Читать книгу: «Consumer Neuroscience»

Peter Kenning
Für
Brigitte,
Greta, Klara, Friedrich
und
Oskar.
2., erweiterte und aktualisierte Auflage 2020
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Umschlagfoto: © Sagittaria-Fotolia.com
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH KG, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037351-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037352-5
epub: ISBN 978-3-17-037353-2
mobi: ISBN 978-3-17-037354-9
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Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort zur ersten Auflage
2 Vorwort zur zweiten Auflage
3 1 Einleitung
4 2 Consumer Neuroscience: Was ist es und wofür braucht man es?
5 2.1 Was ist es? Die Entstehung der Consumer Neuroscience
6 2.2 Warum ist Consumer Neuroscience wichtig?
7 3. Das Gehirn: Wo ist was und wofür ist es gut?
8 3.1 Strukturelle Neuroanatomie
9 3.1.1 Grobgliederung des Nervensystems
10 3.1.2 Orientierung im Gehirn
11 3.1.3 Morphologische Bildgebung (CT, MRT)
12 3.1.4 Bausteine des Nervensystems und Interaktionen
13 3.1.5 Kortikale und subkortikale Strukturen
14 3.2 Funktionelle Neuroanatomie
15 3.2.1 Rückblick: Von der Phrenologie zum Prinzip der verteilten Verarbeitung
16 3.2.2 Unsere sensorischen Systeme: Die Sinne
17 3.2.2.1 Das grundlegende Prinzip der Sensorik
18 3.2.2.2 Fühlen
19 3.2.2.3 Sehen
20 3.2.2.4 Hören
21 3.2.2.5 Gleichgewicht
22 3.2.2.6 Schmecken
23 3.2.2.7 Riechen
24 3.2.2.8 Fazit
25 3.3 Neuroanatomische Grundlagen psychischer Phänomene
26 3.3.1 Lernen und Gedächtnis
27 3.3.2 Aufmerksamkeit
28 3.3.3 Geschlechterspezifika
29 3.3.4 Motivation
30 3.3.5 Decision Making
31 4 Die Vermessung des Gehirns oder: Welche Methoden verwendet die Consumer Neuroscience?
32 4.1 Überblick
33 4.2 Functional Magnetic Resonance Imaging (fMRI)
34 4.2.1 Der typische Ablauf eines fMRI-Experiments
35 4.2.2 Designarten und Paradigmen
36 4.2.2.1 Blocked-Design
37 4.2.2.2 Event-related Design
38 4.2.2.3 Gemischtes Design
39 4.2.3 Die einzelnen Schritte der Datenanalyse
40 4.2.3.1 Das Pre-Processing
41 4.2.3.2 Das Model-Fitting
42 4.2.3.3 Statistical Inference
43 4.2.3.4 ROI-Analysen
44 4.2.3.5 Vergleich der Gehirne
45 4.2.3.6 Konnektivitätsanalysen
46 4.2.3.7 Interpretation der Daten
47 4.2.3.8 Typische Fehler im Rahmen einer fMRI-Analyse
48 4.3 Transkranielle Magnetstimulation
49 4.4 Elektroenzephalographie (EEG)
50 4.4.1 Überblick
51 4.4.2 Dateninterpretation: Die Frequenzbänder
52 4.4.3 Evozierte Potentiale
53 4.5 Magnetenzephalograhie (MEG)
54 4.5.1 Überblick
55 4.5.2 Die Datenerhebung und -analyse
56 4.6 Nahinfrarotspektroskopie (NIRS)
57 4.7 Eye-Tracking
58 4.8 Hautwiderstandsmessung
59 4.9 Kombination von Methoden
60 5 Wie alles zusammenhängt und -wirkt: Die wichtigsten neurowissenschaftlichen Theorien und Ansätze
61 5.1 Die Hypothese der somatischen Marker
62 5.2 Theory of Mind
63 5.3 Spiegelneuronen
64 5.4 Prediction-Error-Hypothese und das Reinforced-Learning-Modell
65 5.5 Consumer Decision Neuroscience: Entscheidungsfindung und kognitive Prozesse
66 6 Was wissen wir bisher? Ein Überblick über die wichtigsten Ergebnisse der Consumer Neuroscience
67 6.1 Individual Consumer Neuroscience
68 6.1.1 Überblick
69 6.1.2 Framing
70 6.1.3 Intertemporal Discounting
71 6.1.4 Anchoring
72 6.1.5 Risiko in Choice und Non-Choice-Settings (»Risky Decision Making«)
73 6.1.6 Endowment-Effekt
74 6.1.7 Fazit
75 6.2 Social Consumer Neuroscience
76 6.2.1 Vertrauen
77 6.2.2 Fairness
78 6.2.3 Empathie
79 6.2.4 Kooperation
80 6.3 Commercial Consumer Neuroscience
81 6.3.1 Produktpolitik und Konsumentenverhalten
82 6.3.2 Preispolitik und Konsumentenverhalten
83 6.3.3 Kommunikationspolitik und Konsumentenverhalten
84 6.3.4 Distributionspolitik
85 6.3.5 Marken
86 6.4 Das neurale Wechselspiel von Belohnung und Bestrafung als wesentliche Treiber des Kauf- und Konsumentenverhaltens
87 6.5 Die Forschungsgrenzen der Consumer Neuroscience
88 Literatur
89 Glossar
90 Register
Vorwort zur ersten Auflage
Die vielleicht spannendsten wissenschaftlichen Entwicklungen finden derzeit an der Grenzlinie zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften statt. Die Wirtschaftswissenschaften, die zum einen naturwissenschaftlich-mathematische Methoden nutzen, zum anderen in vielen Bereichen aber auch den Charakter einer Geisteswissenschaft haben, befinden sich derzeit genau in diesem Grenzbereich, ja mehr noch: Die Grenze verläuft genau durch sie hindurch. Die daraus resultierenden Spannungen bedingen gelegentlich, dass neue und ganz eigenartige Disziplinen entstehen, die den Versuch unternehmen, beide Welten miteinander zu verbinden. Eine solche Transdisziplin bildet die Neuroökonomik. Gegenstand der Neuroökonomik ist die systematische Integration neurowissenschaftlicher Methoden, Theorien und Erkenntnisse in die Wirtschaftswissenschaften. Ihr explizites Ziel ist es, eine »unified theory of human behavior« (mit) zu entwickeln, die im Kern auf neurobiologischen Begriffen, Konzepten und Theorieansätzen basiert.
Trotz ihres noch jungen Alters hat die Neuroökonomik bereits einige Konkretisierung in den Wirtschaftswissenschaften erfahren, die oft durch eine Kombination des Präfixes »Neuro« mit einer etablierten ökonomischen bzw. betriebswirtschaftlichen Disziplin gekennzeichnet ist. So gibt es bspw. die Begriffskombinationen Neuro-Finance, Neuro-Accounting, Neuro-IS sowie Neuro-Marketing. Alle diese Gebiete sind erst vor wenigen Jahren entstanden und weisen, wie in diesem Buch gezeigt werden wird, eine hohe primär- gelegentlich auch vorwissenschaftliche Dynamik auf. Sie befinden sich überwiegend noch im Entdeckungszusammenhang. Bei aller Aufbruchsstimmung sollte jedoch beachtet werden, dass eine gelegentliche Reflektion und Systematisierung des Erforschten und Erkannten notwendig ist, um Anschlussfähigkeit zu gewährleisten. Vor allem aber sollte das bis dato in Erfahrung Gebrachte, in geeigneter Form vermittelt werden. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Studierenden sowie interessierte Nachwuchswissenschaftler, denen ansonsten ein Einstieg in die bisweilen nicht nur komplizierte, sondern sogar komplexe Materie nur sehr beschwerlich möglich wäre.
Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel des vorliegenden Buches, seiner primären Zielgruppe, nämlich den Studierenden und dem akademischen Nachwuchs, einen Einstieg in das Forschungsfeld »Consumer Neuroscience« sowie einen Überblick über die Entwicklungen in diesem transdisziplinären Feld im Grenzgebiet zwischen Wirtschafts-, Verhaltens- und Neurowissenschaften zu geben. Dies geschieht hauptsächlich aus einer wissenschaftlichen und deskriptiven Perspektive. Somit geht es darum, die Leserinnen und Leser in die Lage zu versetzen, sich nach der Lektüre weitgehend eigenständig ein Bild darüber zu machen, was in diesem Themengebiet erforscht und diskutiert wird sowie worin seine Gegenständlichkeiten bestehen. Darüber hinaus sollen die Leser aber auch motiviert werden, die »weißen Flecken« auf der Forschungslandkarte selbst zu entdecken und eigene Gedanken und Ideen zu entwickeln. Kurz gesagt ist das Ziel des Buches, bei aller angebrachten Vorsicht und Zurückhaltung eine neue theoretische und praktisch relevante Perspektive in die Konsumenten- und Käuferverhaltensforschung und -lehre zu integrieren. Dazu sollen insbesondere auch neurowissenschaftliche Methoden, Begriffe und Theorien in die klassische Forschung und Lehre integriert werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass dabei zum einen Redundanzen zum anderen aber auch Reduzierungen notwendig sind. Für diese beiden Aspekte bitte ich die Leserinnen und Leser bereits vorab um Entschuldigung und freue mich auf entsprechende Verbesserungshinweise, die ich dann gerne in weiteren Auflagen berücksichtigen werde.
Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass dieses Buch seine Entstehung insbesondere der Unterstützung vieler am Entstehungsprozess beteiligter Personen verdankt. Zuerst möchte ich hier meine liebe Frau Brigitte Kenning-Scho erwähnen, ohne deren unerschöpfliche Rücksichtnahme dieses Buch nicht hätte geschrieben werden können. Daneben danke ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die umfangreiche Unterstützung. Zuallererst gilt dieser Dank Frau Dr. Mirja Hubert, die mich trotz vielfältiger anderer Verpflichtungen wesentlich bei der ersten Strukturierung dieses Buches unterstützt hat. Zudem danke ich sehr herzlich meinem Kollegen Prof. Dr. Bruno Preilowski für die überaus hilfreichen Korrektuhinweise im neurowissenschaftlichen Bereich. Lieber Bruno, ich danke dir herzlich für deine unermüdliche fachkundige Unterstützung und nehme sämtliche verbliebenen Fehler auf meine Rechnung! Darüber hinaus danke ich Frau Dr. Linn Rampl, Frau Dr. Inga Wobker sowie den Herren Dr. Tim Eberhardt, Jun.-Prof. Dr. Marco Hubert und Herrn Dr. Marc Linzmajer für die stete Diskussionsbereitschaft. Ein besonderer Dank gilt auch Frau Sabine Marx, die mich in hervorragender Weise immer wieder von der Außenwelt abgeschirmt hat und so für die nötige Ruhe während meiner Schreibklausuren gesorgt hat. Herrn Dr. Fliegauf vom Kohlhammer Verlag danke ich herzlichst für die vorbildliche und geduldige Betreuung des Publikationsprojekts.
Schließlich danke ich ganz besonders dem Präsidium und der Geschäftsführung der Zeppelin Universität. Ohne die mir großzügig und vollkommen unbürokratisch ermöglichten Freiräume wäre es mir sicher nicht gelungen, dieses Buch zu vollenden.
Münster und Friedrichshafen im April 2014
Prof. Dr. Peter Kenning
Vorwort zur zweiten Auflage
Erfreulicherweise hat die erste Auflage des vorliegenden Buches eine überaus positive Marktaufnahme erfahren. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, im Rahmen der nun vorliegenden, zweiten Auflage einige Entwicklungen, die sich zwischenzeitlich ergeben haben, aufzugreifen und das Buch dadurch zu aktualisieren. Darüber hinaus wurde der Text an einigen Stellen korrigiert, konkretisiert und präzisiert. Für die in diesem Zusammenhang wertvolle Unterstützung möchte ich mich ganz besonders bei meiner Mitarbeiterin Nadine Gier, meinem Mitarbeiter Caspar Krampe sowie bei Dr. Enrique Strelow bedanken. Zudem möchte mich mich ganz besonders bei meinem Kollegen Sven Bräutigam von der Oxford University für seine stetige Diskussionsbereitschaft und vor allem für wirklich erstklassigen Rahmenbedingungen im Oxford Center for Brain Activity bedanken – gerne wieder!
Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle auch Frau Kirsten Götze, deren ganz hervorragende und souveräne Planung dazu geführt hat, dass ich die für das konzentierte Schreiben an der zweiten Auflage doch unerlässlichen Freiräume in meinem Terminkalender finden konnte. Ebenso danke ich erneut Herrn Dr. Fliegauf vom Kohlhammer Verlag herzlichst für die vorbildliche und geduldige Betreuung des Publikationsprojekts.
Schließlich danke ich ganz besonders dem Rektorat der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ohne das mir gewährte Forschungssemester wäre es mir sicher nicht gelungen, die Neuauflage zu vollenden.
Düsseldorf im März 2020
Prof. Dr. Peter Kenning
1 Einleitung
»Die vielleicht letzte wissenschaftliche Grenze – die ultimative Herausforderung – besteht darin, die biologische Basis des Bewusstseins und der geistigen Vorgänge durch die wir wahrnehmen, handeln, lernen und uns erinnern, zu verstehen.«
Eric Kandel, Nobelpreisträger der Medizin
»I don´t need to know anything about the hippopothamus.«
Anonymer Ökonom
In den letzten Jahren hat die akademische Forschung eine erhebliche Bedeutungszunahme von Arbeiten erfahren, die an der Schnittstelle zwischen den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Ökonomik liegen (Foxall et al. 1998). Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten waren eingebettet in die Entdeckung und Entwicklung neuer Forschungsgebiete, die heute als Consumer Neuroscience, Decision Neuroscience, Neuroeconomics, Neuroökonomik und sogar als Neuromarketing bezeichnet werden (Shiv et al. 2005, Ramsoy, 2015). Das gemeinsame Ziel dieser Arbeiten besteht darin, neurowissenschaftliche Erkenntnisse, Theorien, Konzepte und – wohl vor allem – Methoden in die jeweilige wirtschaftswissenschaftliche Subdisziplin zu integrieren (Kenning, Plassmann 2005). Trotz ihrer zunehmenden Bedeutung fehlt es aber bis heute an wissenschaftlich fundierten, monographischen Lehrbüchern, welche eine systematische Integration dieser neuen Entwicklungen in die zumeist wirtschaftswissenschaftlichen Curricula und damit einen Einstieg in das Thema erlauben würden.
Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel des vorliegenden Buches, seiner primären Zielgruppe, nämlich den Studierenden und dem akademischen Nachwuchs einen Überblick über den aktuellen Stand sowie die Entwicklungen im Forschungsfeld »Consumer Neuroscience« zu geben. Dies geschieht primär aus einer wissenschaftlichen und deskriptiven Perspektive. Dabei geht es darum, den Leser in die Lage zu versetzen, sich nach der Lektüre dieses Buches weitgehend eigenständig ein Bild darüber zu machen, in welchen Situationen die Consumer Neuroscience einen sinnvollen Beitrag zur Lösung praktisch-normativer Fragestellungen leisten kann und wann klassische Ansätze und Konzepte zweckmäßig sind (Fugate 2007; Lee et al. 2007; Linn 2018). Etwas verkürzt dargestellt ist das Ziel des Buches, eine Beitrag dazu zu leisten, eine neue theoretische Perspektive in die Konsumenten- und Käuferverhaltensforschung und -lehre systematisch zu integrieren und dadurch wissenschaftliches Arbeiten in diesem Feld zu ermöglichen.
Die Notwendigkeit einer systematischen Integration besteht deswegen, weil menschliches Verhalten wohl weitestgehend auf biologischen Prozessen basiert. Da es nämlich wohl keine körperlosen, menschlichen Entscheidungen gibt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein fortschreitendes Verständnis, der dem menschlichen Verhalten zugrunde liegenden Biologie,eine Möglichkeit bieten könnte, menschliches Verhalten – und damit eben auch Konsumenten- und Käuferverhalten – besser zu verstehen (Eibl-Eibesfeldt 1997) und vorhersagen zu können. Da entsprechend dieser Brain-as-predictor-Hypothese davon ausgegangen wird, dass neurale Prozesse und bestimmte Hirnstrukturen hierbei eine wesentliche Rolle spielen (Berkman, Falk 2012), stehen diese Prozesse und Strukturen hier im Zentrum.
Im Gegensatz dazu wurde das Kunden-, Käufer- und Konsumentenverhalten in den letzten Jahren primär aus einer psychologischen Perspektive untersucht. In diesem Zusammenhang wurde das menschliche Gehirn metaphorisch als eine Black Box betrachtet. Die in ihm ablaufenden Prozesse wurden theoretisch rekonstruiert (Howard, Sheth 1969) und indirekt (z. B. durch Befragungen) erfasst. Heute erlauben hingegen moderne Techniken und Verfahren aus dem Bereich der Radiologie oder der Biologie einen direkten Blick in das lebende Gehirn (Kenning et al. 2007). Dies gilt insbesondere für die sog. bildgebenden Verfahren (Plassmann et al. 2007a; Riedl et al. 2010b, Linn 2018), die demzufolge in diesem Buch im vierten Kapitel eine besondere Würdigung erfahren werden.
Um das genannte, integrative Ziel zu erreichen, ist das vorliegende Buch wie folgt aufgebaut: Zunächst wird in diesem Kapitel die bisherige Entwicklung der Consumer Neuroscience und damit verbunden der frühen neuroökonomischen Forschung skizziert. Darüber hinaus werden die für ein erstes Verständnis der Materie wichtigsten begrifflichen Grundlagen gelegt. Darauf aufbauend werden die wesentlichsten neuralen Strukturen und anatomischen Grundlagen skizziert, um dem Leser rasch eine erste Orientierung im Gehirn zu ermöglichen. Dem schließt sich eine Nennung, Erläuterung und Diskussion der wichtigsten Funktionen des Gehirns an. Darauf aufbauend werden die neuroanatomischen Grundlagen einiger zentraler psychischer Phänomene gewürdigt. Anschließend werden die aus Sicht des Verfassers für das Themengebiet Consumer Neuroscience zentralen Methoden, Theorien und Konzepte erläutert. Danach werden im sechsten Kapitel einige ausgewählte empirische Ergebnisse diskutiert. Diese werden in drei Felder unterteilt: Individual Consumer Neuroscience, Social Consumer Neuroscience, sowie Commercial Consumer Neuroscience. Diese Trennung orientiert sich an der in den Wirtschaftswissenschaften bekannten Unterscheidung in Entscheidungs- und Spieltheorie sowie an dem Zweck, die Forschungsergebnisse betriebs- bzw. absatzwirtschaftlich zu nutzen.
So geht es im Bereich der Individual Consumer Neuroscience zunächst noch um (isolierte) Entscheidungen einzelner Akteure, deren Nutzenniveau nicht vom Verhalten anderer Akteure abhängt. Typische Forschungsgegenstände wären in diesem Bereich die mit bekannten Phänomenen wie dem Framing- oder Anchoring-Effekt verbundenen neuralen Mechanismen. Im Gegensatz dazu ist das Merkmal der Social Consumer Neuroscience, dass das Verhalten anderer Akteure Teil der eigenen Nutzenfunktion des Kunden wird und diese beeinflusst. Typische Beispiele hierfür wären auf Vertrauen und Reziprozität angelegte Austauschprozesse (z. B. in sozialen Netzwerken wie facebook oder digitalen Plattformen wie ebay).
Im dritten Feld, der Commercial Neuroscience, wird hingegen von der Perspektive des Kunden bzw. der Kundengruppe auf die Perspektive des Unternehmens gewechselt. Mithin steht hier die betriebliche Nutzung neurowissenschaftlicher Theorien, Methoden und Erkenntnisse im Vordergrund (Levallois et al. 2019). In diesem Forschungsfeld wird z. B. entsprechend der Struktur der Marketing-Instrumentalbereiche diskutiert, welche neuralen Mechanismen mit der Wahrnehmung und Verarbeitung der Marketing-Instrumente assoziiert sind. Eine besondere Bedeutung haben hierbei Studien, die sich mit dem Instrument der Marke befassen. Im letzten Kapitel wird schließlich eine kurze Zusammenfassung vorgenommen. Zudem werden einige Forschungsgrenzen aus wissenschaftstheoretischer Perspektive genannt sowie ein Ausblick auf die weitere mögliche Entwicklung gegeben.

Abb. 1: Überblick über den Aufbau des Buches
Mit Blick auf den Lehrbuchcharakter des Buches werden am Ende der jeweiligen Kapitel einige Wiederholungsfragen gestellt, die dem Leser eine Reflexion des Kapitels erlauben. Zudem werden einige zentrale Begriffe und Konzepte in einem Glossar noch einmal zusammengestellt.
Dem Titel des Buches entsprechend stehen im Zentrum der Ausführungen Aspekte des Konsumenten- und Käuferverhaltens. Dies bedeutet aber keineswegs, dass die genannten Methoden, Theorien und Konzepte ausschließlich für dieses Verhalten relevant seien. Das Gehirn beschränkt sich ja nicht darauf. Vielmehr haben viele Passagen des Buches einen durchaus generellen Anspruch. Dies gilt insbesondere für die eher neurowissenschaftlich geprägten Kapitel und Absätze.
2 Consumer Neuroscience: Was ist es und wofür braucht man es?
2.1 Was ist es? Die Entstehung der Consumer Neuroscience
Die Entwicklung der Consumer Neuroscience resultiert aus einer Evolution der Konsumenten- und Käuferverhaltensforschung, deren Entstehungsgeschichte wiederum eng verbunden ist mit der Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften und hier insbesondere derjenigen des Marketings. Etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts stellten Ökonomen erstmalig fest, dass das Verhalten der Konsumenten mit Hilfe der bis dahin dominierenden Kaufkraft-Modelle nicht ausreichend erklärt werden konnte. Parallel hierzu gewannen ergänzende psychologische Modelle und Konstrukte wie Einstellungen oder Motive an Bedeutung (Meffert, Burmann, Kirchgeorg 2011, S. 36). Das Konsumentenverhalten wurde in diesem Zusammenhang immer mehr als das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Variablen erkannt. Die wichtigsten Kategorien bildeten dabei die ökonomischen (z. B. der Preis eines Gutes) sowie die psychologischen Variablen (z. B. das Image der Marke; vgl. Gutjahr 2011). Bereits damals war aber erkennbar, dass eine rein auf ökonomischen und psychologischen Modellen basierende Theorie zu ungenau ist und daher eine interdisziplinäre Ausrichtung der Konsumentenverhaltensforschung sinnvoll sein könnte, die z. B. durch eine Ergänzung soziologischer Aspekte (man denke z. B. an Rollenkonzepte oder die Systemtheorie) geschehen sollte.
Gleichwohl dominierte in der Gründungsphase des Marketings eine ökonomische Sichtweise, die primär distributionspolitische Aspekte berücksichtigte (Wilkie, Moore 2003). Es entsprach dem damaligen Zeitgeist, dass die wirtschaftswissenschaftliche Forschung psychologischer Provenienz in jener Zeit hauptsächlich versuchte, das beobachtbare Verhalten der Kunden und Konsumenten mit Hilfe behavioristischer Ansätze zu erklären. Denn mit der Entdeckung der bedingten Reflexe durch Pawlow bot sich den Verhaltenswissenschaftlern damals die Möglichkeit, »nach dem Vorbild der klassischen, exakten Naturwissenschaften zu experimentieren und viele Psychologen hegten die Hoffnung, damit die Bausteine des Verhaltens gefunden zu haben, aus denen sich der ganze bunte Kosmos des Verhaltens konstruieren lasse« (Eibl-Eibesfeldt 1997, S. 15).
Die Idee des Behaviorismus war, dass aufbauend auf der bereits von John Locke formulierten Vermutung, die Menschen kämen als unbeschriebenes Blatt zur Welt, menschliches Verhalten letztlich vollständig als Reaktion auf äußere Reize zu erklären sei (Skinner 1978). Der Mensch sei im Wesentlichen passiv und durch Belohnung und Bestrafung jederzeit in der gewünschten Weise zu konditionieren. Der Hinweis auf eine möglicherweise vorgegebene menschliche Natur brachte – schon damals – die Gefahr mit sich, als biologischer Determinist und Reduktionist disqualifiziert zu werden (vgl. Eibl-Eibesfeldt 1997, S. 15). Parallel dazu entwickelte sich in der Anthropologie ein kultureller Relativismus, der Kultur als eine von der Biologie weitestgehend unabhängige Kategorie definierte und damit auch der Neurobiologie entrückte. Ein Ansatz der in den letzten Jahren in der Entwicklung der sogenannten »Cultural Neuroscience« seine Gegenthese gefunden hat (Chiao 2009), die wiederum mit kollektivistischen Konzepten und Theorien (z. B. dem Konzept der »verteilten Kognition«) konfrontiert wird.
Methodisch untersuchten die Behavioristen den Zusammenhang zwischen einem bestimmten Umfeld bzw. Stimulus und damit verbundenem bzw. daraus resultierendem Verhalten (Reaction) mit Hilfe klar definierter experimenteller Ansätze (Plomin et al. 1990). Die im Rahmen dieser Forschungsarbeiten entwickelten Modelle werden demzufolge als S-R(»Stimulus-Response«)-Modelle bezeichnet (Kotler, Armstrong 2009). Es liegt auf der Hand, dass neurobiologische Methoden und Verfahren in diesem Zusammenhang keine deskriptive Bedeutung hatten. Vielmehr wurde der menschliche Organismus ganz im Sinne von Locke als Black-Box definiert. Ein wesentlicher Grund hierfür bestand in den methodischen Grenzen, die seinerzeit bestanden.
Eine weitere wichtige Annahme der damaligen Wirtschaftswissenschaften war die Idee, Menschen müssten sich stets rational, oder besser: im Sinne des Modells »vernünftig« verhalten. Die mit dieser Annahme verbundene Idee des Homo oeconomicus ist in den letzten Jahren vielfach widerlegt, aber auch regelmäßig zu Unrecht gescholten worden. So wurde oft übersehen, dass es sich eigentlich um eine Strohmann-Diskussion handelte. Tatsächlich bewegt sich die Idee des Homo oeconomicus nicht ausschließlich auf der deskriptiven, sondern auf der ethisch- bzw. praktisch-normativen Ebene. Demnach besteht die Aussage nicht darin, wie Menschen sich tatsächlich verhalten, sondern wie sie sich nach Sicht der Ökonomie in bestimmten Situationen verhalten sollten (Jacoby 2002).
Heute kann diese Diskussion als weitgehend überwunden gelten. So kommen in diesem Zusammenhang Richard Köhler und Manfred Bruhn zu folgendem, quasi »postkritischem« Ergebnis:
»Die experimentelle Spieltheorie ist ebenfalls vom Bild des Homo oeconomicus abgerückt. In diesem Sinne wäre es wünschenswert, wenn die Kritiker der betriebswirtschaftlichen Disziplin irgendwann einmal zur Kenntnis nehmen würden, dass das Bild des Homo oeconomicus schon seit Jahrzehnten nicht mehr Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre ist« (Köhler, Bruhn 2010, S. 5).
Schauen wir aber noch einmal auf die Entwicklung der Konsumenten- und Käuferverhaltensforschung zurück: Dort begründeten Jerome McCarthy und Philip Kotler zu Beginn der 1960er und 1970er Jahre das »moderne Marketing« mit der Entwicklung der sogenannten Marketing-Mix-Instrumente (Kotler 1976; McCarthy 1960). Sie propagierten den Gedanken, dass Marketing vielmehr das Konzept der marktorientierten Unternehmensführung beschreiben sollte, als ein bloßes Instrument des Absatzes darzustellen. Die dieser Forderung zugrundeliegende Erkenntnis war, dass letztlich der Kunde die einzige dauerhafte Cash-Flow-Quelle des Unternehmens sei. Alle anderen Stakeholder – u. a. der Staat, die Mitarbeiter sowie die Lieferanten – seien primär dadurch gekennzeichnet, dass sie eine Einkommenserwartung mit dem Unternehmen verbinden. Daraus resultiert letztlich ein Mittelabfluss, der durch kundenseitig gewonnene Mittelzuflüsse mindestens zu kompensieren sei (Meffert, Burmann, Kirchgeorg 2011).
Aus dem Postulat der marktorientierten Unternehmensführung das auch in Deutschland (weiter-)entwickelt wurde, ergab sich unmittelbar die Forderung, die Konsumenten- und Käuferverhaltensforschung als eine wichtige theoretische Grundlage der Unternehmensführung zu betrachten (Meffert, Burmann, Kirchgeorg 2011). Eine Idee, die sehr schnell rasche Verbreitung fand und heute als allgemein akzeptiert gelten darf. In diesem Zusammenhang wurde 1969 in den USA die Association for Consumer Research (ACR) gegründet, die mittlerweile auf mehreren Kontinenten Ableger etablieren konnte. Etwa zeitgleich wurden die ersten Lehrbücher zum Thema »Consumer Behavior« veröffentlicht (Engel et al. 1968; Kassarjian, Robertson 1968). In diesen Tagen waren die wichtigsten Konzepte übersichtliche Modelle des Konsumentenverhaltens, die interessanterweise zunächst als »prozessuale Einbahnstraßen« gedacht wurden (Engel et al. 1968; Howard, Sheth 1969; Nicosia 1966). Im Zentrum der Modelle stand zumeist die Bedürfnisbefriedigung der Kunden. Nach wie vor wurden aber die im Kunden ablaufenden Prozesse nicht unmittelbar operationalisiert, sondern (re-)konstruiert. Der Kundenkopf blieb weiterhin eine Black Box. Im Gegensatz aber zu den S-R-Modellen wurden die im Organismus ablaufenden Prozesse mit Hilfe theoretischer Überlegungen und empirischer Forschung nun aber systematischer rekonstruiert. Diese Arbeiten manifestierten sich in der Etablierung des auch heute noch bekannten und bedeutsamen S-O-R-Paradigmas (
Abb. 2).
Unterschiede zwischen den verschiedenen S-O-R-Modellen bestanden darin, dass sie teilweise primär auf einige, wenige Facetten des Konsumentenverhaltens abstellten und als Partialmodelle bezeichnet werden konnten (Meffert, Burmann, Kirchgeorg 2012, S. 140). Andere Modelle versuchten hingegen, das gesamte Konsumentenverhalten und die zu seiner Beschreibung notwendigen Konstrukte in einem Modell zu integrieren. Diese Totalmodelle hatten zwar einen gewissen didaktischen Wert, da sie die Komplexität des Verhaltens erahnen ließen, waren aber auch gerade deswegen sehr unübersichtlich. Darüber hinaus suggerierten sie eine zumeist statische deterministische Mechanik, die in der Realität oft nicht gegeben war (Meffert, Burmann, Kirchgeorg 2012, S. 140).
Ein in diesem Kontext entwickeltes und nach wie vor bedeutsames Modell ist das Totalmodell von Howard und Sheth (1969). Das Ziel dieses Modells war es, die kognitiven,
Abb. 2: Das S-O-R-Modell (Kotler, Armstrong 2009 in Anlehnung an Howard, Sheth 1969)
kontrollierten Kaufentscheidungen mit Hilfe bestimmter Variablen zu erklären (Meffert, Burmann, Kirchgeorg 2012, S. 142). Hierzu unterschied das Modell zwischen drei Gruppen von Variablen: Den beobachtbaren Inputs (S), den beobachtbaren Outputs (R) sowie den nicht beobachtbaren, hypothetischen Konstrukten (I), die den internen Zustand des Kunden erfassen und beschreiben sollten. Diese Gruppe der hypothetischen Konstrukte konnte dabei in Konstrukte unterteilt werden, die in die Informationsverarbeitung involviert sind sowie Konstrukte, die im Zusammenhang mit Lernprozessen von Bedeutung sind. Die folgende Abbildung 3 stellt diesen Unterschied sowie die entsprechenden Konstrukte des Modells noch einmal in graphischer Form dar.
Ein weiteres für die Konsumentenverhaltensforschung bedeutsames Totalmodell wurde 1978 erstmalig von Engel et al. vorgelegt und später weiterentwickelt (Engel et al. 1978, 1995). Das zentrale Merkmal dieses Modells war die Differenzierung in verschiedene Kaufentscheidungstypen. In dem Modell wurden extensive, limitierte, impulsive und habitualisierte Kaufentscheidungen unterschieden. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zur Differenzierung dieser Typen waren das Involvement und die mit dem Kaufakt verbundene bewusste Wahrnehmung des Kunden (Meffert, Burmann, Kirchgeorg 2012, S. 111). Darüber hinaus wurde der Kaufentscheidungsprozess differenziert in verschiedene, aufeinander folgende Phasen. Den Ausgangspunkt bildet dabei das durch den jeweiligen Kunden empfundene Bedürfnis oder ein durch externe Stimuli hervorgerufenes Motiv. Der Wahrnehmung dieser Differenz zwischen aktuellem und gewünschtem Zustand folgt die Phase der Informationssuche. In dieser Phase sucht der Kunde annahmengemäß die zur Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung stehenden Alternativen. In der dritten Phase werden diese schließlich bewertet, eine entsprechende Kaufentscheidung getroffen und das Ergebnis der Entscheidung evaluiert.
Abb. 3: Vereinfachte Wiedergabe des Modells von Howard und Sheth (Eigene Darstellung in Anlehnung an Howard und Sheth, 1969, S. 30)
Ein weiteres wichtiges Modell zur Erklärung des Käuferverhaltens bzw. der Kaufentscheidung wurde von Jim Bettman 1974 vorgelegt. Im Zentrum dieses Modells standen sogenannte Entscheidungsnetze (»Decision Nets«). Zur Identifikation der mit dem Entscheidungsnetz assoziierten intervenierenden Variablen bediente sich Bettman des Instruments der begleitenden Beobachtung. Hierbei geht ein Interviewer mit dem Kunden zusammen einkaufen und protokolliert die Dinge, die der Kunde im Moment jeweils erlebt und bewusst wahrnimmt. Die Idee dieses Ansatzes besteht somit darin, die in der Black Box ablaufenden Prozesse möglichst zeitnah und spontan zu erfassen, auch wenn sie nach wie vor kognitiv »gefiltert« und expliziert werden müssen.
Aufbauend auf der Entwicklung dieser für die heutige Konsumentenverhaltensforschung noch wichtigen Modelle hat in den letzten Jahren der technische Fortschritt insbesondere im medizinisch-radiologischen Bereich dazu geführt, dass die im Kundenkopf ablaufenden Prozesse mehr oder weniger direkt erfasst werden können (Zaltman 2000). Zwar könnte grundsätzlich der gesamte Organismus des Kunden von Relevanz sein; gleichwohl fokussieren die meisten Wissenschaftler die im Gehirn ablaufenden Prozesse, da man wohl zurecht davon ausgeht, dass ein Großteil des menschlichen Verhaltens in diesem zentralen Organ abläuft. Die wohl nicht ganz unberechtigte Hoffnung der entsprechenden ForscherInnen ist dabei, dass ein besseres Verständnis des menschlichen Gehirns zu einem besseren Verständnis und einer besseren Vorhersage des menschlichen Verhaltens und damit auch des Kauf- und Konsumentenverhaltens führen könnte (Kenning, Plassmann 2005). Diese Hoffnung manifestiert sich derzeit in der sogenannten Brain-as-predictor-Hypothese. Diese Hypothese wurde erstmalig von Berkman und Falk (2012) explizit verwendet. Die Idee dieser Hypothese wird in dem folgenden Zitat deutlich:
»One goal of social science in general, and of psychology in particular, is to understand and predict human behavior. Psychologists have traditionally used self-report measures and performance on laboratory tasks to achieve this end. However, these measures are limited in their ability to predict behavior in certain contexts. We argue that current neuroscientific knowledge has reached a point where it can complement other existing psychological measures in predicting behavior and other important outcomes.« (Berkman, Falk 2012, S. 45).
Der Versuch, biologische Variablen auch in die Käufer- und Konsumentenverhaltensforschung zu integrieren ist dabei nicht grundsätzlich neu. Tatsächlich haben einige prominente Fachvertreter frühzeitig auf die Bedeutsamkeit der Neurowissenschaften und die entsprechenden methodischen Möglichkeiten hingewiesen (Kroeber-Riel 1979). Auch wurden verschiedene apparative Verfahren verwendet, die heute noch wichtig sind (z. B. die EEG; Krugman 1971). Dennoch folgte dann eine Zeit, die Saad (2008) vor einigen Jahren treffenderweise als »collective amnesia of marketing scholars regarding consumers’ biological and evolutionary roots« bezeichnete. Diese Phase scheint heute im Kontext der Entwicklungen in den Bereichen der Neuroeconomics (Camerer et al. 2005) und Consumer Neuroscience (vgl. Kenning/Plassmann/Ahlert 2007; Levallois 2019) überwunden zu sein, denn in diesem Gebieten geht es (wieder) um die Integration neurowissenschaftlicher Methoden, Theorien und Erkenntnisse in die wirtschaftswissenschaftliche Forschung. In diesem Zusammenhang werden zunehmend auch absatzwirtschaftliche Fragen fokussiert und der – etwas irreführende – Begriff »Neuromarketing« verwendet (Lewis, Bridger 2005; Levallois 2019).
Eine der ersten wissenschaftlichen und methodische besonders bedeutsamen Studien im Rahmen der geschilderten Entwicklung war das von Alan Sanfey im Jahre 2003 durchgeführte Experiment zu den neuralen Prozessen, die mit Entscheidungen im Ultimatum-Game verbunden sind (Güth et al. 1982). Bereits diese Studie zeigte, dass die Neuroökonomik einen Beitrag dazu leisten könnte, ökonomisch relevantes Verhalten besser zu verstehen. Diese Studie, die bis dato mehr als 3500mal zitiert wurde, soll daher im Folgenden kurz beschrieben werden.
Im Kern geht es im Ultimatum-Game um folgende Problemstellung: Zwei Akteure werden gebeten, einen durch den Spielleiter zur Verfügung gestellten Betrag einvernehmlich untereinander aufzuteilen. Dabei erhält der erste Akteur (A) den Auftrag, einen Verteilungsvorschlag zu machen. Der zweite Akteur (B) hat dann die Möglichkeit, diesen Vorschlag zu akzeptieren oder abzulehnen. Nur wenn B akzeptiert, bekommen beide den Betrag aber auch tatsächlich ausgezahlt. Lehnt B hingegen ab, bekommen A und B nichts. Wie sollte sich A verhalten? Sein Erfolg hängt nicht nur von seiner Entscheidung, sondern auch von B‘s Reaktion darauf ab!
Folgt man der Axiomatik der klassischen ökonomischen Theorie, sollte A sich rational in dem Sinne verhalten, dass er versucht, seinen Anteil zu maximieren. Gleichzeitig sollte B versuchen, jeden Betrag »größer null« zu akzeptieren, da dies aus seiner isolierten Sicht besser wäre als nichts zu bekommen. Ein, im Sinne der ökonomischen Maxime »Mehr Geld ist besser als weniger Geld«, rationaler Verteilungsvorschlag von A wäre somit 9,99 Euro für sich zu behalten und B einen Cent anzubieten. Tatsächlich findet man in der Realität aber kaum solche Vorschläge und wenn, dann werden sie von B meist empört abgelehnt. Warum?
Nun, neuere Ansätze erklären dieses scheinbar irrationale Verhalten damit, dass Menschen eine implizite Präferenz für Fairness haben und deswegen am häufigsten eine als fair empfundene Aufteilung von 5 Euro für beide Spieler vorschlagen. Doch wie kommt man dieser impliziten Präferenz auf die Spur? Wie kann man sie beobachten und ihre Wirkungen messen? Um diese Fragen zu beantworten, liess Alan Sanfey Versuchspersonen im MR-Scanner das Ultimatum-Game spielen. Tatsächlich konnte er feststellen, dass immer dann, wenn die Spieler mit unfairen Angeboten konfrontiert wurden und diese ablehnten, ein anderer neuraler Prozess ablief als in den als fair empfundenen Situationen. Eine wesentliche Rolle für die Verarbeitung unfairer Angebote spielte dabei die Inselregion im Gehirn (Sanfey et al.2003).
Aus der Studie von Sanfey et al. (2003) ergaben sich vielfältige, für die weitere Entwicklung der neuroökonomischen Forschung und der Consumer Neuroscience relevante Aspekte. Diese können grob in eine methodische und eine inhaltliche Kategorie unterteilt werden:
• Methodisch zeigte die Untersuchung von Sanfey et al. (2003) zunächst einmal, dass es mit Hilfe der funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographie (fMRT bzw. fMRI) möglich ist, ökonomisch relevante Prozesse abzubilden. Dies war bis dahin noch nicht versucht worden. Nun aber zeigte die Studie, dass die mit der fMRI zu erreichende bildliche und zeitliche Auflösung ausreichend ist, ökonomisch relevante Entscheidungsprozesse zu erfassen. Darüber hinaus wurde deutlich, dass die zu bestimmten neuralen Strukturen vorliegenden neurowissenschaftlichen Befunde ausreichend sind, um eine sinnvolle Würdigung der Magnet-Resonanz-Befunde zu ermöglichen.Schließlich wurde drittens durch die Studie von Sanfey et al. deutlich, dass die fMRI eine Simultanität zwischen dem Treffen einer Entscheidung und ihrer apparativen Beobachtung ermöglicht, sodass auf eine nachträgliche (Re-)Konstruktion der mit dem Verhalten assoziierten Prozesse auf verbaler Ebene verzichtet werden kann.
• Inhaltlich zeigte die Studie von Sanfey et al. (2003), dass Menschen offensichtlich mehrere Entscheidungsprozesse in ein und derselben Entscheidungssituation verwenden können. Dies wurde von einigen Forschern als empirischer Beleg für die Gültigkeit der in der Literatur bereits häufiger vorgeschlagenen Dual-Process-Modelle gewertet (vgl. für viele Strack, Deutsch 2004; Camerer et al. 2005). Darüber hinaus zeigte die Studie, dass unbewusste Emotionen, die mit der Wahrnehmung eines bestimmten Stimulus verbunden sind, einen wesentlichen Einfluss auf den Entscheidungsprozess haben und diesen rahmen (framen») können. Insofern gab die Studie auch einen Hinweis auf die mit dem Framing-Effekt verbundenen, neuralen Mechanismen (
Kap. 6.1.2). Zudem wurde deutlich, dass für die Entstehung von Emotionen auch der jeweilige Spielpartner ein wichtiger Faktor ist. Denn immer dann, wenn die unfairen Angebote von einem Computer generiert wurden, entschieden die Akteure deutlich rationaler und zeigten weniger Aktivierung in der Inselregion. Ein Befund der einige weitere Forschungsarbeiten motivierte (vgl. Riedl et al. 2012, Riedl et al. 2014).
Angesichts dieser Ergebnisse wundert es nicht, dass in der Folge eine ganze Reihe weiterer, neuroökonomischer Studien und Versuche durchgeführt wurden. Darüber hinaus beschlossen Forscher an zahlreichen Universitäten, in diesem Bereich aktiv zu forschen und entsprechende Organisationen zu gründen, deren Aufgabe darin bestand und besteht, die neuroökonomische Forschung voranzutreiben. Ein Beispiel hierfür bietet die Society for Neuroeconomics (http://www.neuroeconomics.org). Ihr Ziel besteht zum einen darin, die Erforschung von ökonomischem Verhalten zu fördern, indem der Dialog zwischen Forschern aus der Psychologie, Ökonomie und Neurowissenschaften gefördert wird, zum anderen darin, die Erweiterung des Forschungsfeldes zu unterstützen, indem besonders junge Wissenschaftler gefördert werden. Diese Ziele werden verwirklicht, indem die Society for Neuroecnomics jährliche Treffen und Weiterbildungsprogramme organisiert, die die Entwicklung einer einheitlichen Sprache und methodischer Tools im Gebiet der Neuroökonomik fördern.
Das übergeordnete Ziel der neuroökonomischen Forschung ist es dabei, eine »unified theory of human behavior« zu entwickeln (Glimcher, Rustichini 2004; Kenning, Plassmann 2005, Camerer et al. 2005; FoxHall 2008). Im Kern soll menschliches Verhalten also weitestgehend neurobiologisch beschrieben werden.
In diesem Kontext kann der Gegenstandsbereich der Consumer Neuroscience definiert werden als die systematische Integration neurowissenschaftlicher Theorien, Methoden, Konzepte und Erkenntnisse in die Konsumentenverhaltensforschung (Fugate 2007; Grosenick et al. 2008; Lee et al. 2007). Analog zum Begriff »Consumer Neuroscience« wird in der Praxis oft der Begriff »Neuromarketing« verwendet (Hubert, Kenning 2008; Levallois et al. 2019). Hierbei handelt es sich aber um einen Misnomer, denn Marketing wird üblicherweise verstanden als das Konzept der marktorientierten Führung. Demzufolge kann man die marktorientierte Führung von Handelsbetrieben als Handelsmarketing bezeichnen (vgl. für viele Ahlert, Kenning 2007). Die marktorientierte Führung von Dienstleistungsunternehmen wäre demzufolge als Dienstleistungsmarketing zu bezeichnen (z. B. Evanschitzky et al. 2006). Neuromarketing würde aber streng genommen die marktorientierte Führung von Neuronen bedeuten und dies erscheint – hoffentlich! – ähnlich sinnlos wie Guerilla-Marketing oder Ambush-Marketing.
2.2 Warum ist Consumer Neuroscience wichtig?
»Die Tatsache, daß das Gehirn die physikalische Grundlage menschlichen Denkens ist, wird heute allgemein akzeptiert«
B.F. Skinner (1978, S. 18)
Wie bereits erwähnt, besteht die zentrale Annahme der Neuroökonomik und der Consumer Neurosciene darin, dass mit einem permanenten Voranschreiten der Neurowissenschaften auch eine verbesserte Erklärung des menschlichen Verhaltens im wirtschaftlichen Kontext möglich wird. Im Wesentlichen besteht die Aufgabe der Consumer Neuroscience darin, die erklärte Varianz bestehender Theorien durch die Integration einer neuer theoretischen Perspektive zu erhöhen. (Grosenick et al. 2008; Kenning, Plassmann 2008; Knutson et al. 2007). Dabei werden auf dieser zunächst deskriptiven Ebene grob zwei Formen menschlichen Verhaltens unterschieden: Zum einen geht es im Bereich der Individual Consumer Neuroscience um individuelles Verhalten. Dies kann z. B. die Wahrnehmung eines Individuums von bestimmten ökonomisch relevanten Stimuli (z. B. Preisinformationen) bedeuten. Daneben geht es im Bereich Social Neuroscience um das menschliche Verhalten in sozialen Kontexten. Da in modernen Ökonomien Kooperationen gang und gäbe sind, spielt diese Verhaltensform im ökonomischen Alltag eine große Rolle. Hier angesiedelt sind bspw. Studien, die sich mit der interpersonalen Vertrauensbildung, mit Fairness, Altruismus und ganz allgemein mit kooperationsrelevanten Fragestellungen beschäftigen. Viele der entsprechenden Erkenntnisse wurden dabei erst in den letzten Jahren gewonnen. Sie bilden den Gegenstand des Kapitels 6.2.

Insert 1: Vergleich von EEG und Befragung (Quelle: Marketing Research, Nr.1/2009, S. 5)
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer gleich offensichtlich ist, beinhalten diese beiden Forschungsgebiete oft auch betriebswirtschaftlich relevante Implikationen. Dies mag dann in der betrieblichen Praxis auch dazu führen, dass Unternehmen in der Lage sind, ihr Marketing weiter zu entwickeln, indem es ihnen auf der einen Seite gelingt, bestehende Bedürfnisse der Kunden besser zu erkennen, zu verstehen und zu befriedigen (Reimann et al. 2011). Damit ließen sich dann gegebenenfalls auch die nach wie vor hohen vermuteten Ineffizienzen im Marketing reduzieren und ein Beitrag zum Forschungsgebiet der Marketing Metrics leisten (Patterson, Pauwels 2008).
Auf der anderen Seite könnten die entsprechenden Theorien aber auch zu einer verbesserten Marktbearbeitung (Marktsegmentierung) sowie zu neuen Maßnahmen der Differenzierung (Marktpositionierung und -differenzierung) führen, die betriebswirtschaftlich sinnvoll wären. Insofern betrifft Consumer Neuroscience nahezu alle Bereiche der marktorientierten Unternehmensführung. Vielleicht besonders treffend formulieren die beiden US-amerikanischen Marketingwissenschaftler Ravi Achrol und Phillip Kotler (2011) diesen Aspekt in ihrem Beitrag »Frontiers of the marketing paradigm in the third millenium« wie folgt:
»To be a skilled consumer researcher may mean one has to be half a neurophysiologist with expertise in, for example, fMRI besides the latest in research design and statistical method.«
Das damit angesprochene Forschungsfeld der Commercial Consumer Neuroscience (
Insert 1) werden wir im Kapitel 6.3 vertiefend diskutieren. Es beherrscht zugleich oft noch die öffentliche Diskussion des Themas, die zum Teil kontrovers geführt wird. Vieles, was in der Diskussion an Bedenken geäußert wird, ist jedoch eher allgemein marketingskeptisch und wenig spezifisch. Es verwundert daher nicht, dass das Thema sowohl in der Öffentlichkeit als auch im akademischen Kontext an Bedeutung gewinnt (Fugate 2007; Hubert, Kenning 2008; Lee et al. 2007; Plassmann et al. 2007a). So widmeten sich verschiedene Konferenzen und Zeitschriften dem Thema und die Anzahl der in führenden Marketingzeitschriften publizierten Studien und Artikel hat sich vervielfacht (
Abb. 4 sowie Lee et al. 2007). Darüber hinaus hat die renommierte Association of Consumer Research einen neuen content area code für die in diesem Gebiet angesiedelten Arbeiten eingeführt.
Zentral für das Verständnis der diesen Entwicklungen zugrunden liegenden Phänomene und Diskussionen ist jedoch der Erwerb grundlgender Kenntnisse der wichtigsten Strukturen und Funktionen des Kaufentscheidungsorgans. Diese Kenntnisse sollen im folgenden Kapitel 3 vermittelt werden.
Wiederholungsfragen zu Kapitel 2:
1. Was versteht man unter dem S-O-R-Paradigma? Aus welchen Komponenten bestehen die entsprechenden Modelle typischerweise? Nennen Sie jeweils ein Beispiel für einen (nicht) kontrollierten Stimulus.

Abb. 4: Überblick über die Entwicklung von neurowissenschaftlich orientierten Publikationen in international führenden Marketingzeitschriften (in Anlehung an Plassmann et al. 2012)
2. Diskutieren Sie die Vor- und Nachteile der dem S-O-R-Paradigma folgenden Modelle.
3. Inwiefern unterscheidet sich der Ansatz der Consumer Neuroscience vom S-O-R-Paradigma?
4. Beschreiben Sie den Versuchsaufbau sowie die zentralen Ergebnisse der fMRI-Ultimatum Game-Studie von Sanfey et al. (2003). Warum ist diese Studie besonders bedeutsam?
5. Was ist das Ziel der neuroökonomischen Forschung?
6. Schildern Sie mit eigenen Worten welchen neuen Ansatz die Neuroökonomik verwendet, um das in Frage 5 erwähnte Ziel zu erreichen. Inwiefern erscheint Ihnen die Erreichung dieses Ziel realistisch und wünschenswert?
7. In welche Teilbereiche kann man die Consumer Neuroscience derzeit unterteilen? Grenzen Sie die Teilbereiche voneinander ab.
8. Warum handelt es sich beim Begriff »Neuromarketing« um einen Misnomer?
3 Das Gehirn: Wo ist was und wofür ist es gut?
Wie bereits geschildert fokussiert die neuroökonomische Forschung neurale Vorgänge im menschlichen Gehirn, die mit ökonomisch relevantem Verhalten einhergehen. Will man diese Vorgänge besser verstehen, ist es unerlässlich, zumindest Grundkenntnisse im Bereich der Neuroanatomie vorweisen zu können. Diese Grundkenntnisse sollen im Folgenden vermittelt werden. Hierzu wird zunächst ein Überblick über die strukturelle Neuroanatomie gegeben (
Abb. 5). Darauf aufbauend werden einige Aspekte der funktionellen Neuroanatomie erläutert. Schließlich werden die neuroanatomischen Grundlagen einiger ausgewählter psychologischer Phänomene (z. B. Lernen, Aufmerksamkeit) vorgestellt. Dabei sei an dieser Stelle betont, dass es in diesem Buch nur um die aus Sicht des Verfassers elementaren Kenntnisse gehen kann. Für den Leser, der an weiterführenden Informationen interessiert ist, werden daher an den geeigneten Stellen entsprechende Literaturhinweise gegeben.

Abb. 5: Überblick über die in diesem Buch behandelten Bereiche der Neuroanatomie
3.1 Strukturelle Neuroanatomie
3.1.1 Grobgliederung des Nervensystems
Aus morphologischer Perspektive besteht das menschliche Nervensystem aus zwei Bereichen:
• Zum einen aus dem Zentralnervensystem (ZNS). Darunter versteht man das Nervengewebe, welches im Schädel und im Wirbelkanal der Wirbelsäule eingeschlossen ist. Dieses ist zunächst grob unterteilbar in das Gehirn (Encephalon) und das Rückenmark.
• Zum anderen besteht das menschliche Nervensystem aus dem peripheren Nervensystem. Dieses System umfasst die Nerven des Kopfes, des Rumpfes und der Extremitäten nach ihrem Austritt aus dem ZNS. Das periphere Nervensystem ist unterteilbar in zwölf Hirnnerven (Nervi Craniales) und 31 Spinal- und Rückenmarksnerven (Nervis spinales).
Neben dieser Unterteilung kann das menschliche Nervensystem aber auch nach funktionellen Gesichtspunkten differenziert werden. Demnach unterscheidet man das vegetative Nervensystem (auch viszerales, autonomes oder idiotropes Nervensystem genannt) und das somatische Nervensystem (auch animalisches zerebrospinales oder oikotropes Nervensystem genannt):
• Das vegetative Nervensystem ist das Nervensystem der inneren Organe zwecks Aufrechterhaltung des inneren Milieus sowie der glatten Muskulatur. Es kann weiter unterteilt werden in das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Das sympathische Nervensystem ist an Stressreaktionen des Körpers beteiligt, während das parasympathische System daran beteiligt ist, die Ressourcen des Körpers zu erhalten und das Gleichgewicht wiederherzustellen (Kandel, Schwarz, Jessell 1996, S. 74; Carlson 2004).
• Das somatische Nervensystem ist das Nervensystem der Sinnesorgane und der gestreiften Muskulatur zur Interaktion mit der Umwelt. Es versorgt das zentrale Nervensystem mit sensorischen Informationen (Fühlen, Schmecken, Riechen etc.) sowie über die Stellung von Muskeln und Gliedmaßen.
3.1.2 Orientierung im Gehirn
Das Gehirn ist ein unglaublich komplexes Netzwerk und besteht je nach Autor aus mehr als 100 Milliarden (Kandel, Schwarz, Jessell 1996, S. 3) bis zu ungefähr einer Billion Nervenzellen (Thompson 2001, S. 1). Auch wenn der Mensch nicht das größte Gehirn aller Lebewesen hat, so sind diesbezüglich doch zwei besondere Merkmale hervorzuheben: Zum einen ist die Dichte der Gehirnzellen bei ihm besonders hoch; zum anderen besitzt er relativ zum Körpergewicht das größte Gehirn (vgl. Thompson, 2001, S. 24).
Seit dem späten 18. Jahrhundert weiß man, dass die einzelnen Zellen zu Systemen verbunden sind, die uns die Wahrnehmung unserer Welt erlauben und die Grundlage dafür bilden, wie wir erkennen, lernen, erinnern und handeln. Will man verstehen, wie diese für das ökonomische Verhalten wichtigen Systeme im Gehirn (zeitlich) interagieren, muss man verstehen, (a) wie sich das Nervensystem organisiert und (b) wie einzelne Bereiche dieses Systems miteinander kommunizieren können. Darüber hinaus muss man lernen, (c) wie einzelne Gene die Organisation und Kommunikation beeinflussen können und (d) welche Bedeutung diese Veränderungen für das Verhalten haben können.
Hinsichtlich der ersten Frage nach der Organisation des Nervensystems sind verschiedene Aspekte zu beachten. So ist zunächst im Hinblick auf die zu wählende Beschreibungs- bzw. Organisationsebene eine Entscheidung zu treffen (
Abb. 6). Diese Entscheidung bestimmt dann auch, welche Methoden und Begriffe letztlich zum Einsatz kommen bzw. Verwendung finden.

Abb. 6: Organisationsebenen der Neurowissenschaften
So wird zum Beispiel im Rahmen der bildgebenden Verfahren auf die Ebenen der Netzwerke, Maps und Systeme fokussiert. Feinere Strukturen, wie etwa einzelne Neuronen oder Synapsen, können nicht erfasst werden und finden daher kaum Beachtung. Gleichwohl gibt es gelegentlich Studien, die suggerieren, dass einzelne Neuronen und Synapsen mit bestimmten Verhaltensweisen verbunden sind. Die entsprechende Annahme, dass es einzelne Neuronen gäbe, die immer nur bei der Ansicht ganz bestimmter Objekte feuern, traf aber nicht nur die Gegenliebe der Forschergemeinde. Vom amerikanischen Neurowissenschaftler Jerry Lettvin stammt bspw. der scherzhafte Begriff der »Großmutterzelle« – die stets aktiv wird, wenn die eigene Großmutter ins Gesichtsfeld tritt. Tatsächlich handelt es sich hier aber wohl bei solchen »Entdeckungen« um Beispiele dafür, wie einzelne Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Forschung überstrapaziert werden.
Neben der Entscheidung für ein Beschreibungssystem ist zu bedenken, dass zwischen den einzelnen Ebenen auch für die Neuroökonomik und die Consumer Neuroscience bedeutsame Interaktionseffekte bestehen können, deren Erforschung erst ganz am Anfang steht. So wird es Interaktionen zwischen der auf der Ebene der Moleküle angesiedelten Genetik geben, die einen Einfluss auf das Konsumentenverhalten haben (z. B. Simonson, Sela 2011). Noch aber sind diese Zusammenhänge kaum erforscht.
Neben der Unterteilung in die genannten und in der vorstehenden Abbildung verdeutlichten Betrachtungsebenen ist es für die Orientierung im Gehirn wichtig, die Begriffe zu kennen, welche die Lage verschiedener Strukturen bezeichnen. Im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Fächern sind die entsprechenden neurowissenschaftlichen Beschreibungssysteme aber nicht immer ein-eindeutig. So werden die Begriffe anterior, rostral, oral und frontal oft synonym für den vorderen Teil einer Struktur verwendet (vgl. hierzu auch Thompson 2001, S. 11; Ramsoy, 2015, S. 13 ff.). Die folgende Abbildung 7 gibt einen entsprechenden Überblick über die üblichen Begriffe der räumlichen Orientierung.

Abb. 7: Begriffe der räumlichen Orientierung
Daneben werden die gerade im Bereich der funktionellen Hirnbildgebung bedeutsamen Hirnschnitte mit spezifischen Begriffen bezeichnet, die Abbildung 7 ebenfalls entnommen werden können und dort in kursiver Schrift ausgeführt sind. Bei der Entwicklung der entsprechenden Begriffe orientierte man sich zweckmäßigerweise an Säugetieren, die sich vierfüßig bewegen. Dorsal bezeichnet dabei die Rücken- oder Oberseite; ventral die Bauch- oder Unterseite, anterior bezeichnet das vordere Ende einer Struktur, posterior demzufolge das hintere Ende. Der Begriff medial wird zur Bezeichnung von Strukturen verwendet, die eher in der Mitte liegen, während der Terminus »lateral« eine seitliche Lage kennzeichnet.
Neben diesen Begriffen, die die Lage einer (Sub-)Struktur kennzeichnen, werden anatomisch im bilateralsymmetrisch organisierten Zentralnervensystem sieben Hauptteile unterschieden: Das Rückenmark, die Medulla obloganta (verlängertes Mark), der Pons, das Cerebellum (Kleinhirn), das Mesencephalon (Mittelhirn), das Diencephalon (Zwischenhirn) sowie das Großhirn (Teleencephalon).
Das Rückenmark ist der am weitesten caudal gelegene Teil des ZNS. Dieser Teil empfängt und verarbeitet sensorische Informationen von der Haut, den Gelenken sowie von den Muskeln der Extremitäten und des Rumpfes. Darüber hinaus spielt das Rückenmark für senso-motorische Prozesse eine besondere Rolle.
Die Medulla oblongata (»verlängertes Mark«; Thompson 2001, S. 12) liegt direkt über dem Rückenmark und umfasst verschiedene Zentren, die für so lebenswichtige Funktionen wie die Verdauung, die Atmung sowie den Herzschlag wichtig sind. Zusammen mit dem Pons bildet die Medulla obloganta den Hirnstamm.
Das Mittelhirn, das anterior zur Medulla obloganta liegt, kontrolliert viele sensorische und motorische Funktionen (z. B. die im Rahmen der noch zu beschreibenden Eye-Tracking-Studien wichtige Augenbewegung und die Koordination visueller und auditorischer Reflexe).
Die Medulla obloganta, das Kleinhirn mit dem Pons sowie das Mittelhirn haben sich evolutionär bereits frühzeitig entwickelt und sind bei vielen Lebewesen ähnlich strukturiert und organisiert (vgl. Thompson 2001, S. 16). Gleichwohl gibt es zwischen den verschiedenen Arten Unterschiede, die sich insbesondere daraus ergeben, dass die Lebenswelten der entsprechenden Arten unterschiedlich sind und daraus verschiedene Anforderungen an die neuralen Strukturen resultier(t)en.
Das Kleinhirn liegt dorsal von der Medulla obloganta und ist durch mehrere starke Faserstränge, z. B. dem Pons mit dem Hirnstamm verbunden. Man kann es nicht nur aufgrund seiner Lage und seiner Größe deutlich von anderen neuralen Strukturen unterscheiden, sondern auch, weil es viel feiner eingefaltet ist als die Großhirnrinde. In saggitaler Betrachung sieht das Kleinhirn oft wie ein kleiner Baum aus, weswegen es gelegntlich auch als »Arbor vitae« bezeichnt wird. Es reguliert Bewegungen und spielt für motorische Lernprozesse eine wichtige Rolle. Darüber hinaus vermutet man, dass das Kleinhirn auch eine Bedeutung für kognitive Lernvorgänge haben könnte (vgl. Posner, Raichle 1996, S. 135).
Das Zwischenhirn liegt anterior zum Mittelhirn und umfasst zwei wichtige Strukturen: Den Thalamus und den Hypothalamus. Die Bezeichnung Zwischenhirn rührt von der Lage dieser Struktur zwischen dem Mittelhirn und den Großhirnhälften.
Der Thalamus verarbeitet und verteilt fast sämtliche sensorischen und motorischen Informationen, die in den Kortex einlaufen. Der Hypothalamus steht mit zahlreichen Gehirnregionen in Verbindung und bildet zusammen mit anderen Strukturen – insbesondere der Hypophyse – ein übergeordnetes Kontrollsystem (vgl. Thompson 2001, S. 17). Beide Strukturen – Thalamus und Hypothalamus – werden später noch einmal ausführlicher beschrieben.
Die Großhirnhemisphären bestehen aus der etwa 3 bis 6 mm dicken Großhirnrinde (oft einfach nur Cortex oder Kortex genannt), die in sechs Schichten unterteilt werden kann (vgl. Thompson 2001, S. 21) und drei tieferliegende Strukturen: Basalganglien, Hippocampus und Mandelkern (Amygdala). Die Basalganglien sind an der Steuerung motorischer Aktivitäten beteiligt.
Neben der Kenntnis dieser ersten grundlegenden anatomischen Begriffe und Strukturen ist es für die Orientierung im Gehirn hilfreich, das von Korbinian Brodmann entwickelte System zur Beschreibung verschiedener Hirnareale zu kennen. Dieses System differenziert die Großhirnrinde auf einer zytoarchitektonischen Basis in insgesamt 52 verschiedene Areale – lateinisch Area 1 bis Area 52. Der Ansatzpunkt von Brodmann (1909) bestand darin, Bereiche des Kortex anhand der Zellstrukturen und der charakteristischen Anordnung der Zellen in Schichten zu unterscheiden. Seine Grundannahme bestand darin, dass unterschiedliche Zellstrukturen ein Hinweis auf eine andere Funktion dieser Struktur sein könnten. Obwohl dieses System einige Schwächen aufweist, hat es auch heute noch eine große Bedeutung.
Wie sich später herausgestellt hat, war die Grundannahme von Brodmann nicht vollkommen falsch. Oft kontrollieren aber mehrere Brodmann-Areale gemeinsam die Ausführung spezifischer Hirnfunktionen. Beispielsweise bilden die Area 1, 2 und 3 den primären somatosensorischen Cortex, welcher der Wahrnehmung von Körperempfindungen dient. Area 4 hingegen bildet einen wesentlichen Teil des motorischen Kortex. Area 17 ist der primäre visuelle Kortex, der die von den Augen empfangenen Signale verarbeitet. Für die Verarbeitung akustischer Reize sind wiederum die Brodmann-Areale 41 und 42 bedeutsam (vgl. Kandel et al. 1996).
Abbildung 8 vermittelt einen Überblick über die Aufteilung der sogenannten »Brodmann-Areale«. Der obere Teil zeigt die Brodmann-Areale, die auf der äußeren Oberfläche des Kortex erkennbar sind. Die an der inneren Oberfläche angesiedelten Brodmann-Areale sind hingegen auf dem unteren Teil der Abbildung im Sagitalschnitt dargestellt (vgl. hierzu auch Kenning, Plassmann 2005).

Abb. 8: Die Brodmann-Areale
Neben der auf den Brodmann-Arealen aufbauenden möglichen Orientierung im Gehirn haben in den letzten Jahren neuere Hirnatlanten eine hohe Bedeutung gewonnen. Hierbei handelt es sich z. B. um den von Talaraich und Tournoux entwickelten Atlas. Daneben gibt es weitere Atlanten, die je nach Forschungszweck und -objekt spezifische Merkmale aufweisen.
Der Atlas von Talaraich und Tournoux basiert methodisch auf der von Jean Talaraich maßgeblich entwickelten Stereotaxie. Dabei werden der Körper und speziell der Kopf des Patienten für einen (minimalinvasiven) Eingriff in ein streng fixierendes Rahmensystem fest eingespannt. Zur Fixierung des Kopfes während der Behandlung erfand Talaraich 1947 den nach ihm benannten Talairach-Rahmen. Dieses Instrument gestattete es ihm, mit großer Genauigkeit funktionale Zonen des Hirns zu lokalisieren. Der darauf aufbauend entwickelte stereotaxische Hirnatlas hat auch heute noch eine hohe Bedeutung insbesondere in der Neurochirurgie sowie im Rahmen der Hirnbildgebung. Gegenstand des Systems von Talaraich und Tournoux ist die Gestaltung eines Normgehirns, in das sich jedes beliebige Gehirn transformieren lässt. Als Ausgangspunkt wird dabei die anteriore und posteriore Kommissur (»AC/PC-Line«) verwendet. An dieser gedachten Verbindung wird das Gehirn waagerecht ausgerichtet. Darauf aufbauend werden weitere sekundäre Fixpunkte (»Landmarks«) definiert und zwar die Punkte, die am weitesten rechts und links, anterior und posterior sowie inferior und superior liegen. Die zwischen diesen Punkten jeweils liegenden Verbindungen bilden dann die Achsen, mit denen die entsprechenden Punkte im Gehirn beschrieben werden können. Jeder Punkt ist somit durch eine X,Y,Z-Koordinate definiert. Das ursprünglich definierte Talarich-System basierte auf einer Gehirnhälfte einer sechzigjährigen Frau. Inzwischen bildet aber das sogenannte ICBM 152 Template, das auf den MNI-152 Daten basiert, seine anatomische Basis (vgl. Orfanos 2010; ICBM steht für International Consortium of Brain Mapping). Gleichwohl ist zu beachten, dass aufgrund der Tatsache, dass es zwischen den Gehirnen unterschiedlicher Menschen zum Teil beträchtliche anatomische Unterschiede gibt, weswegen auch das ICBM 152-System eine gewisse Unschärfe hat.
Eine dritte Alternative das menschliche Gehirn zu kartographieren, bildet das MNI-Brain. Hierbei handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Systems von Talaraich und Tournox. Demzufolge werden die Strukturen auch im MNI-Atlas hinsichtlich ihrer X,Y,Z-Koordinaten beschrieben und identifiziert. Die Grundlage für diesen Atlas bildet das sogenannte MNI 305 Standardgehirn. Dieses basiert auf 241 MR-Untersuchungen die genutzt wurden, um eine erste Normstruktur explorativ zu entwickeln. Darauf aufbauend wurde diese Struktur durch 305 weitere MR-Untersuchungen validiert. Im Ergebnis ist die anatomische Basis des MNI-Modells breiter als diejenige des Talaraich und Tournox-Systems. Zwischen beiden Systemen gibt es zwar Überschneidungen, in manchen Fällen sind aber erhebliche und durchaus bedeutsame Unterschiede erkennbar, die teilweise zu Irritationen und falschen Interpretationen führen können (für eine vertiefende und weiterführende Diskussion siehe u. a. auch http://www.mrc-cbu.cam.ac.uk/Imaging/mnispace.html).
3.1.3 Morphologische Bildgebung (CT, MRT)
Aus den bisherigen Ausführungen wurde deutlich, dass die anatomische Beschreibung ganz wesentlich davon abhängt, welche Methoden (Zytoarchitektur, Stereotaxie, MR-Technologie) zur Identifizierung und Beschreibung der jeweiligen Strukturen zur Verfügung stehen. Es ist daher an dieser Stelle wichtig, dem Leser einen ersten Überblick über zwei in der aktuellen Hirnforschung bedeutsame Verfahren zu geben, deren Ziel insbesondere darin besteht, die Anatomie des lebenden Gehirns besser zu erfassen als dies noch zu Zeiten von Brodmann der Fall gewesen ist. Diese beiden Verfahren sind die Computertomographie (CT) sowie die Magnet-Resonanz-Tomograhpie (MRT).
Die Computertomographie (CT) basiert auf der herkömmlichen radiologischen Methode, Röntgenbilder von verschiedenen Strukturen wie Knochen, Weichteilen und flüssigkeitsgefüllten Gefäßen zu erfassen. Röntgen-CT-Bilder lassen feinere Unterschiede im Gewebe erkennen als konventionelle Röntgenbilder (Kandel et al. 1995). So erlaubt die CT die Unterscheidung zwischen grauer Substanz und weißer Substanz im Gehirn. Dadurch werden bestimmte Strukturen im Gehirn unterscheidbar (z. B. der Thalamus, die Basalganglien und die Ventrikel). Daneben liefert die CT Bilder von verschiedenen Ebenen bzw. Schichten des Gehirns. Dies ist auch der Grund für die Verwendung des Begriffs Tomographie, welcher abgeleitet wurde vom griechischen Wort für »Schnitt« (
Abb. 9). Methodisch werden die zur Erstellung der entsprechenden Bilder notwendigen Daten durch einen um den Kopf des Patienten rotierenden Detektor gesammelt. Die CT-Bilder zeigen dann die unterschiedliche Absorption der Röntgenstrahlung durch das Gewebe. Da die CT nur strukturelle Bilder liefert, wird sie im diagnostischen Bereich oft durch Methoden, die eine funktionelle, z. B. metabolische Messung ermöglichen (z. B. die PET) ergänzt. Vorteile der CT sind ihre schnelle Durchführung. Nachteilig sind hingegen die hohe ionisierende Strahlendosis, die reduzierten Möglichkeiten sagittale und koronale Schnitte des Gehirns zu erstellen, die Tatsache, dass Strukturen mit ähnlicher Dichte nur schwer zu unterscheiden sind, sowie der Umstand, dass kleinere Strukturen (z. B. die diversen Nuclei in den Basalganglien) nur schwer zu erkennen sind.
Die Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) basiert im Gegensatz zur CT nicht auf Röntgenstrahlung, sondern verwendet starke magnetische Felder und anregende Hochfrequenzstrahlung, um die Protonendichte des Gewebes zu erfassen. Die ebenfalls zu findende Abkürzung MRI stammt von der englischen Bezeichnung »Magnetic Resonance Imaging«. Die Entdecker der physikalischen Grundlagen der Magnet-Resonanz-Tomographie, Bloch und Purcell, wurden 1949 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Grundsätzlich ist dieses Verfahren geeignet, die Struktur aller Dinge zu beschreiben, deren Gewebe aus einem hinreichend hohen Anteil Wasser bestehen. Etwas vereinfacht dargestellt, verwendet die MRT starke magnetische Felder. Wird das magnetische Feld verändert, richten sich die Protonen wieder in die ursprüngliche Position auf (»Relaxation«). Das damit verbundene Signal wird vom MR-Gerät
Abb. 9: Muster eines CT-Bildes
erfasst und darauf aufbauend die Protonendichte ermittelt. Diese wiederum bildet die Basis zur Berechnung unterschiedlicher Grautöne, die dann das Abbild der Hirnstruktur ergeben (
Abb. 10). Für den jeweiligen Bildkontrast ist neben der Protonendichte auch die unterschiedliche Relaxationszeit verschiedener Gewebearten bedeutsam. Die Auflösung der Bilder geschieht in der Dimension » Voxel«. Dieser Begriff basiert auf der Zusammenführung der Begriffe »Volumen« und »Pixel«. Ein »Voxel« ist somit ein Volumen-Pixel, d. h. ein Würfel mit einer zu definierenden Kantenlänge (z. B. 3 x 3 x 3 mm). Jede MR-Messung erfasst die Dichte in mehreren tausend dieser Voxel und projiziert daraus die entsprechenden, dreidimensionalen Bilder, durch die dann die verschiedenen (saggital, koronal, horizontal) Schnitte gelegt werden können. Die entsprechenden Schnitte werden dann mit Hilfe der bereits beschriebenen Atlanten im Gehirn verortet.
Im Rahmen einer MRT-Messung, die auf schädliche ionisierende Strahlung wie die Röntgenstrahlung verzichtet und daher als ungefährlich gilt, liegt der Proband in einer Röhre (»geschlossene MRT«). In bestimmten Fällen, der sogenannten offenen MRT, kann die Röhre aber auch seitlich offen sein. In der Neuroradiologie wird die MRT vor allem für Untersuchungen des Gehirns, des Gesichts, der Augen, der Wirbelsäule, des Rückenmarks sowie der Gefäße (Arterien und Venen) und auch des Herzens eingesetzt. Die Dauer der Messung ist unterschiedlich und hängt vom jeweiligen Untersuchungszweck ab. In der Regel dauern die entsprechenden Messungen etwa 30 Minuten. Messungen, die länger als eine Stunde dauern, sind eher selten. Einige wichtige Kriterien, die bei einer MRT zu beachten sind, sind eine mögliche Platzangst der Probanden, Herzschrittmacher sowie einige Ausschlussmerkmal wie metallische Implantate (z. B. Piercings, Zahnspangen) im Körper oder (großflächigere) Tätowierungen.
Abb. 10: Muster von MR-Bildern
Da die MRT sich den Kernspin zunutze macht und zudem auch hier das Gehirn in mehrere Ebenen erfasst wird, wird die MRT gelegentlich auch als Kernspin-Tomographie bezeichnet.
Ein wesentliches Merkmal zur Beschreibung von MR-Geräten ist schließlich die in der Dimension Tesla gemessene Feldstärke des Magneten. Üblicherweise finden in der neuroökonomischen Forschung 1,0-, 1,5- sowie 3-Tesla-Geräte Verwendung. Zwar gilt prinzipiell, dass eine höhere Feldstärke auch eine bessere Auflösung erlaubt, da das Signal-Rausch-Verhältnis sich proportional zur Feldstärke verhält, gleichwohl gibt es auch hier einen abnehmenden Grenznutzen. So sind stärkere MR-Geräte (z. B. mit einer Feldstärke von 7-Tesla, sogenannte »Ultrahochfeld-Systeme«) oft auch anfällig für Verzerrungen und störanfälliger. Bei Feldstärken über 3,0-Tesla ist zudem zu beachten, dass es bei einigen Probanden zu Schwindel und/oder Übelkeit kommen kann. In deutschsprachigen Raum gibt es derzeit aber nur wenige solcher 7-Tesla-Systeme. Dem Verfasser ist bis dato keine neuroökonomische Studie bekannt, die auf einem solchen Gerät durchgeführt wurde.
3.1.4 Bausteine des Nervensystems und Interaktionen
Neben der bis zu dieser Stelle beschriebenen wesentlichen Grundlagen im Bereich Organisation des Gehirns und Orientierung in demselben, gibt es eine weitere wichtige Organisationsebene im neuroanatomischen Bereich, die für die Neuroökonomie und die Consumer Neuroscience von Bedeutung ist, nämlich der Bereich der einzelnen Zellen. Diese bilden die eigentlichen Bausteine des Gehirns und sollen im Folgenden differenziert beschrieben werden. Im Wesentlichen lassen sich hierbei nach ihrer Funktion zwei Arten von Zellen unterscheiden, die zu jeweils etwa 50 % das neurale Volumen ausfüllen: Neuronen und Neuro-Gliazellen.
Die wesentliche Funktion der Neuronen ist die Informationsverarbeitung. Dazu übernehmen sie zum einen die Aufgabe der Signalleitung, zum anderen die der Signalverarbeitung. Der Begriff »Neuron« wurde wohl erstmalig von Heinrich Wilhelm Gottfried von Waldeyer-Hartz (1891) verwendet. Ein Neuron besteht aus mehreren Bestandteilen, im Einzelnen sind dies.
• Der Zellkern: Er enthält die Chromosomen mit den Genen.
• Die Kernmembran.
• Das endoplasmatische Retikulum: Hierbei handelt es sich um eine mehrfach gefaltete Struktur, in der die Proteine hergestellt werden.
• Die Mitochondrien: Diese stellen Energievorräte für die Zelle bereit.
• Die Intrazellulärflüssigkeit: Diese stellt die wässrige Umgebung für die Zellorganellen dar.
• Die Mikrotubuli: Diese stabilisieren die Zellstruktur und dienen dem Transport von Stoffen (Thompson 2001, S. 38). Sie können einen Durchmesser von bis zu 25 nm haben (Kandel 1995, S. 69)
• Die Zellmembran.
• Das Axon: Dieses leitet Informationen an andere Zellen weiter. Darüber hinaus hat das Axon die Aufgabe, chemische Substanzen vom Zellkörper zu den Synapsen und umgekehrt zu transportieren (Thompson 2001, S. 36).
• Die Lysosomen: Hierbei handelt es sich um sackartige Gebilde, die u. a. der Beseitigung von Abbauprodukten dienen.
• Die Mikrofilamente: Diese bilden einen wichtigen Bestandteil des Zellgerüsts.
• Die dendritischen Dornen: Hierbei handelt es sich um eine Verzweigung des Zellkörpers, der der Aufnahme von Signalen von anderen Zellen dient. Sie sind regelrecht übersäht von Synapsen (Thompson 2001, S. 40).
• Der Golgi-Apparat, eine analog zum Retikulum gefaltete Struktur, die Moleküle zum Zwecke des Transports »verpackt«.
Die folgende Abbildung 11 gibt einen etwas vereinfachten Überblick über den Aufbau und die Struktur eines Neurons (vgl. ergänzend auch Thompson, 2001, S. 37).
Die wesentliche Funktion der Neuro-Gliazellen ist es – nach heutigem Stand der Forschung – die Neuronen zu stützen, zu schützen und zu versorgen. Neuere Studien weisen darauf hin, dass Gliazellen evtl. auch an den Aufgaben der Signalgebung, -leitung, und -verarbeitung beteiligt sein können. Gliazellen sind zwar kleiner als Neuronen, dafür aber zahlreicher (vgl. Thompson 2001, S. 45); es gibt ca. 10- bis 50-mal mehr Gliazellen als Neuronen im ZNS. Der Name Gliazellen leitet sich vom griechischen Wort für Leim ab. Gliazellen bilden ein Netzwerk, welches das gesamte

Abb. 11: Aufbau und Struktur eines Neurons
Hirn durchzieht und können vereinfacht in drei Gruppen differenziert werden: Olidodendrocyten, Schwannzellen und Astrocyten (auch Astroglia). Olidodendrocyten sind relativ kleine Zellen mit relativ wenigen Fortsätzen. Sie haben die wichtige Aufgabe, mehrere Axone im ZNS zu isolieren mithin die Myelinhülle zu bilden und so eine rasche Signalübertragung zu ermöglichen. Im PNS gibt es analog als Hüllzellen die Schwann´sche Zelle, die jeweils ein einzelnes Axon umhüllt. Jede Schwannzelle bildet dabei längs eines Axons einen etwa 1 nm langen Teilabschnitt der Myelinscheide. Der dritte Typus – die Astrocyten – ist am häufigsten. Sie haben einen sternförmigen Zellkörper und relativ lange Fortsätze. Einige davon bilden die in der obigen Abbildung dargestellten Endfüßchen.
Exkurs: Signalübertragung im Gehirn
Um eine Verhaltensreaktion hervorzurufen, generieren alle beteiligten Neuronen an verschiedenen Stellen der Zelle vier aufeinanderfolgende Typen von Signalen: Ein Eingangs-Signal, ein Integrationssignal (auch: Triggersignal), ein fortgeleitetes Signal (Aktionspotential) sowie ein Ausgangssignal. Demzufolge lassen sich fast alle Neuronen durch ein allgemeines Modell mit diesen vier funktionellen Bereichen beschreiben (vgl. hierzu Kandel et al. 1995, S. 31). Besonders bedeutsam ist diese Reihenfolge für die Erklärung unserer Sinnessysteme (
Kap. 3.2). Hier bilden externe Stimuli der äußeren Umwelt den ersten Impuls, das Eingangssignal welches dann in der beschriebenen Folge internalisiert wird und zu entsprechenden Reaktionen führt (z. B. zum Kauf eines bestimmten Produktes oder zur Erinnerung einer bestimmten Marke).
3.1.5 Kortikale und subkortikale Strukturen
Wie bereits erwähnt besteht das ZNS aus verschiedenen Strukturen. Diese können zunächst in kortikale und subkortikale Strukturen unterteilt werden. Darüber hinaus ist der Kortex in vier anatomisch gut abgrenzbare Lappen (auch: Lobi) unterteilt: Den Stirnlappen (Frontallappen, Frontal Lobe, Lobus frontalis), den Scheitellappen (Parietallappen, Lobus parietalis), den Hinterhauptslappen (Okzipitallappen, Lobus occipitalis) sowie den Schläfenlappen (Temporallappen Lobus temporalis). Diese vier Lappen haben unterschiedliche Funktionen, die im Folgenden kurz skizziert werden sollen (
Abb. 12).

Abb. 12: Brodmann-Areale im präfrontalen Kortex (Quelle: Carlén, 2017)
Der Frontallappen (Stirnlappen, »frontal lobe«) dient überwiegend der Planung zukünftiger Aktionen und der Exekutions- bzw. Bewegungskontrolle. Zudem werden Regionen, die im Frontallappen verortet sind, mit dem Arbeitgedächtnis, der Aufmerksamkeitsbildung, hedonischen Erfahrungen sowie bestimmten motorischen Fähigkeiten in Verbindung gebracht (vgl. Ramsoy 2015). Schädigungen im Frontallappen können unter anderen zu einer reduzierten Imuplskontrolle, Antriebslosigkeit oder einer Beeinträchtigung des Arbeitsgedächntnisses führen (vgl. Ramsoy 2015; Strombach et al 2015b).
Der Frontallappen ist bei Menschen größer als bei Tieren (30 % der Größe des Cortex beim Menschen statt 17 % bei Primaten, vgl. Carlén 2017). Man kann den Frontallappen in einen motorischen und prämotorischen Bereich (zusammen als Motorkortex bezeichnet) sowie einen präfrontalen Bereich (»präfrontaler Kortex«) unterteilen.
Gerade dieser letzte Bereich ist für die im neuroökonomischen Kontext wichtigen Entscheidungsprozesse von besonderer Bedeutung und spielt in zahlreichen Studien eine zentrale Rolle (vgl. Ridderinkhoff et al. 2004). So ist er unter anderen in dem bereits geschilderten Ultimatum-Game von Sanfey et al. (2003) an der Exekutionskontrolle der Antworten auf faire und unfaire Angebote maßgeblich beteiligt. Aber auch im Kontext der Markenforschung ist diese Struktur bedeutsam (vgl. hierzu auch Solnais et al. 2013). So zeigen neuere Studien, dass Schädigungen in einer kleineren Struktur des präfrontalen Kortex, dem sogenannten ventromedialen, präfrontalen Kortex (»VMPFC«) dazu führen können, dass Markenemotionen für den Entscheidungsprozess der Konsumenten irrelevant werden (vgl. Koenigs et al. 2005).
Im Kontext der Consumer Neuroscience ist der Frontallappen somit von besonderes Bedeutung, da er bzw. in ihm angesiedelte Subregionen eine wesentliche Rolle im Prozess der Kaufentscheidung spielt bzw. spielen (u. a. Deppe et al. 2005). Zudem werden bestimmte Regionen des Frontallappens mit den Phänomenen »Kaufsucht«, »Impulsivkauf« und »Überschuldung« in Verbindung gebracht (Hubert et al. 2013). Und nicht zuletzt scheinen einige Bereiche des Frontallappen für die Interaktionen zwischen Menschen und Avataren in digitalen Kontexten bedeutsam zu sein (Riedl et al. 2014).
Der Scheitellappen (»Parietal lobe«) kontrolliert und koordiniert das Tastgefühl und die Körperwahrnehmung. Er enthält die Brodmann-Areale 1, 2, 3, 5, 7, 39, 40 und 43 (
Abb. 8). Sein vorderer Bereich übernimmt somatosensorische Funktionen. Der obere Bereich wirkt bei der visuellen Steuerung von Bewegungen und Erkennung von Reizen im betrachterbezogenen Raum mit (»dorsaler Sehpfad«). Er ermöglicht damit eine »räumliche Aufmerksamkeit«, die für die Navigation bedeutsam ist. Der untere Bereich des Scheitellappens ist schließlich für das räumliche Denken und »quasi-räumliche« Prozesse wie Rechnen und Lesen zuständig. Dieser Prozess wird in Kapitel 3.2 noch ausführlicher dargestellt werden. Schädigungen im Scheittelappen können unter anderen zu Apraxie führen. Hierbei handelt es sich um eine Störung der Ausführung willkürlicher zielgerichteter und geordneter Bewegungen bei ansonste intakter motorischer Funktion. Neuere Studien deuten zudem an, dass Strukturen des Scheittellappen auch eine Bedeutung für das Sozialverhalten haben könnten (vgl. Strombach et al., 2015a).
Der Hinterhauptlappen (»Occipital lobe«) kontrolliert und koordiniert das Sehen. Grob kann man im visuellen Kortex primäre und sekundäre Bereiche unterscheiden. Der primäre Bereich (auch Brodmann-Areal 17 und Area striata genannt) umfasst viele funktionell unterschiedliche Bereiche. Im primären Bereich liegt auch der Punkt des schärfsten Sehens (»Fovea centralis«). Im sekundären Bereich werden die verarbeiteten Muster aus der primären Sehrinde den bereits bekannten Sinneseindrücken gegenübergestellt und interpretiert. Hier wird also entschieden, ob ein bestimmter visueller Stimulus (z. B. eine Marke oder ein bestimmtes Logo) bereits bekannt ist oder nicht. Aktivierungsunterschiede in diesen Strukturen werden daher in zahlreichen Studien, die mit der Verarbeitung visueller Marketingstimuli zu tun haben, berichtet (vgl. Stoll, Baecke, Kenning 2008).
Der Schläfenlappen (auch »Temporallappen« bzw. »temporal lobe«) übernimmt wesentliche Funktionen im Bereich Hören sowie Aspekte von Lernen, Gedächtnis und Emotion. Hier liegt auch der primäre auditorische Cortex (Brodmann-Areal 41) sowie

Abb. 13: Die vier Lappen des Großhirns
das sensorische Sprachzentrum, das Wernicke-Areal (Brodmann-Areal 22), das für das Sprachverständnis wichtig ist. Darüber hinaus befindet sich im medialen Teil des Schläfenlappens der Hippocampus, der eine bedeutsame Rolle für das deklarative (explizite) Gedächtnis spielt, welches in vielen Consumer Neuroscience-Studien von Bedeutung ist (vgl. hierzu auch Solnais et al. 2013). Zudem sind im Schläfenlappen wichtige Funktionen für die Objekterkennung angesiedelt (»ventraler Sehpfad«). Schädigungen im Schläfenlappen können dazu führen, dass Objekte oder Gesichter nicht mehr richtig erkannt bzw. zugeordnet werden (sog. »Agnosie«, vgl. Ramsoy 2015). Eine besondere Ausprägung dieses Funktionsverlustes bildet die Prosopagnosie (auch »Gesichtsblindheit«). Dieser Begriff bezeichnet die Unfähigkeit, die Identität einer bekannten Person anhand ihres Gesichtes zu erkennen. Von besonderer Bedeutung für dieses Phänomen, das ersten Studie zufolge knapp 3 % der Bevölkerung betreffen könnte (Kennerknecht et al. 2006), ist offenbar der Gyrus fusiformis (»Fusiform Face Area – FFA«), eine kleine Region im ventralen Pfad zwischen Okzipital- und Temporallappen, die auch für die Wahrnehmung von Gesichtern in der Werbung von Bedeutung zu sein scheint.
Jeder Lappen weist typische Windungen und Einfaltungen auf, die intersubjektiv unterschiedlich sind. Durch diese Faltungen wurde es möglich, innerhalb des begrenzten Schädelvolumens eine größere Oberfläche unterzubringen. Die Kämme der Windungen werden Gyri genannt (vom lateinischen gyrus, Windung). Die dazwischenliegenden Rinnen bezeichnet man hingegen als Sulci (vom lateinischen sulcus, Rinne). Darüber hinaus ist die Hirnrinde zwischen 3 mm (okzipital) und 6 mm (Gyrus präcentralis) dick. Sie setzt sich aus sechs verschiedenen Zellschichtlagen zusammen, von denen jede, jeweils unterschiedliche Kombinationen und Typen von Zellen enthält. Weiterhin unterscheidet man zwischen primärem (motorischen oder sensorischen) Kortex und assoziativem Kortex.
Der Kortex zeichnet sich insgesamt durch zwei wichtige Organisationsmerkmale aus, die auch im Rahmen neuroökonomischer Studien von Bedeutung sind, wenn z. B. die Ergebnisse einer fMRI-Studie interpretiert werden sollen.
Zum einen kontrolliert jede Hemisphäre überwiegend sensorische und motorische Prozesse der gegenüberliegenden Körperseite. Das bedeutet, dass die auf der linken Körperseite empfundenen Reize in der rechten Hirnhälfte verarbeitet werden und vice versa. Insofern ist unser Gehirn kontralateral organisiert.
Zum anderen sind beide Hirnhälften beim Menschen weder vollständig symmetrisch aufgebaut noch übernehmen sie die gleichen Aufgaben. In diesem Zusammenhang spricht man auch von einer Hemisphären-Asymmetrie (vgl. Sperry, Preilowski 1972). Die Vermutung, dass beide Hirnhälften unterschiedliche Funktionen übernehmen, wurde durch die Experimente von Roger Sperry bestätigt. Zur Behandlung bestimmter Formen der Epilepsie wurde die Verbindung zwischen den Hälften, das corpus callosum, getrennt, um in einer Hirnhälfte auftretende Anfälle auf diese zu beschränken. Bei diesen sog. »Split-brain«-Patienten entdeckte Sperry eine Reihe eigentümlicher Ausfälle, aus denen er auf die unterschiedlichen Funktionen der beiden Hirnhälften schloss (vgl. Sperry, Preilowski 1972). So konnten diese Patienten z. B. ein Wort, das auf der linken Seite ihres Gesichtsfeldes stand, mit Hilfe der rechten Hirnhälfte lesen und mit der linken Hand, die ebenfalls von dieser Seite kontrolliert wurde, schreiben – sie konnten aber nicht sagen, was sie gelesen und geschrieben haben, solange sie das Wort nicht auch mit der linken Hirnhälfte »sahen«. Man nimmt daher an, dass die linke Hirnhälfte überwiegend für gesprochene und geschriebene Sprache sowie mathematische Fähigkeiten zuständig ist, die rechte hingegen mehr für räumliches Vorstellungsvermögen und das Erkennen von Mustern. Diese Spezialisierung scheint erblich angelegt zu sein und mit der Bevorzugung einer Hand zusammenzuhängen (vgl. Sperry, Preilowski 1972, S. 924). Dieser Erkenntniszusammenhang bildete die Grundlage für die sog. Hemisphärentheorie, die insbesondere im Marketingschrifttum oft sehr verkürzt dargestellt wird, so dass bei entsprechenden Messungen und Studien oft und leicht missverständliche Ergebnisse produziert wurden (vgl. Ahlert, Kenning 2006).
Hinsichtlich der subkortikalen Strukturen im Gehirn kann man zur Beschreibung zum einen auf die bereits oben erwähnten Begriffe wie Zwischenhirn, Kleinhirn und Mittelhirn zurückgreifen. Darüber hinaus lassen sich hier drei weitere Strukturen nennen, die auch und gerade im neuroökonomischen Kontext bedeutsam sind und daher im Folgenden skizziert werden sollen (vgl. hierzu auch Solnais et al. 2013):
Die Basalganglien: Unter diesem Begriff fasst man verschiedene subkortikale Strukturen zusammen, deren Bedeutung für die Consumer Neuroscience unterschiedlich ist. Neben dem Striatum handelt es sich dabei um das Pallidum (»bleiche Kugel«), die Substantia nigra und die subthalamischen Kerne. Die Basalganglien haben wichtige motorische Funktionen, sie bilden das Zentrum des sog. extrapyramidalen motorischen Systems. Der Nucleus caudatus und das Putamen sind die Eingangskomponenten der Basalganglien und werden gemeinsam als Neostriatum (Corpus striatum) oder, einfacher, als Striatum bezeichnet. Gerade dieser Bereich ist aus unbekannten Gründen für die Consumer Neuroscience von besonderer Bedeutung. So zeigen die Studien von Knutson et al. (2007) sowie von Plasmann et al. (2007), das das Striatum sowohl für einzelne Kaufentscheidungen als auch bei der Entwicklung von Kundenloyalität eine wohl wesentliche Rolle spielt. Ein Grund dafür könnte darin bestehen, dass das Striatum auch als »Belohnungszentrum des Gehirns« bezeichnet wird. Offensichtlich belohnende Stimuli wie attraktive Produkte oder positive Erfahrungen mit einem Dienstleister können demzufolge zu Aktivierungen im Striatum führen, die dann unmittelbar oder mittelbar handlungsrelevant werden können.
Neben den zu den Basalganglien gehörigen Kernen gibt es entwicklungsgeschichtlich ältere kortikale Strukturen, die funktional dem Riechen zu zuordnen sind (Claustrum, Bulbus olfactorius) und Kerne des sog. limbischen Systems (z. B. Hippocampus), das u. a. für die affektive Bewertung von Erlebnisinhalten und für emotionale Reaktionen verantwortlich ist. Darüber hinaus spielt der Hippocampus offenkundig für Lern- und Gedächtnisprozesse eine bedeutsame Rolle (vgl. Montag et al. 2008).
Der Thalamus ist die wichtigste Umschalt- und Vermittlungsstation für sensorische Informationen, die in den Kortex geleitet werden. Seinen Namen verdankt diese Struktur dem griechischem Begriff thálamos (d. h. »Schlafgemach«, »Kammer«). Da der Thalamus als Filter fungiert und entscheidet, welche Information in einer bestimmten Situation oder Lage wichtig ist, wird er oft auch als »Tor zum Bewusstsein« bezeichnet (vgl. Steriade, McCarley 1990; Posner, Raichle 1996, S. 179). Aufgrund von Untersuchungen an Ratten glaubte man lange, dass der Thalamus die Weiterleitung unbedeutender Informationen in den Cortex blockiert (vgl. Posner, Raichle 1996, S. 180). Neuere Studien belegen aber, dass der Thalamus nicht irrelevante Informationen blockiert, sondern relevante Informationen, denen man gerade eine besondere Aufmerksamkeit schenkt, verstärkt (vgl. Posner, Raichle 1996, S. 181). Dies gilt insbesondere für eine Teilstruktur des Thalamus, den sog. Pulvinar. Dieses scheint speziell dafür zuständig zu sein, relevante Informationen hervorzuheben und in den Kortex weiter zu leiten (vgl. Ramsoy 2015). Darüber hinaus spielt der Thalamus für motorische Prozesse eine Rolle.
Das Kleinhirn funktioniert als Modulator für Muskelbewegungen. Es bewirkt präzise Veränderungen der Muskelspannung und koordiniert feine Bewegungen, die von anderen Gehirnteilen initiiert wurden. Darüber hinaus wirkt das Kleinhirn beim motorischen Lernen mit. Damit verbunden ist die Tatsache, dass Erkrankungen des Kleinhirns zu Koordinationsstörungen führen.
Wenn es eine Struktur gibt, die immer wieder eine besondere Bedeutung in der Consumer Neuroscience hat, dann ist es die Amygdala. Nahezu alle populärwissenschaftlichen Publikationen betonen die besondere Bedeutung, die diese relativ kleine Struktur im Hinblick auf die Generierung und Verarbeitung von Emotionen haben könnte. In früheren Studien wurde dabei insbesondere eine besondere Funktion der Amygdala bei der Verarbeitung von Furcht und Angst behauptet. Heute ist die Funktionszuschreibung deutlich differenzierter: Zum einen betrachtet man die Amygdala heute nicht mehr nur als eine Struktur, sondern als Konglomerat aus verschiedenen Substrukturen (vgl. Ramsoy 2015). Zum anderen hat man erkannt, dass diese Strukturen sowohl mit negativen als auch mit positiven Emotionen in Verbindung gebracht werden können. Sie scheint wohl für die Antizipation von Emotionen relevant zu sein, was vermuten lässt, dass sie ggfs. als »Relevanz-Barometer« fungieren könnte (vgl. Ramsoy, 2015, S. 19).

Abb. 14: Einige subkortikale Strukturen im saggitalen Schnitt
3.2 Funktionelle Neuroanatomie
3.2.1 Rückblick: Von der Phrenologie zum Prinzip der verteilten Verarbeitung
Bis zu dieser Stelle wurde der Leserin bzw. dem Leser ein erster Überblick über die Struktur des Gehirns vermittelt. Dabei wurde primär gezeigt, welche Möglichkeiten bestehen, sich in diesem komplexen Organ (anatomisch) zurecht zu finden und zu orientieren. Angedeutet wurde bis dato aber nur, welche Funktionen die verschiedenen Hirnregionen und – strukturen erfüllen. Der wesentliche Grund hierfür besteht darin, dass zahlreiche Funktionen, die uns im alltäglichen Leben selbstverständlich erscheinen, zumeist nicht durch ein spezifisches Areal erfüllt bzw. übernommen werden, sondern durch mehrere Areale. Gleichwohl hat die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Struktur und Funktion geben könnte, die Neurowissenschaften lange beschäftigt. Am bekanntesten ist dabei sicher die im 18. Jahrhundert populäre Phrenologie.
Exkurs: Phrenologie
Der Wunsch, mithilfe einfacher Verfahren und Indikatoren Kenntnisse über neurale Prozesse und damit unter Umständen verbundene psychologische Fähigkeiten zu gewinnen, hat in der neurowissenschaftlichen Geschichte immer eine besondere Bedeutung gehabt. Eine besondere Ausprägung dieses Wunsches wird mit dem Begriff »Phrenologie« bezeichnet. Die diesem Begriff zugrundeliegende Idee war, dass man aus der Schädelform einer Person auf ihren Charakter schließen könne. Für die Phrenologen waren komplexe, mentale Aktivitäten das Ergebnis von Geisteskräften, welche die Gehirnaktivitäten beeinflussten und an äußerlichen Merkmalen des Schädels zu erkennen sein sollten (vgl. Posner, Raichle 1996, S. 12). Entsprechend wurden den Menschen nach ihrer Schädelform verschiedene mentale Fähigkeiten zugerechnet. Die ursprüngliche Idee geht wohl zurück auf den deutschen Arzt und Neuroanatom Franz Joseph Gall, der in Wien und Paris lehrte. Galls Untersuchungen hatten ihn gelehrt, dass das Gehirn der zentrale Sitz des Geistes sei und, dass bestimmte Funktionen des Gehirns mit bestimmten psychologischen Fähigkeiten einhergingen. Insofern war Gall einer der ersten Wissenschaftler, die der Lokalisationstheorie anhingen. Darüber hinaus war er der Überzeugung, dass durch die Herausbildung bestimmter Fähigkeiten auch die entsprechende Schädelform beeinflusst werden musste. Die darauf aufbauende Lehre der Phrenologie führte soweit, dass entsprechende Karten vom menschlichen Schädel entwickelt wurden, die Strukturen bestimmte Fähigkeiten zuordneten.
Auch wenn man heute von der Idee der Phrenologie abgerückt ist, hat sich doch ein Teil dieser Lehre bewahren können. Denn im Kontext der sog. Lokalisationstheorie wurde immer wieder der Versuch unternommen, bestimmte Funktionen und Fähigkeiten mehr oder weniger eindeutig neuralen Strukturen zuzuordnen. Und in bestimmten Fällen ist dies auch nach dem heutigen Wissensstand zutreffend. Besonders bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Paul Broca und Carl Wernicke. Dem französischen Neurowissenschaftler Broca gelang es 1861 einen Patienten genauer zu untersuchen, der Sprache zwar verstehen, nicht aber selbst sprechen konnte. Da der Grund des Problems nicht in den üblichen motorischen Defekten (z. B. an der Zunge oder den Stimmbändern) zu sehen war, wurde im Rahmen einer Obduktion festgestellt, dass sein Gehirn eine Schädigung (Läsion) im unteren Teil des Frontallappens aufwies. Diese Struktur wird heute als Broca-Areal bzw. als Sprachzentrum bezeichnet. Die entsprechende Entdeckung führte zu dem bekannten Ausspruch Brocas: »Wir sprechen mit der linken Hemisphäre! « (vgl. Kandel et al. 1995, S. 12). Und auch wenn Brocas Studien zunächst auf Skepsis stießen, setzte sich seine Ansicht schließlich durch (vgl. Posner, Raichle 1996, S. 118).
Die zweite für die Lokalisierung von Sprachfähigkeiten wichtige Erkenntnis gelang dem deutschen Neurologen Carl Wernicke. Dieser beschrieb einen Patienten, bei dem eine Beeinträchtigung des Sprachverständnisses beobachtet werden konnte, der aber kaum Probleme hatte sich selbst zu artikulieren. Dies führte dazu, dass dieser Mensch zwar reden konnte, den Sinn seiner eigenen Worte aber selbst nicht verstand. Wie Wernicke entdeckte, waren die entsprechenden Defizite aber nicht mit Beeinträchtigungen im Broca-Areal verbunden. Dies führte ihn zu der auch heute noch wichtigen Vermutung, dass sich nur die elementarsten geistigen Funktionen auf einzelne Bereiche des Kortex beschränken. Komplexere, abstrakte und intellektuelle Funktionen hingegen setzten das Zusammenwirken mehrerer Funktionsorte voraus. Damit legte Wernicke den Grundstein für das Prinzip der verteilten Verarbeitung, welches die strenge Lokalisationstheorie in einen konnektivistischen Rahmen einordnen konnte (vgl. Kandel et al. 1995).
Die Lokalitionstheorie sowie das daraus resultierende Prinzip der verteilten Verarbeitung haben auch Einfluss auf die Consumer Neuroscience. So gab es in den frühen Phasen immer wieder Spekulationen darüber, ob es im Gehirn eines Kunden ein bestimmtes, für die Kaufentscheidung zuständiges isoliertes Areal geben könnte (Blakeslee 2004). Gemäß dem Prinzip der verteilten Verarbeitung ist heute aber klar, dass dieser sog. Buy-Button nicht existiert. Vielmehr entstehen Kaufentscheidungen aus dem Wechselspiel mehrerer Hirnstrukturen, wie noch gezeigt wird. Zudem hat die Lokalisationstheorie aber auch zum Problem der »Reversen Inferenz« (»reverse inference«) beigetragen. Dieses Problem besteht im Kern darin, dass bestimmten Hirnstrukturen in der Interpretation von Forschungsergebnissen oft nahezu eindeutige (kognitive) Funktionen zugeschrieben werden, obwohl diese Eindeutigkeit regelmäßig nicht gegeben ist.
Exkurs: Reverse Inference
Seit der Entstehung der Consumer Neuroscience vor etwa zwanzig Jahren gab es immer wieder den Wunsch, bestimmten Hirnstrukturen eine zentrale Rolle für die Kaufentscheidung zu zuordnen. Demzufolge wurden immer wieder spektuläre Ergebnisse propagiert. Bevor wir dem Leser oder der Leserin weiter mit der durchaus komplexen Materie und Methodik vertraut machen, erscheint es daher sinnvoll, diesen oft simplifizierten Aussagen entgegen zu treten (vgl. Ramsøy, 2015). Ein Beispiel für eine solche Aussage findet man unter anderem in dem berühmten Buch »Buyology: truth and lies about why we buy«. Der Autor, Martin Lindstrøm, schreibt dort unter anderem:
»A brain-imaging experiment I conducted in 2006 explains why antismoking scare tactics have been so futile. I examined people´s brain activity as the reacted to cigarette warning labels by using functional magnetic resonance imaging, a scanning technique that can show how much oxygen and glucose a particular are oft the brain uses while it works, allowing us to observe which specific regions are active at any given time. We tested 32 people (from Britain, China, Germany, Japan and the United States), some of whom were social smokers and some of whom were two-pack-day-addicts. Most of these subjects reported that cigarette warning labels reduced their craving for a cigarette, but their brains told us a different story.
Each subject lay in the scanner for about an hour while we projected on a small screen a series of cigarette warning labels from various countries – including statemments like »smoking kills« and »smoking causes fatal lung cancers«. We found that the warnings prompted no blood flow to the amygdala, the part of the brain that registers alarm, or the part of the cortex that would be involved in any effort to register disapproval.
To the contrary, the warning labels backfired: they stimulated the nucleus accumbens, sometimes called the »craving spot«, which lights up on fMRI whenever a person craves something, whether it´s alcohol, drugs, tobacco or gambling«
Was ist der Kern dieser Aussage? Was ist die Logik?
1. Die Betrachtung von Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen führt zu einer Aktivierung des Nucleus Accumbens in den Köpfen von Rauchern.
2. Frühere Forschungen haben gezeigt, dass der Nucleus Accumbens mit dem Gefühl verbunden ist, nach etwas zu verlangen (»craving«).
3. Also bedeutet dies, dass die Betrachtung der Warnhinweise dazu führt, dass die Raucher, die diese Warnhinweise sehen, das Verlangen spüren, die entsprechend markierten Zigaretten zu rauchen.
An dieser Struktur wird die Problematik der inversen Referenz deutlich. Abstrakt liegt diese immer dann vor, wenn folgende Logik verwendet wird:
1. Wir beobachten X.
2. X wurde in früheren Studien verbunden mit Y.
3. Also bedeutet X auch in unserer Studie Y.
Diese Logik ist indes nur dann zutreffend, wenn X nicht nur in einigen früheren Studien mit Y verbunden wurde, sondern wenn X immer und ausschließlich, d. h. ein-ein-deutig mit Y verbunden ist. Was aber wird aus dieser Logik, wenn die in Frage kommende Struktur X mehrere Funktionen hat, wie dies gemäß dem Pinzip der geteilten Verantwortung regelmäßig für die verschiedensten Hirnfunktionen der Fall ist? Dann nämlich wird die obige Logik aufgeweicht und der Forscher kann sich die Zurordnung im zweiten Satz nach Belieben aussuchen.
Um dies noch einmal zu vedeutlichen: Stellen wir uns ein bestimmtes Wort vor, sagen wir das Wort »TOR«. Dieses Wort kann verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem ob wir es im Bereich des Sports oder im Bereich des Haus- oder Gartenbaus verorten. Unabhägig von der konkreten Bedeutung ist das Wort aber dadurch gekennzeichnet, dass es aus drei Buchstaben besteht. Diese Buchstaben sind »T«, »O« und »R« wobei der Buchstabe an der zweiten Stelle ein »O« ist. Bedeutet dies aber dann, dass alle Wörter, die diese Merkmale aufweisen, die gleiche Bedeutung haben? Wohl kaum, denn diese Merkmale finden wir auch beim Wort »ROT«.
Von einigen, wenigen Merkmalen kann man somit nicht unmittelbar auf eine identische Bedeutung schließen. In der obigen Logik wäre dies wie folgt:
1. Wir beobachten ein Wort, dass aus drei Buchstaben besteht, diese Buchstaben sind »T«, »O«, »R«; an der zweiten Stelle des Wortes steht der Buchstabe »O«.
2. In der Vergangenheit haben wir in vielen Büchern ein Wort gelesen das diese Merkmale aufweist. Dieses Wort hieß »TOR«.
3. Also muss das Wort, dass wir beobachtet haben, das Wort »TOR« sein!
Es ist erkennbar, dass diese Logik, die der inversen Referenz zugrundeliegt, nicht nur, aber gerade auch bei einem so komplexen Kontext wie dem menschlichen Gehirn in vielen Fällen in die Irre führt.
3.2.2 Unsere sensorischen Systeme: Die Sinne
»Unsere Sinne täuschen uns nicht. Nicht deswegen, weil sie immer richtig urteilen,
sondern, weil sie überhaupt nicht urteilen.«
I. Kant, 1781
Aufbauend auf den im vorherigen Kapitel beschriebenen ersten Erkenntnissen der funktionellen Neuroanatomie ist es in den letzten Jahren gelungen, die einzelnen für unsere Wahrnehmung der Welt wichtigen Sinne neurowissenschaftlich zu erfassen. Im Wesentlichen wurde dabei deutlich, dass sensorische Informationen sowohl für unsere Wahrnehmung als auch für die motorische Kontrolle sowie unsere inneren Erregungszustände bedeutsam sind. Die sensorischen Systeme übernehmen dabei die wichtige Aufgabe, unser Gehirn ständig über die Außenwelt zu informieren. Damit bilden sie auch eine wesentliche Grundlage für kognitive Vorgänge, in deren Zentrum die Frage nach der inneren Repräsentation der äußeren Umwelt steht, denn tatsächlich können wir die Welt nur durch unsere Sinne erfahren.
Die wichtigsten Merkmale der Sinneswahrnehmung sind ihre Qualität (auch: Modalität), Intensität, Dauer und Lokalisation. Zudem ist bekannt, dass alle Sinnessysteme ähnlich aufgebaut sind und, dass die in einem Reiz enthaltenen Informationen am Eingang des Nervensystems verschlüsselt werden. Schließlich ist belegt, dass die verschiedenen Modalitäten spezifische Anforderungen an die neuronale Architektur der Sinnessysteme stellen (vgl. Kandel et al. 1995, S. 392). Im Folgenden sollen diese Zusammenhänge etwas genauer beschrieben werden.
3.2.2.1 Das grundlegende Prinzip der Sensorik
Den Ausgangspunkt zur Verarbeitung eines sensorischen Reizes stellt der über spezielle Sinneszellen verarbeitete Kontakt zur Außenwelt dar. Im Marketing kann dies z. B. der visuelle Reiz sein, der von einer bestimmten, für eine bestimmte Marke typischen Farbe oder Verpackungsform einhergeht (z. B. die Farbe lila der Marke »Milka«), oder ein bestimmtes Soundlogo (z. B. das der Marke Intel oder der Marke BMW). Jede Sinneszelle ist für eine bestimmte Art physikalischer Energie empfindlich. Alle Energien, die empfangen werden, werden dann in elektrochemische Energie bzw. Signale umgewandelt. Diese elektrochemischen Signale bilden die Sprache des Gehirns. Daraus ergibt sich, dass sämtliche sensorischen Systeme eine gemeinsame Sprache haben.
Die Übersetzung des physikalischen Reizes der Außenwelt in elektrochemische Energie geschieht dabei in zwei Stufen: Zunächst wird der äußere Reiz umgewandelt und dann neuronal codiert. Die Beantwortung der Frage, wie die verschiedenen sensorischen Systeme miteinander interagieren, während sie kontinuierlich Informationen weiterleiten, ist eine der zentralen Herausforderungen der Neurowissenschaften (vgl. Kandel et al. 1995, S. 392).
Die Sensitivität der Sensorik für Unterschiede in der Reizstärke hängt ganz wesentlich von der Differenz der jeweiligen Reizstärken ab. Dies wird z. B. am Unterschied der Wahrnehmung von Gewichten deutlich. So können wir leicht den Unterschied zwischen 1 kg und 2 kg feststellen; den Unterschied zwischen 50 kg und 51 kg wahrzunehmen fällt uns hingegen schwer. Um diesen Zusammenhang zu formalisieren, schlug der deutsche Physiologe Ernst Weber eine lineare Beziehung zwischen Reizstärke und Unterscheidungsfähigkeit vor. Das auch heute noch bekannte Weber-Gesetz lautet daher wie folgt:

Dabei ist ΔS die minimal wahrnehmbare Differenz zwischen dem Reiz S und dem Vergleichsreiz und K als Variable zur Kennzeichnung einer Konstante. Beim Tastsinn beträgt der erforderliche relative Unterschied nach Webers Versuchen etwa 3 Prozent des Hautdruckes, beim Helligkeitssehen etwa 1 bis 2 Prozent der Lichtstärke. Beim Geschmack muss die Konzentration um 10 bis 20 Prozent steigen, um als stärker empfunden zu werden.
Das obige Gesetz hat dabei durchaus einige Relevanz für die Käuferverhaltensforschung. Ein anschauliches Beispiel für die zum Teil doch bemerkenswerten Reaktionen der Kunden auf Stimuliveränderungen oberhalb der Wahrnehmungsschwelle lieferte vor einigen Jahren die Firma Ferrero mit der Umgestaltung der bekannten Kinderschokolode. Bereits in den Jahren seit der Einführung war die entsprechende Verpackung mehrfach aber eben nur geringfügig variiert worden. 2007 wurde sie jedoch so gravierend verändert, dass die Kunden dies auf Anhieb bemerkten. Die Folge war eine heftige ablehnende Kundenreaktion, die sich u. a. im Internetforum www.weg-mit-kevin.de mit zeitweise mehreren zehntausend Usern manifestierte.
3.2.2.2 Fühlen
Unser Tastsinn ist für die Übermittlung von vier verschiedenen Reizarten wichtig: Berührung, Druck, Temperatur oder Schmerz. Um zu verstehen, wie unser Tastsinn organisiert ist, ist zunächst einmal die Beobachtung von Bedeutung, dass die meisten kortikalen Neuronen des somatosensorischen Systems regelmäßig mit nur geringer oder gar keiner spontanen Aktivität auf bestimmte, äußere Reize reagieren. Reaktionen erfolgen lediglich dann, wenn eine ganze Hautregion gereizt wird, die dann als rezeptives Feld bezeichnet wird (vgl. Kandel et al. 1995, S. 342). Dabei wird jede Stelle unserer Haut nicht nur von einer Zelle, sondern von vielen Zellen überwacht, deren rezeptive Felder sich überlappen können. Die Reaktion auf eine Berührung mit einem Gegenstand basiert daher nicht auf der Erregung einzelner, sondern vieler Zellen.
Darüber hinaus übermitteln die meisten Zellen des primären somatosensorischen Kortex nur eine bestimmte Reizart. So reagieren z. B. Zellen, die Berührungen übermitteln nicht auf starken Druck. Die entsprechenden, für die Verarbeitung einer Reizart zuständigen Neuronen sind prinzipiell in Gruppen zusammengefasst.
Ein wichtiges Beispiel für eine solche Gruppierung wurde von Vernon Mountcastle entdeckt. Er stellte fest, dass innerhalb einer kortikalen Säule Neuronen in allen sechs Zellschichten auf die Erregung eines Rezeptortyps antworteten. Eine solche kortikale Säule zieht sich von der Kortexoberfläche bis in die weiße Substanz. Jede Region des somatosensorischen Kortex, d. h. der Brodmann-Areale 3a, 3b, 1 (
Abb. 8) erhält dabei primär Informationen von einer Art von Rezeptoren.
3.2.2.3 Sehen
Das Konzept des rezeptiven Felds spielt auch im Bereich der Verarbeitung visueller Stimuli eine wesentliche Rolle, denn sehr häufig wird der Begriff für Bereiche auf der Netzhaut des Auges verwendet. Insgesamt konvergieren dort rund 126 Millionen Rezeptoren auf eine Million retinale Ganglienzellen. In diesem konkreten Kontext erfüllt diese Konvergenz dann mindestens die folgenden Funktionen (vgl. Goldstein, 2002):
1. Reduktion: Die Flut an eingehender Information wird reduziert, sodass die Signale leichter bearbeitet werden können.
2. Sehschärfe: Circa 120 Millionen Stäbchen und sechs Millionen Zapfen konvergieren auf eine Million Ganglienzellen. Die rezeptiven Felder für Zapfen sind viel kleiner und damit die Sehschärfe bei ihnen größer. Die etwa 60.000 Zapfen in der Fovea nehmen dabei eine Sonderrolle ein, da sie nicht konvergieren, sondern direkt auf ihre »eigenen« Ganglienzellen projizieren. Deshalb ist die Fovea der Ort des schärfsten Sehens, während zur Peripherie des Auges hin die rezeptiven Felder größer sind und die Sehschärfe geringer ist.
3. Gesteigerte Empfindlichkeit: Da ein eingehendes Lichtsignal durch Konvergenz verstärkt werden kann (ein Neuron wird von mehreren Rezeptoren angeregt), ist die Empfindlichkeit bei höherer Konvergenz größer. Bei den größeren rezeptiven Feldern in der Peripherie nimmt daher auch die Fähigkeit zu, Bewegungen wahrzunehmen.
4. Spezifität: Durch Konvergenz werden nachgeschaltete Neurone nur aktiviert, wenn das Signal einen bestimmten, aktivierenden Bereich der Zellen des rezeptiven Felds reizt. Wird nur ein zu geringer oder anderer Teil der Zellen des rezeptiven Felds angeregt, kann das Signal unterschwellig bleiben.
Tatsächlich werden wohl die meisten Eindrücke, die unser Gehirn über die Außenwelt erhält und die damit auch einen Einfluss auf die Darstellung der Außenwelt in unserem Gehirn haben, durch den Sehsinn vermittelt. Es verwundert daher nicht, dass ein Großteil unseres Gehirns – mit diesem Sinn verbunden ist (Zurawicki 2011, S. 12). Bisher wurden zahlreiche verschiedene visuelle Areale beschrieben (Posner, Raichle 1996, S. 15). Insgesamt sind etwa 60 % der Großhirnrinde an der Verarbeitung visueller Reize beteiligt (vgl. Kandel et al. 1995, S. 399). Dies ist ein überaus komplexer Prozess an dem neben dem Thalamus in reziproker Weise die folgenden fünf Strukturen beteiligt sind (vgl. u. a. Thompson 2001, S. 262 ff.):
• V1: Diese Struktur ist identisch mit der Area 17 nach Brodmann. Sie hat eine wesentliche Bedeutung für die generelle Mustererkennung und wird deswegen auch die primäre Sehrinde genannt. Diese empfängt über einige Zwischenschritte die Informationen aus der Retina und enthält im Ergebnis eine vollständige Landkarte der Netzhaut (vgl. Kandel et al. 1995, S. 399).
• V2: Dieses Areal schließt sich an das V1 an. Neuere Ergebnisse physiologischer und psychophysischer Untersuchungen zeigen, dass Neurone in V2 nicht nur auf eines der Reizattribute wie Farbe, Form und Bewegung ansprechen und farbsensitive Neurone in V2 nicht nur auf die dünnen Streifen beschränkt sind (Gegenfurtner, Kiper, Fenstemaker 1996).
• V3: Dieses Areal codiert die Tiefe und Entfernung eines Objektes. Es wird zusammen mit V2 der Brodmann-Area 18 zugerechnet.
• V4: Dieses Areal befindet sich am Übergang zwischen Okzipital- und Temporallappen und scheint mit der Verarbeitung von Farbinformationen assoziiert zu sein (vgl. Ramachandran, 2011, S. 61; Kandel et al. 1995, S. 399). Darüber hinaus ist es für die Erkennung von Kanten zuständig und spielt insofern eine wichtige Rolle für die Mustererkennung.
• V5: Dieses Areal wird auch als MT-Areal bezeichnet (MT steht dabei für mediotemporal). Es ist wohl hauptsächlich mit der Verarbeitung von Bewegung im Gesichtsfeld zu assoziieren. Zusammen mit V4 bildet V5 die Brodmann-Area 19.
Die genannten Systeme können auf einer übergeordneten Ebene mindestens zwei verschiedenen Bahnen zugerechnet werden, die unterschiedliche für die visuelle Wahrnehmung wichtige Funktionen übernehmen (vgl. Thompson, 2001, S. 261; Ramsoy, 2015). Entsprechende dieser »Two-Stream-Hypothesis« handelt es sich dabei zum einen um die Wo-Bahn zum anderen um die Was-Bahn. Letztere kann wiederum in zwei Subsysteme unterteilt werden. Das eine Subsystem verarbeitet Informationen über die Farbe; das andere Subsystem ist für das Erkennen von Formen wichtig (
Abb. 15).

Abb. 15: Der Aufbau des visuellen Systems
Besonders bedeutsam für die Consumer Neuroscience ist dabei die Tatsache, dass die visuelle Wahrnehmung, wie jede Wahrnehmung im Unterschied zur Empfindung, ein konstruktiver, schöpferischer Prozess ist. Tatsächlich wird oft unterstellt, dass das menschliche Auge wie eine Kamera funktioniert und ähnlich scharfe Bilder ganzheitlich wahrnimmt und zeitlich sequentiell verarbeitet (Kandel et al. 1995, S. 394). Dieser Vergleich übersieht jedoch, dass Sehen als aktiver Prozess gekennzeichnet ist, denn nur so kann eine dreidimensionale Darstellung der Welt überhaupt erst möglich werden. Zudem sind wir in der Lage, gleiche Dinge auch in unterschiedlichen Kontexten (z. B. Perspektive, Beleuchtung) als gleich zu erkennen. Auch hierzu ist jedoch eine entsprechende konstruktive Leistung des Gehirns notwendig.
Diese konstruktive Leistung des Gehirns bildet die Basis für viele Phänomene, die im Rahmen entsprechender Publikationen und Vorträge Berücksichtigung gefunden haben. Ein erster recht bekannter Effekt ist der sog. Gesichts-Inversionseffekt (z. B. Leder, 2001). Dieser besagt, dass die Wiedererkennung von Gesichtern in Gedächtnisexperimenten deutlicher stärker durch Invertieren leidet als die Wiedererkennung anderer Objekte. Demzufolge werden auf den Kopf gestellte Bilder von Gesichtern oft nicht richtig erkannt. Dieser Effekt tritt bei Objekten wie z. B. Häusern oder Autos nicht auf. Hier erkennt das Gehirn unmittelbar, dass die Objekte auf dem Kopf stehen.
Weitere Veranschaulichungsbeispiele bilden optische Täuschungen. Diese sind definiert als die »mangelnde Übereinstimmung zwischen objektiv-physikalischen Reizgegebenheiten und Empfindungen, bzw. Wahrnehmungsurteilen bei der Einschätzung von Beschaffenheit, […] Größe, Raumlage und Richtung einer Reizvorlage.« (Fröhlich 2000, S. 433)
Eine bekannte optische Täuschung ist die sog. Müller-Lyer-Täuschung. Diese wohl bekannteste geometrisch-optische Täuschung wurde im Jahre 1889 vom deutschen Psychiater und Soziologen Franz Müller-Lyer entdeckt und beschrieben. Sie verdeutlicht, dass visuelle Informationen zumeist relativ zu anderen Informationen verarbeitet werden. Ein Beispiel stellt Abbildung 16 dar. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die horizontalen Linien 1 und 3 identisch lang sind, die Linie 2 hingegen deutlich länger sei. Tatsächlich sind aber alle drei Linien gleich lang. Die Streckung bzw. Stauchung durch die jeweils angewinkelten Linien führt jedoch dazu, dass wir die Linienlängen im jeweiligen Kontext unterschiedlich beurteilen.

Abb. 16: Die Müller-Lyer-Täuschung
Eine weitere bekannte optische Täuschung ist die sog. Ponzo-Illusion. Diese Illusion, die auch unter dem Namen »Railway Lines Illusion« (die Figur erinnert an Eisenbahnschienen) bekannt ist, wurde vom italienischen Psychologen Mario Ponzo 1913 beschrieben. Ein Beispiel hierfür ist in der folgenden Abbildung 16 dargestellt. In dieser wirkt die obere Linie deutlich breiter als die untere. Der Grund für diese Täuschung besteht darin, dass unser Gehirn das Bild dreidimensional konstruiert und deswegen annimmt, dass die beiden schrägen Geraden nach hinten ins Bild hineinlaufen. Demzufolge muss die uns näherliegende Linie also kleiner sein, als die weiter entfernt liegende. Tatsächlich ist dies aber nicht der Fall, denn beide Linien sind gleich lang (messen Sie gerne nach!).
Abb. 17: Beispiel für eine Ponzo-Linie
Die theoretische Basis für viele optische Täuschungen bildet das sog. Emmertsche Gesetz. Dieses wurde erstmalig von Emil Emmert 1881 formuliert (vgl. Emmert 1881). Emmert beschäftigte sich mit sog. Nachbildern. Dabei handelt es sich um Phantombilder, die man nach dem Blick auf helle Flächen oder eine entsprechende Lichtquelle (z. B. die Sonne oder eine starke Glühbirne) empfindet. Der Grund für die Entstehung dieser Nachbilder sind vermutlich Ermüdungserscheinungen der Rezeptoren. Das Emmert´sche Gesetz beschreibt die Beziehung zwischen der wahrgenommenen Entfernung eines Nachbildes und seiner wahrgenommenen Größe. Dabei gilt grundsätzlich, dass je weiter entfernt ein Nachbild erscheint, desto kleiner wird es vom Menschen wahrgenommen wird. Formal gilt somit:

Wobei S die wahrgenommene Größe des Nachbildes beschreibt, K die jeweils passende und intersubjektiv unterschiedliche Konstante, R die jeweilige Größe des Netzhautbildes (retinale Nachbildgröße), die mit dem Winkel verbunden ist, aus dem das Objekt betrachtet wird sowie die Variable D, welche die wahrgenommene Entfernung des Nachbildes beschreibt.
Das Gesetz lässt sich auf die Größenwahrnehmung allgemein anwenden und zeigt formal die hohe Bedeutung der relativen Perspektive für die Wahrnehmung von Objekten. Im Kontext der optischen Täuschungen werden schließlich oft auch die sog. Gestaltheuristiken diskutiert, auf die sich der folgende Exkurs bezieht (vgl. z. B. Katz 1969).
Exkurs: Gestaltheuristiken
In der wahrnehmungspsychologisch orientierten Literatur lassen sich verschiedene Heuristiken unterscheiden, die für die visuelle Wahrnehmung einen idealtypischen Charakter haben und für die Käufer- und Konsumentenverhaltensforschung bedeutsam sein können. Diese sind wie folgt:
• Gesetz der Prägnanz (Es werden bevorzugt Gestalten wahrgenommen, die sich von anderen durch ein bestimmtes Merkmal abheben)
• Gesetz der Nähe (Elemente mit geringen Abständen zueinander werden als zusammengehörig wahrgenommen)
• Gesetz der Ähnlichkeit (Einander ähnliche Elemente werden eher als zusammengehörig erlebt als einander unähnliche)
• Gesetz der Kontinuität (Reize, die eine Fortsetzung vorangehender Reize zu sein scheinen, werden als zusammengehörig angesehen)
• Gesetz der Geschlossenheit (Linien, die eine Fläche umschließen, werden unter sonst gleichen Umständen leichter als eine Einheit aufgefasst als diejenigen, die sich nicht zusammenschließen.
• Gesetz des gemeinsamen Schicksals (zwei sich gleichzeitig bewegende Elemente werden als zusammengehörig wahrgenommen)
3.2.2.4 Hören
Das auditorische System (auch »auditives System«) setzt sich aus dem Ohr und den zum Gehirn ziehenden auditorischen Bahnen zusammen (vgl. Gelfand 2000). Dieses System ermöglicht es uns, Druckwellen in Geräusche umzuwandeln (vgl. Kandel et al. 1995, S. 391). Darüber hinaus können wir mit seiner Hilfe auch die jeweilige Geräuschquelle lokalisieren. Infolge der mechanischen Bauweise des Gehörorgans ist der Mensch in der Lage, Töne zwischen 20 und 20.000 Hertz zu hören. Darüber hinaus kann er Geräusche mit einer räumlichen Auflösung von bis zu einem Winkelgrad erkennen (vgl. Kandel et al. 1995, S. 391). Dazu werden im Hirnstamm die Informationen aus den beiden Ohren verknüpft. Die auditorischen Bahnen trennen zusätzlich die Informationen über das Timing und die Intensität der Reize.
Im Hinblick auf die mit dem Hören verbundenen neuralen Strukturen lässt sich zunächst einmal festhalten, dass diese, obwohl Töne und Wörter für den Menschen oft omnipräsent sind, deutlich weniger entwickelt und umfassend sind, als die visuellen Systeme. Eine wesentliche Rolle spielt dabei zunächst einal der Mediale Geniculate Nucleus, der als Teil des Thalamus zunächst die Reizwahrnehmung vearbeitet. Das dort generierte neurale Signal wird dann in den primären auditiven Kortex projeziert, der im posterioren Teil des Temporallappens verortet wird. Im Temporalappen wird dann die Identität des Geräuschs bzw. Tons verarbeitet sowie etwaige Erinnerungen generiert werden. Darüber hinaus scheinen kurzfristig auch Teile des präfrontalen Kortex in die Verarbeitung der wahrgenommenen Töne und Geräusche involviert zu sein (vgl. Ramsoy, 2015). Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Verarbeitung auditiver Reize einmal mehr das Organisationsprinzip der verteilten Verantwortung verdeutlicht, wobei der Temporallappen eine buchstäblich wesentliche Rolle dabei einnimmt. Vergegenwärtigt man sich dessen Lage und die damit verbundene Nähe zu den subkortikalen Strukturen, die wir ja oft mit der Generierung und Verarbeitung von Emotionen verbinden, so mag dies vielleicht auch erklären, warum Geräusche und Töne oft auch einen durchaus starken Einfluss auf unsere Emotionen haben können und durch das Marketing entsprechend oft genutzt werden. Bekannte Beispiele sind das »Sound Branding« oder »Werbejingles«.
3.2.2.5 Gleichgewicht
Der Gleichgewichtssinn dient zur Feststellung der Körperhaltung und Orientierung im Raum. Das Synonym vestibuläre Wahrnehmung bezieht sich auf das Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan, Organon vestibulare). Von zentraler Bedeutung sind dabei die vestibulospinalen Trakte, die sich von dem Gleichgewichtsorgan bis zu den Vestibulariskernen ziehen und Informationen über das Gleichgewicht liefern (vgl. Kandel et al. 1995, S. 505). Damit sind drei Strukturen für den Gleichgewichtssinn bedeutsam: Die Vestibularorgane im Innenohr, das Kleinhirn sowie bestimmte Teile des Rückenmarks, die auch für die Ausführung motorischer Funktionen bedeutsam sind (
Kap. 3.1).
3.2.2.6 Schmecken
Für die Verarbeitung gustatorischer Reize sind die Geschmacksrezeptoren von zentraler Bedeutung. Diese formen die in den chemischen Substanzen enthaltenen Stimuli in ein elektrochemisches Signal um, welches dann in das Gehirn übermittelt wird. Die dafür wichtigen Zellen sind in speziellen Organen, den sog. Geschmacksknospen, angesiedelt, die sich vor allem auf der Zunge sowie im Mund und Rachen befinden. Jeder Geschmacksrezeptor ist dabei für eine der fünf geschmacklichen Grundqualitäten (bitter, salzig, süß, sauer, umami, also herzhaft) zuständig. Komplexe Geschmacksmuster entstehen aus der Kombination dieser verschiedenen Rezeptoren. So beruht der Umami-Geschmack auf der Wahrnehmung von Bausteinen von Eiweißmolekülen wie Glutamat. Unlängst werden in den entsprechenden Fachzeitschriften auch Studien diskutiert, die einen sechsten menschlichen Geschmackssinn, nämlich für Fett, genauer langkettige Fettsäuren, vermuten (Stewart et al. 2010). Bisher dachte man, dass es keinen direkten Fettrezeptor gebe, sondern dass Fett nur indirekt über Aromastoffe und seine Beschaffenheit verarbeitet wird. Darüber hinaus wird »metallisch« als weiterer Geschmack diskutiert.
Im Hinblick auf die mit dem Schmecken verbundenen neuralen Prozesse scheint zunächst einmal der Hirnstamm in die Weitergabe der von der Zunge und dem Rachen empfangenen Signale invoviert zu sein. Von dort werden die Signale an den Thalamus projeziert und im medialen Teil des Temporallappens weiterverarbeitet (vgl. Ramsoy, 2015). Dort treffen sie dann auch auf die oft parallel wirkenden olfaktorischen Reize.
3.2.2.7 Riechen
Eng mit dem Schmecken verbunden ist das Riechen. Der Geruchssinn wird von tief in der Nasenhöhle liegenden Rezeptoren vermittelt, die auf ein kleines und sehr spezialisiertes Gewebe, das sog. Riechepithel, begrenzt sind (vgl. Kandel et al. 1995). Der damit verbundene Riechkolben ist die erste Schaltstation des olfaktorischen Systems. Der Geruchssinn weist gegenüber anderen Sinnen insofern eine Besonderheit auf, als dass er direkt mit den älteren Teilen der Hirnrinde verbunden ist. Somit werden Gerüche unmittelbar wirksam und nicht erst in der bereits beschriebenen Weise vom Thalamus in das Bewusstsein gelenkt. Dies mag auch einer der Gründe dafür sein, warum das im Marketing noch relativ neue Konzept des Duft-Marketing, wie es z. B. von Firmen wie Abercrombie & Fitch betrieben wird, so rasch an Aufmerksamkeit gewonnen hat: Man vermutet, einen unmittelbaren und starken Effekt von Düften auf den emotional-affektiven Zustand der Kunden (vgl. Steiner 2011; Gutjahr 2011, S. 175 ff.). Ramsoy (2015) weist in diesem Zusammenhang aber darauf hin, dass es einen nicht-linearen Effekt zwischen der Intensität eines Duftes und der dadurch ausgelösten Präferenz gibt, der darüber hinaus genderspezifisch ist.
3.2.2.8 Fazit
Im Zentrum der Consumer Neuroscience steht die systematische Integration neurowissenschaftlicher Theorien, Konzepte, Methoden und Erkenntnisse in die Konsumenten- und Käuferverhaltensforschung. Um diese Integrationsleistung erbringen zu können, sind Kenntnisse über die strukturelle und funktionelle Neuroanatomie unerlässlich. Das Gehirn ist das zentrale Organ der Kauf- und Konsumentscheidungen. Die entsprechenden Entscheidungen stehen oft im Zusammenhang mit Sinneswahrnehmungen, die sowohl den Input als auch den Output der entsprechenden betrieblichen Maßnahmen bilden können. Es ist daher wichtig, zu verstehen, wie die entsprechenden Sinne aus neurowissenschaftlicher Perspektive beschrieben und erklärt werden können sowie welche neuralen Strukturen und Prozesse jeweils mit ihnen verbunden sind.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass alle Sinnessysteme des Menschen ähnlich aufgebaut sind: Stimuli der Außenwelt werden über verschiedene Kanäle in die Sprache des Gehirns – die Elektrochemie – übersetzt. Die Weiterleitung und Verarbeitung der entsprechenden Stimuli erfolgt in unterschiedlichen neuralen Strukturen, die mehr oder weniger komplex sind und dem Prinzip der geteilten Verantwortung folgen. Ein Großteil unserer Sensorik ist dabei visuell geprägt. Das visuelle System hat daher eine besondere Bedeutung im Gehirn und ist entsprechend komplex. Alle Sinne bis auf den Geruchssinn werden durch den Thalamus gefiltert und ggf. verstärkt. Er hat daher eine besondere Bedeutung für das, was einem Käufer bzw. Konsumenten in das Bewusstsein dringt. Bei der Verarbeitung und Verteilung der jeweiligen Signale spielt zudem der Temporallappen eine wesentliche Rolle. Zwei der wesentlichen Strukturen sind demzufolge bekannt. Gleichwohl besteht aber noch ein ganz erheblicher Forschungsbedarf darüber, wie verschiedene Systeme miteinander interagieren. Gerade dieses Zusammenspiel zwischen verschiedenen Reizen spielt aber für das Marketing eine besondere Rolle, wie entsprechende Berichte zum Bereich » multisensuales Marketing« zeigen (vgl. z. B. Steiner 2011). Auf diesen Aspekt soll daher an späterer Stelle noch einmal eingegangen werden.
3.3 Neuroanatomische Grundlagen psychischer Phänomene
Nachdem bis zu dieser Stelle ein erster Überblick über die wesentlichen Aspekte und Elemente der strukturellen und funktionellen Neuroanatomie sowie die Verarbeitung verschiedener Sinnesreize gegeben wurde, soll im Folgenden ein Überblick darüber vermittelt werden, welche anatomischen Grundlagen mit bestimmten für die Käufer- und Konsumentenverhaltensforschung zentralen Themen verbunden sind. Die Auswahl der entsprechenden Phänomene ist subjektiv und dem jeweiligen wissenschaftlichen Interesse des Autors geschuldet. Gleichwohl kann davon ausgegangen werden, dass die im Folgenden behandelten Beispiele für das grundlegende neurobiologische Verständnis konsumrelevanten Verhaltens wesentlich sind (vgl. bspw. Ramsoy 2015).
3.3.1 Lernen und Gedächtnis
Zwei für die Consumer Neuroscience besonders bedeutsame Phänomene sind Lernen und Gedächtnis. Während der Begriff »Lernen« den Zugriff und die Verinnerlicherung bestimmter Informationen bezeichnet, meint »Gedächtnis« die Fähigkeit eines lebenden Organismus Information zu bewahren und zu nutzen (vgl. Ramsoy 2015).
Reflektiert man diese beiden kurzen Definitionen wird deren Relevanz für die Consumer Neuroscience unmittelbar ersichtlich, denn die Fähigkeit Informationen aufzunehmen und zu nutzen, dürfte einen Großteil der beobachtbaren Varianz des Kauf- und Konsumverhaltens erklären. Tatsächlich geht es ja in vielen Situationen, die das Kauf- und Konsumverhalten beeinflussen, darum, dass wir die in bestimmten Situationen erworbenen Kenntnisse aus der Erinnerung abrufen und in die entsprechenden Entscheidungsprozesse integrieren. So sind bspw. Kunden, die einen bestimmten Preis für ein bestimmtes Produkt beurteilen wollen, darauf angewiesen, dass sie die für den Vergleich wichtigen alternativen Preise in ihrem Gedächtnis verankern und dieses Wissen zum entsprechenden Zeitpunkt abrufen können. Und auch wenn Unternehmen versuchen, eine bestimmte Marke durch Werbung bekannt zu machen, so geschieht dies in der Hoffnung, dass es dem Kunden gelingen möge, diese Marke in seinem Gedächtnis zu verankern.
Gleichwohl ist in der Käufer- und Konsumentenverhaltensforschung wenig darüber bekannt, auf welchen neurobiologischen Grundlagen diese wichtigen Phänomene basieren. Dies ist insofern wiederum erstaunlich, als dass in den Neurowissenschaften gerade diese beiden miteinander verbundenen Konzepte eine besondere Relevanz haben und umfangreiche Forschungsarbeiten vorliegen. Eine wesentliche Erkenntnis ist dabei, dass Gedächtnisfunktionen bestimmten Hirnregionen zugeordnet werden können. Dabei ist zu beachten, dass in den Neurowissenschaften eine auf konvergierende Evidenz basierende weiterführende Differenzierung von Gedächtnis vorherrscht als in den Wirtschaftswissenschaften. Während nämlich dort oft noch dichotomische Modelle (z. B. explizites/ implizites Wissen) vorherrschen, wird in den Neurowissenschaften oft die Existenz von mehreren, mindestens aber vier Gedächtnissystemen unterstellt (vgl. z. B. Preilowski 2009). Diese werden nur auf einer ersten Ebene dichotomisiert (
Abb. 18). Demzufolge wird das Gedächtnis nicht monolithisch einheitlich konzipiert, sondern je nach Art der Informationsspeicherung und des Informationsabrufs unterschiedlich bezeichnet (vgl. Squire 2004; Rolls 2000). Dies entspricht der Idee, dass das Gedächtnis stufenförmig organisiert ist und Gedächtnisinhalte häufig an verschiedenen Stellen im Nervensystem verortet sind.

Abb. 18: Gedächtnissysteme im Gehirn (vgl. Squire 2004; Thompson 2001, S. 370)
Nach heutigem Wissenstand ist insbesondere der mediale Bereich des Temporallappens (
Kap. 3.1.5) am expliziten Gedächtnis beteiligt (vgl. auch Ramsoy 2015, S. 133). Wenn Menschen bspw. eine Liste mit mehreren Wörtern einstudieren, kann man ihr explizites Gedächtnis überprüfen, indem man sie bittet, die Worte zu wiederholen. Das implizite Gedächtnis kann man testen, indem man den Probanden eine Liste vorlegt, auf der nur jeweils die ersten Buchstaben des jeweiligen Wortes auftauchen (z. B. »Ba« bei »Badezusatz«, vgl. Thompson 2001, S. 407). Insofern ähnelt die Konzeption dieser beide Methoden der des gestützten und des ungestützten Bekanntheitsgrades in der Markt- und Werbewirkungsforschung (vgl. Trommsdorff, Teichert 2011).
Das implizite Gedächtnis schließt hingegen verschiedene Wahrnehmungs- und Reflexionsbahnen ein und ist dadurch gekennzeichnet, dass es eben keine bewusste Erinnerung benötigt (vgl ergänzend auch Preilowski 2009, S. 568 ff.). Gerade deswegen ist es für die Consumer Neuroscience von besonderer Bedeutung. Aufgrund der damit verbundenen, oft subkortikalen Strukturen sind zu dessen Erforschung gerade die neueren bildgebenden Verfahren und hier insbesondere die bereits erwähnte fMRT von Bedeutung.
In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass die Gedächntnisforschung früher einen großen Teil ihrer Ergebnisse aus klinischen Studien gewonnen hat. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Patient HM, dessen Leben mehr als fünfzig Jahre der Gedächntisforschung neue Erkenntnisse erlaubt hat und dessen Name – Henry Gustav Molaison – erst nach seinem Tode am 2.12.2008 der Öffentlichkeit bekannt wurde:
Der Patient HM
Vor über fünfzig Jahren wurde in Hartfort, im US-Bundesstaat Connecticut bei HM wegen unkontrollierbarer, lebensbedrohlicher, epileptsicher Anfälle der linke und rechte mediale Temporalkortex entfernt. Zwar war der Eingriff, der in einer Phase die auch als »therapeutic adventurism« bezeichnet wird, mit Blick auf die Epilepsie erfolgreich; gleichwohl war der damals 27jährige HM danach nicht mehr in der Lage, längerfristige, d. h. bewusst abrufbare Gedächtnisinhalte zu bilden. Darüber hinaus litt HM auch unter einer partiellen retrograden Amnesie. HM wurde aufgrund dieser Eigenschaften über Jahrzehnte von Gedächtnisforschern untersucht. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen waren so fruchtbar, dass die Initialien HM heute in keinem Lehrbuch über Gehirnfunktion und Verhalten fehlen. Dies auch wohl deswegen, weil bis zu diesem Zeitpunkt in der Gedächntnisforschung die »Antilokalisten« dominierten. Demzufolge herrschte hinsichtlich Lernen und Gedächtnis die Vorstellung, einer diffusen, über den Kortex verteilte äquipotenziellen Repräsentation. Für die Abkehr von dieser Vorstellung war unter anderen die mit HM verbundene Beschreibung und spätere Akzeptanz des mediotemporalen amnestischen Syndroms (nach den behandelnden Wissenschaftlern auch: »Scoville-Milner-Syndrom« genannt) von großer Bedeutung (vgl. Preilowski 2009, S. 569 ff.)
Tatsächlich gab es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erhebliche Zweifel daran, dass man bestimmte Funktionen des Gedächtnisses bestimmten Hirnstrukturen zuordnen könnte. Denn, obwohl Broca mit seinen Arbeiten bereits Hinweise darauf gegeben hatte, dass bestimmte Funktionen mit bestimmten Regionen in Zusammenhang gebracht werden konnten, herrschte die Meinung vor, das Gedächtnis sei eine allgemeine Eigenschaft der gesamten Großhirnrinde (vgl. Kandel et al. 1995). Ein Grund dafür war wohl die gegenüber der Lokalisationstheorie allgemein wohl nicht ganz unberechtigt vorherrschende Skepsis, die in der Irrlehre der Phrenologie ja ihren Höhepunkt erlebt hatte.
Einer der ersten, der mit seinen Arbeiten diese Skepsis lösen konnte, war der Neurochirurg Wilder Penfield, ein Schüler des bekannten Neurophysiologen Charles Sherrington. Ihm gelang es, empirische Hinweise darauf zu gewinnen, dass bestimmte, gedächtnisrelevante Vorgänge in bestimmten Hirnregionen verarbeitet werden. Konkret untersuchte Penfield die Kortexoberflächen von mehr als 1000 Patienten (vgl. Kandel et al. 1995, S. 668). Dabei stellte er fest, dass ein bestimmtes Gebiet des Temporallappens mit einer sehr spezifischen Gedächtnisreaktion verbunden war. Aufbauend auf diesen ersten Beobachtungen zeigten weitere Untersuchungen, welche Auswirkungen die beidseitige Entfernung des Hippocampus und dessen benachbarter Strukturen im Temporallappen mit sich brachten. Besonders bekannt wurde in diesem Kontext der Fall eines Fließbandarbeiters der jahrelang unter schweren epileptischen Anfällen litt. Bei diesem führte die Entfernung der medialen Bereiche beider Temporallappen (Brodmann-Area 21) dazu, dass die Anfälle deutlich reduziert werden konnten. Gleichzeitig erlitt der Patient aber auch einen schwerwiegenden Gedächtnisverlust. So konnte er zwar alle Ereignisse erinnern, die vor der Operation stattgefunden hatten (z. B. Erlebnisse aus seiner Kindheit), er war aber nicht mehr in der Lage, neue Inhalte des Langzeitgedächtnisses zu bilden. In der Folge erkannte der Patient niemanden wieder, den er erst nach der Operation kennengelernt hatte, auch wenn er der entsprechenden Person mehrfach seitdem begegnet war. Sein Kurzzeitgedächtnis war hingegen intakt geblieben.
Im Hinblick auf die in diesem Kapitel zentralen Aspekte »Lernen« und »Gedächtnis« brachten die entsprechenden Untersuchungen erste Hinweise auf zwei fundamental unterschiedliche Lernprozesse: Zum einen können Menschen etwas über die Welt lernen, was sie in ihrem Bewusstsein behalten und ständig für sie verfügbar ist. Diese Form von Gedächtnis kann man in Analogie zum neurowissenschaftlichen Schrifttum als explizites Gedächtnis bezeichnen. Zum anderen können wir lernen, wie etwas zu tun ist und zwar ohne, dass uns dies bewusst ist. Dieser oft unbewusste Erwerb von zumeist motorischen Fähigkeiten kann man als implizites Gedächtnis beschreiben.
Das explizite Gedächtnis kodiert Informationen über das episodische sowie semantische und Sachwissen (z. B. die Frage danach, was ein 400 ml Glas Nutella typischerweise kostet). Die dieser Struktur zugerechneten Inhalte basieren auf mehr oder weniger bewusst ablaufenden kognitiven Prozessen. Sie können durch einen bewussten Akt des Sich-Erinnerns wieder bewusst werden. Die dafür wesentlichen Strukturen sind gemäß dem sogenannten Squire-Zola-Modelll im medialen Temporallappen angesiedelt (vgl. u. a. Ramsoy et al. 2015). Zum entsprechenden System gehören sicherlich ganz zentral der Hippocampus (vgl. Strange et al. 1999; Richardson 2004) sowie die damit verbundenen kortikalen Strukturen (z. B. Teile des Parahippocampus) sowie bei emotional geprägten Erinnerungen auch die Amygdala (vgl. Richardson 2004; siehe auch Preilowski 2009).
Nach heutigem Stand stören Schädigungen dieser Bereiche aber nur die Abspeicherung neuer Informationen. Der Hippocampus – der Name stammt vom lateinischen Begriff für Seepferdchen ab – stellt damit vermutlich nur einen kurzzeitigen Speicher für Inhalte des Langzeitgedächtnisses dar. Die entsprechenden Informationen werden von dort vermutlich in den Kortex weitergegeben und gehen dort in das Langzeitgedächtnis über (vgl. Kandel et al. 1995).
Im Gegensatz zum expliziten Gedächtnis ist das implizite Gedächtnis eher reflexiver und automatischer Natur. Es bildet sich langsam – z. B. durch Übung – und manifestiert sich in einer besseren Bewältigung der jeweiligen Aufgabe. Ein Beispiel hierfür ist das Erlernen einer bestimmten handwerklichen Fähigkeit oder eine bestimmte sportliche Leistung (z. B. Stabhochsprung). Insofern ist es auch nur begrenzt semantisch zugänglich und vielmehr präsemantisch. Bittet man bspw. Personen, die entsprechende Fähigkeiten haben, die jeweiligen Prozesse zu beschreiben, so sind diese oft nicht dazu in der Lage und verweisen darauf, dass sie das »irgendwie« machen und es »eigentlich ganz einfach sei«. Insofern ist das implizite Gedächtnis eng mit dem Konzept des impliziten Lernens verbunden.
Aus den bisherigen Ausführungen wurde ersichtlich, dass eine entsprechende Gedächtnisleistung regelmäßig das Ergebnis eines unterschiedlich ausgeprägten Lernprozesses ist. Das explizite Gedächtnis umfasst dabei Lernvorgänge, die verbalisierte Kenntnisse über Menschen, Orte, Fakten und Dinge betreffen. Diese Lernprozesse erfordern das menschliche Bewusstsein. Das implizite Gedächtnis hingegen basiert auf Formen wahrnehmenden und motorischen Lernens, die keine bewusste Zuwendung erfordern.
Die für die Bildung impliziter Gedächtnisinhalte wichtigen impliziten Lernprozesse können wiederum in zwei Hauptklassen unterteilt werden: nicht-assoziative und assoziative Lernprozesse (vgl. Thompson 2001, S. 375).
• Nicht-assoziatives Lernen ist dadurch gekennzeichnet, dass der Lernprozess nicht mit einem bestimmten assoziativen Element verbunden ist. Beispiele hierfür sind alle abstrakten Lernprozesse. Eine Unterform ist das imitierende Lernen, welches für den Spracherwerb von Bedeutung ist und teilweise auch in der betrieblichen Kommunikation verwendet wird. Gleichwohl ist zu beachten, dass es in der Entwicklungspsychologie auch Meinungen gibt, die den Worterwerb als mit einem Objekt und einer Situation assoziert sehen.
• Assoziatives Lernen findet statt, wenn der Proband einmal oder mehrfach mit einem einzelnen Reiz (z. B. einer Markenwerbung oder einem Preis) konfrontiert wird. Hierbei können noch einmal zwei Arten unterschieden werden. Bei der Habituation (auch: Habitualisierung), also der Reizgewöhnung kann man eine im Zeitablauf abnehmende Reaktionsstärke auf einen bestimmten Reiz beobachten. Dieser Fall ist in der klassischen Konsumentenverhaltensforschung relativ gut beschrieben und wird z. B. im Kontext sog. »habitualisierter Kaufentscheidungen« thematisiert. Im gegenteiligen Fall – d. h. bei einer zunehmenden Reizstärke – spricht man von einer Sensitivierung (auch Pseudokonditionierung). Dieser Effekt tritt oft bei negativen, schmerzhaften Reizen ein, durch die der Proband im Vorfeld sensibilisiert wurde. In bestimmten Fällen kann dieser Effekt den der Habitualisierung »überschreiben«. Man redet dann auch von einer Dishabituation. Im Kontext des assoziativen Lernens sind zwei wesentlichen Typen zu unterscheiden: die klassische und die operante Konditionierung.
Bei der klassischen (auch Pawlowschen) Konditionierung steht das Lernen einer zwischen zwei Stimuli bestehenden Beziehung im Vordergrund. Das bekannte Beispiel ist das des Pawlowschen Hundes, der die bekannte Glocke mit einem entsprechenden Nahrungsangebot verbunden hat. Das Grundprinzip ist dabei stets das gleiche: Ein bedingter Reiz (Conditioned stimulus, CS) wird mit einem unbedingten Reiz (Unconditioned stimlus, UCS) in Verbindung gebracht. Der CS ist ein Reiz, der normalerweise keine bestimmte Reaktion hervorruft (z. B. der Lichtschein einer bestimmten Lampe oder der Glockenschlag einer Turmuhr). Der UCS ist hingegen ein Reiz der eine bestimmte, reflexartige Reaktion des Organismus hervorruft. Die Evidenz ist dabei wichtig, um die tatsächliche Reaktion des Organismus erfassen zu können. Wenn nun CS und UCS wiederholt miteinander gekoppelt werden, so löst CS zunehmend eine neue Antwort aus, die bedingte Reaktion (Conditioned response, CR) genannt wird. Je nachdem, welche Valenz der jeweilige Reiz hat, unterscheidet man konditionierte Appetenz bzw. Belohnung (bei positiven Reizen wie z. B. Nahrung) von konditionierter Aversion (bei negativen Reize wie z. B. Schmerzen). Die Stärke der bedingten Reaktion nimmt aber ab, wenn der bedingte Reiz wiederholt ohne den unbedingten Reiz angeboten wird. Der Organismus verlernt die Kopplung dann wieder. Dieser Vorgang der Extinktion stellt einen überaus wichtigen adaptiven Mechanismus dar. Gleichzeitig ist zu beachten, dass der Organismus die Kopplung nicht einfach vergisst, sondern nur wieder anders lernt (vgl. Kandel et al. 1995, S. 676). Diese Feststellung ist mit Blick auf die an späterer Stelle noch zu diskutierende Hypothese der somatischen Marker von Bedeutung (
Kap. 5.1).
Bei der operanten Konditionierung geht es darum, eine Beziehung zwischen einem Reiz und dem Verhalten des Organismus zu erlernen. Wichtige Wissenschaftler zur Erforschung dieser Lernform waren Edward Thorndike und B.F. Skinner. Gerade mit Skinner wird dabei eine ganz eigene Forschungsrichtung – der eingangs erwähnte Behaviorismus – verbunden (vgl. für viele Skinner 1982).
Operante Konditionierung funktioniert nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Gelegentlich wird dieses Prinzip auch als Lernen am Erfolg bezeichnet (vgl. Eibl-Eibesfeldt 1997, S. 114). Im Gegensatz zur klassischen Konditionierung, bei der die Eigenschaften spezifischer reflektorischer Antworten auf bestimmte Reize verändert werden, verändert die operante Konditionierung die Häufigkeit von Verhaltensweisen. Man spricht daher auch treffender davon, dass operantes Verhalten eher freigesetzt als erzeugt wird (vgl. Kandel et al. 1995, S. 678). Allgemeiner formuliert werden mit Belohnungen verbundene Verhaltensweisen tendenziell auf Kosten anderer, weniger belohnender Verhaltensweisen (vermehrt) wiederholt. Im Gegensatz dazu werden unangenehme Verhaltensweisen nicht wiederholt. Dieses einfache Modell, das unter dem Begriff Law of Effects im Schrifttum bekannt wurde, erklärt einen Großteil des Verhaltens (vgl. z. B. Thorndike, Gates 1930). Es hat in vielen verschiedenen Theorien des Käufer- und Konsumentenverhaltens seine Konkretisierung gefunden, z. B. in der Forschung zu Approach-Avoidance-Konflikten (vgl. für viele Elliot, Thrash 2010). Ganz allgemein kann man sagen, dass operantes Lernen dann stattgefunden hat, wenn ein bestimmter nachfolgender Reiz bzw. die Entfernung eines negativen Reizes die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens verlässlich über das operante Niveau erhöht oder verringert hat.
Auch wenn beide Arten der Konditionierung auf den ersten Blick unterschiedlich sind, so wird doch vermutet, dass die entsprechenden neuralen Mechanismen ähnlich sind. So spielen bei beiden Arten zeitliche Aspekte eine wesentliche Rolle. Vertreter der Kontiguitätstheorie nehmen sogar an, dass alles, was zeitlich und räumlich zusammenfällt, miteinander verknüpft wird (vgl. Winkel et al. 1996, S. 95 ff.). Hält man z. B. einen Finger in die Flamme, kommt es unmittelbar zu Schmerzen und zum Zurückziehen des Fingers (vgl. Thompson 2001, S. 377). Sehen wir das nächste Mal eine Kerze, kommt es zu einer entsprechenden neuralen Reaktion. Die zeitliche Verknüpfung bezeichnet man als Kontiguität. Sie bildet eine unabdingbare Voraussetzung von assoziativem Lernen. Am Beispiel der noch zu beschreibenden Nahrungsaversion wird aber deutlich, dass auch andere Arten der Verknüpfung möglich sind.
Bei beiden Arten der Konditionierung gibt es aber ein für den Lernerfolg optimales Zeitintervall. Ist dieses Intervall zu kurz oder zu lang, hat dies negative Wirkungen auf den Lerneffekt. Zudem wurde nach und nach deutlich, dass bestimmte (neuro-)biologisch bedingte Faktoren einen Einfluss auf den Lernerfolg haben können, sodass die Basisannahme, der Mensch hätte die Eigenschaften eines »unbeschriebenen Blattes«, nicht aufrechterhalten werden konnte. Diese Feststellung hat auch Implikationen für die Konsumenten- und Kaufverhaltensforschung, denn sie verdeutlicht noch einmal, dass ererbte oder erworbene biologische Determinanten auch spezifische Verhaltensformen beeinflussen können und damit in entsprechenden Management-Konzepten berücksichtigt werden könnten.
Ein weiteres, in diesem Kontext wesentliches Konzept ist das der Bindung (»binding«). Dieses Konzept ist deswegen von grundlegender Bedeutung, weil das Gehirn wohl sämtliche Informationen bzw. Signale, die es zu einem bestimmten Zeitpunkt über die verschiedenen Sinnesorgane erhält, miteinander verbindet. Und gerade diese Verbindung zueinander erlaubt es, die jeweiligen Informationen so zu verinnerlichen, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt, in dem das durch die Bindung erinnerte Muster ähnlich erscheint wieder aktiviert werden können. Im Hinblick auf die eingangs dieses Kapitels erwähnten Beispiele der Einnerungen von Preisen und Marken bedeutet dies, dass diese nur dann sinnvoll sind, wenn die Preisinformation mit einem bestimmten Produkt bzw. einer bestimmten Einkaussituation verbunden wird. Ohne diesen mit dem Stimulus verbunden Kontext wäre der entsprechende Gedächtnisinhalt nutzlos.
Ein im Hinblick auf die Wirkung und Bedeutung des Konzepts der Bindung verschiedener Informationen besonders interessantes Phänomen ist schließlich die Nahrungsaversion. Wird z. B. einem bestimmten Nahrungsmittel eine bestimmte Substanz beigemischt, die zu unmittelbarer oder späterer Übelkeit führt, so werden die entsprechenden Geschmacksreize auch dauerhaft mit Übelkeit assoziiert. Dies ist evolutorisch sehr sinnvoll, da der Organismus andernfalls an einer Vergiftung sterben könnte. Folgen dem Geschmackseindruck hingegen lediglich Schmerzreize (z. B. wenn wir ein zu kaltes Eis oder eine zu heiße Suppe essen), so hat dies keine dauerhaft aversiven Reaktionen zur folge. Die Wahl des geeigneten Verstärkers hängt daher ganz wesentlich von der Art der zu erlernenden Reaktion bzw. der Bindung ab (vgl. Kandel et al. 1995).
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