlichte weder seine Kraft noch seine Zweifel. Ihm war bewusst, dass der Weg zur Verwirklichung seiner Pläne lang und steinig werden konnte. Deswegen hielt er den Mund streng geschlossen und zeigte nicht die Spur eines Lächelns. Seine Kleidung war zurückhaltend: dunkler Anzug, helles Hemd. Nur mit der Krawatte setzte er ein Zeichen. Sie war weiß-blau kariert, da war ich mir sicher, obwohl das Plakat bis auf die großen, goldenen Buchstaben CSU ganz in Schwarz-Weiß gehalten war. Weißblau, wie das bayerische Wappen und der Himmel über unserer Heimat.
Ich hatte das Plakat mithilfe einer Stehleiter so an die Decke geheftet, dass er auf mich herabblickte, wenn ich im Bett lag. Den Satz neben seinem Gesicht musste ich immer wieder lesen. Entschlossen die Zukunft sichern. Er war der Einzige, dem das gelingen konnte und der vielleicht noch rechtzeitig verhinderte, dass mit den Roten alles den Bach runterging.
Es war nicht so, dass ich zu ihm betete, das wäre ja Götzendienst gewesen. Aber ich fühlte mich von ihm beschützt. Solange Franz Josef Strauß über mich wachte, konnte mir nichts Schlimmes passieren. Wahrscheinlich würde ich nicht mal ins Internat kommen. Mein Vater jedenfalls wirkte sehr zufrieden, als er sah, was für einen schönen Platz ich für sein Geschenk gefunden hatte. Jetzt streichelte er mir wirklich über den Kopf, zog seine Hand aber ganz schnell zurück und wischte sie an der Hose ab.
»Heute Nacht bleibst du daheim, gell? Und die nächsten Nächte auch. Ist besser, Peter.«
So endete mein Wahlkampf. Zwei Wochen später gewannen Willi Lucke und Alfons Goppel haushoch. Ich hatte ihnen dabei geholfen – mit meinem Vandalismus, für den ich immer noch kein deutsches Wort kannte. Franz Josef Strauß schaute schon etwas zufriedener von der Decke herab. Jedenfalls kam es mir so vor.
An meiner Schule war ich, obwohl ich als Vandale in der Zeitung gewesen war, weiter der Unauffällige. An manchen Tagen glaubte ich, ich hätte eine seltene Krankheit, die mich unsichtbar machte. Nur bei Hetti war es anders. Sie ließ mich nach wie vor nicht aus den Augen. Vermutlich wollte sie jederzeit zum Angriff bereit sein, falls ich unzüchtig wurde.
Außer ihr kam kein anderes Mädchen auf den Gedanken, mir hinterherzuschauen oder gar das Wort an mich zu richten. Noch vor ein paar Wochen wäre das für mich, wie Thomas mit dem Totschläger-Opa zu sagen pflegte, »nicht kriegsentscheidend« gewesen. Auf einmal ärgerte es mich irgendwie. Das bedeutete nicht, dass ich auch mal mit einem Mädchen gehen wollte – ganz bestimmt nicht. Die beiden Klassenkameraden, die das neuerdings machten, kamen mir lächerlich vor. Ich hatte spätestens mit sechs Jahren aufgehört, mich an meiner Mutter festzuhalten. Sie aber schämten sich nicht, kilometerweit an der Hand eines weiblichen Wesens zu gehen. Oder machten die Mädchen so viel Druck, dass sie nicht anders konnten?
Mein Mutter hätte so was nie gemacht. Sie bemühte sich eher, nicht so weiblich zu sein, um nicht von uns Männern ausgelacht zu werden. Sie weinte möglichst wenig und trug beim Bergsteigen einen Rucksack, der fast so schwer war wie der von meinem Vater. Wenn er sie vor einer Kuhweide fragte, ob sie ihre Schwestern begrüßen wolle, lachte sie tapfer mit ihm mit. Empfindlich war sie nur selten, und dann lag es an ihrer Periode. Das hatte mein Vater mir verraten, als sie mal weinend vom Essen weggerannt war, bloß weil sie es versalzen hatte. Selbstverständlich hatte ich mich gleich erkundigt, was eine Periode war.
»So nennt man die Zeit, in der Frauen komisch sind.«
»Ist das eine Krankheit?«
»Das kann man so sagen.«
Ich hatte wissen wollen, ob alle Frauen diese Krankheit bekamen und wie oft und ob sie selber merkten, dass sie komisch waren, und ob es eine Medizin dagegen gab, und ob wirklich nur Frauen die Periode kriegten, weil mein Klassenkamerad Hans-Jürgen, der immer mit mir Schulbus fuhr, manchmal auch komisch war.
»Hauptsache, du bist nicht komisch«, hatte mein Vater gesagt und war aufgestanden, um nach seiner periodekranken Frau zu schauen.
Trotz ihrer Periode war meine Mutter das einzige weibliche Wesen, das ich ein bisschen zu verstehen glaubte. Alle anderen fand ich nur seltsam. Meine Gymnastik-Oma wollte, dass wir Gymnastik machten, obwohl sie selbst vielleicht noch nie Sport getrieben hatte. Hertha redete mit unserer Schäferhündin, als hätte sie es mit einem Baby zu tun, und Tante Afra bereitete sich mit Hunderten von versalzenen Eiern auf den Krieg vor. Am fremdesten waren mir die Mädchen in meinem Alter, was vielleicht auch daran lag, dass ich mit ihnen nach wie vor keinerlei Kontakt hatte. Das mit Hetti war die Ausnahme gewesen. Aber auch sie war mir ein Rätsel geblieben. Erst war sie mir um den Hals gefallen, dann hatte sie mich mit ihren Botschaften in solche Schwierigkeiten gebracht, dass ich beinahe in ein Internat gesperrt worden wäre. Und jetzt behandelte sie mich wegen meiner Frage nach einem einzigen unbekannten Wort – Unzucht – wie einen gefährlichen Verbrecher. Ich beschloss, dass die Mädchen mich nicht interessierten. Wieso sollte ich mir den Kopf über sie zerbrechen, wenn es so tolle Männer gab wie Franz Josef Strauß?
Am 22. 12. 1970 feierte ich meinen zwölften Geburtstag mit drei etwa gleichaltrigen Ministranten im Pfarrheim. Es gab von Hertha gebackenen Marmorkuchen und echten Kakao, und der Pfarrer kam vorbei, um mir ein Bildchen vom heiligen Tarzisius zu schenken.
»Bleib ein braver Diener Gottes, Peter«, sagte er und kniff mich in die Backe.
Kaum war er weg, ging es los. Ich hatte mich bewusst entschieden, nur mit Ministranten zu feiern, weil ich gehofft hatte, für sie wären die Mädchen nicht so wichtig. Aber sie waren genauso besessen von dem Thema wie meine Klassenkameraden, die fast alle durchdrehten. Sogar Thomas mit dem Totschläger-Opa, der sich immer nur abfällig über die Weiber geäußert hatte, ging plötzlich mit einem und hielt im Pausenhof vor aller Augen Händchen. Damit er keine Sekunde mit seiner Gabi versäumte, schenkte er mir Punkt halb zehn sein Brot und stürmte wie ein Irrer zu ihrem Klassenzimmer, um sie in die Pause abzuholen. Ich verstand beim besten Willen nicht, was so toll am Händchenhalten sein sollte. Mein Vater hatte mir erklärt, dass Mädchenhände zum Schwitzen neigten und deswegen deutlich mehr Bakterien übertrügen. Er selbst mied sicherheitshalber sogar die Hände meiner Mutter, die sich eigentlich nie feucht anfühlten. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass er sie jemals küsste. Ganz sicher nicht auf den Mund. Das bedeutete nicht, dass er sie gar nicht berührte, er legte nur lieber den Arm um sie und drückte sie so fest, dass sie aufschrie, oder gab ihr einen Klaps auf den Hintern. Das machte er aber nur, wenn er glaubte, dass wir es nicht sahen.
Ein Arzt, der sich gut mit Frauen und noch besser mit Bakterien auskannte, war natürlich vorsichtiger als meine ahnungslosen Klassenkameraden. Die feierten sich gegenseitig dafür, wenn sie zu Händchenhaltern geworden waren. Als ich unvorsichtigerweise zugab, ein Leberwurstbrot mit Senf und Gurke, wie das von Thomas, jeder Mädchenhand vorzuziehen, hatte ich den letzten Rest Ansehen in meiner Klasse verspielt. Nach den Weihnachtferien fiel mir auf, dass mich auf dem ganzen Weg von der Bushaltestelle bis zum Klassenzimmer und auch dort kein Mensch mit mehr als einem gelangweilten Nicken oder einem »He« begrüßte, geschweige denn fragte, ob ich wieder im Skiurlaub in Tirol gewesen war – war ich nicht, weil Sigi kurz vor der Abfahrt die Windpocken bekommen hatte.
Es war so ungerecht. Eigentlich hätte ich berühmt sein müssen. Mir war beinahe die Muttergottes erschienen, und Willi Lucke saß hauptsächlich wegen mir im Landtag. Blöderweise konnte ich über beides nicht reden. Die Geschichte mit der Muttergottes hätten meine Klassenkameraden, die nicht mal die Namen der Kinder von Fátima kannten, nicht verstanden, und Vandalismus war offenbar verboten. Dabei wäre ich für meinen nächtlichen Wahlkampf bestimmt sehr bewundert worden. So aber musste ich im Februar 1971 bei den halbjährlich stattfindenden Klassensprecherwahlen erleben, dass ich nicht mal als Kandidat vorgeschlagen wurde. Ich wurde auch nicht erster oder zweiter Sportwart und nicht Klassenkassenwart. Gut, so ging es achtunddreißig anderen Schülern in meiner Klasse auch, aber die bekamen wenigstens gar kein Amt. Ich hingegen wurde mit fast hundert Prozent der Stimmen – allen außer meiner eigenen – zum Sauberkeitswart gewählt. Dieses Amt gab es nur in unserer Klasse 6A, was nicht daran lag, dass wir mehr Schmutz hinterließen als andere. Es war die Idee unseres einarmigen Geschichtslehrers, der im Krieg »gewisse Erfahrungen mit fehlender Hygiene« gemacht hatte. Welche, wollte er uns nicht verraten, wir vermuteten aber, dass ihm Ratten seinen Arm abgefressen hatten. Als Sauberkeitswart musste ich Apfelbutzen und rotzige Papiertaschentücher einsammeln und täglich den Papierkorb, in dem sich jede Menge ekliges, klebriges Zeug befand, leeren und säubern. Schlimmer noch als der Ekel war die Trauer. Ich verstand nicht, wieso ich so unbeliebt war. Ich war kein Schläger, ich klaute nicht und führte nie das große Wort. Mein Leben fühlte sich so verpfuscht an, dass ich mich zu fragen begann, ob ich vielleicht ähnlich wie die Schlange im Paradies von Gott verflucht worden war.
Vielleicht wusste ja Franz Josef Strauß Rat. Wir waren inzwischen per Du, er nannte mich Gillitzer, ich ihn Strauß, und unterhielten uns regelmäßig, bevor ich einschlief. Wir klärten Fragen wie, ob ich Russisch lernen sollte, damit ich den Russen, wenn er kam, in seiner Sprache begrüßen konnte. Strauß war dafür, weil ich sonst als bekennender Katholik gleich nach dem Einmarsch am nächsten Laternenpfahl aufgehängt werden würde. Als ich beim Abendessen meine Absicht kundtat, einen an unserer Schule angebotenen Kurs zu besuchen, war mein Vater von meiner politischen Weitsicht begeistert, meine Mutter sagte voraus, dass ich nicht viel mehr lernen würde als die Lehnwörter Kurort, Rjuksak und Buterbrod. Ich lernte auch noch, Wunderkind, Schlagbaum und Poltergeist, ansonsten behielt sie recht.
Das schmälerte mein Vertrauen in Franz Josef Strauß nicht im Geringsten. Es war ja nicht seine Schuld, dass ich nicht so strebsam war wie mein unzüchtiger Großvater. Ich fragte ihn also, was ich tun könnte, um von meinen Klassenkameraden endlich bewundert zu werden. Wenn es einen Experten gab, der wusste, wie man es von ganz unten nach ganz oben schaffte, dann Strauß. Sein Vater war ein Metzger gewesen. Wahrscheinlich hatte er beim Ausfragen im Lateinbuch seines Sohnes Blutflecken hinterlassen und beim Elternsprechtag der Sozialkundelehrerin erklärt, wie man ein Schwein absticht. Aber das hatte einen Franz Josef Strauß auf seinem Weg zum besten deutschen Politiker nicht aufhalten können.
»Wenn du bewundert werden willst, musst du dir den steilsten Zahn von allen nehmen.«
»Was ist ein steiler Zahn?«
»Ein Mädel halt.«
»Ich will aber kein Mädel!«
Ich schrie so laut, dass meine Mutter ihren Platz vor dem ZDF-Magazin verließ, um zu schauen, ob ich schlecht geträumt hatte.
Kaum war sie weg, machte Strauß mit der Mädels-Nummer weiter.
»Du musst ja nicht Händchen halten, Gillitzer.«
»Und woran erkennen die anderen dann, dass ich mit einem gehe?«
»Lass dir was einfallen. Du bist schlau. Nicht die Wirklichkeit ist wichtig, sondern das, was die anderen dafür halten.«
Manchmal war Strauß schwer zu verstehen. Das kam daher, dass er unglaublich intelligent war. Er hatte sein Abitur mit 1.0 gemacht und war Stipendiat im Maximilianeum geworden. Da nahmen sie wirklich nur die »Allergescheitesten«, wie mein Vater wusste. Ich fragte Franz Josef Strauß, was er damit gemeint hatte, dass die Wirklichkeit nicht das Entscheidende war. Aber er mochte keine Erklärungen und verwandelte sich wieder in das Plakat, das stumm über mir an der Decke hing. Entweder man verstand ihn gleich oder man hatte Pech.
Was hatte er mir bloß sagen wollen? Nicht die Wirklichkeit ist wichtig. Ich grübelte die ganze Nacht. Als es schon wieder hell wurde, hatte ich die Antwort endlich gefunden.
8
Zum Schulbus gab es zwei Wege. Einen über Untermenzing und einen über Obermenzing. Das kam daher, dass wir in beiden Vierteln wohnten. Die Grenze verlief mitten durch unser Grundstück, das Gebäude gehörte noch zu Untermenzing, der Garten schon zum südlichen Nachbarstadtteil.
»Wenn euch jemand fragt«, riet unser Vater, »seid ihr besser Obermenzinger.«
Bertis Einwand, dass wir doch nicht im Garten wohnten, ließ er nicht gelten. Ich begriff zwar nicht, warum die Ober- den Untermenzingern überlegen sein sollten, folgte aber seinem Rat. Berti hingegen bezeichnete sich stur als Untermenzinger. Er hatte, nachdem viele Wissensfelder bereits durch mich belegt waren, in der Familie die Rolle des Geografieexperten übernommen. Er saß stundenlang vor dem großen Globus, den er zu seinem neunten Geburtstag bekommen hatte, oder blätterte in Dierckes Erdkundeatlas. So kannte er Städte, von denen ich noch nie gehört hatte. Beim Hauptstädte-Raten gewann er immer, seine Lieblinge waren Ulan-Bator und Kuala Lumpur. Geografische Schlampereien korrigierte er sofort, durch ihn war mir bewusst, dass es ein erheblicher Unterschied war, ob ich unser Grundstück durch das Eingangstor oder über den Gartenzaun verließ.
Der Untermenzinger Weg war der erlaubte. Er führte über eine kleine Straße vorbei an Mitte der Sechzigerjahre erbauten Einfamilien- und Reihenhäusern mit kahlen Vorgärten. Auf der Höhe eines Friedhofs erreichte er eine Ausfallstraße. Sie musste an einem Zebrastreifen überquert werden, der von eiligen Pendlern gern übersehen wurde. Es wurden aber nur selten Kinder an- und nur einmal eines totgefahren. Auf der anderen Straßenseite ging es weiter über eine Brücke und um ein Hauseck herum zu der vor einem Friseursalon gelegenen Haltestelle.
Der Obermenzinger Weg war der verbotene. Den nahm ich nur, wenn ich sicher sein konnte, dass meine Eltern mich nicht sahen. Verboten war er wegen des Maschendrahtzauns mit seinen spitzen Enden, die Einbrecher abhalten sollten. An ihnen zerriss man sich leicht die Hose. Das war so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren konnte. Ich besaß nur zwei lange Hosen, die gute Hose und die für jeden Tag. Mit der für jeden Tag ging ich normalerweise in die Schule, mit der guten in die Kirche. Wenn die Hose für jeden Tag mal wieder ein Loch hatte – meistens am Knie –, musste ich, bis Hertha sie geflickt hatte, die gute Hose tragen. Der verbotene Weg war nicht verboten, wenn ich in meiner kurzen Leder- oder der schwarzen Turnhose zum Bolzplatz ging.
Als ich an diesem Tag in der guten Hose über den Zaun stieg, weil der Reißverschluss der anderen geklemmt hatte, überlegte ich kurz, ob ich sie absichtlich zerreißen sollte. Vielleicht würde mein Vater mich dann in Unterhosen in die Schule schicken. Das wäre auch eine Methode gewesen, um Aufsehen zu erregen, aber mein Plan war besser. Alles ging gut. Auch der Bolzplatz war kein Problem, es gab keine Pfützen und keine Schafsscheiße, meine Sandalen und die weißen Frotteesocken blieben sauber. Gefährlich wurde es wieder im Wäldchen. Hier musste ich über Eisenschrott, Bauschutt, rostige Mopeds und Tierkadaver steigen. Alle im Viertel wussten, dass das Wäldchen bald für den Bau mehrerer Doppelhäuser abgeholzt werden würde, deswegen wurde es als Müllplatz verwendet.
Ein Bub aus Heidelberg war in den Winterferien in unser Viertel gekommen und hatte sich im Wäldchen beide Beine gebrochen. Wahrscheinlich hatte er sich geärgert, weil wir ihn immer als Preußen beschimpften, und nicht aufgepasst. Er war in eine Fallgrube gestürzt, die ein größerer Junge namens Andi gebaut hatte. Angeblich hatte er geplant, für sein Opfer Lösegeld zu erpressen. Als er seine gebrochenen Beine sah, hatte er doch lieber den Krankenwagen gerufen.
Ich machte einen Bogen um die Fallgrube und eine Ölpfütze und kam rechtzeitig an der Haltestelle an. Mein Klassenkamerad Hans-Jürgen, der schon auf mich wartete, sagte: »Servus, Gillitzer«, ich brachte nur ein Krächzen zustande. Obwohl ich das, was ich im Schulbus vorhatte, stundenlang im Kellerflur geübt hatte, war mir vor Lampenfieber schlecht. Als der Bus am Ende der Straße auftauchte, wäre ich am liebsten weggerannt wie einmal vor einer Lateinschulaufgabe, für die ich nicht gelernt hatte. Damals hatte ich mir auf dem Heimweg den Finger in den Rachen gesteckt und auf meine Sandalen gekotzt. Sie hatten so gestunken, dass meine Eltern keinen Augenblick daran zweifelten, dass ich mir den Magen verdorben hatte. Meine Mutter hatte mir Kamillentee gemacht, mein Vater mir den Ratschlag gegeben, beim Händewaschen auch auf die Fingerspitzen zu achten, die oft vergessen würden. Nach dem Kamillentee bekam ich eine Haferschleimsuppe, die so schleimig war, dass ich noch mal kotzte – diesmal ohne den Finger in den Rachen gesteckt zu haben.
Der Bus kam unaufhaltsam näher. Ich lasse den lieben Gott entscheiden, dachte ich, oder die Muttergottes oder Franz Josef Strauß, und steige nur ein, wenn er so hält, dass die Tür sich exakt vor mir öffnet. Das war noch nie passiert, ich musste mich in der Schülerhorde immer mit aller Kraft von der einen oder anderen Seite zur Tür drängen, um noch mitgenommen zu werden. Diesmal wurde ich zum ersten Mal auf geradem Weg in den Bus geschoben und hatte keine Chance zur Flucht in letzter Sekunde. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich musste es tun.
Ich hatte mich zuletzt trotz meiner Abneigung gegen das nördliche Nachbarviertel mit zwei Allachern angefreundet, die auf eine Realschule gingen, die vom Schulbus ebenfalls angefahren wurde. Obwohl, Freundschaft ist ein zu großes Wort, wir waren eher eine Zweckgemeinschaft. Die beiden besetzten für mich und Hans-Jürgen, der eine Schlüsselfigur in meinem Plan war, zuverlässig einen Platz in der hintersten Reihe. Dafür mussten wir mit ihnen Karten spielen. Während der Junge, den alle Hitler nannten, weil er mit Nachnamen Adolph hieß, mischte und gab und sein Freund Rudi einen unauffälligen Blick in mein Blatt warf, hielt ich Ausschau nach ihr.
Sie stand wie immer vorne beim Fahrer und unterhielt sich mit ihm, obwohl ein Schild das ausdrücklich verbot. Sie trug einen Jeansrock, der so kurz war, dass man beinahe ihre Unterhose sah, und rote Lackstiefel mit Plateausohlen. Ihr ärmelloses Oberteil war aus schwarzem Samt, aber für meine Zwecke war nur wichtig, was sich darunter abzeichnete. Sie hatte schon Busen. Ich verwendete das Wort im Plural. Es waren schließlich zwei. Ihre Busen waren kleiner als die meiner Mutter, aber groß genug, dass das Mädchen der Star im Schulbus war.
Es war mir egal, dass ich schon wieder beim Watten verlor – ein paar Wochen später sollte ich entdecken, dass Hitler und Rudi ihre Karten gezinkt hatten. Jetzt ging es nur darum, dass ich den richtigen Augenblick erwischte. Mindestens einer auf unserer Bank, am besten Hans-Jürgen, musste gerade zu mir schauen. Das war leicht, beim Kartenspielen sah man sich ja ständig an. Dann musste ich sie unmittelbar vor dem Moment erwischen, in dem sie sich wie üblich umdrehte, um mit überlegenem Lächeln zu kontrollieren, ob auch alle im Bus sahen, dass sie verbotenerweise mit dem Fahrer redete. Ich durfte keine Zehntelsekunde zu spät dran sein, sonst würde sie sehen, was ich tat, und mich möglicherweise beim Aussteigen zur Rede stellen. Wahrscheinlich würde sie mich als Pimpf beschimpfen, bei einem 1.45 Meter großen Sechstklässler konnte sie gar nicht anders.
Meine Absicht war es, bei Hans-Jürgen und vielleicht auch den beiden Allachern den Eindruck zu erwecken, dass sie und ich einen verschwörerischen Blick gewechselt hatten, bevor sie sich wieder wegdrehte.
Meine Hand mit den Karten zitterte, mein Mund wurde trocken, trotzdem reagierte ich blitzschnell, als ich bei ihr das erste Anzeichen einer Bewegung wahrnahm. Ich zwinkerte ihr zu und hob verstohlen die Hand zum Gruß. Hans-Jürgen sah es und blickte erstaunt zu ihr. Als ihr Kontrollblick die letzte Bank erreichte, war ich schon wieder in meine Karten vertieft.
»Sag mal, kennst du die?«, fragte Hans-Jürgen.
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich hab doch gesehen, wie du ihr zugezwinkert hast. Und sie hat gelächelt.«
Es hatte geklappt! Ich wurde für meinen schlauen Plan und die präzise Vorbereitung belohnt. Danke, lieber Gott, danke, heilige Maria Muttergottes, danke Strauß.
»Wer hat wem zugezwinkert?«, fragte Hitler.
Ich zuckte unschuldig die Achseln.
»Der Gillitzer dem heißen Feger da vorne.«
»Hat er was mit der?«
»Frag ihn doch selber.«
Ich ließ Hitler warten. Inzwischen hatten sich die Schüler in den Reihen vor uns umgedreht.
Hitler riss mir die Karten aus der Hand.
»He, red!«
Ich seufzte.
»Es darf doch niemand wissen.«
»Was?«
»Ja, dass sie und ich …«
»Du … du gehst mit ihr?«, stotterte Hans-Jürgen.
»Bitte, schwört, dass ihr es keinem sagt!«
Ich wusste, dass es nichts Besseres als einen Schwur gab, wenn man sicher sein wollte, dass sich ein Gerücht schnell verbreitete.
»Wieso … nicht?«, sagte Hans-Jürgen.
»Sie will es nicht.«
»Aber«, sagte Hitler, »die könnte doch glatt den Busfahrer haben.«
»Ja, eben«, sagte ich.
»Wieso geht sie dann ausgerechnet mit dir?«
Hans-Jürgen hatte vor Aufregung einen roten Kopf bekommen.
»Entweder sie ist pervers oder der Gillitzer kann ein Kunststück«, sagte Rudi.
Ich wusste zwar nicht, was er damit meinte, lachte zur Sicherheit aber genauso dreckig wie er. Als sie am Mädchengymnasium ausstieg und ihren Blick zum Abschied noch einmal schweifen ließ, hatte ich wieder Glück und erwischte den richtigen Zeitpunkt. Ich winkte einen winzigen Moment, bevor sie es hätte bemerken können. Bei meinen Freunden verflogen die letzten Zweifel.
»Und wie heißt sie?«, erkundigte Rudi sich.
Ich weiß nicht, wieso mir Uschi Obermaier einfiel, über die mein Vater mal gesagt hatte: »So hübsch wie versaut. Aber was muss eine aus Sendling auch nach Berlin gehen?« Jedenfalls taufte ich sie Uschi.
Nun war ich also mit Uschi zusammen. Dank Hans-Jürgen verbreitete sich die Neuigkeit an der Schule wie ein Lauffeuer. Im Pausenhof standen überall tuschelnde Grüppchen. Ich hörte »Uschi«, »Uschi«, immer wieder »Uschi«. Zum ersten Mal seit einem Weitsprung in der Fünften, bei dem mich eine wundersame Kraft – damals hatte ich meinen Schutzengel in Verdacht – ein einziges Mal weiter als alle Konkurrenten getragen hatte, erlebte ich wieder eine allgemeine Bewunderung. Ich genoss die verstohlenen, anerkennenden und neidischen Blicke. Nur Hetti schaute so finster, als wäre ich an diesem Tag endgültig der Unzucht überführt worden (von der ich immer noch nicht genau wusste, worum es sich handelte).
Es gab natürlich auch Zweifler, die mir nicht zutrauten, dass ausgerechnet ich jetzt auch mit einer ging, noch dazu mit so einer. Zwei wollten mit eigenen Augen sehen, was an der Geschichte dran war, und fuhren mittags in meinem Schulbus mit, obwohl sie ganz woanders wohnten. Ihre kontrollierenden Blicke setzten mich unter Druck, und prompt versagte ich. Uschi drehte sich zwar wie immer in meine Richtung, aber ich war mit dem Zwinkern zu spät dran. Das heißt, ich wäre zu spät dran gewesen und zwinkerte zur Sicherheit lieber nicht. Da es nicht das geringste Anzeichen einer Verbindung zwischen Uschi und mir gab, begannen meine Kontrolleure bald hämisch zu grinsen. War es das schon wieder mit meinem Ruhm? Würde die kurze Zeit der Bewunderung erbarmungslosem Spott weichen? Sollte ich wieder der werden, der nur dann interessant war, wenn er den ekligen Abfalleimer säuberte oder sich beim Kartenspiel abziehen ließ?
Ich musste dringend etwas tun. Aber was? Nach vorne rennen und nach ihrer Hand greifen? Sie hätte sicher geschrien, und der Busfahrer mich wahrscheinlich rausgeworfen. Sollte ich laut »Uschi« rufen und ihr winken? Sie hieß ziemlich sicher nicht so, würde nicht reagieren, und alle würden mich für verrückt halten.
»Wir müssen raus«, sagte Hans-Jürgen.
Ich schüttelte den Kopf.
»Doch.«
Ich weiß nicht, wer aus mir sprach. Es war meine Stimme, aber nicht meine Idee.
»Ich gehe noch mit zu Uschi. Aber, bitte, verratet mich nicht.«
Das sagte ich so laut, dass es auch meine Kontrolleure hörten. Ich blieb sitzen, als Hans-Jürgen ausstieg, und genoss das ungläubige Staunen um mich herum. Als Uschi sich drei Haltestellen weiter vom Fahrer verabschiedete, stand ich in aller Ruhe auf. Sie verließ den Bus durch die vordere, ich durch die hintere Tür. Ich folgte ihr in drei Metern Abstand. Ich hatte den Allachern, sodass es alle hören konnten, noch erklärt, dass Uschi mich sofort verlassen würde, wenn jemand sah, dass wir miteinander gingen – deswegen der Abstand. Im Bus war es die Sensation schlechthin, dass einer in meinem Alter von einem Mädchen mit nach Hause genommen wurde. Normalerweise musste man dafür mindestens achtzehn sein, wenn nicht einundzwanzig. Als der Bus an Uschi und mir vorbeifuhr, schauten alle Köpfe in unsere Richtung. Vor allem meine Kontrolleure bekamen die Münder vor Staunen nicht zu.
Wir befanden uns in einem Teil von Untermenzing, wo es noch einen Bauernhof gab, aus dem einige Jahre später der Einrichtungsladen Würmwohnen werden sollte, benannt nach dem Flüsschen, das den Münchner Westen durchteilte. Uschi bog in einen Fußweg ein. Weil der Bus noch in Sichtweite war, ging ich schneller, als wollte ich zu ihr aufschließen. Sobald uns niemand mehr sah, machte ich auf dem Absatz kehrt. Ich hatte einen Fußmarsch von einer knappen Stunde vor mir, aber mein Glücksgefühl ließ mich nach Hause schweben.
9
Dank Uschi gehörte ich auf einmal zu den drei angesehensten Schülern der gesamten Unterstufe. Die anderen waren ein Bub in der Parallelklasse, von dem es hieß, er spiele Klavier wie der junge Mozart, und ein dreizehnjähriges Mädchen, das unter dem Einsatz ihres Lebens einen Welpen vor dem Ertrinken gerettet hatte. Plötzlich wollten alle mit mir befreundet sein – außer Hetti, die zu stolz war, um sich bei mir anzubiedern. Doch für Freundschaften blieb mir leider keine Zeit. Uschi hatte große Probleme in der Schule, und ich musste ihr in fast allen Fächern Nachhilfe geben. Außerdem war sie rasend eifersüchtig und drehte durch, wenn ich mich mal zwei Nachmittage hintereinander nicht bei ihr blicken ließ. Dafür kochte sie regelmäßig die wunderbarsten Gerichte für mich, weil sie mich für zu dünn hielt. Ich habe nie mehr so gutes Miracoli mit Streukäse bekommen wie bei den Besuchen bei ihr, über die ich gern ausführlich berichtete. Bald konnte ich jedes Zimmer ihrer Wohnung beschreiben. Bei meinen Klassenkameraden, die jeden Morgen auf die neuesten Uschi-Geschichten warteten, stieß besonders das Badezimmer auf großes Interesse. Das musste Uschi nur mit ihrer Mutter teilen, denn ihr Vater, ein Offizier, war bei einem Manöver betrunken unter einen Panzer geraten (von einem solchen Unglück während seiner Bundeswehrzeit hatte mein Vater mal erzählt).
Das Aufregende an Uschis Badezimmer war, dass nicht nur der Klodeckel, sondern auch die Brille mit rosa Frotteestoff bezogen war.
»Und da pieselst du dann drauf?«, sagte Thomas, der schon wieder nicht mehr mit Gabi ging und sein Interesse an Uschi kaum verhehlte.
»Nein, natürlich nicht.«
»Du pieselst im Sitzen wie eine Frau?«, sagte Hans-Jürgen entsetzt.
»Nein, wie eine Frau doch nicht.«
Ich überspielte mit Mühe meine Überraschung über diese Information. Ich hatte meine Mutter noch nie pieseln sehen, sie mir dabei aber immer wie einen normalen Menschen vorgestellt – also stehend.
»Ich klappe die Brille hoch. Oder glaubt ihr, eine Frau wie Uschi will mit einem Saubär zusammen sein?«
Betretenes Schweigen machte sich breit. Offenbar wollte sich keiner verraten. Auch ich hatte lange gebraucht, um mir das Hochklappen anzugewöhnen. Meine Mutter hatte sich regelmäßig über die Tröpfchen auf der Brille beschwert. Ich verstand sie, weil ich es auch nicht mochte, wenn ich beim großen Geschäft etwas Feuchtes am Hintern spürte, war aber oft sehr in Eile gewesen. Wenn ich schon peinlicherweise wegen einer vollen Blase vom Bolzplatz nach Hause rennen musste, wollte ich meine Mitspieler wenigstens nicht lange warten lassen. Manchmal hatte ich das Hochklappen auch vergessen, weil ich mit meinem Kopf woanders war. Bei meinem Opa Hammerl zum Beispiel und dem Rätsel seines Rauswurfs aus St. Ottilien. Zum konsequenten Hochklapper war ich erst vor einigen Wochen geworden, nachdem mein Vater mich an der Klotür zur Rede gestellt hatte.
»Du weißt, dass der liebe Gott alles sieht?«
Ich nickte.
»Aber du glaubst vielleicht, dass er wegschaut, wenn du aufs Klo gehst.«
Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht.
»Da täuschst du dich, mein Lieber. Er schaut zu! Grade da. Weil er es nicht mag, wenn deine Mutter oder Hertha die Brille putzen muss.«
Ich fragte ihn nicht, wieso eigentlich nur Frauen die Brille putzten, weil es immer schon so gewesen war. Da ich es trotzdem ein bisschen ungerecht fand, verstand ich, dass meine Mutter Unterstützung aus dem Himmel bekam.
Leider führte die Information, dass der liebe Gott mir auf den Zipfel schaute, zu einer Hemmung beim Pieseln. Ich hatte nicht geahnt, um was für einen heiligen Moment es sich handelte, und mich immer mit einem kräftigen, geraden Strahl erleichtert. Jetzt konnte ich nicht mehr richtig entspannen und verlor durch mein endloses Getröpfel wertvolle Minuten beim Fußballspiel. Mein Vater wenigstens hatte sein Ziel erreicht: Ich vergaß die Brille nie mehr – nicht einmal in meinen Erzählungen über Uschi.
Bald musste ich feststellen, dass die Gier meiner Mitschüler nach neuen Sensationen mit jeder Uschi-Geschichte zunahm. Sie kamen mir vor wie unsere Britta, bei der man aufpassen musste, dass sie sich mit dem Würstchen nicht auch noch die Hand schnappte. Thomas zum Beispiel wollte unbedingt hören, ob wir außer Miracoli essen auch noch »andere Sachen« machten. Dabei zwinkerte er, als wollte er sagen, ich wüsste schon, was er damit meinte. Ich wusste es nicht.
»Ich kann euch unmöglich alles erzählen, sie würde mich umbringen.«
»Wir verraten doch keinem was«, sagte Thomas.
Da erzählte ich, dass Uschi und ich gern auf dem Sofa lagen und »Blowin’ in the wind« hörten.
»In der Fassung von Bob Dylan oder Peter, Paul and Mary?«, fragte Hans-Jürgen.
Ich kannte nur die Fassung aus dem neuen Liederbuch für Ministranten, sagte aber, weil es spannender klang: »Peter, Paul and Mary.«
»Echt, auf dem Sofa? Ihr zwei allein?«, vergewisserte sich Thomas.
»Manchmal liegen wir auch auf ihrem Perserteppich.«
»Perverserteppich«, sagte Thomas und verschluckte sich vor Lachen. Ich hatte den Witz schon öfter von meinem Vater gehört und musterte ihn mitleidig.
Ein Siebtklässler, der sich plötzlich auch für mich interessierte, wollte wissen, ob wir auch knutschten.
»Klar, wenn’s sein muss.«
Ich muss sehr überzeugend und sehr lässig gewirkt haben, denn in der nächsten Pause konnte ich aus dem Getuschel der dicht beieinanderstehenden Grüppchen nicht nur das übliche »Uschi, Uschi«, sondern auch »knutschen, knutschen« heraushören.
Danach fiel mir länger keine spannende Geschichte mehr ein. Keiner empfand es als Sensation, dass Uschi und ich uns Robinson Crusoe vorgelesen hatten und ich Robinson und sie Freitag gewesen war. Auch, dass wir trotz des ausdrücklichen Verbots ihrer Mutter auf einen Apfelbaum geklettert waren und die Nachbarskatze mit faulen Äpfeln bombardiert hatten, stieß nur auf mäßiges Interesse.
10
Dann passierte das mit Lothar.
Ich hatte, bis Uschi in meinem Leben auftauchte, ja sehr unter meiner Unauffälligkeit gelitten, aber im Vergleich zu mir war er quasi nicht vorhanden. Es hatte wochenlang gedauert, bis jemand merkte, dass wir in der 6A seit dem Beginn des zweiten Halbjahres einen neuen Mitschüler hatten. Den Lehrern war es ähnlich ergangen, sie hatten beim Elternsprechtag feststellen müssen, dass es in ihren Büchern keinerlei Aufzeichnungen zu Lothars Mitarbeit gab. Danach wurde er ab und zu aufgerufen, seine Beiträge waren nie besonders schlau, aber auch nicht richtig blöd. Bei Schulaufgaben schrieb Lothar eine Drei, er war nie besser oder schlechter. Wohlmeinende Klassenkameraden wie Meinhard, der mal Priester werden wollte, hatten nicht glauben können, dass es einen Menschen gab, der in jedem Bereich durchschnittlich war. Sie hatten Schach mit ihm gespielt und sich mit ihm über Musik und Politik, seine Familie oder die Ferien unterhalten, aber nichts gefunden, worin Lothar in irgendeiner Weise bemerkenswert war. Danach hatten sie ihn, wie alle anderen, wieder vergessen.
Als Lothar tot war, fragte ich mich, ob er wohl sehr gelitten hatte, nicht beim Sterben, das war sehr schnell gegangen, sondern davor, unter seinem Dasein als Schüler, den alle übersahen. Hatte einer, der nicht richtig anwesend war, vielleicht auch keine so starken Gefühle? Hätte er, wenn Trauer und Glück ein Schulfach gewesen wären, auch da nur eine Drei bekommen? Nein, das war Blödsinn. Ich wusste doch, wie weh es tat, beinahe unsichtbar zu sein.
Bei Lothars Begräbnis hielt der Pfarrer eine so langweilige Rede, dass mir nur ein einziger Satz in Erinnerung geblieben ist.
»Er wurde jäh aus seinem jungen Leben gerissen.«
Das war wahrscheinlich bildhaft gemeint, konnte aber auch wörtlich verstanden werden. Lothar war Fahrschüler gewesen und hatte damit an unserer Schule zur kleinen Gruppe der Provinzler gehört. Die große Mehrheit der Schüler kam aus den Stadtteilen des Münchner Westens, die Provinzler aus Orten wie Puchheim, Olching oder Gröbenzell. Lothar stammte aus Dachau. Wenn mein Vater den Ortsnamen aussprach, schaute er immer sehr ernst. Da ich noch nichts von Konzentrationslagern wusste, dachte ich, seine Miene hätte etwas mit der traurigen Existenz von Lothar zu tun.
Jedenfalls war Lothar wie jeden Morgen mit dem Zug nach Pasing gefahren. Mitten auf der Strecke war es passiert. Hinterher gab es Spekulationen, ein Fahrgast könnte die Tür nicht richtig geschlossen und der Schaffner es nicht bemerkt haben. Ich vermutete eher, dass Lothar auf die rote Fläche direkt davor gestiegen war. Ich konnte mir sogar vorstellen, dass er mit aller Kraft auf das Verbotszeichen mit den zwei durchgestrichenen schwarzen Sohlen vor der Tür gesprungen war – als würde er damit endlich sichtbar werden.
Das war ihm auch gelungen, obwohl sein Sarg jetzt schon fast mit Erde bedeckt war. Ich stand in meiner guten Hose und mit gefalteten Händen in der Schlange, die sich langsam auf das Grab zubewegte. Vor mir ging ein Junge aus der Fünften in langen Lederhosen, hinter mir Hetti in einem schönen schwarzen Kleid, wie ich es bis dahin nur bei Opernsängerinnen im Fernsehen gesehen hatte, bei Anneliese Rothenberger oder Erika Köth.
Hetti weinte still vor sich hin. Mir fiel ein, dass ich sie zwei, drei Mal im Gespräch mit Lothar gesehen hatte. Wie ich sie kannte, hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, ihn aus seiner Isolation zu befreien.
Als ich mein Schäufelchen Erde auf den Sarg warf, überlegte ich mir, was wohl der letzte Eindruck Lothars vom Leben gewesen war? Der, dass unter ihm der Boden nachgab und er auf das vorbeirasende Schotterbett blickte, oder der, dass er wie von einem riesigen Staubsauger aus dem Zug gerissen wurde? Vielleicht war seine Seele da auch schon auf dem Weg in den Himmel, wohin einer wie er bestimmt kam. Ich schniefte und reichte Hetti das Schäufelchen. Sie stach mit ihm in die Kiste mit der Erde, erstarrte aber in der Bewegung.
»Habt ihr das gehört?«
Die Trauergemeinde schaute irritiert zu ihr.
»Das war seine Stimme! Lothar, er hat um Hilfe gerufen!«
Hetti geriet völlig außer sich und verlangte, dass man Lothar wieder ausgrub.
»Er erstickt doch da unten! Wir müssen ihm helfen!«
Sie machte Anstalten, ins Grab zu steigen, um den Sarg eigenhändig zu öffnen, da legte Lothars Vater den Arm um sie und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Hetti schaute ihn entsetzt an und zog sich beschämt zurück. Auf dem Weg zum Bus, der uns zur Schule zurückbringen sollte, fragte ich Hetti, was Lothars Vater ihr gesagt hatte. In ihrer Trauer vergaß sie, dass sie eigentlich nicht mehr mit mir redete.
»Im Sarg … Er … Sie haben nur noch Stücke von ihm gefunden.«
Sie bekam einen Weinkrampf, und ich sagte, weil mir nichts Besseres einfiel: »Herzliches Beileid.«
Während der nächsten Wochen redeten alle nur von Lothar. Einer wusste, dass er im Kinderheim aufgewachsen war, ein anderer, dass sein Vater nicht sein echter Vater war. Mal war Lothar ein Zirkuskind, mal der Sohn eines Polizisten, der ihm aus Angst vor einem Kindermörder wie Jürgen Bartsch beigebracht hatte, um keinen Preis aufzufallen. Viele behaupteten jetzt, sie hätten sich öfter mit Lothar unterhalten, und er sei schlau und witzig gewesen. Als ich fragte, wieso sie erst nach seinem Tod so viel über ihn redeten, sagten sie, ich sei bloß neidisch.
Das war nicht wahr, mir ging nur ihre Angeberei auf die Nerven, weil sie nichts, aber auch gar nichts mit Lothar zu tun hatte. Wäre er nicht aus dem Zug und dem Leben gerissen worden, wäre er wahrscheinlich für immer unbedeutend und einsam geblieben.
Für mich war Lothar wie ein verstorbener Bruder. Er hatte wie ich zur Familie der Menschen gehört, die von den anderen nicht oder nur am Rande bemerkt wurden. Es sei denn, sie strengten sich wahnsinnig an, erfanden haarsträubende Geschichten oder lagen zerfetzt auf den Gleisen. Ich spürte ja, dass das Interesse an mir schon wieder nachließ. Bald würde ich wieder fast so unsichtbar wie Lothar sein – wenn ich nichts dagegen unternahm. Aber was sollte ich noch tun? Der Tod war keine Lösung, da war ich mir sicher. Lothar hatte ja nichts mehr davon, dass er endlich die verdiente Aufmerksamkeit bekam.
Ich musste an die Kinder von Fátima denken, sie waren weltberühmt. Aber für eine Marienerscheinung kam ich schon länger nicht mehr infrage. Dazu hatte ich mir eindeutig zu viele Uschi-Geschichten ausgedacht. Die konnte man zwar als Notlügen werten, weil ein Mensch, der kaum oder gar nicht auffiel, sich ja irgendwie behaupten musste. Aber die Muttergottes machte keine Kompromisse und sah sich sicher längst nach einem Kind mit einer reineren Seele um. Ich war nicht traurig, sondern eher erleichtert, nicht mehr zu den Auserwählten zu gehören. Endlich konnte ich mir mehr von den Sünden leisten, die unser Pfarrer als »lässlich« bezeichnete. Sie hatten den Vorteil, dass man die Liebe Gottes nicht für immer verlor und schlimmstenfalls im Fegefeuer brutzelte. Unser Nachbar, der Professor mit den Schnecken, hatte sogar mal gesagt, das Fegefeuer sei möglicherweise nicht wörtlich zu nehmen und könne auch als Wartesaal vor dem Eingang zum ewigen Leben verstanden werden. Mein Vater hatte mich schnell vom Gartenzaun weggezogen. Wenn ich nicht mehr ans Fegefeuer oder die Hölle glaubte, wäre es für ihn deutlich schwieriger geworden, mich zu einem anständigen Menschen zu erziehen.
»Hör nicht auf den Deppen!«
»Er ist ein Professor.«
»Wer meint, dass er gescheiter ist als die Bibel, ist ein Depp.«
»Aber keiner weiß doch, wie es wirklich ist. Ist schließlich noch keiner aus dem Fegefeuer zurückgekommen.«
Mein Vater lächelte mitleidig.
»Meinst du, der liebe Gott hätte es Fegefeuer genannt, wenn da bloß eine Glühbirne brennen würde?«
Fegefeuer hin oder her hatte ich den Eindruck, dass ich mir nach dem weitgehenden Abschied der Muttergottes aus meinem Leben die eine oder andere Sünde mehr leisten sollte. Ich schadete ja keinem, wenn ich Uschi-Geschichten erzählte. Das Problem war der schreckliche Tod von Lothar. So grausam es klingt, jetzt brauchte ich eine echte Sensation, wenn ich mein Publikum zurückgewinnen wollte.
11
Franz Josef Strauß überlegte länger.
»Vielleicht solltest du mal Uschis Mama ins Spiel bringen, Gillitzer.«
»Ihre Mama? Wieso denn die?«
Er erläuterte seinen Vorschlag wie immer nicht näher und ließ mich alleine grübeln. Die Folge war eine schlaflose Nacht, nach der ich so erschöpft war, dass meine Mutter mir zum Frühstück das erste Mal seit Monaten wieder einen Esslöffel Sanostol gab und auf mein Drängen hin sogar einen zweiten. Ich fühlte mich trotzdem weiter schlapp und elend. Wie sollte das gehen: die Mama von Uschi ins Spiel bringen? Ich wusste ja nicht einmal, wie sie aussah.
Ich war so müde, dass ich kaum den Weg – den erlaubten – zur Bushaltestelle schaffte. Am liebsten hätte ich mich auf die Wiese am Würmufer gelegt und geschlafen, bis die Schule vorbei war.
Nachdem ich mich auf meinen Stammplatz auf der hintersten Bank im Bus gequetscht hatte, schloss ich sofort die Augen, damit mich keiner ansprach. Ich hörte Hitler über eine Sache tuscheln, die »Prono« hieß, oder so ähnlich. Ich war am Wegdämmern, da rempelte er mich auf seine grobe Allacher Art an.
»He, hast du deine Uschi schon mal nackig gesehen?«
Ich schreckte hoch.
»Was? Nein!«
Es war sein dreckiges Lachen über meine empörte Reaktion, das mich etwas hinzufügen ließ, was ich eine Sekunde später bereute.
»Nur ihre Mama.«
In unserer Reihe wurde es still, die Schüler auf den Bänken vor uns drehten sich um und starrten mich an. Was hatte ich bloß gesagt? Der Bus hielt an der nächsten Haltestelle. Hans-Jürgen stieg ein.
»Das glaubst du nicht«, rief Hitler.
»Was?«
»Der Gillitzer hat die Alte von der Uschi abgestrapst.«
Ich wusste zwar nicht, was abstrapsen bedeutete, widersprach aber heftig.
»Aber nackig gesehen hast du sie. Hast du selber gesagt.«
Hans-Jürgen schaute mich an wie ein Auto, aber eines mit runden Scheinwerfern.
Hitler, Rudi, Hans-Jürgen und ein Schüler, den ich nur vom Sehen kannte, bestürmten mich mit Fragen.
»Wo denn? Im Badezimmer mit dem Frottee-Klo?«
»War sie ganz nackig oder nur obenrum?«
»Was hat denn Uschi dazu gesagt?«
Sie schauten mich erwartungsvoll an.
»Uschi war gestern nicht da. Sie musste nachsitzen.«
»Sonst hätte sie garantiert mit dir Schluss gemacht, gell?«
»Ja, wahrscheinlich schon.«
»Hat sie dicke Euter?«
Das war Rudi, dessen Opa einer der letzten Allacher Bauern war.
Ich hatte noch keine Vorstellung von Uschis Mutter entwickelt und zwinkerte, um Zeit zu gewinnen, ihrer Tochter zu, deren Gesicht gerade hinter einer riesigen Kaugummiblase verschwunden war.
»Ihr müsst schwören, dass ihr keinem ein Wort erzählt. Und schon gar nicht Uschi.«
»Klar / versprochen / Ehrensache«, sagten drei helle Bubenstimmen.
»Wenn wir schwören, musst du uns aber alles erzählen. Sonst können wir für nichts garantieren«, versuchte Hitler mich zu erpressen. Inzwischen hörte der gesamte hintere Teil des Busses zu.
Ich dachte an Franz Josef Strauß, der besonders in heiklen Situationen zu großer Form auflief. Er hätte die Chance genutzt und etwas Bleibendes für seinen Ruf getan. Das wollte ich auch. Deswegen lieferte ich ihnen die Geschichte, von der ich glaubte, dass sie sie hören wollten.
»Ich habe gedacht, Uschi ist allein daheim, und geklingelt. Da hat sie mir aufgemacht.«
»Die Mutter«, raunte der Schüler, den ich nur vom Sehen kannte, »nackig.«
Ich fand die Vorstellung unangenehm, deswegen korrigierte ich ihn.
»Im Morgenmantel.«
Rudi ließ enttäuscht die Luft aus seinen aufgeblasenen Backen entweichen, und Hans-Jürgen, der kurze Lederhosen und ein Halbarmhemd trug, sagte: »Dann bin ich auch nackig.«
»Hast du auch keine Unterhose an?«
Es war, als hätte jemand durch mich hindurchgesprochen. War das die Sensation, nach der ich die ganze Nacht gesucht hatte? Eine Mutter im Morgenmantel ohne Unterhose. Ich bin mir sicher, jeder Bub im Bus, der mithörte, sah sie in diesem Moment vor sich.
»Dann hast du …«, sagte Hans-Jürgen und wurde blass.
»Du meinst die Busen? Klar hab ich die gesehen. Sie waren gigantisch.«
Im Bus war es so still geworden, dass man das Tuckern des Dieselmotors hörte. Alle warteten atemlos darauf, dass ich weitererzählte.
»Sie hat mich in die Wohnung gezogen, obwohl Uschi ja gar nicht da war.«
»Und dann?«, sagte Hitler.
»Hat sie mir ein Sunkist gegeben.«
»Ein Sunkist«, wiederholte einer mit einer Stimme wie aus einem Gruselfilm.
»Wir haben beide ein Sunkist getrunken.«
Ich wusste irgendwie nicht weiter. Was konnten Uschis Mama und ich noch gemacht haben. Raider gegessen? James Last gehört?
Ich sah, wie Hans-Jürgen tief Luft holte.
»Wenn sie keine Unterhose angehabt hat, dann hast du sicher auch …« Er machte eine lange Pause und sprach sehr leise weiter: »… die Haare gesehen.«
»Welche Haare denn?«
Danach stand die Zeit still. Als sie wieder weiterlief, sah ich alles wie in Zeitlupe. Das rote Gesicht von Hans-Jürgen, das ungläubig zu Rudi schaute, dann zu dem Schüler, den ich nur vom Sehen kannte, und wieder zu mir. Den Mund von Hitler, der aufgerissen wurde, als wolle er nach einem großen Stück Fleisch schnappen, die flache Hand von Rudi, die gegen seine Stirn schlug.
Dann kam das Gelächter. Es war kein lustiges Lachen, es war ein Gebrüll aus der Hölle. Ich war schon oft ausgelacht worden, aber so noch nie. Ich spürte jeden Lacher wie einen Schlag ins Gesicht.
Kurz wurde es leiser.
»Er weiß es nicht! / Er weiß es echt nicht! / Er hat keine Ahnung!«
Dann ging das Gebrüll weiter, nicht nur im Bus, auch in der Schule. Wann immer ich Schülern begegnete, die sich schon besser mit nackigen Frauen auskannten, steckten sie die Köpfe zusammen, einer rief: »Haare«, und alle schütteten sich aus vor Lachen.
Ich biss die Zähne zusammen, versuchte nicht hinzuhören, an was anderes zu denken, sogar mitzulachen. Nach dem Ende der ersten Pause war ich fertig mit der Welt. Ich lief ins Sekretariat und bat weinend darum, nach Hause gehen zu dürfen. Offenbar war ich so blass, dass keiner dachte, ich könnte simulieren. Unser Hausmeister, Herr Ammerländer, bot sogar an, mich zu meinen Eltern in die Praxis zu bringen. Aber meine Angst, er könne auf der Fahrt plötzlich auch »Haare« sagen und zu lachen anfangen, war zu groß. Ich weiß nicht mehr, wie ich den Weg zum Pasinger Marienplatz geschafft habe, und auch nicht, ob Erika, die Arzthelferin, mich auf dem Weg zum Sprechzimmer aufzuhalten versuchte. Ich weiß nur noch, wie die schwarzen Schuhe meines Vaters immer näher kamen, also eigentlich ich ihnen, weil ich einfach umfiel, und wie es erst sehr hell und dann dunkel wurde.
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