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Paul Oskar Höcker
Die verbotene Frucht

Roman

Saga

Erstes Kapitel

Sie sassen vor dem berühmten Fischrestaurant von Basso-Brégaillon am Kai von Marseille unter dem rot und weiss gestreiften Verandadach. Das tolle, bunte, aufgeregte Treiben der Hauptgeschäftsstunden eines sonnigen Februartages wirbelte vorüber: schreiende Händler und Zeitungsjungen, lebhaft verhandelnde Börsenleute, hochbeladen zu den Stapelplätzen schwankende Lastwagen, fauchende Autos, Trupps von Hafenarbeitern, Radfahrer, Neger, Matrosen, Spaziergänger, Stiefelputzer, Bettler, Strassensänger, spielende Kinder, bellende Hunde.

Ein frischer, kräftiger Seegeruch lag in der Luft. Auf schmalen Schaubänken zwischen dem mit Alpenveilchentöpfen besetzten Geländer der Veranda und dem Bürgersteig waren die appetitreizenden Schaltiere ausgebreitet, Austern in tangbeschwerten, triefenden Körben, Muscheln aller Art, Riesenhummern und Langusten. Die weissbeschürzten Kellner brachten den Gästen die „Früchte des Meeres“ gleich von der Strasse, verlockend angerichtet mit Grünzeug und Zitrone.

Alle Tische waren besetzt. Zumeist von laut redenden und schmatzend essenden Herren der wohlhabenderen Geschäftswelt von Marseille. Die wenigen Damen, die das Frühstück hier nahmen, schienen Fremde zu sein.

Wenigstens vermutete das Jutta. Sie hatte Augen für alles, und in ihrer lebhaften Weise machte sie ihren Gatten auf dies und das aufmerksam. Das war für sie hier ein Theater mit immer wechselnder Szene: in den Speisesälen zu ihrer Rechten das grossstädtisch elegante Leben, das doch das lässige Südfranzosentum nicht verleugnete, und die verwirrenden Strassenbilder zu ihrer Linken auf dem Hafenplatz, dessen Hintergrund der Mastenwald der sich wiegenden Segelboote bildete.

Herr von Succo nickte und lächelte. Manchmal ein bisschen überlegen. Er war weniger leicht begeistert als seine Frau. Allem Ausländischen gegenüber war er sogar eher abweisend. Mit einem gewissen Stolz betonte er das auch vor seiner Frau, die aus Koblenz stammte und in deren Familie in der grossen Revolution vor mehr als hundert Jahren „ein Tropfen französischen Blutes“ geraten war. Der Gegensatz hatte sich in ihrer jungen Ehe schon oft bemerkbar gemacht. Er trat jetzt auf ihrer ersten grösseren Reise noch deutlicher hervor.

Die Marseiller, die mit Austernschlürfen oder dem umständlichen Verzehren der safrangelben Bouillabaisse beschäftigt waren, schenkten dem deutschen Paar weiter keine Aufmerksamkeit. Vielleicht deshalb, weil Juttas Erscheinung in einem romanischen Lande nichts Auffälliges darstellte. Sie hatte dunkelbraunes Haar und dunkelblaue, vielmehr seltsam ins Blaugrüne schillernde Augen mit grossen Pupillen. Ihre feine, schlanke, keck hervorspringende Nase besass etwas Pariserisches.

Aber ein stattlicher Herr in mittleren Jahren, der im Innern des Restaurants sass, hatte die beiden schon eine gute Weile beobachtet. Er war sich darüber klar, dass er den jugendlich schlanken Deutschen mit dem leicht angegrauten Haar kannte. Ein Assessor oder Regierungsrat oder so etwas. Irgendwo in einem Kasino oder Manöverquartier Ostpreussens war er ihm begegnet. Ein leiser Zweifel bestand bei ihm nur: ob die rassige, schlanke, nervige Dame auch wirklich seine Frau war. Das englische Reisekleid war erheblich forscher, als man’s bei den deutschen Damen sonst auf Reisen sah; und der kokett aufgeschlagene Hut wies einwandlos auf Nizza als Ursprungsort hin. Schmunzelnd sagte er sich: So ganz verheiratet, mit Standesamt und so, sieht sie entschieden nicht aus ...

Inzwischen hatte der Landsmann ihn jedoch schon selbst entdeckt und grüsste verbindlich und ohne jede Verlegenheit zu ihm her, seinem Gegenüber ein paar erklärende Worte sagend.

Eine Minute später fand die Vorstellung statt, die jeden Zweifel zerstreute.

„Du gestattest, Jutta: Herr von Stangenberg. — Meine Frau.“

„Meine Gnädigste!“ Er küsste ihr mit abgezogenem Hut die Hand. „Das trifft sich ja allerliebst. Die ersten Landsleute seit fünf Tagen.“

„Wir sind nur auf der Durchreise hier in Marseille“, sagte Herr von Succo. „Wollen morgen mit der ‚Holstein‘ nach Alexandrien.“

„Ich dito.“

Freudige Überraschung. Man war nun sofort vertrauter miteinander. Herr von Stangenberg musste mit am Tische Platz nehmen. Gleich im ersten Gespräch ergab sich: er hatte einer Gutserbschaft halber vor zwei Jahren seinen Abschied aus dem Heere genommen.

„Ich setze voraus, meine Gnädigste: Hochzeitsreise?“ fragte er dann lächelnd.

Sie schüttelte den Kopf und wandte sich ihrem Gatten zu. „Gustl, ist es nicht schrecklich?“

Der bemerkte leicht belustigt: „Von diesem Verdacht können wir uns nämlich schon seit drei Jahren nicht reinigen.“

„Ich bin zerschmettert und nehme alles zurück. — Und so lange wär’s also schon her, dass wir uns nicht getroffen haben, Herr von Succo?“

„Es war beim Manöver in Ostpreussen.“

„Richtig. Ich erinnere mich genau.“

„Lüneburg — der Kommandeur — ist ein entfernter Vetter von mir.“

„Ei, jawohl, der lange Lüneburg. Sie lagen in Lasditen, dicht bei meiner Klitsche, ein halb Dutzend Stäbe, und an ein paar wonnigen Abenden mit Froschkonzert und ostpreussischem Maitrank gab’s die landesüblichen Dauerskate.“ Er lachte. „Wobei der lange Lüneburg sowohl Ihnen als mir eine Unmenge Zechinen abknöpfte.“

„Stimmt.“

„So, nun bin ich im Bilde. — Ja, gnädige Frau, Ihr Herr Gemahl musste die Sache nämlich immer erstens vom juristischen, zweitens vom moralischen und drittens vom vetterlichen Standpunkt aus beleuchten. Wir haben uns über seine Stegreifreden köstlich amüsiert.“

„Gustl, nein, sieh mal an, beim Militär hast du im Verdacht eines Humoristen gestanden?“ neckte Frau Jutta.

„Im Zivilleben nicht, meine Gnädigste?“

„Oh! Die Würde des Amtes!“ Sie nahm eine drollig kummervolle Miene an. „Und gar — seitdem mein Mann Oberstaatsanwalt geworden ist!“

„Ober —?! Hm. Ja, was verlangen Sie auch?“ Er ging auf die muntere Tonart der jungen Frau mit Laune ein, wandte sich dann aber mit wohlwollendem Staunen an den Juristen: „Übrigens scheint mir das eine Beförderung im Sturmschritt. Nicht?“

„Allerdings ist’s etwas rascher gegangen, als ich erwarten durfte. Hab’ mich natürlich riesig gefreut. Es galt aber heillos viel Arbeit zuvor.“

„Womit die jungen Ehefrauen nicht immer völlig einverstanden sind, wie?“ Der ehemalige Rittmeister kniff ein Auge zusammen.

Jutta lachte. „Gottlob sind wir jetzt nach Berlin versetzt. Denn die letzten Jahre in Schneidemühl — furchtbar. Nicht, Gustl?“

„Wir sind dafür auch mit einem fürstlichen Urlaub belohnt: zehn Wochen.“

„Das lässt sich hören. — Familie lassen Sie zu Hause nicht zurück, gnädige Frau?“

„Nein.“ Sie sagte es hastig. Es entstand darauf eine kleine Pause. Jutta hatte den Blick zur Seite nach dem Mastenwald gewandt.

Stangenberg tat seine anscheinend ungeschickte Frage leid. Er suchte den Eindruck rasch zu verwischen. „Gedenken Sie auch die übliche Nilfahrt bis Luksor und Assuan zu machen?“

Jutta war nicht bei der Sache. Irgendeine Gruppe zerlumpten Volks draussen fesselte ihre Gedanken: es waren schon mehrmals Bettler vorbeigestrichen, darunter auch ein junges Ding, kaum sechzehn Jahre alt, mit einem nur notdürftig bekleideten Baby. Juttas Blick wanderte mit dem kleinen Wesen mit; es trat dann eine wachsende Spannung in ihren Ausdruck. Sie vernahm die weitergehende Unterhaltung der beiden Herren schliesslich nur noch wie aus der Ferne.

„Mein Reiseplan hält vorläufig bloss Kairo fest. Und natürlich das Fajum.“

„Fajum ist auch mein Fall. Wie legen Sie die Strecke, Herr von Succo? Im März soll’s schon bomben heiss dort sein.“

„Anfang März will erst noch mein Schwiegervater zu uns stossen. Kapitän Plaschke vom Lloyd — er hat eine Auslandsinspektion und ist viel auf Reisen. Wir haben jetzt die Riviera hinter uns: Mentone, Monte, Nizza, Cannes.“

Succo hatte den Ton etwas erhoben, sprach auch rascher und schärfer, um seine Frau zur Sache zurückzubringen.

Aber sie hörte nicht. Ihr Blick hatte sich an die junge Mutter geklammert, die mit gesenktem Kopf draussen wieder über den Platz schlich. Es war, als ob den grossen Augen Juttas eine magnetische Kraft innewohnte, denn das Mädchen blieb jetzt plötzlich stehen und sah die fremde Dame scheu an.

„Gib ihr was, Gustl“, sagte Jutta leise.

Dicht bei der Veranda stand ein Polizist. Wohl lediglich diesem streng dreinblickenden Posten war es zuzuschreiben, dass die Gäste an der Strasse bis jetzt unbehelligt geblieben waren. Der Beamte musterte die still Dastehende ziemlich drohend.

„Hier darf anscheinend nicht gebettelt werden“, sagte Herr von Succo, dem jedes Aufsehen peinlich war. Er wollte seiner Frau einen Wink geben, aber sie starrte noch immer wie in einem Bann die Fremde und das Kind an.

„Gib ihr doch was, Gustl“, bat sie noch einmal, dringlich flüsternd, „sie bettelt ja gar nicht.“

„Bloss mit den Augen“, meinte der Rittmeister a. D. und griff lächelnd in die Tasche.

„Jutta!“ Succo suchte seine Frau zu beschwichtigen, da sie sich jetzt plötzlich erhob: offenbar wollte sie das Mädchen heranrufen. „Da draussen steht der Polizist. Pass auf, es setzt Unannehmlichkeiten, und dann bist bloss du schuld.“

„Die Augen von den beiden. Sieh doch nur. Was da drinsteht. Der Jammer. Der Hunger. Und wir sitzen hier, es geht einem gut, und man soll das Elend still und stumm mit ansehen.“

„Jutta, ich bitte dich. Nur nicht gleich so aufgeregt. Alle sehen schon her. Setz dich doch. Wir schicken ihr ein Frankstück hinaus, und damit holla.“

„Sie ist selbst noch ein Kind, die Mutter. Ach, Gustl, sieh nur, und die Kleine, wie die mich anguckt. Das arme Puttchen. Ach nein, Gustl, nicht bloss ein Frankstück. Bitte, bitte.“

Von allen Nachbartischen aus beobachtete man die Szene. Jutta hatte sich über das Blumengeländer gebeugt und suchte sich mit dem Mädchen zu verständigen. Sie wollte erfahren, wieviel Wochen das Baby zählte. Die Antwort war aber nicht zu verstehen. Der Rittmeister von Stangenberg meinte, es wäre gar keine Französin, sondern eine Andalusierin. Jutta hielt im Unterhandeln ihre rechte Hand hinter sich ihrem Gatten zu. Fast gleichzeitig legte jeder der beiden Herren eine grössere Silbermünze hinein. Jutta reichte der Fremden das Geld. Die nahm es mit hastiger Gebärde — und im nächsten Augenblick schoss sie davon, wie auf der Flucht vor dem Polizisten, der sich indessen schon wieder gleichgültig abgewandt hatte.

Nun setzte sich die junge Frau und lächelte still vor sich hin. „Es war noch nicht acht Wochen, sicher nicht. Aber wie’s mich angeguckt hat ...“

Herr von Succo nahm das Reisethema wieder auf, vielleicht etwas zu hastig, so dass man merkte, er wollte die Unterbrechung schleunigst vergessen machen. Er hatte ja immer zu zügeln, zu beschwichtigen und zu mässigen bei seiner Frau. Sie war ganz Nerv, ganz Temperament. Fortgesetzt arbeitete ihre Phantasie. Sie rieb sich damit vorzeitig auf, meinte er. Der Arzt hatte ihn auch schon gewarnt. Sie war achtzehn Jahre gewesen, als er sie geheiratet hatte. Ein Kind war zur Welt gekommen, aber nach wenigen Wochen gestorben. Er hatte damals viel mit ihr durchgemacht. Alles in ihr strebte nach Betätigung. Und ganz von ihren Stimmungen abhängig, setzte sie sich dabei auch manchmal über die Schranken hinweg, die ein ungeschriebenes Gesetz den Frauen der höheren Beamten zog.

„Nanu, Jutta, wo ist denn dein Armband?“ fragte er plötzlich.

Die junge Frau hob die Linke — suchte dann erschrocken auf ihrem Schoss, rückte den Stuhl zurück und stand auf — und auch die beiden Herren erhoben sich und begannen zu suchen. Sofort war ein Kellner zur Stelle. In der ersten Erregung — denn das Armband hatte grossen Wert — fand sich Succo nicht in die französische Ausdrucksweise hinein. Jutta half aus.

„Ich hab’s noch vorhin selbst gesehen, gnädige Frau“, bestätigte Stangenberg. „Ein goldenes Kettenarmband mit einem gefassten Brillanten, nicht wahr?“

„Das Mädel hat’s!“ stiess Succo aus. Nur eine Sekunde überlegte er. „Pardon!“ sagte er dann so kaltblütig, als es ihm möglich war, knöpfte seinen Rock zu und trat auf die Strasse.

Er schien die Gestalt noch im Gewühl zu erkennen, denn mit einem Male gab er sich einen Ruck und eilte davon.

Auf Stangenbergs Anordnung wurde der Direktor des Restaurants herbeigerufen. Wiederum gab’s eine Absuchung des Platzes — wiederum erfolglos.

Jutta sass mit einem Armsündergesicht da. Ihr Nachbar bemühte sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. „Sie haben wohl Angst vor Schelte?“ neckte er.

„Wenn er die Ärmste bloss nicht findet!“ sagte Jutta.

Dieser Gedankengang wirkte auf ihn so verblüffend, dass er zunächst sprachlos war: — sie sorgte sich also nicht um das Armband, sondern darum, dass die Diebin ertappt werden könnte. Das war originell.

Der Direktor hatte inzwischen den Polizisten unterrichtet. Der kam herein, und ein Herr aus der Nachbarschaft nahm an der Darstellung der Sachlage hilfreichen Anteil, weil die beiden Ausländer das Französisch der Zwischenfragen des stark nach Knoblauch duftenden Beamten nicht verstanden.

Da — mitten im Gewühl des Platzes — ein plötzliches Anschwellen des Lärms in einer der Gruppen. Ein zweiter Polizist schob im Geschwindschritt rechts die junge Bettlerin mit dem Kind, links einen halbwüchsigen Stiefelputzer vor sich her. Der Junge schluchzte — das Mädchen sah mit leerem, scheuem Blick vor sich hin.

„Da sind sie!“ stiess Jutta erschrocken aus.

In demselben Augenblick kam Herr von Succo eilig zurück. „Verzeihung für die Störung, Herr von Stangenberg. Darf ich Sie bitten, meiner Frau noch ein Viertelstündchen Gesellschaft zu leisten?“

„Mit Vergnügen, selbstverständlich. Und wie liegt der Fall?“

„Sie arbeitet wohl gemeinsam mit dem Bengel, die Kleine. Das soll ihr Bruder sein. Schon mal bestraft. Der Polizist kannte ihn. Als ich kam, teilten sie gerade das Geld. Aber das Armband war schon heidi. Haben sie sicher geschwind ’nem Dritten zugesteckt.“

„Dann lass doch, Gustl.“

„Wieso lass doch? Das wäre ja noch schöner, Kind!“

„Sonst willst du immer nicht, dass Aufsehen gemacht wird. Und jetzt bitte ich dich. Wirklich, Gustl.“

Ihr Gatte hatte schon wieder seine volle Überlegenheit zurückerlangt. „Nein, meine liebe Jutta, das ist für mich nun Berufssache.“

Stangenberg zwang sich zu einem Lächeln. „Ich denke, Sie haben Ferien?“

„I, man muss doch mal feststellen, wie die wackern Marseiller so ’ne Sache anfassen. Ist doch riesig bildend für unsereinen.“

„Lass sie laufen, Gustl, bitte, bitte, mir zuliebe, lass sie laufen!“ Es lag Angst in ihrem Ton.

„Fällt mir nicht ein, Kind. — Aber ich bin gleich wieder da. — Nochmals: mille fois pardon!“

Und weg war er.

„Ist es ein Andenken, gnädige Frau?“ fragte der Rittmeister. Und da sie kurz bejahte: „Ausgeschlossen ist’s ja nicht, dass Sie’s wiederkriegen.“

„Ich will es nicht. Ich werd’s auch nie wieder tragen.“

„Aber meine Gnädigste!“

„Ich kann den schrecklichen Blick nicht vergessen. So leidensvoll. Und das Würmchen — noch nicht acht Wochen!“

„Hm.“

Nach einer Weile begann sie’s zu frösteln. Ob er so gütig sein wollte, sie nach dem Hotel zu bringen, fragte sie. Die Rechnung war schon erledigt, Stangenberg gab dem Kellner noch die erforderliche Weisung und ein Trinkgeld, dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg.

Zweites Kapitel

Das Hotel, in dem das Ehepaar wohnte, lag an der Cannebière, dem Glanzpunkt und Stolz von Marseille, dem grossartigen Boulevard, der vom alten Hafen nordwärts zur Stadt ansteigt. An einem sonnigen, windstillen Tag wie dem heutigen bot sich hier trotz der frühen Jahreszeit ein ganz sommerliches Bild. Vor den Cafés sass man an den kleinen Marmortischen bis weit in die Strasse hinein, die eleganten Marseillerinnen trugen ihre reichen Mäntel von Pelzwerk, Seide und Spitze, ihre Kunstwerke von Hüten und ihre Silberfuchs- und Hermelinschwänze zur Schau. Herren, eine Blume im Knopfloch, flanierten auf dem breiten Asphalt. Bei aller Geschäftigkeit, bei allem Lärm vor der Börse, vor den Kaufhäusern, vor der Grossen Oper, sah man doch an tausend Einzelheiten die Genussfreude dieses Volkes.

Aber Jutta fand sich in die Reiselaune, dies alles in sich aufzunehmen, nicht mehr hinein.

Stangenberg war ein weltgewandter Mann. Er erzählte unterwegs von seiner Herfahrt und verlangte gar nicht, dass die junge Frau mitsprach. Aber er beobachtete sie, denn sie fesselte ihn lebhaft. Sie war mädchenhaft schlank. Nur das Oval des Gesichtes verlieh ihrer noch herben Erscheinung einen weicheren, frauenhafteren Zug. Und — „in den Augen hatte sie’s“. Eine Durchschnittsfrau war sie jedenfalls nicht, das stand für ihn fest. Succo mochte sich vielleicht gesagt haben, dass es für einen Mann Ende der Dreissig im ganzen bequemer wäre, so ein blutjunges Ding zu heiraten. Man konnte sich seine Frau dann erziehen. Aber Stangenberg, in der Hinsicht erfahren, meinte bei sich: die würde ihm wohl noch manche Nuss zu knacken geben, die seltsam nervige, wenn nicht leidenschaftliche junge Frau. Er persönlich hatte ja auch schon seinen Roman erlebt: hatte sich nach nur zweijähriger Ehe scheiden lassen müssen.

In der Hotelhalle angelangt, versprach er, ihren Gatten zu erwarten. Sie fuhr also im Aufzug zu ihrem Zimmer empor, und er setzte sich mit einer Pariser Zeitung und einer Zigarette in einen Schaukelstuhl.

Als Succo ein halbes Stündchen später ankam — der Kellner des Fischrestaurants hatte ihm die Meldung richtig übermittelt — war er noch ganz erfüllt von dem Erlebnis auf der Polizei.

„Zustände sind das hier“, sagte er lachend, „einfach vorsintflutlich. Von Protokoll und so was keine Spur. Und das Spitzbubenvolk wird mit einer Höflichkeit behandelt — die reine Lustspielszene, sag’ ich Ihnen.“

„Hat das Mädel gestanden?“

„I bewahre. Ganz verstockt. Steht da und glotzt mich an, ordentlich gross und von oben her, dann weint sie wieder ein bisschen — na ja! Und der Junge weint mit. Schliesslich auch noch ihr Gör. Richtige Verhandlung wie bei uns, mit Personalien und so, scheinen sie gar nicht zu kennen. Das ist wieder ganz der feminine Zug in diesem Volk: weil sich’s um so’n Mädel handelt, bisschen hübsch ist sie ja auch noch, da schlagen sie ganz andere Saiten an als bei uns in solchem Falle. Nein, diese Franzosen — eine zu ulkige Gesellschaft!“

„Hat man das Pärchen denn schliesslich an die Luft gesetzt?“

„Na, das trauten sie sich denn doch nicht. Vorläufig bleibt das edle Paar mal eingesponnen.“

Auf Succos Einladung hin erklärte sich der Rittmeister gern bereit, den Rest des Tages in der Gesellschaft seiner Landsleute zu verbringen. Die Herren einigten sich, zunächst einen Wagen zu mieten, eine Spazierfahrt auf der Corniche, der Strasse am Golfufer, zu machen und später am Korso auf dem Prado teilzunehmen. Es blieb dann noch Zeit, sich zum Essen umzuziehen. Für den Abend bestellte man am besten Plätze in der Grossen Oper. Es wurde „Carmen“ gegeben.

Während der Spazierfahrt wurde das leidige Abenteuer nicht mehr besprochen. Von seinem schneidigen Eingreifen auf der Polizei hatte Herr von Succo oben im Hotelzimmer seiner Frau schon eine kurze Schilderung gegeben. Sie hatte darauf geschwiegen.

Unterwegs schien sich Jutta wieder ganz dem Zauber dieses gesegneten Fleckleins Erde hinzugeben. Man fuhr am Meere entlang und hatte immer den Blick auf die seltsam gezackten Felseninseln, die dem Golf vorgelagert waren. Die Herren vertieften sich mehr und mehr in jenen Gedanken- und Personenkreis, den sie in Deutschland zurückgelassen. Alles in allem verlief die Fahrt sehr angeregt. Auf dem Prado, wo von den Korsoteilnehmerinnen die unmöglichsten Hutformen zur Schau getragen wurden, gab es auch allerhand Lustiges zu beachten, was ihre Stimmung immer fröhlicher machte. Stangenberg war jedenfalls der Meinung, dass der kriminelle Zwischenfall nun endgültig vergessen sei.

Das Ehepaar sprach von der Angelegenheit erst im Hotel wieder, als Jutta ihre Toilette für den Opernbesuch beendigt hatte. Es war eine duftige Crêpe de Chine-Robe mit mehreren breiten Volants, das Staatsstück ihrer Reiseausstattung. Trotz den langen Handschuhen fehlte ihr etwas am linken Handgelenk. Sie griff, vor dem feierlichen grossen Spiegel stehend, unwillkürlich mit der Rechten dahin. Er sah die Bewegung und nickte.

„Nun sag mal, Kind“, hub er in versöhnlichem, fast etwas väterlichem Ton an, „warum hast du mir da bei Basso-Brégaillon heut mittag eigentlich so ’ne Geschichte gemacht, hm?“

Sie hob die Schultern und liess sie wieder sinken. Alles Festliche war sofort aus ihrem Ausdruck gewichen. Eine tiefe Traurigkeit teilte sich ihren Zügen mit.

„Kann man für Erinnerungen?“

„Erinnerungen — wieso? Überhaupt, man darf sich doch nicht gleich so hinreissen lassen.“

„Ich wollte der Ärmsten bloss was geben, weil — nun ja, weil sie das Baby hatte.“

„Es war eine ganz scheussliche Person, will ich dir sagen, Hafengesindel unterster Sorte. Damit sollst und darfst du dich nicht einlassen. Du bist mir zu gut dazu. Deinen Denkzettel hast du ja weg. ’s war nicht nur eine — eine ... na, eben aus der Hefe ... sondern auch noch glatt Diebin. Der Bruder mehrfach vorbestraft. Na, und an so was verschwendest du dein Mitleid. — Und das Armband“, setzte er lächelnd hinzu.

Sie hatte sich auf das Ende der mit Seide überzogenen Couch gesetzt. Es fror sie wieder. Sie kreuzte die Arme über der Brust und suchte die Oberarme mit den Händen zu wärmen. Für ein paar Augenblicke wirkte sie in dieser Haltung wie ein Schulmädchen, das ausgezankt wird. Aber in ihrer Stimme zitterte ein Unterton.

„Ich hatte Mitleid mit ihrem Kind, Gustl“, sagte sie gequält. „Ist so ein armes, verkümmertes Wesen verantwortlich für seine Mutter? — Und auch gar noch für den Onkel? — Du bist so hart diesen Leuten gegenüber.“

Er war zu ihr getreten und tätschelte sie auf den Nackenausschnitt. „Macht der Beruf. Ein Jurist blickt eben schärfer.“

„Aber das Wesentliche hast du doch nicht gesehen, Gustl, wie?“ Sie liess die Arme sinken und starrte ins Leere. „Es hatte die Augen von Hansheinrich, das Kleine.“

„Jutta! Aber nein — so ein Vergleich!“

„Ja, seine dunklen Augen, gross und fragend, und mit dem seltsam goldigen Schein. Und dabei so was im Blick, dass man fühlt, es lebt nicht lange.“

„Nein, nein, nein, nein. Ich verstehe dich nicht, Kind, nun rührst du all das wieder auf.“

„Glaubst du, dass ich’s je vergessen werde?“ Langsam löste sich erst links und dann rechts eine Träne aus ihren Augen. Sie liess sie hinunterrollen, ohne die Hand zu heben. „Und wenn ich mir nun vorstelle, sie haben meinetwegen die Mutter mitsamt dem Kind auf der Wache behalten, eingesperrt, über Nacht ...“

Er sah ihr tief ins Gesicht und erschrak über ihren Ausdruck, zwang sich aber dazu, sie herzhaft auszulachen. „Nein, Kind, was bist du mal wieder sentimental. Das ist meine lustige, flotte, burschikose, verwöhnte Jutta? Mit dem neuen Hut aus Nizza? Mit dem Spielteufelchen im Leib, he, von Monte Carlo? Na warte, du!“

Sie schluckte ihre Tränen hinunter und stand auf. „Ja, ich hab’ eigentlich gar kein Recht. Bin ja selbst so ein leichtsinniges Geschöpf.“ Sie sagte das schon wieder in hellerem Ton, von den paar Erinnerungen sofort gefesselt. „Aber siehst du: lieb wär’s eben von dir gewesen, wenn du mir die Bitte erfüllt hättest.“

„Hm. Sie laufen zu lassen?“

Sie nickte heftig.

„Gut. Also das nächste Mal. Wenn du das neue Armband verlierst.“ Er war neben sie getreten und hatte sie untergefasst. Gutmütig setzte er hinzu: „In Kairo kauf’ ich dir’s.“ Er küsste sie, ihren Kopf zurückbeugend, auf den Mund. Sie presste aber die Lippen fest zusammen. „Du, willst du wohl! Ich sammle feurige Kohlen auf dein Haupt, und du bleibst so ein Eiszapfen?“

Sie entwand sich ihm und nahm hastig den Abendmantel um. „Es ist schon Zeit. Herr von Stangenberg wartet.“

„Eigentlich schade. Hier wär’s nun doch riesig gemütlich gewesen. Weisst du, wie an dem Abend in Wiesbaden vor drei Jahren: da liessen wir auch das Kurkonzert und ... Weisst du noch?“

Auf diese Erinnerung an die Hochzeitsreise ging sie nicht ein. Und nun wusste er: sie schmollte.

„Kratzbürste!“ sagte er, während sie das Hotelzimmer verliessen.

Beim Essen und in der Oper wirkte sie wieder sehr verführerisch auf ihn. Sie sah heute abend vorzüglich aus. Übrigens lenkten sich viele Operngläser auf sie. Auch Stangenberg fand, dass sie den Vergleich mit all den herausgeputzten, juwelenbeladenen Logenschönheiten der Marseiller Welt nicht zu scheuen brauchte. Es lag ein besonderer Stil in der feinen und rassigen jungen Person.

Der Oper „Carmen“, die von mittelguten Sängern gegeben wurde, folgte ein hervorragend schönes Ballett. Die Vorstellung war erst kurz vor ein Uhr aus. Es galt, danach rasch ins Bett zu kommen, denn um acht Uhr spätestens musste man sich erheben.

Jutta hatte in ihrer lebhaften, sprühenden Art an allem teilgenommen. Ihr Gatte hielt die Verstimmung von zuvor also für überwunden.

Als sie in ihrem Hotelzimmer angelangt waren und das Licht aufgedreht hatten, nahm er sie wie in einem Überfall plötzlich in seine Arme, trällerte ein Motiv aus „Carmen“ und versuchte mit ihr ein paar Schritte zu walzen. Solche Anwandlungen hatte er selten — Jutta war aber immer mit Humor darauf eingegangen und hatte die Stimmung durch ihr dunkles, zärtliches Organ und ihr warmes, melodisches Lachen rasch gesteigert.

„Gustl!“ entfuhr ihr’s jetzt in jähem Schreck. Sie deutete mit weit ausgestreckter Hand auf den Stuhl an der rechten Seite des grossen Doppelbettes. Über der Lehne hingen dort die Kleider, die sie vor dem Abendessen abgelegt hatte. Und von einer schwarzen Spitzenzacke des untersten Volants hing ein goldenes Kettchen herab. Mit zwei Sätzen war sie dort, kniete nieder und hob den blitzenden Gegenstand auf. Es war ihr Armband. Es hatte sich fest in die Spitze verwickelt. Sie brachte es nicht los, ohne ein paar Fäden zu zerreissen.

Verdutzt war er ihr gefolgt. „Na, da hört ja alles auf. Wie kommt es dahin?“

Sie hatte sich ihm zugewandt. In der ersten Erregung vermochte sie kaum zu sprechen. „Da ist es — sie hat es also doch nicht ... Ach Gott, ach Gott!“

„Nun bloss nicht gleich wieder nervös, liebe Jutta, das bitte ich mir aus“, sagte er gereizt, „die Sache hat mich schon genug geärgert.“

Sie schluckte. „Nein, nein, keine Vorwürfe, es ist eben bloss ein schrecklicher Irrtum gewesen.“ Hastig steckte sie die Kette in die Tasche ihres Reisemantels. „Wir wollen nur gleich hingehen, komm, Gustl, am besten gar nicht erst ablegen.“

„Wohin gehen?“

„Nun, auf die Wache natürlich.“

Er lachte kurz auf. „Wie denkst du dir das? Ein Viertel nach ein Uhr?“

„Wir müssen sie bitten ... Wie kann man’s nur wettmachen? ... Ach, es ist ja so schrecklich!“

„Erlaube mal, Kind, du stellst dir in allem Ernst vor, dass man sie jetzt, mitten in der Nacht, herausholen wird?“

„Ja, hättest du denn Ruhe — auch nur eine Sekunde lang?“

„Aber gewiss. Vorläufig schläft die Gesellschaft. Hat wenigstens ’ne Pritsche unter sich, ein Dach über sich und ist so vielleicht besser aufgehoben als sonst. Morgen beizeiten geh’ ich hin, melde die Geschichte, man schenkt ihnen was, und damit holla.“

„Das — ist eine seltsame Auffassung.“

„Die logische und praktische. Allerdings.“

„Sie ist aber falsch.“

„Liebes Kind: der Jurist bin doch schliesslich ich. Nicht wahr? In solchen Dingen musst du schon mit meinen Entscheidungen zufrieden sein.“

„Ich muss?“ Die Tränen traten ihr in die Augen. „Ja, freilich, du hast recht. Als Frau ist man wehrlos.“

„Na, höre mal, Kind, wir werden doch nicht um ein Uhr in der Früh solchen Unfug ... Richtig, nun schmollst du wieder.“

„Ich schmolle nicht, Gustav. Es ist mir nur schmerzlich, dass wir jedesmal uneinig sind, wenn sich’s um mehr als eine Nummer unseres Zeitvertreibs handelt.“

„Kommt daher, dass ich dir in allem die Vorhand und die Entscheidung lasse — bloss in dem nicht, wofür ich als Mann verantwortlich bin.“

Im Mantel setzte sie sich auf den Stuhl am Bett. Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Er legte nun ab und zog seine Uhr auf. „Jutta, sei verständig. Es ist ein Uhr zweiundzwanzig.“ Er gähnte leicht. „Offen gestanden bin ich auch ehrlich müde.“

„Ja so.“

Nun kam er lachend rasch auf sie zu und umfasste von rückwärts mit der Linken ihr Kinn. „Du bist ja so reizend in deiner Entrüstung. Wahrhaftig, man müsste dich immer ein bisschen ärgern. Was?“ Er küsste sie, er suchte unter Lachen zu ersticken, was sie erwiderte. Aber als er ihr ins Auge sah, verflog seine Stimmung sofort. „Du willst nicht — eh bien.“

Sie gingen zur Ruhe, ohne einander gute Nacht zu sagen.

Er schlief sofort ein. Aber sie wachte noch lange und sah mit nassen Augen in die Dunkelheit. Das ganze Mitleid ihres Herzens weilte bei der unglücklichen jungen Mutter und ihrem Kind in der Arrestzelle. Und im Fortschreiten der Nacht ward das Bild des armen kleinen Wesens dem ihres verstorbenen Kindes immer ähnlicher.

Noch nie hatte sie sich ihrem Manne so fremd gefühlt wie in diesen Stunden.

Drittes Kapitel

Der deutsche Luxusdampfer, der den Verkehr von Marseille nach Ägypten vermittelte, lag an dem Riesenpier des Hafens von Joliette. Er ragte mit seinen beiden gelben Schornsteinen hoch empor über die ganze Flotte, die den grossen Hafen füllte.

Die gewaltigen Masse des Dampfers hatten für die am Morgen der Abfahrt am Hafen eintreffenden Reisenden etwas ungemein Beruhigendes. Der Himmel war bedeckt, ein kalter Wind fegte durch die Strassen, und die Hotelportiers weissagten den Mistral: die Aussichten auf eine glatte Überfahrt waren im Schwinden begriffen.

Auch Succo und der Rittmeister betrachteten das Schiff, als ihre Wagen in die lange Zollhalle einfuhren, mit einer gewissen Genugtuung.

Gespräche über die Seekrankheit herrschten in den meisten Gruppen der Ankömmlinge vor. Jutta stellte das fest, während sie mit auf die Einschiffung des Gepäcks wartete.

„Sie sagen das so siegessicher, gnädige Frau. Sind Sie selbst seefest?“

„Ich war’s wenigstens als junges Mädchen. Papa hat mich oft mitgenommen. Kattegatt, Skagerrak und Kanal, bei bewegter See wären das die Kostproben, meinte er.“

„Ich werde seekrank, wenn ich bloss die Namen höre. Wie gedenken Sie sich auf dem Sprung nach Afrika zu verhalten, Herr von Succo?“

„So tapfer als irgend möglich. Da meine Frau eine halbe Seeratte ist, bin ich ja sozusagen dazu verpflichtet.“

Jutta lachte. Sie war schon wieder in guter Stimmung. Hier fühlte sie sich ganz in ihrem Element. „Dabei sündigst du fortgesetzt gegen Papas allererstes Seemannsgebot, Gustl.“

„Was ist das für eines, gnädige Frau?“

„Von der Seekrankheit nicht sprechen — nicht einmal daran denken.“

„Na ja, Papa als Teerjacke hat gut Ratschläge erteilen! — Meinen Schwiegervater müssen Sie nämlich kennenlernen, Herr von Stangenberg. Famoser alter Herr. Die Menschheit zerfällt für ihn in Seefeste und Nichtseefeste; damit Schluss.“

Das Gedränge in der grossen Halle war immer stärker geworden. Jutta schlug also vor, lieber dem jungen Schiffsoffizier, der das Verstauen des Gepäcks überwachte, die Verantwortung für die Einschiffung ihrer Koffer zu überlassen. Es hatte sich ein ganzer Berg in der Halle angesammelt, und der Gepäckkran war in fortwährender Tätigkeit. So wanderten sie denn über die steil zum Deck emporführende Brücke an Bord. Hier nahm sie der Obersteward in Empfang und gab ihnen Führer zu ihren Kabinen. Die des Ehepaares hatte die beste Lage: am oberen Promenadendeck.

„Sie haben wohl die Staatskabine bekommen?“ fragte der Rittmeister, grosse Augen machend. „Ja — wer den Papst zum Vetter hat.“

Jutta schüttelte lachend den Kopf. „Nein, denken Sie, Papa wollte selbst uns die Fahrkarten besorgen und uns bei der Direktion eine Ermässigung erwirken, aber hier dieser Mann der strengen Grundsätze war nicht zu bewegen, sie anzunehmen.“

„Na, Prozente nehme ich nu ziemlich skrupellos“, sagte Stangenberg. „Und vorhin im Hotel bei der Rechnung hab’ ich sie sogar gefordert. Schlankweg. Als Offiziervereinsmitglied.“

„Siehst du, siehst du. Gustl!“

Succo schaute nur auf, ohne etwas zu erwidern.

„Na, armes Luder wie unsereins“, fuhr Stangenberg schmunzelnd fort, „muss sich eben durchs Kommissbrot durchbeissen, so gut es geht. — Hier an Bord hab’ ich nämlich bloss einen Platz im Hauptdeck belegt. Das ist um ein paar Stockwerke tiefer, aber auch um mindestens zweihundertundfünfzig Meter billiger.“

Sie lachten und verabredeten ein Wiedersehen vor dem Gabelfrühstück, um sich Tischplätze nebeneinander anweisen zu lassen. Dann begaben sie sich zum Auspacken des Handgepäcks in ihre Kabine.

„Darin verstehe ich den Rittmeister nicht“, sagte Succo, in dem eleganten, geräumigen Salon sich umblickend, der mit grossem Kleiderschrank, bequemer Waschtoilette, Tisch und zwei Betten versehen war. „Hauptdeck ist nicht viel besser als zweite Klasse.“

„Dort wohnen ja auch Menschen, Gustl.“

„Hm. Eben. Die sich zweiter Klasse einschätzen.“

„Nein, Gustl, wenn man dich so hochmütig reden hört. Du sagst das alles bloss, um mich zu ärgern.“

„Erlaube, Schatz. Gewisse Schranken muss es nun doch mal geben. Stangenberg wird das auch noch am eigenen Leibe erfahren.“

„Wieso?“

„I, natürlich schläft er in seiner Kabine nicht allein, sondern er teilt sie mit einem andern Herrn, der ebenso billig reisen will. Wen bekommt er da also als Reisegenossen? Vielleicht den Kammerdiener eines amerikanischen Schweinespeckkönigs.“

„Vielleicht muss sich Stangenberg wirklich einschränken?“

„Es ist purer Geiz.“

„Meinst du? Dann verständ’ ich’s freilich nicht.“ Jutta selbst besass eine offene Hand, und sie hatte an diesem Morgen auch ihren Gatten wieder einmal als sehr freigebig kennengelernt, was sie mit vielem aussöhnte. Als „Schmerzensgeld“ nämlich für die unnötigerweise unter falschem Verdacht auf der Polizeiwache verbrachte Nacht hatte dem Polizeimeister ein blankes Zwanzigfrankenstück als durchaus ausreichend für die beiden unglücklichen Arrestanten erscheinen wollen. Succo war aber anderer Meinung; er hatte seiner Brieftasche schon zwei Hundertfrankenscheine entnommen, die er dem Geschwisterpaar ohne Wimpernzucken einhändigte. Diese reiche Gabe wandelte die Szene sofort von Grund aus: der Verdacht, die ungemütliche Nacht, die Angst der beiden waren vergessen, und Succo konnte als der grosse Wohltäter vom Platze scheiden, mit südländisch lebhaften Dankesbezeigungen überschüttet. Seine Schilderung dem Rittmeister gegenüber war in ihrer Selbstironie so drastisch, dass auch der letzte Rest Sentimentalität in Juttas Teilnahme schwinden musste. „Im Grunde ist er eben doch ein guter Kerl“, sagte sie zu sich. Bei aller Korrektheit, die von einer gewissen Engherzigkeit nicht frei war, bewies ihr Gatte oftmals einen durchaus ritterlichen Zug. Geizig war er jedenfalls nicht. Häufig mahnte sie selbst, obwohl sie sich auch daheim nicht einzuschränken brauchte, zu grösserer Sparsamkeit. So hatte sie’s ihrem Manne als übertriebenes Selbstbewusstsein ausgelegt, dass er als Staatsbeamter von einer Privatgesellschaft keine Vergünstigung entgegennehmen wollte. Er nannte das aber bloss: sein stark ausgeprägtes berufliches Taktgefühl. In derlei Fragen fochten sie öfters einen kleinen Strauss aus.

Nachdem sie sich in der schwimmenden Wohnung, die sie nun für fünf Tage beherbergen sollte, alles zurechtgelegt hatten, begaben sie sich auf einen Spaziergang durchs Schiff.

Es war sehr bequem eingerichtet, der Gesamteindruck der ersten Klasse war geradezu glänzend. Der Speisesaal, das Damenzimmer, der Musiksalon hatten mächtige Ausdehnung, eine in altdeutschem Stil eingerichtete Schenke bildete jetzt schon den Sammelpunkt einer stattlichen Herrenrunde, die internationale Gesellschaft war höchst elegant. Es war ein Damenfriseur an Bord, eine kleine Druckerei, ein Rasiersalon, und nun baute sich auf dem Promenadendeck auch schon die von zwanzig Stewards in blauem Matrosenanzug gebildete Musikkapelle auf.

Rasselnd lief die Kette des grossen Krans auf dem Achterdeck über die eiserne Rolle, der mächtige Haken hob die grössten Koffer auf und liess sie im Gepäckraum verschwinden. In das Poltern und Klirren mischte sich das Rufen aufgeregter Reisender, die Dampfpfeife gab in tiefem Dreiklang ein unheimlich dröhnendes Zeichen, das man kilometerweit hören musste.

Schlag zwölf Uhr wurde der Anker aufgewunden, und eine kleine Dampfbarkasse, die neben dem Riesendampfer wie ein Liliput wirkte, spannte sich vor, um die „Holstein“ aus dem Hafen von Joliette in den grau und farblos daliegenden, von einem leisen Blasius gekräuselten Golf hinauszuschleppen. Die Musik spielte die Marseillaise, darauf das Deutschlandlied und zum Schluss: „Muss i denn, muss i denn zum Städtle hinaus.“

Jutta hatte auf eigene Faust den Bummel durchs Schiff weiter ausgedehnt, während ihr Gatte beim Zahlmeister geschäftlich in Anspruch genommen war.

Er suchte sie hernach lange. Auch Herr von Stangenberg beteiligte sich daran.

Sie stellte sich erst auf den Ruf, der die Gesellschaft zum Gabelfrühstück sammelte, im Speisesaal ein.

„Oh, Gustl, an Bord weiss ich Bescheid, da kann mir nichts geschehen. Ich bin auch drüben in der dritten Klasse gewesen. Denk nur, da ist ein französischer Koch, der reist nach Assuan, ein Witwer, und er hat seine drei kleinen Mädelchen mit, eine ist vier, die andern sechs und sieben Jahre. Und eine italienische Truppe; die will in Kairo Varietévorstellungen geben. Wie lustig das dort zugeht. Aber auch eine schwächliche junge Frau. Ihr Mann hat in Alexandrien eine Stellung als Kutscher. Sie reist ihm nach, fürchtet sich aber so schrecklich vor der Seereise. Na, ich hab’ ihr Mut gemacht, und da ist sie ordentlich aufgetaut.“

Der Landsmann wunderte sich über ihren Tatendrang und ihre vielseitige Teilnahme. Succo seufzte: „Natürlich — die dritte Klasse ist wieder das nächste, worüber du dich unterrichten musst.“

„Sie ist unterhaltender als die erste, lieber Gustav.“

„Eine Varietétruppe reist bei uns allerdings nicht mit.“

„Brummbär!“ sagte sie lachend.

Die Herren hatten wegen der Tischplätze schon mit dem Obersteward verhandelt. Sie suchten nun an der Tafel neben der Freitreppe nach ihren Namen.

„Hier — Mister Succo!“ sagte der Rittmeister, auf eines der Kärtchen zeigend, die in der Reihenfolge der Tischplätze in die Tafel eingesteckt waren. „Aber da hat der wackere Beamte nun doch Verwirrung angerichtet, wie mir scheint. Sie sitzen dieser Schlachtordnung zufolge mitten in einer stockenglischen Gesellschaft.“

„Das fehlte noch. Unter Larven die einzige fühlende Brust.“

„Obersteward!“

Der Allmächtige kam sofort näher. „Ich habe Ihnen drei Plätze in der ersten Seitenkoje rechts gegeben. Das ist nahe bei den Fenstern. Sehr beliebter Platz.“

„Auch nicht zu weit von der Tür — wegen etwaigen Verschwindens in Fällen erzwungener Opfer?“ warf Stangenberg ein.

„Aber mein Name steht doch hier. Wie kommt das? — Earl of Westmoreland, Mister Smith, Mister Succo, Mister Brown, Lady Salmour.“

„Oh — das ist Mister Succo aus Kairo. Übrigens von Geburt auch Deutscher. Und ebenfalls ‚von Succo‘.“

„Ein Herr von Succo? Der in Kairo dauernd lebt?“

„Jawohl. Er ist dort Direktor einer Zuckerfabrik.“

„Kann das ein Verwandter von Ihnen sein?“ fragte Stangenberg den Oberstaatsanwalt.

„Nicht — dass ich wüsste ...“

Succo blickte etwas verstört darein. Es war Jutta, als hätte ihr Mann plötzlich die Farbe gewechselt.

Der Obersteward hatte sich suchend umgeblickt. „Da drüben steht er. Der junge Herr, der mit Lady Salmour spricht — Lady Salmour ist die blonde, schlanke Dame neben dem Kapitän.“

Succo zuckte leicht zusammen. „Das ist ja ... hm, hm, das ist ja sehr seltsam.“

Der geschäftige Obersteward wurde von einer andern Gruppe gerufen und wandte sich ab.

„Was hast du, Gustl?“ fragte Jutta verwundert.

„Dieser Herr von Succo — Fritz von Succo — ist nämlich allerdings verwandt mit mir, aber ...“

Der Rittmeister horchte auf. „Fritz von Succo — früherer Regierungsreferendar — etwa der?“

„Jawohl.“

„So sag doch, Gustl.“

„Ich kann das nicht so in der Eile ...“

Jutta blickte forschend hinüber. „Ich sah den Herrn schon vorhin oben an Deck, aber da hört’ ich ihn mit der englischen Gesellschaft sprechen und hielt ihn für einen Engländer.“

„Er hat eher was von ’nem Amerikaner“, sagte Stangenberg. „Bartlos, glatt rasiert, und überhaupt die ganze Haltung.“

„Ja, ja, stimmt. Besonders das energische Gesicht. — Nicht, Gustl?“

„Bitte, sieh nicht so auffällig hin, Jutta“, sagte Succo rasch. „Denn — wir kennen einander nicht.“

Stangenberg hatte einen Blick des Einverständnisses mit Succo gewechselt. „Das Frühstück lässt bitten, meine Herrschaften!“ fiel er lebhaft ein.

Soeben hatten die Stewards in langem Zuge den Speisesaal betreten. Sie brachten das erste Vorgericht. Die Passagiere nahmen ihre Plätze ein. Der grösste Teil des mächtigen Saales war nun bald besetzt. Die Mitteltafel, an der der Kapitän sass, wies keine Lücke mehr auf. An der kleineren Tafel, an der die drei Deutschen ihre Plätze hatten, fand sich nach einiger Zeit noch ein halbes Dutzend Landsleute ein. Deutscher Sitte folgend, stellten sich die Ankömmlinge durch kurze Namensnennung vor. Succo blieb aber während der Mahlzeit sehr zurückhaltend. Jutta war dies gewohnt. Ihr Mann pflegte erst dann aufzutauen, wenn er über neue Bekanntschaften gründlich unterrichtet war. Es gab zunächst immer ein vorsichtig abwägendes Tasten. Erst gegen den Nachtisch hin ward er etwas wärmer: er hatte in seinem Gegenüber, einem rundlichen alten Herrn mit zurückgekämmtem, weissem Haar, einen berühmten Staatsrechtslehrer entdeckt, den Universitätsprofessor Dr. jur. Gneisel aus Heidelberg. Jutta war nicht so wählerisch. Sie kümmerte sich um Rang, Stand und Namen neuer Erscheinungen zunächst gar nicht. Eine humoristische Gesprächswendung, ein schlagfertiges Wort, ein gutes Urteil führten einen Fremden bei ihr viel besser ein.

Als sie hernach auf dem Promenadendeck den Kaffee nahmen, berichtete sie über ihren Tischnachbar, den sie in ein lebhaftes Gespräch hatte verwickeln wollen, freilich nicht ohne etwas Bosheit.

„Er ist mehrfacher Hausbesitzer in Dresden, heisst Marcks, hat zweimal die Reise um die Erde gemacht, mit einer Dresdener Reisegesellschaft, ist magenleidend, Antialkoholiker, kennt nichts von der neueren Literatur, ist von Haus aus Apotheker und reist jetzt nach Heluan am Nil, weil in Deutschland ‚ja auch nichts los‘ ist.“

Stangenberg lachte hellauf. „Gnädige Frau, vor Ihnen muss man sich in acht nehmen!“

„Eine anregende Tischgesellschaft — nicht?“

„Ich wundere mich, Jutta, dass du dich gleich so eingehend mit dem Manne beschäftigt hast.“

„Um festzustellen: wes Geistes Kind er ist.“

„Und bist nun fünf Tage lang verpflichtet, mit ihm Konversation zu machen.“

„Ich denk’ nicht dran, Gustl.“

„Dann hat er ein Recht, sich gekränkt zu fühlen.“

„I wo. Wenn ich ihn recht beurteile, wird er noch vor dem Abendessen seekrank — und wir sehen ihn erst bei der Landung in Ägypten wieder.“

„Sie haben eine grausame Phantasie, meine Gnädigste. — Übrigens finde ich, der Kasten wackelt schon jetzt nicht unbedenklich.“

Die französische Küste war als graubrauner Streifen an der nördlichen Horizontlinie zurückgeblieben. Graue Wogen wälzten sich mit weissschäumenden Kämmen gegen die Backbordseite des Dampfers. Es war noch nicht abzusehen, ob es zum Rollen oder zum Stampfen kommen würde. Vorläufig gab es nur kleine Schwankungen, die aber doch die ängstlicheren Gemüter veranlassten, sich in den grossen Liegestühlen, die an Deck standen, der Ruhe hinzugeben. Bald lagen an die hundert Fahrgäste — Männlein und Weiblein — in langer Reihe nebeneinander, in Pelze gepackt, in Decken bis zum Kinn eingewickelt.

Es war sehr kalt und sehr windig geworden. Jutta hatte ihre weisse, gestrickte Wollmütze aufgesetzt und ihren Pelz zugeknöpft. In dem kurzen Rock wirkte ihre schlanke Erscheinung wieder so frisch und mädchenhaft, dass dem in Ehedingen schwarzseherischen Stangenberg der starke Gegensatz der beiden Gatten fast bedenklich erschien: Succo gemessen, korrekt, ohne Frage ein tadelloser Gent, aber doch erschreckend engherzig, vom Wirbel bis zur Zehe ein Akten- und Formenmensch — sie ein lebhaftes Wesen, klug, aufgeweckt, oft von nerviger Empfindsamkeit, dabei mit Sinn für Humor und einem ganz kleinen Schuss Koketterie.

„Ich schlage einen Spaziergang zur Erwärmung vor“, sagte Jutta, nachdem sie den Kaffee genommen hatten.

Die Herren waren einverstanden. Stangenberg schon deshalb, weil sie so ausser Hörweite der andern Gesellschaft kamen. Es drängte ihn, mit Succo über dessen Namensvetter zu sprechen.

Auch Juttas erste Frage, als sie das Promenadendeck verlassen und auf dem doppelt überbrückten Durchgang zum Hinterdeck einen windgeschützten Platz gefunden hatten, war die nach dem ihr unbekannten Verwandten.

Succos Antlitz hatte sich seit der Begegnung noch nicht wieder aufgeheitert. „Es verdirbt mir wahrhaftig einen Teil der Reisefreude“, sagte er verstimmt.

„Gustl! — Warum?“

„Aber bester Herr von Succo — wie kann Sie das weiter anfechten?“

„Er trägt nun doch mal unsern guten Namen in der Welt spazieren.“

Stangenberg zuckte leicht die Achseln. „Derlei kommt in fast allen Familien vor. Auch den besten. Irgendein Glied will meistens nicht taugen.“

„Man stösst es ab“, sagte Succo, „aber damit ist im Grunde gar nichts erreicht.“

„O doch. Es hat dann kein Mensch mehr ein Recht, einen verantwortlich zu machen.“

„Sie haben sich des Falls sofort erinnert?“

„Natürlich. Aber das liegt nun doch schon gut acht, neun Jahre zurück, nicht?“

„Richtig. Wir sprachen ja damals noch im Manöver die ganze Sache durch.“

„Stimmt, stimmt.“

„Na, Gustl, du verstehst’s aber wirklich, Spannung zu erregen. — Sie verstehen’s gleichfalls, Herr von Stangenberg“, setzte sie lachend hinzu. „Ich denke immer: nun bekommt man eine hochnotpeinliche Geschichte zu hören, es fallen die dunkelsten Anspielungen, die Phantasie hat Gelegenheit zu den ausschweifendsten Vermutungen ...“

„Ach, Jutta, es ist wirklich nichts Lustiges.“

Sie behielt ihren übermütigen Ton trotzdem bei. Die Hände im Rücken verschränkend, wippte sie sich auf den Fussspitzen auf und nieder und sah ihren Mann mit angenommener Strenge an. „Warum hast du mir diese Vetternschaft unterschlagen? Gestehe, Angeklagter.“

„Jutta, ich begreife dich nicht.“

„Herr von Stangenberg, helfen Sie mir. Ist eine solche Verheimlichung eigentlich ein Scheidungsgrund?“

„Na, meine Gnädigste, Totschweigen wär’ allerdings das beste, denn er ist tatsächlich ein sauberes Früchtchen gewesen ...“

„Wer? Mein Mann?“

„Um’s Himmels willen — Gnädigste!“

„Jutta, nun lass doch diese ganze Art. Du siehst doch, wie unangenehm mir die Sache ist.“

„I, bester Herr von Succo, aber es trifft Ihre Familie doch nicht der leiseste Tadel dabei.“

„Gegen welches der zehn Gebote hat dieser geheimnisvolle Vetter also gesündigt? Darauf kann ich jetzt endlich eine erschöpfende Antwort beanspruchen.“

Es war Juttas Ton noch immer nicht zu entnehmen, ob sie die Angelegenheit ernst auffasste. Succo runzelte die Stirn.

„Ich habe dir von Fritz von Succo bisher nur deshalb nichts gesagt, weil wir seinerzeit auf einem Familientag in Hannover, der seinetwegen einberufen war, uns geeinigt haben — das heisst so ziemlich sämtliche Vertreter des Namens von Succo —, mit Vetter Fritz jegliche Verbindung abzubrechen. Sein Name wurde von da an zwischen uns nicht mehr genannt. Er selbst war tot für uns.“

„Ja — und — die Ursache?“

„Ganz kurz. — Nein, bitte dringend, lieber Herr von Stangenberg, bleiben Sie! — Also er war Referendar, machte eine Übung als Offizieranwärter, und dabei ereignete sich eine scheussliche Geschichte. Er ging tätlich gegen seinen Vorgesetzten vor — Krakeeler war er schon immer gewesen — und erhielt zehn Monate Gefängnis, zusätzlich Degradation.“

„Oh —!“

„Ja, meine Gnädigste, garstige Sache. Wirklich ein mauvais sujet. Da lässt sich nichts beschönigen.“

Eine Weile herrschte darauf Schweigen. Jutta war ernst geworden.

„Hat er sonst noch Verwandte — ich meine, Blutsverwandte?“ fragte sie endlich.

„Ja, seine Mutter ist noch am Leben.“

Überrascht blickte sie auf; auch der Rittmeister.

„Sie werden kaum von ihr gehört haben, Herr von Stangenberg. Sie lebt ganz zurückgezogen. Onkel Bodo hatte sich damals ihrer angenommen.“

„Ach — etwa Tante Eveline?“ rief Jutta überrascht.

„Ja. Du hast sie ja flüchtig kennengelernt, Jutta. Auf dem Polterabend von Herta — im Hotel in Berlin vor zwei Jahren — da war sie auch.“

„Gottchen — Tante Eveline — die?!“

Succo war diese Erörterung eine Qual. Er fügte aber, zu Stangenberg gewandt, doch noch hinzu: „Übrigens war vor der Welt das Dekorum schon dadurch gewahrt, dass auch seine eigene Mutter sich damals glatt von ihm losgesagt hat.“

„Hm, ja. Ein verteufelter Bursche. — Seitdem hatten Sie nie was von ihm gehört?“

„Einmal hiess es, er wäre im Haag Versicherungsagent.“

„Hat er sich auch nie um Geld an jemand gewandt?“

„An seine Mutter. Ja, anfangs. Wenigstens liess Onkel Bodo mal etwas nach der Richtung verlauten. Aber in den letzten Jahren war er spurlos von der Bildfläche verschwunden. Ich hätte ja nie im Leben eine Reise nach Kairo gemacht, wenn ich geahnt hätte: man hat da mit diesem Herrn ein Wiedersehen zu gewärtigen.“

„Hat er Sie vorhin eigentlich erkannt?“

„Ich glaube nicht. Aber bei passender Gelegenheit muss ich’s ihn natürlich merken lassen, dass er für uns Luft ist.“

„Sein Auftreten ist sonst nicht übel. Schlecht zu gehen scheint’s ihm auch nicht.“

„Er ist ein sehr fähiger Mensch gewesen. Auch im Amt gut zu verwenden. Nur eben — gänzlich richtungslos.“

„Er war noch sehr jung damals?“

„Dreiundzwanzig. Gerade hatte er sein erstes Verwaltungsexamen gemacht. Unverantwortlich. Ein Schlag — gewissermassen uns allen ins Gesicht.“

„Ja. Tolle Sache. — Wie wär’s nun mit einem Kognak oder Kirsch, Herr von Succo?“

„Nimmst du auch ein Gläschen, Jutta?“

„Zur Seelenwärmung, gnädige Frau.“

Succo hatte bereits einen der Stewards herbeigewinkt und bei ihm seine Bestellung gemacht. „Es ist mir ganz flau im Magen geworden von der Aufregung.“

„Ach, ich schwärme für die Seefahrt“, sagte Jutta, langsam die Arme erhebend und die Hände im Nacken verschlingend, indem sie mit ihren grossen Augen übers rollende Wasser hinblickte. Vom Land war nichts mehr zu sehen. Meer ringsum. „Und besonders den grauen Himmel liebe ich.“

„Ihr Herr Vater ist lange als Kapitän gefahren, gnädige Frau?“ fragte Stangenberg.

„Bis vor zwei Jahren, wo er die Inspektion bekam. Ich freue mich sehr, ihn wiederzusehen“, sagte Jutta. „Soweit ich zurückdenken kann, hab’ ich ihn immer nur besuchsweise für ein paar Tage gehabt. In Koblenz — in der Pension —, da war’s immer ein Fest für die ganze Klasse. Die Mädels schwärmten ihn alle an.“

„Ihre Frau Mutter ist früh verstorben, sagte mir Ihr Herr Gemahl.“

„Ja. Ich war noch ein Kind.“ Für ein paar Sekunden blickte sie wieder gedankenvoll übers Wasser. Etwas überlegen lächelnd, fuhr sie dann fort: „Das ist die Erklärung für meine erschreckende Unerzogenheit. — Was, Gustl, in dem Sinne hast du’s doch zweifellos gesagt?“

„Aber keine Ahnung, Jutta! Wie kommst du darauf?“

„Sie lachen, Herr von Stangenberg, weil ich das gleich erraten hab’?“

„Man muss vor Ihnen ewig auf der Hut sein, gnädige Frau. Sie gehen scharf ins Zeug.“

Es war auch wirklich ein fortgesetztes Plänkeln. Dabei war selten festzustellen, ob sie nicht die kleinen Spitzen, die so drollig wirkten, mit vollem Bedacht vorbrachte. Stangenberg war noch immer nicht so recht klug aus ihr geworden. Forderte sie’s eigentlich heraus, dass man ihr den Hof machte?

Als man späterhin mit einigen Landsleuten an einer windgeschützten Stelle des Promenadendecks eine Gruppe bildete, belustigte es ihn, zu beobachten, wie sie scheinbar auf all die Gemeinplätze der neuen Bekannten einging, aber durch eine feine, den andern unverständliche Ironie immer über der Sache schwebte. Mit einer Freifrau von Druhsen, einer mittelalterlichen, sehr gönnerhaften, sehr redseligen Dame, die mit einer Gesellschafterin reiste, hatte der Oberstaatsanwalt verschiedene Anknüpfungspunkte gefunden: vor allem gemeinsame Freunde und sogar entfernte Verwandte in der Armee und im Staatsdienst. Viel adlige Namen wurden genannt, die verwandtschaftlichen Beziehungen eingehend festgestellt. Auch Stangenberg war schon im Begriff, mit beiden Füssen wieder in das so ergiebige Thema hineinzuspringen — doch da streifte sein Blick zufällig Frau Juttas Miene. Es lag eine so drollig scheinheilige Bewunderung in dem Ausdruck, womit sie der Aufzählung lauschte, dass er, über sich selbst verlegen, rasch wieder abbaute.

„Ich staune über Ihr fabelhaftes Gedächtnis, gnädige Frau“, sagte er nun lächelnd zu Frau von Druhsen. Und bemerkte dabei ein lustiges Aufzucken in Frau Juttas Antlitz.

„Von den uns nahestehenden Familien kenne ich alle Seitenlinien auswendig, aber auch alle. Die Succos und die Druhsens hatten erst neuerdings mehrere neue Verbindungen durch Heirat. — Und denken Sie doch, Herr von Succo, da hab’ ich nun in der Schiffsliste vorhin auch wieder den Namen Succo gefunden. Ein Mister Succo aus Kairo. Und eigentlich gleichfalls: von Succo. So sagte wenigstens der Zahlmeister. Ich fragte ihn natürlich gleich. Was für ein Zweig kann das wohl sein?“

Ein paar Sekunden erwartungsvolle Stille — denn Succos wachsende Unruhe hatte die Sache auffällig gemacht. Er warf nun aber plötzlich den Kopf etwas zurück und sagte ziemlich scharf, wenn nicht hochmütig: „Mit diesem Herrn von Succo aus Kairo lehnen wir eine Verwandtschaft durchaus ab. Jede Beziehung, gnädige Frau.“

„Ah —!“ Den Mund ein wenig offen lassend, mit wichtiger Miene, sah Frau von Druhsen erst Stangenberg, darauf die etwas entfernter sitzende junge Gattin des Sprechers an. Beide schwiegen. „Pardon!“ sagte sie dann.

Juttas Blicke waren denen ihres Gatten gefolgt. Es stand für sie fest, dass seiner scharfen Erklärung eine bestimmte Absicht zugrunde gelegen hatte.

Und sie täuschte sich nicht.

In demselben Augenblick nämlich waren zwei Herren dicht an ihnen vorübergekommen — und der eine davon war der Vetter ihres Mannes.

Ein ganz klein wenig hatte der Fremde gestutzt, kaum merklich den Schritt verkürzend. Aus seinen hellgrauen, grossen Augen schweifte ein fragender Blick über die Gruppe — und in kurzem, bestürztem Erkennen begegnete er dem des Juristen.

„Der ist es?“ fragte die Baronin in scharfem Flüsterton. „Er hat es unbedingt gehört!“

Wieder herrschte darauf peinliches Schweigen.

Die beiden fremden Herren waren weitergeschritten und, gegen den Wind ankämpfend, um den Rauchsalon herum auf die andere Deckseite gegangen.

Jutta erhob sich.

„Ist dir kalt?“ fragte ihr Gatte, gleichfalls aufstehend.

Da sie nicht antwortete, sondern die Gruppe verliess, kam er rasch an ihre Seite und begleitete sie, indem er bei ihr einhängte.

„Ich hatte natürlich meine Gründe, Jutta, Frau von Druhsen sofort reinen Wein einzuschenken. Herausgebracht hätte sie’s doch. Und es traf sich nun mal so, da der — der Betreffende — gerade vorbeikam. Damit ist nun festgestellt: so stehen wir. Übrigens entschuldige. Es war mir selbstredend gleichfalls peinlich.“

Sie nickte kaum.

Nach einer Pause hob er wieder an: „Irgend etwas stimmt nicht, Jutta. Du hast mir da sicher was übelgenommen, wie? Na, sag doch. Bist du deshalb aufgestanden?“

Sie hatte sich von ihm freigemacht. „Bewahre. Bloss um den Herrschaften Gelegenheit zu geben, den Fall unter sich zu erledigen. Das war doch jetzt der gegebene Augenblick.“

„Das ist nun wieder mal ganz Jutta“, sagte er. Und versuchte zu lächeln.

Viertes Kapitel

Ihre Menschenkenntnis trog übrigens nicht. Als sie auf ihrer Wanderung wieder in die Nähe der Gruppe kamen, hörten sie Frau von Druhsen eifrig auf Stangenberg einreden. Der Name Succo kam in jedem Satze vor.

„... Also es waren drei Brüder. Kuno von Succo, der als Oberlandesgerichtspräsident starb. Das war der Vater von dem jetzigen Oberstaatsanwalt. Der zweite Bruder war Philipp von Succo. Der starb sehr früh. Er war Major und hatte eine geborene von Zabell zur Frau.“

„Von Zabell mit zwei l“, warf die Gesellschafterin ein.

„Die Witwe lebt noch. Und deren Sohn muss es sein. Stimmt’s?“

Stangenberg war ihr hilflos ausgeliefert.

„Der dritte Bruder ist als einziger noch am Leben: Bodo von Succo. Ja — und denken Sie — in einer solchen Familie ... ach, Herr von Stangenberg, Sie wissen sicher noch Näheres ...“

„Gnädigste, Sie sind doch schon so eingehend unterrichtet!“

Aber sie ruhte nicht. Hier war sie ganz in ihrem Fahrwasser. Mehrmals sah sie ihre Gesellschafterin geradezu beglückt an. Als Stangenberg endlich ziemlich ausgepumpt die erstbeste Gelegenheit wahrnahm, um in den Rauchsalon zu verschwinden, fühlte sie sich imstande, der aufhorchenden Runde einen lückenlosen Tatbericht zu geben.

Also. Es hatte als ganz gewöhnliche dumme Kasinogeschichte angefangen. Der Referendar von Succo war Gast gewesen und war mit seinem Kompanieleutnant in einen heftigen Wortwechsel geraten. Der junge Offizier, schliesslich bis aufs Blut gereizt, hatte ihn dienstlich hinausgeschickt, Succo verweigerte den Gehorsam, ein regelrechter Skandal entstand — es gab ein Handgemenge — in plötzlicher Wut holte Succo aus und schlug seinem Vorgesetzten vor den versammelten Kameraden ins Gesicht. Die überwältigten ihn natürlich und schafften ihn hinaus, noch bevor sich der Offizier in den Besitz seiner Waffe gesetzt hatte.

Nun entsann sich sowohl der Dresdener Apotheker und Weltumfahrer als auch sein Nachbar: sie hatten darüber seinerzeit in den Tageszeitungen gelesen, schufen aber Verwirrung, denn sie brachten ein paar andere Fälle durcheinander. Die Sache lag ja schon so weit zurück.

Der Nachbar des Apothekers, ein junger, reicher Schlesier namens Schneider, dem man sofort den Namen „der Kohlenbaron“ gegeben hatte, bemühte sich — vergeblich —, ein Einglas ins Auge zu klemmen. „Es war ein Herr von Münchhoff“, sagte er.

„Nicht von“, belehrte die Baronin, „bloss Münchhoff.“

„Dann ist es zu einem Duell gekommen?“ fragte der Apotheker.

„Nein, der Ehrenrat hat es nicht geduldet, weil der junge Mann doch gleich in Untersuchungshaft gekommen und abgeurteilt worden ist.“

Der Schlesier hatte ein Lächeln aufgesetzt. „Zweifellos war’s doch ’ne Mädelsgeschichte. Nicht?“

Frau von Druhsen hob die Augenbrauen und räusperte sich. „Einzelheiten wollen wir lieber nicht erörtern.“

Nun räusperten sich auch die anderen.

„Jedenfalls schlossen Gefängnis und so weiter jeden Ehrenhandel mit der Waffe aus“, meinte der Kohlenbaron.

„Höchst peinlich für die Familie“, sagte das Gesellschaftsfräulein.

Der junge Schlesier machte wiederum einen Versuch, sein Einglas unterzubringen. „Ich erinnere mich, Münchhoff sollte von seinem Regiment gehalten werden, nahm dann aber doch seinen Abschied.“

Frau von Druhsen lehnte sich in ihrem Liegestuhl behaglich zurück. „Ich hatte mir’s doch gleich gedacht, dass mit diesem Mister Succo aus Kairo irgend was nicht stimmte.“

Und die Unterhaltung plätscherte in der angeschlagenen Tonart weiter.

An der Tür zum Rauchsalon stiess Stangenberg dann mit dem Ehepaar Succo wieder zusammen. Jutta merkte ihm eine Verlegenheit an: weil er, wenn auch ohne sein Verschulden, von der fremden Dame in den Klatsch mit hineingezogen worden war. Sie hatte ein besonderes Lächeln. Der Gegenstand selbst wurde zwischen ihnen aber nicht mehr berührt.

„Musst du nicht bald in die Kabine, dich umziehen?“ fragte Succo seine Frau.

Der Vorwand kam ihr gelegen. Sie sagte sich auch, dass ihr Gatte sich nun doch von Stangenberg ausführlich Bericht über die Auffassung der andern erstatten lassen wollte. Denn das Urteil der Welt war ihm ja Richtschnur in allem. „Ja, es wird Zeit. Aber lass dich nicht stören, Gustl. Ich spaziere bloss noch ein bisschen über Deck.“

So trennten sie sich.

Jutta war es ein Bedürfnis, noch ganz für sich etwas „See kneipen“ zu können.

Glanzlos war die Sonne untergegangen. Der Anblick der dunklen Flut hatte etwas Unheimliches. Das Wasser wies nur in der aus den Kajütenfenstern vom Licht getroffenen Bahn weisse Schaumkämme auf, sonst wirkte es wie eine schwarze, zähe Masse, die sich hob und senkte mit dumpfem Donnern und dröhnendem Anprall an die Bordwand.

Als Jutta später, um zur Kabine zu gelangen, das obere Promenadendeck hinter der Kommandobrücke betrat, begegnete ihr der Kapitän. Ihr Gatte hatte sich mit ihm bereits bei der Ankunft im Zahlmeisterbüro bekannt gemacht. Inzwischen hatte der Kapitän durch den Zahlmeister erfahren, dass die Inhaberin der Kabine Nr. 1 die Tochter des sehr einflussreichen Inspektors Plaschke war, der rechten Hand des Generaldirektors. Er sprach sie also daraufhin an und lud sie und ihren Mann ein, jederzeit und nach Gefallen die den Fahrgästen sonst gesperrte Kommandobrücke zu benutzen.

Sie folgte der Einladung sofort. Als Gäste des Ersten Offiziers befanden sich noch ein paar Herren dort. Es war auf deutsch eine lebhafte seemännische Unterhaltung zwischen ihnen im Gange.

Auf der Brücke selber war es dunkel. Aber man übersah von hier aus die verschiedenen hell erleuchteten Decks. Jutta verblüffte die Höhe über dem Bug, der sich in gleichmässigem Takt tief da unten in die Wogen senkte.

„Die Wolkenkratzer des Meeres“, sagte soeben einer der Herren drüben.

Der Kapitän leistete ihr noch ein Weilchen Gesellschaft und trat dann zu der Gruppe auf der andern Seite. Jutta versenkte ihre Hände über Kreuz in die Ärmel ihrer Pelzjacke, lehnte sich gegen die Brüstung und liess ihren Blick mit dem Bug wandern. Allerlei Erinnerungen an schöne, eindrucksreiche Stunden, die sie bei ihrem Vater auf der Kommandobrücke verlebt hatte, tauchten in ihr auf.

Die Herren drüben rauchten. Alle vier hatten die Arme auf das ziemlich hohe Geländer aufgestützt. Gegen den Nordwind schützte sie der Aufbau des Kompasshauses mit den anstossenden Staatskabinen.

Mit dem ihr vertrauten Rhythmus der Schiffsschraube, dem Gurgeln und Poltern der See und dem Rauschen in ihrem Ohr, das so klang, als spräche jemand in eine Muschel, vermischten sich die Stimmen der Herren drüben. Die der beiden Seeleute hatten den behaglichen, leicht ans bremische Platt erinnernden Beiklang. Die der beiden Gäste waren grundverschieden: die eine, etwas nasal, mit einem Anflug von englischer Trübung der Vokale, die andere sehr klangvoll und frisch, dabei warm und herzlich. Sie stellte sich unwillkürlich vor, dass ihr Besitzer — von dem sie in der Dunkelheit nur die Umrisse sah — ein offenes Bajuvaren- oder Rheinländergesicht mit blondem Haar und freundlichen Augen haben müsste. Unbedingt besass er Humor.

So gab er gerade eine höchst drollige Schilderung des Arabervolks. Sie widersprach durchaus den Darstellungen, die Jutta bisher von den Vergnügungsreisenden gehört hatte.

„Man muss sich eben nur vorstellen: sie sind Kinder geblieben“, sagte er lebhaft. „Sie haben alle Untugenden unerzogener Kinder — aber auch alle Vorzüge. Ich möchte meine arabischen Arbeiter um keinen Preis mit europäischen vertauschen. Trotz ihrer fast märchenhaften Faulheit. Diese Naivität, diese Liebenswürdigkeit und Geschäftigkeit — und ihre putzige Art, Ehrgeiz zu betätigen. Nein, ich komme mit meinen Eingeborenen vorzüglich aus.“

„Die Reisenden versündigen sich viel an ihnen“, sagte der Kapitän in seiner etwas bedächtigen Art, „wenigstens in den grösseren Städten, in den Häfen. Die Korruption kommt von Europa.“

„Nicht die Korruption. Aber bedenken Sie: die Bibel, der Schnaps und der Assessor — für ein Naturvolk ist das zu viel Kultur auf einmal.“

Die Herren lachten, und das Gespräch ging weiter. Jutta verstand nicht alles, hatte auch nicht die Absicht zuzuhören, obwohl sie’s fesselte. Noch mehrmals gab’s ein gemütliches Lachen von allen vier Herren.

„Verleben Sie den Sommer denn auch dort?“ fragte jetzt der Kapitän drüben.

„Juli und August am Libanon, sonst das ganze Jahr in Bedracheïn bei Kairo. Unweit vom alten Memphis.“

Der Libanon — Memphis. Was das für Klänge waren! Sie hatte sich nun auch mit beiden Ellbogen auf das Geländer aufgestützt und atmete tief die Luft ein. Dabei beugte sie sich unauffällig ein wenig vor, um ihn zu sehen.

„Wenn er doch nur weitererzählen wollte!“ sagte sie zu sich.

Auch drüben schien der Wunsch zu bestehen. Sie hörte den Kapitän in gemütlichem Ton etwas sagen, worauf die andern Herren wieder lachten. Und der „Ägypter“ fuhr zu plaudern fort.

„Gut, meine Herren. Ich sagte Ihnen schon, ich habe da einen arabischen Diener, den kleinen Achmed. Ein kluger Bursche. Treu wie ein Hund — gegen mich demütig, ohne dabei zu kriechen, und im Grunde doch von einem brennenden Ehrgeiz und Stolz. Und wollen Sie mir’s glauben: mit seinen feinen Bemerkungen — er radebrecht ein bisschen Deutsch und Englisch — beschämt der kleine ‚Wilde‘ oft manchen Kultureuropäer.“

„Die Geschichte aus Bremen, erinnern Sie sich noch?“ warf der Erste Offizier ein. „Die müssen Sie sich auch mal erzählen lassen, Herr Kapitän.“

„Eine Moritat von Achmed?“

„So was Ähnliches. Wir hatten ihn an Land mitgenommen, und im Hotel — es war da eine grössere Herrengesellschaft in ziemlich vorgerückter Stimmung — umzingelt ihn plötzlich eine Kette von befrackten Gentlemen, die einen Tanz rund um ihn herum ausführen, ihm die Zunge zeigen und in eine Art Kriegsgeschrei ausbrechen. Es sollte ein Scherz sein. Aber mein Achmed blieb sehr ernst. Und als ich dazukam und ihn befreite, fragte er mich ganz traurig: ‚Oh, Sir, warum glauben diese Gentlemen, dass ich schlecht bin? Weil ich dunkel bin? Achmed dunkle Haut, aber weisses Herz.‘“

Sie lachten.

„Und bei den verehrten Landsleuten“, sagte der Kapitän, „war’s eben umgekehrt.“

Jutta empfand sofort Zuneigung für Achmed — und auch für seinen Herrn.

Der rauchte ein paar Züge, dann fuhr er in munterem Tone fort: „Als wir unsere Gastfreunde auf Rhodos verliessen — es waren da zwei ganz allerliebste Mädels von sieben und neun Jahren im Haus — da bat er mich um Vorschuss, der Boy. Anderthalb Pfund. ‚Hallo, Achmed, was soll’s damit?‘ frag ich. Denn das ist doch ein Vermögen für den Burschen — ich gab ihm monatlich achtzehn Schilling. Er druckst und schämt sich. Aber endlich kommt’s ’raus. In der Hauptstrasse hat er zwei Puppen gesehen, wunderschöne, blonde Puppen, die zusammen anderthalb Pfund kosten, und die will er zum Abschied den beiden kleinen Misses schenken. Das gefiel mir. ‚Zahl du ein halbes Pfund — hier, den Rest will ich beisteuern‘, sag ich. — ‚O no, Sir‘, wehrte er ängstlich. — ‚Was, Boy, du willst nicht annehmen?‘ — ‚Oh, Sir, es muss mir machen Arbeit, selbst zu verdienen — sonst es nicht Freude für mich, den Misses zu schenken‘, sagte Achmed, der kleine Wilde.“

Am liebsten wäre Jutta jetzt hinübergegangen, um dem Fremden zu sagen, dass sie die ganze Geschichte von Achmed allerliebst fände.

„Warum haben Sie den Boy diesmal nicht mit an Bord gebracht?“ fragte der Kapitän.

„Der Klimawechsel bekommt ihm nicht. Er hütet nun meine Wirtschaft in Bedracheïn. Da ist er Koch und Mädchen für alles, Sekretär, Groom und Reitknecht. Jedenfalls: verlassen kann ich mich bombenfest auf den schwarzköpfigen kleinen Boy.“

Bedracheïn — den Namen kannte sie aus dem Baedeker. Das war die Bahnstation am Nil für die Pyramiden von Sakkarah.

„Sie leiten dort die Zuckerfabrik?“ fragte der Kapitän.

„Stimmt. Das Dorf selbst ist aber nicht weiter sehenswert. — Lediglich Achmed.“

In diesem Augenblick zündete sein Nachbar mit einem Sturmstreichholz seine kurze englische Holzpfeife an. Beim Aufflackern der prasselnden kleinen Flamme glitt der helle Schein über die Gesichter der Versammlung.

Und Jutta durchfuhr ein jäher Schreck.

Der „Ägypter“, den sie sich als blonden, jovialen Landsmann vorgestellt hatte, war brünett, er hatte ein glattrasiertes Gesicht mit sehr energischem Schnitt und grossen, klugen, hellgrauen Augen: es war Fritz von Succo — der von ihrem Gatten verleugnete Vetter.

Es bedurfte nun für sie einer inneren Umformung. Was man ihr von seiner brutalen Tat gesagt hatte, das wollte mit dem Eindruck, den sie von ihm gewonnen hatte, nicht recht zusammenstimmen.

Dennoch war von ihrem Gatten schon so viel Korpsgeist auf sie übergegangen, dass sie merkte: ihre Zuneigung für Achmeds Herrn und Gebieter geriet rasch wieder ins Sinken, ins Schwinden.

Und ihr nächster Entschluss war der: sie wollte möglichst unbemerkt die Kommandobrücke verlassen.

Die Herren sprachen so angeregt, dass keiner nach ihr hinsah, als sie sich der Treppe zuwandte.

Aber noch auf der untersten Stufe zögerte sie und lauschte zurück. Es lag nahe, dass der Kapitän nun ein Wort über sie sagte. Und dann musste die doppelte Vertretung des Namens an Bord zwischen ihnen doch zur Sprache kommen. Man würde ihn nach Verwandtschaft oder sonstigen Beziehungen fragen — so wie vorhin ihren Mann. Was er dann wohl erwiderte?

„Jutta?“ klang’s fragend aus dem Halbdunkel vor ihr. Ihr Mann stand an der Tür zum Kabinengang; er hielt die Klinke schon in der Hand. „Das erste Signal. Man muss sich schleunigst umziehen. Wo hast du denn gesteckt?“

„Ich? — Oh, bloss da oben, auf der Kommandobrücke.“

Sie wusste selbst nicht, weshalb sie ihm nicht sofort etwas über die Begegnung mit seinem Vetter sagte. Schwieg sie aus Schonung für ihren Mann? Um das leidige Gespräch, das ihm nun fast den ganzen Tag schon verdorben hatte, nicht noch einmal aufzurollen? Oder tat sie’s, um den guten Eindruck nicht preiszugeben, der in ihr noch mit ihrem Vorurteil kämpfte?

Während sie in die Kabine eintraten, sprach sie, sich ein wenig überstürzend, bloss über die Einladung des Kapitäns und seine Liebenswürdigkeit.

Aber insgeheim ärgerte sie sich über ihre seltsame innere Unfreiheit.

Fünftes Kapitel

Der Speisesaal wies grosse Lücken auf. Auch der Platz neben Jutta war leer: sie hatte also richtig vorausgesagt. Der schlesische „Kohlenbaron“ war ziemlich schweigsam und bewies eine starke Abneigung gegen Fisch- und Fleischgerichte; auch der Oberstaatsanwalt und der Heidelberger Professor. Stangenberg trug zusammen mit der jungen Frau die Kosten der Tafelunterhaltung allein.

Schon während des zweiten Ganges des fürstlichen Diners, das unter rauschender Musikbegleitung genommen wurde, hatten die Gläser, die auf den Tafeln standen, kleine Wanderungen ausgeführt: wie von unsichtbaren Händen geschoben, erst nach links, dann nach rechts. Da und dort erhob sich ein gezwungenes Lachen im Saale, oder es gab einen kleinen Aufschrei. Die Stewards holten eilends die Sturmhölzer, die sie an sämtlichen Tischen festschraubten. Das Schiff rollte. Man sah die ersten Opfer in schleunigem Schritt den Saal verlassen. Plötzlich holte das Schiff über — für ein paar Sekunden drehte sich die Schraube frei in der Luft — und dabei gab’s einen klirrenden Krach. Alle Flaschen und Gläser, die noch nicht in den Sturmhölzern standen, fielen um.

„Das soll nun eine Frühlingsfahrt nach dem ewig sonnigen Süden sein!“ bemerkte Succo mit einem krampfhaften Lächeln.

„Wenn ich wüsste, dass ich das Deck ohne Unfall erreiche, ging ich doch lieber hinauf“, sagte Frau von Druhsen.

Jutta staunte über ihren Mann. Ein leichter Schweiss stand auf seiner Stirn; aber er nahm alle Willenskraft zusammen, um Herr seiner Nerven zu bleiben. So oft die Steuerbordseite, auf der ihre Tafel stand, sich senkte, schloss er die Augen und presste die Zähne fest aufeinander.

Es schien für die Fahrgäste nur noch Seemannsgespräche zu geben. Mehrfach sprach man über die beruhigende Aussicht, dass man im Laufe der Nacht in den Schutz der Küste von Korsika käme; dann würde die stürmische Bewegung ohne Zweifel abflauen.

„Wer sich so lang tapfer hält, ist also gerettet“, sagte der Rittmeister, Juttas Gatten verstohlen von der Seite betrachtend.

Wieder gab’s ein Klirren. Diesmal kam’s aus dem Anrichteraum. „Für hundert Mark Porzellanbruch!“ meinte ein Eingeweihter. Die Musikkapelle liess sich nicht stören. Ihre Weisen klangen nach wie vor lustig durch den bald nach rechts, bald nach links sich neigenden, schon stark gelichteten Saal.

Ein paarmal hintereinander rollte nun das Schiff so stark, dass die Baronin sich mit der Rechten verzweifelt an ihren Nachbar, den Heidelberger Professor, anklammerte.

„O Gott, ist mir übel!“ rief irgendwer.

Und das war das Signal zu einer allgemeinen Flucht. Wenige Augenblicke später sass Jutta mutterseelenallein mit Herrn von Stangenberg am Tisch. Auch ihr Gatte war verschwunden. Sie wussten beide nicht, wie dies so blitzschnell hatte vor sich gehen können. Komisch wirkte es auf alle Fälle.

„Es ist ja herzlos“, sagte der Rittmeister, „ich gebe zu, es wird einem als teuflische Schadenfreude ausgelegt. Aber man kann dagegen nicht an: es wirkt aufs Zwerchfell.“

Jutta musste in sein Lachen mit einstimmen. „Es kam so plötzlich!“ rief sie. Aber dann wandte sie doch unsicher den Blick der breiten Freitreppe zu. „Ich müsste wohl nach meinem Mann sehen.“

„Nein, nein, nein, ja nicht! Folgen Sie dem Rat eines Sturmgeprüften, gnädige Frau, es ist praktischer und edler, Ehegatten bekümmern sich im Zustand der Seekrankheit überhaupt nicht umeinander.“

„Sie sind wirklich herzlos.“

„Bitte sehr. Erstens hilft alles Zusprechen nicht. Und dann — raubt es holde Illusionen.“

Sie drohte ihm leicht mit den Augen, musste aber doch wieder lächeln. Er freute sich sichtlich, dass er den Platz behauptet hatte, und schenkte zwei Gläser Sekt ein: eines aus Succos, das andere aus der eigenen halben Flasche. „Die kann man nicht lange genug bewahren, gnädige Frau, denn sie erhalten jung.“

„Ich bin aber nicht mehr jung genug, um mich der Täuschung hinzugeben, dass Sie jetzt die Situation nicht böswillig ausnutzen wollen.“

„Sehr gut.“ Er lachte. „Schliessen wir Frieden, gnädige Frau. Wie Sie sehen, sind wir beide an diesem Tisch die einzigen Seefesten, sind also während der Sturmzeiten aufeinander angewiesen.“

„Haben Sie vor, sich dann immer über meinen Mann lustig zu machen?“

„Meine Gnädigste!“

Es kam zwischen ihnen durch diese äusseren Umstände eine gewisse Vertraulichkeit auf. Natürlich machte er ihr den Hof, und sie liess es geschehen. Einmal war Stangenberg ja wirklich ganz unterhaltend — und zweitens ungefährlich. Sie nahm sich vor, ihm das zu sagen. Aber dann liess sie’s doch: wenn er ihr fast fünf Tage lang ein netter Tischherr sein sollte, dann musste er sich schon ein bisschen in sie verlieben.

Auf ihren Mann war nicht zu rechnen.

Er hatte sich von zwei Stewards in die Kabine hinaufführen, auskleiden und zu Bett bringen lassen.

Als sie sich dort einstellte, war auch noch die Stewardess zugegen, mit der Herrichtung des zweiten Bettes beschäftigt. Die war sichtlich verwundert, dass die junge Gnädige von der Seekrankheit verschont blieb.

„Um Gottes willen, lass mich, Jutta!“ stöhnte ihr Mann, als sie an sein Lager kam. „Ich will nicht bedauert werden — und ich will nicht, dass du überhaupt — überhaupt zusiehst ... o Gott!“

Sie wandte sich schleunigst ab. „Aber ich kann dir vielleicht irgend etwas bringen, Gustl?“

„Nein, nein. Bloss nicht fragen. Und dafür sind doch Angestellte da. Es ist ja so — so unästhetisch.“

Sie ging also. Ziemlich erlöst. Auch bei den späteren Besuchen hatte sie die Wahrnehmung: er fühlte es selbst, dass ein Gesunder die Seekrankheit nicht als heldenhaftes Leiden auffassen konnte, und er war zu feinfühlig veranlagt, als dass er von seiner jungen Frau in diesem Zustand gesehen werden wollte. Vielleicht war es nur Eitelkeit und Scham — sie legte es ihm aber als zarte Rücksicht aus. Auch dem Rittmeister gegenüber.

Es war die ganze Nacht durch stürmisch. Da Succo darauf bestanden hatte, dass das Fenster auf blieb, war es in der Kabine sehr kalt. Jutta hatte ihre Pelzjacke übergezogen, fühlte sich sehr mollig und schlief prächtig. Succo fror mörderlich. Am folgenden Tag blieb er liegen, er zeigte sich an Deck selbst während der beiden Stunden nicht, da die „Holstein“, um neue Fahrgäste aufzunehmen, im Hafen von Neapel stillag.

Juttas ständige Begleitung bildete nunmehr Stangenberg. Die übrigen Reisenden konnten sie für Vater und Tochter halten — vielleicht auch für ein ungleiches Ehepaar.

Mehrmals waren sie auf ihren Spaziergängen an Deck dem Vetter begegnet. Er mochte keine Ahnung haben, dass sie ihn kannte, wusste wohl nicht einmal, dass sie Deutsche waren, denn er kümmerte sich um niemand von der weiteren Schiffsgesellschaft. Jutta sah ihn nur mit seinen nächsten Tischnachbarn und den Schiffsoffizieren reden. Die englische und französische Sprache herrschte an Bord vor. Auf der kleinen, ganz schief liegenden, von den Wellen hin und her geschleuderten Dampfbarkasse kamen nun mit den neuen Fahrgästen auch noch Italiener von Neapel herüber.

Jutta stand auf der Steuerbordseite und beobachtete gleich allen seefest Gebliebenen die Überholung der Ankömmlinge. Selbst hier im Hafen war der Wogengang so stark, dass die Barkasse oft an die zwei Meter hoch über die unterste Stufe der Fallreepstreppe emporgehoben wurde. Die einzelnen Ankömmlinge konnten nur durch einen Sprung — unterstützt von vier Matrosenarmen — auf die Schiffstreppe gelangen.

Über die lange Steinmole des Hafens jagten mächtige Schaumkämme. Von Neapel, vom Golf überhaupt, vom Vesuv war nichts zu sehen.

„Es könnte ebensogut die Nordsee im Februar sein“, meinte Stangenberg.

Zwischen den Köpfen ihrer Nachbarn entdeckte Jutta das Gesicht des „Ägypters“. Er sprach italienisch mit einem Agenten, der unten an Bord der Barkasse geblieben war. Sie verstand nur so viel Italienisch, dass ihr klar wurde: es handelte sich um landwirtschaftliche Maschinen. Der schwarzäugige Neapolitaner, der im Gummimantel steckte und vom Regen triefte, gestikulierte und gebrauchte Beteuerungen aller Art. Er besass ein wahres Galgenvogelgesicht. Fritz von Succo trug eine behagliche Überlegenheit zur Schau. Er hatte dabei einen so humorvollen Ton, dass in der Umgebung mehrmals herzhaft gelacht wurde. Offenbar war dem Neapolitaner eine schlechte Lieferung nicht abgenommen worden, und er versuchte nun die Durchfahrt des Direktors der Zuckerfabrik zu einer persönlichen Aussprache zu benutzen. Der Regennasse da unten auf dem auf- und niedertanzenden Boot blinzelte, kniff mehrmals die Augen zusammen, liess seinen verzweifelten Blick dann über die andern gleiten und machte — nur halb verstohlen — die Geste des Geldzählens.

Nun lachte der „Ägypter“ hell auf und sagte zu seinem Nachbar auf englisch: „Oh — er muss mich wohl schon für einen waschechten ägyptischen Untertan halten. Da er meint, dass ich Bakschisch nehme.“

Auch der Nachbar lachte.

„Niente, niente, basta!“ rief der „Ägypter“ fröhlich über die Brüstung hinunter. Und darauf wandte er sich ab, seinen Deckspaziergang fortsetzend.

Jutta musste ihn immer und immer wieder betrachten.

„Sehen Sie nicht fortwährend hin, Gnädigste“, warnte Stangenberg, „sonst bildet sich der Kerl am Ende noch ein, Sie interessieren sich für ihn.“

„Das tue ich auch!“ entfuhr ihr’s.

Er sah sie verdutzt an. „Na — lassen Sie das Ihren Mann hören.“

Sie war wirklich drauf und dran gewesen, ihm von der Begegnung am Abend zuvor zu erzählen. Wenigstens die kleinen Geschichten des „Ägypters“ von Achmed hätte sie gern zum besten gegeben. Aber der offenbare Schreck des Rittmeisters — auch die verächtliche Art, in der er über ihn sprach — nahm ihr wieder allen Mut.

Als der Dampfer den ungastlichen Hafen von Neapel verliess, sah sie Fritz von Succo in der Gesellschaft des Schiffsarztes drüben in der dritten Klasse verschwinden. Es war in Juttas Nähe davon gesprochen worden, dass der Koch, der mit seinen drei kleinen Töchtern nach Assuan wollte, beim Rollen des Schiffs die Zwischendeckstreppe hinuntergefallen war.

Und plötzlich trieb sie’s — das kam so über sie, ohne dass sie die Gedankenbrücke recht übersah — sich ebenfalls nach der dritten Klasse zu begeben. Vielleicht konnte sie dem Ärmsten helfen. Und zugleich feststellen, ob etwa auch der „Ägypter“ mit dem armen Teufel Mitleid hatte. Rein psychologisch lockte sie das.

Aber sie nahm für ihren kleinen Ausflug doch lieber einen Augenblick wahr, wo sie Herrn von Stangenberg nicht Rede zu stehen brauchte. Er war in die Bar eingetreten, um sich mit Zigarren zu versehen. So harmlos ihr Vorhaben war: sie empfand doch ein gewisses Schuldbewusstsein und dabei ein gewisses Prickeln.

In dem als Versammlungsraum dienenden Speisesaal des Hauptdecks sass nur eine kleine Gesellschaft beisammen. Die meisten schliefen auf den rundum laufenden Bänken. Alles war tadellos sauber, doch die Luft liess zu wünschen übrig. Es kostete Jutta also einige Überwindung, einzutreten.

Das älteste Töchterchen des französischen Kochs erkannte die fremde Dame sofort wieder und kam ihr lebhaft entgegen. Der Marseiller, ein grosser, rassiger Mensch mit mächtigem Schädel und gutmütigen, feuchten Augen, sass in der Ecke und schwatzte mit der zweiten Tochter; er trug den Arm in der Binde. So gut sie sich auf französisch ausdrükken konnte, erkundigte sich Jutta nach dem Unfall. Der Schiffsarzt hatte ihn getröstet: bis zum Antritt seiner Stellung in Assuan würde er schon wieder arbeitsfähig sein, denn es sei nur eine leichte Quetschung des vierten und fünften Fingers. Aber traurig war’s, dass er nun hier unten sitzen musste: bei den starken Bewegungen des Schiffs durfte er’s nicht wagen, die Treppe zu steigen, weil er sich dabei doch hätte anhalten müssen. Und seine „petites demoiselles“ hatten darum mit ihm zusammen Arrest. Fast die ganze dritte Schiffsklasse war seekrank geworden. Seine jüngste auch — die war sofort ins Bett gepackt worden. Aber die beiden ältesten nicht. Und sie bei diesem Seegang allein an Deck zu schicken, war nicht erlaubt.

„C’est moi qui vais faire vous promener, mes enfants!“ sagte Jutta mit raschem Entschluss zu den beiden schwarzäugigen Kleinen.

„Très aimable à vous, madame! — Eh bien, Augustins, Isabelle, que dites-vous?“ rief der Marseiller seinen Töchtern zu. Und die kleinen Damen zeigten sich sofort marschbereit. „Mais non, d’abord — pour aller au grand monde — il faut faire la coiffure!“

Er hatte offenbar Lebensart, der Koch. Neben ihm lag ein Handköfferchen aus Pappe, mit Segeltuch bezogen. Darin befanden sich Toilettengegenstände, eine Milchflasche und Bilderbücher in buntem Verein. Er holte daraus Kamm und Bürste. Das Schwesternpaar besass dichtes, wundervoll gepflegtes Haar. Jutta hatte es schon gestern bewundert. Der Papa versuchte ihre beim Spielen in Unordnung geratenen Zöpfe und breiten Schleifen mit seiner gebrauchsfähigen Hand für den „Ausflug in die grosse Welt“ herzurichten. Er tat das mit einem Anflug von Selbstironie und drolliger Wichtigkeit. Jutta lachte und nahm ihm Kamm und Bürste ab. Es erschien ihr praktischer, den ganzen üppigen Lockenreichtum in den gestrickten Mützen unterzubringen.

„Vous voilà en bon état“, lobte der Franzose, „comme les vraies Parisiennes! Au revoir, mes dames! Allons, allez!“

In diesem Augenblick trat der Schiffsarzt in die Tür: in seiner Begleitung Fritz von Succo.

Alle drei — der Papa wie seine beiden Töchter — empfingen den Schiffsarzt mit hellem Geschrei: „Monsieur le docteur! Imaginez-vous, monsieur, voici Madame, qui nous fait nous promener!“

Der Schiffsarzt, ein Deutscher, sprach ein so grausames Französisch, dass selbst Jutta Mühe hatte, ihn zu verstehen. Er sagte ungefähr: Gerade hätte er ein Viertelstündchen Zeit und hätte sich nach den Kleinen umsehen wollen, und der Herr hier, sein Bekannter, stellte sich gleichfalls zur Verfügung.

„Bien des chances, mes petites demoiselles!“ sagte der Koch lachend.

Inzwischen hatten die beiden Herren aus allen Taschen Mandarinen hervorgeholt. Wie sie die Früchte auf dem Tisch aufhäuften, liessen die beiden Mädchen Juttas Arm sofort los und tanzten jubelnd und in die Hände klatschend um die neuen Gönner herum. „Oh, oh, oh, voyez done! Oh, que vous êtes gentils! Oh, quelle charme! Six, sept, huit, — onze, douze, quatorze!“

Die Mehrzahl der Früchte kollerte zu Boden: hier im Vorderteil des Schiffes waren die Schlingerbewegungen besonders stark. Am Auflesen beteiligten sich alle, auch Jutta, und Mademoiselle Isabelle, der stupsnäsige Fratz von sechs Jahren, machte sofort ein lustiges Spiel daraus: sie sammelte in ihr rasch aufgeschürztes Röckchen, liess aber alles wieder seitwärts zu Boden gleiten, so wie sie’s wohl im Zirkus von den Clowns einmal gesehen haben mochte.

Es war eine sehr lustige Szene, alles lachte über den drolligen Knirps.

Und so kam es denn auch ganz ungezwungen zu einer kurzen Unterhaltung — auf französisch — zwischen Jutta und dem „Ägypter“. Man sprach über den Unfall des Marseillers, das Glück dabei, dass es noch so gut abgelaufen war, und lobte die bei dem starken Seegang so tapferen kleinen Mädchen. Beide Kinder bewaffneten sich mit je vier, fünf Mandarinen, Augustine hängte bei Jutta ein, Isabella links beim Schiffsarzt, rechts bei dem neuen Bekannten, und so zog der Trupp fröhlich aus der Unterwelt zum Deck der dritten Klasse empor.

Grau in Grau waren Himmel und See. Über den Bug und den im Gummimantel steckenden Posten am Bugspriet spritzte der Gischt. An der vordersten Spitze des Schiffes hielt sich sonst kein Mensch auf. Hinter den mit Segeltuch bespannten Güterstapeln war aber ein trockenes Plätzchen verfügbar, um mit den Kindern irgendein Spiel vorzunehmen. Ein paar Mitglieder der italienischen Varietétruppe hatten sich stark vermummt im Schutz der Güterstapel auf Liegestühlen von Segeltuch niedergelassen. Als Isabella ohne weiteres die Mandarinen zu einem Fangballspiel mit den drei Erwachsenen benutzte — an dem sich das ältere Schwesterchen natürlich sofort beteiligte — streckte zuerst der Kapellmeister, dann ein anderes Mitglied der Truppe die Nase aus der Vermummung. Eine der Früchte flog daneben. Sofort schossen die beiden Artisten empor, schleuderten die Decken von sich und machten Jagd auf die Mandarine. Es war so komisch, die beiden Leutchen auf dem schwankenden Schiff sich Haschen zu sehen — einer suchte dem andern die Beute abzujagen, wobei sie mehrmals das Gleichgewicht verloren — dass sie alle fünf gespannt den Ausgang des Kampfes abwarteten. Die kleinen Marseillerinnen feuerten sie zuerst durch ihre Rufe an, dann riss es sie aber doch dazu hin, die Jagd des Artistenpaares selbst mitzumachen.

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9788711445587
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