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Peter Gerdes

Der Fluch der goldenen Möwe

Inselkrimi


Zum Autor

Peter Gerdes, geb. 1955, lebt in Leer (Ostfriesland). Studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Schreibt seit 1995 Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 Leiter des Festivals »Ostfriesische Krimitage«. Die Krimis »Der Etappenmörder«, »Fürchte die Dunkelheit« und »Der siebte Schlüssel« wurden für den Literaturpreis »Das neue Buch« nominiert. Gerdes betreibt mit seiner Frau Heike das »Tatort Taraxacum« (Krimi-Buchhandlung, Veranstaltungen, Café und Weinstube) in Leer.

Impressum

Alle Charaktere und Ereignisse in diesem Roman sind Fantasie des Autors und reine Fiktion.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, mit tatsächlichen Ereignissen oder Institutionen wäre rein zufällig.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2013 im Leda-Verlag)

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © hoffi99 / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6518-5

Widmung

Für Heike

1.

Wie das Rollen eines Schiffes in bewegter See. Wie das Schwingen einer Schiffschaukel, so einer ganz großen, mit diesem Schwung und diesem Fallen und diesem Rauschen des Fahrtwinds in den Ohren. Dieser Druck und die Schwere am tiefsten Punkt, und dann wieder empor, mit Macht, dieses unwiderstehliche Steigen, diese erwartungsvolle Anspannung, und dann dieser unbeschreibliche Moment der Schwerelosigkeit am höchsten Punkt, diese Lust …

Und dann das.

Schmerzen, rasend und reißend wie tausend stumpfe Sägen … solche Schmerzen kann es nicht geben. Darf es nicht geben. Hat er das nicht immer geglaubt? Und gesagt? Dass er dieser Schmerzen Herr werden kann, dass er der Herr dieser Schmerzen ist? Und doch, und trotzdem … unmenschlich … unerträglich … unvorstellbar grausam.

Sind sie weg? Nein, die Schmerzen sind nicht weg, nur er war weg, war abgetaucht, weit unten drunter, unterm Schmerz. Aber da ist er noch, der Schmerz, und kaum dass er wieder denkt, wieder daran denkt, ist er auch schon wieder mitten drin. Diesmal hört er sich stöhnen, hört er sich gurgelnd brüllen wie ein Tier. Und dann wieder … aus.

Auf und ab. Er steckt im Fahrstuhl zwischen samtiger Ohnmacht und wahnsinniger Tortur. Irgendwer drückt immer wieder die Knöpfe, reißt ihn stets aufs Neue heraus aus der gnädigen Besinnungslosigkeit. Jedesmal kommt er dem Schmerz ein Stückchen näher. Jetzt kann er schon ans Wachwerden denken, sich davor fürchten, er malt sich aus, was ihn erwartet. Aber er will nicht, er will doch nicht!

Nur: Was will er dann? Gibt es eine Alternative?

Die nächste Ohnmacht ist nur noch eine halbe, ist nur ein schadhafter Filter aus Rauschen und Sirren, durch den sich die Realität schubweise Bahn bricht. Beim nächsten Auftauchen wird er endgültig die Oberfläche durchstoßen, das weiß er. Und er hat eine Höllenangst davor.

Mit der Angst aber kommt die Wut. Verdammt, wer hat da so gepfuscht? Wer hat ihm das angetan, ausgerechnet ihm? Ihm tut man so was nicht an. Jedenfalls nicht ungestraft. Er ist es doch, der alles im Griff hat, der am längeren Hebel sitzt. Immer. Na warte, denkt er. Das wirst du büßen. Lass mich nur erst …

Jetzt ist er wach, endgültig, die Augen noch geschlossen, aber doch wach. Jetzt brüllt ihm der Schmerz direkt ins Gesicht. Aber jetzt kämpft er, jetzt will er es wissen, und er kann kämpfen, oh ja, er weiß, wie das geht. Er schreit und stöhnt und windet sich, aber er hält stand. Bleibt oben, bleibt bei Bewusstsein. Röchelt und keucht, bezwingt auch seinen Atem, holt tiefer und gleichmäßiger Luft. Gleich, gleich ist er so weit. Und dann sollen sich die, die das hier verbockt haben, bloß warm anziehen.

Er schlägt die Augen auf. Es ist dunkel, und es bleibt dunkel. Außerdem ist es kalt. Er liegt, mehr auf der Seite als auf dem Rücken, und zwar hart. Bewegen kann er sich nicht.

Er schließt seine Augen wieder, reißt sie erneut auf, vergewissert sich, dass er wirklich wach ist. Der Schmerz hilft ihm dabei. Also war das hier keine OP, denkt er, kein mühsames Erwachen danach. Das hätte doch gepasst. Bloß, welche denn auch?

Es sei denn … ist da etwas gründlich schiefgegangen? Haben sie ihn womöglich … in den Keller geschoben, dahin, wo die Kunstfehler zwischengelagert werden?

Dunkel, kalt und hart. Das würde passen.

Wieder keucht er, sein Herz rast, er bäumt sich auf. Zerrt und reißt und wundert sich. Und lässt sich wieder zurücksinken. Nein, denkt er, das passt doch nicht. Tote werden nicht gefesselt.

In seinen Adern pocht es, sein Schädel dröhnt, Adrenalin, denkt er automatisch. Innere Hitze presst ihm den Schweiß aus den Poren. Ein leichter Luftzug kühlt seine nasse Stirn.

Luftzug? Wieso Luftzug?

Eine Tür muss geöffnet worden sein.

Eine Ahnung. Eine Erinnerung. Und dann weiß er es plötzlich wieder. Was, und wann.

Bloß nicht: wer … und warum.

Etwas knirscht. Schritte, die sich nähern. Jemand geht neben ihm in die Hocke. Beugt sich weit herunter. Warmer Atem auf seiner feuchten Wange, an seinem Ohr. Das Kitzeln der Härchen darin dringt sogar durch den Schmerz. Der plötzlich gar nicht mehr das Schlimmste ist.

»Na, mein Lieber, sind wir wieder bei uns?« Eine leise Stimme, sanft wie das Schnurren eines Tigers. »Alles gut, alles klar? Wir wollen ja nichts verpassen, oder.« Eine Hand tätschelt seine Wange, Finger fahren leicht über seinen Hals, seine Kehle, seinen freiliegenden Brustkorb. »Dann können wir ja jetzt zur Sache kommen.«

Gänsehaut. Und ein Stich. Eine Injektion. Noch eine. Und wieder.

Er schnappt nach Luft, gierig, als gäbe es gleich keine mehr. Er tötet mich, denkt er, er bringt mich um. Dass einer so vorgeht, hätte er nicht gedacht. Das ist für ihn das eigentlich Überraschende.

Lichtflecken huschen über sein Gesicht. Aha, denkt er, irgendwo in einer kleinen Blase seines Verstandes, der ansonsten von heulender Panik geschüttelt wird, aha, er will es sehen, er will sich das nicht entgehen lassen. Das Licht blendet, aber er kann seine Augen nicht mehr schließen. Auch das Luftholen wird immer schwerer. So ist das also. Nein, ein schöner Tod wird das nicht.

Das Licht erlischt. Hat er genug gesehen? Wieder der Atem, das Kitzeln am Ohr.

»Du glaubst, dass du stirbst?«, raunt die Tigerstimme. »Nein, mein Lieber, Sterben ist noch nicht dran. So einfach geht das nicht.«

2.

Fassungslos starrte Renko Heidergott auf das Instrument in der Hand seines Gegenübers. »Ein Messer?«, schnauzte er dann. »Das ist doch kein Messer!« Mit einer blitzschnellen Bewegung seiner hornigen Linken schlug er Heiko Grendel das Ding aus den Fingern. Mit der anderen Hand hielt er ihm eine blitzende Klinge unter die Nase. »Siehst du? Das ist ein Messer!«

»Au! Sag mal, spinnst du?« Maulend rieb sich Heiko Grendel die schmerzende Hand. »Musst du immer gleich überreagieren? Außerdem ist das kein Messer, was du da hast.«

»Ach nee?«

»Nee! Das ist ein Fischmesser.«

»Klugscheißer.« Renko Heidergott warf das Instrument zurück in den Besteckkasten. Es klingelte satt und silbern. »Wenigstens bekommen meine Gäste etwas Anständiges in die Hand. So, wie sich das gehört. Nicht so ’nen Plastikmüll, wie du dir vorstellst.« Die Hand des stämmigen Mannes, dessen breites Gesicht von einem struppigen Bart eingerahmt war, wedelte verächtlich in Richtung des Kunststoffmessers, das auf dem altersfleckigen Parkettboden in der Tat nach nichts anderem aussah als nach Müll. Heidergotts Blick irrte zwischen Grendels glattem, jungenhaftem Gesicht und dem Einwegbesteck hin und her, offenkundig unsicher, aus welcher Richtung mehr Kontamination drohte.

»›Wie sich das gehört‹! Mein Gott, Heidergott, wenn ich das schon höre!« Heiko Grendel setzte sich an den nächstbesten Tisch und verschränkte bockig die Arme. »Tradition und Konvention, das ist alles, was ihr kennt und könnt, du und die anderen Betonköpfe hier. Das ist schon immer so gewesen, das haben wir schon immer so gemacht – als ob man heute noch so Geschäfte machen könnte! Mensch, Renko, die Zeiten ändern sich. Ständig! Neue Generationen, neue Moden, neuer Geschmack. Die Jugendlichen von heute sind unsere Kunden von morgen. Ach Quatsch, heute schon sind das unsere Kunden!«

Grendel kam in Fahrt, löste seine Arme aus ihrer Blockadehaltung und begann zu gestikulieren. »Und was haben wir denen zu bieten? Nichts als den gleichen Quark, den wir schon ihren Großeltern aufgetischt haben. Und dann deine ganze Ausstattung hier, dieses altmodische Mobiliar, dieser maritime Krempel überall an den Wänden! Tinnef! Glaubst du etwa, dass wir die jungen Leute damit begeistern können?«

»Guck dich doch um, es sind doch jede Menge junge Leute auf der Insel.« Heidergott hatte Grendel gegenüber Platz genommen. Er klang immer noch barsch, aber doch deutlich defensiver. Jetzt war es an ihm, die muskulösen Arme vor der Brust zu verschränken.

»Na klar sind die das. Aber warum?« Grendels richtete seinen gereckten Zeigefinger auf Heidergotts Brust wie der zuvor das Fischmesser auf seine. »Weil sie müssen! Ihre Eltern schleppen sie mit in den Urlaub, da werden die Blagen doch gar nicht gefragt, und dann sind sie hier auf Langeoog und können zwei, drei Wochen lang schlicht und einfach nicht mehr weg. Also bleiben sie hier, ob sie wollen oder nicht, und essen, was wir ihnen vorsetzen. Aber mit was für langen Zähnen!«

»Das stimmt doch gar nicht.« Renko Heidergott, seines Zeichens Chefkoch, Besitzer und Betreiber des Speiselokals Seestern, das sich selbst als ›Familienrestaurant‹ anpries, ließ deutlich erkennen, dass Grendels Bemerkungen ihm gegen die Berufsehre gingen. »Die jungen Leute essen doch auch bei uns.«

»Na logo, was bleibt ihnen auch anderes übrig«, höhnte Grendel. »Die Alten zahlen ja auch!« Er angelte nach einer der Speisekarten, klappte den schweren Kunstledereinband auf und blätterte darin, ohne hinzugucken. »Und was? Labskaus, Brathering, gedünsteten Seelachs im Gemüsebett. Glaubst du etwa, das haut die vom Hocker?«

»Wir haben aber doch auch etwas für die Jugend im Angebot«, widersprach Heidergott. »Da hinten zum Beispiel, die Kinderteller …«

»Hinten! Kinderteller!« Grendel hieb seine flache Hand auf die klarsichtumhüllten Seiten der Karte. »Das ist natürlich genau das, was Teenager wünschen! Das Anhängsel sein, ganz hinten, und Verlegenheitsessen kriegen. Fischstäbchen mit Kartoffelsalat vielleicht? Frikadelle? Oder Putenschnitzel mit Pommes? Mann, Alter, wo lebst du denn!« Er klappte die Karte zu und wischte sie beiseite. »Die Jugend von heute hat ihre eigene Esskultur. Und sowie es hier auf Langeoog ein Restaurant gibt, das ihnen genau das bietet, was diese Esskultur ausmacht, werden sie auch genau dort hingehen. Und ihre Eltern werden mitgehen, jedenfalls hin und wieder, denn wer will schon den ganzen Urlaub über Familienkrach – wetten?«

»Esskultur, ja?« Heidergott schob seine breiten Schultern nach vorne. »Du redest von Burgern, richtig? Fertighack in weichen Brötchen. Pommes aus der Tüte. Chicken Nuggets, panierte Hähnchenreste aus der Fritteuse. Oder undefinierbare Fleischpampe querbeet von Pferd bis wer weiß wohin! Natürlich frittiert. Überhaupt alles frittiert, am besten auch gleich die Cola! Klebrige Fertigsaucen. Lasche Normsalate, bei denen die Verpackung mehr wiegt als der Inhalt. So was meinst du doch, richtig? Gefrierzeugs, das man sich mit Plastikbesteck reinschaufelt oder gleich mit den Fingern! Und das nennst du Esskultur?«

Grendel zuckte die Schultern. »Was willst du? Das ist die Zukunft. Genau genommen ist das ja auch schon die Gegenwart. Bloß habt ihr das noch nicht mitbekommen, du und deinesgleichen. Weil ihr es nicht mitbekommen wollt. Weil ihr hier in der Vergangenheit lebt, abgeschottet gegen alles, was neuer ist als hundert Jahre! Leute wie du stehen dem Fortschritt im Weg, ist dir das klar?«

»Was willst du?« Heidergott breitete seine kräftigen Arme aus. »Das ist eben unser Stil hier. Und wir fahren doch sehr gut damit.«

Grendel hob den Zeigefinger: »Noch, mein Lieber, noch. Aber nur mangels Konkurrenz! Weil ihr hier in einem Ghetto lebt, abgeschottet von der Realität. Aber nicht auf ewig, glaube mir! Sowie hier auf der Insel ein modernes Burger-Restaurant aufmacht, ist es damit vorbei.«

Heidergott verzog geringschätzig den Mund. »Klar. Wenn sich das Klima weiter erwärmt und der Meeresspiegel weiter steigt, dann ist Langeoog weg, dann ist es hier mit allem vorbei. Aber wann wird das sein? Morgen nicht und übermorgen auch nicht, so viel steht fest.«

Grendel lehnte sich zurück, ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht. »Sei dir da mal nicht so sicher. Das kann schneller gehen, als du denkst. Sehr viel schneller.«

»Wie? Das mit dem Klimawandel?«

»Nee, du Torfkopp! Das mit der Konkurrenz. Du wirst schon sehen.«

Grendels Grinsen erlosch wie ausgeknipst, als Heidergotts tellergroße Hand auf ihn zuschoss und ihn am Hemd packte. »He, Alter, was soll das, drehst du schon wieder ab? Das mit dem Torfkopp war doch nicht böse gemeint. Stell dich nicht so an und lass mich gefälligst los!«

Heidergott aber dachte nicht daran. »Was weißt du?«, zischte er. »Gibt es da etwa schon Pläne für so einen Schnellfress-Tempel? Was für welche? Und von wem?«

Statt einer Antwort packte Grendel Heidergotts Handgelenk und zerrte daran. Der Koch hielt eisern fest. Ein stummes Kräftemessen begann, untermalt nur von unterdrücktem Keuchen und Knurren. Schon standen beide auf den Füßen, ihre Stühle kippten nach hinten, Lehnen schlugen auf das Parkett, knallende Aufschläge hallten wie Schüsse durch den leeren Saal. Grendel war zwar schmäler und weitaus leichter gebaut als sein Gegenüber, aber fast ebenso groß und wild entschlossen.

Die Eingangstür öffnete sich mit vertrautem Schleifgeräusch. Die Türglocke schepperte. Ein fröhliches »Moin!« durchdrang die Kampfgeräusche.

Heidergott ließ als Erster los, ohne aber Grendel aus dem Sperrfeuer seiner bösen Blicke zu entlassen. Auch Grendel ließ die Arme sinken und funkelte grimmig zurück. »Wir haben noch geschlossen, haben Sie das Schild nicht gesehen?«, rief Heidergott über die Schulter. Dann erst drehte er sich um. »Ach, du bist es, Bea.«

Bea Wulff lachte das Lachen einer nachsichtigen Grundschullehrerin, die ihre zwei wildesten Rangen zum wiederholten Male beim Balgen erwischt. »Na, habt ihr euch wieder richtig lieb?«, rief sie und stemmte die Fäuste in ihre ausladenden Hüften. »Kinder, Kinder, wenn man euch mal fünf Minuten alleine lässt!«

»Komm, Bea, jetzt tu mal nicht so.« Heidergott klang weniger beleidigt als beschämt. »Du weißt doch gar nicht, worum es hier geht. Das ist nämlich eine wirklich wichtige Sache, die der Heiko da …«

Eine neue Lachsalve schnitt ihm das Wort ab. Wenn Bea Wulff lachte, dann tat sie das mit ihrem ganzen walkürenhaften Körper. Dagegen kam niemand an. »Heiko? Etwas Wichtiges? Und überhaupt – eine Sache? Das wäre ja mal ganz was Neues! Als ob der Heiko überhaupt jemals irgendetwas hingekriegt hätte! Von wichtig mal ganz zu schweigen.« Bea Wulff strahlte über sämtliche Sommersprossen; ihre blonde Mähne wogte vergnügt.

Heiko Grendel lief krebsrot an. »Was bist du wieder fies«, krächzte er empört. »Genau wie Renko hier, dieser Ignorant. Haltet euch für wer weiß wie klug und könnt dabei noch nicht mal über euren eigenen Tellerrand gucken. Verbohrt, rechthaberisch und selbstgefällig! Aber irgendwann werdet ihr feststellen, dass die Zeit nicht stillsteht, schon gar nicht euretwegen. Dann ist es zu spät, und ihr könnt nur noch große Augen machen. Ich werde euch schon zeigen, wie es geht. Wartet’s nur ab.«

Große Augen machte Bea Wulff bereits; so kannte sie Heiko Grendel gar nicht. Ihr Blick suchte den von Renko Heidergott. »Ich versteh kein Wort. Hast du eine Ahnung, wovon er spricht?«

»Nee«, erwiderte Heidergott, ebenso bass erstaunt. Dann aber schien ihm etwas zu dämmern. »Soll das etwa heißen, dass du … du selbst …?«

»Und wenn?« Heiko Grendel verlor jede Beherrschung, brüllte durch den Saal, dass die Kronleuchter klirrten. »Und wenn? Glaubt mir: Was ihr könnt, das kann ich schon lange! Nur weil ’ne olle Körnertante und ein überlagerter Fischonkel mir nichts zutrauen, muss das noch lange nicht stimmen. Andere trauen mir etwas zu, oh ja, allerdings! Ihr werdet noch staunen. Staunen werdet ihr!«

Er ließ Heidergott stehen und stürmte zur Tür. Wenn Bea Wolff ihm nicht mit einer schnellen Körperdrehung ausgewichen wäre, hätte er sie angerempelt.

»Damit kommst du nicht durch!«, rief Heidergott ihm hinterher. »Hier kann doch nicht jeder machen, was er will. Es gibt Regeln, an die muss man sich halten. Auch du!«

Heiko Grendel, die Hand schon an der Klinke, drehte sich noch einmal um. »Ja, es gibt Regeln«, sagte er, jetzt wieder scheinbar ruhig. »Die kenne ich alle. Und ich komme damit durch.« Weg war er.

Bea Wulff starrte auf die sich langsam schließende Tür. »Bitte sag mir, dass Heiko jetzt endgültig spinnt«, sagte sie leise, an Renko Heidergotts Adresse gerichtet. »Dann ruf ich gleich Sina an, die ist vom Fach, die kümmert sich um ihn.« Als keine Antwort kam, drehte sie sich langsam zu dem Hausherrn um. »Er spinnt doch, oder?«

»Normalerweise spinnt er, klar«, erwiderte Renke Heidergott. »Aber es gibt ja immer Ausnahmen. Und wenn dies hier eine ist, dann steht eine Menge Ärger bevor.«

»Ärger für wen«, fragte Bea Wulff, »für ihn oder für uns?«

Heidergott nickte. »So sieht’s aus«, sagte er ernst.

3.

Das geht zu leicht, dachte Stahnke. Viel zu leicht. Das wird sich rächen.

Trotzdem behielt er die Richtung bei. Was denn auch sonst – auf Langeoog gab es für ernsthafte Radtouren nur zwei Richtungen, nämlich westwärts oder ostwärts. Im Augenblick rollten sie ostwärts. Und es ging viel zu leicht.

Dabei fuhr er mitnichten sein geliebtes eigenes, leichtgängiges Trekking-Rad, sondern ein schwerfälliges Miet-Dings mit Ballonreifen und ganzen fünf Gängen. Eindeutig unter seiner Würde, fand Stahnke, und außerdem viel zu teuer. Seit sie spontan und übermütig wegen des unverhofft strahlenden Sonnenscheins beim erstbesten Fahrradvermieter im Ortszentrum zugeschlagen hatten, waren sie an einem gefühlten Dutzend weiterer Verleiher vorbeigekommen – und überall waren die Räder günstiger gewesen. Leute wie wir, dachte der Hauptkommissar, sind eben eine Freude für jeden Abzocker.

Seine Selbstkritik aber fiel nicht bitter, sondern heiter aus. Für Bitterkeit war dieser Frühlingstag einfach zu schön.

Und außerdem war ja Sina dabei.

Gerade wurde der Weg wieder einmal breiter, und schon schoss Sina wieder von hinten heran, ließ ihr Rad mit sirrendem Freilauf neben seinem rollen. Ihr rotwangiges Strahlen, eingebettet in einen wirren braunroten Schopf wie in ein Osternest, zeugte von Wohlgefühl und Gastgeberstolz. Ja, mittlerweile sah sie Langeoog als ihre Insel an, auf der sie zwar nicht geboren war, aber immerhin lebte und arbeitete. Stahnke war der Besucher, der Gast. Ein Teilzeit-Insulaner, bestenfalls. Immer mal wieder auf Stippvisite im gemachten Nest. Diesmal über Ostern.

Sagte das irgendetwas über ihre Beziehung aus?

»Mensch, lach doch mal!«, rief Sina. »Ist doch herrlich heute! Und das Radfahren geht ganz leicht.«

Ja, viel zu leicht, das wird sich rächen, wollte Stahnke sagen. Aber da gab es schon wieder Gegenverkehr, und Sina fuhr ein paar Meter voraus, um Platz zu machen.

So dachte Stahnke die Worte nur. Und er dachte darüber nach. Wer machte es sich zu leicht, was würde sich rächen?

Die entgegenkommenden Radler sahen übrigens ziemlich abgekämpft aus, fand er. Ja, so war er, der Wind an der Küste. Kam er von hinten, dann spürte man ihn kaum, und man fühlte sich gut und schnell und überschätzte sich total. Bis es in die Gegenrichtung ging. Der Wind hatte seine Kraft dann noch.

Dafür, dass es erst kurz vor Ostern war, tummelten sich schon ziemlich viele Touristen auf der Insel, fand Stahnke. Gut, die Sonne schien, und für die nächsten Tage war kein Regen angesagt. Trotzdem war es immer noch ziemlich kalt, ohne dicke Jacke ließ es sich nur an sonnigen und windgeschützten Plätzen aushalten, und die Strände gehörten nicht dazu. An Badeurlaub im klassischen Sinne war also nicht zu denken. Umso erstaunlicher, dass die Feriengäste trotzdem bereits jetzt in Scharen einfielen. Na, dachte der Hauptkommissar, die Insulaner wird’s freuen, dass sich die Saison immer weiter verlängert. Schon jetzt galten ja höchstens noch Januar und Februar als »tote Zeit«. Den Rest der Zeit rollte der Rubel.

Sina verlangsamte ihr Tempo ein wenig und ließ Stahnke aufholen. »Gleich kommen wir zur alten Meierei«, rief sie ihm zu. »Ich hätte wohl Lust auf einen Milchkaffee. Wie sieht’s mit dir aus?«

Stahnke bestätigte lebhaft nickend, dachte dabei jedoch nicht an Kaffee, sondern an ein schönes Weizenbier. Das erste des Jahres, denn die Lust auf Weißbier kam bei ihm erst mit der Sonne hervor.

»Na also, jetzt lachst du ja endlich!«

Die alte Meierei sah aus wie ein typisch friesischer Bauernhof, massig und backsteinrot in die Dünen geduckt. Davor eine frisch gemähte Wiese, davor und daneben lange Zäune – und daran lehnend Fahrräder. Hunderte von Fahrrädern, wie es aussah. Die Saison auf Langeoog hatte wahrlich schon früh begonnen. Und zumindest hier nahe der Ostspitze, fand Stahnke, boten sich in Sachen Touristengeschäft noch deutliche Steigerungsmöglichkeiten, denn längst nicht alle durstigen Radler, die nach Plätzen in oder vor der Ausflugsgaststätte in der alten Meierei Ausschau hielten, wurden auch fündig. Einige Ausdauernde standen Schlange, viele aber zogen unverrichteter Dinge wieder ab. Stahnke sah seine Hoffnungen auf das erste Weißbier des Jahres schwinden.

»He, guck mal, da hinten!« Sina hopste und winkte aufgeregt, ließ ihr Fahrrad ins Gras fallen und rannte los. Von ganz hinten winkte jemand zurück. Ein Grüppchen war dort im Aufbruch, und an dem Tisch, wo gerade ein paar Stühle frei wurden, saß Marian Godehau, Redakteur des Langeooger Inselboten, und verteidigte zwei dieser Plätze gegen die sofort nachdrängenden Wartenden. Dass die heranstürmende Sina sich direkt in seine Arme warf, schien ihn hinreichend gegen die Proteste der empörten Touristen abzuschirmen.

Stahnke gab genau das einen Stich. Immer noch, immer wieder. Marian war nun einmal Sinas Ex, und das würde er immer bleiben. Okay, derzeit befand er sich bei Alina Thormählen in festen Händen. Trotzdem musste Stahnke jedesmal, wenn sie sich trafen, aufs Neue einen Anflug von Eifersucht niederkämpfen. Was, bitteschön, sagte das nun wieder über Sinas und seine Beziehung aus?

Mit einiger Verzögerung erreichte auch der Hauptkommissar Marians Tisch. Zum Glück brachen noch weitere Radlertrüppchen in kurzer Folge auf, so dass die Murrenden schnell anderweitig unterkamen. Ein paar missbilligende Blicke noch, dann war das allgemeine Interesse an der Dreiergruppe erloschen.

Sina und Marian waren längst in ein Zwiegespräch vertieft. Wie sich herausstellte, hatten beide über Ostern Dienst, Sina in der Klinik Haus Waterkant, Marian in der Redaktion des Inselboten. Seine Freundin Alina war ebenfalls beruflich eingespannt, allerdings auf dem Festland. Stahnke, offenbar der Einzige weit und breit, der über die Feiertage frei hatte, fühlte sich prompt ausgeschlossen. Zwecks Kompensation konzentrierte er sich darauf, eine Bedienung heranzuwinken, was sich als anspruchsvolle Aufgabe erwies.

»Und, Sina, was hast du so zu tun übers Wochenende in der Klinik?«, fragte Marian. »Essenausgabe überwachen bei den Hungerhaken, damit die sich nicht die halbe Ration in die Ärmel schieben? Oder machst du etwa Happy-Hippo-Schwimmen mit den Fettsäcken?« Er stieß Stahnke den Ellbogen in die Rippen und lachte. Stahnke lachte nicht mit. Zwar fühlte er sich momentan ziemlich fit, sein Muskelkorsett war trainingsgestählt, und sein Bauch verdiente kaum noch diese Bezeichnung, aber die Erinnerung an übergewichtigere Zeiten war noch präsent und würde es immer bleiben.

Sina verzog den Mund: »Essstörungen sind nicht witzig.« Sie kniff Marian in die Speckrolle, die sich unter seiner offenen Jacke oberhalb des Gürtels wölbte. »Und nein, mit Anorektikern habe ich momentan nur am Rande zu tun. In erster Linie mit Traumapatientinnen.« Sie seufzte. »Kein leichter Job. Aber auch kein Thema für hier und jetzt. Erzähl uns lieber, was die Skandalpresse in den nächsten Tagen so zu bieten hat!«

Marian grinste. »Wenn du jetzt glaubst, ich würde diese deine Bezeichnung als respektlos und unpassend zurückweisen, dann hast du dich geschnitten. Ich weiß nicht, ob es im Journalismus schon mal die Bezeichnung Osterloch gegeben hat, aber selbst wenn – in diesem Jahr ist es gut gefüllt. Jedenfalls auf Langeoog.« Er griff nach seiner Teetasse und prostete in die Runde.

»Ach nee, da sitzt aber einer auf dem ganz hohen Ross. Willst uns wohl auf die Folter spannen.« Sina gab sich betont desinteressiert. Um im nächsten Augenblick herauszuplatzen: »Na los, sag schon, was ist denn deine große Skandalgeschichte?«

Marian lehnte sich selbstzufrieden zurück und malte mit gespreizten Fingern eine monströs fette Schlagzeile in die Luft: »Restaurantbetreiber alarmiert: Kommt McDaisy’s nach Langeoog?«, zitierte er sich selbst. »Na, was meint ihr? Wenn das kein Hammer ist!«

Stahnke zuckte die Schultern: »McDaisy’s, ach ja? Burger und Fritten und so? Ist nicht so mein Fall. Von mir aus sollen die sich hier niederlassen. Ich geh da sowieso nicht hin.«

»Tja, mein Lieber, da bist du sicher nicht der Einzige«, kommentierte Sina, »jedenfalls in deiner Altersgruppe … Tut mir ja echt leid, dir das sagen zu müssen, aber in dieser Hinsicht verläuft eine Grenze zwischen dir und mir. Und die auf meiner Seite der Grenze, glaube mir, die gehen zu McDaisy’s! Je jünger, desto lieber. Und die ganz jungen sogar fast ausschließlich, jedenfalls, wenn sie die Chance dazu haben. Diese Chance haben sie bis jetzt auf Langeoog ja nicht.« Sie schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund: »Ach herrje, jetzt begreife ich erst die Tragweite! Wenn das stimmt, dann wird sich ganz schön was verändern hier in der Restaurant-Szene, nicht wahr?«

»Allerdings, das stimmt. Sehr viel wird sich verändern. Eine regelrechte Revolution steht uns da bevor.« Er lächelte Sina dankbar an, ehe er Stahnke einen strafenden Blick zuwarf: »Mensch, du bist ja so was von hinterm Mond! Verstehst die Brisanz solch einer Entwicklung einfach nicht. Hast mir schon einen Schreck eingejagt, von wegen ich könnte daneben liegen mit meinem morgigen Aufmacher.« Wieder der Blick- und Mienenwechsel Richtung Sina: »Aber die jüngere Generation versteht mich ja, zum Glück.«

Wieder dieser Stich, diesmal an einer Stelle, die ewig schmerzen würde. Dass Sina jemals wieder etwas mit Marian anfangen könnte, war eine vollkommen unsinnige Befürchtung, geschuldet allein seiner eigenen Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit. Und diese Angst wiederum fußte auf einer Tatsache, die sich zwar zeitweise verdrängen, aber niemals aus der Welt schaffen ließ. Die fast zwanzig Jahre Altersdifferenz zwischen ihm und Sina waren einfach Fakt.

Es war Sina gewesen, die entschieden hatte, dass diese Jahre aktuell nicht von Bedeutung waren. Vielleicht würde sie es auch sein, die eines Tages anders entschied. Verhindern konnte und wollte er das nicht. Aber vielleicht beeinflussen?

Jedenfalls nicht, indem er mit ihr zu McDaisy’s ging.

»Ich finde ja, diese Hamburgerschmieden werden völlig überschätzt«, sagte er. »Das Essen dort taugt doch nichts. Einheitlicher Fertigfraß, der nur nach Sauce schmeckt, mit zu viel Fett und Ketchup und Softdrinks mit zu viel Zucker. Nicht nur ungesund, sondern auf die Dauer auch richtig langweilig. Kein Wunder, dass die dermaßen viel Werbung schalten müssen, um den Leuten das Gegenteil einzureden.«

Stahnke verstummte, als er bemerkte, dass Marian sein Besserwisserlächeln lächelte. Er wusste, dass jedes weitere Wort sinnlos war, wenn Leute erst einmal angefangen hatten, so zu lächeln. Nur, warum nicht weitaus mehr Morde passierten, weil Besserwisser andere Leute mit diesem Lächeln bis aufs Blut gereizt hatten, das wusste er nicht.

»Kinder«, setzte Marian zu dozieren an, »lieben Wiederholungen. Das weiß jeder, der schon einmal Kindern vorgelesen oder mit ihnen gesungen hat. Wehe, man verändert auch nur ein Wort oder einen Ton! Das mögen die Kleinen gar nicht. Das Bekannte ist das Vertraute, von dem keine Gefahr ausgeht, auf das man sich verlassen kann. Das liegt alles in unseren Instinkten verankert. Etwas Neues bedeutet immer auch Risiko – aber was wir schon kennen und was uns bisher nichts getan hat, das tut uns auch künftig nichts. Und weil gerade Kinder und junge Leute besonders verletzlich sind, sind sie auch ganz besonders konservativ. Am besten, alles ist wie immer, dann ist auch alles gut. Und gerade Fastfood-Essen ist immer wie immer, darauf achten die sehr, das ist geradezu Geschäftsprinzip. Das kommt an, das ist weltweit erprobt! In Fastfood-Restaurants können Kinder sicher sein, keine Überraschungen zu erleben. Darum gehen sie dorthin. Unfehlbar.«

»Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich«, knurrte Stahnke. »Sind doch längst bekannt, deine Weisheiten! Gibt es sogar als Sprichwort. Demnach hängt solches Essverhalten aber mehr mit mangelnder Bildung und Weltgewandtheit zusammen.«

»Na und? Passt doch auch.« Marian ließ sich nicht beirren. »Wenig gebildet und unerfahren sind Kinder und Jugendliche doch ganz zwangsläufig, jedenfalls gemessen an Erwachsenen – einfach auf Grund ihres geringeren Lebensalters. Wer mehr weiß, traut sich auch mehr. Wer aber wenig weiß, ist unsicher und hält sich eisern an das, was er kennt.«

»Auf alle Fälle trifft das zu«, unterstützte ihn Sina. »Hab ich doch selbst oft genug erlebt, während meines Schulpraktikums im Studium vor ein paar Jahren. Da sind wir mit dem Bus durch Holland und Belgien gefahren. Per Bordmikro habe ich die Schüler auf alle möglichen Sehenswürdigkeiten hingewiesen. Glaubt ihr, das hätte auch nur eine Laus interessiert? Aber kaum tauchte irgendwo ein McDaisy’s-Schild auf, gingen ein Jauchzen und ein wohliges Stöhnen durch den Bus. Da brauchte keiner etwas zu sagen, das sahen die alle sofort.«

»Home is, where McDaisy’s is«, sagte Marian mit versonnenem Blick.

Stahnke verschränkte die Arme. »Dann wollt ihr also sagen, dass die Jugend von heute schon rettungslos auf die Fettfressketten abgerichtet ist?«

»Nicht mit diesen Worten, sicher auch nicht hundertprozentig alle, und rettungslos klingt jetzt auch ein Stück weit sehr negativ – aber ansonsten: ja, durchaus«, antwortete Marian.

»Und wenn die Jugendlichen solcher Burger-Tempel sehen, dann rennen sie hin, ganz egal, was sonst noch im Angebot ist?«

Marian nickte.

»Die Eltern lassen das zu, um ständigen Streit zu vermeiden, oder sie gehen gleich selber mit hin?«

Kopfnicken.

»Und jetzt will jemand hier auf Langeoog, wo es so was bisher nicht gibt, eine Kettenburgerschmiede eröffnen?«

»So sieht es aus«, bestätigte Marian.

»Das wird die hiesige Restaurantszene ganz schön in Alarm versetzen«, sagte Sina. »Gegen solch eine neue Konkurrenz wird sich manches Traditionslokal nicht halten können.«

»Bin mal gespannt, ob sich die anderen Wirte das so einfach gefallen lassen«, ergänzte Marian, dem man die Vorfreude auf kommende Schlagzeilen ansehen konnte.

»Vielleicht kann die Gemeinde ja vermittelnd eingreifen, und man einigt sich irgendwie«, sagte Sina.

»Und wenn nicht?«, fragte Marian.

»Dann gibt es hier Mord und Totschlag«, sagte Stahnke.

4.

»Moin mitnanner!« Mit lautem Ächzen ließ sich Bodo Schmidt auf die Bank fallen. Die Sitzbank ächzte zurück, und die drei anderen alten Männer, die schon vorher auf ihrer angestammten Bank am Langeooger Bahnhof gesessen hatten, wackelten mit den Köpfen. Das konnte als stumme Begrüßung gedeutet werden, oder auch als Zeichen altersbedingter Muskelschwäche, was aber nur auf Harm Bengen zutraf, dessen Kopf allein schon von seiner überschweren Brille nach vorne gezogen zu werden schien. Tatsächlich aber lag das allgemeine Wackeln daran, dass Bodo Schmidts Kugelbauch in den zurückliegenden Wintermonaten noch weiter angeschwollen war.

»Moin«, erwiderte Ocko Onken als Einziger und mit Verspätung. »Und herzlichen Glückwunsch!«

»Wieso Glückwunsch? Bei mir gibt’s doch nichts zu feiern«, sagte Schmidt verdutzt.

»Und ob!« Onken, der mit seinem schlohweißen Vollbart und der verbeulten Schiffermütze wie ein Klischee-Ostfriese aus dem Fernsehzoo aussah, griente breit: »Nämlich dass Walfang heutzutage verboten ist!«

Klaas Reershemius, ein Hutzelmännchen mit spitzem, vorstehendem Kinn, krähte los vor Vergnügen, Harm Bengen kicherte wie irre, und Onken, der ebenso wie sein Banknachbar schon auf die achtzig zuging, würdigte seinen eigenen Witz mit einem heiseren Glucksen. Auch Schmidt lachte mit. Übelnehmen galt nicht, nicht in dieser Runde, nicht auf dieser Bank. Als Mitglied der Langeooger Viererbande war man hart im Nehmen. Und im Austeilen noch härter.

»So ein Wal, der hat doch ’n Klütjeleben«, krächzte Reershemius. »Dauernd im Tran und die meiste Kraft im Schwanz. Bloß Haare hat er keine. Was, Bodo?« Mit seinem Handstock deutete er auf Schmidts Glatze, in der sich die Frühlingssonne spiegelte.

»Jau, dor sechst du wat«, rief Schmidt durch das erneut aufbrandende Gelächter. »Darum wäre Harm ja auch gerne ’n Wal geworden. Aber als Zahnwal isser ja durch die Prüfung gefallen – mangels Masse. Und Barten wollen ihm auch keine mehr wachsen.«

»Tja, Harm, so sücht dat ut! Jetzt bleibt dir vom Wal bloß noch der Fischgeruch!«, sekundierte Onken.

Harm Bengen, der so an seinem fleckigen hellblauen Oberhemd hing, dass er es kaum jemals wechselte, verschlug es für einen Moment die Sprache. In einem seltenen Anflug von Verlegenheit nahm er seine dicke Brille ab, spuckte auf beide Gläser und begann, die Schlieren darauf mit einem Zipfel des besagten Oberhemds zu verreiben.

Bodo Schmidt grunzte. Den üblichen Frontalangriff, mit dem jedes Mitglied der Viererbande unfehlbar rechnen musste, das als Letztes zu den vormittäglichen Sitzungen auf der Bahnhofsbank erschien, hatte er elegant abgebogen. Jetzt konnte das Tagesgeschäft beginnen. Zufrieden warf er sich mit vollem Gewicht gegen die Rückenlehne. Wieder wackelten alle Köpfe bis auf seinen.

»Und?«, fragte Schmidt, »was gibt’s Neues? Wieder allerhand buntes Volk aus Deutschland eingetroffen?«

»Hou!«, erwiderte Reershemius. Dieses Wort – wenn es denn eines war – konnte grundsätzlich alles bedeuten. Eine echte ostfriesische Allzweckwaffe.

»Da kannste einen drauf lassen«, übersetzte Harm Bengen. »Ischa nu Ostern. Da kommen sie wieder alle angehoppelt.«

»Die Alten wie die Jungen«, fiel Ocko Onken ein. »Vor allem die Jungen, hordenweise. Man fragt sich, wo die alle herkommen.«

»Wo die Jungen herkommen?« Reershemius beugte sich vor, stützte sich auf seinen Stock und leckte sich die blassen, schmalen Lippen. »Das weiß du nicht?«

»Nicht mehr«, keckerte Harm Bengen. »Zu lange her, was? War wohl noch vorm Krieg, dein letztes Mal, was?«

»Erster Weltkrieg oder Zweiter?« Bodo Schmidts Wampe wogte vor Lachen.

»Dann müssen wir den jungen Mann wohl mal ein bisschen aufklären.« Klaas Reershemius konnte sich nur mit Mühe auf der Bank halten, trotz seines Stocks.

»Als ob du noch wüsstest, wozu das kleine Ding gut ist, das du jede Nacht beim Pieseln dreimal in der Hand hältst«, feuerte Bodo Schmidt von der Seite. Reershemius verschluckte sich.

»Und als ob du dein Ding seit dreißig Jahren überhaupt noch mal gesehen hättest, außer im Spiegel«, attackierte Onken. Damit war er den Schwarzen Peter wieder los. Und Bodo Schmidt, eben noch so guter Dinge, hockte wieder im Zentrum des erneut aufbrandenden Hohngelächters.

Ein Schrilles Pfeifen unterbrach das Lachen und Lästern. Der Inselzug mit seinen bunten Waggons näherte sich vom Fährhafen her. Erwartungsvoll beugten sich die Mitglieder der Viererbande vor.

Das Ritual war immer dasselbe. Kaum dass der Zug zum Stehen gekommen war, quollen die Touristen über die offenen Plattformen aus den Wagen, liefen ein paar eilige, ziellose Schritte, blickten sich suchend um und hasteten dann auf die große Glastür des Bahnhofsgebäudes zu. Jedenfalls die Neulinge taten das. Die Erfahreneren jedoch, die, die schon einmal oder öfter auf Langeoog Urlaub gemacht hatten, schlenderten in aller Ruhe den Bahnsteig entlang zur Seitenfront des Gebäudes, dorthin, wo die kleinen Containerwagen mit dem Reisegepäck abgestellt wurden, die auf einem flachen Waggon mitgereist waren. Dann allerdings kamen auch die Erfahrenen in Wallung. Die Bahnbediensteten lösten nur noch schnell die seitlichen Verschlüsse der Containerwagen, dann brachten sie sich in Sicherheit, und die Reisenden fielen auf der Suche nach ihren Koffern über die Wagen her. Ob es nun die Neulinge oder die Inselroutiniers waren, die dabei ihre Ellbogen beherzter einsetzen, war schwer zu entscheiden.

»Lernen die eigentliche keine Zahlen mehr heutzutage?«, meckerte Reershemius. »Die Gepäckwagen haben Nummern dran, die kann man sich doch wohl merken.«

»Sind aber teilweise zweistellige Zahlen«, gab Onken zu bedenken. »Und diese Leute da kommen vom Festland.«

»Aus Deutschland«, korrigierte Bodo Schmidt.

»Auch wieder wahr«, gab Reershemius zu.

»Vielleicht merken die sich heutzutage auch nichts mehr, weil die ja meist alle verstöpselt sind«, ließ sich Harm Bengen vernehmen, die flaschenbodendicke Brille wieder auf der Nase. »Das lenkt ja ab, sagt man.«

»Verstöpselt?« Allein dieses Wort klang aus Bodo Schmidts Mund lüstern und schmierig. »Meinst du wirklich?«

»Ja, sicher.« Harm Bengens Kopf wackelte noch eifriger als sonst. »Kann man doch sehen, wie denen überall die Schnüre raushängen.«

»Ich glaube, die merken nicht nur sich nichts mehr, die merken überhaupt nichts mehr«, knarzte Onken. »Die mit den Stöpseln, die können ja schon mal nicht mehr hören, was um sie herum vorgeht. Und die mit diesen Spielzeugtelefonen in der Hand, wo sie dauernd draufgucken, die sehen nichts anderes mehr. Die könnteste statt nach hier auch nach München schicken, die würden den Unterschied nicht merken.«

»Oder nach Gifhorn auf ’n Rübenacker«, behauptete Harm Bengen.

»Oder in die Wüste«, steigerte Klaas Reershemius.

»Oder nach Norderney«, sagte Bodo Schmidt.

Allgemeines Gestöhne und Kopfschütteln. »Nee, das nun doch nicht«, widersprach Ocko Onken. »Langeoog oder Norderney, das kann ja wohl selbst ein Blinder mit Krückstock unterscheiden.«

»He«, maulte Harm Bengen und plierte durch seine Brille. »Nu’ mal fein vorsichtig hier. Pass auf, was du sagst.«

»Genau, vorsichtig«, warnte Klaas Reershemius und rammte seinen Stock auf den Boden. »Selber Krücke.«

»Was seid ihr denn plötzlich alle so empfindlich?«, wunderte sich Ocko Onken.

»Ja, stimmt. Was ist denn mit euch?«, pflichtete Bodo Schmidt bei.

»Du sei mal schön still, oller Pottwal«, grummelte Harm Bengen. Klaas Reershemius nickte stumm.

»Ist euch eigentlich schon aufgefallen, dass die Kinder nie was tragen?« Ocko Onken wechselte das Thema. »Ich meine, Koffer, Taschen oder so. Das lassen die alles schön die Alten machen.«

»Wie denn auch«, sagte Klaas Reershemius. »Rundrücken, Übergewicht und zu doof zum Geradeauslaufen. Tragen ist da nicht mehr drin.«

»Ach, so doof können die gar nicht sein«, widersprach Harm Bengen. »Lassen ihre Ollen für sich schleppen, das ist doch clever.«

»Und wenn die doch mal mit anpacken sollen, dann können die das nicht, weil sie ja die Hände voll haben. Mit ihren Spieltelefonen«, sagte Klaas Reershemius.

»Das sind Handys«, korrigierte Ocko Onken.

»Nee, die heißen i-Pods.« Bodo Schmidt wusste es besser.

»Ei-Pott? So was gab’s früher schon. Zum Eierkochen. Für sechs Stück. Mann, hab ich mich an so was mal verbrannt, Teufel auch!«, krächzte Harm Bengen.

»Wieso wollen kleine Jungs denn Eier kochen?«, wunderte sich Klaas Reershemius.

»Na ja, ist ja nu Ostern, vielleicht deswegen.« Harm Bengen zuckte die Achseln.

»Als ob kleine Jungs mit ihren Eiern nichts anderes anzufangen wüssten.« Das war natürlich Bodo Schmidt.

»Ostern.« Aus Ocko Onkens Mund klang das wie ›Themawechsel‹. »Geht ihr denn dieses Jahr auch wieder zum Osterfeuer?«

»Ach, ich weiß nicht«, quengelte Klaas Reershemius. »Ist ja immer alles voller Touristen. Da kommt unsereiner an die Bierbude ja kaum noch ran.«

»Du meinst wohl ans Klohäuschen«, stichelte Bodo Schmidt. »Eins trinken, zwei pieseln, so sieht’s doch bei dir aus. Also ich geh auf jeden Fall wieder hin. Notfalls deponiere ich mir vorher mein Bier unter den Bahnschienen.«

»Trotz all der Touristen?«, wunderte sich Harm Bengen.

Bodo Schmidt grinste lüstern: »Nicht trotz, sondern wegen! Und zwar wegen der Touristinnen.«

»Stehst wohl auf Walkühe«, kicherte Klaas Reershemius.

Ocko Onken machte eine wegwerfende Handbewegung. »Mach dir bloß keine Hoffnungen, dass es was zu sehen gibt. Ist noch viel zu kalt, die Weiber haben einfach viel zu viel an.« Er deutete auf den Bahnhofsvorplatz, wo sich die letzten frisch eingetroffenen Inselgäste verliefen, begleitet vom mehrstimmigen Quietschen der überforderten Rollkofferräder. »Darum haben wir hier ja auch nur den halben Spaß.«

»Außerdem ist da bestimmt wieder alles voller Kinder«, schob Klaas Reershemius nach. Er hatte sein Hassthema des Tages gefunden; anscheinend ging ihm die Überalterung der Gesellschaft noch viel zu langsam. »Toben da rum und kreischen, oder sie stehen überall im Weg und glotzen auf ihre Spielzeugtelefone, oder von mir aus auf ihre Ei-Pott-Kocher. Und dauernd kriechen sie einem zwischen den Beinen durch und suchen nach ihren Eiern.«

»Ha! Nach ihren, meinst du? Oder nach deinen?« Auch Bodo Schmidt hatte sein Thema, aber das war längst nichts Neues mehr.

»Ohne diese Kinder wäre es beim Osterfeuer auf jeden Fall schöner.« Harm Bengen pflichtete Reershemius bei. »Man müsste die irgendwie da weghalten. Kann man Kinder zu Ostern nicht einfach verbieten?«

Die anderen drei wiegten zweifelnd die Köpfe. »Da hat die Kurverwaltung bestimmt was gegen«, mutmaßte Ocko Onken. »Nee, verbieten geht nicht. Aber weglocken vielleicht.«

»Wie denn weglocken?«, fragte Harm Bengen hoffnungsvoll.

»Na, wo stehen die denn drauf?«, fragte Ocko Onken. »Fernsehen. Oder Computer.«

»Oder dieses Fertigfutter«, mutmaßte Klaas Reershemius. »Diese weichen Brötchen mit Ketchup und so ’ner platten Boulette drauf und geschmolzenem Scheiblettenkäse, wie heißen die noch?«

»Schiet«, krächzte Harm Bengen. »So wie das klingt, kann das doch nur Schiet sein.«

»Na und? Computer sind auch Schiet. Und im Fernsehen kommt auch kaum noch was anderes.« Reershemius klang schon wieder beleidigt.

»Hamburger«, erläuterte Schmidt wichtig. »Du meinst Hamburger.«

»Hamburger? Nee, das ist ja ’n büschen weit weg«, erwiderte Reershemius. »Von wegen, zum Kinderweglocken.«

»Blödsinn!« Schmidt lachte, dass sein Speckbauch einen Wellengang entwickelte, der ihn fast von der Bank warf. »Hamburger sind was zum Essen, das weiß doch jedes Kind! Die gibt’s nicht nur in Hamburg, die gibt es überall.«

»Bei uns aber nicht«, stellte Ocko Onken fest.

»Und das ist auch gut so«, ergänzte Harm Bengen.

»Wieso das denn? Für dich und Klaas ist das doch direkt bedauerlich. Weiches Brötchen und dünne Frikadellen sind doch gut, von wegen für ohne Zähne. Die könntet ihr doch lutschen!« Schmidts Bauch kam überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Er waberte sogar so stark, dass die Spitze von Klaas Reershemius’ Stock ihn glatt verfehlte, als der Alte wütend zustieß. Schmidt lachte nur noch lauter.

»Hamburger sind Schiet«, beharrte Harm Bengen. »Alles Fertigfraß, mit Chemie drin und ohne Vitamine. Die Pommes dabei sind schieres Fett. Und was die dazu trinken! Nix als Zucker mit Wasser und Kunststofffarbe. Igitt, kann ich da nur sagen.«

Ocko Onken staunte: »Seit wann interessierst du dich denn für gutes Essen? Und woher weißt du das alles?«

»Von Bea.« Seine Augen hinter den flaschenbodendicken Brillengläsern bekamen einen verliebten Ausdruck. »Die Kleine hat doch jetzt dieses Restaurant, wo es so viel Gemüse gibt, bloß dass das anders heißt. Die ist toll, die kennt sich aus.«

»Bea Wulf?« Bodo Schmidt fiel fast der Unterkiefer weg. »Sag bloß, die Lady ist dein neuer Schwarm! Donnerwetter, hätt ich ja nicht gedacht, dass sich in deinem alten Gerippe noch was regt. Bea Wulf, mein Lieber, na, du traust dich was! Das ist ’ne Frau von Format, ich kann dir sagen, die wär ja eher noch was für mich!«

Einen Moment lang herrschte Schweigen auf der Bank; Onken und Reershemius schauten Bengen von der Seite an. Erst als der schallend losprustete, lachten sie laut mit. Und Bodo Schmidt guckte verdutzt.

»Von wegen neuer Schwarm. Bea ist doch seine Enkelin!«, klärte Onken ihn auf.

»Genau.« Bengen nahm die Brille ab, um sich die Lachtränen wegzuwischen. Seine Augen schienen plötzlich in Faltenfächern verschwunden zu sein. »Bea ist klasse. Die weiß Bescheid. Und darum ist es auch gut, dass es solche Hamburgerschmieden hier auf Langeoog nicht gibt.«

»Noch«, sagte Bodo Schmidt leise.

»Weiß gar nicht, warum du die und ihren Laden so toll findest. All das Grünzeug, das die einem vorsetzt, das ist doch mehr was für Hasen!«, stichelte Klaas Reershemius. »Als ob du nicht selber auch lieber zu Renko gehst und dir einen schönen gebratenen Rotbarsch vorsetzen lässt.« Er hielt inne, legte den Kopf schief, schien in sich hineinzuhorchen. »Wieso ›noch‹?‹«, fragte er dann.

»Ja, genau.« Auch Onken hatte etwas gemerkt. »Wieso ›noch‹?«

Bengen sagte nichts, obwohl sein Mund offen stand.

»Keine Zeitung gelesen heute früh?«, fragte Bodo Schmidt zurück, seinen Wissensvorsprung genüsslich auskostend. Die Wal-Witze auf seine Kosten schrien nach Rache.

»Klar«, gab Reershemius zurück. »Wie jeden Morgen. Aber da stand nichts. Bloß was von Merkel und Bohlen und so ’n Zeug.«

»Kein Wunder«, sagte Ocko Onken trocken, »du liest ja auch die Bild.«

»Na und? Die kann man wenigstens lesen!«, schnauzte Reershemius.

»Jedenfalls die Überschriften«, stimmte Harm Bengen zu. Sein Kopf wackelte bestätigend. »Die sind groß genug.«

»Ach, ihr guckt euch doch sowieso nur die Bilder an«, lachte Bodo Schmidt und leckte sich die Lippen. »Nackte Weiber zum Frühstück, als ob das bei euch noch was nützen würde!«

»Jetzt aber raus mit der Sprache!«, fuhr Onken dazwischen. »Von welcher Zeitung redest du? Und was stand da drin?«

»Vom Inselboten«, rückte Schmidt endlich heraus. »Und da stand drin, dass wir vielleicht bald doch einen McDaisy’s nach Langeoog kriegen.«

»Einen was?«, krähte Reershemius. »Ich dachte, der heißt McAllister! Oder er hieß so, jedenfalls, bis sie ihn abgewählt haben.«

»McDaisy’s, Mensch! So ein Fettfutter-und-Zuckerbrause-Laden, mit Hamburgern und Pommes und so. Nicht dieser christdemokratische Halbschotte.« Ocko Onken war von Herzen Sozialdemokrat; warum, das wusste er zwar schon lange nicht mehr, aber gegen die Konservativen war er aus Prinzip. Irgendwie.

»Ein McDaisy’s kommt hierher?« Harm Bengen sprach ungewohnt laut. Sein Kopf saß gerade und bewegungslos auf seinem faltigen Hals. »Das kann überhaupt nicht sein. Ist doch bestimmt verboten, hier so was aufzumachen.«

»Ist es nicht!«, triumphierte Bodo Schmidt. »Ja, ja, hättet ihr mal doch den Inselboten gelesen, da steht das nämlich alles drin. Dieser Redakteur, wie heißt der noch, Gottverhau oder so ähnlich, der hat nämlich unseren Bürgermeister genau das gefragt. Tja, und der Bürgermeister meint, dass er da überhaupt nichts zu verbieten hat.«

»Was?« – »Unmöglich!« – »Kann ja gar nicht.« – »Hier darf doch nicht jeder, wie dass er glaubt, dass er meint!« – »Also früher, da hätte es das hier nicht, ich meine …« – »Hat dieser Bürgermeister denn überhaupt keinen Mors in der Buxe?« Die anderen drei Mitglieder der Viererbande zeterten wild durcheinander. Bodo Schmidt grinste nur. Endlich schwamm er wieder obenauf. Wie Walspeck.

Dann zog er eine zerknitterte und wieder aufgerollte Zeitung aus einer der vielen Taschen seiner Weste. »Wenn jemand hier auf der Insel ein Gebäude ankauft oder pachtet, das bereits als Restaurant konzessioniert ist, dann kann er darin auch ein Restaurant betreiben«, zitierte er, ohne die Zeitung aufzuschlagen; er hielt sie vielmehr wie ein Ausrufezeichen vor sich in die Luft. »Darauf, was für eine Art Restaurant das dann ist, hat die Gemeinde keinerlei Einfluss, sagt der Bürgermeister.«

»Dat giff’t ja wol nich.« Ocko Onken war die Entrüstung pur. »So wenig haben die zu sagen? Dafür machen die aber ganz schön viel Wind.«

»Anders sieht es aus, wenn es sich um einen Neubau handelt. Dann ist eine Genehmigung natürlich notwendig«, deklamierte Schmidt weiter.

»Na also, wusste ich’s doch. Dann können die dem also doch ins Frittenfett spucken, diesem McDaisy’s.« Siegessicher entblößte Harm Bengen sein Zahnfleisch.

»Von wegen.« Wieder wusste es Bodo Schmidt besser. »In solchen Fällen ist nämlich nicht die Gemeinde zuständig, sondern der Landkreis. Und diese Herrschaften sitzen ja bekanntlich drüben in Deutschland.«

»Der Landkreis? In Deutschland? Sag bloß, die dürfen entscheiden, was wir hier zu essen kriegen!« Das empörte Klaas Reershemius noch mehr als jeder Norderney-Vergleich.

»Musst ja nicht hingehen, auch wenn die hier aufmachen«, widersprach Schmidt. »Außerdem verkaufen die sowieso nix in Schnabeltassen.«

»Na, von wegen!« Ocko Onken lüpfte seine Schiffermütze und rieb sich erregt die spärlichen Haarstoppeln. »Wenn dieser Laden, dieser Imbiss, also dieser McDaisy’s wirklich hier aufmacht, dann rennen alle Kinder und Jugendlichen hin, darauf kannste einen lassen.«

Klaas Reershemius zuckte die Achseln, stieß seinen Stock aufs Pflaster und kreuzte die Hände über dem Griff. »Na und? Dann sind die Blagen alle gut aufgehoben, und wir anderen wissen, wo wir nicht hingehen müssen, um unsere Ruhe vor denen zu haben.«

»Oh nee. Nee nee!« Harm Bengen fuchelte aufgeregt mit dem Zeigefinger. »So einfach ist das nicht. Weil, wenn die Jungen alle zu diesem Burgerladen gehen, dann gehen ein paar von den Alten sicher mit. Im Urlaub muss ja Familie sein, nicht? Geht ja nicht anders. Und diese Gäste, die jungen wie die alten, die fehlen dann den anderen Lokalen! Dann sind die nicht mehr ausgelastet. Und weil die doch alle so knapp kalkulieren müssen, hat mir Bea erzählt, werden die das nicht lange verknusen können. Und dann …«

»Dann machen die dicht«, unkte Ocko Onken mit Grabesstimme.

»Und dann musst du wirklich zu McDaisy’s gehen, wenn du noch mal auswärts essen willst«, sagte Harm Bengen zu Reershemius. »Weil es die anderen Restaurants nämlich nicht mehr gibt.«

»Was für ein Quatsch!«, widersprach Bodo Schmidt, obwohl auch seine Augen vor Schreck gerundet waren. Er ließ die aufgerollte Zeitung fallen. »Es machen hier doch nie und nimmer alle Restaurants dicht, nur weil ein einziger McDaisy’s eröffnet wird! Das ist doch pure Schwarzmalerei. Guckt euch doch bloß mal um, wie viele verschiedene Fressläden es hier gibt!«

»Klar, das stimmt«, antwortete Onken. »Natürlich gehen nicht alle ein. Sondern nur einige. Nur weiß man vorher nicht, welche das sein werden. Vielleicht Renko Heidergott mit seinem Fischlokal? Oder vielleicht … Harms kleine Bea?«

»Bea ist zäh, die gibt so schnell nicht auf«, verkündete Harm Bengen mit brüchiger Stimme.

»Mag sein. Aber kämpfen wird sie müssen. Weil auch die anderen kämpfen werden, kämpfen wie die Kanalratten!«, sagte Onken. »Harte Bandagen. Ein paar werden dabei hopsgehen. Und bei den anderen wird nachher auch nicht alles so sein wie vorher, weil sie ja versuchen müssen, diesem McDaisy’s die Kunden abzujagen. Dabei werden sie sich denen wohl ein bisschen anpassen müssen.«

»Anpassen?«, fragte Reershemius. »Du meinst – überall weiche Brötchen und Fettpommes?«

»Musste mit rechnen.«

»Oh Gommes nee!«

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Dann fragte Harm Bengen: »Wer ist es denn nun eigentlich? Also der, der hier so ’nen Laden aufmachen will? Ich mein, dieser Herr Meckes selbst isses ja wohl nicht.« Er runzelte die Stirn. »Daisy. Ist das nicht überhaupt ein Frauenname?«

»Ihr werdet es mir nicht glauben.« Wieder schickt Bodo Schmidt sich an, seinen Wissensvorsprung genusssüchtig auszukosten. Angesichts dreier finster blickender Augenpaare jedoch verzichtete er lieber darauf. »Also gut, es ist Heiko Grendel. Was sagt ihr nun?«

»Heiko? Ha!« Ocko Onken lachte kurz und freudlos auf. »Dann haben wir ja nichts zu befürchten. Heiko kriegt doch nie was gebacken.«

Harm Bengen lachte nicht. »Heiko Grendel alleine?«, hakte er nach.

»Nee«, sagte Bodo Schmidt. »Wo soll der denn das ganze Geld hernehmen, das er dafür braucht? Die Zeitung schreibt, dass er noch zwei Leute hinter sich hat. Investoren nennt man so was.«

»Aha«, grummelte Klaas Reershemius. »Zwei aus Deutschland, stimmt’s?«

»Stimmt«, bestätigte Schmidt.

»Und die haben Geld übrig, Geld, das Junge kriegen soll?«

Bodo Schmidt nickte.

»Dann wird es vielleicht doch ernst«, sagte Reershemius und hieb erneut seine Stockspitze aufs Pflaster. »Leute, die schon Geld gemacht haben, die wissen, wie das geht. Anders als Heiko Grendel. Und reiche Leute sind nie zufrieden. Die wollen immer noch mehr.«

»Aber warum geben die sich dann überhaupt mit Heiko ab?«, fragte Ocko Onken. »Heiko ist kein Koch, und als Geschäftsführer bringt er’s auch nicht, das ist erwiesen. Ja, wenn er wenigstens ein passendes Gebäude hätte! Dann könnt ich’s ja verstehen, von wegen keine Genehmigung und so. Aber er hat ja … keins …« Er stockte und rieb sich nachdenklich den schlohweißen Vollbart. »Oder denken die etwa … dass Heiko …«

Reershemius nickte. »Tjabbes Laden. Der steht leer.«

»Aber der gehört doch … Tjabbe?«

»Tjabbe Grendel liegt im Hospiz, in Leer.« Reershemis’ ohnehin schmallippiger Mund wurde zu einem dünnen Strich mit abwärts gebogenen Enden. »Soll es wohl nicht mehr lange machen, heißt es.«

»Ja und? Der alte Knochen ist zäh«, sagte Onken. »Außerdem, selbst wenn er demnächst in die Kiste springt – wer sagt denn, dass Heiko das Haus erbt?«

»Wer denn sonst? Heiko ist Tjabbes einziger Neffe, sonst ist da keiner.« Die Familienverhältnisse auf der Insel kannte Reershemius ganz genau.

»Na ja, er könnte doch auch alles sonst wem vererben, nicht? So begeistert von Heiko war Tjabbe doch nie.«

Reershemius schüttelte den Kopf. »Selbst wenn. Grundbesitz aus der Familie geben, so etwas tut man doch nicht. Tjabbe bestimmt nicht.«

»Das Haus ist in miesem Zustand«, warf Bodo Schmidt ein. »Deswegen ist doch der letzte Pächter raus. War ja auch keiner da, an den er sich wenden konnte, wenn es mal irgendwo durchgeleckt hat oder die Heizung kaputt war.«

»Für einen Investor mit Kohle im Rücken kein Problem«, sagte Onken. »Und Leerstand ist doch geradezu ideal. Dann könnten die praktisch gleich anfangen.«

»Sowie Tjabbe tot ist«, knurrte Reershemius. »So viel Zeit muss schon noch sein.«

Schmidt machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, das bisschen …«

»Dann steht der Hamburger-Invasion ja eigentlich kaum noch was im Wege«, sagte Onken. »Oder, mit anderen Worten: Die goldene Möwe kreist schon über Langeoog.«

»Wieso denn goldene Möwe?«, fragte Reershemius verständnislos.

Schmidt lachte. »Warte nur, bis die hier sind und ihre Werbung angebracht haben! Dann weißt du schon, was das bedeuten soll.« Mit ausholenden Gesten malte er ein großes, abgerundetes »M« in die Luft, so, wie kleine Kinder einen fliegenden Vogel malen.

»Bis dahin werden wir aber noch einen ganz schönen Sturm erleben«, prophezeite Onken. »Einen Sturm der Entrüstung! Sobald sich das alles rumspricht, werden so ziemlich alle Gastronomen der Insel auf die Barrikaden gehen. In Heiko Grendels Haut möchte ich dann nicht stecken.«

»Ich auch nicht«, sagte Reershemius. »Trotzdem versteh ich das mit der goldenen Möwe nicht. Begreifst du das, Harm?«

Er blickte zur Seite. Aber Harm Bengen war verschwunden.

»Meine Zeitung ist auch weg«, maulte Bodo Schmidt.

5.

Henning van der Werft liebte es, abends von der Melkhörndüne über Land und Meer zu blicken, dem Rauschen der Brandung, dem Pfeifen des Windes und dem Kreischen der Möwen zu lauschen, den Schein der untergehenden Sonne verblassen und die Farben der Natur nach und nach verschwinden zu sehen. Meist machte er sich erst auf den Heimweg, wenn alles fahlgrau war und er die schmalen Wege durch die Nachbardünen und sein unten abgestelltes Fahrrad kaum noch erkennen konnte. Dann erst hatte er das Gefühl, den Tag gründlich ausgeschöpft, das Angebot der Insel Langeoog bis zur Neige ausgekostet zu haben.

Gründlichkeit war eine von Henning van der Werfts hervorstechenden Eigenschaften. Vor allem, wenn es um seine eigenen Interessen ging.

Obwohl es ein Frühlingstag gewesen war wie gemalt, war van der Werft schlecht gelaunt, als er sich an den Abstieg von Langeoogs höchster Erhebung machte, und mit jedem Schritt, den er sich den Pfad entlang tastete, wurde seine Laune schlechter. Sein Partner hatte ihn versetzt, schon das zweite Mal heute. Dabei gab es wichtige Dinge zu beschließen und auszuführen. Klar, notfalls konnte van der Werft auch alleine aktiv werden. Aber das war womöglich riskant, und ein Henning van der Werft sicherte sich gerne ab.

Vorgestern hatten sie sich noch getroffen, wie verabredet. In diesem komischen Lokal, wo es nur Gemüse und diese merkwürdigen Ersatzprodukte gab, wie hieß der Laden noch? Richtig, Veggie-Paradies, was für ein bescheuerter Name für ein Restaurant! Na ja, immerhin passte er, fand van der Werft. Sein Partner, der neuerdings anscheinend auf dem Gesundheits-Trip war, hatte gelacht und sich köstlich amüsiert, weil er mit den ungewohnten Gerichten und ihren kryptischen Bezeichnungen auf der Karte nicht zurechtkam. Der Typ hatte manchmal wirklich einen seltsamen Humor. Egal, er war liquide und bereit, sich zu beteiligen. Auf nichts anderes kam es an.

Van der Werft war anschließend wieder aufs Festland gefahren, zurück nach Leer, einige Dinge klären. Da war dieser Einbruch gewesen, allerhand war weggekommen, da galt es, Polizei und Versicherung zu beruhigen und die Presse aus dem Spiel zu halten. Die Sicherheitsvorkehrungen in der neuen Abteilung waren wohl noch nicht ausgereift, man musste nachbessern, aber das ging ja niemanden etwas an. Sein Partner wollte derweil auf Langeoog bleiben, ein paar Tage ausspannen. Hatte von frischer Luft und Brandungs-Kontemplation gefaselt. Und natürlich wieder gelacht, als van der Werft verständnislos guckte. Kontemplation gut und schön, er selbst mochte das ja auch, wenn es gerade mal passte, aber doch nicht tagelang! Und schon gar nicht, wenn es Arbeit zu tun gab.

Andererseits – ein allzu aktiver Partner war auch nicht wirklich wünschenswert, dachte van der Werft. War doch nicht schlecht, immer einen kleinen Vorsprung vor ihm zu haben, gedanklich wie strategisch. Sollte er sich also ruhig ein bisschen hängen lassen. Sollten ruhig auch noch mehr Leute so denken wie er! Das war gut für Langeoog, das war gut fürs Geschäft. Demnächst auch für sein Geschäft.

Vor allem für seins.

Heute Mittag hatten sie sich erneut verabredet, diesmal im Seestern, darauf hatte van der Werft bestanden, da gab es anständig Fleisch und Fisch. Sicherheitshalber hatte er dort einen Tisch reserviert. Hatte dann aber alleine daran gesessen und gegessen, denn sein Partner war nicht erschienen.

Der war auch im Hotel nicht ans Telefon gegangen, obwohl die Rezeptionstante gesagt hatte, sein Schlüssel sei nicht abgegeben worden, was eigentlich üblich sei, wenn der Gast das Haus verließ. Und sein Handy war abgeschaltet. Die ganze Zeit. Das war ungewöhnlich.

Dass man sich abends an der Melkhörndüne treffen wollte, war mehr eine lockere Absprache gewesen. Van der Werft war trotzdem hergekommen, in der Hoffnung, seinen Partner wenigstens hier anzutreffen. Vergebens.

Henning van der Werft strauchelte. Inzwischen war es schon zu dunkel, um die Unebenheiten des Dünenpfades zu erkennen. Schon bald würde man nicht einmal mehr den Pfad erkennen können. Verdammt, er brauchte Licht! Laternen gab es hier natürlich keine. Aber hatte er nicht eine Taschenlampe, so eine mit einer kleinen, einklappbaren Kurbel zum Selbstaufladen, in einer seiner Anoraktaschen?

Er stocherte und wühlte mit beiden Händen in seinen Außentaschen herum. Dabei rutschte seine Wollmütze heraus; zum Glück spürte er es, denn sehen konnte er schon nichts mehr. Er bückte sich, um nach dem Ding zu tasten.

Etwas fauchte über seinen gesenkten Kopf hinweg. War das ein Vogel gewesen, ein Nachtjäger? Aber …

Der zweite Schlag traf seinen Nacken. Er kam von oben und war wuchtig, und dass van der Werft nicht sofort zu Boden ging, lag wohl daran, dass seine Kapuze, die ihm beim Bücken auf den Hinterkopf gerutscht war, die Wirkung ein wenig milderte. So ging er nur in die Knie. Instinktiv ließ er sich zur Seite fallen, dorthin, wo er den Angreifer nicht vermutete. Ein dumpfer Laut verriet ihm, dass der dritte Hieb den dicht bewachsenen Boden getroffen hatte. Glück gehabt. Eilig rollte sich van der Werft weiter in die eingeschlagene Richtung.

Das ging einfacher und schneller als erwartet; das Gefälle der Dünenflanke half ihm dabei. Als sein Körper von alleine wieder zum Stillstand kam, kämpfte van der Werft den Impuls nieder, aufzustehen und zu flüchten. Besser in Deckung bleiben. Da drüben, nur ein paar Schritte entfernt und oberhalb von ihm, gab es jemanden, der es auf ihn abgesehen hatte und mit einem Knüppel bewaffnet war. Wer mochte das sein? Und was für Waffen besaß dieser Angreifer womöglich noch?

Van der Werft blieb regungslos liegen, eine Hand auf seinen Mund gepresst, um das Geräusch seines vor Schreck keuchenden Atems zu dämpfen, während er mit der anderen fieberhaft weiter nach der Taschenlampe suchte. Er lauschte, aber zu hören war nichts außer dem Rauschen des Windes und dem adrenalingepeitschten Pochen seines Herzens, das ihm in den Ohren dröhnte. Dafür konnte er etwas erspähen. Gegen den restlichtbleichen Saum des Himmels zeichnete sich eine Silhouette ab, eine geduckte Gestalt, die sich langsam um ihre eigene Achse zu drehen schien.

Er kann mich nicht sehen, dachte van der Werft. Der tiefe Schatten der Senke, in der er lag, musste für den Angreifer wie ein schwarzes Loch sein. Jetzt musste er nur noch dafür sorgen, dass der Kerl ihn auch nicht hören konnte, dann hatte er eine Chance. Eine gute Chance, dachte er und staunte selbst über seine Kaltschnäuzigkeit.

Einen Augenblick später war es damit vorbei. Eine Bewegung an seinem Oberschenkel, das kribbelige Gefühl einer Berührung, ließ ihn zusammenzucken. Ihm brach der Schweiß aus. Das Vibrationsgefühl wiederholte sich, und ehe er noch begriff, dass es von seinem eigenen Handy ausging, kam auch schon der Signalton dazu. Seine suchende Hand steckte natürlich in der anderen Tasche. So schnell es ging, drehte er sich auf dem Rücken, angelte mit der Linken in der anderen Hosentasche nach dem Mobiltelefon, riss es heraus und versuchte es stumm zu schalten. Verdammt, die Tastensperre! Es dauerte eine Sekunde, sie zu deaktivieren.

Genau eine Sekunde zu lang. Hell und klar, wie hingemalt, hing der Anfang seines Klingeltons über der dunklen Dünenlandschaft. Noch nicht einmal in voller Lautstärke, ihm aber kam es vor wie eine Alarmsirene. View to a kill von Duran Duran – was hatte er sich nur dabei gedacht?

Er schaute hoch zum Dünenkamm. Wo war die geduckte Gestalt?

Sie war verschwunden. Eingetaucht in den Kernschatten. Auf dem Weg zur erneuten Attacke auf sein Ziel, das ihm seine Position so leichtfertig verraten hatte. Henning van der Werft keuchte panisch und zog seine Beine an den Körper, die Füße in die Luft gereckt wie ein auf den Rücken gedrehter Käfer. Aber vielleicht doch nicht ganz so hilflos; ein gut gezielter Tritt war sicher nicht die schlechteste Verteidigung gegen den knüppelschwingenden Angreifer.

Wenn er in dieser Dunkelheit nur zielen könnte!

Er hielt den Atem an. Der Wind tat das Gleiche. Tatsächlich, jetzt konnte er hören, wie sich jemand durchs hohe Gras näherte, vorsichtig tastend, aber stetig. Jetzt streifte dieser Jemand wohl einen Busch; das Kratzen der Zweige über den Stoff einer Jacke ließ van der Werft erschauern wie das Geräusch von Fingernägeln auf einer Wandtafel.

Die Schritte kamen immer dichter heran. Schon ließ sich unterdrücktes Schnaufen erahnen. Van der Werft dachte an den Knüppel.

Lautes Rauschen in der Luft. Hektisch flappende Geräusche, ein wütender, krächzender Schrei. Dann ein Antwortschrei, ebenfalls schrill, aber menschlich. Und ein dumpfer Aufprall, nur wenige Schritte von Henning van der Werft entfernt, gefolgt von lautem Stöhnen und gemurmelten Verwünschungen.

Da war van der Werft schon auf den Füßen. Tief gebückt und so schnell er sich traute, hastete er davon, die Hände vorgestreckt, um nicht ebenso wie der unbekannte Angreifer auf der Nase zu landen, nichts wie weg von diesem unheimlichen Ort, dorthin, wo er den nächsten befestigten Weg vermutete. Hoffentlich ist dort noch jemand unterwegs, dachte er, das wäre dann meine endgültige Rettung. Der unmittelbaren Gefahr aber glaubte er sich bereits entronnen. Dank einer Raubmöwe, die sich im Landeanflug gestört gefühlt hatte.

Ehe er es verhindern konnte, platzte ein Lachen aus ihm heraus. Ausgerechnet eine Möwe! Wenn das kein gutes Omen war. Schade, dass er nicht an Omen glaubte.

Der Schlag gegen den Hinterkopf traf ihn ohne Vorwarnung. Er taumelte, vor seinen Augen drehten sich funkelnde Sterne, und als er sich an den Hinterkopf fasste, fühlte der sich feucht an. Aber er blieb auf den Füßen, und das bisschen Orientierung, das er noch hatte, blieb ihm ebenfalls. Auch das Gefühl der Erleichterung hielt sich. Geworfen hat der Kerl, dachte er, blind ins Schwarze hinein. Glückstreffer. Kann wohl nicht mehr rennen. Oder er traut sich nicht. Nee, mein Lieber, du kriegst mich nicht.

Irgendwann wurde das Gelände ebener, er kam zügiger voran, und tatsächlich sah er nach einiger Zeit Lichter, zwei Paar Fahrradlampen, die sich näherten. Van der Werft erreichte den Weg, erinnerte sich seiner eigenen Dynamolampe, und jetzt fand er sie auf Anhieb. Natürlich.

Während er Lichtsignale gab, fühlte er sich bereits vollkommen sicher. Und als die Fahrradfahrer zu klingeln begannen und auf ihn zuhielten, wurde das Sicherheitsgefühl schon wieder verdrängt. Von Ärger, von Wut, zuletzt von purem Hass auf den unbekannten Angreifer. Warte nur, Bürschchen, dachte Henning van der Werft. Du hast mich nicht gekriegt. Aber ich, ich kriege dich.

6.

Als sein Handy klingelte, war Stahnke eigentlich schon wach. Er wollte es bloß noch nicht sein, denn sein letzter Traum war so schön gewesen. Beängstigend auch, das schon – aber er war sich der Tatsache, dass er träumte, schon halbwegs bewusst gewesen, und so hatte es ihn auch nicht erschreckt, dass es bei seinem Rundflug über Wattenmeer und Inseln zuerst keine Flugzeugkabine mehr gegeben hatte, dann keinen Motor und zum Schluss nicht einmal mehr Tragflächen. Ich kann jederzeit ganz aufwachen, hatte er nur gedacht – oder geträumt – und mitten im Sturzflug die Arme ausgebreitet. Und siehe, es hatte funktioniert, wenn auch nicht besonders zuverlässig. Sein Flug war wild und ruppig verlaufen, und die Flughöhen hatten ganz plötzlich und unberechenbar gewechselt. Hatte er eben noch beim Tiefflug mit dem Bauch fast die Mastspitzen der Yachten im Hafen gestreift, lag im nächsten Augenblick ganz Langeoog als Spielzeugpanorama tief unter ihm, und er war in wilden Spiralen darauf zu getrudelt. Ehe ich aufschlage, wache ich auf, hatte er ganz sicher gewusst. Drücke ganz einfach den Knopf in dem Fahrstuhl, der zwischen Traum und Wirklichkeit pendelt.

Normalerweise endeten Träume, sowie man so etwas dachte. Dieser nicht, darum genoss Stahnke ihn so.

Gegen ein klingelndes Handy aber kam auch der schönste Traum nicht an. Wenigstens hatte der Hauptkommissar blitzartig reagiert, seinen Arm vorschnellen lassen, zugepackt und das Gespräch schon entgegengenommen, ehe der erste leise Signalton ganz verklungen war. »Moment«, raunte er in seine Faust, ehe er sie fest um das winzige Gerät schloss, aufstand und Richtung Küche tapste. Sina schien zum Glück nichts mitbekommen zu haben; ihr Atem ging unverändert regelmäßig.

Er setzte sich, ehe er die Hand zum Ohr hob. »Ja?«

»Ich bin’s«, sagte Kramer. Seine Stimme klang neutral wie immer, und mit Grüßen hielt er sich gar nicht erst auf.

»Urlaub«, sagte Stahnke im gleichen Tonfall. »Du erinnerst dich?«

»Das tue ich«, erwiderte Kramer. Danach schwieg er.

Jetzt könnte ich einfach auflegen, dachte Stahnke. Das wäre mein gutes Recht, und ich hätte meine Ruhe. Aber er wusste natürlich, dass das nicht stimmte. Von wegen Ruhe! Nicht etwa wegen seines Gewissens – das glaubte er ganz gut im Griff zu haben. Seine ungestillte Neugier aber würde ihm garantiert den Tag versauen.

»Also, was gibt’s?« Stahnkes Blick streifte die Küchenuhr. Gerade erst Viertel nach sieben, Kramer war früh dran.

»Vermisstensache.« Oberkommissar Kramer, Stahnkes engster Mitarbeiter im 1. Fachkommissariat der Polizeiinspektion Leer/Emden, fasste sich kurz. »Dietz Lichterfeld, Doktor der Medizin, wohnhaft in Leer-Loga. Vermisst gemeldet von seiner Ehefrau. Kontakt plötzlich abgerissen, sagt sie.«

»Vermisst«, wiederholte Stahnke.

»Ja«, bestätigte Kramer schlicht. Er wusste ebenso gut wie Stahnke, dass die Suche nach Vermissten nicht die Aufgabe des FK 1 war, jedenfalls nicht, ehe diese Vermissten sich als entführt, misshandelt, sonstwie verletzt oder als tot herausstellten. Also musste sein Anliegen einen besonderen Grund haben.

»Lass mich raten«, sagte der Hauptkommissar. »Vermisst auf Langeoog?«

»Stimmt«, erwiderte Kramer. »Jedenfalls im Prinzip. Vermisst wird Dr. Lichterfeld, wie schon gesagt, in Leer. Von seiner Frau. Sein letzter bekannter Aufenthaltsort aber war in der Tat Langeoog.«

»Klugscheißer«, knurrte Stahnke.

»Angenehm«, sagte Kramer. Gleichbleibend neutral.

Stahnke schluckte eine Replik hinunter. »Und was soll ich jetzt machen? Ausschwärmen und den Typ zwischen den Dünen suchen? Und Lüppo Buss steht wohl daneben und spendet mir Applaus! Weißt du eigentlich noch, dass Lüppo hier auf der Insel zuständig ist?«

»Für den Anfang könntest du mal Kontakt zu ihm aufnehmen«, antwortete Kramer ungerührt. »Ich krieg ihn nämlich nicht ans Telefon.«

»Handy?«

»Mailbox.«

»Fax, E-Mail?«, fragte Stahnke weiter. »Oder Brieftaube?«

»Mensch, Stahnke.« Jetzt fiel Kramer doch aus seiner Stoiker-Rolle, wurde drängender. »Dieser Dr. Lichterfeld ist nicht irgendwer. Dem gehört die große Tagesklinik in der Leeraner Innenstadt, jedenfalls zum großen Teil. Seine Frau macht mächtig Druck. Dedo de Beer hat bei mir schon auf der Matte gestanden, kaum dass ich heute früh im Dienst war.«

»Na und? Gibt es bei uns neuerdings einen Promi-Bonus? Oder interessiert sich etwa irgendwer für irgendwas, das de Beer sagt?« Stahnke gab sich widerborstig. Noch, denn eigentlich war sein Widerstand bereits gebrochen. Nicht etwa, weil Dedo de Beer sein direkter Dienstvorgesetzter war – den hätte er eiskalt abblitzen lassen, schließlich konnte er den ebenso wenig leiden wie de Beer ihn. Aber seinem Kollegen Kramer würde er den Gefallen tun. Schließlich war er ihm noch mehrere schuldig.

Kramer wusste das und schwieg.

Stahnke seufzte. »Also gut, sag deinem Mattenabnutzer, dass du hier alle Hebel in Bewegung gesetzt hast. Will sagen, mich. Darf ich vielleicht vorher noch meinen Morgenkaffee trinken?«

»Selbstverständlich«, sagte Kramer. »Und wenn du mit Lüppo gesprochen hast …«

»Dann melde ich mich, alles klar«, unterbrach ihn Stahnke. »Übrigens, danke.«

»Danke wofür?«

»Für den Kaffee.« Stahnke drückte den Aus-Knopf, legte sein Handy auf den Küchentisch, erhob sich.

Und setzte sich sofort wieder hin, denn das Handy begann erneut zu zirpen. »Ja?«

»Lüppo hier.« Die Stimme des Inselkommissars klang kraftvoll und war trotz des knisternden Rauschens, das sie zu übertönen trachtete, gut zu verstehen. »Wie ich höre, bist du hier auf der Insel. Kommt mir gut zupass. Könnte gerade etwas Unterstützung gebrauchen.«

Da bist du nicht der Einzige, dachte Stahnke. »Was gibt’s?«, fragte er.

»Letzte Nacht ist jemand in den Dünen überfallen worden«, berichtete Lüppo Buss. »Einer aus Leer, ein Arzt, wohl ein ziemlich bedeutender, jedenfalls tut er so. Jetzt sitzt er bei mir im Büro und verlangt, dass ich ihm den Täter auf dem Silbertablett serviere, und zwar zackig.« Wieder musste sich Lüppo Buss’ Stimme gegen ein lautes Rauschen durchsetzen.

Ein schadenfrohes Lächeln dehnte Stahnkes Gesicht in die Breite. »Und du stehst jetzt draußen im Wind und telefonierst mit dem Handy? So ein nerviger Typ ist das?«

»Erraten«, bestätigte der Inselpolizist freudlos. »Der haut fürchterlich auf den Putz. Selbst für einen Doktor.«

»Lass mich raten«, sagte Stahnke. »Der Mann ist nicht nur Arzt, sondern auch der Besitzer einer Tagesklinik in Leer, jedenfalls zum großen Teil?«

»Stimmt.« Ehrfürchtiges Staunen klang aus Lüppo Buss’ Stimme. »Sag bloß, du kennst den Mann!«

»Jedenfalls dem Namen nach. Dr. Dietz Lichterfeld, nicht wahr?« Selbstzufrieden lehnte sich der Hauptkommissar zurück und rieb sich raschelnd die stoppeligen Wangen. So schnell hatte er noch keinen Fall gelöst.

»Lichterfeld? Nö. Der Mann heißt van der Werft, Dr. Henning van der Werft. Da warst du auf dem falschen Dampfer, mein Freund.« Die Ehrfurcht war ebenso aus Lüppo Buss’ Stimme gewichen wie das breite Lächeln aus Stahnkes Gesicht. »Wie sieht es nun aus, kann ich auf dich zählen? Nur ein bisschen Präsenz zeigen, damit mir der Doc nicht mehr so auf den Senkel geht.«

»Klar, mach ich. Bis gleich.« Stahnke beendete das Gespräch.

Merkwürdig, dachte er, als er ins Bad eilte, das Mobiltelefon in der Hand. Ein merkwürdiger Zufall ist das. Wenn überhaupt.

Nach Kaffee war ihm nicht mehr zumute.

7.

Die Kälte, denkt er, die Kälte ist im Augenblick das Schlimmste. Durch den steinernen Boden dringt sie ihm bis ins Mark, von seiner viel zu dünnen, teilweise zerrissenen Kleidung kaum gehindert, macht seine Haut taub und lässt seine Muskulatur unkontrolliert schlackern. Seine Nase läuft, seine Oberlippe ist von Rotz verklebt, den er nicht einmal wegwischen kann, weil seine Hände gefesselt sind, fachkundig gefesselt, so dass seine gelegentlichen wütenden Befreiungsversuche rein gar nichts gefruchtet haben, und seine Nasenflügel fühlen sich schon dick und entzündet an. Auch sein Hals tut weh. Wenn er noch lange hier liegen muss, holt er sich womöglich eine Bronchitis. Und mehr. Im Augenblick ist die Kälte wirklich das Schlimmste.

Und er wünscht sich, wünscht sich sehnlichst, dass das noch möglichst lange so bleibt.

Aber das wird nicht passieren. So viel hat er schon begriffen.

Sind da schon wieder Schritte? Wenn ja, dann sind es die seines Entführers. Sonst scheint hier niemand vorbeizukommen.

Nein, wohl doch nicht. Niemand in der Nähe. Schreien hat hier gar keinen Zweck. Klar hat er es versucht, als er es gerade einmal gekonnt hat und Schritte zu hören waren, aber dann sind es wieder seine gewesen, und er hat nichts unternommen, um die Schreie zu unterbinden. Er unternimmt nie etwas dagegen, sagt nicht einmal, dass Schreien sinnlos sei. Deutlicher kann er das gar nicht ausdrücken.

Dann, nachdem er das Schreien aufgegeben hat, hat der andere ihm wieder Wasser eingeflößt, sonst nichts, nur Wasser. Und dann hat er ihm wieder Spritzen verabreicht.

Oh Gott, diese Spritzen! Diese unglaublichen Qualen. Unvorstellbar schlimm, schlimmer als der Tod.

Der Tod wäre besser. Er wünscht ihn sich herbei. Nicht immer, aber immer dann, wenn der andere mit der Spritze kommt.

Und der andere weiß das. »Irgendwann ist es vorbei«, raunt sein Peiniger immer wieder mit diesem samtenen Tigergrollen in der Stimme, »irgendwann hast du es überstanden. Aber noch nicht. Jetzt noch nicht.« Dann die kleinen Stiche, dann wieder zurück in die Hölle.

Und jetzt? Irgendwas ist da, irgendein Geräusch. Manchmal hört man hier den Wind, dann zieht es auch etwas stärker als gewohnt, auch besonders starken Regen hat er schon hören können, und einmal auch etwas, das er für Meeresrauschen gehalten hat. Was für ein Raum ist das wohl, in den der andere ihn gesteckt hat? Ein Keller vermutlich oder ein Lagerraum. Sehen kann er jedenfalls überhaupt nichts. Die Dunkelheit hier drinnen ist absolut. Außer, wenn der andere kurz seine Lampe aufleuchten lässt, um sich zu überzeugen, dass sein Opfer noch lebt.

Oder um sich an seinen Qualen zu weiden. Oder beides.

Die Tür. Da draußen ist eine Tür laut ins Schloss gefallen, eine eiserne Tür, die Tür. Vielleicht ist es wieder windiger geworden. Da, die Schritte. Nicht so energisch wie sonst, eher etwas schleppend, aber eindeutig die seines Entführers. Und damit nicht weniger bedrohlich als sonst. Er kommt, er kommt! Alles wie immer, alles wieder von vorn.

Jetzt, denkt er, wäre ein guter Augenblick zum Sterben.

8.

Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, musste Sina lächeln. Natürlich war sie wach geworden, während Stahnke seine Sachen zusammengesucht und im Bad hantiert hatte. Auch die beiden Anrufe hatte sie mitbekommen, noch im Halbschlaf zwar, aber doch deutlich genug, um zu bemerken, dass da schon wieder etwas Dienstliches ablief. Aber sie hatte auch registriert, wie sehr Stahnke sich bemühte, leise zu sein und sie nicht zu wecken. Das fand sie lieb, und so hatte sie sich weiterhin schlafend gestellt und lieber auf einen Abschiedskuss verzichtet, als Stahnke eine Enttäuschung zu bereiten.

Jetzt aber streckte sie sich wie eine Katze, genüsslich und von lautem Gähnen untermalt, und schob die Füße unter der Bettdecke hervor. Denn auch ihr Arbeitstag würde in Kürze beginnen, und aus dem Alter, in dem sie für ein Zusatz-Viertelstündchen Schlaf gerne aufs Frühstück verzichtet hätte, war sie schon eine Weile heraus.

Während der Kaffee durchlief, warf sie sich ihren Bademantel über, zerrte die zusammengerollte Zeitung aus dem Briefkastenschlitz und setzte sich auf den Balkon. Kirchenglocken läuteten anhaltend; ach ja, heute war Karfreitag. Sonderlich warm war es noch nicht, aber hinterm Windschutz ließ es sich in der Morgensonne schon gut aushalten. Auf dem kleinen Campingtisch strich sie die Zeitung glatt. Natürlich las sie den Langeooger Inselboten, trotz seines eher biederen Erscheinungsbildes – das war sie Marian schuldig.

Als sie die Aufmacher-Überschrift las, lachte sie hell auf. »Die goldene Möwe kreist über Langeoog« – Himmel, da hatte Marian aber ganz tief in die Lyrik-Kiste gegriffen! Reichte es denn nicht, dass er schon den zweiten Tag in Folge dieses Thema auf die Titelseite hob?

Anscheinend nicht, stellte sie fest, als sie den Innenteil aufblätterte. Außer dem Aufmacher gab es auch noch ein Interview – nein, sogar zwei – und einen Kommentar, außerdem schon die ersten beiden Leserbriefe, offenbar per E-Mail eingeschickt, beide von eingefleischten Langeoog-Fans aus Nordrhein-Westfalen, einer jung, der andere schon älter, einer pro Hamburger-Restaurant, der andere contra. Sina schüttelte ungläubig den Kopf: Die passten einfach zu gut ins Konzept – hatte Marian die etwa selber verfasst? Aber nein, das denn doch nicht, das passte wiederum nicht zu ihm.

Das kürzere der beiden Interviews war das mit dem Inselbürgermeister, der noch einmal die Rechtslage und die mangelnden Einflussmöglichkeiten der Gemeinde erläuterte, alles in schönstem Amtsdeutsch. Das längere Interview hatte Marian mit zwei eingesessenen Gastronomen geführt, Bea Wulff und Renko Heidergott. Sina kannte und schätzte beide, jeden auf seine Art; auf die Idee, sich mit diesen beiden, die so unterschiedliche Auffassungen vertraten, zur selben Zeit an einen Tisch zu setzen, wäre sie aber nicht gekommen.

Immerhin, Bea und Renko schienen nicht übereinander hergefallen zu sein, nicht einmal verbal. Vermutlich einte sie ausnahmsweise einmal der gemeinsame Feind, und der hieß Heiko Grendel. Sina erinnerte sich, diesem Mann einmal begegnet zu sein; ein irgendwie unreif wirkender, großsprecherischer Typ mit schlechten Manieren und keiner nennenswerten Bildung. Dafür hatte sie sehr bald einen erheblichen Minderwertigkeitskomplex bei ihm diagnostiziert. Nach allem, was die beiden Interviewten über Grendel äußerten, lag sie damit wohl genau richtig.

Auffällig erschien nur, dass die beiden Grendel nach eigenen Bekunden überhaupt nicht zutrauten, solch ein Projekt verantwortlich zu stemmen, andererseits aber eine Heidenangst davor zu haben schienen, dass er es doch schaffte. Auch das zeugte nicht gerade von übermäßig viel Selbstsicherheit. Sina grinste und holte sich einen großen Becher Kaffee.

Auf Marians Kommentar war sie gespannt, fand den Einstieg jedoch enttäuschend. Das roch verdächtig nach einerseits – andererseits, viel Abwägung, wenig Stellungnahme. Von der Unverwechselbarkeit Langeoogs war die Rede, die durch verwechselbare Serien- und Massenprodukte gefährdet werden könnte, eine Entwicklung, die man in den uniformen Fußgängerzonen zahlreicher Städte auf dem Festland längst beobachten könne. Andererseits seien da natürlich die veränderten Bedürfnisse der Touristen, zumal der jungen, die ja die finanzielle Zukunft der Insel seien, weshalb man sie nicht ignorieren könne … Wobei man wiederum das Beispiels Venedigs nicht außer Acht lassen dürfe, das sich gegen die Überhandnahme landesuntypischer Dönerläden ebenso schlicht wie massiv mit einem gesetzlichen Verbot zur Wehr gesetzt habe …

»Schwach, Marian«, murmelte Sina und leerte ihren Becher. Trotzdem las sie den Text zu Ende – und fand dort tatsächlich doch noch etwas, das sie elektrisierte. »Woher kommt das Geld für solch ein Projekt?«, fragte Marian provokant und rhetorisch: »Von der Insel jedenfalls nicht.« Holla, wie kam er denn zu dieser Behauptung? Hatte er tatsächlich herausbekommen, wer hinter diesem Grendel steckte? Dann bekam die Sache noch mehr Brisanz. Streit unter Insulanern war ja eine Sache. Wenn aber Festländer hinter der Sache steckten, dann konnte das mehr bedeuten. »Krieg«, sagte Sina leise. Dann blinzelte sie in die herrliche Sonne, lauschte dem Glockengeläut, dem Rauschen des Windes und der fernen Brandung und musste lachen. Nein, wirklich, nur nicht übertreiben. So schlimm würde das alles schon nicht werden.

Sie schaute zur Uhr und erhob sich. Zeit, sich dienstfertig zu machen. Der heutige Tag war randvoll mit Terminen. Und gleich der erste versprach wieder eine Herausforderung zu werden.

Eine halbe Stunde später überquerte sie den Vorplatz der Klinik Haus Waterkant. Auch um diese Zeit war er schon ziemlich belebt; etwa ein Dutzend Anorexiepatientinnen standen herum, rauchten und tranken schwarzen Kaffee aus Pappbecher. Einige nickten ihr einen sparsamen Morgengruß zu, und Sina antwortete mit einem strahlenden Lächeln. Leicht fiel ihr das nicht. Sie blickte auf Blusen und Sweatshirts, die von eckigen Schultern herabhingen wie an Kleiderbügeln, auf Hosen, die an Hintern und Schenkeln Falten schlugen, weil da einfach nichts war, um ihnen Form zu verleihen. Schlimm genug. Aber sie wusste auch, wie es unterhalb dieser Oberflächen aussah, in den Köpfen dieser Patientinnen, in ihren Seelen, und das war schlimmer. Hier richteten sich Menschen, überwiegend Frauen, überwiegend junge, systematisch zugrunde, um sich und ihrer von Minderwertigkeitsängsten zerrütteten Psyche zu beweisen, dass sie wenigstens das konnten. Dabei waren das doch tolle Frauen, sehr intelligente zumeist, die stolz auf sich und ihr Potenzial hätten sein können. Aber so sahen sie sich eben nicht, so konnten sie sich nicht sehen.

Dafür zu sorgen, dass sie das wieder konnten, war Sinas Job. Vielmehr, ihnen dabei zu helfen, das wieder selbst zu können. Und zwar schnell, denn hier fanden Wettläufe statt. Der Gegner hieß Tod, und es kam allzu oft vor, dass er gewann.

Sie betrat das Gebäude durch die geräuschlosen Automatiktüren, querte die dicke, weiche Fußmatte und sog den inzwischen bereits vertrauten Klinikgeruch ein, der zwischen süßlich und sauber changierte, aber immer noch eine scharfe Gumminote enthielt. Offenbar hatte man beim Bodenbelag allzu sehr gespart. Sina war es recht. So wurde sie wenigstens immer wieder daran erinnert, dass glatte Oberflächen niemals die ganze Wahrheit waren.

Vor dem Empfangstresen, der mehr an ein Hotel erinnerte als an eine Klinik, saßen drei Patientinnen in Rollstühlen. Sie waren schon derart abgemagert, dass ihnen jedwede körperliche Bewegung untersagt worden war, um ihre mittlerweile vollkommen ungeschützten Gelenke nicht dauerhaft zu schädigen. Zwei dieser Frauen waren ganz auf ihr Strickzeug konzentriert, die dritte blickte Sina erwartungsvoll entgegen. Sie war älter als die anderen, vielleicht Ende dreißig. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, die Wangenknochen traten hart hervor, ihre Haut war wie Pergament und ihre dünnen Lippen schienen die Zähne kaum noch bedecken zu können. Ihre hochgetürmten, glänzenden dunklen Haare bildeten dazu einen bizarren Kontrast. Es war mehr als offensichtlich, dass sie eine Perücke trug.

»Guten Morgen.« Sina zwang sich ein Lächeln ab. Konnte es sein, dass Frau Duismann seit gestern noch mehr abgebaut hatte?

»Guten Morgen, Frau Gersema.«

»Und, wie war es heute früh? Ging alles gut?«

Ein schmerzliches Lächeln, ein bedauerndes Kopfschütteln. »Leider nein. Es ging überhaupt nicht. Tut mir leid.«

»Aber Mareike, Sie müssen doch essen!« Sina hätte sich ohrfeigen können. Was für ein dummer, unprofessioneller Appell! Natürlich musste Mareike Duismann essen, wie jeder Mensch. Aber das konnte sie nicht, und genau das war das Problem, das psychologische. Gutgemeinte mütterliche Ratschläge fruchteten da überhaupt nichts.

»Ich weiß doch«, erwiderte Mareike Duismann prompt. »Ich versuche es ja auch. Aber Sie wissen ja, das Schlucken … es geht einfach nicht.«

Als ob sie sich bei mir entschuldigen müsste, dachte Sina, als ob es um mich ginge, nicht um sie! Diese märtyrerhafte Haltung machte alles nur noch schlimmer. Tapfer lächelte Sina dagegen an. »Das schaffen wir schon, was, Mareike? Wir kommen dem Problem schon noch auf den Grund. Hauptsache, Sie bleiben bis dahin bei Kräften.«

Mareike Duismann unterschied sich äußerlich zwar in nichts von den Anorektikerinnen im fortgeschrittenen Stadium, ihr Krankheitsbild aber war ein völlig anderes. Statt einer krankhaften Fixierung auf ein utopisches körperliches Erscheinungsbild, einer Störung der Selbstwahrnehmung oder dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit, für das der Körper büßen musste, lag bei ihr eine panische Angst vor dem Schlucken vor. Sie schaffte es einfach nicht, Nahrung durch die Speiseröhre in den Magen zu befördern. Und diese Blockade war progressiv, wurde also schlimmer. Hatte sie zunächst noch Fleisch bis in einzelne Fasern zerteilt und jeden Bissen Gemüse minutenlang gekaut, so vermochte sie jetzt schon nicht einmal mehr ein Löffelchen Brühe zu schlucken. Selbst Wasser nahm sie nur tropfenweise zu sich.

Die Folgen waren unübersehbar. Sina musste sich zwingen, nicht dauernd auf die skeletthaften Schlüsselbeine zu starren, die aus Mareike Duismanns Halsausschnitt ragten, bespannt mit trockener, runzliger Haut und umgeben von schluchtartigen Vertiefungen, über denen sich ein dünnes Goldkettchen ausnahm wie eine winzige Hängebrücke. Gestern hatte die Frau schon Kochsalzlösung injiziert bekommen, per Tropf, um den Körper vor dem völligen Austrocknen zu bewahren. Als Nächstes würde die künstliche Ernährung kommen. Vor diesem Augenblick hatte Sina Angst, denn dann wäre sie gescheitert.

Mareike Duismann straffte ihr Kinn. Was Entschlossenheit ausdrücken sollte, verstärkte nur noch die Ähnlichkeit ihrer Physiognomie mit einem Totenkopf. »Na denn, gehen wir es an«, sagte sie mit plötzlicher Munterkeit. Sina staunte, wie energisch Mareike Duismann mit ihren mageren Händen den Rollstuhl in Fahrtrichtung rangierte. »Je eher wir anfangen, desto eher sind wir damit durch, nicht wahr? Sie wollen Ihr Pensum ja auch hinter sich bringen. Immerhin ist heute Feiertag.« Schon hatte sie ihr Gefährt in Bewegung gesetzt. Die Automatiktür zum Trakt mit den Besprechungszimmern hatte kaum Zeit, zischend den Weg freizugeben.

Schöner Feiertag, dachte Sina, als sie ihrer Patientin hinterher eilte. Karfreitag, was gibt es denn da zu feiern? Der Gedanke an das Wunder der Auferstehung des Fleisches kam ihr in diesem Augenblick absurder vor denn je.

9.

Stahnkes erster Gedanke war: eine schlimme Nase. Und sein zweiter: Schlimm, ja – aber doch nicht so schlimm, dass alles davor flüchten müsste!

Genau das aber schien Dr. Henning van der Werfts Gesicht zu tun. Alles wich von dieser spitzen, langrückigen Nase mit den großflächigen Flügeln und den schmalen, langgezogenen Nasenlöchern zurück: das unscheinbare Kinn, die hohe, eingezogene Unterlippe, die Mundwinkel, die glatten Wangen, die tiefliegenden Augen, die fliehende Stirn und die nach hinten gekämmten, stark gegelten Haare mit den tiefen Geheimratsecken. Mit so einem Gesicht, dachte Stahnke, ist ein Mensch geschlagen. Auch ohne eine dick verpflasterte Wunde am Hinterkopf.

Als Dr. van der Werft aber seinen schmalen Mund öffnete, begriff der Hauptkommissar, dass sich der Wunsch nach eiligem Zurückweichen nicht nur jenseits dieser spitzen Nase manifestierte, sondern auch diesseits. Und dass nicht nur der Träger dieses Fluchtgesichts ein geschlagener Mensch war, sondern dass dies auch auf alle zutraf, die mit ihm zu tun hatten.

»Und wer sind Sie jetzt?«, herrschte van der Werft ihn an, kaum dass Stahnke das kleine Polizeibüro an der Langeooger Kaapdüne betreten hatte. »Noch so eine Insulaner-Existenz, die mir klarmachen will, dass hier alles seine Zeit braucht und ich mich doch bitteschön gedulden soll? Daraus wird nichts, mein Lieber! Ich bin es nicht gewohnt, vertröstet zu werden, und ich habe auf keinen Fall vor, meine Gewohnheiten zu ändern, bloß weil ich mich hier auf einer größenwahnsinnigen Sandbank befinde! Mein Anwalt ist schon verständigt, das kann ich Ihnen versichern. Und dem geht das Wörtchen ›Dienstaufsichtsbeschwerde‹ ganz leicht von den Lippen!«

Stahnke widmete Lüppo Buss einen sondierenden Blick. Der durchtrainierte, kerngesunde und gewöhnlich sehr souveräne Inselkommissar zitterte wie ein Drahtseil unter Spannung, und seine rötliche Gesichtsfärbung signalisierte nicht wie sonst eine windanimierte gute Durchblutung, sondern gefährlichen Hochdruck. Der Hauptkommissar verstand, warum er gerufen worden war. Zeit, die Dinge hier ins Lot zu bringen.

Er schritt auf den hölzernen Besuchersessel zu, in dem van der Werft Platz genommen hatte, baute seine zwei Zentner vor ihm auf, senkte seinen breiten Oberkörper über ihn und stützte seine Fäuste auf die Armlehnen. Dann sagte er laut und vernehmlich: »Schnauze.«

Jetzt flogen auch van der Werfts wimpernlose Augenlider zurück, und sein Körper sank tiefer in den Stuhl, als presse ihn ein starker Windstoß hinein, ausgelöst von Stahnke, der somit wohl das Sturmzentrum darstellte. Aber der Doktor wäre nicht der durchsetzungsfähige Erfolgsmensch gewesen, der er war, hätte er nicht umgehend eine Reaktion gezeigt. Nach kaum einer Schrecksekunde stemmte er sich hoch, um zum Gegenangriff überzugehen, die langrückige Nase wie eine Speerspitze voran.

So schnell van der Werft reagierte, Stahnke reagierte schneller, und zwar um den entscheidenden Sekundenbruchteil. Als van der Werft hochschnellte, hatte sich Stahnke bereits wieder aufgerichtet, was auf diese Weise nicht wie ein Zurückweichen wirkte, sondern van der Werfts Vorstoß schlicht ins Leere laufen ließ. Der Doktor zwinkerte verwundert; sein bereits geöffneter Mund blieb stumm.

Spielchen, dachte Stahnke. Ach was, noch nicht einmal das: Mätzchen! Aber genau darauf stehen die doch, diese Chefs. Also bitte, Doktor, schluck deine eigene Medizin.

»Wo war denn Ihr Anwalt, als Sie heute Nacht was auf die Rübe bekommen haben?«, knurrte er den Verwundeten an. »Und meinen Sie, Ihr Anwalt kann den Burschen ausfindig machen, der Ihnen den Hinterkopf verbeult hat? Ob der denn auch weiß, wo er eigentlich suchen soll? Oder glauben Sie, dass eine Dienstaufsichtsbeschwerde verhindern kann, dass dieser Typ nächste Nacht wiederkommt, um sein Werk zu vollenden? Glauben Sie das wirklich?«

Van der Werft klappte den Mund zu. Über eine weitere Attacke auf ihn – eine mit der Absicht, ihn zu töten – schien er noch nicht nachgedacht zu haben. Eine Überlegung, die jedoch unangenehm nahelag. Und die aus Stahnkes Mund wie eine Drohung geklungen hatte.

»Ich denke mal, dass Sie Schutz und Hilfe in dieser Angelegenheit wohl eher von uns erwarten, richtig?«, resümierte Stahnke, jetzt in ruhigerem Ton. »Und genau das wollen wir nun auch versuchen, nämlich Ihnen zu helfen und Sie zu schützen. Dazu aber benötigen wir umgekehrt auch Ihre Hilfe. Am besten, Sie setzen sich wieder, und wir unterhalten uns in aller Ruhe. Okay?«

»Okay.« Van der Werft ließ sich zurück in seinen Lehnstuhl fallen. Stahnke warf einen Seitenblick auf Lüppo Buss; dessen Züge entspannten sich sichtlich. Für ihn schien sich der Anruf bei Stahnke bereits voll ausgezahlt zu haben.

»Na denn.« Stahnke lehnte sich an die Kante von Lüppo Buss’ auf Hochglanz poliertem Schreitisch, die Arme vor der Brust verschränkt. »Bringen Sie mich mal auf Stand. Was genau ist passiert?«

»Ich wurde angegriffen. Gestern am späteren Abend, bei der Melkhörndüne. Mit einem Knüppel niedergeschlagen«, referierte van der Werft knapp.

Der Hauptkommissar nickte. Na bitte, das klang doch ebenso exakt wie kooperativ. Der Herr Doktor konnte also, wenn er nur wollte. »Darf ich fragen, warum Sie sich so spät noch dort draußen aufgehalten hatten?«

»Ich war dort mit einem Geschäftspartner verabredet«, erwiderte van der Werft. Nach einem Blick auf Stahnkes erhobene Augenbrauen fügte er hinzu: »Ungewöhnlich, ich weiß. Die eigentliche Besprechung sollte ja auch schon mittags stattgefunden haben, in einem Restaurant. Aber da ist mein Partner nicht erschienen. Die Abend-Verabredung an der Aussichtsdüne war nur eine Ergänzung; ich hatte ihm wohl viel davon vorgeschwärmt, wie schön es dort abends ist. Daher wollte er das unbedingt auch mal erleben. Aber er ist dann ja doch nicht gekommen.«

»Sind Sie sicher?«, fragte Stahnke.

Van der Werfts Hand zuckte zu seinem Kopfverband. »Sie meinen …« Der Arzt überlegte einen Moment, schien die Möglichkeit, dass sein eigener Geschäftspartner ihn im Dunkeln überfallen hatte, ernsthaft zu erwägen. Dann aber schüttelte er den Kopf. »Das halte ich für ausgeschlossen. So ein Typ ist er nicht. Außerdem gab es überhaupt keinen Anlass. Alles, was wir gemeinsam an Geschäften betreiben, läuft gut. Die Verträge zwischen uns sind sauber und wasserdicht. Und auch die neuen Projekte, über die wir reden wollten, lassen sich gut an. Warum also sollte er über mich herfallen?«

Aha, dachte Stahnke, so sieht der Herr das also. Gewalttätigkeiten bitte nur, wenn es auch Gründe dafür gibt, sonst nicht. Interessant, führt jetzt aber auch nicht weiter.

»Wir reden hier doch von Dr. Lichterfeld?«, fragte der Hauptkommissar. »Dietz Lichterfeld, mit dem zusammen Sie auch die Tagesklinik in Leer betreiben. Er ist doch dieser Partner, mit dem Sie sich gestern treffen wollten, richtig?«

»Stimmt.« Van der Werft legte den verbundenen Kopf schief: »Ich erinnere mich gar nicht, seinen Namen erwähnt zu haben.«

Stahnke öffnete den Mund, wollte schon von der Vermisstenanzeige berichten, von der er durch Kramer erfahren hatte, entschied sich jedoch dagegen, schloss die Lippen wieder und machte nur eine wegwerfende Handbewegung. Sollte dieser Doktor ruhig denken, er hätte schon gründlich recherchiert. Das wenige, das er bisher wusste, musste er van der Werft nicht unbedingt gleich auf die Nase binden.

»Über Ihre gemeinsame Klinik wollten Sie sicher nicht sprechen«, sagte er stattdessen. »Dazu hätten Sie ja nicht extra nach Langeoog zu fahren brauchen. Worum also sollte es gehen? Haben Sie beide neue Pläne?«

Van der Werft zögerte einen Moment mit einer Antwort. Seine Augen verengten sich, seine Lippen wurden aufeinander gepresst, seine langrückige Nase wurde wieder zur abwehrenden Lanzenspitze. Gleich wird er mich fragen, was mich das eigentlich angeht, dachte Stahnke und suchte schon nach einer passenden Replik. Dann aber entspannte sich die Miene des Arztes, und seine Antwort fiel anders aus als befürchtet.

»Die Idee ist von Dietz«, sagte er. »Ziemlich ungewöhnlich, muss ich schon sagen, und zuerst wollte ich überhaupt nicht darauf eingehen. Schließlich sind wir auf medizinische Projekte spezialisiert, damit kennen wir uns aus. Warum uns also auf unbekanntes Terrain wagen? Nun ist es aber heutzutage nicht mehr so einfach, mit Kliniken aller Art Geld zu machen, ich meine, so richtig im großen Stil. In unserem Stammhaus in Leer bieten wir jetzt zum Beispiel auch kosmetische Operationen an, das ist ein interessanter Markt, da wird viel von privat investiert, da geht noch was. Mit den Kassen sind doch heutzutage kaum noch lukrative Deals zu machen! Streuung der Investitionen ist also an sich schon mal keine schlechte Idee, das musste ich zugeben.«

Van der Werft strich sich mit beiden Handflächen über Wangen und Stirn, als gelte es, sein Profil noch weiter zuzuspitzen. »Und als Dietz mir dann mal seine Kalkulationen vorgelegt hat, wurde mir klar, dass sein Plan durchaus Hand und Fuß hat. Alles gut durchdacht, für die Lage hier durchaus innovativ. Und die Umsatz- und Gewinnprognosen, die er sich von Fachleuten hat erstellen lassen, sind absolut stattlich.«

»Obwohl die Gastronomie als Branche doch auch ganz schön zu kämpfen hat?«, warf Stahnke ein. Dabei musterte er seine Fingernägel, als interessiere ihn dieses Thema nur am Rande.

Van der Werft lächelte breit; aufgrund seiner Physiognomie erinnerte er dabei zwangsläufig an einen angreifenden Hai. »Das wissen Sie also auch schon. Aber vielleicht kennen Sie die Antwort auf Ihre Frage ja noch nicht. Die lautet: nicht obwohl, sondern gerade deswegen! Die Fressbranche muss kämpfen, weil sie es überwiegend verpasst hat, sich den Erfordernissen der Zeit anzupassen! Teils aus mangelnder Flexibilität, teils aus freiem Entschluss. Anpassen aber muss sich jeder. Die Zeit bleibt nicht stehen, neue Generationen rücken nach und werden marktrelevant. Und diese neuen Kunden haben andere Erwartungen und stellen andere Ansprüche. Nur wer das erkennt und richtig darauf reagiert, hat eine Chance. Und zwar eine große. Die anderen können ruhig kämpfen – für die meisten von ihnen wird es der letzte Kampf sein.«

Stahnke ließ vor seinem geistigen Auge all die verschiedenen Lokale Revue passieren, die er auf Langeoog schon frequentiert hatte oder noch zu frequentieren gedachte. Wie würde die Restaurant-Szene hier aussehen, wenn der Schnellfraß-Hai erst wütete und einen Konkurrenten nach dem anderen vertilgte? Eine schauerliche Vorstellung, trübe, fade, fettig und eintönig. Für einen wie ihn. Für ein gieriges Raubtier hatte solch eine Vision natürlich ihre eigenen Reize, und die waren nicht unbeträchtlich.

»Marktchancen und Zeitgeist schön und gut«, erwiderte der Hauptkommissar. »Aber ganz ohne Fachverstand ist ja auch solch ein Projekt kaum erfolgreich durchzuziehen. Restaurantfachmann ist jedoch keiner von Ihnen, wie Sie schon richtig sagten. Trauen Sie es denn Ihrem Kollegen Dietz Lichterfeld zu, sich auf die Schnelle ausreichend kundig zu machen, um sein Konzept auch profitabel umzusetzen?«

»Natürlich nicht.« Van der Werft schnaubte verächtlich. »Ich werde doch mein sauer verdientes Geld für kein Laientheater aufs Spiel setzen! Selbstverständlich haben wir vor, einen Fachmann mit ins Boot zu nehmen. Einen, der über ausreichend Erfahrung verfügt und sich vor allem auch mit den örtlichen Gegebenheiten auskennt.«

»Und wer wird das sein?«

Wieder ein Zögern, ein lauernder Blick. Offenbar versuchte der Klinikbetreiber einzuschätzen, ob Stahnke auch über diese Information bereits verfügte, er sie also freimütig äußern konnte, oder ob er den Namen besser für sich behielt. Dann aber irrte sein Blick ab, und seine Augen weiteten sich. »Grendel!«, stieß er hervor.

Stahnke fuhr herum. Die Tür des Polizeibüros hatte sich geöffnet, und im Türrahmen stand ein Gespenst.

Wachsbleiches Gesicht, wirre Haare, weit aufgerissene, wie irre starrende Augen, hängende Unterlippe. Klaffende Platzwunde diagonal über die Stirn, Blutkrusten auf Nase und Wangen. Hose zerrissen, Hände und Knie aufgeschürft. Das Gesamtbild, da fühlte sich Stahnke in seinem ersten Eindruck bestätigt, war wirklich gespenstisch. Geradezu monströs.

Gab es nicht auch in der Welt der Nordischen Sagen einen Grendel? War der nicht ein Monster gewesen? Um nicht zu sagen: ebenfalls ein Monster?

»Mensch, Heiko.« Lüppo Buss reagierte als Erster. »Was ist denn mit dir passiert? Etwa ein Fahrradunfall?« Eine Annahme, der die Wirkung von Grendels Auftritt etwas dämpfte und für einen Anflug von Normalität im Polizeibüro an der Kaapdüne sorgte.

Grendel aber starrte den Inselpolizisten weiter aus weit aufgerissenen Augen an. »Überfall«, krächzte er. »Gerade eben. Bin überfallen worden.« Sein starrer Blick wanderte zu Stahnke, dann weiter zu van der Werft, wo er verharrte. »Die haben mich überfallen«, wiederholte er. »Haben mir was vor den Kopf geballert, das ging so schnell, ich konnte überhaupt nichts machen, nicht einmal was erkennen. Kam vom Strand, war nur schnell im Klohäuschen, und wie ich da rauskomme – bäng! Ich sag euch, die wollen mich fertigmachen. Die wollen mich umbringen. Die gehen bis zum Äußersten.«

»Wer sind denn die, bitteschön?«, fragte Stahnke.

Grendel aber beachtete ihn gar nicht, schien nur Augen für den Leeraner Arzt zu haben. »Sie auch?«, murmelte er; anscheinend hatte er van der Werfts Kopfverband jetzt erst bemerkt. »Dann sind die also hinter uns beiden her! Verdammt, die meinen es ernst.«

»Uns beiden?«, fragte Stahnke. »Was hat denn das zu bedeuten?« Keiner der beiden Verletzten reagierte.

»Heiko Grendel hier ist der Partner, von dem Herr van der Werft vorhin sprach«, erläuterte Lüppo Buss. »Er soll das Schnellrestaurant-Konzept auf Langeoog umsetzen. Dr. van der Werft und Dr. Lichterfeld wollen dabei als Geldgeber und Teilhaber fungieren.«

Endlich löste Grendel seinen Blick von seinem Finanzier, zeigte Reaktion auf die Worte des Inselpolizisten, schaute ihn an. »Was ist mit Dr. Lichterfeld?«, fragte er stockend. »Geht es ihm gut? Oder ist dem auch etwas … zugestoßen?«

Lüppo Buss setzte zu einer beruhigenden Verneinung an, die er aber sofort abbrach, als er Stahnkes Miene bemerkte. Fragend hob er die borstigen Augenbrauen.

»Dietz Lichterfeld«, sagte der Hauptkommissar leise, »ist als vermisst gemeldet. Sein letzter bekannter Aufenthaltsort soll Langeoog gewesen sein.«

Lüppo Buss runzelte die Stirn. Van der Werft sank tief in seinen Stuhl zurück. Heiko Grendel schrie auf. »Alle drei!« Er glotzte Stahnke an, auf den er sich offenbar keinen Reim machen konnte, wandte sich dann wieder dem Inselpolizisten zu. Schrie noch einmal: »Alle drei! Die wollen uns vernichten!«

»Wer sind denn die?«, griff Lüppo Buss Stahnkes Frage auf.

»Wer die sind?« Grendel schnappte nach Luft. »Na, die sind die, die uns hier nicht haben wollen! Die wollen, dass sich nie etwas ändert, dass immer alles so bleibt wie Anno moder! Das sind die, Mensch! Allen voran Renko Heidergott und Bea Wulff. Wer denn sonst?«

Bea Wulff und Grendel, dachte Stahnke. Himmel, wo bin ich hier nur reingeraten!

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
282 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783839265185
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