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Peter Middendorp
DU GEHÖRST MIR
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Inhalt
I FRÜHJAHR
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
II SOMMER
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
III HERBST
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
IV WINTER
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
«AUCH UNTEN EMPFINDET MAN LUST UND LEID, MAGDA, ES IST GENAU WIE OBEN, ES IST GLEICH, OB MAN OBEN ODER UNTEN LEBT.»
HANS FALLADA, DER TRINKER
ICH STAND HINTEN AUF DEM FELD UND SAH ZU, WIE DAS LINKE BEIN MEINES VATERS VON EINEM MÄHDRESCHER AUFGEFRESSEN WURDE. Es war sein erster eigener Mähdrescher. Lange hatte er sich keinen zulegen wollen. Aber von der Mentalität von früher war ja kaum etwas geblieben. Fast nichts wurde mehr gemeinschaftlich angeschafft, immer weniger miteinander geteilt. Vater hatte sich für einen großen, modernen, flammend Roten entschieden. Auch, wie er sagte, mit Blick auf die Zukunft des Hofs.
Jetzt lag er da.
Und ich stand dabei und betrachtete ihn, ein Junge noch, zwölf, fast dreizehn.
Ein Bein lag frei, das andere hatte sich in der Maschine verfangen.
Es war, als ob die Messer im Inneren bei jeder Umdrehung eine neue Scheibe von seinem Bein abtrennten.
Er schrie, gellte langgezogen, irreal, schrill.
In dem Schreien lag Abscheu; anfänglich, so schien es, mehr des Schicksals als der Schmerzen wegen.
Er stieß sich ab mit dem Absatz, mähte mit den Armen und grub mit seinen starken Händen und Fingern im Sand – zurück wollte er, zurück mit aller Kraft, die in ihm steckte, aber es ging nicht, es gelang ihm nicht.
Er blutete wie ein Schwein – das Leben ergoss sich über das warme Stoppelfeld. Ich wusste, ich war zu jung für dieses Schauspiel, viel zu jung, ich hatte noch keine Verteidigung. Trotzdem konnte ich nichts als hinschauen. Hinschauen und weiter hinschauen, während ich meinen Vater hasste, weil er aus mir einen Zuschauer gemacht hatte.
Als Derksen auf den Mähdrescher stieg, schrie Vater nicht länger. Seine Kräfte waren dahin. Sein Kopf war nach hinten weggeknickt, der Mund ein wenig offen.
Derksen drehte den Schlüssel um – die Stille kam wie eine Detonation, sie donnerte auf einen herab, der Staub wirbelte, überall war Staub. Sofort danach sank er neben Vater auf die Knie. «Jan!», rief er. «Jan!» Mit der flachen Hand schlug er ihm einige Male ins Gesicht. «Jan! Jan!»
Einen Moment öffneten sich die Augen, schienen einen Moment nach einer Öffnung in der Wirklichkeit zu suchen, dann schlossen sie sich wieder.
«Keine Sorge, Jan», sagte Derksen. «Wir sind noch nicht zu spät.» Er nahm eine Hand meines Vaters und presste sie sich gegen die Brust. «Wir sind noch nicht zu spät.»
Sie sagen, meine Mutter hätte an diesem Tag ihre Schönheit eingebüßt. Das kann nur dann stimmen, wenn sie davor eine schöne Frau gewesen ist. Ich weiß es nicht, ich kann es weder abstreiten noch bestätigen, obwohl ich viel Zeit mit ihr verbracht habe in den ersten Jahren, den Kinderjahren, in der Küche und dem Wohnzimmer, aber mitunter auch auf der Treppe ins Obergeschoss, wenn sie sich im Badezimmer langsam in Ordnung brachte.
Als Kind sieht man so etwas nicht. Als ich unter ihren Röcken hervorkam und hochschaute, ist mir jedenfalls nichts Besonderes aufgefallen.
Mutter kam schreiend aufs Feld gerannt, die Arme in der Luft.
Alles war ein Ziel für ihre Panik.
Sie rannte zu Vater, stürzte sich in den Sand an seine Brust.
Sie rannte zu Derksen, zerrte ihn am Overall, als fordere sie von ihm, dass die Zeit zurückgedreht würde bis kurz vor dem kleinen, banalen Moment, als Vater nach einer ungeschickten Bewegung das Gleichgewicht verloren hatte.
Sie rannte zu der Maschine, rief, flehte, rannte wieder zu Derksen und zu Vater. So rannte sie weiter, eine ganze Zeit, überallhin, nur nicht zu mir.
Der Krankenwagen hielt auf der Straße, die Sanitäter kamen mit einer Tragbahre angerannt. Sie sahen alles. Alles nahmen sie wahr, darauf sind sie trainiert, nur mich sahen sie nicht.
Die Polizisten erbarmten sich meiner Mutter, nahmen sie mit in die Küche und versuchten sie zu beruhigen, während sie bereits einige erste Fragen stellten. Sie befragten Derksen bei sich zu Hause, zusammen mit seiner Frau, die selbst doch gar nichts gesehen hatte.
Mich fragten die Polizisten nichts.
Sie sahen mich nicht.
Von mir wollten sie nichts wissen.
Die Männer aus der Nachbarschaft, die seufzend auf der Auffahrt standen, besprachen miteinander, wer das Melken übernehmen sollte, wer wann was tun konnte. Zu mir sagten sie nichts, sie sahen mich nicht. Genau wie die Männer, die einige Tage später den Mähdrescher vom Acker schleppten, auf einen Tieflader packten und ihn vorsichtig davonfuhren.
Mit Vater und Mutter hatte der Krankenwagen auch den Tag mitgenommen. Das Licht verlor seine Farbe. Auf der Hauptstraße fuhr kein Verkehr mehr. Es war still, windstill, mäuschenstill. Ich konnte meinen Herzschlag hören, das Rauschen in meinen Ohren.
Die Dämmerung legte sich langsam über das Land. Das Haus war leer und dunkel. Alle waren im Krankenhaus, mein Vater und meine Mutter. Selbst die Nachbarn waren schon unterwegs dorthin. Ich stand noch auf dem Feld, die Zeit verging schnell.
Nachts lag der Mond hinter den Pappeln halb tot auf dem Rücken. Die Stare schliefen in den Bäumen, die älteren sicher, nah am Stamm, die Jungen und Kranken auf den äußeren Ästen und Zweigen – so legten die Starken einen tierischen Schild der Schwäche um sich, als erwürben Stare nur durch das Überleben des ersten Winters das Recht auf ein Weiterleben.
Der Morgen nahte mit Möwen, die sich still glänzend, das erste Licht unter den Bäuchen, geräuschlos über das Land führen ließen. Ich zog die Hände aus den Taschen und erschrak bei ihrem Anblick. Sie waren dick geworden, hart, Arbeitshände, Instrumente.
Ich sah die Schwalben tief über den Wassergraben streichen, der erste Kormoran des Tages hing seine Flügel zum Trocknen in die Bäume. Ich ging allein nach Hause zurück. Der Himmel zog sich zu.
Es dauerte Wochen, bis man mich wieder bemerkte. Bevor man manchmal, vereinzelt, ganz kurz zu mir hinschaute. Mutter, Nachbarn, Bauern. Lehrer, Ärzte, Krankenpflegerinnen. Tankwagenfahrer, Vertreter, der Importeur von Landmaschinen. Wenn sie schauten, dann nicht, um Informationen abzurufen. Sondern um welche zu senden, gerade lange genug, um mich wissen zu lassen, was ich eigentlich schon wusste.
Ich sah es an Passanten, Dorfbewohnern groß und klein. Ich sah es an meinem Vater, als der nach vielen, vielen Wochen endlich aus dem Krankenhaus entlassen worden war und mir im Vorbeifahren in seinem Rollstuhl kurz in die Augen schaute.
Ich habe es auch selbst im Spiegel gesehen.
Da sah ich, was ich schon verstanden hatte.
I
1
ICH BIN DER VERACHTETE, DER UNSYMPATHISCHE. Die Geringachtung hat mich irgendwann heimgesucht, noch auf dem stoppeligen Feld, mittlerweile an die dreißig Jahre her. Danach ist sie immer bei mir geblieben, hat mich weniger verfolgt als vielmehr ins Schlepptau genommen, durch die Schulen und die Jahre, bei allem, was ich tat und unternahm, bis hierher in diese Zelle, ein paar Quadratmeter Ruhe.
Geringachtung nistet sich ein in der menschlichen Konstitution, auch wenn man noch klein ist, ein Kind faktisch noch. Die hängenden Schultern, die schmalen Hüften, die in hunderttausenden dünnen Pusteblumenhärchen über das Land verwehte Frisur – ich denke manchmal, ohne Geringachtung wäre ich größer geworden, breiter, hätte mehr Raum eingenommen.
Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber das ist ein Spruch für Leute, die nicht wissen, dass man die Hoffnung schon verlieren kann, kaum dass man richtig angefangen hat. Ein abgehobener Spruch, ohne Boden unter den Füßen. Tatsächlich stirbt die Hoffnung gerade bemerkenswert schnell. Ruck, zuck, länger braucht es nicht. Man merkt es erst, wenn es passiert ist. Nanu, denkt man, war das die Hoffnung, die mich soeben verlassen hat, der Geist der Hoffnung?
Man hofft ja nicht auf etwas, wovon man weiß, dass es ohnehin nicht geschieht. Man glaubt dem Direktor nicht, wenn er einen zu sich ruft und sagt: «Du fängst hier noch mal ganz neu an, ganz von vorn. Keiner kennt dich, keiner weiß, was an der vorigen Schule passiert ist. Hier bekommst du eine neue Chance. Greif zu, würde ich sagen. Ergreife sie mit beiden Händen!»
«Ja», sagst du. «Gut, in Ordnung, das werde ich.»
Aber du weißt längst, woran du bist. Du siehst es auch schon beim ersten Schritt in die neue Schule, dem ersten Schritt über die Schwelle der neuen Klasse. Du fühlst es. Eine bestimmte Dumpfheit. Im Kopf, in den Schultern. Als ob der Körper zu lange in eine unbequeme Haltung gezwungen gewesen wäre. Auch in den Armen und Beinen kannst du es spüren, den Knochen – Geringschätzung ziept und zwickt wie Wachstumsschmerzen.
Alle waren neu in der Klasse, aber in dem Moment, als ich hereinkam, schien es plötzlich, als ob sich alle schon seit Jahren kennen würden und ich der einzige Neuling war. Wie durch Zauberhand besaßen die anderen etwas Gemeinsames. Abneigung war ihre erste geteilte Erfahrung. So lernten sie sich untereinander kennen; ich war der Katalysator des Gruppenprozesses.
Das Gute an der neuen Schule war: Ich wurde nicht enttäuscht. Sie brachten mich nicht aus der Fassung, die Kinder, die Jugendlichen, sie brachten mich nicht mehr durcheinander.
Hinter dem Einkaufsplatz, wo die Gedenkumzüge und später auch die Demonstrationen gegen das Asylbewerberheim stattgefunden haben, führt eine schmale Gasse zu der Diskothek zwischen dem Supermarkt und dem Friseursalon, in dem Rosalinde einen Teilzeitjob hatte.
Ich denke, ich bin höchstens zehn Mal in De Tangelier gewesen. Ich kam dort nicht viel weiter, als dass ich ein oder zwei Stunden auf die Tanzfläche schaute, an einen Pfeiler gelehnt, die Hände in den Taschen. Manchmal rauchte ich etwas, manchmal trank ich zu viel Bier.
Die Jungs blieben am Tresen hängen, lautstark und halb betrunken. Die Mädchen tanzten paarweise auf der Tanzfläche, ihre Handtaschen zwischen sich auf den gelben Steinfliesen. Sie waren ausnahmslos blond und trugen enge Jeans sowie rosafarbene Frottee-T-Shirts mit rundem Ausschnitt.
Da steht er, sagten sie.
Ich konnte es durchaus hören – sie ereiferten sich am meisten über die Leute, mit denen sie am wenigsten zu tun haben wollten.
Da steht er. Und beobachtet uns.
Männer machen den Krieg, Frauen bestimmen die Ziele. Nie machen sie sich selbst mal die Hände schmutzig. Alles geht implizit, über die Bindung. Eine kleine Geste. Ein Blick. Eine leicht gekräuselte Nase. Ein gestreckter Hals. Augen, für einen Moment leicht geweitet. Ein Lächeln oder ein kleiner Wink und sie brauchen den Jungs schon nichts mehr zu erzählen.
Um diese Jungs habe ich mich nie viel geschert. Ich habe nie etwas erwartet und nie etwas bekommen, und am Ende hatte ich doch eine Frau, zwei Kinder und einen Bauernhof.
So ist es passiert. Bei den Verhören haben sie mich manchmal gefragt, warum alles so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. «Sie hätten mich mehr in Ruhe lassen sollen», sagte ich. «Ob das etwas geändert hätte, weiß ich nicht, aber jedenfalls hätte ich es zu schätzen gewusst.»
Eines Abends stand Ada plötzlich neben mir. Sie war etwas kleiner als ich, einen halben Kopf, weder schlank noch dick, weder rund noch flach, mit halblangem, fast weißem Haar. Ich kannte sie nicht, ich hatte sie vorher noch nie gesehen, sie käme aus einem Dorf gut zwanzig Kilometer weiter, sagte sie, aber da gäbe es keine Diskothek.
Eine Weile beobachtete sie zusammen mit mir die Tanzfläche. Sie folgte meinen Augen, als ob sie herausfinden wollte, wo mein Blick die Mädchen traf.
Dann sagte sie etwas.
Ich zuckte mit den Schultern, die Musik war zu laut.
Sie stellte sich auf Zehenspitzen – sie trug halbhohe Stiefeletten – und beugte sich zu meinem Ohr, bevor sie sich wieder auf ihre Absätze sinken ließ, als ob die Aktion sie ein wenig ermüdet hätte, enttäuscht vielleicht.
Ich betrachtete sie mit neuen Augen, aber ich sah nach wie vor dasselbe Mädchen, dieselbe junge Frau, nicht schön, aber auch keinesfalls hässlich.
Die ersten Minuten hinter der Sporthalle vergingen eher zäh; Kinder, die gegenseitig vom Eis des anderen kosten und gleichzeitig versuchen, mehr zu nehmen, als zu geben.
Unterwegs hatte sie nichts gesagt, jetzt sagte sie «warte», schob mich ein Stück von sich weg, zog sich die Hose runter, stieg aus einem Hosenbein und drehte sich zu mir um.
Hinter der Sporthalle gab es wenig Licht, nur ein bisschen von einer Laterne am Fahrradweg. Ich legte meine Hände auf ihre Hüften und begann vorsichtig suchend; es war meine erste Erfahrung. Dann machte ich weiter, fester, schneller. Vielleicht, dachte ich, konnte man die Hoffnung wieder etwas anfachen, Stoß für Stoß, Funken für Funken.
Ada stemmte die Hände gegen die Wand.
2
MEINE ELTERN HABEN ADA WIE EINE FREMDE EMPFANGEN. Sie beobachteten sie wie seinerzeit auch die ersten Flüchtlinge, als diese, eine oder zwei Haltestellen zu früh aus dem Bus gesetzt, vor unserem Haus vorbei über die Straße zum Dorf zogen, ein bunter Tross farbiger Menschen mit Sack und Pack, der lange Reihen von Kindern hinter sich herzog, die großen Mädchen mit Kopftüchern.
Sie waren eigens dafür in den Vorgarten gelaufen, zwei von Korsett und künstlichem Bein zusammengehaltene Menschen, die Hände am Zaun und mit hängenden Schultern.
Meine Eltern konnten sich nicht erinnern, dass irgendwer in die Zeitung gesetzt hätte, wir hier wüssten nicht, wohin mit unserer Gastfreundschaft. Das irgendwer gesagt hätte: «Kommt und nehmt, soviel ihr wollt, sie verludert sonst ohnehin!»
Es dauerte lange, bis die Asylsuchenden wieder außer Sichtweite waren, meine Eltern seufzten, bevor sie langsam zurück ins Haus gingen.
Ein Mensch ohne Gastfreundschaft hat fast nichts mehr zu geben. Eigentlich ist so jemand auch schon kein Gastgeber mehr.
Wir haben sie langsam daran gewöhnt. Am Anfang kam Ada nur samstags vorbei, nach dem Essen, zum Kaffee, und war vor dem Schnaps schon wieder fort. Veränderungen kommen immer ungelegen, sie bringen Unruhe mit sich. Als ob eine zusätzliche Person auf dem Sofa die Abende beleidigte, die wir zu dritt verbracht hatten.
Aber wir mochten immer noch ein drittes Tässchen, oder ein viertes. Ada backte Torten und Kuchen, die erst spät aus dem Ofen kamen. Wir dehnten die Kaffeezeit aus; langsam, allmählich, immer weiter, und zwar so lange, bis die Kaffeezeit die Schnapszeit allmählich überlappte und wir die Sehnsucht nach einem Schnaps die weitere Arbeit tun lassen konnten.
Meistens war es noch hell, wenn ich sie zur Tür brachte, und ich brauchte mich nicht zu fragen, ob sie auch sicher nach Hause fände. Aber ehrlich gesagt habe ich nie Angst gehabt, dass etwas passieren könnte. Auch später nicht, als Suze selbständiger wurde. Nie wirklich.
Manchmal blieb sie über Nacht, bei mir im Bett. Am nächsten Morgen stand sie mit mir auf und verließ lange vor dem Frühstück zusammen mit mir das Haus.
Manchmal auch schliefen wir erst gegen Morgen ein und schraken erst nach zehn aus dem Schlaf hoch. Dann gab ich dem Wetter die Schuld, während ich zusätzliches Brot zum Auftauen aus der Gefriertruhe holte. Oder ich redete etwas von der Dunkelheit, den langen, leeren Fahrradwegen zwischen den Dörfern. Es hätte gestürmt, gewittert, einfach wie aus Eimern gegossen – hatten sie das denn nicht mitbekommen?
Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat – Ada zufolge jedenfalls eine Ewigkeit –, aber eines Tages sagte Mutter: «Wenn du nächste Woche etwas früher kommst, dann darfst du auch mit uns mitessen.»
Die Wochenendbesuche wurden länger – der Freitag wurde drangehängt, der Sonntag, ein erster Montagmorgen. Ada kam immer früher und ging auch immer etwas später, so lange, bis sich die Wochenenden am Mittwoch berührten und sie immer bei uns war.
So begann mein Verhältnis mit Ada Hofstra, einem jungen Mädel damals noch, die offenbar wenig bis nichts an die Menschen band, die sie vor unserer Begegnung gekannt hatte. Sie sprach nie über Eltern, Freunde oder Bekannte. Soweit ich wusste, besaß sie keine Geschwister, Tanten, Onkel oder auch nur ein Haustier.
Sie sprach nicht viel.
Und wenn, musste man manchmal die Ohren in ihre Richtung spitzen. Was? Was hast du gesagt?
Nach draußen kam sie wenig, der Bauernhof war nichts für sie. Im Haus bewegte sie sich die ersten Jahre vorzugsweise an den Wänden entlang, so als könnte man andere am besten an sich gewöhnen, indem man quasi nicht da war.
Obwohl wir nicht groß wohnten.
Ein Wohnzimmer haben wir, eine Küche und eine Waschküche, eine Diele mit Flur und eine Treppe zu einem Stockwerk mit drei Zimmern und einem Bad, und darüber noch einem Spitzboden unter dem schrägen Dach, zu erreichen mit einer Ausziehtreppe. Ein Haus gebaut für Leute, die viel im Freien sind. Aufrecht in seinem roten Backstein, aber mager und schmal.
Bei uns fängt der Platz dahinter an. Bei der Scheune, dem Lager, dem Hof und den Ställen, dem Land dahinter, den endlosen, uferlosen Hektaren, einem Ozean aus Gras – der Domäne der Milchviehhaltung, unterteilt in geometrische Formen.
Unser Land sei grün, heißt es. Aus der Luft stimmt das auch. Oder aus einem Auto heraus von der Hauptstraße aus gesehen, das zwischen Dorf und Stadt pendelt. Aber wenn man in seinen Stiefeln dasteht, drängen sich einem vielmehr die mächtigen Wolkenhimmel auf, die groß und beweglich sind.
Aus der Luft würden wahrscheinlich auch die gewundenen Klinkerstraßen auffallen, die die Bauern kurvig mit den Bauern verbinden sowie die Bauern mit der Straße. Birken säumen sie, die Straßen ächzen unter der schweren Verkehrslast.
Ansonsten ist es eine männliche Landschaft, gerade und klar, eine Landschaft, die ihrer Entwurfszeichnung auch künftig immer ähneln wird.
Die ersten Jahre fiel es nicht so auf, dass Ada wenig Vergangenheit besaß. Es machte nichts. Ich selbst verfügte auch nicht über übertrieben viel Vergangenheit. Eine Kindheit zu Hause, eine abgebrochene Ausbildung, ein Leben auf dem Hof. Mit Interesse für die Geschicke anderer musste man geboren sein; sich das später anzueignen war schwer.
«Das heißt, sie hatte nie Geburtstag?», fragten die Ermittler. «Wollten Sie das sagen? Es kam nie jemand vorbei? Keine Anrufe, nichts?»
Der Ältere lehnte sich zurück, die Hände im Nacken, die Augen gegen die Decke gerichtet, wie man es sie auch im Fernsehen tun sah. «Und ab wann dämmerte Ihnen denn so allmählich, dass Ihre Beziehung nie Geburtstag hatte?»
Zu Anfang des Verhörs hatten sie sich bemüht, neutral zu klingen, möglichst neutral und objektiv, konnte man sagen. Später gaben sie diesen Anspruch auf.
«Ich weiß nicht, warum Menschen keine Vergangenheit haben wollen», sagte ich – oder etwas Derartiges, in Worten gleichen Inhalts. «Ich weiß nicht, warum sie damit nichts zu tun haben wollen. Kann doch sein, das bestimme ich doch nicht? Hätte sie mir davon erzählen wollen, dann hätte sie das sicher getan.»
Ich schaute sie an, einen nach dem anderen. Männer mit Arbeit, einem Beruf, einem Haus und Kindern. Männer, die ihre Attraktivität in den Arbeitsjahren zurücklassen mussten, die hinter ihnen lagen. «Man muss …», sagte ich. «Das heißt, man muss natürlich nichts, so meine ich es nicht. Aber man muss Leuten ein bisschen Raum geben; Zeit, Ruhe und Raum.»
«Wieso sind Sie nicht umgezogen?» Der Jüngere begann durchs Zimmer zu gehen, einen kahlen Raum, einen, so schien es, eilends für ein Verhör umfunktionierten Büroraum. «Wieso sind Sie nicht abgehauen? Erklären Sie das mal, das verstehe ich nämlich noch nicht ganz. Warum haben Sie nicht irgendwo anders neu angefangen?»
Ich dachte an die Frage, die alle immer stellten: «Was wärst du geworden, wenn du kein Bauer gewesen wärst?»
Ich dachte daran, dass der Bauer und sein Vieh zueinander verurteilt sind. Zueinander verdammt, könnte man sagen, aber dann versteht man nicht, was Liebe ist.
Ich hatte darauf keine Antwort. Ich konnte darauf nichts erwidern. Meine beste Antwort wäre gewesen, dass es diese Frage in Wirklichkeit nicht gab. Einer Kuh brauchte man nicht beibringen, Milch zu geben, einem Bauern nicht, Bauer zu sein. Sie wussten es schon, sie waren es schon, schon immer gewesen.
«Warum sind Sie nicht ausgewandert?» Er hatte aufgehört, herumzulaufen. «Kanada, Amerika, Neuseeland? Sie hatten so viel Zeit. Sie hatten so viel Vorsprung.»
In seiner Stimme steckte Verärgerung. Auf einmal hörte ich es. Müdigkeit. Als ob ihm erst jetzt bewusst würde, wie viel Zeit und Mühe es gekostet hatte, alle im weiten Umkreis zu durchleuchten, die seit dem Unglück mit Rosa einen Sprachkurs angefangen hatten.
Wir saßen, wir schwiegen.
So wurde während der Verhöre viel Zeit vertan.
Die meisten Dinge lassen sich gut erklären, besonders im Nachhinein ist das einfach. Aber es gibt auch Sachen, die besonders im Nachhinein sehr schwierig oder fast gar nicht zu erklären sind, obwohl sie einem in dem Moment selbst natürlich vorkamen.
Vater nannte Ada «das Gespenst», Mutter übernahm es. Wo ist das Gespenst? Hat das Gespenst das gemacht? Wie spät kommt das Gespenst nach unten, muss das Gespenst noch lange ausschlafen? Wenn das mal nicht wieder das Gespenst ist. Wenn das Gespenst das nicht mehr mag, dann esse ich es.
Ich fand es nicht schlimm, ein Verhältnis mit einem Gespenst zu haben. Ich merkte es nicht so, ich war tagsüber nie drinnen; Arbeit ist die beste Methode, um sich mit dem Tag zu verbinden, vielleicht auch mit sich selbst, Arbeit ist die beste Methode, um bei sich selbst zu bleiben.
Nachts erwachte das Gespenst zum Leben, im Schlafzimmer vollzog sich eine Verwandlung. Alles, was ich in all den Jahren von meinen Eltern durch die dünne Wand zwischen den Schlafzimmern hatte ertragen müssen, bekamen sie jetzt mitsamt Zinsen zurück.
Die Kraft eines Bauern kann man nicht sehen. Man muss sie spüren, erfahren, sonst glaubt man es nicht. Ada rühmte meine Kraft und Ausdauer, sie bewunderte die Form meiner Unterarme, Hände und Finger. Sie wusste, wo sie hinschauen musste.
3
MITTLERWEILE SIND GUT DREIZEHN JAHRE VERGANGEN. Die Einschätzung kann währenddessen von der Zeit beeinträchtigt sein, aber wenn ich darauf zurückschaue, jetzt, gezwungen durch Verhöre oder einfach aus mir selbst heraus, denke ich, dass Ada ihre geistige Abwesenheit, um es so auszudrücken, in der Zeit abgelegt hat, als sie mit Suze schwanger war.
Damals hat sich eine gewisse Erkenntnis in ihr breit gemacht: eine Freundin ist eine Außenstehende, ein Eindringling, eine, deren Rechte an der Nutzung des Hauses man anfechten kann. Doch mit Suze im Bauch stand sie nicht länger als Ada unter der Dusche oder in der Küche, sondern auch als die Umhüllung meiner Frucht.
Eine Trägerin eines Storkema schickte man nicht weg, ohne nicht zugleich auch ein Familienmitglied vor die Tür zu setzen.
Schritt für Schritt begann die schwangere Ada, unser Haus etwas mehr zu nutzen. Vom Schlafzimmer aus nahm sie allmählich über das Badezimmer, das Treppenhaus, den Flur, die Küche und das Wohnzimmer ihren Teil des verfügbaren Raumes ein.
Eines Tages wollte sie unsere Bettwäsche selbst waschen. «Ja», sagte sie, «warum nicht, ich habe sie doch auch selbst benutzt!» Stundenlang hielt sie die Waschmaschine und den Trockner im Schuppen besetzt. Später erbat sie sich manchmal ein behutsames Mitspracherecht bei den Einkäufen, die wir machten. Dann wollte sie lieber ein Antischuppenshampoo oder ein etwas weniger starkes Mundwasser.
Manchmal staubsaugte sie die Treppe, wienerte die Fliesen im Flur, rückte den Spiegeltüren des hohen Wandschranks mit Glasreiniger zu Leibe. Meine Mutter sah es kopfschüttelnd mit an, die Hände in die Seiten gestemmt.
Jahre gingen vorbei, zogen sich langsam und träge dahin, wir heirateten, die Kinder wurden geboren, Ada trug fortan unseren Nachnamen.
Es ist nicht schwer, Erinnerungen an die Nacht wachzurufen, als Suze geboren wurde, die Nacht und die darauffolgenden Tage wieder vor meinen Augen abzuspulen, die Ereignisse bisweilen schweben, Walzer tanzen zu lassen wie Wein in einem Glas.
Es ist auch verführerisch – ich habe es oft genug getan, hundert Mal, öfter. Trotzdem haben sich die Erinnerungen nach all den Malen des Heraufbeschwörens und Zurücksinkenlassens kaum verändert. Und das sei bemerkenswert, haben die Ermittler gesagt, denn meistens ginge dabei Einiges verloren, wenn man sie oft an die Oberfläche holt. Mit meinem Gedächtnis ist ja auch alles in Ordnung. Ich verfüge über ein gutes Gedächtnis. Das haben sie früher in der Schule schon gesagt. Verfügen. Auf das Wort «Gedächtnis» folgt oft das Wort «verfügen». Alles, was du weißt, gehört dir, alles, woran du dich erinnern kannst.
Auch Friso kam zur Welt, er selbst ist der lebende Beweis dafür, aber von seiner Geburt, dem Blasensprung, den Wehen, der Autofahrt ins Krankenhaus, den Stunden, die wir auf seine Ankunft gewartet haben, seinem Erscheinen selbst, ist mir fast nichts in Erinnerung.
Wenn ich das Ada gegenüber ansprach, wenn ich fragte, an was genau von Frisos Geburt sie sich noch erinnerte, reagierte sie empört. Aber ein paar Stunden später konnte ich sie dann oft wieder mit einem Stapel Fotos am Küchentisch sitzen sehen.
Friso war nicht weniger willkommen als Suze. Daran lag es nicht, daran konnte es auch überhaupt nicht liegen. Er war genauso geplant wie Suze, er füllte genau wie sie ein eigens für ihn in unsere Herzen gegrabenes Loch. Er war ein Junge – und einen Jungen hatten wir noch nicht. Mit ihm fand unsere Familie ihre perfekte Zusammensetzung.
Es war auch nicht so, dass wir ihn weniger lieb gehabt hätten. Ich jedenfalls nicht, das weiß ich so gut wie sicher, und auch für Adas Mutterliebe lege ich meine Hand ins Feuer. An uns lag es nicht. Die Entbindung hat sich uns nicht ins Gedächtnis gegraben, weil wir sie nicht behalten konnten. Das erste Mal in die Schule, das erste Mal allein auf dem Traktor, das erste Mal, dass man von einem Mädchen in De Tangelier angesprochen wird – diese Male behält man gut und wahrscheinlich auch für immer, ohne dass man sich dafür anstrengen muss.
Die ersten Male können sich einen Platz aussuchen, für erste Male ist das ganze Gedächtnis noch frei, aber für zweite und dritte Male ist das Gedächtnis ein Stuhl, auf dem schon jemand sitzt. Der Platz ist vergeben, besetzt von einer früheren Erinnerung.
Ada wuchs und wuchs, sie wurde größer und größer, sie tappte durchs Haus wie ein Nebenprodukt ihrer Schwangerschaft. Ihre Scheide machte mir keine Sorgen, es waren die Knochen, die Hüften, es war ihre Konstitution, die sie angesichts der auf sie einwirkenden Gewalt irgendwie hatte zusammenhalten müssen. Sie hatte immer so zerbrechlich gewirkt, so klein. Aber das ist vermutlich mit jedem Menschen so, den man liebt. Sie schrumpfen vor deinen Augen in Verletzlichkeit – je mehr Liebe, desto verletzlicher.
Aber Ada hielt eine Niederkunft zu Hause für natürlicher als in einem Krankenhaus, wo die Dinge, wie sie es ausdrückte, oft unnötig medikalisiert würden und zu wenig Raum für das Mysterium bliebe, das eine Niederkunft in ihren Augen auch war.
Ich erinnere mich an den Schrei in der Nacht.
Wie sie auf einmal aufrecht im Bett saß, alles nass.
Die Orientierungslosigkeit. Als ob ihre Augen sich scharf stellen mussten.
Ich erinnere mich an die Hebamme, das rasche Telefonat mit dem Hausarzt, das Trara, Ada die Treppe runterzubekommen, und dann doch noch die verspätete Fahrt ins Krankenhaus.
Wären meine Eltern gleich beim ersten Lärm aufgestanden und nach unten gegangen, nach draußen bis zum Zaun, hätten sie uns bis hinter Derksens Haus und sogar noch etwas weiter, bis über den Kreisel links ab auf die Ausfallstraße zur Hauptstraße nachsehen können, die anschließend dreißig Kilometer kerzengerade südwärts zur Stadt führte.
Es wurde kälter, der Winter hatte eingesetzt. Auf den Feldern lag Schnee, eine dünne Schicht, die Welt war eine weiße, stille Fläche, aus der jedes Geräusch vorübergehend entfernt war, auch das von Ada und dem Auto produzierte.
Unten links lag das Brachfeld, wo Rosalinde gefunden werden würde, kaum erhellt von dem künstlichen Licht entlang der Straße. Die Ermittlungsbeamten dachten, ich hätte den Ort nach dem Unglück sicher gemieden. Mich möglichst von dort ferngehalten, weil ich nicht mehr damit konfrontiert werden wollte. Aber die Wahrheit ist, dass ich fast nie irgendein Problem hatte, weil ich immer, wenn ich daran vorbeifuhr, an mein Mädchen dachte und an die Nacht, als sie zur Welt kam.
Da war schon eine Erinnerung vor der Erinnerung an das Unglück, etwas, das früher geschehen war, Suzes Geburt. Das Leben ist stärker als der Tod, jedenfalls in meinem Gedächtnis. Suzes Nacht strahlte durch alles hindurch, was sich davorgeschoben hatte.
Erst wollte sie nicht kommen, das Mädchen steckte im Geburtskanal fest. Nach jeder Wehe schwächte sich ihr Herzschlag wieder gefährlich ab. Zeitweilig war er sogar völlig verschwunden. Die Zeit geht schnell, wenn du auf einen Bildschirm starrst, auf dem der Herzschlag deiner Tochter in Linien und Pieptöne übersetzt wird. Kurze Erholungsphasen im Wechsel mit Sturzflügen. Schnell und langsam zugleich, wie es manchmal heißt.
Irgendwann wurde unser Zimmer von einem medizinischen Team gestürmt, bestehend aus Männern, Frauen und Mädchen. Ein quadratischer Kasten auf Rädern wurde von einer Frau in einem langen Arztkittel hereingeschoben.
Es wurde gearbeitet, geschnitten und gerufen.
Das Wunder wurde spitzköpfig an der Vakuumpumpe zum Vorschein gebracht.
Mit einer Schere schnitt ich das Mädchen von der Mutter. Das Geräusch war anders, als ich es mir vorgestellt hatte, schärfer; ich musste auch mehr Kraft auf die Schere ausüben, als ich erwartet hatte.
Suze musste gewogen und gemessen werden, betatscht, befingert und kontrolliert, in einem Nebenraum. Ada musste hergerichtet und zugenäht werden. Leicht im Kopf und schwankend, als hätte ich zu viel Sauerstoff eingeatmet, wartete ich, bis man mir Suze anvertrauen würde.
Dann lag sie in meinen Armen, in ein Tuch gewickelt, rosarot, fleckig und hilflos. Ich wiegte das Kind, mein eigen Fleisch und Blut, rot, mager, hässlich, lautstark. Mit meinem Herzen und Wesen wiegte ich sie. Schwingen war es eher, ja, schwingen tat ich das Kind, auf meinen Hüften hin und her, und ich legte zum ersten Mal meine Nase auf das Köpfchen meiner Tochter. «Jetzt bist du bei mir», flüsterte ich, «jetzt bist du bei mir.»
4
NACH DEN SCHWANGERSCHAFTEN UND GEBURTEN WAREN ADAS ARME UND BEINE ZWEIMAL SO DICK GEWORDEN. Der Bauch auch, die Brüste quollen fast aus dem BH. Wenn sie nackt war und sich weit vornüberbeugte, zum Beispiel um sich die Zehen abzutrocknen, sah sie von der Seite manchmal aus wie ein Wesen mit sechs Gliedmaßen.
«Früher brauchte ich mich mit nichts vorzusehen», sagte sie. «Aber jetzt?» Sie machte eine hilflose Geste. «Ich brauche ein Mars nur anzuschauen und nehme schon zu.»
«Dann schau halt nicht hin», sagte Mutter.
Die Kinder wurden größer, Ada wurde größer, ich blieb gleich – ich habe immer ein stabiles Gewicht gehalten – und Mutter wurde kleiner. Kompakter. Als ob ihr spezifisches Gewicht zugenommen hätte.
«Beließe sie es nur beim Hinschauen», sagte Vater. Dabei machte er ein Gesicht, als hätte er es schon sehr oft gesagt und als hätte sie nicht auf ihn hören wollen.
Ada setzte sich, behäbiger als zuvor, aber das gehörte dazu.
«Nach zwei solchen Schwangerschaften ist man wirklich nicht mehr dieselbe. Hattest du geglaubt, in einem Frauenkörper würde sich dadurch nichts verändern? Das weißt du doch auch, Tille. Ich konnte doch immer essen, was ich wollte! Gut, das habe ich nicht, natürlich nicht, nein, aber das hatte andere Gründe, darum geht es jetzt nicht. Das weißt du doch auch.»
Ich antwortete ihr nicht, ich fand es nicht schlimm, dass sie gewachsen war, nicht unangenehm. Im Bett konnte ich die Wölbungen riechen, scharf und süß, ich spürte die gestiegene Temperatur des ehelichen Fleisches. «Ada», flüsterte ich, denn alle schliefen schon.
Manchmal stieß ich sie an. «Ada, bist du noch wach?»
Sie ächzte leise.
Ich drehte mich auf die Seite und atmete ihr ins Ohr. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte es Ada Spaß gemacht, wenn wir uns auf dem Bett gegenübersaßen, nackt und mit nur einer schwachen Lampe an, und spielten, wer am längsten die Finger vom anderen lassen konnte. Ich verlor immer, außer wenn ich mich über das Bett zu ihr beugte und ihr sanft ins Ohr atmete. Das hatte ihr immer gefallen, es schien schon wieder eine geraume Zeit her zu sein.
«Du», flüsterte ich, «bist du wach?»
Sie wälzte sich hin und her. «Tille», sagte sie, «ach.»
Ich legte meine Hand auf ihren Bauch, sie war ein Wasserbett aus weißem Fleisch. Die Masse bewegte sich unter meiner Hand, weich und massiv. Einen Nabel konnte ich nicht mehr fühlen, ich fühlte nichts als Fett und Wärme, von einer Form war kaum mehr die Rede.
Langsam glitt meine Hand tiefer. Zu schnell ist nicht gut, außer es ist ein Teil des Spiels. Ich fühlte das Bündchen der Unterhose, den Beginn der scharfen Stoppeln darunter.
«Du», flüsterte ich.
Ich verlangte nicht viel, meine Forderungen waren zu vernachlässigen. Nie schlug ich mit der Faust auf den Tisch, um eine Entscheidung zu forcieren.
Sie zog einen Arm unter der Bettdecke hervor und strich mir über den Kopf. «Tille», sagte sie. «Entschuldige, aber ich bin echt ein bisschen zu müde jetzt.» Es folgte ein Lächeln, leise und beruhigend. «Komm», sagte sie. «Wollen wir nicht einfach schlafen?»
Manchmal stand ich auf, um zugunsten der Nachtruhe im Badezimmer zu onanieren. Den Umständen entsprechend hielt sich meine Haut noch ordentlich. Das Gesicht hing auch noch ganz normal an Ort und Stelle, an seinem ursprünglichen Platz, in der richtigen Höhe, es war noch nicht abgesackt, wie es mit allen Gesichtern geschah, die Jahre zogen sie langsam nach unten – eines Tages sah man keine oberen Zähne mehr, wenn man jemanden anschaute, sondern nur noch untere.
Ich trank ein Glas, ich wollte rauchen.
In den Lichtpfützen der Straßenlaternen tauchten Fahrräder auf, Jugendliche, Jungen und Mädchen, am Wochenende oft noch spät unterwegs, die sofort wieder im Dunkeln verschwanden – später schwebten ihre Lichter langsam an Derksens Haus vorbei.
Ada hatte sich selbst in De Tangelier neben mich gestellt, nicht umgekehrt. In den ersten Jahren hatte sie einen guten Eindruck gemacht, mehr als gut genug, um eine Familie zu gründen, ein Leben, aber jetzt hatte sich ihr Animo verflüchtigt.
Einmal bin ich nach dem Rauchen zurück nach oben gegangen, aber das war auch aus Frustration. «Ada», sagte ich in einem Ton, als ob es mir jetzt langte. «Los, aufwachen. Hierüber haben wir geredet. Das genau ist jetzt das, worüber wir immer reden.»
Es hatte keinen Sinn, sie reagierte nicht.
Eine Ehefrau gibt Sex wie eine Kuh Milch – ein paar Jahre lang, fünf, sechs, und dann ist die beste Zeit vorbei.
Diese Nacht – so habe ich es auch in den Verhören gesagt – bin ich aufs Fahrrad gesprungen. Ich zog mich an, während ich in die Scheune ging, wo es steht, ein schwarzes Modell mit Sattel, Handgriffen und Reifen in Beige. In der Frauenvariante nennt man es auch Omarad; der Name Oparad hat meines Wissens nie Anklang gefunden.
Ich bog sofort in die Dorfstraße ein und fuhr über das Klinkerpflaster ins nächste Dorf.
Ich fuhr in die Felder, kam ins Naturschutzgebiet, das Überlaufgebiet.
Bei klarem Wetter konnte man schon die Stadt sehen, eine große Halbkugel aus orangefarbenem Licht am Horizont, wie eine untergehende Sonne; das Versprechen von Freiwilligkeit.
«Dreißig Kilometer hin und dreißig zurück», sagte der Ermittlungsbeamte. Es war der Anfang eines neuen Verhörs, der Morgen war noch frisch. «Mitten in der Nacht, dazu immer dieser Wind.» Er schaute schnell nach links und nach rechts, als würde er etwas suchen. «Warum haben Sie nicht einfach das Auto genommen?»
«Weil ich Fahrrad gefahren bin», sagte ich. «Ja, tut mir leid, aber das ist einfach die beste Antwort. Ich bin mit dem Rad gefahren. Ich bin ein Radfahrer, ich fahre gern Rad.»
«Hatten Sie Angst, man könnte ihr Nummernschild erkennen?»
«Nein», sagte ich. «Wieso? Warum sollte jemand mein Nummernschild erkennen? Warum sollte ich das nicht dürfen? Zu den Huren zu gehen, ist doch nicht verboten!»
«Wenn man etwas vorhat», sagte er, «das das Tageslicht scheut, kann es manchmal praktisch sein, wenn nicht jeder das Nummernschild sieht.»
«Ich hatte nichts vor», sagte ich. «Nichts anderes als ich schon gesagt habe. Nichts, was nicht erlaubt wäre jedenfalls. Ich fahre gern Fahrrad. Es macht mich ruhig, dann kann ich meine Gedanken ordnen. Echt, eine halbe Stunde tüchtig in die Pedale getreten und man fühlt schon, wie sich das ganze Herz-Lungensystem entspannt. Wenn ich zurückkomme, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.»
Sie tauschten einen Blick.
«Radfahren», sagte ich. «Das kennen Sie doch?» Ich lachte. «Schwerer Tag, der Kopf ist voll, Ärger, Lärm, nirgends Ruhe im Haus. Dass man mal kurz raus muss, an die frische Luft?»
Ich fuhr überall hin.
Ich radelte über alle Dörfer in der Umgebung.
Zum Asylbewerberheim, und weiter noch an der Dorfkneipe De Dorelaer vorbei – manchmal bin ich dem Wasser gefolgt, bis ich das Watt riechen konnte.
Die Ermittler begriffen nicht, dass es mir um das Radfahren zu tun war. Sie haben darüber gelacht. Der Spott ist mir nicht entgangen, der Sarkasmus, der harte, ausgehärtete Unglaube. Aber sie lachten mit langen Gesichtern, flach und tonlos, als hätte jemand einen Witz gemacht, der bei näherem Hinsehen doch nicht so witzig war.
5
EIN UNGEÜBTES AUGE SIEHT AUF EINER KOPPEL MIT KÜHEN KEINE ORDNUNG. Man muss erst eine Weile mit ihnen arbeiten, bevor man die Verhältnisse zueinander erkennt, die Unterschiede im Verhalten, und allmählich auch entdeckt, dass in dieser augenscheinlich so lahmen Reihe von Tieren, die jeden Tag in dem gleichen fast willenlosen Tempo zur Weide unterwegs sind, tatsächlich so etwas wie eine Hierarchie existiert.
Manchmal möchte man an dieser Rangordnung etwas verändern. Dann läuft es nicht rund, dann geht alles durcheinander. Man kann aber selbst viel dazutun. Man kann einige absondern und sie aus dem offenen Stall gegenüber ein paar Tage den anderen zusehen lassen. Man kann sie in die gewünschte Reihenfolge zwingen, wenn man das will, wenn es nötig ist, was fast nie vorkommt.
In der Schweiz hängen sie den Tieren in solchen Fällen nach dem Winter andere Glocken um. Eine Dame, die etwas weniger vorlaut sein soll, bekommt eine kleinere, leichtere als sie gewohnt ist; eine junge Kuh, noch etwas schüchtern in der Gruppe, bekommt eine große, schwere.
Wieder auf der Weide kommen die Tiere durch den frustrierenden Klangbrei, den sie selbst fabrizieren, aus dem Tritt. Darum arbeiten sie wieder zusammen, sie müssen ja, sonst werden sie verrückt. So wie ich Fahrrad fahre, laufen sie voreinander her. Sie bewegen den Lärm fort, bis er Musik geworden ist.
In der Küche stand jetzt eine tüchtige Frau, eine Mutter, eine Storkema, mit neben sich in derselben Küche noch einer Frau, noch einer Mutter, noch einer Storkema, alt, aber ungebrochen über eine Einkaufsliste gebeugt, die die andere nicht sehen durfte.
«Wollen wir nicht mal Fisch essen?», versuchte es Ada. «Fisch? Ist gesund, Fisch. Jeden Tag Fleisch ist auch nicht gut, oder?»
Ada konnte sich nicht an unser Kalbfleisch gewöhnen, die Tiere taten ihr immer noch leid, obwohl ich ihr erklärt hatte, dass die andere Option für Stierkälber das Vergastwerden war, so wie bei den männlichen Küken von Legehennen. Was sollte man sonst damit machen? So hatten die Kälbchen noch ein kleines Leben, wenn auch nicht viel, und man selbst hatte auch noch etwas davon. Alle redeten immer von den armen Kälbchen, aber über die männlichen Küken verlor keiner ein Wort.
«Nein», sagte sie, «die männlichen Küken, nach denen kräht kein Hahn.» Und sie fing an zu lachen, was ich mir gemerkt habe, nicht wegen des angeblichen Witzes, sondern weil ich zum allerersten Mal sah, dass jemand etwas verstehen und gleichzeitig nicht verstehen konnte.
Mutter gab keine Antwort.
Vielleicht, dachte ich, war das Haus nicht groß genug für zwei Ehepaare – es waren ja auch noch zwei Kinder hinzugekommen. Es gab zu viele Männer im Haus, zu viele Frauen, zu viele Leiber, Gliedmaßen. Jeden Abend gab es Streit um die Fernbedienung.
«Ich wüsste eigentlich auch noch ein paar Auflaufrezepte», sagte Ada, aber Mutter zog schon den Mantel an, nahm ihre Tasche und ging zur Tür hinaus.
Es war Frühjahr, die Zeit von Amseln, Gänseblümchen; die erste Mäharbeit im Jahr. Am Morgen hatte sich eine Kuh aus der Reihe gelöst. Sie schaute mich an, ich schaute zurück. War es Zuneigung? Dankbarkeit?
Manche Leute sagen, Kühe würden die Bauern lieben wie Geiseln ihre Geiselnehmer, aber wenn das stimmt, kann man von Bauern das Gleiche sagen.
Macht das einen Unterschied?
Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit, Liebe ist Liebe. Wenn Liebe nicht schon aus Abhängigkeit geboren wird, dann stirbt sie darin.
Liebe wird aufgebaut, Tag für Tag.
Vielleicht ist es Vertrauen.
Jeden Tag Aufmerksamkeit, jeden Tag neues Futter, jeden Tag wieder ein nettes Wort. Die guten Erfahrungen stapeln sich. Jeden Tag kommt wieder ein bisschen Vertrauen obendrauf. Die Kuh fühlt sich immer besser bei dem Bauern, je mehr die Zeit voranschreitet. Am letzten Tag vor der Schlachtung ist ihre Liebe dadurch auf dem Höhepunkt.
Das ist das Verrückte, das Widersprüchliche: In dem Moment, wenn die Gefahr am größten ist, fühlen sich die Kühe am sichersten.
Ada kam und stand hinter mir, eine Hand auf meiner Schulter. Ich frühstückte erst dann, wenn die erste Arbeit getan war, wenn ich ruhig sein konnte, was die Arbeit anging, wenn das Haus auch ruhig war. Durch das Fenster sahen wir Mutter ins Dorf radeln, ohne dass sie sich umdrehte oder winkte.
Eine Weile blieb es still.
Ich versuchte zu kauen, ohne Geräusche zu machen; eine Aufgabe, die umso schwieriger wird, je länger man sie durchzuhalten versucht.
«Dieses Haus», sagte sie. «Dieser Tisch allein schon. Wie lange steht dieser Tisch jetzt schon hier?»
«Lange», sagte ich. «Sehr lange. Schon immer, wenn du mich fragst.»
Der Tisch war braun und robust, mit massiven, quadratischen Beinen. Unter diesem Tisch hatte ich einen Teil meiner frühen Kindheit verbracht. Mutter hörte Platten in dieser Zeit, wir hatten einen Plattenspieler. Das Ave Maria am liebsten. Immer das Ave Maria. Ich kenne den Text noch größtenteils auswendig.
Der Tisch würde noch eine Weile halten, wenn man mich fragt. Ihn zu ersetzen, war noch längst nicht an der Reihe.
«Ja», sagte sie, «das meine ich nicht. Ich meine» – sie schaute um sich, betrachtete alles ganz genau, die Fenster, die Fensterrahmen, die Fensterbank, die Tapete, die Lampenschirme und die Kacheln an der Küchenwand – «wann ist an diesem Haus das letzte Mal etwas getan worden?»
Am selben Abend – ich denke, es war derselbe Abend, es kann auch ein paar Abende später gewesen sein – saßen wir nach dem Essen im Wohnzimmer, die Kinder lagen gerade im Bett. Unerwartet stand Ada vom Sofa auf. «Mir kommt auf einmal eine gute Idee», sagte sie. «Ein Wintergarten. Ja, ein Wintergarten. Wir müssten hier eigentlich einen Wintergarten anbauen.»
Sie drehte sich zu uns um und strahlte. «Ja», sagte sie. «Ein Wintergarten, ein Anbau, mit ganz viel Glas, das macht es hier drinnen gleich ein Stück geräumiger.»
Es wurde still im Wohnzimmer, die Stille berappelte sich wieder. Mutter schaute zu Vater.
Vater saß in seinem Sessel vor dem Fernseher, das Bein und den Stumpf ein Stück auseinander, der Bauch musste atmen können, und rieb mit der Hand über die Stelle im luftleeren Raum, wo sich sein linkes Bein befunden hatte, das beinförmige Loch in der Wirklichkeit.
«Für den Wert des Hauses», sagte Ada, «ist ein Wintergarten übrigens auch nicht schlecht. Echt, alle wollen heutzutage einen Wintergarten. Das treibt den Preis gleich in die Höhe.»
«Ja», sagte Vater. «Gute Idee. Was machen wir mit einem Wintergarten?»
Ada ging zu dem Tisch und schob diesen andeutungsweise an die Stelle, wo er in ihrer Vorstellung stehen würde. «Also», sagte sie, «dann kann der da schön stehen, im Wintergarten.» Sie hob den Kopf und lachte. «Stellt euch mal vor, wie viel zusätzliches Licht man dann bekommt.»
«Platz, um den Tisch hinzustellen», sagte Vater. «Platz, um den Tisch hinzustellen. Ja, ich verstehe. Aber dürfte ich dir dann eine Frage stellen? Wo steht er jetzt?»
«Ja», sagte Ada. «Tja.» Sie verstand die Frage nicht ganz, sie verstand nicht, worauf er hinauswollte, was er hören wollte und was nicht – das Einzige, was sie verstand, was sie zu verstehen können meinte, war, dass es sich vermutlich um eine Fangfrage handelte. «Ja», sagte sie leise. «Der Tisch steht hier. Wo er halt immer steht.»
«Genau», ächzte Vater – das beinförmige Loch in der Wirklichkeit hatte sich mit Phantomschmerz vollgesogen. «Der Tisch steht, wo er jetzt steht. Er steht, wo er immer steht, wo er schon stand, als Tille noch geboren werden musste. Aber lass mich dich noch etwas fragen, wenn du gestattest – was machen wir dann mit dem Platz, wo der Tisch jetzt steht?»
«Ja», sagte Ada. «Ja, nichts halt. Der ist dann einfach da, der Platz. Das ist doch gerade schön, das macht es im Haus doch angenehmer. Dass man mehr Luft zum Atmen hat. Zum Bewegen. So groß ist es hier ja wirklich nicht. Wir alle könnten durchaus etwas mehr Raum gebrauchen.»
«Und diesen Raum nutzt du», sagte Vater mit reibender Hand, «wenn ich es richtig verstanden habe, um ihn dir anzusehen. Um dich hineinzustellen. Richtig? Ja, das tust du damit, mit dem neuen Raum, was sonst sollst du damit anfangen. Du stellst dich hinein. Und sonst nutzt jemand anderes ihn, um sich hineinzustellen. Ist es nicht so? Ein Wintergarten kostet an die zwanzigtausend. Zwanzigtausend Euro für etwas zusätzliche Stehfläche. Ist es nicht so?»
«Früher stand hier nie jemand», sagte Mutter. «Es war nicht nötig, sich dort hinzustellen. Warum sollte man sich mitten ins Zimmer stellen? Es gibt doch Sitzmöbel!»
6
MANCHMAL, WENN WIR ALLEIN WAREN – ES GAB BEISPIELSWEISE AN EINEM ABEND EINE BÜRGERVERSAMMLUNG IN SACHEN ASYLBEWERBERHEIM – STELLTE ADA NACH DEN NACHRICHTEN IM VORBEIGEHEN EIN BIERCHEN VOR MICH HIN. Sie summte noch ein Weilchen in meinem Gesichtsfeld herum – verschob etwas auf der Fensterbank, entfernte ein abgestorbenes Blatt aus einer Zimmerpflanze – bevor sie sich neben mich auf die Couch setzte.
«Was hast du gemacht?», sagte sie. «Du bist noch völlig … Warte.» Sie feuchtete ihren Daumen mit der Zunge an und rieb mir konzentriert schielend einen Farbspritzer aus dem Gesicht. Die Ställe waren von innen wieder weiß. Es konnte kein Frühjahr geben, wenn der Winter noch an den Wänden pappte – das Meiste bekam man mit der Spritze weg, der Rest verschwand unter dem Farbroller.
«Na ja», sagte sie lachend und kopfschüttelnd, bevor sie sich an mich schmiegte, ihre Schulter unter meinen Arm drückte, «sagen wir mal, das nutzt sich wieder ab.»
«Manchmal denke ich noch daran», sagte sie kurz darauf. «De Tangelier, der erste Abend. Du nicht? Verrückt eigentlich, wie lange das schon wieder her ist. Wie lange her es schon wieder scheint. Fast ein halbes Leben, so fühlt es sich an – hat sich ja auch so viel verändert seit dieser Zeit.»
Ich sagte, es wäre nicht verrückt, an Dinge zu denken, das wäre es nie, das könnte es höchstens werden, wenn man die Gedanken zur Sprache brachte.
«Was dachtest du damals, als du mich sahst? Habe ich dir gleich gefallen?»
Es war keine unerwartete Frage, aber normalerweise redeten wir nicht so. Sie war in der Diskothek auf mich zugekommen und nicht umgekehrt. Bei der Tanzfläche hatten wir uns in dem jeweils anderen gesehen. Wir waren zwei intelligente Seelen, die wussten, was zum Verkauf stand, und die gemeinsam beschlossen hatten, ihr Geld in der Tasche zu behalten. Es gab keinen Grund, daraus im Nachhinein eine andere Geschichte zu machen.
«Ach, Tille», sagte sie lachend, so als würde ich sie hänseln. «Bitte, mach es mir nicht so schwer. Ich bin eine Frau. Frauen brauchen es ab und zu, etwas Liebes zu hören.»
«Ja», sagte ich. «Ja, nun ja.»
«Ja», sagte sie. «Was hast du gedacht, als du mich sahst? Das weißt du doch noch, oder?»
Ich schaute sie an. War sie schön, schön gewesen? Schön, das war ein leidiges Thema, nicht alles und jeder war so einfach mit Schönheit in Verbindung zu bringen. Teile konnten schön sein, Augen, Haare, Beine. Musik konnte schön sein, Mutter, die Musik hörte, Ave Maria, die ganze Atmosphäre dabei, die Ruhe im Haus. Suze war schön, bildschön, das Schönste, was ich mir vorstellen konnte. Immer wenn ich sie sah, war sie wieder genauso schön, jeden Tag, jeden Moment. Wenn man sich später wieder mal die Fotos anschaute, war sie immer noch sehr schön, jedoch war es schwieriger, sich in das Entzücken des Augenblicks zurückzuversetzen – als ob die Zeit ihre Schönheit mitgenommen hätte.
Ada legte mir ihre Hand auf die Brust. «Bitte», sagte sie, «hattest du keine Angst, mich zu bitten, mit dir auszugehen? Hattest du keine Angst, ich könnte dich abweisen?»
«Doch», sagte ich und gab ihr einen Kuss auf den Kopf.
Sie seufzte und hielt ein Weilchen still.
Vor dem Fenster hockten Stare mit verschlissenen Federn. Ich hatte Suze erzählt, dass Stare lange Reisen unternehmen müssen, um zu uns zu kommen, daher auch der Verschleiß an den Federn. Sehr lange Reisen. Genau wie Papa eine lange Reise hätte machen müssen, um zu ihr zu kommen. Zwar war er dabei die ganze Zeit an ein und demselben Ort geblieben, denn es war mehr eine innere Reise gewesen, aber das würde sie noch begreifen, später, wenn sie älter war.
Ich hatte ihr auch erklärt, dass Stare andere Vögel nachahmen. Sehr gut sogar – man hörte fast keinen Unterschied. Wenn man ihnen in den Wochen nach ihrem Eintreffen also genau zuhörte, verriet einem das, welchen Vögelchen die Stare unterwegs alles begegnet waren. Ich hatte mit ihr unter den Bäumen gestanden, einen Zeigefinger an die Lippen gelegt und geflüstert: «Jetzt muss Suze ganz still sein, mäuschenstill.»
«Es ist voll im Haus», sagte Ada.
Kurz darauf: «Etwas zu voll, finde ich manchmal.»
«Die Atmosphäre im Haus», sagte sie, «wird davon nicht besser. Ich meine, es wird nicht einmal mehr versucht, sich zu streiten. Dein Vater», sagte sie. «Hast du gesehen, dass er die Fernbedienung mitnimmt, wenn er nach oben geht?»
Das hatte ich, es war kein tröstliches Bild. Ein alter Mann, der sich Stufe um Stufe hinterrücks auf dem Hintern die Treppe hinaufschob, in der Faust eine Fernbedienung, auf dem Gesicht eine verbissene Grimasse.
Sie spielte mit den Knöpfen meines Shirts, einem grünen Poloshirt, etwas zu grün für meinen Geschmack. «Wäre es nicht viel natürlicher, wenn wir hier einfach zu viert wohnen könnten?», fragte sie. «Wenn wir einfach für uns wären, unsere eigene Familie?»
«Du weißt, was du dann zu hören bekommst», sagte ich.
Sie hob den Kopf. «Ich entkleide mich nicht früher, als bis ich zu Bette gehe!»
«Ja, ich entkleide mich nicht früher, als bis ich zu Bette gehe», sagte ich. In der Familie wurde dieser Spruch vom Vater an den Sohn weitergereicht, ich weiß nicht, seit wie vielen Generationen schon. Nicht den Hof konnten die Söhne nach einem halben Arbeitsleben auf demselben bekommen, sondern diesen Spruch. Opa hatte ihn auch gerufen. Bis ins Pflegeheim hatte er es gerufen, obwohl da schon alles auf Vaters Namen überschrieben war.
«Ich entkleide mich nicht früher, als bis ich zu Bette gehe?», sagte sie. «Sie werden doch wohl hoffentlich verstehen, dass wir wirklich nicht mehr so lange warten können.»
Ich legte meine Hand auf ihren Schenkel und zwickte sie leicht.
«Ach, Tille», sagte sie. Sie fasste meine Hand und führte sie mit an ihren warmen Hals. «Ich weiß, woran du denkst. Und du hast sogar recht. Wirklich. Das muss auch anders werden, das ist mir durchaus klar. Aber weißt du, ich halte es manchmal wirklich nicht mehr so richtig aus. Du bist immer draußen, aber ich habe diese Leute den ganzen Tag am Hals.»
Ich schaute sie an, sie hatte recht, aber was war zu tun? Man konnte meine Eltern nicht mit Gewalt vor die Tür setzen, das heißt, man konnte schon, aber dann gehörte einem der Laden immer noch nicht.
«Man sollte meinen», sagte sie, «dass es den Leuten gefallen würde, Großeltern zu sein. Dass sie den Kindern mal etwas Aufmerksamkeit zukommen ließen. Etwas Schönes mit ihnen unternähmen, mal auf sie aufpassten. Und wenn es nur deswegen wäre, um mir ab und zu etwas Arbeit abzunehmen.»
«Sie sind keine Kindernarren», sagte ich. «Kleine Kinder haben ihnen noch nie viel gesagt.»
«Alles wird irgendwann noch gut, echt», sagte sie. «Mit allem, mit uns. Wenn wir hier erst einmal allein sein könnten.»
Ada machte mich darauf aufmerksam, dass Vater schwächer wurde. Auf einem Bein habe er sich schon immer sehr behelfen müssen, sagte sie. «Ohne dich hätte er längst keinen Hof mehr.» Aber jetzt war der restliche Körper so alt geworden, dass man das, was er tat, eigentlich nicht mehr arbeiten nennen konnte. «Die Dieselrechnung», sagte sie mitunter, wenn sie ihn auf dem Traktor vorbeikommen sah, mehr Vergnügungsfahrer als Bauer, «dazu trägt er noch bei.»
Am Nachmittag waren wir mit dem Zaun beschäftigt gewesen. Ich setzte einen Pfahl mit der Spitze in ein Loch. Junge Frauen radelten vorbei, Jungen auch, Mädchen vom Asylbewerberheim. Ein Stück weiter, etwas höher im Land, kam der Pendlerverkehr aus der Stadt in Gang.
Vater stand zwei Meter von mir entfernt, verbissen, konzentriert vielleicht. Er hob den Hammer hoch, ließ ihn hinter seinem Kopf und Rücken nach unten sinken, unterschätzte jedoch dessen Gewicht und schwankte auf seinen ungleichen Beinen.
Nachdem er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, schaute er mich an. «Ja? Bist du soweit?»
Suze kam, es sich auch ansehen. Sie trug ein rosa Kleidchen mit Puffärmelchen, darunter eine weiße Bluse. Die runden Wangen, die fleischigen Ärmchen und Beine, das Bäuchlein, das sie immer so wunderbar herausstreckte, der kleine Popo, sie war zum Auffressen.
Sie stellte ihr Laufrad gegen die Beinprothese ihres Großvaters und schaute zu dem schwankenden Mann mit dem Hammer hinauf.
Von drinnen klopfte es ans Fenster. Ada stand in der Küche, Friso auf einer Hüfte. Sie winkte, schüttelte den Kopf, gestikulierte und sprach, aber wir verstanden nicht, was sie meinte, und wollten schon weitermachen, doch sie gebärdete sich noch heftiger.
Meine Mutter hatte sich neben sie gestellt, aber sie gestikulierte nicht, sondern stand einfach da.
Vater hatte den Hammer im Gras abgestellt, den Stiel nach oben, nahm ihn jetzt aber wieder zur Hand, hob ihn mühsam über seinen rot gewordenen Kopf und ließ ihn wieder hinter seinen Rücken sinken, worauf er abermals zu schwanken begann. «Ja? Kann ich? Bist du soweit?»
Wieder das Klopfen ans Fenster, viel lauter diesmal.
Kurz daraufkam Ada nach draußen.
Von der Auffahrt aus sagte sie: «Was soll das? Jetzt sei nicht verrückt. Das Ding ist viel zu schwer. Überlass das doch Tille. Gleich fällst du noch, oder du verletzt dich. Und schickt Suze da weg. Suze, komm hierher, für Kinder ist es da zu gefährlich!»
Schon seit Wochen war die Luft spannungsgeladen, es war die Anspannung des Mannes, der weiß, dass sein Abgang vom Sohn und von dessen Frau erzwungen wird, dieser Außenstehenden ohne Gefühl für den bäuerlichen Betrieb. Die Anspannung des Mannes, der diesen Betrieb aufgebaut hatte, über den Zeitpunkt seines Abgangs aber nicht selbst entscheiden durfte.
«Verdammt», sagte Vater und spuckte sich in die Hände.
«Jetzt gib das Ding schon Tille», sagte Ada. «Ich will, dass du es ihm auf der Stelle gibst!»
Mein Vater hatte noch nie ein Wort von Ada an sich herankommen lassen und würde es auch diesmal nicht tun. Er packte den Hammer und schaute zu mir; ich beugte mich vor zu dem Pfahl und versuchte, ihn nur mit meinen Fingerspitzen an Ort und Stelle zu halten.
«Suze, komm her!», rief Ada. «Tille, nimm die Hand da weg! Sei du wenigstens vernünftig. Gleich passiert noch ein Unglück. Muss es erst ein Unglück geben?»
Er holte aus.
Der Hammer landete neben dem Pfahl im Boden, viel niedriger als erwartet, und er ließ den Stiel nicht los, sodass er über den Hammer hinweg fast langsam ins Gras geworfen wurde.
Beim Essen erzählte Ada ganz beiläufig, dass neue Häuser gebaut würden, auch eigens für Senioren, in dem Neubauviertel direkt am Einkaufszentrum. «Nicht irgendwas», sagte sie, «sondern schöne Häuser. Alles ebenerdig – ideal.»
Vater schaute sie sprachlos an.
Ada fiel sofort aus der Rolle. «Ja, tut mir leid», sagte sie. «Tut mir echt leid, aber irgendwann werden wir doch darüber reden müssen. Ich meine jetzt, jetzt, wo alles noch gut geht, wo es auch noch nicht nötig ist.» Sie schaute in die Runde, aber niemand erwiderte ihren Blick. «Nicht wahr? So heißt es doch immer! Dass man die Dinge vereinbaren muss, wenn es noch gut geht!»
«Mein Papa hat zwei Schniedel», sagte Suze.
Alle blickten wir zu ihr, der kleinen Suzanne, stolz auf sich und ihre neue Beobachtung. Die dünnen Härchen, weiß noch und fast durchsichtig, hatte sie von Ada, die Augenfarbe von mir. Es war das blasseste, hellste Blau.
Sie hatte mich auf der Wiese pinkeln sehen.
Ich hatte ihr die blaue Jacke angezogen. Entlang des Reißverschlusses hatte die Jacke so eine rote Linie, eine Paspel, auch um die Kapuze. Ich weine nie, Ada macht sich manchmal Sorgen deswegen, aber als ich diese kleine Kapuze mit den nass gesabbelten Kordeln um ihr Gesichtchen strammzog, so rosa, rund und weich, da musste ich die Zähne zusammenbeißen.
Sie hatte die Augen nahe an den Strahl gehalten, als ob es da etwas Besonderes zu sehen gab. Ich ließ sie gewähren. Ein Kind lernt von seinen Eltern, auch was den Körper angeht. Meinetwegen durfte sie sehen, was sie sehen wollte, lernen, was sie lernen wollte, wenn ihr das nötig oder spannend erschien. Von wem sonst sollte sie solche Dinge lernen? Das Tempo bestimmte das Kind selbst.
Nach dem Pinkeln zog ich meine Vorhaut zurück und schob sie wieder vor, und ich wiederholte diese Handlung einige Male, wobei ich auf dem Weg nach vorn immer leicht zudrückte, damit das Nass nach vorn getrieben wurde und abgeschüttelt werden konnte.
Da war sie kurz zurückgezuckt. Vor Schreck. Kinderschreck. Sie hatte meine Eichel erblickt. Die hatte sie da noch nie gesehen, es war immer Haut davorgewesen. Sie hatte da nichts mehr erwartet.
«Das ist eine Eichel», hatte ich ihr erklärt. «Einfach nur eine Eichel. Nichts Besonderes.» Ich hielt es nicht für nötig, das jetzt am Tisch zu wiederholen.
«Ich entkleide mich nicht früher», sagte Vater, «ich entkleide mich nicht früher …»
«… als bis ich zu Bette gehe», sagte Ada.
Sie wartete etwas.
Dann sagte sie: «Tut mir echt leid, ja. Aber das kennen wir mittlerweile. Sieh dich doch mal um, Jan. Die Kinder werden größer, jeder wird älter. Darüber können wir doch mal reden?»
«Schluss», sagte Vater, plötzlich wütend. Er betrachtete seine eigene, geballte Faust, die er bis zu seinem Ohr erhoben hatte. In ihr steckte noch eine Gabel. Wäre es eine Serviette gewesen, hätte er sie auf den Tisch gefeuert, aber wir arbeiteten noch nicht mit Servietten.
«Jan», sagte Mutter, was bewies, dass sie noch viel mitbekam.
Er legte seine Gabel auf den Tisch und schob sich mit seinem einen Fuß kräftig nach hinten, sodass er am Ende krumm dasaß und die Wirkung größtenteils verloren ging.
Es dauerte anschließend etwas, bevor er auf den Beinen war – inzwischen hatte Ada schon seine Krücken geholt. «Ich verstehe, dass dir die Vorstellung nicht gefällt», sagte sie. «Uns gefällt sie auch nicht. Es ist ja auch keine schöne Vorstellung. Aber versuche, dich in nächster Zeit ein wenig daran zu gewöhnen. Irgendwann muss es ja doch sein, wie leidig und unangenehm es auch ist.»
Ohne zu antworten, arbeitete er sich durch die Küche nach hinten. Bei der Tür drehte er sich noch einmal zu Mutter um. «Ich baue dir einen neuen Zaun im Garten», sagte er. Es klang fast wie eine Drohung. «Morgen hast du einen neuen Zaun im Garten.»
Ada schaute ihm seufzend hinterher. Danach setzte sie sich wieder an den Tisch, seufzte nochmals und griff dann zum Kartoffellöffel. «Mag noch jemand?»
«In Papas Schniedel ist ein Schniedel», sagte Suze.
«Nur einer», sagte ich, und ich hielt Ada meinen Teller hin. «Nur einer. Papa hat nur einen Schniedel, so wie jeder.»
Mit einem schönen, trockenen Geräusch fielen die Kartoffeln vom Löffel auf den Teller. «Du hast meine Eichel gesehen», sagte ich. «Jeder hat eine Eichel. Alle Männer. Opa auch.»
Mein Mädchen pikste neugierig in eine Kartoffel. Sie aß gut. Sie mochte fast alles.
7
DASS DIE PRODUKTION NACH EINER ÜBERNAHME ZURÜCKGEHT, IST UNÜBLICH. Es kommt nicht vor. Es ist nicht logisch, nicht normal. Sein ganzes Leben hat der Sohn gesehen, wie der Vater es gemacht hat. So lernte er das Fach, die Tiere, den Boden, die Saaten, so bekam er ein Gefühl für den Betrieb. Sein ganzes Leben lang hat der Sohn auch darüber nachgedacht, wie es besser laufen könnte, effizienter. Sobald der Vater den Hof verlässt, macht es der Sohn auf seine Weise, natürlich unter Beibehaltung des Guten. So ist es immer gegangen, nicht nur bei den Bauern. Man profitiert vom Vorgänger und braucht sich den Kopf nicht mehr an den Balken anzustoßen, die dessen Schritt verlangsamt haben. Die Produktion wird mehr. Nicht weniger.
Nach dem Melken laufen die Kühe durch die hinteren Türen ins Freie, wo sie ihrem ausgetretenen Pfad auf die Weide folgen. Früher hat sie der Hund dorthin getrieben, und zwar immer mit mehr Begeisterung als nötig, aber der Hund hatte mich gebissen.
Nie habe ich meinen Vater weinen sehen, nicht aus Trauer, Entsetzen oder Rührung, selbst nicht, als seine Eltern starben, oder er sein Bein verlor. Aber an dem Tag, als der Hund getötet werden musste, war er untröstlich, ein Waschlappen, die Rührseligkeit selbst.
«Ich wollte nur mal ganz kurz weg», sagte er, «aber ich bin noch nicht zur Tür hinaus, bin noch nicht um die Ecke, da springt er ihn an. Ein Blitz. Ich hörte, wie es geschah. Die erste Chance, die der Hund bekam, hat er gleich ergriffen.»
Später fragte er, ob ich etwas getan hätte, um den Hund aus der Fassung zu bringen. «Deine Mutter hat gemeint, es wäre noch etwas zu früh, jetzt schon davon anzufangen», sagte er, «aber es war mein Hund, ich muss es wissen.»
«Unser Herrgott hat alle seine Kinder gleich lieb», sagte Mutter. Sie häkelte niedrige Schmuckgardinen gegen Einblicke von der Straße.
«Ja», sagte Vater. Er stand auf. «Aber wir haben nur eins.»
Ich öffnete das Gatter, die Kühe liefen bis nach hinten durch. Den Tag über grasten sie sich wieder schräg nach vorne zurück. Jede Sekunde ein Maul Gras, ihre Hüpfbälle von Mägen mussten so schnell es ging gefüllt werden; danach gab es noch so viel Arbeit zu tun. Sie waren notgedrungen grob und gefräßig. Alles ging mit hinein. Nägel, Schrauben, Stücke vom Gartenschlauch. Alles, was man liegenließ, was von der Straße aus in die Wiese geworfen, alles, was aus den Maschinen gerüttelt wurde. Bis ins Schlachthaus waren wir mit Magneten zugange.
Das Gras war dunkel, noch wollig vom Nebel, der Himmel voller Schwalben. Sie flogen und flogen, die Schwalben, keinen Moment hatten sie Ruhe. Sie machten alles in der Luft: fressen, sich paaren und schlafen. Sie mussten immer hoch in den Himmel hinaufsteigen und sich danach fallen lassen, um während des darauffolgenden, kurzen Herabtaumelns wenigstens für kurze Zeit einnicken zu können.
Ich ging auf die Wiese, zu schnell für Suze, die aus dem Haus gekommen war und innen über den Hof auf mich zugerannt kam und schon bald nach mir rief. Vielleicht war der Kaffee fertig, vielleicht saß jemand in der Küche, vielleicht war auch nichts. Sie blieb kurz stehen, rief wieder und nahm dann die Verfolgung auf.
Sie liebte mich.
Mehr als ich mir je hätte denken können.
Sie war bei mir, wollte bei mir sein, sie war wie Wachs in meinen Händen.
Wenn ich ins Haus trat, konnte ich fühlen, wie sehr man auf mich gewartet hatte. Mit wie viel Liebe. Ganz gleich, womit sie in diesem Moment beschäftigt war, sie ließ alles aus den Händchen fallen, sprang auf und flog auf mich zu.
Sie wollte in meine Arme, jeden Tag – Vater und Tochter drückten sich fast zu Mus.
Ich liebte sie auch, auch mehr als ich je hätte denken können. Mehr als mich selbst, wenn das noch etwas zu bedeuten hat, viel mehr, unübersehbar viel mehr. Ein Haus ohne Suze war kein Haus, ein Essen ohne sie gab es nicht – ich hatte mir nie vorgestellt, wie es sein würde, Aufstehen, die Rituale des Aufstehens, und dass sie dann nicht da war.
Ich liebe sie immer noch, natürlich liebe ich sie noch immer. Warum sollte ich sie nicht mehr lieben? Ich glaube, ich bin in unserem Leben nur ein oder zwei Mal böse auf sie gewesen.
Sie rief und rannte, aber schnell näher kam sie nicht. Ich gehe auch etwas schneller als die meisten Leute. Etwas schneller, nicht viel. Bloß einen kleinen Extraschritt. Ada sagt, es sähe aus, als würde ich den ganzen Tag mit einer Schubkarre herumlaufen, auf den letzten Metern vor dem Auskippen auf den Misthaufen. Ich gehe, als hätte ich gerade einen Gang zugelegt, als hätte ich einen Schubs bekommen, als würde mich jemand anschubsen, wie man ein Kind, das neben einem radelt, aus Versehen ein klein wenig fester anschiebt als es ihm angenehm ist.
Ich gehe im Tempo des Betriebs, bestimmt vom Zusammenspiel von Einkünften und Ausgaben. Das Tempo wird höher, je ungünstiger das Zusammenspiel ausfällt. So günstig ausgefallen, dass ich das Tempo ruhigen Herzens hätte verlangsamen können, ist es noch nie.
«Papa, nicht so schnell!»
Wie oft hatte ich das nicht schon gehört. Papa, nicht so schnell. Nicht so schnell, Tille, wir haben keine Eile, wir brauchen nicht verschwitzt anzukommen. Aber so gehe ich, so ging ich über mein Land, das Land, auf dem die Familie schon in der vierten Generation Kühe hielt. Erst Holstein-Rinder, danach Holstein-Friesians, große, hochgezüchtete amerikanische. Plump und groß und schlammig fürs Auge, hochbeinig, es geht viel Wind unter ihnen durch.
Die Milchkuh musste kantiger werden, das Rückgrat mager, nach unten hin mussten sie immer breiter werden. Alle Energie musste nach unten gehen, ins Euter, in die Milch. Sie sollten die Energie nicht für sich selbst verwenden.
Produktionsverlust frisst an dem, was du bist, was du immer warst: ein Bauer, ein guter Bauer, oder zumindest ein durchschnittlicher. In der Zeit der Milchkannen dauerte es nicht lange, bis ein solcher Verlust zur Schande wurde. Sofern nicht schon der Milchfahrer bemerkte, dass sich die Kannen verdächtig leicht handhaben ließen, entdeckte man spätestens in der Fabrik beim Abnehmen der Deckel, dass sie halbleer waren, und gab die Neuigkeit untereinander weiter.
In Computerzeiten sprach einen die Schande nicht länger auf der Straße an, bekam man sie nicht mehr per anonymem Brief in den Kasten oder als Mist an die Fassade geworfen, sondern die Schande hielt ihre gelben Augen aus der Entfernung auf dich gerichtet.
«Papa!», rief sie. «Papa!»
Sie trug das blaue Jäckchen mit den roten Paspeln, sie lief mir immer noch hinterher. Drei war sie, fast vier vielleicht. Beim Laufen drehte sich ihr linker Fuß nach innen. Ein Senkfuß war es noch nicht, das sollte er erst noch werden.
«Papa!», rief sie – drei Jahre, schätze ich, vielleicht vier; die Zeit geht so schnell.
«Ich komme gleich», sagte ich laut und deutlich, während ich weiterging.
Der Wind erfasste meine Worte und trug sie zu meiner Kleinen.
«Papa», sagte sie.
«Ja, ich höre dich», sagte ich, ohne mich umzudrehen. «Du brauchst nicht immer wieder dasselbe zu mir zu sagen. Ich habe gesagt, ich komme gleich, und wenn ich sage, ich komme gleich, dann komme ich auch gleich.»
Sie hörte nicht.
Kinder suchen die Gefahr, sie wollen wissen, wie groß der Spielraum ist. Erziehung heißt, Kindern beibringen, mit der Anziehungskraft von Stacheldraht umzugehen. Von sich aus können sie das nicht. Sie klettern überall hinauf und hinein, bis in Höhen, die sie selbst noch nicht beherrschen, überqueren die Straße, ohne Ausschau zu halten, fallen von allem herunter und hören auf nichts, selbst wenn man etwas hundertmal sagt, es hilft nichts, denn sie wollen die Grenzen der Geduld ganz genau kennenlernen.
«Papa», fragte sie, «warum haben die Kühe Schwänze?»
«Was habe ich gerade gesagt?», rief ich. «Was habe ich gerade gesagt?!»
Das Kind drängelte, drückte auf lauter Knöpfe bei mir, machte einfach weiter. Es ist die Angst, die sie treibt. Es ist immer die Angst, die es Menschen schwer macht, rechtzeitig mit etwas aufzuhören. Kinder kennen das Gesetz des Rückzugs nicht. Wissen nicht, wie wichtig es ist, das Moment zu erkennen, an dem etwas verloren ist. Der verlorene Posten zieht sie an wie eine Glühbirne die Motten.
«Warum haben die Kühe Schwänze?»
Ich drehte mich um, ein Ruck – ich betrachtete mein Kind, das Mädchen in der blauen Jacke mit den roten Paspeln, ich stampfte beinahe zu ihr, zwei, drei trampelnde Schritte und ich stand vor ihr. «Weil sie sonst die ganze Zeit mit dem nackten Arschloch im Wind stehen würden!»
Sie sah mich an, erschreckt durch die Lautstärke; so führte ich mich sonst nur im Stall auf. Sie sah mich immer noch mit ihren schönen, großen Augen an, auf denen ein wässriger Glanz aus Verwirrtheit lag. Sie versuchte mich zu verstehen, schaffte es aber nicht. Sie versuchte, mehr zu sehen, als möglich war. Sie schwankte, plötzlich ganz blass. Sie wollte sich auf den Boden setzen, bevor der Boden kam und sie holte, aber dafür war es schon zu spät.
«Ein Scherz», sagte ich zu dem Kind im Gras. Ich half ihr hoch. «Ein Scherz deines Vaters, mach dir nichts draus.»
Dann stand sie auf und lief abermals hinter mir her, halb strauchelnd, das Gesicht noch nicht trocken.
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