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Peter Gerdes
Ebbe und Blut
Kriminalroman

Zum Autor
Peter Gerdes, geb. 1955, lebt in Leer (Ostfriesland). Studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Schreibt seit 1995 Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 leitet er das Festival »Ostfriesische Krimitage«. Seine Krimis wurden bereits für den niedersächsischen Literaturpreis »Das neue Buch« nominiert. Gerdes betreibt mit seiner Frau Heike das »Tatort Taraxacum« (Krimi-Buchhandlung, Veranstaltungen, Café und Weinstube) in Leer. Neuere Veröffentlichungen: »Ostfriesische Verhältnisse«, »Langeooger Serientester«, »Friesisches Inferno« und »Ostfriesen morden anders«.
www.petergerdes.com; www.tatort-taraxacum.de
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen im Leda-Verlag 2006)
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © jaromo/stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6478-2
Haftungsausschluss
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
1
Der bissige Ostwind jagte den Schneestaub in flachen Strudeln über die rissigen Betonplatten und ließ fransige Schleier um kleine, graue Trichter tanzen. Sieht aus, als ob die Straße kocht, dachte Toni Mensing. Behutsam steuerte er den alten Lieferwagen über den fleckigen Lichtteppich, den die Scheinwerfer auf dem schnurgeraden, welligen Wirtschaftsweg ausrollten. Wie weit noch? Bei dieser Dunkelheit war die Entfernung schwer zu schätzen.
Mensing fror. Er nahm die linke Hand vom Steuer, beugte sich hinunter, angelte den alten Schal aus der Werkzeugablage unter seinem Sitz und stopfte ihn in den Spalt zwischen Armaturenbrett und Fahrertür, durch den es wieder einmal erbärmlich zog. Jede einzelne Plattenfuge ließ die Tür in ihrem ausgeleierten Schloss scheppern, und das Knarren der nachwippenden Blattfedern mengte sich rhythmisch unter das Rasseln des Diesels.
Der alte Kapitän grinste herüber. Mit harten, hornigen Fingern kratzte er über die Schrammen des Handschuhfachdeckels und ergänzte die Fahrgeräusche des hinfälligen Lieferwagens um ein paar passende Wirbel. Melanie Mensing, die sich zwischen die beiden auf die Beifahrerbank des Ducato gequetscht hatte, begann mit suchenden Summtönen eine Melodie zu improvisieren.
Toni Mensing verlagerte sein Gewicht auf die letzten intakten Federn des durchgesessenen Fahrersitzes, der zur Türseite hin schräg abfiel. Es quietschte und kreischte disharmonisch. Die Melodie brach ab.
Vor ihnen auf der Straße bewegte sich etwas. Da stand der blaue Passat. Drei Türen wurden geöffnet, Fensterscheiben blitzten, drei Gestalten richteten sich auf, staksten unsicher im Scheinwerferlicht des näher kommenden Lieferwagens und hielten Handschuhe über die Augen. Toni Mensing ließ den Ducato ausrollen und schaltete das Licht aus. Einen Moment lang umgab sie massive Schwärze, dann stieß der Kapitän die Tür auf. Gleichzeitig mit der Innenbeleuchtung flammte draußen eine Taschenlampe auf. Sie stiegen aus.
Sie begrüßten sich schweigend, mit Handschlag, aber ohne die Handschuhe auszuziehen. Der eisige Wind fuhr ihnen unter die Pudelmützen und machte aus zehn Frostgraden gefühlte zwanzig. Es schneite immer noch leicht. Also keine Fußspuren, dachte Toni Mensing und tastete nach dem Arm seiner Frau. Melanie tänzelte unruhig. Ihre Steppjacken knautschten sich ineinander.
Die drei aus dem Passat gingen voran, überquerten den tiefen Abzugsgraben auf einer Plattenbrücke ohne Geländer, stapften bis zu einem hohen Weidetor. Sie trugen grüne Parkas, graue Fingerhandschuhe, Kapuzen über den Mützen, Hosenbeine in grünen Gummistiefeln. Alle drei sahen breit, füllig und entschlossen aus. Einer nach dem anderen stiegen sie über die glatten Torplanken, flink, geübt.
Der Kapitän kam als Nächster. Bis auf den Elbsegler, dessen eingeknickter Schirm aus seiner Kapuze lugte, war er genauso ausstaffiert wie die drei aus dem Passat. Er reichte etwas Längliches hinüber, ehe er loskletterte, ohne auf die helfend ausgestreckten Hände zu achten. Melanie Mensing, deren rote Jacke im Widerschein der abwärts gerichteten Taschenlampe glomm, packte die oberste Planke, drückte sich mit den Füßen ab und flankte elegant hinüber. Toni Mensing folgte vorsichtig, steif und ungelenk, ohne auch nur den Versuch zu machen, die flüssigen Bewegungen seiner Frau nachzuahmen. Dann sah er sich noch einmal um: kein anderes Licht weit und breit.
Die Weide war hart gefroren und bucklig. Sie fühlten, wie Gras und Schnee um ihre Füße raschelten, während ihnen der Wind in den Ohren heulte. Er war noch stärker geworden, dafür schneite es jetzt nicht mehr. Das diffuse, fahle Weiß des Schnees wurde plötzlich intensiver. Toni Mensing schaute hoch. Die Wolkendecke war aufgerissen. Und da stand das Ding.
Drei Arme langten in den Himmel, immer einer nach dem anderen, schienen nach den Sternen zu greifen, die plötzlich klar und hell und in überraschender Fülle zu sehen waren. Drei Sensen fahren zur Erde herab, schoss es Toni Mensing durch den Kopf: In steter Vergeblichkeit schlagen sie nach dem stoppeligen Weiß. Dann schüttelte er ärgerlich den Kopf und knurrte leise, wobei ihm der Wind durch die gebleckten Zähne fuhr. Warum drängten sich ihm nur immer solche Bilder auf, wenn er vor einer dieser Maschinen stand? Damals, als er sich in Brokdorf und Kleinensiel mit roboterartig ausstaffierten Polizisten geprügelt hatte, hatte er doch auch keine Reaktor-Lyrik abgesondert.
Allerdings war damals auch alles einfacher gewesen, klarer. Gut und Böse eben. Heute verliefen die Fronten anders, weniger eindeutig. Alles war viel verzwickter. Aber ein Fehler war doch immer ein Fehler, verdammt. Oder?
Er merkte, dass er stehen geblieben war, und stolperte den anderen hastig hinterher.
»Dreht ganz schöne Touren«, sagte der Kapitän, als sie nahe genug heran waren und die Köpfe zusammensteckten.
»Wenn uns das man nicht die Leine weghaut«, sagte der, der den Passat gefahren hatte. Er öffnete seinen Parka ein wenig und zog. Dicke Kettenglieder kamen zum Vorschein.
Der Kapitän winkte ab. »Da quäl ich mich nicht drum. Die Leine hält. Aber treffen ist das Problem.«
Das Ding in seiner Hand erinnerte an ein gestutztes Gewehr. Obendrauf steckte etwas Dickes, Zylindrisches. Eine dünne, orangefarbene Kunststoffleine hing herunter. Die verzinkte Kette schabte und rasselte beim Festknoten. Dann traten alle zurück. Der Kapitän zielte. Und drückte ab.
Der Zylinder war gut auszumachen, als er stieg und eine hyperbolische Kurve beschrieb, orange auf himmelschwarz. Der Scheitelpunkt der Kurve lag genau zweiundfünfzig Meter hoch, so hoch wie der Schaft der Windkraftanlage. Genau dort, von hinten und etwas seitlich traf die Kurve des Geschosses auf die Senkrechte, auf die Ebene des Rotors. Sie traf genau. Ganz genau. Zu genau – mitten auf ein Rotorblatt. Der Zylinder prallte zurück wie ein Tennisball nach einem präzisen Rückhand-Volley und taumelte zurück zur Erde.
Unten war Panik. Sie schrien, sie liefen durcheinander, ein paar Sekunden lang. Bis der Kapitän brüllte. Als alle wie angewurzelt standen, sprang Toni Mensing los, griff sich die Leine, schoss sie schnell und sorgfältig auf, klarierte sie für den nächsten Versuch. Als er fertig war und seine weggeworfenen Handschuhe suchte, zitterten seine Hände.
Inzwischen hatte der Kapitän den Stutzen neu geladen. Suchend und sichernd blickte er sich nach allen Seiten um. »Einmal noch«, sagte er.
Diesmal wartete er, bis eins der Rotorblätter vor dem Schaft verschwand und genau nach unten zeigte. Wieder ein Knall, wieder ein Pulverbausch, der im Nu zerstob. Wieder die orangefarbene Kurve. Diesmal eilte sie über das aufstrebende Blatt hinweg, dicht an der Nabe entlang. Das Rotorblatt schob sich unter das Seil, fing es auf, der fallende Zylinder ruckte hoch und wirbelte um das Blatt herum. Das Seil hing fest, der Rotor drehte sich weiter und wickelte die Leine auf, um die eigene Achse herum.
»Kette frei!«, schrie der Kapitän in den aufbrandenden Jubel hinein. Das Kettenstück glitt schon über den Schnee, wurde angehoben, pendelte, stieg. »Weg! Alle weg!«
Sie rannten, zurückschauend, strauchelnd, mit den Armen rudernd. Die Kette war oben, ehe sie die halbe Strecke zum Tor geschafft hatten.
Zu hören war nichts, der heulende Wind übertönte alles. Sie sahen, wie das Windrad langsamer wurde, als habe man es in Sirup getaucht. Wie es dann anhielt, plötzlich, mit einem deutlichen Ruck. Wie die Blätter zitterten. Wie ein Stück der Verkleidung von der Generator-Gondel abplatzte und davonflog. Und wie dann der Rotor herabstürzte. Senkrecht, einfach so. Wie das untere Rotorblatt in den harten Boden eindrang, zu einem Drittel verschwand, wie das ganze Rad dastand und im Griff des Windes federte. Wie es ihnen zunickte und mit einem Paar scharfer Hörner drohte.
Sie hasteten zu ihren Autos, warfen sich hinein, rasten in entgegengesetzten Richtungen davon. Die Sieger jubelten nicht. In ihren Augen stand blankes Entsetzen.
2
In den Sieben-Uhr-Nachrichten brachten sie noch kein Wort. Toni Mensing blieb im Wagen sitzen und wartete den Wetterbericht ab, um sich zu vergewissern. Durch die mühsam freigekratzte Scheibe musterte er kritisch die Fassade seines Geschäfts. Es hieß immer noch Öko-Laden, obwohl der Begriff »Öko« doch längst missbraucht und gründlich entwertet war. Von der hölzernen Tafel über dem breiten, beschlagenen Schaufenster blätterte schon wieder die Farbe, dabei hatte er sie letzten Herbst erst ausgebessert. Die schwarzen, bauchigen Buchstaben auf weißem Grund, flankiert von Graugans-Silhouette und Sonnenblume, sahen mehr denn je aus wie eine Kinderzeichnung auf einem Grünen-Plakat der frühen achtziger Jahre.
Seufzend stieg Mensing aus, der kaputte Sitz ächzte mit. Das weiße, eingeschmutzte Auto trug an den Seitenwänden den gleichen Schriftzug wie das Ladenschild, handbreit blank eingerahmt, dort, wo er letzte Nacht die Klebestreifenreste der Tarnabdeckung entfernt hatte. ›Jetzt muss ich die Scheißkarre auch noch waschen‹, dachte er grimmig, während er die mehrfach geschweißte Seitentür in ihren knirschenden Rollschienen nach hinten riss. Negative Dialektik des Schmutzes: Wenn’s irgendwo ein bisschen sauber ist, sieht alles andere gleich noch viel dreckiger aus. Am liebsten hätte er überhaupt kein Auto gehabt, aus Prinzip. Aber ohne ging es ja nun einmal nicht.
Er stellte die Kunststoffpaletten in den feinkörnigen Schnee vor der gläsernen Ladentür, die von innen dicht mit Plakaten, Flugblättern, Unterschriftenlisten, Mitfahrangeboten und Wohnungswünschen verhängt war, wuchtete die Milchkannen aus dem Auto, schloss dann auf und trug das Gemüse so schnell wie möglich aus dem Lieferwagen in den Verkaufsraum. Immer noch war es mindestens acht Grad unter Null. So kalt war es in Ostfriesland selten, und schon gar nicht wochenlang. Dieser Winter war noch kälter als sein auch schon grimmiger Vorgänger, und es hieß, er habe die Chance, als kältester seit 1969 in die Statistik einzugehen.
Jetzt allerdings hatte der Wind nachgelassen und man spürte die Kälte nicht so wie letzte Nacht.
Letzte Nacht. Er lächelte grimmig, als er die Kisten und Kannen hereinholte. Dann schloss er von innen ab.
Den Duft, den der Laden ausströmte, liebte er immer noch. Diese Grundierung aus Holz, Frucht und Erde, abwechselnd überlagert von frischem Brot, Teearoma, Kräutern, Milch und Käse oder Naturkosmetik. Jetzt gerade herrschte allerdings eine leicht modrige Note vor. Toni Mensing seufzte erneut und machte sich daran, die hölzernen Gemüsekisten durchzumustern.
Das Angebot an heimischem Obst und Gemüse war Anfang Februar naturgemäß dürftig. Daneben leuchteten Kiwis, Zitronen und Orangen in den Regalen. Importware, aus giftfreiem, naturnahem, kontrolliertem Anbau rund ums Mittelmeer. Jedenfalls hatte er sich angewöhnt, seinen Kunden das zu versichern. Zu kontrollieren war da natürlich überhaupt nichts. Und diese Transporte über Hunderte, Tausende von Kilometern, das war doch genau der Energie-Wahnsinn, den er bekämpfen wollte. Prinzipiell. Aber mit so einem Geschäft war es wie mit der Politik. Nach fünf Monaten damals war sein Prinzipienladen praktisch pleite gewesen, obwohl es doch in ganz Emden und Umgebung keine einschlägige Konkurrenz gab, und hatte nach Kompromissen verlangt. Kompromiss oder Pleite. So lief das nun seit Jahren.
Schon halb acht durch, und er musste noch das Brot holen. Er zog sich die Steppjacke wieder an, nahm Mütze, Handschuhe und Schal von der Heizung. Dann fiel ihm der Schnee wieder ein. Verdammte Räumpflicht. Er stopfte alles in die Jackentaschen und ging quer durch den Laden in den zweiten Verkaufsraum. Seit einem knappen Jahr wurden hier Schafwolle, giftfreie Farben, Flickenteppiche, Töpferwaren und dergleichen angeboten. Hinter dem Ladentisch war der Durchgang zum Innenhof, und dort stand der Besen. Als Toni Mensing das schmutzige Ding zurück durch die Geschäftsräume trug, ängstlich darauf bedacht, dass kein Tropfen auf die wachslasierten Dielen fiel, kam er sich wieder einmal schrecklich umständlich und unpraktisch vor. Obwohl er beim besten Willen nicht sagen konnte, wo der Besen denn sonst hätte stehen können.
Er fegte den Bürgersteig vor der Ladenfront bahnenweise frei, stieß den Besen im Vorwärtsgehen unnötig kraftvoll und ungeduldig nach links, immer zur Straße hin, wo die Autos inzwischen Stoßstange an Stoßstange vorbeikrochen. Beim Regenwasserrohr verlief die Grundstücksgrenze, das war leicht zu erkennen, weil der Nachbar das Schneefegen schon wieder früher besorgt hatte als er. Toni Mensing machte kehrt, fegte jetzt nach rechts, seine schmalhüftigen Einsneunzig leicht vorgebeugt. Wieder nahm er sich vor, endlich einen Besen mit längerem Stiel zu kaufen. Als er fertig war, konnte er sich nur mit Mühe aufrichten. Rund um den deformierten Lendenwirbel, der neulich auf den Röntgenbildern ausgesehen hatte wie ein abgetretener Stiefelabsatz, tat sein Rücken höllisch weh.
Eine Minute vor acht. Er rüttelte an der Ladentür, obwohl er genau wusste, dass er sie hinter sich abgeschlossen hatte, und stellte den Besen daneben. Dann stieg er in den Lieferwagen, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte das Radio an. Jetzt brachten sie es. »In der vergangenen Nacht hat sich von einer Windkraftanlage bei Visquard in der ostfriesischen Gemeinde Krummhörn der Rotor gelöst und ist zur Erde gestürzt. Verletzt wurde niemand. Nach Angaben eines Sprechers der Betreiberfirma kann die Schadenssumme noch nicht endgültig beziffert werden, es sei jedoch von einem Totalschaden an der 400 000 Euro teuren Anlage auszugehen. Auch die Ursachen des Unglücks sind noch unklar.«
Toni Mensing startete den Diesel. Unglück! Konnte es sein, dass die Bowindra die Sache vertuschte? Unsinn. Ein Unfall würde gegen ihr eigenes Produkt sprechen. Wahrscheinlich haben sie einfach noch nichts gemerkt. Kommt schon noch, dachte er und ließ den Wagen anrollen.
3
Melanie Mensing blickte dem Lieferwagen nach, der sich in die Autoschlange Richtung Innenstadt gequetscht hatte und jetzt nach und nach vom diesigen Morgengrau verwischt wurde. Sie verharrte in ihrer Haltung, auch als der eckige weiße Kasten schon lange nicht mehr zu sehen war, die linke Schulter an der weißen Raufasertapete, den linken Unterarm in die Beuge des rechten gelegt, zwei Finger ihrer schmalen rechten Hand an der Gardinenkante. Alles an ihr war schmal. Lang, schmal, hell und fein. Ihr ganzes Äußeres signalisierte Zerbrechlichkeit. Dass sie bis vor kurzem eine ziemlich erfolgreiche Leichtathletin gewesen war, Kreismeisterin im Hochsprung sogar, hatte daran nichts geändert.
Der wabernde Jaulton des Telefons ließ sie zusammenzucken. Sie trat einen Schritt zurück ins Zimmer, so ansatzlos, schnell und fließend, dass sich die Gardine einen Wimpernschlag lang schwerefrei zu bauschen schien, wie von einem Windstoß getragen, ehe sie in die Senkrechte pendelte. Melanie Mensings Körper, gerade noch völlig gelöst und ruhend, war von einem Moment auf den anderen von Unrast erfüllt, wirkte plötzlich angespannt und fluchtbereit. Ihre Eigenart, sich selbst beim Stillstehen in jedem bewussten Moment und scheinbar mit jedem Körperteil, mit jedem einzelnen Muskel zu bewegen, minimal nur, aber deutlich wahrnehmbar, hatte ihr früher in der Schule den Spitznamen »Vollblut« eingetragen, ein Name, der in einem merkwürdigen Gegensatz zu ihrer fast albinohaften Blässe stand. Seit der Geburt ihrer Kinder hatten sich die Signale der Ruhelosigkeit noch verstärkt.
Sie starrte über das schwarze Telefon hinweg auf die Kinderzeichnungen an der Wand, bewegte beim Zählen der Klingeltöne lautlos die Lippen: dreizehn, vierzehn. Stille. Hartnäckig, dachte sie. Ja, das ist er. Dann ging sie in die Küche, mit langen, unhörbaren Schritten auf dicken, grauen Socken, und begann den Frühstückstisch abzuräumen.
Die Zwillinge hatte sie schon in den Kindergarten gebracht, dort würden sie bis nach dem Mittagessen bleiben. Sie hatte also ein paar Stunden relativer Ruhe, bis gegen Mittag, dann wollte Toni im Laden abgelöst werden. Jetzt, da die Kinder schon vier Jahre alt waren, wurde manches leichter. In den ersten Jahren hatte sie oft gezweifelt, ob sie das aushalten konnte. Es war einfach eine Lüge, dass Frauen zu Müttern wurden, nur weil sie Kinder bekamen. Als sie damals das Ausmaß ihrer Hilflosigkeit erkannt hatte, war die Folge ein Entsetzen gewesen, das seither zwar verblasst war, aber unauslöschlich schien. Dass Tonis Mutter geholfen hatte und das auch heute noch tat, im Haushalt und mit den Zwillingen genauso wie im Laden, hatte sie vor dem Zusammenbruch bewahrt, die Situation aber nicht grundlegend verändert. Die ewige Angst zu versagen lag wie ein gusseiserner Deckel auf ihrer Liebe zu den Kindern. Und zu ihrem Mann.
Sie spülte gerade, als das Telefon erneut anschlug. Wieder klingelte es vierzehnmal, dann war Stille. Er ist fest und konstant, dachte sie. Aber auch berechenbar? Die feinen, blonden Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf. Für einen Augenblick wich der abwesende Ausdruck aus ihrem Gesicht. Sie tauchte die Hände ins heiße Wasser, aber die Gänsehaut blieb.
4
Rademaker schaltete herunter in den dritten Gang, scherte aus und beschleunigte. Hundertneunzig Pferdestärken rissen den BMW aus der freigefahrenen Spur, die breiten Vorderreifen trafen auf Schneeplacken, drehten durch, fanden wieder Asphalt und bissen sich fest, gerade rechtzeitig, um dem nachschleudernden Heck davonzueilen. Reent Rademaker murmelte leise vor sich hin, wie um ein scheuendes Pferd zu beruhigen. Aus den Augenwinkeln sah er gebleckte Zähne hinter dem Steuer des Überholten. Er grinste und stellte das Radio lauter. Neun Uhr, Nachrichten.
Das Windrad war jetzt die Top-Meldung: »Nach Aussage der Polizei ist die Zerstörung der Anlage eindeutig auf einen Sabotageakt zurückzuführen. Auskünfte dazu, wie der Bruch der Achswelle und damit der Absturz des Rotors verursacht worden ist, wurden nicht erteilt. Angaben zum Kreis der Tatverdächtigen lehnte die Polizei mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen ab.«
Das Autotelefon läutete. »Kornemann«, murmelte Rademaker und aktivierte die Freisprechanlage.
»Rademaker.«
»Kornemann. Schon gehört?«
»Gerade eben.« Rademaker machte den Rücken steif und bog die Schulterblätter nach hinten.
»So was gibt’s ja wohl nicht. Unglaubliche Schweinerei.«
»Ja, allerdings. Das sag man.« Rademaker nutzte das Vorspiel, um seine Stimme einzupegeln. Er wusste genau, worauf das hier hinauslief.
»Wer steckt dahinter? Ich muss das wissen. Kannst du das für mich rauskriegen?«
»Tja, das stell dir man nicht so einfach vor.« Rademaker zierte sich. »Wer sowas macht, der hält auch dicht.«
»Blödsinn. Wer sagt denn immer: Hier passiert nichts, wo ich nichts von weiß? Wer denn? Bläst dich auf, und kaum ist mal was, schon willst du kneifen.«
Rademaker zog den Kopf ein und rieb sich die rechte Ohrmuschel an der Schulter. Mann, ist der sauer, dachte er und staunte. Verliert ja richtig die Fassung. »Ich hör mich mal ’n bisschen um. Soll sich wohl alles finden, schätze ich«, versuchte er abzuwiegeln.
»Du gehst jetzt los und kriegst das raus, klar? Oder glaubst du, ich füttere dich für lau durch?« Kornemann war am Siedepunkt. Rademaker sah den Bauunternehmer direkt vor sich: Mitte vierzig, breitschultrig, unanständig blonde Locken, kräftige Hände mit dicken roten Fingern. Kornemann war gewöhnlich gerade so polterig, wie es sein beruflicher Umgang verlangte. Seine wirklichen Wutausbrüche waren selten und gefürchtet. Gerade jetzt schien sich einer anzubahnen.
»Alles klar. Werde alles anzapfen. Verlass dich auf mich.« Militärische Knappheit kam in solchen Fällen immer gut an, Rademaker wusste das aus Erfahrung. Trotzdem war er froh, als Kornemann auflegte. Grußlos. Der will ganz schnell Ergebnisse sehen, dachte er.
Dabei war diese Sache doch so besonders schwierig, weil die Fronten einfach nicht stimmten. Mit schwarz, rot, grün war da nichts zu wollen. Rademaker runzelte die solariumsgebräunte Stirn, über der er seit einiger Zeit ebenfalls blondierte Locken trug. Früher war das einfacher gewesen. Durchschaubarer. Als es darum gegangen war, wer die Munitionszüge auf ihrem Weg nach Emden blockieren könnte, da hatte er gleich gewusst, wo man suchen musste. Oder wer dafür in Frage kam, die Emsvertiefung zu sabotieren. Oder die Europipe, diese gewaltige Gasleitung mitten durchs Naturschutzgebiet.
Immerhin saß er jetzt schon zwanzig Jahre im Gemeinderat und fast genauso lange im Kreistag, erst für die SPD, dann für die CDU, mittlerweile für die WGO. Und auch im restlichen Ostfriesland passierte kaum etwas, ohne dass er rechtzeitig davon Wind bekam. Nein, das war nicht geprahlt, überhaupt nicht. Jetzt, im Nachhinein, trieben ihm Kornemanns Worte die Zornesröte ins Gesicht. Er gab Gas und überholte wieder.
»Radaumaker« hatten sie ihn früher genannt. Das war vorbei. Jetzt war er »ganz Diplomat«, so nannte er das selbst, mit allen gut Freund. Einer wie er wurde eingeladen. Zweiundfünfzig Jahre und Leiter des Grundbuchamtes. Geschätzt wegen seiner Geschicklichkeit in allem, was Mechanik und Motoren betraf. Geschieden. Sichere Basis und gesellschaftlich nach oben alles offen, dank Kornemann.
Aber der wollte eine Antwort. Wer ist gegen Windkraft, und zwar so, dass er zuschlägt? Tja, das war es eben. Die Naturschützer sollten dafür sein, von wegen saubere Energie. Aber viele von denen waren dagegen, weil die Windräder die Landschaft verschandelten und die Zugvögel bedrohten. Die Industrieverbände sollten dagegen sein, weil ihnen ins angestammte Geschäft gepfuscht wurde. Aber gerade in Ostfriesland boomte das Windrad-Geschäft, wurden florierende Firmen gegründet und Hunderte von Arbeitsplätzen geschaffen. Trotzdem konnte sich die Windkraft-Lobby nicht durchsetzen, weil die Tourismus-Lobby dagegen stand. Angeblich flohen die Touristen ja in Scharen, sobald sie nur ein Windrad zu Gesicht bekamen. Und die Tourismus-Industrie war mächtig in Ostfriesland. Und das war ja noch längst nicht alles. Je mehr man ins Detail ging, desto unübersichtlicher wurden die Frontverläufe. Viele Kleinbauern waren scharf darauf, so einen Quirl auf ihrem Land stehen zu haben und ein paar Hundert Euro Pacht monatlich einzusacken. Da hatte es viel Untergrundarbeit gegeben in den letzten Jahren, um an Baugenehmigungen zu kommen. Das wusste er ganz genau. Dass Neid und Rachsucht gute Motive waren, wusste er auch.
Etliche Landwirte mit mehr Klei an den Füßen, wie man so sagte, einflussreiche Großbauern darunter, hatten Windkraftanlagen in eigener Regie hochgezogen. Damit war es jetzt wohl vorbei. Der Trend ging zu größeren Parks mit fünfzig Anlagen und mehr, die natürlich von Großfirmen betrieben wurden. Zum Beispiel von Boelsen und seiner Bowindra. Wer da zu spät gekommen war, der konnte wohl neidisch werden. Und rachsüchtig.
Was die ganze Sache so lukrativ machte, war außerdem die Abnahmeverpflichtung. 8,7 Cent pro Kilowattstunde mussten die Energieversorger laut Gesetz an die Windrad-Betreiber zahlen, das waren fast viereinhalb Cent mehr, als der Strom aus anderen Kraftwerken kostete. Dabei würden knapp sieben Cent längst reichen, die technische Entwicklung war ja nicht zu stoppen, und die Windräder arbeiteten immer effektiver. Klar, dass die Versorger jetzt mit Strompreiserhöhungen drohten. Und damit war ja fast jeder Verbraucher ein potentieller Windrad-Gegner.
Rademaker dachte an all die Leute in Ostfriesland, die sich bis zum Hals verschuldet hatten für idiotisch große Häuser, im idiotischen Vertrauen darauf, dass sie auch im nächsten Jahr wieder genauso viele Überstunden machen und dass sie niemals krank werden würden. Tja, fleutjepiepen! Solchen Leuten könnte die Aussicht auf höhere Strompreise den Rest geben. Rademaker grinste. Früher hatte er selbst zu diesen Leuten gehört, heute hatte er sein Schäfchen im Trockenen.
Kornemann. Kornemann wollte Antworten. Rademaker nagte an seiner Unterlippe und gab Gas.
5
Ich bin übrigens ein sehr verschiedener Mensch«, sagte Ewald Thoben.
Lächeln tut er nicht, überlegte Nanno. Ich soll mir also etwas dabei denken. Er legte den Kopf in den Nacken und musterte den kräftigen Mann, der die Schwelle zum Alter erreicht hatte, sich aber eindeutig weigerte, sie zu überschreiten. Thobens kantiges Gesicht schien nur aus eingebrannten Falten zu bestehen, vor allem um die schmalen Augen herum. Ein Eindruck, der sich verstärkte, wenn der Kapitän lächelte.
Was er gerade jetzt aber nicht tat.
Nanno Taddigs kannte das Spielchen: Wer anders ist als die anderen und außerdem selbstbewusst, der provoziert. Dadurch erfährt er viel über sein Gegenüber, schnell und direkt. Zum Beispiel über seinen neuen Untermieter.
Nanno kannte natürlich auch die Gerüchte, die über Thoben in Umlauf waren. Ein Einzelgänger, kauzig, unberechenbar. Gefährlich sogar. Angeblich hatte er damals, als seine Frau gestorben war, auf den Notarztwagen geschossen. Der Doktor hätte keine Anzeige erstattet, weil ihm der Mann leid getan hatte, hieß es. Außerdem wurde erzählt, der Arzt sei ein Kurpfuscher, dem gehörte längst mal eins auf den Pelz gebrannt. Gut zwei Jahre war das nun her. Wenn’s denn so gewesen war.
»Genau genommen ist doch jeder verschieden«, sagte Nanno. »Doppelt verschieden sogar. Verschieden von allen anderen und verschieden von sich selbst. Niemand ist immer ganz derselbe.«
Thoben lächelte. »Seh’ ich auch so. Aber gut gesagt, Sie!« Er stand auf. »Dann will ich Ihnen mal die Butze zeigen.«
Nanno griff in die Räder, dirigierte sich hinter dem plüschdeckigen Esstisch hervor, gab Doppelschub und ließ seinen schmalen Sportrollstuhl schnell und exakt durch die aufgehaltene Tür sausen. Die Neunziggradkehre im Flur erzeugte ein leises Quietschen. Jeder hat so seine Methoden, dachte Nanno.
Falls der Kapitän von diesem Manöver beeindruckt war, so ließ er es sich nicht anmerken.
Von der Vorderküche, dem ostfriesischen Alltags-Esszimmer, ging es über den Flur, von dessen Wänden blau bemalte Kacheln leuchteten, Richtung Diele. Nirgendwo Türschwellen, registrierte Nanno. Und hinter der Tür, wo eigentlich die Diele hätte sein sollen, fing eine zweite Wohnung an. Komplett neu eingebaut oder höchstens ein paar Jahre alt. Extrabreite Türen. Nanno öffnete die erste rechts: ein Badezimmer mit sensationellen Abmessungen und allen Behinderten-Einrichtungen. Inklusive Wannenkran. Er kippte seinen Stuhl auf die Hinterräder, wirbelte herum und schaute den Kapitän an. Der wich seinem Blick aus. »Kommen Sie man mit nach achtern«, knurrte er und ging voraus ins Wohnzimmer. Zielsicher öffnete er eine Klappe der niedrigen Anrichte und griff nach deren einzigem Inhalt, einer grünlich schimmernden Flasche und zwei kleinen Gläsern.
Dass er den Kräuterschnaps ablehnte, nahm Thoben nicht krumm. Ein Punkt für ihn, dachte Nanno. Sein komplizierter Tagesablauf vertrug sich nun einmal nicht mit Alkohol. Und seine Selbstachtung auch nicht. Er konnte nicht begreifen, dass viele Fußgänger ihre Privilegien einfach wegwarfen, dass es Leute gab, die soffen und soffen, bis ihre gesunden Beine lahm waren. Er hatte sich geschworen, dass er das niemals begreifen würde, ganz egal, welche Rolle der Alkohol in seinem eigenen Früher gespielt hatte. Ein saufender Rolli machte sich selbst zum Säugling.
Der Kapitän trank, dann stellte er die Flasche unter den Tisch des kleinen Wohnzimmers, drehte das tulpenförmige Glas auf der Stelle und blickte hinein, während er erzählte. »Vor sechs Jahren ging das mit meiner Mutter los. War ja schon eine alte Frau. Da haben wir das alles bauen lassen, Platz war ja genug in der riesigen Diele. Damit sie klarkommt. Hier sollte eine Pflegerin wohnen können, falls meine Frau das nicht mehr schaffte. Wohnzimmer, Schlafzimmer, kleine Küche. Na, und eben das Bad. Aber vor drei Jahren ist Mutter dann gestorben.« Er schien nach der Flasche angeln zu wollen, legte seine linke Hand aber sofort wieder auf die Tischplatte und drehte weiter am Glas.
»Und dann ist meine Frau auch krank geworden, sofort hinterher. Musste auch in den Rollstuhl. Damals war ich ja schon zu Hause, bin nicht mehr gefahren. Ich wollte sie alleine pflegen. Da hab ich dann erst gemerkt, was das heißt, und wie das gewesen sein muss für sie, allein mit meiner Mutter, drei Jahre lang.« Er räusperte sich und richtete seinen Oberkörper auf. Seine Stimme klang wieder fester. »Vor zwei Jahren ist sie dann auch gestorben, ganz schnell. Und ich glaube heute noch, es hätte nicht sein müssen. Na ja. Erst wollte ich ja von dem ganzen Kram hier nichts mehr wissen. Vermieten sowieso nicht. Aber das ist natürlich Unsinn. Und als ich dann gehört habe, dass Sie suchen, hab ich gedacht, kannst ja mal was sagen.«
Nanno hatte Übung darin, Gefühle zu deuten. In den letzten sechs Jahren hatte er genügend falsche serviert bekommen. Er nickte: »Echt nett von Ihnen.«
Die Räume lagen rechts und links vom Flur, an dessen Ende eine breite Holztür in den Garten führte. »Da haben Sie Ihren eigenen Ausgang«, sagte Thoben. »Fester Plattenweg zur Auffahrt, da können Sie auch parken. Mein Wagen steht immer unterm Carport vorm Haus.«
Nanno mochte es, wenn auf diese Art über seine Bedürfnisse gesprochen wurde. Immerhin war seine Behinderung Fakt, und sein Alltag war an Bedingungen geknüpft.
»Die Tür nach drinnen wird natürlich dichtgemacht«, fügte der Kapitän hinzu. Daran hatte Nanno schon gar nicht mehr gedacht.
Die Zimmer schienen nach dem Ikea-Katalog möbliert zu sein. Alles in allem aber gut zu ertragen. Dort, neben der niedrigen Couch, konnte er seine Musikinstrumente aufhängen: Gitarre, Mandoline, Mandoloncello. Die Hängeschränke in der kleinen Küche, in die sein Stuhl gerade gut hineinpasste, waren natürlich unerreichbar, aber mit den unteren Stauräumen würde er leicht auskommen. Und es gab eine kleine Spülmaschine.
»Was soll’s denn kosten?«
Thoben zuckte die Achseln. »Zweihundert?«
Das war fast geschenkt, selbst wenn man bedachte, dass dies hier ein Fehndorf war und nicht die Innenstadt von Leer.
»Ich muss da nicht von leben«, sagte Thoben.
Scharfer Beobachter, dachte Nanno und nickte: »Alles klar von mir aus.« Er drückte die ausgestreckte Hand des Kapitäns und verkniff sich die Frage nach einem Mietvertrag, weil er sie unpassend fand.
Hinter dem Haus war eine großzügige Terrasse mit Sonnenschirmständer, abgedecktem Grill und dem unvermeidlichen Windschutz. Straße und Haus lagen etwa drei Meter höher als der Garten und der Hammrich dahinter. Nanno genoss den Ausblick.
»Wie weit geht denn Ihr Grundstück?«, fragte er, als ihm auffiel, dass es keinen Zaun gab.
»Bis da hinter dem Schuppen«, sagte Thoben.
Das war allerdings gewaltig. Dieser Wellblechschuppen im Nissenhütten-Stil, halbrohrförmig und an die vierzig Meter lang, war bestimmt zweihundertfünfzig Meter entfernt.
»Was ist denn da drin? Ackergeräte?«, fragte Nanno.
»Och, alter Kram.« Thoben winkte ab. Dann ging er in Richtung Auffahrt, Nanno folgte. Die Vollgummireifen schmatzten leise auf den feuchten Waschbetonplatten.
»Früher hatten wir ja noch viel mehr Land«, erzählte der Kapitän, als er neben Nannos Golf Position bezogen hatte, wohlüberlegte anderthalb Schritt von der Fahrertür entfernt. »Ich stamme ja aus einer reinen Bauernfamilie. Witzig, was? Aber das ist ja nun lange vorbei.«
Nanno lächelte, während er seinen Rollstuhl zur Beifahrertür lenkte. »Viele Leute denken, sie tun mir einen Gefallen, wenn sie beim Parken auf meiner Fahrerseite besonders viel Abstand halten«, sagte er. »Dabei brauche ich den Platz auf der anderen Seite. Sonst könnte das ja mit dem Stuhl gar nicht klappen.«
Er hatte die rechte Tür geöffnet, den Rollstuhl neben den Beifahrersitz rangiert und die Räder blockiert. Jetzt stemmte er seinen Körper hoch, setzte sich auf die linke Seitenlehne des Stuhls, stützte den linken Arm auf den Autositz, drückte und schwang sich hinein. Nanno war jung, kräftig, schlank und geübt, daher hatte das Manöver eine gewisse Eleganz. Seine schlaffen dünnen Beine zog er mit den Händen nach, einzeln und vorsichtig. Es war unglaublich, wie schnell man sich an diesen leblosen Anhängseln verletzen konnte. Dann rutschte er weiter zur Mitte und bugsierte die Beine in den Fußraum auf der Fahrerseite. Als er saß, beugte er sich zurück, löste die Sitzsperren des Rollstuhls, klappte ihn zusammen, zog ihn hinein und stellte ihn vor den Beifahrersitz.
Der Kapitän klopfte zum Abschied aufs Dach: »Dann man bis morgen!«
Nanno grüßte mit dem Kopf zurück. Seine Hände brauchte er zum Fahren. Bis zur Durchgangsstraße ging es ein paar hundert Meter geradeaus. Im Radio begannen gerade die Elf-Uhr-Nachrichten. Immer noch nichts Neues über das Windrad-Attentat, nur das übliche Geschwätz von ein paar schrecklich empörten Politikern. Nanno schüttelte den Kopf. Als er an der Ecke kurz anhielt, sah er im Rückspiegel, dass auch Thoben in seinen Wagen stieg.
6
Mittlerweile war der Plattenweg an beiden Enden abgesperrt, trotzdem herrschte eine Völkerwanderung wie sonst nur am Emsdeich bei den Passagen der tiefgehenden Kreuzfahrt-Riesen aus Papenburg. Da pflegten viele Gaffer nach einer Katastrophe zu lechzen, hier war sie bereits eingetreten. Natürlich kam niemand durch das bewachte Weidetor, trotzdem standen die Menschen zu Hunderten um den kahlen, schlanken Stumpf und den sachte wippenden Rotor herum. Trampelpfade im dünnen Schnee der Nachbarweiden wiesen Nachzüglern den Weg zu den Löchern im Stacheldraht. Jetzt am Mittag war der Zustrom noch einmal angeschwollen. Dennoch versuchte niemand, in den sauber abgezirkelten Kreis vorzudringen, in dessen Zentrum die Spurensicherung gerade zusammenpackte. Die Leute, die dem Sog eines imposanten Unglücks nachgaben, hatten ein sicheres Gespür dafür, bei welcher Distanz mit Abwehrmaßnahmen zu rechnen war. So blieb das Gleichgewicht gewahrt, Polizei und Publikum schienen sich nicht umeinander zu kümmern.
Reinhold Boelsen stapfte eine Zickzacklinie nach der anderen in den auch hier schon längst zertrampelten Schnee. Die Hände hielt er hinter dem kerzengeraden Rücken verschränkt, den Blick seitlich an seine demolierte B-340 K geheftet. Seine schwarzen Halbschuhe waren durchnässt, sein heller, viel zu dünner Trenchcoat knatterte ihm um die Beine. Der beherrschende Ausdruck in seinem langen, durch die breite Stirn und das spitze Kinn dreieckig wirkenden Gesicht war Verständnislosigkeit. Aufgerissene Augen und ein gelegentliches Kopfschütteln zeugten von Lücken in seiner sonst so verlässlichen Selbstkontrolle.
Er bemerkte Kornemann erst, als der ihm in den Weg trat. Einen Moment lang standen sie Brust an Brust, Kornemann musste zu dem deutlich längeren und mit seinen siebenunddreißig Jahren auch deutlich jüngeren Ingenieur und Geschäftsführer aufschauen. Das passt ihm nicht, aber es macht ihm auch nichts aus, dachte Boelsen automatisch. Dann hob er die Konfrontation auf, indem er einen halben Schritt zurücktrat und sich dem Stumpf zuwandte. Jetzt standen sie Seite an Seite.
»Haben sie dir das Ding gezeigt?«, fragte Kornemann.
Boelsen nickte. »Nylonbändsel und Kette. Welle blockiert und mit der Schwungmasse des eigenen Rotors gesprengt. Clever.« Er klemmte seine eiskalten Hände in die Achselhöhlen. »Wäre beim 345er aber schon nicht mehr gegangen, wegen der neuen Verkleidung. Dieser ringförmige Abweiser – da hätte sich der ganze Krempel höchstens außen drumgewickelt. Vermutlich aber wäre die Wurfleine gleich abgerutscht. So gesehen, haben die Burschen Glück gehabt.«
Kornemann schnaubte durch die Nase. »Von wegen Wurfleine. Das Ding ist da hochgeschossen worden, ganz professionell. Und so ein Abweiser hätte die Mühle auch nicht gerettet. Sowie die Kette am Flügel hängt, ist doch eine Unwucht da, und der ganze Apparat ist im Handumdrehen Schrott.« Er stellte den Kragen seines Ledermantels hoch und stopfte die Enden des Schals hinein. Natürlich trägt er Handschuhe, dachte Boelsen. Und natürlich hat er Recht. Er kombiniert ja immer logisch. Und immer verdammt schnell.
Die Polizei rückte ab, die Einsatzleiter verabschiedeten sich per Handschlag, zuerst und beflissen bei Kornemann, dann, eher flüchtig und mit Kondolenzmiene, bei Boelsen.
»Dass die was finden, darauf brauchen wir nicht zu warten«, sagte Kornemann, ohne Rücksicht darauf, wie weit der Wind seine Worte trug. »Müssen wir schon selbst sehen, dass wir zu was kommen. Die sollen das jedenfalls kein zweites Mal machen.«
»Kennst du denn jemanden, der zu so etwas imstande wäre?«
Kornemanns Blick ließ Boelsens Ohren glühen. »Wo lebst du denn, Menschenskind? Die Leute hier sind nicht zimperlich, das müsstest du doch auch schon mitgekriegt haben. Wenn’s ums Prinzip geht, dann gilt Gewalt gegen Sachen hierzulande nicht viel, ganz egal, ob die Sache nun hundert Euro kostet oder eine Million. Und wer diese Prinzipienreiter sind, das weiß ich genau.«
Boelsen schüttelte den Kopf. »Alles etablierte Leute, die meisten sind doch Geschäftsleute oder Beamte.« Die führenden Windkraft-Gegner hatte er in den letzten Jahren bei den verschiedensten Anlässen getroffen und kennen gelernt. Jetzt ließ er ihre Gesichter Revue passieren. Ausgeschlossen. »Die setzen doch nicht so einfach ihre Existenz aufs Spiel.«
»Das kapierst du nicht.« Kornemanns Urteil klang unanfechtbar und vernichtend, und Boelsen, der schon seit über fünfzehn Jahren in Leer wohnte, kam sich für einen Moment wieder so fremd vor wie damals, ganz zu Anfang. »Überleg lieber, wer so was überhaupt kann. Ein paar Grundkenntnisse der Physik braucht man ja wohl dazu, oder?«
»Weiß nicht.« Was ganz ist, muss kaputt, was hoch ist, muss runter, was sich dreht, muss gestoppt werden – die Grundregeln des Demolierens stellte Boelsen sich nicht sonderlich anspruchsvoll vor. »Frag doch mal, wer an so ein Leinenschießgerät herankommen könnte, so ein Ding, wie heißt das eigentlich genau?«
»Keinen Schimmer.« Kornemann schüttelte unwillig den Kopf. »Aber gesehen habe ich so etwas schon. Die Dinger gibt’s auf den Seenotrettungskreuzern, aber auch auf Schleppern. Die geben so ihre Schleppleinen rüber. Dünne Leine zum anderen Schiff schießen, dickere Leine nachholen, und dann so weiter, bis die Trosse kommt.«
»Bei der Marine machen die das auch.« Boelsen erinnerte sich an einen Werbefilm: Zerstörer und Versorger üben Materialübergabe auf See. »Quellen gibt es also. Und jetzt? Alle Soldaten und Seeleute filzen?«
Flapsigkeit ließ sich Kornemann nur gefallen, wenn er den Ton selbst vorgab. Sogar Boelsen hatte sich an diese Regel zu halten. Dass er sie gerade gebrochen hatte, ohne es zu wollen, ließ ihn schlagartig erkennen, wie verstört er war. Erschrocken blinzelnd beobachtete er Kornemann aus den Augenwinkeln, aber der reagierte gar nicht.
»Vergiss die Jäger nicht«, sagte er stattdessen.
»Was hat denn das jetzt mit der Jagd zu tun?«, fragte Boelsen, lebhaft und für den Augenblick erleichtert.
»Jäger interessieren sich grundsätzlich für alles, was schießt. Kannst ja mal einen Jäger nach Signalwaffen fragen, oder meinetwegen nach einem Leinenschießgerät. Wetten, die kennen sich aus? Und die kommen an alles heran.«
Kornemann war Jäger, das wusste jeder. »Einer von deinen Grünröcken also? Ich dachte, ihr wärt so eine verschworene Gemeinschaft.« Wieder hätte sich Boelsen am liebsten auf die Zunge gebissen.
Kornemann schaute geradeaus. »Sind wir auch, aber in punkto Windkraft gibt es einen Riss. Quer durch.«
Der Menschenring um den schlanken Torso hatte sich inzwischen aufgelöst, die Menge flanierte jetzt ziellos, wie auf einem Rummelplatz. An den Rändern war schon eine deutliche Absetzbewegung zu erkennen.
Kornemann schlug Boelsen kurz mit dem Handrücken an die Brust. »Ich ruf dich an«, sagte er. Dann marschierte er los und war nach wenigen Schritten im Gewimmel untergetaucht.
7
Auch Eilert Iwwerks verlor Kornemann schnell aus den Augen. Als er zurückblickte, war Reinhold Boelsen ebenfalls nirgends mehr zu entdecken. Also wandte er sich wieder seinem eigenen Gefolge zu.
Zwölf waren es diesmal, lauter Männer, die ihn von beiden Seiten bedrängten. Iwwerks strich sich über die graue Bartkrause und zupfte am Reißverschluss seiner Lammfelljacke, bis sein dunkelblaues Fischerhemd gut zu sehen war. Wieder hatte er den Spruch vom Menschenfischer Simon Petrus auf der Zungenspitze, diesmal aber verkniff er ihn sich. Die Leute erwarteten etwas anderes von ihm, eine Entscheidungshilfe, eine Bewertung. Und er wollte die Leute nicht enttäuschen.
Iwwerks wusste genau, dass er in Wirklichkeit kein Volkstribun war, aber er hasste diesen Gedanken, weil er es so sehr liebte, in dieser Rolle geliebt zu werden. Er liebte das große Wort und beherrschte es, er wusste genau, was mehrheitsfähig war und wann Opposition mit Sympathie belohnt wurde. Eigentlich war Iwwerks keinen Deut anders als die vielen, die niemandem Böses, Gutes aber vor allem sich selbst wollten. Das aber förderte seine Popularität eher noch, denn alles andere hätten seine Bewunderer als unnormal empfunden.
Bewunderung in großem Maßstab war seine Droge, und wie viele Abhängige war auch er eher zufällig darauf gestoßen. In den sechziger Jahren war er, der damals noch junge Greetsieler Fischer, gegen die Pläne der Holländer, ungeklärte Abwässer in den Dollart zu leiten, Sturm gelaufen. Alle seine Kollegen hatten um ihre Fänge gefürchtet, er hatte den Mund aufgemacht: »Duum drup op de Smeerpijp!« Umweltschutz aus ökonomischen Gründen – das war etwas Neues gewesen, das hatte ihm plötzlich Beifall aus den verschiedensten Ecken von linksökologisch bis nationalistisch eingebracht. Eine Ur-Erfahrung.
»Fischer schmiedet Koalition quer durch alle Lager«, hatte eine Zeitung getitelt. Das war seitdem sein Markenzeichen. Das und sein Fischerhemd.
Eigentlich war er längst kein Fischer mehr. Seine beiden Kutter fuhren mit angeheuerten Besatzungen, und sie fischten auch nicht richtig, sondern fuhren Hobbyangler zu den Fischgründen. Das war zuverlässig einträglich, zumal die Kuttergäste überwiegend in seinen eigenen Pensionen und Hotels geworben wurden. Iwwerks hatte geerbt, Land vor allem, hatte gut dosiert verkauft und klug investiert. Sehr klug sogar. Sein Sinn für das Angesagte erstreckte sich eben auch aufs Geschäft. Kaum jemand wusste, wie reich er inzwischen wirklich war.
Aber jetzt wurde es Zeit. Seine Korona wollte etwas hören. Der Schwarm bestand aus Zufallsguckern und war doch typisch: Jagdfreunde vom Hegering, weitläufige Nachbarn, Gastwirte, Umweltschützer. Die meisten erklärte Windkraftgegner, die Iwwerks auf ihrer Seite wussten. Schließlich hatte er als pflichtbewusster Fremdenverkehrsgewerbler doch oft genug gegen den Verbrauch der einmaligen Küstenlandschaft gewettert, und bei mancher Protestaktion hatte er in der vordersten Reihe gestanden. Dort, wo man nicht übersehen wird.
Kontrovers war nicht die Stoßrichtung dieser neuen Aktion, kontrovers war der Sabotageakt selbst. Fünf der zwölf Männer sprachen sich offen und vehement dafür aus, fünf andere, die weit bedächtiger auftraten, eher dagegen. Nur die Buurmann-Brüder, zwei junge Landwirte aus Cirkwehrum, wetterten lauthals gegen »diesen Schweinkram«. In Cirkwehrum war ein großer Windpark in Planung, und die Buurmanns hatten Land an der richtigen Stelle. Jeder wusste das. Die Aussicht auf persönlichen Profit war eben ein Argument wie jedes andere auch.
»Ich will euch mal was sagen.« Iwwerks brauchte seine Stimme kaum zu heben, die Diskussion war sofort wie abgeschnitten. Gewöhnlich genoss er diesen Moment, in dem alle Blicke erwartungsvoll auf ihm ruhten, genoss die Vorfreude auf seine Droge, den kleinen Rest prickelnder Unsicherheit, ob er wohl wieder den Punkt treffen würde. Diesmal aber war es anders. Ganz anders. Und er musste höllisch aufpassen, dass keinem das auffiel.
»Ihr wisst, wie ich zu diesen Windmühlen stehe«, sagte er. »Und ihr wisst auch, wie wütend ich auf die Politiker bin, die uns immer mehr davon hinstellen. Ich kann jeden verstehen, der sich darüber aufregt. Und ich kann auch jeden verstehen, der seinen Ratsvertretern, die so was beschließen, ’ne Fuhre Mist vor die Tür kippt.« Jetzt erhob er seine Stimme, rief in das aufbrandende Gelächter hinein: »Aber das hier ist was anderes. Hier stecken Werte drin, Investitionen, da hängen Arbeitsplätze dran. Das kann man doch nicht einfach in Klump hauen.«
Augen wurden aufgerissen, Münder zum Protest geöffnet. Schnell sprach er weiter: »Wenn einer mit so was durchkommt, dann ist das, als ob ein Deich bricht. Und dann muss manch einer von uns damit rechnen, dass ihm der Laden angesteckt wird.«
Das saß. Viele Pensionsbetreiber, egal ob haupt- oder nebenberuflich, hatten ihre Gebäude in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgestockt und erweitert, ohne sich übermäßig mit den Bauvorschriften abzugeben. Streit und Anzeigen hatte es reichlich gegeben, aber nie mehr als ein Bußgeld. Der Gedanke an aktive, an handfeste Kritik per Sabotage ließ alle schaudern.
Der Kreis zerstreute sich. Iwwerks spürte die Seitenblicke. Keine Droge heute. Er musste die Sache endlich ins Reine bringen, so viel war klar. Dieser Spagat war nicht mehr lange durchzuhalten.
Nachbar Ihne Kröger blieb noch einen Augenblick an seiner Seite. »Was macht denn deine Tjalk?«, fragte er. »Kommst du voran mit dem Ausbau?«
»Kein Stück.« Iwwerks seufzte. »Liegt ja immer noch in Emden, im Jarssumer Hafen. Was soll ich da schon schaffen?« In Greetsiel besaß er eine Halle, die auch geheizt werden konnte. »Aber solange alles zugefroren ist, kann ich das Boot ja nicht holen. Kaum zu glauben, so viel Eis haben wir seit Jahrzehnten nicht mehr gehabt.«
Iwwerks hatte sich das zwölf Meter lange Holzschiff selbst zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt. Die Substanz war gut, der Zustand zwar nicht original, aber die entstellenden Umbauten hielten sich in Grenzen. Mit etwas Zeit und Geld ließ sich bestimmt ein Schmuckstück daraus machen. Und Zeit und Geld hatte er ja genug.
»Kannst du’s denn nicht mit dem Trailer holen?«
»Hör bloß auf! Dreizehneinhalb Tonnen Gewicht und vier Meter Breite, da brauche ich doch ’nen Schwertransporter mit Sondergenehmigung und Polizeibegleitung. Nee, nee. Außerdem« – er blieb stehen, schob beide Hände in die Jackentaschen und streckte den Bauch vor – »außerdem dauert das keine zwei Wochen mehr, dann taut es rapide. In drei Wochen ist das Eis weg, und dann fahre ich das Schiff alleine rüber. Sollst mal sehen.«
Kröger schaute den Wetterpropheten bewundernd an, ehe er sich verabschiedete.
Iwwerks atmete tief durch.
8
Die Autobahn zwischen Emden und Leer war zwar schon seit längerer Zeit lückenlos fertig, aber Boelsen benutzte sie nicht. Das tat er nie. Längere Strecken legte er mit der Bahn zurück, notfalls mit dem Flugzeug. Seinen Urlaub verbrachte er ohnehin auf dem Wasser, entweder auf einem gecharterten Segelboot irgendwo in der Ägäis oder auf der Aeolus, seinem Dreizehnmeter-Motorkreuzer, irgendwo in den hiesigen Revieren, auf den Flüssen Ems und Weser oder zwischen den Inseln.
Aeolus, der Herr der Winde – den Namen hatte er natürlich bewusst gewählt, und er passte zu ihm wie zu seiner Profession. Besser als das stählerne Schiff selbst mit seinen beiden großvolumigen Dieselmotoren. Irgendwann würde er sich eine Segelyacht zulegen, eine, deren Segel so geschnitten waren, dass er sie auch alleine beherrschen konnte. Herr der Winde. Aber vorerst brauchte er die alte Aeolus noch, denn sie diente auch als schwimmende Tagungsstätte für Geschäftspartner und potentielle Kunden. Mancher Vertrag, der zwischen Bürowänden auf Widerstände stieß, kam an der frischen Seeluft problemlos zur Unterschrift.
Sein Diesel-Golf fuhr mit Rapsöl, und er benutzte ihn fast ausschließlich im Nahbereich, zwischen seinem Haus in Leer-Loga, seiner Firma in Wiesmoor und den Anlagen und Baustellen überall in Ostfriesland. Wenn es in Diskussionen mit Umweltschützern um die Drosselung des individuellen Energieverbrauchs ging, führte er sich gern selbst als Beispiel an. »Wo es Wege zur Einsparung gibt, da müssen wir sie nutzen, und wo es diese Wege noch nicht gibt, da müssen wir sie schaffen.« Boelsen nickte gedankenverloren. Für ihn gab es keine Kluft zwischen Überzeugung und Geschäft. Er gönnte sich eine kleine Dosis Selbstzufriedenheit.
In Oldersum, wo die Bundesstraße direkt am Innentor der Schleuse vorbeiführte, nahm er Fahrt weg und schaute durch das Brückengeländer auf den Ems-Seitenkanal hinunter. Weiter hinten spielten Kinder auf dem Eis, das so dick war wie selten. Mehrere kleinere Yachten ragten aus der weißen Fläche, eine davon war steuerbords bis zum Gangbord weggesackt, vermutlich vom Eisdruck beschädigt und vollgelaufen. Boelsens eigenes Schiff stand sicher an Land, im Winterlager. Er wusste genau, was ihn diese Aktion gekostet hatte, trotz aller Beziehungen, und verbot sich daher jede Schadenfreude. Die Überholungsarbeiten waren beendet; sobald das Eis weg war, sollte die Aeolus wieder ins Wasser, so schnell wie möglich.
Noch aber war das Eis da, und darum beneidete er die Kinder: Schöfeln gehörte zu den ostfriesischen Grundsportarten. Boelsen hatte sich vor Jahren schon Schlittschuhe gekauft, in den letzten Wintern aber hatte es nie lange genug gefroren; entweder hatte er gerade keine Zeit gehabt, wenn das Eis freigegeben wurde, oder aber die Flächen waren so voll gewesen, dass er sich geniert hatte, sich vor so vielen Könnern als Anfänger bloßzustellen. Als vor einiger Zeit Pläne bekannt geworden waren, in Leer eine monströse Eishalle zu bauen, hatte auch er zu den Begeisterten gehört. Und jetzt dieser Winter. Ein Hohn. Aber auch ein interessantes Projekt, diese Eishalle, obwohl sie vermutlich nie realisiert werden würde. Ehrgeizig. Natürlich nicht so ehrgeizig wie seine eigenen Pläne. Seine Bowindra – »Boelsens windbetriebene Rotor-Anlagen« – war drauf und dran, ihren ersten wirklich bedeutenden Coup im Ausland zu landen, und zwar nicht irgendwo, sondern in den USA. Am liebsten hätte er sich die Hände gerieben. Zweihundert Anlagen auf einen Streich, das war ein Ding. Wenn das klappte, dann war ein gewaltiger Markt erschlossen. Gerade zur rechten Zeit, denn in Deutschland wurde die Konkurrenz stärker, und auch die Dänen schliefen nicht. Und warum sollte das nicht klappen? An ihm sollte es jedenfalls nicht liegen.
Kurz hinter Terborg bog er auf die Straße direkt unterm Deich ein. Für ihn als Logaer verlief die zwar eigentlich zu weit westlich, aber er wollte lieber den Mittagstrubel in Neermoor und die Käuferkolonnen beim Emspark vermeiden. Außerdem fuhr er gern dicht an der Ems entlang, auch wenn der Fluss hier gänzlich hinter dem hochragenden Deich verborgen war. Aber er wusste ja, dass der Fluss da war, und das war schließlich die Hauptsache.
Beim Sautelersiel nahm er wieder Gas weg, begutachtete den zugefrorenen Vorfluter. Es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass er selbst für seine Verhältnisse zu bummelig fuhr. Boelsen streckte sich hinterm Steuer und gab Gas.
Den Schlag spürte er zuerst im Lenkrad. Hinter ihm knallte es, der Wagen zuckte leicht nach rechts. Boelsen glaubte, Schneegriesel an seinem Hinterkopf zu fühlen. Dann brauste es eisig herein. Er nahm den Fuß vom Gaspedal und fasste sich in den Nacken. Als der Wagen ausgerollt war, zog er die Handbremse mit der linken Hand an. Die rechte war blutig.
Er schaltete die Warnblinker ein und stieg aus, taumelte, hielt sich an der Dachkante fest. Zwei Autos fuhren vorbei, Boelsen registrierte missbilligende Blicke.
Die hintere Seitenscheibe seines Golfs war weg, Glassplitter bedeckten die Rückbank, einige steckten in der Kopfstütze. Wieder griff er sich an Kopf und Hals und zuckte zurück. Schmerz und Schock kamen gleichzeitig. Er lehnte die Unterarme an die Dachkante, legte seine Stirn darauf, drückte die zitternden Knie durch und atmete tief, bis sich der Schwindel legte.
Als er die Augen wieder öffnete, sah er die kleinen, runden Löcher im Seitenblech unter der gähnenden Fensterhöhle. Schrot, dachte er. Kornemann hätte das gleich gesehen. Dann überlief es ihn heiß. Er schaute zurück, drehte sich um, einmal ganz um die eigene Achse. Da war niemand. Oder? Auf der anderen Straßenseite waren Weiden, davor ein Graben, Büsche, krumme Bäume. Weiter hinten ein Haus, eine Einmündung. Die Straße kannte er, ein geschlängelter Betonplattenweg, der führte quer durch den Hammrich zur Bundesstraße, da hatte er auch schon Grundstücke inspiziert.
Ob der Schütze da gestanden hatte? Ob er da immer noch stand? Dann sieht er jetzt, dass ich noch lebe, dachte Boelsen. Er stieg ein, startete und fuhr los. Als er seine klebrige Hand vom Griff der Bremse löste, wurde ihm übel.
9
Der Kulturspeicher hatte nicht ausgereicht, bei weitem nicht. Also hatte man die Veranstaltung in die Turnhalle des Ubbo-Emmius-Gymnasiums verlegt, und auch die platzte fast aus den Nähten. Drei- bis vierhundert Leute, schätzte Sina Gersema. Im Schätzen war sie geübt, drei Jahre Lokaljournalismus hatten Früchte getragen. Der kleinere Teil der Leute hockte auf den Holzbänken vor dem Podium wie die Vögel auf der Stange, die weitaus meisten standen dahinter. Noch ging es nicht los, man unterhielt sich gruppenweise. Die allgemeine Erregung ließ die Halle brausen und dröhnen.
Die Diskussionsveranstaltung war schon vor Wochen angesetzt worden. Wie viel Windkraft braucht das Land? – Podiumsdiskussion mit Vertretern der Parteien und Interessengruppen. Kulturprogramm: Nanno Taddigs (Lieder und Lyrik). Veranstalter: Initiative für Ostfriesland (IFO).
Zwei bis drei Dutzend Leute höchstens, dachte Sina, mehr wären niemals gekommen. Trotz Nanno. Wenn das nicht gerade heute passiert wäre.
Wie fast alle anderen auch hatte sie aus dem Radio davon erfahren, im Auto, auf dem Weg zu ihrer Mutter, die jetzt ganz allein in Leer lebte. Erst der Sabotageakt an der Windkraftanlage in der Krummhörn, dann das Attentat auf Boelsen. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Die vom Radio offenbar auch nicht. Kein Wort von den schematisierten Täter-Vermutungen, die sonst so leichthändig geäußert wurden. Politisch gibt das überhaupt keinen Sinn, hatte Sina überlegt. Ihre Neugier war stetig gewachsen und hatte sie schließlich hergetrieben. Wie wohl alle anderen auch. Dass sie außerdem ein bisschen gespannt auf Nanno war, wunderte sie selbst. Sie blickte sich um. Hier in Leer, an genau dieser Schule, hatte sie vor sieben Jahren Abitur gemacht, in dieser Halle hatte sie ihre Turnstunden absolviert. Alles hier war noch so wie früher, selbst die Flecken im ausgebesserten Putz neben und über der Heizung waren immer noch nicht übergestrichen. Sina lächelte. Und das linke Geräteraum-Tor schloss auch nicht richtig, genau wie früher. Wenn man sich mit der Schulter dranlehnte, wich es zurück, die untere Torkante schwang aus und schlug einem Knöchel und Waden grün und blau. Da, gerade war es wieder passiert. Sina sah den Mann auf einem Bein hüpfen und wandte sich schnell ab, weil sie ihr Grinsen selbst etwas unpassend fand.
Sie schlängelte sich durch das Gewühl, suchte nach bekannten Gesichtern, grüßte ehemalige Lehrer. Direkt vor ihr wurde erregt diskutiert, wollige Pulloverrücken bildeten eine Barriere. Eine schmale, ungeduldig tänzelnde Gestalt löste sich aus dem Kreis, der sich augenblicklich wieder schloss, drehte sich mit vor der Brust verschränkten Armen einmal um sich selbst, blickte wie abwesend über die Köpfe.
Sina strahlte, als sie die Hände ausstreckte: »He, Melli!«
Sie umarmten sich wie früher, als sie in der Oberstufe Tischnachbarinnen gewesen waren: leicht, ohne Druck, eher knochig als fleischig. Sina erinnerte sich noch gut daran, wie sie Melanie jahrelang hofiert, wie sie um ihre Gunst gebuhlt hatte, wie stolz sie gewesen war, als sie endlich neben ihr hatte sitzen dürfen. Freundlich, aber distanziert hatte Melanie auf ihre Herzlichkeit reagiert. Sina hatte diese Ungleichheit in ihrer damaligen Beziehung schnell erkannt, eigentlich von Anfang an. Böse aber war sie Melanie bis heute nicht, auch wenn es in den letzten Jahren praktisch keinen Kontakt mehr zwischen ihnen gegeben hatte. Gräfin Melli hatte sich anhimmeln lassen und die Vorzüge solcher Verehrung gern genossen, aber nie missbraucht. Auch eine Art von Fairness.
Verändert hatte sie sich kaum, sah mit sechsundzwanzig eher noch schöner aus als früher, beinahe unwirklich, fand Sina. Melanie überragte Sinas einsfünfundsechzig um eine gute Spanne, ihr weißblondes, langes Haar umrahmte ein schmales Gesicht, das immer noch völlig frei von Make-up war. Ihre betont rustikale Kleidung – grauweißer Wollpullover, hellblaue Jeans, schwarze Schnürschuhe – ließ sie aristokratischer denn je wirken. Sogar ihr Lächeln sieht huldvoll aus, dachte Sina. Mit ihrer dunkelbraunen Antiklederhose, ihrer Seidenbluse, der Fransenweste und der leichten Rottönung in ihren schulterlangen feinen, kastanienbraunen Haaren kam sie sich unpassend aufgezäumt vor. Warum nur klammert sich der Mensch an Idole, wenn deren Gegenwart doch nur die eigenen Selbstwertmängel ins Licht zerrt? Lust an der Qual? Und wenn schon. Damals hatte sie das nicht so empfunden, und heute stand sie darüber.
Für ihre Verhältnisse war Melanie richtig aufgekratzt, ihre sonst fast weißen Wangen waren leicht gerötet wie von einem Spaziergang im Winterwind. Sina hatte von ihren Problemen mit dem Laden gehört und von den Sorgen um die Kinder, die zwar angeblich hochbegabt, aber schwierig und häufig krank waren. Melli musste unter einem wahnsinnigen Druck stehen. Aber heute war von all dem nichts zu spüren.
»Bist du beruflich hier? Als Journalistin? Extra wegen dieser Sache?« Melanie schien Sinas Kopfschütteln zu übersehen. »Aus ganz Ostfriesland sind Leute gekommen. Ich bin ja mal gespannt, was jetzt passiert. Könnte ein Wendepunkt sein, was die Windkraftnutzung betrifft. Auf jeden Fall können die ja nicht so weiterwursteln wie bisher, sonst eskaliert das hier endgültig.«
»Du bist gegen Windkraft?« Sina war völlig perplex. »Vom Umweltstandpunkt her sind Sonne und Wind zur Energieerzeugung doch das einzig Wahre, dachte ich immer. Hast du das Lager gewechselt, oder was?«
»Überhaupt nicht.« Melanies Gesichtsausdruck wechselte vom Hoheitsvollen ins Missionarische. »Theoretisch stimmt das ja, was du sagst, aber was hier praktisch läuft, ist eine völlig andere Sache. Was uns als Nutzung der Windkraft verkauft wird, ist doch in Wirklichkeit eine Strategie, um sie zu diskreditieren.« Mit Sinas sichtbarem Unverständnis hatte sie eindeutig gerechnet. »Erinnerst du dich noch an Growian? Diese einflügelige Experimental-Anlage. In dieses Projekt wurden damals Millionen an Steuergeldern reingepumpt. Hat natürlich nie richtig funktioniert, logisch. Damit hat man die Forschung jahrelang aufgehalten, verstehst du? Absichtlich! Um zu beweisen, dass Windkraft nichts bringt, während überall die Atomkraftwerke hochgezogen wurden. Ein Flügel! Dabei gibt es Mehrflügler seit Jahrhunderten. Ist das nicht eindeutig?«
Sina hatte von Growian gehört. Dieser Zusammenhang war ihr neu, er klang nicht unlogisch, wenn auch etwas zu einfach. »Aber die modernen Anlagen haben doch drei Flügel, oder? Und sie funktionieren.«
»Sicher.« Melanie blieb geduldig, auf ihre altbekannte Art, die ein wenig verletzend wirkte, ohne dass sich dieser Eindruck zum Vorwurf hätte verdichten lassen. »Aber solange diese Dinger einzeln oder in kleinen Gruppen wahllos überall aufgestellt werden, sind sie für die allgemeine Stromversorgung ohne echte Bedeutung. Sie verschandeln nur die Landschaft und bedrohen die Tiere. Außerdem ist der Strom überteuert und muss von der gesamten Bevölkerung bezahlt werden. Da entsteht Unmut, eine unheimlich breite Ablehnung, verstehst du? Und die richtet sich natürlich gegen die Windkraft selbst. Das meine ich mit diskreditieren. Gerade hier in Ostfriesland ist das besonders drastisch. Wenn dieser Unfug nicht schnellstens abgestellt wird, dann ist die Windkraftnutzung hierzulande unten durch, und zwar auf Jahrzehnte hinaus.«
Einen Moment lang hatte Sina die Vision einer heiligen Melanie mit Brustpanzer, Krempenhelm und Breitschwert, mehr Karikatur als Idol. Konnte es sein, dass Melanie, einst eine Verfechterin der Gewaltfreiheit, die beiden Attentate befürwortete? Sina spürte, wie ihre Augenbrauen aufeinander zukrochen und dabei ihre Stirnhaut zu einer steilen Doppelfalte zusammenschoben.
»Dieser Anschlag auf Boelsen war absolut hinterhältig. Heimtückisch. Furchtbar. Dabei ist der doch nur einer, der die Situation ausnutzt. Kein wirklicher Verursacher.« Ganz offensichtlich war Melanie immer noch eine exzellente Beobachterin. Da hätte ich sie auch gleich fragen können, dachte Sina. Die Frage nach Melanies Einstellung zu Gewalt gegen Sachen aber sparte sie sich für einen späteren Zeitpunkt auf.
Das bislang ziellose Getümmel begann sich plötzlich auszurichten, so wie sich Eisenspäne formieren, wenn sich ein Magnet nähert. Alles schaute zum Eingang. Dort nahm das Gewühl erst zu, dann bildete sich eine Gasse, durch die jetzt Eilert Iwwerks samt Gefolge Richtung Podium schritt. Einige Schritte dahinter gingen Kornemann und Boelsen. Als Dreifach-Magnet betraten sie die Bühne. Langsam rückte die Menge vor, die Gespräche erstarben für einen Moment, setzten aber gedämpft wieder ein, als sich herausstellte, dass vorerst noch an der Mikrophonanlage gebastelt wurde.
Boelsen schien nicht ernsthaft verletzt zu sein; nur hinten an seinem Hals, unterhalb des Haaransatzes, waren Pflaster zu erahnen. »Der neben ihm ist Kornemann«, raunte Melanie. »Dem gehören wesentlich mehr Bowindra-Anteile als Boelsen selbst. Ich glaube, das wissen die wenigsten. Sonst …« Sie wurden angerempelt, Melanie sorgte mit einem Blick für Distanz. Der Satz blieb unvollendet.
»Boelsen hält angeblich nur fünf Prozent, dabei ist er der Firmengründer und der Fachmann«, fuhr Melanie fort. »Aber Kornemann ist eben der Mann mit dem Kapital. Boelsen hätte seinerzeit nicht einmal die Patentgebühren aus eigener Tasche zahlen können.«
»Kornemann – das ist doch dieser Tiefbau-Mensch? Der schon mit vierundzwanzig das große Geschäft geerbt hat?« Sina erinnerte sich dunkel an ein Zeitungs-Porträt. Überschrift: »Dynamik und Durchsetzungskraft«
Melanie nickte. »Und er hat’s noch gewaltig ausgebaut. Ein echtes Energiebündel, ziemlich gefürchtet wegen seiner Rücksichtslosigkeit. Inzwischen gehört ihm noch viel mehr. Kiesgruben sowieso, jede Menge Bauerwartungsland, Reedereianteile und wer weiß was sonst noch. Na, und die halbe Bowindra außerdem.«
Macht fünfundfünfzig Prozent, rechnete Sina automatisch: »Und der Rest?«
»Der gehört einer gewissen Hoka-Invest. Aber wer da nun dahinter steckt, das weiß ich auch nicht.« Immerhin war das, was sie wusste, eine ganze Menge, fand Sina.
Hunderte von Händen zuckten hoch zu Hunderten von Ohren, als eine letzte, besonders heftige Rückkopplung durch die Halle peitschte. Dann ging es endlich los. Der Diskussionsleiter, Sinas ehemaliger Physiklehrer, der sich vor lauter Aufregung vorzustellen vergaß, verkündete die erwartete Abweichung vom geplanten Ablauf: Information über die Vorfälle des Tages, Stand der Ermittlungen, danach offene Diskussion, »und dann sehen wir weiter.«
Kein Wort von Nanno, registrierte Sina. Sie hätte gern mal gehört, was der heute so dichtete und sang. Seit der Schulzeit hatte sie ihn völlig aus den Augen verloren, noch gründlicher als Melanie Mensing. Dabei hatte sie einmal mächtig für ihn geschwärmt. Aber dass Lieder und Gedichte unter diesen Umständen wohl nicht ganz ins Programm passen würden, sah sie natürlich ein.
Kornemann trat vor, griff sich das Mikrophon mit der Linken, ohne hinzusehen, und legte los, ohne Anrede und Begrüßung, aber zu Sinas Überraschung sehr sachlich. Seine Stimme klang tief, fest und befehlsgewohnt, unaufdringlich selbstsicher. Die Menge lauschte fast atemlos. »Laut vorläufigem Untersuchungsbericht der Polizei wurde die Tat zwischen Mitternacht und etwa fünf Uhr dreißig morgens begangen, beteiligt waren fünf bis zehn Personen, die mit mindestens zwei Pkw zum Tatort gefahren waren …«
Sina fühlte Melanies Arm an ihrem und konnte spüren, wie sie erst erstarrte und dann stärker als gewöhnlich zu beben begann. Ihr Gesicht war wieder bleich, stellte Sina mit einem Seitenblick fest. Aber das war es ja meistens. Ihrer Schönheit tat das keinen Abbruch, eher im Gegenteil.
Kornemann sprach jetzt von der vermutlichen Schadenshöhe, vom Stromproduktionsausfall und von der geschätzten Dauer bis zur Errichtung einer Ersatzanlage. Das Attentat selbst hatte er offenbar übersprungen.
Vor der Bühne wurde Unmut laut. »Wor hebbt se dat denn nu maakt?«, rief jemand. Aufmunternde Zurufe ertönten. Offenbar interessierte es eine Menge Leute, wie man solch einen Rotor herunterholen konnte.
»Details der Tat nenne ich wohlweislich nicht«, sagte Kornemann. »Ich teile ganz die Auffassung der Polizei, dass irgendwelche Sympathisanten nicht auch noch zur Nachahmung angeregt werden sollen.« Der Blick seiner dunklen Augen hatte den Zwischenrufer ausgemacht und gepackt. Lider und Gesichtszüge blieben unbewegt, lediglich die Brauen schienen sich ein wenig gesenkt zu haben. Die Rufe verstummten. Sina spürte Melanies Ellbogen. Sie hatte wieder die Arme verschränkt.
Kornemann trat zur Seite und gab das Mikro weiter an Boelsen. Beifall brandete auf. Fast alle klatschten, auch Melanie, stellte Sina fest. Dieser Boelsen, von dem bei aller zur Schau getragenen Überkorrektheit auch ein Rest jungenhafter Ausstrahlung ausging, wirkte tatsächlich nicht unsympathisch. Sina hatte in ihrer eigenen Zeitung schon mehrmals über ihn gelesen, hatte seine Vorstellung von ökonomisch orientierter Ökologie zwar nicht unbedingt überzeugend, aber doch glaubwürdig gefunden. Klar, dass jeder, der nicht ganz und gar im anderen Lager stand, von ihm angetan war. Und auch dieses andere Lager klatschte. Wenn der Anschlag auf Boelsen ein politisch motivierter war, dann entpuppte er sich spätestens hier als Bumerang, überlegte Sina.
Boelsen schilderte das Attentat knapp und undramatisch. »Der Schrotschuss traf das linke hintere Seitenfenster meines Wagens, meine Verletzungen rühren ausschließlich von den Glassplittern her.« Fehlgegangener Mordanschlag, gezielte Warnung oder verirrter Schuss eines Jägers – Boelsen ließ es offen, sparte sich jede Schuldzuweisung und kassierte damit weitere Pluspunkte auf der Gegenseite.
Diesen Kredit löste er sofort ein, indem er ein Plädoyer für die Windkraft anschloss: »Der heutige Tag hat wieder einmal gezeigt, wie viel Überzeugungsarbeit noch zu leisten ist. Wir werden uns nicht irremachen lassen, wir werden unseren Weg weitergehen, weil wir wissen, wohin er führt, und weil wir wissen, dass wir genau dorthin wollen.«
Niemand unterbrach ihn, niemand pfiff, der Schlussapplaus war fast so laut wie die Begrüßung. Clever, dachte Sina.
Acht Personen hatten inzwischen an den zusammengeschobenen Resopaltischen hinten auf dem knapp achtzig Zentimeter hohen Podium Platz genommen, sieben Männer und eine Frau. Niemand rührte sich, als Boelsen sich umschaute und die Hand mit dem Mikrophon anbietend zur Seite reckte. Kornemann fuhr herum, ungehalten von einem Augenblick zum anderen. Fordernd zuckte seine linke Hand hoch. Da gab sich Iwwerks einen Ruck.
Er hatte sich gestylt wie immer zu solchen Anlässen. Die Bartkrause hatte er sorgfältig nach vorn gekämmt, die Elbseglermütze aufbehalten; das dunkelblaue Fischerhemd mit den dünnen weißen Streifen spannte sich leicht über seinem Bauch. Zur schwarzen Manchesterhose trug er seine neuen, hinten geschlossenen Clogs, in denen er sich noch nicht ganz sicher fühlte. Daher fiel sein Gang noch seemännisch-rollender aus als gewöhnlich.
»Was hat der denn vor? Ein Shanty singen?«, entfuhr es Sina, als Iwwerks zum Mikro griff. Mehrere der Umstehenden drehten sich nach ihr um und lachten. Melanie lachte nicht.
Der Radau brach auf der rechten Flanke los, kaum dass Iwwerks den Mund geöffnet hatte. »Hol doch dien Muul, du Dööskopp!«, ertönte eine heisere, aber überraschend laute Männerstimme. Die weiteren Zurufe waren nicht mehr zu verstehen, sie flossen ineinander wie Bronzebäche, die zusammen eine Glocke erzeugten. Eine aus Gebrüll, die Iwwerks’ Worte vollständig zudeckte. Sina stellte sich auf die Zehenspitzen und sah geballte Fäuste, geschwungen von Männern, die ganz ähnlich, wenn auch nicht so perfekt ausstaffiert waren wie der verhinderte Redner.
»Die Guntsieter Fischer!« Melanie schrie ihr direkt ins Ohr. In der Halle wurde es immer lauter; einige stimmten in den Fischer-Chor ein, andere brüllten dagegen an. Die Spaltung, die Boelsen so geschickt übertüncht hatte, war schlagartig wieder da.
»Was haben die denn gegen den?«, schrie Sina zurück.
»Die ostfriesischen Fischer hatten alle zusammen gegen die Emsvertiefung geklagt. Dann hat die Werft, die als Einzige von der Vertiefung profitiert, den Guntsietern neue Kutter versprochen, und da haben die ihre Klage zurückgezogen.« Melanie stützte sich auf Sinas Schulter. Mehr und mehr geriet die Menge in Bewegung. Es knuffte und schubste von allen Seiten. »Iwwerks war stinksauer und hat mächtig auf die anderen geschimpft. Die haben geantwortet, er sei ja gar kein Fischer mehr, sie aber müssten schließlich vom Fischfang leben, also solle Iwwerks sich da raushalten. Und dann hat Iwwerks sie in einem Interview als Verräter bezeichnet. Vor ein paar Tagen erst.«
Klar, dachte Sina. Die Fischer haben nur auf die nächste Chance gewartet, um sich Iwwerks öffentlich vorzuknöpfen. Und haben voll ins Wesennest gestochen.
Das Getöse nahm immer noch zu. Irgendwo schrillte eine Trillerpfeife, gleich darauf stimmten andere ein. Offenbar waren nicht nur die Fischer mit festen Krawall-Absichten hergekommen. Durch einen Wald von gereckten Armen und fuchtelnden Fäusten sah Sina ihren Physiklehrer mit dem Mikrophon, hörte drei, vier beschwörende Worte, dann war der Ton weg. Das Podium wurde fluchtartig geräumt, die Leute rannten zum Hinterausgang. Kornemann, Boelsen und Iwwerks waren schon nirgends mehr zu sehen. Ein Teil der Menge drängte nach vorn, der andere nach links, zum Hauptportal.
»Nichts wie raus«, schrie Sina. Jetzt begriff sie, was es bedeutete, das eigene Wort nicht verstehen zu können. Eine neue Erfahrung, dachte sie, während sie sich hinter Melanie her zum Ausgang kämpfte.
Etwas Hartes krachte gegen ihre Knie. Sie stoppte, wurde weitergeschoben, taumelte, kämpfte um ihr Gleichgewicht, klammerte sich an irgendwelchen Armen fest. Vor und unter ihr saß Nanno in seinem Stuhl. Sie schaute direkt in seine grauen Augen. Der Schmerz verging, als er lächelte. Was er sagte, konnte sie nicht hören. Er drehte sich nach vorn, seine Arme stießen auf die Räder hinab. In seinem Kielwasser passierte sie das Nadelöhr.
Draußen blieben sie erst hinter den Parkplätzen stehen. Sina spürte den Schweiß am ganzen Körper und fror plötzlich. Ihre Jacke hatte sie im Auto gelassen.
»Frostkötel«, spottete Nanno, als sie sich in ihre eigenen Arme zu wickeln versuchte. »Hast dich wirklich kaum verändert.«
Aber du, dachte sie. Ihre Zähne begannen zu klappern, und sie öffnete die Lippen, damit er es hörte.
Er lächelte zurück.
10
»Bitter Lemon, wie immer?«
»Genau.« Nanno nickte der Bedienung, die gerade den überflüssigen Stuhl mit routiniertem Schwung an den Nachbartisch geschlenzt hatte, freundlich zu. Hier im Taraxacum scheint er ja gut bekannt zu sein, dachte Sina und bestellte sich einen Bordeaux. In dem ziemlich voll besetzten Café, das in der Leeraner Altstadt hinter einem altertümlich anmutenden Buchladen lag und nach Ladenschluss nur durch eine schmale Seitengasse zu erreichen war, wurde ihr schnell wieder warm. Musik von Sting rieselte aus den Lautsprechern, gerade laut genug, um vom allgemeinen Stimmengewirr nicht verweht zu werden. Viele waren von der Turnhallen-Veranstaltung direkt hierher gekommen; entsprechend lebhaft war die Unterhaltung.
Unterwegs hatte Sina Gelegenheit gehabt, ihre Gedanken und Gefühle zu sortieren. Sicher, irgendwer hatte ihr seinerzeit erzählt von dem Motorradunfall, und dass Nanno »wohl etwas zurückbehalten« würde. Aber damals hatte sie so viele andere Dinge im Kopf gehabt, und irgendein anderer Junge – sie dachte von ihren Ex-Liebhabern nur als von »Jungen« – hatte das Bild des von ihr leidend, weil ohne echte Hoffnung angeschmachteten Nanno zum Verblassen gebracht. Der mit dem geheimnisvollen Blick, vom anderen Gymnasium, ein paar Klassen älter – Backfischkram. Sie hatte beruhigt registriert, dass er mit dem Leben davongekommen war, und angenommen, alles andere würde schon wieder werden.
Kein Gedanke an Rollstuhl.
Die Getränke kamen schnell, noch ehe ihr Gespräch in diesem schweren Geläuf Fuß gefasst hatte. Sie strahlte Nanno an, wohl etwas zu heftig, denn er lächelte nur nachsichtig zurück, und das tat weh. Sina senkte den Blick in ihr Weinglas. Der funkelnde Bordeaux war dunkel, fast schwarz.
Dann fing er einfach an zu erzählen, berichtete knapp von dem Unfall – ein Trecker mit abgesenktem Frontlader, er hatte keine Chance gehabt – und von der Zeit danach. In Andeutungen nur, ohne so mitleidheischend ins Detail zu gehen, wie Sina das von ihrer Mutter kannte. Sie ahnte auch so, was für eine harte Zeit das gewesen sein musste mit Krankenhaus, Reha-Kliniken und unzähligen Therapiestunden. Eine verdammt lange Zeit.
»Mir war klar, dass ich mich entschließen musste«, sagte er dann. »Jeder Rolli hat seinen Entschluss gefasst, das weiß ich inzwischen. Du hast die Wahl zwischen einem langen Tod und einem neuen Leben. Ich habe mich für das Leben entschieden.« Sein Unterkiefer war hart, als er das sagte, wie von einer großen Anstrengung. Seine Wangen waren hohl und straff, und seine Augen glitzerten. Dann lächelte er wieder.
Sina weinte, kramte nach einem Papiertaschentuch, sagte: »Entschuldige bitte.«
»Diesmal ja«, sagte er. »Aber mach’s dir nicht zur Gewohnheit.«
Sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. »Und wo lebst du jetzt? Und was machst du?« Was man eben so fragte unter alten Freunden, nach so langer Zeit.
Nanno erzählte, dass er sich eben erst wieder in Ostfriesland niedergelassen hatte. »Auch ein Stück mehr Unabhängigkeit, weißt du. Bis vor kurzem war ich noch auf die Großstadt angewiesen, wegen der vielen Fachärzte und Einrichtungen, die ich so brauchte. Jetzt kann ich schon wieder auf dem Dorf leben, wie andere ganz normale Menschen auch.«
»Und da bist du so scharf drauf?«
»Mal ’ne Weile gucken.« Er zuckte die Achseln. »Weißt du, in gewisser Weise habe ich ja auch Vorteile. Die Waisenrente, die Versicherung – ich bin einigermaßen versorgt. Und kümmern muss ich mich nur um mich selbst.«
Sina spähte durch die gesenkten Wimpern, versuchte herauszubekommen, ob das jetzt sarkastisch gemeint gewesen war, konnte aber keine Anzeichen dafür entdecken. Was nichts heißen musste.
»Also wohne ich jetzt auf dem Fehn, als Untermieter beim alten Kapitän Thoben. Starker Typ irgendwie.« Nanno erzählte von seinem Glücksgriff und ein bisschen von der ganz persönlichen Tragödie seines neuen Hauswirts. »Auf alle Fälle ist es da draußen sehr ruhig, da lässt es sich bestimmt prima schreiben.«
Richtig, die Lyrik. »Kann mich nicht erinnern, schon mal etwas von dir gelesen zu haben«, sagte Sina. »Ich war ganz gespannt, aber heute ist ja leider nichts aus deinem Auftritt geworden.«
Nanno winkte ab. »Mit der Gitarre bin ich eigentlich ein Fossil. Politische Liedermacherei, ich bitte dich! Wird ja schon seit Jahren nicht mehr hergestellt.« Jetzt lachte er endlich richtig, breit und mit großzügiger Präsentation prächtiger weißer Zähne. So wie früher eben. »Dabei ist es sogar von Vorteil, dass ich ein Krüppel bin. Da traut sich keiner zu pfeifen, und alle bleiben brav sitzen.«
Mit dem provokanten Wort Krüppel, das wohl alle selbstbewussten Behinderten hin und wieder einsetzten, hatte Sina gerechnet. Sie lachte schallend mit.
»Na, so gute Laune hier?«
Toni Mensing stand plötzlich an ihrem Tisch wie aus dem Boden gewachsen. Ein halbwüchsiges Grinsen hing schief auf seinem Asketengesicht, ein für seine Verhältnisse schon richtig leutseliger Ausdruck.
»Ist es gestattet, dass ich mich zu euch setze? Ich kann Melanie nirgends finden, aber vielleicht taucht sie ja hier auf.« Im Kneipenlicht wirkten die Höhlungen in seinen stoppeligen Wangen grundlos tief, und seine kohlschwarzen Augen schienen zu glühen.
»Klar, setz dich«, sagte Sina und dachte: »Gleunig Oogen.« Das stand im Plattdeutschen für Gier, auch für Verrücktheit. Oder Fanatismus. Ihr war Toni immer unheimlich gewesen.
Das Gespräch stockte, während Toni umständlich einen Stuhl zurechtrückte und sich vorsichtig darauf niederließ. Hexenschuss, vermutete sie, während sie sich daran erinnerte, wie Melanie damals von ihm geschwärmt hatte: »Das ist einer mit Idealen, verstehst du, mit richtigen Zielen. Der hat Tiefe, mit dem könnte ich tagelang reden.« Das war so dick aufgetragen gewesen, da hatte sie natürlich fragen müssen, ob die beiden denn schon miteinander gepennt hätten und was er so drauf habe. Was ihr einen vernichtenden Blick eintrug: »Natürlich nicht. Das ist was Echtes zwischen uns, das hat doch damit nichts zu tun.« Jetzt, mit so vielen Jahren Abstand, glaubte sie ihr aufs Wort.
Toni hatte damals an der Fachhochschule Emden studiert, was genau, wusste sie nicht, aber er hatte viel von alternativen Energien erzählt. Später hatte sie dann gehört, er habe sein Studium geschmissen und sich diesen Laden gekauft, um endlich etwas Konkretes tun zu können, etwas mit den Händen, etwas »unmittelbar Erfahrbares«, so sagte man wohl.
Man hatte ihm ein schnelles Scheitern prophezeit, denn Toni war kein Kaufmann und alles andere als ein umgänglicher Typ, eine Fehlbesetzung hinter jeder Art von Theke. Dass es seinen Laden trotzdem noch gab, war wohl nur seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Man konnte auch von Besessenheit reden, und Sina kannte Leute, die das taten.
Er hatte sich Nanno zugewandt, und Sina konnte in Ruhe sein Profil studieren. Fast klassisch mit scharfer Nase und ausgeprägtem Kinn. Die Haut stark pigmentiert, die Haare fast schwarz, halblang, dicht und lockig. Äußerlich ein reizvoller Gegensatz zur lichten Melli, charakterlich zwei von einem Holz: zielstrebig, selbstbewusst, selbstverliebt, mit einem leichten Hang zum Fanatismus. Kreuzritter alle beide.
Sie erschrak, als sie plötzlich direkt in seine dunklen Augen schaute. »Und wie geht’s dir bei der Zeitung? Kommst du zurecht?« Das war wieder typisch, und Sina spürte die Wut in sich aufsteigen. Klar, die kleine Sina fragte man nicht, ob sie denn Erfolg habe. Bei der war es schon was, wenn sie nur zurecht kam. Sie packte ihr Rotweinglas, das noch zur Hälfte gefüllt war, und leerte es hastig. »Kein Grund zur Klage«, sagte sie dann. »Ich habe jetzt das Wochenend-Journal übernommen. Eigenverantwortlich. Jede Woche eine Reportage, Sonderseite, vierfarbig. Die von voriger Woche handelte übrigens von Wal-Strandungen, und nach meinem Urlaub will ich etwas über Windenergie machen.«
Die letzten Worte schienen einen Funken Interesse bei Toni hervorzurufen, aber eigentlich hatte er nichts von dem verstanden, was sie da gesagt hatte. Zeitungmachen schien allzu weit außerhalb des Reservats derjenigen Gedanken zu liegen, für deren Lauf er Interesse aufbrachte. Verachtung, die in der Beschränktheit wurzelt, dachte sie wütend. Auch so eine alte Rechnung, die noch nicht beglichen ist.
Schon hatte er sich wieder Nanno zugewandt, und die beiden sprachen über Literatur. Nannos Gedichte schienen Gnade vor Tonis Augen zu finden, und Sina stellte verärgert fest, dass das diese Texte, von denen sie immer noch keinen Einzigen kannte, auch für sie selbst aufwertete. Sie ignorierte Nannos Versuche, sie in das Gespräch einzubeziehen, lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und winkte der Bedienung mit ihrem leeren Weinglas.
Das Café schien zu brodeln. Alle Tische waren dicht belagert, die Theke doppelreihig umstellt, und im Eingang ballte sich eine Traube von Platzsuchern. Wahrscheinlich wäre an einem Abend wie diesem auch der Biergarten besetzt gewesen, wenn man nur die Dreistigkeit besessen hätte, im Februar die Stühle rauszustellen.
Dass sich im Taraxacum die unterschiedlichsten Leute trafen, wusste sie; mit Kornemann hatte sie hier allerdings nicht gerechnet. Aber da schob er sich gerade herein, in seinem Kielwasser eine Frau, die wohl die seine war. »Sie: fruchtig-herb, er: wuchtig-derb«, schlagzeilte sie im Kopf – ein Reflex aus ihrer Zeit als Gesellschaftsreporterin bei der Regionalen Rundschau.
Diese blonden Locken! Echt konnten die nicht sein. Oder? Jedenfalls verliehen sie Kornemanns Erscheinung etwas Unwirkliches. Lächerlich sah er aber nicht aus, o nein, nicht mit diesem Gesichtsausdruck, diesem Blick.
Ganz anders als der da, der eben gerade aufstand und Kornemann die Hand schüttelte. Älter war er und größer und hatte fast den gleichen Kopfputz. Der sah aus wie ein Clown, und er führte sich auch so auf. Nickte devot, wohl weil für eine Verbeugung kein Platz war, und bot Kornemann seinen Stuhl an. Kornemann setzte sich hin wie selbstverständlich, zog die Frau auf seine Knie und beherrschte augenblicklich die Tischrunde. Der andere Blondgelockte stand dahinter, grinste stolz und verlegen, wusste nicht wohin mit den Händen, griff sich schließlich sein Glas und wühlte sich zur Theke durch.
»Das ist Rademaker.« Nannos Blick war Sinas gefolgt, und auch Toni hatte sich halb umgedreht. »Kornemanns Mann fürs Grobe. Eine unglaubliche Zecke. Überall steckt der mit drin, und überall lachen sie über ihn. Allerdings nicht mehr ganz so laut, seit er für Kornemann den Laufburschen macht.«
Sina fiel auf, das Toni nicht zu Rademaker schaute. Sein Blick war an Kornemann haften geblieben, und als er sich etwas später wieder zurück zum Tisch drehte, schienen seine Augen mehr denn je zu glühen.
»Eine von Kornemanns Stärken ist es, dass er immer die Konfrontation sucht«, sagte Nanno. »Ich bin sicher, dass er auch nur deswegen heute hier ist. Er will’s immer am liebsten ungefiltert. Und wer auf Gegenkurs geht, den nimmt er frontal. Ansonsten hat er ja Rademaker, zum Aufstöbern.«
»Hört sich so an, als wolltest du was über ihn schreiben«, sagte Sina.
Nanno lächelte. »Das könnte gut sein. Ich weiß nur noch nicht was. Entweder ich nehme ihn nur als Typus, verschlüsselt also, oder ich schreibe eine nette Enthüllungsgeschichte.«
»Hast du da was?« Sina beugte sich vor: »Aufpassen, du sprichst mit einer Enthüllungsjournalistin übelster Sorte!«
»Ich werd’s dir bei Gelegenheit mal enthüllen.« Nanno ließ keinen Zweifel daran, dass er diese Gelegenheit hier nicht für gegeben hielt. Obwohl Toni äußerst interessiert schaute. Oder gerade deshalb? Toni Mensing kniff die Lippen zu einem Strich zusammen.
»Ohne Kornemann wäre Boelsen nie das geworden, was er heute ist.« Nanno spann den Faden weiter. »Nicht nur wegen des Kapitals, das hätte er sich auch anderswo besorgen können, und alles Geld kam ja außerdem auch nicht von Kornemann.«
»Von wem denn?«
»Keinen Schimmer, da wird ein ziemliches Geheimnis draus gemacht. Aber wie auch immer: Ohne Kornemann hätte Boelsen sich hier niemals so durchsetzen können, in der Öffentlichkeit wie in der Bürokratie. Kornemann hat ihm die Bahn freigemacht wie ein Caterpillar.«
»Boelsen hat aber doch so eine nette Ausstrahlung. Müsste doch gut ankommen.« Sina erinnerte sich an den Turnhallen-Auftritt kurz vor dem Tumult.
»Das kann man nicht vergleichen.« Nanno argumentierte mit Eifer, so, als sei er soeben in sein wahres Fachgebiet eingestiegen. »Er ist nett, und er ist kompetent. Aber dieses gewisse Ausgefuchste, das hat er nicht, und das brauchst du, wenn du in Ostfriesland etwas Neues durchsetzen willst. Die Aura, dass du weißt, wie der Hase läuft, verstehst du? Das und die Volkstümlichkeit, die Basisnähe, den Stallgeruch. Kornemann hat das. Und darum ist er auch heute Abend hier und Boelsen nicht.«
Mit einem Ruck stand Toni auf. »Macht’s gut, man sieht sich«, sagte er und drängelte sich Richtung Kasse.
»Was ist denn jetzt los?« Sina war über diesen plötzlichen Abgang nicht unbedingt traurig, hätte ihn sich aber gerne erklären können. »Ich dachte, er wollte hier auf Melanie warten?«
Nanno zuckte die Achseln.
11
Seine Finger öffneten sich, ohne dass er es wollte, und der Werkzeugkasten krachte auf die Stegplanken. Schraubenschlüssel sprangen heraus wie kleine silbrige Fische, hüpften über seine Schuhe, prallten vom Holz ab, klingelten aneinander, schlidderten, fielen über die Kante, plumpsten aufs Eis. Eilert Iwwerks bemerkte es nicht. Er blickte starr geradeaus, auf sein Schiff. Auf sein schönes, sein altes, sei frisch erworbenes Schiff. »Gottverdammich«, sagte er leise.
Vrouwe Alberta hieß das Schiff, das er bei sich nur »die Tjalk« nannte, weil ihm der Name nicht zusagte und weil er noch nicht wusste, ob er sich trauen sollte, ihn zu ändern. Das brachte ja Unglück, hieß es, und wenn er selbst auch nicht daran glaubte, andere taten es.
Dabei war »Tjalk« noch nicht einmal die korrekte Bezeichnung. Diese Plattbodenschiffe holländischer Herkunft waren eine Sache für sich, ein richtiger maritimer Mikrokosmos, in dem es neben verschiedenen Grundtypen auch alle möglichen Abweichungen und Abwandlungen gab, je nachdem, welchen Anforderungen das jeweilige Schiff und seine Erbauer gerade zu genügen hatten. Quasi die ganze Weltgeschichte des Schiffbaus noch einmal, nur eben in den engen Grenzen, die das eigenwillige Küsten- und Binnenrevier steckte.
»Seine Tjalk« hatte den vorspringenden Steven und das rechts und links davon eingezogene Schanzkleid, wie es typisch war für einen Kanalfrachter. Der ganze Bug aber war viel zu schlank, die Bordwände waren nicht gerade, sondern nach allen Richtungen gewölbt, und das Heck war vergleichsweise hoch – wie bei einer »Hoogars«, was nichts anderes als »hoher Arsch« bedeutete und ein besonders seetüchtiges Fischereifahrzeug war. »Seine Tjalk« aber war auf gar keinen Fall ein Fischerboot, auch kein ehemaliges. Er würde schon noch dahinterkommen, was für ein Schiff das war. Aber diese Nachforschungen mussten jetzt wohl noch etwas warten. Iwwerks machte einen kleinen Bogen um seinen Werkzeugkasten herum und ging langsam weiter auf sein Schiff zu.
Das Eis rund um den schwarzen Rumpf war aufgehackt, dicke Schollen bildeten einen massiven, grünlichweißen Wall. Vrouwe Alberta lag in schwarzgrauem, offenem Wasser. Draußen die Ems und auch der größte Teil des Emder Hafens waren inzwischen eisfrei, aber in den Einschnitten, wie hier im Jarssumer Hafen, war die weiße Decke noch fest geschlossen. Und das am 21. Februar! Aschermittwoch, dachte Iwwerks. Seine leichtfertige Frühlings-Prognose war schon länger als die vorausgesagten vierzehn Tage her. Ich sollte wirklich vorsichtiger sein, dachte er. Dann schossen ihm Tränen in die Augen.
Das Schiff, sein Schiff war über und über mit Farbe besudelt. Dicke rote und silberne Placken klebten auf dem Kajütdach wie verwesende Quallen, geronnene Ströme griffen über die Bullaugen hinweg nach den Teakplanken der Seitendecks. Die Verzierungen am Bug waren mit Zickzacklinien übermalt, die Ankerwinde sah aus, als hätte sich jemand darauf übergeben. Überall an Deck, an der Schanz und an den Aufbauten waren Spritzer und Farbfäden. Die Seitenschwerter, in deren schmale obere Enden aufgehende Sonnen geschnitzt waren, hatte man regelrecht übergossen. Iwwerks’ Blick folgte dem Farbstrom, dessen Oberfläche seltsam porös war und an einigen Stellen erstarrte Tropfen ausgebildet hatte. Tränen, dachte er und heulte, während er vorsichtig über die verschmierten Decksplanken tappte.
Von der Ruderpinne hatten sie den goldenen Löwen heruntergeschlagen, die bleiverglasten Fenster der Kajüttüren waren eingedrückt. Farbe auch hier, rot und silbern.
Eine kurze, harte Böe fiel über die Boote her und griff zwischen die winterkahlen Masten wie in die Saiten einer Harfe. Der ganze Yachthafen jaulte auf, vielstimmig an- und abschwellend wie ein gut gedrilltes Katzenorchester.
Iwwerks wandte sich ab, schaute über den Hafen, sah die anderen Boote am Steg, die hölzernen Dalben, die in den Tagen zuvor schon genug Wärme gespeichert hatten, um das Eis ein paar Spannen weit zurückzudrängen. Da lag das verrostete Passagierschiff auf der anderen Seite des Hafens, weiter rechts das blaue Stahlboot, aus dessen Schornstein sich Rauch kräuselte. Dort hinten waren die Sommertonnen vertäut, die großen roten und grünen Seezeichen, die wieder ausgebracht werden würden, wenn es ganz sicher keinen Eisgang mehr gab. Fast alle waren mit Sonnenkollektoren ausgerüstet und blinkten hilflos und wie anklagend vor sich hin.
»Wer kann mich nur so hassen«, sagte Iwwerks und klang genau so.
Sein Blick fiel auf das Ufer, den Stegkopf, sein eigenes Auto; er hatte sich beinahe einmal um die eigene Achse gedreht. Jetzt vollendete er die Drehung, ganz der alte Dickkopf, zog sein Taschentuch, schnäuzte sich. Das wollen wir doch mal sehen, dachte er. Natürlich die Guntsieter Fischer. Die stecken mir nicht das Haus an, die kommen mir auf mein Schiff. Aber denen werd ich helfen.
Steifbeinig stakste er zum Bug, der zum toten Ende des Hafeneinschnitts wies. Hinter dem schmalen Straßenband gab es dort große überwucherte Brachflächen. Vor gar nicht so langer Zeit hatten dort noch die Ungetüme gestanden, diese Riesen-Monstren, die auch nach Jahren im Regen kaum hatten rosten wollen. Die hatten diesem Phantasten gehört, dem sie dann gründlich …
Iwwerks blieb stehen, eine Hand auf die Schanz gestützt. Der alte Kapitän? Jetzt noch, nach all den Jahren? Er schüttelte den Kopf, setzte den rechten Fuß aufs Bergeholz und sprang zurück auf den Steg. Unsinn.
Er kramte nach den Autoschlüsseln. Die Wasserschutzpolizei war ganz auf der anderen Seite des Hafenbeckens. Da musste er hin, Anzeige erstatten. Was sollte er denen sagen, wenn sie fragten: gegen wen?
»Vandalen«, murmelte Iwwerks und fletschte die Zähne.
12
Das Brennholz lag in einem wirren Haufen zwischen Schuppen und Trockenplatz, genau so, wie es die Jungens von Bauer Ites vom Anhänger geworfen hatten. So lag es nun schon seit über einer Woche. Und seit über einer Woche maulte und schimpfte die alte Henrika, seine Haushälterin. »Musst nicht glauben, dass ich dir das aufstapel, Rademaker«, sagte sie jeden Tag ein paarmal. Auch heute Morgen hatte sie das wieder gesagt, als sie bei klirrendem Frost die Bettwäsche aufgehängt hatte. Aber vor dem Aufschichten musste das Holz erst einmal gehackt werden. Bei Kornemann waren schließlich auch keine Stämme gestapelt, sondern saubere Scheite. Also holte Rademaker das Beil aus dem Schuppen.
Der Holzhaufen war gleichmäßig mit Schnee eingestäubt und sah aus wie ein ungekämmter Riesenigel.
»Scheißschnee«, murmelte Rademaker, während er sich Jacke, Mütze und Handschuhe überzog. Er prüfte die Schneide des Beils: eher rund als scharf. Das konnte ja heiter werden. Und wo war überhaupt der Hauklotz? Er hatte natürlich keinen mehr; den alten hatte er damals vor Jahren, als die Gaszentralheizung kam und die alten Öfen herausgerissen wurden, gleich mit zum Müll gegeben. Na klar, weg mit dem Plunder. Hatte ja keiner ahnen können, dass Kaminöfen wieder in Mode kommen würden. Kornemann hatte gleich zwei von den Dingern und einen richtigen Kamin dazu. Also hatte Rademaker sich jetzt auch so ein Kachelteil besorgt. Mithalten hieß die Devise, dranbleiben, nicht zurückfallen. Neue Trends beizeiten erschnuppern, in der Politik ebenso wie im Geschäftsleben. Und auch sonst.
Ites wollte doch einen Hauklotz mitliefern, erinnerte er sich. Lag wahrscheinlich ganz unten im Haufen. Er stapfte hin, bückte sich und zerrte an einem dicken Aststück, das an der Seite herausragte. Festgefroren, auch das noch. Rademaker spürte die ersten Schweißtropen am Hals und unter den Armen, als er das unbenutzte Beil auf den Boden fallen ließ.
Im Schuppen lagen zwei Balken; einen davon nahm er und rammte ein paar von den angefrorenen Holzkloben auseinander. Einen Hauklotz förderte er zwar nicht zutage, wohl aber ein Stück Birkenstamm. Das konnte es notfalls tun, obwohl es am einen Ende leicht schräg abgesägt war. Rademaker sah sich um. Zum gepflasterten Trockenplatz hin stieg der Boden leicht an. Dort stellte er das Holz vorsichtig hin. Es blieb stehen.
Er spreizte die Finger, griff sich das Beil und den ersten Kloben, setzte Holz auf Holz, holte aus und schlug zu. Die rostige Klinge traf seitlich auf, drang nicht ein, sondern federte zurück, der Kloben fiel nach rechts, der Hauklotz nach links, beide auf seine Füße. Das weiße Bettlaken an der Leine direkt vor seiner Nase schien ihm höhnisch zuzuwinken. Unterdrückte Wut im Bauch und heftiger Schmerz in den Zehen trieben ihm ein heiseres Fauchen aus der Kehle. Sofort ertönte die Antwort vom Zwinger her. Rademaker presste die Lippen zusammen.
Hauklotz aufstellen, Kloben drauf, Beine breit, Beil fest gefasst. Er musste das Holz nur mittig treffen, dann musste es sich doch einfach spalten lassen, ob die Klinge nun stumpf war oder nicht. Er peilte genau, hob die Arme, schwang den ganzen Oberkörper zurück. Und wieder nach vorn, immer das gemaserte Rundstück im Blick. Zuschlagen!
Etwas wischte durch sein Blickfeld, etwas Weißes. Wo war das Holz geblieben? Und warum steckte das Beil plötzlich auf halbem Wege fest, mitten in der Luft? Rademaker war zu perplex, um seinen mitschwingenden Körper abzubremsen. Der Rücken der Beilklinge sauste auf ihn zu. Dann sah er rote Fünkchen.
Richtig weggetreten war er wohl nicht, denn als er die Augen wieder aufschlug, stand er immer noch auf seinen Füßen. Rote Fünkchen aber sah er immer noch. Oder vielmehr rote Pünktchen. Es wurden sogar immer mehr.
Rademaker taumelte, suchte nach Halt, griff ins Laken. Natürlich! Das Laken war ihm vors Beil geweht, hatte es überraschend mitten im Schwung aufgehalten, und er war mit der Stirn aufs Beil geschlagen. Wieder so eine Sache, die er niemandem erzählen durfte. Aber was waren das für Pünktchen? Er beugte sich vor: Blut. Blutspritzer genauer gesagt, und sie kamen von seiner Stirn. Offenbar war eine Ader geplatzt.
Er ging ein paar Schritte weiter, zu einem weißen Bettbezug. Tatsächlich, auch hier erschienen die roten Pünktchen: spritz – spritz – spritz, immer im Rhythmus seines Pulsschlags. Er lief die Wäscheleine entlang Richtung Hintertür, von einem Wäschestück zum anderen: spritz – spritz, faszinierend. Fahrig suchte er nach der Türklinke: spritz – spritz – spritz, immer gleichbleibend. Er drehte langsam den Kopf, um sich davon zu überzeugen. Wölkchen erschien neben Wölkchen, bis er beim Rahmen angelangt war.
Er stieß die Tür auf und ging den geweißten Gang entlang, wandte sich kurz der Mauer zu – spritz, spritz – und stieß dann die Küchentür auf. Da stand Henrika neben dem Küchenschrank und machte große Augen: »Rademaker, was ist mit dir denn los?«
Als er den Mund aufmachte, spürte er plötzlich, wie ihm übel wurde. Er brachte kein Wort heraus.
Stattdessen beugte er sich vor zum Schrank: spritz – spritz – spritz erschienen die roten Wölkchen auf dem weißen Lack.
Henrika brach lautlos zusammen.
Бесплатный фрагмент закончился.
