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BRUDER PAULUS TERWITTE

Geht’s noch,
Gott?

Antworten auf

große Fragen


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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 Bonifatius GmbH Druck | Buch | Verlag, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden, denn es ist urheberrechtlich geschützt.

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, werkstattmuenchen.com

Umschlagfoto: Janis Farhat / Lamalo Consulting GmbH

Satz: Bonifatius GmbH, Paderborn

Lektorat: Nadine Weihe, www.lektorat-weihe.de

ISBN 978-3-89710-911-7

eISBN 978-3-89710-971-1

Weitere Informationen zum Verlag:

www.bonifatius-verlag.de

Inhalt

I. VON DER SUCHE NACH DEM SINN

Was ist im Leben wirklich wichtig?

Flutkatastrophen, Waldbrände, Vulkanausbrüche, Erdbeben, … Geht’s noch, Gott? Oder ist das alles unsere eigene Schuld?

Was ist das Geheimnis eines erfüllten Lebens?

Was ist Glück?

Wie definierst du Erfolg?

Wird unser Leben vom Schicksal bestimmt?

Was kann ich als Einzelner tun, damit sich die Welt zum Besseren entwickelt?

Hat das Leben mehr zu bieten? Warum habe ich immer das Gefühl, dass mir etwas fehlt?

II. HERAUSFORDERUNGEN DES LEBENS ANNEHMEN | MEISTERN | BEGEGNEN

Wie gehe ich damit um, dass nicht nur mein eigenes Leben begrenzt ist, sondern auch meine Möglichkeiten?

Wie kann ich meine Angst besiegen?

Ich traue mir vieles nicht zu. kann ich mich selbst motivieren?

Ich glaube, ich halte das alles nicht mehr aus, mein Leben hat keinen Sinn mehr. Was soll ich tun?

Hätte ich doch damals … Was hilft mir, mir selbst zu vergeben?

Wie finde ich das Abenteuer in meinem Leben?

Musst du heute leben, um in Ruhe sterben zu können?

Ich will sterben, darf aber nicht. Wie stehst du zum Thema Sterbehilfe?

Ich muss bald sterben. Wie gehe ich damit um?

III. GLAUBE MAL GANZ PERSÖNLICH

Ist es wirklich von Bedeutung, was ich glaube?

Hat Gott für jeden Menschen einen Plan?

Gott liebt uns und möchte nur das Beste für uns. Warum ist das so schwer zu glauben?

Wie gehst du mit Zweifeln um

Wann hat dich Gott zum letzten Mal enttäuscht?

Wann hast du zum letzten Mal gesündigt?

Du glaubst an Gott. Glaubst du auch an den Teufel?

Wie werde ich im Glauben demütiger?

IV. MENSCH UND MITEINANDER

Wie kann ich meine Beziehung wiederbeleben?

Meine Beziehung steckt in einer tiefen Krise. Wie macht man richtig Schluss?

Was zeichnet Freundschaft aus?

Gibt es so etwas wie eine Seelenverwandtschaft?

Wie verzeihe ich richtig?

Wie kann ich Menschen lieben, die mir auf die Nerven gehen?

Wo sind die Grenzen der Toleranz?

Ich finde keinen Zugang mehr zu meinem Kind. Was kann ich tun?

V. DER GLAUBE UND DAS BODENPERSONAL

Wohin führt mich die Frage nach Gott oder den Göttern?

Wer ist Jesus?

Ist der Papst wirklich unfehlbar?

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Was macht ihr falsch?

Was ist deine Botschaft für Atheisten?

Einleitung

Glauben weckt Fragen. Das wundert viele, denn manche halten so einen Ordensbruder wie mich für einen überzeugten Christen, den nichts von seinen Meinungen und Einsichten abbringen kann. Aber weit gefehlt! Der wirklich glaubende Mensch ist tief verwurzelt in Gott und kann deswegen offen sein für alles, was in der Welt geschieht. Wer ein starkes Fundament hat, braucht nicht starrköpfig fundamentalistisch zu sein. Wer ein starkes Fundament hat, fühlt sich sicher und wird aufmerksam für das, was um ihn herum geschieht. Und er gerät dadurch ins Zweifeln.

Der Zweifel ist eine gute Schwester des Glaubens, denn niemand ist sich wirklich immer seines Glaubens sicher – so wie keiner sich auch seiner Liebe sicher sein kann. Sie wird immer neu herausgefordert. Ein Gespräch, das man mit jemand anderem geführt hat, wirft ein neues Licht auf die eigene religiöse Entscheidung. Eine Erfahrung, die man in einer Gruppe gemacht hat, lässt einen den eigenen Lebenspartner oder die eigene Lebenspartnerin in einem neuen Licht erscheinen. Es kommen Zweifel auf: Habe ich richtig gewählt? Habe ich die richtige Einstellung? Höre ich eigentlich richtig hin? Bin ich der richtige Mensch für diesen Menschen? – Selbstzweifel, Zweifel über den anderen, Zweifel über Gott, Zweifel über das Leben gehören mit zu einem lebendigen Dasein in dieser Welt.

Ich möchte Sie mit diesem Buch gerne einladen, dass Sie mir mit Ihren Fragen und Ihren Überlegungen begegnen. Jedes Wort habe ich in eine konkrete Situation hineingesprochen, das gesprochene Wort ist die Grundlage der Texte, die Sie hier finden. Fühlen Sie sich einen Moment von mir begleitet, angestoßen … vielleicht auch manchmal sogar angestachelt oder auch aufgestachelt.

Ich freue mich, wenn Sie mir schreiben (www.bruderpaulus.de) und mir Ihre Gedanken mitteilen, denn ich warte darauf, dass Menschen in lebendiger Begegnung mir den Horizont eröffnen. Ich fühle mich getragen von Gott, aber manchmal frage ich mich auch, wie er mich wohl trägt, wohin er mich wohl trägt und warum das eine Situation sein soll, in der er mich noch tragen kann.

Dieses Buch ist entstanden aus einer Podcast-Reihe, in der ich mich Fragen des Alltags gestellt habe. Fragen über Gott und die Welt. Vielleicht tauchen Sie mit mir gemeinsam in die Antworten ein.

Ihnen viel Spaß beim Lesen und bei den Begegnungen mit Gott. Es gibt so viele Begegnungen mit Gott wie es Menschen gibt – also: Auch für Sie ist eine individuelle Begegnung dabei!

Bruder Paulus Terwitte

I.

Was ist im Leben wirklich wichtig?

Wirklich wichtig ist, dass ich Zeiten der Stille pflege. Das ist für mich der erste Punkt. Es scheint mir in einer hektischen Zeit das Allerwichtigste zu sein, dass jeder Mensch für sich Zeiten der Unterbrechung einplant. Der Ehemann braucht halt eine Stunde in der Woche, in der er wirklich mal alleine spazieren geht und mal zu sich kommt und zu Gott und sich findet. Genauso die Ehefrau, der Jugendliche. Am Tag braucht es solche Zeiten der Stille, in der ich aus dem Takt gerate. Wenn man so will auch gerne in Unordnung – also nicht in der Ordnung der Kalender, in der Ordnung der einlaufenden E-Mails, die ich beantworten muss. Es ist wichtig, dass ich aus dieser Maschinenwelt, aus dieser elektronisch gesteuerten Welt aussteige, den Aus-Knopf finde. Die Stille ist der Anfang des Staunens, und die Stille macht demütig. Darum gehört zu den allerwichtigsten Dingen im Leben die Stille.

Zu einer Ehe gehören Zeiten, in denen Mann und Frau still miteinander auf einer Parkbank sitzen und sich gegenseitig genießen. Zum Gebet gehört die Stille. Man gehe in ein Museum. Das ist heute auch schon fast eine Seltenheit, dass es da wirklich still ist. Vor einem Bild zu sitzen und sich ansprechen zu lassen und zu merken: Die Stille kann auch unheimlich werden, weil sie so viel in einem weckt. Die Kirchenväter sprechen von den „Affen, die im Kopf herumspringen“, wenn es still wird. Plötzlich wird man ganz aufgeregt. Und manchmal scheint mir die Aufregung in der Welt eine Folge davon zu sein. Die Aufregung in der Welt scheint mir manchmal gemacht zu sein, damit ich die innere Erregung, die in der Stille passiert, nicht aushalten muss. Nichts ist schöner als die Stille, weil man intensiver fühlt, intensiver denkt, intensiver traurig ist, intensiver glücklich ist. Es geht um „Verweilen können“, so ein altes deutsches Wort. Verweilen können. „Augenblick, verweile doch, du bist so schön“, sagte schon Goethe. Dieses Verweilen bei sich, beim anderen, bei Gott. Gar nichts denken, gar nichts tun müssen. Meditieren, so sagen manche, sei das. Ja, ist es auch. Still sein können, ist das Allerwichtigste im Leben. Den Aus-Knopf finden. Jetzt das Buch mal hinlegen und einfach mal still sein. Ich weiß nicht, wann du das letzte Mal einem Vogel zugeschaut hast, wenn er einen Wurm sucht, oder wann du einer Blume zugeschaut hast, wie sie blüht, oder einer Spinne, wie sie ein Netz webt. Still sein – eines der größten Abenteuer im Leben.

Ein zweiter Punkt hängt wohl sogar mit dem ersten zusammen, denn aus der Stille heraus wird die Wahrheit geboren. Das zweite Wichtige im Leben ist die Wahrheit, oder ich sage mal Wahrhaftigkeit. In einer Schauspiel-/Instagram-/Facebook-/Twitter-/TikTok-und-sonstwie-Welt, in der die Menschen ständig eine Show von sich machen und sich so zeigen, wie sie denken, dass andere sie sehen sollen, frage ich mich immer mehr: Wissen diese Menschen eigentlich noch, wer sie wahrhaftig sind? Und wer traut sich noch, sich dem anderen wahrhaftig zu zeigen? Vor lauter Angst, verlassen zu werden oder dass die Freunde enttäuscht sind, die Eltern, der Lehrer oder man selbst von sich, ist diese Schauspielerei derart ausgefeilt worden, dass wir unbedingt diesen zweiten Wert brauchen: die Wahrhaftigkeit. Mal sich zu trauen, einmal am Tag zu sagen: „Nein, ich kann nicht.“ Hört sich leicht an, aber es ist so schwer auszusprechen. „Kann ich nicht“ oder „Das ist mir jetzt zu viel, im Moment will ich mich damit nicht beschäftigen“. Oder einfach zu sagen: „Nein, danke für die Anfrage, aber ich glaube nicht, dass ich mit Ihnen zurechtkomme.“ Mal ganz wahrhaftig sein. Das ist das Gefährlichste im Leben, das Schwierigste, weil alle sich drumherum drücken, und dann wird daraus eine endlose Wurst und man hat so viele offene Enden im Leben. Ein wahres Wort zur rechten Zeit ist schon wichtig. Wahrhaftig zu sein und nicht etwas Falsches leben zu wollen, scheint mir ein ganz wichtiger Punkt zu sein.

Das Dritte ist ein Freund oder eine Freundin – denn man braucht ja für die Wahrhaftigkeit auch einen Helfer. Und damit meine ich nicht Partner oder Partnerin. Einen Freund, eine Freundin. Ein Freund ist der Kenner meines Herzens, und wenn ich beim Freund bin, ihn nach drei Jahren besuche, dann ist es nach einer Minute schon so, als wären wir gar nicht auseinander gewesen. Ein Freund ist jemand, der meinem Herzen eine Zuflucht gibt, ohne dass ich da anklopfen muss. Ein Freund ist jemand, bei dem ich mich hinsetzen kann, und ich muss mich nicht erklären. Ein Freund ist jemand, der mich zu Worten hinführt, die ich sonst nie ausspreche. Ein Freund ist jemand, von dem ich nichts will und der auch nichts von mir will. Ich würde einen Freund nie um Geld anpumpen. Nie. Ich würde auch nicht zu ihm hingehen und sagen: „Ich brauche ein Bett, ich habe kein Obdach mehr.“ Ich würde als Obdachloser zu ihm kommen und dann wieder weggehen. Ein Freund ist jemand, der mir in allen Situationen meines Lebens sagt, dass ich ihm nicht zu viel bin. Und da hat man als Mensch eigentlich nur einen oder zwei Freunde. Vielleicht drei. Und die hat man sich auch nicht ausgesucht, die sind einem passiert. Man kann nicht sagen: „Ich will jetzt einen Freund haben!“ Sondern der wird einem ins Leben gestellt. Und bitte nicht übersehen: Es gibt auch Leute, die lassen Freundschaften plötzlich auslaufen. Denn Freundschaften werden nicht beendet, die schleifen sich aus. Die brauchen schon Pflege! Lege doch gleich mal eben das Buch hin und ruf einen Freund an, das wär’ doch mal was!

Wir haben jetzt die Stille, die Wahrhaftigkeit und den Freund – das Vierte ist Gemeinschaft. Ein Mensch braucht Eingebundensein. Wir können ohne Eingebundensein nicht leben. Tritt zum Beispiel in einen Verein ein. Das ist in unserer Gesellschaft sehr unbeliebt geworden, denn wir sind ja Projektmenschen geworden. Ein Jahr machen wir mal da mit und ein Jahr da – aber in einen Verein eintreten ist so uncool wie nur was. Mitglied in einer Partei werden – das ist noch schrecklicher! Aber wie sollen wir sonst die Welt voranbringen, wenn wir sie nicht miteinander voranbringen? Wenn wir uns nur noch auf der Autobahn oder nur noch im Supermarkt treffen? Das ist ja keine Gemeinschaft. Das Viertwichtigste im Leben ist tatsächlich Gemeinschaft. Und die muss gepflegt werden, am besten möglichst lokal und möglichst real.

Da kann man ja mal mit der Hausgemeinschaft anfangen. Man kann in einem Haus mit acht Mietparteien leben, die einem alle gestohlen bleiben können. Kann man machen. Man kann sich aber auch jeden Samstagnachmittag um drei für zwei Stunden vor die Haustür setzen und ein Buch lesen und dann mal gucken, was passiert. Wer da alles ins Haus reingeht und wieder raus, da kann man Guten Tag sagen … Und wenn man das viermal hintereinander gemacht hat, dann kennt man den einen schon und erlebt: Der beißt ja gar nicht. Und wenn ich jetzt noch einen Tipp geben darf – man darf sich auch mal ein bisschen künstlich bedürftig machen und oben klingeln und sagen: „Oh, bei mir ist leider das Salz ausgegangen, könnte ich mal Salz von Ihnen haben?“ Oder man kann mal runtergehen, ein Ei holen und sagen: „Sie können auch gerne von mir mal was holen.“ Langsam kommt man dann miteinander ins Gespräch, bis man gemeinsam mal im Frühjahr grillt und man auch dann vielleicht die Konflikte löst, die unweigerlich auftreten, weil die Musik zu laut und die Müllecke zu schmutzig ist. Dann kommt man ins Gespräch. Ohne Gemeinschaft können wir nicht leben. Such dir einen Verein, eine Partei oder was auch immer. Engagiere dich für andere.

Und das Fünftwichtigste im Leben ist Sterben. Seneca sagt: „Ein Leben lang musst du Leben lernen und das wird dich vielleicht noch mehr wundern: Ein Leben lang musst du Sterben lernen.“ Abschied zu nehmen. Der Blick auf die eigene Festplatte genügt ja schon, um zu sehen, was sich da alles ansammelt. Wir tun uns schwer mit dem Löschen. Genauso ist das mit Schubladen, und genauso ist das mit Kellern und Dachböden: Es sammelt sich Zeug und sammelt sich Zeug – wir nehmen zu wenig Abschied. Sterben zu können und Abschied zu nehmen auch von Lebensphasen gehört mit zu den allerwichtigsten Sachen.

Ich sehe hier in der Großstadt manchmal diese Junggesellenabschiede. Dann sehe ich 35-jährige Frauen mit ihren Freundinnen durch die Straßen ziehen und denke: „Die haben sie nicht mehr alle!“ Wie Leute kindisch einfach an dem Alten festhalten und einfach nicht zu dem stehen, was gerade geworden ist, und keinen Schritt nach vorne machen. Weil sie sich nicht vom Vergangenen lösen können. Ob das nun Eltern sind, die schon acht Jahre in einem viel zu großen Haus wohnen, wo die Kinder schon zehn Jahre ausgezogen sind, und die Eltern können sich nicht von diesem Haus lösen. Statt in eine Dreizimmerwohnung zu ziehen, lebt man immer noch im Haus mit Garten, man hat schon bald keine Kraft mehr, das ganze Haus zu putzen, man macht’s aber trotzdem.

Sterben lernen heißt, dass ich maßvoll werde und auf diese Weise auch leichter leben kann. Viele Menschen sind deswegen so unbeweglich auch im Denken geworden, weil sie alles Mögliche mit sich herumschleppen an Erinnerungen und was alles wichtig gewesen ist. Sterben lernen heißt, dass ich bereit bin zu sagen: „Das war jetzt wichtig, aber ich möchte mich etwas Neuem zuwenden und will etwas Neues ausprobieren.“ Abschiede müssen gelebt werden. Auch aus der Gemeinschaft, von der ich gesprochen habe. Man muss nicht ewig in solchen Gemeinschaften sein, man darf auch da Abschiede leben und sagen: „Das war für mich eine wichtige Phase, lieber Kegelklub, aber jetzt gehe ich.“ Man darf auch etwas enden lassen, und das halte ich für eine sehr, sehr große Kunst. Sterben zu lernen, diese Ars moriendi, wie die Kirchenväter sagen, die Kunst des Sterbens heißt, dass ich bereit bin, loszulassen zur rechten Zeit und mich nicht für Gott halte, bei dem alles ewig ist.

Die Stille ist der Anfang des Staunens, und die Stille macht demütig.

Darum gehört zu den allerwichtigsten Dingen im Leben die Stille.

Flutkatastrophen, Waldbrände, Vulkanausbrüche, Erdbeben, … Geht’s noch, Gott? Oder ist das alles unsere eigene Schuld?

Offensichtlich sind die Katastrophen, die die Menschheit über Jahrhunderte und Jahrtausende erlebt hat, kein Grund gewesen, dass der Glaube an Gott aufgegeben wurde. Ganz im Gegenteil, der ist meistens noch geschärft worden. Weil Menschen in dem Abhängigsein von der Natur und dem Abhängigsein von der Zeit, in der man lebt, in den kleinen und großen Katastrophen des Lebens erkennen, dass sie selber sich nicht gemacht haben. Das ist natürlich eine furchtbare Demütigung für uns Menschen, wenn wir merken: Wir sind nicht die Schöpfer der Welt. Wir haben sie nicht gemacht. Diese Erkenntnis in Demut, dass wir uns nicht in der Hand haben, führt Menschen dazu, dass sie sich dann einfach sagen: Wer hat uns denn diese Welt in die Hand gegeben? Daraus können dann Fragen und Klagen werden: Warum hast du sie uns so in die Hand gegeben? Warum fügt sie uns so viel Leid zu? Alles überfordert uns, und warum überforderst du uns? Das sind berechtigte Klage-Fragen, die oft genug gestellt worden sind und die auch immer wieder gestellt werden. Dahinter steckt nicht die Vorstellung, Gott könnte da oben auf seinen Knopf drücken und sagen: „Die Flut ist jetzt mal zu Ende“ oder „Es gibt jetzt einfach keine Klimakatastrophe mehr, ich mach das jetzt alles ganz harmonisch“, sondern hinter dem Klagen steckt eigentlich: „Mach du uns klug, mit dieser Welt gut umzugehen.“ Soll heißen: Beten will klüger machen, und Beten will den Egoismus vermeiden. Und dass wir uns in unserem Leben auf das Unverfügbare einstellen müssen, ist eine Lebensherausforderung.

Wenn ich mal an die kleinen Katastrophen erinnern darf, die so passiert sind: Ich habe mir nicht ausgesucht, wer mein Vater und meine Mutter sind. Ich nicht. Und ich habe mir auch nicht ausgesucht, in welchem Land ich geboren werde. Ich muss das Unverfügbare, das, was ich nicht verfügen kann, annehmen lernen und darin auch reifen lernen. Und darum sind auch die Katastrophen, die in dieser Welt da sind und die uns jetzt vor Augen sind, die uns alles nehmen, einfach nur schrecklich. Das darf man ja gar nicht kleinreden. Am Ende muss man aber sagen, dass die ganze Welt voller Katastrophen ist und dass offensichtlich das „Stirb-und-Werde“ ein Grundgesetz in dieser Welt ist. Dass es uns so schrecklich vorkommt, liegt vielleicht daran, dass wir als Menschen so eine Art Gottesgen in uns haben nach dem Motto: Eigentlich müssten wir aber doch ewig leben. Eigentlich müssten wir allmächtig sein, eigentlich müssten wir alles bewältigen können. Aber wir sehen ja, wohin eine Hybris des Menschen führt, der glaubt, er könne alles selber machen und er müsse alles selber machen. Der soll sich auch alles leisten.

Von daher ist die Klage über die Katastrophen, die wir in dieser Welt hatten und die wir haben, eine berechtigte Frage, aber am Ende gibt es darauf nur eine demütige Antwort, nämlich: „Gott, ich, nehme all das zum Anlass, dass ich mich dir ganz neu anvertrauen will. Und dann wirst du mich einen Weg führen, den ich mir nicht ausgesucht habe, aber ich werde auch dann und dort einen Weg finden.“

Die Frage „Wo ist eigentlich Gott, wenn mir etwas genommen wird?“ ist berechtigt, ja. Ich bin Seelsorger, ich habe sie oft genug gehört. Und gleichzeitig versuche ich diese Frage immer umzubiegen. Sich nicht zu fokussieren auf diese Fragen: Warum ist das passiert? Bin ich schuldig gewesen? Woher kommt das? Kann ich vielleicht etwas entdecken? Nein, die Frage „Warum?“ ist eigentlich die Frage „Wozu?“, also woraufhin soll mich das öffnen, was jetzt da gerade passiert? Wofür soll ich aufgeschlossen werden? Und Leben heißt eben nicht, festzuhalten und zu sagen: Ich behalte alles, so wie es ist. Sondern Leben bedeutet eben vor allen Dingen auch loszulassen und dann einen neuen Schritt zu gehen.

Dass Gott zuständig gemacht wird für die Zustände, die wir haben, dass Gott zuständig gemacht wird dafür, dass alles so bleibt, wie es ist, ist ja auch eine merkwürdige Vorstellung. Denn wenn alles so bleiben würde, wie es ist, gäbe es überhaupt keine Entwicklung. Und dass Wandlung Schmerz bedeutet, kann eine Mutter bestätigen, die ein Kind zur Welt bringt. Dass Wandlung Schmerz bedeutet, können Eltern feststellen, wenn ihr Kind aus dem Haus auszieht. Dass Wandlung Schmerz bedeutet, das wissen alle Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und neu anfangen müssen. Es gilt, das zu bejahen und zu lernen, dass es Wandlungen gibt. Oder wie der Beter sagt: „Ich nehme alles an aus Gottes Hand.“ In einem anderen Gebet heißt es: „Gott legt mir nie ein so schweres Kreuz auf, dass ich es nicht tragen könnte.“ Ein solches Grundvertrauen, ein solches Glaubensvertrauen gehört mit zum Grundbestand des spirituellen Lernens.

Wut zu haben, ist völlig normal: „Mensch, dass mir das jetzt passiert!“ oder „Gott, warum lässt du das zu?“ In diesem ersten Trennungsschmerz muss ich das sagen, und ich weiß, dass es sich irgendwann wandeln wird zu einem Akt der Hingabe.

„Ich nehme mich täglich an, Gott, aus deiner Hand, und wie es auch verfügt ist in meinem Leben – nennen wir das Schicksal oder wie auch immer –, ich nehme es an und versuche, mit deiner Kraft daraus etwas Neues zu kreieren.“

Leben heißt eben nicht, festzuhalten und zu sagen: Ich behalte alles, so wie es ist.

Sondern Leben bedeutet vor allen Dingen auch loszulassen und dann einen neuen Schritt zu gehen.

Was ist das Geheimnis eines erfüllten Lebens?

Wer Mensch wird, der hat es die ersten neun Monate echt gut! Der wird rundum versorgt und entwickelt sich und muss sich um gar nichts kümmern. Er wird durch die Gegend getragen, hört Geräusche und kommt so langsam ins Leben. Das nennt der Psychoanalytiker Sigmund Freud die intrauterine Einheit des Kindes mit der Mutter. Das Kind ist ganz eins mit der Mutter, und dann kommt der Trennungsvorgang während der Geburt. Da lernt das Kind, dass es eben nicht die Mutter ist, sondern ein eigenständiger Mensch. Und es muss langsam lernen, Schritt für Schritt, dass dieses rundum erfüllte Leben, diese Rundumversorgung, nicht Leben ist. Sondern Leben ist, dass ich aus dieser Rundumversorgung heraus in meine Aufgabe hineingeboren werde, in eine Welt, die mich auf gar keinen Fall so befriedigen wird wie meine Mutter es im Mutterschoß getan hat.

Alice Miller, die große Kinderpsychologin, hat darüber lange geforscht, wie der Individuationsprozess im menschlichen Leben geht, das heißt wie ein Kind merkt, dass es nicht Mama ist. Das geht dann schon los, wenn es Hunger hat und die Brust nicht sofort kriegt. Warten … Hunger haben … nicht sofort den Wunsch erfüllt kriegen. Es gehört mit zu einer guten Erziehung, dass ich Schritt für Schritt einem Individuum, einem Wesen, einem Menschen klarmache: Die Welt ist nicht dazu da, dass sie dir zu Füßen liegt wie die Plazenta, an der du angedockt warst. Wenn ich das richtig beobachte, erlebe ich Menschen, die das Gefühl haben: Eigentlich ist die Welt dafür da, dass sie mir alle Wünsche erfüllt. Miller hat in ihren Untersuchungen festgestellt, woran das liegt, dass Menschen sich nicht wirklich von dieser tiefen Sehnsucht verabschieden können, dass ihnen immer alles zu Füßen liegen muss: Wenn es nämlich zu traumatischen Erfahrungen kommt, wenn also dieser Prozess der Abnabelung nicht Schritt für Schritt passiert, sondern wenn Kinder aus vertrauter Elternbeziehung herausgerissen werden, weil sie zum Beispiel wegen einer Krankheit in Krankenhäusern sein müssen. Dann werden sie zu schnell in das Unversorgtsein, zu schnell in diesen Zustand, dass die Wünsche nicht alle erfüllt werden, hineingerissen. So kommt mir das manchmal wirklich vor, wenn ich Menschen begegne, die eine wahnsinnige Vorstellung davon haben, was ein erfülltes Leben ist.

Was ist denn ein erfülltes Leben? Ein erfülltes Leben kann meines Erachtens nicht daher kommen, dass ich alle Wünsche erfüllt bekomme. Sondern ein erfülltes Leben fängt da an, wo ich es schaffe, aus diesen Wünschen in die Hingabe zu kommen. Wenn es mir gelingt, aus diesem Ich-Bezug (Alles für mich!) auszusteigen und zu erfahren, dass, wenn ich der Welt oder den Menschen etwas gebe, wenn ich einen anderen Menschen glücklich mache, dieses Glück dann zu mir kommt. „Vom Geben ist noch keiner arm geworden“, hat unsere Großmutter gesagt, weltkriegserfahren. In dieser Erkenntnis steckt eine ganz alte, tiefe Menschheitserfahrung: dass ich dann am erfülltesten lebe, wenn ich mich auspowere. Das kann man im Fitness-Studio ja sehen: Die Leute powern sich aus, die Jogger powern sich aus und merken, dass sie tolle Sachen machen können! Das hat letztlich mit unserer Grundstimmung zu tun: Wenn wir sinnvoll Kraft verströmen, werden wir stärker. Was heißt sinnvoll? Das Wort Sinn heißt ja, dass ich einen Weg gehe, wo ich ein Ziel vor Augen habe, das ich verfolge. Ein erfülltes Leben ist deswegen nach der Aussage der alten Asketen dann zu finden, wenn ich mich beschränke um einer guten Entscheidung willen, für die ich alle Kraft einsetze.

Auf der Suche nach einem erfüllten Leben ist es deshalb wichtig, dass ich erst mal alle Träume, die ich habe, in den Schrank stelle – alles, was hätte sein können, hätte sein müssen in meinem Leben und mit vielen Ansprüchen an andere: an die Welt, an die Sonne, an den Kosmos, an den lieben Gott und sonst wie. Dann ist Zeit, mich zu fragen: Für wen oder für was will ich mich eigentlich einsetzen? Ich weiß aus vielen Gesprächen natürlich auch, dass man nicht einfach wie in einer Art Supermarkt auswählen kann, für dies und für das möchte ich mich einsetzen. Du hast ja selber schon genug Herausforderungen in deinem Leben, aber du kannst den Umgang mit ihnen bestimmen. Du wirst ein erfülltes Leben finden, wenn du in der Lage bist, in aller Freiheit dir als deine Aufgabe anzueignen, was sich dir in den Lebensweg stellt.

Ich begleite Eltern, die behinderte Kinder ins Leben hineinführen, und für die war das natürlich eine große Herausforderung, das anzunehmen. Sie erzählen mir dann auch manchmal, dass es durchaus so unerleuchtete Zeitgenossen gibt, die sich nicht entblöden, den Eltern zu sagen: „Das ist ja auch wirklich eine große Belastung, immer dieses Kind zu umsorgen.“ Die Eltern haben dann alle Hände voll zu tun, dem Gesprächspartner zu sagen: „Es ist schon nicht immer leicht, aber es ist eine für mich erfüllende Aufgabe, dem Leben so zu dienen, wie es mir geschenkt worden ist.“ Wow, was für ein Satz, oder? Dem Leben so zu dienen, wie es mir geschenkt worden ist.

Seien wir doch mal ehrlich: Haben wir uns die Sachen ausgesucht? Ja, ich habe auch eine Grundentscheidung getroffen, dass ich in einen Orden eintreten will. Aber was mir da alles passiert ist und was es da an Herausforderungen gibt, das habe ich mir weiß Gott nicht ausgesucht. Doch ich nehme es an, weil es mit dieser Grundentscheidung zusammenhängt. Und es kann ein erfüllendes Leben sein, wenn ein Partner / die Partnerin beim Unfall querschnittsgelähmt wurde. Sie jetzt die nächsten dreißig Jahre einfach zu umhegen, zu umsorgen und mit ihr auf dem Weg zu sein. Das kann ein erfülltes Leben werden, wenn der Partner diese Aufgabe wirklich in Freiheit angenommen hat, diesen Menschen ein Leben lang begleiten zu wollen. Das ist doch das, was uns immer wieder zum Staunen bringt: dass es Menschen gibt, die einfach bei ihrer Sache bleiben und sich weiter drum kümmern. Sie sagen nicht: „Ich bin dann mal weg!“ und denken sich, das Gras auf der anderen Seite des Zaunes sei grüner, da würde man schneller ein erfülltes Leben finden.

Ich kenne leider auch Menschen, die schon das dritte Studium angefangen haben und immer noch nicht fühlen, dass sie ein erfülltes Leben damit finden können und jetzt schon neunundzwanzig geworden sind. Da kann ich nur sagen: „Was du auch wählst, es ist sowieso das Verkehrte. Denn was glaubst du denn, was es alles für Dinge gibt, die du erleben musst?“ Aber das ist eben überall so: Es gibt ja nicht irgendwo eine Insel, auf die ich hingehen kann und dort ist dann das Schlaraffenland, der Mama-Schoß, wo ich alles so bekomme, wie ich es gerne hätte. Nein, das Leben ist Konflikt und Auseinandersetzung, und es wird ein erfülltes Leben werden, wenn ich das als meine Aufgabe mit einer gewissen Portion Humor annehme.

Für mich bedeutet dieser Humor, den ich vom Heiligen Franziskus lerne und den ich in meinem Leben verwirkliche, daher, dass ich in meinem Glauben wie manchmal von einer höheren Warte aus mein Leben betrachte und denke: „Ja, es läuft jetzt so. Wenn es jetzt anders laufen würde, würde es halt anders laufen. Aber Herausforderungen bleiben überall. Und es ist doch zum Lachen, wie ich manchmal aus emotionalen Gründen und weil sich auch manches an Ängsten aufbaut, aus einer Mücke einen Elefanten mache. Aber ein erfülltes Leben ist ein Leben voller Konflikte, voller Versöhnung, Streit, Hunger, Durst, schönes Abendessen, toll was trinken … Die Fülle des Lebens ist doch eigentlich das erfüllte Leben. Und wer bin denn ich, dass ich darüber richten kann, was ein bisschen erfüllter ist und was ein bisschen weniger erfüllt?“

Also: Mach deine Aufgabe. Zum Abschluss möchte ich Michael Endes tollen Roman Momo zitieren: Denk an Momos Gespräch mit dem Straßenkehrer. Was macht der Straßenkehrer? Der macht einmal Strich … und Strich … und Strich … und streicht mit seinem Besen über die Straße und ist ein wunderbar erfüllter Mensch und hat alle Hände voll zu tun, damit die grauen Herren, die Zeitfresser, ihm das Leben nicht madig machen.

Ich wünsche dir, dass du in dem, wo du gerade bist, auch in dem Mangel, den du gerade erlebst, wo du gerade denkst: Hach, ich habe eben kein erfülltes Leben!, den Vogel siehst, der vielleicht gerade vor deinem Fenster sitzt und singt. Dann denk dir: Der singt jetzt grrade nur für mich! Das könnte ja vielleicht der Anfang sein, dass du siehst: Die Fülle kannst du dir nicht machen. Sie wird dir geschenkt.

Ein erfülltes Leben kann nicht daher kommen, dass ich alle Wünsche erfüllt bekomme.

Sondern ein erfülltes Leben fängt da an, wo ich es schaffe, aus diesen Wünschen in die Hingabe zu kommen.

Was ist Glück?

Ich finde, wir müssen mal über das Glück reden. Es wird uns zum Beispiel „ein glückliches neues Jahr“ gewünscht, wir machen Glückwünsche zum Geburtstag oder

zu was auch immer – es wird ständig Glück gewünscht. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob alle Menschen das Gleiche meinen, wenn sie das Wort „Glück“ sagen.

Was ist eigentlich Glück? Meine Definition von Glück fängt damit an, dass ich sage: Glück ist das Unerwartete. Glück ist genau das, womit ich nicht gerechnet habe. Glücklich macht mich nicht, wenn ich das kriege, was ich mir gewünscht habe – das ist ja komisches Glück. Wenn ich das kriege, was ich mir gewünscht habe, dann kommt ja nichts Neues in mein Leben. Ich habe meine Wünsche, die sage ich auch und dann werden sie mir erfüllt. Na super. Glücklich macht mich das nicht.

Glücklich macht mich, wenn ich überrascht werde, wenn ich beglückt werde, zum Beispiel: „Boah, hätt’ ich ja nie gedacht, dass ich das im Urlaub erlebe!“ oder „Diese Musik spricht mich so an, unglaublich“ oder „Dass du mit mir jetzt so lange Zeit verbracht hast, macht mich superglücklich!“ und „Dass ich diesen Ort gefunden habe, mit dem ich überhaupt gar nicht gerechnet hatte, macht mich superglücklich!“. Das ist das Glück, was ich Menschen wirklich wünsche. Und damit wünsche ich ihnen auch ein Überraschungsherz. Ich finde, es mangelt in unserer Welt an Überraschungsherzen. In einer Welt, in der alle möglichen Erwartungen an Menschen gerichtet werden und Erwartungen erfüllt werden müssen, fehlt es an einem Überraschungsherzen. Einem Herzen, das sich eben nicht überlegt: Was erwarte ich von dem anderen? Was erwarte ich vom Leben? Was erwarte ich von meiner Frau? Von den Kindern? Was erwarte ich hier und was erwarte ich da? Stattdessen frage ich mich: „Bin ich noch bereit, mich überraschen zu lassen von meiner Frau?“ Oder sage ich mir: „Die hat schon wieder nicht gekocht, was ich mir gedacht habe!“ Oder: „Die Jungs haben schon wieder nicht ihr Zimmer aufgeräumt, wie ich mir das vorgestellt habe!“ Oder: „Das Auto ist immer noch nicht aus der Werkstatt so wiedergekommen, wie ich es mir gedacht habe.“ Eine Miesepeterigkeit ohne Ende stelle ich bei vielen Menschen fest. Sie sind nicht mehr bereit, als Glücksdetektive durch die Welt zu gehen und zu sagen: „Ich möchte gerne mal entdecken, wo ich gerade beglückt werde“ – in der Straßenbahn, auf dem Bahnhof, beim Spazierengehen, durch die Sonne, durch den Frost, durch den Wind, durch den Regen … Ich lasse sehr viele Momente in meinem Leben insofern an mich heran, dass ich mich frage: Wie wollen die mich gerade beglücken? Glück ist so was wie die Erfahrung von einer Zusammengehörigkeit in einer Welt, die wir nicht in der Hand haben, so wie wir auch unser ganzes Leben nicht in der Hand haben. Und glücklich werde ich da, wo ich bereit bin, das zu bejahen. Wenn ich sagen kann: Die Welt kommt mir entgegen, und sie beschenkt mich. Sie beschenkt mich in einer Weise, dass ich wieder neu nachdenken kann über die Welt, über mich, über das Leben. Sie erneuert mich ständig.

Für mich ist einer der größten Glücksmomente, in eine Ausstellung zu gehen und mir dann eine Viertelstunde lang ein Bild anzugucken. Währenddessen überlege ich: „Wie berührt mich jetzt dieses Bild oder dieses Kunstwerk?“ Oder ich sitze in einer Oper und denke mir: „Wahnsinn, wie da zusammengespielt und -gearbeitet wird! Das macht mich jetzt wirklich glücklich in einer Weise, wie ich es gar nicht erwartet hätte.“ Manchmal erlebe ich das auch im Gebet. Ich bete dann oder bin in der Stille, in der Meditation, und dann habe ich manchmal diesen Eindruck: Ich bin jetzt ganz in Gemeinschaft mit dem, der mich geschaffen hat und mit dem ich unterwegs bin. Das ist einfach toll, und das ist Glück.

Glück ist: Ich fühle mich zugehörig zu der Welt, in der ich bin. Und Glück heißt für mich: Ich kann die Welt wahrnehmen, wie sie mich beschenkt, wie sie mich herausfordert, wie sie in Kommunikation mit mir ist, wie sie mich zum Wachsen bringt.

Ein anderer Aspekt des Glücks, den ich auch wichtig finde, ist, dass ich durch die Welt gehe und der Welt etwas schenken kann. Mich macht es ja nicht nur glücklich, wenn ich etwas erhalte, etwas bekomme, etwas mitbekomme, sondern dass ich auch etwas geben kann. „Vom Schenken ist noch keiner arm geworden“, hat meine Großmutter gesagt. Dahinter steckt die tiefe Erfahrung: Weil ich ein Empfänger bin, will ich gerne auch ein Geber, eine Geberin sein. Ich will auch etwas von mir loslassen. Es macht mich zum Beispiel glücklich, wenn ich mit Menschen im Gespräch bin und mir Menschen zuhören, die ich gar nicht kenne und die bereit sind, meine Meinung aufzunehmen. Oft haben diese Menschen eine Haltung wie: „Ich lasse mir jetzt einfach mal was sagen.“ Wenn ich mir für die Menschen Zeit nehme, macht es mich glücklich, weil ich in Kontakt mit ihnen bin. Und ich hoffe, die Menschen spüren, dass ich das tatsächlich mit Freude mache und mit Freude für sie da sein will.

Glück bedeutet für mich also nicht: „Das hab ich jetzt, und dann pack ich das ein, und dann lebe ich so weiter.“ Nein, das ist für mich wie eine Art Fluss, in dem ich gehe, stehe, bade. Ich schwimme da drin, ich gebe das Meinige, ich werde umspült von anderen. Wenn man mich fragt, könnte ich sagen: Ich bin tatsächlich ein glücklicher Mensch, weil ich aufgehört habe, mir zu überlegen, was mich glücklich machen könnte. Das wäre auch mein Rat an dich, wenn du glücklich werden willst. Glück kann man nicht anstreben. Du kannst nicht sagen: „Heute will ich mal überlegen, wie ich mich glücklich machen will.“ Das geht nicht. Ich will jetzt nicht gerade sagen: Bleib unglücklich! Aber ich wünsche dir eine Haltung, die sagt: „Ich packe das Leben jetzt an, wie es sich mir anbietet. Leider ist dies nichts geworden, leider ist das nichts geworden und hier ist auch etwas kaputt gegangen. Etwas funktioniert nicht. Aber ich kann über diese Dinge herrschen. Ich kann sie verwandeln, wenn ich sie als meinen Auftrag annehme, und ich kann jetzt und heute einen neuen Schritt anfangen.“ Das ist ein Vermögen, aus dem, was das Leben uns anbietet, etwas zu bauen, was uns weiterbringt. Auf einer Spruchkarte heißt es: „Die Steine, die uns in den Weg gelegt werden, können wir zum Fundament machen, auf dem wir unser Leben aufbauen können.“

Wenn du das so siehst, dann wirst du auch glücklich sein und Glück erfahren können. Noch einmal: Nimm bitte nicht die Haltung ein: Bin ich schon glücklich? So wird keiner glücklich! Glücklich wird, wer die Alltagsaufgaben, die ihm angeboten sind, die ihm aufgelastet sind, für die er herausgefordert ist, wenn er diese Aufgaben als Möglichkeit nimmt, zu wachsen an Kräften und an Ideen. Wenn er sie annimmt als eine Aufgabe der Liebe. Der Liebe nämlich zur Welt, der Liebe zu sich selber, der Liebe zu Gott – denn als gläubiger Mensch schreibe ich ja hier. Gebet ist für mich vor allen Dingen, dass ein Gott mit mir durchs Leben geht, der mir in allen Situationen meines Lebens einen Anlass gibt zur Auferstehung. Für mich ist das größte Glück, dass ich immer neu einen Grund habe, aufzustehen und die Situation zu beherrschen. Meine Ängste, meine Trauer, meine Freude, meine Möglichkeiten, meine Unmöglichkeiten – das alles gehört für mich zusammen und ich möchte alles zu dem weitertreiben, was der nächste Lebensschritt ist.

Ich weiß nicht, ob dich das jetzt gerade glücklich macht, wenn ich dir das so sage, aber dein Alltag, den du gerade lebst, das ist der Ort, an dem du glücklich werden kannst. Glaub mir!

Glück heißt für mich: Ich kann die Welt wahrnehmen, wie sie mich beschenkt, wie sie mich herausfordert, wie sie in Kommunikation mit mir ist, wie sie mich zum Wachsen bringt.

Wie definierst du Erfolg?

„Erfolg ist keiner der Namen Gottes.“ So hat der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber einmal gesagt. Und trotzdem sprechen heute alle Menschen davon, dass sie Erfolg haben wollen. Wenn ich dann nachfrage: „Was ist eigentlich ein Erfolg für dich?“, dann gibt es die Gruppe von Menschen, die antwortet: „Wenn ich viel Geld verdiene, wenn ich mir was leisten kann, wenn ich mir keine finanziellen Sorgen machen muss – dann ist mein Leben erfolgreich.“ Eine zweite Gruppe von Menschen sagt: „Erfolg ist für mich eigentlich, wenn ich in einem Beruf gelandet bin, der mir richtig Spaß macht, in dem ich aufgehe, in dem ich Erfüllung finde, in dem ich mit Menschen zusammen bin und der Menschheit dienen kann – wenn ich das geschafft habe, ist das für mich ein Erfolg in meinem Leben.“

Aber es gibt auch noch einen anderen Erfolg, von dem Leute reden: „Ich habe einen persönlichen Erfolg, weil ich die Partnerschaft gefunden habe, in der ich mich wohlfühle, in der ich mich hingeben kann, die sich auch so entwickelt, dass ich mitgehen kann. Außerdem habe ich Kinder. In meinem privaten Umfeld bin ich erfolgreich, denn es klappt gut im Gespräch mit meiner Frau, wir können Konflikte durchstehen, die Kinder kann ich gut begleiten, sie haben Vertrauen zu mir – das ist für mich Erfolg.“

Und es gibt auch noch Menschen, die sagen: „Erfolg habe ich dann, wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin, wenn Kameraden da sind, wenn Menschen da sind, auf die ich mich verlassen kann. Wenn mir das gelungen ist, ist das für mich auch schon Erfolg.“

Es gibt bei dem Wort „Erfolg“ sehr unterschiedliche Kategorien: die berufliche, finanzielle, private, familiäre Kategorie und das Freundesumfeld – überall da kann ich erfolgreich sein. Menschen fragen dann: „Und wie werde ich so erfolgreich? Wie schaffe ich das dann?“ Hier erlebe ich, dass viele Menschen sich verrennen und sich daraus einen großen Stress ins Leben holen. Menschen verbinden mit dem Wort „erfolgreich“ meistens das Wort „Stress“ und oft auch noch den Satz: „Ich muss mir etwas antrainieren, was ich eigentlich gar nicht so kann und habe, damit ich endlich erfolgreich bin.“ Oder sie meinen, noch zu einem Seminar gehen oder irgendwas lesen oder beten oder anhören zu müssen. Sie haben den Eindruck, sie müssten in ihrem Leben etwas machen, was sie eigentlich vielleicht nicht täten. Es gibt Menschen, die dadurch unter einem regelrechten Erfolgsstress leiden, weil sie Leib und Seele nicht mehr zusammenbringen. Die tun dann Sachen, die gar nicht mehr zu ihnen passen. Ich sehe Leute in einem viel zu engen Jogginganzug durch den Park joggen – eine Karikatur ihrer selbst. Oder ich sehe Menschen, die in irgendwelchen Ausstellungen und Museen stehen, weil sie gehört haben, man muss ins Museum gehen, um mitreden zu können. Da stehen sie dann vor einem Bild wie der Ochs vorm Berg. Oder sie begeben sich auf Wanderschaft in Wanderklamotten, die sie sich im Katalog ausgesucht haben, aber irgendwie merken sie: Das passt gar nicht zu ihnen. Das gibt’s auch im Urlaub. Ich könnte mich totlachen, wenn Leute „ganz erfolgreich“ Urlaub machen wollen und dann einen Urlaubstag nach dem anderen abarbeiten und dabei ein Gesicht machen, als wäre sieben Tage Regenwetter.

Erfolg ist etwas, was den Menschen dann anfängt zu stressen, wenn es zu einer Außenbestimmung wird. Wenn mir Ziele vorgegeben werden, von denen ich denke, dass ich sie erreichen muss: Ich muss jetzt im Urlaub so glücklich werden wie das in den Prospekten steht! Oder: Ich muss jetzt so viel auf der hohen Kante haben wie das die Lebensplaner vorsehen! Oder: Ich muss die Zensuren haben, von denen sich Menschen ausgedacht haben, dass man sie haben muss! Ich muss so dick, so dünn, so klein, so groß, so ich-weiß-nicht-was-alles sein, um einer Norm zu entsprechen. Der Tod aller Lebendigkeit ist ein Erfolg, den man haben will, weil einem andere Menschen das vor Augen gestellt haben.

Darum ist für mich Erfolg nicht das, was ich mir erarbeitet und wo ich mich angestrengt habe, wo ich mich sozusagen verbogen habe, sondern wo es mir gelungen ist, den Pfad des Lebens zu finden, auf dem ich mich entfalten kann – und das mit ganzer Hingabe. Erfolg hat für mich vor allen Dingen mit Hingabe zu tun. Mit der Bereitschaft, etwas mit ganzem Herzen, mit ganzer Kraft, mit ganzem Verstand zu tun. Vielleicht kommt dir das irgendwoher bekannt vor – es ist aus der Bibel. Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstand. Und das hat für mich mit Erfolg zu tun. Erfolg bedeutet, mich mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand wirklich an eine Sache geben zu können, die dann zu einem Ergebnis führen kann. Klar, es ist auch schön, wenn man damit was verdienen kann, wenn man damit Freunde gewinnen kann, wenn die Familie zufrieden ist. Schön, wenn das alles auch geschieht. Aber letztlich ist der Maßstab, dass ich etwas mit Erfolg gemacht habe, dann doch nicht der Applaus der anderen, sondern die Übereinstimmung des Ergebnisses mit meiner Seele. Dann bin ich erfolgreich.

Ein bisschen spitz gesagt: Der wirklich erfolgreiche Mensch kann ganz gut auch einsam sein mit seinem Erfolg und sich still vergnügt hinsetzen und sagen: Ich hab’s geschafft! Wenn andere das gut finden – super! Wenn andere mich auch noch dafür bezahlen – super! Wenn meine Freunde mit mir einverstanden sind – toll! Aber der wirkliche Erfolg ist doch der, dass ich etwas durchgestanden habe, weil ich gemerkt habe: Ich muss das jetzt einfach durchhalten. Nicht, weil ein anderer das sagt, sondern weil ich damit in Treue zu mir selber war, in Treue zu meinen Aufgaben, in Treue auch zu meinem Dienen-Wollen für andere.

Mir begegnen in der Seelsorge Menschen, die wirklich tolle Sachen getan haben! Ich erinnere mich, dass ich einmal als Seelsorger in eine Familie gerufen wurde, weil der Sohn mit einundfünfzig Jahren verstorben war. Die Eltern, jetzt achtzig und zweiundachtzig, hatten ihn achtundzwanzig Jahre lang bei seiner Multiplen-Sklerose-Krankheit begleitet. Im Haus und im Garten hatten sie alles für ihn umgebaut, von morgens bis abends alles für ihn getan, ihm Essen gereicht. Nachts hatte die Mutter immer in seinem Zimmer geschlafen, weil er oft Atemprobleme hatte. Und das die ganze Zeit. Die Mutter erzählte mir, dass sie einen Oberschenkelhalsbruch hatte und nach einer Woche nicht in die Reha ging, sondern nach Hause, um wieder bei ihrem Sohn zu sein. Und sie wirkte derart zufrieden dabei – auch als wir dann um den Leichnam dieses Menschen saßen, dass ich gemerkt habe: Das sind wirklich erfolgreiche Eltern. Die können den ganzen Tag sagen: Wir sind mit unserem Gewissen im Reinen, wir haben nie Urlaub gemacht, wir sind nirgendwohin gefahren, wir waren immer nur hier, und uns fehlt gar nichts!

Zusammenfassend würde ich sagen: Ein erfolgreicher Mensch ist im Grunde jemand, der mit sich im Reinen ist, der zufrieden ist und der sich in dieser Zufriedenheit sagen kann: Ich habe das Menschlichste getan, was Menschen tun können, nämlich in Verbundenheit mit anderen Menschen gelebt. In Verbundenheit mit der Schöpfung. In Verbundenheit – ich sag jetzt mal – mit Gott. Und wenn du nicht an Gott glauben kannst: in Verbundenheit mit dem, was uns alle umgibt. Und in dieser Verbundenheit habe ich mich ganz eingebracht. Ich fühle mich sozusagen als einer, der eingebunden ist in der Vielheit. Von daher ist für mich Erfolg nicht, dass ich mich rauskatapultiere in einer Art Hitparade im Sinne von: „Ich krieg jetzt den Nobelpreis für Nächstenliebe“ oder „Ich krieg jetzt eine Auszeichnung, dass ich der absolute Hyper-Mönch bin“ oder „Ich habe jetzt die allermeisten Follower“. Schön, wenn es das auch alles gibt. Aber der schönste Erfolg ist doch der, dass ich mir sagen kann: Ich habe getan, was ich tun musste. Ich habe vollbracht, was mir aufgetragen ist. Ich habe einfach und schlicht meinen Dienst getan. Das ist vielleicht ein schweres Wort und schon gar nicht vereinbar mit dem Wort „Erfolg“, aber eigentlich ist es genau das: Der erfolgreichste Mensch ist einer, der seinen Mitmenschen gedient hat und der in diesem Dienst an den anderen ein Einverständnis hat mit sich selber und den anderen – mit einem Wort: Der Erfolgreiche ist der zufriedene Mensch.

Ein erfolgreicher Mensch ist jemand, der mit sich im Reinen ist, der zufrieden ist und der sich in dieser Zufriedenheit sagen kann: Ich habe das Menschlichste getan, was Menschen tun können, nämlich in Verbundenheit mit anderen Menschen, mit der Schöpfung, mit Gott gelebt.

Wird unser Leben vom Schicksal bestimmt?

Mein Leben – ja, das hat natürlich ein Schicksal. Was heißt Schicksal eigentlich? Da steckt das Wort „Geschick“ drin. Das ist mir geschickt worden – das ist ein Passiv. Und das ist wohl die Erfahrung von jedem Menschen, dass wir uns nicht aussuchen können, wie wir leben. Ich habe mir nicht ausgesucht, Deutscher zu werden, ich habe mir nicht ausgesucht, 1,91 Meter groß zu werden, ich habe mir nicht ausgesucht, eine weiße Hautfarbe zu haben, ich habe mir das alles nicht ausgesucht. Ja, das ist Schicksal. Und insofern sind wir tatsächlich unserem Schicksal ausgeliefert.

„Ausgeliefert“ ist auch schon wieder so ein Wort! Ich weiß, das tut irgendwie weh, aber ich bin schon dafür, dass wir die Wahrheit und die Wirklichkeit des Lebens anschauen: Ich bin meinem Leben ausgeliefert. Ich habe mir zum Beispiel nicht ausgesucht, welche Lehrer und welche Lehrerinnen ich habe, welches Buch mir empfohlen wurde. Ich habe mir auch nicht ausgesucht, welcher Kinofilm mich so angesprochen hat, dass er mir einen richtigen Impuls gegeben hat.

Es gibt drei, vier Situationen in meinem Leben, die echt Weichenstellungen waren. Wenn ich dran denke, dass ich als Siebzehnjähriger in der Landvolkshochschule in Freckenhorst sitze und ein Priester einer ganzen Gruppe von Jugendlichen – ich war auch dabei – erklärt, was die Taufe bedeutet, und in mir das wie eine Bombe einschlägt (in den anderen neunzehn ist es wohl nicht eingeschlagen) und ich dann spüre: „Wow! Taufe! Das ist ja toll! Das ist ja der Weg zur Freiheit!“, dann ist das ein Schicksal gewesen, das war eine Schicksalsstunde. Und ich glaube, dass du in deinem Leben solche Schicksalsstunden auch kennst.

Bei der Frage nach dem Schicksal und ob wir davon auch bestimmt sind, schwingt natürlich auch immer eine negative Konnotation mit. Wir hören dieses Wort mit einer negativen Färbung: „Das ist aber ein schweres Schicksal“ oder „Der hat aber ein schweres Schicksal“. Ich habe noch nie gehört, dass jemand gesagt hat: „Der hat aber ein gutes Schicksal! Der hatte aber ein glückliches Schicksal!“ Sondern Schicksal hören wir immer negativ, und darum ist es mir wichtig, jetzt im ersten Schritt dir bewusst zu machen, dass unser ganzes Leben ein Schicksal ist. Es ist uns alles geschickt, und wir haben uns nichts selber genommen. Was wir uns selber genommen haben, konnten wir uns nehmen, weil uns vorher etwas geschickt worden ist. Also: Niemand hat sich selber die Brust gegeben. Und niemand hat sich selber gestreichelt und im Arm getragen und niemand hat sich das Wissen dieser Welt angesammelt, das es gibt, sondern wir pflücken es als Früchte einer Menschheitsgeschichte. Es ist einfach unser Schicksal, Eingebundene zu sein. Wir sind alle Erben. Wir sind alle irgendwie eingebunden.

Jetzt kommen wir zum Nächsten: Es wird uns geschickt – ja, von wem wird es uns geschickt? Das steckt ja eigentlich hinter dieser Frage. Von wem wird uns das Schicksal geschickt? Da heißt meine erste Antwort ganz prosaisch: vom Leben selbst. Ich bin nicht dreimal von der Wickelkommode gefallen, andere sind es und beklagen sich ein Leben lang darüber, dass sie zu kurz gekommen sind und deswegen brauchen sie nicht … Mein Papa zum Beispiel hat nie dran gedacht, dass ich mal Klavier spielen lerne. Mein Schicksal ist also, dass ich kein Klavier spielen kann, und jedes Mal, wenn ich vor einem Piano stehe oder einer Orgel, dann denke ich mir: „Was für ein Mist, dass ich das nicht lernen konnte! Schrecklich! Diese schönen Toccaten und Fugen von Bach! Mein Schicksal ist ein grausames, dass ich das nie spielen kann … furchtbar!“

Es gibt viele Menschen, die ein Detail so aufblasen, dass es alles andere zudeckt. Diese Schicksalsklägerinnen und -kläger, die über ihr Schicksal klagen, sind Menschen, die sich von der Werbeindustrie, von der Fit-und-Schön- und Lustig-Industrie die ganze Zeit erzählen lassen, Leben sei, den ganzen Tag fit zu sein, lustig zu sein, einen Body-Maß-Index von Y zu haben, ein Einkommen von X zu haben und auf 87,9 Quadratmetern im Grünen am See ohne Nachbarn zu leben, aber gut eingebunden zu sein in eine tolle Nachbarschaft. Ich weiß nicht, welche widersprüchlichen Sachen aufgeblasen werden, dass Leute so eine Art Schicksal empfinden, sie seien zu kurz gekommen. Nein, das Leben, wie es an uns herantritt, ist erst mal ein Geschick, das niemand sich ausgesucht hat.

Und dann kommt die Frage: „Ja, und der liebe Gott? Wo bleibt jetzt eigentlich der liebe Gott bei dem ganzen Schicksal?“ Da habe ich etwas ganz Grundsätzliches, was es mir möglich macht, ein Leben ohne Orgelspielenkönnen zu führen: Ich sage mir sage, in der Welt ist eine echte Kreativität. Solch ein Buch wie dieses zum Beispiel kommt ja nicht vom Himmel. Da werden schlaue Fragen überlegt, ich schreibe etwas auf, es wird verarbeitet und lektoriert … Das kennst du doch auch: Niemand kann alleine, was er kann. Es ist also eine ungeheure Kreativität in der Welt, und dann ist meine Grundüberzeugung, dass sich in dieser Kreativität Gottes Wille und Gottes Kraft zum Ausdruck bringen. Ich sage das ganz bewusst, und das soll sich jetzt gar nicht nur so triumphalistisch anhören. Ich bin ja auch Hospizhelfer, Sterbebegleiter, Seelsorger – auch in Situationen, in denen sich der Konflikt zuspitzt, der Tod anklopft, die Krankheit tatsächlich über das Leben eines Menschen herfällt, auch da bin ich in einer Haltung, die sagt: Hier fügt sich etwas zusammen, das soll so sein. Auch wenn man das im Augenblick nicht erkennt.

Es ist ja auch merkwürdig, dass Menschen, wenn sie auf ihr Leben zurückschauen, eine Haltung entwickeln können, versöhnt zu sein mit dem, was gewesen ist. Ich erinnere mich an den Besuch bei zwei 89-Jährigen. Die Frau sagte: „Ich habe den Turm der Stephanskirche in Mainz zusammenfallen sehen als Neunjährige. Ich habe das gesehen, und das verfolgt mich.“ Und dann nahm sie das mit durch ihr Leben, fand einen Mann, mit dem sie gemeinsam durchs Leben ging, und ich habe gespürt, dass sie, obwohl das Grauen dieser Erinnerung immer noch da war, sie es angenommen hatte als ein Grauen, das in ihrem Leben einfach prägend sein darf. Sie sagte: „Bei uns wird keine Kartoffelschale weggeworfen. Wenn wir einkaufen, dann koche ich hier mit meinem Mann alles zu Ende. Unser Bioeimer ist leer, weil ich aus diesen Nachkriegsjahren komme.“ Was für ein Schicksal, würde man da sagen, und doch sind diese Menschen, an die ich jetzt gerade denken muss, versöhnt mit dem, was in ihrem Leben gewesen ist, und haben daraus etwas gemacht.

Insofern würde ich auf die Frage nach diesem Schicksal und ob Gott es mir schickt, fast mit etwas Vorsicht sagen: Ja, wenn ich davon ausgehe, dass alles, was geschieht, sich so zusammenfügt, dass daraus wieder etwas Neues und Kreatives werden kann. Vielleicht schaust du mal selber in dein Leben hinein und denkst an die Zeiten, von denen du sagst: „Das war echt ein schweres Schicksal!“ Die Mutter zu früh verstorben, ein Geschwisterteil durch einen Unfall getötet, Leukämie gekriegt … Ich kann eine ganze Litanei runterbeten, und ich weiß nicht, was du für ein Schicksal hinter dir hast, aber schau einmal genau hin, was sich dann zusammenfügte und Neues werden konnte. Vielleicht ist es dann sogar auch möglich, zu sagen: Es wurde mir nicht nur blind geschickt, sondern es wurde mir geschickt, weil daraus etwas Wunderbares werden kann.

Ich habe gerade dieses Elternpaar vor Augen, das ein eingeschränktes, ein geistig behindertes Kind hat. Ja, was für ein Schicksalsschlag, sagen dann einige. Für diese Eltern war das immer ganz schrecklich, dass alle Leute sie anguckten und sagten: „Was für ein schreckliches Schicksal!“ Sie spürten, was für eine Entwertung ihrem Kind gegenüber dahintersteckt. Und dabei konnten sie mir sagen: „Durch unser Kind erst sind wir das geworden, was wir sind, und wir würden es nie mehr missen wollen!“ Ich verneige mich vor Menschen, die eine solche Haltung an den Tag legen, und versuche, auf meine Weise so auch meinem Schicksal, dem, was alles noch kommen wird, zu begegnen als eine Herausforderung, die mich zum guten, zum liebevolleren, zum vollkommeneren Menschen machen will.

Es ist uns alles geschickt, und wir haben uns nichts selber genommen.

Was wir uns selber genommen haben, konnten wir uns nehmen, weil uns vorher etwas geschickt worden ist.

Was kann ich als Einzelner tun, damit sich die Welt zum Besseren entwickelt?

„Sei du selbst die Veränderung, die du von der Welt erwartest“, so hat Mahatma Gandhi einmal gesagt, und das bleibt ein grundlegender Satz: dass ich eingeladen bin, in meinem Bereich und in dem, wofür ich Verantwortung trage, meine Entscheidungen zu treffen. Ich bin ja kein Staatspräsident und auch kein Politiker, dann kann man sich schnell die Frage stellen: „Ja, was nützt es denn? Wieso soll ich jetzt Plastik trennen und Biomüll trennen, wenn das sowieso alles wieder in eine Tonne kommt?“ So höre ich dann. Oder: „Warum soll ich jetzt eigentlich gerecht sein, wenn alle ungerecht sind? Warum soll ich jetzt etwas aushalten, wenn alle anderen es nicht aushalten?“ Diese Frage beschäftigt jeden Menschen, der einigermaßen ethisch verantwortlich handeln will. Wir brauchen die anderen, die uns ermutigen, besser zu leben.

Aber was ist eigentlich dieses bessere Leben? Was ist dieses gute Leben? Zusammengefasst besteht es darin, dass ich versuche und mich entscheide, nicht mehr auf dem Standpunkt der Selbstsucht zu stehen. Das ist eine Entscheidung. Das hat mit Gefühlen gar nix zu tun, denn wenn man diese Entscheidung gefällt hat, dann wird man auf jeden Fall plötzlich anfangen, neu nachzudenken: Ist das, was ich gerade tue, eigentlich wirklich dienlich – dem Nächsten, der Schöpfung, meiner Zukunft, den Kindern? Und ich werde mich immer weniger fragen: Was habe ich davon?

Viele Menschen sagen ja: Die ganze Welt ist voller Egoisten, warum soll ich da kein Egoist sein? Und doch ist es ein lohnenswertes Unterfangen, dass ich mich auf den Standpunkt stelle, nicht selbstsüchtig sein zu wollen, dass ich diesen Standpunkt der Selbstsucht verlassen will, weil ich nur so dazu beitragen kann, dass das Netzwerk des Dialoges wächst und nicht ständig zerschnitten wird von dieser schrecklichen Selbstsucht, die Menschen einholen kann.

Wenn ich selber anfange, wie ein Heiliger zu leben in einer unheiligen Welt, beinhaltet das ja auch eine gewisse Arroganz, weil ich damit sage: „Ich bin der Heilige, die anderen sind unheilig.“ Dann wäre doch vielleicht der erste Schritt, um aus dieser Arroganz rauszukommen, dass ich mich mit anderen verbünde. Denn auch wenn du selber denkst, du seist der Einzige, der die Welt verbessern will, dann stimmt das ja eigentlich gar nicht. Es gibt vorbildliche Leute, die, egal, was passiert, einfach entschieden ihren Lebensstil leben. Da gibt es viele Menschen, und Gott sei Dank gibt es durchaus auch Möglichkeiten, im Internet Gruppierungen zu finden, Menschen zu finden. Die Website www.nebenan.de zum Beispiel ist so ein Netzwerk, das ich sehr schätze, wo man sich richtig mit Klarnamen registrieren muss, mit Personalausweisdaten und allem. Da kann ich dann auch mal sagen: „Hallo Nachbarn, ich würde gerne etwas mehr tun, dass bei uns nicht ständig so viel Dreck in der Nachbarschaft rumfliegt. Wer von euch ist noch daran interessiert?“ Solche allgemeinen Fragen sind möglich bis hin zu der Frage: „Ich würde gerne mal darüber nachdenken, ob wir eine Fahrgemeinschaft bilden können, wenn wir einkaufen fahren, denn ich überlege, mein Auto abzuschaffen, und frage mich: Können wir mit fünf Leuten gemeinsam ein Auto haben? Wer hat Lust, mit mir darüber zu reden?“

Das Gute, das sich vernetzen will – und das Gute will sich vernetzen –, aussprechen und diesem Guten auch dienen wollen, darum geht es. Man wird dann auf jeden Fall Freundinnen und Freunde finden für die gemeinsame Sache. Das hat nur einen ganz kleinen Haken: dass man die Leute persönlich vielleicht nicht immer so toll findet. Ich komme aus einem Orden, in dem auch Brüder sind, die sich alle etwas vorgenommen haben. Menschlich ist das immer neu eine Herausforderung. Für die gemeinsame Sache will man kämpfen, aber dann ist der eine eben so und der andere so … Ich muss die Unterschiedlichkeiten der Menschen einfach anschauen. Und auch sagen: Wir dürfen unterschiedlich sein, wenn wir diese gemeinsame Sache verwirklichen. Es braucht für diese Motivation zum Guten also das Miteinander mit anderen, die ähnlich sind, und es ist wichtig, dass ich das nicht abwerte. (Ich bin der Einzige, der etwas verändern will – der bin ich ja gar nicht! Ich gehöre zu den anderen, eine große Portion Demut ist schon vonnöten.)

Das Gute zu tun, demütig zu tun – Mahatma Gandhi habe ich am Anfang genannt, der ja sehr viel Kraft aufgrund seiner Demut entfaltet hat, weil er bei seinem Stiefel geblieben ist. Der hat einfach das gemacht, was er wollte. Die anderen Heiligen, die wir aus der Geschichte kennen – eben auch Franziskus von Assisi – haben das einfach gelebt, wozu sie sich entschieden haben, und haben dann Gefährten gefunden. Letztlich gründen sich Vereine, Parteien, Organisationen ja von Leuchtturmmenschen, die gesagt haben: Diese Idee ist gut, die möchte ich verwirklichen – und dann hatten sie plötzlich Menschen an ihrer Seite, die sie nicht im Regen stehen lassen haben. Dann sind sie gar nicht mehr so allein. Die Vergemeinschaftung des Guten zu betreiben scheint mir eine große Hilfe zu sein, wenn man in diesem Gefühl versinkt: „Ja, bin ich denn eigentlich nur noch der einzige Prophet in diesem Land?“ Nein, ist man bestimmt nicht. So toll bist du auch nicht, darf ich dir das mal so deutlich sagen? Es gibt noch andere tolle Leute.

Und das Zweite ist: Wie bleibe ich auf Kurs mit meiner Entscheidung für ein gutes Leben und dafür, die Welt zu verbessern? Da sagt jetzt der fromme Kapuziner und Priester: Das wird wohl nur durch Gebet gehen. Wenn du beim Gebet noch nicht angekommen bist, dann sind es letztlich Zonen des Schweigens und Zonen des Denkens, in denen du selber deinen eigenen Quellen nachgehst und dich daran freust, dass du so weltbezogen bist, dass du der Welt Gutes willst. Und wenn es denn auch alleine ist.

Die Einsamkeit gehört mit zu dem Guten. Es gibt keine Heiligen, die nicht einsam gewesen wären, und darum ist deine Entscheidung am Ende auch eine einsame Entscheidung, die Welt verbessern zu wollen, und du darfst dich nicht davon abhängig machen, ob du Gefährten findest. Ich bin sicher, du findest welche, das habe ich schon gesagt, aber mach dich nicht davon abhängig nach dem Motto: „Erst wenn zwanzig Leute das mit mir machen, dann mache ich das auch“ oder: „Erst wenn das genügend Resonanz hat und ein Buch darüber geschrieben wird und ich auch noch ins Fernsehen komme, dann will ich das weitermachen.“ Das wäre ja schon wieder sehr, sehr selbstsüchtig. Darum brauchst du diese Seelenpflegemomente der Stille, der Ästhetik, der Kultur, in denen deine Seele befeuert wird aus der Beziehung heraus, die sie zu der Welt hat (das habe ich auch schon bei der Frage nach der Seelenverwandtschaft angesprochen), um das Gute und Richtige wählen zu wollen. Diese persönlichen Momente der Einkehr und der Meditation braucht jeder, der sich zu großen Taten der Veränderung aufmachen will.

Und ein Drittes vielleicht noch: Mach dir einen Plan. Und wenn du dir einen Plan machst für das eine, was du tun willst, dann musst du auch anderes lassen. Für mich ist oft das Schwierigste, die vielen guten Ideen, die ich habe, zu verabschieden, damit die eine Idee was wird. Dabei haben wir vielleicht alle so ein Gottes-Gen in uns: Ja, was wir alles machen könnten/wollten/sollten, ein konjunktivisches Träumen davon, was wir alles verbessern wollen, und dann haben wir davon geträumt und am Ende nichts gemacht. Wenn du alleine die Welt verbessern willst, brauchst du also auch einen Plan, was du anfangen willst, damit du nicht bei dir selber versinkst.

Frère Roger Schutz hat mal gesagt: „Lebe den Satz des Evangeliums, den du verstanden hast, das ist genug!“ Manche sagen ja, das ganze Evangelium und alles Gute zu tun – das kann ja auch wirklich keiner! Also mach doch das, was du verstanden hast. Und ich sage dir deutlich: Mach bitte nur das eine. Zum Beispiel: Du sagst dir: Ich möchte gerne etwas Gutes tun. Du hast entdeckt, dass in deinem Haus im siebten Stock ein älterer Herr ganz alleine lebt. Er trägt sein Essen durch die Gegend und geht einkaufen. Du machst dir zum Programm, die nächsten drei Monate den Mann anzusprechen, zum Beispiel bei der Kehrwoche, wenn du bei seiner Haustür bist, mal zu klingeln und zu fragen, wie es ihm geht. Vielleicht kommt ihr dann in einen näheren Kontakt, und dann ist es deine gute Weltverbesserungstat, wenn du zweimal im Monat mit ihm Schach spielst, ihm zuhörst, ihn am Abend anrufst und Gute Nacht sagst. So lebst du eine Aufmerksamkeit bei diesem einen Menschen.

Wenn jeder Mensch eine gute Tat, die er sich vornimmt, kontinuierlich tut, dann ist die ganze Welt verbessert. Und wenn die anderen es nicht tun, aber du tust es, dann hast du einen Funken Hoffnung gesät, der in sich gut ist und der nicht dadurch besser wird, weil er tausend andere Nachfolger hat. Nimm dich ruhig mal wichtig, gerade auch im Gutes-Tun. Die Welt wartet darauf, dass du endlich anfängst.

Was ist dieses gute Leben? Es besteht darin, dass ich versuche und mich entscheide, nicht mehr auf dem Standpunkt der Selbstsucht zu stehen.

Hat das Leben mehr zu bieten? Warum habe ich immer das Gefühl, dass mir etwas fehlt?

Wer liebt, der kann nie sagen: „Es ist genug.“ Zur Liebe gehört die Unersättlichkeit, gehört dieser Überschuss Hoffnung. Zur Liebe gehört, dass sie immer schon weiterdenkt. Und darum gehört es mit zum Leben, dass in meinem Leben immer eine Ahnung ist, es könnte noch mehr sein, besser sein und größer sein. Für mich als gläubiger Mensch setzt hier der tiefe Sinn meines Glaubens an, weil mein Glaube an Gott meine Ungeduld zähmt. Denn Gott ist die Fülle, nicht mein Kloster. Gott ist die Fülle, nicht meine Brüder hier. Gott ist die Fülle, nicht die Kirche ist die Fülle, nicht die Welt, nicht Deutschland … Kein Mensch muss mir Gott ersetzen. „Ich verzeihe dir, dass du mir mein Gott nicht sein kannst“, sage ich zum Leben. „Ich verzeihe dir, dass du mir mein Gott nicht sein kannst“, sage ich zu einem Menschen, den ich liebe. Und dadurch wird es eine realistische Beziehung. Diese gegenseitige Überforderung macht viele Menschen kaputt. Viele Ehen kranken daran, dass die Partner einander überfordern und sich vergötzen, dass Kinder von Eltern vergötzt werden, dass Jugendliche das Leben vergötzen und dass viel zu viel erwartet wird. Und dann kommt eine riesen Enttäuschung: Es ist ja doch alles sehr alltäglich, wenn man dann mal zusammengezogen ist. Es ist ja doch sehr alltäglich, wenn man dann endlich seinen Traumberuf erreicht hat. Es ist alles sehr alltäglich, wenn man dann endlich das Hobby auslebt, von dem man immer geträumt hat. Ja, da ist eben auch sehr viel Alltag dabei, und der könnte doch noch besser, schöner, anders sein. Ja, es könnte alles noch ein bisschen besser sein.

Diese Ahnung, dass alles noch ein bisschen besser sein könnte, wird dadurch gezähmt, dass man das Ganze auf Gott wirft und sagt: „Du, ich mach schon mal das Meine, ich mach das schon mal so, wie ich kann. Das könnte noch ein bisschen besser sein, aber ich lege es zunächst mal in deine Hand, so gut ich kann.“ Mir hat mal ein Arzt gesagt, früher seien die Menschen zu ihm gekommen und hätten gesagt: „Können Sie meinen Schmerz ein bisschen lindern?“ Heute kommen die Leute und sagen: „Sie müssen mich gesund machen!“ Dieser Erwartung, dass ich dieses Mehr immer sofort kriegen muss, gehört zu einer konsumistischen Welt, zu einer Welt, in der sozusagen Fülle konsumiert und gekauft werden kann, wo einem vorgegaukelt wird, in den super Film zu gehen, den super Urlaub zu machen, die super Wohnung zu kriegen. Und dann ist man in dieser Wohnung und merkt: „Die könnte aber doch da noch ein bisschen anders und hier noch ein bisschen anders sein.“ Auf diese super Erwartung folgt eine ständige Art von Unzufriedenheit, dass man immer noch nicht die Fülle erreicht hat. Jetzt hat man die super Tapete an die Wand geklebt, jetzt hat sie doch nicht die ganz richtige Farbe – was ein Mist aber auch!

Es gehört zum Erwachsenwerden und zum Reifwerden, dass ich in der Lage bin, diese Sehnsucht nach dem Mehr, nach dem Vollkommenen, nach dem ganz Guten und dem ganz Schönen dadurch zähme, dass ich diese Erwartung an Gott richte: Du bist der Vollkommene. Du bist die Schönheit. Der gläubige Mensch ist der bescheidene Mensch. Er sagt: „Wenn Gott die Fülle ist, dann bin ich auch mit dem Wenigen zufrieden, was ich habe. Wenn Gott die Fülle der Liebe ist, dann muss meine Liebe zu dir nicht so super-hyper-vollkommen sein. Dann kann ich das Meinige tun, und ich muss nicht ständig denken: Ich mach’s noch nicht richtig und noch nicht richtig genug. Und auch du musst mir gegenüber nicht so vollkommen sein.“

Ich bin davon überzeugt, dass wir diese Unzufriedenheit darüber, dass alles noch ein bisschen mehr, größer und schöner sein könnte, dann besiegen, wenn wir Frieden in einer erwachsenen und kreativen Beziehung zu Gott finden. Wenn ich weiß, dass er mir zuströmt, wenn ich es zulasse, dass er aus seiner Fülle mir mitteilt und ich wie eine Art Satellitenschüssel von ihm empfange, um davon dann ein bisschen weiterzugeben – das gibt mir zumindest eine sehr große Gelassenheit, mit den Dingen umzugehen, die immer ein bisschen unvollkommen sind und die noch nicht so sind, wie ich sie gerne hätte.

Wir können diese Unzufriedenheit darüber, dass alles noch ein bisschen mehr, größer und schöner sein könnte, dann besiegen, wenn wir Frieden in einer erwachsenen und kreativen Beziehung zu Gott finden.

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