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Über dieses Buch

Damit hat Jürg Mettler nicht gerechnet. Sein Freund Tetu, der pensionierte und erblinde­te Polizist aus Kenia, kommt zu Besuch. Er will in der Schweiz seine Augen operieren lassen. Ein Vorwand. Was will der Alte wirklich?

Nach zwei Wochen, als er wieder sehen kann, gesteht ihm Tetu endlich den wahren Grund: Ihm ist eine heisse CD zugespielt worden, auf der offenbar Belastendes über den Clan des kenianischen Finanzministers Kimele gespeichert ist. Tetu braucht die Hilfe seines Freundes. Aber warum lässt der Rentner nicht einfach die Finger davon? Schon einmal hatten sie beide gegen Kimele ermittelt und es nur knapp überlebt. ­Widerwillig lässt sich Mettler, der heute als Betreuer Asylsuchender arbeitet, darauf ein.

Als Erstes stossen sie auf Dokumente, die ausgerechnet Mettler ­in ein schiefes Licht rücken. Dieser behauptet, die Dateien seien gefälscht. Aber woher hat Mettler das Geld, mit dem er sich das Haus auf dem ­Iselisberg gekauft hat? Tetus Misstrauen dem ehemaligen Freund gegenüber wächst mit jedem Erklärungsversuch Mettlers.

Auch mit der Technik sind die alten Herren überfordert, und so weiss Kimele schon bald, wo er seine Daten suchen muss …


Foto Anne Buergisser

Peter Höner, geboren 1947 in Eupen, ­aufgewachsen in Belgien und der Schweiz, Schauspielstudium in Hamburg und Schauspieler u. a. in Basel, Bremen und ­Berlin. Seit 1981 freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, 1986–1990 ­Afrikaaufenthalt. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern. Im Limmat Verlag sind sieben Romane lieferbar, darunter die vier ersten Kriminalromane mit Jürg Mettler.

Peter Höner

Kenia Leak

Kriminalroman

Limmat Verlag

Zürich

Die Handlung des Romans ist frei ­erfunden. Ähnlichkeiten ­mit lebenden oder verstorbenen Personen sind ­zufällig.

Ende März 2016
Prolog

Er hätte sich sein Gesicht gerne genauer angeschaut, aber es gab keinen Spiegel, nicht einmal ein Fenster. Die verkrustete Schicht aus Blut und Schmutz, ein höckeriger, verschorfter Belag auf Wangen und Stirne schmerzte nicht mehr, wenn er ihn berührte.

Die Wände waren bis zur Decke gekachelt, weisse Fliesen wie in einer Metzgerei. Einen halben Meter über dem Tisch baumelte eine Neonröhre. Die Ecken des Raums verschwanden in der Dunkelheit, und nachdem man die Türe hinter ihm verriegelt hatte, war er sich lange Zeit nicht sicher, ob er allein war oder ob sich jemand in einem Winkel verbarg und ihn ­beobachtete.

Etwas später, als er sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatte, entdeckte er mehrere Haken an der Wand, eine Eisenstange, die an Seilen von der Decke hing und einen aufgerollten Wasserschlauch. Es musste sich um einen ehemaligen Schlachtraum handeln, und wenn er die Luft einsog, glaubte er den Blutgeruch wahrzunehmen, der sich in den Fugen festgesetzt hatte.

Bevor sie ihn hierhergebracht hatten, hatten sie ihn gezwungen, die Kleider zu wechseln, hatten ihm frische Anstalts­kleider gegeben, die so makellos sauber waren, dass er einen Moment lang glaubte, er wäre vor Gericht geladen. Einer hatte ihm sogar ein Pflaster auf die Nase geklebt und ihm das Blut aus den Augen gewischt.

Kaum hier angekommen, wurden die Kabelbinder, mit denen er gefesselt war, durchgeschnitten, und jemand zog ihm das Tuch vom Kopf.

Zum ersten Mal seit Tagen konnte er sich frei bewegen.

Er marschierte vor den Wänden auf und ab, umkreiste den Tisch, prüfte den Fussboden und suchte in Ecken und unter der Decke nach versteckten Kameras. Er klopfte mit seinen Knöcheln die Kacheln ab. Er rüttelte an der Tür.

Er begann zu schwitzen, er zitterte, er klammerte sich an den Tisch. Er ahnte, wohin man ihn geholt hatte. Und wozu.

Die Angst vor dem, was auf ihn zuzukommen drohte, zwang ihn, sich auf den Stuhl zu setzen. Er liess den Ober­körper vornüber auf den Tisch fallen, sein Atem ging schwer und stossweise. Er hustete und spuckte Blut.

Er brauchte seine Medikamente. Heilen konnten sie ihn nicht, aber zumindest sorgten sie dafür, dass er beschwerdefrei atmen und damit leben konnte. Wenigstens noch ein paar Monate, vielleicht ein Jahr.

Die Zeit verstrich langsam. Sein Herz tat ihm weh, die Lungen schmerzten, bald fühlte er seinen Hintern nicht mehr. Die Beine. Wenn ihn ein Hustenanfall aufrüttelte, glaubte er, kurz eingeschlafen zu sein, irgendwie mit verdrehtem Kopf unter der Neonröhre.

Als er hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte, wusste er längst nicht mehr, wie lange er schon hier war.

«Francis Ali Odongo. Ich hätte mir zu deiner Pensionierung weiss Gott eine schönere Begegnung vorgestellt.»

Er erkannte die Stimme sofort, diesen krächzenden, scharfen Tonfall, die gehässige Rechthaberei. Samuel Kimele, der Professor und ehemalige Finanzminister, Kopf des Kimele­clans. Der Mann, der so gern als Onkel Sam auftrat, als stamme er aus Amerika und nicht aus einem Nest in der Nähe von Kisumu.

Hinter Kimele bauten sich zwei Typen mit Baseballschlägern auf.

Er schnellte auf, wischte hastig mit dem Ärmel den blutigen Auswurf vom Tisch und nahm Haltung an. Fehlte nur, dass er die Hacken zusammenschlug. Im letzten Moment gelang es ihm, den blödsinnigen Impuls zu unterdrücken, und er streckte dem Minister die Hand entgegen.

Sie waren beide gleich alt, waren zusammen in die Schule gegangen, hatten dieselben Lehrer. Auch später noch, als sie beide Karriere machten, der Minister als Politiker, er als Beamter, grüssten sie sich, wenn sie einander begegneten, obwohl er Kimele immer verdächtigte, nicht zu wissen, wem er zunickte.

Kimele übersah seine Hand, die in die Dunkelheit ragte und für einen Moment im Raum stehen blieb.

Er setzte sich, legte die Hände auf den Tisch und wartete.

Der Minister begann, vor dem Tisch hin und her zu schreiten. Wenn er in den Schein der Neonröhre kam, blitzte ein Knopf seines Anzugs, Schultern und Kopf verschwanden im Dunkeln, nur manchmal, wenn der Mann stehen blieb und auf ihn herabschaute, glaubte er die matt glänzenden Spiegel seiner Brillengläser zu erkennen.

Er beruhigte sich.

Der Besuch des Ministers war eine Überraschung, und dessen Anwesenheit bewahrte ihn vor Schlimmerem. Zumindest für den Moment.

«Odongo. Vor mehr als dreissig Jahren hast du bei der Steuerbehörde angefangen. Als Kommissär. Subalterner Sachbear­bei­ter für Zollvergehen. Vor einem Monat bist du als einer der Direktoren der Finanzverwaltung in Pension gegangen. Du schaust auf ein reiches und erfülltes Leben zurück», eröffnete Kimele salbungsvoll, indem er vor dem Tisch stehen blieb und die Fingerspitzen seiner Hände aufeinanderlegte. Schlanke Finger, geschmeidige Fingerkuppen, die sich im Licht sanft berührten, als müssten sie ihre Empfindlichkeit überprüfen. «Jedermann wünschte dir noch ein paar glückliche Jahre. – Ich weiss, du bist krank, aber in guten Händen, alles spricht dafür, dass du dich erholen wirst.»

Kimele wanderte hinter dem Tisch hin und her, als wolle er ihm Gelegenheit geben, ein paar Worte zu seiner Krankheit zu sagen. Er schnaubte, dann blieb er erneut stehen, holte Luft und wurde lauter:

«Aber nein, dich sticht seit Jahren etwas ganz Anderes. Etwas, was nichts mit deinem Herzen zu tun hat. – Oder doch?»

Der Minister wartete auf einen Protest. Wahrscheinlich hatte er gehofft, sein blosses Erscheinen mache ihn gefügig.

Dann nahm er den Faden wieder auf.

«Glaubst du wirklich, wir hätten deine ‹Sammlung› nicht bemerkt? – Mich hat immer ein bisschen belustigt, was du dir alles aus den Akten kopiert hast. Deine Notizen! Die doppelt und dreifach verschlüsselten Rechenkünste eines begabten Buchhalters. Wertloses Zeug, das niemand ernst zu nehmen brauchte. Die Spielerei eines Kontrollfreaks. Harmlos. Zumal du die Daten niemandem gezeigt und an niemanden weitergegeben hast.»

Kimele seufzte, als würde er ihn bedauern und nahm seine Gänge wieder auf. Er verschwand in der Dunkelheit der Zelle, das Blitzen der Knöpfe verriet seine Kehrtwendungen.

«Nun gut. Ich liess dich gewähren. Die Marotte eines Spinners. Von wirklich entscheidenden Dingen hattest du keine Ahnung. – Doch dann, vor rund zwei Monaten beginnst du damit, eine Datenbank anzulegen. Als hättest du erst jetzt ­begriffen, wie umfassend und gewaltig elektronische Speichermedien sind. Und alles, was bis anhin mehr oder weniger offen auf deinem Schreibtisch herumlag, wird nun …», seine Stimme wurde schärfer, «verschlüsselt, katalogisiert, ergänzt, aufgefüllt, nachgeführt und … «, Kimele stand vor dem Tisch und zischte: «Verheimlicht! Aus einem Spiel, einer Marotte, wird Diebstahl. Ja, Verrat!»

Der Minister stützte sich auf dem Tisch auf und schob sein Gesicht ins Licht der Neonröhre, als wolle er sich unter ihr durchwinden, um auf ihn loszugehen. Er holte Luft und geiferte:

«Ich weiss nicht, was du dir von den Daten erwartest, aber indem du verheimlichst, was du zusammenklaust, leistest du Vorschub zu einem kriminellen Akt.»

Scheinbar ruhiger zog er sich wieder zurück, schnaufte schwer und bemühte sich um einen gemässigteren Ton:

«Du glaubst, mir zu schaden. Willst mich und meine Familie blossstellen. Wie kurzsichtig, mein Lieber, wie dumm. Deine Machenschaften schaden einzig und allein Kenia. Deinem Volk. Deiner Familie. Du verrätst dein Land. – Ist dir klar, was du da gemacht hast? Weisst du, wie so etwas genannt wird? Weisst du das?», und dann donnerte er: «Hochverrat! – Und darauf steht die Todesstrafe. Nicht nur in Krisenzeiten.»

Kimele versuchte, ihn einzuschüchtern. Doch er kannte die Gesetze nicht. Kein Wunder für einen wie ihn, der Korruption als Schmiermittel verstand und sich über Betrug und Steuerhinterziehungen freute wie ein kleiner Junge, dem es gelungen war, einem unvorsichtigen Nachbarn ein paar Eier zu klauen.

«An wen hast du die Daten verkauft?», drängte Kimele und versetzte der Lampe einen Stoss. «An die Amerikaner? An die Weltbank? – Noch wissen wir nicht, wem du die Daten zugespielt hast. Warum sie noch nicht veröffentlicht worden sind. Vielleicht weil deine Helfershelfer nicht so couragiert sind, wie du dir das erhofft hast? Vielleicht weil sie intelligenter sind als du? Oder weil sie festgestellt haben, wie haltlos deine Unterstellungen sind. – Ich kenne dich, Odongo, deine Selbstüberschätzung, deine Überheblichkeit. Einer wie du glaubt immer, alles richtig zu machen. Aber ich warne dich, du bist nichts, gar nichts! Ich brauche nur mit den Fingern zu schnippen und …», der Minister sog die Luft ein wie ein Ertrinkender. «Dich gibt es gar nicht. Einen Francis Ali Odongo hat es nie gegeben. – Ich bin deine letzte Chance. Du sagst mir jetzt, wo und wie ich zu den Daten komme, oder du teilst mir mit, an wen du sie weitergegeben hast», Kimele schob ein Smartphone über den Tisch, «Namen und Adressen. Hier und jetzt. – Die Aufnahme läuft.»

Odongo fixierte das Smartphone. Auf dem Display war eine Art Tape abgebildet, ein rotes Licht suggerierte ein offenes Mikrofon, und ein wanderndes Dreieck, dass eine Aufnahme gemacht wurde. Die Dinger konnten mittlerweile wirklich alles. Er drehte das kleine Gerät in seinen Händen, genoss trotz seiner prekären Lage die Geschmeidigkeit des Materials und fand schliesslich den digitalen Button, mit dem sich die Aufnahme beenden liess. Wortlos legte er das Utensil auf den Tisch zurück.

«Also gut, Odongo, wie viel willst du?», fragte der Minister und behielt seinen aufflammenden Zorn gerade noch unter Kontrolle.

Er schwieg. Kimele platzte der Kragen. Seine Stimme überschlug sich:

«Herrgott noch mal Odongo! Hast du den Verstand verloren? – Was macht dich so sicher, dass du hier wieder rauskommst? – Wenn einer schon so blöd ist, dass er sich erwischen lässt … Also! Wie viel?»

Wütend marschierte Kimele im Dunkeln vor der Wand hin und her. Laut schnaufend rang er seinen Atem nieder, bis es ihm, scheinbar wohlwollend, fast nachsichtig gelang, seine Frage zu wiederholen und ein Angebot zu präzisieren.

«Noch ist Zeit, Francis. Wir beide regeln das, wir beide. Zwei alte Schulkameraden. Von Mzee zu Mzee. – Du sagst mir, wie viel, und wir erhalten die Daten. – Eine Million? Zwei? – Verdammt, Odongo, jetzt mach endlich den Mund auf!»

Der Minister stand ihm erneut gegenüber, seine Oberschenkel vor der Tischkante. Die Hose. Im kalten Licht glänzte ein Fettfleck. Wie verletzlich seine Eier waren, seitlich weggerutscht hinter einem dünnen Stückchen Stoff.

Er schwieg, kämpfte gegen einen Hustenanfall, presste eine Hand vor den Mund, würgte den Schleim hinunter. Nur keine Schwäche zeigen. Nicht jetzt. Dass er wie ein Schuljunge vom Sitz gesprungen war, sollte ihm kein zweites Mal widerfahren, dieses Zeichen devoter Dienstbarkeit.

Er schwieg, starrte auf den Hosenbund, studierte das Fischgratmuster des Stoffs und wartete.

Mit einem Ruck wurden seine Arme zurückgerissen und seine Handgelenke an die Stuhlbeine gefesselt. Erschrocken wollte er aufstehen, wurde aber in den Stuhl gedrückt und mit einem Strick auf die Sitzfläche gebunden. Ein Wurm, der sich in einen Stuhl krümmte, nur Kopf und Füsse liessen sich noch bewegen.

Kimele schob das Smartphone über den Tisch. Das Aufnahmegerät war bereits wieder eingeschaltet.

«Francis Ali Odongo. Wie kommst du eigentlich zu deinem zweiten Namen? Hat deine Mutter mit einem Türken gevögelt? Vielleicht muss ich mal jemanden vorbeischicken, der ein paar Fragen stellt. – Du weisst, wer dir helfen kann.»

Hosenbund und Fischgratmuster verschwanden aus dem Schein der Neonröhre. Flüchtig hörte er, wie die Türe hinter ihm ins Schloss fiel.

Sein Kopf wurde nach hinten gebogen und eine Hand schob sich ihm übers Gesicht, umschloss seine Nase und drückte zu. Sein Kiefer klappte auf, ein Schlauch wurde ihm in den Mund gestossen und tiefer, und er spürte den kalten Wasserstrahl, der durch seine Kehle schoss.

Man liess ihn volllaufen, ersäufte ihn. Kurz bevor er erstickte, gab man seine Nase frei und riss ihm den Schlauch aus dem Rachen. Die Sitzfläche kippte nach vorn, er knallte mit der Stirne auf die Tischplatte, der Stuhl wurde zur Decke gezogen, er hing am Haken, Kopf und Füsse baumelten über dem Tisch.

Er erbrach Wasser und Blut, rang um Atem und spürte, wie ihm die Adern anschwollen.

Dann knallten die Baseballschläger auf die Fussknöchel. Er hörte das Knacken der Knochen.

Montag, 2. Mai 2016
Restzeit: 4 T — 9 Std — 27 Min

Der Schweizer Frühling war eine Enttäuschung. Die Begeisterung, ein geradezu rauschhaftes Entzücken, das mit einer Jahreszeit verbunden wurde, die er nicht kannte, erwies sich als ein launisches Hin und Her von heftigem Regen und wenig Sonne. Ein paar Stunden heizten das Land auf, das sich nach einem Gewitter in langen Dauerregen wieder abkühlte und in hinterhältig klaren Nächten erfror.

Seit vierzehn Tagen wohnte Robinson Njoroge Tetu zusammen mit seiner Enkelin Naomi im Haus seines Freundes Jürg Mettler und fror. Trotz Pullover, Strickjacke und dicken Socken.

Ob da draussen Schnee liege, wollte er von Mettler wissen. Er bezweifelte, dass alles um ihn herum grün war, wuchs und blühte. Trotz der saftigen Stängel, die ihm seine Enkelin in den Schoss legte, wehrte er sich dagegen zu glauben, was er nicht sah.

Einmal, er stand zusammen mit Mettler in dessen Hühnerstall – auch wenn es lange her sein musste, dass hier Hühner Eier legten, es roch nach Erde, faulem Holz und Benzin –, trommelte ein Regen aufs Blechdach. Ein Prasseln, das immer heftiger wurde. Das Wasser hatte sich in Eis verwandelt. Mettler legte ihm ein paar Hagelkörner in die Hand. Der Hagelschlag dauerte nur wenige Sekunden, trotzdem jammerte Mett­ler, sein Garten gleiche einer Eiswüste und seine Salate hätten sich in grünen Matsch verwandelt.

Der Hotelier, Hobbypilot und Detektiv als Salatgärtner? Eine merkwürdige Vorstellung, von der sich Tetu ebenso wenig ein Bild machen konnte wie von dem kalten Grün, das ihn angeblich lückenlos umgab.

Kurz danach wurden seine Augen operiert und nun, drei Tage später, durfte er den Verband entfernen und sollte nach über zwölf Jahren wieder sehen können.

Die Erblindung in den Gefängnissen von Kenia hatte ihn seiner Sehkraft beraubt, nicht aber seiner Bilder. Seine Vorstellung der Welt blieb lebendig. Alles, was er einatmete und hörte, stattete sein Kopf mit Licht und Schatten, Farben und Formen aus. Ein Handy zum Beispiel, diese glatte Dose, mit dem sich telefonieren liess. Von überall nach überall. Er kannte die flachen Plastiketuis. Seine Söhne standen damit hinter dem Haus oder in den Feldern und schwatzten zwischen Mais und Bohnen, als hätten sie den Verstand verloren. Auch ihm hatten sie so ein Ding ans Ohr gedrückt, und Naomi wollte ihn noch heute mit seiner Familie in Kenia verbinden, damit er dieser von seiner Heilung berichten könne.

Tetu und Mettler waren allein im Haus auf dem Iselisberg. Moody hatte Naomi zu einer Fahrradtour abgeholt, er wollte ihr die Badeseen zeigen, obwohl es für ein Bad noch viel zu kalt war.

Naomi wollte erst zu Hause bleiben, wollte dabei sein, wenn ihr Grossvater den Verband abnahm, aber Tetu verlangte, dass sie Moodys Angebot annahm. Auch wenn er manchmal fand, Mettlers Enkel kümmere sich etwas allzu eifrig um seine Enkelin, für einmal war er froh darüber.

Naomi hätte ihm alles aufgezählt, wahllos, was ihr gerade aufgefallen wäre. Und genau dies wollte er verhindern. Er wollte selbst erleben, was es zu sehen gab.

Mettler warnte vor dem Sonnenlicht.

«Nach dem Regen ist es geradezu aussergewöhnlich klar heute.» Gleichzeitig versprach er, ihn an einen angenehmen Ort zu entführen. «In den Schatten meines Nussbaums.»

Tetu schmunzelte.

Mettler sprach auffällig oft von seinen Dingen. Von seinem Haus, seinem Wagen, seinen Werkzeugen … Nicht, dass es ihn störte, aber im Zusammenhang mit einem Garten, Salaten oder einem Hund fand er diese Besitzansprüche zumindest merkwürdig.

Gemeinsam mit Mettlers Hund, seinem Busoni, stolperten sie über eine glitschige Wiese hangabwärts zu einem Sitzplatz mit Bank und Tisch.

Im Schatten des Nussbaums war es trotz Sonne ziemlich kühl, und Tetu verkroch sich in die Strickjacke, die ihm Mettler geliehen hatte und von der er sich kaum noch trennen konnte. Er presste die Oberarme an den Körper und hätte sich für einen ersten Blick einen wärmeren Platz gewünscht. Hoffentlich beseitigte das Ende der Dunkelheit auch sein dauerndes Frösteln.

Sie sassen auf der Bank und schwiegen. Tetu verfolgte Mettlers regelmässigen Atem, hörte die leisen Geräusche der Blätter des Baumes. Mücken summten. Manchmal schoss brummend eine Fliege aus dem Nichts, kurvte um den Tisch und war wieder weg. Im Tal war ab und zu ein Auto zu hören, es roch nach einer saftigen Wiese, nach Kräutern, nach Blumen und dem bitteren Saft des Nussbaums, nach Feuchtigkeit, die in der Sonne verdampfte.

Dann spürte er Mettlers Hand auf dem Rücken.

«Ich knüpfe dir jetzt die Binde auf. Das Ablösen der Pflaster überlasse ich dir. – Bist du bereit?»

Tetu nickte und Mettler nestelte hinter seinem Kopf an ­Fäden und Klammern. Der Druck um Stirn und Schläfen liess nach, die Binde erschlaffte, und Mettler zog ihm das Tuch über die Ohren und aus der Stirn.

Den frischen Wind empfand er als angenehm. Dass der Verband ihn nicht mehr einengte. Die Pflaster spürte er nicht. Seine Augen blieben geschlossen, er sass am Tisch, stützte den Kopf in die Hände und wartete. Er löste die Pflaster. Er war­tete, weil er sich nicht getraute, die Augenlider anzuheben. Er wartete, weil er sich vor dem Licht fürchtete, der Helligkeit, die genauso gut eine Blendung bedeuten konnte. Er wartete, weil er wusste, dass mit dem Schauen ein neues Leben anfing, ein Leben, von dem er nicht sicher war, ob er es überhaupt noch einmal wollte.

Doch dann, vorsichtig und mit einer Anstrengung, als müsste ein festverklebtes Gewebe mit Kraft durchtrennt werden, wagte er einen ersten Blick.

Nach einem blitzartigen Lichteinfall sah er, stark verschwommen, aber ohne Zweifel, über die Rundung seines Bauchs in die Tiefe. Sah auf Mettlers Hund, auf das struppige Fell eines ausgestreckten Hinterlaufs. Ein Moment totaler Entspannung, und in jäher Aufwallung kaum gekannten Überschwangs presste er die Augen zusammen, um sie kurz darauf erneut zu öffnen und auf das Bild zu schauen, den schlafenden Hund zwischen seinen Schenkeln, die Pfote, das Bein, dar­unter die Kalkadern der dunklen Steinplatte.

So etwas Schönes wie das Fell Busonis glaubte er noch nie gesehen zu haben. Die feinen, gelbbraunen, auch grauen Härchen entlang der Biegung des Beines und wie sie dann immer dichter und länger wurden und sich auf dem Rücken zu einem struppigen, festen Pelz verbanden, erfüllte ihn mit einem Glücksgefühl, das ihn in seine Kindheit versetzte.

Sein ganzes Erwachsenenleben kannte keine solche Freude.

Er schloss die Augen, richtete sich auf und lehnte sich gegen die Rückenlehne der Bank. Das also bedeutete Sehen! Er hatte es bei allen Bildern doch vergessen.

Es dauerte eine Weile, bis Tetu ein weiteres Mal die Augen öffnete. Die Freude am Sehen auszuhalten, war gar nicht so einfach.

Tetu griff nach der Hand Mettlers, der neben ihm sass und sein Erwachen schweigend begleitete, und er wünschte, er könnte den Freund teilhaben lassen an seiner Begeisterung.

Obwohl sie einander gemeinhin nicht berührten, überliess ihm Mettler seine Hand, zumindest für ein paar lange, sehr lange Augenblicke, die er wohl brauchte, um die neue Welt zu erfassen und mit seiner alten zu verbinden.

Tetu schaute ins Grün des Blätterdachs, in die Wiese, durch die Reihen der Rebstöcke auf die Ufer der Thur, über die grünen Karrees der Felder, die sich scheinbar in Wäldern verloren. Über Hügelzüge und Bergkämme in einen Alpenkranz, der noch schneebedeckt war und hinter dem die Welt zu Ende ging, zumindest die sichtbare, wenn er von den Wolken absah, die vielleicht endlich regenleer und leicht durch den Himmel über ihn hinweg in die Ferne segelten.

Das Schauen forderte Zeit und jeder Augenblick löste ein immer grösseres Staunen aus. Die grünen Hügel Afrikas liessen sich mit dieser Vielfalt auf engstem Raum nicht vergleichen, die neuen Bilder verbanden sich nicht mit den alten und sie reihten sich nicht erfahrungsgemäss aneinander, Wunder stand neben Wunder, als müssten sie das Laufen noch lernen. Und hatten bei aller Weite etwas Kleinräumiges, Putziges.

Tetu hatte keine Ahnung, wie er seine Eindrücke einordnen sollte.

Bis er die Kamele entdeckte.

Drei Kamele trotteten auf der Böschung des Flusses an einem Uferwald entlang. Eines nach dem andern schaukelte durch das grüne Meer, und nicht nur das Grün, nein, auch der Flusskanal, die Böschung, der gerade Weg, die kleinen Bäumchen, die ihre Zweige in den Wind bogen, als wären es Röcke, die sie silbern schimmernd im Wind tanzen liessen, jagten ihm einen solchen Widerwillen ein, dass er entsetzt die Hand vor die Augen schlug. Diese Operation bescherte ihm eine noch viel grössere Blind­heit, als es der langsame Verlust seines Augenlichts je war.

«Hast du Schmerzen?», wollte Mettler wissen. «Wird es zu viel?»

«Nein.»

Tetu beugte sich nach vorn, stützte sich mit beiden Händen auf der Bank ab, schaukelte leicht und schaute mit geschlos­senen Augen zu Boden. Er brauchte Zeit. Zeit, um Mettlers Frage zu verdrängen. Diese unverhohlene Neugier. Er hatte sie vergessen. Seit jeher hatten ihn die direkten Fragen des Weissen gestört. Da war ihm eine Hand lieber als diese Schamlosigkeit, an die er sich erst wieder gewöhnen musste.

Schliesslich sagte er leise und es klang wie ein Geständnis:

«Ich glaube, mit meinem Kopf ist etwas nicht in Ordnung.»

Mettler schwieg, und Tetu war froh darüber.

Der Hund stand auf und riss den Tisch mit sich, er drehte sich umständlich und zwängte, so nahm Tetu an, seine Schnauze zwischen Mettlers Knie. Tetu hätte sich gern mit einem Blick versichert, was ihm seine Ohren vermittelten, getraute sich aber nicht. Die Angst vor weiteren Kamelen war zu gross.

«Ich sehe verrückte Dinge, mein Kopf fantasiert und verfälscht, was meine Augen sagen. – Du und Moody, ihr habt mich liebevoll und ausführlich auf diese neue Welt vorbereitet, das viele Grün, und Naomi hat mir bestätigt, was ihr geschildert habt. Jetzt habe ich gesehen, dass ihr recht hattet. – Aber dann marschieren drei Kamele durch meine Bilder, Tiere, die es hier nicht gibt.»

«Deine Augen täuschen dich nicht», hörte er Mettler sagen, als spräche er zu einem Kranken. «Die drei Kamele im Grünen sind, was du siehst. Ein Weinbauer im Tal hält sich diese exotischen Tiere als Attraktion, er bietet seinen Kunden Kamelausflüge an, ‹im Kamelsattel durch die Weinberge›, ein findiger Geschäftsmann. Ob sein Angebot wirklich genutzt wird, weiss ich nicht. Aber was du siehst, stimmt. Drei Kamele schreiten das Flussufer entlang, auf grünen Matten, unter grünen Bäumen. – Du musst lernen, deinen Augen zu vertrauen.»

Tetu blinzelte ins Tal. Die Kamele waren ein gutes Stück vorangekommen. Und jetzt erkannte er auch einzelne Gestalten, die bei ihnen waren. Menschen in bunten Kleidern.

Er drehte sich nach Mettler um.

«Danke», sagte er und versuchte zu lächeln.

Mettler rutschte ans andere Ende der Bank. Er tat, als ob er mehr Platz für seine Beine brauche. Er ging auf Distanz. Tetu konnte sich auf sein Gespür verlassen. Besser als auf seine Augen.

«Nun, mein lieber Robinson Njoroge», eröffnete Mettler seine Befragung, wahrscheinlich mit einem Schmunzeln. «So langsam möchte ich doch wissen, warum du in die Schweiz gekommen bist? Jetzt, nach so langer Zeit? – Hat es etwas mit deiner Enkelin zu tun?»

Tetu war auf die Fragen vorbereitet. Mettler hatte bereits mehrmals versucht, ihm auf den Zahn zu fühlen, aber bislang konnte er Mettlers Neugier mit dem Hinweis auf seine Ope­ration in die Schranken weisen. Er brauchte Zeit, jetzt war sie reif. Trotzdem war er froh, als er hörte, wie Mettler seine Pfeife auf dem Tisch ausklopfte und in seiner Hosentasche nach dem Tabakbeutel kramte. Mettler richtete sich als Zuhörer ein, und Tetu bereitete sich auf eine Rede vor, von der er nicht wusste, wie sie aufgenommen würde.

Er legte den Kopf in den Nacken, verschloss sich mit dem Zeigefinger den Mund und schwieg.

Restzeit: 4 T — 8 StD — 44 Min

Der alte Fuchs. Tat, als ob er gleich etwas sagen würde, pst! es spricht der grosse Vorsitzende. Und dann wurde geschwiegen.

Doch Mettler war vorbereitet. Er hatte seine Pfeife dabei und konnte warten. Es musste wichtig sein, was der Alte zu sagen hatte, wenn er sein Geheimnis über vierzehn Tage einfach für sich behielt. Die Augenoperation war mit Sicherheit nur ein Vorwand, gehörte aber dazu. Tetu wollte sehen, was seine Äusserungen bewirkten.

Seit 2002 lebte Tetu bei seiner Familie in Kanja, war ein freier Mann, trotzdem war es Mettler in all den Jahren nicht gelungen, seinen ehemaligen Kollegen hinter dem Mount Kenia hervorzulocken. Für eine Reise in die Schweiz hatte der Rentner keine Zeit.

Mettler zerkrümelte den Tabak in seiner Handfläche, pickte mit Mittel-, Zeigefinger und Daumen die Tabakbrösel auf und stopfte sie in den bauchigen Kopf seiner Pfeife.

Tetu wurde nach seiner Verhaftung vor mehr als zwanzig Jahren von einem Gefängnis in ein nächstes abgeschoben, er wurde verhört und gefoltert, er erblindete. Ohne seine Söhne, ohne ihn, Mettler, der sich immer wieder auf die Suche nach ihm machte, wäre Tetu wohl für immer verloren gegangen. Verschwunden, wie viele andere.

2002, als er und Alice Tetu in Kanja besuchten, um auf seine wiedererlangte Freiheit anzustossen, hatte er Tetu angeboten, ihn in die Schweiz zu begleiten, damit er sich von hiesigen Ärzten untersuchen lassen konnte. Aber Tetu lehnte ab.

Seine Rente sei ausreichend und er habe längst gelernt, mit Ohren und Nase zu sehen. Was seine Hände fänden, genüge ihm.

Mettler wiederholte sein Angebot. Er schrieb Briefe, schickte mehr als einmal Geld. Eine finanzielle Unterstützung für einen Enkel, der Anwalt werden wollte, für den Bau eines Hühnerstalls, für Fahrräder, ein Handy. Aber ausser einem mageren Danke und einem schlechten Foto von Tetu hörte er nichts mehr, ja, in den letzten drei Jahren war es sogar immer dasselbe Bildchen.

Robinson, das Kinn auf einen Stock gestützt, auf einer Bank vor seinem Häuschen.

Schliesslich blieben auch die Glückwünsche zu Weihnachten und Neujahr unbeantwortet und ihr Kontakt versiegte. Noch vor einem Monat hätte er nicht sagen können, ob Tetu überhaupt noch lebte.

Aber dann, im April dieses Jahres, konnte es plötzlich nicht schnell genug gehen. Ob Mettlers Einladung noch gültig sei? Mettler zögerte keinen Augenblick. Er freute sich auf den Besuch, auch wenn ihm von Anfang an klar war, dass Tetu andere Gründe haben musste.

Mettler schielte nach dem schwer atmenden Mann neben sich, der immer noch mit dem Finger vor dem Mund eine Antwort vorbereitete.

Sie kamen wirklich aus zwei verschiedenen Welten, und obwohl er sich einbildete, Tetu zu kennen und er Tetu seinen Freund nannte, blieb ihm dieser fremd. Das Misstrauen ge­genüber den Weissen hatte Tetu schon immer den Zugang zu seiner Welt versperrt.

Das dürfte auch mit ein Grund sein, weshalb ihm die drei Kamele einen solchen Schrecken eingejagt hatten. Wasungus waren Tetu unheimlich, er glaubte, bei ihnen sei alles möglich und sie würden mit Tricks arbeiten, die er nicht durchschaute.

Mit dem Zeigefinger drückte Mettler den Tabak in den Pfeifenkopf, fischte nach seinem Feuerzeug und steckte sich die Pfeife an.

Tetu schwieg.

Geld war wohl nicht der Grund. Tetu erhielt eine Rente, er war lange genug ein treuer Diener des Staates gewesen, Polizeichef von Lamu und Lodwar. Und er besass Land. Schon in den Achtzigerjahren hatte er begonnen, Land zu kaufen, fruchtbares Land am Fuss des Mount Kenia. Von seinen Söhnen arbeiteten die meisten in der Stadt, auch seine Töchter ­be­­sassen eine Ausbildung. Sein Ältester bewirtschaftete die Fel­der und produzierte Überschüsse, ein anderer besass ei­nen Busbetrieb. Seine Kinder hatten etwas gelernt, waren Leh­rerinnen, Ingenieure, einer hatte es sogar zu einem Anwalt mit einer eigenen Kanzlei gebracht. Seine Familie war erfolgreich. Geldsorgen kannte der Familienclan nicht.

Eine Pfeife an der frischen Luft zu rauchen, war kein beson­deres Vergnügen. Sie wurde zu heiss, der Rauch brannte auf der Zunge, und der Tabak verglühte im Pfeifenkopf. Auch vor­sich­tiges Stopfen und langsames Ziehen halfen wenig, und Mettler befürchtete, die Pfeife sei zu Ende, noch bevor Tetu den Mund aufgemacht hatte. Aber länger als eine Pfeife war er nicht gewillt, auf eine Antwort zu warten.

Wahrscheinlich ging es um Naomi. Der Grossvater kam mit seiner Enkelin, um deren Zukunft zu regeln. Vielleicht ­erwartete Tetu, dass Mettler dem Mädchen einen Studienplatz organisierte. Dass Naomi intelligent war, bezweifelte er keinen Augenblick. Aber jedes Mal, wenn Mettler die junge Frau darauf ansprach, vorsichtig und um sieben Ecken, tat diese, als könne sie seine Frage nicht verstehen.

Tetu wollte die Operation abwarten. Der Arzt behielt Tetu im Spital, weil doch eine ganze Reihe von Abklärungen zu ­machen waren. Das konnte er verstehen und war froh, weil sie im Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen eine Menge Arbeit hatten. Der Krieg in Syrien betraf sie zwar weit weniger als andere Länder. Die Schweiz war kein EU-Land, hier lebten keine Verwandten, die es bereits geschafft hatten. Mails und Selfies, die zeigen sollten, wie willkommen sie ­waren, kursierten keine, und eine Kanzlerin, die versprach: «Wir schaffen das», gab es auch nicht.

Tetu räusperte sich, nahm den Finger vom Mund und … Nun wurde die Nase massiert. Daumen und Zeigefinger zwirbelten den Kolben, als könnte so der Gedankenfluss beschleunigt werden.

Mettler stopfte die Pfeife und feuerte nach, rauchen liessen sich diese letzten Krümel nicht. Ein, zwei Züge, und die Pfeife ging wieder aus.

Moody! Mark René Moody. Sein Enkel und Naomi waren fast täglich mit den Rädern unterwegs. Hatte Moody Naomi erzählt, dass er lieber in Kenia leben würde? Weil er, trotz weissem Grossvater und einer weissen Mutter so dunkelhäutig war, dass ihm niemand glaubte, dass er Schweizer sei, wohingegen ihn in Kenia wohl kaum jemand nach seiner Zu­­gehörigkeit fragen würde? Hatte Naomi ihrem Grossvater erzählt, dass Moody die Schweiz verlassen möchte, und nun kombinierte dieser ihre Interessen mit Moodys Wünschen, weil sie sich Vorteile für Naomi ausrechneten?

Ach was. Selbst wenn Moody etwas in dieser Richtung zu Naomi gesagt haben sollte, er würde wohl kaum seine Aus­bildung zum Sozialarbeiter aufs Spiel setzen und sein Prak­tikum im Durchgangsheim abbrechen, um Hals über Kopf nach Kenia auszuwandern.

Ganz abgesehen davon, dass seine Mutter Christina solche Pläne vereiteln würde. Auch sein Vater Ali, der in Wien ein ­Hotel führte, wäre damit nicht einverstanden. Gut, Moody war erwachsen, aber … Nein, mit Moody hatte Tetus Schweigen nichts zu tun.

Mettler seufzte und drehte sich nach Tetu um. Er hielt sich für einen geduldigen Zuhörer, aber irgendwann verlor auch ein beredtes Schweigen an Bedeutung.

Busoni stemmte seinen Hintern hoch und rückte schwanzwedelnd ein bisschen näher. Er drehte sich umständlich, dann zwängte er die Schnauze zwischen seine Beine.

Tetu reagierte nicht.

Herrgott noch mal, er hatte auch noch anderes zu tun. In die Ferne schauen und dem Gebrumm der Insekten lauschen konnten sie auch später noch.

Busoni wollte gestreichelt werden. Seine stürmische Zudringlichkeit war immer noch diejenige eines unerzogenen Welpen. Mettler schob ihn sanft, aber entschieden unter den Tisch zurück.

Tetu rührte sich nicht.

Mettler begann seine Raucherutensilien einzupacken. Pfeife, Stopfer, Feuerzeug und Tabak wurden wieder in den Beutel gepresst. Aufbruch. Auch wenn Tetu ihm nicht zuschaute; was er hörte, waren klare Zeichen. Mettler gab ihm noch eine Minute.

«Versprichst du mir, den Mund zu halten und mich ausreden zu lassen, bis du die ganze Geschichte gehört hast?»

Tetu drehte sich nach Mettler um, und seine Finger liessen endlich auch die Nase in Ruhe. Die Hände ruhten auf seinen Oberschenkeln. Seine Augen standen offen, die übergrossen, schwarzen Pupillen schwammen im Wasser. Doch der Blick war voll und von einer beängstigenden Schärfe. Als könne er sein Gegenüber durchschauen und Schicht um Schicht in sein Innerstes vordringen.

«Kimele», stiess er hervor. «Du erinnerst dich. Kenias Finanz­minister Samuel Kimele.»

Restzeit: 4 T — 8 StD — 10 Min

Sie hatten die Räder ins Dickicht des Waldes geschoben, verhakten sie in den Zweigen, so dass sie um einiges besser standen als auf ihren Radständern, die im nassen Boden versanken.

Moody nahm Naomis Hand und zog sie über die Lichtung zum See. Sie zauderte, er spürte ihren Widerstand. Die junge Kenianerin vermied Berührungen, wurde nicht gerne angefasst, nicht von einem Mann, den sie erst seit ein paar Tagen kannte. Schüchtern war sie nicht. Ihrem Grossvater gegenüber konnte sie sehr energisch werden. Sie lachte gern und wusste, dass sie eine schöne Frau war.

Aber wenn sie allein waren, zerbröselte ihre Keckheit, und sie verwandelte sich in ein bebendes Etwas. Sie zitterte, und ihr Lächeln erlosch. Dabei glaubte er mehr als einen Blick ­erhalten zu haben, der ihm bestätigte, dass sie gern in seiner Nähe war. Auch sie musste doch zumindest ahnen, dass er nicht nur, weil ihn sein Grossvater gebeten hatte, sich um sie zu kümmern, seit bald zwei Wochen jede freie Minute mit ihr verbrachte.

Sie setzten sich auf die Bank am Ufer. Naomi löste ihre Finger aus seiner Hand und suchte in ihren Jeans nach einem Taschentuch.

Eine Finte, um von ihm abzurücken. Ein paar wenige Zentimeter, aber deutlich genug. Warum entzog sie ihm die Hand? Hielt eine Kenianerin ein Sich-bei-den-Händen-Halten bereits für einen Antrag?

Der Moorsee was so vollgelaufen, wie Moody dies noch nie ­gesehen hatte. Die Regengüsse der letzten Wochen überschwemmten die Ufer, der kleine Kiesstrand, der für den Badeplatz aufgeschüttet worden war, lag unter Wasser, selbst zwischen den Schilfpflanzen, die normalerweise aus dem Moorgrund ragten, schaukelte der See und gefährdete die Brutplätze der Wasservögel.

Die Natur litt unter dem unerwartet schönen Tag, dem grellen Licht, dem Temperaturwechsel. Von einem Tag auf den andern war es zwanzig Grad wärmer. Die Ufer glänzten und über dem Wasser waberte ein feiner Nebel. Die ganze Landschaft dampfte.

Sie sassen und schwiegen, als in unmittelbarer Nähe das Schilf raschelte und etwas ins Wasser platschte. Naomi erschrak und griff nach Moodys Arm, unterdrückte einen Schrei. Aus den schlanken Rohren schoss eine Schlange. Den Kopf über dem Wasser, einen Fisch im Maul, schnellte sie, ihren Körper wellenförmig aufgerichtet, fast direkt auf sie zu, änderte erst kurz vor ihren Füssen die Richtung und schlängelte sich durchs Gras. Der Fisch, fest im Griff ihrer Kiefer, sollte sich an der Luft zu Tode zappeln.

Auch Moody verkrampfte sich. Von Wasserschlangen hatte er gehört, gesehen hatte er noch keine. Das Tempo und die Wildheit des Tieres überraschten ihn.

Er legte seinen Arm um Naomi, zog sie an sich und hielt sie fest. Sie atmete schnell und stossweise, hob die Beine an, die Füsse, als ob sie jeden Bodenkontakt vermeiden müsse und ganz bestimmt nie wieder durch die Schlangenwiese zurück zu den Rädern gehen könne.

Auch er brauchte einen Moment, bis er sich beruhigte.

«Schlangen sind scheue Tiere und alle ungiftig. Hier. ­In der Schweiz. Um den See …», versicherte er Naomi. «Von ­ei­nem Unfall habe ich noch nie etwas gehört. Im Gegenteil. Wer eine Schlange sieht, darf sich etwas wünschen.»

Und weil ihn seine Erfindung überzeugte und er merkte, dass sie sich etwas beruhigte, sich seine Umarmung gefallen liess, fragte er, was er schon lange gern gewusst hätte.

«Was erwartest du von deinem Aufenthalt in Europa? Du für dich? Die Begleitung des Grossvaters ist doch nicht der einzige Grund?»

Naomi schwieg, und weil er ihr Verstummen nicht zu deuten wusste, bohrte er nach:

«Ich weiss so wenig über dich. Dass du deinen Grossvater begleitest, dass du zwölf Jahre zur Schule gegangen bist, sogar die Matura gemacht hast, in einer Klosterschule. Dass du Schneiderin lernst und für die Kinder deiner älteren Geschwister Kleider nähst. Aber nichts über dich. Was du willst?»

Moody erschrak über die Art und Weise, wie er mit Naomi sprach. Immer ungeschickt und patzig. Als rede er mit einem Kind. Oder sei ihr Lehrer.

Schon bei ihrer ersten Begegnung war da diese Unruhe. Ihre Art, ihn anzuschauen, zu lächeln und den Blick zu senken. Wie sie sich bewegte. Ihre feinen Züge, trotz der kräftigen Nase ihres Grossvaters und dem breiten Mund. Alles an ihr verführte ihn dazu, sich vor ihr aufzuspielen. Djamila Ushindi Naomi sollte ihn, Marc René Moody, für etwas Besonderes halten. Er träumte von einer Beziehung, doch obwohl er durchaus glaubte, dass sie ihn mochte, spürte er keinen Augenblick, dass es sie in seine Nähe trieb, wie umgekehrt ihn, dem sie fehlte, sobald sie nicht um ihn war.

Hatte sie sich derart gut im Griff? Oder waren in ihrer Gesellschaft solche Gefühle nicht erlaubt? Liebe, Sehnsucht?

Sein Grossvater, dessen grosse Liebe eine Kenianerin war – seine Alice! –, behauptete, Liebe sei Unfug, überflüssiges Geschwätz. Selbst in Europa ein junges Phänomen, das sich früher niemand leisten konnte. Die Verbitterung eines alten Mannes. Eine Ausrede, um sein selbstgewähltes Eunuchentum zu verteidigen. Die Behauptung, es gebe keine glücklichen Paare und jede Liebe ende tödlich, fand Moody abartig. Da konnte der Alte solange auf Romeo und Julia verweisen, wie er wollte.

Naomi sass in Gedanken versunken. Ihr Griff, mit dem sie seinen Arm umklammert hatte, lockerte sich, und ihre Hand rutschte langsam seinen Arm entlang, vorsichtig und immer wieder nur ein kleines Stückchen, bis sie schliesslich in seiner Hand landete und sich ihre Hände umschlossen. Obwohl ihre Berührung nicht gerade natürlich und alles andere als bequem war, ihre Hände hatten sich gefunden, und lieber wäre Moody von der Bank gefallen, als seine ungeschickte Umarmung zu lockern oder Naomis Hand noch einmal loszulassen.

So, wie es war, sollte es bleiben, und bei allen Fragen, die seinen Kopf durchkreuzten, wagte er schliesslich nur die fast bescheidene Bitte, sie möge doch ein bisschen von Kenia erzäh­len, weil ihn nicht zum ersten Mal die Frage quälte, ob Naomi nicht längst einem andern Mann versprochen war.

Sie musste einen Freund haben, jemanden, der nach ihrer Mission mit dem Grossvater auf einer Heirat bestand. Warum sollte eine junge, gesunde und schöne Frau alleine bleiben, fragte er sich und kam sich dabei sehr erfahren vor.

Zwei Blesshühner schwammen vorbei, vom Schilfgürtel links zum Schilfgürtel rechts, über dem Wasser tanzten mehrere ­Libellen, unförmige Körper unter schillernden Flügeln, und etwas weiter oben startete ein Schwan; sie hörten, wie sein kräftiger Flügelschlag die Luft durchpeitschte.

Die Wasserschlange sahen sie kein zweites Mal.

Endlich sagte Naomi leise, den Blick gesenkt und wie zu sich selbst, aber ohne Moodys Hand loszulassen.

«Das Schlimmste ist eine Schwangerschaft.»

Naomi war schwanger? Schon die ganzen zwei Wochen. Von einem Mann, den er nicht kannte. Sie war hier, um ab­zutreiben. Sie war mitnichten so unschuldig, wie er geglaubt hatte.

«Am Anfang waren wir 26 Mädchen. Die Schule war ein Mädchenpensionat, das Haus unserer Lieben Frau. Es waren katholische Nonnen. Sie hatten uns ausgesucht, sie brachten uns alles bei, damit nachher möglichst viele von uns nach ­Nairobi an eine höhere Schule konnten. Wir durften das Schulgelände nicht verlassen, ausser in den Ferien oder wenn uns jemand von der Familie übers Wochenende nach Hause holte. Trotzdem wurden wir immer weniger. Wer schwanger wurde, musste die Schule verlassen. Von meiner Klasse blieben ganze acht übrig, die einen Abschluss machten.»

Naomi versuchte, ihre Hand wegzuziehen, aber er hielt sie fest.

«Erzähl weiter», bat er sie. «Was geschah nach dem Schulabschluss? Bist du nach Nairobi gegangen?»

«Mein Vater und meine Brüder haben sich für mich erkundigt, ich bin nur einmal mitgegangen. Ich weiss, was ich will. Aber dafür gibt es keine Ausbildungsplätze. Auf jeden Fall nicht dort, wo sie sich erkundigten. So richtig gesucht haben sie aber nicht. Viel wichtiger war es für sie, mir zu zeigen, was mich in Nairobi erwarten würde. Was mit Frauen geschieht, die ohne Mann in die Hauptstadt gehen. – Ohne meine Mutter und ohne meinen Grossvater wäre ich schon lange verheiratet. Zu einem guten Preis. Von allen Männern war nur der Grossvater der Meinung, dass eine Frau keine Kuh ist. – Vielleicht hat er das von deinem gelernt. Unsere Männer denken nicht so. – Die katholischen Schwestern hatten recht. Männer sind gegen uns.»

«Nicht alle. Auch in Kenia nicht. Und manchmal haben sie ja auch recht. Was ich so über Nairobi gehört habe … Ein leichtes Pflaster ist das für alleinstehende Frauen bestimmt nicht.»

«Und warum? Weil uns wild gewordene Männer nachstellen, weil sie uns schwängern und dann sitzenlassen. Weil sie keinen Respekt vor uns haben. Weil ihnen ihr Schwanz das Blut aus dem Kopf abzapft.»

Moody erschrak. War das noch das schüchterne Mädchen, das nach jedem Lächeln den Blick senkte? Unangenehm berührt, versuchte er, das Thema zu wechseln.

«Was willst du denn werden, was in Nairobi nicht zu lernen ist? Ich denke, du bist Schneiderin?»

«Das stimmt. Ich bin Schneiderin», sagte sie trotzig. «Aber ich will Modedesignerin werden. In Sultan Hamud haben sie es gemacht. Das ist in der Nähe von Nairobi. Auf dem Land. Auf dem Weg nach Mombasa, Herr Moody, der von Kenia nichts weiss. – Junge Designer der Abschlussklasse haben es allen gezeigt und aus afrikanischen Mustern und Stoffen eine eigene Kollektion entworfen. Collection of hope! Da will ich hin. An die internationale Modeschule ESMOD. In Berlin oder München. Und dass ich Schneiderin bin, wird mir dabei helfen. Und mein Schulabschluss bei den Nonnen …»

«Und ich!»

«Du?»

«Ja, ich. Ich kann dich hinfahren, dich begleiten. Nach ­Berlin! Nach München. Das sind nicht weniger gefährliche Städte als Nairobi. – Ich werde dich begleiten», und er drückte ihre Hand, als träfen sie damit eine Abmachung.

Die Blesshühner tauchten wieder aus dem Schilf auf und paddelten zurück zur anderen Seite.

«Wenn ich dir dabei helfe? Wenn ich dich begleite …», stammelte er und versuchte, sich aufzurichten und sich ihr zuzuwenden …

«Stopp!», wehrte sie seine Bemühungen ab. «Mit einem Kuss fängt es an. Auch wenn ein Kuss noch nichts bedeutet, aber eingeheizt wird.» Sie tauchte unter ihm weg und rutschte von der Bank. «Meine Hand musst du auch loslassen. Wir sind schon viel zu lange unterwegs, und ich will wissen, wie es dem Grossvater geht. Wie das ist, wenn einer nach zwölf Jahren wieder sehen kann.»

Moody stand auf, schüttelte Arme und Beine. Er streckte sich und schaute auf den See hinaus. Mit einem leicht gequälten Lächeln drehte er sich nach Naomi um.

«Getraust du dich durch die Wiese zu den Velos, oder soll ich dich tragen?»

Sie lachte und stapfte durch die Gräser zu den Rädern.

Dienstag, 3. Mai 2016
Restzeit: 3T — 16 StD — 15 Min

Mettler fuhr viel zu schnell.

Wenn Mettler am Steuer sass, hatte Tetu das Gefühl, in Gefahr zu sein. Mit röhrendem Motor raste der Alfa Romeo über die Autobahn, Mettler wechselte dauernd die Spuren, bremste ab und drückte wieder aufs Gas, als müssten sie gleich abheben.

Eine unangenehme Erinnerung, auch wenn der Wagen keine Piper Cub war und keine Bruchlandung drohte.

Die Strasse war perfekt. Keine Schlaglöcher, keine Pfützen, vor allem keine Ziegen, die plötzlich aus dem Gebüsch auf die Fahrbahn sprangen. Frei laufende Tiere hatte Tetu in der Schweiz ohnehin noch keine gesehen. Die Kühe von Mettlers Nachbarn waren so fett, dass sie kaum noch gehen konnten. Sie standen da und frassen.

Ohne den Blick von der Strasse zu nehmen, fragte Mettler, und es klang unfreundlicher, als es vielleicht gemeint war:

«Hast du gestern Nacht eigentlich noch jemanden von deiner Familie erreicht?»

«Naomis Vater.»

«Und? Wie geht es ihnen? Sind alle okay?»

«Ja. Sie freuen sich. Werden mir demnächst eine Wunschliste schicken», brummte Tetu. «Fahr doch nicht so schnell.»

«Nicht schneller als alle andern», sagte Mettler achselzuckend. «Das ist eine Autobahn.»

Was interessierte sich Mettler plötzlich für seine Familie? Schon gestern unter dem Nussbaum. Es ging doch nicht um seine ­Familie. Mettlers Reaktion auf seinen Bericht war befremdlich und hatte ihn die halbe Nacht beschäftigt.

Mettler hatte ihm zwar zugehört, geduldig und ohne all die Fragen zu stellen, die auch ihm unter den Nägeln brannten. Aber dann wollte er von den CDs und wie er zu dieser Da­tensammlung gekommen war, gar nichts wissen. Francis Ali Odongo war ihm egal. Die Daten? Egal. Sie beide seien schon einmal ins Visier des Kimeleclans geraten und hätten bitter dafür bezahlt. Es ging doch nicht um sie. Nach zwanzig Jahren.

Das Grün war selbst auf der Autobahn unerträglich. Rechts und links der Fahrstreifen, einer Schneise mitten durch fruchtbares Land, stand das Gras meterhoch, in der Böschung wucherten Büsche und Bäume, Feuerholz für ganze Dörfer. Doch niemand interessierte sich dafür. Menschen sah er keine. Die Bahn schien einzig für Autos zu sein. Keine Fussgänger, keine Radfahrer, kein Eselskarren.

«Hast du diesen Odongo gekannt?», fragte Mettler und schwenkte nach links, um sich an einen Wagen zu hängen, der eine ganze Kette von Lastern überholte. «Ich meine, wie kommt so jemand auf die Idee, dir diese CDs anzuvertrauen?»

«Ich kenne keinen Francis Ali Odongo. Er hat die Daten einer Journalistin gegeben, Elisabeth Kyengo, und diese … Aber das habe ich dir doch alles erzählt.»

«Du hast gesagt, diese Kyengo wollte die Daten dem Whis­tleblower zurückgeben, weil ihr die Sache zu heiss war. Aber da hatte sich Odongo bereits erhängt. Woher weiss sie das?»

«Von Odongos Nachbarn. Odongo sei verhaftet worden und habe sich ein paar Tage später in seiner Gefängniszelle ­erhängt.»

«Und das glaubst du?»

«Nein. Aber es kommt vor.»

«Und dann hat sie die Daten einem blinden Polizisten im Ruhestand übergeben und ist abgehauen. Schlau. Sehr schlau.»

«Elisabeth gehört zur Familie. Die Tochter eines Vetters meiner Frau, sie kennt mich, und ja, schlau, bei einem Blinden waren die Daten erst einmal sicher. Hier suchte sie niemand, und davor, dass ich sie mir anschaue, waren sie ebenfalls sicher.»

«Wenn der Blinde nicht für eine Augenoperation in die Schweiz geflogen wäre.»

«Das weiss keiner.»

«Ausser deiner Familie.»

«Nein. Auch Naomi nicht. – Überdies sind wir unter einem falschen Namen ausgereist.»

«Gut, ja, aber was ich nicht verstehe. Warum, warum in drei Teufels Namen, warum willst du diesen Dreck aufmischen?»

Ein Motorrad überholte sie, ein Verrückter, der wie ein Geschoss an ihnen vorbeiraste. Mettler schüttelte den Kopf, grinste und gab Gas. Ein Kindskopf. Oder wollte er ihm Angst einjagen?

Tetu starrte auf die Strasse, die von der Schnauze des Wagens gleichsam gefressen wurde, und versuchte sich irgendwo festzuhalten. Am Gurt, der sich über seinem Bauch spannte, an der gepolsterten Armlehne in der Tür, am Hebel der Handbremse.

«Finger weg!», fauchte Mettler, doch nachdem der Motorradfahrer mit roten Bremslichtern die nächste Ausfahrt genommen hatte, erkundigte er sich wieder nach Odongo.

«Was meinst du? Odongo? Wurde er gefoltert? Niemand weiss, ob er geplaudert hat. Und was. Namen. Daten. – Zimperlich sind Kimeles Leute nicht. Das weiss keiner so gut wie du. – Ich verlange, dass Naomi ab sofort täglich ihren Vater ­anruft.»

«Wie bitte?»

Wovor hatte Mettler solche Angst? Oder war es Vorsicht?

«Und wenn Odongo die Daten an weitere Personen gegeben hat?», bohrte Mettler weiter. «Wenn es Kopien gibt?»

«Das haben sich Elisabeth und ihr Mann auch gefragt. Sie haben sich nach London abgesetzt. Wenigstens für ein paar Wochen …»

«Und in London sind sie sicher? Wie du in der Schweiz?»

«Du glaubst doch nicht … So mächtig sind diese Leute nicht …»

«Und ob! Wenn du dir da nur keine falschen Hoffnungen machst. Er hat zwar keinen Ministerposten mehr, aber …» Mettler seufzte. «Was muss Kimele befürchten, wenn seine Machenschaften auffliegen? Und zu welchen Mitteln greift er, um einen erneuten Skandal zu verhindern?»

Mittlerweile waren so viele Fahrzeuge um sie herum, rechts und links, vor und hinter ihnen, dass abzusehen war, dass die rasende Lawine demnächst zum Stehen kommen musste. Mettler schwamm im Strom der vielen Wagen, die alle glänzten, als wären sie eben erst aus der Fabrik gekommen, selbst die Lastwagen blitzten im Sonnenlicht. Und alle fuhren mit Mettler um die Wette.

Bevor sie aufgebrochen waren, hatte er Mettlers Wagen bewundert. Er hielt ihn für ein brandneues Fahrzeug. Die einwandfreien Lederpolster, der Lack ohne Rost und Kratzer. Mettler lachte und behauptete, es handle sich um einen «alten Herrn», fünfzehn Jahre alt mit über 200'000 Kilometern, und dann zeigte er ihm eine Schramme bei der Tür und eine so winzige Beule, dass sie sich bücken und drehen mussten, um sie in der spiegelglatten Oberfläche überhaupt zu sehen.

Warum machte Mettler seinen Wagen schlecht? Als ob er ein schlechtes Gewissen hätte, schämte er sich für seinen Reichtum?

Und dann standen sie im Stau, und Tetu atmete auf. Wenn der Alfa hielt, fand er ihn fast gemütlich und die Vorstellung, dass sie nur eine Handbreit über der Strasse hockten, verlor ihren Schrecken.

«Du bist in Kenias Gefängnissen fast verreckt», brauste Mettler auf und schlug mit der Faust aufs Lenkrad. «Du bist erblindet, und mich hat man ausgeraubt. Das Hotel in Lamu, meine Ersparnisse, alles weg. Aber wir leben noch, Njoroge. Wir leben noch. Und das soll so bleiben. Wenigstens noch für ein Weilchen.» Und wieder ein Schlag aufs Lenkrad. «Njoroge! Robinson! Verdammt! Freu dich, freu dich, dass du wieder sehen kannst, und lass die Finger davon. – Wir wissen, dass wir recht hatten. Damals. Der Goldhandel ist ein paar Jahre später aufgeflogen, die Gerichte bestätigten unseren Verdacht. Aber hat sich etwas geändert? Hat sich auch nur irgendetwas verbessert? Kamen Kimele und seine Leute hinter Gitter? Haben sie auch nur einen Shilling von ihren geklauten Millionen zurückgegeben? Irgendeinen verdammten, einzigen Shilling?» Er drehte sich wütend nach ihm um und funkelte. «Sie haben mit dem Finger auf andere gezeigt und weitergemacht. Immer weiter. Und immer noch einen Zacken unverschämter. Der Kimeleclan ist reicher als Kenia verschuldet. Kein Leak hat ihnen je geschadet.»

Mettler trommelte auf die Armaturen, riss ein Handy aus der Halterung und schleuderte es auf den Rücksitz. So ausser sich hatte Tetu seinen Freund noch nie erlebt.

«Gut!», brüllte Mettler, «schauen wir uns die Dateien an. Offline. Meinetwegen. Auf einem neuen Computer, der noch von keiner Suchmaschine registriert wurde. Vielleicht ist ja ­alles vollkommen harmlos. Bankbelege, Verträge, E-Mails. Nutzloses Zeug, mit dem niemand etwas anfangen kann und das nichts beweist, kein einziges Verbrechen. Nichts.»

«Und Odongo ist umsonst gestorben», knurrte Tetu. Und beide wussten sie, dass sie sich etwas vormachten.

Bei der nächsten Abzweigung verliessen sie die Autobahn und zwängten sich durch eine Strasse mit Einkaufscentern. Wohin er schaute, mehrstöckige Klötze mit riesigen Werbeaufschriften, hässliche Bauten ohne Wohnraum, in denen es für jeden Bereich ein ganzes Haus gab. Garten, Möbel, Büro, Küchen, Bau und Hobby, Kleider, Schuhe … Und Elektronik. Da wollten sie hin.

Afrikanisches Zwischenspiel Nr. 1

In der Fieberakazie lärmten bereits die Webervögel, mit Geschrei und Geflatter versuchten die Männchen ein Weibchen in eines ihrer kugeligen Nester zu locken. Die kleinen, gelben Vögel bauten immer gleich mehrere Brutstätten. Sie bauten so lange, bis alle Weibchen ein Nest bezogen hatten, und weil alle Männchen so viele Weibchen wie möglich beglücken wollten, entstanden Wohnkugeln ohne Ende. Leer stehende Wohnungen. Was für ein Luxus, den sich die frechen Kerle da leisteten.

Samuel Kimele sass im Bademantel hinter seinem Schreibtisch im Büro seines Landhauses am Naivasha See. Die Nähe seiner Farmen, eine seiner Touristen-Lodges auf der anderen Seeseite und die Moi South Lake Road hinter dem Haus taten ihm gut. Wenigstens seine allernächste Umgebung verbürgte Dauer und Zugehörigkeit.

In der Nähe der geöffneten Fenster sass ein junger Mann in einem Sessel. Schwarze Hose, weisses Hemd, den Kittel hatte er über einen Fauteuil gelegt. Wenn er nicht gähnte, ass er Mandeln, mit denen er ab und zu auf einen Vogel zielte.

Der Datendiebstahl Odongos richtete, noch bevor die Dateien überhaupt publik wurden, einen Schaden an, über den Kimele jeden Überblick verloren hatte. Auf einem Blatt Papier versuchte er, sich Klarheit zu verschaffen. Doch alle Gedankenspiele missrieten zu unübersichtlichen Kritzeleien. Wütend zerknüllte er seine Zettel und knallte sie in den Papierkorb.

Er stand auf und defilierte im schwingenden Bademantel vor schweren, dunklen Büchergestellen hin und her und verlangte eine Zusammenfassung.

«Das hilft dir auch nicht weiter, Pa», sagte der junge Mann und drehte sich nach seinem Grossvater um.

«Eine Zusammenfassung! Ich möchte sie hören.»

«Bitte: Der Whistleblower Odongo hat sich im Gefängnis erhängt. Die gestohlenen Dateien sind verschwunden. Schluss, aus. Ein Sturm im Wasserglas.»

«Schön wär’s», murrte der Minister und schnürte den Ba­demantel zu. «Etwas genauer, wenn ich bitten darf.»

«Gut. Wir haben alles getan, um herauszufinden, wer im Besitz der Dateien sein könnte. Wir sind jedem Verdacht nachgegangen, haben Journalisten, die Kollegen Odongos, seine Verwandten und seine Nachbarn ausgequetscht», der Junge kickte ein paar Mandeln in die Akazie, «ausser zwei vagen Vermutungen haben wir nichts. – Soll ich dir das jetzt alles vorkauen?»

«Ich höre.»

«Verdacht Nummer 1: Die Journalistin Elisabeth Kyengo könnte die Dateien erhalten haben. Eine Frau! Dem Staate wohlbekannt. Eine aufmüpfige Schlampe um die dreissig, die für ihren reisserischen Journalismus und für ihren Aufruf zum Sexstreik bekannt geworden ist. Lysistrata!»

Der Junge rollte auf dem Sessel hin und her und tat, als ob er sich einen von der Palme schütteln würde.

«Weiter!»

«Der Schrecken aller Männer hat das Land kurz nach Odongos Tod verlassen und ist in London untergetaucht. Unauffindbar. Zusammen mit ihrem Mann! Schlussfolgerung: Es droht eine Weltrevolution. – Alles klar?»

«Ich bitte um etwas mehr Respekt», zischte der Minister. «Die Dokumente schaden der gesamten Familie.»

«Verdacht Nummer 2: Die Journalistin Elisabeth Kyengo ist verwandt mit einem Polizeibeamten, der vor Jahren einmal gegen dich ermittelt hat. Mit einem gewissen Robinson Njo­roge Tetu. Nur: der alte Hundling ist seit Jahren blind, lebt in einem Kaff auf dem Land. Doch dort ist er nicht. Oho! Er sei zusammen mit einer Enkelin nach Lamu gefahren. Hört, hört!»

Der Junge sprang auf und hopste auf den Sessel, trommelte sich auf die Brust.

«Der Mann ist gefährlich. Uh, uh! Er will sich rächen, er schmuggelt die Daten ins Ausland, von Lamu nach Somalia. In Somalia wird er die Daten veröffentlichen. Uh!»

Der Mann plumpste in den Fauteuil und streckte die Beine aus.

«In Lamu angekommen ist er bis heute nicht.»

Kimele konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Thea­tereinlage seines Enkels hatte ihn zumindest abgelenkt. Der ­Junge, der davon träumte, Filmschauspieler zu werden, wie schon seine Mutter, die ihre Träume aber dann begraben musste, hatte ja recht. Sie konnten nichts machen, sie mussten warten, und wenn sie Glück hatten, gingen die CDs mit den Daten mehr oder weniger verloren, weil es Odongo nicht mehr gelungen war, ihre Verbreitung zuverlässig zu regeln.

Was Tetu betraf – mein Gott, wahrscheinlich war es eine vollkommen überflüssige Anordnung. Er hatte ein paar Leute von Safaricom nach Kanja geschickt, welche alle Handys in ­Tetus Dorf mit einem kleinen Sender aufrüsteten, angeblich, um den Empfang zu verbessern.

In den nächsten Tagen würden sie wohl erfahren, wo sich Robinson Njoroge Tetu aufhielt und was er zu erzählen hatte.

Restzeit: 3 T — 14 StD — 50 Min

Vom Parkhaus, in dem Mettler seinen Alfa Romeo stehen liess, ohne dass jemand gekommen wäre, der sich anerboten hätte, auf den Wagen aufzupassen, fuhren sie auf Rolltreppen direkt in den Markt.

Es war lange her, dass Tetu eine Rolltreppe benutzt hatte. In Nairobi gab es welche. Sie ratterten und wackelten, und noch jedes Mal zwangen sie ihn zu einem Schrittwechsel, wenn er nicht vom Laufband auf festen Grund stolpern wollte. Er bevorzugte den Lift oder eine Treppe, eine ganz gewöhnliche, auf der man sich bewegen musste und die den Kreislauf förderte. Der Sinn dieser aufwendigen Einrichtungen leuchtete ihm nicht ein.

Doch Mettler steuerte so zielstrebig auf die rollenden Bahnen zu, dass er gar nicht auf die Idee kam, sich nach einem Lift umzusehen. Sein Freund tänzelte auf den Stufen herum, liess sich rückwärts nach oben fahren und zeigte lachend auf zwei Kinder, die auf der abwärtsfahrenden Treppe nach oben rannten und sie beide sogar noch überholten. Eine Rolltreppe war zum Spielzeug geworden. Sogar für einen Alten wie Mettler.

Oben angekommen, standen sie direkt vor der Markthalle, in der ausschliesslich Elektronik verkauft wurde. Die Halle war gigantisch, wo sie anfing und wo sie aufhörte, war nicht zu sehen. Sie passierten eine Schranke und standen mittendrin. Eine Orientierung war unmöglich, alles sah gleich aus, trotz der verschiedenen Produkte, welche die Regale und Gestelle füllten und die Gänge verstopften.

Mettler kannte sich aus. Ohne zu zögern, schritt er durch einen Gang, in dem rechts und links lauter Kaffeemaschinen aneinandergereiht waren. Tetu schüttelte den Kopf, schloss für einen Moment die Augen. Eine rote, eine schwarze, eine silberne, eine weisse Maschine mochten ja noch angehen, aber wer wollte denn unter so vielen auswählen, sie miteinander vergleichen? Endlose Reihen immer anderer Modelle?

Trotzdem hätte er sich die Geräte gerne etwas genauer ­angesehen. Seine Frau wünschte, dass er ihr eine solche Maschine mitbringe. Eine mit Kapseln. Diese seien die Besten. Sie hatte ihm sogar ein Foto mitgegeben, auf dem einer fragte: What else?

Mettler musste dann doch fragen, und ein uniformierter Verkäufer zog die Brauen hoch und zottelte mit ihnen wieder an den Kaffeemaschinen vorbei und um sieben Ecken, bis er endlich stehen blieb und auf drei endlose Reihen voller Laptops zeigte.

Mettler erklärte, dass sie ein Gerät bräuchten, auf dem sich auch eine DVD abspielen lasse.

Das, so erklärte der Verkäufer gelangweilt, schränke die Auswahl erheblich ein, DVDs würden demnächst nur noch im Antiquitätengeschäft gehandelt, aber bitte, und er zeigte auf eine Reihe von mindestens zwei Dutzend Geräten, die noch eine solche Schublade hätten. Im Übrigen lasse sich ein solches Laufwerk auch extern anschliessen, via USB. Er grinste, schielte zu seinen Kollegen hinüber und zog die Schultern hoch.

Entschuldigte er sich oder machte er sich lustig? Tetu verstand die Signale nicht, weder die hochgezogen Augenbrauen, das Zucken der Schultern, noch die gelangweilte und unfreundliche Bedienung. Warum freute sich niemand, dass sie etwas kaufen wollten? Warum half ihnen keiner?

Gelangweilt und gegen einen Betonpfeiler gelehnt, sprach der Verkäufer von Clouds und Hubs und Sticks, aber was Wolken oder ein Stock mit einem Computer zu tun hatten, verstand Tetu nicht.

Mettler schon, und Tetu war beeindruckt, wie gut sich sein Freund mit diesen technischen Dingen auskannte.

«Für unsere Zwecke dürfte das hier genügen», sagte Mettler und zeigte auf eines der billigeren Geräte. Er wandte sich an den Verkäufer und wollte wissen, mit welchem Betriebssystem der Computer arbeite und ob das System bereits installiert sei.

«Windows 10! Sie brauchen sich nur anzumelden und los geht’s. Sie können gleich damit arbeiten», sagte der Verkäufer und deutete nachlässig auf einen Kleber, der auf praktisch allen Gehäusen angebracht war.

«Und wenn ich ein Gerät möchte, das mich nicht zum Sklaven von Microsoft macht? Ich will keine Vorinstallation löschen müssen, um auf Linux zu wechseln.»

Der Uniformierte wurde nervös. Tetu grinste, Mettler verstand eben doch ein bisschen mehr. Der Verkäufer holte sich Verstärkung, winkte einem Kollegen und brummte entschuldigend: «Ich bin für Waschmaschinen.»

Auch der Kollege konnte Mettlers Frage nicht beantworten. Alle ihre Herstellerfirmen hätten Verträge mit Microsoft. Für die Kunden nur von Vorteil. So würde die Software gratis mitgeliefert. Aber auf Wunsch könne auch nach einer Vorin­stallation ein anderes Betriebssystem aufgeschaltet werden. Von Linux wollte er gehört haben, behauptete aber, es sei nicht besonders kundenfreundlich.

«Hat sich nie wirklich durchgesetzt, und wird wohl demnächst wieder vom Markt verschwinden.»

Mettler verdrehte die Augen.

Ein dritter Verkäufer gesellte sich dazu, und alle versuchten, Mettler davon zu überzeugen, dass für ihn kein Nachteil entstehe, wenn er erst Windows installiere und danach Linux einrichte.

Mettler bekam einen roten Kopf.

«Ich möchte aber nicht von Microsoft erfasst werden. Und das werde ich, sobald ich mich registrieren lasse.» In Fahrt ­gekommen, schrie er: «Schon mal etwas vom gläsernen Bürger gehört?» und verlangte, den Abteilungsleiter zu sprechen. Oder den Chef. Oder irgendjemanden, der seine Frage beantworten könne, ohne blöd zu grinsen.

Tetu begriff zwar das Problem nicht, aber verstehen konnte er Mettler sehr wohl. Die Arroganz der drei Verkäufer, mit der sie, so vermutete Tetu, vertuschen wollten, dass sie Mettlers Frage nicht verstanden, war unübersehbar. Auch für ihn. Oder täuschte er sich, und es war Mettler, der sich mit seinen Fragen lächerlich machte?

Als ein vierter Mann versuchte, die Wogen zu glätten, und sich jovial nach dem Problem erkundigte, kam es zum Streit. Vor allem Mettler wurde laut. Soweit Tetu dem Wortwechsel folgen konnte, glaubte er Mettlers Bedenken zu verstehen. Dieser wollte einen Computer ohne Voreinstellungen, ohne alles.

«Was Geheimdienste und Behörden nicht geschafft haben», schrie er, «das gelingt heute Microsoft, Google und Co. im Handumdrehen. Und uns wird erzählt, es sei zu unserem Vorteil. Als ob Unternehmen, Manager uns Usern etwas schenken würden.»

Mettler lachte hysterisch, die uniformierten Verkäufer lach­ten ebenfalls, der eine mit hochrotem Kopf, die anderen eher dümmlich. Schliesslich riss Mettler ein Paket aus dem Gestell, überflog die Angaben auf der Verpackung, klemmte sich das Teil unter den Arm und marschierte davon.

Tetu stand vor den Männern und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.

War das Diebstahl? Oder durfte sich hier einer etwas aus dem Gestell nehmen und damit davonlaufen? Würden sie ihn verhaften, abführen, als Geisel behalten?

Doch die vier Verkäufer kümmerten sich nicht um ihn, liessen ihn einfach stehen. Einer deutete mit einer knappen Kopfbewegung an, dass Tetu sich doch bitte dem davoneilenden Freund anschliessen und verschwinden möge. Er trat einen Schritt zurück und gab ihm den Weg frei.

Mettler war mit seinem Paket schon am Ende des langen Mittelgangs, der zu den Kassen führte. Als Tetu bei ihm anlangte, hatte er bereits bezahlt. Mit einer Kreditkarte, welche die Kassiererin kaum angeschaut hatte. Kannte sie Mettler, war er ihr Stammkunde? Warum überprüfte niemand Mettlers Karte? Nahm sie denn niemand ernst?

Die Frau stellte eine Garantie aus, heftete den Kassenbon ans Formular und ohne ein Wort zu wechseln, schob sie Mettler eine Tüte über den Verkaufstisch. Mettler steckte den Laptop ein, und sie standen wieder vor den Rolltreppen.

«Rotzlöffel», grollte Mettler, «aber lassen wir uns die Laune nicht verderben, immerhin haben wir, was wir brauchen. – Darf ich dich zu einem Kaffee einladen?»

Tetu nickte, und sie liessen sich von den rollenden Stufen nach oben tragen, orangen Kugeln entgegen, die für die Gemütlichkeit eines Restaurants warben.

Einen Kaffee, den konnte er brauchen, bevor er sich erneut in den Alfa setzte.

Restzeit: 3 T — 13 StD — 00 Min

Wieder auf dem Iselisberg, erbat sich Tetu eine Ruhezeit, seine Augen täten ihm weh und sein Kopf, er müsse sich an die vielen Bilder erst gewöhnen. An die Schweiz im Allgemeinen. An das viele Grün. An eine Welt ohne Staub und Hitze, ohne Schafe, Ziegen und Esel.

Mettler hätte den neuen Laptop gern zusammen mit Moody eingerichtet. Wie liess sich der Zugriff von Microsoft verhindern? Er war überzeugt, dass schon der Start des Geräts erste Daten an den Hauptsitz des Konzerns übermitteln würde. Aber Moody war mit Naomi unterwegs.

Mit dem Fahrrad nach Stein am Rhein. Sind so gegen 16 Uhr wieder zurück. N+M.

Die kurze Nachricht auf dem Küchentisch verriet mehr als die paar Worte. Er sah Moody zwar regelmässig, aber nicht täglich. Er hatte sich gefragt, ob er Ferien hatte oder sich ein paar freie Tage gönnte. Das Praktikum im Durchgangsheim war ein Vollzeitjob. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Heimleiterin Simone seinen Enkel machen liess, was dieser gerade wollte. Er würde sich bei ihr erkundigen, heute noch, denn jetzt, da Tetu wieder sehen konnte, drängte es ihn, seinem kenianischen Freund die Frau vorzustellen, die ihm nach Alice am nächsten stand.

Und seinen Enkel.

Tetu hatte Moody noch nicht gesehen. Naomi kam allein zu ihnen unter den Nussbaum, um dann ihrem Grossvater ­alles aufzuzählen, was sie sah, und hinter jede ihrer Beschreibungen schob sie die Frage nach, ob der Grossvater auch wirklich sehe, was sie ihm gerade geschildert habe. Tetu bestätigte alles, immer wieder und noch einmal, Naomi freute sich und Tetu freute sich mit.

Moody dürfte für Tetu ein harter Brocken sein. Dass Moody und Naomi sich mochten, musste auch der blinde Tetu ­gemerkt haben, es war unüberhörbar. Aber dass dieser so dunkelhäutig war wie sonst ein Kenianer, stellte sich der alte Herr wohl kaum vor. Moody war ein Schweizer, ein Weisser, einer, für den seine Enkelin zu schade war.

Tetu würde ein weiteres Mal seinen Augen nicht trauen. Weisser Grossvater, weisse Mutter, und trotzdem schwarz?

Mettler durchwühlte seinen Büroschrank nach einer CD mit dem Betriebssystem von Linux. Er arbeitete seit Jahren mit dem Pinguin. Die Suche war mühsam. Vor allem weil Mettler alle Software-CDs einfach in einen grossen Plastikbehälter ­geschmissen hatte, Gebrauchsanleitungen, Programme und Spiele, alte Anwendungen, die von seinem Computer gar nicht mehr gelesen werden konnten. Eine Postkarte hatte eine längere Haltbarkeit als eine CD. Wo lag denn da der Fortschritt?

Mettler seufzte.

Tetus Vorstellung, sie beide könnten den einstigen Finanz­minister Kimele vor den Internationalen Gerichtshof zitieren und eine Anklage gegen ihn erwirken, war Wunschdenken. Tetus Hunger nach Wahrheit und Gerechtigkeit in Ehren, aber für sie beide eine viel zu grosse Kiste. Weder Tetu noch er verstanden etwas von Geldgeschäften. Das Treiben internatio­nal vernetzter Finanzjongleure bewegte sich in einem Graubereich. Datenbanken, wie Tetu eine zu besitzen glaubte, gab es viele, aber noch jedes Mal verliefen die Aufregungen im Sand. Volkszorn und Empörung schwollen an und verebbten wieder. Die vielen Leaks büssten jedes Interesse ein, die Welt zu erschüttern vermochten sie nicht.

Angst machten ihm nicht die Enthüllungen, sondern der Kimeleclan. Wenn diese Leute wussten, wo sie die Daten suchen mussten, waren sie beide nicht mehr sicher. Zweifellos konnte man sie hier nicht einfach verschwinden lassen oder umbringen wie Odongo. Aber der Clan war vernetzt, weltweit, und es wäre mit Sicherheit kein Problem, einen Killer auf sie anzusetzen, sein Haus zu durchsuchen oder anzuzünden. Tragischer Brandunfall auf dem Iselisberg.

Nein, so ehrenhaft Tetus Absichten waren, er musste versuchen, Tetu von seinem Vorhaben abzubringen. Indem er sich scheinbar darauf einliess. Er erinnerte sich an eines ihrer ersten Gespräche in Lamu, wo Tetu als Polizeichef für Recht und Ordnung gesorgt hatte.

«Die Strafe ist der Dolch, der die Guten vor den Bösen schützt. Ein Gesetz ohne Strafe ist ein schlechtes Gesetz. – Wenn einer ein Kalb stiehlt, so ist er ein Räuber, und ein Räuber muss gehängt werden, so steht es im Gesetz, und nur wenn der Räuber am Galgen hängt, so dass alle es sehen können, ist das Gesetz ein gutes Gesetz. Es hat gezeigt, dass es stark ist.»

Diese simple Logik von Gesetz und Strafe hielt er damals für naiv, doch Tetus Gesetzestreue und sein Verständnis von Gerechtigkeit grenzten an Borniertheit. Und nun bot sich dem Alten die Möglichkeit, sich für widerfahrenes Unrecht zu rächen. Eine Gelegenheit, die sich einer wie Tetu nicht ent­gehen liess.

Aber er, Mettler, hatte keine Lust, für den Rest seines Lebens jede Sicherheit einzubüssen. Immer auf der Flucht vor einem Vergeltungsschlag Kimeles. Immer auf der Hut. Immer in Angst.

Endlich fand er die CD mit dem Pinguin. Die Version war ­etliche Jahre alt, und er konnte nur hoffen, dass das neue System die Scheibe akzeptierte.

Er schaltete den Laptop ein, und schon nach wenigen ­Sekunden wurde Mettler aufgefordert, sich zu registrieren. Und damit wäre er bei Microsoft angemeldet. Genau das, was er verhindern wollte.

Es war anzunehmen, dass das Gerät alle Internetverbindun­gen seines Weilers erfasste und gleich versuchen würde, sich einzuloggen, auf jeden Fall arbeitete das Gerät unauf­gefordert weiter, obwohl er sich nicht registriert hatte. Er wurde mit der Welt verbunden. Wenn er aber das DVD-Laufwerk öffnen wollte, geschah nichts.

Mettler fluchte.

Es war nicht so, dass er von diesen Dingern nichts verstand, seine Arbeit im Empfangszentrum brachte es mit sich, dass er tagtäglich am Computer sass. Mit der Wartung hatte er nichts zu tun, aber seinen eigenen Computer hatte er selbst eingerichtet, auch die Umstellung auf ein anderes Betriebssystem hatte er ohne Support eines gestressten Telefonberaters geschafft.

Für einen Fachmann hielt er sich deswegen nicht. Er hatte keine Ahnung davon, was die Geräte konnten, und dem Internet misstraute er. Das Kameraauge seines Bildschirms hatte er zugeklebt. Trotzdem vermutete er, dass jeder seiner Schritte im Netz festgehalten wurde und von irgendwelchen Firmen zu dubiosen Zwecken missbraucht werden konnte.

Das Gerät verlangte erneut die Registration. Es gab keine andere Möglichkeit, als erst einmal Windows zuzulassen, um dann die neuste Version von Linux aus dem Netz zu laden. ­Danach würde er Windows von der Festplatte löschen, so dürften sich seine Spuren im Netz in Grenzen halten.

So schnell und einfach wie versprochen ging das aber nicht. Immer wieder starrte er auf den Bildschirm und zählte die Sekunden.

Tetu und er würden Stunden vor dem Bildschirm hocken, er kannte Tetu. Sie würden nichts verstehen, aber versuchen, sich auf alles einen Reim zu machen. Und Tetu würde nicht aufgeben, bis sie etwas gegen Kimele in der Hand hatten, und er, Mettler, musste einen Weg finden, um genau dies zu verhindern.

Als er damit beginnen wollte, das Betriebssystem von Microsoft zu entfernen, streckte Tetu den Kopf ins Büro. Ausgeschlafen und unternehmungslustig. In der Hand eine Kassette mit seinen CDs.

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9783038551089
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