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PETER HOLZER

Mut braucht eine Stimme

Wie Sie Ihrem Leben Wirkung geben


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-797-2

ISBN epub 978-3-95623-521-4

Lektorat: Ulrike Hollmann, Hambergen

Umschlaggestaltung: Martin Zech Design, Bremen | www.martinzech.de

Titelfoto: hxdyl / iStock

Autorenfoto: Teresa Rothwangl, Köln

©2017 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Das E-Book basiert auf dem 2017 erschienenen Buchtitel "Mut braucht eine Stimme" von Peter Holzer, ©2017 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

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Für Alina und Eryk

Inhalt

Klare Worte

Teil I: Stumm sein

1. Mitten im Tornado

2. Verschwendete Zeit

3. Alles weichgespült

Teil II: Laut werden

4. Raus aus der Sackgasse

5. Den Horizont finden

6. Im Tal der Tränen

7. Vom Wunsch zur Wirklichkeit

Teil III: Gehör finden

8. Abkürzen durch Umwege

9. Von der Glühbirne zum Laser

10. Sag, was ich nicht hören will

Vom Frosch zum Prinzen

Anhang

Lesestoff

Über den Autor

Klare Worte

Hinter dem Garten meines Elternhauses lag ein großes Grundstück. Als ich fünf Jahre alt war, standen dort vorübergehend Wohncontainer für Flüchtlinge. Die Stimmung auf diesem Platz war immer etwas angespannt, ich fürchtete mich davor.

Eines Nachts wurde ich aus dem Schlaf gerissen: Eine Kinderstimme hatte mich geweckt. Sie wimmerte und rief voller Angst. Ich stand auf, tappte barfuß durch das dunkle Haus zu meinen Eltern und weckte sie. Mein Vater ging mit mir auf den Balkon, von dem aus man über den Zaun auf das Grundstück schauen konnte.

Drüben schien ein Handgemenge im Gange zu sein. Ich konnte nichts sehen, denn ich war zu klein, um über das Geländer zu lugen. Aber die immer lauter werdenden Stimmen ängstigten mich. Mein Vater, der sonst in der Öffentlichkeit eher zurückhaltend war, straffte seinen Oberkörper und brüllte mit fester Stimme hinüber: »Lassen Sie das Kind in Ruhe!«

Mit einem Schlag herrschte Stille. Dann hörte ich ein Kind davonrennen, kurz danach entfernten sich schwere Schritte langsam in die andere Richtung.

Die klaren Worte meines Vaters hatten Wirkung gezeigt.

Teil I

1. Mitten im Tornado

Lassen Sie mich raten: Ihr Terminkalender ist bestimmt proppenvoll. Auch der Ihres Partners oder Ihrer Partnerin ist voll. Auch der Ihres Nachbarn ist es. Sogar die Kalender Ihrer Kinder sind voll. – Gott sei Dank! Sonst würden Sie und alle um Sie herum ja als Schwächlinge dastehen …

Beschäftigtsein ist zum neuen Statussymbol geworden.

Ernsthaft: Beschäftigtsein ist zum neuen Statussymbol geworden. Wer zugibt, nicht rund um die Uhr etwas vorzuhaben, wird misstrauisch beäugt. Hat der nichts zu tun? Womit verdient er eigentlich sein Geld? Wer zu bequem ist, um die Chancen zu nutzen, die sich heutzutage jedem bieten, entscheidet sich gegen den Erfolg – so die allgemeine Auffassung. Nur wer viel rödelt, vermittelt den Eindruck, dass er sein Leben im Griff hat. Und erhält die entsprechende Anerkennung.

Irgendetwas ist faul am Umgang mit unserer Zeit. Die Etikettierung des Dauerbeschäftigten als Erfolgsmensch und – im Gegensatz dazu – des Menschen mit Zeit als Faulenzer oder sogar als Schmarotzer ist so einfach wie falsch. Das zeigte sich mir schon zu Studienzeiten, als ich als kleiner Praktikant bei einer großen Beratungsfirma in das erste Projekt involviert war.

Hauptsache, als Letzter nach Hause

Ich saß mit meinem Team in dem modernen Geschäftsgebäude, in dem sich unser Büro befand. Es war schon 20 Uhr. Langsam kroch Dunkelheit von draußen durch die bodentiefen Fenster des Großraumbüros. Ein Mitarbeiter nach dem anderen hatte seinen Computer heruntergefahren und war nach Hause verschwunden.

Nur wir Berater saßen noch da.

Und ich fragte mich, warum.

Eigentlich war ich fertig mit meinem Tagewerk. Und müde wurde ich auch, denn irgendwann ist es nun einmal vorbei mit der Konzentrationsfähigkeit. Kein Mensch kann, wenn er zwölf Stunden im Büro sitzt, auch wirklich zwölf Stunden Hochleistung erbringen. Doch wir blieben. Der Projektleiter hatte klargemacht: Wir verlassen dieses Bürogebäude als Letzte.

Meine Kollegen waren wie ich schon lange mit ihrem Tagewerk durch. Und so starrte der eine nachdenklich auf eine Excel-Liste, der andere fummelte an der Blauskalierung der PowerPoint-Präsentation. Von außen gesehen erweckten wir aber den Anschein, immer noch hoch konzentriert mit Daten und Analysen zu hantieren.

Wir sollten zeigen: Wir arbeiten so unglaublich viel. Wir sind unser Geld wert.

Wenn ich mich heute, rund 15 Jahre später, abends mit Freunden treffe, habe ich den Eindruck, dass sich seitdem in der Gesellschaft kaum etwas geändert hat. Nach einem typischen Arbeitstag wirken die Freunde ähnlich erschöpft wie Löwen, die gerade für ihr Rudel einen Büffel erlegt haben. Sie hocken erst mal stumm vor ihrem Drink und wirken leer und müde. Dann beklagen sie sich: »Ich war heute so beschäftigt, dass ich gar nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Ich habe telefoniert wie ein Weltmeister, war in fünf Meetings und habe Berge von Mails durchgearbeitet. Aber wenn ich jetzt so überlege, wo ich richtig vorwärtsgekommen bin … fällt mir nichts ein.«

Ohne Ende gerödelt, aber wenig erreicht.

Wir beschweren uns gerne, wie sehr wir beschäftigt waren. Die Klage »Was war das für ein beschissen produktiver Tag« höre ich dagegen nie. Vorherrschend ist das Gefühl, ohne Ende gerödelt, aber wenig erreicht zu haben. Unglaublich beschäftigt zu sein und doch nichts zu bewirken. Es ist, als ob wir in einem Karussell säßen und zu schwach wären, um auszusteigen. Als ob wir von einem Virus infiziert wären. Und tatsächlich leiden wir unter zwei unerbittlichen Krankheitserregern.

Nummer 1: Der Input-Virus

Sie haben ein Ziel, das Sie erreichen wollen. Zum Beispiel: Ihrem Eheleben neues Feuer einhauchen, die Beziehung zu den Kindern intensivieren, Ihre Englischkenntnisse verbessern oder ein paar Kilos abnehmen. Oder im Job den Umsatz steigern, neue Kunden gewinnen, Produktionsprozesse beschleunigen. Das alles ist Output. Am besten wird das mithilfe eines Bildes klar. Stellen Sie sich vor, dieser Output sei ein großer Felsbrocken, den Sie bewegen wollen.


Das wird einfacher, wenn Sie einen Hebel an diesen Fels ansetzen. Der Hebel ist der Input. Unter Input verstehe ich Aktivität. Telefonieren, verkaufen, sich weiterbilden, einkaufen, ins Museum gehen, essen, lesen, Sport treiben, arbeiten, Fortbildungen besuchen – alles, was aktive Handlung ist. All das wirkt wie ein Hebel, den Sie an den Felsbrocken ansetzen, um ihn zu bewegen. Sie wissen aus Erfahrung, dass es Hebel gibt, die stärker wirken, und Hebel, die schwächer wirken. Wenn Sie zum Beispiel eine Tür aufstemmen wollen, wird Ihnen das mit einem längeren Brecheisen leichterfallen als mit einem kurzen.

Sie brauchen also Input, um auf den »Felsbrocken« einzuwirken – um Ergebnisse zu erzielen. Darum ist Aktivität grundsätzlich richtig und wichtig. Wenn diese Aktivität aber nicht zu Ergebnissen führt, dann hat Ihr Tun keine Wirkung. Wenn Sie sich mit Aktivitäten, die nur eine schwache Hebelwirkung haben, unglaublich beschäftigt halten, hinterlassen Sie trotz allen Rödelns keine Spuren im Leben. Dann haben Sie nichts geschaffen, woraus Sie Befriedigung ziehen könnten.

Vor lauter Input nicht mehr zum Output kommen.

Genau das bewirkt der Input-Virus: dass Sie vor lauter Input nicht mehr zum Output kommen. Der Input überschwemmt Sie, sodass es Ihnen nicht mehr gelingt, die hereinströmende Aktivität sinnvoll zu sortieren, zu priorisieren und vor allen Dingen zu selektieren. Das heißt: Input, der nicht wirkungsvoll ist, gilt es abzustellen. Vor lauter Beschäftigtsein können Sie sich keine Meinung bilden und keine Prioritäten setzen. Ohne eigene Meinung und mutige Entscheidungen werden Sie aber auch keinen herausragenden Output erzielen.

Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie das Wirken des InputVirus in den unterschiedlichsten Lebensbereichen erkennen. Sehen Sie sich die heutige Elterngeneration an: Sie sind mit der gesellschaftlichen Erwartung konfrontiert, ihre Kinder in der optimalen Weise zur Entfaltung zu bringen. Und das nicht erst mit Beginn der Schulbildung, sondern bereits vor der Geburt. Da wird die Mutter angehalten, sich in ganz bestimmter Weise zu ernähren, um den Weg ihres Kindes zum Genie nicht im Keim zu ersticken. Ausgewählte Musikbeschallung wird dabei ebenso empfohlen wie besondere Lichtreize und Sprechübungen.

Spätestens mit der Geburt wird den Eltern nahegelegt, die Bandbreite der Möglichkeiten frühkindlicher Förderung aktiv zu nutzen – das heißt Input nicht nur für die Eltern, sondern auch schon für das Kind. Schlechtes Gewissen inklusive, falls Sie sich womöglich gegen die zweite Fremdsprache in der Grundschule entscheiden.

Apropos Schule: Diese Institution ist ein Input-Virus in Reinkultur, denn für jedes Schulkind ist die Schulstunde exakt gleich lang. Wenn das Kind den Input nach zehn Minuten nicht mehr braucht, weil es bereits alles verstanden hat, darf es nicht etwa gehen oder sich mit einem anderen Thema beschäftigen. Es muss brav und still noch mehr Input der gleichen Sorte über sich ergehen lassen, obwohl dieser an seinem Output nichts mehr verbessert. Ob der ganze Input in der Schule für Erfolg im Leben überhaupt sinnvoll ist, wollen wir an dieser Stelle nicht diskutieren …

Ich gebe offen zu: Gerade in puncto Schule und Hausaufgaben bin auch ich selbst teilweise an der Verbreitung des Input-Virus beteiligt. Ich fühle mich beunruhigt, wenn ich sehe, dass mein Sohn »so wenig« Zeit mit Lernen verbringt. Unsere Auffassungen zum notwendigen Maß sind – wie so oft bei Vater und Sohn – nicht deckungsgleich. Doch wenn ich ehrlich zu mir bin, kann ich anhand seiner am Schreibtisch verbrachten Zeit nicht festmachen, ob sie zu seinem verbesserten Output tatsächlich etwas beitragen konnte. Oder ob er sich nur mir zuliebe für diese halbe Stunde hingesetzt hat, um meine Input-Wut zu befriedigen. Hat er dadurch wirklich etwas gelernt, was er bei der nächsten Klausur brauchen wird? Und noch weiter gedacht: Falls ja, wird ihm das bei der eigenständigen Gestaltung seines Lebens hilfreich sein?

Ich bin skeptisch, zumal ich weiß, dass es auch anders geht. In Finnland geht man schon neue Wege. Das finnische Schulsystem gehört nach seiner Reform zur Weltspitze. Der Schlüssel zum Erfolg? Weniger Hausaufgaben. Weniger Unterricht. Anders formuliert: weniger sinnloser Input.

Den Input-Virus finden Sie in ganz besonderer Ausprägung in der Arbeitswelt, denn die ist klassisch »Input-zentriert«. Wenn Sie eine 40-Stunden-Woche im Arbeitsvertrag stehen haben, heißt das ja zunächst einmal nur: Sie sind 40 Stunden in der Woche körperlich anwesend. Ob Sie aber in dieser Zeit eine Wirkung erzielen – darüber sagt die Stundenregelung nichts aus.

Kennen Sie Mitarbeiter, die bereits um 6 Uhr im Büro sind? Ich würde das verstehen, wenn sie die morgendliche Ruhe nutzen möchten, um konzentriert ein Projekt voranzutreiben. Aber wenn die erste Dreiviertelstunde dafür genutzt wird, um an der Kaffeemaschine zu stehen und mit den anderen Frühaufstehern zu tratschen, dann dient das frühe Erscheinen nur dem Absitzen von Arbeitszeit. Um wirkungsvollen Output geht es nicht.

Oder stellen Sie sich vor, Sie haben Rückenschmerzen und suchen einen Physiotherapeuten auf. Sie freuen sich auf 50 Minuten Behandlung. Stattdessen verabschiedet Sie der Therapeut bereits nach zehn Minuten. Sie schauen ihn fragend an. Er erklärt: »Ich habe die entscheidenden Griffe gesetzt und Ihre Wirbelsäule befreit. In circa einer Stunde sind Sie beschwerdefrei.« Wie reagieren Sie? Empört, weil Sie 50 Minuten bezahlt haben und nur 10 Minuten lang behandelt wurden? Erfreut, weil Sie den Output »beschwerdefrei« mit 40 Minuten Zeitersparnis erreicht haben? Oder sind diese Gedanken eh nur graue Theorie, weil in der Realität alle Therapeuten unter dem Input-Virus leiden und weitere 40 Minuten kneten werden? Ein bisschen hier, ein bisschen da – völlig sinnfrei. Hauptsache, der Patient ist zufrieden.

Der Input-Virus tobt um uns herum und lässt uns nicht zum Luftholen kommen. Und er wird in seiner Wirkung noch verstärkt durch einen zweiten Virus.

Nummer 2: Der Instant-Virus
Wir leben eindeutig im Instant-Zeitalter!

»Ich habe Ihnen vor 20 Minuten eine Mail geschickt und immer noch keine Antwort bekommen«, wiederholt mir ein Manager den Anruf eines aufgebrachten Kunden. Dieser hatte allen Ernstes erwartet, dass der Manager a) seine Mail innerhalb weniger Minuten liest und b) sich sofort an eine Antwort macht, ganz unabhängig davon, was er sonst zu tun hat. Spontan muss ich lachen über diese Erwartungshaltung. Aber das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Denn sie ist nicht nur weit verbreitet, sondern normal geworden. Wenn Sie mit Ihrer Antwort zu lange warten, laufen Sie gleich Gefahr, als vermisst gemeldet zu werden. Auftraggeber suchen sich schon alternative Dienstleister und versenden gleich die nächste Anfrage. Seitdem Amazon die Maßstäbe setzt und sich mit der Same-Day-Delivery nun selbst übertrifft, leben wir eindeutig im Instant-Zeitalter (engl. instant = unmittelbar, sofort).

Die Geschwindigkeit hat sich in allen Bereichen erhöht, die Taktzahl steigt und steigt, und die Menschen haben in der Zwischenzeit verstanden, dass sie nur mithalten, wenn sie mitlaufen, wenn sie ihr Leben an diesen Geschwindigkeitsrausch anpassen. Wem der Nachrichtenstrom von Twitter bereits zu schnell ist, wird bei Snapchat völlig den Anschluss verlieren: Hier bleibt die Nachricht nur ein paar Sekunden lang lesbar. Danach löscht sie sich von selbst.

Heiß diskutiert werden in diesem Zusammenhang die veränderten Lesegewohnheiten. Seitdem alles schnell-schnell gehen muss, sehen auch Bücher aus wie Zusammenstellungen von Blogartikeln. Zeitungsartikel werden bald SMS-Form annehmen. Ich schreibe für Focus Online eine Kolumne. Aus den Gesprächen mit den Redakteuren weiß ich, dass alles gemessen wird: Besucherzahlen, Verweildauer, Klickraten. Texte sind ein Produkt, das zu messbarem Output führen muss. Was geklickt wird, wird an prominenter Stelle gezeigt. Wenn der Besucherstrom abreißt, verschwindet der Artikel im digitalen Nirwana. Was bedeutet das für den Verfasser? Der Text sollte bloß nicht zu lang werden, aber auch nicht zu tiefgründig sein und dennoch wertvollen Inhalt liefern. Die Kernbotschaften des Artikels sollten in Zwischenüberschriften zusammengefasst sein. So braucht der Leser nur diese zu scannen. Für Tiefgang hat er keine Zeit. Ich habe noch nie das Feedback bekommen: »Der Text ist zu kurz.« Eher zu lang. Und ich spreche von 3000 Zeichen.

Ähnlich ist es im Mailverkehr. Wenn Sie drei Themen zu behandeln haben, fassen Sie bloß nicht alles in einer E-Mail zusammen! Sprechen Sie jedes Thema in einer eigenen Mail an. Kurz und knackig auf den Punkt. Wenn Sie alles in eine einzige Mail packen, ist die Gefahr groß, dass Sie nur auf einen der drei Punkte eine Antwort bekommen. Der Rest bleibt unbeantwortet, weil ungelesen. Keine Zeit, keine Geduld.

Oder kennen Sie Folgendes? Während Sie telefonieren, hören Sie ein Tippgeräusch im Hintergrund: Ihr Telefonpartner tippt irgendetwas. Er möchte parallel zum Gespräch noch andere Dinge erledigen. Weil ja alles so eilig ist und der weitverbreitete Irrglauben herrscht, dass es die Fähigkeit zum Multitasking gäbe. Natürlich kann er nur noch einen kleinen Teil seiner Konzentration aufbringen für das, was Sie ihm erzählen. Ihr Gespräch ist für die Katz. Denn Ihr Gesprächspartner lässt Sie zwar ausreden, aber er hört Ihnen nicht zu.

Im Business führt der Instant-Virus noch zu einem besonderen Symptom. Laut Statistik kann eine Führungskraft durchschnittlich gerade einmal elf Minuten am Stück arbeiten, bevor sie unterbrochen wird. Aber das ist auch kein Wunder, denn sie fordert von ihren Mitarbeitern, dass alles am besten schon vorgestern fertig sein muss. Und so treiben die Chefs und die Mitarbeiter sich gegenseitig an, um all die parallel laufenden Dinge, die alle besprochen, abgewogen und eruiert werden müssen, möglichst fristgerecht zu erledigen. Der Drang, auf alles sofort eine Antwort zu bekommen, führt zu Dauerunterbrechungen. Selbst vom einfachen Mitarbeiter erwarten die Kollegen, die Kunden, die Dienstleister eine zügige Reaktion. Schließlich will jeder seine Arbeit schnell weiterführen.

Wie viel Tempo kann der Mensch im Leben verkraften?

George Orwell hat 1949 bereits geschrieben: »Wir beschließen, uns rascher zu verbrauchen. Wir steigern das Lebenstempo, bis die Menschen mit 30 senil sind.« Die Frage ist: Wie viel Tempo im Leben kann der Mensch verkraften?

Angesichts des zurzeit geforderten Tempos scheinen viele Menschen bereits Schwierigkeiten zu haben, sich überhaupt noch eine fundierte Meinung zu bilden. Stattdessen reagieren viele reflexhaft, um all die vielen Fragen, die auf sie einstürmen und beantwortet werden wollen, so schnell wie möglich vom Tisch zu haben. Wenn Sie aber keine Zeit haben, alle Argumente zu erfassen, um sich eine eigene Meinung zu bilden, dann verlieren Sie nach und nach das Gefühl, wofür Sie eigentlich stehen. Ihre Werte kommen nicht mehr zum Einsatz und werden vergessen. So einfach ist das. Damit sind Sie gewissermaßen in Ihrer Identität erschüttert. Sie wissen nicht mehr, wer Sie sind, weil Sie sich das selbst schon zu lange nicht mehr gefragt haben. Sie sind es nicht mehr gewohnt, Ihre innere Stimme wahrzunehmen. Wird diese Stimme nicht gehört, verstummt sie. Und mit ihr verstummen auch Sie!

Reden und reden und doch stumm wie ein Fisch im Aquarium.

Nicht dass Sie nichts mehr sagen würden: Aber Sie sagen nur noch das, was andere auch sagen. Oder was andere hören wollen. Oder wovon Sie meinen, dass andere es hören wollen. Oder nur noch das, worüber Sie nicht lange nachdenken müssen, weil Ihnen dazu die Zeit fehlt. Sie reden und reden und sind doch stumm wie ein Fisch im Aquarium, der nur noch von Glasscheibe zu Glasscheibe schwimmt. Um Sie herum ist jedoch alles so schnell in Bewegung und hält Ihre Aufmerksamkeit so gefangen, dass Sie gar nicht bemerken, wie Sie verstummen. Vielleicht macht sich nur ein merkwürdiges, dumpfes Gefühl breit. Oder der Gedanke »Irgendetwas fehlt in meinem Leben«.

Unterschätzen Sie nicht, was das für Ihr Leben bedeutet – die australische Autorin Bronnie Ware hat in ihrem sehr beeindruckenden Buch über Gespräche mit todkranken Menschen einen Punkt formuliert, den Sterbende am Ende ihres Lebens besonders bereuen: »Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.«

Wenn Sie Ihr eigenes Leben aber nicht leben, vergessen Sie, dass Sie überhaupt so etwas wie eine Stimme haben. Eine innere Stimme, die Sie als Person ausmacht. Sie vergessen ebenso, dass Sie den Mut haben könnten, diese innere Stimme laut werden zu lassen und dem Ausdruck zu verleihen, was sie Ihnen sagt. Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Teufelskreis: Je seltener Sie Ihrer inneren Stimme Gehör verschaffen, desto weniger merken Sie, dass Sie eine haben. Und je öfter Sie vergessen, dass Sie eine haben, desto ratloser stehen Sie vor den einfachsten Entscheidungen. Sie werden von Ihrer Umwelt gelebt, anstatt dass Sie Ihre Umwelt aktiv gestalten. Sie fühlen sich halt- und orientierungslos. Der InputVirus hat sie zusammen mit dem Instant-Virus in eine Art Tornado geschleudert.

Dieser Tornado, das ist der ganz »normale« Alltag, in dem Sie den Fokus verlieren, sich vom Horizont ablenken lassen, auf den Sie in Ihrem Leben doch eigentlich zusteuern wollen. Stattdessen: Verantwortung für die Kinder, den Partner, das Haus und den Hund, Stress im Büro mit 128 Mails pro Tag, 56 Rückrufbitten, Kundenbeschwerden, Diskussionen mit Mitarbeitern, Meetings, To-dos, verpassten Deadlines. Und Hobbys, Rechnungen, Briefe, längst überfällige Einkäufe … Nach und nach verbringen Sie immer weniger Zeit mit den Veränderungen, die Sie wirklich nach vorne bringen sollten. Und zack! – schon sind drei Monate vergangen, ohne dass Sie sich endlich mehr bewegt, nach einem neuen Job recherchiert oder sich mehr Zeit für Ihren Partner genommen hätten.

Es scheint, als gäbe es kein Entrinnen vor diesem Tornado. Doch so ist es nicht!

Selbst schuld (I)

Als ich Gerd, einen befreundeten Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, frage, ob wir uns Samstag auf eine Runde Fitness im Studio treffen wollen, höre ich am Telefon, dass er stutzt. Zwei, drei Sekunden sagt er gar nichts. Dann fragt er vorsichtig nach:

»Meinst du diesen Samstag?«

»Ja«, sage ich und schaue leicht irritiert in den Kalender. Gibt es ein wichtiges Ereignis, das ich übersehen habe? Gerds Geburtstag? Champions-League-Finale?

»Mann, wie machst du das, dass du immer so spontan Zeit hast? Ich bin schon wieder so was von dicht! Jedes Wochenende ist gerade verplant!«

Unter der Woche hat Gerd auch selten Zeit, darum habe ich schon den Samstag vorgeschlagen.

»Machst du gerade eine Fortbildung an den Wochenenden, Gerd?«

»Haha! Schön wär’s«, lacht er herzhaft. »Nee, da sind lauter Familienevents. Kindergeburtstag, Judiths Eltern im Allgäu besuchen, hier ’ne Feier, dort ’ne Feier, einmal im Monat die Pokerrunde mit den Jungs, dann noch ein schon ewig geplantes Wellness-Wochenende im Schwarzwald und so weiter und so fort. Eigentlich total schön, aber alles ein bisschen viel gerade. Aber ja, Fitness mit dir ist überfällig. Wie wäre es am 25. Juli?«

Ich schaue in den Kalender: Das ist in zwölf Wochen! Sprachlos versinke ich in Gedanken.

»Peter, bist du noch da?«

»Hm, hm«, gebe ich ein Zeichen, während mein Kopf Gedankenschleife um Gedankenschleife dreht.

»Und was denkst du?«

Stille.

Ich weiß es nicht. Ich bin sprachlos. Das Einzige, was ich zu Gerd sagen kann, ist: »Lass mich mal eben überlegen …«

Menschen wie mein Kumpel Gerd führen mir immer wieder vor Augen: Der Tornado ist zu einem großen Teil hausgemacht. Das eine ist, in der Firma viel zu tun zu haben – und vom Input-Virus dominiert zu werden. Das andere ist, die Wochenenden so stark zu verplanen, dass selbst die Freizeit keine frei gestaltbare Zeit mehr ist, sondern ein Erfüllen von sozialen und gesellschaftlichen Verpflichtungen. Doch wozu dieser Freizeitstress?

Ja, wir haben in Deutschland einen sehr hohen Lebensstandard erreicht, den wir natürlich beibehalten wollten. Um Errungenschaften wie Rechtssicherheit, Sozialstaat etc. aufrechtzuerhalten und um gleichzeitig mit dem Wettbewerb mitzuhalten, wächst auch der Leistungsdruck in der Wirtschaft. Je fetter der Dienstwagen, desto höher die Firmenkosten. Je höher die Kosten, desto höher der erforderliche Umsatz. Und je ambitionierter die Umsatzziele, desto größer die Hektik. Mitarbeiter hetzen ihren Aufgaben hinterher, um mehr Ergebnisse in der gleichen Zeit zu erzielen.

Warum entscheiden sich Menschen für unnötige Hetze?

So weit, so verständlich. Was ich aber gar nicht verstehe, ist, warum sich Menschen auch dann für Hetze, Hektik, Stress und Druck entscheiden, wenn er gar nicht nötig ist. Wie viele Menschen könnten in ihrer Freizeit kürzertreten und tun es trotzdem nicht? Man könnte sich doch einmal für ein Wochenende gar nichts vornehmen und schauen, worauf man spontan Lust hat. Doch die Realität sieht anders aus. Wie viele Menschen stressen sich im Job dermaßen, dass sie nach einem 14-Stunden-Büro-Power-Tag zu Hause am Esstisch weiterarbeiten und am Ende erschrocken feststellen, dass die Kinder schon längst schlafen?

Wem das zu anstrengend ist, ertränkt sich alternativ in Alkohol oder lässt sich auf dem Sofa vom inhaltsleeren TV berieseln. Bloß keine unverplanten Momente in der Freizeit! Stattdessen belegt man jede freie Stunde mit irgendwelchen Aktivitäten, mit der Begründung, dass es doch wichtig sei, die Schwiegermutter, Freunde, Geschäftspartner, Nachbarn … zu treffen. Dass jetzt dringend eine Gegeneinladung dran sei, nachdem die Schulzes schon zweimal hintereinander zum Grillen eingeladen hätten. Wie viele Menschen stecken in einem Schraubstock, den sie sich nicht nur selbst angelegt haben, sondern den sie selbst auch noch immer enger schrauben, bis es wehtut? Viel zu viele!

Selbst schuld (II)

Nachdem ich mich vom ersten Schock erholt habe, frage ich meinen Freund Gerd: »Warum machst du das eigentlich – deine Freizeit so zu verplanen?«

Stille. Schweigen.

Mein Gesprächspartner findet keine Antwort.

Schließlich druckst er herum: »Das gehört halt dazu. Wir haben nun mal einen großen Freundeskreis. Wenn du eingeladen werden willst, musst du eben auch eine Gegeneinladung aussprechen …«

Dass er den Stress selbst wählt, dass er sich also dafür entscheidet und sich nachher über seine eigene Entscheidung beschwert, ist ihm allerdings nicht bewusst. Das schlichte Lösungsangebot »Dann hör doch auf damit, wenn es dich so sehr stört« wollen diese Menschen meist nicht hören. Ein Satz aus dem Film »Fight Club« bringt diese Lebenshaltung für mich auf den Punkt. Brad Pitt sagt in einer Szene: »Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.« Und solange Menschen so leben, bleibt alles, wie es ist. Der Tornado wütet weiter und wird immer bedrohlicher.

Wir leiden an unserem eigenen unstillbaren Hunger.

Wenn ich mir anschaue, zu welchem Anteil die äußeren Umstände und zu welchem Anteil innere Antreiber den Tornado befeuern, kann ich nur feststellen: Tatsächlich leiden wir nicht so sehr unter dem Angebotsstress wie unter unserem eigenen unstillbaren Hunger. Unter einer Sehnsucht, die wir teilweise gar nicht genau kennen. Solange wir die wahre Ursache aber nicht kennen, werden wir unbewusst von ihr gesteuert – und unsere Lebenszeit rinnt uns ungenutzt durch die Finger.

Wenn Sie sich also fragen, warum Sie Ihre Ziele nicht in der Geschwindigkeit erreichen, in der Sie sich dies wünschen, und was Sie daran hindert, endlich das Leben zu leben, das Sie sich in Ihren kühnsten Träumen ausmalen, dann werden Sie sich der Antwort nur annähern, wenn Sie diese unterschwellige Sehnsucht genauer zu fassen bekommen.

Sein – Tun – Haben

Ein wesentlicher Teil des unstillbaren Hungers nach Aktivität wird den Kindern schon frühzeitig eingeimpft. Wenn ein Teenager in seinem Zimmer auf dem Bett rumlümmelt, ermahnen die Eltern ihn: »Beschäftige dich! Tu etwas Sinnvolles! Mach Hausaufgaben!« Das Tun wird zum Leitbild erhoben.

Jeder neue Kauf bekämpft das Gefühl der inneren Leere.

Das setzt sich im Erwachsenenalter fort. Wir tun unglaublich viel und sind unglaublich beschäftigt. Wenn wir eine innere Leere spüren, reagieren wir darauf, indem wir einfach noch mehr tun und zum Workaholic mutieren. Alternativ weichen wir in einen Konsumwahn aus und entwickeln eine Sammelwut: teure Uhren, schicke Schuhe, seltene Autos. Wir sammeln, um zu haben. Es ist gar nicht so wichtig, ob es auch verwendet wird. Doch jeder neue Kauf bekämpft das Gefühl der inneren Leere. Zumindest für kurze Zeit. Dann müssen wir wieder etwas Neues kaufen. Der Wunsch nach Haben treibt uns an.

Doch mehr tun oder mehr haben löst das Gefühl der inneren Leere nicht. Seit ein paar Jahren dürfen gestresste Menschen dann eben ins Burn-out ausweichen. Weil sie so viel tun, können sie nicht mehr. Dafür gibt es auf einmal respektvolle Anerkennung: »Wow, der hatte ein Burn-out.« Mir scheint dies eher ein Pseudo-Burn-out zu sein. Und gleichzeitig eine schallende Backpfeife für jene, die wirklich an Burn-out erkrankt sind.

Auch ein Pseudo-Burn-out ist langfristig keine Lösung, denn es befreit nicht von der Leere. Doch was kann helfen? Der Teenager hat es noch gewusst. Er gammelte ab. War einfach nur da, in einer Art meditativem Zustand. War im Sein. Wenn die Eltern ihn denn sein ließen …

Wenn Sie Tun und Haben völlig überstrapazieren, geraten Sie ins Ungleichgewicht. Dann verspüren Sie diese innere Leere, merken, dass noch etwas fehlt. Lösen können Sie es nur, indem Sie das tun, was notwendig ist: nämlich mehr sein. Also auf Ihre innere Stimme hören. Sich selbst, Ihre noch nicht genutzten Potenziale, Wünsche und Träume kennenlernen. Um der Mensch zu werden, der Sie sein können.

Das Diktat der Neugier

Wir sind anfällig für Angebote und Anfragen von außen, weil der Mensch von Natur aus neugierig ist. An dieser Eigenschaft ist nichts auszusetzen, sie spricht für Offenheit gegenüber Neuem, für einen Forscher- und Entdeckerdrang, der wiederum eine der Voraussetzungen für Kreativität, Innovation und Fortschritt ist.

Neugier ist nur eine Form von Gier.

Auf der anderen Seite ist die Neugier, wie der Begriff es schon sagt, eine Form von Gier. Und Gier hat die Eigenschaft, dass sie unstillbar ist. Wenn der Mensch gierig ist auf Neues, dann schnüffelt er wie eine ausgehungerte Hyäne an allem, was frisch auf den Markt dringt und einen Mehrwert verspricht: an den Trainingsmethoden des diesjährigen Tour-de-France-Gewinners, dem neuen Nassrasierer mit noch einer Klinge mehr, der nun endlich wirklich gut rasiert, am neuen Kochbuch von Sarah Wiener, an der neuesten Software für die Personalverwaltung, die noch mehr Vorgänge automatisiert, an der neuen Heimgymnastik aus den USA, die eine unglaubliche Elastizität in der Wirbelsäule verspricht, an der nächsten Veränderungswelle in der Firma, die durch tolle Namen und Hochglanzbilder überzeugen will, an der neuesten Windelmarke und natürlich am Konkurrenzprodukt, das – lange erwartet – den Windelfüllstand per Smartphone anzeigt, und schließlich am neuen Lebenspartner, der nun endlich das erhoffte Seelenglück mit sich bringt und nicht so viele Fehler hat wie der Ex. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Neu, neu, Hauptsache, neu.

Momentan sind im Business zum Beispiel die »agilen Methoden« in aller Munde. Kein Unternehmen, das ich derzeit berate, ist nicht darum bemüht, »agiler« zu werden. Auf die Frage, wofür genau das Unternehmen diese Methoden braucht, haben die meisten Führungskräfte allerdings keine spezifische Antwort. Ob es in ihrem Fall sinnvoll ist oder nicht, diese Methoden einzusetzen, darüber haben sich die wenigsten ernsthaft Gedanken gemacht. Die meisten springen auf den fahrenden Zug auf, weil der Zug eben fährt – und sie keinen Trend verpassen wollen, der sich später vielleicht als wichtig herausstellen könnte.

Und natürlich gibt es unzählige solcher Hypes. Die gesamte Wirtschaft ist im Grunde nur damit beschäftigt, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen. Warum tun Unternehmen das? Weil diese Strategie aufgeht. Weil wir bei Neuem wie der pawlowsche Hund anfangen zu sabbern. Wenn »neu« auf der Packung steht, greifen wir zu. Immer in der Hoffnung, dass das Neue noch besser, noch schneller, noch einfacher ist.

Und genau das meine ich, wenn ich sage: Das Diktat der Neugier ist einer der wesentlichen Treiber der unstillbaren Sehnsucht in uns. Sie bewegt uns zu Handlungen, deren Notwendigkeit wir häufig nicht erklären können. So verlieren wir eher den Fokus, als dass wir dorthin gelangen, wohin wir wirklich wollen.

Weiter zeigt sich die unstillbare Sehnsucht in einer unbändigen Sammelwut, die seit der Altsteinzeit nur das Objekt der Begierde gewechselt hat, aber in ihrer Intensität erhalten geblieben ist.

Wir sammeln und bunkern unabhängig vom Bedarf.

Vor zwei Millionen Jahren war es eine lebenserhaltende Maßnahme, dass der Mensch alles Essbare, was er fand, sammelte. Nahrung war damals rar, und es war eine schlichte Notwendigkeit, dorthin zu gehen, wo die Pilze, Beeren und Kräuter wachsen, diese einzusammeln und dann weiterzuziehen zu den nächsten Pilzen, Beeren und Kräutern. Heute wiederum wäre unser Überleben kaum gefährdet, wenn wir etwas weniger Kalorien, vor allem aber auch weniger Zertifikate, Fortbildungen, Hobbys, Urlaubseindrücke, Alltagsgegenstände oder Kontakte sammeln würden. Doch irgendwie können wir es nicht lassen. Wir sammeln und bunkern weiter, als ob es kein Morgen gäbe, und setzen damit – unabhängig vom Bedarf – die alte Tradition unserer Vorfahren fort.

Darüber hinaus denke ich: Hinter dem Sammeln und der Neugier steckt noch etwas anderes. Und zwar Angst. Angst vor der Zukunft. Angst davor, Ziele nicht zu erreichen. Angst vor Verlust, vor Versagen, vor dem Verlieren. Angst, den falschen Weg einzuschlagen. Angst, etwas zu verpassen.

Diese Angst bestimmt unser Handeln. Wie ein Hund nehmen wir jede Fährte auf, die sich finden lässt, und folgen ihr, auch wenn wir nicht wissen, ob der Weg sinnvoll ist, uns einfach nur ablenkt oder vielleicht sogar ins Verderben führt. Immer noch besser, als Ungewissheit passiv zu ertragen.

Aber sosehr sie auch in uns verankert sein mag – sie ist kein Phänomen, dem wir hilflos ausgeliefert sind. Im Gegenteil: Jeder Einzelne von uns kann der Angst durch aktives Handeln etwas entgegensetzen. Wir tun dies mehr oder weniger bewusst. Es gibt Alternativen, wir müssen nur lernen, sie zu sehen.

Input-Fabrikanten
So war ich damals: Ich dachte vollkommen Inputzentriert.

Der Großteil des Inputs, der uns erschlägt, ist nicht gottgegeben. Nein, den produzieren Sie und ich selbst. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich noch in der Finanzbranche Karriere machen wollte, muss ich heute lachen. Was war ich damals vernarrt in Input! Da bin ich allen Ernstes durch die halbe Republik gefahren, zu jedem Kontakt, der auch nur halbwegs nach Potenzial aussah. Besuchte jedes anspruchsvolle Verkaufs- und Führungsseminar, das ich nur finden konnte. Wir erstellten neue Flyer, erarbeiteten neue Rechentools, produzierten neue Homepages und gaben jedem neuen Vertriebsansatz die Chance, uns zum Durchbruch zu verhelfen. In meinen Mittzwanzigern strotzte ich nur so vor Energie und Ehrgeiz. Dass das Klinkenputzen nach dem Gießkannenprinzip vielleicht doch nicht die Lösung war, dämmerte mir, wenn ich mich – nach einer 450 km langen Autofahrt – in teilweise doch recht zwielichtigen Büros wiederfand, aus denen ich in erster Linie nur so schnell wie möglich wieder rauswollte. So war ich damals – ich dachte vollkommen Input-zentriert. »Wir brauchen Umsatz, also fahre ich überall hin«, statt den Output zu prüfen: »Was kann ich mit dem Termin erreichen? Ist es wirklich notwendig, dorthin zu fahren? Oder reicht auch ein Telefonat aus?«

Keine Sorge: Meine Akquisetätigkeit hat sich vollkommen verändert, und heute überlege ich mir sehr genau, wie ich mit meiner Zeit umgehe. Doch ich kann es immer noch nicht lassen, mir einen Meter Bücher zu bestellen, wenn mich ein bestimmtes Thema interessiert. Wirklich lesen tue ich zwar erst mal nur ein Drittel davon. Für den Output, den ich brauche – etwa meinen Vortrag anzupassen oder eine neue Idee zu entwickeln –, würden mir sogar schon zwei, drei Titel reichen. Aber ich erliege meiner Neugier und den Verlockungen des riesigen Angebots von jährlich rund 70 000 Neuerscheinungen in Deutschland; so hole ich mir den gesamten verfügbaren und möglicherweise relevanten Input ins Haus und verliere mich gerne darin.

Stellen Sie sich vor, Sie besuchen eine Veranstaltung, einen Kongress oder ein Seminar. Ohne ein konkretes Ziel. Stattdessen denken Sie »Mal schauen, was es dort gibt; ich lasse mich überraschen« oder »Networking ist immer gut« oder »Nicht dass ich etwas Wichtiges verpasse«. Das wäre so, als würden Sie in eine Kiste mit 3000 Puzzleteilen greifen, in der Hoffnung, dass das herausgezogene Teil schon irgendwie ins Gesamtbild passt. Um ein Puzzle zusammenzusetzen, brauchen Sie eine Vorlage. Ein Gesamtbild, das Ihnen zeigt, wozu Sie das einzelne Puzzleteil brauchen. Doch wenn Sie ohne konkrete Output-Erwartung auf Ihre Veranstaltung gehen – wie wollen Sie dann sinnvollen Input bekommen? Schlimmstenfalls ist es zielloser Input, der Sie weiterhin dadurch beschäftigt hält, dass Sie Energie aufwenden, um zu überlegen, was Sie denn damit bloß machen könnten.

Selbst produzierter, nicht verwertbarer Input hat nämlich die fiese Eigenschaft, noch mehr nicht verwertbaren Input nach sich zu ziehen. Er sprießt wie Pilze aus dem Waldboden, nachdem es geregnet hat. Denn wenn Sie schon in eine Sache investiert haben, wollen Sie auch, dass etwas dabei herumkommt. Also werden Sie der verlorenen Zeit und dem schlechten Geld weitere Zeit und weiteres Geld nachwerfen – in der Hoffnung, dass dann ein vernünftiger Output herauskommt. Erfahrungsgemäß passiert das allerdings selten. Der Grund dafür liegt schlicht darin, dass all diesen Aktionen eine Grundidee fehlt. Eine Daseinsberechtigung. Eine Vorstellung davon, wozu sie existieren. Eine Richtung.

Der Tornado ist ein prima Betäubungsmittel.

Indem wir ständig ziellos unnötigen Input produzieren, tragen wir zu dem Tornado, der uns umtost, aktiv bei. Interessanterweise ist es in diesem Fall zunächst einfacher, den Tornado aufrechtzuerhalten, als ihn zu stoppen. Schließlich ist er ein prima Betäubungsmittel.

Bestes Beispiel ist mein Kumpel Jens. Jens hat ungefähr mein Alter, einen sehr guten Job und ist Single. Seine durchschnittliche Beziehungsdauer beträgt zwei Monate. Mit der hohen Frauenfluktuation in seinem Leben kommt er gut zurecht. Und der Akquiseaufwand ist aufs Äußerste optimiert. Um auf Jagd zu gehen, muss er sich nicht einmal physisch bewegen. Er erledigt das über eine der vielen Onlineplattformen. Die wiederum bedient er wie eine hocheffiziente Vertriebsmaschine. Hat er einmal eine gute Anmache formuliert, kann er sie kopieren und in Serienproduktion in allen attraktiven Damenprofilen hinterlassen. Dazu noch ein paar Photoshop-optimierte Fotos. Fertig. Mehr Arbeit erfordert das Dating nicht. Seitdem er jetzt zusätzlich eine der neuen Dating-Apps auf sein Handy geladen hat, muss er nicht einmal mehr schreiben. Er schaut sich nur noch die Bilder der Frauen an und wischt über den Screen: Nach rechts heißt daten, nach links heißt ablehnen.

Wenn Jens von seinen hochoptimierten Eroberungsstreifzügen erzählt, wirkt er auf den ersten Blick tatsächlich wie ein freier, wilder Cowboy. Hört man ihm aber länger zu, wird deutlich: Tief in seiner Seele sieht es düster und traurig aus. Aber er muss sich dieser Traurigkeit nicht stellen. Denn die hohe Aktivität lenkt ihn ab – dem Input-Virus sei Dank. Er versteckt seine innere Stimme vor sich selbst unter dem Deckmantel des Beschäftigtseins und fühlt sich wie ein Held, der im Tornado nicht untergeht.

Doch am Ende gewinnt der selbst angefeuerte Tornado immer über die Stimme, die sich im Inneren meldet und gehört werden will. Im Getöse, das der Tornado verursacht, hat sie keine Chance mehr, gehört zu werden. Es bleibt ihr auf Dauer nichts anderes übrig, als komplett zu verstummen.

2. Verschwendete Zeit

Der Tornado um Sie herum tobt. Sie stehen mittendrin. Sie haben alles und nichts vor Augen. Von allen Seiten prasselt es ständig auf Sie ein und Sie können kaum noch Luft holen. Wie in einem Sandsturm. Die Sandkörner treffen Sie schmerzhaft, sie verstopfen Ihnen Nase und Ohren. Den Mund öffnen Sie besser nicht, sonst werden Sie das Knirschen zwischen den Zähnen nicht mehr los. Schließen Sie besser auch die Augen. Sehen können Sie sowieso nichts.

Was tun Nomaden in der Wüste, wenn sie vom Sandsturm überrascht werden? Ziehen sie unverdrossen weiter? Ganz bestimmt nicht. Die Gefahr wäre viel zu groß, in die falsche Richtung zu laufen und die Wasservorräte zu verschwenden. Die Nomaden suchen sich deshalb einen geschützten Platz und warten, bis der Sturm sich gelegt hat. Erst dann ziehen sie weiter.

Und was machen Sie? Sie ziehen trotz des Tornados weiter. Und zwar in einem Affenzahn. In welche Richtung? Na ja, mal in die eine, mal in die andere – wie es sich so ergibt. So genau können Sie die Richtung in dem ganzen Trubel ja auch nicht ausmachen.

Nein, verdursten werden Sie im alltäglichen Tornado nicht so schnell. Wasser haben Sie ja genug. Wenn Sie blind weiterziehen, verschwenden Sie etwas anderes, etwas viel Kostbareres, von dem Sie auch nur äußerst begrenzte Vorräte haben:

Sie verschwenden Ihre Zeit.

Richtung braucht Klarheit

Der Anzug

Es sind nur noch wenige Tage bis zum Hochzeitstermin und alle Vorbereitungen bereits getroffen: die Papiere zusammengesucht, das Standesamt gebucht, das Restaurant gefunden, der Blumenschmuck ausgewählt, das Brautkleid geschneidert. Alle Freunde und Verwandten haben schon lange die liebevoll ausgewählten Einladungen vorliegen, fast alle haben zugesagt. Die Liste der Gäste ist lang.

Ich sitze auf der Kante unseres Doppelbetts, den Kopf in die Hände gestützt. Aus dem Kinderzimmer unserer schicken Wohnung dringt die Stimme meines Sohnes.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragt meine Freundin, als sie von nebenan hereinkommt. Ich räuspere mich, und doch ist meine Stimme krächzend, als ich sage: »Ich kann nicht … Ich habe keinen Anzug gekauft.« Sie schüttelt einen Moment ungläubig den Kopf und lacht. Doch beim Blick in mein Gesicht erstirbt ihr Lachen.

Einige Monate später. Wir haben die Hochzeit abgesagt. Meine Freundin ist mit unserem Sohn in eine andere Stadt gezogen, um den Schmerz mithilfe der Distanz zu betäuben.

Ich habe einen Termin für eine Wohnungsbesichtigung. Die Wohnung, die ich zuvor mit meiner Freundin und unserem Kind hatte, will ich verlassen. Orte haben ein Gedächtnis … Doch ich weiß: Wenn ich mir jetzt eine neue Wohnung anschaue und umziehe, dann ist die Tür zu meiner Familie endgültig zugeschlagen. Auf dem Weg zum Auto durchdringt die Nässe des Kölner Schmuddelwetters meine Sneakers. Eigentlich sollte ich losfahren, stattdessen bin ich wie gelähmt. Ich starre auf das Lenkrad.

Plötzlich ist die Stimme da. Sie sagt mir, in welche Richtung ich gehen sollte.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dasitze – vielleicht nur Sekunden, vielleicht Minuten. Doch plötzlich ist die Stimme da. Sie sagt mir, in welche Richtung ich gehen sollte. Und das ist nicht die, in die ich gerade renne.

Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.

Ich greife zum Handy und suche mit bebenden Fingern den Kontakt. Der Verbindungsaufbau dauert quälend lange. Endlich das Klingeln. Sie hebt ab. Ich atme tief durch und sage mit klarer Stimme: »Darf ich wieder zu dir kommen?«

Ich habe durch mein Rumgeeiere so viel Zeit verschwendet. Weil ich nicht klar war. Und was mindestens genauso schlimm ist: Ich habe nicht nur meine Zeit verschwendet. Ich habe vor allem die meiner Frau und meines Sohnes verschwendet.

Meine Frau war die ganze Zeit klar. Sie kannte ihren Horizont. Sie wollte eine Familie. Vertrautheit, Stabilität, Freundschaft, gemeinsame Zeit, Tiefe. Der Haken an der Sache: Ich kannte meinen Horizont nicht. Irgendwie bin ich in diese Situation hineingeraten. Natürlich hatte ich Gefühle für meine Frau und meinen Sohn. Aber mein Verhalten zeigte das nicht. Ich fühlte mich wie im Nebel. Betäubt. Betäubt durch 14-Stunden-Tage im Büro, zu viele Geschäftsreisen, mindestens 60 000 km mit dem Auto im Jahr und mehr Nächte in Hotels als zu Hause im eigenen Bett.

Sie haben diesen Moment nur ein Mal.

Verschwendete Zeit ist immer die Zeit, die Sie mit Dingen vertun, die Sie nicht in die Richtung Ihres eigenen Horizontes bringen. Und Zeit, die Sie verschwenden, ist unwiederbringlich verloren. Sie können sie nicht zurückdrehen. Sie haben diesen Moment nur ein Mal, und wenn er vorbei ist, ist er vorbei. Wenn Sie unglaublich beschäftigt sind mit Karriere & Co. und merken plötzlich mit fünfzig: »Oh, shit, eine Familie und eigene Kinder sind mir wichtig« – dann ist Ihre Frau vielleicht bereits aus dem gebärfähigen Alter raus und die vielen Jahre vorher sind verschwendete Zeit. Sie sind nicht aktiv auf Ihr Ziel zugesteuert. Und jetzt ist es zu spät.

Wenn Sie in Ihrem Leben nicht selbst auf Ihr eigenes Ziel zusteuern, werden Sie unweigerlich durch die Aktivität anderer angeschoben. Und die arbeiten wahrscheinlich auf ein völlig anderes Ziel hin – nämlich ihr eigenes. Sie sind dann nur noch wie ein Spielstein, der auf dem Feld hin und her geschoben wird. Und unter Umständen werden Sie irgendwohin geschoben, wo Sie gar nicht sein wollen.

Sie müssen sich entscheiden: Wollen Sie wie ein Knetgummi von anderen gedrückt und geformt werden? Oder wollen Sie selbst bestimmen, wer oder was Sie sind?

Beschäftigtsein ohne Richtung ist wie Zocken im Kasino.

Doch das ist alles nicht so einfach, wie es klingt. Denn Beschäftigtsein ohne Richtung, ohne zu wissen, was Ihnen wichtig ist, ist wie Zocken im Kasino: Mit viel Glück kann es gut gehen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es schiefgeht, ist ungleich größer. Wenn Sie zum Beispiel reich werden wollen, können Sie die Verantwortung dafür der Lottofee überlassen. Und wenn Ihre Zahlen nie gezogen werden, hat es eben nicht sollen sein – ganz einfach.

Zu einfach.

Ob Ihr Ziel nun lautet, reich zu werden, Ihr Golf-Handicap unter zehn zu bringen oder eine neue Sprache zu lernen: Sie müssen für Ihr Ziel einstehen. Die Amerikaner nennen das Commitment oder Ownership. Frei übersetzt: Sie müssen bereit sein, den Preis dafür zu zahlen. Denn für jedes anspruchsvolle Ziel benötigt man Kraft, Energie und Anstrengung. Ohne Konsequenz und Disziplin degradieren Sie das, was Ihnen wirklich wichtig ist, zum reinen Glücksspiel. Fürs Glücksspiel benötigen Sie nur einen Lottoschein. Für Ihre Lebensziele müssen Sie jedoch aktiv werden.

Das Gute daran: Wenn Sie aktiv auf Ihr Ziel zusteuern, sind Sie der Spieler. Sie sind es, der entscheidet, welcher Spielstein wo gesetzt wird. Das bedeutet, dass Sie Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Eine Garantie, dass Sie es schaffen, haben Sie auf diese Weise zwar auch nicht. Aber Sie erhöhen deutlich die Chance, dass Sie Ihr Ziel erreichen werden.

Ob investierte Zeit also verschwendet ist oder nicht, hängt davon ab, ob sie Sie Ihrem persönlichen Ziel näher bringt: Wenn Sie zum Beispiel in einer Firma arbeiten, in der gewollt ist, dass Sie 14 Stunden täglich im Büro verbringen und auch am Wochenende arbeiten, dann hält Sie dieses System unglaublich beschäftigt. Jetzt kommt es darauf an: Ist es Ihr Ziel, eine Familie zu gründen? Dann werden Sie von diesem System in eine andere Richtung getrieben, weg von Ihrem Ziel. Wenn Sie dagegen in dieser Firma einmal Vorstandsvorsitzender werden wollen, ist es hilfreich, zur Not auch Tag und Nacht für die Firma zu arbeiten. Dann ist die investierte Zeit nicht verschwendet. Die Frage ist: Entscheiden Sie sich freiwillig dafür, sich dem System und seinen Spielregeln anzupassen? Oder entscheidet jemand anders nach seinen eigenen Erwartungen: Kollegen, Vorgesetzte, Lebenspartner, Familie, Eltern, Freunde, Nachbarn, Gesellschaft allgemein …?

Entscheidungen zu treffen ist ein zentraler Punkt im Umgang mit der Zeit.

Verantwortung ist eine Entscheidung

Unser größtes Problem inmitten des Tornados ist, dass wir nicht mehr in der Lage sind, Prioritäten zu setzen. Alles ist wichtig, alles ist dringend, tausend Sandkörner prasseln wie Nadelstiche auf uns ein und erzwingen unsere Aufmerksamkeit. Das Fatale dabei: Wenn alles wichtig ist, ist nichts mehr wichtig.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen vitaler und gesünder leben. Dazu suchen Sie einen Trainer auf. Er analysiert Ihr Körpergewicht, misst den Bauchumfang und wertet den Fettanteil Ihres Körpers aus. Er fragt Sie nach Zielen, Wünschen und machbarem Zeiteinsatz. Danach folgt ein einstündiger Vortrag mit gefühlten 528 Empfehlungen, was Sie alles tun können, um Ihr Ziel zu erreichen: Blutuntersuchung, Test auf Lebensmittelunverträglichkeiten, Ernährungsumstellung, Kohlenhydrate vermeiden, nach 19 Uhr nichts mehr essen, mindestens drei Liter Wasser trinken, keinen Alkohol, keinen Zucker, mindestens fünfmal pro Woche Sport, davon zweimal Ausdauertraining und dreimal Krafttraining, Fitness-Tracker kaufen, Schlaf- und Bewegungsgewohnheiten messen, regelmäßig Blutdruck und Puls prüfen, Treppen statt Aufzug und Rolltreppe nutzen, täglich eine Runde spazieren gehen, mindestens acht Stunden Schlaf, abends kein Fernsehen und so weiter. Nach zehn Minuten können Sie schon nicht mehr folgen. Nach der Stunde sind Sie – auch ganz ohne Sport – bereits fix und fertig. Aber Sie geben nicht auf. Sie wollen wissen: »Was ist das Wichtigste, das ich auf jeden Fall umsetzen sollte?« Ihr Trainer schaut Sie verdutzt an: »Das habe ich Ihnen doch gerade erzählt.« Und er wiederholt daraufhin seinen einstündigen Vortrag. Danach wissen Sie immer noch nicht, was das Wichtigste ist, werden sich nichts davon merken – und sich für etwas entscheiden, um es in die Tat umzusetzen, werden Sie erst recht nicht.

Die Zuschreibung von unterschiedlicher Wichtigkeit ist also genauso eine Entscheidung wie die Entscheidung darüber, sich als Spieler oder als Spielstein einzubringen. Wenn Sie selbst die Entscheidung nicht treffen, entscheidet im Zweifelsfall jemand anders für Sie. Und dessen Prioritätensetzung deckt sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit Ihrer Zielsetzung. Sie können diese Entscheidung aber auch selbst treffen – vorausgesetzt, Sie kennen Ihr Ziel.

Warum die Entscheidung zwischen wichtig und unwichtig im Zusammenhang mit verschwendeter Zeit von so großer Bedeutung ist, möchte ich Ihnen an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn ich mit meiner Frau zu Abend esse, dann habe ich mich für diese gemeinsame Zeit entschieden. Wenn aber während des Essens in mir Kopfkino abläuft und ich an meine laufenden Beratungsprojekte denke, dann bin ich nicht bei meiner Frau und kann den Abend nicht genießen. Im Gegenteil: Wahrscheinlich wird es ein herzlich blöder Abend. Denn meine Frau wird bemerken, dass ich nicht bei der Sache bin. Folge: Wir werden wahrscheinlich aneinandergeraten. Wie unnötig! Denn nur durch meine Gedanken ans Büro erledigt sich die Arbeit dort ja auch nicht. Also bin ich weder bei meiner Frau noch im Büro.

Das gilt auch umgekehrt: Ich sitze im Auto, quäle mich durch einen Stau und stelle mir vor, wie schön es wäre, mich jetzt mit meinem Sohn im Fitnessstudio zu verausgaben. In diesem Moment fühle ich mich gleich doppelt schlecht. Zum einen, weil ich nicht schwitzend Gewichte stemme, sondern genervt auf der Autobahn vor mich hin rolle. Zum anderen, weil sich der Stau durch mein Wunschdenken auch nicht auflöst.

Entscheiden, welche Gedanken wir verfolgen und welche wir loslassen.

Beide Male ist die Zeit verschwendet, weil ich nicht im Hier und Jetzt bin. Doch wie kann ich es besser machen? Ich muss meinen Geist kontrollieren. Und das ist eine der größten Herausforderungen des Menschen. Mit rund 60 000 Gedanken pro Tag plappert die Stimme in unserem Kopf von morgens bis abends. Das sind rund 40 Gedanken pro Minute. Diese Gedankenmaschine abzustellen, ist eine große Kunst. Mönche meditieren tagtäglich mehrere Stunden, um für Ruhe im Kopf zu sorgen. Für uns Nichtmönche ist es ein erster Schritt, dass wir zumindest entscheiden, welche Gedanken wir verfolgen. Und welche wir loslassen.

Beobachten Sie sich: Haben Sie sich vielleicht schon daran gewöhnt, sich von Ihren Gedanken lenken zu lassen? Sie hätten stattdessen auch die Möglichkeit, Ihre Gedanken in eine andere, nämlich die gewünschte Richtung fließen zu lassen. Das kann man trainieren. Im Wort »trainieren« klingt schon an, dass das mit Energie und Aufwand verbunden ist – so wie alles, wofür Sie Verantwortung übernehmen: für die eigenen Kinder, für die eigene Firma und ihre Mitarbeiter, für ein übernommenes Projekt, für Ihr eigenes Leben. Das ist der Preis dafür, dass Sie Ihren eigenen Weg in Richtung Ihres eigenen Zieles beschreiten. Und Ihre Zeit nicht verschwenden, sondern nutzen. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen ist eine Entscheidung!

Rettungsanker im Tornado

Die Beschäftigungswut ist zur Volkskrankheit geworden und die Liste der dagegen angebotenen Medikamente ist lang. Wenn Ihr Tag nicht reicht, um alle Aufgaben zu bearbeiten, sind Sie zum Beispiel vielleicht nur nicht gut genug organisiert. Ein übervoller Terminkalender müsste sich doch mit geschicktem Zeitmanagement so entschlacken lassen, dass genug Zeit für die wichtigen Dinge übrig bliebe. Besuchen Sie nur das richtige Seminar und schon sind Sie gegen den Input- und den Instant-Virus immun.

Ein guter Gedanke. Aber leider falsch!

Keine Frage: Gutes Zeitmanagement kann Wunder wirken bei der Steigerung der Effizienz. Für Menschen, die drauflosarbeiten, statt sich vorher zu sortieren, kann schon die Frage »Welche Aufgabe muss wirklich heute erledigt werden und welche kann bis morgen warten?« eine riesige Entlastung mit sich bringen. Sie kann die Produktivität am Arbeitsplatz, die persönliche Entspannung und den Stolz nach erledigtem Tagespensum spürbar und messbar steigern. Doch die Fragen, die Ihnen helfen, trotz Tornado gut durchs Leben zu kommen, klingen eher so:

Was fehlt, wenn es dich nicht mehr gibt?

Was willst du in deinem Leben bewirken?

Bei welchen Menschen möchtest du welche Spuren hinterlassen?

Willst du Kinder haben?

Was willst du ihnen mit auf ihren Weg geben?

Welche Welt möchtest du der nachfolgenden Generation hinterlassen? Und was tust du konkret, um einen Beitrag dafür zu leisten?

Mit welchem Lebenspartner willst du wie zusammenleben?

Welchen Job willst du leben?

Was willst du in deinem Leben noch lernen?

Was müsstest du ändern, damit du am Ende sagen kannst: »Ich habe mein eigenes Leben gelebt!«?

Wer willst du werden?

Zeitmanagement macht einen sinnlosen Weg nicht sinnvoller.

Auf keine dieser Fragen gibt das Zeitmanagement eine Antwort. Das Leben ist wie eine Leiter, die wir hinaufklettern. Techniken der Selbstorganisation helfen durchaus dabei, die Leiter schneller zu erklimmen. Aber was hilft Ihnen das, wenn Sie oben ankommen und feststellen: Die Leiter steht an der falschen Wand? Das effizientere Begehen eines Weges macht einen sinnlosen Weg nicht sinnvoller. Nur weil Sie schneller rennen, wird aus einem Hamsterrad keine Karriereleiter. Außerdem wissen Sie bereits aus Erfahrung: Die durch schnelleres Rennen gewonnenen Zeitfenster werden sofort wieder vom Tornado aufgefüllt. Die Input- und Instant-Viren sind immer noch da! Warum? Weil Ihr »Immunsystem« schwächelt.

Ich erlebe immer wieder Vorstände, Manager, Topführungskräfte, die »es« geschafft haben. »Es« richtet sich nach dem Maßstab der Gesellschaft, der ein erfolgreiches Leben definiert: hohes Einkommen, Prestige, toller Firmenwagen, sozialer Status. Und trotzdem fehlt diesen Menschen etwas. Irgendwann meldet sich eine Leere und Unzufriedenheit, die schwer greifbar ist. Und für Außenstehende auch schwer nachvollziehbar. »Du hast doch alles erreicht. Was bist du denn so unzufrieden?« Die Antwort ist einfach: Sie sind unzufrieden, weil sie immer noch nicht genau wissen, was für sie die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind.

Wenn Sie sich das bewusst gemacht haben, brauchen Sie kein Zeitmanagementseminar. Steve Jobs1 wird das Zitat zugeschrieben: »Ich bin auf die Dinge, die wir nicht getan haben, genauso stolz wie auf die Dinge, die wir getan haben.« Im Leben geht es nicht darum, wie ich noch mehr in meinen Tag hineinpacke. Viel wichtiger ist die Frage: Was lasse ich alles draußen?

Schauen Sie doch mal in die letzte Woche Ihres Kalenders. Welche der Termine, Telefonate und Treffen waren für die Katz? Welche würden Sie am liebsten streichen, weil sie nur Lärm, Ablenkung und ohne Output für Sie waren? Die gute Nachricht: Sie können das auch für diese Woche tun. Und für die nächste Woche. Sie können Ihr ganzes Leben vereinfachen. Sortieren Sie einfach Termine, Klubmitgliedschaften, Gremienzugehörigkeiten, Projektlisten, Rückrufbitten und – ja, auch Freundschaften – aus (es gibt einen großen Unterschied zwischen echten Freunden und Zeitabschnitts- und Zweckbekannten). Dazu braucht es nur Mut.

Ja, es braucht Mut, um bestimmte Kundenanfragen nicht mehr anzunehmen, um die Teilnahme an Meetings abzulehnen, die Ihnen nichts bringen oder zu denen Sie nichts beitragen können, um nicht jedes geschäftliche Event und jede Weiterbildung zu besuchen, um die Einladung der Bekannten zum Geburtstag des jüngsten Sohnes auszuschlagen oder der Schwiegermutter klarzumachen, dass Sie sie nicht jedes Wochenende besuchen werden. Schließlich enttäuschen Sie in diesen Fällen die Erwartungen Ihrer Mitmenschen. Erst recht dann, wenn Sie die Bitten und Anfragen bisher immer angenommen und erfüllt haben.

Ein »Nein« erzeugt Reibung. Insbesondere bei hierarchischen Beziehungen: Wenn Sie Ihrem Chef auf einmal widersprechen, obwohl Sie doch bisher zu all seinen Vorschlägen Ja und Amen gesagt haben, steckt darin Konfliktpotenzial. Doch der selbst befeuerte Mechanismus des Tornados lässt sich nur durchbrechen, wenn Sie wissen, was Ihnen wirklich wichtig ist, und wenn Sie den Mut haben, dazu zu stehen und Ihre Werte zu vertreten – trotz möglicher Einbußen.

Wenn eine bessere Zeiteinteilung nicht die Lösung des Problems ist – könnte es dann sein, dass die neuen technischen Möglichkeiten weiterhelfen können? In allen Lebensbereichen – zum Beispiel Ernährung, Sport, Logistik, Produktion, Verkehr, Medizin und Gesundheit – gibt es ständig technische Innovationen und wissenschaftliche Errungenschaften. Sie eröffnen ungeahnte Möglichkeiten. Und ich denke dabei nicht nur ans iPhone oder die Konservierbarkeit von Lebensmitteln, an Same-Day-Delivery und Just-in-time-Produktion, sondern auch an neue Entdeckungen, von denen wir jetzt noch gar nicht wissen, wie sie unseren Alltag in fünf bis zehn Jahren beeinflusst haben werden.

Nehmen wir zum Beispiel medizinische Optionen wie das Social Freezing. Ursprünglich konzipiert zur Konservierung der Eizellen weiblicher Krebspatientinnen vor einer Chemotherapie, ist Social Freezing inzwischen zum Massenphänomen avanciert. Firmen wie Apple oder Facebook bieten ihren Mitarbeiterinnen sogar an, die Kosten dafür zu übernehmen, um von der Schaffenskraft junger Frauen länger profitieren zu können. Das Verfahren wird als probates Mittel gepriesen, die eigene Zeit nicht zu verschwenden. Wir spielen einfach ein bisschen Gott und bestimmen über Leben und Tod.

Es scheint, als würden mit solchen Instrumenten immer mehr Dinge in immer kürzerer Zeit machbar – ein optimiertes und immer dichter gepacktes Leben wird zur Normalität. Aber helfen diese Mittel uns wirklich dabei, alles tun zu können und zu nichts mehr »Nein« sagen zu müssen? Vermehrt sich unsere Zeit dadurch?

Es ist richtig, dass Sie zum Beispiel während einer S-Bahn-Fahrt in 20 Minuten Dinge erledigen können, für die Sie früher mehrere Stunden gebraucht hätten: Lebensmittel einkaufen, Klamotten aussuchen, den Bürobedarf für den nächsten Monat ordern, E-Mails beantworten, Flüge buchen, Rückrufe tätigen, Fotos machen und verschicken, eine Audionotiz aufzeichnen und versenden und vieles mehr. Und das alles, ohne auch nur ein einziges Mal aufzustehen. Doch ob Sie mit dieser gestiegenen Effizienz zum Ziel kommen, hängt davon ab, ob Sie mit der Abarbeitung der Aufgaben wirklich Freiräume schaffen und für Ihr Wohlbefinden sorgen – oder ob Sie nicht stattdessen die Zahl der abzuarbeitenden Aufgaben verdoppelt haben. Denn auch Ihre Kollegen – gar nicht faul – nutzen jede freie Minute, um »mal eben was zu erledigen«. Sie beantworten zum Beispiel Ihre Mail oder nutzen ihre freie Minute, um Ihnen eine neue Aufgabe an die Hacken zu heften. Und so hecheln Sie genauso wie zuvor wieder dem Aufgabenberg hinterher, der statt geschrumpft schlechtestenfalls sogar noch angewachsen ist. Vielleicht hat Sie der Effizienz- und Geschwindigkeitswahnsinn im Management Ihres Tornados weitergebracht. Doch was ist mit den wirklich wichtigen Dingen in Ihrem Leben? Ihre Ehe ist durch den ganzen Kram nicht romantischer geworden. Die Beziehung zu Ihren Kindern nicht enger. Und der Kontakt mit Ihren Eltern nicht versöhnlicher.

Gerade im Umfeld von Lebensentscheidungen wütet der Tornado heftig.

Gerade im Umfeld von Lebensentscheidungen wütet der Tornado heftig. Und besonders dort werden wir Opfer des Instant-Virus. Denn wenn eine Mitarbeiterin den Kinderwunsch auf später verschiebt, um ihre Karrierechancen zu nutzen, findet sie gar keine Zeit, ihren eigenen Lebensweg zu verfolgen. Für Kinder braucht es auch den richtigen Partner. Aber für Dating und Flirten ist – der Karriere sei Dank – gerade keine Zeit. Erst muss sie noch all das Wichtige erledigen, bevor sie sich der Partnersuche und möglichen Kindern widmet. Wenn sie dann mit 45 immer noch keinen Partner an ihrer Seite hat – oder alle Zeugungsversuche missglückt sind –, schlägt die harte Realität zu. Wir haben eben keine Sicherheit, dass alles so kommt, wie wir es planen. In unserer von der Natur bereinigten Kunstwelt voller Hightech und Wissenschaft vergessen wir gerne, dass wir trotz allen Fortschritts (noch) nicht alles kontrollieren und beeinflussen können.

Völlig verblendet durch Instant- und Input-Virus und den wilden Tornado um uns herum drehen wir an den falschen Schrauben. Das ist, als würden Sie in Ihrem Wohnzimmer sitzen und bemerken, dass es durch das Dach tropft. Schnell stellen Sie einen Eimer hin, um das Wasser aufzufangen, und tauschen diesen stündlich gegen einen leeren aus – statt das Loch im Dach zu reparieren. All die wunderbaren Errungenschaften unserer modernen Konsum- und Technikwelt werden Ihnen nicht helfen können, Ihre Zeitverschwendung einzudämmen. Denn um aus Ihrer Zeit eine erfüllte Zeit zu machen, brauchen Sie eine neue Sichtweise.

Auch wenn es sich für Sie oft anders anfühlt: Wie Sie auf den Druck reagieren, der auf Ihnen lastet, entscheidet niemand anderer als Sie. Nur Sie selbst bestimmen, wie Sie sich verhalten und was Sie tun. Und vor allem: wie Sie leben wollen.

Ich bestimme selbst!

München, ein Mittwochabend. Ich sitze im Taxi auf dem Weg von einer Konferenz mit Finanzvorständen. Ich habe dort einen Vortrag gehalten darüber, wie Unternehmen noch schneller erfolgreich werden können. Alle haben hoch konzentriert zugehört. Hinterher bin ich mit einigen ins Gespräch gekommen. Sie haben mir erzählt, dass sie sich nach mehr Fokus und Wirksamkeit sehnen. Ich habe gespürt, wie sehr sie im Tornado stecken: Sie kontrollierten ständig mitten im hektischen Stimmengewirr den Maileingang auf ihren Smartphones und erledigten Rückrufe. Dann stopften sie viel zu hastig die kleinen Häppchen vom Buffet in sich hinein, bevor sie sich zum nächsten Termin verabschiedeten.

So ein Tag zehrt auch an meinen Reserven. Die Technik war mitten im Vortrag ausgefallen. So musste ich den Raum ohne Mikro beschallen. Nach diesem Kraftakt für meine Stimmbänder freue ich mich auf einen Moment der Ruhe und falle erschöpft ins Taxi. Sehne mich nach zu Hause, nach einer Umarmung meiner Frau und ein bisschen sportlichem Gerangel mit meinem Sohn.

Mein Taxifahrer wirft mir im Rückspiegel einen freundlichen Blick zu – schon beim Einsteigen ist mir seine warme Stimme aufgefallen und seine heiter-gelassene Ausstrahlung. Ich bin neugierig und stecke mein Telefon wieder in die Tasche. Wir unterhalten uns, obwohl meine Stimme schon etwas heiser ist. Ich erfahre, dass er Syrer ist, seit vielen Jahren in Deutschland lebt und dieses Jahr bereits siebzig wird. Aber er arbeitet noch immer. Weil die Rente nicht reicht.

Mit siebzig noch Taxifahrer? Ich frage ihn: »Und – sind Sie glücklich?« Er zögert keinen Moment und antwortet mit einem Funkeln in den Augen: »Aber ja!« Ich will wissen, was für ihn Glück bedeutet. Er nennt, ohne zu zögern, drei Aspekte: Er führt eine gute Ehe, seine Familie ist gesund – und er ist finanziell unabhängig. Der letzte Punkt lässt mich stutzen: »Wie meinen Sie das? Sie sagten doch gerade, dass Sie zu wenig Rente bekommen …«

Er lächelt und erklärt es mir mit ruhigen Worten. Er meint »finanziell unabhängig« nicht im Sinne von »reich«. Nein, das ist er nun wirklich nicht. Er hat harte Zeiten hinter sich und es gibt gute und weniger gute Tage. Aber, hey, er ist sein eigener Boss, er kann selbst bestimmen: »Ich fahre mein eigenes Taxi – das ist meine Firma! Ich bestimme selbst, wann und wie lange ich fahre. Ich bin der Herr meiner Zeit!« Wie er das so erzählt, wirkt er nicht naiv und weltfremd, sondern klar und geerdet. Und ganz und gar nicht hektisch. Mir fällt auf, dass er der erste entspannt wirkende Mensch ist, der mir heute über den Weg gelaufen ist.

Welch ein Kontrast! Ein einfacher Taxifahrer strahlt mehr Selbstbestimmtheit aus als Menschen, in deren Händen die Verantwortung für millionenschwere Budgets und Tausende von Mitarbeitern liegt. Ist das Rezept so einfach? Wissen, was einem wichtig ist, sein Leben und seine Zeit darauf ausrichten – und schon bin ich glücklich?

Ein harter Weg ist kein Hindernis für Glück. Im Gegenteil!

Keine Sorge, ich bin kein Romantiker. Ich behaupte keineswegs, dass alle Finanzvorstände unglücklich und fremdbestimmt sind. Viele von ihnen führen genau das Leben, das sie immer führen wollten. Und wenn das so ist, finde ich das großartig. Aber das Leben in solchen Jobs ist kein Ponyhof. Und im Businesstornado verlieren auch sie immer wieder mal ihren Horizont aus den Augen. Und nein, bei diesem Taxifahrer gibt es nichts zu verklären. Er hat kein leichtes Leben, denn er ist einen verdammt harten Weg gegangen und geht ihn noch immer. Aber ein harter Weg ist kein Hindernis für Glück. Im Gegenteil!

Nur wenn Sie Ihre Zeit selbstbestimmt nutzen, verschwenden Sie sie nicht sinnlos auf Ihrem Lebensweg. Und nur dann sind Sie in der Lage, subjektiv Glück, Erfolg und Reichtum selbst dort zu finden, wo andere nur – wie im obigen Beispiel – einen bettelarmen Taxifahrer mit hartem Los sehen würden. Und dann, nur dann, werden Ihnen die Menschen auch zuhören und glauben, wenn Sie selbst das Wort ergreifen und sich mit Ihrer Stimme in die Gespräche und Debatten einmischen. Wer hört schon gerne einem Weichei zu, dem man einen harten Weg und die Entschlossenheit, eigene Ziele zu verfolgen, nicht abkaufen mag? Ich bin sicher: Wenn dieser Taxifahrer die Gelegenheit bekäme, vor größerem Publikum von seinem Leben und seiner Lebenseinstellung zu erzählen, wäre es mucksmäuschenstill im Saal – so wie damals im Taxi, nachdem ich diese Worte gehört hatte und sie überhaupt nicht mehr aus dem Kopf bekam.

Der neue Luxus

Was ist so faszinierend an Menschen, die ihre Zeit selbstbestimmt nutzen? Warum werden sie bewundert und beneidet? Wegen ihres wahren Reichtums. Eines Reichtums, der vielen unerreichbar erscheint, mehr noch als alle materiellen Besitztümer und alle Machtpositionen. Ein Reichtum an selbstbestimmter Zeit ist kein Ergebnis einer noch so ehrgeizigen Karriere. Er kann nicht im Lotto gewonnen und nicht vererbt werden. Er ist das Ergebnis einer inneren Haltung, die Sie sich nur auf einem harten Weg erarbeiten können.

Selbstbestimmte Zeit ist der neue Luxus.

Selbstbestimmte Zeit ist der neue Luxus. Ein Luxus, der vielen Menschen heute erstrebenswerter erscheint als ein prall gefülltes Bankkonto. Und das Tolle ist: Dieser Reichtum ist in Wahrheit für alle Menschen viel leichter erreichbar als sein materielles Pendant. Denn so hart der Weg dahin auch ist und egal, in welcher Situation Sie gerade stecken – Sie können ihn gehen. Sie benötigen dafür keine besonderen materiellen Ressourcen. Genau wie der syrische Taxifahrer können Sie Ihre Möglichkeiten auf das ausrichten, was Ihnen wirklich wichtig ist.

Ich benutze dafür gerne ein Bild aus dem Roman »Der Herr der Ringe« von J.R.R. Tolkien. Der alt und müde gewordene Bilbo Beutlin klagt dort beim Zauberer Gandalf, dass er sich fühlt wie Butter, die viel zu dünn auf zu viel Brot verstrichen worden ist: »Why, I feel all thin, sort of stretched, if you know what I mean: like butter that has been scraped over too much bread.«

Als ich diesen Satz zum ersten Mal las, entstand sofort die Assoziation zu der großen Müdigkeit und Überforderung, die sich die Menschen in der heutigen Zeit permanent zumuten. Das Bild von zu wenig Butter auf zu viel Brot beschreibt ihre Lage recht treffend. Immerzu versuchen sie, mit ihren begrenzten Ressourcen – ihrer Zeit, ihrer Energie, ihrer Arbeitskraft – das ganz große Rad zu drehen und gleichzeitig mit einem Schlag all das zu erreichen, wovon sie glauben, dass es für sie erstrebenswert sein muss: Familie, Kinder, beruflicher Erfolg, ein schönes Haus, ein tolles Auto, viele nette Freunde, viele gute Beziehungen, gutes, gehaltvolles und zugleich genussreiches Essen, wertvolle kulturelle Impulse und, und, und.

Alle möchten sie so schnell wie möglich ein möglichst großes Stück Brot. Ich weiß nicht, ob Sie all das, was ich soeben aufgezählt habe, wirklich im Einzelnen benötigen. Gut möglich, dass auch Sie das nicht so genau wissen. Aber der Wunschkatalog, den unsere Gesellschaft uns allen permanent wie Hunden das Leckerli vor die Nase hält, hat eine ungeheuer große Anziehungskraft. Und ehe Sie sichs versehen, ertappen Sie sich dabei, ebenfalls diesen Wünschen nachzulaufen und dafür die nächste Anstrengung und Überforderung in Kauf zu nehmen. Denn Ihre Ressourcen sind längst nicht so groß wie die immer länger werdende Liste Ihrer Wünsche.

Passen Sie die Größe des Brotes Ihrer Buttermenge an.

Genau dazu passt das Bild von Bilbo Beutlin: Das Brot Ihrer Wünsche ist so groß, dass die Butter, die darauf verteilt wird, immer dünner und dünner ausgestrichen werden muss. Sie reicht längst nicht mehr aus, und es wird deswegen trotz aller Bemühungen unweigerlich ein sehr trockenes, schwer genießbares Brot. Sie sind unglaublich beschäftigt, haben aber viel zu wenige Ressourcen, um das ganze Brot abzudecken. Wie viel sinnvoller wäre es, wenn Sie die Größe des Brotes Ihrer Buttermenge anpassten!

Wenn Sie Ihre Butter auf ein zu großes Brot verstreichen, klagen Sie darüber, dass es so mühsam ist. In Wahrheit verstecken Sie sich. Sie verstecken sich vor der Verantwortung, sich zu entscheiden und Prioritäten zu setzen. Im Ergebnis sind Sie so zwar unglaublich beschäftigt, aber nicht wirklich wirkungsvoll. Kein guter Zustand!

Warum nehmen Sie nicht nur die Hälfte des Brotes, also das, was Ihnen tatsächlich wichtig ist? Dazu müssten Sie den Mut haben, auszusondern. Also bestimmte Prioritäten zu setzen und den Rest bewusst abzuwählen. Dann reicht Ihre Butter, um diese Hälfte ordentlich zu bestreichen – Ihre Ressourcen und Ihre Energie passen zu Ihrer Aufgabe, die Sie sich gestellt haben. So sind Sie besonders wirkungsvoll. Und plötzlich werden Sie auch für andere sichtbar – und hörbar! Sie glänzen auf einmal, weil Sie bei wirklich wichtigen Dingen Erfolg haben. Dann dringt Ihre Stimme durch, weil Sie etwas zu sagen haben, was für Sie und für andere relevant ist.

Wenn Sie erfolgreich werden wollen – egal, worin: viel Geld verdienen, ein Musikinstrument beherrschen, einen neuen Job erlernen –, dann müssen Sie zuerst die Größe des Brotes der Menge an Butter anpassen, die Sie zur Verfügung haben. Also ein kleines Stück Brot nehmen, aber das ordentlich mit Butter bestreichen. Das bedeutet, mit Ihren begrenzten Ressourcen einen super Job zu machen – ob privat oder im Büro –, richtig gute Qualität abzuliefern, richtig viel Wirkung zu produzieren. Wenn Sie das tun, werden Sie Schritt für Schritt besser. Sie können schwerere Musikstücke spielen oder flüssiger mit Ihrem britischen Nachbarn plaudern. Oder Kunden sind zufrieden und Sie bekommen Folgeaufträge oder Empfehlungen. So sind Sie auf dem Weg, dass Ihnen das Leben die Chance gibt, noch etwas mehr Butter zu bekommen, um damit auch größere Brotstücke zu bestreichen. So wächst Ihr Brotstück und Sie wachsen mit – Schritt für Schritt.

Große Bilder können inspirieren, aber auch lähmen.

Ein Paradoxon, das ich Ihnen nicht ersparen kann: Groß denken ist gut, denn es spornt Sie an, große Dinge in Ihrem Leben zu bewirken. Doch Vorsicht: Wenn Sie auf das Große blicken, könnte es Sie auch erschlagen! Mal angenommen, Ihre Frau wünscht sich schon lange, dass Sie mit ihr tanzen gehen, aber Sie haben noch nie tanzen können und sich immer nur wie ein Storch im Salat bewegt. Eines Abends schauen Sie ihr zuliebe zusammen »Dirty Dancing« an und machen das, was Sie da sehen, zu Ihrem Maßstab: »Oje, das kann ja nichts werden, dann lass ich’s gleich. So wie Patrick Swayze werde ich nie tanzen!« Große Bilder können inspirieren, aber auch lähmen.

Deswegen: Denken Sie in großen Bildern, seien Sie anspruchsvoll. Aber wählen Sie das Stück Brot, das Sie bestreichen wollen, so, dass Sie es auch mit Butter abdecken können. Gehen Sie mit Ihrer Frau noch einmal in den Anfängerkurs. Und dann lassen Sie das Stück Brot und sich selbst langsam wachsen, gehen Sie nach und nach in die Fortgeschrittenenkurse, und irgendwann sehen Sie sich staunend auf dem Video einer Party und denken: »Wow, ich wusste gar nicht, dass ich so gut tanzen kann!« Sie werden sich reich fühlen – und Ihre Frau wird Sie dafür noch mehr lieben. Welch ein Luxus, dass Sie Ihre gemeinsame Zeit dafür genutzt haben!

Die Zukunftsfähigkeit des Menschen

Der Luxus der selbstbestimmt genutzten Zeit macht glücklich. Das unterscheidet ihn von materiellem Reichtum. Das klingt sehr klischeehaft, oder? Geld macht nicht glücklich – sagen das nicht alle, die Geld haben?

Glauben Sie mir, ich spreche aus meiner eigenen Lebenserfahrung. Ich wollte damals unbedingt an der European Business School studieren. Eine Privatuniversität. Da meine Eltern nicht in Geld schwammen, habe ich mir das Studium per Kredit selbst finanziert. In den Semesterferien musste ich Geld verdienen, sodass ich sie mit Praktika verbrachte, anstatt in den Studentenkneipen zu versacken. Damals schwor ich mir: Wenn mehr Geld da ist, dann werde ich zufriedener sein! Dann werden alle Probleme verschwunden sein! Danach folgte die Zeit, in der sich das Geld auf dem Konto sammelte. Aber das führte nicht dazu, dass ich mich erfüllter fühlte, denn für dieses Geld arbeitete ich unglaublich viel. Ich verbrachte mehr Zeit in Hotels als zu Hause und war förmlich süchtig nach noch mehr Geld. Ich war zwar formal mein eigener Herr, kein Chef gab mir Anweisungen; doch es war das Geld, das mir indirekt immer neue Befehle gab. Hinzu kam in Zeiten der Börsenkrisen dann noch eine ganz neue Sorge: nämlich die Angst davor, das Geld wieder zu verlieren.

Über diese Erfahrung bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es im Leben nicht um die Frage geht, wie viel Geld ich habe. Klar ist es schön, sich Dinge leisten zu können. Aber wer viel Geld hat und sich viele Dinge leisten kann und trotzdem im Hamsterrad steckt, der ist deswegen noch lange nicht glücklich. Ich kenne zwei Multimillionäre, die könnten mit ihrem Geld ihr Leben zweibis dreimal erneut durchleben, ohne einen Schlag dafür zu tun – aber sie arbeiten immer noch wie ein Stier. Und beklagen sich auch noch darüber! Mein Rat: »Dann hör doch auf!« Sie antworten dann mit hervorragenden Geschichten, weswegen das jetzt noch nicht geht und sie weitermachen »müssen«.

Der wahre Luxus ist nicht Geld – sondern frei gestaltbare Zeit!

Der innere Druck hört nicht auf. Oder ist es die Gier? Der Besitz von Geld hat nun mal kein Limit. Ich habe noch niemanden gehört, der sagt: Es ist genug. Alle wollen immer mehr davon. Doch ich bin davon überzeugt, dass der wahre Luxus nicht Geld allein ist – sondern die frei gestaltbare Zeit. Nein, ich meine nicht einfach Freizeit. In der dröhnen sich viele Menschen mit Aktivitäten zu, die ebenfalls fremdbestimmt sind. Ich meine Zeit, über die Sie voll und ganz verfügen, weil Sie frei entscheiden können, was Sie damit tun. Der Zustand wirklich frei gestaltbarer Zeit ist für mich der Zustand von echter Unabhängigkeit und Glückseligkeit.

Da ich hier von Luxus spreche, mögen Sie das auch für ein Luxusproblem halten. Eines, mit dem Sie sich gar nicht beschäftigen können vor lauter Arbeit. Stimmt schon, es ist unglaublich anstrengend, aus Gewohnheiten und Verflechtungen auszubrechen. Anstatt zu erklären, warum es bei Ihnen nicht klappt, stellen Sie sich bitte einmal eine andere Frage: Was müssten Sie in Ihrem Leben ändern, damit es funktionieren kann?

Noch besser: Schauen Sie bei diesem Gedanken über Ihr eigenes Leben hinaus. Denn es geht hier nicht nur um Ihr persönliches Glück, sondern um die Zukunftsfähigkeit des Menschen.

Denken Sie einmal ein paar Jahrzehnte voraus. Die Industrialisierung entwickelt sich weiter. Robotertechnologie und künstliche Intelligenz werden uns Menschen zunehmend die Arbeit abnehmen. Und immer mehr Leute werden ohne Beruf sein. Da wird sich Ihnen umso stärker die Frage stellen, wie Sie als Mensch wirkungsvoll und zukunftsfähig sein können. Wie sind Sie wertvoll für den Arbeitsmarkt? Wie sind Sie wertvoll für diese Gesellschaft? Nur wenn Sie wertvoll sind, verdienen Sie auch Geld. Wenn Sie nur irgendetwas tun, was niemand braucht, verdienen Sie damit gar nichts. Hinter der Frage also, wie Sie wirkungsvoll sein können, wie Sie Nutzen für andere stiften können, steckt auch die ganz pragmatische Frage: Wie, womit verdienen Sie Geld? Und zwar nachhaltig! Wenn Sie sich mit diesen Fragen nicht beschäftigen, dann wird die Gesellschaft statt Sie selbst die Richtung in Ihrem Leben bestimmen. Ein Gedanke, der mir persönlich genauso wenig gefällt wie Ihnen. Angenehmer ist es, wenn Sie diese Frage aktiv als Spieler statt passiv als Spielstein beantworten. Es wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als die Nutzung Ihrer Zeit selbst in die Hand zu nehmen. Das heißt: die Verantwortung für Ihre Zukunft zu übernehmen.

Der harte Weg zum Glück

Ich habe oft überlegt: Wenn ich einmal an meinem Lebensende stehe und mich fragen werde, ob ich ein gutes Leben geführt habe – welchen Maßstab lege ich dann an? Auch wenn mir Beruf und Karriere immer wichtig waren, wusste ich doch stets, dass dann nicht die entscheidende Frage sein wird, wie viel Geld ich verdient und angesammelt habe. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Es werden andere Dinge bedeutsam sein. Nämlich die Frage, wie das Verhältnis zu meiner Frau, meiner Familie, zum engsten Kreis meiner Freunde war.

Stellen Sie sich vor, Sie liegen auf dem Sterbebett. Im Schnelldurchlauf ziehen Sie dort die Bilanz Ihres beruflichen Lebens. Aus dieser Perspektive sieht Ihr heutiges Leben ganz anders aus. Und der weise Mensch, der Sie am Ende Ihres Lebens sein werden, kann Ihrem heutigen Ich eine entscheidende Wegweisung für das Berufsleben geben. Eine Botschaft von Ihrem weisen Ego an Ihr heutiges Ego. Wie lautet sie? Wie werden Sie Ihre Zeit nutzen?

Und wer steht eigentlich an Ihrem Sterbebett? Sind es Ihre Chefs, Mitarbeiter, Kunden, Ihr Steuerberater? Wohl kaum!

Wer steht an Ihrem Sterbebett?

Bitte überlegen Sie: Wie viel Zeit haben Sie diese Woche mit den Menschen verbracht, die wirklich an Ihrem Bett stehen werden? Wie viele Gedanken haben Sie ihnen gewidmet? S oll das bis zu Ihrem Lebensende so weitergehen?

Eigentlich wissen Sie, was wichtig für Sie ist. Sie müssen nur auf die Stimme in Ihnen hören. Das klingt einfacher, als es ist. Ich behaupte nicht, dass Sie sich die richtige mentale Ausrichtung ganz einfach wie von Zauberhand herbeiwünschen können. Solche Aussagen überlasse ich gerne den Heiopei-Gurus und Sektengründern, mit denen ich nicht viel anfangen kann und deren simple Glücksversprechen mir ein Gräuel sind.

Glück und Erfolg bedeuten harte Arbeit! Und es geht viel mehr um den Weg als um das Ziel. Ich kann Ihnen nichts anderes versprechen als einen harten Weg zum Glück. Aber er lohnt sich – und Sie können Ihre Zeit nicht sinnvoller nutzen, als wenn Sie sich auf diesen Weg machen. Die Suche nach dem eigenen Horizont und die Bereitschaft, den Weg in diese Richtung zu gehen, bedeuten Disziplin und Konsequenz gegen sich selbst. Gerade in anstrengenden Zeiten können Sie das größte Wachstum erfahren und die entscheidenden Schritte in Ihrem Leben machen.

Zum Leben gehören Niederlagen und Rückschläge. Und auch die sind nicht etwa vertane Zeit, sondern das Tüpfelchen auf dem i. Sie markieren eine besonders harte, aber eben auch eine besonders erfüllte Zeit. Denn wir lernen und werden nur dann wirklich stärker, wenn es nicht gut läuft im Leben. Als ich in Neuseeland studierte, habe ich in einer dunklen, verranzten Bar dazu den passenden Spruch auf der Toilette gelesen: »Ich verliere nie! Entweder gewinne ich – oder ich lerne dazu!«

Eine Niederlage ist für mich nie verschwendete Zeit, denn ich habe etwas ausprobiert und dazugelernt. Zeit ist nur dann verschwendet, wenn ich mich mit Dingen beschäftige, die mich nicht in die Nähe meines Horizontes bringen. Wenn ich die Zeit nicht sinnvoll für mich nutze. Dann ist das Zeitverschwendung im Umgang mit mir selbst. Doch es geht noch schlimmer: Es gibt auch noch eine Zeitverschwendung ganz anderer Art – nämlich die zulasten anderer Menschen.

3. Alles weichgespült

Verlogene Wahrheit

Ich sitze mit dem Vorstand eines börsennotierten Unternehmens zusammen. Es geht um die Umsetzungsbegleitung einer neuen Strategie.

Wir sind uns in vielen Dingen bereits einig, als ich sage: »Voraussetzung für unsere Zusammenarbeit ist, dass wir Klartext miteinander reden können. Dass wir auch die heiklen Themen diskutieren und offen mit allen Beteiligten sprechen.«

Schlagartig herrscht Schweigen.

Er sieht mich durchdringend an und sagt dann zögernd: »Grundsätzlich bin ich dafür. Aber nur, wenn das alles in einem loyalen Kontext stattfindet.«

»Selbstverständlich«, antworte ich neutral.

Innerlich aber denke ich mir: Von diesem Projekt werde ich die Finger lassen. Was er mir da sagt, heißt übersetzt: »Offenheit nur unter der Voraussetzung, dass mir keiner ans Bein pinkelt.«

Die Wahrheit will eben nicht jeder hören.

Der Gemocht-werden-wollen-Virus

Im beruflichen Umfeld bin ich extrem allergisch gegen die allgemeine Leisetreterei. Viele Unternehmen sind davon infiziert, und das Unverständliche daran ist, dass sie selbst es meist gar nicht merken. Da werden klare sachliche Aussagen vermieden und stattdessen lieber Wattebäuschchen verteilt: angenehm auf der Haut, aber inhalts- und gewichtslos. Sie tun garantiert nicht weh. Allerdings bewirken sie auch garantiert nichts.

Früher habe ich ein Projekt unter solchen Umständen wie oben beschrieben trotzdem angenommen. Heute weiß ich: Das ist reine Zeitverschwendung, denn ein zufriedenstellender Output wird so unmöglich gemacht. Nicht nur meine Zeit ist verschwendet, sondern auch die Zeit des Vorstands und aller beteiligten Mitarbeiter. Jede Menge Input, jede Menge Beschäftigung – für eine jämmerliche Menge an Output. Und das nur, weil alle das inhaltsleere Blabla dem notwendigen Klartext vorziehen. Ursache dieser Weichspülerei ist der Gemocht-werden-wollen-Virus.

Dieses Viech hat mindestens genauso um sich gegriffen wie Input- und Instant-Virus und lässt vieles schieflaufen. Ein paar Beispiele:

Ein Unternehmensberater beobachtet während seines Auftrags in einem Unternehmen, dass der Vorstand Entscheidungen trifft, die nicht klug sind. Er aber denkt an den möglichen Folgeauftrag. Deshalb will er sich nicht unbeliebt machen und hält lieber den Mund. Er hat Angst, dass er für seine Ehrlichkeit bestraft werden würde.

Mehrere Führungskräfte sitzen mit dem Vorstand zusammen und diskutieren ein Projekt. Verschiedene Meinungen werden geäußert, bis der Vorstand die Stimme erhebt und erkennen lässt, wie er selbst zu dem Projekt steht. Mit einem Schlag verstummen alle Gegenargumente, weil sich keiner mehr traut, etwas zu sagen. Alle wollen die Kronprinzenrolle und das Wohlwollen des Vorstandes – und stimmen seinem Vorschlag zu. Beim Rausgehen murmeln sie einander zu: »Alter, was machen wir jetzt schon wieder für einen Scheiß!«

In der Vorstandsetage wird eine bestimmte Strategie festgelegt, aus der Projekte und Zielvorgaben abgeleitet werden. Ein Teamleiter auf der unteren Ebene hält eine dieser Maßnahmen für entschieden kontraproduktiv. Trotzdem stellt er sich vor seine Mitarbeiter und erklärt ihnen wortreich, warum diese Maßnahme sinnvoll sei. Kritik wird nur hinter vorgehaltener Hand geübt. In Richtung Vorstand zu rebellieren traut er sich nicht.

Der Gemocht-werden-wollen-Virus verseucht alle Lebensbereiche.

Der Gemocht-werden-wollen-Virus beschränkt sich nicht auf das berufliche Umfeld. Sie finden ihn in allen Lebensbereichen:

Viele Lehrer veröffentlichen den Notenspiegel zu einem Test nicht. Begründung: Die Kinder könnten dadurch unter Druck gesetzt werden. Als ob die Kinder sich nicht untereinander austauschen würden, wer eine Sechs und wer eine Eins hat! Der Leistungsdruck ist da und verschwindet nicht dadurch, dass der Lehrer so tut, als könnte er ihn durch die Verheimlichung des Notenspiegels unterdrücken. Möchte sich der Lehrer durch diese Maßnahme vielleicht vor Kritik schützen? Ist die ganze Klasse nicht über eine Vier hinausgekommen, sodass seine pädagogischen Fähigkeiten kritisiert werden könnten? Oder hat er das Punktesystem für die Bewertung von Aufgaben vorher nicht kommuniziert und hofft, dass diese Unfairness so nicht ans Tageslicht kommt?

Auf Elternseite wird geschimpft und gezetert, dass der Lehrer dies oder jenes falsch gemacht hat. Am Elternabend könnte die Kritik gegenüber dem Lehrer endlich persönlich geäußert werden. Stattdessen: Stille. Und noch viel schlimmer: Statt Kritik gibt es Süßholzgeraspel. Der Lehrer könnte sich ja auf den Schlips getreten fühlen und sich mit schlechten Noten später beim Kind revanchieren.

Eine Einladung beim Nachbarn: Der Gastgeber ergeht sich in weitschweifigen Anekdoten aus seinem Leben. Die Gäste rutschen immer tiefer in ihre Sessel und denken über Ausreden nach, wie sie sich möglichst schnell loseisen könnten. Doch beim Abschied – Küsschen links, Küsschen rechts – bedanken sich alle artig für die höchst unterhaltsamen Stunden und bringen zum Ausdruck, wie gerne sie beim nächsten Mal wieder dabei wären – obwohl ihnen nichts schrecklicher erscheint als das.

Im Restaurant nuschelt der Kellner beim Abtragen der Teller ein »Hat’s geschmeckt?« und hat sich bereits halb abgewendet, um weiterzugehen. Der Gast antwortet: »Ja, wunderbar.« Obwohl es fürchterlich war. Keiner meint, was er sagt. Weichspüler – auf beiden Seiten.

Sogar allein im stillen Kämmerlein packen wir den Weichspüler aus. Morgens nach dem Duschen steht der übergewichtige Mann nackt vor dem Spiegel und betrachtet sich. Wenn er jetzt ein wenig hüpft, wackelt längst nicht nur das, was wackeln soll. Statt ehrlich zu sich selbst zu sein, redet er sich ein, dass er auch nackt noch eine recht gute Figur macht.

Die Frau steht derweil in der Küche und verpasst der Schokolinsentorte den letzten Schliff. Die vierte Klasse feiert Sommerfest und die Muttis müssen backen. Das Telefon klingelt. »Morgen, Gaby! Du, die Jutta hat mich grad angerufen und gesagt, sie sei so im Schwung gewesen und hätte gleich drei Kuchen gebacken. Die macht das ja mit links. Da haben wir uns gedacht, dass du keinen mehr mitbringen musst. Das wird sonst zu viel. Du arbeitest doch noch halbtags und bist sicherlich froh, wenn du nicht mehr in der Küche stehen musst. Du hast doch bestimmt noch keinen fertig, oder?« Doch! Hat sie! Hat sich extra um halb fünf in der Früh aus dem Bett gequält, um ihren Kuchen beisteuern zu können. Was macht sie? Sie sagt: »Das ist nett, danke!« Bloß kein Spielverderber sein!

Hab mich lieb

Woher kommt diese Sehnsucht nach dem Schmusekurs? Diese ausgeprägte Angst davor, Kritik in klare Worte zu packen und unverhüllt zur Diskussion zu stellen? Das liegt an einem zutiefst menschlichen Zwiespalt: Wir wollen uns einerseits unser Leben lang verbunden fühlen und uns andererseits gleichzeitig frei entwickeln.

Im Mutterbauch entsteht die Sehnsucht nach Geborgenheit und Freiheit.

Das entspricht der Wohlfühlkombination der allerersten Erfahrungswelt. Im Bauch Ihrer Mutter haben Sie diese zwei Zustände gleichzeitig erlebt. Zum einen waren Sie über die Nabelschnur untrennbar mit ihr verbunden. Zum anderen konnten Sie sich entfalten und ungehindert entwickeln – ohne es jemandem recht machen zu müssen.

Und dann der Schock in Form von Geburt, Erziehung, Sozialisation! Verbundenheit und freie Entwicklung ließen sich jetzt nicht mehr unter einen Hut bringen. Sobald Ihr Entfaltungsdrang Sie in unliebsame Pfützen oder zur selbstständigen Verschönerung der Wohnzimmertapeten trieb oder Ihre lautstarken Rockmusikversuche und das eigenwillige Outfit zu Konflikten mit den Nachbarn führten, wurde die Verbundenheit zu Ihren Eltern und zu Ihrem Umfeld massiv auf die Probe gestellt.

Wir alle haben in diesem Alter erlebt, dass Verbundenheit viel eher gestärkt wird, wenn wir unser Verhalten an die Wünsche der anderen anpassen. »Unauffällig verhalten und der Norm entsprechen« ist der geheime Leitsatz vieler Elternhäuser. Wer aufmuckte oder negativ auffiel, wurde mit Entzug der Verbundenheit bestraft. Im Klartext: Es gab Ärger, Konflikt und Streit, bis hin zu Liebesentzug.

Der Drang nach Verbundenheit bleibt Ihnen ein Leben lang erhalten, genauso wie der Drang nach persönlichem Wachstum. Die Gehirnforschung hat gezeigt, dass beide Sehnsüchte hormonell fest verankert sind: der Drang nach Zugehörigkeit durch das Bindungshormon Oxytocin und der Drang nach Entwicklung durch das Belohnungshormon Dopamin. Doch welche Auswirkungen hat es auf uns, wenn sogar unsere Hormone uns dazu antreiben, beide Sehnsüchte gleichzeitig erfüllen zu wollen – wir uns im Leben außerhalb des Mutterbauchs jedoch meist nur für eine entscheiden können? Nun: Es führt zu unterschiedlichen Menschentypen.

Den entscheidenden Unterschied machen Sie anhand der folgenden Frage sichtbar: Wie sehr sind Sie bereit, in den Konflikt zu gehen, um das zu tun, was Sie gerne tun wollen? Wie unterschiedlich wir Menschen mit Konfliktsituationen umgehen, lässt sich bereits besonders gut in der Pubertät beobachten. Denken Sie an die »Rabauken« aus Ihrer Jugendzeit. Sie hatten weder Zweifel noch Skrupel, sich über alle Regeln hinwegzusetzen. Sie sind gewachsen, wie sie es wollten. Daneben gab es die anderen, die eher nach Harmonie strebten. Sie haben ihre Faust – wenn überhaupt – nur in der Tasche geballt. Dem direkten Konflikt mit anderen sind sie jedoch immer ausgewichen. Dieser Unterschied setzt sich im Erwachsenenalter fort.

Wenn Sie die Menschen also einmal ganz grob unterteilen wollen, dann können Sie zwei Typen feststellen – und einer von beiden ist wesentlich empfänglicher für den Gemocht-werden-wollen-Virus.

Nun führt alles, was mit Menschen zu tun hat, schnell zu emotional gestützten Bewertungen. Die auf ihre persönliche Entwicklung fokussierten Menschen werden – je nach Standpunkt – entweder bewundernd als »Rebellen« oder abwertend als »Quertreiber« oder »Egozentriker« bezeichnet. Die auf Verbundenheit Bedachten dagegen gelten entweder als »sozial verträglich« oder als »harmoniesüchtig«. Das führt schnell zu hitzigen Diskussionen. Deswegen ist es hilfreich, wenn man sich in der Beschreibung der verschiedenen Verhaltensweisen zunächst vom Menschen entfernt. Ich wähle daher im Folgenden eine Analogie aus dem Tierreich, um Vorverurteilungen keinen Raum zu geben.

Von Hunden und Katzen

Ein Hund steht vor seiner Futterschale und schaut treuherzig hinein. Leider ist sie leer. Aber er sagt sich: »Einmal am Tag bekomme ich von dir, meinem Herrchen, leckeres Futter. Und da hinten, unter der Treppe, gewährst du mir auch ein Plätzchen, wo ich warm und trocken schlafen darf. Du gehst ein paarmal am Tag mit mir raus, dann, wann es dir passt. Und wenn ich mir das so richtig überlege« – der Blick des Hundes wird schmachtend – »dann, liebes Herrchen, musst du Gott sein.«

Die Katze erscheint in der Küche. Sie schaut den Hund herablassend an und denkt: »Na ja, wenn du meinst … Bei mir allerdings ist das so: Ich bekomme jeden Tag Futter, und zwar dann, wann ich will. Und mindestens drei verschiedene Sorten. Wenn mir die nicht mehr schmecken, bekomme ich drei neue. Schlafen tue ich eigentlich überall, gern auf dem Sofa oder auf dem Sessel. Das Ehebett ist auch sehr angenehm. Und wenn ich dort liege, traut sich auch niemand mehr dorthin, also habe ich meine Ruhe. Während du blöder Hund wartest, bis jemand mit dir rausgeht, entscheide ich selbst, wann ich rein- und rausgehe: Ich habe nämlich eine Klappe in der Tür. Also, wenn ich mir das so richtig überlege« – die Katze lässt ihren Blick selbstverliebt Richtung Horizont schweifen – »dann muss ich Gott sein.«

Nur Katzen fliegen zum Mars.

Zwei grundverschiedene Ansätze, mit sich, der Umwelt und dem Leben umzugehen. Und diese grundverschiedenen Züge finden sich auch beim Menschen. Wenn ich also jetzt im Folgenden von Katzen und Hunden spreche, dann denke ich dabei an Menschen, die sich jeweils so ähnlich verhalten wie ihr Pendant aus dem Tierreich. Da gibt es die Katzen, die sich wie Halbgötter auf Erden aufspielen. Sie fragen nicht nach Meinungen und Befindlichkeiten anderer. Sie machen Ansagen. Sie denken groß: fliegen zum Mars, erfinden das Penicillin und sorgen für technologische Revolutionen. Sie sind sehr selbstbewusst in ihrem Auftreten. Andere beschreiben sie auch gerne als arrogant oder großmäulig. Aber sie sorgen dafür, dass etwas geschieht. Und zwar nicht nur im Mittelmaß, sondern als Spitzenleistung. Der zweite Platz ist für eine Katze der erste Verliererplatz. Im Mittelmaß langweilt sie sich sofort. Aber sobald es um etwas geht, was kein Mensch vorher geschafft hat, oder um konfliktgeladene Situationen, Anspannung, Risiko und hohe Verantwortung – dann wird sie hellwach. Viele Teenager zum Beispiel sind, wenn sie in ihre – aus Elternsicht – schwierige Phase kommen, in ihrem Verhalten nichts anderes als Katzen.

Das Gute an Katzen ist, dass sie nicht unter dem Gemocht-werden-wollen-Virus leiden. Es ist ihnen vollkommen egal, was andere über sie denken. Und sie verbuchen noch einen Vorteil für sich: Wenn sie wollen, dann haben sie Amnesie. Das berühmteste Beispiel ist Konrad Adenauer. Ihm wird der Ausspruch zugeschrieben: »Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?« Katzen können das Vergangene sehr schnell hinter sich lassen und einen neuen Weg einschlagen. Gerade noch emotional involviert, sind sie im nächsten Augenblick wieder sachlich fokussiert, als wäre nichts gewesen.

Ganz anders sieht es in der Welt der Hunde aus. Sie wollen unbedingt gemocht werden. Ihnen ist die Beziehung zu ihren Menschen am wichtigsten. Bei ihnen gibt es immer Kaffee und Kuchen, sie haben stets ein offenes Ohr und hören Ihnen zu. Wenn Sie mit einem Hunde-Menschen sprechen, erkennen Sie ihn daran, dass er während des Zuhörens zustimmende Laute von sich gibt wie »Oh ja« oder »Aha« und mit dem Kopf nickt. Jeder spürt: Er ist ein richtig guter Zuhörer – im Gegensatz zur Katze, die einfach nur schweigend dasitzt und zwischendurch auf die Uhr schaut.

Hunde quälen sich mit Entscheidungen.

Der Hund hat typischerweise Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen. Rechts oder links? Doch geradeaus? Während die Katze schon längst losgelaufen ist, steht der Hund noch da und überlegt: »Also, wenn ich linksrum gehe, könnte es sein, dass sich Herr Müller auf den Schlips getreten fühlt. Aber wenn ich rechtsrum gehe – was denken dann Frau Maier und Herr Schmidt über mich?« Er will so dringend gemocht werden, dass er – aus Sorge davor, einen Fehler zu machen – gar nichts macht.

Auch in schwierigen Gesprächen zeigt sich der Unterschied: Während Katzen in solch einer Situation erst richtig wach werden, passiert bei Hunden genau das Gegenteil. Sie senken den Blick und denken sich: »Oh, shit. Bloß weg hier!« Entsprechend leicht hat es die Katze, das Gespräch zu lenken und zu dem Ergebnis zu kommen, das sie für richtig hält – der Hund hat ja schließlich nicht widersprochen.

In jedem Menschen stecken Hund und Katze.

Aber die Welt ist nicht schwarz-weiß und das gilt auch für diese Typisierung. In der Realität wohnen in jedem Mensch beide: sowohl der Hund als auch die Katze. Selbst die warmherzigsten Menschen, die den Hund zu 100 Prozent zu verkörpern scheinen, können auch Katze. Und zwar in solchen Situationen, in denen sie eine sehr hohe Verantwortung tragen. Zum Beispiel Frauen vom Typ Mutter Beimer aus der »Lindenstraße«: die Herzlichkeit in Person, die sich für jeden und alles Zeit nimmt, mitfühlt, ein offenes Ohr und ein warmes Herz hat. Wenn dieser Typ Mutter auf dem Spielplatz beobachtet, wie sich ein Perverser einem der Kinder nähert, dann gnade ihm Gott! Mutter Beimer ist dann nicht nur zur Katze geworden, sondern zum Tiger. Und dem möchte man ganz bestimmt nicht in freier Wildbahn begegnen!

Hund und Katze haben also beide ihre Vorzüge. Hunde sind diejenigen, die für gute Beziehungen, Werte und Teammoral sorgen. Sie nehmen Rücksicht auch auf die Schwachen und Langsamen – und sorgen dafür, dass der Mensch auch Mensch bleiben darf. Ohne Hunde würden wir in Sodom und Gomorrha leben. Katzen kümmern sich dagegen um Ergebnisse, haben hohe Ansprüche und sorgen für Spitzenleistungen. Sie lassen fünfe nicht gerade sein – und riskieren auch harmonische Beziehungen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Wenn die Katzen-Form extrem ausgeprägt ist und es bei einem Menschen weder Selbstzweifel noch Skrupel gibt, handelt es sich um einen gefühlskalten Psychopathen. Solche Leute finden sich laut der Forschung des britischen Psychologen Kevin Dutton übrigens auffällig häufig in Führungspositionen von Politik, Wirtschaft oder Kirche. Das Gute an den Katzen: Dank ihnen leben wir nicht mehr in steinzeitlichen Höhlen.

Die einen sind nicht besser als die anderen. Beide Verhaltensmuster haben ihre Berechtigung und ihre Stärken. Wenn ich jedoch zur falschen Zeit das falsche Verhalten wähle, entstehen Probleme. Und wenn ich mich nicht selber reflektiere und kein Feedback von außen annehme, bleibe ich in meiner persönlichen Entwicklung stecken.

Im beruflichen Kontext begegnen wir in der Regel deutlich mehr Hunde- als Katzen-Typen. Und diese Hunde leiden am Gemocht-werden-wollen-Virus. Dieser mentale Virus, kombiniert mit dem Wunsch vieler Unternehmen, Hierarchien zunehmend aufzulösen, führt im Alltag zu immer mehr Weichspülern.

Klartext gegen Weichspüler

Was willst du mir damit sagen?

»Frau Huber, vielen Dank, dass Sie sich zum Mitarbeitergespräch eingefunden haben. Sie haben auch dieses Jahr die Ablage so toll gemacht, damit haben Sie mich und die Kollegen erneut begeistert. Ganz besonders gut gefällt mir auch die Sorgfalt, mit der Sie den Urlaubskalender der Abteilung gepflegt haben, da war jeder jederzeit informiert. Und es ist auch herausragend, wie zuverlässig Sie sich um die Topfpflanzen der Kollegen in deren Abwesenheit kümmern. Wenn ich mir nur eine Sache wünschen dürfte, dann könnte ich mir vorstellen, dass Sie in Zukunft vielleicht noch öfter als bisher pünktlich zur Arbeit erscheinen könnten. Die Kollegen haben sich zwar bereits schon ausgezeichnet damit arrangiert, dass sie den Empfang so lange selbst betreuen müssen, aber Sie könnten hier einen großartigen Beitrag zur Verbesserung des ohnehin schon guten Workflows in unserer Abteilung leisten.«

Solche Worte lösen bei mir Brechreiz und Lachanfall gleichzeitig aus. Und das geht nicht nur mir so.

Die Feedbackkultur führt überall zu Unmut.

Um aus den alten Hierarchiesystemen mit Befehl und Gehorsam auszubrechen, erfahren wir nun im Zeitalter der »Führung auf Augenhöhe« das andere Extrem. Die neu verordnete Feed backkultur, die heute von vielen Unternehmen fest vorgeschrieben wird, führt überall zu Unmut. Die Vorgesetzten dürfen keine klaren Worte benutzen, sonst könnte sich vielleicht ein Mitarbeiter diskriminiert fühlen. Sie müssen sich winden, um doch die ein oder andere kritische Botschaft – zwischen unendlich viel Watte verpackt – an den Mann zu bekommen.

Paradiesisch für die Mitarbeiter? Ach was! Sie gehen aus solchen Gesprächen ratlos hinaus, weil sie bis zur Unkenntlichkeit verklausulierte Rückmeldungen zu ihrem aktuellen Stand und ihren Weiterentwicklungsmöglichkeiten erhalten haben. Sie wissen nicht, wie sie die leise geäußerte Kritik einzuordnen haben: Hält der Chef das in Wirklichkeit für eine große Sache und traut sich nur nicht, es zu sagen, oder ist es tatsächlich nur eine Lappalie?

Einmal war ich bei einem großen Energieversorger. Er hatte in meinem Büro angefragt, ob ich ihn bei der Entwicklung der Vertriebsabteilung der Stadtwerke unterstützen könne. Die Energieversorger sind aktuell unter Druck, sie müssen handeln, und zwar schnell. Sie haben eigentlich keine Zeit für Streicheleinheiten. Damit konfrontierte ich auch den Projektverantwortlichen: »Sie wünschen eine Verhaltensveränderung von Menschen. Das ist die Königsdisziplin. Wir werden das nur hinbekommen, wenn wir eine offene Streitkultur wiederbeleben und konsequent die Dinge nicht nur besprechen, sondern auch Taten einfordern. Jetzt können wir uns den Druck noch selbst machen. Doch wenn wir nicht sofort Gas geben, wird der Druck von außen kommen. Dann werden Sie gestaltet, statt selbst zu gestalten.« Betretenes Schweigen. Ich dachte mir im Stillen: »Das wird nix.« So kam es dann auch. Der Verantwortliche entschied sich nach ein paar Tagen für einen anderen Berater: »Herr Holzer, Sie sind wahrscheinlich zu direkt und konsequent für unsere Mitarbeiter. Das können wir denen noch nicht zumuten.« Sie wollten duschen – aber auf keinen Fall dabei nass werden.

Dieses Weichspülen hat mittlerweile merkwürdige Formen angenommen. In einem Unternehmen erlebte ich die Krönung. »Wir dürfen das P-Wort nicht mehr nennen«, erzählten mir Mitarbeiter. Ich verstand nur Bahnhof. P-Wort – was ist das? Da kommen Sie nie drauf! P steht für: Problem! Stattdessen sollten die Mitarbeiter jetzt »Herausforderung« sagen. Welch ein Quatsch. Ich sehe ein, dass es negativ besetzte Begriffe gibt, die emotional eine Wirkung auf uns haben und – zumeist unterschwellig – unsere Gedanken in eine bestimmte Richtung lenken. Aber wenn schon das Wort »Problem« Erschütterung auslöst, dann denke ich mir: »Oh Mann, wo sind wir hier?«

Heikle Botschaften sind unvermeidbar.

Dabei haben die meisten Menschen eine stille Sehnsucht nach klaren Worten. Was denken Sie, welches mein meistgebuchter Vortrag ist? »Heikle Botschaften – unter Druck souverän bleiben.« Und warum ist er so beliebt? Heikle Botschaften gehören zum Leben einfach dazu, ob man es will oder nicht. Man kann ihnen nicht ausweichen. Das liegt an einem einfachen Kreislauf: Veränderungen führen zu Problemen. Probleme müssen gelöst werden. Und Lösungen führen wieder zu Veränderungen. Es hört nicht auf. Das gehört zum Kreislauf des Lebens. Der Schlagabtausch beschleunigt sich zunehmend, denn Veränderungen passieren immer öfter und schneller. Entsprechend nahmen die Zahl und die Intensität der Probleme zu. Die damit einhergehenden heiklen Botschaften sind also unvermeidbar.

Der Überbringer dieser Botschaft hat kein leichtes Los: Schon in der Antike war er derjenige, der dafür die Prügel bezogen hat. Heute im Büro bekommen Sie häufig immer noch Ärger, wenn Sie den Mund aufmachen. Zwar müssen Sie keine Prügel mehr einstecken, aber Ihre klaren Worte haben andere Konsequenzen: Sie machen sich unbeliebt.

Was eine heikle Botschaft ist, entscheiden nicht Sie, sondern der Empfänger. So kann die heikle Botschaft bereits aus einem einzigen Wort mit vier Buchstaben bestehen. Ihr Chef wirft Ihnen einen Stapel auf den Tisch und sagt: »Bitte bis nächste Woche erledigen.« Und als er schon wieder halb aus der Tür ist, sagen Sie: »Nein!« Und schon haben Sie Ihre Reiberei. Gelebte Streitkultur sozusagen.

Ich war einmal im Konzentrationslager Auschwitz. Der Ort hat mich sprachlos gemacht. Ich war schon nach der Führung durch den wieder aufgebauten Abschnitt mehr als bedient. Aber es war noch nicht vorbei. Die Führung wurde in einem zweiten Teil fortgesetzt. Dort, wo früher die Züge ankamen und heute nur noch die Ruinen der Baracken zu sehen sind. Ich spürte das ganze Leid, die Gräueltaten, den Tod. Orte haben ein Gedächtnis. Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Am schlimmsten war es an den Betonüberresten der Gaskammern. Dort kamen mir die Tränen vor lauter Schmerz. Und ich war nicht der Einzige, der mit seinen Emotionen kämpfte.

Doch etwas passte nicht ins Bild: Gleich neben diesen Überresten picknickte eine Gruppe Teenager – fröhlich, ausgelassen. Viele Menschen gingen an ihnen vorbei, einige schüttelten auch den Kopf, aber kein Einziger hat etwas gesagt. Nur unsere Fremdenführerin! Sie rastete fast aus, schimpfte die Jugendlichen lautstark aus und hieß sie, sofort ihre Sachen zusammenzupacken. Das hat mich und viele aus unserer Gruppe beeindruckt. Wir waren dankbar für ihre klaren Worte. Aber solche Menschen gibt es viel zu wenige in unserer Gesellschaft. Die meisten denken sich ihren Teil – und halten die Klappe!

Dabei brauchen wir den freien Austausch von Meinungen ohne Weichspülerei. Denn die Qualität unserer Gesellschaft, unserer Demokratie hängt davon ab. Wir müssen lernen, wieder miteinander zu streiten.

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307 стр. 12 иллюстраций
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9783956235214
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