Читать книгу: «Wiener Walzer»

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Über dieses Buch

«Willkommen zur letzten Fahrt.» In ihrem Schlafabteil des Euro­night 467 «Wiener Walzer» sitzt die beliebte Fernsehmoderatorin der Reality-Show «Blick ins Herz» und hält einen Drohbrief in der Hand. Es ist nicht der erste seiner Art, doch jetzt scheint es ernst zu werden. Aber ist da nicht so ein Typ im Zug, der behauptet, Detektiv gewesen zu sein?

Tatsächlich ist Höners Detektiv Mettler aus Afrika zurück. Er sieht sich gezwungen, sein Leben als Privatermittler wieder aufzu­nehmen. Und schon gerät er in eine komplizierte Geschichte und zwischen zwei Frauen. Die Mode­ratorin ist so attraktiv wie überdreht, die Theaterautorin so charmant wie scharfzüngig. Reist sie wirklich nur zufällig mit? Ein paar Tage nach der Premiere ihres neuesten Stücks, in dem sie die Moderatorin lächerlich gemacht hat? Theater wird doch nicht Reality? Oder doch?

Kaum jemand findet Schlaf im Wagon 302, der Zug gleitet durch die Nacht, Wien entgegen.


Foto Anne Buergisser

Peter Höner, geboren 1947 in Eupen, ­aufgewachsen in Belgien und der Schweiz, Schauspielstudium in Hamburg und Schauspieler u. a. in Basel, Bremen und ­Berlin. Seit 1981 freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, 1986–1990 ­Afrikaaufenthalt. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern.

«Höner schreibt farbig, geht spielerisch mit der Sprache um; die Beschreibungen von Menschen und Ereignissen sind voller Erzählfreude.» Basler Zeitung

PETER HÖNER

WIENER WALZER

MORD IM EURONIGHT 467

Limmat Verlag

Zürich

«‹Der Mörder›, sagte Monsieur Bouc mit feierlichem Ernst, ‹ist unter uns – er sitzt hier in diesem Zug.›»

Agatha Christie

PROLOG

Mettler drehte den Verschluss auf und kippte den Cognac auf den Rest Whisky.

Nacht für Nacht stand er am Fenster seines Hotelzimmers und trank. Bier, Wein, Sekt, dann die Schnäpse, die gesamte Minibar. Frierend starrte er auf die fensterlose Fassade des Nachbarhauses und drängte seine Beine gegen den Heizkörper. Aber immer war die Heizung schon ausgegangen, und wenn er das Ventil aufdrehte, so kullerten nur ein paar Luftblasen in den Rohren, wärmer wurde es nie.

Er war viel zu leicht angezogen. Doch kurz vor Frühlingsbeginn hatte er keine Lust, sich eine Wintergarderobe anzuschaffen, er war froh, dass seine gesamte Habe in einem Koffer Platz hatte. Ein halbes Dutzend Hemden, zwei Sommerhosen, Wäsche. Eine Mappe mit Dokumenten und ein Karton voller Fotos. Das war alles, was er aus Afrika nach Hause brachte.

Nach Hause? War er vielleicht hier daheim? Hier, wo ihm alles fremd geworden war, er niemanden mehr kannte, niemand auf ihn wartete?

Er hatte Alice versprochen, zu Ali zu fahren. Zu zweit sei alles leichter, und er werde sehen, wie bald er in sein früheres Leben zurückfinde. Sie sei seine afrikanische Episode, und er müsse sie vergessen. Er wehrte sich und fluchte, während sie zerfiel und von Anfall zu Anfall schwächer wurde. Jahrelang hatten sie diese Pillen geschluckt, aber ausgerechnet sie muss­te von einer Mücke gestochen werden, deren Malariaerreger gegen sämtliche Mittel resistent war.

Er reiste mit der Urne nach Lamu, um sie im Hof ihres Hauses beizusetzen. Das war vor sieben Monaten. Er hatte seine Projektleiterstelle gekündigt und den Hausstand aufgelöst. Er vegetierte dahin, begann zu trinken. Warum er sich schließlich aufraffte und nach Zürich flog, wusste er auch nicht mehr.

Bis vor kurzem hatte Ali in Zürich gelebt und in einer Bar gearbeitet. In der Stadt fand er nur noch Alis geschiedene Frau Christina. Er sei nach Wien gezogen, eine neue Stelle. Eine neue Freundin. Immerhin wusste sie seine Adresse. Pension «Alsergrund».

Nun musste er, wenn er sein Versprechen einlösen wollte, auch noch nach Wien. Um Vater und Sohn zu spielen. Als ob Ali ihn je als Vater akzeptiert hätte. Über Jahre wussten sie nichts voneinander, und als sie sich schließlich kennen lernten, war der Junge längst erwachsen. Um doch noch so etwas wie Verantwortung zu übernehmen, hatte er Ali eine Ausbildung finanziert. Alice und er schickten ihren Sohn an die Hotelfachschule in Luzern, hofften, dass er später einmal ihr Hotel in Lamu übernehmen würde, doch Ali hatte andere Pläne, und von seinem Vater ließ er sich schon gar nichts sagen.

Der Heizkörper war ja kälter als seine Beine, und der Schnaps taugte auch nichts. Er zog die Vorhänge zu und schaltete den Fernseher ein. In der Minibar waren noch ein Wodka und zwei Underberg, er schüttete alles zusammen und setzte sich aufs Bett, dann langte er nach einem Stapel Fotos, die auf dem Nachttisch lagen.

Alice und Ali vor dem «Rafiki Beach Hotel».

Ali mit Sombrero: der Eisverkäufer.

Alice auf der Terrasse ihres Hotels.

Die beiden vor seiner Piper Cup.

Die Hoteldirektorin. – Da waren sie schon verheiratet.

Alice und er vor dem Rundhaus ihrer Baumschule in Tansania.

Aus Wien kündigte eine rothaarige Moderatorin ihre Show an. Groß, schlank und mit langen Haaren entsprach sie wohl dem üblichen Schönheitsideal. Ihre Munterkeit freilich passte schlecht zur nachtschlafenden Stunde. Sie kam eine Treppe herunter, schwebte in Wolken, vervielfachte sich und warf ihren Gästen oder den Zuschauern daheim – bald in ein Lumpenkostüm gewickelt, dann wieder in einem roten Minirock – Kaskaden von Kusshänden zu. Schließlich landete sie in einem rosafarbenen Ledersessel und fing mit der eigentlichen Sendung an. Sie begrüßte eine weiß gepuderte Dame mit strohblonden Haaren, die sie als die älteste Wahrsagerin der Schweiz vorstellte.

Warum die Frau in einem weißen Spitzenkleid auftrat, als sei sie eine Braut, konnte er sich allerdings nicht erklären. Doch daran, dass er nicht verstand, was er sah, hatte er sich in den vergangenen Tagen längst gewöhnt. Jeder Werbespot war eine Denksportaufgabe, und vor den meisten kapitulierte er.

Das Publikum klatschte und johlte, und die Moderatorin, die in ihrem Plastikrock neben dem Tüll, den Rüschen und Bändern wie nackt dastand, lächelte so milde und andächtig, als habe sie dem Wiener Studiopublikum gerade eine neue Mutter Theresa vorgestellt.

In welchem Mief war er denn da gelandet? Er legte die Fotos zurück auf den Nachttisch und ging ins Bad.

Er war wieder da, von wo er geflohen war, er war wieder in der Schweiz, doch die Vorstellung, er könnte seine alte Arbeit wieder aufnehmen, war schlicht undenkbar.

«Büro Lux, Beobachtungen und Ermittlungen aller Art. Wir liefern die Fakten, die Ihnen fehlen. Diskret, modern, Tag und Nacht.»

Woher hatte er nur diesen blödsinnigen Sprüche? «Diskret, modern, Tag und Nacht.» Was hieß denn das? Was hatte das mit seiner Arbeit zu tun?

Eifersüchtige Ehepartner wollten Beweise für Seitensprünge, missgünstige Angehörige glaubten sich von einer lustigen Witwe um ihr Erbe betrogen, und ängstliche Eltern vermuteten, ihre Kinder würden Drogen nehmen. Er stellte Ladendiebe, versteckte sich mit einem Fotoapparat in staubigen Büschen, fuhr in einem alten BMW hinter dem Ford Fiesta einer Hausfrau her und ärgerte sich über alle, die ihn kaufen konnten. Tag und Nacht.

Doch womit sollte er seinen Unterhalt verdienen, wovon sollte er leben, wenn seine Ersparnisse einmal aufgebraucht sein würden? In Afrika war es leicht, seinen Beruf als Hobby zu betreiben. Zusammen mit seinem Freund, Kommissar Tetu.

Leicht? – Tetu saß immer noch im Gefängnis, und er hatte sein Hotel verloren, in dem sein ganzes Geld gesteckt hatte. Nein, leicht war das nie, und hier schon gar nicht. Wenn er denn als Detektiv überhaupt noch zu gebrauchen war.

Wütend drehte er den Heißwasserhahn ab und stand unter der Brause, bis er es nicht mehr aushielt. Nüchtern wurde er nicht.

Polizeiarbeit, das war ein Fluch. Sie verfolgte ihn, wohin er sich auch flüchtete, irgendwann holte sie ihn immer ein. Dabei wusste er nicht einmal, ob er ein so guter Detektiv war, wie Alice geglaubt hatte, dass er einer gewesen sei.

Im Fernsehen hatte die Moderatorin mittlerweile sieben Paare um ihren Sessel versammelt. Sie sprachen über das verflixte siebte Jahr. Zwei Frauen, deren Gesichter immer wieder den ganzen Bildschirm füllten, rannen bereits schwarze Schlieren ihrer Schminke über die Wangen.

Mettler setzte sich auf die Bettkante und zappte durch die Programme. Obwohl es morgens um drei war, fand er an die zwanzig verschiedene Sender, von denen er noch nie etwas gehört hatte. Nachrichten aus Arizona, Sport, ein alter Streifen mit Gary Grant, Telenovelas, Musikclips, Softpornos und weitere Talkshows und Quizsendungen, schließlich landete er wieder bei der Roten in Wien.

Ein fetter Jüngling mit wirrem Haar und Pickeln im Gesicht bat eine Petra um Verzeihung. Er stotterte und heulte, bis die Rote von Petra wissen wollte, ob sie sich auf Grund der so sichtbaren Reue vorstellen könnte, ihre Beziehung wieder aufzunehmen. Die Kamera schwenkte auf eine versteinerte Frau mit blassblauen Backen, die sich in eisiges Schweigen hüllte, um gleich darauf wieder den Mann ins Bild zu holen, der von seinem Stuhl rutschte und sich nun heulend vor Petra auf dem Boden wand.

Die Rote sagte leise, fast flüsternd und doch mit einem Timbre, das wohl ihre eigene Bewegung verraten sollte: «Siehst du das, Petra? Siehst du das. Das tut er für dich.» Worauf die Blassblaue erst zu flüchten versuchte und dann zusammenbrach. Sie schluchzte, der Dicke warf sich in ihren Schoss, das Publikum klatschte, und die Rote lächelte.

Mettler kippte den den ganzen Wodka-Underberg und sank ins Bett. Sein Kopf knallte gegen die Bettkonsole, Sterne kreisten. Alice und Ali, Zürich, Wien und hinter dem Fernseher grinste der Belgier Poirot, der jeden Fall klärte, Tag und Nacht und mit geschlossenen Augen.

Ein grimmiger Bursche, der seine Arme über der Brust verschränkte und trotzig zu Boden starrte, wurde nun von der Moderatorin gefragt, ob er selber sagen wolle, warum er hier sei. Der Mann nickte unbestimmt, und die Rote erzählte.

«Vor sieben Jahren waren Sie für mehrere Wochen in Afrika. Sie haben sich verliebt. In eine junge Afrikanerin.»

«Nicht vor sieben, vor dreißig Jahren!», protestierte Mettler und stieß die Faust gegen den Fernseher. «Ich war in Afrika.»

«Sie waren ganz schön heiß», sagte die Rote und lächelte gefährlich. «Sie liebten sich am Strand, auf Dachzinnen, im Hotel; aber dann, eines schönen Tages, sind Sie abgehauen. Einfach so, ohne sich zu verabschieden. – Was ums Himmels willen haben Sie sich denn dabei gedacht?»

Mettler biss die Zähne aufeinander. Er kannte den Feigling. Schiss hatte er, weil er werden wollte wie Poirot. Ein verdammter Schnüffler. «Polizeischule, Büro Lux!», schrie er, «In einem alten BMW hinter Frauen her.»

«Sie glauben mir nicht», sagte die Rote sanft. «Und es ist auch ein kleines Wunder, dass es uns gelungen ist, Eliza und den kleinen Ibrahim zu finden und zu uns, hierher ins Studio zu bringen.»

Mettler presste die Fäuste in die Augen. Aus schwarzroten Nebeln tauchten Alice und Ibrahim auf. Das «Rafiki Beach Hotel». – Eliza? Er kannte keine Eliza.

Im Fernseher starrte der Mann die Moderatorin an, als habe er eine Wahnsinnige vor sich. «Sollen wir sie bitten hereinzukommen?», schnurrte die Rote und schwang einen Arm über ihren Kopf, warf die Hand in die Luft und schnippte mit dem Finger. – Musik brauste auf, in der Tiefe des Studios wurde eine Türe geöffnet, Schwaden von Trockeneis dampften. Eine Assistentin führte eine junge Frau und einen kleinen Jungen herein, und das Publikum tobte. Die Rote ging den beiden entgegen, umarmte die Frau und führte sie in die Mitte der Bühne.

«Eliza und Ibrahim.»

Mettler schoss hoch und starrte auf das Paar. Alice und Ali. Was quatschte die Rote da? Das waren Alice und Ali. Sie waren hier, sie waren in Wien, und er war besoffen. Seine Augen füllten sich mit Tränen.

Später, nachdem jemand mehrmals an seine Türe geklopft hatte, ging es ihm schon wieder etwas besser.

GLEIS 12
ZÜRICH HB

Vor der Tür des doppelstöckigen Schlafwagens stauten sich die Reisenden. Eine hagere Schaffnerin blätterte in Listen, verglich ihre Eintragungen mit den Reservationen der Passagiere und dirigierte sie von einem Wagen zum andern. Irgendwo in der langen Kette vom Bahnschalter bis zur Abfahrt des Zuges war es zu einer Panne gekommen, die Buchungen stimmten nicht mehr mit den Reservationen überein. Die Frau kritzelte neue Nummern auf die Fahrscheine und lächelte, blieb freundlich, obwohl in den Stimmen der Reisenden immer gehässigere Töne mitschwangen.

«Schwendimann. Zwei Erwachsene, ein Kind. Wir haben eine Reservation für ein Viererabteil», drängte ein junger Vater einen Sikh und dessen Frau beiseite, die, vielleicht ein bisschen umständlich, ihre Gepäckstücke in den Schlafwagen schafften.

«Wir haben Anspruch auf ein großes Abteil», sagte er streitsüchtig, und seine abstehenden Ohren glühten. Vielleicht auch nur deshalb, weil das Kleinkind, das in einem rucksackartigen Tragegestell auf seinem Rücken auf und ab hopste, daran herumgezerrt hatte, bis sie ihm wie zwei rote Bügel aus dem Haar stachen. Die Mutter, eine Frau mit eigenartig wirren Haaren (Zipfel standen wie Federbüsche vom Kopf ab und einzelne Strähnen fielen aus dem nachlässig gewundenen Haarkranz), stand daneben und vertrat sich die Beine.

«Wir haben ein Recht darauf, verstehen Sie. Ich habe mir das noch gestern bestätigen lassen. Reserviert haben wir schon vor einem Monat.»

«Das haben wir auch», mischte sich ein kantiger Mann mit einem fleckigen Gesicht ein und versuchte, der Schaffnerin über die Schultern zu schauen. Er hatte eine Frau im Arm, umklammerte ihre Taille und zog und schob sie mit sich herum, als hätte er Angst, sie könnte ihm davonlaufen.

«Bitte, meine Herrschaften, bitte. Ich tue, was ich kann», wehrte sich die Schaffnerin. «Ich kann Ihnen versichern: Es sind genügend Plätze da. Aber ich habe hier nur Ihre neuen Platznummern, für weitere Fragen wenden Sie sich bitte an den Schlafwagenschaffner. Ich habe schließlich auch noch den Liegewagen.»

«Wir wollen eines der Viererabteile. Diese Oberstock- und Unterstockkabinen, glauben Sie vielleicht, wir wüssten nicht, wie eng die sind.»

«Familie Schwendimann? Nun lassen Sie mich doch erst einmal nachschauen! – Na bitte, hier! Sie sind in einem Vierer.»

«Wenn man sich nicht wehrt», sagte der Mann und drehte sich triumphierend nach seiner Frau um.

Mettler stand in der Traube der Reisenden, seinen Koffer zwischen die Beine geklemmt, und wartete, bis die Leute vor ihm abgefertigt wurden. Er fuhr nach Wien. Mit dem Nachtzug.

Seine letzten Stunden in Zürich hatte er damit verbracht, durch die Stadt zu schlendern wie ein Tourist.

Der See war so blau, und die Berge so nah; er schaute allen Frauen nach und freute sich, wie sie durch die Straßen flanierten, als ob sie nichts anderes zu tun hätten, als zu beweisen, wie gut sie die kalten Monate überstanden hatten. Später ließ er sich von einer Schuhverkäuferin viel zu elegante Schuhe aufschwatzen, italienische Slipper, die ihn nun zwickten und drückten.

Mit der Dunkelheit schlich die Kälte in die Stadt zurück, und weil er in seinem Sommerjackett (obwohl er es mit einem dunkelgrünen Wollschal ausstopfte), zu frieren begann, brach er – viel zu früh – zum Bahnhof auf.

Die Halle war renoviert worden. Man hatte das hässliche Kino herausgerissen und stattdessen einen vollbusigen Engel unter die Decke gehängt. Der Industriedom war zwar immer noch düster, aber großzügig, ein Hauch von Großstadt, der ihm gefiel, und er wunderte sich, warum er den Bahnhof nicht schon früher entdeckt hatte. Wahrscheinlich weil er einer Szene nachhing, die ihren Charme längst verloren hatte. Oder hatte ihm seine Trauer den Blick vernebelt und seine Neugier erstickt?

Auf einer mächtigen Leinwand lief eine Frau mit wippenden Brüsten hinter einem Ball her. Ein Mann stoppte das Leder, das Zifferblatt einer Uhr wurde eingeblendet, die Frau strahlte, die beiden umarmten sich, dann lief sie wieder.

Werbung. Aber wofür? Er starrte fasziniert auf die Leinwand, bewunderte die Brillanz der Aufnahmen und verstand doch nichts.

Leicht verwirrt steuerte er die Zeile der Bahnhofsbazare an. Reiseproviant brauchte er keinen, schon gar keinen Alkohol, aber vielleicht war es ja von Vorteil, wenn er sich für die lange Nacht im Zug mit Lesestoff versorgte. Er stöberte im Taschenbuchständer nach einem Krimi. «Mord im Orient­express». Er kannte den Roman. Und den Film. Aber fuhr er nicht in den Orient? War das nicht die ideale Lektüre, um alte Berufswünsche zu beleben? Oder ein für alle Male und endgültig zu begraben?

Neben den Büchern lag die Masse der Blätter und Zeitschriften; Autorevuen und Computermagazine, glanzlackierte Busen, Prominente auf ihren Yachten, Rosenzüchter, Pferdehalter, Fußballer, Weintrinker und mittendrin: der Kopf der Roten.

«Dorin Wolf, die Moderatorin von ‹Blick ins Herz›». Das Titelblatt der «Privat».

«Kann ich Ihre Billette sehen?», erkundigte sich die Schaffnerin, wahrscheinlich um der japanischen Reisegruppe zu entgehen, die sich erwartungsvoll um sie versammelte. Er reichte ihr seine Fahrkarten, sie warf einen kurzen Blick darauf und hakte ihn in ihrer Liste ab. Sie nickte ihm zu, wünschte eine gute Reise, um dann die Japaner zum Eingang des Liegewagens zu lotsen. Bestimmt ein gutes Dutzend fast identischer Rollköfferchen holperten hinter ihr her den Zug entlang.

Vor der Türe drehte sich Mettler noch einmal um und schaute in den Bahnhof. Der Bahnsteig hatte sich mittlerweile geleert. Einzig ein dürrer Riese pendelte vor dem Schlafwagen hin und her. Er telefonierte, hatte dieses Ding am Ohr, das hier alle zu besitzen schienen, und brüllte auf dem Bahnsteig herum.

«Bist g’scheit? Passt scho, wenn’s eh nix wird. Bitte danke. Naa servus. I di aa.»

Aus der Halle bog eine Gruppe lärmender Männer, die wie ein Mückenschwarm um eine stattliche und gut gelaunte Frau tanzten. Die Männer hatten weder Koffer noch Taschen bei sich, nur die Frau schob einen Gepäckwagen vor sich her. Sie schien auf eine weite Reise zu gehen, zumindest ließ dies das Ungetüm ihres Koffers vermuten. Die Männer scharwenzelten um sie herum und überboten sich mit flotten Sprüchen.

Schauspieler, diagnostizierte er. Schauspieler, die eine Kollegin zum Bahnhof bringen, den Stargast aus Wien. Er griff nach seinem Koffer und stieg ein.

SCHLAFWAGEN 302
ZÜRICH HB

Der Hund war ja ein Angsthase. Dorin Wolf musste ihn auf den Arm nehmen und in den Schlafwagen stemmen.

«So! Nun aber, lauf!»

Das dumme Vieh sprang an ihr hoch und machte ihr den Mantel dreckig, sie schubste ihn beiseite und spähte in den Korridor.

Wie meistens war der Wagen gut belegt. Die Reisenden standen im Flur vor den Abteilen und warteten auf die Anweisungen des Schaffners. Irgendetwas Auffälliges, gar Ungewöhnliches konnte sie nicht entdecken. Trotzdem zögerte sie.

Sie wurde bedroht. Seit Wochen erhielt sie anonyme Briefe. Sie war in Gefahr. Ein perverser Blödmann bastelte mit ausgeschnittenen Worten und Buchstaben einen holprigen Text, klebte Schweinereien auf Papier und drohte, sie umzubringen.

Sie hatte die Briefe der Polizei gezeigt. Man erkundigte sich, ob sie einen Verdacht habe. Ob sie glaube, als Moderatorin angegriffen zu werden? Ob sie sich beobachtet, gar verfolgt fühle? Lauter Unsinn. Sie wollte ja nur wissen, wer ihr solche Briefe schrieb. Irgendetwas unternommen hatte die Polizei nie, und ihre Kollegen … Mein Gott. Die lachten sich schief und brannten darauf, die hässlichen Anzüglichkeiten hinter ihrem Rücken durchzuhecheln.

Vor ein paar Tagen hatte sie ein Paket mit einem Klappmesser bekommen. «Alles hat zwei Seiten, das Messer eine Schwester». Ein Blödsinn, auf den sie sich keinen Reim machen konnte. Die Schwester des Messers ist die Gabel, der Bruder der Löffel. Und die zwei Seiten? Aber wenn der Satz einen Code enthielt, den sie nicht knacken konnte, wenn es an ihrer eigenen Fantasielosigkeit lag, dass sie nicht verstand, was da auf den Zettel geklebt war? Oder war es das Messer, das ihr Angst machte? Ein scharf geschliffenes Klappmesser, mit dem sich leicht jemand erdolchen ließ.

Sie drückte die Schwingtüre zum Korridor auf, blieb erneut einen Augenblick unter der Türe stehen und musterte die Reisenden ein zweites Mal. Eine vertraute Runde: Geschäftsleute, Kulturtouristen (Oper, Burgtheater, Stephansdom) und ein paar Ausländer, die sich nicht so leicht einer bestimmten Kategorie zuteilen ließen. Nichts, was ihr Miss­trauen rechtfertigte. Schon drehten sich die ersten Köpfe nach ihr um, und sie erntete die immer leicht überraschten Blicke, die ihr verrieten, dass man sie erkannte.

Ihr Abteil befand sich in der Mitte des Wagens im Oberstock und war das einzige, welches einen eigenen Aufgang besaß. Es war immer das selbe. Ein Entgegenkommen der Bahn, die so die Treue einer guten Kundin belohnte. Immerhin benutzte sie den Zug jede Woche, immer in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, einmal von Zürich nach Wien, die Woche darauf von Wien nach Zürich. Seit bald zwei Jahren. Der kleine Raum war längst zu einer Art dritten Heimat geworden. Auf jeden Fall kannte sie ihn so gut, dass sie auf Grund der kleinen Beschädigungen (einem blinden Fleck im Spiegel, einem Kratzer im Waschbecken) jeweils wusste, in welchem Waggon der beiden Zugkompositionen, die zwischen Zürich und Wien verkehrten, sie gerade zu Gast war.

Die Blicke der Leute taten ihr gut. Ihr Publikum begleitete sie, und die spürbare Bewunderung tilgte die scheußliche Mischung aus Angst und Wut, die sie seit Wochen verfolgte. Zumindest für den Moment.

Vor drei Tagen hatte sie sich einen Hund gekauft. Als Hilfe hatte er sich bis jetzt freilich nicht erwiesen. Im Moment stürmte er durch den Wagen und begrüßte ihre Fans. Wie ein ungezogenes Kind.

Sie kramte in ihrer Tasche, rief seinen Namen und warf ein Hundebiskuit nach ihm. Leider ohne Erfolg. Immerhin hoben seine Kapriolen die Stimmung, und eine Frau flüsterte ihr zu, wieso denn der süße Hund nicht in «Blick ins Herz» auftrete.

«Mein Mann und ich, wissen Sie, wir schauen jede Ihrer Sendungen. Obwohl. Sie sind für ein jüngeres Publikum, ich weiß, wir gehören ja nun zu den Alten. Den jungen Alten.» Sie lachte. «Dafür haben wir Zeit.» Und etwas verlegen fügte sie hinzu: «Sie sehen immer so, so dynamisch aus.»

Die Moderatorin lächelte und bedankte sich, und die Frau drehte sich nach ihrem Mann im Abteil um.

«Dorin Wolf ist im Zug, du weißt schon, die Moderatorin von ‹Blick ins Herz›», flüsterte sie, immerhin so laut, dass sie gut zu hören war. «Unser Stargast, und wir sind dabei.»

Eine Welle tiefster Befriedigung durchrieselte sie. Dafür arbeitete sie, das waren die kleinen Höhepunkte, die sie glücklich machten. «Dorin Wolf is here.»

Der Hund tapste eine der kurzen Treppen hoch und verschwand, um gleich darauf mit einem Schuh im Maul wieder aufzutauchen.

«Busoni!», schrie sie entsetzt. Dieser Mistkerl.

Schon kam die Besitzerin des Schuhs die Treppe herunter. Eine füllige Dame mittleren Alters, rosig und schwitzend, die Bluse war ihr aus dem Rock gerutscht. Der Hund tollte zum anderen Ende des Wagens, warf den Schuh in die Luft und knurrte, als müsste er seiner Beute den Garaus machen.

«Busoni! Willst du wohl hierher kommen. – Gib sofort den Schuh zurück.» Ein Albtraum, der Hund verpatzte ihren Auftritt.

Die Rosige näherte sich dem Hund, ließ sich wie ein Ringer in die Hocke fallen und streckte dem Hund die Hand entgegen.

«Komm, du kleiner Frechdachs, und gib den Schuh zurück.»

Der Hund zögerte, dann schlug er ein paar übermütige Haken und blieb stehen. Mitten im Flur. Dorin Wolf hoffte, ihn beim Halsband zu erwischen, doch er durchschaute sie und preschte durch die Strümpfe der Ringerin.

Irgendein Idiot klatschte und rief die Punkte aus.

«Eins zu null für den Hund.»

Sie wäre am liebsten an die Decke gesprungen. Zwi­schenrufe, das war so ziemlich das Letzte, was sie ertrug. Endlich kam ihr einer der Zuschauer zu Hilfe. Er griff nach dem Hund und bekam immerhin den Schuh zu fassen. Er tippte dem Tier auf die Schnauze, fasste ihm ins Maul und wand den Schuh heraus. Dann streichelte er den Dieb, der mit hängender Zunge vor ihm hockte.

«Sie kennen sich ja mit Hunden aus», sagte sie erleichtert und drängte mit der Hundeleine in der Hand zu ihrem Retter.

Der Hundekenner dürfte um die vierzig sein, sportlich, braun gebrannt, ein selbstbewusster Naturbursche, der ihr ungeniert in die Augen schaute. Ein Tennisass oder ein Skilehrer, auf jeden Fall jemand, der gewohnt war, in der Öffentlichkeit zu stehen. Einer aus dem Jet-Set, und sie kannte ihn nicht.

Sie nahm den Hund an die Leine. Der Mann wischte den Schuh an seiner Hose ab und untersuchte ihn.

«Alles in Ordnung. Ein paar Abdrücke seiner Milchzähne. Durchgebissen ist er nicht, und das Leder wächst noch einmal nach.»

War das eine Anspielung? Sollte es ein Witz sein? Was grinste er so blöd?

«Ich werde Ihnen die Schuhe selbstverständlich ersetzen. Hier, meine Karte», wandte sie sich an die mollige Ringerin. «Du bist aber auch ein böser Hund», und sie hatte große Lust, dem ungezogenen Vieh die Leine um die Ohren zu schlagen.

Zum Glück kam der Schlafwagenschaffner und die Sensationslust der Leute fand ein neues Ziel. Er führte einen jungen Mann durch den Korridor, einen Blinden, der trotz seiner Begleitung einen Blindenstab benutzte. Er tastete sich den Wänden entlang, ortete die Auf- und Abgänge zu den Abteilen und klapperte geschickt um einzelne Gepäckstücke.

Der Schaffner und der Blinde kamen direkt auf sie zu. Der Hund hatte sich niedergelassen, den Kopf zwischen den Vorderpfoten, und versperrte den beiden den Weg. Sie zerrte das Tier vom Boden hoch und drängte es in eine Treppennische. Der Hund bockte, zappelte und wand sich, sie versetzte ihm einen Klaps, und er schoss aus seinem Hinterhalt. Er sah den Stock und schnappte danach, dann griff er den Mann an.

Der Blinde schlug um sich, der Schaffner streckte dem Angreifer das Gepäckstück des Blinden entgegen (einen funkelnagelneuen, ledernen Stadtrucksack), sie zerrte und riss den Hund zurück, und der Köter, in der Leine hängend und auf den Hinterbeinen stehend, kläffte und knurrte, bis ihm der Geifer aus dem Maul flog. Die Katastrophe war perfekt.

«Ich hab ihn erst ein paar Tage», stammelte sie unglücklich. «So etwas hat er noch nie gemacht.»

Gebückt und den Hund am Halsband hinter sich herzerrend eilte sie zu ihrem Abteil. Sie wusste wohl, dass alle auf eine Entschuldigung warteten. Auf eine ihrer flotten Bemerkungen, mit denen sie in ihrer Sendung jede Peinlichkeit zu überbrücken vermochte. Aber ihr fiel nichts ein. Kein Kalauer und absolut gar nichts.

Sie schob den Hund die Treppe hoch und schaute, dass sie in ihrem Abteil verschwand.

SCHLAFWAGEN 302
ZÜRICH–THALWIL

Schade, Mettler hätte gern ein paar Worte mehr mit der attraktiven Moderatorin gewechselt, als Hundekenner ein paar gute Ratschläge gewusst, stattdessen hatte er sich mit einem dummen Witz blamiert.

Sie war kleiner, als er sie sich vorgestellt hatte. Das ­Gesicht war nicht ganz so makellos wie auf dem Bildschirm. Pausbacken, die nicht zu einer «femme fatale» passten, und ihr Umgang mit dem Hund, ihr Abgang waren alles ­andere als souverän. Sie roch gut. Nach Frühling und Limonen.

Die Abfahrt des Zuges nahm niemand wahr. Vor den Treppen in die beiden Stockwerke bildeten die Leute kleine Gruppen, und Mettler war wohl nicht der Einzige, der darauf wartete, dass die Rote sich noch einmal melden würde. Doch sie ließ sich Zeit.

Ein Glatzkopf mit Schnauz, der schon vorher von Abteil zu Abteil marschiert war, als wollte er sich einprägen, wer sich wo einquartierte, stellte sich vor den Aufgang zu ihrem Abteil, und zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, beide klein und breit, die zusammen reisten und immer etwas zu tuscheln hatten – Mettler hielt sie für Mutter und Tochter – sagten fast gleichzeitig und wie einstudiert:

«So schafft man sich Freunde.»

Jemand klatschte, die beiden kicherten wie Teenager, und der junge Mann mit dem Kind (dieser Schwendimann) dozierte wichtig:

«Hunde sollte man verbieten. Aufdringliche Hauptdarsteller, die zur Plage werden. Ganz abgesehen davon, dass einer oder eine, die einen Hund hat, eine zutiefst verunsicherte Person ist. – Aber ein Hund ersetzt keine Analyse. Im Gegenteil. Hunde sind der Grund für jede dritte Ehescheidung. Für sinkende Geburtenraten …»

«Einverstanden, aber ob Frau Wolf einen Hund hat oder nicht, kann uns doch egal sein», unterbrach der Glatzkopf seine Behauptungen.

«Genau. Ein Hund soll uns ablenken und weiter nichts», sagte die rosige Ringerin. «So ein Tier ist doch unschuldig.»

«Ach ja? Da fragen sie mal den jungen Mann, was er dazu sagt. – Ein Hund ist nicht berechenbar, nie, und darum ist ein Hund ohne Maulkorb ein Verstoß gegen die öffentliche Sicherheit», schwadronierte Schwendimann unbeirrt weiter und verlangte: «Wer einen Hund halten will, soll beweisen, dass er dazu auch in der Lage ist.»

Und seine Frau, die ihm das Kind aus dem Arm nahm, fügte hinzu:

«Stefan ist noch so klein, da kann ihm jeder Hund gefährlich werden.»

«Aber doch nicht ein junger Labrador», sagte der Blinde, der sich von seinem Schreck erholt hatte. «Nur keine Panik, ich bin okay.» Er tastete nach seinem Rucksack und sagte zum Schaffner: «Ich möchte, dass Sie mich jetzt in mein Abteil bringen.»

«So große Hunde sollten in einem Schlafwagen verboten sein. Tier bleibt Tier», versteifte sich Schwendimann. Der kleine Stefan fing an zu weinen, und die Mutter sagte empört:

«Ein Hund gehört in den Gepäckwagen und nicht hierher.»

«Bitte, meine Damen und Herren, bitte», versuchte der Schaffner das aufgebrachte Ehepaar zu beruhigen. «Ein etwas übermütiger Hund darf doch wohl mit Ihrer Toleranz rechnen.»

«So ist es. Wann er da Kommissar Rex wäre, tät man ihn eh lieb haben», mischte sich der Riese mit dem Handy ein. «Weil der tut ganz allanig di Verbrecher jagn …»

«Etwas mehr Anstand dürfte man aber schon erwarten», sagte die Tochter, die mit ihrer Mutter reiste, und die Blasse, die mit dem grobschlächtigen Mann unterwegs war, zischte spitz:

«Dass sich Frau Wolf einen Hund hält, kann ich verstehen. Immer unter Hyänen.»

Mettler schaute über die Geleise auf die Leuchtreklamen, die den Schienenstrang säumten. Alt vertraute Werbezeichen glitten vorbei, Logos, die er schon immer mit Zürich verband. Kam er an, erlösten sie ihn von seinem Heimweh, fuhr er weg, jubelte sein Fernweh.

Sie überholten einen gut besetzten Regionalzug, der so nah neben ihrem herfuhr, dass er die Menschen hinter den Fenstern sah. Dann bogen die Züge auseinander, der Regionalzug legte sich in eine Kurve, die Fenster kippten weg, kurz darauf nahm ihm ein Bahndamm die Sicht. Dass die Rote noch einmal auftauchte, hoffte er wohl vergeblich.

Der Schaffner schickte die Passagiere in ihre Abteile und bat sie, ihre Papiere bereitzuhalten. Auch Mettler ging in seine Kabine, doch dort begriff er den Schließmechanismus der Türe nicht, nicht auf Anhieb, und als er schließlich kapiert hatte, wie die in zwei Flügel aufgeteilte Türe zugeschoben werden musste, ließ er sie offen stehen, bis der Schaffner die Papiere holen würde.

Im Abteil unter ihm richtete sich das ungleiche Paar ein. «Claudia lass!», «Claudia pass auf», «Claudia nicht!» Doch den Mechanismus der Türe verstand auch der Fleckige nicht. Er holte den Schaffner, damit er ihnen erkläre, wie die Türe sich schließen, verriegeln und sichern lasse, und es brauchte mehr als nur ein paar Worte, bis er zufrieden war.

«Aber für das Türschloss haben Sie einen Schlüssel?

«Ja, die Drehverriegelung können wir entsichern. Im Notfall. Aber wenn die Schließstange vorgelegt wurde, können auch wir nicht mehr ins Abteil.»

«Wie das? Hörst du zu, Claudia?»

«Die Schließstange wird in das auf der Tür befestigte Gegenstück gedrückt, bis sie einschnappt. Zum Freigeben der Stange kann das Gegenstück zur Seite gedrückt werden. Sehen Sie, so! Aber das geht nur von innen. Von außen lässt sich die Tür nur gerade einen Spaltbreit öffnen. Danach ist Schluss.»

«Sie meinen, danach lässt sich die Tür nur noch mit Gewalt aufbrechen?»

«So ist es.»

«Und die Stange lässt sich nicht aushebeln? Zum Beispiel mit einem Messer?»

«Laszlo! Du tust ja gerade, als ob du einen Einbruch planen würdest.»

Der Schaffner lachte und verabschiedete sich.

Mettler hockte auf der Bettkante und legte die Papiere bereit. Ausweis, Fahrkarten, Zolldeklaration und die Frühstückswünsche.

Zu deklarieren hatte er nichts, ein Werbeblatt der Bahn (ein Bild des Orientexpress, dem eine Fotografie des Doppelstockschlafwagens unterlegt war) steckte er in den Abfallbehälter, und so großzügig, dass er sich lange damit aufzuhalten brauchte, war das Frühstücksangebot nicht. Vier Teile aus einer marginalen Auswahl. Ein bisschen ratlos markierte er Kaffee, Brot, Butter und Schinken. Vielleicht wäre Käse besser gewesen, aber nun waren die Kreuze schon gemacht.

Er schaute durch die verschmutzten Fenster, glaubte die Gebäude der «Roten Fabrik» zu erkennen, ein Backsteinbau, der im orangen Flutlicht der Straßenbeleuchtung aufglühte. Es war Jahre her, dass er dort die Konzerte einer damals als alternativ berühmten Kulturszene besucht hatte. Generationen. Nicht nur, dass er sich nicht mehr auskannte, er gehörte auch nicht mehr dazu. Das hatte man ihm in den vergangenen Tagen freundlich, aber deutlich zu verstehen gegeben. Selbst ehemalige Freunde wussten mit ihm nichts mehr anzufangen.

Die Rote ließ ihm keine Ruhe. Er legte seine Papiere auf den Waschtisch und ging noch einmal in den Flur hinunter.

Der Korridor war mittlerweile menschenleer. Offensichtlich hockten alle in ihren Zellen und füllten ihre Zettel aus. Die besten vier aus zwanzig, das war eine ernst zu nehmende Herausforderung.

Ohne etwas sehen zu können, schaute er aus dem Fenster. Entweder waren sie in einem Tunnel oder die Bahnböschung war so hoch, dass sie einer dunklen Wand gleichkam. Manchmal glaubte er, dass die Lichter hinter den Wagenfens­tern einzelne Büsche, einen Zaun oder ein Wiesenbord beleuchteten, aber sicher war er sich nicht.

Dann hörte er Schritte. Jemand kam auf ihn zu. Eine Frau. Er schloss die Augen und drehte sich um.

Es war die Schauspielerin.

Ohne den Kreis ihrer Verehrer wirkte sie ein wenig verloren. Oder lag es an der trüben Beleuchtung. Er glaubte sich zu erinnern, sie sei auf dem Bahnsteig fröhlicher gewesen, als sie jetzt auf ihn zukam. Ihre Blicke kreuzten sich. Er nickte freundlich, sie lächelte und sagte mit einer überraschend tiefen Stimme:

«Sie hätten nicht Lust, mich in den Speisewagen zu begleiten?»

SCHLAFWAGEN 302 – ABTEIL 13
THALWIL–ZIEGELBRÜCKE

«Die Fahrkarten, mein Pass, sein Impfausweis, die Zolldeklaration und …», sie zwinkerte dem Schlafwagenschaffner zu und strich eine ihrer roten Haarsträhnen aus dem Gesicht. «Frühstück wie immer. Lassen Sie mich ein bisschen länger schlafen.»

«Sie mögen unseren Kaffee nicht.»

Sie hielt mit einer Hand ihr rotes Haar zusammen, drehte es geschickt um den ausgestreckten Zeigefinger und zog es durch ein Gummiband, dann schüttelte sie ihren Pferdeschwanz und strahlte den Mann an.

«So stimmt das nicht. Aber in St.Pölten geweckt werden, um mit einem Kaffee durch den Morgen zu schaukeln, ist mir ein Graus. Da sind mir eine halbe Stunde Schlaf und ein Wiener Kaffeehaus lieber.»

«Das kann ich verstehen. – Was ist mit dem Hund?»

«Hören Sie bloß auf. Ein Theater …»

«Ich meine, wenn er raus muss. Soll ich ihn abholen und … Einmal um den Block?»

«Vielen Dank, ich hoffe nicht, dass das nötig wird. Aber sollte er unruhig werden, werde ich mich bei Ihnen melden.»

«Jederzeit. Lieber einmal zu früh als zu spät», grinste der Schaffner und verbeugte sich. «Eine gute Fahrt wünsche ich und viel Spaß.»

Sie nickte, und der Schlafwagenschaffner, ein immer gut gelaunter Österreicher, drückte die Türe zu. Sie mochte den Mann. Auf jeden Fall lieber als den Schweizer, mit dem er sich abwechselte und der nicht einmal ihre Sendung kannte.

Der Zug passierte den Bahnhof von Thalwil. Anzeigetafeln, Masten, ein Warteraum. Eine einsame Straße im Licht der Laternen, dunkle Häuserblocks, dazwischen sah sie kurz die schwarz glänzende Fläche des Sees. Sie schaute kaum hin, sie kannte die Kulisse.

Sie saß auf dem Bett, ihr Hund hockte vor ihr und wedelte mit dem Schwanz.

«Was ist denn jetzt schon wieder?»

Wie eine alte Jungfer, dachte sie, spricht mit ihrem Hund. Single und einsam. – Man hatte ihr gesagt, ein Labrador habe Charakter. Die Rasse würde nicht umsonst als Polizei- oder Blindenhund eingesetzt. Von wegen. Oder ihr Busoni war die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Ein aus der Art schlagender, überzüchteter Tölpel. Vielleicht war es auch ein Fehler, dass sie sich für einen jungen Hund entschieden hatte. Aber der Kleine war so süß und knuddelig, dass sie nicht widerstehen konnte. Was hätte sie denn machen sollen? Einen Hund aus dem Tierheim holen? Ein Tier, das schon verdorben war?

Sie riss eine Tüte mit Hundefutter auf, Huhn mit Gemüse, und drückte die glitschigen Brocken in den Fressnapf. Ein penetrant süßlicher Duft verbreitete sich, und sie hielt sich die Nase zu. Das Zeug stank ja wie ein Babyfurz.

Wenigstens fraß der Hund alles leer und leckte den Napf sauber. Danach scharrte er auf dem Teppichboden, drehte sich mehrmals im Kreis und ließ sich nieder.

Wie meistens nutzte sie die anderthalb Stunden vor Mitternacht, um ihre Fanpost zu erledigen. Sie hatte ihren Laptop und die Briefe dabei, und einen Papierkorb gab es auch.

Während das Gerät hochfuhr, begann sie ihre Post zu öffnen. Gratulationen, Musikwünsche, eine Empfehlung: «Weiter so!» Die meisten Briefe waren von Frauen.

«Liebe Frau Wolf, ich heiße Sandra Ackermann und bin ein Fan Ihrer Sendung. Ich schaue immer, aber mein Freund Ralf leider nicht. Dabei könnten wir so viel lernen, weil wir so viele Probleme haben. Gut finde ich auch, dass sie zwischen den Leuten Musik machen. Die Auswahl der Leute finde ich manchmal nicht so gut, weil sie so viel dazwischenreden, aber sonst finde ich alles gut, und ich wäre glücklich, wenn Sie mich auch einmal einladen würden. Ich grüße Sie sehr freundlich, Ihre Sandra Ackermann.»

Sie lud den Musterbrief und setzte Namen und Adresse ein.

«Liebe Sandra! Herzlichen Dank für Ihren Brief. Es freut mich, dass Sie zur ständig wachsenden Schar meiner Zuschauer gehören. Bald einmal sind es jeden Freitag mehrere Millionen, die ‹Blick ins Herz› verfolgen. Doch nicht die hohe Zahl der Zuschauer ist mir wichtig, sondern die wachsende Zustimmung derjenigen, die wie Sie, liebe Sandra Ackermann, unsere Arbeit schätzen. Wir sind überzeugt, dass die Möglichkeit, offen über Partnerschaft und Beziehung zu sprechen und ohne Tabus auch heikle Themen anzugehen, für uns alle immer wichtiger wird. Dies und die Qualität von ‹Blick ins Herz› wird immer Ziel meiner Sendung sein. Mit herzlichen Grüssen, Ihre Dorin Wolf.»

Auf Sandra folgten eine Erika Lehmann, wahrscheinlich eine Schülerin, eine Agnes, eine Frau Fröhlich, die Schwestern Gina und Julia, noch einmal eine Sandra, dann, in einem dunkelroten Umschlag, der Liebesbrief eines bodygestählten Mike Meierhofer. – Das Foto des ölglänzenden Schwarzenegger-Verschnitts in einem leicht verrutschten Tangaslip wurde gleich mitgeliefert. – Er versprach, sie für immer auf Händen zu tragen. Die Kraft dafür schien er ja zu haben. Mit krakeligen Buchstaben versicherte er, dass sie die Frau seiner Träume sei, und verlangte, dass sie ihn anrief, um ein Date auszuhandeln. Sie zerriss Bild und Brief und warf sie in den Abfallbehälter. Schade um das schöne Foto, aber derart eindeutige Angebote beantwortete sie nicht.

In Interviews wurde sie immer wieder gefragt, warum sie nicht in einer festen Beziehung lebe. Meistens ging sie gar nicht darauf ein oder versuchte, einen Witz zu machen. Obwohl ihre Sendung von verwandelten Prinzen lebe, habe sich ihr noch kein Froschkönig empfohlen oder sonst ein Blödsinn, den niemand verstand und der sich nicht verwerten ließ.

Leute wie ihre Eltern, ihr Redakteur warfen ihr deswegen Hochmut vor. Sie werde einmal wirklich einsam und allein sein und einem der Verschmähten nachtrauern. Sorgen hatten die Leute.

Das hieß ja nicht, dass sie kein Sexualleben hatte und ihre Nächte als prüde Jungfer verbrachte. Ihre «one night stands» fanden nicht selten hier im Zug statt. Irgendwo zwischen Innsbruck und St.Pölten. Alleinreisende Männer gab es genug. Die Spielregeln mussten klar sein, und spätestens in St.Pölten hatten ihre Besucher wieder zu verschwinden. Nach dem Akt wurde es in dem schmalen Bett sowieso ungemütlich. Meistens gingen sie nachher noch einmal in den Speisewagen, wo sie sich bei einem Glas Wein voneinander verabschiedeten. Dem Schafwagenschaffner spendierte sie ein Trinkgeld. Manchmal. Um sicher zu sein, dass er den Mund hielt. Aber eigentlich war das ihre Sache. Es ging niemanden etwas an, mit wem sie ihr Abteil teilte, und zur Regel wurde es nicht. Im Gegenteil. Es mussten zu viele Dinge stimmen, und gerade reich gesät waren die Typen nicht, die für sie in Frage kamen.

Mit Busoni im Abteil dürfte sich die Zahl möglicher Kandidaten erneut verringern. Da mochte sich einer noch so gut mit Hunden auskennen, aber die Vorstellung, dass der Hund ihnen zuschauen könnte, fand sie obszön.

Der Zug verlangsamte seine Geschwindigkeit. Er schlich die Lichter einer Baustelle entlang, Männer in gelben Helmen glitten vorbei, ein grell gestreiftes Absperrband wellte auf und nieder, sie hörte das Dröhnen eines Kompressors. Sie befanden sich mittlerweile am oberen Ende des Sees. Die orange beleuchtete Schlossanlage von Rapperswil spiegelte sich im glatten Wasser. Ein vertrautes und schönes Bild, und für den Bruchteil eines Augenblicks flog ihr durch den Kopf, dass sie gern hier lebte.

Busoni japste, zog die Lefzen hoch, die ganze Schnauze zitterte, dann ein kurzes Blinzeln, er schluckte seinen Speichel und schlief weiter.

Sie riss einen weiteren Umschlag auf und zog den Brief heraus, ein billiges Papier, «der Umwelt zuliebe» grau und sperrig.

«Klemmfutz! Willkommen zur letzten Fahrt.»

SPEISEWAGEN
THALWIL–WALENSTADT

Er zeigte auf einen Vierertisch ohne Aschenbecher, obwohl er seine Pfeife bei sich hatte.

«Sie sind Nichtraucher», bemerkte seine Begleiterin erfreut, und er nickte.

«Pfeife. Ich kann gut und gern darauf verzichten.»

So kurz hinter Zürich war der Speisewagen noch fast leer. An einem Tisch gleich hinter der Küche saßen drei Männer bei einem Bier.

Sie rutschte über die Sitzbank ans Fenster, schüttelte sich, als ob sie friere und rieb sich die Hände. Dann stützte sie die Arme auf den Tisch und fragte:

«Überrumpelt?»

Er lächelte schwach und wunderte sich erneut über ihre tiefe Stimme.

«Ich heiße Melitta Strauß», stellte sie sich vor, «und finde es fad, allein im Speisewagen zu sitzen. Vor allem später, wenn die Biertrinker aus der zweiten Klasse eintrudeln. – Ich lebe in Wien, habe die letzten Wochen in Zürich gearbeitet …»

«Im Theater?»

«Ja. Woher wissen Sie das.»

«Eine Vermutung. Die Leute, die Sie begleiteten, ich hielt sie für Schauspieler …»

«Ja, das stimmt.»

«Sie sind Schauspielerin?»

«Nein, ich nicht. Ich habe für ihr Theater ein Stück geschrieben. – Aber bevor Sie mir alle meine Geheimnisse entlocken, darf ich vielleicht Ihren Namen erfahren?»

Er lachte entschuldigend und sagte:

«Mettler, Jürg Mettler.»

Er zögerte und kam über die paar Silben nicht hinaus. Was konnte einer von sich sagen, der weder Titel noch Beruf hatte und ohne Arbeit war. Fast wünschte er sich, noch bei der Polizei zu sein. – «Kommissar Mettler, Kriminalpolizei Zürich.» – Das hätte immerhin zur ihrer tiefen Stimme gepasst.

Zum Glück kam der Kellner mit den Speisekarten. Er empfahl ihnen ein Nudelgericht und brachte eine Flasche Zweigelt, einen österreichischen Rotwein, zu dem Mettler sich überreden ließ, obwohl er sich vorgenommen hatte, keinen Alkohol zu trinken.

Am Zweiertisch ihnen schräg gegenüber nahmen zwei weitere Gäste aus dem Schlafwagen Platz, der Sikh und seine Begleiterin. Er hatte sie für ein Paar gehalten, nun war er sich nicht mehr sicher. Auf jeden Fall besaß die Frau die größere Reiseerfahrung, sie betreute ihn. Sie fragte den Kellner nach einer Speisekarte in englischer Sprache, sie bestellte die Getränke, sie schaute sich neugierig nach allen Seiten um, und sie nickte Frau Strauß zu, als seien sie alte Bekannte. Der Mann schwieg und lächelte oder fummelte an seinem Turban, der nicht richtig zu sitzen schien.

«Mehr als Ihren Namen verraten Sie mir nicht?», nahm Frau Strauß den Faden wieder auf. «Warum fahren Sie nach Wien?»

«Ich besuche meinen Sohn. Er arbeitet in Wien, in einem Hotel. Ich, ich habe ihm eine traurige Nachricht zu überbringen. Seine Mutter …»

Er verstummte. Warum sollte er einer Frau, die sich allein im Speisewagen langweilte, erzählen, dass Alice gestorben war. Dass er Haus und Hof verloren und ohne Arbeit war. Die große Jammertour.

«Seine Mutter und ich leben getrennt», versuchte er den drohenden Einbruch ihres Tischgesprächs abzuwenden. «Noch nicht sehr lange. – Eine der üblichen Geschichten», sagte er rasch und um weiteren Fragen zuvorzukommen: «Erzählen Sie mir von Ihrem Theaterstück. War es ein Erfolg?»

«Ich bin zufrieden. Wir wurden nicht ausgepfiffen und die Kritiken waren gut, bis auf die eine schlechte, die einen dann so wurmt. «Das Stück treibt an der Oberfläche, ohne Pointen, ist banal und trifft das an sich wichtige Thema nicht.» Und schon hält man diese eine für die wichtigste und die Lobreden der anderen für oberflächlich. – Doch das ist wohl mehr ein persönliches Problem.»

«Wie meinen Sie das?»

«Man weiß selbst am besten, woran man mit einer Arbeit ist», sagte sie finster, und ihre Augen bohrten sich in die seinen.

«Der Erfolg gibt einem Recht.»

«O nein. Dem Erfolg darf man nicht trauen. Was alle bejubeln, tut niemandem weh. – Na ja, so simpel ist es nicht, und schon gar keine Entschuldigung für den eigenen Schiffbruch …»

«Den Sie ja nicht erlitten haben.»

«Richtig, vielen Dank. – Sehen Sie, kaum fragt mich jemand, nach meinem Erfolg, glaube ich, dass es, weil es einer war, wohl kein wirklicher gewesen sein kann. – Das meine ich mit persönlichem Problem.»

«Mit der Bratwurst in den Kaffee tunken», sagte er augenzwinkernd.

Sie lachte und schüttelte irritiert den Kopf. Doch bevor sie fragen konnte, was er denn mit seiner rätselhaften Bemerkung gemeint haben könnte, servierte ihnen der Kellner die Speisen.

Das Nudelgericht war eine fade Angelegenheit. Eine Mischung aus verkochten Teigwaren, Gemüse, ein paar Stückchen Huhn und einzelnen Blättchen hauchdünn geschnittenen Schinkens.

Sie waren mittlerweile eine halbe Stunde unterwegs (er glaubte, jenseits des Sees die Lichter von Rapperswil zu erkennen), und die Tische im Speisewagen waren fast alle besetzt.

Ihnen gegenüber hatten Laszlo und Claudia Platz genommen. Er las ihr die Speisekarte vor und gab Ratschläge und merkte nicht, dass sie sich entweder längst entschieden hatte oder gar nichts mehr essen wollte. Etwas weiter entfernt entdeckte er die Mollige. Sie las in einem Buch, und wenn er sich nicht täuschte, dann war es «Mord im Orientexpress». Das war wohl die Bahnfahrer-Standardlektüre.

Frau Strauß aß mit sichtbarem Vergnügen. Sie kaute und malmte die einzelnen Bissen kraftvoll und mit einer Ausdauer, die ihn unwillkürlich an einen Wiederkäuer denken ließ. Die stoische Gelassenheit einer Kuh. Die Augen seltsam abwesend. Es war lange her, dass er jemandem so interessiert beim Essen zugeschaut hatte, und leicht erstaunt stellte er fest, dass er sich nicht erinnern konnte, wie Alice gegessen hatte.

«Sie essen wie ein Fuchs», sagte Frau Strauß nach einem Schluck Wein, «beschnüffeln und zuschnappen.»

«Es ist Hühnerfleisch dabei. Es fliegt zwar nicht mehr davon, aber …»

«Ich zermalme alles wie eine Kuh.»

Er nickte unwillkürlich, und sie lachte und wischte sich den Mund ab. Gleich würde sie das Thema wechseln, und um all ihren Fragen zuvorzukommen, sagte er:

«Sie haben mir noch gar nichts von Ihrem Stück erzählt.»

Sie kicherte begeistert, wühlte in ihrer Tasche, verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.

«Ich habe geglaubt, ich habe noch ein Programmheft. Nun müssen Sie ohne Illustration auskommen. – Also. Aber wenn ich Sie langweile, müssen Sie es sagen.» Sie beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf. «Es geht um die Priester der Information. Ihre Kanzeln stehen in jeder Stube. Das Fernsehen – unsere moralische Anstalt.» Ihre Augen schlugen einen Salto. «Kirche, Elternhaus, Schule. – Tempi passati. Was wahr ist, was gut, gerecht, weise, was liebenswert ist, das teilen uns die Leute vom Fernsehen mit.» Ihr Blick durchbohrte ihn. «Und wir? Wir glauben, was wir sehen. Noch die dümmste Tussi wird zur Wetterfee.»

Ihre Stimme dröhnte.

Er hörte ihr zu und dachte an die Moderatorin. Ob die Dramatikerin die Wolf auch zu den Priesterinnen der Information zählte?

«Fernsehen macht dumm, glaubten meine Eltern», sagte sie viel zu laut, als hätte er etwas anderes behauptet. «Fernsehen macht kaputt. Als Erstes die Augen. Nicht das Organ, auch, aber viel schlimmer ist der Betrug, dem unser Schauen ausgeliefert wird.» Sie fixierte ihn, um wieder ein bisschen ruhiger fortzufahren. «Unsere Gefühle werden durch Bilder geprägt, vor allem unser Sicherheitsempfinden. Alles, was einer im Laufe eines Lebens sieht, wird vom Gehirn gehortet, verglichen und geordnet, und genau hier liegt das Problem. Als Speicher ist unser Gehirn phänomenal, praktisch unbeschränkt, aber es ist träge –, die Masse Mensch ist träge – und darum können unsere grauen Zellen so leicht überlistet werden. Sie lassen sich täuschen. Sie glauben, anstatt zu denken. Und schon haben wir den Salat.» Sie lehnte sich zurück und riss die Augen auf. «Über Jahrtausende entwickelte Vorsicht wird durch die Folgenlosigkeit konsumierter Fernsehbilder gestürzt und macht unser Sicherheitssystem kaputt. Sinnsprüche, Rätsel, Weisheiten verlieren ihre Gültigkeit.»

Er verstand nicht, was das mit einem Theaterstück zu tun haben sollte, ihre Ansichten teilte er nicht. Auch Bilder logen, zeigten eine Oberfläche, waren subjektiv. Das war doch schon immer so.

«Wie schade, jetzt habe ich Sie erschreckt. Sie sollten Ihr Gesicht sehen», spottete die Strauß. «Aber Sie haben natürlich Recht. Ich verheddere mich immer in der Einleitung, anstatt zur Sache zu kommen.»

«Ich nehme einmal an, es war wichtig», sagte er unhöflicher als beabsichtigt.

«Der Rest ist schnell erzählt, und Sie haben es überstanden», sagte sie, die seine Verstimmung wohl längst bemerkt hatte, und zwinkerte ihm zu. «Die Hauptrolle des Stücks ist eine junge Fernsehmoderatorin. Sie bringt mit, was von ihr erwartet wird. Gutes Aussehen, Stimme. Eine Topfrau. Ihre Show wird als Livesendung verkauft. Die Probleme von ­Paaren: unfreiwilliger Kindersegen, zu kleiner Busen und zu dicker Hintern – Alles Lug und Trug. Nichts ist live. Die Paare sind Schauspieler, die Szenen einstudiert, das Publikum instruiert. Wann klatschen, wo lachen. Selbst die schöne Moderatorin ist eine Fälschung.»

«Haben Sie für Ihre Moderatorin ein Vorbild?», fragte er scheinheilig und dachte erneut an die Rote.

«Nein, es geht ja nicht darum, jemanden bloßzustellen. – Auf der Bühne wird nun gezeigt, wie eine solche Sendung entsteht. Die Moderatorin selbst ist eine dumme Gans. Eitel, überkandidelt und unkollegial. – Nun, nachdem die Zuschauer gemerkt haben, dass die Sendungen getürkt werden, wird die Situation auf den Kopf gestellt. Echte Leute, echte Probleme, live. Alle wissen es, nur die Moderatorin nicht. Die Rache ihrer Kollegen. – Die Moderatorin versagt, und die Sendung muss abgebrochen werden. – Wir im Theater spielen freilich auch damit, dass unsere Geschichte auf einer Bühne spielt, also ebenfalls nur Fiktion ist.»

Sie lehnte sich zurück, schwieg und lächelte. Er verstand überhaupt nichts mehr. Was sie ihm erzählt hatte, hielt er für eine Komödie, welche die engagierte Einleitung kaum erklärte. Überdies schien ihm der Schluss zu fehlen.

«Und?», fragte er vorsichtig.

«Und? – Und nichts. Fertig!» Sie lachte, musterte ihn amüsiert und sagte: «Ich glaube, da bin ich eben durchgefallen.»

Er schüttelte den Kopf und war doch froh, dass eine Stimme hinter ihm fragte:

«Ist der Platz noch frei?»

SPEISEWAGEN
WALENSTADT–BUCHS (GRENZBAHNHOF)

Es waren die einzigen freien Plätze. Der Skilehrer drehte sich überrascht nach ihr um, für den Bruchteil eines Augenblicks funkelten seine Augen, er nickte ihr zu und rückte zur Seite. Die Strauß schaute eisig. Dorin Wolf kannte die Frau. Eine Journalistin, die sich seit kurzem als Dramatikerin versuchte.

Sie setzte sich neben den Mann und kramte in ihrer Tasche nach Lighter und Zigaretten.

«Das ist ein Nichtrauchertisch», beschwerte sich die Theaterfrau.

«Oh, Entschuldigung. Stört es Sie?»

Der Skilehrer schüttelte den Kopf und grinste, Dorin Wolf schob eine Kerze zwischen die beiden und sagte:

«Ihnen bin ich sowieso noch ein ‹Dankeschön› schuldig.»

Die Strauß wurde ganz grün im Gesicht, er lachte affig, gleich würde er der Dramatikerin die saudumme Hundegeschichte erzählen. Doch bevor er ihre Bekanntschaft als flüchtige Begegnung verunglimpfte – die Strauß sollte ruhig im Ungewissen bleiben, ihre Eifersucht war ja unübersehbar – nickte sie der Dramatikerin freundlich zu und säuselte:

«Wir kennen uns, wenn auch nur vom Hörensagen. Sie sind Melitta Strauß. Mein Name ist Wolf, Dorin Wolf. – Sie hatten letzte Woche Premiere.»

Die Strauß nickte nur, drehte den Kopf zum Fenster und trank Kaffee. Wahrscheinlich fragte sie sich, ob sie ihr Stück gesehen hatte, vielleicht sogar in der Premiere war. Die Begegnung war ihr unangenehm. Vorsichtig ausgedrückt.

Sie bestellte ein Bier und einen Tomatensalat, lehnte sich zurück und schaute sich um.

An einem Zweiertisch neben dem Eingang saß das Rentnerpaar aus dem Schlafwagen, ein paar Tische weiter löffelte ein Mann mit Turban eine Gulaschsuppe. Am übernächsten Tisch hockten drei Männer beim Bier. Ihr schräg gegenüber kümmerte sich ein scheckiger Klotz etwas übereifrig um eine durchsichtige Spinnenfrau. Wie ein Mörder sah niemand aus.

Als ob sie das beurteilen könnte. Als ob Mörder wie Mörder aussehen würden.

Es war ein Fehler, hierher zu kommen. In ihrem Abteil wäre sie sicherer gewesen. Aber sie hielt es nicht mehr aus. Mit dem Brief, immer das hässliche Schimpfwort vor Augen. Sie musste unter Leute. Und wenn ihr Mörder genau das beabsichtigt hatte? Dass sie ihr Versteck verließ und in den Speisewagen flüchtete. Dann brauchte er nur hier auf sie zu warten. Wenn sie dann wieder zurück in ihr Abteil wollte, würde er ihr folgen, sie in eine Toilette drängen oder in die Nacht hinausschleudern. Er könnte sie erwürgen, irgendwo zwischen den Waggons, wo jeder Schrei vom Rattern der Räder zugedeckt würde.

Was für ein Unsinn. Ein Mord im Zug. Wieso sollte sie jemand ausgerechnet im Zug töten wollen? Das dürfte doch ziemlich schwierig sein.

Und wenn sie Recht hatte? Dann war sie ihrem Mörder direkt in die Arme gelaufen. Dann saß er irgendwo hier im Speisewagen, vielleicht sogar neben ihr. Der Skilehrer. Die Strauß. Sie war vor niemandem sicher.

Die Dramatikerin versuchte, ihr Gespräch mit dem Skilehrer fortzusetzen, als seien sie nicht gestört worden. Aber ihr beleidigter Grummelbass verriet ihre Verstimmung. Der Typ gab sich redlich Mühe, sie wieder aufzubauen, und schmierte kräftig Butter aufs Brot. Er fände ihren Einfall witzig und spannend. – Aha! Die beiden quatschten über das jüngste Opus der Wienerin.

Sie hatte es nicht gesehen, aber die Kritiken gelesen, und im Fernsehen war es mindestens zwei Tage lang das Kantinenthema «Number one». Praktisch alle hatten sich aufgeregt, gesehen hatte es niemand, außer die paar Kulturfritzen, die jeweils vom Sender zur Vorpremiere geschickt wurden.

Sie steckte sich eine weitere Zigarette an, beugte sich leicht vor und sagte:

«Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische. Sie sprechen über Ihr neues Stück. – Darf ich Sie etwas fragen?»

Die Strauß nickte und verdrehte die Augen. Der Skiläufer rutschte zum Fenster, setzte sich quer, damit er sie besser sehen konnte.

«Haben Sie mit Ihrer Tussi eigentlich mich gemeint?»

Das saß. Die Strauß schaute so blöd, dass sie sich ein feines Grinsen nicht verkneifen konnte. Wahrscheinlich sauste deren Stimme mittlerweile unter hundert Hertz. – Kartoffel, Kartoffel. – Doch dann lehnte sie sich zurück und spielte die Masche: cool, immer schön cool bleiben. Was ihr aber nicht gelang. Ihre Hände auf dem Tisch, so verkrampft wie die waren und das Zuckerbeutelchen zerfetzten. Endlich antwortete sie:

«Ich kenne Ihre Sendung nicht.»

Das Grummeln eines Elefanten.

«Das wäre aber vielleicht ganz gut gewesen», sang sie. «Ich meine, ich finde es ausgesprochen unfair, uns derart in die Pfanne zu hauen, ohne sich die Mühe zu nehmen, sich unsere Sendungen wenigstens anzuschauen.»

«Ihre Sendung ist doch nicht die einzige in der Art. Die Talkshow in meiner Komödie ist kein Abbild einer bestehenden Sendung, sondern steht stellvertretend für eine bestimmte Haltung …»

«Der Sie unterstellen, dass sie unseriös ist, sich nur an Quoten orientiert und das Publikum für eine stetig wachsende Masse von Vollidioten hält. Und Ihre Moderatorin ist ein eitles, dummes Ding mit gestylter Visage und hüpfenden Silikonbrüsten.»

«Waren Sie in der Premiere?»

«Nein, aber so stand es in der Kritik …»

«Und deren Urteil übernehmen Sie, ohne sich die Mühe zu nehmen, sich mein Stück wenigstens anzuschauen.»

Der Kellner mit dem Tomatensalat kam gerade richtig. Er hatte sie erkannt und teilte ihr mit, dass sich das Team des Speisewagens freue, sie als Gast bei sich zu haben. Sie alle seien von ihrer Sendung begeistert. Das nannte man Glück. Auf jeden Fall zerbröselte das triumphierende Feixen der Strauß auf der Stelle.

Sie drückte die Zigarette aus, warf den Kopf in den Nacken, strich die Haare aus dem Gesicht und sagte leise:

«Sie können mich nicht beleidigen. Sie haben es in Ihrem Stück versucht, und es ist Ihnen misslungen. Wir begegnen uns, zufällig, und Sie versuchen es erneut. – Wenn das Ihre Antwort auf meine Frage ist, so weiß ich Bescheid.»

Dann beugte sie sich über den Tomatensalat und aß. Sie saß und aß. Ja. Sie aß ihren Tomatensalat. Was gesagt werden musste, wurde gesagt, hinzuzufügen hatte sie nichts.

Die Dramatikerin schwieg ebenfalls, ein raffiniertes Biest, dafür meldete sich der Skilehrer:

«Ich bin kein Experte, aber … Die vielen Programme, diese Masse an Filmen, Nachrichten, Magazine … Nach zwei Stunden brummt mir der Kopf, als wäre er ein Hornissennest. – Aber Erkenntnisse? Keine.»

Oh Gott! Kam er vom Mond, oder hatte er den Sinn einer Fernbedienung nicht begriffen?

«Das Fernsehen bietet eine Dienstleistung», klärte sie den Skilehrer auf und fischte eine Zigarette, die letzte, aus der Packung.

«Schön wärs», meldete sich endlich der weibliche Nikolaus. «Im Wettlauf um die Gunst des Publikums verkauft man als Wahrheit, worüber sich nur spekulieren lässt. Wenn eine Meldung nichts hergibt, wird sie mit Bildern auf­gepeppt, und wenn überhaupt nichts mehr zieht, so ist man wenigstens live dabei. Es geht immer nur darum, den Zuschauer bei Laune zu halten. Ein Zweck, der jedes Mittel heiligt.»

«Huch! Aus der Steinzeit des elektronischen Zeitalters. Das Fernsehen als verkörperte Unmoral.»

«Ich werde nicht gerne angelogen, und die Vorspiegelung falscher Tatsachen stößt mich ab.»

«Oieueu», seufzte sie und blies Zigarettenrauch über den Tisch. «Was wird Ihnen denn in einer Sendung wie der meinigen an falschen Tatsachen vorgespiegelt?»

«Alles. Ihre Kandidaten sind nicht echt, die Fälle erfunden und aufgebauscht, Ihre Experten getürkt und Ihre Ratschläge, ich bitte Sie, das glauben Sie doch selbst nicht.»

«So, und warum nicht?», sagte sie lauter als beabsichtigt.

«Psychologie, erstes Semester.»

«A ja. Aber Sie und Ihr Theater, da hat man die Weisheit mit Löffeln gefressen.»

«Auf jeden Fall verschluckt man sich nicht an Quoten», sagte die Strauß und lachte. Lauthals und mit offenem Mund. Der Grobian vom Nebentisch feixte ebenfalls. Offensichtlich genoss ihr Streit mittlerweile die Aufmerksamkeit des halben Speisewagens.

Die Reihe makelloser Zähne schockierte sie. Eine dieser blöden Nichtraucherinnen. Auch auf ein Make-up schien die Theatertussi verzichten zu können. Aber jung war sie nicht mehr. Die Falten am Hals, vierzig musste sie längst gewesen sein.

«Ich weiß nicht, was Sie so komisch finden», sagte sie ­bissig. «Was Sie uns vorwerfen, wissen wir selbst am besten. Was Sie aufdecken, ist unseren Zuschauern bekannt. Die können nämlich durchaus unterscheiden zwischen einer Unterhaltungskiste und Information. Die wissen, wo und wann eine Diskussion stattfindet, was live ist und was Theater.»

«Bravo!», sagte jemand hinter ihr, und ein paar Leute klatschten. Die Strauß legte ihre Geldbörse auf den Tisch und winkte dem Kellner.

«Vielen Dank für Ihre Belehrung.»

Sie bezahlte ihre Rechnung, rutschte über die Bank in den Flur, winkte dem Skilehrer ein letztes Adieu zu und rauschte ab. Ein fast geglückter Abgang.

Pech war nur, dass der Zug in den Bahnhof von Sargans einfuhr. Er schlenkerte über Weichen, und die Dramatikerin verlor das Gleichgewicht. Sie taumelte gegen einen Mann, den sie in ihrem Energieschub nicht bemerkt hatte, obwohl er in seiner rot karierten Jacke eigentlich unübersehbar war.

Wie sie sich an sein Revers klammerte. Peinlich, peinlich.

Der Typ, nicht eben ein Ausbund an Höflichkeit, schüttelte sie ab und drängte an ihr vorbei, und sie, ohne sich ein weiteres Mal nach dem Skilehrer umzusehen, schwankte mit gesenktem Kopf hinter ihrem Torero her.

«Ich hoffe, Sie werden mir nicht ebenfalls davonlaufen», scherzte die Wolf und wechselte den Platz. «Warum glauben eigentlich immer alle Leute, sie könnten mit mir über nichts anderes als das Fernsehen reden?»

Der Skilehrer starrte sie entgeistert an, traf aber keine Anstalten, der Strauß nachzueilen. Als er ihren Hund gekrault hatte, hatte er jünger ausgesehen. Der breite Mund hatte etwas Verkniffenes. Die Augen waren jung geblieben. Lachfältchen. Kein Fett, weder Pausbacken noch Doppelkinn. Wenn er doch eher gegen die fünfzig ging, so hatte er sich zumindest gut gehalten. Verblüffend war seine gebräunte Haut, selbst seine Handrücken waren braun. Wenn er ein Bräunungsstudio besuchte, musste es ein gutes sein.

Der Aufenthalt in Sargans war kurz. Der Zug rollte bereits wieder an, vor ihrem Fenster zog der leere Bahnsteig vorbei, und wie immer, wenn der Zug Sargans hinter sich ließ, hatte sie für einen Augenblick das Gefühl, sie würden in die verkehrte Richtung fahren. Sie beugte sich zum Fenster, spähte nach der Silhouette des Schlosses und sah sie nicht. Entweder war die Fassadenbeleuchtung bereits abgeschaltet worden, oder das Schloss war tatsächlich nicht zu sehen.

In den Fensterscheiben spiegelte sich die Inneneinrichtung des Speisewagens – und ihr Gesicht. Milchig, farblos und durchsichtig, die Maske einer Toten.

Schlagartig packte sie ihre alte Angst. Als würden ihre Mörder aus dem Schatten der schwarzen Berghänge kriechen, sich an den Waggons festsaugen, kopfüber vom Dach baumeln und ihr durch das Fenster ins Gesicht springen. Sie sah den Brief vor sich, die hässliche Zeile im schlenkernden Tanz des Zuges.

Sie wünschte, sie könnte sich dem Mann ihr gegenüber anvertrauen, besäße jemanden, der zumindest wüsste, dass man sie bedroht. Sie möchte eine Hand auf seinen Arm legen, nicht mehr länger allein sein, darüber reden, wie ernst sie die Drohung zu nehmen hatte.

Es ging ihr, verdammt noch mal, ziemlich beschissen.

«Sie haben den Hund noch nicht sehr lange?», sagte der Skilehrer vorsichtig, offensichtlich darum bemüht, ein unverfängliches Gesprächsthema anzusteuern.

«Nein. Nein, das ist mein erster Hund, und ich weiß auch nicht …»

Sollte sie ihrem Visavis sagen, weshalb sie sich einen Hund zugelegt hatte? Nein. Er sollte sie zurück zu ihrem Abteil begleiten, vielleicht bat sie ihn zu bleiben, vielleicht. Wenn einer sich einmal zum Beschützer ernannt glaubte, maßte er sich eine Dominanz an, die ihr alle Kerle zuwider machte. Abgesehen davon sah er durchaus danach aus, als ob er einen Platz für seine Zahnbürste suchen würde.

«Was wissen Sie nicht?», fuhr der Typ den Bagger auf.

«Wer Sie sind, wie Sie heißen, und was, außer Hunde bändigen, Sie sonst noch können?»

Er lachte und stellte sich vor. Jürg Mettler. Ein Vorname aus dem letzten Jahrhundert. Gut, so lange lag das nun auch wieder nicht zurück, trotzdem, wieso nannte er sich nicht Georg. – Jürg würg. – Selbst Schorschiboy hätte besser geklungen.

Dann, kaum hatte er seinen Namen gesagt, wollte er vom Fernsehen quatschen. Auch nicht besser als alle andern. Dass er eine ihrer Sendungen gesehen habe und dass er … Sie schnitt ihm das Wort ab und sagte, kurz vor Mitternacht sei sie definitiv nicht mehr im Dienst, über ihre Sendungen könne er morgen früh wieder mit ihr reden. Er nickte brav und verstummte. So war das ja nun auch nicht gemeint. Aber vielleicht grübelte er bereits über ihr verstecktes Angebot. Sie musste ihn an ihre ursprüngliche Frage erinnern. Er beugte sich leicht vor und sagte ziemlich leise:

«Ich war bei der Polizei. War Privatdetektiv. Wahrscheinlich bin ich es schon bald wieder.»

Das wäre ja dann ein Volltreffer gewesen, wenn seine Antwort auch reichlich sibyllinisch klang.

«Vor gut zehn Jahren bin ich als Privatdetektiv nach Afrika gefahren. Dort habe ich mich, anstatt meinen Fall zu lösen, verliebt und ein Hotel gekauft …»

O je, eine Lebensbeichte, zumindest hörte es sich so an. Gleich alle Klammern auf. Immerhin nicht allzu gewöhnlich. Detektiv, Afrika, Liebe, Hotel, das war doch gleich eine ganze Reihe von Stichworten, auf die sie bei ihren Studiogästen meist vergeblich hoffte. Vielleicht müsste sie Schorschi einmal zu einer Sendung einladen. Auf jeden Fall kam ihr Skilehrer ganz schön in Fahrt.

Aber er besaß eine angenehme Stimme und schwatzte flüssiger und nicht ganz so doof drauflos wie vorhin, als er glaubte, der Strauß nach dem Maul reden zu müssen, sie hörte ihm gerne zu. Er unterhielt sie. Er verstand es sogar, den Monolog zu vermeiden, baute Fragen ein und gab ihr die Möglichkeit, Stellung zu nehmen. Fast hätte man glauben können, sie sprächen miteinander. Aber sie spielte die Bälle immer gleich wieder zurück. Sie zog es vor, ihm zuzuschauen. Als säße sie in einem Stummfilm, oder einem Streifen in einer fremden Sprache. Überdies entwickelte Schorschi schauspielerisches Talent. Er begleitete seine Worte mit Gesten, dann skizzierte er auf einer Serviette den Flickenteppich afrikanischer Staaten oder imitierte einige der Hauptpersonen, die seinen Lebensweg gekreuzt hatten. Eine Zeit lang hielt er sich beim Sprechen sogar die Nase zu. Er war ­witzig.

Vieles verstand sie allerdings nicht, und den Faden hatte sie längst verloren. Einmal wohnte er am Meer, dann in der Hauptstadt, oder im Urwald, bald besaß er ein Hotel, dann gehörte es seiner Frau; schließlich hätte sie nicht einmal mehr sagen können, in welchem Land der Mann denn nun gelebt hatte. Doch wenn er seine Rede unterbrach und sie fragte, ob er sie mit seiner Geschichte nicht langweile, schüttelte sie den Kopf und bat ihn, zu Ende zu erzählen. Alles war besser, als zurück ins Abteil zu ihrem Hund zu müssen.

Vor Buchs leerte sich der Speisewagen. Offensichtlich glaubten viele, sie müssten während der Grenzkontrollen in der Nähe ihres Gepäcks sein. Dann stand der Zug an die zehn Minuten. Die Schweizer Lokomotive wurde ausgewechselt. Vor den Fenstern schlenderte ein Bahnbeamter vorbei, der mit einer Eisenstange gegen die Räder schlug.

Die theatralischen Schilderungen Schorschis kamen ihr nun, da die Geräusche des Zuges ihr Gespräch nicht mehr übertönten, etwas aufdringlich vor. Kam hinzu, dass der Mann in der roten Jacke wieder in den Speisewagen kam und sich an einen Tisch in ihrer Nähe setzte. Viel zu laut bestellte er sich einen «Bündnerteller». Vielleicht hatte er noch das Dröhnen des Zuges im Ohr, doch das störte sie nicht, schlimmer war, dass er, während er auf sein Trockenfleisch wartete, Lust auf ein Schwätzchen zu bekommen schien. Auf jeden Fall sah sie ihm an, wie er die Ohren spitzte und ihr Gespräch belauschte.

Sie konnte es verstehen. Er reiste allein und langweilte sich, aber auf eine Ausdehnung ihres Gesprächs hatte sie nun wirklich keine Lust. Dass sich da einer einklinkte, vielleicht, weil er auch einmal in Afrika gewesen war oder weil er sie vom Fernsehen kannte.

Sie wollte ins Bett. Ob mit oder ohne wusste sie immer noch nicht, aber allein zurücklassen wollte sie ihren Schutzengel auf keinen Fall. Sie winkte dem Kellner, verlangte die Rechnung, und noch bevor sich Schorschiboy überhaupt zur Wehr setzen konnte, hatte sie alles bezahlt.

SCHLAFWAGEN 302 – ABTEIL 17
FELDKIRCH–LANGEN AM ARLBERG

Mettler stand unter der Türe zu seinem Abteil und lauschte auf die Geräusche im Flur. Dorin Wolf wurde immer noch von ihrem Hund begrüßt. Ein stürmischer Mix aus Kläffen und Gewinsel.

Er hatte die Moderatorin bis zu ihrem Abteil begleitet. Schon im Speisewagen war ihm ihre Nervosität aufgefallen. Vor allem nach dem Streit mit der Dramatikerin. Eine Unruhe, die sich auf dem Weg durch die Waggons noch verstärkte. Sie ging so dicht hinter ihm, dass er ihren Atem spürte, und wenn er zwischen den Wagen kurz hintereinander gleich mehrere Türen öffnen musste, lief sie auf ihn auf, als befürchte sie, die automatisch schließenden Türen könnten sie trennen. Im Ruhewagen, wo sie über Gepäckstücke und Beine steigen mussten, griff sie nach seiner Hand und gemeinsam balancierten sie durch eine Herde Schlafender, deren Ausdünstungen an ein überfülltes Massenlager erinnerten. Wenn ihnen jemand begegnete, drückte sie sich an ihn, und vor jedem Durchgang drehte sie sich um, als ob sie sich vergewissern wollte, dass ihnen niemand folgte.

Sie erreichten den Schlafwagen, und sie wurde etwas ruhiger. Aber als ihnen hinter der Schwingtüre zum Flur zwei Männer entgegenkamen, erschrak sie so sehr, dass er das Stocken ihres Atems hörte. Es waren der junge Schwendimann, der mit einem Paket (wahrscheinlich schmutzigen Pampers) zum Waschraum wollte, und ein tatsächlich etwas merkwürdiger Bursche mit einem knallroten Haarschopf, so schrill, dass die Haare der Moderatorin schon fast natürlich wirkten. Ein Typ, von dem er instinktiv dachte, dass er im Schlafwagen nichts zu suchen habe, und den er hier auch noch nicht gesehen hatte.

Sie riss ihn zurück und klammerte sich an ihn, bis die beiden Männer vorbei waren, dann zog sie ihn hinter sich her zum Aufgang in ihr Abteil. Dort musste sie wohl selbst das Gefühl bekommen haben, dass ihr Benehmen ihn befremden könnte. Sie ließ ihn los, hüpfte die Treppe hoch und drückte die Türe auf – der Hund erkannte sie und begann sein Begrüßungsgejaule – worauf sie noch einmal zu ihm zurückkam, ihn umarmte und flüsterte:

«Denken Sie nicht zu schlecht von mir.»

Der Hund beruhigte sich, und er schob die Türe zu. Endlich kam er dazu, seine Schuhe auszuziehen. Zur Blase an den Fersen war in den letzten Stunden ein immer stärker werdender Druck auf den gesamten Fuß gekommen, ein stechender Schmerz. Seine Socken waren blutig und hinterließen auf dem Teppichboden mehrere Abdrücke mit einem feinen, dunklen Rand.

Es war nicht das erste Mal, dass er ein Abteil in einem Schlafwagen gebucht hatte, aber noch nie in einem Komfortwagen eines City Liners. Außer Fenster, Spiegel und Bettlaken war alles aus einem harten, widerstandsfähigen und gut zu reinigenden Kunststoff. Es roch nach nichts, es klapperte nichts, und alles wirkte geradezu klinisch sauber. Sogar der Apfel, der zum Begrüßungsset gehörte, sah nach Plastik aus.

Die Fahrgeräusche des Zuges waren so gering, dass er sich fragte, ob der Zug überhaupt fahre. Er spähte durchs Fenster in die Nacht hinaus und sah nichts, aber ein paar Minuten später, als der Zug hielt, bemerkte er es erst, als der Wagen schon eine ganze Weile in einem hell erleuchteten Bahnhof stand.

Er kramte seinen Waschbeutel aus dem Koffer, legte sein Buch und die Zeitschrift aufs Bett und zog sich aus. Nachdem er die Zähne geputzt, ins Lavabo gepinkelt und zumindest den Versuch unternommen hatte, sich zu waschen, kroch er ins Bett.

Unter dem Kasten des zweiten zusammengeklappten Betts war es so eng, dass er nicht mehr lesen konnte. Er rutschte hervor, riss das Bett auseinander und platzierte das Kissen beim Fenster. Aber über dem Fenster gab es keine Leselampe, und aus dem Schlitz der Ventilation blies kalte Luft. Entnervt knautschte er die Decke zusammen und schob sie sich in den Rücken.

Das Titelfoto der «Privat» hatte wenig zu tun mit der Person, die er zwischen Walenstadt und Feldkirch kennen gelernt hatte. Nichts mit dem beleidigten Gezänk, mit dem sie über das Theaterstück von Melitta Strauß hergefallen war, und nichts mit der kindlichen Anhänglichkeit, mit der sie ihm durch die Waggons gefolgt war. Er suchte nach einem Grund, weshalb er dieser Frau ungefragt seine Geschichte preisgegeben hatte, während er der Dramatikerin ausgewichen war.

Auch dem Titelfoto hätte er sein Leben erzählt. Den Augen, die einen so erwartungsvoll anschauten, dem leicht erstaunten Lächeln, das einem jede Beichte entlockte.

«Eine Madonna», murmelte er und strich mit der Hand die Seite glatt.

Die Wolf in der Maske einer Heiligen. Das tief verwurzelte Bild eines Traums. Für die Moderatorin einer Sendung wie «Blick ins Herz» eine ideale Rolle.

Eine Madonna mit rot gefärbten Haaren? War er vielleicht dabei, sich in die Rote zu verlieben, oder hatten ihn Alkohol und Lebensüberdruss der letzten Monate zum sentimentalen Trottel gemacht? Ein Jammerlappen, der vor dem Hotelfernseher in Tränen ausbrach, oder sein Herz ausschüttete, sobald er einer attraktiven Frau begegnete?

Der Artikel war die Fortsetzung des Titelfotos in Küche, Bad und Bett.

«Wir wissen, wenn wir klingeln und unser TV-Schätzchen die Tür zu ihrem Heim aufmacht …» Ein paar Zeilen später «huschte das TV-Schätzchen» «elfenhaft» in die Küche und kam mit Kaffee und Gebäck zurück, was dem Schreiber und dem Fotografen in «weichen Pludersesseln» ein «himmlisches Vergnügen» bereitete.

Die Fragen, welche der Reporter stellte, waren so saudumm, dass die Antworten nicht gescheit sein konnten, doch dann ließ sich Dorin Wolf, von den vielen Komplimenten geblendet, dazu verführen, ihre Wünsche für die Zukunft preiszugeben.

«… natürlich kann ich die Sendung ‹Blick ins Herz› nicht mein ganzes Leben lang machen. … viel lieber möchte ich mit einem Kamerateam unterwegs sein und wirklich gute Reportagen über wirklich wichtige Leute machen. Über fremde Länder, oder über Tiere, über Städte und Strände …»

Eine Seite weiter hinten lag die Wolf in einer durchsichtigen Bluse, einem verrutschten Minirock und Stiefeln auf der Decke ihres Doppelbetts. Halb aufgestützt, die Knie leicht angewinkelt schaute sie verängstigt oder verführerisch und tat, als ob sie jeden, der ihr zu nahe kommt, in den Bauch treten wolle.

Plötzlich schämte er sich für seine Geschwätzigkeit im Speisewagen. Er warf das Heft unters Waschbecken, wo er einen Papierkorb vermutete, als es an seine Türe klopfte. Er setzte sich auf und lauschte, glaubte, sich getäuscht zu haben, als es ein zweites Mal klopfte. Lauter als zuvor. Er rutschte vom Bett, wickelte sich die Decke um den Bauch und öffnete die Tür.

Auf der Treppe, den Hund an der Leine, stand Dorin Wolf.

«Darf ich Sie bitten, zu mir in mein Abteil zu kommen. Ich muss Ihnen etwas zeigen. Es ist dringend.»

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210 стр. 1 иллюстрация
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9783038551164
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