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Peter Gerdes
Hetzwerk
Ostfriesland-Krimi

Zum Buch
Falsche Spuren Regionalpolitiker Carsten Fecht hat es bis zum Landtagsmandat gebracht. Für seine Karriere ist ihm jedes Mittel recht. In diversen Chat-Foren hetzt er gnadenlos gegen jeden, der ihm in die Quere kommen könnte. Bis er vor seinem eigenen Haus erschossen wird. Hat sich eines seiner Opfer gerächt? Oder fürchtete ein Mittäter peinliche Enthüllungen? Hauptkommissar Stahnke und sein Team, verstärkt durch die neue Kollegin Annika Brühl, hat die Ermittlungen kaum aufgenommen, als eine Reihe von Anschlägen Ostfriesland erschüttert. Häuser werden in Brand gesetzt und bei einem Bombenanschlag stirbt ein Gewerkschaftsfunktionär. Hängen diese Fälle zusammen? Steckt womöglich ein ganzes Netzwerk dahinter? Und was sind die Motive? Je näher Stahnke und seine Kollegen der Wahrheit kommen, desto brisanter wird die Lage. Nicht zuletzt für sie selbst. Aber als sie das erkennen, ist es bereits zu spät. Oder können sie die Katastrophe doch noch verhindern?
Peter Gerdes, 1955 geboren, lebt in Leer (Ostfriesland). Er studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Seit 1995 schreibt er Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 leitet Peter Gerdes die »Ostfriesischen Krimitage«. Seine Krimis „Der Etappenmörder“, „Fürchte die Dunkelheit“ und „Der siebte Schlüssel“ wurden für den Literaturpreis „Das neue Buch“ nominiert. Mit seiner Frau Heike betreibt der Autor die Krimi-Buchhandlung »Tatort Taraxacum« in Leer.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © hespasoft / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6752-3
1.
»Oh Gott, da ist er wieder.« Lars Noack trat zwei Schritte zurück und schob sich hinter ein Grüppchen miteinander schwatzender Ratsmitglieder, das genügend Deckung bot.
»Wer ist da?« Friedo Adams reckte den Hals. »Meinst du den Kellner?« Er hob sein Bierglas, musterte es. Noch halbvoll. Der hochgewachsene Insulaner schien unschlüssig, ob er den Rest umgehend vernichten und gleich nachbestellen sollte, solange die Chance bestand. Der Platz hinter der Waage am Hafen von Leer war voller Menschen, die wie jedes Jahr am 30. April zur Maibaumfeier erschienen waren, da war Getränkenachschub immer Glückssache.
Ratsherr Noack legte ihm die Hand auf die Armbeuge. »Nee, nicht jetzt! Sonst guckt er noch her.«
»Na, das soll er doch!« Adams kapierte nichts.
»Nicht der Kellner, Mensch. Der Fecht!« Noack, der auf Pressefotos sowieso immer an eine Schildkröte erinnerte, zog seinen Kopf noch ein Stückchen weiter ein.
»Ach so, der Fecht!« Adams guckte erstaunt. »Wieso, Carsten ist doch in Ordnung! Wie der neulich erst wieder diesem Schmierfinken von der Lokalzeitung die Meinung gegeigt hat …« Sein breites Lachen legte makellose Zahnreihen bloß.
»Ja, ja, der Fecht, der geigt den Leuten gerne die Meinung.« Mit zusammengekniffenen Augen linste Noack zwischen seinen Ratskollegen hindurch zu dem großen, breitschultrigen Mann mit dem rötlich schimmernden Pferdeschwanz hinüber, der gerade jede Hand schüttelte, die in seine Reichweite kam. »Gerne auch hinter deren Rücken, wie man inzwischen weiß. Großer Mist, wenn das dann doch rauskommt. Und groß in der Schmierfinken-Zeitung steht!«
»Ach, das meinst du.« Friedo Adams senkte jetzt auch sein Haupt, was aber nicht viel bewirkte, befand es sich doch eine ganze Etage höher als das von Noack. »Diese blöde Hackergeschichte! War doch nicht Carsten Fechts Schuld, diese Attacke. Er hat doch nur seine Meinung gesagt. Und das wird man ja wohl noch dürfen.«
Noack konnte einen hämischen Gluckser nicht unterdrücken. »Tja, Meinungen sind wie Arschlöcher, was? Jeder hat eins.« Er zog den Reißverschluss seiner Windjacke hoch. »Bloß, dass der Fecht zu allem und jedem eine Meinung hat. Intern oder nicht. Und selten eine schmeichelhafte! Außerdem hat er noch seine U-Boote, die für ihn die Torpedos abschießen. Es gibt eine Menge Leute, denen das stinkt. Auch unter den Genossen.«
»Arschlöcher! Denen das stinkt! Hähä, gut gesagt.« Adams war deutlich anzusehen, woran er gerade dachte. Auf anale Metaphern fuhr er voll ab. Sein anzügliches Grinsen verging jedoch schnell. »Mir hat Carsten aber geholfen damals«, sagte er. »Wenn er sich nicht für mich stark gemacht hätte, dann hätte ich die Stelle bei der Langeoog-Touristik vielleicht nicht bekommen.«
»Damals wusste er ja auch noch nicht, was du sonst noch so treibst«, sagte Lars Noack so leise, dass seine Worte von dem Wind, der in leichten Böen das kakaobraune Wasser des Leeraner Hafens kräuselte, gerade eben nicht verweht wurden. »Außerdem – dafür, dass er dir die Hand vor den Hintern gehalten hat, hat er seine Hand nachher ganz schön aufgehalten, oder nicht?«
»Ach, das war doch nur Spaß, was du meinst! Von wegen, was ich treibe. Zwei- oder dreimal höchstens! Alles überhaupt nicht ernst gemeint. Vergiss es!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung, ohne an sein Bierglas zu denken. Noack konnte der schwappenden Flüssigkeit gerade noch ausweichen, zwei andere Ratsherren aber bekamen das Gebräu über die Hosenbeine und beschwerten sich lautstark.
Im nächsten Moment stand Carsten Fecht vor ihnen. »Na, Kollegen, Genossen, alles klar? Hat der Friedo euch nassgemacht? Sagt mir Bescheid, wenn er euch ärgert, dann helfe ich euch, das wisst ihr ja wohl!« Kräftige Hände an langen Armen schnappten zu, schüttelten andere Hände und klopften Schultern.
»Na, Lars, auch hier?« Ein abfälliger Blick aus tiefen Augenhöhlen, zwei herabgezogene Mundwinkel unter breiter Boxernase. Schon hatte sich Fecht wieder anderen Umstehenden zugewandt.
Lars Noack sah den rötlichen Zopf auf edlem Anzugstoff pendeln. Seine eigenen Hände hatte er rechtzeitig in den Hosentaschen verstauen können. Dort ballte er sie jetzt zu Fäusten.
»Also ich mag ihn, den Carsten«, ließ Friedo Adams sich vernehmen. »Der ist so richtig volksnah! Spricht das aus, was alle denken, ohne Rücksicht auf Greta oder diese verlogene Political Correctness. So einen brauchen wir doch heutzutage in der Partei, wo alles zu den Rechten rennt. Wenn Carsten Fecht bei uns das Sagen hat, dann müssen die Wähler das nicht.«
Noack starrte den Insulaner an. Ob ihm bewusst war, was das bedeutete, was er da gerade gesagt hatte? Vermutlich nicht. Schlimm genug war, dass er recht hatte.
»Meine lieben Freunde, Mitbürger, liebe Leeraner!« Jetzt schallte Carsten Fechts kräftige Stimme über den ganzen Waageplatz. Anscheinend war eine seiner gefürchteten spontanen Ansprachen fällig. »Und natürlich liebe Leeranerinnen«, schob er feixend nach. »Das hat mir meine Frau eingeschärft, weil sich das so gehört heutzutage, sagt sie. Was soll ich machen, sie führt eben bei mir zu Hause das Regiment!«
Satt blubberndes Gelächter ringsum, klar dominiert von Männerstimmen. Lars Noack lachte nicht mit. Er hatte die gleiche SPD-Sozialisation hinter sich wie Fecht, 13 Jahre länger sogar, denn eingetreten waren sie beide mit 17. In Ostfriesland war die SPD schon immer weit rechts aufgestellt gewesen, na klar, das war eben der Lauf der Dinge. Wenn eine Partei über Jahrzehnte an der Macht war, dann wurde sie automatisch zum Sammelbecken für Opportunisten, und die waren selten links. Oder wenn, dann nicht lange – jeder wollte doch irgendwann an die Fleischtöpfe. Aber was Fecht dort abzog, das war selbst Noack zu vorgestrig. Und unterirdisch. Wer fand denn so was heute noch witzig?
»Aber meine lieben Freundinnen, das sage ich nicht«, fuhr Fecht fort. »Sonst wird meine Frau wieder eifersüchtig.«
Das Gelächter schwoll an, jetzt auch durchmischt mit schrillen Frauenstimmen. Noack stellte fest, dass er falsch gelegen hatte. Mal wieder. Anscheinend konnte kein Niveau zu niedrig sein.
»Ich freue mich sehr, dass ich heute Abend hier auf unserem schönen Waageplatz in unserem wunderschönen Leer so viele von euch treffe, und ich freue mich natürlich ebenso über die vielen aufmunternden und unterstützenden Worte, die ich heute von euch zu hören bekommen habe.« Carsten Fecht breitete die Arme aus. »Das tut gut, das tut unheimlich gut in diesen Zeiten, in denen es so viele Anfeindungen gibt, in denen viele wohl vergessen haben, was meine Parteigenossen und ich schon alles für unser Land, für unsere Menschen getan haben. Umso schöner, dass ich hier viele von euch sehe, die ein besseres Gedächtnis haben.« Jetzt hob Fecht die Arme, als wollte er die Menge segnen. Dankbarer Applaus brandete auf.
Auch Friedo Adams hieb seine Handflächen aufeinander. Lars Noacks Hände blieben in den Taschen. Er selber hatte keinerlei aufmunternde und unterstützende Worte an Carstens Fechts Adresse vernommen. Nicht ein einziges. Aber eine starke Behauptung übertrumpfte eben jederzeit einen schwachen Beweis.
»Jetzt kann ich nur hoffen, dass ihr euch auch den nächsten Wahlsonntag dick im Kalender angekreuzt habt!«, rief Fecht. »In Rot natürlich! Wählen gehen! Denkt alle daran, nur wer wählen geht, kann auch bewahren und verändern!«
Noack spürte Friedo Adams’ Ellbogen in seinen Rippen. Reflexartig begann auch er zu klatschen.
»Na, so begeistert?« Zwischen Noack und Adams tauchte plötzlich Mareike Feeken auf, die junge Lokalredakteurin der Ostfriesen-Post. »Hatten Sie sich nicht neulich von Carsten Fecht distanziert? Nachdem Ihr gemeinsamer Chat aufgeflogen war?«
Lars Noack verdrehte die Augen. Die Frau hatte ihm gerade noch gefehlt! »Von meinen eigenen Worte habe ich mich distanziert, wenn ich Sie mal korrigieren dürfte«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Was ich über Jelto Harms geschrieben habe, hätte ich so nicht schreiben dürfen, ganz klar. Das gehört sich nicht, auch nicht intern, und das stimmt auch einfach nicht. Davon habe ich mich distanziert, nicht vom Genossen Fecht.« Er atmete tief durch; die Worte hatten ihn Kraft gekostet.
»Stilistischer Tonfall und Inhalte dieses Wortwechsels wurden aber eindeutig von Herrn Fecht diktiert«, bohrte die Journalistin nach. »Ich hab’s ja selber gelesen. Er hat auch die Behauptung aufgestellt, Harms sei ein Pädophiler und hätte sich an kleinen Jungs vergriffen. Man kann sich vorstellen, was das für den Rektor einer Grundschule bedeutet.«
Noack brach der Schweiß aus. »Ich sagte schon, das war falsch, ich habe mich doch inzwischen davon distanziert. Ebenso wie von den Angriffen auf Christel Röben.« Er kramte in seiner Windjacke nach einem Taschentuch. Dann stutzte er. »Sie haben es gelesen?«, fragte er nach. »Im Original? Aber das steht doch schon längst nicht mehr online.«
»Wir verfügen über Downloads«, sagte Mareike Feeken. »Und wie es aussieht, bekommen wir bald noch sehr viel mehr davon.«
Noack tupfte sich die Stirn ab. Der Schweiß fühlte sich kalt an. »Mehr davon?«, fragte er. Seine Stimme brach, er musste sich räuspern. »Noch mehr Chatverläufe? Wieder von dem Hacker?«
Die junge Redakteurin schüttelte den Kopf. »Nein, von Carsten Fecht selbst! Er war heute zum Interview bei uns. In der Online-Ausgabe steht es schon. Er ist es leid, als Buhmann der SPD hingestellt zu werden, und will uns demnächst Material vorlegen, aus dem hervorgeht, dass er längst nicht als Einziger in der Partei so denkt und redet.« Mareike Feeken klang belustigt, als sie hinzusetzte: »Buhmann hat er gar nicht gesagt, sondern Rotes Muli. Er will nicht das Rote Muli sein, das für die ganze Partei die Last tragen muss und dafür auch noch Prügel bezieht.«
Sie beugte sich zu Lars Noack hinüber; ihre Miene wirkte besorgt, als sie fragte: »Alles in Ordnung? Geht es Ihnen auch gut?«
»Aber ja.« Noack winkte ab, was wegen des Taschentuchs etwas theatralisch wirkte. »Leichtes Kratzen im Hals, das ist alles.«
»Dagegen hilft Trinken«, riet die junge Frau. »Notfalls auch Bier! Schauen Sie, Ihr Genosse Fecht macht es Ihnen vor. Der pichelt schon den ganzen Abend ein Ostfriesenbräu nach dem anderen.«
Das war nicht zu übersehen. Immer wieder griff sich Carsten Fecht ein Glas von einem Kellnertablett, ohne zu fragen, wer das bestellt hatte oder wer das bezahlte. Hat sich schon früher gerne aushalten lassen, dachte Lars Noack. Seit Fecht jedoch im Landtag saß, war das noch weit schlimmer geworden. Hatte er eigentlich aus der Lebenshilfe-Affäre nichts gelernt? Damals hatten einige seiner Genossen diese wohltätige Leeraner Einrichtung völlig schamlos als Selbstbedienungsladen benutzt, bis sie aufgeflogen waren. Oder aus der Affäre Wulff? Wenn sogar ein Bundespräsident wegen der Annahme kleiner und mittlerer Gefälligkeiten hatte gehen müssen, wie konnte Fecht glauben, dass sich ein Landtagsabgeordneter alles erlauben konnte?
Na ja, bis jetzt durfte er sich in dieser Ansicht bestärkt fühlen, dachte Noack bitter. Wegen Handaufhaltens hatte ihn noch keiner öffentlich kritisiert. Nur wegen Maulaufreißens. Und anstatt einzulenken, wollte er jetzt in die Offensive gehen? Noch mehr Chats öffentlich machen, um seine Kritiker bloßzustellen? Als Mittäter?
Das durfte auf keinen Fall passieren.
Noack schaute sich nach Friedo Adams um, der ihm während des Gesprächs mit der Redakteurin abhandengekommen war. Er entdeckte ihn bei einem der Kellner, in der einen Hand ein frisches Bier, mit der anderen nach Kleingeld kramend. Na klar, als lumpiges Gemeinderatsmitglied von Langeoog bekam man in Leer natürlich nichts geschenkt.
Er winkte Adams heran und setzte ihn über das gerade Gehörte in Kenntnis. Der hochgewachsene Insulaner, der eben zum Trinken angesetzt hatte, erstarrte in der Bewegung. Das Bier lief ihm in dünnen Strömen übers Kinn und versickerte in seinem dunkelblauen Troyer. »Was will er?«, fragte er nach, obwohl die plötzliche Blässe seines Gesichts verriet, dass er sehr wohl verstanden hatte.
»Carsten Fecht will uns an den Pranger stellen«, fasste Lars Noack zusammen. »Uns und auch andere. Um sich selber aus der Schusslinie zu nehmen. Die Vorwürfe gegen ihn kann er ja schlecht entkräften, weil die einfach stimmen und bewiesen sind. Also will er zeigen, dass andere genauso schlimm sind. Oder noch schlimmer.« Er zeigte auf Adams: »Weißt du noch, die Fotos, wo du mit erhobenem Arm beim Osterfeuer stehst? ›Sieg Heil‹ und so? Damals haben wir mit viel Mühe verhindern können, dass die veröffentlicht wurden. Ich bin mir sicher, dass Carsten Fecht die noch irgendwo gespeichert hat.«
»Aber was denn … wieso denn?« Mit Verspätung wischte sich Adams das Kinn ab. »Ich hab’ euch doch erzählt, dass ich damals völlig besoffen war! Da ist mir das eben unterlaufen. Daraus kann man mir doch jetzt keinen Strick mehr drehen!«
»Das ist dir aber nicht nur diese eine Mal passiert, sondern mindestens dreimal«, verbesserte Noack. »Und das sind nur die dokumentierten Fälle! Und dass man dir einen Strick daraus dreht, sobald das in der Zeitung gestanden hat, das kann ich dir versprechen. Einen sehr haltbaren Strick, da kannst du lange dran baumeln.«
»Ja aber, ich war doch … betrunken –.« Friedo Adams’ Stimme erstarb.
Jetzt merkt er es wohl selber, dachte Noack. Alkohol tut nichts rein in die Köpfe, sondern lässt nur das raus, was vorher schon drin war. Das ist nicht jedem klar, aber vielen. Wenn das, was er getan hat, veröffentlicht wird, ist es mit seiner politischen Karriere vorbei, noch ehe sie richtig angefangen hat. Und nicht nur mit seiner.
Lautes Hallo in der Nähe ließ ihn aufblicken. Aha, Carsten Fecht begann sich zu verabschieden. Das pflegte eine Weile zu dauern, denn er bevorzugte die englische Methode; möglichst jeder Anwesende sollte noch seinen Händedruck und ein Bonmot dazu bekommen.
»Der ist doch auch nicht mehr nüchtern«, knurrte Friedo Adams. Von seiner Begeisterung für Fecht war nichts mehr zu bemerken. »Wenn der von den Bullen angehalten wird, ist er seinen Lappen los. Und sein Landtagsmandat kann er sich in die geölten Haare schmieren.«
Lars Noack bezweifelte das stark; in Hannover war schon manche politische Karriere trotz alkoholbedingter Delikte weitergegangen. Sofern der volltrunken am Steuer Erwischte männlich war.
»Wie hat er sich selber genannt?«, fuhr Adams fort. »Habe ich vorhin online gelesen, war ganz frisch. Roter Esel? Passt! Da gibt es doch so ein Sprichwort, von wegen den Esel schlagen, obwohl man den Sack meint.« Er knallte seine rechte Faust in die linke Handfläche. »Wenn dieser Sack das wirklich macht, was er angekündigt hat, dann wird sich das Sprichwort wohl bewahrheiten.«
Lars Noack verdrehte die Augen. »Wenn er das wirklich macht, dann ist es hinterher zu spät«, sagte er. »Wenn all das öffentlich wird, worüber Carsten Fecht Bescheid weiß, dann rettest du nichts mehr. Für dich nicht, für mich nicht und für viele andere auch nicht. Genossen oder nicht.«
Adams knallte sein leeres Glas auf den nächstbesten Tisch, ohne auf die missbilligenden Mienen der Maifeiernden, die dort saßen, zu achten. »Ich muss dringend mein Bier wegbringen«, schnaufte er und stapfte davon.
Auch Carsten Fecht brach jetzt endlich auf, nicht ohne sich noch ein paarmal umzudrehen und den Umstehenden zuzuwinken. »Treibt’s nicht zu dolle!«, rief er laut. »Denkt daran, morgen früh heißt es: heraus zum 1. Mai!«
Dass ihm dabei nicht die Zunge verdorrt, dachte Lars Noack. Auch er begann, sich durch das Gedränge hindurch in Richtung Rathausbrücke zu schieben. Sein Auto hatte er zwischen den hochpreisigen Neubauten auf der gentrifizierten Halbinsel Nesse abgestellt. Fecht anscheinend auch. Der große Mann mit dem Pferdeschwanz war ihm schon 20, 30 Meter voraus. Noack hatte sich überlegt, ob er Fecht ansprechen sollte, abseits der Feiernden und bei fortschreitender Dunkelheit. Er hatte sich dazu aber nicht durchringen können. Jetzt war es sowieso zu spät dafür; Fecht schritt flott aus, sein Vorsprung wuchs stetig.
Noacks Wagen war ein dunkelgrauer Mazda, schon acht Jahre alt. Dass der SPD-Stadtrat mit seiner politischen Tätigkeit Reichtümer angehäuft hätte, hatte ihm bisher noch niemand nachgesagt. Er stellte ja auch nicht zur Schau, was er besaß. Tatsächlich hatte er seit einiger Zeit einen Aufsichtsratsposten beim Energieversorger Nordwestkraft inne, der ihm einen sehr netten Nebenverdienst bescherte, ohne dass er sonderlich viel dafür tun musste. Dafür fehlte ihm auch jede Qualifikation. Verdient hatte er sich diesen Job einzig durch Verlässlichkeit beim Abstimmungsverhalten. Auch Carsten Fecht hatte das seinerzeit abgenickt.
Wenn der wirklich mit allem an die Öffentlichkeit ging, was er so wusste und belegen konnte, dann war es mit der Extrakohle bald vorbei, da war Noack sich sicher. Dann würde er das große Haus in Leer-Loga auch nicht mehr lange halten können. Den Kaufvertrag dafür hatte er unmittelbar nach seinem informellen Treffen mit Fecht unterschrieben. Dabei hatten der Aufsichtsratsposten und die Bezüge dafür noch volle elf Monate auf sich warten lassen. An den Schulden, die sich in diesen elf Monaten angehäuft hatten, knabberte Noack immer noch.
Carsten Fecht lief mit langen Schritten an Noacks Auto vorbei, ohne es eines Blickes zu würdigen. Sein eigener Wagen stand 50 Meter weiter. Ein Porsche Cayenne, ein SUV, der sich mit 20 Litern Super auf 100 Kilometer sicher nicht zufriedengab. Dafür war er rot lackiert. Oh ja, äußerlich war Fecht immer ganz auf Parteilinie.
Rotes Muli, dachte Noack. Von wegen! Wenn es in der Partei Leute gab, die ständig ackerten und buckelten und die ganze Last für die anderen trugen, dann waren das Genossen wie er selbst! 80 Wochenstunden im Dienst der Allgemeinheit für kaum mehr als eine Ehrenamtspauschale. »Wir schuften hier wie die Grubenponys«, hatte mal ein Neumitglied aus dem Ruhrgebiet abends beim Bier getönt. Das hatte kaum jemand verstanden. Kohlegruben hatte es in Ostfriesland nie gegeben, und um zu wissen, dass die mit Kohle vollgeschaufelten Loren früher von Ponys durch abschüssige Stollen ans Tageslicht gezogen worden waren, musste man in Geschichte aufgepasst haben.
Wenn man sich so die Politik der SPD in Ostfriesland ansah, fand Noack, dann hatten die allermeisten Genossen in der Schule gepennt. Tief und fest. Nicht nur in Geschichte.
Er stieg ein. Der Cayenne setzte bereits aus der Parklücke zurück. Noack startete seinen Motor, parkte aus, fuhr los. Die roten Rücklichter des roten Porsche leuchteten vor ihm. Falls Carsten Fecht gerade nach Hause fuhr, dann hatte er denselben Weg wie Lars Noack. Natürlich wohnte er ebenfalls in Loga.
Natürlich. Loga war der Stadtteil der Besserverdienenden. Wo sonst sollte solch ein Rotes Muli wohnen? Etwa in der Altstadt, dem ehemaligen Rotlichtquartier? Hier war die Gentrifizierung zwar ebenfalls im Gange, aber noch längst nicht vollendet, außerdem waren viele Häuser zwar nett anzuschauen, aber eng, und die Grundstücke waren klein. Oder auf der Nesse? Die ehemalige Industriebrache mitten in der Stadt war erst vor ein paar Jahren mit teuren Stadtvillen bebaut worden; hier zu wohnen, war etwas zu offensichtlich. Heisfelde war etwas für die kleineren Leute, die Moormerlandsiedlung gut genug für Lehrer. Der Rest der Wohnquartiere steckte voller prekärer Einsprengsel. Dort wollte ein SPD-Landtagsabgeordneter zwar gewählt werden, aber doch bestimmt nicht wohnen!
Noack verschaltete sich; sein Getriebe krachte. Ein Spaziergängerpärchen drehte sich nach ihm um. Er rief sich zur Ordnung. Warum so bitter, fragte er sich, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands war doch immer noch seine Partei, hatte immer noch das große S an erster Stelle!
Aber nur auf dem Papier. Noack erinnerte sich noch allzu gut, wie nach den Landtagswahlen 2013 Rot-Grün mit hauchdünner Mehrheit die Landesregierung stellen konnte. Wie er das gefeiert, was für Hoffnungen er seinen Wählern gemacht hatte! Die Schulen würden neu aufgestellt, die Landwirtschaft auf natürlich gedreht, und die geschundene, halbtote Ems würde endlich gerettet werden! Ha, Pustekuchen. Nichts davon geschah. Heute, nachdem Rot-Grün nach nur viereinhalb Jahren abgewählt worden war und eine rot-schwarze Koalition in Hannover die Geschäfte betrieb, waren die Gymnasien die einzig verbliebenen und entsprechend überfüllten Rettungsboote, alle anderen Schulformen kurz vor dem Absaufen. Gülle und Nitrat waren schon im Grundwasser nachweisbar. Und die Ems lag nicht mehr im Sterben, sie war tot. Mausetot!
Noacks Hände krampften sich um sein Lenkrad. Weit vor ihm bremste der Cayenne an einer roten Ampel, und er hatte nicht übel Lust, aufs Gas zu treten und ihm hinten reinzufahren. Aber was würde das nützen? Sein Mazda würde an dem schweren SUV zerschellen, ohne allzu viel Wirkung zu erzielen, nicht einmal in den Querverkehr würde er ihn schieben können, zumal gerade gar keiner da war. Der Airbag würde ihm die Brille verbiegen und vielleicht seinen neuen Stiftzahn lockern. Dann hätte er zum Spott auch noch den Schaden.
Die Ampel sprang auf Grün, gerade als Noack heran war. In moderatem Abstand kurvten Fecht und er an der Polizeiinspektion vorbei, an billigen Klamotten- und Kramläden, an der Hauptpost. Dann 90 Grad nach rechts, vor dem Bahnhof um den Kreisel herum, an dem frisch renovierten Hotel Frisia vorbei, dann rechts in die Logaer Hauptstraße. Tagsüber hatte man hier Staugarantie, abends aber konnte man diese Route durchaus fahren, falls nicht gerade gebaut wurde. Nur die Schranken waren immer für einen längeren Aufenthalt gut. Diesmal hatten sie Glück, die Sabotagebalken waren oben.
Noack fuhr exakt 50, obwohl er nur zwei Bier getrunken hatte und keine Kontrolle zu fürchten brauchte. Fechts Cayenne gewann schnell wieder an Vorsprung. War dem denn alles egal? Oder fühlte er sich schon unantastbar?
Hindenburgstraße, Gustav-Elster-Straße, An der Friedenskirche – hier in Loga gab es wirklich alles. Sogar einen Roten Weg. Das hätte gepasst, aber dort wohnten weder Lars Noack noch Carsten Fecht. Wenn auch ganz in der Nähe. Viel hatte nicht gefehlt, und sie wären Nachbarn gewesen. Gott sei Dank, dass ein paar Grundstücke dazwischen lagen, dachte Noack. Ihre Häuser sahen sich sogar ein bisschen ähnlich, auch von der Größe her. Nur, dass Noack sich für seines noch viele Jahre lang würde krummlegen müssen, während Fecht das seinige geheiratet hatte. Geerbt hatte er außerdem, Bargeld und Aktienpakete von seinem früh verstorbenen Vater, einem SPD-Regionalfürsten, wie er im Buche stand. Ein geschwollenes Radieschen, außen rot und innen weiß!
Fecht bog ab, Noack folgte ihm. Sein Haus kam zuerst in Sicht, Fecht wohnte weiter die Straße hinunter. Da war Noacks Einfahrt, an dieser Stelle nahm er gewöhnlich den Fuß vom Gas. Hier galt sowieso Tempo 30.
Spätestens jetzt hätte er stoppen müssen. Aber er tat es nicht, ließ den Mazda weiterrollen, dem Cayenne hinterher. Aus welchem Grund? Zu welchem Zweck? Sollte er Fecht vor dessen Haustür abpassen, mit ihm reden, ihn zu überzeugen versuchen?
Aber wovon? Gnade vor Recht? Gnade war kein Wort aus Fechts Vokabular. Weichei schon eher.
Da links war Fechts Haus, dort seine Einfahrt. Der Cayenne blinkte, rauschte auf seinen üblichen Platz. Die Reifen radierten leicht. Fecht stieß die Fahrertür auf. Beim Aussteigen schwankte er merklich, musste sogar einen Ausfallschritt machen. Man hörte deutlich, dass er das witzig fand.
Lars Noack hielt am rechten Straßenrand. Hier konnte man überall parken, musste nur auf die Einfahrten achten. Er riss die Autotür auf, wollte sich beeilen, bei Fecht sein, ehe der im Haus verschwand. Trotzdem hielt er noch einmal inne, tauchte zurück ins Auto, nahm einen großen braunen Umschlag an sich. Dann warf er die Fahrertür zu.
Carsten Fecht hatte seine Haustür schon fast erreicht. Beim Geräusch der Autotür drehte er sich um. Lichtschrankengesteuerte Lampen flammten auf und erhellten den kunstvoll gepflasterten Vorplatz.
»Was willst du denn noch?«, blaffte Fecht. »Mit dir bin ich fertig!« Das Schlüsselbund in seiner Hand rasselte ungeduldig.
»Carsten, ich bitte dich!« Noack gestikulierte mit der linken Hand, behielt seine rechte hinter dem Rücken. »Überleg es dir gut, ehe du alles an die Presse gibst. Lass dir das noch mal durch den Kopf gehen! Da hat doch keiner etwas davon, wenn du jetzt die ganze Partei mit in den Abgrund reißt. Lass uns doch …«
»Ach so, nicht die Partei, was?«, höhnte Fecht. Er trat zwei Schritte auf Noack zu, stand fast Brust an Brust vor ihm, sodass der den Kopf in den Nacken legen musste. »Nicht die Partei, das heißt ja wohl vor allem: nicht dich, was? Du willst weiter schön deine Diäten kassieren. Was aus mir wird nach der nächsten Wahl, kann dir ja egal sein, was? Aus dem unappetitlichen Herrn Fecht!« Er hob die Hand mit dem Schlüsselbund, als wollte er Lars Noack ohrfeigen.
Noack riss seine rechte Hand hinter dem Rücken hervor. Darin hielt er einen braunen wattierten Umschlag, äußerlich unscheinbar, aber Fecht schnappte trotzdem nach Luft, starrte dem Stadtrat überrascht ins Gesicht. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und eilte zu seiner Haustür, den Schlüssel vorgestreckt.
Der Schlüssel stieß ins Leere, denn die Tür schwang ohne sein Zutun auf. Drinnen war es stockdunkel. Jedenfalls einen Moment lang. Dann erhellte ein Blitz die Szenerie, begleitet von einem enorm lauten Knall.
Fecht wurde rücklings zu Boden geschleudert wie von einem Rammbock. Gleichzeitig ertönte ein Schmerzensschrei. Unmittelbar danach ein Repetiergeräusch.
Lars Noack rannte, als ob der Teufel hinter ihm her wäre. Erst vor seiner eigenen Haustür fiel ihm ein, dass er an seinem Auto vorbeigerannt war. Er schloss die Haustür von innen ab und hakte die Sicherheitskette ein, ehe er mit fliegenden Fingern die 110 wählte.
2.
»Ein roter Porsche? Seit wann gibt es Porsches in Rot?« Hauptkommissar Stahnke schüttelte den Kopf. »Rot ist doch die Ferrari-Farbe. Und englische Racer sind smaragdgrün, wie es sich gehört. Das weiß man doch.«
»Seit wann genau es rote Porsches gibt, kann ich dir nicht sagen. Aber es gibt sie. Serienmäßig.« Natürlich hatte Oberkommissar Oliver Kramer auch das recherchiert. Über die Relevanz der Frage seines Vorgesetzten verlor er kein Wort.
»Zeiten sind das!«, murrte Stahnke weiter. »Rote Porsches, die von Roten gefahren werden. Also zu meiner Zeit …«
»Wann soll das denn gewesen sein?« Oberkommissar Nidal Ekinci sah putzig aus in seinem weißen Overall, dessen eng geschnürte Kapuze seinen karamellfarbenen Teint noch unterstrich. »Wenn du mir die ungefähre Jahreszahl gibst, google ich gerne Postkutschenfarben für dich. Jahrhundert reicht.« Er grinste Stahnke vorwitzig an, während er an ihm vorbei das Haus betrat.
Der Hauptkommissar wandte sich ab und schob sich verstohlen ein weiteres Hustenbonbon in den Mund. Auch er hatte bereits kräftig in den Mai gefeiert, allerdings allein vor dem Fernseher, als ihn der Anruf der Polizeiwache am Hafenkopf erreichte. So, wie der Tote stank, der rücklings in einer ausgedehnten Blutlache lag, hätte man den Alkoholgeruch gut auf ihn schieben können. Aber Stahnke wollte auf Nummer sicher gehen.
»Offenbar hat der Täter in dessen Haus auf sein Opfer gewartet«, begann Kramer den vorläufigen Erkenntnisstand zu referieren. »Dort im Flur, in völliger Dunkelheit. Oder sagen wir lieber: in der Halle. Ist ja insgesamt etwas weitläufig, dieses Haus.«
Stahnke machte eine ungeduldige Handbewegung. »Fakten! Wie ist er ins Haus hineingekommen, auf welchem Weg hat er es wieder verlassen? Und was hat er hier sonst noch gemacht?«
»Ich fange mal hinten an«, begann Kramer. »Frage drei: Es gibt ein paar geöffnete Schubladen, aber so richtig durchwühlt wurde das Haus nicht. Ob etwas fehlt, wird noch geklärt, das dauert. Frage zwei: Verlassen hat der Täter das Haus allem Anschein nach durch die Terrassentür, also hinten. Da haben wir auch einen schönen Fußabdruck in einem Blumenbeet gefunden. Frage eins: Wie er hereingekommen ist, wissen wir noch nicht.«
»Auf demselben Weg rein wie raus vielleicht?«, schlug Stahnke vor.
»Keinerlei Spuren oder Hinweise, die auf eine gewaltsame Öffnung von außen hindeuten.« Kramer schüttelte den Kopf. »Wenn, dann müsste die Terrassentür offengestanden haben. Kann natürlich sein. Leider gibt es niemanden, den wir danach fragen können.«
»Was ist mit der Ehefrau?«
»Nicht da. Scheint unterwegs zu sein oder verreist. Nidal will sie anrufen, sowie er ihre Handynummer gefunden hat.«
»Da würde ich mal im Smartphone des Toten nachschauen«, knurrte Stahnke.
Hatte Kramer kurz die Augen gerollt? Der Hauptkommissar war sich nicht sicher. Die Stimme seines Kollegen klang ganz ruhig, als er erwiderte: »Das macht er auch, sobald die Spurensicherung ihn da ranlässt.«
»Kinder?«
»Gibt es keine.«
»Sonstige Personen, die dauerhaft in diesem Haus wohnen?« Stahnke schaute an der Fassade hoch. »Ist ja ein Riesending. Gibt es keine Haushälterin? Oder eine vermietete Einliegerwohnung?«
»Einliegerwohnung ja, aber nicht vermietet. Ist wohl für Gäste.« Kramer blätterte in seinen Notizen. »Keine Haushälterin. Eine Putzfrau kommt zweimal die Woche, sagt die Nachbarin von gegenüber. Soll sehr gründlich sein. Die lässt also eher keine Türen offenstehen.«
Eine Gestalt im weißen Overall kam aus der Haustür, einen Plastikbeutel in der Hand. Von den aufgestellten Strahlern geblendet, konnte Stahnke das Gesicht kaum erkennen, aber der Mann war deutlich größer als Ekinci. In dem Beutel war eine Patronenhülse.
Kramer pfiff durch die Zähne. »Ziemlich großer Brocken«, stellte er fest. »Stammt mit Sicherheit aus einer Langwaffe. Ins Labor, bitte.«
Der Overallträger nickte und ging.
»Eine Langwaffe«, wiederholte Stahnke. »Ein Gewehr also. So etwas hat ein Einbrecher nicht mal eben so dabei. Die Waffe wurde mit voller Absicht zum Tatort mitgebracht.«
»Falls der Täter sie nicht hier vorgefunden hat«, wandte Kramer ein. »Das werden wir prüfen. Also, ob das Opfer Jäger oder Sportschütze war. In dem Fall müsste es hier außerdem einen vorschriftsmäßigen Waffenschrank geben.«
»Weder Jäger noch Sportschützen besitzen Automatikwaffen«, sagte Stahnke. »Und nur Automatikwaffen werfen die Hülse nach dem Schuss sofort aus, quasi … na, automatisch eben. In jeder anderen Waffe bleibt die Hülse drin, bis neu repetiert wird.« Unwillkürlich ahmte der Hauptkommissar mit der linken Hand eine Repetierbewegung nach. »Falls es keine Automatik war: Wollte der Täter noch einmal schießen?«
»Nötig war das nicht«, sagte Kramer lakonisch und deutete auf die Blutpfütze. »Das Geschoss hat den Schädel durchschlagen, vorne rein, hinten raus. Müsste anschließend irgendwo steckengeblieben sein. Die Spurensicherung wird danach suchen, aber erst bei Tageslicht.«
Eine kleinere weiß gekleidete Gestalt tauschte auf; diesmal war es Ekinci. »Frau Fecht ist bei ihrer Mutter.« Der Oberkommissar hob das Smartphone hoch, das er in seiner latexgeschützten Hand hielt. »In Westerstede. Hatte sich auf mehrere Tage eingerichtet, aber jetzt kommt sie natürlich her.« Ekinci übergab das Handy dem nächststehenden Spurensicherer und ergänzte: »Gleich morgen früh.«
»Morgen früh?« Stahnke schüttelte ungläubig den Kopf. »Hör mal, ihr Mann ist erschossen worden! Und Westerstede ist keine 40 Kilometer entfernt. Über die Autobahn, wohlgemerkt.«
Ekinci zuckte mit den Schultern. »Sie machte einen sehr gefassten Eindruck«, sagte er. »Wer weiß, vielleicht geht es ihrer Mutter nicht gut.«
»Das hören wir dann ja morgen.« Stahnke blickte sich um. »Was ist übrigens mit diesem Sohlenabdruck? Kann man damit etwas anfangen?«
Wie aufs Stichwort erschien der hochgewachsene Kriminaltechniker erneut. Er präsentierte einen Abguss, ebenfalls sorgfältig verpackt. »Gummistiefel«, verkündete er. »Handelsüblich. Dem Profil nach zu urteilen ziemlich neu. Muss aber nichts heißen. Bei Gartenarbeit auf weichem Boden nutzen sich Gummisohlen nicht so schnell ab.«
»Größe?«, fragte Stahnke.
»44«, antwortete der Spurensicherer. »Weitere Details später im Bericht.«
Er und seine Kolleginnen und Kollegen begannen zusammenzupacken. Die gleißend hellen Scheinwerfer erloschen einer nach dem anderen. Zwei Bestatter, die sich bis dahin im Hintergrund aufgehalten hatten, traten heran, legten den Leichnam in einen Transportsarg, hoben ihn an und trugen ihn zum Leichenwagen. Außer der Blutlache blieben nur ein aufgesprühter Umriss und eine Reihe von Spurentäfelchen zurück.
Ehe sich der Leichenwagen in Bewegung setzen konnte, mussten erst die Schaulustigen zurückgedrängt werden. Trotz der späten Stunde hatte sich eine erstaunlich große Gruppe angesammelt, überwiegend Nachbarn, aber nicht nur. Mehr als ein Dutzend Fotohandys war im Einsatz. Stahnke sah Rieken und van Dieken, die beiden Graubärte vom Streifendienst, die Menge im Zaum halten. Ihre Münder standen dabei keinen Augenblick still. Unverbesserliche Klatschbasen, die beiden, fand der Hauptkommissar. Rieken und van Dieken jedoch würden ihr Verhalten bestimmt als Deeskalation bezeichnen. Mit dem üblichen abfälligen Grinsen; in der Tiefe ihrer schwarzen Seelen waren die zwei nämlich eher für ein handfestes Vorgehen zu haben.
Stahnke drehte sich weg. »Ich will mir mal diese Terrassentür ansehen«, sagte er. »Können wir außen herum?«
Das Grundstück war großzügig geschnitten; Wege zum hinten gelegenen Garten gab es an beiden Seiten, links durch den Doppelcarport, rechts durch eine hohe Zauntür, die nicht verschlossen war. »Auf dieser Seite wurde auch der Fußabdruck gefunden«, berichtete Ekinci.
»Dann wäre dies der Fluchtweg?« Stahnke schaute sich um. »Zur Straße hin? Dann hätte der Täter ja gleich durch die Haustür laufen können. Direkt nach der Tat.«
»Dort befand sich allerdings noch der Zeuge, der uns wenig später verständigt hat«, sagte Kramer. »Der ist zwar nach eigener Aussage sofort weggerannt, aber als Täter wäre ich doch lieber nicht in dieselbe Richtung geflüchtet.«
Sie hatten die hintere Hausecke erreicht. Dort, in einem aufgelockerten und frisch geharkten Blumenbeet, war die Fundstelle des Abdrucks markiert.
»Als ob der Täter erst in diese Richtung gerannt wäre, es sich dann aber anders überlegt hätte«, interpretierte Ekinci. »Er rennt also durch Halle und Wohnzimmer nach hinten, durch die offene Terrassentür raus, biegt nach rechts ab, tritt ins Beet, bemerkt dann, dass er in dieser Richtung wieder auf die Straße kommt, und wendet sich erneut nach hinten.« Der Oberkommissar unterstützte seinen Vortrag gestenreich; am Ende wies seine Hand zum gegenüberliegenden Garten, der nur durch eine kniehohe Hecke abgegrenzt war. Die offene Rückseite des dortigen Carports war deutlich zu erkennen. Dazwischen lag nichts als Rasen – vielmehr eine buckelige, stark strapazierte Wiese, übersät mit Spielzeug. Wenig Aussicht auf weitere verwertbare Spuren.
Stahnke blickte zu Kramer; der nickte stumm. Ihm fiel also auch nichts Besseres ein.
Die Terrassentür war ein schweres Ding. Sie wurde auf Rollen bewegt, die in Schienen liefen. Vorher jedoch musste sie erst einmal aus ihrer Verriegelung gehoben werden. Dazu musste man einen langen Hebel um 180 Grad drehen – drinnen natürlich. Das Ganze bestand aus Edelholz und Dreifachglas und war bestimmt nicht nur teuer gewesen, sondern auch clever konstruiert, fand der Hauptkommissar. Hier konnte man mit Holzkeil oder Schraubenzieher nichts erreichen. Und das hatte auch niemand versucht, sonst würde man Spuren davon sehen.
»Reingekommen ist der Täter hier nicht«, stellte er fest. »Sonst irgendwo Einbruchsspuren?«
Kramer schüttelte den Kopf: »Nirgends. Auch nicht im Obergeschoss.«
Das, dachte Stahnke, war wieder einmal typisch Kramer. Der rechnete auch mit Fassadenkletterern! Aber so wussten sie es wenigstens ganz genau.
»Schlussfolgerung?«, fragte er.
»Da niemand im Haus war, der den Täter reingelassen haben könnte, muss er einen Schlüssel gehabt haben«, sagte Kramer.
»Und woher?«, fragte Stahnke.
»Von Carsten Fecht, seiner Frau, der Putzfrau, einem vertrauten Nachbarn womöglich oder einem mobilen Hausmeisterdienst«, zählte Ekinci auf. »Da gibt es so einige Möglichkeiten.«
»Sehr schön.« Stahnke nickte ihm zu. »Du übernimmst das, und wir reden jetzt mal mit dem Tatzeugen. Das dort ist er doch, oder?«
Lars Noack hockte auf der vordersten Kante der zerklüfteten Ledersofalandschaft, die sich auf dem goldgelben Parkett erhob wie ein Korallenriff vor einem Südseestrand. Seine Windjacke hatte er eng um sich geschlungen, seine Füße exakt nebeneinandergestellt, die Knie zusammengedrückt. Dieser Mann, dachte Stahnke, wünschte sich eindeutig weit, weit weg von hier. Verständlich, hatte er vor diesem Haus doch einen Mord mit ansehen müssen. Trotzdem, wie sich dieser kleine dicke Mann da auf der Sofakante für alle sichtbar unwohl fühlte, war schon extrem.
»Herr Noack?« Stahnke reichte ihm die Hand; die von Noack war heiß und schweißnass. Fast hätte er ihm kondoliert.
»Bitte schildern Sie mir, was Sie erlebt haben«, bat der Hauptkommissar. Kramer kümmerte sich um die Tonaufnahme.
Noacks Augen weiteten sich, als laufe ein schrecklicher Film vor ihm ab. »Wir kamen von der Maibaumfeier an der Waage«, begann er. »Beide. Aber nicht zusammen. Wir sind nur in etwa gleichzeitig aufgebrochen und hatten beide auf der Nesse geparkt. Deswegen fuhr ich hinter ihm her.«
»Sie sind doch so gut wie Nachbarn«, sagte Stahnke. »Und Parteigenossen! Da hätten Sie auch gemeinsam zur Feier fahren können, oder? Dann hätte wenigstens einer von Ihnen Alkohol trinken können. Ich meine dürfen.« So unauffällig wie möglich schnupperte er in Noacks Richtung. Eindeutig Eukalyptusbonbons, aha.
Noack schüttelte den Kopf. »Keine Chance. Ich hatte vorher noch Fraktionssitzung, also vom Stadtrat aus. Carsten Fecht kam direkt aus Hannover, hatte dann ein Pressegespräch mit der Ostfriesen-Post und hat sich anschließend im Hotel Ostfriesenhof mit einer Gruppe von Reedern getroffen. Wir hatten völlig unterschiedliche Terminpläne. Außerdem …« Er stockte, seine Augenlider flatterten. »So gut verstanden wir uns auch nicht.«
Das sagt der Tatzeuge, dachte Stahnke, interessant. Dabei hatte er durchaus anderes gehört. »Gehörten Sie nicht mit zu Fechts berühmt-berüchtigtem Chatkreis? Wo diese anzüglichen Bemerkungen über alle möglichen Leute abgegeben wurden?«
Noacks blasses Gesicht bekam rote Flecken. »Das ist richtig«, gab er zu. »Aber doch eher am Rande, das heißt, ich war längst nicht in jeder seiner Chatgruppen drin. Außerdem habe ich mich kürzlich von all den Entgleisungen distanziert.«
»Wie dem auch sei«, sagte der Hauptkommissar, »weiter im Text. Sie fuhren also in Ihren jeweiligen Pkws Richtung Loga, also nach Hause. Und dann?«
»Dann fuhr Carsten Fecht auf sein Grundstück und stellte seinen Wagen ab«, sagte Noack leise. »Und ich …« Wieder zögerte er.
»Sie nicht«, ergänzte Stahnke. »Ihr Wagen steht hier schräg gegenüber, mein Kollege hat ihn identifiziert. Sie sind an Ihrem eigenen Haus vorbeigefahren. Warum?«
»Ich wollte noch einmal mit ihm reden.« Noack schluckte. »Mit Fecht. Ob wir nicht doch … auf einen Nenner kommen könnten.«
»Genauer?« Stahnkes Blick hatte Noacks endlich eingefangen. Seine wasserblauen Augen entwickelten ihren gefürchteten Sog.
»Er fühlte sich von mir verraten!« Noacks Stimme klang jetzt kräftiger. »Meinte, ich wäre ihm in den Rücken gefallen. Dabei habe ich mich nur geschämt, ganz einfach, für das, was ich in unseren Chats alles von mir gegeben habe! Über dämliche Frauen, unfähige Dicke und tuntige Schwule. Ehrlich, ich weiß gar nicht, wo das herkam! Ich denke doch eigentlich gar nicht so. Aber wenn dann ein Wort zum anderen führt, dann stellt man plötzlich fest, dass das irgendwie … befriedigend ist, so über andere herzuziehen.«
Wie erstaunt er guckt, dachte Stahnke. Fast so, als würde er seine Gedanken außerhalb seines Kopfes entwickeln und sich dann wundern, was dabei herauskam.
Dabei war das beschriebene Phänomen doch durchaus bekannt. »Das Stammtisch-Syndrom«, sagte der Hauptkommissar. »Man lässt sich mitreißen, meistens nach tief unten, und wird belohnt durch das Gefühl der Zugehörigkeit. Die Frage wäre: zu was dazu? Hatte Fecht denn so viel zu sagen in Ihrer Partei, dass sich alles nach ihm richten musste?«
Noack wiegte den Kopf. »Jein«, antwortete er. »Sicher musste sich nicht alles nach ihm richten. Aber ein Machtzentrum war er allemal. Ein wachsendes. Das hatte schon eine gewisse Anziehungskraft.«
»Für Opportunisten«, sagte Stahnke.
»Sicher«, sagte Noack.
»Schildern Sie uns jetzt bitte den eigentlichen Tatverlauf«, forderte der Hauptkommissar ihn auf.
Noack tat es. Das kurze Gespräch zwischen Fecht und ihm, die harsche Zurückweisung, die Haustür, die von innen geöffnet wurde, dann der tödliche Schuss, so laut wie eine Explosion, der Schmerzensschrei, das Repetiergeräusch. Und seine Todesangst beim Weglaufen. Den braunen Umschlag erwähnte er nicht.
Kramer schaltete sich ein. »Herr Noack, gibt es jemanden, der den Zeitpunkt Ihrer Abfahrt vom Parkplatz auf der Nesse bestätigen könnte? Oder Ihres Aufbruchs von der Maifeier? Nur der Vollständigkeit halber.«
»Ja natürlich.« Der Stadtrat schien an der Frage nichts Befremdliches zu finden. »Friedo Adams kann das. Parteigenosse von Langeoog. Mit ihm habe ich den größten Teil des Abends zusammengestanden.« Noack runzelte die Stirn: »Ach nein, kurz vor meinem eigentlichen Aufbruch ist er selber gegangen, zur Toilette. Aber er kann zumindest bestätigen, dass ich nicht ausreichend lange vor Carsten Fecht von der Feier weggegangen sein kann, um hier in sein Haus einzudringen und ihn zu erwarten. Mit einer Waffe in der Hand.«
»Warum hätten Sie das tun sollen?«, fragte Stahnke. Er gab sich ebenso unbeeindruckt wie Kramer, der seine bekannt stoische Miene aufgesetzt hatte.
»Sie erfahren es ja sowieso«, sagte Lars Noack. »Kurz vor meinem Aufbruch habe ich von Mareike Feeken, einer Lokaljournalistin, erfahren, dass Fecht vorhatte, weiteres Material zu veröffentlichen, das seine diversen Chatpartner in ein deutlich schlechteres Licht rücken würde als ihn. Und einige andere Leute dazu. Das zu verhindern, hätte ein starkes Motiv sein können. Ich gebe auch zu, dass mir so etwas mal kurz durch den Kopf geschossen ist. Aber ich verfüge ja gar nicht über eine Schusswaffe, und ich bin auch nicht so gestrickt.«
»Ist vielleicht Friedo Adams so gestrickt?«, fragte Stahnke.
»Friedo? Wieso?«, fragte Noack zurück, die hellgrauen Augen erstaunt aufgerissen. »Keine Ahnung. Da sollten Sie ihn besser selber fragen.«
Der Hauptkommissar nickte. »Das machen wir ganz bestimmt«, sagte er. In Gedanken legte er eine Namensliste an. Noack stand mit darauf. Du bist cleverer, als du uns glauben machen willst, dachte er. Wir sind noch nicht miteinander fertig.
»Erst einmal vielen Dank«, sagte er und erhob sich. »Sie können jetzt nach Hause gehen, wir melden uns dann bei Ihnen. Ach ja – vergessen Sie Ihr Auto nicht.«
Als Noack draußen war, sagte Stahnke zu seinen Kollegen Kramer und Ekinci: »Morgen ist der 1. Mai. Das heißt Tag der Arbeit für uns. Morgen früh schwärmen wir aus.«
3.
Morgens halb acht auf Langeoog, dachte Lüppo Buss, da war die Welt noch in Ordnung! Zumindest sah sie so aus. Die Insel lag herausgeputzt in der Morgensonne, der Wind wehte ausnahmsweise lau, die Luft war frisch, die Möwen kreisten noch abwartend. Ruhe, Feiertagsfrieden, Idylle überall.
Klar, die Badegäste schliefen ja auch noch in ihren Pensions- und Hotelbetten. Und die Tagestouristen waren noch nicht da. Die Inselbahn aber näherte sich bereits. Der Inselpolizist seufzte, denn er wusste, was kommen würde.
Die Diesellok rollte an ihm vorbei, die bunten Waggons kamen zum Stehen. So lange hatten viele Passagiere aber gar nicht gewartet. Sie drängelten sich schon auf den offenen Plattformen, hatten die eisernen Pforten bereits entriegelt und sprangen noch während der Fahrt ab, sobald es ihnen vertretbar erschien. Lüppo Buss biss die Zähne zusammen. Der Anblick seiner adretten Uniform hielt hier niemanden von verbotswidrigem Tun ab, ebenso wenig wie der seiner beachtlichen Unterarmmuskeln. Was würde wohl passieren, wenn er die Leute stoppen und ermahnen würde? Oder ihnen gar Bußgeldbescheide ausstellte? Er mochte es sich nicht vorstellen. Auf jeden Fall könnte er noch am selben Tag sein Versetzungsgesuch einreichen.
Dabei war das hier ja überwiegend die arbeitende Bevölkerung, Feiertag hin oder her. Die Leute, die zwar auf Langeoog einen Job hatten, aber nicht genügend Geld damit verdienten, um sich eine Wohnung auf der Insel leisten zu können. Sie mussten sich irgendwo auf dem Festland einmieten und täglich mit der Fähre hin und her pendeln. Das kostete viel Zeit und Nerven, malte dicke dunkle Ringe unter verquollene Augen und machte schlechte Laune.
Dabei konnten die Langeoog-Pendler noch von Glück sagen, dass es hier eine verlässliche Fährverbindung mit festem Fahrplan gab. Auf manchen Nordseeinseln war das anders, etwa auf Juist oder Spiekeroog, wo die Fähre abhängig vom tidebedingten Wasserstand war. Tja, dachte Lüppo Buss, schlimmer ging es immer. Aber wurde es auch irgendwann einmal wieder besser? Kaum anzunehmen, angesichts der ins Unermessliche steigenden Immobilienpreise.
Was natürlich an den immer aufs Neue nachdrängenden Touristenmassen lag. Und wenn die erst anrollten, mit den späteren Fähren und Zügen, dann würde hier auf dem Langeooger Bahnsteig das nackte Chaos ausbrechen. In dicken Trauben würden sich die Leute an der Gepäckausgabe drängen, Ellbogen gespreizt und Stimmen erhoben, getrieben von einem gemeinsamen Gedanken: Ich! Jetzt! Zuerst! Und weil alle sich selbst die Nächsten waren, würde erst einmal keiner zum Zuge kommen. Die mal flehenden, mal ärgerlichen Durchsagen der Bahnsteigaufsicht würden wirkungslos verhallen. Bis dann irgendwann doch jeder irgendwie an seine Gepäckstücke gekommen war. Und bis zum nächsten Mal.
Lüppo Buss schüttelte sich diese Gedanken aus dem Kopf; deswegen war er nicht hier. Sondern wegen des hochgewachsenen Mannes, der gerade aus dem roten Waggon stieg, sich dabei im Gehen abwechselnd räkelte und die Augen rieb.
Der Inselpolizist trat auf ihn zu. »Moin, Friedo! Hast du ein paar Minuten für mich?«
Friedo Adams zwinkerte irritiert und blickte auf Lüppo Buss herab. Bis auf den Größenunterschied waren sich die beiden Männer nicht unähnlich: beide mittelblond, beide sonnengebräunt und windgegerbt, beide von schlanker, aber kräftiger Statur mit auffallend muskulösen Unterarmen, die sie ebenfalls beide gerne zur Schau stellten. Natürlich war Adams einige Jährchen jünger als der Oberkommissar, aber noch konnte der sich einreden, dass diese Differenz kaum ins Gewicht fiel.
»Eigentlich nicht«, sagte Friedo Adams und schob ein verspätetes »Moin« hinterher. »Ich müsste gleich ins Amt, da ist allerhand liegengeblieben die letzten Tage.«
Demonstrativ schaute Lüppo Buss auf seine Armbanduhr. »Und da willst du dich lieber ganz allein dran machen? Heute, am 1. Mai? Ohne dass irgendwer von deinen Kolleginnen und Kollegen da ist?« Er setzte seine dienstliche Miene auf. »Nur eine Befragung. Muss leider sein. Dauert auch nicht lange.«
»Worum geht es denn?«, fragte Adams. Seine Augenlider flatterten.
»Komm erst mal mit«, sagte der Inselpolizist, legte Adams eine Hand aufs Schulterblatt und schob ihn sanft, aber nachdrücklich an. Seite an Seite trabten sie los. »Wir machen das ganz nach Vorschrift«, fuhr der Oberkommissar fort, »in meinem Büro, mit Protokoll und so. Ist für die Leeraner Kollegen.«
Adams wurde blass; sein Körper versteifte sich. »Wegen Carsten?«, stieß er hervor. »Ist es wegen Carsten Fecht?«
Lüppo Buss war kein Verhörspezialist; sein Berufsalltag auf Langeoog verlangte andere Kenntnisse und Qualitäten. Kriminalistische Feinheiten überließ er gerne Leuten wie Stahnke, auf dessen Bitte hin er hier in Aktion getreten war. Aber natürlich kannte er den Begriff Täterwissen. War das hier welches?
»Wie kommst du darauf?«, fragte er so beiläufig wie möglich.
»Steht doch schon online«, sagte Adams. »Auf der OP-Seite. Carsten ist gestern Abend vor seinem eigenen Haus erschossen worden. Kurz vorher hatte ich ihn noch gesehen. Mensch, wer macht denn so was?«
Tja, dachte Lüppo Buss, genau das war die Frage. »Du warst in Leer, auf der Maifeier am Hafen?«, fragte er, was er bereits wusste. »Wann bist du denn da weg?«
»Ach, wann bin ich da weg?«, echote Adams. »Erst habe ich länger mit dem Noack gequatscht, dann musste ich pinkeln. Bin rüber ins Klottjehus, das war offen. Danach bin ich dann auch bald los.«
»Uhrzeit? In etwa?«
Adams zuckte mit den Schultern. »Hab nicht auf die Uhr geschaut. Aber als ich in Wittmund ankam, war es schon länger dunkel.«
»Wie lange hast du denn gebraucht für die Strecke?«
Wieder Schulterzucken. »40 Minuten vielleicht? Kennst mich doch.«
Ja, Lüppo Buss kannte Friedo Adams. Und dessen Neigung zu übermäßig schnellem Autofahren. Wie viele Insulaner, die es sich leisten konnten, unterhielt Adams eine Zweitwohnung auf dem Festland, um der dörflichen Enge und der mangelnden Anonymität immer mal wieder zu entkommen. Und wie viele, die auf Langeoog auf ein Auto verzichten mussten, lebte er gerne den aufgestauten Drang zum Rasen aus, sowie sich die Gelegenheit bot. Als Tourismusmanager verkündete Adams jederzeit das Hohe Lied der Autofreiheit, und womöglich glaubte er auch wirklich daran. Aber sobald er vier Räder unter dem Hintern hatte, mutierte er zur Pistensau.
»Und wann warst du zu Hause? Oder hast du da auch nicht auf die Uhr geguckt?«
»Nö, warum sollte ich? Hab’ mich gleich vor die Glotze gehockt. War ja ein anstrengender Tag gewesen. Erst das Touristikertreffen in Leer, dann noch mit Genossen zusammengesessen, am Abend die Maifeier …«
Klar, dachte Lüppo Buss, das klang nach harter Arbeit! »Was hast du denn geguckt in der Glotze?«, fragte er.
Friedo Adams’ Lippen klappten im Leerlauf auf und zu. Eindeutig auf dem falschen Fuß erwischt, dachte der Inselpolizist, typische Aquariumsoptik!
»Tagesthemen?«, stieß Adams verspätet und im Frageton hervor. »Herrgott, ich guck’ ja ständig Nachrichten, um auf dem Laufenden zu bleiben, da weiß ich manchmal selber nicht mehr, wann und auf welchem Sender.«
Die beiden Männer waren flott marschiert, schneller sogar als manche der gehetzt wirkenden Gestalten, die an ihre Arbeitsplätze eilten. So hatten sie das Polizeibüro An der Kaapdüne nach wenigen Minuten erreicht. Es lag unterhalb des Wasserturms und nahe der Inselbuchhandlung, wo bereits reger Betrieb herrschte. Auch Badegäste hungerten nach Informationen, in diesem Fall auf Papier.
Lüppo Buss setzte sich hinter seinen Schreibtisch mit der auf Hochglanz polierten Platte und wies Friedo Adams den Besucherstuhl zu. Beide beugten sich vor und legten ihre Unterarme sorgfältig auf den Tisch. »Friedo«, sagte der Inselpolizist, »ich brauche es genauer. Weil, du brauchst auch etwas. Nämlich ein Alibi für die Tatzeit. Und das sehe ich noch nicht.«
Adams wurde bleich, extrem bleich sogar. Die Augen drohten ihm aus dem Kopf zu quellen. »Was heißt das denn?«, hauchte er. »Wieso brauche ich …« Er brach die überflüssige Frage ab.
»Wir wissen doch alle, was du manchmal so treibst.« Wenn er wollte, beherrschte der Inselpolizist auch den Tonfall eines Therapeuten. »Und was du so redest. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Ein Volk, ein Reich, eine neue Runde. Heil dir im Siegerkranz, nimm, was du kriegen kannst. Und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Sieg Heil! Bisschen merkwürdig für einen Sozialdemokraten, oder?«
»Aber hör mal, Lüppo, das ist doch alles bloß Spaß!« Adams gab sich empört, aber seine Stimme zitterte. »Das hat doch nichts zu bedeuten! Ist doch nur, weil … so reden doch viele!«
»Komisch. Die Leute, die ich kenne, reden nicht so.« Lüppo Buss verschränkte seine Arme vor der Brust. Er fand das nicht spaßig. »Ob das vielleicht eher an dir liegt? Ob du wohl solche Typen anziehst durch die Art, wie du dich gibst? Schon mal darüber nachgedacht?«
»Was soll ich denn machen? Das sind die Leute, von denen ich gewählt werden will!«, rief Friedo Adams aus. »Die sind uns doch scharenweise weggelaufen in den letzten Jahren. Jetzt müssen wir sie zurückholen. Und dazu muss man eben dahin gehen, wo es wehtut!«
Der Inselpolizist wusste sich zu beherrschen. »Reden wir mal nicht davon, was ich darüber denke«, sagte er. »Reden wir davon, wie deine Parteigenossen außerhalb von Langeoog und Wittmund darauf reagieren würden, wenn die das alles wüssten. Wenn jemand das veröffentlichen würde, mit Zitaten und vielleicht sogar mit Bildern. Was wäre dann?«
Schweißperlen erschienen auf Friedo Adams’ bleicher Stirn. »Was dann wäre?«, flüsterte er. »Gar nichts mehr. Das darf auf keinen Fall passieren. Nie und nimmer.«
Lüppo Buss entriegelte seine Arme und beugte sich wieder vor. »So ist das, Friedo«, sagte er. »Jetzt denk mal daran, dass du außerdem noch Mitglied im Langeooger Schießverein bist. Zweimal Vizemeister Kleinkaliber lang. Also brauchst du ein Alibi. Dringend. Von jemandem, der bezeugen kann, wann du wo warst. Und wir wissen beide, wen ich meine.«
Adams schlug die Augen nieder. »Du weißt?«
»Na klar weiß ich«, sagte der Inselpolizist. »So gut wie jeder hier auf Langeoog weiß das. Bis auf deine Frau.«
»Oh Gott, wenn sie das erfährt.« Friedo Adams, ein Kerl wie ein Baum, hockte auf seinem Stuhl wie ein Häufchen Elend. »Nie darf sie das erfahren! Lüppo, da musst du für sorgen! Denk mal an unsere Kinder. Was das für die bedeuten würde, wenn meine Frau mich verlässt. Kannst du das verantworten?«
»Was? Ob ich das verantworten kann?« Lüppo Buss platzte der Kragen. »Ob ich es verantworten kann, dass du deinen Schwanz nicht in der Hose lassen kannst? Sag mal, hast du völlig den Verstand verloren? Und so was will Politik machen! So einer will anderen Leuten sagen …«
Der Inselpolizist unterbrach sich, denn Friedo Adams glotzte ihn nur an, ebenso erschrocken wie verständnislos. Da war jedes weitere Wort verschwendet.
»Also, wir behandeln das vertraulich«, sagte er stattdessen. »Warst du nun gestern Abend bei deiner Freundin, ja oder nein?«
»Ja«, sagte Friedo Adams heiser.
»Gibst du mir ihre Telefonnummer, damit ich direkt fragen kann?«
Adams nickte und zückte sein Handy. »Ich schick’ sie dir«, murmelte er.
»Dann kannst du jetzt gehen«, knurrte der Inselpolizist. Aber als Adams schon aufgestanden war und die Hand an der Türklinke hatte, rief er ihn noch einmal zurück. »Du hältst dich zu meiner Verfügung, verstanden?«, sagte er mit viel Eisen in der Stimme.
Als die Tür hinter Friedo Adams zugefallen war, lehnte Lüppo Buss sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte zufrieden die Hände hinter seinem Kopf. Das hatte er schon immer einmal sagen wollen.
4.
»Und jetzt machen Sie Ihre eigene Partei auf?«, fragte Stahnke und versuchte, nicht allzu ungläubig zu klingen. »Einfach so? Nur weil Carsten Fecht Sie beleidigt hat?«
Jelto Harms lächelte mild. »Keineswegs einfach so«, korrigierte er den Hauptkommissar sanft. »Da kam schon eine Menge zusammen, ehe ich so weit war. Immerhin bin ich überzeugter Sozialdemokrat, da fiel es mir schon mal nicht leicht, aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands auszutreten. Geschweige denn eine neue Partei zu gründen! Es war ja nicht dieser Fecht alleine, der mich letztlich aus der SPD getrieben hat, das war ein regelrechtes Netzwerk! Es war auch nicht nur ein einzelner Vorfall, das erstreckte sich über Jahre. Und es waren mehr als nur Beleidigungen. Fecht und seine Corona haben mich massiv verleumdet! Das ging schon an die Substanz. Und letztlich auch an meine Existenz.«
Grundschulrektor Harms hatte Stahnke in sein Büro in der Schule gebeten, als der ihn früh morgens zu Hause angerufen hatte: »Ich bin schon auf dem Sprung, muss noch aufarbeiten, das geht am besten an Feiertagen.« Das altehrwürdige, menschenleere Schulgebäude roch penetrant nach Bohnerwachs, draußen auf den Fluren war es betäubend still. Stahnke saß aufrecht auf seinem altersschwachen Stuhl, eingezwängt zwischen Armlehnen, die für einen so massiven Körper wie den seinen nicht gedacht waren, und fühlte sich unbehaglich. Weder war er so ausgesucht elegant gekleidet wie der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches noch so sorgfältig rasiert. Gewöhnlich drückte er sich auch nicht so kultiviert aus. Und dass er ähnlich verständnisvoll sein könnte, hatte ihm auch noch niemand unterstellt. Harms, zehn Zentimeter kleiner als er und bestimmt 30 Kilo leichter, beschämte ihn allein durch das Vorbild, das er abgab. War es das, was ein Pädagoge tun sollte? Oder empfanden Kinder das weniger einschüchternd als ein desillusionierter Staatsdiener jenseits der Lebensmitte?
»Sie hören doch noch gut, oder?«, kommentierte Jelto Harms Stahnkes ausbleibende Erwiderung. »Wir Pädagogen haben ja vielfach Probleme mit dem Gehör. Hat sich was mit Kinderlärm ist Zukunftsmusik! Von zu viel Musik kann man auch taub werden, nicht wahr?«
Der Hauptkommissar rieb sich die Ohren. »Danke der Nachfrage. Diese Unterstellungen, die Sie ansprachen – da handelte es sich um …«
»Pädophilie«, ergänzte Harms lächelnd. »Indirekt verbunden mit dem Vorwurf des Missbrauchs. Sie wissen ja, Pädophilie an sich ist nicht justiziabel. Niemand kann schließlich etwas für seine sexuellen Präferenzen, nicht wahr? Erst wenn der Pädophile seinem Drang nachgibt, macht er sich strafbar. Aber diese Differenzierung findet in der öffentlichen Diskussion leider kaum statt.«
In der Tat, dachte Stahnke. Pädophiler gleich Kinderschänder, das galt als gesicherte Wahrheit. Dass es viele pädophile Menschen gab, die ihrer Neigung widerstanden, die jede Versuchung mieden und ihr ganzes Leben auf Verzicht ausrichteten, wurde ignoriert. Womöglich hätte man denen sonst noch Anerkennung zollen müssen!
»Nur zur Klarstellung.« Stahnke schluckte. »Sie sind also nicht pädophil?«
»Nein«, erwiderte Harms freundlich. »Wäre ja sonst auch etwas unklug von mir, in solch einer Position tätig zu sein, nicht wahr?« Er griff nach einem Bilderrahmen, der auf seinem Schreibtisch stand, und rückte ihn so, dass der Hauptkommissar das Foto sehen konnte. »Ich bin schwul. Das hier ist mein Mann.«
Der Mann auf dem Foto war deutlich älter und breiter als Jelto Harms. Er war korrekt gekleidet und sah ziemlich bieder aus. Geschieht mir recht, dachte Stahnke, der nicht wusste, wie er reagieren sollte. Was hatte ich denn erwartet? Olivia Jones?
»Angenehm«, stotterte er.
Jelto Harms lächelte stolz.
Genau der richtige Moment für die Standardfrage, dachte der Hauptkommissar. »Herr Harms, wo waren Sie gestern Abend? So etwa zwischen 21 und 22 Uhr?«
»Ich war zu Hause«, sagte Jelto Harms, eindeutig nicht überrascht. »Unterricht vorbereiten. Als Leiter einer Grundschule bekomme ich nur wenige Unterrichtsstunden erlassen, wissen Sie? Wogegen ich im Prinzip nichts habe, denn Lehrer wird man ja schließlich, weil man gerne mit Kindern arbeiten möchte, nicht wegen der Verwaltung. Aber beides zusammen füllt doch den Tag ziemlich aus, wenn man alles vernünftig machen will.«
»War Ihr Mann auch daheim?«, fragte Stahnke, ohne zu stocken.
Harms lächelte bedauernd. »Nein, leider nicht. Martin arbeitet als Verlagsvertreter, er ist viel unterwegs. Gestern Abend haben wir nicht einmal telefoniert, weil er noch ein längeres Geschäftsessen hatte. Er hätte mir bestimmt gerne ein Alibi gegeben, aber so …«
Das hatten andere Ehepaare schon ganz anders hingedreht, dachte Stahnke. Da wurde gelogen, dass sich die Balken bogen. Jelto Harms tat das nicht, er war ehrlich. Oder wollte er nur den Anschein erwecken?
»Können Sie mit einer Schusswaffe umgehen?«, fragte Stahnke.
»Sicher«, antwortete der Rektor. »Ich war schließlich bei der Bundeswehr. 15 Monate bei den Panzergrenadieren. Da hatten wir das volle Programm: Pistole, Sturmgewehr, MP und Maschinengewehr. Ich habe sogar die silberne Schützenschnur.«
Damit vergibt er sich nichts, dachte Stahnke. In der Onlineausgabe der Ostfriesen-Post stand, dass Fecht aus kurzer Distanz erschossen wurde. Da wäre auch eine goldene Schnur egal gewesen. Harms wusste das bestimmt. War seine sympathisch erscheinende Offenheit nichts als Berechnung?
»Aber sagen Sie mir doch einmal«, fragte jetzt der Rektor, »wieso hätte ich meinen ehemaligen Genossen Fecht denn eigentlich erschießen sollen? Der Schaden, den er mit seinen Verleumdungen verursacht hat, war doch schon angerichtet! Verschlimmert durch diesen Hackerangriff, natürlich, aber die Schuld liegt eindeutig bei Carsten Fecht und seinem unappetitlichen Netzwerk. Ich frage noch einmal: Warum morden, wenn man damit nichts mehr ändern kann?«
»Aus Rachsucht natürlich«, sagte Stahnke. »Viele Menschen werden zu Straftätern, weil sie sich für etwas rächen wollen, das sie erlitten haben. Verspüren Sie dieses Bedürfnis nicht?«
»Ehrlich gesagt schon«, sagte Harms. »Ein wenig. Aber nicht genügend, um deswegen aktiv zu werden. Aufwand und Resultat stehen in keinem Verhältnis, verstehen Sie? Ich müsste ja Fechts gesamtes Netzwerk niedermetzeln.«
Interessanter Gedanke, dachte Stahnke. Den wollen wir mal im Auge behalten.
»Für den Moment kann ich Ihnen also nur mein Wort anbieten«, sagte Harms und breitete die Hände aus. »Ich hatte zwar eine gehörige Abneigung gegen meinen ehemaligen Parteigenossen Carsten Fecht, aber die reichte bei Weitem nicht aus, ihn umbringen zu wollen. Ebenso wenig kann ich mir vorstellen, dass es von seiner Seite noch irgendetwas über mich zu enthüllen gäbe, das mich veranlassen könnte, ihn zu töten, um das zu verhindern. Ergo habe ich es auch nicht getan. Sondern mich gestern Abend auf meinen Beruf konzentriert. Damit ich morgen wieder etwas Vernünftiges unterrichten kann.« Er verschränkte seine Finger unter dem Kinn: »Und jetzt muss ich mir den Verwaltungskram vom Hals schaffen. Kann ich denn noch etwas für Sie tun?«
»Erst einmal nicht, vielen Dank.« Stahnke erhob sich. »Ich komme zu gegebener Zeit wieder auf Sie zu.«
Harms geleitete ihn zur Tür. »In drei Wochen ist übrigens die Gründungsversammlung meiner neuen Partei anberaumt«, sagte er. »Im Kulturspeicher. Wir werden uns Die Unpopulären nennen.«
»Ungewöhnlich«, erwiderte Stahnke. »Heutzutage geben doch eher die Populisten den Ton an.«
»Genau deswegen ja! Sehr gut erkannt.« Harms strahlte. »Wir wollen ein Gegengewicht setzen. Niemandem nach dem Munde reden, sondern das tun beziehungsweise fordern, was vernünftig ist, auch wenn es vielleicht unbequem sein könnte. Das fehlt doch der Politik heute, quer durch alle Parteien.«
»Aha. Und was wäre das?«, fragte Stahnke, weniger aus Interesse denn aus Höflichkeit.
»Beispielsweise ein Tempolimit auf Autobahnen«, sagte Harms. »Jeder weiß, dass das sinnvoll ist, und alle anderen Länder haben eines in der einen oder anderen Weise, nur wir nicht! Das ist unvernünftig!«
»Freie Fahrt für freie Bürger«, zitierte Stahnke. »Dafür gibt es einfach keine Mehrheit, darum traut sich da seit Jahren keiner mehr ran.«
»Eben! Und das ist schlimm, das muss sich ändern! Jüngste Umfragen geben Hoffnung.« Harms’ Augen funkelten vor Begeisterung. »Die Haltung zum Böllern in Wohngebieten beginnt sich ebenfalls zu verändern. Zeit, ein allgemeines Verbot zu fordern! Oder nehmen wir die ständigen Zerstörungen durch die Randale sogenannter Fußballfans. Das geht Jahr für Jahr in die zig Millionen. Wir verlangen, dass Fans und Vereine selber für alle Schäden aufkommen, bis zum letzten Heller!«
»Sie wissen schon, wie populär Feuerwerk ist? Ganz zu schweigen von Fußball?« Stahnke wiegte zweifelnd den Kopf. »Der ist ja quasi eine Ersatzreligion.«
»Gutes Stichwort.« Harms war nicht mehr zu bremsen. »Religionen! Deren Privilegien gehören gründlich überdacht. Keine religiöse Beeinflussung Minderjähriger mehr! Schon gar keine Körperverletzung Schutzbefohlener, auch Beschneidung genannt. Und überhaupt: Keine Religionsgemeinschaft, die die Gleichstellung der Frau nicht respektiert, sollte sich in Deutschland betätigen dürfen.«
»Das beträfe Juden, Muslime und natürlich Katholiken«, zählt Stahnke an seinen Fingern ab. »Außerdem Autofahrer und Fußballfans. Gibt es noch eine weitere einflussreiche gesellschaftliche Gruppe, mit der Sie sich anlegen wollen?«
»Bestimmt!« Jelto Harms strahlte. »Das war ja noch lange nicht alles! Kommen Sie doch ruhig zu unserer Gründungsversammlung. Ich habe den Eindruck, dass Sie das interessieren könnte.«
»Mal schauen.« Stahnke verabschiedete sich.
Draußen auf der Straße schnaufte er erst einmal tief durch. Dieser Mensch ist ja größenwahnsinnig, dachte er. Will sich mit Gott und aller Welt anlegen! Viel Feind, viel Ehr’, oder was geht dem Mann durch den Kopf?
Auf jeden Fall war dieser elegante Herr ziemlich kämpferisch drauf, überlegte der Hauptkommissar, während er die Autotür hinter sich zuzog und sich angurtete. Und für einen Verkünder der puren Vernunft war er ziemlich emotional. Das sollte man bei der Bewertung seiner Aussage im Hinterkopf behalten.
Stahnke startete den Motor. Diese Parteigründungsversammlung ging ihm nicht aus dem Kopf. Die Unpopulären, ha! Ob er da vielleicht wirklich mal reinschauen sollte? Schließlich war er ebenfalls ziemlich streitlustig veranlagt.
5.
Eine gutaussehende Frau, dachte Nidal Ekinci. Wenn man hochgewachsene Blondinen mochte. Was er tat. Seine Frau war der entgegengesetzte Typ, aber das war ja auch etwas ganz anderes, da machte er klare Unterschiede. Frau Fecht jedenfalls sah richtig gut aus.
Eigentlich. Bis auf den verhärmten Zug um den Mund. Entweder war sie sehr erschöpft oder sehr enttäuscht. Mit Trauer hatte das jedenfalls nichts zu tun. Den Umriss ihres getöteten Gatten und die Spuren der inzwischen beseitigten Blutpfütze auf der Auffahrt des gemeinsamen Hauses musterte sie jedenfalls mit kühlem Interesse. Bestenfalls.
»Darf ich?« Sie hob ihre rechte Hand mit dem Hausschlüssel. »Oder ist das hier noch gesperrt? Tatort und so?«
»Sie dürfen.« Ekinci nickte. »Die Spurensicherung ist schon durch. Tatortreinigung auch. Ich würde gerne mit Ihnen einmal durch die Räume gehen, um zu prüfen, ob etwas fehlt.«
Cornelia Fecht nickte und schloss auf.
Ekinci folgte ihr in den hallenartigen Flur. »Bitte sagen Sie, wenn Ihnen etwas auffällt«, sagte er. »Jede Kleinigkeit könnte wichtig sein.«
»Jede Kleinigkeit, ja? Okay.« Sie musterte den Oberkommissar von oben herab. Anscheinend hielt sie nur mit Mühe ein abfälliges Grinsen zurück. »Erste Beobachtung: An der Garderobe hängen keine typisch weiblichen Kleidungsstücke. Darauf hat er nicht immer geachtet.«
Die Verachtung in ihrer Stimme überraschte Ekinci, aber sie lieferte ihm die Erklärung für ihren verbitterten Gesichtsausdruck. »Ihr Verhältnis zu Ihrem Gatten war also … gestört?«, fragte er.
»Gestört ist gut!« Jetzt lachte sie wirklich, so böse, dass Ekinci Schauer über den Rücken liefen. »Carsten hat alles gevögelt, was nicht bei drei auf den Bäumen war. So was gilt doch als Sucht, oder? Also war er gestört. Obwohl, der eine sagt so, der andere sagt so. Viele hielten ihn für einen tollen Kerl, und tolle Kerle tun das eben. Tja, die waren entweder selber so, oder sie wären gerne so gewesen.«
»Ihr Mann hat Sie also betrogen?«, fragte Ekinci sicherheitshalber nach.
»Soll ich Ihnen ein Bild malen? Oder wollen Sie es schriftlich?« Wieder so ein geringschätziger Blick. »Obwohl, es liegt ja tatsächlich schriftlich vor. Wissen Sie das gar nicht?«
Ekinci wusste nichts. Er verstand auch nichts. Das sah man ihm an.
»Der Hacker«, erläuterte Cornelia Fecht, »der Carstens Chats öffentlich gemacht hat. Von dem wissen Sie doch? Gut. Dieser Hacker hat verschiedene Chatgruppen geknackt. Und auch online gestellt. Die lokale Zeitung hat sich natürlich auf die gestürzt, in denen es um Politik ging. Beziehungsweise Politiker. Sie kennen doch dieses Blatt, die lassen keine Chance aus, die SPD in die Pfanne zu hauen, stimmt’s?«
Nidal Ekinci nickte, dabei gehörte Lokalpolitik zu den Aspekten der deutschen Kultur, die ihn am wenigsten interessierten. Europapolitik, transatlantische Beziehungen, vor allem natürlich der Nahe Osten und die Situation der Kurden, das waren Themen, in denen er sich bestens auskannte. Aber Landes-, Kreis- und Stadtpolitik hatte er stets geringschätzig ignoriert. Vielleicht ein Fehler, überlegte er. Immerhin lebte er hier, und was zum Beispiel der Stadtrat von Leer beschloss oder auch nicht, ging ihn unmittelbar etwas an.
»Über Carstens ausschließlich private Chats aber haben sie nichts geschrieben«, fuhr Cornelia Fecht fort. »Da scheinen diese Schreiberlinge eine Hemmschwelle zu haben, die ihnen ansonsten abgeht. Einer von denen hat mir mal erzählt, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder, als er noch Ministerpräsident in Niedersachsen war, bei einem Pressetermin auf einer Bohrinsel in der Nordsee ganz offen mit einer Journalistin geturtelt hat, obwohl er noch anderweitig verheiratet war – und kein einziger der Pressekollegen hat auch nur eine Zeile darüber geschrieben! Scheint so eine Art Kerlekodex zu sein. Wenig später hat sich Schröders Gattin dann scheiden lassen, und die blonde Journalistin wurde seine Ehefrau Nummer vier. Inzwischen ist sie aber auch schon wieder Ex und abgelöst.«
»Aber Ihnen hat man die Chats zugänglich gemacht?«, fragte Ekinci.
»Zugänglich gemacht? Sagen wir lieber: unter die Nase gerieben«, erwiderte Cornelia Fecht. »Diese junge Tante bei der Ostfriesen-Post, Mareike Feeken, hat mich deswegen extra angerufen. Und mir ein paar Auszüge davon als Datei zugeschickt. Hat ihr bestimmt Spaß gemacht, wetten? Mir dafür weniger.« Sie schnaufte.
»Warum hat sie das getan? Wenn sie ja doch nicht darüber schreibt?«
»Was weiß ich.« Cornelia Fecht zuckte desinteressiert mit den Schultern. »Vielleicht für später? Oder sie schreibt unter anderem Namen etwas für die Bunten Blätter? Aber ob die sich für einen Hinterbänkler aus dem Landtag interessieren, ist noch die Frage. Obwohl – jetzt, nach dem Mord vielleicht schon. Na, das sehe ich dann ja beim nächsten Friseurbesuch.«
So viel Kaltschnäuzigkeit schockierte Ekinci. Die nächsten Stationen ihrer Hausbegehung absolvierten sie einsilbig. Der Oberkommissar deutete auf die geöffneten Schubladen, und Cornelia Fecht kontrollierte, ob etwas fehlte. Meist mit negativem Resultat. Nur bei einer Kommode im Esszimmer war sie unsicher. »Ich meine, hier hätte Carstens altes Handy gelegen«, sagte sie. »Vielleicht hat er es selber wieder an sich genommen. Oder aber wir haben es bei einer Sammelaktion abgegeben. Manchmal werden ja Handys gesammelt, bei denen die Notruffunktion noch geht.«
Mehr gab das Erdgeschoss nicht her, so weiträumig es auch war. Carsten Fechts Arbeitszimmer befand sich im ersten Stock. Die Treppe war ungewöhnlich breit und komfortabel geschnitten. Solche Details deuteten auf altes Geld hin, dachte Ekinci, nicht auf einen roten Emporkömmling. Hatte Carsten Fecht das Geld geheiratet?
Im Arbeitszimmer ihres Mannes blieb Cornelia Fecht abrupt stehen. »Da stand sein Laptop, wenn er zu Hause gearbeitet hat«, sagte sie und deutete auf die leere Mitte einer Arbeitsplatte aus Edelholz. »Und da war die externe Festplatte. Beides weg. Schauen Sie, da sind noch Abdrücke von den Gummifüßchen.«
Einen klassischen PC gab es in diesem Raum nicht, auch kein Tablet. Gespeicherte Dateien konnten sich also nur auf dem Laptop oder der Festplatte befunden haben. »Ihr Mann hat in der Presse verkündet, er verfüge noch über viel belastendes Material«, sagte Ekinci. »Vielleicht hätte er das besser lassen sollen.«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht«, sagte Cornelia Fecht. »Mir erspart das einiges an Stress. So eine Scheidung zieht sich ja oft ganz schön hin.«
»Sie haben also die Scheidung eingereicht«, konstatierte Ekinci.
»Klar, was denken Sie denn? Ich wusste zwar, dass Carsten schon immer Ambitionen hatte, den Bezirksbeschäler zu spielen. Wenn ich ehrlich bin, haben wir uns genau deswegen überhaupt kennengelernt. Fand ich ja auch ganz reizvoll. Aber ich habe mir ernsthaft eingebildet, nach unserer Heirat hätte ich ihn an die Kette gelegt. Von kleinen Seitensprüngen mal abgesehen; so was passiert immer mal, da bin ich auch gar nicht so. Aber als ich erfuhr, dass er mich in diesem Ausmaß und dauerhaft betrogen hat, all die Jahre, immer wieder, da hatte ich dann doch genug. Schlagartig.«
»Haben Sie seinerzeit Vermögen mit in die Ehe gebracht?«, fragte Ekinci.
»Aber hallo! Erbteil meines Vaters, der kurz vorher verstorben war. Nicht gerade wenig. Für das Haus hier hat’s jedenfalls gereicht. Meine Mutter lebt noch, aber es geht ihr ziemlich schlecht. Meine Schwester und ich sind so oft es geht bei ihr, in Westerstede. Abwechselnd. Wir haben natürlich Pflege gebucht, zweimal täglich, aber Familie ist eben auch wichtig.«
Das war auch einer von Nidal Ekincis Lebensgrundsätzen. In diesem kalten Ton ausgesprochen, ließen ihn die Worte jedoch erbeben.
»Haben Sie einen Ehevertrag?«, fragte er.
Cornelia Fecht schüttelte den Kopf. »Hielt ich damals nicht für nötig. Das hätte vorm Scheidungsrichter durchaus zu Stress führen können! Mein Vater starb nämlich kurz vor unserer Hochzeit, ausgezahlt wurde mein Erbteil aber erst nachher. Vermögen oder gemeinschaftlicher Zugewinn, das wäre die Frage gewesen! Aber dieser Streit findet ja jetzt nicht mehr statt.«
Hatte ihm die Frau gerade ein Motiv geliefert, kostenlos und frei Haus? Zusammen mit dem vielfachen ehelichen Betrug durch ihren Gatten konnte das allemal reichen, fand Nidal Ekinci. Das Auftreten der Dame des Hauses war natürlich allzu nassforsch und freimütig, als dass sie etwas zu verbergen haben könnte. Aber das mochte Absicht sein.
Die Inspektion der weiteren Zimmer im Obergeschoss inklusive Gästewohnung brachte keine weiteren Erkenntnisse. »Alles da, mein Schmuck, die Bilder, die Heimkinoanlage, das Soundsystem und all das andere Zeug«, fasste Frau Fecht zusammen. »Nur Carstens Kram fehlt. Na ja, passt ins Bild. Der Täter war ja auch seinetwegen hier.« Sie verschränkte die Arme und starrte den Oberkommissar herausfordernd an: »Kann ich mich dann jetzt wieder meiner kranken Mutter widmen? Meine Schwester ist erst morgen wieder dran.«
»Nach den Hausschlüsseln wollte ich Sie noch fragen«, sagte Nidal Ekinci. »Wissen Sie, wie viele davon es insgesamt gibt?«
»Keine Ahnung.« Cornelia Fecht schüttelte den Kopf. »Um solche Sachen hat sich allein Carsten gekümmert. Ganz bestimmt hat er auch seinem jeweiligen Betthäschen einen Schlüssel gegeben. Was meinen Sie, wie oft ich schon nach Hause gekommen bin und hinten stand die Terrassentür offen! Carsten hat dann behauptet, das wäre die Putze gewesen, die hätte die Tür nicht zugemacht. Ist aber natürlich Quatsch. So leichtsinnig ist die nicht.«
»Apropos leichtsinnig«, sagte Ekinci, während sie die Treppe hinunter gingen. »Warum gibt es hier eigentlich keine elektronischen Sicherungsmaßnahmen? Keine Alarmanlage, keine Kameras … Ich meine, das hier ist doch ein wertvolles Objekt, da gibt es einiges zu holen! Etwas mehr Security wäre doch angebracht gewesen.«
Cornelia Fecht lachte wieder ihr eisiges Lachen. »Warum? Weil Carsten strikt dagegen war«, sagte sie. »Und wenn Sie mal ein bisschen nachdenken, dann kommen Sie auch darauf, warum. Na? Warum sollte wohl solch ein Hengst wie er Sicherungen gegen unbefugtes Eindringen anbringen lassen, wenn er selber doch nichts anderes im Kopf hatte als genau das? Nämlich unbefugtes Eindringen!«
Gewöhnlich sah man es kaum, wenn Nidal Ekinci errötete. Diesmal war das anders, das konnte er an Cornelia Fechts hämischem Grinsen deutlich ablesen.
6.
»Feeken«, wiederholte Kramer. Langsam und deutlich. »Mareike Feeken.«
»Also nicht Ficken.« Die dralle Dame am Empfang guckte auf ihren Bildschirm. »Und wo soll die nochmal arbeiten?«
»In der Redaktion«, sagte Kramer geduldig. Zum dritten Mal schon. »Mareike Feeken, Lokalredaktion.«
»Ach so, Redaktion.« Dem Tonfall der drallen, rotgesichtigen Dame nach zu urteilen, musste die Redaktion so ziemlich das Unwichtigste an einer Lokalzeitung sein. Das mochte daran liegen, dass die Haupttätigkeit dieser Mitarbeiterin der Ostfriesen-Post im Eintippen von Kleinanzeigen bestand. Den Empfang machte sie nur nebenbei. Personelle Sparmaßnahmen; immerhin war Feiertag. Die Leser aber erwarteten am nächsten Morgen natürlich trotzdem ein angemessen gefülltes Blatt. Vor allem die, die immer lautstark gegen Feiertagsarbeit wetterten.
»Ach, hier.« Endlich hatte die Frau den Namen auf ihrer Liste gefunden. »Feeken heißt die, nicht Ficken. Mareike.« Sie bearbeitete das Tastenfeld ihres Tischtelefons. »In der Redaktion haben wir ja immer so viel Wechsel, kaum kennt man jemanden, ist er auch schon wieder weg. Welche Lokalredaktion sagten Sie noch? Leer?«
»Leer, genau. Mareike Feeken, Lokalredaktion Leer.« Oberkommissar Kramer blieb immer höflich. Jetzt gerade fiel das sogar ihm auf. Immerhin stand er hier im Zentralgebäude der Ostfriesen-Post, das sich in Logabirum befand, und Logabirum war ein Stadtteil von Leer.
»Jaaa, Beate, hier ist Tomke, Anzeigen. Moin! Alles gut bei dir? Nee? Ach, ist dein Rasen auch so gelb? Meiner auch! Hat ja zwei Wochen schon nicht geregnet, nee, bei mir auch nicht, jo, ist echt verloren!« Die grelle Stimme der drallen Dame schallte durch den weitläufigen und ansonsten menschenleeren Anzeigen- und Empfangsbereich. Kramer bezweifelte, dass sie zur hausinternen Kommunikation überhaupt ein Telefon benötigte. Und dass er noch lange seine Stoikerfassade aufrechterhalten konnte, das bezweifelte er auch.
»Was? Weswegen ich anrufe? Ach so, ja. Hier steht so ein Mann, der will zu Frau Ficken. Von der Redaktion. Ja, hat er gesagt.« Die dralle Dame schaute Kramer aus starren Augen an. »Was? Habt Ihr keine? Mareike, dachte ich.«
Oberkommissar Kramer ertrug den Blick, indem er tief und beherrscht atmete.
»Wie? Ach so. Ja, Moment.« Die dralle Dame mit dem roten Gesicht deckte mit der Hand die Sprechmuschel ab und rief in abermals erhöhter Lautstärke: »Sie heißt nicht Ficken! Sie wollen vermutlich zu Mareike Feeken, oder?«
»Mareike Feeken. Wie ich schon sagte.« Kramers Stimme klang eine Nuance schärfer als zuvor.
»Na, nun regen Sie sich mal nicht gleich auf! Sie wollen schließlich was von mir, oder?« Der knallrot geschminkte Mund der drallen Dame hatte sich vor Empörung gerundet. »Und was kann ich wohl dafür, wenn Sie sich keinen Namen merken können! Wie heißen Sie denn überhaupt?«
Oberkommissar Kramer, der sich natürlich vorgestellt hatte, zückte seinen Dienstausweis und hielt ihn ihr unter die Nase. Die brauchte einen Moment, um die Aufschrift zu entziffern. »Polizei?«, stieß sie dann hervor. Und gleich noch einmal: »Polizei!«
Sie ließ den Telefonhörer sinken. Eine angsterfüllte Stimme war quäkend zu hören, offenbar Beate aus der Redaktion: »Oh Gott, Tomke, was ist los? Wirst du gerade überfallen? Soll ich die Polizei holen?«
Aus dem Hintergrund huschte eine Gestalt heran. Ehe Kramer reagieren konnte, nahm sie der drallen Dame den Hörer aus der Hand und hob ihn ans eigene Gesicht: »Hallo, Beate, Mareike hier. Alles ist gut! Tomke ist nur ein bisschen überfordert vom Multitasking.« Sie legte auf und lächelte Kramer an: »Ich bin Mareike Feeken. Sie wollten zu mir?«
»Kramer, Kripo Leer-Emden, Fachkommissariat eins«, stellte der Oberkommissar sich vor. Er hatte die Journalistin sofort erkannt; es war noch nicht lange her, dass sie als Neuzugang im eigenen Blatt mit Foto vorgestellt worden war. Ihr langes dunkelblondes Haar trug sie heute allerdings nicht offen, sondern zum Pferdeschwanz gebunden. Und sie war größer, als Kramer erwartet hatte. Annähernd so groß wie er.
Außerdem sah sie, anders als auf dem Foto, ziemlich gestresst aus.
»Die Redaktion ist total unterbesetzt«, sagte sie, nachdem sie mit ihrem Besucher die Eingangshalle verlassen und ihn in ein unbesetztes Büro geführt hatte. »Nicht nur an Feiertagen wie heute, das wäre noch normal, dafür wird auch so viel wie möglich vorproduziert. Unsere Personaldecke ist aber generell viel zu dünn. Und es wird immer weiter gekürzt.«
»Wie ich hörte, musste der letzte Chefredakteur gehen, weil er keine weiteren Kürzungen akzeptieren wollte«, warf Kramer ein.
Mareike Feeken lächelte verlegen. »Dazu kann ich gar nichts sagen. Nein, wirklich, davon weiß ich nichts, das war vor meiner Zeit. Ich habe ja quasi zeitgleich mit dem aktuellen Chefredakteur hier angefangen.«
Eine Meinung dazu hat sie bestimmt, dachte Kramer, aber sie traut sich nicht. Gute Vorgesetzte schätzten es, wenn Mitarbeiter ihre eigenen Ansichten entwickelten. Schlechte Chefs kannten nur die ihren. Arme Frau Feeken! In dieser Hinsicht durfte Kramer sich glücklich schätzen.
Aber deswegen war er nicht hier. »Es geht um den Mord an Carsten Fecht«, sagte er.
Die junge Redakteurin nickte. »Steht schon in unserer Online-Ausgabe. Jedenfalls die bisher bekannten Fakten. Können Sie mir denn schon weitere Details erzählen?«
Kramers Pokerface war wieder einsatzbereit. »Sie missverstehen den Grund meines Hierseins. Ich habe Fragen, keine Informationen.«
Mareike Feeken grinste schelmisch. »Weiß ich doch. Aber man kann es mal versuchen, nicht?«
Das konnte Kramer ihr nicht verübeln, trotzdem ging er nicht darauf ein. »Ein Zeuge berichtete uns, Sie hätten neue Chatprotokolle von Carsten Fecht vorliegen«, sagte er. »Sie sollen Informationen enthalten, die weitere Lokalpolitiker und andere Personen in Misskredit bringen könnten. Diese Dateien brauchen wir.«
Mareike Feeken lächelte das erwartungsvolle Lächeln, das Journalisten gerne aufsetzen, um ihre Gesprächspartner zum Weiterreden zu animieren. Lernte man das in der Ausbildung? Es dauerte einen Augenblick, bis ihr klar wurde, dass Kramer schon ausgeredet hatte. Dann verschwand das Lächeln wie weggewischt.
»Sie wollen Dokumente von mir, die ich von einem Informanten erhalten habe?«, vergewisserte sich die Redakteurin. »Aber Sie wissen schon, dass so etwas unter Quellenschutz fällt?«
»Ich ermittle in einem Mordfall«, sagte Kramer ungerührt. »Ein Verbrechen gegen das Leben ist das eindeutig höhere Rechtsgut. Außerdem hatten Sie ohnehin vor, das Material zu veröffentlichen. Darüber habe ich ebenfalls eine Zeugenaussage.«
Die junge Frau schien beeindruckt, aber noch lange nicht willens, klein beizugeben. »Dazu müsste ich zuerst die Einwilligung meines Chefredakteurs einholen«, bezog sie ihre nächste Verteidigungslinie. »Und der hat leider keinen Feiertagsdienst. Ich müsste also zunächst einmal herausfinden, wo ich ihn erreichen kann, und das wird sicher etwas dauern.«
»Bedaure«, erwiderte Kramer. »Verzögerungen würden eine Mordermittlung behindern. Das darf ich leider nicht zulassen.«
Mareike Feeken schüttelte energisch den Kopf. »Ohne eine solche Rückversicherung händige ich Ihnen das Material ganz bestimmt nicht aus«, beharrte sie. »Und schon gar nicht ohne eine richterliche Anordnung!« Ihre triumphierende Miene deutete an, dass ihr diese letzte Rückzugsposition gerade eben noch eingefallen war. Dies war ihr Burgfried, hier würde sie sich behaupten, bis Entsatz kam!
Kramers Lächeln war so dünn, dass nur Eingeweihte es wahrnehmen konnten. Sie kennt mich noch nicht, dachte er, also lasse ich sie auch nicht allzu lange zappeln. Beim nächsten Mal weiß sie dann Bescheid.
Der Oberkommissar zog die richterliche Verfügung aus der Innentasche seines Sakkos und entfaltete sie, sodass Unterschrift und Dienstsiegel gut zu erkennen waren. »Wenn ich dann bitten dürfte?«, fragte er mit untadeliger Höflichkeit.
Eine Sekunde lag saß Mareike Feeken wie erstarrt, das Gesicht ausdruckslos. Dann kehrte das Leben in ihre Miene zurück. Ein schalkhaftes Grinsen ließ winzige Fältchen in ihren Augenwinkel erscheinen. »Und wenn nicht?«, fragte sie. »Wartet für diesen Fall draußen schon das Rollkommando?«
Kramers Pokerface hielt auch diesem Frontalangriff stand. Als stünden draußen tatsächlich zwei vollbesetzte Mannschaftswagen bereit.
»Also gut.« Die Journalistin schlug ihre Handflächen auf die Oberschenkel und sprang auf. »Ich hab’s versucht. Folgen Sie mir bitte.«
Sie eilte voraus, steuerte einen weiß gestrichenen Gang an, von dem offene Türen rechts und links Einblicke in verlassene Redaktionsstuben gestatteten und in dem es intensiv nach staubigem Papier roch, aller Digitalisierung zum Trotz. Sie betrat das letzte Büro links und warf sich in den Drehstuhl vor dem PC. Ohne hinzuschauen, öffnete sie eine flache Schublade und entnahm ihr einen USB-Stick, den sie schwungvoll auf den nahezu leeren Schreibtisch warf. Es schlitterte über die Platte, und Kramer kam gerade noch zurecht, um das winzige Ding aufzufangen.
»Das ist alles?«, fragte er.
Sie starrte ihn herausfordernd an. »Ja, das ist alles. Sämtliches Material, das ich von und über Carsten Fecht bekommen habe, befindet sich auf diesem Stick. Glauben Sie mir.«
Tja, dachte Kramer, glaube ich ihr? Die Ostfriesen-Post hatte sich unter der neuen Leitung stark verändert, vom etwas behäbigen, aber seriösen Chronistenblatt hin zur Boulevardgazette. Statt das tatsächliche Geschehen in der Region abzubilden und zu begleiten, setzte die Redaktion jetzt auf kontroverse Themen, gezielte Provokationen und reißerische Aufmachung. Wohl ein letztes Aufbäumen angesichts sinkender Abonnentenzahlen. Änderten sich damit auch die Wertvorstellungen der Mitarbeiter? Log man jetzt ungehemmt für eine skandalträchtige Schlagzeile? Die Politik machte es allenthalben vor.
»Ich glaube Ihnen«, sagte Kramer. »Vielen Dank.« Er steckte den Stick ein, zusammen mit der richterlichen Verfügung. »Sehen Sie, jetzt haben wir die gar nicht gebraucht. Schönen Dienst wünsche ich noch.«
Mareike Feekens herausfordernder Blick geleitete ihn zur Tür hinaus.
7.
»In 200 Metern links abbiegen«, verkündete die Navi-Stimme, »dann haben Sie Ihren Zielort erreicht.«
Tröstlich, dachte Stahnke. Ohne Navigationshilfe hätte er die Adresse, die Christel Röben ihm am Handy genannte hatte, wohl nie gefunden. Im Innenstadtbereich von Aurich kannte er sich zwar einigermaßen aus, nicht jedoch in den eingemeindeten Ortsteilen, und das hier war Aurich-Sandhorst.
Im nächsten Moment stieg der Hauptkommissar fluchend auf die Bremse. Ein schwarzer Audi mit Auricher Nummernschild hatte ihm die Vorfahrt genommen. Na warte! Die Nummer prägte er sich ein, darin war er geübt. Kaum hatte er wieder eingekuppelt, schob sich ein riesiges rotes Feuerwehrfahrzeug aus der Straße, in der sich sein Ziel befinden sollte, und blockierte beim Abbiegen die gesamte Einmündung. Aha, die große Drehleiter. Hatten die Kollegen Blauröcke hier etwa eine Übung gehabt? Und das am 1. Mai?
Er drückte seinen Wagen so eng an den Bordstein, dass die Reifen radierten. Das rote Ungetüm rauschte an ihm vorbei. Ein brenzliger Geruch kitzelte seine Nase.
Stahnke bog ab. Jetzt war es klar. Absperrung, Gaffergrüppchen, zweierlei Uniformen, Dienstfahrzeuge in Rot und Blau-Silber. Ein zweistöckiges, verrußtes Haus mit halb eingestürztem Dach. Eine Brandruine. Nichts mit Übung.
Die Kollegen kannten ihn und ließen ihn anstandslos passieren. Christel Röben erwartete ihn vor einem der geborstenen Fenster. Sie trug einen Regenmantel und deutlich zu jugendlich wirkende Gummistiefel, die in allen Farben des Regenbogens leuchteten. Stahnke musste in Halbschuhen durch die Löschwasserpfützen patschen.
»Morgen sollte der Einzug sein«, sagte die Frau. Sie war mittelgroß und schmal gebaut, die blonden Haare trug sie schulterlang, ihr blasses Gesicht wirkte ungeschminkt. »Zwei große kurdische Familien mit zusammen neun Kindern. Gestern hatten wir schon ein kleines Begrüßungsfest im Vorgarten, genau hier, mit Grill und selbstgemachten Leckereien. Viele Nachbarn sind gekommen.« Christel Röben hob die Schultern: »Jetzt können wir mit der Wohnungssuche von vorn beginnen.«
»Ein Grill?« Stahnkes Blick wanderte an der verputzten Hausfassade hoch, die offenbar schon vor dem Brand schmutzig gewesen war. »Kann der brandursächlich gewesen sein?«
»Sicher nicht«, erwiderte Christel Röben mit abweisender Miene. »Der Grill wurde noch gestern Abend abtransportiert, die Asche mit der restlichen Glut kam in einen verschließbaren Metallbehälter, der ebenfalls mitgenommen wurde. Glauben Sie mir, wir wissen, wie das geht.«
Eine andere Frau gesellte sich zu ihnen, nicht größer als Christel Röben, aber weitaus kräftiger und sportlich durchtrainiert. Ihre dichten braunen Locken hatte sie mit einem Zopfband im Nacken gebändigt. »Annika Brühl, grüß Gott, Herr Kollege!«, strahlte sie Stahnke an. »Oder vielmehr Moin, wie ihr hier sagt, gell? Muss ich mich noch dran gewöhnen.« Sie lachte laut, ebenso unpassend wie ansteckend. »Ab morgen bin ich bei euch in Leer. Passt gut, dass wir uns hier treffen.«
Stahnke runzelte nur kurz die Stirn, dann fiel es ihm wieder ein. »Ach, die neue Hauptkommissarin aus Hessen! Tja, dann mal herzlich willkommen in Ostfriesland. Oder vielmehr Moin, wie wir hier sagen.«
Laut Aktenlage war Annika Brühl 39, also nur drei Jahre jünger als Christel Röben. Rein optisch aber schienen mindestens zehn Jahre zwischen den beiden Frauen zu liegen. Lag es am strahlenden Lächeln und den blitzenden dunkelbraunen Augen? Christel Röben hatte momentan gerade gar nichts zu lachen, war um die Aufgabe, schnellstens ein anderes geeignetes Wohnhaus zu beschaffen, nicht zu beneiden. Wohl deshalb wirkten ihre grauen Augen so stumpf.
Annika Brühl strahlte schon wieder. »Vielen Dank, aber in Ostfriesland bin ich schon seit einem Monat! Witzige Geschichte. Meine neue Stelle in Leer wird offiziell erst heute frei, während mein Nachfolger in Wiesbaden schon Ende Februar angerückt ist. Und Aurich hat einen chronisch hohen Krankenstand. Also hat man mich für einen Monat in der Inspektion am Fischteichweg zwischengelagert. Zur Eingewöhnung.«
Stahnke war baff; so etwas hatte er noch nie gehört. »Warum wurden Sie denn nicht gleich nach Leer versetzt?«, fragte er. »Wir haben auch immer Personalbedarf!«
Annika Brühl zuckte mit den kräftigen Schultern. »Aber nicht so viel wie Aurich, sagt die Statistik. Und die entscheidet.« Ihre Stimme sank zu einem verschwörerischen Flüstern herab: »Passte mir außerdem ganz gut, mich vorher schon mal in der Gegend umtun zu können, dienstlich wie privat. Dann ist man nachher, wenn es richtig losgeht, nicht mehr das heurige Häschen.«
Christel Röben trat von einem Gummistiefel auf den anderen. Die wachsende Ungeduld war ihr anzusehen. »Haben Sie denn jetzt Erkenntnisse bezüglich der Brandursache?«, fragte sie die Hauptkommissarin drängend. »Ihr Kollege fragt schon, ob wir das vielleicht selbst waren, weil wir nicht mit einem Grill umgehen können.«
Stahnke wollte empört widersprechen, kam aber nicht zu Wort. »Haben wir«, antwortete stattdessen Annika Brühl. »Größere Mengen Brandbeschleuniger konnten nachgewiesen werden. Außerdem wurde das hier gefunden.« Sie winkte einen weiß gekleideten Kollegen von der Spurensicherung herbei, der etwas vorzeigte, das an einen unappetitlichen Nachtisch in einem zersplitterten Schälchen erinnerte. »Das war mal eine Haushaltskerze, fixiert in einer gläsernen Schale, die mit einer brennbaren Paste gefüllt war«, erläuterte die Hauptkommissarin. »Diente vermutlich als Zünder. Primitiv, aber wirkungsvoll. So konnte der Brand vergangene Nacht vorbereitet werden, brach aber erst heute Morgen aus.«
»Also Brandstiftung«, fasste Christel Röben zusammen und nickte. Ihr Gesicht wirkte hart und keineswegs überrascht.
Stahnke hatte diesen Schluss längst selbst gezogen. Seine Gedanken kreisten gerade um etwas anderes. Hauptkommissarin, dachte er, noch keine 40, die kann etwas und will noch mehr. Schaue ich hier in das Gesicht meiner Nachfolgerin?
Ein hübsches Gesicht noch dazu. Und kräftige Hände mit langen Fingern, um die sie bestimmt ihre sämtlichen männlichen Vorgesetzten wickeln konnte, angefangen beim Inspektionsleiter. Oder womöglich bei ihm?
»Haben Sie einen Verdacht, Frau Röben?«, fragte Annika Brühl. Erneut an Stahnkes Stelle. Er musste wirklich aufmerksamer sein.
»Na ja, wen wohl? Die üblichen Ausländerfeinde eben.« Christel Röben schnaubte abfällig. »Aber eine nennenswert schlagkräftige NPD gibt es hierzulande nicht, und die AfD hat mehr mit sich selbst zu tun, zerstritten, wie die ist. Konkret wüsste ich also nicht, wen ich da nennen sollte.« Sie hielt kurz inne, rieb sich mit beiden Händen über die blassen Wangen. »Es kann natürlich auch etwas ganz anderes dahinterstecken.«
»Nämlich?«, fragte Stahnke. Überflüssigerweise, aber immerhin als Erster.
»Spekulanten«, sagte die blasse Frau und schaute den Hauptkommissar an, als sei damit alles gesagt.
War es nicht. »Um mit Immobilien spekulieren zu können, muss man doch deren Besitzer sein«, erwiderte er. »Und sind das nicht – Sie? Beziehungsweise Ihre Organisation?«
»Stiftung«, korrigierte Christel Röben. »Ich vertrete die Stiftung Integer pro Integration, deren Geschäftsführerin ich bin, wie Sie sicher wissen. Und nein, die Stiftung besitzt dieses Haus nicht, sie hat es angemietet. Langfristig. Mit dem Ziel, Migrantenfamilien mit Bleiberecht aus der Isolation der Flüchtlingsunterkünfte und aus überteuerten Wohnungen in prekären Gebieten herauszuholen und ihnen zu helfen, in Wohnlagen mit mehrheitlich deutscher Einwohnerschaft umzusiedeln.«
»Löblich«, sagte Stahnke. »Aber wo wäre die Spekulation?«
»Wie Sie sehen, ist dies ein Zweifamilienhaus«, erklärte Christel Röben. »Der Trend geht jedoch zur Nachverdichtung bestehender Wohngebiete. Viele Menschen leben in Ein- oder Zweipersonenhaushalten, die wollen keine großen Häuser am Stadtrand mit ausgedehnten Gärten, die wollen pflegeleichte Kompaktwohnungen in verkehrsgünstiger Lage. Auf einem Grundstück wie diesem kann locker ein Acht-Parteien-Wohnblock stehen, ohne gegen bestehende Bauvorschriften zu verstoßen. Ich schätze, genau das hat der Besitzer vor.«
»Beschuldigen Sie den Eigentümer damit der Brandstiftung?«, fragte Annika Brühl. »Auf welcher Grundlage?«
»Ich wurde nach einem Verdacht gefragt, dies ist meine Antwort«, erwiderte die blasse Frau spitz. »Beweise sind Ihre Sache, oder nicht?«
Annika Brühl ging nicht darauf ein. »Sagen Sie, als Sie und Ihre Stiftung planten, die Migrantenfamilien genau hier anzusiedeln, haben Sie eigentlich vorher die Nachbarn befragt, was die davon halten?«
»Ich verstehe nicht.« Genauso guckte Christel Röben auch. »Das Objekt war zur Vermietung angeboten, und wir haben gemietet. Man kennt unsere Stiftung, also war klar, wer hier einziehen würde. Und dann haben wir ja gestern das Kennenlernfest mit den Nachbarn gefeiert.« Sie zögerte kurz. »Zugegeben, nicht alle Nachbarn sind gekommen.«
Annika Brühl nickte nur, schickte Stahnke jedoch einen vielsagenden Blick. Ging sie davon aus, dass einige der Nachbarn nicht einverstanden mit dem geplanten Zuzug waren und dafür gesorgt hatten, dass Frau Röbens Stiftung sie kennenlernte? Natürlich im übertragenen Sinn? Nun, dachte der Hauptkommissar, Tätervermutungen durfte man anstellen. Solange man trotzdem in alle Richtungen ermittelte.
Eine weitere Kollegin von der Spurensicherung trat hinzu, ebenfalls in einen weißen Overall gehüllt, und blickte von Stahnke zu Annika Brühl und zurück, offenbar unsicher, an wen sie ihre Frage loswerden konnte. Stahnke half ihr mit einem leichten Neigen des Kopfes. »Ich bin aus einem ganz anderen Grund hier«, sagte er und wandte sich ganz Christel Röben zu: »Ich müsste wegen gestern Abend mit Ihnen sprechen.«
Die beiden gingen ein paar Schritte zur Seite. »Ich nehme an, damit meinen Sie nicht schon wieder unser Grillfest und den angeblich leichtfertigen Umgang mit glühender Holzkohle«, sagte sie. »Ich war heute früh bereits online und weiß von Carsten Fecht, falls Sie das meinen.«
Stahnke nickte. Natürlich, heute war Feiertag, es gab keine Tageszeitung; da holte sich jeder seine aktuellen Informationen auf anderen Kanälen. Daran konnte man sich gewöhnen. Hatten Zeitungen unter diesen Umständen überhaupt noch eine Zukunft? Klar, auch sie bedienten die neuen Infokanäle – allerdings gegen Geld. Andere taten das kostenlos.
»Wir ermitteln in alle Richtungen«, erklärte er. »Zu denjenigen, die von Carsten Fecht verbal heftig attackiert worden sind, gehören auch Sie als Schriftführerin des SPD-Stadtverbandes Aurich.« Der Hauptkommissar rieb sich das unrasierte Kinn; es raschelte. »Wie sind Sie beide einander eigentlich in die Quere gekommen? Fecht ist Leeraner und hat seine Karriere dort gestartet. Sie, Frau Röben, waren stets auf lokaler Ebene in Aurich politisch aktiv. Wo waren da die Reibungspunkte?«
Christel Röben schaute zu Boden. »Ich stamme aus Leer«, sagte sie. »Da bin ich schon sehr früh mit Carsten zusammengerasselt. Das hat gereicht.«
»Was genau ist denn passiert?«, fragte Stahnke.
Christel Röben seufzte tief. »Ich war damals Juso-Vorsitzende in Leer. Die Jusos, das war so wie das Kinderplanschbecken im Schwimmbad, da durfte man auch mal etwas linken Schaum schlagen. Nahm ja keiner ernst. Aber man wurde beobachtet, ob man für eine Parteikarriere in Betracht kam, und wenn ja, für welche. Höhere Weihen oder Fußvolk. Nach oben ging es nur über den rechten Flügel. Wer sich nicht rechtzeitig die linken Hörner abgestoßen hatte, war gerade gut genug für Infotische. Rote Plastiknelken verteilen. Oder zum Plakatekleben. Mehr nicht.«
»Also waren Sie Ihrer Partei für eine Politkarriere nicht rechts genug? Ich meine, für eine Karriere über die Ortsebene hinaus?«
»Einmal das. Und ich bin eine Frau. Rote Fotze, Sie verstehen?«
»Was?« Stahnke zuckte zusammen. Das kam unerwartet.
Christel Röben lächelte bitter. »Das habe ich mir nicht etwa von Neonazis anhören müssen, falls Sie das vielleicht glauben. Die reden sicher auch so, aber das bekam man damals noch nicht mit, in den Zeiten vor Internet und Facebook. Heute glauben sogar deutsche Richter, dass man sich als Politikerin so was anhören muss.«
»Einige deutsche Richter«, korrigierte Stahnke.
»Schlimm genug.« Die blasse Frau schaute auf ihre Armbanduhr. »Sie wollten mir Fragen stellen. Ich möchte nämlich noch zur Kundgebung.«
»Das mit der roten, äh … also die Beleidigung, die Sie zitiert haben: Stammt die aus den gehackten Chats von Carsten Fecht?«
Christel Röben nickte. »So hat er mich aber auch schon Auge in Auge beleidigt. Anfangs natürlich nicht, damals hat er sogar für mich geschwärmt. Er ist mit 16 eingetreten, ich war 20 und im Juso-Vorstand. War mir schon fast peinlich, wie der an meinen Lippen gehangen und alles nachgeplappert hat! Aber dann ist er ins andere Fahrwasser geraten.«
»Ins rechte?«
»Na klar. Er hat schneller als ich gemerkt, wo es nach oben geht. Viel schneller!« Christel Röben blieb stehen und wandte sich Stahnke zu, schaute ihm direkt in die Augen: »Sie sind doch Leeraner, oder? Erinnern Sie sich noch, wie seinerzeit der Bundestagswahlkreis erstmals an die CDU ging?«
»Damals habe ich in Oldenburg gewohnt«, erwiderte der Hauptkommissar. »Hab’s aus dem Regionalfernsehen erfahren. Worauf wollen Sie hinaus?«
»Es gab eine Podiumsdiskussion mit allen Kandidatinnen und Kandidaten im Ostfriesenhof. Für die CDU trat erstmals eine Frau an. Als die ihr Statement abgab, standen die SPD-Granden hinten an der Bar und haben gemeinsam gegrölt: ›Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön‹. Verstehen Sie?«
»Die Geringschätzung?« Stahnke nickte. »Allerdings. Wurde auch prompt bestraft. Es gab eine krachende Niederlage für die SPD.«
»Davon hat sich die Partei hierzulande nie wieder erholt«, sagte Christel Röben. »Aber glauben Sie, irgendwer in den oberen Rängen hätte daraus Schlüsse gezogen? Kein Stück! Immer weiter so, das ist alles, was die können!«
»Und Carsten Fecht?«, hakte Stahnke nach.
»Der stand damals mit an der Bar! Und hat mitgegrölt, dieser Milchbubi. Hatte bestimmt die Hosen voll dabei.« Christel Röben schnaubte verächtlich: »Aber die Parteifürsten haben ihm auf die Schultern geklopft dafür. Das hat er sich gemerkt.«
»Seitdem sind Sie beide spinnefeind gewesen?«
»Mal mehr, mal weniger.« Die blasse Frau schaute auf ihre bunten Gummistiefel. »In letzter Zeit hat er mich wieder öfter aufs Korn genommen. Ohne konkreten Anlass eigentlich. Vermutlich bloß, weil ich als Frau ein Parteiamt bekleide.«
»Ich dachte, seit August Bebel sei die Gleichstellung der Frau für alle Sozialdemokraten selbstverständlich«, warf Stahnke ein.
Christel Röben lachte hell auf. »Ach, haben Sie gedacht! Von wegen. Man möchte glauben, dass Denkstrukturen doch vererbt werden. Viele Kerle in unserer Partei stecken von ihren Ansichten her jedenfalls noch tief im Mittelalter.«
»Würden Sie sagen, dass Sie Carsten Fecht gehasst haben?«, fragte der Hauptkommissar.
»Gehasst?« Sie hob ihren Blick. »Ach nein. Verachtet schon eher.«
»Und gestern Abend? Können Sie mir sagen, wann Sie wo waren?«
»Aha, jetzt kommt die Katze aus dem Sack!« Die Frau grinste schelmisch. Auf einmal wirkte sie zehn Jahre jünger. »Die Grillparty mit den Nachbarn, Sie erinnern sich? Die ging um 18 Uhr los, vorher haben wir bestimmt eine Stunde lang aufgebaut. Dieser große Grill ist verdammt schwer, ich hab’ mich dabei ein bisschen verhoben.« Sie machte rollende Bewegungen mit ihren schmalen Schultern. »Die Fete hat sich dann ziemlich hingezogen. Die meisten sind zwar gegen 21 Uhr gegangen, aber einige haben noch bis 23.30 Uhr zusammengesessen und diskutiert. Erst danach konnten wir abbauen.« Sie hob ihren schlanken Zeigefinger: »Und natürlich die restliche Glut ordnungsgemäß entsorgen! Viel war es eh nicht mehr.«
Von 18 Uhr bis Mitternacht, dachte Stahnke, das ist mehr als genug. »Und wer war außer Ihnen dabei?«
»Drei Mitarbeiter der Stiftung; die Namen kann ich Ihnen geben. Und die beiden kurdischen Familien natürlich.« Zischend sog sie Luft durch ihre Zähne: »Denen muss ich erst mal erzählen, dass es mit dem Umzug morgen nichts wird. Das wird hart, die hatten sich schon sehr gefreut. Außerdem werden die sich natürlich wegen der Brandstiftung ihre Gedanken machen. Wollen Sie deren Namen auch?«
»Danke, muss nicht sein, die Namen der Mitarbeiter reichen völlig.« Er zückte Block und Kugelschreiber, notierte Namen und Telefonnummern. Christel Röben verabschiedete sich und rauschte in ihrem dunkelroten Audi davon. Auch nicht gerade klimafreundlich, registrierte Stahnke automatisch. Und auch nicht wirklich rot. Eher rotbraun. Unauffällig, uneindeutig. Hatte die Frau Angst vor weiteren Beschimpfungen?
Unbemerkt hatte sich Kollegin Annika Brühl neben ihn gestellt. »Die Sozis haben es nicht leicht im Moment«, kommentierte sie. »Das ist in Hessen genauso. Hat ein paar Jahre gedauert, bis die Wähler gemerkt haben, dass von einer Seeheimer-SPD nun mal keine zukunftweisende Politik für Menschen vom Mittelstand abwärts zu erwarten ist. Jahre? Jahrzehnte! Aber jetzt haben sie es gemerkt, und sie werden es wohl so schnell nicht wieder vergessen.«
»Stimmt«, sagte Stahnke, »Hessen war ja auch mal rot! Aber sicher nicht so rot wie Emden. Dort hat die SPD über 60 Jahre in Folge den Oberbürgermeister gestellt – und bei der letzten Wahl haben die Emder den SPD-Kandidaten mit unter 20 Prozent vom Hof gejagt. Das war richtig bitter für den und seine Partei.«
»Und Carsten Fecht haben sie erschossen«, ergänzte Annika Brühl trocken. »Um den Fall darf ich mich ab morgen auch mit kümmern. Bin gespannt, wie weit ihr schon seid.«
»Heiße Spur ist noch Fehlanzeige, wir ermitteln in alle Richtungen«, gab Stahnke zu. »Darum bin ich auch hier.«
»Die Pöbelchats.« Die Hauptkommissarin nickte bestätigend. »Kommt unsere Stiftungsdame hier auch in Betracht? Die gut betuchte Audifahrerin mit Proletariatshintergund?«
»Vermutlich nicht, wenn ihr Alibi bestätigt wird«, erwiderte Stahnke. »Aber wie darf ich denn Ihre Bemerkung verstehen?«
Annika Brühl lachte wieder. »So steif, Herr Kollege! In unserem Fachkommissariat in Wiesbaden haben wir uns alle geduzt. Ich bin zwar vermutlich die Jüngere von uns beiden, aber – wie sieht’s aus? Ich bin die Annika.« Sie streckte die Hand aus.
Stahnke griff zu, war von der Festigkeit ihres Händedrucks angenehm überrascht. »Na klar, einverstanden. Ich bin, äh – einfach Stahnke. Stahnke reicht.«
Zwei blitzende dunkelbraune Augen, ein breites Grinsen. »Hätte ja klappen können!«, rief Annika Brühl fröhlich. »Hab schon gehört, dass du aus deinem Vornamen ein Haupt- und Staatsgeheimnis machst. Runde eins geht an dich, aber warte nur, den krieg ich noch raus!«
Jetzt erst ließ sie seine Hand los. Verblüfft starrte Stahnke auf seine Finger, als müsste er sie auf Vollzähligkeit überprüfen.
»Zu deiner Frage«, fuhr Annika Brühl fort: »Frau Röben hat einen Ruf in Aurich. Es heißt, sie sei vom Stamme Nimm. Achtet immer darauf, dass sie auch ihr Recht bekommt – und nach Möglichkeit etwas mehr. Ihr Auto hast du ja gesehen, ihr Haus ist eher eine Villa, und Mitglied im Golfklub Wiesmoor ist sie auch. Ihr Vater hatte in Leer bei der Müllabfuhr gearbeitet. Ist schon lange verstorben, und sie redet auch nie über ihn. Vielleicht weiß gerade deswegen jeder Bescheid.«
»Sozialneid? Oder liegt irgendetwas Handfestes gegen die Dame vor?«
Annika Brühl schüttelte den Kopf. »Nichts. Die Leute reden eben, das ist in Ostfriesland auch nicht anders als in Hessen.«
Stahnkes Smartphone meldete sich. Ekincis Nummer. »Was gibt es?«, fragte der Hauptkommissar.
Sein junger Kollege atmete schwer. »In Leer ist gerade eine Bombe hochgegangen«, sagte er.
»Ach ja, etwas so Brisantes? Was denn genau? Hat es etwas mit unserem Fall zu tun?«, fragte Stahnke.
»Ich wiederhole«, keuchte Ekinci, »hier ist eine Bombe hochgegangen! Keine metaphorische Bombe. Eine echte! Es hat eine Explosion gegeben!« Er nannte eine Adresse, dann beendete er das Gespräch. Stahnke stand mit offenem Mund da; wieder starrte er auf die Finger seiner Hand. Und das Mobiltelefon darin.
»Irgendwas los in Leer?«, fragte seine Kollegin.
»Allerdings«, murmelte Stahnke. »Mehr, als man denkt.«
8.
Déjà-vu, dachte Stahnke, als er vor dem Gewerkschaftsbüro in der Leeraner Jahnstraße stand. Absperrung, zweierlei Uniformen, Gaffergrüppchen. Eine zersplitterte Scheibe im Erdgeschoss, ein angekohlter Fensterrahmen, die Hauswand verrußt. Andere Stadt, andere Art Haus, trotzdem ähnliches Bild.
»Brandstiftung?«, fragte er, sobald er Nidal Ekinci erblickte.
Der junge Oberkommissar nickte. »Eindeutig. Scheibe eingeschmissen, Molli reingeworfen, abgehauen. Am helllichten Tag! Tatzeugen Fehlanzeige, jedenfalls bis jetzt.«
Stahnke schaute nach beiden Seiten die Jahnstraße hinunter. Dies war die Zufahrt zum Parkhaus nahe der Fußgängerzone; die Geschäfte hatten heute zu, also war nicht viel los. Das Gebäude gegenüber beherbergte die Neuapostolische Kirche, rechts stand ein Haus leer, dahinter befand sich ein anonym und unbelebt wirkender Neubau. Auf der anderen Seite überwiegend Büros. Ja, dachte er, das mochte angehen, dass hier keiner etwas mitbekommen hatte, weil einfach keiner da gewesen war. Jedenfalls nicht auf der Straße. Die Gewerkschafter waren auch alle ausgeflogen gewesen, zur Maikundgebung in Emden.
Einige von ihnen waren inzwischen zurück, darunter der Vorsitzende, kurz vor Stahnke am Tatort eingetroffen. Er korrigierte den Hauptkommissar gleich bei der Anrede: »Erster Bevollmächtigter, bitte. Vorsitzenden haben wir keinen.«
Stahnke ließ sich nicht irritieren. »Haben Sie einen Verdacht, irgendeine Tätervermutung?«, fragte er. »Gab es Ärger mit jemandem? Hat sich jemand beschwert oder gar gedroht?«
»Wann beschwert sich mal keiner über uns? Und wann wird nicht gedroht?« Der Bevollmächtigte war ein kleiner, dünner Mann mit einem Gesicht voller Falten und einer riesigen Brille. Auf dem Namensschild, das an seiner schmalen Brust kaum Platz fand, stand sein Name: »Paul Hinderks«. Schwer vorstellbar, dass dieses Männchen früher einmal als Schweißer auf einer Werft gearbeitet haben soll, dachte Stahnke. Der Mann schien schon zwischen Aktendeckeln zur Welt gekommen zu sein, gezeugt von Stempel und Stempelkissen. Er tigerte in den Büroräumen seiner Gewerkschaft herum, soweit die Spurensicherer das zuließen, und versuchte, sich ein Bild des angerichteten Schadens zu machen. »Was das wieder kostet, allein die Entrauchung! Dazu die Fensterscheibe. Und neu streichen. Mann, Mann, Mann!«
»Sind Sie nicht versichert?«, fragte der Hauptkommissar.
Hinderks lachte höhnisch. »Haben Sie eine Ahnung von unserer Mitgliederentwicklung? Schlimmer als bei den Kirchen, sage ich Ihnen! Die Einnahmen aus den Beiträgen reichen hinten und vorne nicht, dabei sparen wir schon, wo wir können. Aber wenn neue Tarife verhandelt werden, dann kommen sie alle angedackelt und wollen, dass wir uns für sie reinknien! Unglaublich, die Zustände heutzutage. Keine Solidarität mehr, nichts.«
Also kein Versicherungsschutz, schlussfolgerte Stahnke. »Mal etwas konkreter, bitte«, sagte er. »Wer hat sich beschwert, wer hat gedroht?«
»Ach, der übliche Mist.« Hinderks nahm seine Brille kurz ab und wischte sich über die geröteten Augen. »Wir sind mal wieder an den Verträgen für die Externen dran, auf der Leiner-Werft. Sie wissen schon, die Leiharbeiter aus Rumänien und so, die für wenig Geld die Luxusdampfer zusammenschweißen und für viel Geld in irgendwelchen Kellern übernachten müssen. Ganz arme Schweine sind das! Aber die verderben nun mal die Preise für ihre fest angestellten deutschen Kollegen. Am Ende werden deren Löhne auch gedrückt, man weiß ja, wie das läuft. Aber die Sklavenhändler, also die Leiharbeitervermittler, setzen ihre Leute mächtig unter Druck. Uns ebenso! Und von der anderen Seite wirft uns die Werftleitung Knüppel zwischen die Beine. Die wollen, dass alles genauso bleibt, wie es ist, weil sie so die höchsten Profite machen können! Und die Ost-Arbeiter, diese armen Socken, die werden ebenfalls gegen uns aufgewiegelt. Wir würden nur dafür sorgen, dass sie am Ende abgeschoben werden, redet man ihnen ein. Und dass sie sich ja die Differenz, die an ihrem Lohn fehlt, beim Arbeitsamt holen können, als Aufstocker. Es ist zum Heulen! Und der Betriebsrat der Werft fällt uns auch noch in den Rücken, weil wir uns gefälligst nur um die fest angestellten deutschen Kollegen kümmern sollen. Wie kann man unter solchen Bedingungen etwas erreichen?«
Der Bevollmächtigte ließ sich auf einen zerschlissenen Drehstuhl sinken; er wirkte erschöpft. Stahnke war beeindruckt von der Vehemenz, mit der der kleine Mann seine Rede vorgebracht hatte. Und gleichzeitig alarmiert. »Können Sie mir Namen nennen?«, fragte er.
»Namen?« Jetzt klang Hinderks’ Lachen hysterisch. »Telefonbücher kann ich Ihnen geben! Das von Leer und das von Papenburg dazu! Dann können Sie sich raussuchen, wen Sie wollen. Die kommen alle infrage! Aber wenn die mich anrufen und am Telefon rumpöbeln, dann sind sie alle anonym, das können Sie mir glauben.«
Einer der Spurensicherer schaute in den Raum. »Mit dem hinteren Büro sind wir auch durch, da können Sie jetzt wieder rein«, sagte er, an Hinderks gewandt. Und zu Stahnke: »Über die Spurenlage können wir noch nicht viel sagen, erst müssen wir die gesicherten Abdrücke mit denen aller Leute, die hier arbeiten, abgleichen. Fußspuren Fehlanzeige. Vielleicht war der Täter überhaupt nicht hier drin.«
»Warum hätte der Täter auch hier eindringen sollen?«, fragte Stahnke überrascht. »Ich dachte, es war ein reiner Brandanschlag von draußen. Scheibe eingeschlagen, Molotowcocktail rein und weg.«
»Weil die Haustür aufgehebelt wurde«, erwiderte der Kollege im weißen Overall. »Aber wie gesagt, bisher haben wir noch keine eindeutigen Spuren, dass jemand auch tatsächlich eingedrungen ist. Vielleicht gab es eine Planänderung; statt das Feuer drinnen zu legen, hat der Täter sich umentschieden und den Brandsatz durchs Fenster geworfen.«
Da Stahnke stumm blieb, zog sich der Kriminaltechniker zurück. Gleich hinter ihm verließ Paul Hinderks den Raum. Er steuerte direkt auf das soeben freigegebene Büro zu.
Umentschieden, überlegte Stahnke. Die Haustür aufgehebelt – und dann doch nicht hineingegangen? Stattdessen ein Fenster eingeschlagen, einen Molotowcocktail angezündet und durch das Loch in der Scheibe geworfen? Dabei war der Täter das Risiko eingegangen, doch noch beobachtet zu werden, ganz egal, wie unbelebt die Straße am Feiertag war. Warum, wenn er doch schon im Haus gewesen war?
Er hörte Hinderks im Nebenzimmer rumoren. Dann seine Stimme. »Was hat das denn hier zu suchen? Das gehört hier nicht hin.«
Stahnke rannte los, den Mund zum Rufen geöffnet. Weit kam er nicht. Schon im Türrahmen traf ihn eine Riesenfaust, stoppte ihn und warf ihn zurück. Von links wölbte sich die Zimmerwand auf ihn zu. Etwas sauste direkt vor seinem Gesicht vorbei. Etwas Rundes, Faltiges, mit den Resten einer Brille daran. Zeitgleich ertönte ein Knall, der so gewaltig war, dass er alles um ihn herum auslöschte.
9.
Der Druck auf seiner Brust weckte ihn. Etwas Schweres hinderte ihn daran zu atmen. Wenn er es trotzdem versuchte, zuckte scharfer Schmerz durch seinen Körper bis hinauf in sein Hirn. Stahnke schnappte nach Luft und öffnete die Augen.
Etwas lag auf seiner Brust, etwas Gewichtiges. Das war also kein Traum gewesen. Dieses Etwas war rund und faltig und trug eine große Brille. Der Kopf von Paul Hinderks! Wie kam denn der dorthin? Hatte der ihn umgehauen und ausgeknockt? Irgendwie passte das alles nicht zusammen.
Der Kopf von Paul Hinderks schlug die Augen auf. »Natürlich passt das alles nicht zusammen!«, tönte er. »Das Ding hatte dort überhaupt nichts zu suchen!«
Welches Ding, fragte Stahnke, aber seine Lippen wollten sich nicht bewegen, daher blieben die Worte ungesagt.
»Na, welches Ding wohl?«, keifte der Kopf. »Die Bombe natürlich! Hab’ ich sofort gesehen, dass die da nicht hingehörte! Aber Ihre Leute, die haben nichts gemerkt. Typisch! Wofür zahlen wir Gewerkschafter eigentlich Steuern?«
Diese Bombe, wollte Stahnke fragen, von wem kam die? Wer wollte Sie umbringen? Oder vielleicht …
»Jetzt soll ich auch noch Ihre Arbeit machen!«, schimpfte der Kopf von Paul Hinderks. »Da denk ich gar nicht dran! Das kriegen Sie mal schön selber raus, wer das war. Für mich ist jetzt Schicht. Ich hab’ Feierabend.« Der Kopf senkte seine Augenlider.
Halt, wollte Stahnke rufen, nein, hiergeblieben! Lassen Sie mich nicht hängen! Wieder brachte er keinen Ton heraus. Zudem wurde ihm bewusst, dass er selbst die Augen ebenfalls noch geschlossen hatte. Mit größter Mühe wuchtete er seine Lider hoch.
Das Bett, in dem er lag, war blendend weiß bezogen. Das ganze Zimmer war so weiß, dass seine Augen schmerzten. Als Stahnke wieder etwas erkennen konnte, sah er Paul Hinderks, der sich über ihn gebeugt hatte und lächelte. Nanu, dachte der Hauptkommissar, plötzlich wieder mit Körper? Muss ja ein ganz tolles Krankenhaus sein, in dem ich liege. Und wieso trägt der Bevollmächtigte der Metallergewerkschaft weiße Klamotten?
Der Mann mit dem faltigen Gesicht und der großen, dicken Brille richtete sich zur vollen Größe auf. Sehr viel war das nicht. »Er kommt langsam zu sich«, sagte er mit einer geisterhaft hauchenden Stimme, »Unkraut vergeht nicht.« Hatte Paul Hinderks zum neuen Körper auch neue Stimmbänder bekommen?
Der weiß Gekleidete trat beiseite. Oberkommissar Kramer nahm seinen Platz ein. »Moin, Chef«, sagte der hagere Mann. »Das ging gerade noch mal gut gestern. Ich bin echt froh, dass du nicht einen Schritt schneller gewesen bist.«
Moin, das sagte der Ostfriese zu jeder Tages- und Nachtzeit. Weil es ja auch nicht etwa »Morgen« hieß, sondern »schön«. Auf Plattdeutsch »moj«. Moin war die Kurzform von »Mojen Dag« und passte immer. Aber »gestern«?
»Wie lange?«, krächzte Stahnke. Die Worte schmerzten in seinem ausgedörrten Hals. Und in seiner Brust.
»20 Stunden ungefähr«, erwiderte Kramer. »Die haben dich ganz schön unter Drogen gesetzt. Der Explosionsdruck hatte dich umgeworfen, und du bist rückwärts auf den alten Drehstuhl von Hinderks gefallen. Hast dem Ding damit den Rest gegeben. Der Notarzt befürchtete, du könntest dir dabei die Wirbelsäule verletzt haben, und hat alle möglichen Untersuchungen angeordnet, MRT und so weiter. Dazu mussten sie dich erst einmal ruhigstellen.«
Stahnke holte Atem und spürte wieder den stechenden Schmerz. »Und?«, stöhnte er.
»Wirbelsäule in Ordnung«, berichtete Kramer. »Nur eine Rippe ist angeknackst.«
Nur eine Rippe? Nur angeknackst? Dafür tat sein Brustkorb aber ganz schön weh, dachte Stahnke. War die Rippe vielleicht doch durchgebrochen und steckte in seiner Lunge?
Der Arzt erschien wieder in seinem Blickfeld. Jetzt, da Stahnke zunehmend klarer sah, erschien ihm die Ähnlichkeit mit Paul Hinderks nicht mehr ganz so groß. Und der Mediziner selbst nicht mehr so unbekannt. »Doktor Mergner!«, stieß er hervor. »Seit wann kümmern Sie sich um die Lebenden?«
»Nun ja, auch meine Kunden haben alle irgendwann mal gelebt«, hauchte der Pathologe mit seiner Geisterstimme. Sein Kittel umbauschte seinen grätenhaften Körper wie morgendlicher Seenebel. »Ich muss gestehen, dass ich für einen Moment mit dem Gedanken geliebäugelt habe, auch Ihre opulenten Überreste auf meinen Tisch zu bekommen. Aber so weit ist es noch nicht. Tatsächlich bin ich wegen des eigentlichen Opfers besagter Explosion hier im Haus.«
Wieder schob sich das Gesicht von Paul Hinderks vor das von Doktor Mergner. Stahnke blinzelte; anscheinend zirkulierte noch allerhand Chemisches durch seine Adern. Kramer gab seinem Vorgesetzten einen Schluck zu trinken, was dieser dankbar annahm. Sogar aus einem Schnabelbecher.
»Was ist mit Hinderks?«, fragte Stahnke. Selbst das lautere Sprechen bereitete ihm Schmerzen in der Brust.
»Falsche Zeit, falscher Ort«, hauchte Doktor Mergner. »Es hat ihn buchstäblich zerrissen. Als Organspender kommt er definitiv nicht mehr infrage. Schade eigentlich, er besaß einen Spenderausweis.«
Stahnke schloss die Augen. So aber sah er Hinderks’ Kopf erst recht vorbeifliegen. Schnell öffnete er sie wieder.
»Die Bombe war in einem Heizlüfter versteckt«, berichtete Kramer; Stahnke war dankbar für dessen unpersönlichen Tonfall. »Größeres Modell, sorgfältig entkernt. Hinderks hat gemerkt, dass das Gerät dort nicht hingehörte, wo es stand. Die Explosion muss erfolgt sein, als er sich gerade darüber beugte.«
Im Hintergrund warf Doktor Mergner lautlos beide Arme hoch und zur Seite, eine Detonation andeutend. Gegen seinen Willen musste Stahnke lachen; der Schmerz in seinem Brustkorb verstärkte sich um ein Vielfaches.
»Eine Falle«, stieß der Hauptkommissar mühsam hervor.
»Möglicherweise«, erwiderte Kramer. »Die Experten vom LKA haben Reste eines Säurezünders entdeckt. Der Zeitpunkt der Explosion war also vorherberechnet. Allerdings konnten der oder die Täter nicht genau wissen, dass ausgerechnet der Gewerkschaftsbevollmächtigte Paul Hinderks zu dem Zeitpunkt dort stehen würde.«
»Wer sonst?«, fragte Stahnke. »Wer sonst hätte in dem Moment genau dort stehen sollen?«
»Wir«, antwortete Kramer.
Stahnke schnappte nach Luft, unterdrückte einen Schmerzensschrei, versuchte, Kramers Gedanken zu folgen. Sie? Kramer, Ekinci, Stahnke selbst, die Spurensicherung, kurz: die Polizei? War dies ein Anschlag auf die Polizei gewesen?
Dann hätte es sich bei dem Molli um einen Köder gehandelt. Den Wurm am Haken. Jemand meldet den Brand, Feuerwehr und Polizei rücken an, normales Procedere. Innerhalb von ein bis anderthalb Stunden ist der erste Zugriff abgeschlossen, Feuerwehr und Spurensicherung haben ihren Job gemacht, die Kripo rückt an und beginnt zu ermitteln. Darunter der eigens aus Aurich herbeigerufene Hauptkommissar Stahnke, Leiter des Fachkommissariats römisch eins. Und dann: Bäng.
»Wer hat den Brand gemeldet?«, fragte er.
»Anonymer Anrufer«, sagte Kramer.
Die beiden Ermittler schauten einander an. Sie arbeiteten seit vielen Jahren zusammen, mussten nicht mehr viele Worte machen. Was Kramer da angedeutet und Stahnke sich ausgemalt hatte, konnte so gewesen sein, musste es aber nicht. Absolut nicht. Nicht ohne irgendeinen konkreten Hinweis.
»Das Opfer ist Paul Hinderks«, sagte Stahnke. »Er hat von Beschimpfungen und Drohungen erzählt, ohne allerdings konkret zu werden. Da müssen wir ansetzen.«
Kramer nickte und zückte seinen Notizblock. »Ich habe mir die Rede zusammenfassen lassen, die er gestern auf der Maikundgebung gehalten hat«, berichtete er. »Schwerpunktthemen: Tarifflucht der Arbeitgeber, Niedriglöhne trotz guter Konjunktur, Lohndruck durch unterbezahlte Leiharbeit. Und die neue Rechte.«
»Die neue Rechte?« Das hatte Stahnke dem kleinen staubgrauen Gewerkschaftsbevollmächtigten gar nicht zugetraut. Auf den ersten Blick jedenfalls. Doch Hinderks hatte sich durchaus kampflustig präsentiert. Jetzt war er tot.
Kramer nickte. »Muss wohl ein Thema sein in den Gewerkschaften. Da fischen die Rechten nach Stimmen, haben auch schon einige Betriebsräte in der Hand. Das läuft über die Neidschiene: Den Migranten steckt der Staat alles in den Hintern, und ihr könnt euch kaum den Mallorca-Urlaub leisten! Das ist plump, verfängt aber. Immer mehr Arbeiter und Angestellte wechseln direkt von der SPD zu den Rechten. Also den ganz Rechten.«
Stahnke signalisierte, dass er noch mehr trinken wollte, und bekam das Mundstück des Bechers zwischen die Zähne geschoben. Das war damals in Weimar genauso, dachte er, während er gierig trank. Vielmehr in der Weimarer Republik. Damals liefen auch und gerade die Arbeiter, die zuvor Anhänger von SPD und KPD gewesen waren, in Scharen zu den Nazis über, ohne Umweg über gemäßigte Parteien. Weil die Nazis ihnen das Blaue vom Himmel versprachen, das Heil sozusagen. Und weil sie ihnen einen Sündenbock lieferten, der an allem schuld sein sollte. Praktisch, so musste sich niemand an die eigene Nase fassen.
Genug getrunken; er hob die flache Hand. »Die neuen Rechten also. Wo sollen wir da anfangen? Bei der AfD? Fraglich. Die meisten Rechtsnationalen heutzutage sollen doch gar nicht parteigebunden sein, mehr so freischwebend. Wie die Reichsbürger oder die Identitären. Tausende von Einzeltätern sozusagen.«
»Gut vernetzt sind die trotzdem«, sagte Kramer. »Das Einzeltätertum ist eine reine Schutzbehauptung. Wenn es drauf ankommt, halten die alle zusammen.« Der Oberkommissar stellte den Schnabelbecher weg. »Aber was heißt denn wir? Du bist verletzt, du bleibst schön in der Waagerechten. Es kommt sowieso Ersatz aus Aurich.«
Aurich. Da war doch noch etwas. Stahnke stemmte sich mit den Ellenbogen hoch. Die angebrochene Rippe schmerzte wie verrückt, aber je klarer er im Kopf wurde, desto besser ließ sich das aushalten, so widersinnig ihm das auch vorkam. Angebrochen war eben nicht gebrochen. Aber was war denn da bloß vorhin in Aurich gewesen?
»Ihre Fürsorge in allen Ehren, Herr Kramer«, hauchte die Geisterstimme aus dem Hintergrund, »aber Bettruhe tut für Ihren Vorgesetzten gar nicht not. Der bekommt gleich einen festen Druckverband, und dann kann er schon wieder auf zwei Beinen laufen. Aufrechter Gang auf Rezept. Lange Liegezeiten sieht das profitorientierte Krankenhauskonzept heutzutage sowieso nicht mehr vor. Ich sag gleich der Schwester Bescheid.« Schon schwebte Doktor Mergner aus dem Krankenzimmer.
Für einen Moment war es der sonst so stoische Kramer, der aus dem Konzept kam. Mit dieser Schützenhilfe für seinen Chef hatte er nicht gerechnet.
Bei Stahnke setzte im selben Augenblick die Erinnerung ein. Der schwarze Audi, der ihm die Vorfahrt genommen hatte! Der war nicht nur deutlich zu schnell gewesen, er hatte auch allerhand Aufkleber am Heck gehabt, von der Deutschlandfahne bis zum Totenkopf. Und auf der hinteren Scheibe den Schriftzug »Frei.Wild«.
Jetzt fiel ihm auch das Kennzeichen wieder ein. AUR – AH 818.
Stahnke holte langsam Luft, sodass der Schmerz erträglich blieb, und schwang die Beine aus dem Bett. »Ruf mal in der Inspektion an«, forderte er seinen Kollegen auf. »Wir benötigen eine Halterfeststellung.«
10.
Stahnke hatte auch früher oft geächzt, wenn er sich auf einen Stuhl niedergelassen hatte, einfach aus dem Gefühl heraus, mitteilen zu müssen, wie schwer er zu arbeiten hatte. Sonst würdigte das ja keiner. Diesmal ächzte er, weil es wehtat. Der Druckverband um seinen Brustkorb half, aber er wirkte keine Wunder.
»Ach ja, man hat es nicht leicht!«, kommentierte Nidal Ekinci frech von der anderen Seite des Konferenztisches. »Aber leicht hat’s einen!«
Dieser Witz war so alt, über den hatte schon Stahnkes Vater nicht mehr gelacht. Zu dem jungen Oberkommissar passte er überhaupt nicht. Genau das aber reizte Stahnkes Lachmuskeln. Komik entstand eben, wenn Dinge nicht zusammenpassten. Tatsächlich stahl sich ein Glucksen seine Kehle hoch, das seinen ganzen Oberkörper mitschwingen ließ. Im selben Augenblick durchzuckte ihn ein wütender, brüllender Schmerz. Ein wenig davon erreichte auch seine Stimmbänder.
Ekinci zog ein beleidigtes Gesicht. »Ist ja gut, Chef. Deswegen musst du mich nicht gleich anschreien.«
Kramer zeigte ein feines Lächeln; für ihn kam das einem Heiterkeitsausbruch gleich. Ein lustiger Gedanke, fand Stahnke. Schon ging es wieder los, erst das Glucksen, dann der Schmerz.
»Der Nächste, der mich zum Lachen bringt, bearbeitet ab morgen Fahrraddiebstähle!«, schnauzte der Hauptkommissar, sobald er wieder konnte. »Los jetzt. Was haben wir?«
Die versammelte Runde war überschaubar. Außer Stahnke, Kramer und Ekinci saßen nur Rieken und van Dieken mit am Tisch. Die beiden Graubärte versahen gewöhnlich Streifendienst in der Fußgängerzone und der Altstadt von Leer; Dedo de Beer, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, hatte die beiden persönlich zur Mordkommission abgeordnet, war aber selber nicht erschienen. Seine Intimfeindschaft mit Stahnke war allgemein bekannt. Inspektionsleiter Manninga war dauerhaft krankgeschrieben. Somit war Stahnke der Ranghöchste, und die Leitung, die er schon aus Gewohnheit beansprucht hätte, fiel ihm automatisch zu.
»Wir haben«, begann Kramer, »vor allem das LKA von der Backe. Die Kollegen aus Hannover haben uns umfassende Hilfe zugesagt in allem, was Technik und Laborarbeit betrifft, wollen sich aber nicht direkt einschalten.«
»Erstaunlich«, knurrte Stahnke. »Haben die das irgendwie begründet?«
»Sie werten die Tat nicht als politisch«, antwortete Kramer. »Carsten Fecht war zwar Landtagsabgeordneter, hatte jedoch kein Regierungsamt inne. Wegen der Vorgeschichte mit den beleidigenden E-Mails gehen die LKA-Kollegen von persönlichen Tatmotiven aus. Das wäre dann eher etwas für uns.«
»Nicht politisch?« Stahnke staunte. »Und was ist mit dem Anschlag auf das Gewerkschaftsbüro? Ganz zu schweigen von dem Brandanschlag in Aurich?«
»Davon«, sagte Kramer, »weiß das Landeskriminalamt überhaupt noch nichts. Genau genommen wissen wir auch noch nicht, ob es da einen Zusammenhang gibt.«
»Allerdings.« Stahnke schlug beide Handflächen auf den Tisch und bereute es sofort. »Dann kriegen wir das mal raus. Jetzt zäumen wir den Gaul ausnahmsweise von vorne auf. Berichte zum Mordfall Carsten Fecht! Kollege Ekinci, was ist mit der Ehefrau?«
»Hätte ein Motiv«, sagte Nidal Ekinci knapp. »Fühlte sich von ihrem Mann wiederholt betrogen, musste um das eigene, in die Ehe eingebrachte Vermögen fürchten. Will zur Tatzeit ihre kranke Mutter in Westerstede gepflegt haben. Das Alibi ist aber wackelig; die Mutter bekommt starke Medikamente, und Westerstede ist nicht weit weg. Stichwort Autobahn.«
»Bei Jelto Harms war ich selbst.« Stahnke rief sich das Gespräch mit dem Grundschulrektor und angehenden Parteigründer ins Gedächtnis; es schien lange zurückzuliegen. »Fechts Anwürfe gegen ihn waren existenzgefährdend, das gibt er freimütig zu. Auch, dass er sich mit Waffen auskennt. Und kein Alibi hat. Bestreitet die Tat natürlich. Kommt mir glaubwürdig vor, wir müssen ihn aber trotzdem im Blick behalten.« Er deutete auf Kramer: »Was hast du bei der Zeitung erreicht?«
»Redakteurin Mareike Feeken hat mir das Material über Carsten Fecht ausgehändigt«, sagte der Oberkommissar; auf die Umstände ging er nicht näher ein. »Interessante Details – vor allem, was den Charakter und die Motivlage von Fecht selbst angeht. Ein Politkarrierist, der über Leichen ging, bildlich gesprochen. Diesbezüglich war er gegenüber seinen Chatpartnern ganz offen. Vor allem er und Friedo Adams haben sich gegenseitig angestachelt und hochgeschaukelt. Aber auch mit Lars Noack und Christel Röben sind sehr deutliche Worte gefallen.«
»Christel Röben?«, fragte Stahnke verwundert. »Ich dachte, die gehört zu den Opfern? Sie ist von Fecht mit Machosprüchen traktiert worden, einfach weil sie eine Frau ist. Mit schlimmen Beleidigungen sogar. Auch, weil sie weiterhin eher linke Juso-Positionen vertritt und nicht den bequemen Weg über den rechten Seeheimer-Flügel gegangen ist. Im Gegensatz zu Fecht. Sagt sie selbst. Stimmt das so nicht?«
Kramer ließ seine flache Hand über dem Tisch hin und her wackeln. »Stimmt durchaus, ist aber nicht die ganze Wahrheit. Zuerst hat sie bei diesen Pöbel-Chats nämlich ganz hübsch mitgemischt, genau wie Lars Noack. Der hat irgendwann den Moralischen bekommen und sich distanziert. Frau Röben dagegen ist ihrerseits in die Schusslinie geraten und hat dann selbst ihr Fett weggekriegt.«
»Worum ging es dabei?«, fragte Ekinci.
»Um ihr Kernthema: Migranten«, sagte Kramer. Weder er noch sein kurdischstämmiger Kollege verzog eine Miene.
»Wen hat es denn noch erwischt? Oder kennen wir schon alle Chatopfer aus der Zeitung?«, fragte Stahnke.
»Ich bin noch auf zwei neue Namen gestoßen«, antwortete Kramer. »Da wäre einmal Birgit Hemken; sie ist mit 33 Jahren schon Fraktionsvorsitzende im Kreistag, sehr karriereorientiert; dadurch ist sie wohl in Fechts Visier geraten. Zum anderen Wilma Lünsdorf.«
Rieke Rieken, trotz vorgerückten Alters erst kürzlich zum Polizeikommissar befördert, hatte die Besprechung bis zu diesem Moment schweigend verfolgt. Jetzt stieß er seinen Kollegen Dirk van Dieken mit dem Ellbogen in die Seite und raunte ihm laut und vernehmlich zu: »Hast du gehört? Die dicke Wilma aus Jümme!« Van Dieken nickte; beide grinsten breit.
»Vielen Dank für den Anschauungsunterricht«, kommentierte Kramer trocken. »Ganz richtig, Wilma Lünsdorf, 47 Jahre, ist Bürgermeisterin der Samtgemeinde Jümme. Und sie hat Adipositas. Dennoch möchte sie in den Landtag und bemüht sich daher um einen aussichtsreichen Listenplatz.«
»Mit Erfolg«, sagte Ekinci, womöglich noch breiter grinsend als die beiden Graubärte: »Gerade ist sie um einen Platz nach oben gerückt. Durch Carstens Fechts Ableben. Noch ein paar solcher Volltreffer, dann könnte es klappen!«
»Wenn sie das nur rechtzeitig mitkriegt!«, rief van Dieken johlend. »Die Kugel ist doch ständig weg, zur Kur! Kein Wunder, kann vor lauter Fett kaum noch laufen.«
»Kollegen! Ich muss doch bitten.« Stahnke schlug mit der Hand auf den Tisch. »Wir wollen uns nicht auf dieses Niveau hinabbegeben. Schlimm genug, dass wir uns damit befassen müssen! Und keine faulen Witzchen, die Schuldzuweisungen enthalten, verstanden?« Er funkelte Ekinci an, der sich zerknirscht gab und die Augen niederschlug.
Anders Dirk van Dieken. »Aber Chef, das ist ermittlungsrelevant! Im Rathaus von Filsum lästern doch alle darüber, wie oft die Bürgermeisterin durch Krankheit, Kuren oder Reha ausfällt, teils monatelang, und wie viel Arbeit dadurch liegenbleibt! Und dann will diese Frau auch noch in den Landtag. Vermutlich, weil das Krankengeld dort höher ist! Ehrlich, dafür hat kein Mensch Verständnis.«
»Zur Kenntnis genommen.« Stahnke blickte Kramer auffordernd an: »Waren das jetzt alle? Oder kommen noch mehr Namen?«
»Das waren alle, die ich in dem Material von Frau Feeken finden konnte«, sagte Kramer.
Stahnke hörte die Zwischentöne. »So? War das Material womöglich nicht vollständig?«
»Frau Feeken sagt Ja.« Kramer formulierte gewohnt vorsichtig. »Nach erster Durchsicht kann ich das nicht widerlegen. Ich werde die Chatverläufe einer Kontinuitätsprüfung unterziehen, dann kann ich mehr dazu sagen. Vielleicht gelingt mir dabei ein Treffer.«
»Apropos.« Stahnke schnippte mit den Fingern. »Hat die KTU eigentlich mittlerweile das tödliche Geschoss gefunden? Inzwischen war doch wohl Tageslicht, sofern ich mich recht entsinne.« Er schaute Kramer auffordernd an.
Der Oberkommissar schüttelte bedauernd den Kopf. »Leider nein. Die Kollegen haben die mutmaßliche Flugbahn des Geschosses kalkuliert, so gut sie konnten, also Abschusshöhe, Ein- und Austritt am Schädel des Getöteten und dann die Verlängerung bis über die Straße – aber dort war beim besten Willen nichts zu finden. Die Variablen sind vermutlich zu groß.«
Ein Klopfen ertönte, kurz und fordernd. Weniger als eine Sekunde später flog die Tür auf. Eine nicht sehr große, kräftige und sportlich durchtrainierte Frau, die ihre dichten braunen Locken mit einem Zopfband im Nacken gebändigt hatte, rauschte herein. »Grüß Gott allerseits!«, rief sie strahlend in die Runde. »Ihr habt schon ohne mich angefangen? Gut so. Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.« Sie blickte sich suchend um, dann setzte sie sich auf einen freien Stuhl. Es war der Platz genau gegenüber von Stahnke.
Der Hauptkommissar hätte sich ohrfeigen können. Wie konnte er das vergessen haben, Bombe hin, angeknackste Rippe her! »Meine Herren, das ist Kollegin Annika Brühl. Hauptkommissarin. Wurde aus Hessen nach Leer versetzt, um uns zu unterstützen.«
»Mit einem kleinen Umweg über Aurich. Sozusagen Eingewöhnung unter Realbedingungen. Moin zusammen! Hallo, Nidal, schön, dass wir wieder einmal zusammenarbeiten.« Annika Brühl winkte Ekinci zu.
»Ach, ihr kennt euch?« Stahnke stellte Kramer, Rieken und van Dieken kurz vor. »Wir waren noch beim Zusammentragen. Seit gestern hat sich eine Menge getan. Seid ihr mit der Auricher Brandstiftung weitergekommen?«
»Dass es eine war, steht außer Frage«, erwiderte Annika Brühl. »Als Brandbeschleuniger wurde Benzin benutzt, Superbenzin von der Tanke, die Menge könnte dem Inhalt eines handelsüblichen Fünf-Liter-Ersatzkanisters entsprechen. Die Zünderkerze ist gewöhnliche Haushaltsware. Ebenso der gläserne Untersatz, auf dem die Kerze stand, fixiert mit Brennpaste. Das war übrigens kein Schälchen, sondern ein kleiner gläserner Aschenbecher.«
»Ein Aschenbecher.« Stahnke hatte selbst nie geraucht, aber die Veränderungen der letzten Jahre waren ihm nicht entgangen. »So was hat man eigentlich heute gar nicht mehr, oder?«
»Wieso? Aschenbecher stehen doch vor jedem Restaurant und jedem öffentlichen Gebäude«, widersprach Ekinci. »Und zu Hause auf unserer Terrasse haben wir auch einen.«
»Klar, draußen! Wer heute noch raucht, tut das zumeist unter freiem Himmel«, sagte Hauptkommissarin Brühl. »Unser Objekt aber war als Ascher für drinnen gedacht. Klein und flach, für draußen völlig ungeeignet. Diese Dinger sind wirklich selten geworden.« Sie nickte Stahnke bestätigend zu.
»Also vielleicht ein Raucher? Passt das auf einen unserer Verdächtigen?«, fragte der.
Annika Brühl schüttelte den Kopf. »Bisher haben wir nur die Mitglieder der Eigentümergemeinschaft des abgebrannten Hauses überprüft. Von denen raucht keiner. Und von denen war auch keiner zur fraglichen Zeit in Aurich – noch nicht einmal in Ostfriesland. Die haben alle ein Alibi.« Sie kramte in ihrer Jackentasche. »Es gibt da aber noch etwas anderes, worauf ich mir keinen Reim machen kann.« Sie zog ein transparentes Plastiktütchen hervor und hielt es in die Höhe.
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