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Trevellian und der Mann, der den Wind säte: Action Krimi

Pete Hackett

Published by Alfred Bekker, 2021.

Inhaltsverzeichnis

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Trevellian und der Mann, der den Wind säte: Action Krimi

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Trevellian und der Mann, der den Wind säte: Action Krimi


Krimi von Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

Seit Jahren kämpft Tom Sommerby darum, seinen Sohn, der wegen Drogenschmuggels gehängt wurde, zu rehabilitieren. Dabei schreckt er auch vor illegalen Dingen nicht zurück. Doch plötzlich versucht jemand, Sommerby zu töten, außerdem werden die ehemaligen Freunde von Sommerbys Sohn bedroht. Wer steckt dahinter? Das FBI hat eine schwere Nuss zu knacken.




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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Es schien, dass wir Sergio Antonelli dieses Mal kriegen würden. Er hatte soeben im „The Marriott Marquis“ versucht, einen Mann umzunieten, hatte aber vorbeigeschossen und war von den Hoteldetektiven in der Bar festgenagelt worden.

Der Haken an der Sache war allerdings, dass sich Sergio Antonelli eine Geisel geschnappt hatte.

Als wir alarmiert wurden, war es kurz nach 14 Uhr, etwa 14 Uhr 10. Milo und ich schwangen uns in den Sportwagen und rasten mit heulender Sirene und rotierendem Blinklicht zum Broadway. Das Hotel befand sich zwischen der 45th und 46th Straße.

Das „The Marriott Marquis“ schien fast völlig aus Glas errichtet zu sein. Vor dem Hotel hatte ein ganzes Aufgebot von Polizeifahrzeugen Aufstellung genommen. Die Lichtbalken auf den Fahrzeugen warfen blaue und rote Reflexe gegen die Häuserwände und Glasscheiben. Ein hochrangiger Officer erstattete uns einen knappen Bericht, nachdem wir uns als G-men ausgewiesen hatten.

Einige Cops versuchten, die Neugierigen zurückzudrängen, sie zum weiterfahren oder weitergehen zu bewegen. Es war vergebliche Liebesmüh. Die Gaffer schienen regelrecht aus dem Boden zu wachsen. Selbst die Tatsache, dass hier Kugeln fliegen konnten, konnte sie nicht veranlassen, ihre Ärsche in Sicherheit zu bringen.

Die Sensationsgier feierte wieder einmal Urständ.

Der Broadway war verstopft. Irgendwo in der Nähe krachte es dumpf, Scherben klirrten. Jemand hatte einen Auffahrunfall verursacht. Ein Mann fing an zu brüllen wie ein Stier, ein anderer brüllte zurück. Sie erlitten mit ihrem Geschrei und den Kraftausdrücken, die sich sich gegenseitig an den Kopf warfen, einen herben Rückfall in die Zeit der Jäger und Sammler.

Etwas abseits sah ich Lew Harker, den fliegenden Reporter von der New York Times mit seiner teuren Blitzlichtschleuder in beiden Händen. Er winkte uns zu.

Wir fuhren mit einem der Aufzüge im Innenhof nach oben. Auch die Wände der Aufzüge waren durchsichtig; Glas oder Plexiglas. Ich machte mir keine großen Gedanken darüber.

Wir hatten unsere SIG Sauer Knarren in den Fäusten. Ich schaute in Milos Gesicht und sah in seiner Miene die immense Anspannung, die ihn erfüllte. Nun, mein Face sah gewiss nicht weniger angespannt aus.

Im 7. Stock verließen wir den Aufzug. In die 8. Etage, wo sich die Bar des Hotels befand, liefen wir auf Schusters Rappen. Auch hier überall Cops. Zwei Männer in Zivil mit Pistolen in den Händen gehörten sicher zum Personal und waren als Hoteldetektive beschäftigt. Gewiss waren es die Burschen, die den guten Sergio in die Enge getrieben hatten.

Das besondere an dieser Bar war, dass sie sich – wie auch das Restaurant im 46. Stockwerk –, um die eigene Achse drehte. Man konnte also hier oben in Zeiten, in denen sich nicht gerade ein bezahlter Killer verschanzt hatte, einen phantastischen Ausblick genießen.

Jetzt war die Bar wie leergefegt. Einige Stühle lagen am Boden. Der Mechanismus, der die Bar drehte, war abgestellt. Das hatte der Gangster verlangt mit dem Hinweis, dass er seiner Geisel sonst den Kopf von den Schultern schießen würde.

Ein Captain der City Police, der sich mit gezückter Waffe neben einem schweren Ledersessel verschanzt hatte, gebot uns, in Deckung zu gehen. Aber das hätten wir auch ohne seinen freundlichen Hinweis getan, denn es gab hier fast nur Glaswände und wir hätten uns dem Killer dargeboten wie auf einem Präsentierteller. Lebensmüde waren wir schließlich nicht.

Wir versenkten unsere Bodys hinter einem hüfthohen Mauervorsprung, auf dem polierte Kästen aus Metall mit hängenden und rankenden Grünpflanzen standen.

„Bei der Geisel handelt es sich um einen Pagen. Johnny Myers, neunzehn Jahre alt“, rief der Captain. „Antonelli hat sich mit dem Jungen am Ende des Tresens verschanzt.“

Von dem Gangster war nicht mal die Nasenspitze zu sehen.

„Was ist mit Scharfschützen? Habt ihre welche postiert?“, rief Milo.

„Yeah, rundum in den Buildings. Aber wir können das Feuer nicht freigeben, solang er dem Boy die Kanone an die Schläfe hält.“

Ich nahm alles in mich auf. Die Bar hatte mehrere große Eingänge – Glastüren natürlich. Die meisten waren geöffnet.

„Na schön“, knurrte ich. „Dann wollen wir mit Sergio mal ein paar Takte reden.“

„Er wird sich auch von dir nicht überzeugen lassen, dass Aufgabe das klügste für ihn wäre“, kam es wenig motivierend aus Milos Mundwinkel.

Ich grinste säuerlich. „Während ich ihn mit Worte erschlage, kannst du ja hineinspazieren und ihn dir holen.“

Milo schaute mich verdutzt von der Seite an.

Ich rief: „Sergio Antonelli, hier spricht G-man Trevellian, FBI New York. Sie kommen hier nicht raus. Also lassen Sie den Jungen laufen und ergeben Sie sich. Wenn Sie dem Jungen auch nur einen Kratzer zufügen, verschlimmern Sie Ihre Lage nur.“

Ein erzwungenes, blechernes Lachen erklang. Sergio war gewiss nicht nach Lachen zumute. Dann ließ der Italoamerikaner seine Stimme erklingen: „Ah, Trevellian, der Oberschnüffler. Steh‘n wir uns wieder mal gegenüber, wie? Und jetzt bist du voll des Jubels, weil du denkst, du kriegst mich endlich.“

„Ich kann fast nicht mehr vor Freude, Sergio. Und du wirst es nicht glauben, ich denke nicht nur, dass ich dich heute erwische, ich bin sogar fest überzeugt davon.“

„Dann vergiss nur nicht den zitternden Knaben, den ich vor der Knarre habe. Du hast doch noch nie unschuldiges Blut vergossen, Trevellian.“

„Werd ich auch heute nicht, alter Kumpel. Warum wolltest du eigentlich den Mann erschießen?“

„Privatsache. Eine alte Rechnung.“

„Glaub ich dir nicht.“

„Glaub es oder glaub es nicht. Vielleicht kannst du die Cops überzeugen, Trevellian, dass es besser wäre, Sie ließen mich mit meiner Geisel abziehen. Alles, was ich will, ist eine vollgetankte Karosse mit Sicherheitsglas. Man soll mir den Wagen vor die Tür stellen, die Bullen sollen sich verziehen, und vor allem soll man nicht versuchen, mich hereinzulegen. Der Knabe hier – du weißt schon.“

Ich wusste jetzt genau, wo der Bursche hinter dem Tresen saß. Der Barraum war riesig. Ein Ding der Unmöglichkeit, auf die andere Seite des Tresens zu gelangen, ohne dass Sergio Antonelli seine Stahlmantelgeschosse in den hineinjagte, der verrückt genug war, es zu versuchen.

„Ich glaube nicht, dass man darauf eingehen wird, Sergio“, rief ich.

Milo lugte um die Mauerecke. Irgendwie ahnte ich, dass er verrückt genug sein wollte. Ich zupfte ihn am Ärmel und schüttelte den Kopf.

Der Verbrecher schwieg.

Ich hub wieder an. „Versuchter Mord und Geiselnahme, Sergio. Ein paar Jahre gibt‘s sicherlich dafür. Aber bei vollendetem Mord kriegst du lebenslänglich. Und weil es eine ganz besonders verwerfliche Tat ist, lebenslänglich ohne die Aussicht, jemals begnadigt zu werden. Man wird dich hinter Zuchthausmauern lebendig begraben. Das ist das selbe wie ein Todesurteil. Nein, das ist schlimmer als ein Todesurteil.“

„Red dir ruhig den Mund fransig, Trevellian. Wenn der gepanzerte Wagen nicht in fünfzehn Minuten unten vorfährt, spalte ich dem Haufen Elend hier mit einer fünfundvierziger Kugel den Kopf. Das ist mein letztes Wort.“

„Und dann? Ohne ihn bist du ganz schön aufgeschmissen.“

„Ein paar von euch werde ich jedenfalls noch mitnehmen.“

Ich überlegte. Was nützt es uns, wenn wir seiner habhaft werden oder ihn mit einem Schuss kalt stellen, fragte ich mich, wenn er die Geisel erschießt. Das Leben des Jungen durfte auf keinen Fall durch uns aufs Spiel gesetzt werden.

Sergio Antonelli war unberechenbar und gefährlich. Ein Auftragsmörder, dem wir bisher nicht das Handwerk legen konnten. Und wenn er versprach, einige von uns mitzunehmen auf die Reise ohne Wiederkehr, dann glaubte ich ihm das auch.

Wenn ich über die Blumentöpfe hinweg linste, konnte ich durch die riesigen Panoramascheiben der Bar die beiden Buildings auf der anderen Straßenseite sehen. An einigen Fenstern im 8. und 9. Stock hatten sich maskierte Scharfschützen postiert. Sie standen über Funk mit der Einsatzleitstelle in Verbindung.

Wir selbst kamen nicht hinein in die Bar, ohne dass wir Federn lassen mussten. Das war für mich so klar wie Kloßbrühe.

Also musste der Schurke bewegt werden, sich von seiner Geisel zu lösen, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick.

„Was machst du, wenn ich jetzt einfach zu dir hineinkomme, dir die Pistole vor die Nase halte und dich auffordere, die Waffe fallen zu lassen?“

Das war natürlich Unsinn. Aber ich wollte ihn tatsächlich beschäftigen und ablenken.

Antonelli lachte scheppernd. „Dann werde ich dich in ein Sieb verwandeln, Trevellian. Ich werde dich so voll Blei pumpen, dass von deinem Gewicht der Boden deines Sarges durchbrechen wird.“

„Und wenn ich dir vorschlage, dass ich mich anstelle des Boys als Geisel zur Verfügung stelle?“

Jetzt schien der Gangster ziemlich verblüfft zu sein.

Aber die Betroffenheit war nicht nur bei ihm. Milo schaute mich an, als hätte ich plötzlich was an der Birne. Sein Mund stand halb offen, in seinen Augen stand unverhohlen die Frage nach meinem derzeitigen Geisteszustand.

Antonelli schien es verarbeitet zu haben. „Du würdest tatsächlich ohne deine Kugelspritze zu mir hinter den Tresen marschieren und dich mir auf Gedeih und Verderb ausliefern?“

Er schien richtig erstaunt zu sein und es verstandesmäßig noch gar nicht richtig erfassen zu können.

„Dir haben sie wohl Juckpulver ins Essen geschüttet“, zischte Milo.

Ich griente ihn an. „Wieso Juckpulver?“

„Es kann auch irgend was anderes sein. Jedenfalls scheint dich der Hafer zu stechen.“

„Lass nur“, sagte ich. „Warten wir erst, ob er darauf eingeht. Ich schreibe gerade im Geiste ein Drehbuch, weißt du. Ich übernehme in dem Stück die Rolle des Geknechteten, und du wirst der Held sein. Also gib jetzt gut Acht, Milo.“

Mit wenigen Sätzen verklickerte ich Milo, was mein Plan war.

„Das kann aber auch verdammt ins Auge gehen“, streute er seine tiefsitzenden Zweifel aus. Skepsis prägte sein Gesicht, Skepsis bedeckte den Grund seiner Augen.

„Wir müssen es versuchen. Falls es schief geht, nun ja – du erbst meine Uhr.“

„Ich will den Sportwagen“, knurrte Milo mit Galgenhumor.

„Ja, Sergio“, schrie ich. „Ich gehe jetzt mit erhobenen Händen zur Tür. Dort bleibe ich stehen. Du hast mich also im Visier. In dem Moment, in dem ich den ersten Schritt mache, lässt du den Pagen gehen. Ist das so in Ordnung.“

Aus den Augenwinkeln sah ich den Captain, der mich anstarrte, als hätte man ihm soeben das Gehirn amputiert. Um es auf einen Nenner zu bringen: Er schaute dümmer aus der Wäsche als ein Muli, dem ein Floh ein unsittliches Angebot macht, wobei ich bei diesem Vergleich dem Muli wahrscheinlich Unrecht zufüge.

„Natürlich, Trevellian. Und – verdammt noch mal – keine krummen Touren. Ich werde dich vor der Mündung haben, und ich werde auch nicht zögern. Und glaub‘s mir, es wäre mir ein innerlicher Thanksgiving Day, dir mit ein paar Kugeln die Krawatte zurechtzurücken.“

„Das weiß ich, Sergio. Darum werde ich mir alle Mühe geben, die Krawatte zu schonen. Ich komme jetzt.“ Laut, so dass es auch Sergio hören konnte, sagte ich zum Captain: „Funken Sie Ihre Scharfschützen an, dass sie nicht schießen sollen. Denn selbst mit einer Kugel im Kopf findet ein Mann wie Antonelli immer noch die Zeit, mich mitzunehmen auf die Höllenfahrt.“

„Worauf du Gift nehmen kannst!“, tönte Antonelli.

Der Captain schaute wie ein Erwachender. Dann nahm er sein Walkie-Talkie und begann hastig zu sprechen.

„Alles klar“, rief er dann.

Ich gab die P226 Milo, der nun wie ein Buscadero – das war ein Zweihandschütze im guten alten Wilden Westen – hinter der Mauer kauerte und ein kantiges Kinn bekommen hatte, was Ausdruck seiner Sorge, aber auch seiner unumstößlichen Entschlossenheit und Bereitschaft war.

Dann erhob ich mich.

Die Hände hatte ich in Schulterhöhe erhoben.

Langsam näherte ich mich dem Eingang in die Bar.

Da blieb ich stehen.

„Okay, Trevellian“, kam es von Sergio Antonelli, „ein kleiner Fingerdruck genügt. Du weißt es. Ich lasse jetzt den Knaben gehen.“

Der Boy kam hoch. Er war bleich wie Butterkäse. In seinem schmalen Gesicht zuckten die Muskeln. Er zitterte wahrscheinlich an Leib und Seele. In seiner Uniform erinnerte er mich an die Jungs im Zirkus, die immer im Eilschritt die Auftritte der Künstler und Dompteure vorbereiteten.

Ich setze mich in Bewegung. Antonelli zielte am Tresen vorbei auf mich. Er befand sich am linken Ende der langen Bar.

„Verschwinde!“, zischte er dem Jungen zu.

Der marschierte mit weichen Knien los.

Ich ging so, dass er rechts an mir vorbei musste. Er schaute mich an, und in seinen blauen Augen irrlichterten die Angst und das Entsetzen. Wahrscheinlich brauchte er einen Psychologen, wenn das hier ausgestanden war.

Als wir fast auf einer Höhe waren, stieß ich mich ab; ansatzlos und mit aller Kraft, die in meinen Beinen steckte.

Den brüllenden Donner von Antonellis Schuss in den Ohren riss ich den Jungen um. Wir schlitterten in einem rechten Winkel ein Stück auf die Bar zu. Stühle fielen um, ich stieß mit der Schulter gegen ein Tischbein, und wir nahmen den Tisch wohl einen guten Meter mit. Ein stechender Schmerz fuhr durch meine Schulter und tobte hinauf bis unter meine Haarwurzeln, aber da musste ich durch. Mit meinem Körper deckte ich den Boy, so gut es ging.

Wir waren aus Antonellis Schussfeld.

Wenn er mir jetzt noch die Krawatte zurechtrücken wollte, musste er sich entweder weit um den Tresen beugen, oder er musste sich aufrichten, um über den Tresen zu feuern.

Ersteres tat er. Es riss ihn einfach mit, den Guten. Der Reflex war schneller als sein Verstand – und Milos Kugeln waren schneller als sein Reflex.

Es krachte zweimal so schnell hintereinander, dass sich die Schüsse anhörten wie ein einziger. Die Wucht der Geschosse riss Antonelli von den Beinen. Er drückte zwar noch einmal ab, aber sein Projektil hämmerte nur den Putz von der Decke. Dann seufzte er, als würde er sich nach vollbrachtem Tagwerk schlafen legen, und dann war nichts mehr von ihm zu hören.

Milo rannte an mir vorbei, beide Waffen in den Fäusten. Ich rappelte mich hoch. Der Junge lag am Boden und hätte in diesem Moment keinen Tropfen Blut gegeben. Ich half ihm auf die Beine, biss die Zähne zusammen, weil meine Schulter schmerzte, als hätte ich mir den Flügel ausgekugelt, und drückte den Boy auf einen Stuhl.

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter, hörte sein trockenes Schluchzen, sah seine zuckenden Lippen und murmelte: „Lass ihnen freien Lauf, Junge. Weinen wäscht dir den Kummer von der Seele. Du musst dich deiner Tränen nicht schämen.“

Milo zielte auf Antonelli.

Der Captain brüllte regelrecht in sein Walkie-Talkie hinein.

Es dauerte nicht lange, dann kamen die Cops von der City Police. Mit ihnen kam ein Arzt. Und in ihrem Schlepptau erschien auch Lew Harker mit seinem Blitzlichtgerät.




2


Sergio Antonelli musste mit dem Zinksarg abgeholt werden. Milo wollte kein Risiko eingehen, als er den Killer vor den Mündungen hatte.

„Einer wie Antonelli kann dich noch in den letzten Zuckungen liegend totschießen“, murmelte Milo, als ich vorsichtig bemerkte, dass er lebendig für uns wertvoller gewesen wäre.

Irgendwie musste ich ihm recht geben.

Milo hatte seine Kugeln so platziert, dass der Killer nicht mehr zuckte.

Wir erkundigten uns bei den Hoteldetektiven nach dem Mann, den Antonelli killen wollte.

„Er heißt Tom Sommerby und wohnt im zwölften Stock, Zimmer zwölf-null-vier.“

„Wart ihr zufällig in der Nähe, als sich Antonelli an Sommerby ranmachte?“, wollte ich wissen. Meine Kanone steckte wieder im Holster. Der Schmerz in meiner Schulter war erträglich geworden.

Der Mann nickte. „Wir erhielten einen Anruf, dass sich im zwölften Stock jemand herumtreibe und sich recht auffällig benehme. Als wir oben ankamen, stand der Bursche, den ihr – nun ja, der dort bei der Bar das Zeitliche segnete, unter der Tür von Zimmer zwölf-null-vier. Als er uns sah, feuerte er und rannte zur Treppe. Wir hinterher. Im achten Stock, als wir ihn fast hatten, schnappte er sich den Boy, der zufällig aus der Toilette kam, und verschanzte sich mit ihm in der Bar.“

„Wann erfolgte der Anruf?“, erkundigte sich Milo.

Der Mann schob die Unterlippe vor, sah seinen Kollegen fragend an, dann erwiderte er: „Es dürfte ein oder zwei Minuten vor zwei Uhr gewesen sein. Was meinst du, Clark?“

Der andere nickte.

„Wie lange brauchtet ihr, bis ihr oben wart?“

„Hm“, machte der Detektiv, ein rotgesichtiger Mister mit blondem Bürstenhaarschnitt, ein Kerl wie ein Kleiderschrank, „wir waren im zehnten Stock und haben die Treppe genommen ...“

„Der Schuss fiel also fast punktgenau um vierzehn Uhr“, stellte ich fest.

„Dürfte hinkommen“, murmelte Mister Kleiderschrank und nickte wiederholt.

Die Frage, ob Sommerby verletzt wurde, erübrigte sich, da wir ja wussten, dass Antonelli vorbeigeschossen hatte.

„Reden wir mit Sommerby“, knurrte Milo.

„Yeah.“

Dort, wo Antonelli gelegen hatte, waren seine Konturen mit Kreide nachgezeichnet worden. Die Blutflecke auf dem Fußboden waren noch feucht. Die Kollegen von der Spurensicherung machten ihren Job. Um den Hotelboy kümmerte sich eine Psychologin des Police Departements. Es wimmelte noch von Polizisten und Neugierigen.

„Ist er in seinem Zimmer?“, fragte Milo.

„Ich denke mal“, antwortete der Kleiderschrank.

Wir wandten uns ab, um uns zum Aufzug zu begeben. Ehe ich mich aber in Bewegung setzte, fiel mir noch etwas ein. „Wer hat Sie informiert, Mister?“

Der Riese zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Es war eine Männerstimme.“

Wir fuhren hinauf in den 12. Stock. Einige Leute waren im Zimmer von Mr. Sommerby. Neben anderen der Manager des Hotels. Er hatte wahrscheinlich beruhigend auf den grauhaarigen Mann mit der schwarzen Hornbrille eingeredet. Solche Publicity konnte sich kein angesehenes, renommiertes Hotel leisten. Darum kümmerte sich der Manager persönlich um den Gast. Er tat sicher alles, um ihn zu besänftigen.

Als wir eintraten, wurde es schlagartig still. Wir wurden angestarrt wie jemand mit zwei Köpfen.

Sommerby saß auf seinem Bett. Er starrte uns durch die dicken Gläser seiner Brille an, hinter denen seine grauen Augen übergroß erschienen. Die Gläser mussten die Stärke des Bodens einer Colaflasche haben.

Wir stellten uns als Special Agents des FBI vor und zeigten unsere ID-Cards, dann schickten wir die Leute hinaus.

„Also, Mr. Sommerby, dann berichten Sie mal“, begann ich. „Wie ist der Anschlag auf Sie abgelaufen, und was könnte der Bursche für ein Motiv gehabt haben?“

Wir setzen uns auf Stühle, die in dem Mittelklassezimmer um einen kleinen Tisch gruppiert waren. Ich schlug die Beine übereinander. Milo saß rittlings auf dem Vierbeiner und stützte sein Kinn auf die übereinander liegenden Hände.

Mr. Sommerby war ein Endfünfziger. Er hatte ein schmales Gesicht mit tiefen Furchen von den Nasenflügeln bis zu den Mundwinkeln. Er wirkte drahtig und dynamisch. Seine Augen blickten klug. Ich tippte auf Versicherungsbranche ...

Und was mir ganz besonders auffiel, war, dass Mr. Sommerby ziemlich gefasst schien.

Er nestelte an seinem Hemdkragen herum. „Motiv“, murmelte er. „Ich habe niemandem etwas getan. Weiß der Teufel. Eventuell ein Kunde, dessen Aktien in den Keller gefallen sind. Sie müssen wissen, ich arbeite im Investment-Geschäft. Als die Kurse hoch standen, schoben mir die Anleger ihre Kohle regelrecht hinten hinein. Dann kam der Crash – jetzt stehen die Kurse tief wie selten zuvor. Da kann schon mal bei einem, der vielleicht sein Erspartes angelegt hat, ‘ne Sicherung durchbrennen.“

Die Hypothese bezweifelte ich. „Wohnen Sie ständig hier?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich besitze ein Haus drüben in Jersey City. Hatte geschäftlich am Times Square zu tun. Hab‘ morgen früh um acht Uhr noch einmal eine Besprechung dort und wollte mir den Weg nach Jersey City nicht zumuten.“

„Also konnte kein Kunde wissen, dass Sie hier anzutreffen sind“, stellte Milo fest.

Sommerby knetete seine Hände. „Womöglich ist mir der Killer gefolgt, hat man mich observiert – was weiß ich.“ Jetzt hob er die Hände, ließ sie wieder fallen. „Ich kann Ihnen nicht dienen, G-men. Ich weiß es nicht. Ich kenne kein Motiv, das jemand bewegen könnte, mich ermorden zu lassen. Außer Anlegern, die um ihr Geld fürchten.“

„Kannten Sie den Mann, der auf Sie schoss?“

„Ich habe ihn nur kurz gesehen. Nein – mit dem hatte ich noch nichts zu tun.“

Milo erhob sich und untersuchte das Einschussloch in dem riesigen, der Tür gegenüberliegenden Fenster. Ein kleines, kreisrundes Loch mit gezackten Rändern.

„Wahrscheinlich hat Antonelli vorbeigeschossen, weil er gestört wurde“, meinte Jim beiläufig.

„Anzunehmen“, pflichtete ich bei.

Wir ließen uns noch den Ablauf erzählen.

„Haben Sie den Detektiv verständigt, dass sich in Ihrem Stockwerk eine verdächtige Gestalt herum treibt?“, fragte ich abschließend.

Sommerby stieß sich mit dem Zeigefinger gegen die Brust. „Ich? – Nein.“

Wir verabschiedeten uns.

Als wir das Zimmer verließen, kamen einige Cops, ich erkannte auch den Captain, der eine frappierende Ähnlichkeit mit einem Muli aufgewiesen hatte, als ich mich Antonelli als Geisel anbot.

Ich klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter.

„Dieser Sommerby ist mir wie ein Mann vorgekommen, der es gewöhnt ist, dass auf ihn geschossen wird und den es schon gar nicht mehr berührt“, sagte Milo nachdenklich, als wir mit dem Aufzug wieder in die 8. Etage fuhren. „Ich dachte, einen zitternden, hysterischen, am Boden zerstörten Burschen vorzufinden. Ihn schien der Anschlag nicht besonders aus der Fassung gebracht zu haben.“

„Vielleicht gehört er zur besonders abgebrühten Sorte“, gab ich zum Besten, nur, um überhaupt etwas zu sagen.

Auch mir leuchtete die Ruhe nicht ganz ein, die der Mann verströmt hatte.

Nun, es gibt eben Typen, die auf dieser Erde nichts erschüttern konnte. Also hakte ich diesen Gedanken fürs Erste ab.

Nichtsdestotrotz aber konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass uns Sommerby nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte. Das sagte mir mein Instinkt, der sich im Laufe der Jahre im harten Geschäft der Verbrechensbekämpfung entwickelt hatte. Ein unbestimmtes Gefühl, dessen Ursprung ich nicht zu analysieren vermochte.

Unten empfing uns Lew Harker, der fliegende Reporter. „Hi, Jesse, hi, Milo. Soviel ich weiß, hattet ihr diesen Sergio Antonelli schon öfter mal in der Mangel. Er ist euch aber immer wieder ausgeschlitzt. Sagt mal, der Bursche, auf den er schoss ... Ich schnappte einen Namen auf. Sommerby. Ist das richtig?“

„Yeah“, gab ich Antwort. „Tom Sommerby. Investment-Makler aus Jersey City. Wollte nur eine Nacht hier wohnen.“

Versonnen starrte Lew auf seine Schuhspitzen hinunter. „Sommerby“, murmelte er wie im Selbstgespräch, und wir konnten es ihm von der Nasenspitze ablesen, dass er angestrengt nachdachte. „Tom Sommerby ...“

„Hast du was auf der Pfanne, Lew?“, grollte Milo.

Harker nagte kurz an seiner Unterlippe. „Der Name sagt mir was, Leute. Ich komm im Moment nur nicht drauf. Aber in irgendeinem Zusammenhang hab ich diesen Namen schon gehört. Verdammt, wenn ich nur drauf käme.“

„Herr Doktor, ich kann mir nichts mehr merken ...“, grinste ich anzüglich.

„Seit wann haben Sie das, Mr. Trevellian?“, fragte Milo mit gespieltem Ernst.

„Was?“

Lew schaute uns an wie zwei Spinner. Der grübelnde Ausdruck in seinem Blick aber verlor sich nicht. Plötzlich verzog er den Mund. Wir konnten ihm kein noch so winziges Lächeln abnötigen. Er sprach es aus: „Was unterhalte ich mich überhaupt mit euch hohlen Nüssen? Ihr seid zwei arme Irre. Aber mir fällt‘s schon noch ein. Ich ruf euch an.“

Er wuselte davon, und wir wussten, dass er in den 12. Stock fuhr, um seinen Lohn zu verdienen.




3


Verhör, Spurensicherung und Fragen der Presse dauerten bis 17 Uhr. Tom Sommerby hatte es plötzlich eilig. Er wollte nur noch weg hier, wo er um ein Haar sein Leben ausgehaucht hätte. Er packte seine wenigen Habseligkeiten zusammen, zahlte an der Rezeption die Rechnung und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Da stand sein stahlblauer Chevy.

Er schaute sich um. Seit dem Anschlag vor drei Stunden misstraute er sogar seinem eigenen Schatten. Er war sich sicher, zu wissen, wer es auf sein Leben abgesehen hatte. Dass sie so weit gehen würden, hätte er nicht geglaubt. Im Traum hätte er nicht daran gedacht, dass Dexter Morgan seine hassvolle Prophezeiung in die Tat umsetzen würde.

Er hatte die Worte noch im Kopf, die Dexter Morgan ins Telefon brüllte: „Hören Sie endlich auf, uns die Hölle heiß zu machen, Sommerby. Ihr Sohn hatte es sich selber zuzuschreiben. Wir machen Sie kalt, wenn uns noch eine einzige Drohung ins Haus flattert. Das ist unsere letzte Warnung. Verschwinden Sie aus unserem Leben, lassen Sie uns in Ruhe. Ansonsten sind Sie ein toter Mann.“

Er, Tom Sommerby, hatte den vier ehemaligen Kumpels seines Sohnes als Antwort auf diese Drohung – diese leere Drohung, wie er meinte –, Pakete geschickt, deren Inhalt eine sauber geknüpfte Henkerschlinge war und ein Hinweis, dass sie hängen würden – genauso, wie sein Sohn gehängt worden war.

Er wollte sie nicht zur Ruhe kommen lassen.

Tom Sommerby warf die Reisetasche in den Kofferraum des Chevy, dann schwang er sich auf den Fahrersitz. Sommerby stieß zurück, legte den ersten Gang ein, den zweiten und folgte im Schritttempo den Hinweisen zur Ausfahrt.

Vor einer Schranke musste er anhalten und den Chip in einen Automaten werfen, damit die Schranke aufschwang.

In diesem Moment spürte er einen stahlharten Druck zwischen seinen Schulterblättern, eine scharfe Stimme sprang ihn an: „Ich weiß zwar nicht, wohin du fahren willst, Sommerby, aber das spielt jetzt auch keine Rolle. Denn ich werde dir sagen, wohin wir fahren.“

Erst überrollte Tom Sommerby eine Welle des Erschreckens, dann kam die kalte, verzehrende Furcht.

„Wer – wer sind Sie?“, brachte er mühsam hervor. Vergeblich versuchte er, das Zittern in seiner Stimme zu verbergen.

„Fahr weiter“, zischte der Bursche, der sich zwischen Rücksitz und Rückenlehne der vorderen Sitze versteckt hatte. Der Druck von Sommerbys Rücken verschwand. Der Bursche hinter Sommerby ließ wieder seine Stimme erklingen: „Ich werde dich durch die Rückenlehne erschießen, wenn du nicht spurst. Also, fahr los.“

„Wohin?“, entrang es sich Sommerby. Eine kalter Finger hatte sich mit hartem Druck auf sein Herz gelegt. Schweiß bildete sich in seinem Haaransatz, sein Atem ging stoßweise und flatternd.

„Zu den Chelsea Piers.“

„Was – warum – wer – wer schickt Sie? Gehören Sie zu dem Kerl – diesem Sergio Antonelli, der – der mich im Hotel umbringen sollte?“

Die Panik verzerrte Sommerbys Denken und ließ ihn keinen zusammenhängenden Satz sprechen.

„Nein. Den haben dir Morgan und O'Leary auf den Hals geschickt.“ Der geheimnisvolle Bursche hinter Sommerby lachte fast amüsiert auf. „Vor dem habe ich dich gerettet, Mann. Ich habe den Detektiv angerufen. Du bist mir was schuldig.“

Hinter ihnen hupte es anhaltend. Sommerby schaute in den Rückspiegel. Ein Auto wartete darauf, dass er weiter fuhr. Der Fahrer gestikulierte, seine Lippen bewegten sich, und es waren gewiss keine Freundlichkeiten, die er gegen die Windschutzscheibe spuckte.

Von seinem Kidnapper konnte Sommerby im Rückspiegel nichts sehen. Der kauerte hinter ihm und hielt gewiss die Pistole gegen die Rückenlehne.

Sommerby fuhr an. Er zwang sich zur Ruhe. „Wer schickt sie dann, wenn nicht diese Schufte?“ Er steuerte den Wagen zum Times Square und folgte der vierspurigen Seventh Avenue Richtung Midtown South.

Der Kidnapper lachte kehlig. „Einer, der dich lebend braucht.“

Verständnislos starrte Sommerby auf das Heck des Autos, das vor ihm fuhr. Er hatte Mühe, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. „Ich verstehe nicht“, murmelte er.

„Das ist auch nicht notwendig.“

„Was haben Sie vor, Mister? Was soll ich bei den Chelsea Piers. Was erwartet mich dort?“

Vor ihm gingen die Bremslichter an, im letzten Moment trat auch Sommerby aufs Pedal.

„Bau nur keinen Unfall. Könnte peinlich für mich werden.“ Der Bursche im Fond des Chevy kicherte. „Was ich vorhabe? Das kann ich dir sagen, Sommerby. Ich werde dich dort auf einem alten Kahn verstecken, der etwas abseits dümpelt und vor sich hin rostet. Ja, ich werde dich so lange dort verstecken, bis du nicht mehr gebraucht wirst.“

Siedend durchfuhr eine neue Woge der Angst Tom Sommerby. „Und wenn ich nicht mehr gebraucht werde?“, stotterte er.

„Mal seh‘n.“

Der Chevy ruckte wieder an.

„Sie werden mich umbringen?“

„Wahrscheinlich. Du hast genug Unheil angerichtet.“

Sommerby zermarterte sich das Hirn nach einem Ausweg. Bremsen und aus dem Wagen springen!, überlegte er. Nein, seine Kugel ist schneller! Das Seitenfenster runter und um Hilfe schreien! Unsinn! Mein Gott! Was tun? Er versuchte es mit Bestechung.

„Ich – ich kann Sie bezahlen“, hechelte er. „Wie viel zahlt Ihnen Ihr Auftraggeber? Ich gebe Ihnen das Doppelte, wenn Sie mich laufen lassen.“

„Du könntest mir nicht mal die Hälfte bezahlen, Sommerby.“

Sommerby schwieg längere Zeit. Er steuerte den Wagen immer noch geradewegs nach Süden. Dann, als er das unerträgliche Schweigen nicht mehr aushielt: „Woher wussten Sie, dass ich mich im Marriott Marquis verkrochen hatte?“

„Bist du wirklich so naiv, Sommerby? Nachdem du die makabren Pakete mit den Hanfschlingen versandt hattest, war bei Morgan und seinen Kumpanen das Maß voll. Sie heuerten Antonelli an. Antonelli beobachtete dein Haus, ich beobachtete dein Haus und Antonelli. So landeten wir schließlich alle drei im Marriott Marquis.“

„Warum? Woher wussten Sie das mit den Schlingen, von Morgans Drohung, davon, dass sie einen Killer auf mich ansetzten?“

„Das sage ich dir vielleicht, bevor ich dich in den Hudson werfe. Sollte ich dich laufen lassen, erfährst du‘s natürlich nie. Denn du bist eine Bazille, und man wird dich nicht mehr los. Die ehemaligen Kumpels deines Sohnes können ein Lied davon singen.“

Der Unterton in der Stimme des anderen ließ schlimme Ahnungen in Tom Sommerby aufwallen. Und mehr und mehr wurde ihm klar, dass am Ende sein Tod stehen würde.

Wer hier die Drähte zog, darauf kam er nicht. Er war auch gar nicht mehr in der Lage, Ordnung in seine Gedanken zu zwingen. Sie drifteten auseinander und zur Angst gesellte sich die Verzweiflung.

Von jetzt an herrschte Schweigen zwischen ihnen.

Irgendwann gebot der Kidnapper Sommerby, nach rechts abzubiegen. Sie befanden sich auf der West 14th Street. Nach etwa anderthalb Meilen erreichten sie die Chelsea Piers.

Die Piers selbst waren zweckentfremdet worden. Sie waren umfunktioniert zum Chelsea Piers Sports & Entertainment Complex. Man hatte Cafés, Restaurants, Filmstudios und eine Reihe von Sportanlagen geschaffen, sogar eine vierstöckige Driving Range für reiche und verwöhnte Golfer.

Hier herrschte viel zu viel Leben, als dass es der Kidnapper wagen konnte, sich und Tom Sommerby zu zeigen. Er dirigierte Sommerby durch Seitenstraßen und Wege zur Twelfth Avenue und dann zu einer Bucht, in der ein alter Frachter lag, dessen Farbe einem umfassenden Rostrot gewichen war. In den Ritzen zwischen den Betonplatten auf dem Steg, an dem der Dampfer festlag, wucherte Unkraut. Hierher kam höchstens mal ein Angler – wenn überhaupt.

Am Beginn des Steges musste Sommerby anhalten und aussteigen.

Die Fondtür öffnete sich.

Jetzt konnte Sommerby seinen Entführer zum ersten Mal sehen. Es war ein mittelgroßer Mann mit dunkler Hautfarbe und gelockten, schwarzen Haaren, etwa 40 Jahre alt. Wahrscheinlich ein Puertoricaner.

Den 38er auf Sommerby gerichtet befahl er: „Vorwärts, Sommerby. Der Kahn wird in den nächsten Tagen dein Zuhause sein.“ Er grinste herablassend. „Nicht gerade komfortabel, aber du wirst ein Dach über dem Kopf haben und nicht nass, falls es regnet.“

Er trieb Sommerby vor sich her über den schmalen Pier. Es ging eine steile Steintreppe die Kaimauer hinunter, und sie befanden sich auf der unteren Betonplattform mit den soliden, aber von der Erosion zerfressenen Eisenstempeln, an denen die Schiffe vertäut wurden. Eine Brücke auf den Dampfer gab es nicht. Sie mussten springen. Der Abstand zwischen Anlegestelle und Bootsrand betrug jedoch höchstens einen Yard.

Der Puertoricaner nötigte Sommerby unter Deck. Im Maschinenraum zog er ein paar Handschellen aus der Jackentasche. Sommerby musste sich auf einen Gitterrost setzen, der wie eine Bank an der Schiffswand befestigt war. Früher war das mal eine Sitzgelegenheit für die Maschinisten. Der Puertoricaner fesselte Sommerbys rechte Hand an ein Eisenrohr, das fest am Boden verankert war und durch die Decke des Maschinenraums verschwand. Dann zündete er sich eine Zigarette an.

In Tom Sommerbys Gesicht zuckten die Muskeln. Kalter Angstschweiß rann über seine Stirn und seine Wangen.

„Ich werde jetzt dein Auto verschwinden lassen, Sommerby“, murmelte der Kidnapper und stieß eine Wolke Zigarettenrauch aus. „Und mach dir keine Hoffnungen. Hierher kommt kein Schwein. Auch Schreien wird dir nicht helfen. Aus dem Maschinenraum dringt kein Ton nach draußen.“

Er hielt Sommerby die angerauchte Zigarette hin. „Willst du?“

Sommerby schüttelte den Kopf. Sein Hals war wie zugeschnürt.




4


Wir hockten im gemeinsamen Büro, diktierten unseren Bericht über die Sache im „The Marriott Marquis“, und hassten beide mit der selben Inbrunst diese Arbeit. Es galt, eine Akte anzulegen und den Computer zu füttern. Für uns war der Fall Sergio Antonelli noch lange nicht abgeschlossen.

Mr. McKee hatten wir Bericht erstattet. Er erklärte uns, was wir jedoch selber wussten, dass der Vorfall eine Untersuchung nach sich ziehen würde, versicherte uns aber mit dem nächsten Atemzug, dass er schon dafür sorgen würde, dass es wegen der tödlichen Schüsse keine Probleme geben werde.

In dieser Hinsicht konnten wir uns blind auf unseren Chef verlassen.

Mein Telefon schlug Alarm. Sofort unterbrachen wir unsere Arbeit. Es war, als hätten wir in stillschweigendem Einvernehmen nur darauf gewartet, dass etwas unseren recht gemäßigten Tatendrang am Schreibtisch unterbricht.

Es war Lew Harker. Er rief uns aus der Redaktion der New York Times an. Und er schien seine Alterssenilität überwunden zu haben, denn er feixte in den Hörer: „Herr Doktor, mir ist‘s wieder eingefallen.“

„Na, dann schieß mal los, Amigo mio“, forderte ich ihn auf zu sprechen.

„Vor über drei Jahren haben sie unten in Malaysia einen Robert Sommerby mit anderthalb Kilo Heroin im Gepäck erwischt. Er wurde zum Tode verurteilt. Er war mit vier Kumpeln dort unten. Immer wieder versicherte er, dass ihm einer von denen oder vielleicht sogar alle zusammen das Rauschgift in den Koffer gesteckt haben. Die vier haben das natürlich abgestritten, und weil man bei ihnen nichts fand, durften sie ausreisen.“

Lew machte eine Pause.

„Weiter“, drängte ich.

„Robert Sommerby wurde vor knapp einem Jahr in Kuala Lumpur aufgehängt. Gnadengesuche sind in Malaysia so überflüssig wie bei uns in Texas, zumindest solange ein gewisser Herr dort unten Gouverneur war. Sein Vater setzte alle Hebel in Bewegung, aber er konnte seinen Sohn nicht vor dem Henker retten.“

„Diese vier Kumpels. Hat sie der Narcotic Squad in die Mangel genommen?

„Himmel, Jesse, so weit bin ich noch nicht. Ich muss mal im Archiv stöbern. Vielleicht finde ich noch mehr heraus. Ich lass es euch wissen.“

„Danke, Lew.“

Ich legte auf und gab Milo preis, was ich wusste.

„Warum rufen wir nicht einfach mal an bei den Narcs. Seit sie uns mit diesen Höllenmaschinen“, Milo deutete mit knapper, verächtlicher Geste auf den PC, „ausgestattet haben, genügt es doch, wenn du drei Buchstaben in den Suchlauf tippst, um über die Geheimnisse dieser Welt informiert zu werden.“

Ich wies mit dem Kinn aufs Telefon. „Bitte.“

Milo hatte einen Kollegen vom Rauschgiftdezernat an der Strippe. Fünf Minuten nur dauerte es, dann war er schlauer. Er hatte mit seiner Klaue irgend etwas auf ein Blatt Papier gefuchselt. Milo sah mich an.

„Okay. Sie haben die vier Kumpels von Robert Sommerby in die Mangel genommen damals. Negativ. Sie stritten es ab, irgendwie in Malaysia mit Rauschgift in Berührung gekommen zu sein. Das Gegenteil konnte ihnen nicht bewiesen werden.“

„Also war Robert der Dumme.“

„Oder der Schuldige. Der dumme Schuldige. Denn wenn du in Malaysia aus dem Flugzeug steigst, siehst du als erstes ein großes Schild mit einer sauber geknoteten Hanfschlinge und einem Totenschädel. Darunter stehen Hinweise, dass sie einem eine solche Schlinge um den Hals legen, wenn man mit gewissen Rauschgiftmengen geschnappt wird. Also kann man es nur mit Dummheit bezeichnen, wenn einer trotzdem das Schicksal herausfordert.“

Wo er recht hatte, da hatte er eben recht.

„Hast du die Namen der vier Knaben?“

„Ja. Ich hab sie notiert.“

„Kannst du das überhaupt lesen?“ Ich schaute betont skeptisch. „Ich kann‘s zum Entschlüsseln geben.“

„Wer im Glashaus sitzt, Jesse, der sollte nicht mit Steinen um sich schmeißen“, rezitierte Milo gehässig, allerdings mit der selben Überbetonung.

Wir wurden wieder ernst. Ich sagte nachdenklich: „Ob zwischen den Vieren und Tom Sommerby eine Verbindung besteht? Wenn ja, hängt der Anschlag auf Sommerby damit zusammen?“

„Was sollten die vier für einen Grund haben, ihn umzunieten? Umgekehrt fände ich schon eher ein Motiv. Tom Sommerby wird seinem Sohn geglaubt haben.“

„Aber Antonelli hat nun mal auf Sommerby geschossen.“

„Vielleicht hat Sommerby sie bedroht. Vielleicht hat er etwas herausgefunden, was unseren Jung vom Narcotic Squad nicht gelungen ist. Wer weiß das schon? Die vier haben zusammen gelegt, einen Hitman angeheuert, und waren bis zu den Meldungen in Radio und TV fest davon überzeugt, keinen Ärger mehr am Hals zu haben.“

„Wir sollten uns die vier mal vorknöpfen“, schlug ich vor. „Vorher aber sollten wir uns noch einmal mit Mr. Sommerby unterhalten.“

Ich rief im „The Marriott Marquis“ an. Mr. Sommerby war verschwunden.

Von einem Kollegen im Police Departement erfuhr ich, dass man Mr. Sommerby vernommen hatte, dass aber das Ergebnis gleich Null war. Man versprach mir, uns das Protokoll zu mailen. Das brauchten wir für unsere Unterlagen.

„Dann werden wir jetzt diesen Mist fertig machen“, knurrte ich freudlos und wies auf den Kram auf meinem Schreibtisch. „Und morgen fangen wir mal an, die vier Burschen unter die Lupe zu nehmen, die mit Robert Sommerby in Malaysia waren.“

„Das wollte ich gerade vorschlagen“, kam es von Milo. „Um dir etwas auf die Sprünge zu helfen, Jesse“, flachste er.




5


Der Gangster war auf den Dampfer zurückgekehrt. Er hatte Brot und Käse sowie zwei Dosen Bier mitgebracht und sich einen Stuhl in den Maschinenraum gestellt. Jetzt saß er Sommerby gegenüber. Am Boden stand eine Kerze und spendete vages Licht. Draußen war es schon dunkel. Im Maschinenraum des alten Kahns wäre es ohne die mickrige Lichtquelle finster gewesen wie im Schlund der Hölle.

Sie aßen. Dazu tranken sie das Bier.

„Hattest du eigentlich wirklich vor, die Kumpels deines Sohnes abzuservieren?“, fragte der Gangster irgendwann.

„Unsinn“, murmelte Sommerby. „Ich wollte sie mürbe machen, ihnen den Schlaf rauben. Sie sollten – solange ich lebe – an Bob erinnert werden, den sie schmählich im Stich gelassen, wahrscheinlich sogar schnöde verraten haben.“

„Irgendwie ist das pervers“, murmelte der Puertoricaner. „Findest du nicht? Kein Wunder, dass die Kerle ausgeflippt sind und einen Hitman auf dich ansetzten. – Okay, Sommerby. Du wirst nicht erwarten können, dass ich dir die ganze Nacht hier in dieser tristen Umgebung Gesellschaft leiste. Ich werde jetzt verschwinden. Lass dir die Zeit nicht lang werden.“

Er erhob sich, holte eine Stablampe aus der Jacke und knipste sie an. Er richtete den Lichtstrahl in Sommerbys Gesicht, und Sommerby senkte geblendet die Lider.

„Ich müsste noch mal austreten“, gab Sommerby fast zaghaft zu verstehen. „Würden Sie die Fessel aufschließen? Ich kann doch hier nicht in die Hose machen.“

Er blinzelte. Der Lichtkegel schien nicht mehr direkt in sein Gesicht, und er öffnete die Augen.

Der Gangster verzog das Gesicht. Schließlich schien er ein Einsehen mit Sommerbys Not zu haben. „Keine krummen Gedanken, Sommerby“, warnte er. „Der 38er wird auf dich gerichtet sein.“

Was hab ich schon zu verlieren?, durchfuhr es Tom Sommerby. „Auf ein vorzeitiges Ende bin ich gewiss nicht scharf, Mister“, murmelte er.

Der Gangster grinste breit. Das Kerzenlicht legte dunkle Schatten in seine Züge. Seine Zähne glitzerten weiß.

Er schloss die Stahlklammer, die um Sommerbys Handgelenk lag, auf. Schnell trat er zurück, versenkte den Schlüssel in der Jackentasche, nahm die Pistole in die Hand und wedelte mit ihr. „Ich leuchte dir, Sommerby. Große Ansprüche wirst du ja nicht stellen. Du wirst irgendwo dort vorne beim Aufgang zum Deck in eine Ecke pinkeln. Klar?“

Sommerby drückte sich hoch. Der Gangster beobachtete ihn wachsam. Seine Augen glitzerten wie Glas.

Sommerby wusste, dass er alles auf eine Karte setzen musste. Alles in ihm straffte sich. Er ging zur schmalen Tür des Maschinenraums. Vor seinen Füßen huschte der Lichtstrahl der kleinen Taschenlampe über den Boden. Der Gangster war einen Schritt hinter Sommerby.

Die Stahltür stand offen. Sommerby hoffte, dass sie in den Angeln nicht zu sehr festgerostet war. Seine Rechte legte sich um den senkrechten Rand der Tür. Der Gangster konnte es nicht sehen, denn außerhalb der dünnen Lichtbahn war es finster.

Ein kräftiger Ruck mit dem rechten Arm, ein Sprung, in den Angeln kreischend flog die Tür zu. Der Schuss krachte, die Kugel durchschlug die Stahlblechwände der Tür, traf aber Sommerby nicht, der sich an die Wand daneben in Sicherheit gebracht hatte.

Er stolperte los. Seine Hände tasteten sich an den Wänden entlang. Vor ihm fiel fahles Sternenlicht durch die Ausstiegsluke auf den Boden. Die eiserne Treppe war schemenhaft wahrzunehmen. Hinter ihm kreischte wieder die Tür, als der Gangster sie fluchend aufstieß.

Der Strahl der Taschenlampe zerschnitt die Finsternis.

Sommerby hetzte die Treppe hinauf, warf sich auf Deck zur Seite, als hinter ihm der 38er röhrte, stolperte und flog lang hin. Ein schmerzerfülltes Stöhnen stieg aus seiner Brust. Seine Hände tasteten über den Boden, fühlten etwas rundes, hartes – eine Eisenstange oder ein Stück Rohr. Sommerby zog es an sich heran. Es wog schwer in seiner Faust, schwer genug, um als Waffe zu dienen.

Überlaut waren die Schritte des Gangsters zu hören. Die Gitterroste der Stufen schepperten. Der Kopf des Burschen erschien.

Sommerby hatte den rechten Arm abgewinkelt. Die Faust, die die Eisenstange hielt, lag am Boden. In dem Moment, als er den Unterarm nach vorne schnellen wollte, um der Stange Schwung zu verleihen, zog der Puertoricaner den Kopf wieder zurück.

Dafür schoben sich seine Fäuste über den Rand des Ausstiegs. In der einen lag die Taschenlampe, in der anderen der 38er.

Der Gangster musste ihn trotz des Gerümpels, das hier überall herumlag und des unwirklichen Lichts, auf dem Boden des Decks wahrgenommen haben, denn sowohl Taschenlampe als auch Pistolenmündung schauten in seine Richtung.

Sommerby wartete nicht einen Lidschlag länger. Sein Unterarm fegte im Halbkreis herum, die Eisenstange wurde herumgerissen. Ein gequälter Aufschrei erklang. Taschenlampe und Pistole waren samt den Händen, die sie hielten, verschwunden. Ein Poltern und Scheppern stieg aus der Luke. Sommerby sprang auf. Er packte die Stange mit beiden Händen und schleuderte sie kraftvoll in die schwarz gähnende, rechteckige Öffnung.

Der Gangster brüllte seinen Schmerz hinaus.

Sommerby spurtete los. Als er über die Schulter zurückschaute, sah er seinen Gegner auf Deck. Er setzte ihm nach. Sommerby erreichte das Ruderhaus. Keuchend ging er dahinter in Deckung. Er wusste nicht, ob der andere noch mit der 38er bewaffnet war.

Seine Hand ertastete einen leeren Kanister. Er packte ihn am Griff.

Der Gangster war langsamer geworden, nachdem er von Sommerby nichts mehr sah.

Geduckt und darauf eingestellt, blitzschnell zu reagieren, schlich er näher. Sommerby, der um die Ecke des Ruderhauses lugte, konnte jetzt auch die Pistole in seiner Hand erkennen. Er wagte kaum noch zu atmen.

Der Puertoricaner war greifbar nahe. Sommerby schlug mit dem Kanister zu. Mit hohlem Klang prallte das Gefäß gegen die Pistole. Der Gangster kam ins Straucheln. Seine geprellte Hand öffnete sich, er schrie auf, weil ihm von dem Schlag schmerzhaft das Handgelenk nach hinten gebogen wurde. Der 38er polterte auf den Boden.

Sommerby ließ sogleich einen zweiten Schlag folgen. Er traf den Gangster seitlich am Kopf. Der Bursche fiel auf die Knie. Mit einem Kick beförderte Sommerby die Pistole außer Reichweite. Sie schlitterte zwischen das Gerümpel und verschwand in der Finsternis.

Tom Sommerby führte einen dritten Schlag. Von oben sauste der Kanister auf den Schädel des Gangsters herunter. Der Puertoricaner kippte zur Seite.

Sommerby setzte seine Flucht fort.

Aber der Kerl war härter im Nehmen, als Sommerby es für möglich gehalten hatte. Als er vom Bootsrand aus auf den Kai springen wollte, klammerte sich der Kidnapper von hinten an ihn. Ein böses Knurren löste sich in seiner Brust, ähnlich dem Knurren eines zornigen Bären. Sie stürzten beide auf Deck. Der Gangster hing an Sommerby wie eine Klette. Tom Sommerby rammte den Ellenbogen nach hinten und stieß auf Widerstand. Der Klammergriff um seinen Oberkörper lockerte sich. Ein zweiter Stoß mit dem Ellenbogen, ein verlöschendes Ächzen, und er war frei.

Er federte in die Höhe.

Die Angst verlieh ihm ungeahnte Geschmeidigkeit und ungeheure Kraft.

Als sich auch der Gangster hoch stemmte, schlug Sommerby zu. Der Schwinger trieb den Puertoricaner in die Höhe. Er flog gegen die Reling. Eine Dublette landete an seinem Kopf. Sommerby hatte das Empfinden, die Knöchel seiner Hände waren von diesen Treffern gesplittert. Der Kopf des Gangsters flog nach rechts, dann nach links.

Sommerby bückte sich, umklammerte beide Beine des anderen, kraftvoll hob er den Körper hoch. Ein Stich fuhr ihm durch den unteren Rücken, Sommerby ignorierte es. Der Gangster kippte nach hinten. Eine letzte verzweifelte Kraftanstrengung Sommerbys, und er verlor das Gleichgewicht. Er stürzte in die Tiefe, schlug am Rand des Kais auf, und schließlich rollte er ins Wasser und versank.

Sommerby lehnte sich aufatmend über die Reling. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wollte er mit dieser Geste einen bösen Traum verscheuchen.

Die Wasseroberfläche glättete sich wieder.

Der Gangster blieb verschwunden.

Sommerby kehrte zurück zum Ruderhaus und suchte nach der Pistole. Er hatte in seinem Kopf wieder den roten Faden gefunden. Sein Hirn arbeitete präzise und klar.

Er fand die Waffe und steckte sie ein.

Dann verließ Tom Sommerby den ungastlichen Ort, der ihm wohl zum Schicksal werden sollte.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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134 стр. 7 иллюстраций
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9783956179464
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