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Peter Gerdes
Der Tod läuft mit
Kriminalroman

Zum Autor
Peter Gerdes, 1955 geboren, lebt in Leer (Ostfriesland). Er studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Seit 1995 schreibt er Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 leitet Peter Gerdes die »Ostfriesischen Krimitage«. Seine Krimis „Der Etappenmörder“, „Fürchte die Dunkelheit“ und „Der siebte Schlüssel“ wurden für den Literaturpreis „Das neue Buch“ nominiert. Mit seiner Frau Heike betreibt der Autor die Krimi-Buchhandlung »Tatort Taraxacum« in Leer.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Originalausgabe erschienen 2006 im Leda Verlag
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Drobot_Dean/stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6416-4
Widmung
Für Heike
Gedicht
Wasser
Brennende Nässe
unter kühlem Blätterdach
Ende im Frühling
Feuer
Der Flug durchs Helle
ein Moment der Erhöhung
der Weg endet hier
Luft
Dein Lauf wie ein Pfeil
unbeirrt stolz, doch der Tod
vollendet den Kreis
Prolog
Ich habe ihn wiedergesehen, heute früh. Er mich nicht. Ich habe ihn beobachtet, in aller Ruhe. Er stand einfach nur da, schien auf etwas zu warten, ich weiß nicht worauf, und schaute in die Ferne, ich weiß nicht wonach. Auf mich wartete er sicher nicht, und er hielt auch nicht Ausschau nach mir. Und doch brach mir der Schweiß aus, das Herz klopfte mir bis zum Hals und meine Hände zitterten. Da wusste ich plötzlich: Es muss ein Ende sein. Er beengt mich, er nimmt mir die Luft, so lange schon. Er verfolgt mich, auch wenn er sich gar nicht rührt. Ich kann ihn nicht abschütteln, ihm nicht entkommen, auch wenn er keinen Schritt tut. Er ist schneller als ich, auch wenn ich renne. Wo immer ich mich vor ihm verstecke, er ist schon da. Er ist der Igel mit den giftigen Stacheln.
Er ist in meinem Kopf. Wie soll ich ihn da loswerden?
Loswerden muss ich ihn. Ein Ende muss sein. Muss. Ich will nicht mehr laufen, nicht mehr weglaufen vor ihm, will mich nicht mehr verstecken müssen, vor ihm, in meinem eigenen Kopf. Will nicht mehr der Hase, will der Jäger sein.
Aber ich muss aufpassen. Er ist nicht dumm. Er weiß viel über mich, sehr viel, und wenn ich nicht aufpasse, dann ist er auch diesmal wieder schneller. Er ist stark, auch wenn man es ihm vielleicht nicht ansieht. Aber ich weiß, dass er auch Schwächen hat. Die kenne ich, seit ich gehört habe, wie er gelacht hat, gelacht über mich.
Er wird nie wieder über mich lachen.
Mein Herz klopft mir bis zum Hals, und ich schwitze. Ich bin der Jäger. Meine Hände dürfen nicht zittern. Es muss ein Ende sein. Es muss.
1
Es knallte furchtbar. Marian zuckte zusammen, obwohl er den Schuss doch erwartet hatte. Er hatte ihn sogar herbeigesehnt, wie eine Erlösung hatte er ihn sich erhofft, aber als er dann fiel, ein helles, scharfes, schmetterndes Geräusch, ungedämpfter Schmerz in den Ohren, schallgewordene Unwiderruflichkeit, da war Marian doch erschüttert. Einen Moment lang war sein Körper wie erstarrt, schienen seine Muskeln verkrampft, seine Glieder wie eingefroren. Dann überlief es ihn heiß und er warf sich nach vorn, einem kompromisslosen Fluchtimpuls nachgebend, der älter war als alles, womit sich Menschen über andere Lebewesen erhoben zu haben glaubten. Marian rannte los wie ein gehetztes Tier.
Um ihn herum erklang ein Schnaufen, ein Fauchen, als würde Luft durch poröse Schläuche gesaugt und gepresst, und der Boden unter seinen Füßen begann leicht zu vibrieren. Er fühlte Hände auf seinem Rücken, Finger an seinen Armen, Stöße in seinen Rippen, eine streifende Berührung an seiner rechten Wade von einem nur um Haaresbreite fehlgegangenen Tritt. Von hinten, von allen Seiten drängte es heran. In Panik warf er sich nach vorn, beschleunigte seinen Schritt, ohne es wirklich zu wollen. Etwas schien seine Brust zu umklammern und er riss Lippen und Zähne auseinander, die er seit dem ohrenbetäubenden Knall aufeinander gepresst hatte, ohne es zu spüren. Der Laut, den er dabei ausstieß, ging in einem brausenden Geräusch unter, das an das Näherkommen eines vielbeinigen Untiers erinnerte. Schlagartig brach ihm der Schweiß aus.
Er heftete seinen Blick, eingeengt wie von der Röhre eines Tunnels, an etwas Gelbes, das direkt vor ihm zu tanzen schien, zu wippen und zu wogen, das Falten und Wellen schlug und sich langsam entfernte, Raum schaffend, der schon Sekunden später von weißlich verwischten Keulenschwüngen ausgefüllt wurde, rudernden, bedrohlichen Bewegungen, abwehrend, abschreckend wie die Stacheln eines Igels oder die Zähne im Maul eines Hais.
Unwillkürlich verhielt Marian seinen Laufschritt ein wenig, hob den Kopf leicht an und mit ihm den bisher gesenkten Blick. Im selben Moment traf ihn ein Schlag mitten ins Gesicht, ein Hieb wie von einer Peitsche, blendend über beide Augen, brennende Nässe hinterlassend. Er schrie auf. Ein keckerndes, gehässiges Lachen war die Antwort. Gleich darauf traf ihn ein spitzer Ellbogen von rechts in die kurzen Rippen. Er strauchelte, taumelte, scherte nach links aus, verließ den Strom, konnte wieder sehen, sah eine helle, massige Gestalt vor sich aufragen und prallte dagegen. Zwei mächtige Hände packen seine Oberarme, hielten ihn fest, stellten ihn sich zurecht. Aus.
»Schon fertig?«, fragte eine wohlbekannte Stimme. »Ich dachte, es geht über zehn Kilometer.«
Marian fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, betrachtete seine Handflächen: Wasser, kein Blut. Regenwasser. Ein Zweig mit nassen Blättern, im leichten Wind federnd oder aus der Hand eines Konkurrenten geschnellt.
Fahrig, wie der eines aus einer Trance Erwachten, huschte sein Blick über das breite, füllige Gesicht seines Gegenübers. »Stahnke«, sagte Marian keuchend.
»Klar«, brummte der. »Konnte mir Ihre Premiere doch nicht entgehen lassen.« Er ließ Marians Arme los. »Scheint so, als hätten Sie etwas zu hoch einsteigen wollen. Jetzt wäre wohl der bessere Zeitpunkt.«
Marian drehte sich um. Immer noch rauschte der Strom der Läufer an ihm vorbei, Hunderte und Aberhunderte. Das da jedoch waren nicht mehr die langaufgeschossenen, drahtigen Gestalten der Spitzengruppe, die mit den hohlen Wangen und dem entschlossenen Blick. Die hier waren runder und bunter, liefen verhaltener, als hätten sie den weiten Weg im Sinn, nicht das Ziel. Hier schlenkerten Arme, drehten sich Köpfe, wandten sich Gesichter plaudernd einander zu. Jogger. Richtig um die Wette gelaufen wurde weiter vorne. Dort, wo er jetzt eigentlich hätte sein wollen.
»He, Marian!« Pink über Dunkelblau wippte es an ihm vorbei, gekrönt von einem kastanienroten Haarbusch, der auswehte wie die Heckflagge einer frechen kleinen Piratenschaluppe. Sina. Sie winkte, hielt aber nicht an. Marian holte tief Luft, winkelte die Ellbogen an, lief erneut los und reihte sich ein paar Plätze hinter ihr ein.
Der kühle Wind ließ ihn spüren, wie seine Wangen brannten. Anstrengung konnte das noch nicht sein, eher Scham. Marian Godehau, der Traumtänzer. Sieben Kilo abgespeckt, ein bisschen auf dem Ergometer gestrampelt, sich an lang vergangene Fußballerzeiten erinnert, mutig für den Ostfrieslandlauf angemeldet – und natürlich gleich Flausen im Kopf gehabt. In die Startergruppe der Spitzenläufer reingedrängelt, na klar. Wie es die Deppen tun, die unbedingt mit aufs Startfoto wollen und nur alles durcheinander bringen. Die angerempelt und nach hinten durchgereicht werden, weil sie stören und nerven. Wenn die Langläufer wirklich die große Familie waren, als die sie immer gepriesen wurden, dann eine mit Problemkindern.
Marian spürte, dass er die Lippen zurückgezogen hatte und mit gefletschten Zähnen lief. Seine Armmuskeln waren viel zu stark angespannt, seine Schritte zu stampfig, und das Herz pochte Alarm. Er versuchte sich auf seine Atmung zu konzentrieren: Ein – zwo, drei, vier, und aus – zwo, drei, vier. Er konnte spüren, wie sich sein Puls nach und nach normalisierte. Seine Schritte wurden länger und weicher. Ein gutes Tempo, es schien ihm zu entsprechen. Genau das Tempo der Jogger um ihn herum. Marian begann sich damit abzufinden.
Wieder heftete er seinen Blick an ein vor ihm tanzendes, wippendes, wogendes, Falten und Wellen schlagendes Läufertrikot, ließ sich von seinen Bewegungen beruhigen und ziehen. Ein pinkfarbenes Trikot über einer dunkelblauen Radlerhose. Marians Blick rutschte ein Stückchen hinunter über den dünnen, glatten Stoff der eng anliegenden Hose, der sich im Laufrhythmus mal links, mal rechts aufwölbte. Ein netter Anblick, der ihn dazu bewog, noch ein paar Meter aufzuschließen.
Es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass er hinter Sina lief, dass er heute Morgen an genau diesen Po geschmiegt aufgewacht war. Sie lief mit unbekümmerter Lockerheit, federnd, fast schwebend, wie von Instinkten gesteuert. Marian wischte sich den Schweiß von der Stirn und wunderte sich über Sinas unruhige Armführung, bis er merkte, dass sie sich offenkundig angeregt und immer wieder heftig gestikulierend mit dem Läufer zu ihrer Rechten unterhielt, einem dunkellockigen, breit grinsenden, etwas übergewichtigen Kerl mit der animalischen Ausstrahlung ungetrübter Selbstgefälligkeit, der trotz seiner vielleicht 50 Jahre ziemlich fit wirkte und ganz bestimmt nicht deshalb hier im hinteren Teil des Feldes neben dieser bildhübschen Frau lief, weil er nicht schneller gekonnt hätte. Marian kannte diesen Mann, kannte ihn nur zu gut, und es behagte ihm gar nicht, gerade ihm auf einem Terrain zu begegnen, auf dem er offenkundig nicht mithalten konnte.
Man sollte nur Sachen machen, die man kann, dachte Marian. Aber wer wusste schon, was er konnte, ohne es zu versuchen? Laufen, um die eigenen Grenzen zu erkunden. Ha! Dafür, so schien es, würde er wohl nicht allzu weit laufen müssen.
2
Der Mensch hat sich auf treibende Baumstämme gesetzt, überlegte Stahnke, während er dem Ende der vielbeinigen Läuferschlange nachschaute, das gerade zwischen den dicht belaubten Bäumen des Julianenparks verschwand. Flöße hat er sich gebaut, dann Schiffe. Pferde hat er gefangen und gezähmt, Wagen gebaut, Kutschen, Eisenbahnen und schließlich sogar Flugzeuge. Alles, um nicht mehr laufen zu müssen. Und was passiert? Kaum muss er nicht mehr laufen, schon tut er’s gerade. So sind sie, die Menschen. Da kann ja nichts draus werden.
Wie zum Trotz blieb er noch ein Weilchen stehen, massig und massiv wie eine Litfaßsäule in seinem hellen, knitterigen Trenchcoat, der dünn war und doch schon viel zu warm für diesen unerwartet sonnigen Spätnachmittag im Mai. Dieser Tag gab sich alle Mühe, den nasskalten Herbst, den ebenso nasskalten Winter und die kaum weniger nasskalte erste Frühlingshälfte, die ihm vorangegangen waren, vergessen zu machen. Schöne Tage konnte es geben hier in Ostfriesland, herrliche Tage sogar, nur eben nicht im Überfluss, und wenn man mal einen erwischte, einen wie diesen, trotz der Schauer am Vormittag, dann musste man ihn auch nutzen. Und nicht weglaufen. Stahnke stand, mit der ganzen Ortsfestigkeit seiner zwei Zentner, drückte die breiten Schultern nach hinten, streckte seine Wirbelsäule und atmete tief ein. Und nutzte. »Carpe diem«, nutze den Tag, ach ja.
»Na Chef, gar nicht mitgelaufen?«
»Wir dachten, Sie sind längst in Holtland.«
Stahnke gestattete sich ein halbes Grinsen und grüßte die beiden grün uniformierten, knorrigen, graubärtigen Gestalten, indem er den dicken Zeigefinger seiner rechten Hand in die Nähe seiner weißblonden Haarstoppeln hob, dorthin, wo die Krempe eines großen, aber wirklich sehr großen, tief ins Gesicht gezogenen Borsalinos gewesen wäre, wenn er denn einen getragen hätte. Was er nie tat. Natürlich, Rieken und van Dieken, die Schupo-Zwillinge. Die beiden ließen wirklich keine Sportveranstaltung aus. Wie sie es schafften, immer wieder auch dann zum Sicherungsdienst eingeteilt zu werden, wenn es nach menschlichem Ermessen nichts, aber auch gar nichts zu sichern gab, war ihr seit Jahren wohlgehütetes Geheimnis.
»Fahren Sie nur vor, meine Herren«, sagte Stahnke. »Zielraum sichern. Oder?«
»Genau, Herr Hauptkommissar«, sagte Rieken. »Aber erst noch die Strecke observieren.«
»Man weiß ja nie, Herr Hauptkommissar«, sagte van Dieken.
Die beiden schlenderten Richtung Parkstreifen, wo ein VW-Bulli in Mint und Weiß durchs helle Blattgrün hindurch zu erahnen war, und auch Stahnke setzte sich nun in Bewegung, ging langsam zwischen dicken Bäumen hindurch zur Bolzwiese, die wie eine Lichtung am Rand des Julianenparks lag.
Jedes Jahr wurde hier der Ostfrieslandlauf gestartet, liebevoll Ossiloop genannt, und mit jedem Jahr wurde das Starterfeld größer. Inzwischen war man nicht mehr weit von tausend Teilnehmern entfernt. Sicher, viele Cityläufe hatten mehr Resonanz vorzuweisen. Der Ossiloop aber war etwas Besonderes, ein Sechs-Etappen-Lauf quer durch Ostfriesland von Leer bis nach Bensersiel, ein Unternehmen von insgesamt fast 70 Kilometern, zu absolvieren an sechs Tagen innerhalb von drei Wochen, jeweils dienstags und freitags. Als echter Ossilooper galt nur, wer wirklich alle Etappen hinter sich brachte. Die Zeit, so lautete die offizielle Version, war dabei Nebensache. Das aber galt längst nicht mehr für alle. Schadenfroh dachte Stahnke daran, wie Marian Godehau das vorhin zu spüren bekommen hatte.
Seinetwegen war Stahnke überhaupt hergekommen. Schließlich waren sie sich in den letzten Jahren oft genug über den Weg gelaufen, da hatte sich einiges an gemeinsamer Erfahrung angesammelt. Die meiste Zeit war ihr Verhältnis nicht gerade positiv gewesen; Stahnke hatte sich darüber geärgert, dass sich dieser vorwitzige, fast 20 Jahre jüngere Journalist immer wieder in seine Fälle eingemischt hatte, Marian Godehau hatte dem Hauptkommissar nicht nur anfänglich stark misstraut und sich mehr als einmal von ihm benutzt gefühlt. Sie siezten sich immer noch, aber eine gewisse Verbundenheit war dennoch nicht zu leugnen. Eine kumpelhafte Vertrautheit, anders als Freundschaft, aber nicht minder intensiv. Ob es das war, wovon alte Kriegskameraden immer faselten? Grinsend schüttelte Stahnke den Kopf.
Das Fahrrad war noch da. Grellgelb leuchtend lehnte es an einem der alten Bäume zwischen Bolzwiese und Fahrradweg, der hier die Peripherie des Parks schnitt. Ein Anblick wie ein Willkommensgruß, fand Stahnke, erfüllt von frischem Besitzerstolz und der Erleichterung darüber, dass sein neues Spielzeug noch nicht Eingang in die alarmierende Fahrraddiebstahl-Statistik gefunden hatte. Na ja, das Stahldrahtschloss war ja auch nicht eben billig gewesen.
Ein bisschen war dieses Fahrrad – 21 Gänge und optisch einem Mountainbike nachempfunden – eine Antwort auf Marian Godehaus sportliche Aktivitäten und damit Ausdruck jener unterschwelligen Rivalität, die sich zwischen den beiden Männern entwickelt hatte. Die stämmige Figur und die in mehrfacher Hinsicht belastenden Gewichtsprobleme hatte Stahnke eigentlich immer als verbindende, dauerhafte Gemeinsamkeit zwischen ihnen betrachtet, waren sie doch nicht nur Ausdruck einer ähnlichen Veranlagung, sondern auch eines vergleichbaren Lebensstils.
Als Marian dann eines Tages seine Diät- und Sportpläne verkündet hatte, fand Stahnke das lächerlich. Dass er diese Pläne tatsächlich umzusetzen begann, hatte etwas Provokantes. Sein Erfolg aber war Verrat.
Also hatte Stahnke sich dieses Fahrrad gekauft, um zu beweisen, dass er noch viel mobiler sein konnte und dabei mit Sicherheit eine bessere Figur machte als so ein hoppelnder Jogger mit steifen Hüften. Um das Geld – weit über 500 Euro hatte das Schmuckstück gekostet – tat es ihm nicht leid. Allerdings war er bei dieser Gelegenheit darauf gestoßen, dass bei ihm zu Hause im Keller ein Rudergerät, ein Hometrainer und ein Satz Hanteln gründlich eingestaubt herumstanden. Offenbar neigte er dazu, Taten durch Käufe zu ersetzen. Jedenfalls, wenn es um körperliche Fitness ging.
Wie hieß das noch: »The difference between man and boy is in the price of his toy.« Tja, vermutlich. Jedenfalls würde er jetzt nach Holtland radeln und Marian Godehau dort am Ziel bei der Mühle erwarten. Vielleicht mit einer Flasche Wasser in der Hand. Der würde gucken.
So ein Trenchcoat war nicht sehr praktisch auf dem Rad, außerdem schien es immer wärmer zu werden; unter dem feuchten Blätterdach des Parks begann sich sogar sommerliche Schwüle zu verbreiten. Stahnke zog den Mantel aus und rollte ihn zusammen, um ihn auf den Gepäckträger zu klemmen, wobei er sorgfältig darauf achtete, dass nichts aus den Taschen fallen konnte. Vor allem dieser komische Brief nicht, der rechts außen steckte und durch vernehmliches Knistern an seine Existenz erinnerte.
Heute früh hatte der Brief bei der Dienstpost gelegen, ausdrücklich an ihn adressiert, »z. Hd. Hauptkommissar Stahnke«. Ohne Absender. Inhalt: ein Gedicht.
Jedenfalls eine Art Gedicht, ziemlich kurz und ungereimt, irgendwas von brennendem Wasser und einem Ende im Frühling. Nichts, was irgendeinen Sinn ergab. Stahnke konnte sich keinen Reim darauf machen. Möglicherweise etwas Privates, trotz der dienstlich klingenden Anrede. Aber was? Ging es um seinen Hang zu Feuerwasser? Schnaps trank er doch kaum, im Gegensatz zu Wein und Bier. Und Schluss gemacht hatte er in diesem Frühling mit niemandem. Da war ja gar nichts gewesen, was hätte beendet werden können. Traurig genug, aber wenigstens in diesem Fall halbwegs beruhigend.
Vielleicht ein blöder Scherz. Jedenfalls hatte Stahnke den Brief nicht weggeworfen. Man wusste ja nie, ganz recht, Kollege van Dieken.
3
Er hatte überlegt, ob ihm wohl zuerst die Lungenflügel wehtun würden oder die Beinmuskeln und hatte schließlich auf Seitenstechen getippt. Tatsächlich waren es die Arme. Unglaublich, wie schwer es ihm wurde, die Ellbogen angewinkelt zu halten. Immer wieder wollten seine Unterarme, deren gut entwickelte Muskeln seine heimliche Eitelkeit ansonsten erfolgreich stützten, wie schlappe Leberwürste der Schwerkraft nachgeben und die verkrampften Hände kraftlos Richtung Straße baumeln lassen. Schon mehrmals hatte Marian die Hände haltsuchend auf die Hüftknochen gestemmt, was aber einen derart peinlichen Watschelgang zur Folge gehabt hatte, dass er das ganz schnell wieder sein ließ und lieber die Zähne zusammenbiss.
Ein Schal müsste die Lösung sein, dachte er. Ein dünner Schal um den Nacken, beide Enden um die Hände gewickelt. Das hatte er schon einmal irgendwo gesehen, bei einem dieser kostümierten Juxläufer zwar, aber egal, das müsste gehen. Auf der nächsten Etappe würde er das machen, ganz bestimmt. War doch egal, ob die anderen dumm guckten.
Wenn er diese Etappe nur erst überstanden hätte.
Den Julianenpark, ein paar Asphaltstraßen und den Wanderweg vom Leeraner Stadtteil Heisfelde zum Vorort Logabirum hatten sie jetzt hinter sich, und Marian hatte sich an den Klang seines eigenen Keuchens gewöhnt. Immer öfter liefen sie jetzt in der prallen Sonne. Es war heiß, und es schien immer heißer zu werden. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, glitzernde Kügelchen, die sich aufblähten, bis die Oberflächenspannung ihrer Masse nicht mehr Herr zu bleiben vermochte, so dass sie platzten und zu sickernden Rinnsalen wurden, aus deren Zusammenfluss sich kleine Bäche bildeten, die ihm über die Schläfen und in die Augenwinkel rannen. Einzelne Tropfen, durch die Erschütterungen seiner stampfenden Schritte von der Haut katapultiert, fanden den Weg an den Augenbrauen vorbei bis an die Innenseiten seiner Brillengläser, wo sie herabliefen und verdunsteten und dabei breite, salzige Spuren hinterließen, die seinen Blick noch zusätzlich trübten. Das T-Shirt pappte ihm am Rücken wie ein nasser, warmer, vom vielen Wischen klebriger Feudel. Ebenso wie seine Zunge am trockenen Gaumen. Getränke-Stände bei Volksläufen hatte er immer für albern gehalten. Jetzt sehnte er einen herbei.
Längst hatte sich das Feld auseinander gezogen, war der vielbeinige Lindwurm in seine Segmente zerfallen, kleine Pulks, zwischen denen aufholende und zurückfallende Läufer wie keuchende Boten die Verbindung aufrechterhielten. Marian stellte fest, dass diejenigen, die zu ihm aufschlossen und ihn überholten, bei Weitem in der Mehrzahl waren gegenüber denen, die er überholte. Steigerten die anderen das Tempo? Nicht anzunehmen, hier auf der ersten Hälfte der Strecke. Vermutlich wurde er nur langsamer.
Sie waren vom Wanderweg nach rechts auf eine Straße abgebogen. Jetzt ging es erneut nach rechts. Alles in ihm sträubte sich dagegen, wieder zurück in Richtung Leer, in Richtung Start zu laufen, und er musste sich regelrecht dazu zwingen, dem Streckenverlauf zu folgen. Zum Glück ging es wenig später wieder nach links, und der Weg wurde leicht abschüssig, was überraschenderweise aber keine Erleichterung brachte; vielmehr drohten die Beinmuskeln bei dieser ungewohnten Belastung zu verkrampfen.
Wieso ging es überhaupt bergab, hier im pfannkuchenflachen Ostfriesland? Marian schaute hoch und stellte fest, dass sie an einem Friedhof entlangliefen, einem einladend begrünten Platz mit sauberen schwarzen Steinen und ordentlichen hellen Karrees, gesprenkelt mit ein paar Findlingen und fast deplatziert wirkenden Kreuzen. Das musste der Friedhof von Logabirum sein; der lag natürlich direkt neben der Dorfkirche, und die wiederum auf einer Warft, einem künstlichen Hügel, der das Gotteshaus einst bei Sturmfluten vor dem Wasser hatte schützen sollen. Hoch und trocken. Gott und die Toten haben es gut, dachte Marian, während ihm der Schweiß über die Wangen perlte und in den struppigen Bart sickerte.
Der Weg knickte erneut nach rechts ab, führte um den Friedhof herum und tauchte dann wieder nach links weg, hinein in einen niedrigen Tunnel, der unter der Bundesstraße hindurchführte. Marian genoss die dämmerige Kühle, die nur wenige Schritte weit andauerte. Dann ging es wieder hinaus in die Hitze und den Lärm der Straße, der die Laufstrecke nun folgte.
Eins zwo, eins zwo, eins zwo. Längst hatte sich seine Atem-Schritt-Frequenz vom Idealwert entfernt und der rauen Realität angepasst. Die Lungen verhalfen dem Körper eigenmächtig zu seinem Recht, und er merkte, dass ihm diese Anpassung, dieses Gehenlassen beim Laufenmüssen durchaus Erleichterung verschaffte. Inzwischen hatte er es aufgegeben, sich um seinen Laufstil oder seine mutmaßliche Platzierung auch nur einen feuchten Schmutz zu scheren. Es war, als folge er seinem eigenen Schritt wie in Trance, als beobachte er die Anstrengung, statt sie selbst zu leisten.
Bilder, die im Rhythmus seiner Schritte vorbeihüpften, fesselten seine Aufmerksamkeit jeweils für Sekunden, lenkten ihn ab, während seine Schuhsohlen über den immer gleichen grauen, glatten Asphalt schurrten. Dieser Mann zum Beispiel, der da am Rand der Laufstrecke stand und den Läufern seinen Rücken zuwandte, als wollte er ihnen tiefste Verachtung demonstrieren, dabei versonnen einen gekrümmt dahockenden Rauhaardackel betrachtend, der gerade auf den Grasstreifen zwischen Radweg und Fahrbahn kackte. Die beiden Frauen in dunkelblauen Kittelschürzen, die eine weiß gepunktet, die andere weiß geblümt, die den Zug der Läufer anstarrten, als würde er jeden Augenblick verschwinden, dem unsichtbaren Befehl einer zappenden Fernbedienung folgend, und einer anderen Sendung Platz machen. Der dicke, stoppelhaarige Mann da neben dem knallgelben Fahrrad, das aussah, als hätte er es seinem jüngsten Sohn weggenommen. Die beiden Typen, die breit grinsend an ihm vorbeischauten und irgendjemandem hinter ihm zuriefen: »Hol ihn dir!«
Wer soll sich wen holen, überlegte er. Wer, wer, wer, wen, wen, wen. Irgendwer mich, irgendwer mich. Irgendwer holt mich. Worte. Worte haben Rhythmus. Rhythmus ist gut. Gute Worte. Marian lief im Rhythmus der Worte, die keine Bedeutung zu haben schienen.
Die nächste Richtungsänderung warf ihn wieder zurück in die Realität des Leidens. Ein Streckenposten mit orangefarbener Weste, vollkommen bewegungs- und teilnahmslos dastehend, markierte durch seine schiere Existenz einen 90-Grad-Knick der Strecke in den Wald hinein. Harter Asphalt wurde von weichem Waldboden abgelöst, die stechende Sonne von kühlendem Schatten, all das aber war nichts gegen die Tatsache, dass er sich des Laufens schlagartig wieder bewusst wurde. Seinem Hintermann schien es ebenso zu gehen; Marian hörte ihn husten und stöhnen.
Mehr als ein Gehölz konnte das hier eigentlich nicht sein, aber es sah wahrhaftig nach Wald aus, und es roch auch nach Wald, was Marian vor allem deswegen angenehm fand, weil er schon seit geraumer Zeit einen Geruch wie von Klobeckensteinen in der Nase hatte. Verwitterte Baumreste ruhten rechts und links des Weges auf braunen Nadelteppichen, einer an eine Riesenschildkröte erinnernd, ein anderer an ein stachelbewehrtes Fabeltier. Schön, dachte er. Eins zwo, eins zwo.
Schon wurde das Wäldchen wieder lichter, und zwischen schlanken, kahlen Nadelbaumstämmen konnte er einen Wall aus Erde und zusammengeschobenen Baumstümpfen erkennen, überragt von Hausdächern. Also doch nur ein Gehölz. Aber immerhin.
Vor ihm tauchten vereinzelt Zuschauer auf, und ihm wurde bewusst, dass er minutenlang vollkommen allein gelaufen sein musste. Na ja, relativ allein; die Kurven des gewundenen Waldwegs verbargen die vor ihm Laufenden, und wer hinter ihm war und wie nah, wusste er nicht, denn sein Atem übertönte jedes Laufgeräusch, und sich umzudrehen traute er sich nicht.
Plötzlich erklang eine Trommel, ein Paar Kongas vielmehr, von kundigen Händen geschlagen in einem stimulierenden Rhythmus. Die Strecke schnitt jetzt die Siedlung, und ein paar Leute hatten nicht nur für Musik gesorgt, sondern tatsächlich auch einen Erfrischungsstand aufgebaut. Trotz seiner brennenden Augen überkam Marian ein Glücksgefühl, getragen von tiefer Dankbarkeit.
Im selben Augenblick nahm er eine Bewegung links neben sich wahr. Der Mann, der ihn da überspurtete, mochte gut doppelt so alt sein wie er, 60 Jahre oder mehr, mit fast weißen, gewellten Haaren über einem borstigen Nacken und altersfleckiger, an Oberarmen und Schultern erschlaffter Haut. Aber er war schlank und groß, hatte lange, sehnige Arme und Beine, und er war ganz offensichtlich fit. So fit, dass er Marian beim Überholen ein freundliches, aufmunterndes Lächeln widmen konnte, dazu einen dieser Blicke, die bei aller Freundlichkeit vor allem Überlegenheit transportierten und ein wenig Hohn. Marian sah in ein markantes Gesicht, dessen dominanter Ausdruck von senkrechten Falten noch betont wurde. Das Gesicht eines gewohnheitsmäßig Erfolgreichen. Ein Chefgesicht. Ein wohlbekanntes Gesicht, das Marian alle paar Tage aus seiner eigenen Zeitung entgegenzulächeln pflegte. Wie lautete doch gleich der dazugehörige Name? Ein merkwürdiger Name, hinten schlicht und vorne albern. Er war da, irgendwo dort hinter seinen Augen, holpernd im Rhythmus seiner Laufschritte, und es hätte nur einer kleinen Anstrengung bedurft, ihn sich vor Augen zu führen. Aber wozu? Er hatte keine Energie zu verschenken.
Der Überholer ignorierte den Tapeziertisch mit den Wasserbechern, lief weiter mit vorbildlich gestreckter Wirbelsäule und geraden Schultern. Fast wäre Marian ihm gefolgt, plötzlich beflügelt vom Trotz, der ihm schon über manche Klippe geholfen, ihn aber auch in manche Klemme getrieben hatte. Dann jedoch siegten Durst und Vernunft, und er bremste ab.
»Möchtest du so eine Figur haben?«, fragte eine Stimme auf der anderen Straßenseite. Marian, der seinen Becher in einem Zug halb geleert hatte, schaute misstrauisch hinüber, während er sich den Rest des Wassers über den glühenden Nacken schüttete. Aber die beiden grün uniformierten, knorrigen Männer, die dort standen, meinten nicht ihn; sie starrten dem großgewachsenen Überholer nach, dessen extrem schlanken Körperbau sie nicht für erstrebenswert zu halten schienen. Tatsächlich wirkte der Mann von hinten übermäßig leptosom, fast dürr, seine Beine unnatürlich lang und knotig, die Oberarme mager. Die Schönheit liegt eben doch im Auge des Betrachters, dachte Marian, und wo nichts ist, da ist nichts. Dankbar grinsend ergriff er einen nassen Schwamm, der ihm hingehalten wurde, nahm die Brille ab und wischte sich über Stirn und Augen. Dann ließ er den Schwamm fallen und lief weiter.
Auch der lange, dürre Mann bekam seine Erfrischung. Im Vorbeilaufen drückte ihm ein Helfer einen nassen Schwamm in den Nacken. Marian bekam es gerade noch mit, während er sich seine Brille wieder aufsetzte. Der Erfolgsmensch schien nicht gerade erfreut zu sein. Marian sah, wie er den Kopf zur Seite wandte und etwas rief. Der freundliche Helfer drehte sich weg.
War wohl nicht die richtige Wassersorte, dachte Marian, der Herr bevorzugt offenbar »Evian«. Wahrscheinlich aber gefiel diesem Menschen grundsätzlich nichts, was er nicht selber bestellt und angeordnet hatte. Und wenn eine Kühlung nicht von ihm befohlen war, dann fiel es ihm eben überhaupt nicht ein, sie zu genießen.
Da lag der Schwamm im Gras am Rand der Laufstrecke, nicht weit von der Stelle, wo er zu Boden gefallen war. Ein orangefarbener Schwamm, dunkler als der gelbe, den Marian zuvor bekommen hatte, und auch etwas größer. Vom Streckenposten keine Spur. Dem war wohl die Lust vergangen; Marian konnte es ihm nicht verdenken. Ob er den Schwamm ins Gebüsch kicken sollte? Nein, lieber nicht. Gerade war er wieder im Rhythmus, da wollte er lieber nichts riskieren.
Merkwürdig nur, dass dieser Helfer trotz der Hitze eine langärmlige Jacke getragen hatte. Und merkwürdig blasse Hände hatte er gehabt. Aber das lag wohl daran, dass die Haut vom vielen Anfeuchten schon ganz aufgequollen war.
Das erinnerte Marian daran, dass die Spitzengruppe vermutlich schon lange im Ziel war. Und das Schlusslicht nicht mehr fern.
Sofort war der Durst wieder da. Ächzend stolperte er weiter.
4
Traurig, dachte Stahnke, einfach nur traurig. Wie kann der Mensch so tief sinken. Hängende Schultern, schlackernde Arme und die Fußsohlen knallen aufs Pflaster, dass er die Schläge bis hinauf in sein armes, gemartertes Hirn spüren muss. Wenn er überhaupt noch etwas spürt, so wie er nach Luft schnappt, mit vorgestülpten Lippen, krampfhaft und verzweifelt wie ein Fisch auf dem Karren kurz vor dem Markt. Grellrote Flecken im Gesicht und glasige Augen – der hat glatt durch mich hindurchgesehen. Da fragt man sich nicht: Wo läuft der denn hin? Da fragt man sich doch nur: Wovor läuft der wohl weg?
Stahnke schwang das rechte Bein über den Sattel seines gelben Fahrrades, erspähte eine Lücke im Läuferstrom, trat an und fädelte sich ein, Marians schwankenden Rücken immer im Blick. Kurz vor Holtland würde er ihn überholen und ihn dann, wie geplant, am Ziel erwarten. Bis dahin konnte er ebenso gut noch ein bisschen zuschauen, sich ein bisschen daran weiden, wie sich der Mann da vorne quälte.
Mit dem Fahrrad hatte er überhaupt keine Probleme, sich dem Tempo der Läufer anzupassen. Die grobstolligen Reifen schienen ganz von allein zu rollen, die Pedale ließen kaum Widerstand spüren, während seine Finger die Gänge durchprobierten. Spielerisch leicht klickten die Hebel, das Hoch- und Herunterschalten ging absolut narrensicher. Ein schönes Spielzeug, in der Tat.
Wie nannte man das, wie er sich jetzt fühlte? Glücklich etwa? Glücklich, weil er hier an diesem schönen, sonnigen Tag auf einem hochmodernen Fahrrad dahinrollte, während alle anderen sich zu Fuß abquälen mussten? Stahnke fand den Gedanken pervers. Etwas frische Luft, ein Mangel an Mühe, ein funkelndes Stück Besitz, ein Vorteil gegenüber den Mitmenschen – doch, schon möglich, dass es Leute gab, die sich ihr Glück so definierten. Nicht nur möglich, sondern todsichere Tatsache. Aber Stahnke verbot sich das. Seit der Trennung von Katharina hatte Glück außerdem für ihn aufgehört zu existieren.
Was für ein Unsinn! Heftig schüttelte er den Kopf, hielt aber gleich wieder inne, schließlich war er hier nicht allein. Diesen theatralischen Quatsch nahm er sich nicht einmal mehr selber ab, und für seinen dämlichen Hang zum Selbstmitleid konnte er sich selber hassen. Katharina hatte eine Entscheidung gefällt, und er hatte eine Weile darunter gelitten. Beides nicht unnormal, mit einigem Abstand betrachtet. Die außergewöhnliche Länge seines Leidens hatte vor allem mit verletztem Stolz zu tun gehabt. Mittlerweile aber diente dieser gut konservierte Schmerz doch nur noch dazu, Entscheidungen zu vermeiden und Untätigkeit zu begründen. In seinen ehrlichen Momenten gestand er sich das ein. Ein solcher hatte ihn offenbar gerade wieder erwischt. Auch so ein Frühlingsgefühl.
Unwillkürlich hatte er etwas stärker als beabsichtigt in die Pedale getreten und musste nun abstoppen, um nicht auf den Läufer direkt vor ihm aufzufahren. Ein älterer Herr, lang und dürr. Stahnke hatte ihn noch nie in Turnhose und ärmellosem Leibchen gesehen, aber er erkannte ihn sofort, allein schon an dieser schneeweißen Tolle, die auch beim Laufen makellos in Form blieb, als wäre sie mit Spray fixiert. Was sie vermutlich auch war.
Wendelin Krüger. Stahnke kannte den Mann gut, was weiter kein Wunder war, schließlich prangte Krügers Bild seit Monaten alle paar Tage in der Zeitung. Geschäftsführer einer Tochterfirma der Opto-Werke, des größten Arbeitgebers weit und breit, Mitglied im IHK-Vorstand, Gastprofessor an der Fachhochschule in Emden, Wirtschaftskolumnist in diversen Blättern. Kürzlich erst hatte die Regionalzeitung einen großen Artikel über ihn gebracht: »Ein Mann arbeitet für Ostfrieslands Wohlstand«. Ganz allein offenbar und im Gegensatz zu allen anderen, das jedenfalls schien die Überschrift zu suggerieren. Stahnke hatte sich mächtig darüber geärgert, das wusste er noch gut.
Aber er hatte den Mann auch schon vor dessen jüngstem Popularitätsschub gekannt. Wendelin Krüger, Im- und Export, vor allem Rohkaffee und Schalenfrüchte. Keine sehr glanzvolle Erscheinung damals. Umweltschützer und Gesundheitsfanatiker hatten noch vor kurzem einige seiner Lager verwüstet, angeblich, weil Krüger verdorbene und giftstoffhaltige Lebensmittel in den Handel brachte. Stahnke hatte damals gegen Unbekannt ermittelt, wegen Vandalismus, seine Kollegen vom Betrugsdezernat gegen Krüger selbst, wegen Verstoßes gegen irgendwelche lebensmittelrechtlichen Paragraphen. Beide Verfahren waren eingestellt worden. Stahnke hatte Krüger als zwielichtig eingestuft und sich vorgenommen, ihn im Auge zu behalten. So war er Zeuge eines erstaunlichen Aufstiegs geworden.
Die Strecke knickte ab in den Wald und Stahnke musste sich etwas mehr aufs Fahren konzentrieren, denn der Boden war hier locker und voller Furchen und glatter Tannennadeln. Es roch unangenehm modrig; er hasste diesen pilzigen Waldgeruch, atmete verstärkt durch den Mund, um ihn so wenig wie möglich wahrnehmen zu müssen, wurde dann aber von der Vorstellung überfallen, wie winzige Sporen mit der Atemluft in Hals und Lunge eindrangen und sich ein grünlich-weißer Schimmelpelz in seinem Körper auszubreiten begann, grünlich-weiß wie der VW-Bulli von Rieken und van Dieken. Stahnke stöhnte auf, hustete krampfhaft und hielt dann die Lippen fest aufeinander gepresst.
Zum Glück war das Gehölz nicht sehr groß. Schon wurde es lichter, Zuschauer tauchten am Wegesrand auf, Trommeln waren zu hören. Krügers bolzengerader Rücken direkt vor ihm schien sich noch mehr zu strecken, die langen Beine holten noch raumgreifender aus. Stahnke sah, wie Krüger sich anschickte, Marian zu überholen, während der gerade auf den Erfrischungsstand zuhielt wie ein schlingerndes Wüstenschiff auf eine Oase. Der Hauptkommissar bremste ab, unschlüssig, ob er nun hinter Marian bleiben oder die Gelegenheit zum Überholen nutzen sollte, um vor ihm am Ziel zu sein. Dann hielt er an, keine fünf Meter vom Getränketisch entfernt.
Marian trank nicht, er soff, fand Stahnke. Unbeherrscht und unästhetisch, wie nur Menschen saufen konnten. Es war nicht fair, für so etwas denselben Ausdruck zu benutzen wie für die kontrollierte und wohl dosierte Wasseraufnahme von Tieren.
Jetzt goss er sich den Rest aus seinem Becher sogar noch über den Nacken und presste sich einen nassen Schwamm ins Gesicht. Keine Haltung, der Mann. Lässt sich gehen. Statt seine Erschöpfung tapfer zu verbergen, drängt er sie geradezu exhibitionistisch seiner Mitwelt auf. Da könnte er sich wirklich ein Beispiel an Wendelin Krüger nehmen, der kam ohne solche Mätzchen aus. Na ja, nicht ganz; aus den Augenwinkeln konnte Stahnke sehen, dass auch Krüger nicht ohne nassen Schwamm davonkam. Offenbar war das so etwas wie ein Ritual, dem man sich als Läufer eben unterwerfen musste. Merkwürdiges Volk, diese Läufer, dachte Stahnke. Ich werde sie nie begreifen.
Marian lief jetzt weiter und auch Stahnke nahm wieder Fahrt auf. Fast hätte er mit seinem Fahrrad einen Läufer gerammt, der aus dem Gebüsch am Rand der Strecke hervorgebrochen kam wie ein dunkellockiger Büffel, ein schwerer, aber ziemlich fit wirkender Bursche etwa in seinem Alter, der ihn gar nicht wahrzunehmen schien, sondern schnurstracks an Marian vorbei den vorderen Teilen des Läuferfeldes zustrebte. Wie das Leben so spielt, überlegte Stahnke, der den Mann sofort erkannt hatte: Die einen trinken, und die anderen müssen pinkeln. Fast wie bei den Daltons: Joe säuft Whisky, und Averell wird betrunken. Sweet Genevieve.
Eine Zeile aus einem John-Lennon-Song stand ihm plötzlich vor Augen: »Life is what happens to you, while you’re busy making other plans.« Gar nicht schlecht. Der Mann kannte sich aus mit dem Leben. Vielleicht wurde er ja deshalb ermordet. »Es wusste zu viel« – für einen wie Joe Dalton wäre das allemal ein ausreichendes Motiv gewesen, damals im Wilden Westen.
Stahnke fuhr sich mit der Hand durch seine sonnenwarmen Stoppelhaare. Vielleicht hätte er doch so eine Schirmmütze aufsetzen sollen.
5
Und wenn ich jetzt sterbe? Wenn ich jetzt tot umfalle? Marian konnte sein rasend pochendes Herz bis in die Mundschleimhäute hinein spüren. Beim Laufen konnte man sterben, das wusste er. Hatte neulich erst wieder in einer Illustrierten gestanden. Immer wieder starben Menschen beim Sport, auch junge Menschen, meist im Wettkampf, meistens Männer. Weil sie sich keine Blöße geben mochten, keine Schwäche eingestehen konnten. Einfach weitermachten, bis die Pumpe genug hatte. Und peng.
Sein Herz tat einen deutlichen Hüpfer. Hatte er nicht letzte Woche erst eine Erkältung gehabt? War das vielleicht ein Infekt gewesen, ein Virus? Konnte es beim Sport nach verschleppten Virusinfektionen nicht zu Herzmuskelentzündungen kommen? Waren nicht schon weit kräftigere Naturen als er an so etwas gestorben? Oh Gott, dachte Marian, ogottogott! Und lief weiter.
Sein Nacken glühte, seine Brust ließ sich einfach nicht mehr weit genug dehnen, um genügend von dem Atem zu fassen, der rasselnd durch seine Kehle schabte, seine wundgescheuerten Achselhöhlen brannten, und seine Beine schienen in zähem Rübensaft zu stecken. Es reichte. Warum hielt er nicht einfach an? Was für ein herrlicher Gedanke: Die verkrampften, schmerzenden Arme aus ihrer Winkelhaltung lösen und langsam, ganz langsam senken, der Erdanziehung nachgeben, sie ausschütteln und dabei der Süße des nachlassenden Schmerzes in den entkrampfenden Muskeln nachspüren. Den Laufschritt verlangsamen, die Fußsohlen noch zwei-, dreimal auf den Asphalt klatschen lassen, dann ausscheren, vielleicht nach links, da war Gras, das sah weich aus, verlockend. Jetzt stehen bleiben, die Hände auf die Oberschenkel stützen und atmen, nur noch atmen, Luft schöpfen und immer weiter schöpfen, bis es reichte, bis er endlich wieder satt war an Sauerstoff, bis das wild trommelnde Herz in einen sanfteren Rhythmus gefunden hatte. Und dann langsam, langsam zu Boden sinken, ins weiche Gras, die Halme an Beinen und Händen spüren und den ausgehungerten Körperzellen bei der Fütterung lauschen. Ein Traum. Ein Traum? Lief er denn überhaupt noch? Ja, allerdings. Noch lief er. Aber musste er denn? Jederzeit konnte er Schluss machen, jetzt gleich, sofort, der Qual ein Ende machen. Arme, Beine, Lunge. Anhalten, hinsetzen, ausstrecken, einfach nur daliegen.
Und die anderen vorbeilaufen sehen?
Kilometer neun. Hier war schon Kilometer neun. Zehn Kilometer war die erste Etappe lang. Dann war er ja fast schon im Ziel. Nur noch einen Kilometer, das war doch so gut wie gar nichts. So kurz vor dem Ziel konnte man doch nicht aufgeben. Marian wiederholte diesen Gedanken, sprach ihn sich lautlos vor, um ihm die Gelegenheit zu geben, seine belebende Wirkung zu entfalten, zu Rhythmus zu werden, wartete ungeduldig darauf, dass ein neuer Energieschub durch Arme, Beine und Lunge prickelte.
Aber das Einzige, was da prickelte, war sein Kopf. Offenbar der einzige Körperteil, dem es etwas ausmachte, womöglich nicht bis ins Ziel getragen zu werden. Typisch. Der Kopf braucht nur zu wollen, der Rest muss dafür arbeiten. Leitendes Anhängsel. Und das Herz macht dann den Abgang. Wie aufs Stichwort glaubte er, wieder Rhythmusschwankungen in seinem Brustkorb zu spüren.
Einen Kilometer noch. Das waren 1.000 Meter. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er sich in der Sportstunde vor dem 1.000-Meter-Lauf gefürchtet hatte. Schrecklich. Siedend heiß fiel ihm ein, dass diese Etappe außerdem nicht genau zehn Kilometer lang war, sondern gut zehn Kilometer. Also mehr als zehn. 10 Komma nochwas. Dieses kleine Plus war ihm vor dem Start unwichtig vorgekommen. Wie viel genau? 10,8. Also fast elf. Also fast noch 2.000 Meter, oh Gott, nein.
Aber er lief und lief und lief weiter. Das Gras am Streckenrand war noch immer grün, aber die weiche Stelle, die ihm so verlockend erschienen war, die lag schon ein Stück zurück.
Schnurgeradeaus ging es jetzt, zwischen aufgereihten jungen Birken hindurch, hinter denen sich graubraune Felder erstreckten, weit und eben wie Kuchenplatten. Da links musste irgendwo die Bundesstraße sein. Brannte es da? Nein, ein Bauer eggte sein Feld, und grauer Staub stieg hoch auf wie Rauch. Der Traktor hatte eine geschlossene Kabine, vermutlich klimatisiert und mit Stereo-CD-Player. Dem Mann da drinnen würde es wohl kaum einfallen, bei diesem Wetter draußen in der prallen Sonne herumzurennen. Der war ja nicht blöd. Der saß auf seinem gasdruckgedämpften, gut gepolsterten Treckersitz und hörte Techno, irgend so ein Daggadaggadaggadumpfdumpf, wie man es nachts durchs Schlafzimmerfenster hören konnte, wenn die Tiefergelegten ihre Runden drehten. Daggadaggadumpf. Dadumpf. Macht schön stumpf, daggadaggadumpf. Eins zwo, eins zwo. Daggadaggadumpf. Dadumpf. Dadumpf.
Menschen. Klatschen. Rufe, unverständlich, aber anfeuernd. Die Birkenallee war plötzlich auf einen kleinen Rest zusammengeschrumpft, da war eine Kurve, da standen Leute. Den letzten Kilometer musste er wie in Trance gelaufen sein. Jetzt, jetzt endlich spürte er das Prickeln, auf das er vor anderthalb Kilometern vergeblich gewartet hatte, fühlte neue Kraft in seinen Oberschenkeln, an deren Innenseiten schon seit geraumer Zeit ein gut entwickelter Wolf knabberte, jetzt endlich war er sicher, das Ziel doch noch zu erreichen. Mit dem Kopf und mit dem Rest seines Körpers auch. Lebendig.
Da war das Ziel, da war die Einlaufgasse, da standen die Unentwegten, die aus Prinzip applaudierten, um auch wirklich jede irgendwie erbrachte Leistung zu würdigen, wobei viele Gesichter durchaus andere Motive verrieten. Die Ankunft der Nachhut, der schwankenden Gestalten, der Fußkranken des langen Marsches schien auch eine Menge wohliger Schadenfreude zu bereiten.
Viele der in kleinen Gruppen plaudernd Herumstehenden trugen Sportkleidung, lose um die Schultern hängende Trainingsjacken und kurze Hosen, standen völlig entspannt, atmeten ruhig, Stirn und Haare bereits wieder von der Sonne getrocknet. Die Läufer, die richtigen Läufer. Einige rüsteten schon zur Heimfahrt, winkten Grüße, vorbei an denen, die ein ganz anderes Rennen gelaufen zu sein schienen, das erst jetzt beendet war. Endlich.
Marian entdeckte Stahnke, während er die Ziellinie überquerte und unmittelbar dahinter stehen blieb, unfähig und auch nicht willens, auch nur einen weiteren Meter zu laufen, krebsrot und nach Luft schnappend wie ein Fisch. Der Gesichtsausdruck des Hauptkommissars war schwer zu deuten. Jedenfalls grinste er nicht, was Marian noch am ehesten erwartet hatte. Trotzdem drehte er sich weg. Nein, jetzt nicht. Irgendwer reichte ihm einen Becher, und er trank gierig.
Wo war Sina? In dem Getümmel zwischen Zielraum und Parkplatz, Krankenwagen und Getränkeständen konnte er sie nirgends entdecken. Dafür sah er den weißhaarigen alten Mann, der ihn unterwegs überholt hatte. Jetzt taumelte er zwischen zwei Sanitätern, die Arme um ihre Schultern gelegt, mit hängendem Kopf und eingeknickten Knien, und wurde zum Krankenwagen geführt, interessiert beäugt von zwei knorrigen Uniformierten. Keine Spur mehr von erfolgsgewohnter Führungskraft – ein Wrack.
Marian sah es mit einer Befriedigung, die von keinerlei Scham getrübt war. Immerhin hatte ihn dieser Mensch durch die selbstgefällige Demonstration seiner angeblichen Überlegenheit fast zur Aufgabe getrieben. Einer Überlegenheit, die es wohl vor allem in seinem Kopf gab und deren Demonstration der Körper hatte ausbaden müssen. Was offenkundig über seine Kräfte gegangen war. Alter Angeber. Geschah ihm recht.
Da war Sina. Sie palaverte schon wieder mit diesem schwarzlockigen Büffel, dem man es an der Nasenspitze ansehen konnte, wie sehr ihm gerade der Sinn nach einer gemischten Dusche stand. Die beiden gingen an ihm vorbei, ohne ihn wahrzunehmen, so nahe, dass er nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um Sina zu berühren.
Aber er tat es nicht.
6
»Was ist mit ihm?« Stahnkes professionelle Neugier ließ sich nicht so einfach abstellen. Wendelin Krüger war immerhin ein Promi, da gehörte es schon zum beruflichen Selbstschutz, sich auf dem Laufenden zu halten.
»Kreislaufschwäche.« Den blonden Mann, der ihm antwortete, hätte er nicht ohne Weiteres als Arzt identifiziert. Er war jung und trug kurze Hosen unter seinem Sweatshirt, offenbar hatte er selber am Ostfrieslandlauf teilgenommen. »Erhöhte Pulsfrequenz, geht aber schon wieder runter. Außerdem hat er zu viel Sonne abbekommen.« Die Sanitäter, die Krüger inzwischen im Wagen verstaut hatten, warfen dem Doktor fragende Blicke zu. Als der den Kopf schüttelte, schlossen sie die Türen, starteten den Motor und fuhren an. Langsam bahnte sich der Krankenwagen einen Weg durch die immer noch wimmelnde Menge, ohne Sirene und Blaulicht. Allzu schlimm schien es wirklich nicht zu sein.
»Sind Sie ein Verwandter von Herrn Krüger?« Der junge Arzt schien seine unbefangene Auskunftsbereitschaft zu bedauern. »Oder sind Sie etwa von der Presse?«
Stahnke wies sich aus; der Doktor schien beeindruckt: »Personenschutz für Herrn Krüger? Na ja, hätte ich mir ja denken können.« Mit der rechten Hand deutete er an Stahnke vorbei, und als der sich umwandte, blickte er in die grinsenden Gesichter von Rieken und van Dieken.
»Ich hatte mich schon gewundert, warum hier so aufwändig gesichert wird«, fuhr der Arzt fort, nunmehr in fast vertraulichem Tonfall. »Eigentlich besteht dafür ja gar kein Anlass, was soll beim Ossiloop schon groß passieren?«
Wieder wandte sich Stahnke um, aber der bedeutungsvolle Blick, der Rieken und van Dieken zugedacht war und künftige Korrekturen der Dienstplangestaltung androhen sollte, fiel ins Leere. Die beiden schienen auch Meister im rückstandslosen Verschwinden zu sein.
»Einer wie Herr Krüger ist natürlich immer gefährdet.« Der Arzt nickte sich selber bestätigend zu, schien sich förmlich in seine eigene Personenschutzthese einzuwickeln. Stahnke ließ ihn gewähren. »Darum also waren Sie mit dem Fahrrad auf der Strecke. Hatte mich schon gewundert. Wissen Sie, eigentlich mögen wir Läufer das ja nicht, es könnte ja sein, dass jemand einen Schrittmacher vorausfahren lässt. Aber Sie haben ja öfter Ihre Position gewechselt.«
»Das haben Sie bemerkt?«
»Ja, ich war meistens hinter Ihnen. Bin keiner von den Schnellsten, wissen Sie.« Er lächelte ein verzerrtes, Nachsicht und aufbauendes Lob heischendes Lächeln; Stahnke fühlte sich peinlich berührt. Da er keinerlei Reaktion zeigte, plapperte sein Gegenüber weiter. »Aber vor sich selber kann man ja niemanden schützen, das gilt offenbar auch für Herrn Krüger. Aus dem gefährlichen Alter, in dem Männer den natürlichen Leistungsabfall nicht wahrhaben wollen und ihn einfach ignorieren, ist er ja eigentlich schon heraus. Aber sein Ehrgeiz ist wohl stark entwickelt, stärker als sein Kreislauf. Man kann es auch Eitelkeit nennen. Würde ich mir aber nie erlauben.«
»Wann ist denn dieses gefährliche Alter?«, fragte Stahnke.
»Na so zwischen 40 und 50«, sagte der Arzt. Er musterte den Hauptkommissar eingehend und öffnete den Mund. Als er aber in Stahnkes Gesicht schaute, kniff er die Lippen wieder zusammen, grüßte kurz und wandte sich ab.
Gefährliches Alter! Wenn überhaupt, dann pflegte Stahnke von sich selbst als Gefahr für andere zu denken, nicht aber als gefährdet. Dass ihm sein Übergewicht keinen sonderlich beneidenswerten Platz in der Lebenserwartungsstatistik sicherte, war ihm bewusst. Den Arzt aber, der ihm das anhand seiner Blutwerte vorgerechnet hatte, mied er schon seit Jahren – und ging es ihm deswegen etwa schlechter?
Prüfend fuhr er mit den Handflächen seine Rumpfkonturen ab. Sehr bedauerlich, dass sein Trenchcoat noch auf dem Gepäckträger klemmte. Ohne ihn fühlte er sich plötzlich deckungslos.
»Na, was macht Ihnen denn Bauchschmerzen?« Wie aus dem Boden gewachsen stand Sina Gersema vor ihm, strahlend und rosig, aufgekratzt und immer noch so erhitzt, dass sie ihn förmlich einhüllte in eine bauschige Wolke aus Körperwärme und Schweißduft. Ja, eindeutig Duft, ein wenig mit den Spuren eines überforderten Deodorants verbrämt, hauptsächlich aber der Duft frisch vergossenen Schweißes, vergossen von einem Frauenkörper. Von einem außerordentlich hübschen Frauenkörper, der in knappem Sportdress wenig mehr als eine Spanne vor seinen Hemdknöpfen zu vibrieren schien, offenbar immer noch unter den Nachwirkungen des Laufes. Sie schien ihn genossen zu haben – kein Vergleich mit dem Bild des Jammers, das Marian Godehau vorhin abgegeben hatte.
Stahnke ertappte sich dabei, wie er auf Sinas pinkfarbenes Trikot starrte, senkte seinen Blick, woraufhin Sinas sanft gebräunte Oberschenkel und sein eigener Bauch ins Blickfeld gerieten. Schnell hob er Kopf und Lider. Sina lächelte immer noch, war anscheinend in einer Stimmung, dass sie die Welt hätte umarmen können, und Stahnke spürte den Anflug der Vorstellung, wie es wohl wäre, wenn sie etwas mit ihm anfangen würde. Dann fiel sein Blick auf ein anderes Gesicht oberhalb von Sina Gersemas linker Schulter. Ein büffelbreites Gesicht unter schwarzen Locken über breiten Schultern und einem schweren Körper. Der Mann, der ihn vorhin auf der Strecke fast umgerannt hätte. Ach du Scheiße, dachte Stahnke und wünschte sich sein Fahrrad herbei.
Dieses impertinente Lächeln, diese affektiert gefletschten Zähne, diese grabschend ausgestreckte Hand. Stahnkes Rechte wurde gepackt und geschüttelt, ehe er sie noch hinter seinem Rücken in Sicherheit bringen konnte. »Herr Hauptkommissar, schön, Sie endlich einmal unter freiem Himmel anzutreffen!« Na klar, gleich zur Begrüßung eine Spitze, hübsch verpackt in Scheinheiligkeit, aber deutlich aus der Hülle herauspiekend. Stahnke wusste schon, warum er diesen Helmut Zimmermann nach Möglichkeit mied. Aber es war eben nicht immer möglich, schließlich war der Kerl unter anderem auch Rechtsanwalt und er Bulle.
»Mitlaufen hätten Sie sollen, statt hier nur rumzustehen. Das gibt Kraft! Kraft und Freude!«
Sina, von Zimmermann zur Seite gedrängt, drehte sich halb um und stemmte die Arme in die Hüften, wobei Stahnke einen verstohlenen Blick auf die Rückfront ihrer Radlerhose werfen konnte, die ihren Po perfekt und faltenfrei nachmodellierte. Selbst die üblichen Abdrücke eines Slips waren nicht zu erkennen. Lief sie etwa ohne? Er räusperte sich, ohne so recht zu wissen, warum.
Zimmermann hielt seine Hand immer noch gepackt, lachte dröhnend und schien weder das Händeschütteln noch das aufgepfropfte Gespräch so schnell abstellen zu wollen. Stahnke richtete seine wasserblauen Augen auf Zimmermanns schwarzbraune aus, tauchte förmlich ein in diesen provozierenden Blick, nahm die Herausforderung an und nagelte ihn dadurch fest. Während er nun ebenfalls die Zähne bleckte, tastete er mit Zeige- und Mittelfinger seiner Rechten über Zimmermanns Handrücken, presste sie in die Lücke zwischen dem zweiten und dritten Mittelhandknochen und verstärkte gleichzeitig den Druck seiner Hand. Zimmermanns Augen weiteten sich, während seine Hand erschlaffte und Stahnke die seinige endlich lösen konnte.
»Kraft«, sagte er, »Kraft kommt aus der Ruhe, Herr Zimmermann. Nicht aus der Hetze.«
Das war nicht übel, das sollte ich mir aufschreiben, überlegte Stahnke selbstzufrieden, während sich Zimmermann wortlos abwandte, wobei er seine rechte Hand mit der linken umklammert hielt. Der Druck hatte gepasst, der Schmerz musste heftig gewesen sein. Dass Zimmermann dabei nicht geschrien hatte, passte wiederum zu ihm.
Sina folgte ihm nicht. Wieso war sie überhaupt mit ihm zusammen aufgetaucht? Eine Zufallsbekanntschaft unter Läufern? Aber sie musste Zimmermann doch kennen, schließlich stand der noch häufiger in der Zeitung als Wendelin Krüger, und nach allem, was Stahnke von Sina wusste, sollte Zimmermanns Gesinnung ihr doch auch nicht sympathischer sein als ihm.
Sina stand immer noch mit den Händen in den Hüften da, und wenn das Laufen tatsächlich ein Hochgefühl in ihr erzeugt hatte, dann war es inzwischen verflogen. »Was war denn das für ’ne Show?«, zischte sie. »Sie haben sich ja aufgeführt wie ein Gockel. Oberpeinlich! Das hätte Marian auch nicht besser hingekriegt. Was denkt ihr euch eigentlich?«
Sie schleuderte ihren kastanienroten Haarbusch, der über ihre linke Schulter nach vorne bis über ihre Wange gerutscht war, mit einer energischen Kopfbewegung zurück in den Nacken. »Aber genau das ist es ja wohl, womit ihr Probleme habt. Denken. Scheint wohl wehzutun.« Wütend lief sie davon.
So kratzbürstig habe ich sie ja noch nie erlebt, dachte Stahnke, während er die erneute Gelegenheit nutzte, Sinas rückwärtige Ansicht zu bewundern. Und so anziehend war sie ihm auch noch nie vorgekommen. Ob es da einen Zusammenhang gab?
Bisher hatte er Marian Godehaus Freundin immer mit anderen Augen betrachtet, so wie die Ehefrauen von Kollegen; es schien da so etwas wie einen Filter zu geben, den er nur einzuschalten brauchte. Hatte sonst immer funktioniert. Gefährliches Alter? Der Arzt, den Sinas Auftauchen aus seinem Bewusstsein gelöscht hatte wie ein warmer Sommerregen eine Spur im Staub, fiel ihm jetzt wieder ein, und er drehte sich nach ihm um. Aber der junge Mann war nirgendwo mehr zu entdecken.
Auch Sina war zwischen den umherschlendernden Passanten, die langsam weniger zu werden schienen, verschwunden. Dafür tauchte Marian in Stahnkes Blickfeld auf. Ziemlich weit entfernt, immer wieder von Vorübergehenden verdeckt, stand er da und starrte zu ihm herüber.
Nein, jetzt nicht, dachte Stahnke und wandte sich ab.
7
Neonblau. Giftgrün. Latzhosenlila. Wo waren die orangefarbenen? Mit Schwung riss er die zweitoberste Schreibtischschublade auf, so dass sie krachend in die Arretierung schlug und die lose in ihr verstreuten Gegenstände nach vorne gekullert kamen. Da war sie, die orangefarbene Dose, aber sie war leer, das konnte Stahnke schon am Klang erkennen. Ärgerlich warf er die Lade wieder zu.
Neonblau, giftgrün oder latzhosenlila? Die grünen waren erfahrungsgemäß am besten geeignet, seine Stimme wieder aus dem Weinkeller hervorzulocken, in dem sie sich irgendwann im Laufe der vergangenen Nacht verkrochen hatte. Eukalyptus. Die aber schlugen ihm auf den vom Weingenuss überreizten Magen, auch darüber gab es gesicherte Erfahrungswerte, und um seinen Magen stand es ohnehin wieder einmal nicht zum Besten.
Brubbelnde Geräusche erschütterten sein Gekröse, und was da ein ums andere Mal mit mühsam unterdrückter Geräuschentwicklung nach oben gestiegen kam, schien konzentrierte Salzsäure zu sein, wie Sumpfwasser durchsetzt mit Blasen aus Faulgas. Nein, keine Giftgrünen. Auch keine Neonblauen. Menthol linderte zwar, half aber nicht wirklich und brannte mindestens ebenso schlimm wie Eukalyptus. Orange wäre ein guter Kompromiss gewesen. Orange aber war alle. Und die Lila mochte er nicht.
Warum hatte er sie dann gekauft, wenn er sie doch nicht mochte? Er wusste es nicht. Grübelnd hockte er da, starrte vor sich hin und unterdrückte einen weiteren Säuregeysir. Old Faithful, ach ja. Ob er doch mal eins von diesen lila Johannisbeerdingern versuchen sollte? Jeden Moment konnte das Telefon klingeln, dann brauchte er wenigstens so etwas Ähnliches wie eine Stimme.
Stahnke räusperte sich. Ein wohlgenährter Rülpser nutzte die Gelegenheit zu einem Ausfall aus dem Hinterhalt. Die Eruption klang wie ein Kanonenschlag.
Oberkommissar Kramer stand im Türrahmen wie hingezaubert, und Stahnke glaubte ihn durch verwehenden Pulverdampf hindurch zu erblicken. Gedankenverloren wedelte er mit der Hand vor seiner Nase herum. Kramer blieb existent, und seine Konturen wurden nach und nach deutlicher. Beamvorgang erfolgreich abgeschlossen, vielen Dank, Scotty.
»Morgen, Chef.« Ach, das war das Schöne an Kramer. Niemals grüßte er aufgekratzt, niemals missmutig, auf seinen angenehm neutralen Tonfall war Verlass, da konnte es stürmen oder schneien, da konnte das Polizeigebäude brennen oder der eigene Chef rülpsen wie der Krakatau. Sollte Kramer einmal groß im Lotto gewinnen, ihm würde man es gewiss nicht anmerken. Oder hatte er schon? Wer konnte es sagen?
»Sind Sie reich, Kramer?«, krächzte Stahnke.
»Nein, Chef«, sagte Kramer und verschwand im Nebenzimmer.
»Aber für einen Kaffee wird’s doch reichen.«
»Kaffee immer, Chef.« Inge hatte Urlaub, eine Vertretung gab es nicht, und weil niemand außer Inge jemals daran dachte, Kaffeepulver für die Maschine zu kaufen, blieb nur noch der Automat. Beim Gedanken an das bittere Zeug in den Plastikbechern, von denen es sich auch farblich kaum unterschied, krampfte sich Stahnkes Magen bedrohlich zusammen.
Aber etwas Warmes trinken musste er jetzt unbedingt, der Kehle wegen. Warum konnte man eigentlich nicht zwischen Speiseröhre und Magen eine Weiche einbauen und das Zeug einfach ableiten, nachdem es in Hals und Rachen seine Wärme verströmt hatte? So etwas hätte er letzte Nacht schon gut brauchen können, für den Wein. Jedenfalls für die zweite Halbzeit.
Kramer stellte den dampfenden Kaffeebecher vor ihn hin, und er trank. Erst tat es gut, dann tat es weh. Wie erwartet. Wie kochendes Wasser auf eine offene Wunde. Wie immer.
»Was liegt an heute?«, fragte er, nachdem der krampfartige Schmerz abgeklungen war.
»Unser Kung-Fu-Meister«, antwortete Kramer. »Sie wissen schon, dieser Karatekämpfer mit Knobelbechern. Letzte Nacht aufgegriffen, als er zu seiner Freundin wollte. Genau wie vermutet. Hat kaum Widerstand geleistet.«
»Geständig?«
»Nicht wirklich. Sollte aber eigentlich kein Problem darstellen«, sagte Kramer.
Nein, das sollte es in der Tat nicht. Jan-Habbo Janssen war ein kleines Licht, selbst nach den dürftigen Maßstäben der Leeraner Neonaziszene. Dicke Arme, aber ebenso viel Verstand wie Haare. Einer, der sich schicken ließ, weil ihm selber nichts einfiel. Was ihm schon mehrere Verurteilungen wegen Einbruchs und Körperverletzung eingetragen hatte. Jan-Habbos Bewährungstage waren längst vorbei.
»Und sonst?«
»Einer von uns wird auf die Insel müssen«, sagte Kramer.
Stahnkes Magen krampfte sich erneut zusammen. Ganz automatisch musste er bei Insel an Wasserleiche denken, und Wasserleichen waren nicht gerade ein Hobby von ihm. Aber so schlimm musste es nicht gleich kommen. Obwohl es zu diesem Morgen passen würde.
»Borkum? Was gibt’s da?«
Kramer wedelte mit einem Fax: »Angeschwemmte Wasserleiche.«
»Na prima.« Stahnke zerdrückte einen weiteren Aufstoßer zwischen den Zähnen, zerbiss ihn fast bis zur Unkenntlichkeit. Fast. Hatte sich Kramers linke Augenbraue nicht um einen Millimeter gehoben? Schwer zu sagen. Gewöhnlich ließ sich Kramer niemals auch nur irgendetwas anmerken, schon gar keine Kritik an seinem direkten Vorgesetzten. Dabei gab es genug zu kritisieren, das war Stahnke klar, und gerade das machte ihn immer wieder wütend und verleitete ihn zu ungerechten Grobheiten, die er meistens schon bereute, ehe die Worte noch ganz ausgesprochen waren. So rutschte er immer tiefer in die Schuld seines Assistenten, dessen Tüchtigkeit nur noch von seiner Loyalität übertroffen wurde.
»Ein älterer Herr von 70 oder 75 Jahren.« Kramer strich sich mit der rechten Hand über sein glatt rasiertes Kinn, während er das Inselfax studierte. »Anzug und Schuhe, keine Papiere, kein Portemonnaie. Allem Anschein nach kein Badegast, jedenfalls ist auf Borkum keiner abgängig.«
Auch kein Wassersportler, bei der Kleidung. Also vermutlich ein Passagier von einer der Fähren, überlegte Stahnke. Unerfahren, unvorsichtig, unbemerkt über Bord. Ein Alleinreisender, deshalb nicht sofort vermisst, aber das würde schon noch kommen. Vielleicht lag eine entsprechende Anzeige ja schon irgendwo vor, und man musste nur eins und eins zusammenzählen. Wie auch immer, zunächst einmal musste man sich kümmern.
Wie lange der wohl im Wasser gelegen hatte? Ein wichtiger Faktor für die Entscheidung, wer von ihnen auf die Insel fahren würde. Stand sicher auch auf dem Fax. Das er sich natürlich längst selber hätte holen können, schließlich war er ja vor Kramer im Büro gewesen. Jetzt aber hatte der es, und Stahnke musste fragen.
Gerade hatte er den Mund geöffnet, als die Tür in einer Weise aufplatzte, dass er den Luftzug am Zäpfchen zu spüren glaubte. Eine büffelbreite, schwarzlockige Gestalt, bekleidet mit einem perfekt sitzenden grauen Anzug und geschmückt mit einem extrabreiten Grinsen, stürmte ins Zimmer, schnell genug, um der vom Gummistopper zurückprallenden Tür zu entgehen. Mit langen Schritten eilte der Mann auf Stahnkes Schreibtisch zu, als wollte er eine Schneise hineinwalzen, stoppte aber ein paar Zentimeter davor ab, streckte zwei lange Arme aus und stemmte zwei haarige Fäuste auf die Tischplatte. »Genug gestaunt«, dröhnte eine unverschämt muntere Stimme. »Sie können den Mund wieder zumachen, Stahnke. Das Reden übernehme jetzt sowieso ich.«
Hätte ich mir ja denken können, dachte Stahnke und wünschte sich plötzlich sehnlichst auf die Insel, Wasserleiche hin oder her. Und wenn’s ein verwesender Wal wäre.
»Habe Sie gar nicht klopfen hören, Herr Zimmermann«, sagte er leise. »Und Sie dürfen mich auch gerne Herr Stahnke nennen.«
»Weiß ich doch, weiß ich doch, Herr Hauptkommissar«, dröhnte der Rechtsanwalt. »Hier geht’s aber nicht ums Dürfen, hier geht es ums Müssen. Und ehe Sie mich zur Toilette schicken: Ich meine nicht die menschliche Notdurft, ich meine das deutsche Recht. Nicht wahr? Alles zu seiner Zeit.« Er lachte kehlig. Die Schreibtischplatte unter seinen Fäusten begann leicht zu beben.
Wäre Stahnke an diesem Morgen nur etwas wacher gewesen, ihm wäre schon bei der ersten Erwähnung von Jan-Habbo Janssen klar gewesen, was ihm da bevorstand. Jeder Rechtsgestrickte in dieser Region, der irgendwelche Probleme hatte, sei es mit Argumenten oder mit dem Gesetz, kam sofort zu Helmut Zimmermann gerannt. Jeder, vom Dunkelschwarzen bis zum Kinderkackebraunen, ob er nun Kampfstiefel zur Tarnhose trug oder Lackschuhe zur Bügelfalte oder die Hosen ganz einfach nur voll hatte, weil er die Welt nicht verstand und deshalb Angst vor ihr hatte, Angst vor allem und jedem und vor den Ausländern ganz besonders. Sie alle hatten diesen Zimmermann zu ihrer Ikone gekürt, zu ihrem Wortführer. Mindestens.
Und der genoss es. Zimmermann maß seine eigene Lebensqualität in Aufmerksamkeitseinheiten, ganz egal mit welchen Vorzeichen. Angebetet oder angebrüllt zu werden, das war für ihn praktisch eins. Politik bestand für ihn aus Provokation und Anbiederung. Immer abwechselnd, wie es gerade passte. Ein Eiertanz der Instinkte, den er traumwandlerisch sicher beherrschte.
Was in seinem Kopf wirklich vorging, war umstritten; womöglich war er rein zufällig auf dem rechten Flügel gelandet, quasi als populistischer Stimmungsindikator der Anziehungskraft der Stammtische folgend. Machte das einen Unterschied? Zufallsärsche sind auch Ärsche, pflegte Stahnke zu sagen, wenn die Rede auf Zimmermann kam. Was im Leeraner Polizeigebäude recht häufig geschah. Aber so einfach war es natürlich auch wieder nicht.
»Wenn Sie so dringend eine Stütze brauchen, dann sollten wir vielleicht mal Ihre Zulassung überprüfen«, sagte Stahnke und wedelte mit der rechten Hand, wie um eine lästige Fliege zu verscheuchen. »Darüber hinaus wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Ankündigung jetzt mal wahrmachen würden. Reden Sie. Aber sagen Sie auch was.«
Schnaufend richtete Zimmermann sich auf, das Grinsen tief in die erstarrende Mundpartie eingemeißelt. Er war noch einige Zentimeter größer als Stahnke, der auch schon etwas über einen Meter 80 maß, ebenso breit in den Schultern und fast genauso massig. Aber er war fitter als der Hauptkommissar, Stahnke wusste das, und man konnte es auch sehen. Zimmermann war Sportler von Kindesbeinen an, war viele Jahre Fußballer und danach Schiedsrichter gewesen und ließ auch heute noch kaum ein Sportfest aus; vermutlich war das die Basis seiner Popularität. Stahnkes Sportlertage dagegen waren längst Geschichte, und zwar ungeschriebene.
Gut so, dachte Stahnke, als Zimmermann gerade zum Reden ansetzte und im selben Moment das Telefon klingelte. Geschieht ihm recht. Schnell nahm er mit der linken Hand den Hörer ab, führte ihn zum Ohr und grinste Zimmermann scheinheilig zu, während er mit der flach erhobenen Rechten die Geste des Abstoppens machte: Moment, mein Lieber, erst die wichtigen Dinge.
Es war Kramer; neckische Idee, aus dem Nebenzimmer anzurufen. »Neues Fax, Chef. Dürfte Sie interessieren.«
Stahnke schwieg. Ohne Frage keine Antwort – das machte Kramer mit ihm auch immer so.
»Krüger, Chef. Doktor Wendelin Krüger.«
Stahnke fixierte Zimmermann, dessen zahnreiches Lächeln nun doch zu schwächeln begann. Ob er es schaffte, ihn mal so richtig wütend zu machen? Eine echte Herausforderung, denn Zimmermann war in zahllosen kommunalparlamentarischen Debatten erprobt, und gewöhnlich war er es, der die anderen wütend machte. Stahnke lächelte gnadenlos weiter. Und schwieg weiter ins Telefon.
»Krüger ist tot, Chef.« Ha, Kramer hatte aufgegeben. Punkt für Stahnke. Das konnte ja doch noch ein erfolgreicher Tag werden.
Was hatte Kramer da eben gesagt?
»Heute früh, kurz nachdem er sein Büro betreten hatte, ist er dort tot aufgefunden worden. Ein Arzt ist bei ihm. Hat gerade hier angerufen.«
»Ursache?«, fragte Stahnke.
»Unklar«, antwortete Kramer. »Keine Anzeichen für äußere Einwirkung. Aber der Arzt meinte trotzdem …«
»Sehr gut«, sagte Stahnke. »Kramer, Sie fahren auf die Insel.«
»Ja.« Es knackte im Hörer. Stahnke legte ebenfalls auf und erhob sich. »Und Sie, Herr Zimmermann«, sagte er, »Sie beehren mich bitte ein anderes Mal. Wenn Sie mal wieder müssen. Das dürfen Sie hier gerne, wenn’s recht ist. Und wenn Zeit ist.«
Zimmermanns Gebrüll schallte hinter ihm her bis auf den Flur. Nicht schlecht, dachte Stahnke. Gleich zwei Duelle gewonnen. Vielleicht wird das ja sogar noch ein richtig netter Tag.
8
»Kommen Sie, Stahnke, das kann doch einfach nicht alles sein.« Ungeduldig war Marian Godehau schon länger gewesen, jetzt wurde er ärgerlich. »Plötzlicher Kindstod, okay, davon habe ich schon gehört. Aber plötzlicher Tod einer überreifen Führungskraft ohne erkennbare Ursache, das ist ja wohl ein Witz.«
»Dann lachen Sie doch.« Stahnke war überhaupt nicht nach Spaßen zu Mute. Fast Mittag, die sensationelle Nachricht hatte sich längst herumgesprochen, Marian war zwar der erste, würde aber gewiss nicht der einzige Journalist bleiben, der hier im Verwaltungsgebäude der Optotrans auftauchte, und er wartete immer noch auf eine erste Tendenzmeldung der Ärzte. Bisher vergeblich.
Krügers Büro war groß, noch größer, als man es hatte vermuten können. So groß, dass sie ruhig im Eingangsbereich warten konnten, ohne unerwünscht viele Details von dem mitzubekommen, was die Ärzte da trieben. Der Tote lag rücklings auf dem rasenweichen Teppich, auf halbem Wege zwischen Schreibtisch und Fensterfront, die langen, hageren Arme und Beine merkwürdig asymmetrisch angewinkelt, so dass Stahnke sich unwillkürlich an ein Hakenkreuz erinnert fühlte.
Krügers Schreibtisch bestand aus seidig schimmerndem, dunkelbraunem Holz, war der Raumgröße entsprechend gigantisch dimensioniert und ausladend viertelrund, fast wie einer dieser Söller, von denen herab gekrönte wie ungekrönte Herrscher zu ihrem Volk zu sprechen pflegten. Auf der Schreibtischplatte hätte die gesamte englische Königsfamilie samt Queen Mom Platz gefunden. Stahnke konnte sich gut vorstellen, wie Krüger in dem breiten, hochlehnigen Sessel dahinter residiert und Hof gehalten hatte. Dort hatte er bestimmt eine bessere Figur gemacht als damals auf dem maroden Besucherstuhl im 1. Kommissariat, wo er wegen seiner dubiosen Lager vernommen worden war.
Hinter dem Sessel an der cremefarbenen, dezent strukturierten Wand hing ein Ölgemälde, ebenfalls riesig, eine Wiedergabe der Opto-Fahrzeugwerke, ziemlich naturalistisch, ziemlich langweilig. Stahnke hatte schon andere Gemälde von Industrieanlagen gesehen, hyperrealistische darunter, die von innen heraus zu strahlen schienen und ein deutliches Gefühl für die Faszination dieser Art von Architektur vermittelten. Dieses hier wirkte höchstens durch seine Ausdehnung. Klar, die Opto-Werke waren groß, riesengroß sogar, eine machtvolle Konzernmutter, und hier, im Angesicht des Geschäftsführers der Tochterfirma Optotrans, wurde man nachdrücklich daran erinnert. Sehr nachdrücklich und reichlich plump.
Weitere, deutlich kleinere Bilder waren über die anderen Wände verteilt, Wände, an denen Stahnke die sonst üblichen Bücher- und Aktenregale vermisste. Deren zumeist ohnehin nur symbolische Bedeutung wurde vermutlich von dem Computer wahrgenommen, dessen 19-Zoll-Monitor auf dem linken Schreibtischflügel thronte.
Mangels anderer Beschäftigung ließ Stahnke seinen Blick über die Bilder wandern. Norddeutsche Landschaften in Aquarell und Pastell hingen neben abstrakten Werken, ein Stilmix ohne erkennbares Auswahlprinzip. »Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen«. Faust, oder? Immer gib ihm Bildung!
Dem Schreibtisch gegenüber sah es etwas anders aus, dort hingen ausschließlich kleinere Bilder, lauter Porträts. Würdige ältere Herren; in jedem einzelnen von ihnen glaubte Stahnke auf den ersten Blick Doktor Wendelin Krüger persönlich zu erkennen.
Auf den zweiten aber blieben nicht einmal familiäre Ähnlichkeiten, sondern höchstens – wie sagte man unter Autobauern? Typbedingte? Alle zeigten dieses aufmunternde Lächeln, das Überlegenheit transportierte und ein wenig Hohn. Erfolgsmenschen. Eine Ahnengalerie leitender Optotrans Angestellter, vermutlich.
Stahnke zuckte zusammen, als Marian ihn anstupste. Doktor Mergner hatte sich vor ihnen aufgebaut und heischte Beachtung – hoffentlich noch nicht allzu lange. Stahnke hob die Augenbrauen und signalisierte Dienstbeflissenheit.
»Tjaa …« Mergner, der mit seinen halblangen, struppigen, leicht ergrauten Haaren und den flaschenbodendicken Brillengläsern eher an einen vom Weltgeist beseelten Philosophen als an einen Naturwissenschaftler erinnerte, breitete die Arme aus, und Stahnke sah seine Hoffnung auf eine klare Diagnose schwinden. »Ganz allgemein gesprochen, haben wir es hier mit Tod durch Herzversagen zu tun. Eine Todesursache, die Sie auf Tausenden von Totenscheinen finden werden. Wenn der Tote alt ist und nicht gerade Geschäftsführer eines bedeutenden Betriebes, gibt man sich ja für gewöhnlich auch damit zufrieden.«
Stahnke nickte. Wie viele perfekte Morde wohl schon mit diesem einen Wort besiegelt worden waren? Die Pflege alter, kranker Angehöriger war eine aufreibende Sache, die ganze Familien bis an die Grenze des Erträglichen belasten konnte, und jahrelang unerfüllte Erbschaftshoffnungen gingen an die Nerven. Am Ende reichte dann ein Kissen, ein verkramtes oder falsch dosiertes Medikament, ein über Nacht offen stehendes Fenster, eine laut knallende Tür. Und letztlich hörte ja bei jedem Tod ein Herz auf zu schlagen.
Krüger jedoch war zwar alt, aber keineswegs pflegebedürftig gewesen. Die Pensionsgrenze hatte er hinter sich gehabt, das aber zählte bei Führungskräften bekanntlich wenig. So hatte ihn der Tod buchstäblich mitten aus dem aktiven Leben gerissen. Nur welcher?
»Eine Vorschädigung des Herzens liegt bei Doktor Krüger nicht vor, sagt sein Hausarzt.« Mergner hatte bereits recherchiert. »Überhaupt war der Mann für sein Alter bemerkenswert gesund. Trieb auch regelmäßig Sport.«
Stahnke entschied, den Seitenblick nicht bemerkt zu haben. »Soll ja auch nicht ganz ungefährlich sein«, sagte er. »Gestern ist Krüger fast elf Kilometer gelaufen und hatte anschließend einen Schwächeanfall. Kann es da einen Zusammenhang geben?«
Mergner schüttelte den Kopf. »Wenn, dann hätte es während des Laufs oder unmittelbar danach, wenn sich der Körper von erhöhter auf normale Belastung umstellt, passieren müssen. Woher wissen Sie das übrigens?«
»Stand praktisch direkt daneben«, sagte Stahnke.
»Ich auch«, ergänzte Marian, der sich kein Wort hatte entgehen lassen.
Mergner stutzte, blickte von einem zum anderen, entschied sich dann jedoch, keine Fragen zu stellen, und fuhr fort: »Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, nämlich das zentrale Nervensystem. Haben Sie sich sein Gesicht mal angesehen? Augen und Mund stehen offen, die Gesichtshaut ist bläulich verfärbt, die Zunge ebenfalls blau. Das deutet auf plötzlich aufgetretene Atemnot hin. Möglicherweise Atmungsversagen.«
»Demnach wäre er auf dem Weg zum Fenster gewesen, um nach Luft zu schnappen«, sagte Stahnke und deutete mit dem Kinn auf die Stelle, wo Krügers mittlerweile abgedeckter Körper lag. »Atemnot tritt aber auch bei Herzinfarkt auf, oder?«
»Richtig«, entgegnete Mergner. »Alles andere als ein klares Bild also. Dazu dann noch diese unnatürlich geröteten Hautpartien, vor allem im Nacken. Passt nicht so recht zusammen.«
»Sonnenbrand vermutlich«, sagte Marian und bewegte vorsichtig seine eigenen versengten Schultern unter dem unangenehm scheuernden Hemd.
Mergner runzelte die Stirn: »Eher nicht. Dafür ist die Rötung zu partiell. Außerdem gibt es auch rote Stellen im Rückenbereich. Und beim Laufen hat er doch wohl ein Hemd getragen.«
»Unnatürliche Todesursache also nicht ausgeschlossen?«, fragte Stahnke.
Mergner nickte. »Nicht ausgeschlossen, weil ich noch keine zwingende natürliche erkennen kann. Aber eben nur deshalb.«
»Also Obduktion?«
»Ja«, sagte Mergner. Stahnke seufzte.
»Was heißt das nun?«, fragte Marian.
»Das heißt: Keine Stellungnahme«, sagte Stahnke. »Sie kennen ja die Regeln.«
»Und was sage ich meinem Chef?«
»Was sage ich meinem?«
Diesmal seufzten sie beide.
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